@RoyalMilkTea
*Vorstellung*
„Was für ein beschissener Weltuntergang.“
Missmutig knurrte Simone die Worte um die Zigarette herum, die zwischen ihren Zähnen klemmte, während sie zum gefühlt zwanzigsten Mal versuchte, ihr Feuerzeug zum Funktionieren zu bewegen.
Der gottverdammte Sonntag hatte bereits chaotisch begonnen und war seitdem mit jeder verstrichenen Minute nur noch schlimmer geworden.
Geweckt worden war sie vom Piepen des leeren Futterspenders und dem kläglichen Miauen ihres Katers Oreo.
Fuck.
Natürlich hatte sie mal wieder vergessen einzukaufen.
Wenn sie selbst keine Lebensmittel im Haus hatte, war das ihre eigene Schuld. Dann musste sie eben hungern oder sich tagelang von überteuertem Lieferfraß ernähren. Aber ihre Katzen konnten nichts für ihre Schusseligkeit. Die beiden verdienten es definitiv mehr als Simone, regelmäßig etwas Vernünftiges zu essen.
Also hatte sie getan, was jede halbwegs verantwortungsvolle Katzenmama tun würde, und sich zum Einkaufen aufgerafft.
Das Problem war nur, dass ihre normale Alltagskleidung noch immer triefend nass in der Waschmaschine lag und darauf wartete, endlich aufgehängt zu werden.
Kurzerhand hatte sie sich deshalb irgendeine Kombination aus Kleidungsstücken übergeworfen, die ihr als Erstes in die Hände gefallen war.
Nichts davon passte zusammen.
Aber zum Einkaufen war das egal.
Dann sah sie eben aus wie ein Clown.
Oder wie eine Obdachlose.
Oder wie ein obdachloser Clown.
Für Walmart reichte es.
Ihren Autoschlüssel konnte sie, mal wieder, nicht finden. Nach einem Blick aus dem Fenster hatte sie beschlossen, den halben Kilometer bis zum nächsten Walmart einfach zu laufen.
Der Himmel war grau und wolkenverhangen, aber zumindest trocken. Mild genug, dass sie weder fror noch schwitzte.
Amerika sei Dank hatte Walmart auch Sonntags geöffnet. Simone hatte nie verstanden, wie manche Länder es aushielten, ihre Bürger am letzten Tag der Woche praktisch von der Lebensmittelversorgung abzuschneiden.
Wenige Minuten später hatte sie den Laden bereits mit einer vollen Einkaufstüte wieder verlassen.
Nur dass es inzwischen wie aus Eimern schüttete.
Und so stand sie nun unter dem kleinen Vordach des Gebäudes, verfluchte das Wetter und versuchte verzweifelt, sich eine Zigarette anzuzünden.
Nach dem gefühlt zwanzigsten Versuch loderte schließlich doch eine kleine Flamme auf. Gierig fraß sie sich durch das Papier der Zigarette, bis die Spitze endlich zu glimmen begann.
Erleichtert zog Simone den bitteren Rauch tief in die Lunge.
Sie wusste genau, dass der Scheiß sie irgendwann umbringen würde.
Vielleicht würde sie zu Neujahr noch einmal versuchen aufzuhören.
Vielleicht.
Als nur noch der Filter übrig war, schnippte sie den Stummel in den Regen und atmete tief durch.
Es brachte nichts, hier herumzustehen und auf besseres Wetter zu warten. Wenn sie Pech hatte, würde der Regen noch Stunden anhalten.
Also Augen zu und durch.
Mit einer Mischung aus Joggen und hektischem Stolpern machte sie sich auf den Heimweg.
Innerhalb weniger Sekunden war sie klatschnass. Ihr Haar klebte in feuchten Strähnen im Gesicht, und auf ihren Brillengläsern sammelten sich so viele Tropfen, dass die Welt vor ihr nur noch aus verschwommenen Schatten bestand.
Sie war fast zu Hause, als ein tiefes Grollen durch die Luft rollte.
Simone zuckte zusammen.
Für einen Moment hielt sie es für Donner.
Instinktiv ging sie in die Hocke, so wie man es ihr irgendwann einmal beigebracht hatte.
Doch kein Blitz folgte.
Der Himmel blieb dunkel.
Das Grollen dagegen wurde lauter.
Und lauter.
Der Boden begann zu zittern.
