The Apocalypse Will Be Televised! [Royal & Kitty]

    • The Apocalypse Will Be Televised! [Royal & Kitty]

      @RoyalMilkTea

      *Vorstellung*

      „Was für ein beschissener Weltuntergang.“
      Missmutig knurrte Simone die Worte um die Zigarette herum, die zwischen ihren Zähnen klemmte, während sie zum gefühlt zwanzigsten Mal versuchte, ihr Feuerzeug zum Funktionieren zu bewegen.
      Der gottverdammte Sonntag hatte bereits chaotisch begonnen und war seitdem mit jeder verstrichenen Minute nur noch schlimmer geworden.
      Geweckt worden war sie vom Piepen des leeren Futterspenders und dem kläglichen Miauen ihres Katers Oreo.
      Fuck.
      Natürlich hatte sie mal wieder vergessen einzukaufen.
      Wenn sie selbst keine Lebensmittel im Haus hatte, war das ihre eigene Schuld. Dann musste sie eben hungern oder sich tagelang von überteuertem Lieferfraß ernähren. Aber ihre Katzen konnten nichts für ihre Schusseligkeit. Die beiden verdienten es definitiv mehr als Simone, regelmäßig etwas Vernünftiges zu essen.
      Also hatte sie getan, was jede halbwegs verantwortungsvolle Katzenmama tun würde, und sich zum Einkaufen aufgerafft.
      Das Problem war nur, dass ihre normale Alltagskleidung noch immer triefend nass in der Waschmaschine lag und darauf wartete, endlich aufgehängt zu werden.
      Kurzerhand hatte sie sich deshalb irgendeine Kombination aus Kleidungsstücken übergeworfen, die ihr als Erstes in die Hände gefallen war.
      Nichts davon passte zusammen.
      Aber zum Einkaufen war das egal.
      Dann sah sie eben aus wie ein Clown.
      Oder wie eine Obdachlose.
      Oder wie ein obdachloser Clown.
      Für Walmart reichte es.
      Ihren Autoschlüssel konnte sie, mal wieder, nicht finden. Nach einem Blick aus dem Fenster hatte sie beschlossen, den halben Kilometer bis zum nächsten Walmart einfach zu laufen.
      Der Himmel war grau und wolkenverhangen, aber zumindest trocken. Mild genug, dass sie weder fror noch schwitzte.
      Amerika sei Dank hatte Walmart auch Sonntags geöffnet. Simone hatte nie verstanden, wie manche Länder es aushielten, ihre Bürger am letzten Tag der Woche praktisch von der Lebensmittelversorgung abzuschneiden.
      Wenige Minuten später hatte sie den Laden bereits mit einer vollen Einkaufstüte wieder verlassen.
      Nur dass es inzwischen wie aus Eimern schüttete.
      Und so stand sie nun unter dem kleinen Vordach des Gebäudes, verfluchte das Wetter und versuchte verzweifelt, sich eine Zigarette anzuzünden.
      Nach dem gefühlt zwanzigsten Versuch loderte schließlich doch eine kleine Flamme auf. Gierig fraß sie sich durch das Papier der Zigarette, bis die Spitze endlich zu glimmen begann.
      Erleichtert zog Simone den bitteren Rauch tief in die Lunge.
      Sie wusste genau, dass der Scheiß sie irgendwann umbringen würde.
      Vielleicht würde sie zu Neujahr noch einmal versuchen aufzuhören.
      Vielleicht.
      Als nur noch der Filter übrig war, schnippte sie den Stummel in den Regen und atmete tief durch.
      Es brachte nichts, hier herumzustehen und auf besseres Wetter zu warten. Wenn sie Pech hatte, würde der Regen noch Stunden anhalten.
      Also Augen zu und durch.
      Mit einer Mischung aus Joggen und hektischem Stolpern machte sie sich auf den Heimweg.
      Innerhalb weniger Sekunden war sie klatschnass. Ihr Haar klebte in feuchten Strähnen im Gesicht, und auf ihren Brillengläsern sammelten sich so viele Tropfen, dass die Welt vor ihr nur noch aus verschwommenen Schatten bestand.
      Sie war fast zu Hause, als ein tiefes Grollen durch die Luft rollte.
      Simone zuckte zusammen.
      Für einen Moment hielt sie es für Donner.
      Instinktiv ging sie in die Hocke, so wie man es ihr irgendwann einmal beigebracht hatte.
      Doch kein Blitz folgte.
      Der Himmel blieb dunkel.
      Das Grollen dagegen wurde lauter.
      Und lauter.
      Der Boden begann zu zittern.
      Simone spürte, wie ihr Magen sich verkrampfte.
      Ein Erdbeben?
      Das Beben wurde stärker. Immer stärker.
      Dann kam der Knall.
