Stubenkater wider Willen (Nim & Kiba)

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    • Stubenkater wider Willen (Nim & Kiba)

      Stubentiger wider Willen

      Jack= @Kiba
      Valentina = @Nimue
      Vorstellung

      Laut gähnend saß ich in meinem Büro und arbeitete an meinem neusten Projekt. Ich sollte Werbung gestalten für ein neues Handy einer Marke. Eigentlich nichts besonderes. Und überaus langweilig. Ich nippte an meiner Tasse mit schwarzem Kaffee und ließ den Mauscursor über den Bildschirm gleiten. Ab und zu hörte man ein leises Klicken. Das Tippen der Tastatur hallte durch den Raum. Ich wartete immer noch auf die Antwort meines Chefchefs, Mister Bennett, bei dem ich meine Bewerbung abgegeben habe für die freie Stelle als Creativ Director. Ich habe wirklich hart dafür gearbeitet, habe mein Bestes gegeben und mich wirklich gut benommen in den letzten Tagen. Ich wollte beweisen, dass ich dazu in der Lage war. Und eigentlich würde doch vieles für mich sprechen. Ich war charmant und offen und hatte keine Probleme, mit Kunden zu sprechen und einen Preis auszuhandeln. Ich leistete immer gute Arbeit und bislang waren immer alle zufrieden mit mir. Dazu kam, dass ich mich hier bestens in der Firma auskannte. Man musste mich nicht groß einarbeiten, weil ich schon alles wusste. Nur kleine Sachen musste man mir vielleicht erklären. Welches Gegenargument sollte es also geben? Eben. Keines. Also müsste ich doch Chancen haben, den Job zu bekommen. Doch das Schicksal scheint anderes mit mir vor zu haben und beginnt wohl mich zu hassen.
      Bennett klopfte an meine Bürotür und ich bat ihn rein. Langsam setzte er sich auf den Stuhl mir gegenüber. Ich war aufgeregt. Komm schon mann. Sag mir endlich, dass mein Büro umziehen kann.
      "Jack? Hast du fünf Minuten? Ich denke, du weißt, warum ich hier bin. Ich muss dir sagen, dass du den Job nicht bekommen wirst."
      "Ja! Ich wusste doch, dass- Moment mal. Was? Wieso das denn? Wollen Sie mich verarschen? Wieso krieg ich den Job nicht? Ich hab mich hier abgerackert wie blöde und dann kommen Sie und sagen nee?", ich dachte, ich hör nicht richtig. Nein, ich muss mich verhört haben. Der verarscht mich doch wirklich. Fassungslos lehnte ich mich in meinen Stuhl nach hinten. Auch er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.
      "Siehst du Jack? Das sind einer der Gründe. Wenn du die Beherrschung verlierst, und das kommt immer mal wieder vor, sprichst du in dem Ton mit deinem Gegenüber. Das können wir uns mit unseren Kunden nicht leisten. Du bleibst einfach nicht professionell damit. Ich habe sehr wohl gesehen, dass du hart an dir gearbeitet hast und ich schätze dich als Mitarbeiter wirklich sehr. Und das ist ein anderer Grund, weshalb ich dir diese Stelle nicht geben kann. Ich liebe deine Ergebnisse in der Arbeit. Ich möchte sie nicht missen. Zu solchen Tätigkeiten wirst du kaum Zeit finden. Ich habe jemand anderem diese Stelle gegeben. Sie wird morgen früh um Acht hier eintreffen. Bitte sei freundlich und heiße Miss Harris willkommen. Keine vulgären Sprüche, verstanden?! Ich warne dich Jack.", erzählte er und warnte mich extra nochmal davor, weiterhin Contenance zu bewahren. Muss ich mir noch überlegen. Eigentlich war Bennett ein sehr familiärer Mensch. Auch wir gehörten irgendwie zur Familie. Deshalb würde ee mich nicht so einfach rausschmeißen. Das wusste ich. So wie es sich anhörte, war das sicherlich irgend eine Brillenschlange mittleren Alters. Ich fasste es einfach nicht. Da wurde lieber eine Fremde genommen als jemand, der eingearbeitet war. Tze.
      "Hörst du Jack?!", fragte Mister Bennett nochmal und ich zuckte zusammen. Ich dachte, der Typ war schon längst weg.
      "Ja doch. Habs verstanden.", maulte ich ergeben. Da war ich ja mal gespannt, was mir morgen früh vor die Füße lief.
    • "Mehr Glitzer, Auntie! Da auf den Daumen muss viel mehr hin", kommandierte eine kleine, energische Stimme.
      Ich musste unwillkürlich lächeln, als ich vorsichtig den Pinsel des rosa Nagellacks ansetzte. Vor mir saß Mae auf einem Berg aus Kissen, eingekuschelt in eines meiner viel zu großen, alten Band-Shirts, das ihr wie ein Nachthemd fast bis zu den Knöcheln reichte. Ihre blonden Locken waren wild nach oben gesteckt, gehalten von einer viel zu großen, goldenen Spange von mir. Heute war unser offizieller "Princess-Treatment-Tag". Seit... nun ja, seit wir eben nur noch zu zweit waren, hatten wir diese intensiven Rollenspiele zu unserem festen Ritus gemacht. Solange ich in ihrer Nähe war, blühte Mae völlig auf. Sie war dann ein unglaublich träumerisches, fröhliches Kind, das mit einer riesigen Fantasie in ihre Welten eintauchte. Doch ich wusste auch, wie zerbrechlich diese Freude war. Ohne eine vertraute Bezugsperson in ihrer Nähe verwandelte sie sich schnell in ein zutiefst trauriges, ängstliches kleines Mädchen, das die Welt nicht mehr verstand. Genau deshalb graute mir so vor dem morgigen Tag, an dem sie das erste Mal länger im Kindergarten bleiben musste. "So, Eure königliche Hoheit. Die Maniküre-Arbeiten sind abgeschlossen", verkündete ich mit einer tiefen Verbeugung und pustete sanft auf ihre winzigen Fingerchen. Mae riss die Hände hoch, betrachtete das glitzernde Kunstwerk mit kritischem Blick und strahlte dann übers ganze Gesicht. "Wunderschön! Jetzt braucht die Königin noch ihr Make-up. Stillhalten, Auntie!", rief sie, schnappte sich ein Plastik-Tiara und drückte es mir mitten in meine blonden Wellen, bevor sie mit einem Puderpinsel wild durch mein Gesicht fuhr.
      Wir hatten nach Allem ein unglaublich enges, liebevolles Verhältnis. Mae klammerte sich an mich wie an ihren Fels in der Brandung, und ich tat alles für sie. Trotzdem erwischte ich mich immer wieder dabei, wie ich versuchte, zwischendurch klare Grenzen zu ziehen... ich musste schließlich ihre Tante, ihre Erzieherin und irgendwie auch ein Elternersatz sein, ohne sie mit Liebe zu erdrücken oder zu sehr zu verwöhnen. Gar nicht so einfach mit 28.
      Nachdem wir auch noch die königliche Teestunde mit unsichtbarem Kamillentee hinter uns gebracht hatten, kam der schwierigste Teil: das ins Bett gehen. Mae weigerte sich seit dem Unfall strikt, allein in ihrem Zimmer zu schlafen. Auch heute endete unsere Reise nicht in ihrem Bett, sondern in meinem. Sie krabbelte unter die Decke, rollte sich sofort zusammen und kuschelte sich so eng an meine Seite, als würde sie Angst haben, ich könnte verschwinden, wenn sie loslässt. Ich strich ihr über die blonden Locken, bis ihr Atem tief und gleichmäßig wurde. Erst als sie fest schlief, wagte ich es, mich ganz vorsichtig aus dem Bett zu stehlen. Ich setzte mich mit einer heißen Tasse Tee an den Küchentisch, umgeben von der plötzlichen, schweren Stille des Raums. Morgen um acht sollte ich als Creative Director die Grafikabteilung einer Webagentur übernehmen. Mister Bennett hatte mich abgeworben, weil er meine Arbeit schätzte und mir die so dringend benötigten Homeoffice-Tage vertraglich zusicherte. Nur so konnte ich den Spagat zwischen Karriere und Mae überhaupt meistern.
      Ich strich mir müde über die Augen. Was mich dort morgen erwartete oder wer mein Team war wusste ich nicht. Aber das war mir auch egal. Ich hatte gelernt, für uns beide stark zu sein.
      Ich ging zurück ins Schlafzimmer, legte mich wieder ganz dicht neben das warme, kleine Paket, das meine Nichte war, und schloss die Augen. "Das rocken wir morgen, kleine Prinzessin", flüsterte ich in die Dunkelheit.

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    • Der nächste Morgen kam. Ich parkte meine Maschine gerade auf einen unserer Parkplätze und und setzte meinen Helm ab. Seufzend sah ich auf meine Uhr, die sich mit einem schwarzem Band um mein Handgelenk schlängelte. Kurz nach halb 8. Normalerweise war ich nicht so früh im Büro. Aber ich habe die Nacht echt schlecht geschlafen und nachdem ich gelangweilt im Bett lag und tatsächlich wach war, dachte ich, ich könnte auch schon ins Büro fahren. Vielleicht mach ich früher Feierabend, dann muss ich die blöde Kuh nicht ertragen. Pardon. Ich soll ja meine Klappe halten. Aber jemand, der mir meinen Job klaut, kann nicht nett sein. Ich ging rein und begrüßte alle im Büro, als Miles, unser Küken der Truppe, mir in der Küche entgegen kam. Grinsend trat er ein. Na super. Nicht mal morgens hatte man seine Ruhe. Dabei will ich einfach nur einen Kaffee.