Simone spürte, wie ihr Magen sich verkrampfte.
Ein Erdbeben?
Das Beben wurde stärker. Immer stärker.
Dann kam der Knall.
Es klang, als würden tausende gewaltige Bäume gleichzeitig brechen.
Erschrocken schrie sie auf und presste die Augen zusammen.
Doch statt weiterer Geräusche folgte nur Stille.
Beklemmende, unnatürliche Stille.
Nur der Regen fiel weiter.
Langsam hob Simone den Kopf.
Irgendetwas stimmte nicht.
Die Straße war leer.
Nicht Menschenleer-Leer.
Leer-leer.
Keine Autos.
Keine Straßenlaternen.
Keine Häuser.
„... Was zum Fuck?“
Sie sprang auf die Füße.
Dort, wo eben noch Wohnhäuser gestanden hatten, klafften nun riesige Löcher im Boden, in denen sich bereits Regenwasser sammelte.
„Was zum Fuck?!“
Die Einkaufstüte lag im Schlamm, Katzenfutter und Tiefkühlkost längst vergessen.
Hastig nahm Simone ihre Brille ab, wischte sie trocken und setzte sie wieder auf, als würde das irgendwie helfen.
Die Löcher waren immer noch da.
Die Häuser nicht.
Und dann sprach eine Stimme.
„Sehr geehrte Bewohner der Erde.“
Die Stimme ließ Simone zusammenzucken.
Sie kam von überall.
Und von nirgendwo.
Es klang, als hätte jemand eine Lautsprecherdurchsage direkt in den Himmel eingebaut.
„Gemäß Paragraph Ξ des Syndikats wurde dieser registrierte Himmelskörper von der Laikan Corporation käuflich erworben und zur Ernte freigegeben. Alle relevanten Ressourcen wurden gemäß geltendem Syndikatsrecht extrahiert.“
Simone blinzelte.
Dann blinzelte sie noch einmal.
„... Was?“
Ernte?
Himmelskörper?
Syndikat?
Hatte sie einen Schlaganfall?
„Falls Sie diese Durchsage hören können: Herzlichen Glückwunsch. Sie gehören zu den 12.936.194 verbliebenen Angehörigen der dominanten Spezies dieses Himmelskörpers.“
Die Stimme machte eine kurze Pause.
„Ihnen wird hiermit die einmalige Gelegenheit gewährt, sich dem Syndikat anzuschließen.“
Simones Gehirn war von der gesamten Situation zu pberfordert, um die Worte in irgendeinen logischen zusammenhang zu bringen.
Plötzlich erschien irgendwo vor ihr ein warmes Licht.
Es war schwach, kaum mehr als ein Glimmen.
Und doch stach es aus der grauen Welt hervor wie ein Leuchtturm.
„Hallo?“, rief Simone, hoffnungsvoll vielleicht auf andere Menschen zu treffen.
Keine Antwort.
Das musste ein Scherz sein.
Irgendeine Art virale Marketingkampagne.
Versteckte Kameras.
Dreharbeiten.
Massenhalluzination.
Aliens.
Okay, Aliens waren eigentlich die dümmste Erklärung, aber mittlerweile nicht einmal mehr die unwahrscheinlichste.
Also tat Simone das Einzige, was ihr logisch erschien.
Sie ging auf das Licht zu.
„Zur Qualifikation für die Aufnahme in das Syndikat ist zunächst die Teilnahmeprüfung zu absolvieren. Durch das Betreten eines Zugangstores akzeptieren Sie automatisch sämtliche Teilnahmebedingungen der Laikan Corporation.“
Simone verzog das Gesicht.
Natürlich.
Selbst am Weltuntergang kam man nicht ohne Nutzungsbedingungen vorbei.
Mit jedem Schritt wurde das Licht heller.
Wärmer.
Bald konnte sie die Hitze bereits auf ihrer Haut spüren.
Doch egal wie genau sie hinsah, sie konnte keine Quelle erkennen.
Und dann machte sie einen Schritt und die Welt verschwand.
Es fühlte sich an, als würde sie mitten im Winter durch eine unsichtbare Wand direkt in einen Hochsommernachmittag laufen.
Die plötzliche Wärme traf sie mit voller Wucht.
„Was zum—?“
Simone wirbelte herum.
Der Regen war verschwunden.
Die Straße war verschwunden.