      Es klang, als würden tausende gewaltige Bäume gleichzeitig brechen.
      Erschrocken schrie sie auf und presste die Augen zusammen.
      Doch statt weiterer Geräusche folgte nur Stille.
      Beklemmende, unnatürliche Stille.
      Nur der Regen fiel weiter.
      Langsam hob Simone den Kopf.
      Irgendetwas stimmte nicht.
      Die Straße war leer.
      Nicht Menschenleer-Leer.
      Leer-leer.
      Keine Autos.
      Keine Straßenlaternen.
      Keine Häuser.
      „... Was zum Fuck?“
      Sie sprang auf die Füße.
      Dort, wo eben noch Wohnhäuser gestanden hatten, klafften nun riesige Löcher im Boden, in denen sich bereits Regenwasser sammelte.
      „Was zum Fuck?!“
      Die Einkaufstüte lag im Schlamm, Katzenfutter und Tiefkühlkost längst vergessen.
      Hastig nahm Simone ihre Brille ab, wischte sie trocken und setzte sie wieder auf, als würde das irgendwie helfen.
      Die Löcher waren immer noch da.
      Die Häuser nicht.
      Und dann sprach eine Stimme.
      Sehr geehrte Bewohner der Erde.“
      Die Stimme ließ Simone zusammenzucken.
      Sie kam von überall.
      Und von nirgendwo.
      Es klang, als hätte jemand eine Lautsprecherdurchsage direkt in den Himmel eingebaut.
      Gemäß Paragraph Ξ des Syndikats wurde dieser registrierte Himmelskörper von der Laikan Corporation käuflich erworben und zur Ernte freigegeben. Alle relevanten Ressourcen wurden gemäß geltendem Syndikatsrecht extrahiert.“
      Simone blinzelte.
      Dann blinzelte sie noch einmal.
      „... Was?“
      Ernte?
      Himmelskörper?
      Syndikat?
      Hatte sie einen Schlaganfall?
      Falls Sie diese Durchsage hören können: Herzlichen Glückwunsch. Sie gehören zu den 12.936.194 verbliebenen Angehörigen der dominanten Spezies dieses Himmelskörpers.“
      Die Stimme machte eine kurze Pause.
      Ihnen wird hiermit die einmalige Gelegenheit gewährt, sich dem Syndikat anzuschließen.“
      Simones Gehirn war von der gesamten Situation zu pberfordert, um die Worte in irgendeinen logischen zusammenhang zu bringen.
      Plötzlich erschien irgendwo vor ihr ein warmes Licht.
      Es war schwach, kaum mehr als ein Glimmen.
      Und doch stach es aus der grauen Welt hervor wie ein Leuchtturm.
      „Hallo?“, rief Simone, hoffnungsvoll vielleicht auf andere Menschen zu treffen.
      Keine Antwort.
      Das musste ein Scherz sein.
      Irgendeine Art virale Marketingkampagne.
      Versteckte Kameras.
      Dreharbeiten.
      Massenhalluzination.
      Aliens.
      Okay, Aliens waren eigentlich die dümmste Erklärung, aber mittlerweile nicht einmal mehr die unwahrscheinlichste.
      Also tat Simone das Einzige, was ihr logisch erschien.
      Sie ging auf das Licht zu.
      Zur Qualifikation für die Aufnahme in das Syndikat ist zunächst die Teilnahmeprüfung zu absolvieren. Durch das Betreten eines Zugangstores akzeptieren Sie automatisch sämtliche Teilnahmebedingungen der Laikan Corporation.
      Simone verzog das Gesicht.
      Natürlich.
      Selbst am Weltuntergang kam man nicht ohne Nutzungsbedingungen vorbei.
      Mit jedem Schritt wurde das Licht heller.
      Wärmer.
      Bald konnte sie die Hitze bereits auf ihrer Haut spüren.
      Doch egal wie genau sie hinsah, sie konnte keine Quelle erkennen.
      Und dann machte sie einen Schritt und die Welt verschwand.
      Es fühlte sich an, als würde sie mitten im Winter durch eine unsichtbare Wand direkt in einen Hochsommernachmittag laufen.
      Die plötzliche Wärme traf sie mit voller Wucht.
      „Was zum—?“
      Simone wirbelte herum.
      Der Regen war verschwunden.
      Die Straße war verschwunden.
      Alles war verschwunden.
      Sie stand in einem kleinen Raum ohne Fenster oder Türen.
      Keine sichtbaren Ausgänge.
      „Okay.“
      Sie atmete tief durch.
      „Okay, jetzt bekomme ich wirklich Panik.“
      Die Wände bestanden aus einem schwarzen, glasartigen Stein, der entfernt an Obsidian erinnerte. Feine silberne Linien durchzogen das Material wie Adern.
      Direkt vor ihr war ein Bildschirm in die Wand eingelassen.
      Wörter flackerten darauf auf.

