Götterdämmerung im Neonlicht [Codren&Rambow]

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Götterdämmerung im Neonlicht [Codren&Rambow]

      Neu

      Regen peitschte ungebremst gegen die zersplitterten Fensterscheiben der verlassenen Frachthalle am östlichen Hafenkai. Das Stakkato der feuchten Tropfen mischte sich mit dem dumpfen, rhythmischen Dröhnen der weit entfernten Hochstraße und dem ruhigen, kontrollierten Pulsieren in Freyas Schläfen. Sie drückte den Rücken an den kalten, rostbeschlagenen Stahlträger, während die feuchte Nachtluft den Geruch von nassem Beton, altem Schmieröl und dem süßlichen Gestank von Ozon in ihre Nase trug.
      Freya strich sich eine durchnässte, dunkle Haarsträhne aus der Stirn und zog die Kapuze ihres schweren, ledernen Mantels ein Stück tiefer ins Gesicht. Ihre Finger glitten mit blinder Routine über das kalte Metall ihrer modifizierten Sig Sauer P226, die schwer an ihrer Hüfte lag. An ihrem Oberschenkel saß das wuchtige Jagdmesser, dessen Klinge sie vor dem Einsatz mit einer frischen Schicht aus Salz und Aschen-Auszügen poliert hatte. Für einen gewöhnlichen Menschen wäre die Dunkelheit in diesem weitläufigen Industriekomplex absolut undurchdringlich gewesen, eine schwarze Wand ohne Konturen. Doch Freyas Augen, tief und wachsam, passten sich mühelos an das spärliche Restlicht an, das von den fernen Straßenlaternen durch die Firstfenster fiel.
      Sie hatte diese Fähigkeit schon immer besessen, genau wie den unerschütterlichen Gleichgewichtssinn und die beinahe unheimliche Schnelligkeit, mit der sie Verletzungen wegsteckte. Schon als Kind war sie in der Lage gewesen, im tiefsten Schatten feine Details zu erkennen, als würde eine unsichtbare Kerze direkt vor ihren Pupillen brennen. Ihre Mutter hatte es immer als eine Laune der Natur abgetan, als „gute Gene“ einer Familie, die angeblich schon immer aus harten, zähen Überlebenden bestanden hatte. Dass dieses Überleben in der modernen Welt bedeutete, nachts Jagd auf jene Kreaturen zu machen, die sich in den Schatten der Zivilisation nahrten, war eine Erkenntnis gewesen, die Freya vor Jahren beinahe den Verstand gekostet hätte.
      Seitdem war sie eine Schattenjägerin. Eine Freiberuflerin im verdeckten Krieg gegen das, was die Menschheit für Ammenmärchen hielt. Sie kannte die Anzeichen, die Markierungen an den Wänden, die spezifischen Frequenzen, auf denen sich das Unbekannte bewegte.
      Doch die Spur, der sie heute Nacht gefolgt war, tanzte völlig aus der Reihe.
      Seit Tagen kursierten in den verdeckten Foren der Unterwelt Gerüchte über eine Reihe seltsamer Zwischenfälle im Hafenviertel. Mehrere Opfer waren gefunden worden, aufgetaucht in dunklen Gassen, vollkommen entkräftet und mit Wunden versehen, die wie chemische Verbrennungen aussahen. Keine der typischen Bissspuren eines Vampirs, keine zerrissene Kleidung, wie sie ein Werwolf hinterlassen würde, und nicht der faulige Schwefelgestank eines niederen Dämonen. Es war ein Rätsel, das Freyas Neugier ebenso geweckt hatte wie ihren professionellen Ehrgeiz.
      Freya atmete ruhig durch die Nase ein, spannte die Bauchmuskeln an und kontrollierte ihren Herzschlag. Mit geschmeidigen, völlig geräuschlosen Schritten löste sie sich aus der Deckung des Stahlträgers und schlich tiefer in das Gebäude. Jeder Muskel in ihrem knapp zwei Meter großen Körper war angespannt wie eine Sehne kurz vor dem Abschuss. Unter ihrer Haut begann es leicht zu kribbeln—eine feine, elektrostatische Spannung, die sich bei steigender Gefahr immer in ihren Fingerspitzen und entlang ihrer Wirbelsäule sammelte. Es war ihr persönlicher Frühwarnsensor, eine unbewusste Gabe, die sie seit jeher begleitete und die sie nie vollends zu erklären vermocht hatte.
      Das Kribbeln verstärkte sich mit jedem Schritt, den sie auf das Zentrum der Halle zumachte.
      Zwischen den aufgetürmten Holzpaletten und verrosteten Containern lag eine Stille, die so dicht war, dass das Tropfen des Regenwassers von den Deckenbalken wie kleine Peitschenhiebe hallte. Freya hielt inne, ging leicht in die Hocke und legte die rechte Hand an den Griff ihrer Pistole, während die Linke den Schaft ihres Messers umklammerte. Ihre Sinne schärften sich bis zur Schmerzgrenze.
      Etwas war in der Halle. Es war keine Bewegung zu hören, kein Scharren von Klauen auf Beton, kein schwerer Atem. Und dennoch lag eine ungreifbare Intensität in der Luft. Der atmosphärische Druck im Raum schien schlagartig abzufallen, ganz so wie in den letzten Sekunden vor einem schweren Sommergewitter. Ein leises, hochfrequentes Summen entstand in Freyas Gehörgang—dasselbe Summen, das sie spürte, wenn die statische Aufladung eines elektrischen Sturms kurz bevorstand.
      Ihre Blicke tasteten die Schatten ab. Die Halle erstreckte sich über knapp fünfzig Meter, unterbrochen von verfallenen Meisterkabinen, abgetrennten Lagerbereichen und gigantischen Kränen, die wie die Gerippe urzeitlicher Monstruositäten von der Decke hingen. Freya wanderte langsam am Rand der Halle entlang, den Blick starr auf das Dunkel gerichtet.
      Auf der gegenüberliegenden Seite der Halle, schräg unter dem Gerüst einer alten Laufkatze, veränderte sich die Dichte des Schattens. Es war keine feindselige Magie, die Freya dort wahrnahm, kein modriger Geruch von Verwesung oder die schwere, süßliche Note uralter Hexerei. Es war schlichtweg eine Präsenz. Eine Gestalt stand dort, vollkommen still, eingehüllt in das tiefste Zwielicht des Gebäudes.
      Freya fror in der Bewegung ein. Ihre Hand legte sich um den Griff der Sig Sauer, zog die Waffe fließend aus dem Holster und entsicherte sie mit einem kaum hörbaren *Klick*. Das Visier richtete sich starr auf die Position im Schatten.
      Wer oder was dort stand, entzog sich jeglicher sofortigen Einordnung. Es gab keine schimmernden Augen in der Dunkelheit, keine monströsen Proportionen, kein Drohen, kein Schleichen. Es war eine Silhouette, eine einfache Gestalt im Mantel, die scheinbar einfach nur da war, als währe sie schon immer Teil dieses Raumes gewesen.
      Freya spürte, wie die Haare an ihren Unterarmen sich vollends aufstellten. Eine kalte, elektrische Welle fuhr ihre Arme hinab und sammelte sich in ihren Knöcheln. Normalerweise identifizierte ihr Instinkt eine Bedrohung innerhalb von Sekundenbruchteilen: Das aggressive Rasen eines Gestaltwandlers, das kalte, schlau berechnende Lauern eines Vampirs oder die chaotische, brennende Aura eines Dämons. Aber hier? Nichts. Die Aura, die von dieser Position ausging, war seltsam neutral, dicht und von einer derart immensen, ruhigen Schwere durchdrungen, dass es Freya den Atem verschlug.
      War es eine andere Jägerin, die auf dieselbe Belohnung aus war? Eine Zivilistin, die sich zur falschen Zeit an den falschen Ort verirrt hatte? Oder eine unbekannte Wesenheit, die in den Archiven der Gilde schlichtweg noch nie erfasst worden war? Die Ungewissheit nagte an Freyas Fokus. In ihrem Metier war das Unbekannte das Gefährlichste, was einem begegnen konnte.
      Sie machte keinen Schritt nach vorne. Sie rief nichts. Sie gab kein Signal. Ihre Ausbildung und ihr Überlebensinstinkt geboten absolute Vorsicht. Die Waffe in ihrer Hand fühlte sich plötzlich seltsam schwer an, und das metallische Knistern ihrer eigenen, verborgenen Elektro-Affinität flackerte wie kleine, unsichtbare Funken über den Schlitten der Pistole.
      Ihre Augen verengten sich, während sie versuchte, durch die Finsternis hindurch Details auszumachen. Doch die Schatten an jener Stelle schienen das spärliche Licht der Straßenlaternen förmlich einzusaugen. Es war, als würde man in eine tiefe, spiegelglatte Wasseroberfläche blicken—man wusste, dass sich darunter ungeheure Tiefen verbargen, aber die Oberfläche verriet absolut nichts.
      Plötzlich flackerten die alten Leuchtstoffröhren, die weit oben unter dem Hallendach hingen und seit Jahren tot gewesen sein mussten, für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde auf. Ein greller, bläulicher Blitz fuhr durch die alten Kabelstränge der Decke, gefolgt von einem lauten, trockenen Knallen, als die Birnen nacheinander zerbarsten. Glassplitter regneten wie kleiner, glitzernder Staub durch die Dunkelheit herab.
      Für die Dauer dieses einzigen Lichtblitzes war die Halle hell erleuchtet gewesen.
      Freya nutzte diesen Wimpernschlag. Ihre Iris verengte sich, verarbeitete das schlagartige Licht in Lichtgeschwindigkeit. Sie sah die rostigen Kräne, die zerschlissenen Plakate an den Wänden, die tiefen Pfützen auf dem Betonboden—und sie sah die Stelle an der Stahlstütze.
      Die Gestalt war weg.
      Kein Geräusch von weggestrebten Schritten war zu hören gewesen. Kein Luftzug, kein Knirschen von Glas unter Sohlen, kein Hasten durch die Trümmer. Die Stelle war einfach leer. Nur der feine Staub, der durch die geplatzten Lampen von der Decke wirbelte, tanzte noch im spärlichen Restlicht der Nacht.
      Freya blieb wie angewurzelt stehen, die Waffe nach wie vor im Anschlag, den Atem angehalten. Ihr Herz schlug schwer und gleichmäßig gegen ihre Rippen. Das Kribbeln auf ihrer Haut nahm nur langsam ab, hinterließ aber ein brennendes, fast schmerzhaftes Gefühl der Neugier und der Warnung zugleich.
      Sie senkte die Waffe erst nach mehreren Minuten der absoluten Bewegungslosigkeit. Wäre sie eine gewöhnliche Frau gewesen, hätte sie diesen Moment vielleicht als eine optische Täuschung abgetan, als ein Verspieltheit von Schatten und Müdigkeit. Doch Freya wusste es besser. Ihre Sinne täuschten sie nie.
      Wer oder was auch immer dort im Schatten gestanden hatte—es war kein gewöhnlicher Störer gewesen. Und die Tatsache, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, womit sie es zu tun hatte, war ein Gefühl, das Freya seit Jahren nicht mehr gespürt hatte: eine Mischung aus tiefer, vorsichtiger Skepsis und dem unruhevollen Wissen, dass die Jagd in dieser Stadt gerade eine völlig neue Wendung genommen hatte.
      Sie sicherte die Pistole, steckte sie langsam zurück in das Holster und zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Das Prasseln des Regens auf dem Wellblechdach schien wieder laut zu werden, doch die Stille in Freyas Kopf blieb. Sie wandte sich ab und schritt durch die Finsternis zurück in Richtung des Ausgangs, während die feuchte Nachtluft der Großstadt sie wieder aufnahm.
    • Neu

      "Nein! Nein! Bitte - ich habe es mir anders überlegt! Bitte nicht!"
      "Aber, aber", gurrte Khaxhiu, ein hübsches Lächeln im Gesicht. "Du wolltest es doch so. Du hast es mit eigenen Worten gesagt. Ich will meine Frau wiedersehen, egal was es kostet. Das hast du zu mir gesagt."
      "Aber doch nicht - doch nicht so!"
      "Papa! Papa, ich hab' Angst!"
      Khaxhiu lächelte breiter. Die Luft war erfüllt von dem dicken Angstschweiß der Menschen, von der ungebändigten Angst, die sie beide trieb; von der Verlustangst. Ah, süße, süße Verlustangst. Khaxhiu nahm einen tiefen, tiefen Atemzug, der ihr bis in das Loch zog, an dem die Menschen eine Seele hatten, schloss die Augen für einen Moment. Wie gut das tat. Sie hatte sich die letzten Tage ein bisschen vernachlässigt; Zeit, das wieder aufzuholen. Sie öffnete die Augen wieder und starrte den Mann aus den Schwärzen der Hölle heraus an. Vor ihrem Blick zuckte er zurück.
      "Was soll es nun sein, Tom? Ein Vertragsbruch? Du weißt, dass das nicht geht. Du hast es mit deinem Blut besiegelt."
      "Ich... Ich..."
      "Papa!"
      Das Mädchen wehrte sich in Khaxhius Griff. Sie war klein und blond, vielleicht acht Jahre alt, und ihre Augen hatten dieselbe Farbe wie die ihrer Mutter. Eine hübsche Frau, wie Khaxhiu bemerkt hatte, als sie sie aus den Höllentoren gezogen hatte. Zu schade, dass sie schon seit einem Monat tot gewesen war und die Unterwelt ihre Spuren auf ihr hinterlassen hatten. Khaxhiu hatte es gern, wenn die Menschen frisch und unbefleckt waren. Zumindest so unbefleckt, wie es möglich war.
      Sie packte das Mädchen fester im Nacken, sodass sie aufschluchzte. Nicht, dass das nötig gewesen wäre - selbst ihr ehrenvoller Vater hätte sich aus Khaxhius Griff nicht befreien können - aber es hatte den gewünschten Effekt auf Tom. Seine Aura strahlte mit einer Angst, die Khaxhiu schwindelig machte. Sie sog alles davon in sich auf.
      "Nun?"
      "Ich..."
      "Papa! Hilf mir, Papa! Sie tut mir weh!"
      Toms Augen waren von Tränen gefüllt und blutunterlaufen. Khaxhiu konnte seine Gedanken allein anhand seiner wabernden Aura lesen: Die Frau hatte er sich zurück gewünscht, zerfressen von seiner Sehnsucht nach ihr, doch seine Tochter zu verlieren, das rief noch viel größere Ängste in ihm hervor. Viel größere Verlustängste, wie Khaxhiu sie am liebsten hatte. Die Frau zurückgeben und dafür die Tochter behalten? Oder die Tochter zurückgeben und dafür die Frau behalten? Was sollte es sein, liebenswerter Tom?
      "Ich..."
      "Papa!"
      Tom kniff die Augen zusammen. Die Süße seiner Ängste rann Khaxhius Kehle hinab wie Honig. Sie hätte sich beinahe die Lippen geleckt.
      "Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit", säuselte sie, obwohl das nichtmal stimmte. Sie hatte so viel Zeit, wie sie zu nehmen bereit war.
      "... Nimm sie! Nimm sie schon zurück!"
      "Sie? Wer ist sie?", fragte Khaxhiu, obwohl sie die Antwort schon kannte.
      "Maria!"
      Seine Frau, Maria, stand nicht weit von ihnen entfernt in der Ecke, totenstill, die dunklen Augen auf die Szene gerichtet, ohne etwas zu sehen. Körperlich sah sie normal aus, ein bisschen abgemagert, ein bisschen zerzaust, aber ihre Seele war schon zur Hälfte zersetzt. Khaxhiu war überrascht gewesen, dass die Leiche überhaupt aufrecht stand, denn mehr als das war sie nicht mehr. Eine Leiche, zu lange in der Unterwelt geblieben, um noch etwas menschliches an sich zu haben. Tom wusste es genauso gut wie Khaxhiu in diesem Moment.
      "Nimm sie!"
      "Bist du dir sicher? Möchtest du nicht noch etwas Zeit mit deiner Frau verbringen? Ihr habt euch gerade erst wiedergesehen. Sie wäre so schnell wieder weg."
      "Nimm sie schon und lass meine Lina hier!"
      Ah, diese Angst. Diese Angst vor den berüchtigten Lügen eines Dämons. Würde Khaxhiu Lina wirklich zurückgeben, wie sie gesagt hatte? Oder würde sie auch ihre Seele einverleiben und den Vertrag als nichtig erklären?
      Khaxhiu grinste. Es war doch immer ein Spaß, mit Amateuren zu handeln.
      "Nun gut."
      Sie gab dem Mädchen einen Schubs und es flog vor Angst auf die Knie, bevor es zu ihrem Vater kroch, der schnell zu ihr stürzte. Er nahm sie in die Arme wo sie weinte und schluchzte und heulte, während ihm selbst die Tränen über die Wangen liefen. Maria stand daneben und rührte sich nicht, starrte nur.
      Khaxhius Handy vibrierte und sie zog es hervor. Sie warf einen Blick auf die Nachricht, die sie erhalten hatte: Wieder einer. Nicht weit von dir. Vor einer Stunde. Die Nachricht kam von Nico, der eigentlich auf Blonaahul hörte, ein Dämon Beelzebubs, dessen Anker eine Spieluhr war, die in Khaxhius Pfandhaus sicher verwahrt stand. Sie hatte ihn gebeten, einen Blick auf die Opfer zu werfen, die in den letzten Tagen aufgetaucht waren, nicht allzu weit von ihrem Pfandhaus entfernt. Seine bisherigen Erkenntnisse waren nicht gerade aufschlussreich gewesen. Keiner von ihnen, soweit er erkennen konnte. Kein Vampir, der sich verirrt hatte, und Wolfsrudel gab es in der Nähe auch keine. Sein bester Tip lag auf Gestaltwandler, aber auch das war eher eine Vermutung und keine wirkliche Aussage. Deshalb sollte er ja auch ein Auge darauf werfen.
      Anscheinend hatte es aber noch nicht aufgehört. Khaxhiu runzelte die Stirn. Sie sollte besser nachhause und zusehen, dass dieses mysteriöse Etwas sich nicht an ihrem Pfandhaus zu schaffen machte. Nicht, dass das mit all den Runen einfach gewesen wäre, doch sicher war sicher.
      Sie steckte das Handy wieder weg und ging zu Maria hinüber. Die Frau rührte sich nicht, als Khaxhiu sie am Arm nahm.
      "Dann gehen wir wohl wieder."
      Tom sah aus tränenverschleierten Augen zu ihr hinüber, den Blick auf seine Frau gerichtet. Eine weitere Welle seiner Aura erreichte Khaxhiu und sie sog alles tief in sich auf. Sie fühlte sich stark und gekräftigt.
      "Sag Lebewohl zu deiner Frau. Du wirst sie nie wiedersehen."
      Tom konnte nicht. Er starrte nur und weinte stumm, während seine Tochter sich an ihn krallte und herzzerreißend schluchzte. Khaxhiu drehte sich um und spaltete die Realität; ein Loch tat sich auf, dort, wo soeben noch eine Wand gewesen war, tiefschwarz und unendlich. Aus seinem Inneren drang Hitze heraus und ein beständiges Flüstern und Kratzen, als hätten tausend Ratten Stimmen erlangt und würden nun nach draußen zu kriechen versuchen. In dieses Loch schubste Khaxhiu Maria hinein und verschloss es wieder. Dann drehte sie sich um.
      Vater und Tochter lagen noch immer Arm in Arm. Tom zuckte allerdings und wich zurück, als Khaxhiu zu ihm geschlendert kam. Sie beugte sich zu ihm vor und stellte sicher, dass ihr warmer Atem über seine Wange strich. Extra faulig, nur für ihn.
      "Pass auf sie auf, auf deine Tochter. Was für ein hübsches Mädchen. Vielleicht ändere ich meine Meinung eines Tages."
      Er sog scharf die Luft ein und versteifte sich am ganzen Körper. Die Arme schlang er beschützend um Lina und Khaxhiu grinste wieder. Es war zu einfach. Der Idiot wusste einfach nicht, dass sie ihren eigenen Vertrag nicht brechen konnte.
      Sie richtete sich wieder auf.
      "Leb wohl, Tom. Hoffentlich sieht man sich eines Tages wieder. Tschüss, Lina."
      Sie lächelte dem Mädchen zu, das sie verstört hinter Toms Armen hervor anstarrte, dann drehte sie sich um und schlenderte aus dem Raum. Wie gut das getan hatte, wie gut sie sich wieder fühlte. Sie sollte wieder etwas mehr Handel eingehen und sich nicht so viel in ihrem Haus verschanzen. Es war einfach viel zu schön, um darauf zu verzichten.