Alles war verschwunden.
Sie stand in einem kleinen Raum ohne Fenster oder Türen.
Keine sichtbaren Ausgänge.
„Okay.“
Sie atmete tief durch.
„Okay, jetzt bekomme ich wirklich Panik.“
Die Wände bestanden aus einem schwarzen, glasartigen Stein, der entfernt an Obsidian erinnerte. Feine silberne Linien durchzogen das Material wie Adern.
Direkt vor ihr war ein Bildschirm in die Wand eingelassen.
Wörter flackerten darauf auf.
Ufficio di registrazione.
Γραφείο εγγραφής.
登記所.
Registrierungsstelle.
Die Begriffe wechselten ständig zwischen verschiedenen Sprachen.
„Registrierungsstelle?“
Das klang überraschend harmlos.
Unter dem Bildschirm befand sich eine eingelassene Platte mit den Umrissen einer Hand.
Simone sah sich um.
Sonst gab es nichts.
Keine Knöpfe, Hebel, Türen, Nicht einmal einen freundlichen Hinweis mit der Aufschrift: “BITTE KEINE PANIK.”
Mangels Alternativen legte sie also ihre Hand auf die Platte.
Das Material fühlte sich zunächst kühl an.
Dann wurde es warm.
Ein leichtes Kribbeln lief durch ihre Finger.
Und plötzlich schoss ein stechender Schmerz durch ihren Daumen.
„Aua! Verdammt!“
Sie riss die Hand zurück.
Ein winziger Dorn war aus der Platte hervorgeschnellt.
Blut sammelte sich an ihrer Daumenspitze.
Noch bevor sie den Schmerz richtig verarbeiten konnte, durchfuhr sie ein Schwindelgefühl.
Ihr Magen zog sich zusammen.
Ihr Kopf fühlte sich an, als würde er von innen heraus aufgesprengt.
Hitze, Kälte, Übelkeit, Alles gleichzeitig überkam sie
„Oh Gott.“ War sie vergiftet worden?
Panik schoss durch ihren Körper. Dann erklang eine Stimme.
Direkt in ihrem Kopf.
In. Ihrem. Gottverdammten. Kopf.
„Crawler Nummer 2.360.217 registriert. Bitte wählen Sie einen Namen.“
Simone erstarrte. „Was?“
Kurzes Summen.
„Der Name ,Was‘ ist bereits vergeben. Bitte wählen Sie einen anderen Namen.“
Sie starrte ins Leere.
Irgendwo in ihrem Gehirn versuchte ein Teil ihres Verstandes immer noch zu begreifen, was hier geschah.
Der Rest war bereits aufgegeben.
„Simone Faraday?“
Kurzes Summen.
„Name verfügbar. Crawler Nummer 2.360.217 fortan registriert als Simone Faraday. Willkommen bei Dungeon Crawl Earth, Crawler Simone Faraday.“
Die Wände begannen sich zu bewegen.
Mit einem tiefen Grollen fuhren sie in den Boden.
Dahinter lag eine Höhle.
Eine echte Höhle.
Mit Felswendeln und einigen daran verankerten Fackeln, die schwaches Licht spendeten.
Simone starrte hinein.
Dann zurück auf die Stelle, an der eben noch die Wand gewesen war.
Dann wieder in die Höhle.
“Was zum F*** geht hier ab?”
Erschrocken schlug sie eine Gand vor ihren Mund
„F***“ versuchte sie es nochmal. “Sch****”
„Achtung“, meldete sich die Stimme in ihrem Kopf erneut. „Gemäß Paragraph ζ gelten während der Ausstrahlung von Dungeon Crawl Earth die aktuellen Zensurrichtlinien.“
„... Ernsthaft?“
Keine Antwort.
Simone schloss die Augen und atmete einmal tief durch bevor sie diese wieder öffnete.
Die Höhle war immer noch da.
Langsam ließ sie sich an einer Felswand hinuntergleiten, bis sie auf dem staubigen Boden saß.
Dann begann sie ihre durchnässten Taschen zu durchsuchen.
Nach einigen Sekunden zog sie triumphierend ein Feuerzeug und eine völlig durchweichte Zigarettenschachtel hervor.
Sie betrachtete die Schachtel, zog resigniert eine Zigarette heraus, zündete das Feuerzeug an und zu ihrer Überraschung erschien die Flamme sofort beim ersten Versuch.