      "Was willst du, Miles. Mir wieder mein Frühstück klauen? Bald besorg ich mir nen eigenen Kühlschrank und stell ihn mir ins Büro. Du frisst meine Sachen definitiv nicht mehr auf.", begrüßte ich ihn weniger erfreut, ihn zu sehen. Der Typ war vielleicht ganz süß. Aber ebenso eine hinterliste Schlange, die anderer Leute Essen auffraß.
      "Ach was. Du weißt doch, bin ein Meister darin. Auch du wirst dein Essen irgendwann mal stehen lassen. Heute kommt unsere neue Teamleiterin. Ich hab sie schonmal gesehen. Bin gespannt, was du sagst."
      "Achja? Mich interessiert sie nicht. Soll sie doch herkommen und hoffentlich geht sie auch so schnell wieder. Bei so nem bekloppten Haufen wie wir, hält sie doch nicht lange durch. Gerade dich wird sie am wenigsten aushalten.", murrte ich leise, während ich mich der Kaffeemaschine widmete, die mal wieder meckerte, dass Wasser fehlte. Und Bohnen. Und eigentlich auch mal gereinigt werden musste. Aargh, ich hasse den Tag jetzt schon!
      "Hey! Du bist doch der Spinner im Team. Als ob du die Finger von Frauen lassen kannst."
      "Die schon. Immerhin war das mein Job."
      "Tse. Du wirst schon sehen.", sang er und verschwand schnell, bevor ich ihn noch mit ner Tasse abwarf.
      Nach wertvollen Minuten meiner Zeit ging ich mit meinem schwarzen Kaffee in mein Büro und fing an zu arbeiten. Irgendwann hörte ich schon Bennett im Flur rumlaufen. Wahrscheinlich ist sie jetzt da. Er zeigte den neuen Leuten immer erst die Firma, bevor er den eigentlichen Job anfing. Jaaa. Überaus freundlich von ihm. Natürlich nahm er mein Büro zum Schluss. War ja klar. Obwohl ich zugeben musste, dass ich wirklich nichts versprechen konnte, mich zu benehmen. Manchmal war mein Mund einfach schneller als mein Hirn.
    • Der Wecker hatte mich gnadenlos um sechs Uhr aus dem Bett gerissen. Danach war alles ein einziger, filmreifer Sprint gewesen, der mich emotional an meine Grenzen brachte. Das Anziehen von Mae war noch der leichte Teil gewesen, doch als wir vor der Tür ihrer Kindergartengruppe standen, brach mir an diesen Morgen fast das Herz.
      Mae hatte meine Hand so fest umklammerte, dass ihre kleinen Knöchel weiß anliefen. Ihr sonst so träumerisches, fröhliches Gesicht war tränenüberströmt, die Augen weit vor Angst. "Bitte geh nicht, Auntie. Bleib hier", hatte sie geschluchzt und ihr Gesicht in meinem beigefarbenen Cardigan vergraben. Da war sie wieder... diese tiefe, panische Angst des verlassenen Kindes, das nach dem Unfall ihrer Eltern fürchtete, auch noch die letzte Bezugsperson zu verlieren. Es kostete mich unendliche Kraft, die Tränen zurückzuhalten, vor ihr in die Knie zu gehen und mit sanfter, brüchiger Stimme auf sie einzureden. Ich hatte ihr versprochen, dass ich sie als Allererste abholen würde, und ihr einen meiner glitzernden Ringe als 'Schutzstein' in die kleine Hand gedrückt. Als die Erzieherin sie schließlich sanft auf den Arm nahm und ich mich umdrehen musste, brannte mein Gesicht vor unterdrücktem Schmerz.
      Ihr Weinen hallte noch in meinen Ohren, als ich im Auto saß und das Lenkrad umklammerte. Ich tat das hier für sie, für unsere Zukunft. Ich musste funktionieren.
      Als ich um kurz vor acht das moderne Glasgebäude der Agentur betrat, wischte ich die letzten Spuren der Sorge aus meinem Gesicht. Ich atmete tief durch, straffte die Schultern und strich den feinen Strick meiner beigefarbenen Cardigan-Jacke glatt, deren goldene Knöpfe dezent im Licht der Eingangshalle glänzten. Die markanten Risse an den Knien meiner engen High-Waist-Jeans gaben mir genau das richtige Gefühl von Lässigkeit zurück. Die cremeweiße Umhängetasche in Stepp-Optik saß perfekt an meiner Seite, und die großen, weichen Wellen meines blonden Haares fielen mir elegant über die Schultern. Ein tiefer Atemzug, um den beerenfarbenen Ton auf meinen Lippen zu richten. Zeit, die Profi-Fassade hochzufahren. Auf den ersten Blick ahnte niemand, dass ich vor wenigen Minuten noch ein weinendes Kind festgehalten und meinen morgendlichen Haferbrei bezwungen hatte.
      Mister Bennett begrüßte mich überschwänglich und führte mich stolz durch die Gänge. Die Agentur war stylisch, die Arbeitsplätze modern. Doch je näher wir der Grafikabteilung kamen, desto deutlicher spürte ich die neugierigen und teilweise skeptischen Blicke der Mitarbeiter. Bennett plapperte unbeschwert weiter, während er mir die Teeküche und die verschiedenen Teams vorstellte, doch ich war mit den Gedanken immer noch halb bei Mae, während ich gleichzeitig versuchte, die neue Umgebung zu scannen. "Und hier, Valentina, kommen wir zum Büro unseres Senior-Grafikers", erklärte Bennett mit einer fast schon demonstrativ lauten Stimme und klopfte an die Tür, bevor er sie aufdrückte. "Er wird eine deiner wichtigsten Stützen im Team sein." Ich trat hinter Bennett in den Raum. Mein Blick fiel als Erstes auf den Mann, der dort am Schreibtisch saß und demonstrativ lässig an seiner Kaffeetasse nippte. Okay, ich musste zugeben: Der Typ passte optisch perfekt in das Bild eines kreativen, selbstbewussten Grafikers. Dunkle Haare, grüne Augen, eine stattliche Statur und dieser Blick, der irgendwo zwischen absolut gelangweilt und verdammt durchbohrend schwankte. Er sah aus wie jemand, der gewohnt war, dass man nach seiner Pfeife tanzte. Meine goldenen Creolen und die zarte Kette auf meinem Schlüsselbein fingen das Licht des Büros ein, als ich mich vollends zu ihm umdrehte.
      "Jack, da bist du ja", sagte Bennett und lächelte etwas angespannt. "Das ist Miss Harris. Valentina, das ist Jack. Ich erwarte, dass ihr euch gut einarbeitet."
      Ich wartete gar nicht erst darauf, dass Bennett die unangenehme Stille überbrückte. Nach dem emotionalen Terror im Kindergarten schüchterte mich ein schlecht gelaunter Mittzwanziger ganz sicher nicht ein. Ich trat einen Schritt vor, schenkte Jack mein professionellstes, absolut unerschütterliches Agentur-Lächeln und streckte ihm die Hand entgegen.
      "Freut mich, dich kennenzulernen", sagte ich, während meine Stimme fest und klar klang. "Mister Bennett hat mir schon erzählt, dass Sie hervorragende Arbeit leleisn. Ich bin gespannt auf Ihre neuesten Entwürfe für die Handy-Kampagne." Ich fixierte seine grünen Augen und wartete ab.
    • Es dauerte ein Weilchen, bis Bennett mit unserer neuen Mitarbeiterin an meinem Büro aufkreuzte. Schließlich konnte man es hören. Ich rollte mit den Augen. Dass er vor der Tür so laut sprach, um sich anzukündigen, war wirklich unnötig. Ich konnte sie eh hören. Sie kamen rein und hinter meinem Chef tauchte eine bildhübsche, junge Frau auf. Scheiße, war die heiß. Ihre blonden Locken fielen über ihre schmalen Schultern und ihre blauen Augen trotzten vor Selbstbewusstsein. Sie hatte eine schlanke Figur und eine perfekte Größe. Nicht zu klein, aber größer sollte sie auch nicht sein. Ich verstand jetzt, was Miles gestern meinte. Von der vermeintlichen alten Schabracke war nichts zu sehen. Wäre mir aber allemal lieber gewesen. Trotzdem behielt ich mein Pokerface bei und ließ mir nichts anmerken. Sie hat mir immernoch meinen Job geklaut.
      "Ich bin wie immer in meinem Büro und arbeite, Bennett.", antwortete ich und stand auf. Ich ging auf die beiden zu und ließ uns vorstellen. Valentina Harris. Soso. Passt aber zu ihr. Sie lächelte. Meine Lippen blieben jedoch neutral. Trotzdem erwiderte ich ihren Händedruck. Vielleicht auch etwas zu dolle.