      Reese trat hinaus in die kühle Nachtluft und nahm einen tiefen Atemzug. Ihre Augen waren jetzt wieder normal, die dämonische Aura durch ihre Beschwörung war zurückgegangen. Sie schüttelte sich ein wenig und nahm ein Parfüm aus ihrer Tasche, mit dem sie sich einsprühte. Ein paar Minuten und der Schwefelgeruch würde verblasst sein. Dafür bezahlte sie ein ungehöriges Vermögen an die Hexe, die ihr diesen Stoff verkaufte. Vielleicht sollte sie mal wechseln, sich bessere Kontakte suchen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht.
      Aber zuerst die Leichen.
      Sie nahm ihr Handy wieder heraus und schrieb an Blonaahul, dass er dranbleiben sollte. Wenn er denjenigen fand, der dafür verantwortlich war, würde Reese einmal ein ernstes Wort mit ihm zu reden haben. Das Hafenviertel gehörte zwar nicht ihr - Dämonen waren nicht so territorial wie die Hunde - aber wo mysteriöse Leichen auftauchten, blieben die Jäger meist nie weit entfernt und das konnte Reese nun wirklich nicht gebrauchen. Ihre letzte Begegnung mit einem von ihnen war zwar noch gut ausgegangen, aber Reese spürte auch jetzt manchmal noch den Schmerz in ihrem Rücken, wo der Mann sie mit seinem Schwert erwischt hatte. Hatte sich angefühlt, als würde er nicht sie verletzen, sondern ihre Seele spalten, die nicht einmal existierte. Reese fröstelte davon, sowas wollte sie so schnell nicht noch einmal erleben. Nein, sollten sich doch die Hunde mit den Jägern befassen, Reese wollte nur leben. Und sich hin und wieder ein Festmahl wie heute Abend gönnen.
      Sie steckte ihr Handy zurück und schob die Hände in ihre Hosentaschen. Dann warf sie sich die Haare aus der linken Hälfte ihres Gesichts und machte sich auf den Heimweg.
      Immer den Leichen entgegen.
    • Neu

      Die feuchte Kälte der Nacht lag wie ein nasser Schleier über dem Hafenviertel, als Freya die Verfolgung aufnahm. Jeder Muskel in ihren Beinen stand unter Spannung, getrieben von einem Gemisch aus purem Adrenalin und der unnachgiebigen Strenge ihres Jagdinstinkts. Das Pflaster der dunklen Gassen war spiegelglatt vom unaufhörlichen Nieselregen, doch ihre schweren Stiefel fanden mit unheimlicher Präzision Halt auf den nassen Ziegeln und dem rutschigen Kopfsteinpflaster.
      Ihre Sinne arbeiteten auf Hochtouren. Obwohl sich die rätselhafte Gestalt in der Frachthalle wie ein Phantom in der schlagartigen Finsternis aufgelöst zu haben schien, hinterließ sie etwas in der Atmosphäre—keine gewöhnliche Duftspur aus Schweiß oder Magie, sondern ein kaum wahrnehmbares, feines Vakuum. Es war ein Unterdruck in der Luft, ein lautloses Summen, das Freyas Trommelfelle ganz leicht vibrieren ließ. Wie ein Kompass, der auf ein unsichtbares Magnetfeld reagierte, schlug das Kribbeln unter ihrer Haut genau in die Richtung aus, in die die Schatten der Nacht zu entweichen schienen.
      Freya hatte in ihren Jahren als Schattenjägerin viele Wesen gejagt. Sie kannte das schwere, erdige Poltern von Werwölfen, die den Gestank von nassem Fell und frischem Harz hinter sich hergezogen; sie kannte das fast geräuschlose, aber eiskalte Huschen von Vampiren, deren Anwesenheit die Temperatur in den Gassen um mehrere Grad fallen ließ; und sie kannte das beißende, schweflige Brennen im Hals, das die Anwesenheit von Dämonen ankündigte. Doch diese Spur war anders. Sie war vollkommen rein, frei von Verwesung oder wilder Bestialität, und doch von einer ungeheuren, unerschütterlichen Dominanz. Es war eine Fährte, die fast unverschämt unberührt wirkte, als würde sich die Welt selbst um die Existenz dieses Wesens herum biegen.
      Sie bog um eine scharfe Ecke, die Sicht starr auf die dunklen Häuserschluchten gerichtet. Ihre Hand lag fest um den Griff ihrer Sig Sauer P226, bereit, bei der kleinsten Bewegung die Waffe zu heben. Die Aschen- und Salzrunen auf dem Schlitten der Pistole schimmerten im schwachen Licht der verbliebenen Straßenlaternen im selben bläulichen Farbton, den Freyas eigene Augen in der Dunkelheit annahmen. In ihren Adern pochte das vererbtes Blut—stark, ungestüm und getrieben von einem uralten Drang, die Ordnung aufrechtzuerhalten, auch wenn sie selbst die wahre Quelle dieser Kraft nach wie vor im Dunkeln vermutete.
      Die Verfolgungsjagd zog sich durch das Labyrinth des Industrieviertels. Freya nutzte jede Deckung: Häuserkanten, verrostete Müllcontainer, abgestellte Lkw-Anhänger. Sie bewegte sich mit der lautlosen Eleganz einer Raubkatze, stets darauf bedacht, den Abstand nicht zu groß werden zu lassen. Mehrfach glaubte sie, am Ende einer langgezogenen Gasse oder über den Firsten der flachen Fabrikdächer die feine Silhouette wiederzuerkennen—eine schmale, ruhige Gestalt im flackernden Schein des Großstadtlichts. Doch jedes Mal, wenn Freya den Winkel schärfte und den Schritt beschleunigte, schien der Abstand exakt gleich zu bleiben. Es war kein hektisches Fliehen; es wirkte vielmehr wie ein flanierender Spaziergang, der Freya mühelos auf Distanz hielt, ohne dass sich die Fährte jemals ganz auflöste.
      Diese Arroganz, diese beiläufige Eleganz brachte Freyas Blut zum Kochen. Die statische Elektrizität auf ihren Unterarmen entlud sich in winzigen, unsichtbaren Funken, die die feinen Hrchen an ihren Armen aufstellten. *Du entkommst mir nicht*, dachte sie grimmig. *Egal, was für ein Wesen du bist.*
      Nach einigen hundert Metern wandelte sich das Landschaftsbild schlagartig. Die kolossalen Lagerhallen und das schwere Eisen des Industriehafens wichen den älteren, engeren Straßenzügen des historischen Stadtkerns, der sich direkt an das Hafenbecken schloss. Die Gebäude hier waren alt, vielgeschossig und mit verzierten Fassaden versehen, deren Putz über die Jahrzehnte vom Salzwasser der Küste brüchig geworden war. Die Straßen wurden schmaler, die Schatten tiefer und die Schaufenster der kleinen, meist geschlossenen Läden reflektierten das nasse Schwarz der Fahrbahn.
      Freya verlangsamte ihren Schritt leicht, als die Fährte sie tief in eine der ältesten Gassen des Viertels führte. Hier roch es nach altem Gemäuer, feuchter Erde und dem süßlichen Duft von verbrannten Kerzen und altem Papier. Keine modernen Neonreklamen erhellten diese Ecke; nur wenige, altmodische Gaslaternen warfen lange, zitternde Schatten an die hoch aufragenden Backsteinwände.
      Das Kribbeln auf Freyas Haut verdichtete sich. Die unsichtbare Spur führte nicht mehr weiter durch die Stadt, sondern zog sich wie ein feines Band genau in diesen Straßenzug hinein.
      Freya drückte sich flach an die feuchte Wand eines schmalen Fachwerkhauses und spähte vorsichtig um die Ecke. Die Straße war wie ausgestorben. Der Regen hatte hier nachgelassen und ging in einen feinen, lautlosen Sprühnebel über, der die Luft wie eine gläserne Membran wirken ließ.
      Ihr Blick tastete jedes Fenster, jeden Hauseingang und jede dunkle Nische ab. Die Präsenz, die sie von der Lagerhalle aus hierher gejagt hatte, war schlagartig schwächer geworden—nicht etwa, weil das Wesen plötzlich verschwunden wäre, sondern weil sich der Eindruck im Raum verteilt hatte. Es war, als hätte sich die Aura wie ein dichter, unsichtbarer Rauch über die gesamte Gasse gelegt und festgesetzt.
      Freya richtete sich langsam auf, hielt die Pistole weiterhin schussbereit vor der Brust und schlich die Straße entlang. Das Pflaster knirschte kaum wahrnehmbar unter ihren Sohlen. Ihre Augen verengten sich, als sie die Schaufenster der kleinen Geschäfte analysierte: Ein geschlossenes Schneideratelier, ein winziger Buchladen mit vergilbten Wänden, ein Schuster.
      Und dann blieb sie stehen.
      Ihre Blicke verhakten sich an einem kleinen, unauffälligen Ladenlokal auf der linken Straßenseite. Über der schweren, dunklen Holztür hing ein dezentes, eisernes Schild, das im Wind leicht hin und her schwang, ohne ein einziges Geräusch von sich zu geben. Darauf war in geschwungenen, altmodischen Lettern ein einziger Begriff eingraviert: *Antiquitäten*.
      Das Fenster des Ladens war groß, aber dunkel. Dahinter zeichneten sich die schemenhaften Umrisse von verstaubten Standuhren, alten Globussen, gläsernen Vitrinen und gestapelten, ledergebundenen Folanten ab. Es sah aus wie einer jener idyllischen, etwas aus der Zeit gefallenen Läden, die man in den verwinkelten Ecken alter Städte fand—völlig harmlos auf den ersten Blick.
      Doch Freyas Instinkte schlagen Alarm.
      Es war nicht der Gestank von Blut oder das faulige Brennen von Dämonenmagie, was sie hier spürte. Es war die schiere Konzentration jener neutralen, unheimlichen Schwere, die sie vor wenigen Minuten in der Frachthalle fast umgeworfen hatte. Die Fährte endete exakt hier. Das unsichtbare Band zog sich genau durch den Türspalt der schweren Holztür in das dunkle Innere des Antiquitätengeschäfts.
      Freya machte zwei leise Schritte auf die Stufen des Ladens zu. Die Stufen waren aus abgetretenem Sandstein, nass vom Sprühnebel. Sie hob die Hand und hielt die Leitfähigkeit ihrer Knöchel auf Bereitschaft. Die statische Aufladung in ihren Fingerspitzen ließ die kleinen Regentropfen auf dem Türgriff ganz leicht erzittern.
      Sie trat bis dicht an die Glasscheibe des Schaufensters heran und blickte hinein. Die Finsternis im Inneren war dicht, doch Freyas nachttaugliche Sicht schnitt durch die Oberfläche. Sie sah aufgetürmte Kostbarkeiten aus vergangenen Jahrhunderten: Bronze-Statuetten, schwere Silberleuchter, verstaubte Gemälde in prunkvollen Rahmen. Nichts deutete auf den ersten Blick darauf hin, dass hier nachts illegale Rituale abgehalten oder sterbliche Seelen verhandelt wurden. Für Freya sah es aus wie das ruhige, etwas verschrobene Reich einer Antiquarin, die ihr Geld mit dem An- und Verkauf von altem Tand verdiente.
      Keine Spur von Blut. Keine Anzeichen von Gewalt. Keine Beschwörungskreise auf dem Dielenboden.
      *Ist das Wesen hier hineingegangen?*, fragte sich Freya, während ihre Stirn sich in steile Falten legte. *Oder ist dieser Laden nur ein Versteck? Ein Unterschlupf?*
      Die absolute Ahnungslosigkeit nagte an ihrer Selbstbeherrschung. In ihrer Welt gab es klare Kategorien: Es gab Monster, die man vernichten musste; es gab Menschen, die beschützt werden mussten; und es gab die Gilde, die das Geld zahlte. Doch diese Situation spottete jeder Kategorie. Das Wesen, dem sie gefolgt war, hatte sie nicht angegriffen, keine Waffen gezogen und keine Zivilisten gefährdet. Es war einfach... da gewesen. Und nun schien es hinter den Türen dieses friedlichen Antiquariats verschwunden zu sein, als würde es genau hierher gehören.
      Freya legte die Hand an den eisernen Türgriff. Das Metall war eiskalt. Für einen kurzen Moment überlegte sie, das Schloss mit einem gezielten Tritt zu knacken, die Waffe im Anschlag einzudringen und das Rätsel sofort zu lösen. Die ungestüme Kraft ihres göttlichen Erbes drängte sie nach vorne—der Impuls, das Hindernis einfach zu zerschmettern und Antworten zu verlangen.
      Doch die jahrelange Erfahrung als Schattenjägerin hielt sie zurück. Ein gewaltsames Eindringen ohne klare Beweise für einen Verstoss gegen die verdeckten Gesetze der Stadt würde ihr nur Ärger mit der Gilde oder den lokalen Aufsehern einbringen. Zudem wusste sie immer noch nicht, womit sie es wirklich zu tun hatte. Wenn die Aura hinter dieser Tür hielt, was sie versprach, könnte ein überstürzter Angriff ihr Todesurteil sein.
      Sie ließ den Türgriff langsam wieder los.
      Ihre Finger glitten zurück an den Schaft ihres Jagdmessers, während sie zwei Schritte zurück auf den Bürgersteig trat. Sie sah hoch zum ersten Stock des Gebäudes. Dort oben, hinter den verhängten Fenstern, war alles dunkel. Keine Kerze brannte, kein Schatten bewegte sich. Die ganze Fassade strahlte eine tiefe, fast provokante Ruhe aus.
      Freya verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. Der Regen hatte nun ganz aufgehört, und das Schweigen in der engen Gasse war absolut. Nur das leise Knistern der statischen Elektrizität an ihren eigenen Handschuhen war für sie zu hören.
      Sie würde dieses Gebäude nicht aus den Augen lassen. Wenn dieses Antiquariat das Versteck oder die Fassade dieser mysteriösen Frau war, dann hatte Freya jetzt einen Anhaltspunkt. Sie würde wiederkommen—nicht im Schutz der Nacht und auf der Flucht vor einem Knall, sondern gut vorbereitet, bei Tageslicht oder mit den passenden Informationen der Gilde im Rücken.
      Freya trat langsam den Rückzug an, ohne das Schaufenster auch nur für eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Sie glitt Schritt für Schritt zurück in den tiefen Schatten der gegenüberliegenden Häuserwand, bis die Dunkelheit der Gasse sie vollständig verschlang. Die Sig Sauer verschwand mit einem leisen Klacken wieder im Holster an ihrer Hüfte.
      Ihre Fingerspitzen kribbelten immer noch leicht von der verbliebenen Spannung in der Luft. Freya lehnte sich für einen kurzen Augenblick an die kalte Backsteinwand und atmete die frische, klare Nachtluft ein. Das Rätsel um die Leichen im Hafenviertel war um eine Facette reicher geworden, und Freya wusste tief in ihrem Inneren, dass die Wurzel all dieser Merkwürdigkeiten genau hier lag—hinter den verstaubten Fenstern dieses kleinen, unscheinbaren Antiquariats.
      Die Jagd war nicht vorbei. Sie hatte gerade erst eine völlig neue Richtung eingeschlagen.
    • Neu