*Vorstellung*
„Was für ein beschissener Weltuntergang.“
Missmutig knurrte Simone die Worte um die Zigarette herum, die zwischen ihren Zähnen klemmte, während sie zum gefühlt zwanzigsten Mal versuchte, ihr Feuerzeug zum Funktionieren zu bewegen.
Der gottverdammte Sonntag hatte bereits chaotisch begonnen und war seitdem mit jeder verstrichenen Minute nur noch schlimmer geworden.
Geweckt worden war sie vom Piepen des leeren Futterspenders und dem kläglichen Miauen ihres Katers Oreo.
Fuck.
Natürlich hatte sie mal wieder vergessen einzukaufen.
Wenn sie selbst keine Lebensmittel im Haus hatte, war das ihre eigene Schuld. Dann musste sie eben hungern oder sich tagelang von überteuertem Lieferfraß ernähren. Aber ihre Katzen konnten nichts für ihre Schusseligkeit. Die beiden verdienten es definitiv mehr als Simone, regelmäßig etwas Vernünftiges zu essen.
Also hatte sie getan, was jede halbwegs verantwortungsvolle Katzenmama tun würde, und sich zum Einkaufen aufgerafft.
Das Problem war nur, dass ihre normale Alltagskleidung noch immer triefend nass in der Waschmaschine lag und darauf wartete, endlich aufgehängt zu werden.
Kurzerhand hatte sie sich deshalb irgendeine Kombination aus Kleidungsstücken übergeworfen, die ihr als Erstes in die Hände gefallen war.
Nichts davon passte zusammen.
Aber zum Einkaufen war das egal.
Dann sah sie eben aus wie ein Clown.
Oder wie eine Obdachlose.
Oder wie ein obdachloser Clown.
Für Walmart reichte es.
Ihren Autoschlüssel konnte sie, mal wieder, nicht finden. Nach einem Blick aus dem Fenster hatte sie beschlossen, den halben Kilometer bis zum nächsten Walmart einfach zu laufen.
Der Himmel war grau und wolkenverhangen, aber zumindest trocken. Mild genug, dass sie weder fror noch schwitzte.
Amerika sei Dank hatte Walmart auch Sonntags geöffnet. Simone hatte nie verstanden, wie manche Länder es aushielten, ihre Bürger am letzten Tag der Woche praktisch von der Lebensmittelversorgung abzuschneiden.
Wenige Minuten später hatte sie den Laden bereits mit einer vollen Einkaufstüte wieder verlassen.
Nur dass es inzwischen wie aus Eimern schüttete.
Und so stand sie nun unter dem kleinen Vordach des Gebäudes, verfluchte das Wetter und versuchte verzweifelt, sich eine Zigarette anzuzünden.
Nach dem gefühlt zwanzigsten Versuch loderte schließlich doch eine kleine Flamme auf. Gierig fraß sie sich durch das Papier der Zigarette, bis die Spitze endlich zu glimmen begann.
Erleichtert zog Simone den bitteren Rauch tief in die Lunge.
Sie wusste genau, dass der Scheiß sie irgendwann umbringen würde.
Vielleicht würde sie zu Neujahr noch einmal versuchen aufzuhören.
Vielleicht.
Als nur noch der Filter übrig war, schnippte sie den Stummel in den Regen und atmete tief durch.
Es brachte nichts, hier herumzustehen und auf besseres Wetter zu warten. Wenn sie Pech hatte, würde der Regen noch Stunden anhalten.
Also Augen zu und durch.
Mit einer Mischung aus Joggen und hektischem Stolpern machte sie sich auf den Heimweg.
Innerhalb weniger Sekunden war sie klatschnass. Ihr Haar klebte in feuchten Strähnen im Gesicht, und auf ihren Brillengläsern sammelten sich so viele Tropfen, dass die Welt vor ihr nur noch aus verschwommenen Schatten bestand.
Sie war fast zu Hause, als ein tiefes Grollen durch die Luft rollte.
Simone zuckte zusammen.
Für einen Moment hielt sie es für Donner.
Instinktiv ging sie in die Hocke, so wie man es ihr irgendwann einmal beigebracht hatte.
Doch kein Blitz folgte.
Der Himmel blieb dunkel.
Das Grollen dagegen wurde lauter.
Und lauter.
Der Boden begann zu zittern.