      "Willkommen Miss Harris. Ich hätte sie zwar lieber auf meinem Schreibtisch, als in ihrem Büro, aber ich denke, wir könnten miteinander auskommen.", antwortete ich, wobei ich gleich einen mörderischen Blick von Bennett kassierte. Sorry Alter. Ich konnte nicht anders. Aber das werde ich sicher gleich zu hören bekommen. Nun setzte ich doch ein falsches Lächeln auf.
      "Ich kann Ihnen später gerne meine Entwürfe für das neue Gerät geben. Dann werden wir ja sehen, ob sie zufrieden sind oder nicht.", antwortete ich, ehe sich Bennett räusperte.
      "Wir, ähm... lassen Jack jetzt wohl besser weiter arbeiten. Ich zeige Ihnen ihr neues Büro. Es ist noch unbenutzt und sie können sich es so einrichten, wie ihnen lieb ist."
      Die Tür schloss sich hinter ihnen. Ich schnaufte leise. Na das konnte ja was werden. Ich nahm es Bennett immer noch übel, dass er lieber eine junge Frau nahm, als jemanden zu wählen, der sich in der Firma auskannte und der auch die Mitarbeiter in- und auswendig kannte. Ich wusste um ihre Stärken und könnte ihnen immer das perfekte Projekt geben, damit es ein Erfolg werden würde. Was war also das Problem? Wirklich nur, meine Ausdrucksweise. Pah. Ganz bestimmt.
      "Hey Jack!", flüsterte es an der Tür und ich sah auf. Jamie, eine kleine brünette Frau mit Brille holte mich aus meinen Gedanken.
      "Was sagst du zu ihr? Sie ist hübsch, oder? Auf mich hat sie einen sehr sympathischen Eindruck gemacht.", erzählte sie, während ich gelangweilt meinen Kopf in meine Hand legte. Jamie war nicht nur meine Kollegin, sondern auch eine gute Freundin von mir. Mit ihr konnte ich über alles reden, also naja fast alles. Sie wusste nämlich nicht, dass ich ein Gestaltwandler war. Niemand wusste das. Würde mir eh keiner glauben und außerdem ging es niemanden etwas an. War sowieso keine so tolle Fähigkeit. Wer würde schon gerne in einen Kater verwandelt werden? Ein Wolf wär viel cooler. Aber nichts für eine Stadt. Naja egal. Zurück zu Jamie.
      "Sie ist hübsch. Aber mehr als fürs Bett wär sie auch nicht. Eigentlich sollte ich jetzt da im Büro sitzen.", jammerte ich und sie lächelte.
      "Das hat sicherlich einen Grund. Vertrau mir.", kicherte sie und hörte Schritte.
      "Oh, ich verschwinde. Es kommt jemand."
      Ja... Bennett kommt. Um seinen Ärger Luft zu lassen. Puhhh, na dann los.

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    • Ich spürte, wie er meine Hand etwas zu fest drückte, während seine grünen Augen mich einmal komplett von oben bis unten musterten. Nun ja, wirklich überrascht hat es mich nicht. Eigentlich hatte mich heute Morgen schon jeder im Gebäude mit neugierigen Blicken bedacht ... immerhin war ich ab heute die neue Vorgesetzte der Meisten hier.
      Ich war gerade dabei, seinen Händedruck mit genau derselben Intensität zu erwideren, als er den Mund aufmachte. Mister Bennetts Gesicht lief augenblicklich dunkelrot an und er warf Jack einen mörderischen Blick zu, bei dem die Luft im Raum förmlich einfror.
      Nachdem ich einen kurzen Augenblick verwundert blinzelte, hob ich anschließend amüsiert eine Augenbraue. "Interessanter Pitch. Ein Kompliment und eine Personalbeschwerde in einem Satz... beeindruckende Zeitersparnis." Ich musterte ihn noch einmal kurz und legte den Kopf leicht schief. "Was meinen Arbeitsplatz angeht, haben wir beide wohl eine unterschiedliche Vorstellung, wo ich sitzen sollte. Offenbar hat sich der Vorstand bereits für die realistischere Variante entschieden. Das erspart uns allen eine Menge Papierkram." Ich drückte seine Hand noch einmal fest, ehe ich mich aus seinem Griff wand. "Und wenn Ihre Entwürfe mit Ihrem Selbstvertrauen mithalten können, werden wir vermutlich ein ziemlich gutes Team."
      Ich spürte, wie sich Bennetts Schnappatmung neben mir minimal beruhigte, auch wenn er immer noch aussah, als würde er Jack gleich eigenhändig erwürgen wollen. Jacks arrogantes Grinsen wirkte für einen Moment ganz leicht eingefroren, während Bennett sich lautstark räusperte. Mein neuer Chef war sichtlich bemüht, die Situation zu retten und mich aus der Schusslinie zu bringen.
      Also verabschiedete ich mich absolut tiefenentspannt, schenkte diesen Kerl ein letztes, zuckersüßes Lächeln und folgte Bennett hinaus auf den Flur.
      Als sich die Bürotür hinter uns schloss, atmete Bennett tief aus und raufte sich verzweifelt die Haare. "Valentina, es tut mir unendlich leid! Ich habe dich gestern noch gewarnt, aber das... das war absolut inakzeptabel. Ich gehe sofort zurück und knöpfe mir diesen Jungen vor!"
      "Machen Sie sich keinen Kopf, Mister Bennett", beruhigte ich ihn und strich kurz über den feinen Strick meines beigefarbenen Cardigans. Ein Typ, der dachte, er könnte mich mit einem billigen Spruch aus dem Konzept bringen, hatte keine Ahnung, wer ich war. Wer jeden Abend ein trotziges Kleinkind bändigt, das seine Zähne nicht putzen will, lässt sich von einem ungezogenen Grafiker nicht einschüchtern. "Gehen Sie ruhig und schütteln Sie ihn ein bisschen durch. Ich finde den Weg zu meinem neuen Reich ab hier ganz allein."
      Bennett nickte dankbar, drehte auf dem Absatz um und marschierte mit schweren, wütenden Schritten zurück zu Jacks Tür.
      Ich sah ihm kurz nach, suchte dann die Tür mit der Aufschrift Creative Director und drückte sie auf. Das Büro war hell, modern und bot einen fantastischen Ausblick. Ich stellte meine cremeweiße Tasche auf den großen, noch völlig leeren Holzschreibtisch und strich über die Oberfläche. Auf dem Schreibtisch... Ich musste leise lachen. Jack mochte talentiert sein, aber er würde ganz schnell lernen, dass seine neue Chefin sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen ließ. Ich klappte mein Tablet auf und loggte mich ins System ein. Jetzt erst recht.
    • Sie konterte. Und das gar nicht mal so schlecht. Pfiffiges Mädchen. Ich grinste sie weiter an, während Bennett sich immer mehr bemühte, die Situation weiter zu entschärfen. Auch wenn ich sie immer noch nicht leiden konnte, gefiel sie mir auf eine Art und Weise. Oh Valentina. Wir werden noch Freude miteinander haben.
      Doch dann entschied mein Chef, nun zu gehen und somit waren beide recht schnell wieder aus meinem Büro raus. Allerdings dauerte es auch gar nicht lange, da kam Bennett allein wieder zurück. Miss Harris hatte er wohl schon im neuen Büro abgesetzt. Na da konnte das Donnerwetter ja kommen.
      "Jack Winston! Bist du denn völlig von Sinnen? Ich glaub es hackt. Was glaubst du, wer du bist, dass du so mit ihr redest? Ich glaube, du brauchst wohl Urlaub. Nur weil du den Job nicht gekriegt hast, brauchst du nicht wie ein Kleinkind die beleidigte Leberwurst zu spielen. Ich erwarte, dass du zu ihr gehst und dich entschuldigst. Hast du verstanden? Und dann zügelst du dich ein wenig, sonst kannst du dir bald eine andere Firma zum terrorisieren suchen. Ich hoffe, das ist dir jetzt klar." BAM! Das hat gesessen! Doch weiß ich, dass er das niemals durchsetzen würde. Ich arbeite hier seit ich mit meinem Studium hier angefangen habe und wir sind hier alle eine kleine Familie. Wir machen ja sogar Ausflüge zusammen. Und außerdem weiß ich zufällig, dass ich hier viel Geld einbringe. Er kann also nicht auf mich verzichten. Trotzdem sollte ich ihn nicht weiter reizen.
      "Ist ja gut, es tut mir leid."
      "Bei ihr sollst du dich entschuldigen!!"
      "Ja doch. Ich bin schon unterwegs.", sagte ich und hob beschwichtigend meine Hände. Dann stand ich auf, umrundete meinen Schreibtisch und ging an Bennett vorbei, um mein Büro zu verlassen. Dieser sah mir verärgert hinterher.

      Ich ging zum Büro, welches meins sein sollte und klopfte. Hab ich ne Lust, das jetzt durchzuziehen.... aber was solls. Was blieb mir sonst übrig?
      Nach einem Herein, trat ich durch die Tür und schloss sie hinter mir. Unaufgefordert setzte ich mich auf einen der Stühle und sah mich um.
      "Hübsches Büro.", fing ich an. Auch wenn da noch nicht so viel los war. Wie denn auch, sie hat es erst vor fünf Minuten bezogen.