      Reese sperrte auf und trat in die Dunkelheit ihres Ladens hinein. Die Luft drinnen war abgestanden, gefüttert von dem Staub uralter Schätze, die darauf warteten, mit ihren Eigentümern wieder vereint zu werden. Nicht wenige davon waren dämonischen Ursprungs; Reese verzeichnete momentan 12 Dämonen, die ihre Anker bei ihr gelagert hatten, einige sogar freiwillig. Es wäre töricht, in einer Zeit wie dieser seinen eigenen Anker bei sich zu tragen, als würde man nur darauf warten, ihm dem nächsten Jäger zu überlassen. Reese bot sich daher auch als Bank an für die wenigen Brüder und Schwester, die ihr genug vertrauten, um das Angebot anzunehmen. Es war ein gutes Geschäft. Reese behielt die Anker bei sich und als Gegenleistung hatte sie die Unterstützung der Dämonen in ihrem Rücken. Jeder von ihnen würde mit einem Fingerschnippen ankommen, wenn das Geschäft - und damit ihre Anker - in Gefahr wären. Eine mächtige Unterstützung, dafür, dass nicht jeder von ihnen so friedlebend war wie Reese. Ein außerordentlich gutes Geschäft.
      Dämonen, die zusammenarbeiteten. Reese würde gerne einmal den Gesichtsausdruck eines Jägers sehen, dem sie das erzählte.
      Sie warf einen Blick durch den Raum und prüfte dann kurz die Runen über der Tür. Ihre Alarmanlage, wenn man es so wollte, für die Unterwelt der Stadt. Nicht zu sehen, außer man wusste, wonach man suchte. Eine zweite Versicherung, um Reeses Leben zu gewährleisten. Sie hatte sich hier gründlich eingenistet.
      Ohne das Licht anzumachen, ging sie hinter den Tresen durch die Tür und dann die Treppe nach oben zu ihrer Wohnung. Sie war klein, gerade mal zwei Zimmer, eines davon nur die Küche und ein Esstisch, das andere ein Bett und ein Zweisitzer. Keine Gemälde an den Wänden, keine Teppiche auf den Böden, keine Dekorationen. Reese machte sich davon nichts. Der Kühlschrank war zur Hälfte gefüllt, die Konserven waren aufgestockt. Tatsächlich aß sie zweimal am Tag, einmal davon gekocht, um den Lifestyle eines Menschen zu leben. Kleine Reese Blackwell, gefangen von Papis Schulden, darum bemüht, das beste daraus zu machen. Reese lächelte; ihr gefiel das Leben, sie fühlte sich hier wohl. Alles lief gut. Wenn Dämonen Träume hatten, dann hatte Reese ihren gefunden. Kein Mensch hatte auch nur eine Vermutung, dass sie hier war. Der letzte Jäger - der mit dem Schwert, der unangenehme - war 30 Jahre her. Ein Ausrutscher, mehr nicht. Reese war jetzt vorsichtiger, was das anbelangte. Natürlich abgesehen von Nächten wie diesen, wenn sie sich mal wieder wirklich ernähren musste. Aber sonst, sonst war sie wirklich vorsichtiger.
      Sie zog sich aus, ging sich duschen und legte sich dann ins Bett. Mit geschlossenen Augen wartete sie geduldig auf den Schlaf.
      Das Zimmer war dunkel. Durch die Vorhänge fiel nur der schwache Schein einer Straßenlaterne. In der Küche tickte die Uhr leise vor sich hin. Unter dem Dach kratzten die Pfoten eines Maders. Eine leichte Brise wehte von außen gegen die Fensterscheibe.
      Reese öffnete die Augen wieder.
      Die Dunkelheit schien sich vertieft zu haben, wie eine Abwesenheit sämtlichen Lichts. Die Luft stand still, doch nicht auf die natürliche Weise einer alten Wohnung. Sie schien sich verlangsamt zu haben, schien auszuharren, den Atem anzuhalten. Das Ticken der Uhr war leise und doch viel zu laut. Der Mader hörte auf zu kratzen.
      Reese spürte es, obwohl sie nicht wusste, was es war. Ihre Instinkte schlugen an, wie ein Hai, der im weiten Wasser Blut wahrnahm. Etwas war hier und dieses Etwas prickelte in ihrem Nacken, ließ ihre Haare aufstellen. Sie starrte durch die offene Tür aus dem Zimmer zur Küche, starrte die Schatten an, die sich vor ihrer Präsenz fürchteten. Sie hielt den Atem an und lauschte, wartete, beobachtete. Fühlte. Nahm eine Präsenz wahr, die nicht ihre eigene war. Etwas war hier, aber die Frage war, ob es in ihrem Laden oder draußen war. Draußen war es ihr egal, aber hier drinnen, hier bei ihr...
      Sie harrte aus, spannte die Muskeln an. Ließ den Blick schweifen und ihre Aura fühlen. Unten, in ihrem Laden, gab es auch ein paar Ritualgegenstände, ein paar verfluchte Gegenstände, die Besitze einer Hexe, die Reese in solchen Momenten helfen könnten. Und dann gab es natürlich auch die Runen, die sie vor jedem Eindringen warnen würden. Reese war sicher.
      Wieso fühlte es sich dann nicht so an?
      Ihr Blick glitt zum Fenster auf der anderen Seite und für einen Moment war sie drauf und dran aufzustehen und rauszuschauen, nur um die dunkle, verwahrloste Straße anzusehen, die so spät in der Nacht menschenleer war. Sie war kurz davor, die Beine bereits angespannt. Die dunkle, tiefe Leere der Hölle trat in ihre Augen.
      Dann verschwand aber das Gefühl, so unscheinbar, wie es gekommen war. Die Dunkelheit war nun wieder die Dunkelheit, das Ticken der Uhr wieder normal, der Mader kratzte erneut. Alles wie sonst, als wäre nie etwas passiert, als wäre Reese schon immer alleine hier gewesen. Sie atmete aus, ließ alle Luft aus ihrer Lunge weichen. Ihr Körper entspannte sich.
      Wer auch immer es gewesen war, er war wieder verschwunden. Die Runen unten alarmierten nicht. Alles war so wie sonst.
      Reese schloss die Augen wieder. Bald schlief sie ein und hätte sie träumen können, hätte sie von dunklen Augen geträumt, die sie durch das Fenster beobachteten.

      Am Morgen machte sie sich eine Tasse Kaffee und sperrte den Laden auf, drehte das Schild von "geschlossen" auf "offen". Kundschaft war unregelmäßig in diesem Teil der Stadt. Oft kamen die Hafenleute hierher, um etwas zu schmökern, bevor sie wieder abreisen würden, allerdings kauften sie dabei selten. Die Sammler der Stadt kannten Reese Blackwell und ihren Laden, aber sie kamen nur alle paar Wochen, wenn sie wussten, dass es wieder genug neue Ware gab. Touristen gab es nur selten; so tief in dieses verwahrloste Viertel kamen sie kaum. Betrunkene verirrten sich manchmal hierher, aber nicht so früh am Morgen. Richtige Kundschaft, menschliche Kundschaft, die auch etwas kaufte, konnte Reese wöchentlich an einer Hand abzählen. Der Großteil ihrer Kunden war unmenschlicher Natur.
      Sie schlenderte zurück durch ihren Laden, blieb am Tresen stehen, um eine alte Puppe aufzurichten, die umgefallen war, und trank dabei ihren Kaffee. Sie nahm sich einen alten Staubwedel unter dem Tresen heraus und staubte hier und da, ein Gemälde an der Wand, eine große Wanduhr, ein altes Teeservice, ein Büstenkopf. Nicht, dass das viel brachte, denn der Staub würde sich sofort wieder niederlegen, aber Reese mochte die Routine. Ihr kleines, gesichertes Reich. Sie legte ihn zurück unter den Tresen und setzte sich dann auf den Stuhl, der dort stand. Die Zeitung von gestern lag noch immer auf dem Tresen und Reese nahm sie auf, um dort weiterzulesen, wo sie gestern aufgehört hatte. Sie suchte gezielt nach mysteriösen Todesfällen und ungeklärten Vermissten, alles, um ihr Aufschluss darüber zu geben, was ihre verehrten Artgenossen gerade so alles trieben. Musste anstrengend sein, ständig vor den Jägern davonlaufen zu müssen. Reese beneidete sie kein bisschen.
    • Neu

      Die Sonne stand hoch über den Dächern des Hafenviertels, doch ihr Licht verfing sich träge im Dunst der abziehenden Regenwolken. Für Freya war der Übergang von der Nacht zum Tag kein Grund zur Ruhe. Die Müdigkeit lag wie ein stumpfer Druck hinter ihren Schläfen, doch das Adrenalin, das seit den Ereignissen in der Frachthalle durch ihre Adern zirkulierte, hielt sie wacher als jeder Kaffee es je könnte.
      Sie hatte die letzten Stunden in einem kleinen, unauffälligen Diner zwei Straßen weiter verbracht—auf einem Eckplatz an der Fensterscheibe, von dem aus sie den Eingang der schmalen Gasse im Blick behalten konnte. Sie hatte ihre schwere Lederjacke gegen eine etwas unauffälligere, dunkle Übergangsjacke getauscht, die Sig Sauer tiefer unter den Stoff geschoben und die Waffen so gesichert, dass sie unter der Kleidung nicht abzeichneten. Nun sah sie aus wie eine hochgewachsene, durchtrainierte Passantin, die sich am späten Vormittag einen Spaziergang gönnte. Eine Tarnung, die in einer Großstadt wie dieser perfekt funktionierte.
      Ihre Beine brachten sie mit ruhigen, gemessenen Schritten zurück in die alte Gasse. Das Kribbeln auf ihrer Haut, das sie die ganze Nacht über begleitet hatte, war keineswegs verschwunden. Es hatte sich verändert. Es war nicht mehr diese spitze, stachelige Warnung vor einer unmittelbaren Bedrohung, sondern ein stetiges, leises Vibrieren tief unter ihren Knöcheln—wie eine Frequenz, die ihr Körper einmal empfangen hatte und nun nicht mehr vergessen konnte.
      Freya verlangsamte ihren Schritt, als sie sich dem kleinen Laden näherte. Bei Tageslicht wirkte das Gebäude fast noch ehrwürdiger, aber auch mitgenommen vom Zahn der Zeit. Der Putz blätterte an den Ecken ab, das Holz des Türrahmens war vom Salzwasser des Hafens nachgeholfen nachgedunkelt.
      Über der Tür hing das geschwungene Schild: *Antiquitäten*. Darunter war ein kleines, hölzernes Schild umgedreht worden. Freyas scharfe Augen erfassten die altmodische Schrift sofort: **OFFEN**.
      Sie blieb wenige Meter vor dem Schaufenster stehen und tat so, als würde sie die Auslage begutachten. Ihre Blicke tasteten die ausgestellten Gegenstände ab—alte Silberleuchter, verstaubte Taschenuhren, vergilbte Landkarten und verschnörkelte Holzschatullen. Doch Freyas Fokus lag nicht auf der Ware. Sie nutzte die Reflexion der Scheibe und die dunklen Lücken zwischen den Ausstellungsstücken, um das Innere des Ladens zu durchleuchten.
      Nichts von dem, was sie drinnen sah, schrie auf den ersten Blick nach Gefahr. Keine dunklen Altäre, keine sichtbar schwebenden Reliquien. Aber Freyas göttliches Erbe—diese unbewusste, mysteriöse Antenne für das Übernatürliche—reagierte empfindlich. In der Luft rund um den Eingang lag eine feine, fast unsichtbare Barriere. Für das blosse Auge unsichtbar, doch für Freya fühlte es sich an, als träte sie gegen einen leichten Widerstand in der Atmosphäre, als sie die erste Stufe der Sandsteintreppe betrat.
      *Runen*, schoss es ihr durch den Kopf. *Oder irgendeine Schutzmagie. Sehr dezent, sehr sauber verarbeitet.*
      Sie zog die Hand aus der Jackentasche, ballte sie ganz leicht zur Faust und spürte, wie eine winzige statische Welle über ihre Knöchel strich. Wenn sie diesen Laden einfach so betrat, würde sie keine Waffen ziehen können, ohne vorher zu wissen, wer oder was sich hinter der Ladentheke befand. Das Prinzip der Jägerin war einfach: Erkunden, verstehen, zuschlagen—oder verschwinden.
      Freya griff nach dem eisernen Türgriff. Das Metall war kühl, und als sie die Klinke nach unten drückte, ertönte über ihrem Kopf das helle, melodische *Klingen* einer kleinen Messingglocke.
      Die Tür schwang nach innen auf.
      Der Geruch von abgestandener Luft, feuchtem Holz, altem Papier und feinstem Staub schlug ihr entgegen. Es war ein dichter, fast schwerer Duft, der sofort in der Nase brannte. Doch tief unter dieser nostalgischen Note nahm Freya etwas anderes wahr—ein ganz leichtes, beinahe unmerkliches Knistern in der Luft, das ihre Nackenhaare augenblicklich strammstehen ließ. Es war dieselbe Aura wie in der Frachthalle. Nur gedämpft, wie eingewickelt in mehrere Schichten Alltag.
      Freya trat ein. Ihre Stiefel gaben auf den alten Holzdielen kein einziges Geräusch von sich—eine Angewohnheit, die sie sich im Laufe der Jahre antrainiert hatte. Sie ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen, wodurch die Glocke ein zweites Mal leise schlug.
      Ihre Augen wanderten flink durch den Raum. Der Laden war vollgestellt mit Regalen, Vitrinen und Tischen, auf denen sich das Chaos von Jahrzehnten sammelte. In den Schatten der Ecken bildeten sich dunkle Nischen. Freya analysierte sofort Fluchtwege, Deckungsmöglichkeiten und potenzielle Gefahrenquellen. Ein schwerer Eichenschrank links von ihr—gute Deckung gegen Schusswaffen. Die schmale Passage zwischen den Regalen zur Theke—ein potenzieller Engpass.
      Am Ende des Verkaufsraumes stand der hölzerne Tresen.
      Freya blieb im Hauptgang stehen, die Hände locker in den Jackentaschen vergraben, doch ihre Finger lagen im Inneren der Stofftaschen schussbereit am Griff ihrer Pistole. Sie verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und fixingierte den Bereich hinter dem Tresen.
      Dort saß die Frau.
      Es war dieselbe Silhouette, dieselbe unbeirrbare Ruhe, die Freya vor wenigen Stunden in der Frachthalle begegnet war. Bei Tageslicht wirkte sie täuschend menschlich—eine unauffällige Frau, die zeitunglesend hinter einem Tresen saß und den Eindruck einer normalen Antiquarin erweckte. Keine Hörner, keine Reißzähne, keine glühenden Augen.
      Aber Freyas Instinkte ließen sich nicht täuschen. Das Kribbeln unter ihrer Haut brannte nun wie Feuer. Ihr Herz schlug in einem harten, gleichmäßigen Takt. Die Präsenz dieser Person war so gewaltig, so dicht, dass Freya spürte, wie sich die elektrische Ladung in ihren eigenen Nervenbahnen unwillkürlich verstärkte. Die Luft im Laden schien für einen kurzen Moment dicker zu werden, als würde ein unsichtbares Gewitter im Verkaufsraum aufziehen.
      *Sie ist es*, dachte Freya. *Ganz egal, wie sehr sie versucht, wie ein gewöhnlicher Mensch auszusehen. Dieses Ding ist alles, nur kein Mensch.*
      Freya machte drei langsame, bedächtige Schritte vorwärts. Die Dielen unter ihren Füßen gaben keinen Mucker von sich. Sie hielt den Abstand von knapp vier Metern zur Theke ein—weit genug, um im Notfall die Waffe zu ziehen, nah genug, um jede Regung im Gesicht der Fremden zu erkennen.
      „Guten Tag“, sagte Freya. Ihre Stimme war ruhig, tief und vollkommen kontrolliert. Es war die Stimme einer professionellen Ermittlerin, die keine Schwäche zeigte, egal wie stark das Adrenalin in ihren Adern rauschte.
      Sie ließ ihren Blick scheinbar beiläufig über eine alte Wanduhr auf dem Tresen gleiten, bevor sie ihn wieder starr auf die Person hinter dem Holz richtete.
      „Schöner Laden“, fuhr Freya fort, während ihre linke Hand in der Tasche das Messer abtastete. „Ziemlich abgelegen für ein Antiquitätengeschäft. Man muss schon genau wissen, wonach man sucht, um hierher zu finden.“
      Sie machte eine kurze Pause, ließ die Worte in der abgestandenen Luft des Raumes hängen und beobachtete jede noch so kleine Reaktion.
      „Ich bin auf der Suche nach etwas Bestimmtem“, sagte Freya mit einem schmalen, kühlen Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. „In den letzten Tagen gab es im Hafenviertel ein paar... ungewöhnliche Vorkommnisse. Vorfälle, die seltsame Spuren hinterlassen haben. Brandwunden, die nicht wie Feuer aussehen. Und eine Spur, die erstaunlich direkt in diese Gasse führt.“
      Sie neigte den Kopf leicht zur Seite. Ihre Augen glühten im Dämmerlicht des Ladens in einem ganz leisen, bläulichen Schimmer—die unbewusste manifestation ihrer eigenen Kraft, wenn die Spannung ihren Höhepunkt erreichte.
      „Als Antiquarin haben Sie doch sicher ein gutes Auge für Dinge, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind“, sagte Freya, und ihre Stimme bekam einen schärferen, schneidenderen Unterton. „Haben Sie heute Nacht zufällig jemanden gesehen, der sich ungewöhnlich schnell durch die Gassen bewegt hat? Oder verkaufen Sie vielleicht Dinge, die man normalerweise nicht in einem Schaufenster ausstellt?“
      Freya blieb starr stehen, die Muskeln in ihren Beinen wie Federstahl gespannt. Sie wartete nicht zwingend auf eine ehrliche Antwort. Sie nutzte diesen Moment, um die Aura des Raumes weiter zu lesen. Irgendetwas in diesem Laden fühlte sich falsch an—nicht nur die Frau vor ihr, sondern der Raum selbst. Es gab hier Schwingungen, die Freya an die verfluchten Artefakte erinnerten, die sie manchmal in den Assekuranz-Tresoren der Gilde gesehen hatte. Dieser Ort war versiegelt. Gesichert wie eine Festung.
      Ein unvorsichtiger Schritt, ein falsches Wort, und die Situation könnte explodieren. Freya spürte, wie die statische Spannung in ihren Fingern so stark wurde, dass ein winziger, unsichtbarer Funke von ihrer Hand auf den Stoff ihrer Jackentasche übersprang.
      Sie wich keinen Millimeter zurück. Sie war die Jägerin. Sie war diejenige, die die Bestien der Nacht zur Strecke brachte. Und auch wenn sie noch nicht verstand, welche Art von Wesenheit hier vor ihr saß—ob Dämon, Hexe oder etwas noch Älteres—sie würde nicht weichen, bis sie die Antworten hatte, die sie suchte.
      „Ich bin nämlich eine Frau, die Ungereimtheiten nicht besonders mag“, ergänzte Freya leise, und ihr Blick bohrte sich uneinnehmbar fest. „Und dieser Laden ist voll davon.“
    • Neu