Simone spürte, wie ihr Magen sich verkrampfte.
Ein Erdbeben?
Das Beben wurde stärker. Immer stärker.
Dann kam der Knall.
Es klang, als würden tausende gewaltige Bäume gleichzeitig brechen.
Erschrocken schrie sie auf und presste die Augen zusammen.
Doch statt weiterer Geräusche folgte nur Stille.
Beklemmende, unnatürliche Stille.
Nur der Regen fiel weiter.
Langsam hob Simone den Kopf.
Irgendetwas stimmte nicht.
Die Straße war leer.
Nicht Menschenleer-Leer.
Leer-leer.
Keine Autos.
Keine Straßenlaternen.
Keine Häuser.
„... Was zum Fuck?“
Sie sprang auf die Füße.
Dort, wo eben noch Wohnhäuser gestanden hatten, klafften nun riesige Löcher im Boden, in denen sich bereits Regenwasser sammelte.
„Was zum Fuck?!“
Die Einkaufstüte lag im Schlamm, Katzenfutter und Tiefkühlkost längst vergessen.
Hastig nahm Simone ihre Brille ab, wischte sie trocken und setzte sie wieder auf, als würde das irgendwie helfen.
Die Löcher waren immer noch da.
Die Häuser nicht.
Und dann sprach eine Stimme.
„Sehr geehrte Bewohner der Erde.“
Die Stimme ließ Simone zusammenzucken.
Sie kam von überall.
Und von nirgendwo.
Es klang, als hätte jemand eine Lautsprecherdurchsage direkt in den Himmel eingebaut.
„Gemäß Paragraph Ξ des Syndikats wurde dieser registrierte Himmelskörper von der Laikan Corporation käuflich erworben und zur Ernte freigegeben. Alle relevanten Ressourcen wurden gemäß geltendem Syndikatsrecht extrahiert.“
Simone blinzelte.
Dann blinzelte sie noch einmal.
„... Was?“
Ernte?
Himmelskörper?
Syndikat?
Hatte sie einen Schlaganfall?
„Falls Sie diese Durchsage hören können: Herzlichen Glückwunsch. Sie gehören zu den 12.936.194 verbliebenen Angehörigen der dominanten Spezies dieses Himmelskörpers.“
Die Stimme machte eine kurze Pause.
„Ihnen wird hiermit die einmalige Gelegenheit gewährt, sich dem Syndikat anzuschließen.“
Simones Gehirn war von der gesamten Situation zu pberfordert, um die Worte in irgendeinen logischen zusammenhang zu bringen.
Plötzlich erschien irgendwo vor ihr ein warmes Licht.
Es war schwach, kaum mehr als ein Glimmen.
Und doch stach es aus der grauen Welt hervor wie ein Leuchtturm.
„Hallo?“, rief Simone, hoffnungsvoll vielleicht auf andere Menschen zu treffen.
Keine Antwort.
Das musste ein Scherz sein.
Irgendeine Art virale Marketingkampagne.
Versteckte Kameras.
Dreharbeiten.
Massenhalluzination.
Aliens.
Okay, Aliens waren eigentlich die dümmste Erklärung, aber mittlerweile nicht einmal mehr die unwahrscheinlichste.
Also tat Simone das Einzige, was ihr logisch erschien.
Sie ging auf das Licht zu.
„Zur Qualifikation für die Aufnahme in das Syndikat ist zunächst die Teilnahmeprüfung zu absolvieren. Durch das Betreten eines Zugangstores akzeptieren Sie automatisch sämtliche Teilnahmebedingungen der Laikan Corporation.“
Simone verzog das Gesicht.
Natürlich.
Selbst am Weltuntergang kam man nicht ohne Nutzungsbedingungen vorbei.
Mit jedem Schritt wurde das Licht heller.
Wärmer.
Bald konnte sie die Hitze bereits auf ihrer Haut spüren.
Doch egal wie genau sie hinsah, sie konnte keine Quelle erkennen.
Und dann machte sie einen Schritt und die Welt verschwand.
Es fühlte sich an, als würde sie mitten im Winter durch eine unsichtbare Wand direkt in einen Hochsommernachmittag laufen.
Die plötzliche Wärme traf sie mit voller Wucht.
„Was zum—?“
Simone wirbelte herum.
Der Regen war verschwunden.
Die Straße war verschwunden.
Alles war verschwunden.