      "Bennett schickt mich, um mich bei dir zu entschuldigen. Es tut mir leid, dass ich es so offen gesagt habe. Ich hätte es wohl diskreter machen sollen. Vielleicht, wenn er nicht unbedingt dabei gewesen wäre. Und somit habe ich meinen Job nun getan. Und eigentlich tut es mir auch gar nicht leid, aber das wirst du ja schon mitbekommen haben. Trotzdem fang ich einen Neustart an. Wollen ja nicht ungehobelt sein. Hi, ich bin Jack und einer der Grafiker hier in der Firma. Ich heiße dich herzlich Willkommen im Team. Sie sind hier alle recht freundlich und freuen sich auf dich. Vorallem Jamie. Du wirst sie bald besser kennenlernen. Sie ist wirklich süß. Wenn du Fragen hast, kannst du dich immer an alle wenden, sie helfen dir.", erzählte ich und stand wieder auf.
      "Somit wäre mein Job getan. Ich kehre dann zu meinem Posten zurück, Ma'am!", sprach ich in Soldatensprache udn salutierte.
    • Ich hatte mich gerade erst in das neue System und die Betriebslaufwerke eingeloggt, um mich mit den Arbeitsabläufen vertraut zu machen und mich überall mit meinem Dienstzugang anzumelden, da sah ich von meinem Tablet auf.
      Mein unruhiger Blick glitt aus dem großen Fenster. Meine Gedanken waren sofort zu Mae gewandert. Hatte sie sich mittlerweile etwas beruhigt? War sie gut in ihrer Kindergartengruppe angekommen? Für einen kurzen Moment hatte ich sogar überlegt, ob es albern wäre, nur ein einziges Mal kurz dort anzurufen. Doch ich hatte mich dagegen entschieden. Ich musste daran glauben, dass Mae und ich diesen Tag auch so schaffen würden.
      Ich hatte mich gerade wieder meinen Aufgaben auf dem Bildschirm widmen wollen, als ein festes Klopfen an der Tür die Stille durchschnitt. Ich atmete noch einmal tief durch, zog den feinen Strick meines beigefarbenen Cardigans glatt und rief mit einer sachlichen, aber freundlichen Stimme: "Herein." Gleichzeitig erhob ich mich langsam und elegant von meinem Stuhl, um meinem Besuch auf Augenhöhe zu begegnen.
      Umso überraschter war ich, als plötzlich Jack durch die Tür trat. Ich ließ mir jedoch absolut nichts anmerken. Meine Miene blieb ruhig, während er sich unaufgefordert auf einen der Besucherstühle setzte und anfangen hatte, sein Programm abzuspulen. Er redete sich beinah um Kopf und Kragen. Ich hörte ihm bis zum Schluss einfach nur still zu.
      "Also gut." Ich verschränkte locker die Arme vor der Brust und musterte ihn einen Moment. "Die Entschuldigung war mangelhaft, die Ehrlichkeit überraschend und die Präsentation durchaus kreativ." Ein amüsiertes Lächeln spielte um meine Lippen. "Insgesamt würde ich sagen: solide sechs von zehn Punkten." Ich neigte leicht den Kopf, so dass meine blonden Locken seicht über meinen Rücken und meine Schultern fielen. "Wobei ich zugeben muss, dass Sie ein bemerkenswertes Talent besitzen. Sie schaffen es tatsächlich, gleichzeitig unhöflich, charmant und erstaunlich ehrlich zu sein." Mein Blick blieb ruhig auf ihm liegen. "Ob das eine besondere Begabung oder ein ernsthaftes Problem ist, habe ich noch nicht entschieden." Für einen Moment ließ ich die Worte wirken, bevor mein Lächeln etwas wärmer wurde. "Aber zum Glück muss ich das heute auch nicht." Ich richtete mich ein wenig auf. "Entschuldigung angenommen, konzentrieren wir uns am besten auf das, wofür wir hier sind." Mein Blick wanderte kurz zu seinem Salut. "Immerhin bin ich als Creative Directorin verpflichtet, kreatives Potenzial zu erkennen. Deshalb gebe ich Ihnen die Chance, die fehlenden vier Punkte zurückzugewinnen." Ich hob leicht eine Augenbraue. Bevor das noch zu einer Vorlage für den nächsten Unbedachten Spruch seinerseits wurde. "- Mit den Entwürfen, die Sie mir vorhin so selbstbewusst angekündigt haben." Das Lächeln auf meinen Gesicht wurde zu einen charmanten Schmunzeln. "Nach all dem bin ich nämlich ausgesprochen gespannt, ob Ihre Arbeit mit Ihrer großen Klappe mithalten kann. Mir ist völlig egal, ob Sie mich leiden können oder nicht. Ich bin nicht hier, um Ihre beste Freundin zu werden, sondern um diese Abteilung zu leiten. Mister Bennett hat mir erzählt, dass Sie verdammt gute Arbeit leisten ... und genau das ist das Einzige, was mich interessiert. Ein Neustart klingt also wunderbar. Aber ab jetzt gilt: Wir bleiben professionell." Mit diesen Worten schenkte ich ihm ein absolut faires, aber messerscharfes Lächeln zum Abschied."Lassen Sie mir die Daten einfach direkt nach der Mittagspause zukommen. Ich bin wirklich sehr gespannt darauf. Und jetzt: Wegtreten."
    • Was war das? Sechs Punkte? Wo sind wir hier, in der Schule? Ich glaub, ich spinne. Ich pfeif auf ihre vier Punkte. Diese Pute. Ich sollte eher auf diesem Stuhl sitzen. Und dann kommt sie und hält sich für was Besseres. Pah. Blöde Gans. Das wird hier sicherlich kein gutes Ende für uns beide nehmen. Entweder sie ging oder ich. Da sollte sich Bennett aber ordentlich Gedanken machen. Denn ich war einer derjenigen, der hier am meisten Geld einbrachte. Doch, ich ließ meine Wut sicherlich nicht nach außen dringen.
      "Was für ein Glück ich doch habe, so eine Chefin zu haben. Vielleicht kommst du doch mal zu mir auf den Schreibtisch.", grinste ich im sarkastischen Ton, als sie zu Ende sprach und verließ ihr Büro.
      In mein Eigenes angekommen, setzte ich mich seufzend in den Stuhl und schloss kurz die Augen. Ich war immer noch wütend auf Bennett. Sollte er doch auf Knien zu mir gekrochen kommen. Ja. Betteln soll er. Ts.
      Ich machte mein Projekt weiter und war tatsächlich fast fertig. Da Harris nun meine Chefin war, musste ich natürlich hören, wenn sie sagte, sie wolle meine Arbeit sehen. Auch wenn es nicht nach der Mittagspause war. Ich war immerhin keiner dieser treudoofen Hunde, die alles für ihr Herrchen machten. Eigentlich zeigte ich es auch erst, wenns fertig ist. Aber was solls? Sie war neu und dann durfte man neugierig sein. Ich schickte ihr also mein Projekt zu und lehnte mich dann nochmal nach hinten. Laut gähnte ich und behielt die Dreistigkeit, meine Hände unten zu lassen. Mich sah eh niemand.
      Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich Feierabend hatte. Ich fuhr alles herunter, zog mir meine Lederjacke an, schnappte mir meinen Helm und stand auf. Ich überlegte kurz, ob ich mich abmelden sollte, entschied mich dann auch dafür. Bei Bennett hatte ich mich auch immer abgemeldet. Leise öffnete ich ihr Büro.
      "Ich habe alles rübergeschickt. Ich mach jetzt Feierabend.", sagte ich und verließ das Gebäude. Ich sah noch einmal zur Tür, ehe ich meinen schwarzen Helm aufsetzte, ich mich rittlings auf meine Maschine schmiss und den Motor startete. Den Motor laut aufhellen fuhr ich los Richtung meiner einsamen Wohnung.
    • Ich schüttelte leicht den Kopf und konnte mir ein amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen, während mein Blick ihm zur Tür folgte. "Und da dachte ich gerade, wir hätten einen professionellen Fortschritt erzielt. Sie wissen schon, für einen Kreativen greifen Sie erstaunlich häufig auf dieselbe Idee zurück." Ich setzte mich langsam wieder auf meinen Schreibtischstuhl. "Ich würde Ihnen tatsächlich empfehlen, das Konzept langsam zu überarbeiten. Es verliert an Wirkung, wenn man es ständig wiederholt." Leicht seufzend ließ ich meinen Blick über die Aufzeichnung auf meinen Arbeitstablet schweifen. "Wenn Ihre Entwürfe nur halb so hartnäckig wären wie Sie, hätten wir vermutlich längst mehrere Branchenpreise gewonnen." Dann lächelte ich freundlich. "Und genau deshalb interessiert mich auch deutlich mehr, was auf Ihrem Schreibtisch liegt, als wer darauf sitzt." Ich nickte ihm in Richtung Flur zu. "Also zurück an die Arbeit, Mister Winston. Ich warte noch immer auf die Entwürfe." Damit wandte ich mich wieder meinem Bildschirm zu, als wäre die Angelegenheit für mich längst erledigt.