      Ufficio di registrazione.
      Γραφείο εγγραφής.
      登記所.
      Registrierungsstelle
      .

      Die Begriffe wechselten ständig zwischen verschiedenen Sprachen.
      „Registrierungsstelle?“
      Das klang überraschend harmlos.
      Unter dem Bildschirm befand sich eine eingelassene Platte mit den Umrissen einer Hand.
      Simone sah sich um.
      Sonst gab es nichts.
      Keine Knöpfe, Hebel, Türen, Nicht einmal einen freundlichen Hinweis mit der Aufschrift: “BITTE KEINE PANIK.”
      Mangels Alternativen legte sie also ihre Hand auf die Platte.
      Das Material fühlte sich zunächst kühl an.
      Dann wurde es warm.
      Ein leichtes Kribbeln lief durch ihre Finger.
      Und plötzlich schoss ein stechender Schmerz durch ihren Daumen.
      „Aua! Verdammt!“
      Sie riss die Hand zurück.
      Ein winziger Dorn war aus der Platte hervorgeschnellt.
      Blut sammelte sich an ihrer Daumenspitze.
      Noch bevor sie den Schmerz richtig verarbeiten konnte, durchfuhr sie ein Schwindelgefühl.
      Ihr Magen zog sich zusammen.
      Ihr Kopf fühlte sich an, als würde er von innen heraus aufgesprengt.
      Hitze, Kälte, Übelkeit, Alles gleichzeitig überkam sie
      „Oh Gott.“ War sie vergiftet worden?
      Panik schoss durch ihren Körper. Dann erklang eine Stimme.
      Direkt in ihrem Kopf.
      In. Ihrem. Gottverdammten. Kopf.
      Crawler Nummer 2.360.217 registriert. Bitte wählen Sie einen Namen.“
      Simone erstarrte. „Was?“
      Kurzes Summen.
      Der Name ,Was‘ ist bereits vergeben. Bitte wählen Sie einen anderen Namen.“
      Sie starrte ins Leere.
      Irgendwo in ihrem Gehirn versuchte ein Teil ihres Verstandes immer noch zu begreifen, was hier geschah.
      Der Rest war bereits aufgegeben.
      „Simone Faraday?“
      Kurzes Summen.
      Name verfügbar. Crawler Nummer 2.360.217 fortan registriert als Simone Faraday. Willkommen bei Dungeon Crawl Earth, Crawler Simone Faraday.“
      Die Wände begannen sich zu bewegen.
      Mit einem tiefen Grollen fuhren sie in den Boden.
      Dahinter lag eine Höhle.
      Eine echte Höhle.
      Mit Felswendeln und einigen daran verankerten Fackeln, die schwaches Licht spendeten.
      Simone starrte hinein.
      Dann zurück auf die Stelle, an der eben noch die Wand gewesen war.
      Dann wieder in die Höhle.
      “Was zum F*** geht hier ab?”
      Erschrocken schlug sie eine Gand vor ihren Mund
      „F***“ versuchte sie es nochmal. “Sch****”
      Achtung“, meldete sich die Stimme in ihrem Kopf erneut. „Gemäß Paragraph ζ gelten während der Ausstrahlung von Dungeon Crawl Earth die aktuellen Zensurrichtlinien.“
      „... Ernsthaft?“
      Keine Antwort.
      Simone schloss die Augen und atmete einmal tief durch bevor sie diese wieder öffnete.
      Die Höhle war immer noch da.
      Langsam ließ sie sich an einer Felswand hinuntergleiten, bis sie auf dem staubigen Boden saß.
      Dann begann sie ihre durchnässten Taschen zu durchsuchen.
      Nach einigen Sekunden zog sie triumphierend ein Feuerzeug und eine völlig durchweichte Zigarettenschachtel hervor.
      Sie betrachtete die Schachtel, zog resigniert eine Zigarette heraus, zündete das Feuerzeug an und zu ihrer Überraschung erschien die Flamme sofort beim ersten Versuch.
    • Kagami Hiroshi