      Ein Schatten kam durch das Fenster herein und Reese sah auf. Kundschaft, die sich hierher verirrt hatte, zu einer unüblichen Tageszeit. Einer der ihren womöglich, gekommen für einen neuen Handel? Sie hoffte nicht. So früh am Morgen hatte sie keine Muße für Diskussionen.
      Sie sah zurück auf ihre Zeitung.
      Dann blickte sie doch wieder auf.
      Kniff die Augen zusammen.
      Versuchte, zwischen den Schaufenstergegenständen einen Blick auf die Aura des Besuchers zu erhaschen.
      Riss die Augen wieder auf, als sie sie entdeckte.
      Göttin. Verdammte Scheiße, Gottheit. - Nein, keine ganze Gottheit, ich wäre längst tot. Eine unvollständige.
      Ihr Herz setzte aus, nur um dann doppelt so schnell zu rasen, als der Besuch an die Tür trat. Jetzt spürte sie es auch, dieses Ziehen, dieses Drücken, das göttliche Auren auf sie ausübte, wenn die beiden Präsenzen um den Platz kämpften. Eine göttliche Aura hätte sie dabei schon längst verbrannt, viel zu mächtig für eine niedere Dämonin wie Khaxhiu sie war, doch diese Aura war in ihrer Unvollständigkeit nur unangenehm. Zu großen Teilen war sie auch noch menschlich, doch das war nur ein geringer Trost für Reese. Sie glaubte nicht, dass sie mit der Göttlichkeit in ihr allzu viel Manipulation auf sie auswirken konnte.
      Die Frau trat herein und richtete sich auf. Sie war groß, auffallend groß sogar, größer als Reese selbst. Sie war schlank, die Kurven verdeckt von einer dunklen Jacke, aber Reese konnte sie damit nicht täuschen. In ihren Bewegungen lag Kraft, egal wie klein sie ausfallen mochten; Kraft und Überlegung. Wie ein Panther kam sie Reese vor, die hereinkam und schnüffelte, die dem Blutgeruch folgte, der sie hergelockt hatte. Wie der Hai aus der Nacht - jetzt erkannte Reese es auch erst, das Gefühl aus der Nacht, das jetzt mit voller Wucht auf sie traf. Sie war in der Nacht schon hier gewesen. Lange.
      Jägerin. Scheiße.
      Die Frau richtete ihren Blick auf Reese, zwei blaue, durchdringende Augen, denen nichts zu entgehen schienen. Hübsche Augen, wie Reese fand, während sie mit äußerlicher Ruhe dem Blick begegnete und ihre Zeitung faltete. Ihre beiden Blicke verharkten sich, schienen für einen Moment nicht loslassen zu wollen. Reese hatte in diesem Moment das unangenehme Gefühl, dass die Frau alles wusste und dass es nur eine Frage der Zeit war. Der Zeit und der Taktik.
      Sie kam auf Reese zu, ihre Stiefel lautlos auf dem sonst knarzenden Holz. Reese sah es alles, wie die Frau ihr Gewicht verlagerte, wie sie die Bewegung überspielte mit jahrelanger Gewohnheit. Eine gefährliche Frau, die dort auf sie zukam, wie Reese dachte und ein freundliches, menschliches Lächeln aufsetzte. Und diese Gefahr lag nicht nur an ihrer Göttlichkeit.
      Die Luft schien sich zu verdicken, wie schon in der Nacht. Reese konnte schwören, dass sie es knistern spürte, aber sehen tat sie nichts. Sie wagte es nicht, den Blick von der Frau zu nehmen, aber sie wurde sich bewusst, dass Nicos Anker, die Spieluhr, ihr am nächsten stand. Ein gezielter Schlag und sie würde ihn anlocken können. Zwei Dämonen würden sich gegen eine Jägerin sicher behaupten können.
      Auch gegen eine göttliche? Reese schluckte. Sie fühlte sich plötzlich ganz und gar nicht mehr sicher in ihrem sicheren Zuhause.
      "Guten Tag", sagte die Frau in einer dunklen, ernsten Stimme. Ihre Stimme zog Reese in einer angenehmen Weise über den Rücken.
      "Einen wunderschönen guten Tag, Miss", flötete Reese zurück und zeigte dabei ihre weißen, perfekten Zähne. "Kann ich Ihnen helfen? Oder sehen Sie sich nur um?"
      Die Frau ließ den Blick kurz schweifen, bevor sie wieder zurück zu Reese sah. Die fühlte sich mehr und mehr an einen Panther erinnert, wie die Frau so vor dem Tresen lungerte.
      „Schöner Laden. Ziemlich abgelegen für ein Antiquitätengeschäft. Man muss schon genau wissen, wonach man sucht, um hierher zu finden.“
      Wusste sie, wer Reese war? Oder tastete sie nur? Hatte sie einen Plan? Wollte sie Zeit schinden? Reese spürte ihr Herz unangenehm in ihrer Brust hämmern. War dies der Tag, an dem sie sterben würde?
      "Das sollten Sie mal meinem Pa sagen, Miss. Er hat den Laden hier angeschafft, ich habe ihn nur übernommen. Seitdem mache ich das beste daraus."
      Damit begann es also, das ewige Katze-Maus-Spiel. Jäger griffen nur an, wenn sie sich ihres Ziels absolut sicher waren, ein Risiko gingen sie dabei nicht ein. Wenn diese Frau nicht wusste, wer Reese war, musste sie sich nur überzeugend genug als Mensch verkaufen. Gar kein Problem, oder? Wirklich gar kein Problem. Ihre Handflächen waren schweißnass.
      „Ich bin auf der Suche nach etwas Bestimmtem“, sagte die Frau nach einer kurzen Pause. Ihr Lächeln war so falsch wie Reeses Lebensgeschichte. „In den letzten Tagen gab es im Hafenviertel ein paar... ungewöhnliche Vorkommnisse. Vorfälle, die seltsame Spuren hinterlassen haben. Brandwunden, die nicht wie Feuer aussehen. Und eine Spur, die erstaunlich direkt in diese Gasse führt.“
      "Oh ja, ich habe furchtbares darüber gelesen." Reese klopfte auf die Zeitung und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. "Ich hoffe, man fasst die Täter bald. Es ist grausam."
      Die Frau neigte den Kopf und Reese erhaschte den Blick auf ein seltsam bläuliches Schimmern in ihren Augen. Wie zur Reaktion vibrierte ihre Aura und Reese musste ein Schaudern unterstücken. Die Göttlichkeit in der menschlichen Aura schien ihr die Luft zum Atmen zu nehmen.
      „Als Antiquarin haben Sie doch sicher ein gutes Auge für Dinge, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind.“
      "Sicher."
      „Haben Sie heute Nacht zufällig jemanden gesehen, der sich ungewöhnlich schnell durch die Gassen bewegt hat? Oder verkaufen Sie vielleicht Dinge, die man normalerweise nicht in einem Schaufenster ausstellt?“
      Ihre Stimme bekam einen schneidenden Unterton. Der Panther, der zu schleichen aufhörte und seine Beute ins Auge fasste. Reese spürte das Ziehen und Drücken der Aura und versteifte sich. Da sprang ein Funke, ein tatsächlicher Funke, über die Fingerspitzen der Frau und als Reaktion schoss Reeses Blick zur Spieluhr. Ihr Mund war trocken, hinter ihren Schläfen pochte es. Konnte sie hier drinnen einem göttlichen Kampf widerstehen? Vielleicht. Wenn sie Zeit genug bekam, die verdammte Dämonenarmee zu rufen, die ihr zur Verfügung stand, dann vielleicht. Aber bis dahin musste sie mit dem auskommen, was sie hier hatte. Ein altes Käsemesser war ihre beste Chance - keine Waffe zum Töten von Göttern, aber mit Runen durchsetzt. Wenn sie jemanden damit traf, würde er nicht aufhören zu bluten.
      Sie musste es nur so weit schaffen.
      „Ich bin nämlich eine Frau, die Ungereimtheiten nicht besonders mag“, sagte die Frau leise und gefährlich. „Und dieser Laden ist voll davon.“
      "Ich muss doch bitten, Miss", sagte Reese mit einer leichten, äußerlichen Gereiztheit und stand auf. Selbst stehend war sie noch einen Kopf kleiner als die Frau; ein merkwürdiger Winkel. Sie fühlte sich ungewohnt klein neben der anderen. "Alles, was Sie hier sehen, wurde mit ehrlichem Geld gekauft und wird mit ehrlichem Geld wieder verkauft. Ich stelle hier nichts ungewöhnliches aus, nur altes Zeug von Menschen, die das Geld mehr brauchen als die Sache. Das ist doch nicht verboten. Wollen Sie meine Geschäftsbücher sehen? Es geht alles mit rechten Dingen zu."
      Sie gab vor, nach besagten Büchern greifen zu wollen, und stieß dabei die Spieluhr vom Tresen. Sie klackerte auf den Boden und sprang auf. Die nervtötende, piepsige Melodie erklang, die Nico ständig und überall pfeifen musste.
      "Ups." Reese bückte sich danach und stellte sie wieder auf den Tresen. "Verzeihung." Komm her Nico du verdammtes Arschloch!!!
      "Wo waren wir? Achso, nein, in der Nacht habe ich niemanden gesehen. Ich mache den Laden immer früh dicht, wegen den Straßen, wissen Sie, die sind nicht mehr sehr sicher, wenn es dunkel wird. Besonders nicht mit dem Serienmörder, der hier irgendwo rumlaufen soll. Wenn da draußen jemand wäre, würde ich erst recht nicht rausschauen, bestimmt nicht."
      Sie stand jetzt neben ihrem Stuhl, leicht versetzt, dem Käsemesser einen Schritt näher. Mit einem großen Sprung könnte sie es erreichen und dann den Silberteller nehmen, um abzuwehren, welche Tricks auch immer die Halbgöttin auf Lager hatte. Und dann, nun, dann hoffen, dass Nico nicht allzu weit entfernt war.
      "War das alles, was Sie wissen wollten? Oder möchten Sie noch etwas kaufen?"
    • Neu

      Freya beobachtete jede noch so kleine Regung der Frau hinter dem Tresen. Die Art, wie die Antiquarin sich aufrichtete, die künstliche Gereiztheit in ihrer Stimme und vor allem dieser winzige, sekundenschnelle Seitenblick, bevor die Spieluhr vom Tresen kippte—nichts davon entging ihren geschärften Sinnen.
      Als das feine, blechernes Klirren der Mechanik die schwere Stille des Ladens durchbrach, zuckte Freyas Hand in der Jackentasche nicht einmal. Doch ihre Muskeln spannten sich noch weiter an. Die Melodie war schrill, deplatziert und wirkte in diesem Raum wie ein kalkulierter Störsender. Ein Signal? Ein Ablenkungsmanöver? Freya kannte die Tricks von Wesen, die sich in die Enge getrieben fühlten. Sie nutzten Lärm, um den Fokus des Jägers zu brechen, oder magische Auslöser, um Verstärkung zu rufen.
      Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, während die Frau sich bückte und die Spieluhr zurück auf das Holz stellte. Freya nutzte diesen Bruchteil einer Sekunde, um ihre Position minimal anzupassen. Sie verlagerte ihr Gewicht lautlos auf den Ballen des linken Fußes, drehte die Hüfte leicht eindrehend ab und verringerte den Winkel zur Ladentheke. Wenn die Frau versuchte, unter dem Tresen nach einer Waffe zu greifen oder zu einem Sprung anzusetzen, würde Freya sie abfangen, bevor der Gedanke überhaupt ihr Gehirn verließ.
      Das Kribbeln auf Freyas Haut hatte mittlerweile eine Schmerzgrenze erreicht. Es war kein einfaches Warnsignal mehr; die statische Elektrizität in ihren Adern reagierte massiv auf die unnatürliche Dichte in diesem Raum. In ihren Ohren feuerte das hochfrequente Summen wie das Summen eines Hochspannungstransformators. Es war ein tiefes, unbewusstes Abstoßen zweier Mächte—ihrer eigenen, gewaltigen, aber ruhenden Kraft und der verdeckten, fremden Präsenz der Frau. Freya spürte, wie sich die feinen Härchen an ihren Armen vollkommen aufrichteten und die Luft um ihre Schultern herum fast spürbar aufheizte.
      Als die Antiquarin wieder aufstand und sich leicht versetzt neben ihren Stuhl schob, las Freya die Bewegung wie ein offenes Buch. Die Frau suchte Abstand. Sie schaffte sich eine Flucht- oder Kampflinie zu den Gegenständen im hinteren Teil des Tresens.
      *Sie bereitet etwas vor*, dachte Freya. *Sie spielt die ahnungslose Bürgerin, aber ihre Körpersprache spricht eine völlig andere Sprache.*
      Anstatt auf die Ausreden über Geschäftsbücher, frühe Schließzeiten und den angeblichen Vater einzugehen, trat Freya einen gewaltigen, langsamen Schritt nach vorne. Der Abstand zwischen ihnen schrumpfte auf knapp zwei Meter zusammen. Die gewaltige physische Präsenz der Jägerin—ihre Körpergröße von fast zwei Metern, die breiten Schultern unter der Lederjacke und die eiskalte, fokussierte Ruhe—legte sich wie ein Schatten über den Tresen.
      „Ein sehr ordentliches Geschäftsbuch wird mir kaum erklären können, warum die Fährte einer kreatürlichen Entität punktgenau vor Ihrer Ladentür endet“, sagte Freya. Ihre Stimme war nun noch leiser geworden, ein tiefes, gefährliches Grollen, das ohne jede Anstrengung den Raum erfüllte.
      Sie zog ihre rechte Hand langsam aus der Jackentasche. Sie hatte die Waffe nicht gezogen—noch nicht. Aber ihre Finger steckten in den verstärkten Gefechtshandschuhen. Über die Carbon-Knöchel des Handschuhs huschte für einen Eimzelmoment ein sichtbarer, feiner blauer Funke, begleitet von einem leisen *Zischen*.
      Freya stützte beide Hände flach auf das kühle Holz des Tresens und beugte sich leicht vor. Der Winkel war so gewählt, dass sie der Frau direkt in die Augen blicken konnte, ohne die Hände der Antiquarin aus dem peripheren Sichtfeld zu verlieren.
      „Sie sprechen von Unfällen und späten Uhrzeiten“, fuhr Freya fort, während ihr Blick sich unerbittlich in das Gesicht der anderen bohrte. „Aber Sie zittern nicht. Ein normaler Mensch in dieser verwahrlosten Ecke der Stadt, konfrontiert mit einer bewaffneten Fremden, die nach einem Mörder sucht, würde die Polizei rufen oder um sein Leben flehen. Sie dagegen platzieren sich millimetergenau neben einer Abwehrposition.“
      Freya ließ eine kurze, bedrohliche Pause folgen. Das Leuchten in ihren eigenen, blauen Augen verstärkte sich um eine Nuance. Das göttliche Erbe in ihrem Blut—welches sie immer noch für ein mysteriöses, biologisches Phänomen hielt—drängte nach außen. Es war eine Aura von unumstößlicher Autorität, eine Schwere, die den Raum zwischen den Regalen förmlich auspresste.
      „Ich gebe Ihnen einen gutgemeinten Rat“, raunte Freya, und das Kribbeln in der Luft fühlte sich nun an wie das direkte Umfeld eines einschlagenden Blitzes. „Versuchen Sie nicht, nach dem zu greifen, was Sie da drüben im Schatten verstecken. Ich bin schneller als alles, was Ihnen Ihr Vater oder wer auch immer beigebracht hat. Und ich habe sehr wenig Geduld für Wesen, die glauben, sie könnten sich hinter alten Büchern und billigen Lügen verstecken.“
      Sie richtete sich wieder zu ihrer vollen Größe auf, strich sich den Mantel glatt und behielt die Frau keine Sekunde aus den Augen. Die Spannung im Laden war kurz vor dem Zerreißpunkt. Freya wartete nur auf die kleinste falsche Bewegung—den kleinsten Muskelreflex, der den Angriff einläuten würde.
    • Neu