      Als die Tür ins Schloss fiel, atmete ich tief aus und ließ die Schultern ein Stück sinken. Ich war es gewohnt, in dieser Branche von stolzen Männern nur auf mein Geschlecht und meine äußere Erscheinung reduziert zu werden, statt dass mir irgendjemand Fleiß und Talent zusprach. Es war immer dasselbe Spiel. Aber ich durfte mich davon nicht verbittern lassen. Ich strich mir über den feinen Strick meines Cardigans und schloss für einen Moment die Augen. Ich mache das hier für Mae, rief ich mir ins Gedächtnis. Nur für Mae.
      Mit diesem Gedanken im Hinterkopf verging der restliche Nachmittag wie im Flug. Ich grub mich tief in die Agenturstrukturen ein, um den Tag schnell, reibungslos und weiterhin absolut professionell über die Bühne zu bekommen. Irgendwann ploppte eine Mail von Jack auf ...er hatte mir die Handy-Entwürfe tatsächlich rübergeschickt. Ich überflog sie kurz und musste zugeben, er besahs eine gewisse Art seine Visionen in Szene zu setzen. Etwas eigen und durchaus unkonventionell aber gerade deshalb auch erfrischend ansprechend.
      Es war kurz vor vier, als die Bürotür ohne anzuklopfen einen Spalt geöffnet wurde. Jack steckte den Kopf herein, bereits in seiner schweren Lederjacke und den Motorradhelm in der Hand. Er meinte jetzt Feierabend zu machen, wartete gar keine Antwort ab und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Kurz darauf hörte ich draußen auf dem Parkplatz das aggressive, laute Aufheulen eines Motorradmotors. Ich schmunzelte leise, packte meine cremeweiße Stepptasche und machte mich ebenfalls auf den Weg. Der wichtigste Teil meines Tages wartete jetzt auf mich.

      Als ich den Flur des Kindergartens betrat, zog sich mein Herz schmerzhaft zusammen. Mae saß ganz allein auf einem kleinen Holzstuhl neben der Gruppentür. Sie hatte ihren Plüschhasen so fest an sich gedrückt, dass seine Ohren völlig zerknautscht waren. Sobald sie das Klacken meiner Schuhe hörte und aufsah, schossen ihr augenblicklich die Tränen in die Augen.
      "Auntie!", schluchzte sie auf, sprang vom Stuhl und rannte los. Sie flüchtete regelrecht in meine Arme. Ich fing sie auf, ging in die Knie und drückte ihr kleines, warmes Paket ganz fest an mich, während sie ihr Gesicht an meinem Hals vergrub und leise weinte. Ich strich ihr in langen, beruhigenden Bewegungen über die blonden Locken und wiegte sie sanft hin und her. "Pshhh, ich bin ja da, mein Schatz.", flüsterte ich ihr ins Ohr und küsste ihre Schläfe, bis sich ihr Schluchzen in ein leises Schniefen verwandelte. Ich löste mich ein Stück von ihr, wischte ihr mit dem Daumen die Tränen von den Wangen und sah sie lächelnd aus meinen blauen Augen an. "Weißt du was? Du warst heute so unglaublich tapfer. Schaffst du es wohl noch, mit mir einkaufen zu gehen? Du darfst dir heute ganz allein aussuchen, was es zu Essen gibt. Alles, was du willst." Das wirkte Wunder. Maes Augen weiteten sich und das träumerische, fröhliche Kind in ihr blitzte sofort wieder durch. "Nudeln mit Tomatensoße! Und... und diese kleinen Würstchen drin!", forderte sie mit einem breiten, noch etwas wackeligem Grinsen. "Dein Wunsch ist mir Befehl, Eure Hoheit", scherzte ich und nahm sie an die Hand.
      Der Einkauf wurde zu unserem kleinen Triumphzug nach diesem langen Tag. Mae saß stolz im Einkaufswagen, hielt die Packung Buchstabennudeln wie einen wertvollen Schatz umklammert und dirigierte mich lautstark durch die Gänge. Beim Vorbeigehen am Kühlregal schnappte sie sich noch zielsicher eine Packung Erdbeer-Pudding mit Sahnekrone. Ich versuchte gar nicht erst, die strengen Erzieherinnen-Grenzen zu ziehen ... heute hatten wir uns den Seelentröster beide verdient.

      Zuhause angekommen, war die schwere Luft des Morgens endgültig verflogen. Die Wohnung roch schon bald herrlich nach warmer Tomatensoße. Während das Essen auf dem Herd vor sich hin blubberte, half Mae mir eifrig dabei, den Tisch zu decken, indem sie die Servietten ...hmmm... nennen wir es einfach ... kunstvollneben die Teller legte.
      Als wir schließlich zusammen auf dem Sofa saßen, die leeren Nudelteller auf dem Couchtisch und Mae den restlichen Erdbeerpudding von ihrem Löffel leckte, spürte ich eine tiefe, wohlige Erschöpfung. Sie kuschelte sich eng an meine Seite und sah mich mit ihren großen Augen an. Das Büro und der neue Job waren in diesem Moment meilenweit weg. Das hier war meine Realität. Und für diese Realität würde ich morgen wieder mit erhobenem Haupt in dieses Büro spazieren.
    • Ich düste im rasanten Tempo durch die Stadt, fuhr recht aggressiv an den Autos vorbei, die mich empört anhupten und kam ziemlich verschwitzt an meiner Wohnung an. Es war eine recht kleine Wohnung, ohne viel Schnickschnack. Nachdem ich meine Maschine in einer Garage geparkt hatte, ging ich rein umd sah mich um. Meine Wohnung war ziemlich einfach eingerichtet mit einem nicht sehr großem Wohnzimmer, einer Kochnische, einem kleinen Schlafzimmer und einem Bad. Da ich auch nie Besuch hatte, lag hier und da mal ein Kleidungsstück wie ein T-Shirt und eine Hose und der Teller von gestern abend, auf dem noch Pizza-Krümel zu finden waren. Sie war also wie immer einsam und verlassen. Aber damit konnte ich leben. Nach diesem beschissenen Tag brauchte nun wirklich niemanden, der mich noch volllaberte. Ich zog meine Jacke aus und überlegte, ob ich nochmal rausging. Warum eigentlich nicht?
      Ich schloss kurz die Augen und als ich sie wieder öffnete, sah ich mich in Katzengestalt wieder. Ich schlüpfte aus meiner auf den Boden liegen gebliebenen Kleidung und huschte durch meine selbsteingebaute Katzenklappe hinaus ins Freie. Ich atmete die frische Luft ein und beschloss, mich ein bisschen abzulenken. Gerade als Kater gelang es mir eigentlich immer sehr gut. Aufmerksam sah ich mich um. Nagut, schauen wir mal, was wir heute so finden.
      Ich streifte durch die Stadt, über die Straßen, zwischen den Stühlen irgendwelcher Kneipen und durch den Park, in dem ich ein paar Vögel jagen ging. Dummerweise fing ich keinen Einzigen. Heute war echt nicht mein Tag....
      Die Zeit verging und ich kam irgendwann an einer Wohngegend an, wo es schon ein wenig ruhiger war als mitten in der Stadt. Hier war ein kleiner Garten. Mit Rutsche und Sandkasten. Na klasse. Hier wohnte wohl ein Kind. Eigentlich mochte ich Kinder. Ich wär bestimmt irgendwann bereit für ein eigenes. Eine süße kleine Prinzessin, die man bis aufs Äußerliche verwöhnen kann. Das wär schon echt süß. Aber heute war ich einfach nur noch kaputt.
      Ich wollte gerade neugierig nachsehen, welches Kind hier wohnte, als ein Tropfen auf meine Nasenspitze runter kam. Verwirrt sah ich hoch und erblickte eine riesige, graue Regenwolke oben am Himmel. Holy Shit. Nach Regen sah das aber eben nicht aus. Und während der einzelne Tropfen nur der Tropfen auf dem heißen Stein war, machte die Wolke ihre Warnung war und es kam gleich ein ganzer Regenguss runtergeprasselt. Scheiße! Ich rannte los und suchte Schutz auf einer Terrasse, die mit Stühlen und Tischen ausgestattet war. Ebenfalls war da auch ein Glasdach, welches mir ein bisschen Schutz vorm Regen darbot. Ich setzte mich auf einen der Stühle und rollte mich ein, in der Hoffnung, der Regen würde bald wieder aufhören. Schließlich musste ich ja irgendwann auch wieder nach Hause. Ich wollte nicht unbedingt in einem fremden Garten übernachten....
    • Während der Regenguss unbarmherzig auf das gläserne Terrassendach prasselte, lief drinnen in der gemütlichen, warmen Wohnung das volle Verwöhnprogramm. Wir hatten es uns mit Decken auf dem Sofa bequem gemacht und schauten "Rapunzel - Neu verföhnt". Mae liebte den Film. Normalerweise saß sie bei den Liedern laut mitsingend auf den Kissen, doch heute war sie seltsam abgelenkt. Immer wieder wandte sie den Blick von der Leinwand ab und starrte mit besorgten, großen Augen durch die Balkontür nach draußen in die Dunkelheit, wo der Sturm die Blätter auf unserer kleinen Terrasse herumwirbelte.
      "Möchte die Prinzessin noch eine königliche Portion Popcorn?", fragte ich sie lächelnd und strich ihr über die Haare. Sie nickte nur stumm, ihre Gedanken ganz woanders.