      Eigentlich hätte Kagami heute zur Arbeit gehen müssen. Eigentlich hätte er den gesamten Tag an einem Schreibtisch verbringen müssen. Papierkram durchblättern, lustlos auf seiner Tastatur herum klimpern und sich hin und wieder von Vorgesetzten anhören müssen, dass er nicht genug Eigeninitiatives zeigte, wobei er eigentlich nur durch den Tag kommen wollte, um seine Frau wieder zu sehen. Eigentlich. Aber an den eigentlichen Tagen ging die Welt auch nicht unter. Die Nachrichten und Social Media waren nicht davon überfüllt, dass die Erde starb und die Menschheit wahrscheinlich nur noch wenige Jahre zum überleben hatte. Wenn überhaupt.
      Interviews mit Technikgiganten, die davon sprachen in wenigen Wochen Raketen zur Verfügung zu stellen, um der Menschheit eine neue Heimat zu geben. Alle mussten mit anpacken. Eine Lösung finden. Irgendwas. Und Kagami? Hatte sich mit der Situation eigentlich schon mehr oder weniger abgefunden.
      Es war fast schon lächerlich, was für ein herrlicher Tag heute in Japan herrschte, keine Wolke am Himmel, sanfte Sonnenstrahlen die ihn blendeten, aber was ihn wirklich wärmte war das herrliche Lächeln seiner Frau, während sie beide Hand in Hand durch den Park spazierten.
      Ihre letzten Tage gemeinsam verbringen wollten. Zumindest wollte er das.
      Bis sich die gesamte Situation von einem Moment auf den nächsten änderte, sich der Himmel verdüsterte und jeder einzelne zum Himmel hinauf blickte, als wäre es ein schreckliches Omen und das Ende der Welt schneller kam, als man erwartet hatte. Gehofft hatte.
      Und Kagami? Bemerkte, dass seine geliebte Frau fröstelte und legte ihr sein Jacken um die Schultern, als die Erde mit einem Mal erzitterte und er sie in seine Arm zog, bevor sie gemeinsam im weichen Gras landeten. Nur dass der Park im nächsten Moment eher wie eine Einöde wirkte, als eine hübsche Grünanlage. Der weiße Pavillon, zu dem sie sich aufgemacht hatten, um eine Pause einzulegen, war mit einem Mal verschwunden. Samt aller Menschen, die es sich darin gemütlich gemacht hatte. Die Bäume waren weg. Selbst die Blumenbeete waren leer, nicht einmal Wurzeln waren übrig geblieben.
      Und dann diese Stimme. Die erste Frage, die Kagami sich stellte, war, wieso die fremde Stimme japanisch sprach, wo doch die ganze Erde angesprochen wurde. Hätte sie dann nicht Englisch als Sprache wählen sollen? Dann hätte Kagami wiederum kein einziges Wort verstanden, er war nämlich noch nie besonders gut in Sprachen gewesen.
      Und dann gab es nur noch Fragen. Paragraph des Syndikats? Welches Syndikat? Von welchen Gesetzen sprach diese Stimme da? Und wieso mussten sie sich an diese halten? Käuflich? Wer hatte die Erde verkauft? War das echt? Aber was sollte es sonst sein, ein lächerlicher Streich? Ein Streich, der Bäume, Pavillions und Menschen verschwinden ließ. Natürlich.
      Kagami hatte keine andere Wahl, als die Situation zu akzeptieren, jedes einzelne Wort für bare Münze zu nehmen, denn er fürchtete, dass sie nicht das Luxus für Verdrängungen hatten.
      Er zog seine Frau fester in die Arme, die im Gegensatz zu ihm mit panischen Augen in den Himmel blickte, während sie sich an seinem Hemd fest hielt, als könnte er sie beide irgendwie in dieser Situation retten. Doch das konnte er nicht. Eine fremde Stimme im Himmel konnte er nicht einfach so schlagen. Auch wenn er es zu gerne versuchen würde. Er fluchte nicht einmal. Seiner Frau zu liebe.
      „Ihnen wird hiermit die einmalige Gelegenheit gewährt, sich dem Syndikat anzuschließen.“, da wurde er hellhörig. Spitzte die Ohren. Er wusste noch immer nicht, was dieses Syndikat überhaupt war, aber wenn es in der Lage war einen ganzen Planeten zu kaufen, dann musste das eine Chance sein, um diesen ganzen Weltuntergang zu überleben.
      Überleben?Wollte er das überhaupt? Seit klar war, dass die Erde es nicht mehr lange machen würde, hatte Kagami sich einfach damit abgefunden. Was sollten sie schon machen? Mit einer Rakete in den Weltall abhauen? Alle Milliarden Menschen? Es wussten doch alle, dass nur die Reichen überhaupt eine Chance dazu bekommen würden. All diese reichen und mächtigen, von denen Kagami und seine Frau keine waren. Aber das... wenn wirklich jedereine Chance hatte...
      Langsam, seiner Frau aufhelfend, erhob er sich, als er das Licht vor sich erblickte.
      „... Kagami...?“, hörte er die zögernde Stimme seiner Frau, während er bereits einen Entschluss gefasst hatte.
      „Das ist vielleicht unsere einzige Chance, Mirai. Wir sollten-“
      „Nein!“, wurde er sogleich von ihrer panischen Stimme unterbrochen und seine Augen weiteten sich überrascht, während sie sich an sein Hemd klammerte und zitterte wie Espenlaub. Sie waren schon immer zwei komplett unterschiedliche Menschen gewesen. Und dafür hatte Kagami sie immer geliebt. Doch in einer Situation wie dieser... schien Mirai nicht bereit zu sein, den Weg des Ungewissen zu gehen.
      „Wir wissen doch gar nicht, was die von uns wollen! Oder wer die überhaupt sind! Kagami... bitte. Bleib hier. Wir... wir schaffen das sicher auch so! Die Menschheit hat schon immer überlebt, irgendwie, selbst unter den schlechtesten Bedingungen...“, flehte sie ihn an, während er ihre Hand fester packte. Das klang schön. Einfach hier zu bleiben, mit seiner Frau, ein einfaches Leben... auf einem sterbenden Planeten.
      Er konnte so viel träumen, wie er wollte. Wie sollten sie unter diesen Bedingungen überleben?
      Sicherlich nicht, indem sie auf der Erde blieben.
      „Mirai...“, sprach er ihren Namen so sanft wie möglich aus, mit einem mitleidigen Lächeln auf den Lippen, während er sanft über ihre Wange strich, bevor er sich nach vorne beugte, um ihr einen Kuss auf die Stirn zu drücken.
      „Ich werde dich zu mir holen, sobald es möglich ist. Versprochen.“, wennes denn möglich war, woran er deutlich zweifelte, aber er konnte das einfach nicht. Er hatte nie zuvor eine Chance so sehr ergreifen wollen, wie heute. Er wollte überleben. Selbst, wenn das bedeutete, seine Frau zurück lassen zu müssen, weil sie nicht bereit war das selbe Risiko einzugehen wie er.
      „W... wirklich?“, schniefte sie mit Tränen in den Augen und er konnte nichts anderes tun, als zu lächeln. Um die Lüge einfacher zu machen.
      Ein letztes Mal nahm er Mirai in seine Arme... bevor er sich von ihr löste und auf das leuchtende etwas zu ging. Ohne zu zögern streckte er seine Hand aus... und befand sich sogleich in einem ihm unbekannten Raum.