      Die Aura der Jägerin verdichtete sich zu einer Masse, die schwer zu ertragen war. Wie undurchdringbarer Schleim schien sie mit jedem Atemzug in Reeses Lunge zu gelangen und sie von innen heraus zu verkleben, ihr das Atmen zu erschweren. Reese hätte gerne gehustet, obwohl sie wusste, dass das nichts bringen würde. Ihr Leiden war ausschließlich Aura-Natur.
      Die Frau trat einen großen Schritt nach vorne und Reese musste all ihre Selbstbeherrschung, ihre Disziplin und ihre Kraft aufbringen, um keinen genauso großen Schritt zurückzuweichen. Der Tresen war nun das einzige, was die beiden voneinander trennte, doch ihre Auren waren davon unberührt. Es fing nun an zu schmerzen, an den äußeren Rändern, wie ein Feuer, dem Reese zu nahe kam. Doch sie konnte ihm nicht ausweichen, sie konnte nur dort stehenbleiben. Dort stehen und drauf hoffen, dass sie den Sonnenuntergang noch erleben würde.
      „Ein sehr ordentliches Geschäftsbuch wird mir kaum erklären können, warum die Fährte einer kreatürlichen Entität punktgenau vor Ihrer Ladentür endet“, sagte die Frau, leise und drohend. Reese starrte in die hellen Augen, die vor Göttlichkeit nur so trieften. Ihr wurde speiübel.
      Die Frau stützte die Hände auf den Tresen. Reese wich nun doch einen kleinen Schritt zurück.
      „Sie sprechen von Unfällen und späten Uhrzeiten. Aber Sie zittern nicht. Ein normaler Mensch in dieser verwahrlosten Ecke der Stadt, konfrontiert mit einer bewaffneten Fremden, die nach einem Mörder sucht, würde die Polizei rufen oder um sein Leben flehen. Sie dagegen platzieren sich millimetergenau neben einer Abwehrposition.“
      Sie weiß es. Sie weiß alles. Sie ist hier, um mich zu töten. Warum tut sie es nicht? Sie ist bestimmt eine Dämonenjägerin, eine verdammte Dämonenjägerin, geliebt vor ihren tollen Jägerfreunden, weil alle Dämonen vor ihr reißaus nehmen. Verdammtes Pech, dass sie hier ist. Gottverdammtes Pech. Meine Glückssträhne hat geendet. Wer ist ihr Vater? Oder ihre Mutter? Poseidon, wegen den blauen Augen? Aber es funkt die ganze Zeit. Die Luft ist aufgeladen. Thor? Hah! Das wäre ja... lächerlich...
      Reese leckte sich die Lippen. Eine Welle ging von der Frau aus, die sie erschaudern ließ. Ihre Knie wurden weich, ihr Magen revoltierte, ihr zu schneller Puls hämmerte hinter ihren Schläfen. Ihre Aura brannte, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Sie unterdrückte einen Schmerzenslaut, schluckte ihn hinunter wie die Galle, die ihr in den Mund schoss. Das hier war schlimmer als das Schwert des letzten Jägers. Viel, viel schlimmer.
      „Ich gebe Ihnen einen gutgemeinten Rat", raunte die Frau bedrohlich. „Versuchen Sie nicht, nach dem zu greifen, was Sie da drüben im Schatten verstecken. Ich bin schneller als alles, was Ihnen Ihr Vater oder wer auch immer beigebracht hat. Und ich habe sehr wenig Geduld für Wesen, die glauben, sie könnten sich hinter alten Büchern und billigen Lügen verstecken.“
      Jetzt oder nie. Jetzt oder nie. Reese fühlte sich tatsächlich wie ein in die enge getriebenes Tier. Hinter ihr war die Tür zu ihrer Wohnung hinauf, doch es gab keinen Hinterausgang. Der einzige Ausgang war vorne, hinter der Frau, wo die Tür von Runen geschützt war und alles raushielt, was Reese manchmal nicht drinnen haben wollte. Oder alternativ alles drinnen hielt, was sich hierher verirrt hatte. Doch gegen Götter hatte sie keine Runen und gegen Menschen erst recht nicht. Welcher Gott verirrte sich auch in dieses Hinterviertel der Stadt, in diesen Kleinladen, der sie mit seinem ganzen Wesen abschrecken musste? Kein Gott. Keiner, außer diese verdammte Halbgöttin, die auf Dämonen angesetzt war. Es war auch alles zu schön, um wahr zu sein. Reeses Glückssträhne, an einem Tag verpufft. Wäre sie doch heute niemals aus dem Bett ausgestiegen.
      Jetzt oder nie. Sie hatte eine einzige Chance, wenn sie nicht von der Aura der Jägerin pulverisiert werden wollte oder mit einem der anderen Tricks, die sie auf Lager haben musste. Egal was die Frau sagte, Reese musste es wagen. Sie würde nicht kampflos aufgeben, niemals.
      Also sprang sie. Sie hechtete zur Seite weg, auf das Messer zu.
      Ihre Reflexe waren dämonisch, ihre Geschwindigkeit entsprechend. Schneller als ein Mensch, nicht so schnell wie ein Vampir. Ihre Hand war ausgestreckt, die Distanz kalkuliert, ihre Kraft perfekt. Sie würde das Messer packen und damit nach der Jägerin schlagen, würde sie aufschlitzen und auf ihrem Boden verbluten lassen. Sie war letzten Endes auch nur ein Mensch, ein halber, und konnte so schnell verbluten wie alle anderen auch. Und dann würde sie Nico, diesen elendigen Nichtsnutz, dazu bringen, die Leiche wegzuschaffen.
      Sie musste nur schnell genug sein. Schneller als ein Halbgott.
    • Neu

      Das scharfe, metallische Peitschen des ersten Schusses durchbrach die angespannte Stille des Ladens wie ein Peitschenhieb. Der Knall explodierte zwischen den eng stehenden Holzregalen, hallte von den verstaubten Wänden wider und ließ das feine Glas der Vitrinen erzittern.
      Freya hatte sich nicht einmal komplett eindrehen müssen. Ihre Reflexe—getrieben von dem unerkannten, uralten Erbe in ihrem Blut—agierten nicht auf der Ebene menschlicher Wahrnehmung, sondern auf der reinen Ebene von Instinkt und elektrischer Spannung. Die Bewegung der Frau war schnell gewesen, dämonisch schnell, doch für Freyas geschärfte Sinne wirkte der Sprung zur Seite fast wie eine Bewegung in Zeitlupe.
      Bevor die Hand der Antiquarin das Messer auf dem Tresen auch nur um einen Zentimeter berühren konnte, spuckte der Lauf der Sig Sauer bereits Mündungsfeuer.
      Die Kalteisen-Kugel traf das geätzte Käsemesser mit absoluter Präzision. Das Eisen und die statische Aufladung des Schusses entluden sich im selben Bruchteil einer Sekunde auf der Klinge. Ein shrilles, lautes *Klirren* fuhr durch den Raum, als das Metall unter der enormen Wucht zersplitterte. Tausend winzige, glühende Splitter flogen wie Messerscharfer Hagel nach allen Seiten davon und bohrten sich tief in das alte Holz des Tresens und den Dielenboden.
      Noch bevor das Echolot des ersten Knalls verhallt war, folgte ohne die geringste Verzögerung der zweite Schuss.
      Freya hatte das Handgelenk nur um einen winzigen Winkel korrigiert. Die Kugel pfiff um Haaresbreite am Kopf der Frau vorbei und schlug mit einem dumpfen, krachenden Geräusch direkt in das schwere Eichenregal dahinter ein. Das alte Holz splitterte auf, Staub und Sägemehl wirbelten durch die Luft. Der Hitzeschwall des vorbeifliegenden Geschosses war so dicht, dass die Luft im Bruchteil einer Sekunde nach verbrannten Haaren und sengendem Ozon stank—ein deutliches Zeichen dafür, wie knapp die Kugel die Strähnen an der Schläfe gestreift hatte.
      Freya stand da wie eingemeißelt. Die Waffe lag bombenfest in beiden Händen, der Mündungsschein war verflogen, doch ein dünner, grauer Rauchfaden stieg langsam aus dem Schalldämpfergewinde empor. Ihre Haltung war die einer unerbittlichen Exekutorin. Kein Zögern, kein Zittern in den Armen, kein Hauch von Unsicherheit.
      „Ich habe gewarnt“, sagte Freya. Ihre Stimme war nicht mehr nur kalt—sie war eiskalt, durchsetzt mit einer dröhnenden Schwere, die das Trommelfell wie eine Schockwelle traf.
      Die Luft im Raum brannte jetzt förmlich. Die statische Elektrizität, die Freya unbewusst freisetzte, stieg auf ein Niveau an, das das feine Knistern von Stromleitungen vor einem Blitzeinschlag immitierte. Über ihre Handschuhe und den Schlitten der Pistole fuhren jetzt deutlich sichtbare, feine bläuliche Funken. Die Glühbirne einer kleinen Schreibtischlampe im hinteren Teil des Ladens fing an, wild zu flackern, bevor sie mit einem leisen *Plopp* den Geist aufgab und den Raum noch weiter in düstere Schatten hüllte.
      Freya machte zwei bedächtige, schwere Schritte nach vorne, umrundete die Ecke des Tresens und stellte sich direkt in den Weg zwischen die Frau und die Treppe, die nach oben führte. Sie schnitt damit den letzten verbliebenen Fluchtweg ab. Ihre fast zwei Meter ragten nun drohend über der Szenerie auf.
      „Sie bewegen sich nicht wie ein Mensch. Sie reagieren nicht wie ein Mensch. Und Sie versuchen, nach verfluchten Klingen zu greifen“, raunte Freya, während das Visier ihrer Pistole starr auf die Stirn der Antiquarin gerichtet blieb. „Ihre Tarnung ist vorbei. Wer auch immer oder WAS auch immer Sie sind—die nächste Kugel geht nicht ins Regal. Sie geht mitten durch Ihr Herz.“
      Freyas Augen leuchteten nun in einem intensiven, elektrisierenden Blau, das die Schatten des dunklen Ladens für Momente durchbrach. Das göttliche Erbe in ihrem Blut, diese gewaltige, unbändige Energie des Sturms, verlangte nach Entladung. Der Druck im Raum war mittlerweile so immens, dass das Papier der alten Zeitungen auf dem Tresen ganz leicht zu rascheln begann, getrieben von dem feinen elektrostatischen Wind, der sich um Freyas Gestalt herum aufbaute.
      Sie ging nicht auf die Knie, sie zeigte keine Deckung. Sie stand da als die absolute Jägerin, bereit, jede weitere Bewegung im Keim zu ersticken.
      „Ein einziger Muskelzucken“, drohte Freya leise, und das Eisen ihrer Stimme schnitt durch den Gestank von Pulverdampf und verbranntem Haar. „Geben Sie mir nur einen einzigen Grund, diesen Abzug durchzudrücken. Ich bitte darum.“
    • Neu

      Der Schuss knallte und Reese zuckte zurück, keinen Bruchteil zu spät. Sie hatte die Waffe nicht einmal gesehen, aber sie hatte mit ihrer Anwesenheit gerechnet; die Jägerin war wohl kaum unvorbereitet hereingekommen. Jetzt sorgten ihre Reflexe dafür, dass sie ihre Hand nicht verlor.
      Anstelle von Reeses Hand zerbarst das Messer in tausend Einzelteile, die in alle Richtungen davon rasten. Reese spürte sie an ihrem Gesicht und ihren Armen, winzige Scherben, die sich in ihre Haut bohrten. Der Schmerz war nicht nennenswert; die Runensplitter richteten nicht annähernd den selben Schaden an, den die Kalteisen-Kugeln hinterlassen hätten. Und dass es Kalteisen war, daran bestand kein Zweifel. Diese Jägerin war eine professionelle.
      Der zweite Schuss folgte gleich dem ersten und Reese warf sich hinter ihre Vitrine. Die Kugel verfehlte ihre Schläfe so knapp, dass sie ihren Kuss noch spürte, eine heiße Flammenspur, die sich durch ihre Haut zu brennen drohte. Reese zischte, doch das Geräusch ging in dem lauten Krachen unter, als der antike Holzschrank splitterte und dann unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrach. Staub und Holzspäne wirbelten in die Luft und vermischten sich mit der knisternden Wolke, die die Jägerin ihre Aura nannte. Reese hustete jetzt doch und das diesmal von körperlichen Beschwerden. Wie vermutet linderte das Husten nicht die fehlende Luft in ihren Lungen.
      "Du verfluchtes Miststück!", schrie sie und griff mit einer Hand bereits ins Jenseits. Ihre Augen verdunkelten sich, als die Hölle in sie trat, doch noch zögerte Reese. Sie wollte in ihrem eigenen Laden eigentlich kein Höllentor eröffnen. Das wäre ihr eigener Ruin. "Das Teil war arschteuer!!"
      „Ich habe gewarnt“, entgegnete die Jägerin und irgendetwas an ihrer Stimme ließ Reeses Ohren platzen. Sie würgte und spuckte Speichel aus, die Göttlichkeit für einen Moment zu stark, um sie zu ertragen. Verdammt, aber sie musste hier heraus. Reese Blackwell musste die Flucht ergreifen. Hoffentlich bekam das keiner ihrer Geschwister mit.
      Doch die Jägerin war ihr einen Schritt voraus. Sie kappte die Distanz und schnitt ihr zwei Fluchtwege auf einmal ab: Den zur Eingangstür und den zu ihrer Wohnung hinauf. Zur Wohnung käme sie nicht, ohne sich an der Jägerin vorbeischieben zu müssen, und zur Eingangstür käme sie nicht, ohne sich dabei für zwei Sekunden in ihre Schussbahn zu begeben. Und dass die Jägerin nicht verfehlte, das hatte sie mehr als deutlich gezeigt. Reese hatte keine Chance.
      Sie biss die Zähne aufeinander. Hektisch sah sie sich um. Ein Anker war in ihrer Nähe, der eines anderen Dämonen, aber damit konnte sie nichts ausrichten. Selbst Nico war noch immer nicht hier und sie hatte keine halbe Stunde, um auf jemand anderen zu warten. Und sonst blieb ihr nichts als ihr eigener Körper. Das Höllenportal, um dessen Klinke sich ihre Hand bereits gelegt hatte.
      Die Luft war jetzt aufgeladen von Thors - Thors! - Elektrizität. Sie brachte eine alte Tischlampe zum Flackern und dann zum Bersten. Reese glaubte, die Elektrizität in ihren Lungen knistern zu spüren.
      Sie würgte noch einmal, es war kaum auszuhalten. Kalter Schweiß rann ihr den Nacken herab.
      „Sie bewegen sich nicht wie ein Mensch", stellte die Jägerin sachlich fest. "Sie reagieren nicht wie ein Mensch. Und Sie versuchen, nach verfluchten Klingen zu greifen.“
      "Die Cops werden mir ja wohl kaum helfen, oder, du Hüterin der Gerechtigkeit?", knurrte Reese zurück. Sie starrte den Lauf der Waffe an, der auf sie gerichtet war. Eisenkugel, auf die Distanz, direkt ins Herz? Sofortiger Tod. Nicht einmal mehr genug Zeit, das Portal zu öffnen.
      „Ihre Tarnung ist vorbei. Wer auch immer oder WAS auch immer Sie sind—die nächste Kugel geht nicht ins Regal. Sie geht mitten durch Ihr Herz.“
      Reese glaubte ihr jedes Wort davon. Es war der einzige Grund, weshalb sie auch dort sitzen blieb, eine Hand im Jenseits. Es brachte nichts, es noch einmal versuchen zu wollen. Sie hatte ihre Chance genutzt und es vergeigt. Geschlagen, durch eine Halbgöttin.
      Eigentlich ein angemessenes Ende für jemanden wie Reese.
      „Ein einziger Muskelzucken. Geben Sie mir nur einen einzigen Grund, diesen Abzug durchzudrücken. Ich bitte darum“, sagte die Jägerin dunkel.
      "Warum? Damit du eine unschuldige Bürgerin töten kannst?", sagte Reese mit zusammengebissenen Zähnen. Das Knistern lag jetzt auf ihrer Haut und es brannte. Sie würgte erneut und spuckte.
      "Bring es hinter dich, aber das wird den Leichen auch nicht helfen, die hier überall aufgetaucht sind. Was, denkst du etwa ich hätte hier gewütet? Und dann eine schöne, breite Fährte direkt zu meiner Haustür gesetzt?"
      Sie lachte, aber das Lachen ließ ihren Magen brodeln und so hörte sie schnell wieder auf. Sie schluckte die Galle in ihrem Mund herunter und blieb unbewegt sitzen.
      "So dumm bist du nicht, das kann ich dir ansehen. Nein, du bist sogar kompetent in deinem kleinen, süßen Hobby. Hast den Mörder wohl noch nicht gefunden, was? Und jetzt hast du eine Spur, die zu meinem Laden führt, und hoffst, hier alles schnell beenden zu können?"
      Sie grinste und zeigte dabei ihre perfekten Zähne. Ihr Magen rumorte.
      "Fehlanzeige, Hübsche. Hier bin nur ich, kleine Reese Blackwell mit ihrem kleinen Antiquitätsladen. Töte mich doch, aber dann wirst du niemals erfahren, weshalb die Spur hierher gekommen ist und das Morden wird weitergehen. Ausnahmsweise habe ich nämlich das gleiche Interesse wie du und will dieses Arschloch finden, das die Jäger in mein Viertel lockt. Ich bin nämlich viel zu beschäftigt, um Menschen zu töten wie so ein primitiver Vampir. Wieso entspannst du dich also nicht für eine Sekunde und wir reden?"
    • Neu