      Ich erhob mich, zog die Kuscheldecke noch einmal für sie glatt und ging in die Küche, um die nächste Ladung in die Mikrowelle zu schieben. Das laute Ploppen der Maiskörner füllte die Küche, während der süße Duft von warmem Popcorn langsam durch die Wohnung zog. Ich schüttelte den Topf noch einmal kurz auf der Herdplatte und lächelte. Nach diesem anstrengenden Tag war dieser friedliche Abend genau das, was wir beide gebraucht hatten.
      Als ich mit der dampfenden Schüssel zurück ins Wohnzimmer trat, war das Sofa jedoch leer. "Mae?", rief ich leise und sah mich suchend um. Rapunzel lief auf dem Bildschirm munter weiter, aber meine kleine Nichte war nirgends zu sehen. Ein plötzlicher, kalter Luftzug ließ mich frösteln. Ich blickte zur Terrasse und bemerkte sofort, dass die Schiebetür einen Spalt breit offen stand.
      Erschrocken stellte ich die Schüssel auf dem Couchtisch ab und eilte leisen Schrittes zum Fenster. Drüben an der Schwelle saß Mae auf den Knien, völlig versunken in ihre eigene Welt. Sie hatte sich klammheimlich zu unseren Vorratsschrank geschlichen, denn in ihren kleinen Händen hielt sie triumphierend ein Stück von meinem Räucherlachs, den ich eigentlich für mein Frühstück eingeplant hatte.
      Ich wollte gerade sanft schimpfen und sie wieder ins Warme holen, da hielt ich inne. Mae streckte den Arm weit hinaus in den strömenden Regen, genau unter das schützende Glasdach der Terrasse, und lockte etwas an.
      "Pspsps... Komm her, kleines Kätzchen", flüsterte sie mit dieser unglaublich sanften, träumerischen Stimme, die sie nur benutzte, wenn sie sich vollkommen sicher fühlte. "Musst keine Angst haben. Ist ganz frisch. Auntie merkt das bestimmt nicht..."
      Ich trat einen Schritt näher ans Glas und entdeckte den Grund für ihren nächtlichen Ausflug. Auf einem unserer Terrassenstühle saß ein Häufchen Elend: Ein ziemlich großer, klatschnasser Kater hatte sich dort im Trockenen zusammengerollt. Das Tier wirkte trotz des durchnässten Fells seltsam stattlich, starrte Mae aus auffällig klugen, grünen Augen an und schnupperte bereits hochinteressiert in Richtung des Lachses.
      Ein warmes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Zu sehen, wie mein sonst so ängstliches, kleines Mädchen in meiner Nähe so viel Mut bewies und sich rührend um ein frierendes Tier kümmerte...oooohhh. Ich schlich mich von hinten an sie heran, kniete mich leise hinter sie auf den Boden und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. Mae zuckte kurz zusammen und sah mich mit ertappten, großen Augen an. "Er friert doch so, Auntie", flüsterte sie sofort entschuldigend und deutete mit dem Lachs auf den pelzigen Gast. "Und er bestimmt ganz großen Hunger." Eigentlich konnte ich ihr einfach nicht böse sein, erst recht nicht wegen des Lachses. Ich strich ihr über die blonden Locken und zog sie ein Stück näher an mich heran, um sie vor dem kalten Wind zu schützen, der durch den Türspalt hereinwehte. Doch ein nasser, wildfremder Streuner auf meinen Polstermöbeln? Meine Begeisterung hielt sich ehrlich gesagt in sehr engen Grenzen. Gott weiß, wo der Kater sich vorher herumgetrieben hatte oder ob ihn jemand vermisste. "Mae, Süße, ich weiß nicht...", setzte ich mit gedämpfter Stimme an und wollte sie schon sanft von der Schwelle wegziehen. "Der Kater gehört bestimmt jemandem und ist wildfremd. Wir können ihn nicht einfach so..." ,sie ließ mich jedoch nicht einmal weiter argumentieren. "Aber Auntie, schau doch mal!", unterbrach sie mich mit einem herzergreifenden, flehenden Flüstern. Sie drehte ihr Gesicht zu mir, und ihre großen Augen füllten sich sofort wieder mit diesen gefährlichen, glänzenden Tränen, die mir das Herz schwer machten. "Es regnet ganz fest und er hat niemanden. Der hat doch auch Angst im Dunkeln. Bitte, Auntie! Nur für übernachten. Er darf auch auf meiner Decke schlafen. Bitte, bitte!"
      Sie klammerte sich an meinen Arm und sah mich so bitterlich bittend an, dass meine mütterlichen Schutzinstinkte sofort die Oberhand gewannen. Nach dem emotionalen Drama am Morgen im Kindergarten brachte ich es einfach nicht übers Herz, ihr diesen sehnlichen Wunsch abzuschlagen. Außerdem bewies sie gerade so viel Mut ... dieses träumerische, mitfühlende Kind durfte jetzt nicht enttäuscht werden.
      Ich atmete tief durch, sah von Mae zu dem nassen Pelzhaufen auf dem Stuhl und gab mich geschlagen. "Na gut", raunte ich leise und hob beschwichtigend die Hände. "Aber wir machen einen Deal, kleine Prinzessin: Wenn das Kätzchen freiwillig zu dir reinkommt und sich von dir anlocken lässt, darf er für die Nacht hier im Warmen bleiben. Aber wir bedrängen ihn nicht, abgemacht?"
      Maes Gesicht hellte sich augenblicklich auf. Ein riesiges, glückliches Strahlen breitete sich auf ihren Wangen aus. "Abgemacht!", flüsterte sie aufgeregt.
      Sie wandte sich sofort wieder dem Türspalt zu, hielt den Räucherlachs noch ein Stückchen weiter nach draußen und gab sich alle Mühe, die geduldigste und liebste Katzen-Anlockerin der Welt zu sein. "Komm her, feines Kätzchen... schau mal, was ich hier habe...", säuselte sie mit Engelszungen.
      Ich blieb hinter ihr hocken, hielt sie schützend am Becken fest und beobachtete mit skeptisch gehobener Augenbraue den klatschnassen, stattlichen Kater, der nun langsam seine Ohren spitzte und seine grünen Augen fest auf Mae... oder wohl eher auf mein Frühstück richtete.
    • Mistwetter. Ich hätte wirklich vorher in den Wetterbericht sehen sollen. Nein, natürlich musste ich so schnell wie möglich als Kater rumstromern und dann hier auch noch auf irgendeiner Terrasse landen. Hoffentlich wohnt hier keine Familie, die Tiere verabscheut, weil das Kind eine Allergie haben könnte oder weil sie denken, dass ich gemeingefährlich war. Ja, ich hatte schon öfter irgendwelche Begegnungen. Kein Wunder also, dass meine tierischen Mitbürger so vorsichtig und scheu waren. Mir war das alles auch nicht geheuer. Ich atmete einmal durch und hörte dann, wie die Tür aufgeschoben wurde. Zwar zuckte ich kurz zusammen, blieb aber auf dem Stuhl liegen. Ich wollte abwarten, ob die Erwachsenen gleich wutentbrannt rauskamen und mich verscheuchten.
      Ein kleines Mädchen mit großen, neugierigen Augen sah zur Tür heraus. Scheiße, war die niedlich. So klein und unschuldig. Mein Herz schmolz weg. Und diese blonden Locken. Da konnte man doch nicht einfach weglaufen. Ich blieb aber trotzdem besser noch auf Entfernung. Gleich kam sicher der Vater wutentbrannt, was mir denn einfallen würde, sich seiner Prinzessin zu nähern. Ihr fehlte wirklich nur noch das Krönchen und ein süßes rosanes Kleid.
      Sie hielt mir ihre Hand hin. Hatte sie da... Lachs? Ich schluckte und leckte mir über das Mäulchen. Es roch wirklich lecker. Ob ich doch gehen sollte? Leider merkte ich erst jetzt, dass ich länger nichts mehr gegessen hatte. Mist. Und dann ausgerechnet Lachs. Die Kleine wusste, wie man einen Kater am besten anlockt. Auch wenn ich mich etwas beleidigt fühle. Kleines Kätzchen. Ich war doch kein Kind mehr. Doch dann tauchte doch noch jemand auf. Die Mutter? Äh.... Harris?! Nicht dein Ernst. Ich konnte überall landen und dann ausgerechnet bei ihr?! Vielleicht sollte ich doch lieber gehen. Aber.... die Kleine....
      Ich stand auf. Ew, alles ekelhaft nass. Ich schüttelte mich kurz um das restliche Wasser aus meinem Fell zu bekommen und überlegte kurz. Es war Lachs.... vielleicht... nur dran riechen? Ich kam näher. Und es roch lecker. Nur ein Bissen. Und eine Nacht im Warmen zu haben, während es weiter regnet klingt auch nicht schlecht. Ich muss nur morgens irgendwie.... vielleicht kann ich nachts irgendwie verschwinden, wenn die Kleine schläft. Ich entschloss mich also, reinzugehen. Nachdem der Lachs in den Händen des Mädchens alle waren, ging ich vorsichtig zu ihr und sah nach, ob sie nicht vielleicht doch noch etwas Lachs bei sich hatte. Leider Fehlanzeige. Ich ging zu... was sagten sie? Mae? Und stupste meine feuchte Nase an ihren Arm. Ob sie oder ihre ähm Auntie ein Handtuch hätte? Auntie. Scheiße, wie süß will man bitte sein? Ich könnte sie an mich knuddeln. Ich hab mich echt verliebt in die Kleine. Schade, dass sie so eine blöde Tante hatte.