      Schnell fiel ihm der Bildschirm auf. Registrierungsstelle. Registrieren... aber wofür? Kagami hätte sich wirklich mehr Informationen gewünscht, aber es gab hier niemanden, der ihm seine Fragen beantworten konnte, als musste er das Risiko wohl eingehen. Er konnte ja nicht einmal zurück.
      Also legte er seine Hand auf die Platte... und fluchte sogleich, als er ein stechen in seinem Daumen spürte und zog die Hand sogleich wieder zurück. Blut. Na toll. Waren sie hier etwa bei der Mafia oder was?!
      „Crawler Nummer 3.032.025 registriert. Bitte wählen sie einen Namen.“
      … einen Namen wählen? Was sollte das? Er hatte doch nur den einen.
      „Kagami Hiroshi.“, verkündete er ohne zu zögern, während er sich das Blut vom Daumen an der Hose abwischte, versuchend das Schwindelgefühl zu unterdrücken. Dabei fiel ihm nicht mal auf, dass die Stimme direkt in seinem Kopf zu ihm sprach.
      „Der Name `Kagami Hiroshi` ist bereits vergeben. Bitte wählen Sie einen anderen Namen.“
      .. hah? Wie bitte?! Was sollte das heißen, sein eigener Name war bereits vergeben?!
      „Ich habe Kagami Hiroshi gesagt! Ich habe nur den einen Namen! Das ist nun einmal mein Name, was erwartest du verdammtesDing jetzt von mir?!“, regte er sich sogleich auf und überlegte für einen Moment, ob er nicht diesen verdammten Bildschirm einschlagen sollte.
      „Der Name `Kagami Hiroshi` ist bereits vergeben. Bitte wählen Sie einen anderen Namen.“, verkündete die Stimme stur in seinem Kopf, immer wieder, in kürzeren Abständen, als würde sie ungeduldig werden und trieb den Schwarzhaarigen damit zur Weißglut.
      „Verdammte Scheiße nochmal! Schon gut, schon gut, ich habe es ja schon verstanden! Wie wäre es einfach mit Kagami?!“
      „Der Name 'Kagami' ist bereits-“
      „Hiroshi? Kaga? Hiro?“, unterbrach er die Stimme einfach und versuchte einen Namen zu finden, den diese verdammte Stimme akzeptieren würden.
      „Name verfügbar. Crawler Nummer 3.032.025 fortan registriert als Hiro. Willkommen bei Dungeon Crawl Earth, Crawler Hiro.“
      Na toll. Zwar wurde der Name akzeptiert, aber Kagami hatte keine Ahnung, was genau das für ihn bedeutete. Das musste wohl heißen, dass es bereits einen Kagami Hiroshi in diesem verdammten... ja was eigentlich? Wie auch immer.
      … hätte er einfach Zahlen an seinen Namen hängen sollen? Kagami Hiroshi Nummer Zwei? Nein. Das wäre absolutlächerlich gewesen. Nicht das Hiro besser war. Aber damit konnte er irgendwie leben.
      Während er noch über seinen Namen grübelte, ungeduldig mit dem Fuß wippte, begannen die Wände im Boden zu verschwunden und eine Höhle trat zum Vorschein. Sofort spürte Hiro, wie es kühler würde und wünschte sich für einen Moment sein Jackett zurück, bevor er sich daran erinnerte, dass es bei Mirai wohl besser aufgehoben war. Wer wusste schon, wie es mit der Welt weitergehen würde?
      Er blickt sich nur für einen Moment um, bevor er eine der Fackeln von der Wand nahm und sich tiefer in die Höhle begab, die frei Hand an der Wand entlang fahrend, in der Hoffnung das würde ihn davon abbringen sich zu verlaufen. Zumindest hatte er das irgendwo gelesen.
      Also begann es nun... was auch immer diesesDungeon Crawl Earthwar.
      01001000 01100101 01110010 01100101 00100000 01110100 01101111 00100000 01100100 01100101 01110011 01110100 01110010 01101111 01111001 00100000 01110100 01101000 01100101 00100000 01110111 01101111 01110010 01101100 01100100
    • Okay.
      Simone zog langsam an ihrer Zigarette und ließ den Rauch in einem langen Seufzer wieder entweichen.
      Okay.
      Sie hatte noch genau eine Zigarette übrig. Die würde sie sich aufheben.
      Für einen Notfall.
      Wobei ein Weltuntergang vermutlich bereits als Notfall zählte, oder nicht?
      Sie begann, ihre Situation zu sortieren.
      Was wusste sie bisher?
      Erstens: Die Erde war offenbar von irgendeiner „Laikan Corporation“ gekauft worden. Aliens? Wahrscheinlich.
      Zweitens: Fast die gesamte Menschheit war verschwunden.
      Und drittens: Sie befand sich in einer Höhle, die aussah, als hätte jemand beschlossen, ein Fantasy-Rollenspiel zum Leben zu erwecken.
      Ihr Blick wanderte durch den Gang, über die flackernden Fackeln, die Steinwände.Ja, definitiv Fantasy-Rollenspiel.
      „Fehlen nur noch Goblins und ein Bossgegner am Ende.“
      Ihre Stimme hallte durch die Höhle.
      Keine Antwort.
      Schade.
      Die Stimme aus dem Himmel hatte etwas von einer Aufnahme ins Syndikat erzählt.
      Und von Teilnahmebedingungen, Qualifikationen, Prüfungen und zuletzt irgendeine Ausstrahlung erwähnt?
      Das klang alles weniger nach einer Rettungsaktion und deutlich mehr nach einem Bewerbungsgespräch.
      „Es wäre nett, wenn es irgendwo eine Bedienungsanleitung gäbe.“
      Sie blickte demonstrativ zur Höhlendecke.
      Immerhin hatte die Stimme auch auf ihre Flüche reagiert.
      Vielleicht funktionierte dieses System wie ein besonders nerviger Sprachassistent.
      „Hallo? Tutorial? Hilfe-Menü? Häufig gestellte Fragen?“
      Nichts.
      „Ein paar Tipps wären wirklich hilfreich!“
      Immer noch nichts.
      Simone schnaubte.
      „Okay. Dann bin ich vermutlich tatsächlich im Koma.“
      Sie vergrub das Gesicht in den Händen.
      Das ergab wenigstens ansatzweise Sinn.
      Vielleicht hatte sie draußen im Regen einen Unfall gehabt.
      Vielleicht lag sie gerade in einem Krankenhausbett.
      Mental konnte sie bereits das Piepsen der Maschinen hören, die ihren Zustand überwachten. Sie konnte sogar das Blinken der EKG Linien unter ihren Geschlossenen Lidern hindurch sehen.
      Moment.
      Da blinkte tatsächlich etwas.
      Simone hob den Kopf.
      Ihr Daumen blinkte.
      Genauer gesagt die kleine Einstichstelle, die der seltsame Dorn hinterlassen hatte.
      Als hätte jemand eine winzige LED unter ihre Haut implantiert.
      „Oh, das ist überhaupt nicht beunruhigend.“
      Vorsichtig streckte sie den Daumen vor sich aus.
      Sofort erschien über ihrer Hand ein schwebendes Display, als wäre die “Daumen-hoch”-Geste irgendein Aktivierungssignal.
      „Woah!“
      Vor ihr flimmerten leuchtende Schriftzeichen auf.