      Der Druck in der Luft stieg innerhalb von Millisekunden auf ein unerträgliches Niveau an. Das Knistern, das eben noch wie kleine Nadelstiche auf der Haut brannte, verwandelte sich in ein elektrisches Dröhnen, das den gesamten Raum vibrieren ließ. Ein gleißendes Licht brach hervor – nicht schrittweise, sondern schlagartig. Ein Blitzeinschlag von innen heraus.
      Das Antiquariat explodierte nicht einfach durch Schießpulver oder Feuer; es wurde von purer, roher Energie zerrissen. Holzbalken, Regale, uralte Artefakte und Glasvitrinen verwandelten sich augenblicklich in weiße Asche und atomaren Staub. Die Entladung füllte jeden Winkel des Raumes aus, bis absolut alles in ein blendendes, kochendes Weiß getaucht war. Materialität hörte auf zu existieren. Materie trennte sich von Form. Jedes Molekül, jede Faser der Realität an diesem Ort wurde in ihre einzelnen Atome zerlegt. Es gab keinen Schmerz, keine Gedanken, kein Vorher und kein Nachher mehr. Nur eine absolute, taube Stille im Zentrum der Explosion.
      Dann – ein Wimpernschlag.
      Die Dunkelheit kehrte nicht langsam zurück; sie war sofort da, begleitet von der schlagartigen Rückkehr der Sinne. Der Geruch kam zuerst: ein schweres, aromatisches Gemisch aus altem Eichenholz, feuchtem Leder und dem beißenden, rauchigen Aroma von erstklassigem Bourbon-Whiskey. Der Boden unter den Füßen war wieder fest, die Luft dicht und warm.
      Es war der Schankraum einer abgelegenen, dunklen Bar. Kein einziges Fenster gewährte einen Blick nach draußen. Einzig eine schwere, massiv beschlagene Holztür an der Stirnseite deutete auf einen Ausweg hin. Aus einem alten, staubigen Radio in der Ecke schallten raue, melancholische Töne – norwegische Shanties, deren Gesänge tief und rhythmisch durch den Raum hallten. An der Wand hinter dem Tresen hing eine verblichene, aber sauber ausgerichtete norwegische Flagge.
      Abgesehen von der Gestalt hinter dem Tresen war der Raum vollkommen leer. Der Wirt stand dort, den Rücken zum Raum gedreht. Er war von gewaltiger Statur, breitköpfig, mit einem mächtigen Nacken und Schultern, die den Stoff seines schlichten Hemdes fast zum Reißen spannten. Er polierte mit stoischer Ruhe ein Glas.
      Doch der Blick im Raum wurde unweigerlich von etwas anderem angezogen. Direkt über der norwegischen Flagge, an zwei massiven Eisenhaken aufgehängt, hing eine Waffe. Ein kurzstieliger, wuchtiger Hammer aus grauem, unzerstörbarem Metall. Seine Oberfläche war übersät mit runenartigen Kerben, aus denen ab und zu ein mikroskopisch kleiner, bläulicher Funke entsprang. Mjölnir.
      Der Hünenhafte hinter dem Tresen stellte das Glas langsam ab. Er drehte sich nicht sofort um, sondern sprach mit einer Stimme, die wie rollender Donner in einer tiefen Schlucht klang. Das Holz des Tresens schien mit seinen Worten zu vibrieren.
      „Ein interessanter Laden war das. Schade um die Antiquitäten“, sagte Thor. Er drehte sich langsam um. Sein Bart war dicht und von einem tiefen Rot, durchzogen von Silbersträhnen. Seine Augen brannten mit einem feurigen, elektrischen Glanz, der die Luft im Schankraum merklich aufheizte.
      Er stützte die riesigen Hände auf die Holzplatte und sah durch den Raum. „Du wunderst dich vermutlich, warum du noch existierst. Was dort eben geschah, war keine gewöhnliche Entladung. Ich habe einen Blitz geschickt. Einen, der deine Atome voneinander getrennt und dich direkt in meine Hallen gezogen hat, bevor deine Essenz im Nichts verdampfen konnte.“
      Thor trat hinter dem Tresen hervor. Jeder seiner Schritte war schwer, bedächtig und strömte die Macht eines Urgottes aus.
      „Ich weiß ganz genau, was du bist“, fahr er fort, und seine Augen verengten sich leicht. „Ich kenne deine Natur. Ich kenne die Finsternis, die in deinen Adern fließt, und ich kenne deinen Vater. Die Hölle hat viele Tore, aber ihre Fürsten hinterlassen Spuren, die selbst für die Götter von Asgard unübersehbar sind.“
      Er schritt langsam auf die Holztür zu, blieb davor stehen und verschränkte die Arme vor der breiten Brust.
      „Du standest kurz davor, ausgelöscht zu werden. Kalteisen im Herz stellt keine Fragen, und die Jägerin, die vor dir stand, hätte nicht gezögert. Aber deine Existenz ist noch von Nutzen. Deshalb bist du hier. Du bist ab diesem Moment durch ein Band verwoben. Gebunden an meine Tochter – Freya.“
      Der Name hallte im Raum wider wie ein Urteil.
      „Sie ist da draußen. Sie sucht nach Antworten. Sie jagt das Phantom, das diese Stadt mit Leichen pflastert, aber sie jagt im Dunkeln. Sie weiß nicht, wer sie wirklich ist. Sie kennt ihr eigenes Blut nicht. Sie weiß nicht, dass die Macht der Asen in ihren Adern fließt und dass ich ihr Vater bin.“
      Thors Blick wurde steinhart, das blaue Glühen in seinen Augen intensivierte sich so stark, dass die Schatten an den Wänden zurückwichen.
      „Deine Aufgabe ist einfach, aber absolut: Du wirst Freya helfen. Du wirst diesen Fall an ihrer Seite lösen. Du wirst dafür sorgen, dass sie die Wahrheit erfährt. Sie muss herausfinden, wer ihr Vater ist. Sie muss ihr Erbe annehmen.“
      Er machte einen Schritt näher, und die Luft im Schankraum wurde schlagartig so dünn und aufgeladen, dass die Haare auf den Armen zu Berge standen. Ein leises Knistern lag auf den Dielen.
      „Aber umfasse diese Warnung mit deinem gesamten Verstand: Du darfst es ihr niemals direkt sagen. Wenn du deine Zunge gebrauchst, um ihr mein Geheimnis einfach zu verraten, wenn du ihr direkt offenbart, wer ihr Vater ist, bricht der Pakt.“
      Er hob eine Hand, und an der Wand zuckte ein kleiner Blitz über den Stiel von Mjölnir.
      „Solltest du diesen Pakt brechen, sollte auch nur ein einziges Wort der direkten Offenbarung deine Lippen verlassen, gibt es keinen Ort in allen neun Reichen, an dem du dich verstecken kannst. Der Zorn des Donners wird dich treffen. Kein Höllentor, kein Pakt mit deinen Geschwistern und keine Magie wird dich vor dem Schicksal bewahren, das ich über dich bringen werde. Du wirst nicht nur zerlegt – du wirst für alle Ewigkeit ausgelöscht.“
      Er deutete auf die schwere Holztür.
      „Führe sie auf den Pfad. Lass sie die Hinweise finden. Hilf ihr, die Wahrheit selbst zu entdecken. Das ist der Preis für dein Leben.“
      Der Rauch stieg schwer und schwarz in den Nachthimmel über dem Viertel auf. Von dem einstigen Antiquariat war kaum mehr etwas übrig als eine rauchende, klaffende Wunde in der Häuserzeile. Die Wände waren nach außen gedrückt worden, das Dach war teilweise eingebrochen. Überall lagen verkohlte Trümmer, zertümmerte Balken und feiner, weißer Staub, der wie ein giftiger Schimmer über den Überresten lag. Jedes einzelne Artefakt, jede Holzschnitzerei, jedes antike Buch und jede Vitrine war restlos vaporisiert worden. Nichts von dem Laden existierte mehr.
      Inmitten dieses Schlachtfeldes aus Ruß und Trümmern lag Freya.
      Sie lag auf dem Rücken, umgeben von zerbrochenem Mauerwerk. Langsam, mit einem keuchenden Atemzug, kehrte das Bewusstsein in ihren Körper zurück. Ihre Augen schlagen auf, die Pupillen verengten sich schmerzhaft angesichts des schwelenden Feuers und der Blaulichter, die in der Ferne bereits die Straße erhellten. Sirenen heulten in der Distanz.
      Freya blinzelte den Staub aus ihren Augen. Ihr Kopf dröhnte, als hätte man eine Kirchenglocke direkt neben ihrem Ohr geschlagen. Sie richtete sich langsam auf, stützte sich mit einer Hand auf den Schutt und keuchte auf.
      Ein Wunder. Es war nichts anderes als ein absolutes Wunder. Die Wucht der Explosion hätte jeden normalen Menschen in Fetzen gerissen, doch sie lebte. Ihre Kleidung war rußgeschwärzt und an mehreren Stellen zerrissen, doch als sie an sich herabsah, bemerkte sie nur leichte Schrammen, Verbrennungen ersten Grades an ihren Unterarmen und ein paar Schnittwunden. Nichts Gebrochenes. Keine tödlichen Verletzungen.
      Sie schüttelte den Kopf, um das laute Piepen in ihren Ohren zu vertreiben, und kämpfte sich auf die Knie. Der Gestank von Ozon und verbranntem Holz lag extrem dicht in der Luft.
      „Was... war das?“, murmelte sie mit belegter Stimme.
      Sie blickte sich um. Der Ort, an dem eben noch die Ladenbesitzerin gekauert hatte, war vollkommen verschwunden. Dort war nur noch ein tiefer, geschwärzter Krater im Bodenbelag.
      Freya stützte sich ab, um aufzustehen. Dabei blickte sie nach unten, doch wegen der Dämmerung, dem dichten Rauch und dem Ruß entging ihr das entscheidende Detail auf dem Boden direkt vor ihren Füßen.
      Dort, wo der Krater begann, sammelte sich eine gewaltige, dunkle Flüssigkeit. Es war eine tiefrote, fast schwarze Blutlache, die sich langsam durch die Ritzen der geborstenen Bodenfliesen fraß. Es war viel zu viel Blut für einen Überlebenden. Eine Menge, die eindeutig bewies, dass an dieser Stelle ein Leben auf grausamste und endgültigste Weise geendet haben musste. Das Blut war warm, dampfte leicht in der kühlen Nachtluft und breitete sich unaufhaltsam aus.
      Freya wandte den Blick ab, unwissend über das stumme Zeugnis der Vernichtung direkt unter ihren Stiefeln, und tastete nach ihrer Waffe. Ihre Finger schlossen sich um den Griff der Pistole, die wie durch ein Wunder unbeschädigt im Schutt gelegen hatte.
      Sie atmete schwer ein, spuckte etwas Asche auf den Boden und sah in Richtung der Straße, wo die Lichter der Einsatzkräfte die Wände der gegenüberliegenden Häuser rot und blau erleuchteten.
      Der Fall war nicht vorbei. Er hatte gerade erst begonnen.
    • Neu

      Im einen Moment starrte Reese noch in den dunklen Lauf der Waffe, im anderen Moment explodierte ihre Welt in gleißendes Licht. Reese starb.
      Und schlug ihre Augen auf zu einem Körper, der noch existierte, und einem Geist, der ihn bewohnte. Reese schnappte nach Luft, ein unfassbar lautes Geräusch in dem sonst totenstillen Raum, und hustete einen Schwall Rauch und Staub aus. Sie krümmte sich; ihr Körper schien in Flammen zu stehen, als säße sie in einem Feuer, und ihr Kopf schmerzte unter einem Druck, als versuche ihr Gehirn nach draußen zu gelangen. Sie stöhnte und richtete sich auf Hände und Knien auf. Da nahm sie erst den Raum um sich herum wahr.
      Dunkle Wände, ein alter Holzboden, eine Tür auf der anderen Seite. Ein Radio aus einer anderen Zeit und Gesänge von einem anderen Ort. Ein Tresen und passende Stühle deuteten auf eine Bar hin und hinter diesem Tresen -
      "Nein!"
      Reese sprang rückwärts, krabbelte weg, die Augen weit aufgerissen und auf das blendende, grelle Licht gerichtet, das das Wesen hinter dem Tresen versprühte. Eine Aura konnte sie nicht sehen, dafür war alles so voller Helligkeit und gleißendem Etwas, dass sie gar keine Aura dafür benötigte. Das hier war ein Gott vor ihr, ein ganzer, vollständiger Gott. Sie war mit einem Gott im selben Raum. Deswegen hatte sie das Gefühl, in Flammen zu stehen.
      "Nein! Lass mich! Ich habe nichts getan!"
      Sie stieß mit den Schultern gegen die Wand und drückte sich dagegen. Der einzige Grund, weshalb die Aura des Gottes sie nicht schon längst versengt hatte, war, dass er sie gar nicht einsetzte. Er stand ganz ruhig hinter dem Tresen, den Rücken zu ihr gewandt, als hätte er sie gar nicht bemerkt.
      Doch in ihr Geschrei hinein sagte er ruhig:
      „Ein interessanter Laden war das. Schade um die Antiquitäten.“
      Er drehte sich um und Reese schnappte nach Luft. Sie kauerte sich zusammen, zog ihre Aura zusammen so gut es ging, schützte sich selbst. Thor. Verdammter Thor höchstpersönlich.
      "Ich habe deiner Tochter nichts getan, nichts! Nicht ein Haar gekrümmt! Sie ist zu mir gekommen!!"
      Er lehnte sich auf den Tresen, in seiner Ruhe so verstörend, dass Reese sich am liebsten in die Hose gemacht hätte. Wie lange würde sie es aushalten, mit dem Gott in einem Raum? Wie lange, bis er sie pulverisierte?
      „Du wunderst dich vermutlich, warum du noch existierst. Was dort eben geschah, war keine gewöhnliche Entladung. Ich habe einen Blitz geschickt. Einen, der deine Atome voneinander getrennt und dich direkt in meine Hallen gezogen hat, bevor deine Essenz im Nichts verdampfen konnte.“
      "Ach", jammerte Reese, nicht sicher, ob sie ihm dafür danken sollte.
      „Ich weiß ganz genau, was du bist. Ich kenne deine Natur. Ich kenne die Finsternis, die in deinen Adern fließt, und ich kenne deinen Vater. Die Hölle hat viele Tore, aber ihre Fürsten hinterlassen Spuren, die selbst für die Götter von Asgard unübersehbar sind.“
      "Ich habe ihr nichts getan", wiederholte Reese wieder, wie eine gebrochene Schallplatte. "Ich schwöre es. Bei allem, was mir lieb ist, ich habe sie nicht angerührt."
      „Du standest kurz davor, ausgelöscht zu werden. Kalteisen im Herz stellt keine Fragen, und die Jägerin, die vor dir stand, hätte nicht gezögert. Aber deine Existenz ist noch von Nutzen. Deshalb bist du hier. Du bist ab diesem Moment durch ein Band verwoben. Gebunden an meine Tochter – Freya.“
      Ein Band - verbunden? An seine Tochter, an Freya? Reese verbunden an eine halbgöttische Jägerin? Die Vorstellung war so absurd, dass sie beinahe gelacht hätte, würde sie sich nicht vor Angst zusammenkauern.
      „Sie ist da draußen. Sie sucht nach Antworten. Sie jagt das Phantom, das diese Stadt mit Leichen pflastert, aber sie jagt im Dunkeln. Sie weiß nicht, wer sie wirklich ist. Sie kennt ihr eigenes Blut nicht. Sie weiß nicht, dass die Macht der Asen in ihren Adern fließt und dass ich ihr Vater bin.“
      Reeses Augen weiteten sich. Sie wusste nicht... Das hieß, Reese hätte sich gegen sie behaupten können, allemal. Hätte sich auf sie stürzen können, sie entwaffnen können und alles, was diese Freya dazu hätte beitragen können, wären nur diese Funken und Blitze, der sie sich gar nicht bewusst war. Verdammt, Reese hätte sie töten können! Stattdessen war sie jetzt hier und... und...
      "Warum sagst du mir das?"
      „Deine Aufgabe ist einfach, aber absolut: Du wirst Freya helfen. Du wirst diesen Fall an ihrer Seite lösen. Du wirst dafür sorgen, dass sie die Wahrheit erfährt. Sie muss herausfinden, wer ihr Vater ist. Sie muss ihr Erbe annehmen. Aber umfasse diese Warnung mit deinem gesamten Verstand: Du darfst es ihr niemals direkt sagen. Wenn du deine Zunge gebrauchst, um ihr mein Geheimnis einfach zu verraten, wenn du ihr direkt offenbart, wer ihr Vater ist, bricht der Pakt.“
      Sicher. Reese würde einer Jägerin helfen, ihre Kräfte zu entdecken. Ganz bestimmt!
      Thor kam näher und sie wimmerte auf, als seine Aura gegen ihre drückte. Es war ein gänzlich anderes Gefühl als von Freya, mächtig und absolut, wie tausend Dolchnadeln, die sich beständig gegen sie schoben. Ihr Vater, Mammon persönlich, hätte dieser Aura etwas entgegen zu setzen gehabt, aber nicht Khaxhiu. Ganz sicher nicht Khaxhiu. Sie keuchte und zuckte, ein Brennen in den Muskeln, das sie zu lähmen drohte.
      "Und wenn - wenn ich es nicht tue? Nur wenn?"
      „Solltest du diesen Pakt brechen, sollte auch nur ein einziges Wort der direkten Offenbarung deine Lippen verlassen, gibt es keinen Ort in allen neun Reichen, an dem du dich verstecken kannst. Der Zorn des Donners wird dich treffen. Kein Höllentor, kein Pakt mit deinen Geschwistern und keine Magie wird dich vor dem Schicksal bewahren, das ich über dich bringen werde. Du wirst nicht nur zerlegt – du wirst für alle Ewigkeit ausgelöscht.“
      "Achso."
      Wie nett. Reese spürte eine Träne aus ihrem Augenwinkel rollen. Sie hatte solche Schmerzen.
      „Führe sie auf den Pfad. Lass sie die Hinweise finden. Hilf ihr, die Wahrheit selbst zu entdecken. Das ist der Preis für dein Leben.“
      "Okay, ich mach es. Ich mach es! Ich schwöre es, ich mach es, ich helfe ihr, ihr Erbe anzunehmen! Ich helfe den Fall zu lösen! Ich mach es!"
      Thor zeigte auf die Holztür. Das schien sein Zeichen zu sein, dass sie gehen konnte und Reese kam so schnell auf die Füße, wie ihr geschwächter Körper es zustande brachte. Sie wankte auf die Tür zu, so schnell sie konnte, und brach durch sie hindurch nach draußen in helles Sonnenlicht. Thors Aura verschwand, kaum als sie die Schwelle übertreten hatte, und sie fiel auf die Knie, beugte sich vornüber und erbrach sich. Kaffee von vor einer Stunde, das Abendessen von gestern. Sie kotzte alles aus sich heraus und als sie nur noch würgte, als nichts mehr nachkam, ließ sie sich auf den Hintern fallen und schnappte nach Luft. Sie blickte zurück durch die Tür, durch die sie soeben gekommen war, aber dahinter war nur ein steinerner Gang zu sehen und nicht die alte Bar, in der sie soeben noch gewesen war. Reese starrte, bis ihre Augen schmerzten, dann wandte sie sich ab und schüttelte sich.
      Thor höchstpersönlich hatte sie mit einer Jägerin namens Freya verbunden. Reese holte tief Luft und schrie vor Wut und Verzweiflung.