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    • Ich richtete mich langsam auf, stämmte die Arme in die Hüften und stieß ein leises Seufzen aus, während ich beobachtete, wie bezaubernd sich Mae über das plötzliche Vertrauen des Tieres freute. Na toll. Dann gab es morgen wohl kein Lachs-Avocado-Toast mit geröstetem Sesam und Chili-Öl zum Frühstück für mich. Aber Maes helles Lachen und das glückliche Leuchten in ihren Augen waren diesen kulinarischen Verlust mehr als wert. "Ich hole ein Handtuch und den restlichen Lachs, Mae. Bleib genau so sitzen, ja?", flüsterte ich und huschte kurz ins Bad und zu dem Vorratsschrank.
      Währenddessen ließ Mae den stattlichen Kater erst noch einmal ausgiebig an ihrer kleinen Patschehand schnuppern. Als die feine Nase des Tieres ihren Arm berührte, kicherte sie leise, ehe sie anfing, vorsichtig sein durchnässtes Fell zu streicheln und ihn schließlich behutsam in den Arm zu nehmen.
      "Brrr... nass... und warm...", murmelte sie versonnen und kraulte ihn hinter den Ohren, genau in dem Moment, als ich mit den Sachen zurückkehrte.
      Ich musste unwillkürlich leise lachen, als ich das ungleiche Paar sah. Ich kniete mich neben das Kind und den Kater, öffnete die restliche Packung und hielt dem Tier die feinen Fischstreifen hin. Vorsichtig fing ich mit der anderen Hand an, Mae mit dem Handtuch die nassen Beine und Arme abzutupfen. Bei dem Anblick des scheinbar sichtlich zufriedenen Katers beschlich mich allerdings leise Sorge. Wie um Himmels willen sollte ich die Kleine morgen dazu bekommen, dieses fremde Tier wieder gehen zu lassen? Ich fürchtete jetzt schon die bitteren Tränen meiner kleinen Nichte, wenn der Abschied anstand.
      Nachdem Katze und Kind fürs Erste grob trocken gelegt waren und der Lachs bis auf den letzten Krümel im Katzenmagen verschwunden war, schloss ich die Terrassentür komplett. "So, ab aufs Sofa mit euch. Ich räume das hier kurz weg", wies ich die beiden an.
      Ich brachte das Handtuch in die Wäsche und ging in die Küche. Da mein geliebtes Lachs-Frühstück nun offiziell gestrichen war, musste ich mir jetzt zumindest einen Chia-Pudding für morgen früh ansetzen, damit er über Nacht im Kühlschrank quellen konnte. Während ich die Samen mit Mandelmilch und einem Hauch Vanille verrührte, lauschte ich aufmerksam den Geräuschen aus dem Wohnzimmer. Es war erstaunlich ruhig... keine Fluchtversuche des Katers, kein ängstliches Quieken von Mae.
      Als ich schließlich mit meiner eigenen, mittlerweile etwas abgekühlten Schüssel Popcorn ins Wohnzimmer zurückkehrte, bot sich mir ein Bild, das mein Herz endgültig schmelzen ließ.
      Mae saß mit dem Kater glücklich kuschelnd auf der Couch. Sie hatte ihn halb auf ihren Schoß gezogen und erzählte ihm in epischer Breite so ziemlich alles, was sie in den letzten zwanzig Minuten des Films verpasst hatte, als würde das Tier jedes einzelne ihrer Worte verstehen. Sie gestikulierte mit einer Hand, während die andere besitzergreifend im Fell des Katers vergraben war.
      "...und dann hat Rapunzel seine Hand genommen, weißt du? Und die Haare haben ganz toll geleuchtet!", plapperte sie munter darauf los. Der Kater lag einfach nur da, blinzelte träge mit seinen großen, grünen Augen und schien sein royales Wellnessprogramm irgendwie zu genießen. Ich setzte mich leise an das andere Ende des Sofas, beobachtete das Spektakel schmunzelnd und dachte mir, dass dieser verrückte Tag trotz allem ein ziemlich perfektes Ende gefunden hatte.
    • Ich musste zugeben: Mir gefiel es gar nicht, dass Harris hier wohnte. Doch bei der Kleinen konnte ich einfach nicht Nein sagen. Behutsam nahm sie das Handtuch und trocknete mich ebenfalls ein bisschen ab. Ich konnte zwischenzeitlich nicht mal was sehen, weil das Handtuch über mein Gesicht hang. Nachdem wir fertig waren, putze ich mich selbst trocken. Das meiste war ja schon so wie trocken. Mae setzte sich aufs Sofa und ich folgte ihr. Gemütlich legte ich mich zu ihr, was ihr wohl noch nicht genug war, denn sie zog mich noch weiter auf ihren Schoß. Irgendwas lief im Fernsehen. Doch hatte ich echt kein Plan, was kleine Mädchen so alles anschauen. Ich wurde jedoch eines Besseren belehrt, als sie mir erzählte, was sie alles gesehen hatte. Neugierig sah ich sie dabei an. Sie konnte viel erzählen. Sehr viel erzählen. Über Haare. Leuchtende Haare. Blendet das nicht?
      Auch Harris setzte sich wieder auf das Sofa. Mit viel Abstand. Ist auch gut so. Ich konnte mir besseres vorstellen, als mit dieser Frau meinen Feierabend zu verbringen. Ich war eigentlich unterwegs, um abzuschalten....
      Langsam legte ich meinen Kopf auf Maes Schoß und grübelte. Sie hat sicherlich wegen der kleinen Prinzessin den Job angenommen. Aber was war dann vorher gewesen? Ich war neugierig, was da los gewesen ist. Ich wollte mehr über Maes Geschichte wissen. Eine Hand legte sich auf meinen Kopf und kraulte ihn. Strich durch mein Fell und ich fing an zu schnurren. Ich wusste gar nicht, dass es sich so gut anfühlen konnte. Ich streckte meine Glieder und genoss es, weiter von ihr gestreichelt zu werden. Schade, dass ich morgen wieder arbeiten musste. Aber dann konnte ich Harris immerhin weiter auf die Nerven gehen. Vielleicht kündigte sie dann von selbst.
    • Ich betrachtete die beiden noch eine Weile, während das sanfte, tiefe Schnurren des Katers den Raum erfüllte. Es war schon fast magisch, wie dieses sonst so schüchterne Tier unter Maes kleinen Händen regelrecht dahinschmolz und alle Viere von sich streckte. Doch ein Blick auf die Uhr holte mich unbarmherzig in die Realität zurück. Halb neun. Für eine Vierjährige war die Schlafenszeit längst überschritten. "Also gut, meine Damen und Herren", sagte ich, klatschte leise in die Hände und setzte meine beste, liebevoll-strenge Chefin-Stimme auf. "Die Audienz ist für heute beendet. Ab ins Bett, kleine Prinzessin." Mae sah mich mit einem extrem strategischen Schmollmund an. "Och, Auntie... nur noch ein ganz kleines bisschen? Der Kater hat mir noch gar nicht erzählt, wie er heißt." Ich unterdrückte einen leisen Seufzer. "Der Kater schläft ab jetzt auch", entgegnete ich kompromisslos, stemmte die Hände in die Hüften und warf dem pelzigen Gast einen vielsagenden Blick zu. "Und wenn er sich nachts nicht benimmt, schläft er morgen wieder im Regen. Also, Zähneputzen, Marsch marsch!"
      Gezwungenermaßen trottete Mae ins Badezimmer, nicht ohne sich alle zwei Sekunden nach ihrem neuen besten Freund umzusehen. Zu meiner Überraschung folgte der Kater ihr wie ein kleiner, majestätischer Schatten. Als Mae schließlich in ihrem hellblauen Pyjama im Bett lag, sprang das Tier ohne langes Fackeln ans Fußende, rollte sich dort wie ein dicker, pelziger Kreis zusammen und hielt die grünen Augen wachsam auf mich gerichtet. "Darf er da bleiben, Auntie? Bitte", murmelte Mae, deren Augenlider schon sichtlich schwer wurden.
      Ich seufzte leise, strich ihr die blonden Locken aus der Stirn und gab ihr einen Kuss auf die Wange. "Nur für diese eine Nacht, Schatz. Schlaf gut." Es dauerte keine Minute, bis ihr Atem tief und gleichmäßig ging. Sie war vollkommen erschöpft eingeschlafen, eine Hand schützend in die Richtung des Katers gestreckt. Ich nutzte die Chance und schlich dann leise aus dem Zimmer.
      Am nächsten Morgen erwachte ich noch vor dem Wecker. Das erste, was ich tat, war ein vorsichtiger Blick in Maes Zimmer. Das Bett war ordentlich zerwühlt, Mae schlief noch tief und fest ...doch vom Kater fehlte jede Spur. Die Terrassentür im Wohnzimmer war absolut dicht, aber ein kurzes Absuchen der Wohnung bestätigte meinen Verdacht: Der Streuner war weg. Wahrscheinlich hatte er das gekippte Badezimmerfenster oder einen winzigen Spalt genutzt. Ein leiser Seufzer der Erleichterung entwich mir. Kein Abschiedsdrama für Mae.