      [Willkommen in Ihrem persönlichen Interface, Crawler!]
      [Wollen Sie das Tutorial starten?]
      [> JA] [> NEIN]


      „Jackpot.“
      Sie tippte ohne zu zögern auf JA.
      Sofort wechselte die Anzeige.


      [WILLKOMMEN BEI DUNGEON CRAWL EARTH™]

      [Präsentiert von der Laikan Corporation.]
      [Glückwunsch, Überlebender!]
      [Sie gehören zu den wenigen Mitgliedern Ihrer Spezies, die die planetare Ernte überstanden haben.]
      [Um die Aufnahme in das Syndikat zu ermöglichen, müssen Sie die ersten zehn Ebenen von Dungeon Crawl Earth erfolgreich durchlaufen.]
      [Jede Ebene enthält Herausforderungen, Monster, Rätsel, Ressourcen und andere Teilnehmer.]
      [Das Erreichen der zehnten Ebene qualifiziert einen Crawler für die Aufnahmeprüfung des Syndikats.]
      [Achtung:
      Die Sterblichkeitsrate innerhalb der ersten Ebene beträgt durchschnittlich 72,4 %.]
      [Wir wünschen Ihnen viel Erfolg]


      Simone starrte auf die Anzeige.
      72,4%? Das war eine ziemlich ernüchternde quote…
      Das Display verändert sich wieder und neue Textzeilen erschienen.


      [DUNGEON CRAWL EARTH wird aktuell live an über 18 Billionen Zuschauer innerhalb des Syndikats übertragen.]
      [Ihre Leistung wird kontinuierlich bewertet.]
      [Unterhaltsame, mutige oder besonders kreative Crawler können Sponsoren gewinnen.]
      [Sponsoren können Ausrüstung, Fähigkeiten, Heilmittel und andere wertvolle Belohnungen bereitstellen.]
      [Beliebte Crawler leben länger.]
      [Langweilige Crawler sterben häufiger.]
      [Vielen Dank für Ihre Teilnahme!]