      Nach ein paar Minuten, als sie sich einigermaßen erholt hatte, machte sie sich auf den Heimweg. Sie war nicht weit von ihrer Bude entfernt, doch das machte auch keinen Unterschied, denn als sie näherkam, sah sie Polizei und eine Menge aus Schaulustiger. Sie bahnte sich einen Weg durch die Menge hindurch und blickte dann auf den Schrotthaufen, der sich vor einer Stunde noch ihr Zuhause, ihr Laden, ihr Unterschlupf und ihre Festung genannt hatte. Alles pulverisiert, während die Polizei den Bereich abgrenzte. Alles weg.
      "Scheiße."
      Sie wurde von einem Reporterteam angerempelt, das Fotos zu machen versuchte, und rempelte zurück. Sie bahnte sich einen Weg zu einem der Polizisten in der Absicht, sich Zugang zu ihrem Zeug zu verschaffen, doch als der Polizist ihrem Blick begegnete, entschied sie sich anders. Was sagen, dass sie die Eigentümerin des Ladens war? Sie würden sie niemals an ihr Zeug kommen lassen, es würde alles verwahrt werden. Noch viel schlimmer, sie würden darauf bestehen, ihr Fragen zu dem Vorfall zu stellen, was passiert war, wo sie gewesen war, ob es Zeugen gegeben hatte. Nein, doch nicht. Besser holte sie in der Nacht alles, was für sie von Wert war.
      Sie ließ sich zurückfallen und von der Menge verschlucken, als ihre Aufmerksamkeit von einer anderen dämonischen Präsenz angezogen wurde. Sie wandte den Kopf und schlüpfte seitlich aus der Menge heraus, nur um an der Hauswand Nico fucking Arschloch lehnen zu sehen, eine Zigarette im Mund. Er hatte den Körper eines dünnen, kränklich ausehenden Mannes mit strähnigen Haaren, der so aussah, als wäre er permanent high. Sein Blick passte dazu, diese Augen voller Verachtung und Hochnäsigkeit, mit der er sie bereits betrachtete.
      "Was ist passiert?", fragte er locker, als sie zu ihm trat. Sie hätte ihn schlagen können, wären sie allein gewesen.
      "Was passiert ist", sagte sie finster und ließ ihre Aura aufflammen, "ist, dass ein gewisser Mistkerl nicht rechtzeitig da war. Das ist passiert."
      Er nahm einen ruhigen Zug von seiner Zigarette. "Ich kann doch nichts dafür, wenn du mich so früh rufst. Ich war nichtmal in der Nähe, was hätte ich machen sollen? Mich hierhin zu teleportieren?"
      Reese kniff die Augen zusammen. Er log, natürlich, so wie alle Dämonen dazu prädestiniert waren zu lügen. Die Frage war nur, was er davon hatte.
      "Wo ist meine Spieluhr?", fragte er dann.
      Ah, natürlich. Nico gehörte zu jenen, die Reese ihre Anker unfreiwillig abgegeben haben. Vermutlich hatte er ihre Unterhaltung mit Freya beobachtet und entschieden, dass eine Halbgöttin dazu in der Lage war, Reese Blackwell zu vernichten. Also hatte er sich zurückgelehnt und sie machen lassen. Verräterischer Dreckskerl.
      "Vergiss es", knurrte Reese. "Ich habe sie sicher verwahrt und du tust gut daran, dich wieder an die Arbeit zu machen. Hast du keine Leiche, die du dir anschauen musst?"
      Nico sah sie aus eingesunkenen Augen heraus an. Er wusste, dass sie log, genauso wie Reese es gewusst hatte. Das bedeutete, dass er genauso wie sie hierher zurückkommen und seinen Anker bergen wollte, wenn die ganzen Menschen erst einmal verschwunden waren. Er und wessen anderer Anker auch überlebt hatte. Maximal zwölf Dämonen, acht davon unfreiwillig. In dieser Nacht würde es Reese mit höchstens acht Dämonen zu tun haben.
      Ob Reese das schaffte? Nein. Nicht einmal Reese war stark genug, sich mit acht Geschwistern zu bekämpfen. Sie würde sie machen lassen.
      Außer natürlich Reese kam ihnen zuvor. Das musste sie versuchen.
      "Geh zurück an die Arbeit", wiederholte sie. "Und wenn ich dich heute noch in diesem Viertel entdecke, werde ich dich bei lebendigem Leib häuten."
      Nico rauchte seine Zigarette auf und schnipste sie auf die Straße hinaus. Dann stieß er sich von der Wand ab und setzte sein hässliches Lächeln auf.
      "Geht klar, Boss."
      Er drehte sich um und schlenderte die Straße hinunter, weg von ihrem Laden. Reese sah ihm nach und wusste, dass er wiederkommen würde. Sie wusste es einfach.

      Freya war 24 Jahre alt und ein festes Mitglied der Jägergilde. Ihre Mutter war unbekannt, ihr Vater, nun, selbstredend, und Freya hatte keine Geschwister. Mit 19 Jahren hatte sie eigenhändig einen Dämonen vernichtet. Ihre Kräfte waren damals wohl schon einsatzbereit gewesen.
      Soviel konnte Nora in den folgenden Tagen herausfinden. Sie nannte sich jetzt nicht mehr Reese Blackwell - die Gute war leider durch eine Gasexplosion in ihrem eigenen Zuhause gestorben, was für ein Jammer - sondern Nora Bain und war momentan arbeitslos. Nora plante wieder ein Antiquariat zu eröffnen, aber noch hatte sich nichts ergeben. Sie hatte eine Schwester, die sie hasste, und ihre Eltern hatten nichts hinterlassen. Nora war einfach nur da, bis Khaxhiu ein neues, sicheres Leben eröffnet hatte.
      Derweil musste sie sich dennoch mit ihrem neuen Bund beschäftigen. Freya irgendwas. Nicht einmal der Nachname war bekannt und das irritierte Nora. Sie hasste es, nicht genügend Informationen zu haben. Sie hasste es ganz besonders, einer Halbgöttin nachstellen zu müssen.
      Aber mehr blieb ihr momentan nicht übrig. Sie hatte keinen Zugriff auf die Akten der Jägergilde und auch nicht das Bedürfnis, sich dort einzuschleichen, daher musste sie warten, bis Freya ihren sicheren Hafen verließ und sich auf die Jagd machte. Ein gefährliches Unterfangen, wie Nora fand. Als würde sie sich als Fuchs an den Schwanz des Panthers hängen und sehen, wie lang er sie nicht entdeckte.
      Sie zog ihre Kapuze tiefer ins Gesicht und verschmolz mit den Schatten. Es war windig an diesem Abend, der Himmel voller Wolken, die Luft voller ungeregneter Tropfen. Freya war auf der Jagd und Nora folgte ihr dabei auf Schritt und Tritt, immerzu die Distanz wahrend, immer darauf achtend, nicht selbst in ihr Blickfeld zu gelangen. Immer beobachtend, nach einem Hinweis suchend, den sie nutzen konnte, um ihren Pakt einzuhalten. Thor würde sicher Verständnis haben, dass Nora sich nicht sofort in Freyas Arme warf. Er würde ihre Intelligenz zu schätzen wissen.
      Nora fletschte die Zähne. Gottverdammter Gott. Er konnte sie mal von hinten.
      Freya setzte sich wieder in Bewegung und Nora löste sich aus den Schatten, nur um mit den nächsten wieder zu verschmelzen. Zeit, sich weitere Notizen zu machen.
    • Neu

      Der Abend war bereits kühl, und die feuchte, schwere Luft hing wie ein nassem Tuch über den dunklen Gassen des Viertels. Freya bewegte sich flüssig und mit der routinierten Beiläufigkeit einer ausgebildeten Jägerin durch die Straßenzüge. Ihre Schritte auf dem feuchten Asphalt waren beinahe geräuschlos. Sie folgte den Hinweisen, die der letzte Tatort hinterlassen hatte – simpelste, akribische Detektivarbeit. Ein abgebrochener Nagel an einer Regennase, eine schwache, verblasste Spur von Schwefelgeruch an einer Häuserecke und die Befragung von zwei verschreckten Obdachlosen, die in der Tatnacht ein seltsames Scharren gehört haben wollten. Nichts Spektakuläres, nur das geduldige Abklappern von Puzzleteilen.
      Doch während Freya eine dunkle Seitengasse ansteuerte, blieb ihr Körper merklich auf Spannung. Unter ihrer Lederjacke kribbelte die Haut im Nacken. Es war dieselbe fremdartige, schwer greifbare Präsenz, die sie schon in dem Antiquariat wahrgenommen hatte – eine Aura, die nach alten Geheimnissen und verbranntem Holz schmeckte. Jemand folgte ihr. Freya war zu erfahren, um den Kopf abrupt herumzureißen. Stattdessen nutzte sie das dunkle Glas eines geparkten Autos, um einen unauffälligen Blick in den Rückraum zu werfen.
      Sie spürte den Schatten da draußen ganz genau. Es war ein Risiko, die Verfolgerin gewähren zu lassen, doch Freya traf eine kühle, taktische Entscheidung. Anstatt die Konfrontation zu suchen und die Fremde erneut in die Enge zu treiben, beschloss sie, die Präsenz vorerst zu ignorieren, sie im Augenwinkel zu behalten und abzuwarten. Wenn die Gestalt ihr folgte, würde sie früher oder später einen Fehler machen. Oder sie genau dorthin führen, wo die Antworten lagen.

      In eben diesem Moment geschah es. In den Schatten eines überseilten Baugerüsts, nur wenige Meter hinter Freyas Spur, schälte sich plötzlich eine gestalltlose Figur aus einer Nische. Es geschah ohne jede Vorwarnung. Die Person – in einen weiten, dunklen Mantel gehüllt, das Gesicht im tiefen Schatten einer Kapuze verborgen – schritt mit unerwarteter Präzision heran. Ein harter, gezielter Schulterstoß traf die Verfolgerin mitten im Gehen. Es war kein zufälliges Anrempeln. Es war ein kurzer, kalkulierter Körperkontakt.
      Bevor überhaupt eine Reaktion erfolgen konnte, glitt eine schmale Hand unter den Stoff der Jacke der Verfolgerin. Mit einer Bewegung, die so flink und lautlos war wie der Schnitt einer Rasierklinge, schob der Fremde ein dickes, schweres Kuvert direkt in die Innentasche ihrer Jacke. Ohne ein einziges Wort zu verlieren, ohne auch nur den Blick zu heben, schlüpfte die Gestalt an ihr vorbei und verschwand so schnell in einer dunklen Abzweigung, als wäre sie nie da gewesen.

      Das Papier des Umschlags war dick, von hoher Qualität und fühlte sich überraschend schwer an. Auf der Vorderseite prangte kein Name, sondern lediglich ein in tiefschwarzer Tinte gezogenes Siegel – eine stilisierte Rune, die schwach, kaum wahrnehmbar, vibrierte.
      Beim Öffnen des Umschlags kam ein einzelnes, schweres Blatt Pergament zum Vorschein. Die Schrift darauf war in geschwungener, kraftvoller Handschrift verfasst, deren Buchstaben fast so wirkten, als wären sie mit Feuer in das Papier gebrannt worden.

      „Man baut ein Heim nicht auf Asche auf, sondern auf einem neuen Fundament.
      Die Arbeit hat gerade erst begonnen.
      Dein neues Eigentum wartet in der Hafenstraße 42. Schlüssel anbei.

      Ein Gott vergisst seine Werkzeuge nicht.

      – T.“

      Dem Brief lag ein schwerer, altmodischer Messingschlüssel bei.
      Die angegebene Adresse lag nur wenige Straßen entfernt, am Rande des alten Lagerviertels. Das Gebäude an der Hafenstraße 42 war ein dreistöckiger Klinkerbau mit einer Fassade aus dunklem, wettergegerbtem Backstein. Unten befand sich ein Geschäftslokal mit großen, mattierten Schaufenstern, über denen in geschwungenen, frisch aufgetragenen Goldbuchstaben kein Name, sondern schlicht das Wort "Antiquitäten“ stand.
      Der Messingschlüssel glitt mühelos ins Schloss der schweren Eichentür. Ein leises Klacken verkündete, dass der Mechanismus perfekten Dienst tat. Beim Öffnen der Tür schlug der Geruch von frischem Bienenwachs, altem Leder, poliertem Holz und einer feinen Note von Teakholz entgegen.

      Das Innere des Ladens war kein Provisorium; es war ein Meisterwerk der Einrichtung. Die Regale an den Wänden bestanden aus massivem, dunklem Nussbaumholz, gefüllt mit ledergebundenen Folianten, verstaubten Globen, seltsamen astronomischen Instrumenten und Vitrinen aus Kristallglas. Es wirkte, als hätte dieses Antiquariat seit hundert Jahren an genau diesem Ort gestanden – uneinnehmbar, edel und vollkommen restauriert.

      Im hinteren Bereich des Ladens führte eine unauffällige Holztür in ein privates Kontor. Auf dem massiven Schreibtisch lag ein veredeltes Kästchen aus Ebenholz. Daneben stand ein begehbarer, tonnenschwerer Panzerschrank aus Gusseisen, dessen Tür nur angelehnt war.
      Ein Blick in den Panzerschrank offenbarte Schätze, die den Verlust des alten Ladens augenblicklich relativierten. Stapelweise lagen dort bündelweise frische, nicht fortlaufend nummerierte Geldscheine – eine immense Summe Bargeld, die für mehrere Jahre ein sorgenfreies Leben garantieren würde. Direkt daneben lagen sechs perfekt gefälschte Ausweisdokumente mit unterschiedlichen Namen, Adressen und Nationalitäten, jedoch alle versehen mit makellosen Passfotos.
      Auf der untersten Ebene des Tresors lag eine tiefschwarze, ölbeschichtete Schusswaffe – eine modifizierte Pistole, deren Lauf mit winzigen, schützenden Schutzrunen graviert war. Sie lag schwer und perfekt ausbalanciert auf einem Samtkissen, zusammen mit zwei Magazinen, die mit kalibrierten Eisenkerngeschossen geladen waren.

      Doch das war nicht alles. Im angrenzenden Wohnbereich im ersten Stock öffnete sich ein begehbarer Kleiderschrank. An den Kleiderstangen hingen Dutzende von Maßanfertigungen: dunkle Mäntel aus schwerer Wolle, taillierte Lederjacken, seidene Blusen und strapazierfähige Stoffhosen. Jeder einzelne Schnitt, jede Farbe und jedes Material entsprach exakt dem persönlichen Geschmack und den anatomischen Maßen der neuen Besitzerin – ein Detail, das Thor eigentlich unmöglich hätte wissen können. Es war eine erschreckende Demonstration von Allwissenheit.
      Zurück auf dem Schreibtisch im Kontor lag neben dem Ebenholzkästchen eine lederne Mappe. Darin befand sich eine detaillierte, handschriftlich geführte Liste. Sie enthielt Namen, Aufenthaltsorte und Schwächen von genau zwölf Dämonen, die sich derzeit in der Stadt aufhielten und dringend einen Pakt oder eine Zuflucht suchten – die perfekte Geschäftsgrundlage für eine Strippenzieherin im Schatten.