      "Guten Morgen, Schlafmütze", weckte ich meine Nichte sanft. Wir machten uns gemeinsam zurecht. Ich half ihr in ihre Lieblingsjeans, bändigte ihre wilden Locken zu zwei kleinen Zöpfen und drückte ihr in der Küche ein schnelles Müsli in die Hand, während ich meinen Chia-Pudding hinunterschlang. Als sie nach dem Kater fragte, erklärte ich ihr ruhig, dass er ein kleines Abenteuer-Kätzchen sei und morgens wieder zu seiner Familie zurückmusste. Zu meiner Erleichterung nickte sie nur weise. "Er hat bestimmt auch eine Auntie, die ihn vermisst hat", stellte sie fest. Mein Herz wurde ganz warm.
      Der Abschied im Kindergarten verlief heute um Welten besser. Sie klammerte sich zwar noch kurz an mein Bein, ließ sich dann aber von ihrer Erzieherin mit einem stolzen Bericht über den "Riesen-Kater" von letzter Nacht ablenken.
      Mit einem ungemein freien Kopf und einer großen Portion Vorfreude betrat ich kurz darauf die Werbeagentur. Das morgendliche Gemurmel auf den Fluren verstummte kurz, als ich vorbeiging, aber ich grüßte höflich und steuerte direkt mein neues Reich an. Gestern war Chaos, heute war Struktur.
      Ich schlosst die Tür meines Büros hinter mir und atmete den Geruch von frischer Farbe und Kaffee ein. Die nächste Stunde verbrachte ich damit, mich einzurichten. Der Raum war von vornherein professionell und modern mit minimalistische Designermöbel, ein großer iMac und gedeckte Farben. Doch um es wirklich zu meinem Büro zu machen, brauchte es eine persönliche Note.
      Auf dem Sideboard arrangierte ich drei schlichte, schwarze Bilderrahmen. Das größte Foto zeigte Mae und mich im letzten Sommer, beide über das ganze Gesicht strahlend. Daneben stellte ich eine gerahmte Zeichnung, die Mae mir letzte Woche geschenkt hatte: Ein wildes Gekritzel aus bunten Farben, das laut ihrer Aussage 'Auntie bei der Arbeit' darstellte. Ich musste unwillkürlich lächeln, als ich das Bild gerade rückte. Ich schaltete den Computer ein, ordnete meine Notizblöcke parallel zur Tastatur an und stellte meine Kaffeetasse bereit. Jetzt war ich bereit. Ich war die Creative Directorin dieser Agentur, und es wurde Zeit, einen Blick auf Jacks Entwürfe zu werfen, die er mir gestern so arrogant angekündigt hatte. Mal sehen, was der Tag bringt.
    • Ich bin irgendwann in der Nacht nach Hause gekommen. Habe nicht auf die Uhr gesehen. Ich duschte mich noch kurz und lag nun rücklings in meinem Bett. Meine Arme dienten als Kopfkissen, obwohl trotzdem eins drunter lag, meine Decke bis über den Bauchnabel hoch gezogen und ich starrte an die Decke. Ich dachte über Mae nach. Die Kleine war wirklich zuckersüß. Sie hatte mir viel erzählt, auch wenn ich nicht verstanden habe, wovon sie gefaselt hatte. Irgendwas von dem Film, der im Fernsehen lief. Aber egal, was sie erzählte, man konnte ihr nicht widerstehen. Ihre Augen, die mich anstrahlten, funkelnd wie viele kleine Sterne, die sich auf dem Meer spiegelten. Und Harris, ihre "Auntie", kümmerte sich wirklich rührend um sie. Ich grinste. Am liebsten würde ich sie damit aufziehen. Aber dann würde ich nur als Stalker hingestellt werden. Ganz sicher nicht. Ich wär auch liebend gern noch länger geblieben.... aber dann käme ich zu spät zur Arbeit. Und es musste früh genug sein, wenn noch alles schläft, weil meine Kleidung sich ja nun mal nicht mitverwandelt. War ein bisschen unangenehm, nackt aus dem Haus zu schleichen. Aber was solls...? War ja nur kurz. Mich hat sicherlich niemand gesehen. Leise seufzend drehte ich moch zur Seite, ein Arm immer noch unter dem Kopf. Wenn ich schlau war, meidete ich dieses Haus in Zukunft und ging besser nie wieder hin. Aber ich wusste auch, dass ich dumm bin. Ich wollte wieder zurück. Ich hab mich ja schon etwas in dieses zuckersüße Wesen verliebt. So eine Tochter hätte ich auch gern. Müde lächelte ich. Dann schloss ich meine Augen und schlief ein.

      Am nächsten Morgen saß ich gähnend in meinem Büro. Meine Nacht war natürlich viel zu kurz, weil ich ja nicht wie gewohnt mit meiner Maschine heimfahren konnte. Ich musste laufen. In Katzengestalt. Dauert auch noch alles. Als Mensch wär ich sicherlich in der Klappse gelandet.
      Mit meinem Kaffee saß ich vor dem Bildschirm und arbeitete an einem weiteren Projekt. Wie cool wäre das, wenn ich für BMW oder Kawasaki ein Projekt starten könnte. Vielleicht auch ein paar Modelle fahren. Wär echt abgefahren.
    • Es klopfte leise an der Tür, und Bennetts Assistentin trat vorsichtig herein. In der Hand hielt sie einen dampfenden Cappuccino, dessen cremiger Milchschaum mit einem kunstvollen kleinen Herz verziert war. Sicher dass sie sich nicht im BÜro geirrt hatte?
      "Guten Morgen, Miss Harris. Ein kleiner Energieschub für den Start in den Tag", sagte sie lächelnd und stellte die Tasse behutsam auf meinem Schreibtisch ab, genau neben den frisch ausgerichteten Notizblöcken. Ich hatte keinen Kaffee bestellt und wenn konnte ich ihn mir auch selbst machen. Was war hier los? Hatte Bennett sie dazu verdonnert mir einen zu machen? "Guten Morgen. Vielen Dank, das ist im Moment absolut goldwert", erwiderte ich mit einem dankbaren Lächeln. Wow... sogar mit Haselnusssirup. Er war echt bemüht das Schauspiel von gestern wieder gut zu machen.
      Als sie das Büro wieder verlassen hatte, nahm ich einen ersten, wohltuenden Schluck, genoss die cremige Wärme und wandte mich dann meinem großen, hochauflösenden Bildschirm zu. Mit einem leisen Klicken öffnete ich die verschiedenen Projektordner, die gestern Nachmittag auf dem Server geladen worden waren. Ich lehnte mich in meinem neuen Bürostuhl zurück, legte die Fingerspitzen aneinander und ging die Entwürfe meiner neuen Abteilung der Reihe nach durch. Hier herrschte wirklich eine enorme kreative Vielfalt, und es war spannend zu sehen, dass jeder Grafiker an einem ganz eigenen, individuell zugeschnittenen Projekt arbeitete.
      Zuerst öffnete ich Jacks Ordner, er war immerhin allein für die neue Smartphone-Kampagne zuständig. Verdammt. Ich biss mir sanft auf meine Unterlippe, während ich langsam durch seine Layouts scrollte. Dieser Mann mochte ein beachtliches Ego und eine recht ungestüme Art haben, aber er wusste definitiv, was er tat. Die Linienführung der Präsentation war ungemein elegant, die Farbpalette mutig und die gesamte Bildsprache wirkte absolut organisch und frisch. Bennett hatte nicht übertrieben: Jack verstand sein Handwerk.
      Danach widmete ich mich den anderen Projekten des Teams. Jamies Entwurf für das Branding einer nachhaltigen Modemarke stach sofort heraus. Ihre Bildkompositionen waren unglaublich verspielt, lebendig und emotional aufgeladen es passte perfekt zu einer kreativen Persönlichkeit. Auch die Arbeiten der restlichen Grafiker, die an verschiedenen Kundenaufträgen von Automobildesign bis hin zu Food-Packaging saßen, zeigten enorm viel Potenzial, selbst wenn an manchen Stellen noch das finale Feintuning fehlte.
      Als Creative Directorin dieser Firma war es mir ein echtes Anliegen, all dieses unterschiedliche Talent gebührend zu fördern. Ein gutes Team funktionierte schließlich am besten, wenn man sich trotz unterschiedlicher Aufgaben gegenseitig inspirierte und Feedback gab.
      Ich lächelte leise, griff nach dem Hörer meines Telefons und wählte die Durchwahl von Bennetts Assistentin. "Ich habe mir gerade die aktuellen Stände der verschiedenen Projekte von allen angesehen und bin wirklich begeistert von den unterschiedlichen Ansätzen", sagte ich mit ruhiger, kollegialer Stimme. "Könnten Sie bitte eine kurze Nachricht an das gesamte Grafik-Team herausgeben? Ich möchte sie alle zu einem kleinen Feedback-Meeting bei mir im Büro versammeln. Bringen Sie einfach Ihre Tablets mit, dann schauen wir mal gemeinsam über die einzelnen Entwürfe und holen uns frische Impulse am runden Tisch."