      „Moment mal!“ Simone blinzelte.„Das Ganze ist eine Fernsehshow!?“
      Keine Antwort.
      „Die Aliens haben die Erde zerstört und daraus eine Reality-Show gemacht?“
      Keine Antwort.
      „... Natürlich haben sie das.“
      Das klang mittlerweile fast logisch.
      Ein weiteres Fenster erschien.

      [Das Tutorial der ersten Ebene wurde abgeschlossen.]
      [Viel Glück, Crawler Simone Faraday!]


      „Ja, danke auch.“
      Das Fenster verschwand.
      Für einige Sekunden herrschte Stille.
      Dann stand Simone auf.
      Wenn das hier tatsächlich ein Spiel war, musste es irgendwo ein Ziel geben oder einen Ausgang zur nächsten Ebene. Es hieß doch man müsse 10 Ebenen bestehen, oder?
      Sie nahm eine der Fackeln aus der Wandhalterung und machte sich auf den Weg.
      Während sie lief, öffnete sie immer wieder ihr Interface.
      Es erinnerte stark an die Menüs eines Videospiels.

      [STATUS]
      Level 1 Mensch (Weiblich)
      Klasse: Keine


      Okay, Offenbar durfte sie irgendwann noch eine Klasse wählen.
      Wenigstens etwas.

      [INVENTAR]
      Leer.


      Auch keine Überraschung.

      [SOZIALES]
      Zuschauer: 0
      Favoriten: 0
      Sponsoren: 0


      „Autsch.“ Nicht einmal die intergalaktischen Aliens wollten ihr zuschauen. Das traf mehr, als es sollte.
      „Aber wenn das hier wirklich ein Spiel ist, warum gibt es dann keine Minikarte? Oder wenigstens eine Hilfefunktion? Wie soll ich denn herausfinden, wo ich hi— WAH!“
      Etwas Hartes traf ihren Fuß worauf Simone augenblicklich das Gleichgewicht verlor.
      Mit einem überraschten Aufschrei segelte sie nach vorne und fing sich gerade noch mit den Händen ab.
      „Ver****** Sch****!“
      Reflexartig rieb sie sich den schmerzenden Knöchel.
      Dann bemerkte sie das Hindernis.
      Eine Truhe?
      Eine tatsächliche Holztruhe.
      Mit Metallbeschlägen.
      Mitten in einer Höhle.
      Simone starrte sie an und musste dann aufgrund der absurdität die sich ihr da gerade bot schallend los lachen. „Nein. Das kann unmöglich euer Ernst sein.“
      Eine Loot Truhe, wie man sie aus jedem X-Belibigen Videogame kannte.
      Gespannt, was sie erwarten würde, öffnete sie den Deckel.
      Darin lag… ein Stock?
      Ein einzelner. Gottverdammter. Stock.
      „... Was?“
      Verwirrt hob sie ihn hoch und Sofort ertönte eine übertrieben begeisterte Stimme in ihrem Kopf.

      [STOCK!]
      [Stärke +1!]
      [HERVORRAGENDE BEUTE!]


      Die Begeisterung der Ansage klang, als hätte sie gerade den Meisterball oder das Mastersword entdeckt.
      Simone betrachtete den Stock.
      Dann die Höhlendecke, in der sie mittlerweile die unsichtbaren Kameras mental verbucht hatte.
      Dann wieder den Stock.
      „Ihr habt beinahe meine gesamte Spezies ausgelöscht.“
      Begann sie vorsichtig
      „Und eure Starterwaffe ist ein Ast.“
      Sie steckte den Stock trotzdem ein.
      Man musste schließlich mit dem arbeiten, was man hatte.
    • Kagami Hiroshi