      Schließlich lagen in der kleinen Ebenholzkassette zwei baugleiche, hochmoderne Smartphones. Das eine war völlig jungfräulich und unkonfiguriert. Das zweite Handy war bereits eingeschaltet. Der Bildschirm leuchtete schwach im abgedunkelten Raum.
      Es gab im gesamten Telefonbuch dieses Geräts nur einen einzigen gespeicherten Kontakt. Keine Nummer war sichtbar, nur die Namenszeile, auf der in deutlichen Lettern geschrieben stand:

      „Wenn du nicht weiter weißt.“

      Draußen auf der Straße ging Freya unterdessen weiter ihren Weg. Sie machte vor dem Schaufenster einer kleinen Bäckerei Halt, tut so, als würde sie die Auslage betrachten, und spiegelte erneut den Bereich hinter sich. Sie wusste, dass die Präsenz noch immer da draußen war – irgendwo zwischen den Schatten, gebunden an dieselbe mysteriöse Fährte. Doch Freya zog nur ihre Jacke enger um die Schultern, wandte sich ab und folgte weiter den blutigen Spuren des Phantoms, das die Stadt in Atem hielt.
    • Neu

      Der Mensch, der so gezielt auf Nora zukam, war zwar nur ein Mensch, aber seine Aura war dennoch merkwürdig. Nora schloss ihre Finger um das Messer, das sie zur Vorsicht bei sich trug, aber zum Schluss brauchte sie es gar nicht. Der Fremde rempelte sie an, übergab einen Umschlag und ging dann wieder weiter.
      Nora war zu überrascht von dem Treffen, dass sie Freya für einen Moment ganz vergaß. Sie öffnete den Brief und ließ einen alten Messingschlüssel in ihre Handfläche fallen.
      Dein neues Eigentum wartet in der Hafenstraße 42. Schlüssel anbei.
      – T.
      "Das kann nicht dein ernst sein", flüsterte Nora und starrte den Schlüssel an, der im dämmrigen Licht leicht funkelte. Der Brief verursachte ein unangenehmes Prickeln in ihrer Handfläche, ein Geist der göttlichen Aura, der der Schrift noch immer anhing. Es war der einzige Beweis, damit sie wusste, dass es echt war.
      "Das kann nicht dein gottverdammter ernst sein."
      Sie ließ den Schlüssel in ihre Tasche gleiten und starrte den Brief noch einmal an, dann faltete sie ihn zusammen und steckte ihn ebenfalls ein. Thors Werkzeug. Wie tief musste man sinken, um das Werkzeug einer Gottheit zu werden? Sehr tief, wie Nora fand. Sie machte ein grimmiges Gesicht und hängte sich wieder an Freyas Fersen.
      Noch in derselben Nacht beschloss sie allerdings, dass Thors Werkzeug doch gar nicht so schlecht war, wie sie angenommen hatte. Das Gebäude war ein verdammter Traum.
      Die Lage war perfekt unauffällig, das Gebäude gesäubert, die Möbel alt und edel, von einem antiken, ehrfurchtsgebietenden Glanz versehen. Die Wohnung dahinter war größer als Noras vorherige, versehen mit einem begehbaren Kleiderschrank und einem eigenen Tresor, in dem Nora zu ihrem größten Glück sechs unangetastete Ausweise und eine ungeheure Menge von Geld auffand. Genug Geld, um ein Jahr lang nichts einnehmen zu müssen und dennoch in Luxus zu leben. Nora Bain hatte sich wohl als Lottogewinnerin abgesetzt, entschied Nora und grinste dabei wie eine Besessene. Außerdem fand sie noch eine Liste mit dämonischen Namen und ihre Schwächen. Noras Herz machte einen Satz. Thor war doch gar nicht so schlecht wie sie dachte. Vielleicht sollte sie anfangen, ihm zu huldigen? Über den Gedanken lachte sie und lachte dann noch weiter, als sie sich den Kleiderschrank genauer betrachtete. Gar nicht schlecht, für so ein Werkzeug. Ob Poseidon sie wohl auch in seine Dienste stellen würde? Sie grinste und zog ein schwarzes Top heraus, um es sich an den Oberkörper zu halten. Passte perfekt.

      - Habe eine Vampirin gefunden, die was gesehen haben soll. Scheint nicht glaubwürdig. Auf der anderen Seite haben die alle einen Knacks.
      Nora sah sich Nicos Nachricht noch einmal genau an. Er schien einen Zeugen ausfindig gemacht zu haben, doch ob die Fährte zu was führte, das ließ sich nicht sagen. Vielleicht hatte die Vampirin wirklich etwas gesehen, vielleicht wollte sie nur die Aufmerksamkeit. In jedem Fall musste Nora jedoch etwas tun.
      Freya muss mit ihr reden. Ich kann kaum mit der Vampirin sprechen und dann alles Freya erzählen. Sie muss sie selbst finden.
      Nora sah sich in ihrem neuen Zuhause um und dachte nach. Am besten lenkte sie Freya irgendwie zu der Vampirin, damit sie sie finden konnte. Als sei es ihr eigener Verdienst, die Spur entdeckt zu haben. Ja, so wäre es gut. Und Nora konnte im Hintergrund lauern und beobachten, zu welchen Schlüssen sie kommen würde.
      Sie hatte sich bisher ein Buch über nordische Gottheiten gekauft, aber noch nicht gelesen. Sie musste herausfinden, zu was Thor alles in der Lage war, damit sie eine Vorstellung davon bekam, was Freya alles anstellen konnte. Außerdem musste sie über ihre Mutter recherchieren, sie vielleicht aus dem Jenseits holen, um ihr ein paar Fragen zu stellen. Und dann sollte sie irgendwo herausfinden, wie sich die Mächte in Halbgöttern manifestierten.
      So viele Fragen und nirgends Antworten. Ich kann schließlich nicht einfach in den Olymp spazieren und einen Gott selbst fragen.
      Sie schnaubte von dem Gedanken, dann dachte sie wieder nach. Vielleicht konnte sie Luzifer fragen, er war einem Gott noch immer am nächsten. Sofern er ihr dabei nicht aus der Laune heraus das Gehirn ausbrannte.
      Eins nach dem anderen. Erst Vampirin.
      Sie nahm das Handy - das neue - und schrieb zurück.
      - Richte sie ein bisschen zu. Bring sie zum Hafen. Ich kümmere mich darum.
      Er schrieb nicht mehr zurück, doch Nora wusste, dass er es gelesen hatte. Seine Spieluhr stand jetzt sicher in ihrem von Runen geschützten Tresor neben drei anderen Ankern, die sie an dem ereignisreichen Abend doch noch hatte retten können. Vier Dämonen unter ihr, nicht gerade viel. Aber besser als gar keiner.
      Zeit, Freya zu lenken.

      Die Spur, die sie sich für Freya ausdachte, war simpel: Ein paar Blutstropfen und die Anzeichen eines Kampfes. Nora hatte die Jägerin bereits so lange beobachtet, dass sie wusste, welche Patrouillen sie zog und was ihre Aufmerksamkeit erhaschte. Es war ein leichtes, eine Kampfszene zu kreieren und sie in Freyas Weg zu platzieren. Dann musste sie sich nur noch zurücklehnen und Freya die Szene finden lassen und bald darauf die Vampirin. Alles ganz einfach.
      Hoffentlich würde dieser Fall bald gelöst sein.
    • Neu

      Das Buch über nordische Mythologie, gebunden in abgewetztes, dunkles Leder mit geprägten Runen auf dem Buchrücken, lag aufgeschlagen auf dem massiven Schreibtisch des neuen Kontors. Seine Seiten riechen nach altem Pergament, Staub und verblasster Druckerschwärze. In den Kapiteln über das Asen-Pantheon nahm Thor, der Donnergott und Schutzherr von Midgard, den zentralen Platz ein. Die Beschreibungen seiner Fähigkeiten lasen sich nicht wie bloße Legenden, sondern wie die physische Manifestation roher, unabwendbarer Naturgewalten.
      Thor galt nach den alten Schriften als der stärkste aller Götter, dessen Kraft nicht nur aus reinem Muskelspiel resultierte, sondern tief mit den kosmischen Stürmen verwoben war. Seine Macht war absolut und zerstörerisch. In den Texten wurde beschrieben, dass er Herr über Blitz, Donner, Regen und die atmosphärische Elektrizität war. Ein einziger Gedanke von ihm konnte den Himmel verdunkeln, gewaltige Gewitterfronten herbeirufen und die Luft mit so viel statischer Spannung aufladen, dass organische Materie augenblicklich zu Asche zerfiel. Er war in der Lage, Blitze nicht nur zu schleudern, sondern sie auf molekularer Ebene zu steuern – eine Fähigkeit, die Materie trennen, Atome zerlegen und Wesenheiten augenblicklich durch die Dimensionen reißen konnte, ohne einen physischen Abdruck zu hinterlassen.
      Besondere Aufmerksamkeit galt seinen Attributen: Mjölnir, dem unzerstörbaren Hammer, der von den Zwergen Sindri und Brokk geschmiedet worden war. Die Waffe verfehlte nie ihr Ziel, kehrte stets in die Hand ihres Führers zurück und war in der Lage, Berge zu zermalmen und die Fundamente der Reiche zu erschüttern. Doch Mjölnir war nur der Katalysator. Ohne Meginjord, seinen magischen Kraftgürtel, der Thors ohnehin immensive Asen-Stärke noch einmal verdoppelte, und Járngreipr, seine eisernen Handschuhe, um den glühenden Schaft des Hammers zu fassen, wäre selbst für einen Gott die Handhabung dieser Urgewalt kaum zu zähmen gewesen.

      In den Abschnitten über die Vererbung göttlicher Macht – den Spuren der Asen im Blute Sterblicher – wurde betont, dass das Erbe Thors in seinen Nachkommen oft schlafend lag, bis es durch extremen Stress, Todesangst oder das Erwachen des eigenen Kampfgeists freigesetzt wurde. Die Anzeichen dafür waren subtil, aber unverkennbar: eine drastisch erhöhte Dichte der Knochen- und Muskelstruktur, blitzschnelle Reflexe, eine natürliche Immunität gegen elektrische Ladungen und die unbewusste Fähigkeit, bei Wut oder Bedrohung die statische Energie der Umgebung zu bündeln. In Halbgöttern manifestierte sich diese Macht oft zuerst durch unkontrollierte Entladungen – Funken, die bei Berührungen von Metall übersprangen, eine unnatürliche Hitzebildung im Blut oder das plötzliche Zerbersten von elektrischen Geräten in ihrer unmittelbaren Nähe.
      Unterdessen zog die Nacht über den Hafenbezirk auf. Ein schneidender, feuchter Wind wehte vom Wasser herüber und trieb dünne Nebelschleier durch die verlassenen Gassen zwischen den alten Speicherhäusern.

      Freya folgte ihren gewohnten Patrouillenwegen, die Augen aufmerksam auf die dunklen Winkel der Hafengegend gerichtet. Ihre Sinne waren auf das Schärfste geschärft. Es war kurz nach Mitternacht, als ihr der erste Hinweis auffiel. Ein süßlicher, metallischer Geruch schnitt durch die salzige Meeresluft. Blut. Frisches Blut.
      Sie blieb abrupt stehen, handhabte ihre Waffe mit geübter Leichtigkeit und glitt lautlos in eine schmale Gasse zwischen zwei verfallenen Lagerhallen. Die Szenerie vor ihr wirkte wie das Schauplatz eines verheerenden, hastigen Kampfes. Kratzspuren tief im Backstein der Wand, zwei zersplitterte Holzpaletten und eine dunkle, klebrige Spur aus Blutspritzern, die sich wie eine Fährte über den feuchten Asphalt zog. Für das ungeübte Auge sah es nach einer Schlägerei aus, doch Freya erkannte sofort die unnatürliche Tiefe der Einkerbungen im Mauerwerk. Das waren keine menschlichen Fingernägel gewesen.
      Sie folgte der Blutspur mit gezogener Waffe, jeden Schritt sorgfältig abwägend. Die Fährte führte tiefer in das Labyrinth aus alten Frachtcontainern und verrosteten Krananlagen, bis sie schließlich vor dem Eingang einer stillgelegten Fischverarbeitungshalle endete. Die schwere Stahltür stand einen Spalt breit offen und knarrte leise im Wind.

      Als Freya das Gebäude betrat, schlug ihr eine Welle von Verwesung, billigem Parfüm und dem beißenden Geruch von Eisen entgegen. Im trüben Licht einer einzelnen, flackernden Glühbirne, die an einem morschen Kabel von der Decke hing, lag eine Gestalt am Boden.
      Es war eine junge Frau – oder das, was von ihr übrig war. Ihre Haut war leichenblass, die Lippen zurückgezogen, sodass zwei feine, spitze Eckzähne frei lagen. Eine Vampirin. Sie war übel zugerichtet worden. Ihre Kleidung war zerrissen, tiefe Hämatome und Schnittwunden bedeckten ihren Oberkörper, und sie keuchte schwer, während dunkles, fast schwarzes Blut aus einer Wunde an ihrer Schulter sickerte. Jemand hatte sie gründlich bearbeitet, bevor sie hier liegengelassen worden war.

      Freya näherte sich langsam, die Mündung ihrer Pistole auf das Wesen gerichtet. „Wer hat dir das angetan?“, fragte sie mit harter, ruhiger Stimme. „Und was weißt du über die Morde im Viertel?“
      Die Vampirin hob mühsam den Kopf, ihre blutroten Augen verengten sich zu Sehschlitzen. Sie stieß ein heiseres, kicherndes Lachen aus, das in einem feuchten Husten endete. Doch bevor sie antworten konnte, veränderte sich die Luft im Raum schlagartig.
      Ein leises, vielstimmiges Zischen hallte von den unbeleuchteten Stahlträgern der Hallendecke herab.
      Freya bemerkte die Falle zu spät. Das war kein Versteck einer einzelnen Zeugin gewesen. Es war ein Nest.

      Aus den tiefen Schatten der Dachkonstruktion und hinter den verrosteten Maschinen tauchten plötzlich Gestalten auf. Lautlos glitten sie herab, landeten auf den Eisenstreben und schnitten Freya augenblicklich jeden Fluchtweg ab. Fünf weitere Vampire. Ihre Augen glühten in der Dunkelheit wie fahles Raubtierfeuer, ihre Gesichter verformt zu Fratzen aus Gier und absolutem Hunger. Sie trugen dunkle, verschlissene Kleidung, und an ihren langen, verhornten Nägeln klebte frisches Blut. Sie hatten auf Beute gewartet – oder auf die Jägerin selbst.

      „Eine Gilden-Jägerin“, zischte einer von ihnen, ein hochgewachsener, ausgemergelter Vampir mit kahlgeschorenem Schädel, während er langsam den Kreis um sie schloss. „Allein in unserer Halle.“

      Ohne eine weitere Warnung schossen zwei der Wesen gleichzeitig auf Freya zu. Ihre Bewegung war eine blurrende Masse aus Geschwindigkeit und tödlicher Präzision.

      Freya reagierte rein instinktiv. Sie duckte sich unter dem ersten Ausfallschritt hinweg, feuerte zwei Schüsse aus ihrer Waffe ab – das Mündungsfeuer erhellte für Bruchteile von Sekunden das düstere Halleninnere. Die Kalteisen-Kugeln trafen den ersten Angreifer mitten in die Brust. Er schrie auf, als das Eisen sein Fleisch verbrannte, und taumelte zurück. Doch der zweite Vampir war bereits bei ihr. Seine Klauen fuhren wie Rasierklingen durch die Luft und rissen die Lederjacke an Freyas Oberarm auf. Tiefes Brennen explodierte auf ihrer Haut.
      Sie wirbelte herum, nutzte den Schwung und rammte dem Angreifer den Ellbogen ins Gesicht. Knochen knackten. Sie setzte nach, jagte ihm eine Patrone durch das Knie und trat ihn von sich weg.

      Doch die Übermacht war zu groß. Die verbliebenen drei Vampire gaben ihr keine Sekunde zum Durchatmen. Während einer von oben herabstürzte, griffen die anderen beiden von den Flanken an. Freya wirbelte über den betonierten Boden, wich Hieben aus, teilte präzise Tritte und Schüsse aus, aber das gegnerische Anstürmen war unbarmherzig.
      Ein harter Schlag von der Seite traf sie voll an der Schläfe. Die Welt vor ihren Augen verschwamm für einen Moment in einem kochenden, roten Schleier. Freya krachte gegen die stählerne Flanke einer alten Fischpresse. Bevor sie sich fangen konnte, schnitt eine weitere Klaue über ihre Rippen. Schmerz brannte sich durch ihr Bewusstsein, heiß und lähmend.

      Sie hielt sich wacker. Ihre jahrelange Ausbildung in der Jägergilde, ihre eisernen Reflexe und ihr unbeugsamer Wille ließen sie kämpfen wie eine Besessene. Sie parierte einen tödlichen Biss mit dem Lauf ihrer Pistole, nutzte das Magazin als Schlagverstärker und brach dem Anführer das Nasenbein. Doch es war ein Kampf auf Zeit – und die Zeit lief gegen sie.
      Ihre Bewegungen wurden langsamer. Das Blut, das aus den Wunden an ihrem Arm, ihrer Seite und ihrer Stirn sickerte, forderte seinen Tribut. Der Ozon- und Blutgeruch in der Halle wurde unerträglich dicht. Freyas Atem ging keuchend und rasselnd. Bei jedem tiefen Zug brannte der Schnitt an ihren Rippen wie Feuer.
      Einer der Vampire nutzte ihre kurze Unachtsamkeit, packte sie von hinten am Handgelenk und rammte sie gegen die kalte Betonwand. Das Eisen ihrer Waffe klirrte über den Boden, als die Pistole aus ihren tauben Fingern glitt und weit außer Reichweite rollte.
      Freya keuchte auf, presste den Rücken gegen die Wand und hob die Hände zur Abwehr. Zwei der Vampire traten näher, ein gehässiges Grinsen auf den blutbefleckten Lippen. Sie war verletzt, entwaffnet und umzingelt. Ihre Kräfte schwanden spürbar von Sekunde zu Sekunde, während die Erschöpfung wie Zentnerlasten auf ihren Gliedern lag. Sie war an ihrer absol uten Grenze angekommen.