Sie stand in einem kleinen Raum ohne Fenster oder Türen.
Keine sichtbaren Ausgänge.
„Okay.“
Sie atmete tief durch.
„Okay, jetzt bekomme ich wirklich Panik.“
Die Wände bestanden aus einem schwarzen, glasartigen Stein, der entfernt an Obsidian erinnerte. Feine silberne Linien durchzogen das Material wie Adern.
Direkt vor ihr war ein Bildschirm in die Wand eingelassen.
Wörter flackerten darauf auf.
Ufficio di registrazione.
Γραφείο εγγραφής.
登記所.
Registrierungsstelle.
Die Begriffe wechselten ständig zwischen verschiedenen Sprachen.
„Registrierungsstelle?“
Das klang überraschend harmlos.
Unter dem Bildschirm befand sich eine eingelassene Platte mit den Umrissen einer Hand.
Simone sah sich um.
Sonst gab es nichts.
Keine Knöpfe, Hebel, Türen, Nicht einmal einen freundlichen Hinweis mit der Aufschrift: “BITTE KEINE PANIK.”
Mangels Alternativen legte sie also ihre Hand auf die Platte.
Das Material fühlte sich zunächst kühl an.
Dann wurde es warm.
Ein leichtes Kribbeln lief durch ihre Finger.
Und plötzlich schoss ein stechender Schmerz durch ihren Daumen.
„Aua! Verdammt!“
Sie riss die Hand zurück.
Ein winziger Dorn war aus der Platte hervorgeschnellt.
Blut sammelte sich an ihrer Daumenspitze.
Noch bevor sie den Schmerz richtig verarbeiten konnte, durchfuhr sie ein Schwindelgefühl.
Ihr Magen zog sich zusammen.
Ihr Kopf fühlte sich an, als würde er von innen heraus aufgesprengt.
Hitze, Kälte, Übelkeit, Alles gleichzeitig überkam sie
„Oh Gott.“ War sie vergiftet worden?
Panik schoss durch ihren Körper. Dann erklang eine Stimme.
Direkt in ihrem Kopf.
In. Ihrem. Gottverdammten. Kopf.
„Crawler Nummer 2.360.217 registriert. Bitte wählen Sie einen Namen.“
Simone erstarrte. „Was?“
Kurzes Summen.
„Der Name ,Was‘ ist bereits vergeben. Bitte wählen Sie einen anderen Namen.“
Sie starrte ins Leere.
Irgendwo in ihrem Gehirn versuchte ein Teil ihres Verstandes immer noch zu begreifen, was hier geschah.
Der Rest war bereits aufgegeben.
„Simone Faraday?“
Kurzes Summen.
„Name verfügbar. Crawler Nummer 2.360.217 fortan registriert als Simone Faraday. Willkommen bei Dungeon Crawl Earth, Crawler Simone Faraday.“
Die Wände begannen sich zu bewegen.
Mit einem tiefen Grollen fuhren sie in den Boden.
Dahinter lag eine Höhle.
Eine echte Höhle.
Mit Felswendeln und einigen daran verankerten Fackeln, die schwaches Licht spendeten.
Simone starrte hinein.
Dann zurück auf die Stelle, an der eben noch die Wand gewesen war.
Dann wieder in die Höhle.
“Was zum F*** geht hier ab?”
Erschrocken schlug sie eine Gand vor ihren Mund
„F***“ versuchte sie es nochmal. “Sch****”
„Achtung“, meldete sich die Stimme in ihrem Kopf erneut. „Gemäß Paragraph ζ gelten während der Ausstrahlung von Dungeon Crawl Earth die aktuellen Zensurrichtlinien.“
„... Ernsthaft?“
Keine Antwort.
Simone schloss die Augen und atmete einmal tief durch bevor sie diese wieder öffnete.
Die Höhle war immer noch da.
Langsam ließ sie sich an einer Felswand hinuntergleiten, bis sie auf dem staubigen Boden saß.
Dann begann sie ihre durchnässten Taschen zu durchsuchen.
Nach einigen Sekunden zog sie triumphierend ein Feuerzeug und eine völlig durchweichte Zigarettenschachtel hervor.
Sie betrachtete die Schachtel, zog resigniert eine Zigarette heraus, zündete das Feuerzeug an und zu ihrer Überraschung erschien die Flamme sofort beim ersten Versuch.