      Der Stein unter seiner Hand war rau, mit Tiefen, Erhöhungen und Kanten. An einer Schnitt sich Hiroshi sogar, fluchte kurz – wobei irgendetwas seine Worte zu unterdrücken schien, was ihn nur noch mehr zum fluchen brachte – verstummte jedoch sogleich, als er von irgendwoher ein Knurren vernahm. Ein lautes Knurren. Lauter als ein Hund von sich geben könnte, oder zumindest sollte.
      Kagami leckte sich das Blut von dem Finger, eher er sich gebeugt weiter nach vorne bewegte, wo das Knurren lauter wurde und die Fakeln Schatten an die Wände warfen. Und ein Schatten gefiel dem Schwarzhaarigen so überhaupt nicht. Er lugte kurz über die Ecke... und erblickte etwas, das wohl ein Hund hätte sein können, aber mit dem Horn, das direkt zwischen den Augen wuchs, den Stacheln am Schwanz und schlicht und einfach dieser Größer, eher direkt aus der Hölle stammen könnte.
      Oder aus einem Videospiel, fügte er gedanklich hinzu, als er hinter dem Monster eine Truhe erblickte, vor der der übergroße Hund – oder war das womöglich eher ein Wolf? Die waren doch deutlich gefährlicher, oder nicht? - hin und her wanderte, als würde es eben diese beschützen. Was es wahrscheinlich auch tat. Dann musste sich in der Truhe doch etwas wichtiges befinden... vielleicht etwas, dass ihn hier raus brachte? Was war überhaupt das verdammte Ziel von diesem... diesem Dungeon Crawler Ding? Groß eine Erklärung hatte es ja nicht gegeben, weder als diese Stimme durch den Himmel gehallt hatte, noch an diesem Bildschirm.
      Als würde der Chip in seinem Daumen seine Gedanken lesen, begann dieser in den verschiedensten Farben zu leuchten, zu blinken wie eine verdammte Discokugel, die dringend seine Aufmerksamkeit brauchte und brachte ihm damit die Aufmerksamkeit von etwas ein, von dem er nicht wollte, dass es ihn bemerkte.
      Der Kopf des Monsters bewegte sich in seine Richtung, die Ohren aufgestellt und ein tiefes Knurren entwich seiner Kehle, es fletschte mit den Zähnen und tapste langsam in seine Richtung, in einer Haltung, die deutlich machte, dass es ihn anspringen würde, sobald es nur nah genug war.
      Verdammt, verdammt, verdammt!
      Da seine andere Hand noch immer die Fackel hielt, vergrub er den blinkenden Daumen in seiner Hosentasche... wo sie einfach weiter blinkte, als könnte der Stoff ihr gar nichts.
      „Hör doch auf damit...“, grummelte er so leise, wie er nur konnte, beugte sich vor um sich kleiner zu machen, während er langsam zurück schlich, um nicht von dem Biest gesehen zu werden.
      Er hob den Daumen vor das Gesicht, um ihn sich genauer anzuschauen und aktivierte dabei das Interface.

      [Willkommen in Ihrem persönlichen Interface, Crawler!]
      [Wollen Sie das Tutorial starten?]
      [> JA] [> NEIN]


      Ohne die zwei Sätze zu Ende zu lesen, wählte er auch schon das Nein. Da war ein verdammter Wolf mit einem Horn hinter ihm her, als ob er die Zeit für irgendwelche Tutorials hätte!

      [Sind sie sich sicher?]
      [> JA] [> NEIN]


      Ja, ja, er war sich sicher!

      [Dann viel Glück! Sterben sie nicht zu früh!]

      … moment mal. Sterben? Kagami war zwar bewusst gewesen, dass er ein Risiko eingegangen war, indem er in dieses Tor geschritten war, aber es so vor sich zu sehen, trieb ihm einen Schauer über den Rücken. Da hörte er plötzlich ein Heulen hinter sich und konnte gerade noch so instinktiv zur Seite streiten, um den Klauen des Biestes auszuweichen. Nur seine Anzugshose musste ein paar Risse davon tragen, aber er hatte nun wirklich andere Problem! Dieses blöde Tutorial hatte ihn abgelenkt! Und dabei hatte er es nicht einmal gelesen!!

      „Du ver*** ****vieh!“, schimpfte er und schwang die Fackel vor sich hin und her, was das Biest zum Knurren brachte, doch seine Körpersprache strahlte eindeutig Vorsicht aus. Natürlich... Wölfe mochten doch kein Feuer! Also schnappte er sich eine zweite Fackel von der Wand und bedrohte das Vieh damit, drängte es zurück bis sie wieder in die Nähe der Truhe kamen.
      Er merkte zu spät, als das Monster Mut zu fassen schien und sich wieder auf ihn stürzte, mit weit aufgerissenem Maul, scharfen, langen Zähnen, die sich in sein Fleisch gegraben hätten, wenn er nicht instinktiv eine Fackel nach dem Vieh geworfen hätte. Es traf es direkt ins Auge, es jaulte auf und schüttelte den Kopf, trat dabei einen Schritt zurück auf die auf dem Boden gelandete Fackel, jaulte ein weiteres Mal auf und sein Fell begann Feuer zu fangen, dass es fast schon verzweifelt zertrat. Das brachte Kagami auf eine Idee.
      Er nutzte die Chance und warf seine zweite Fackel direkt in das Fell des Monsters, welches sofort wieder Feuer fing. Es jaulte auf. Warf sich auf den Rücken, rollte sich hin und her, ehe es laut aufschrie und in einen der anderen Gänge rannte, dabei immer wieder gegen die Wände traf. Ein weiteres Jaulen. Eine scharfe Kante wahrscheinlich. Und das brennende Geschöpf verschwand endlich aus seinem Blickwinkel, was ihm einen erleichterten Seufzer entlockte.
      Da meldete sich sein Daumen wieder.

      [Glückwunsch! +5 Zuschauer!]

      „... Zuschauer?“, murmelte er verwirrt und blickte sich sogleich auf der Suche nach Kameras in dem nun etwas dunkleren Gang um. Doch er fand keine. Den Kopf schüttelnd beließ er es erstmal dabei, da sein Daumen keine Antwort darauf gab – wieso sprach er überhaupt mit seinem Daumen?
      Und wandte sich stattdessen der Truhe zu. Darin fand er...

      [KÜCHENMESSER!]
      [Stärke +3! Kochfähigkeiten +5!]
      [HERVORRAGENDE BEUTE!]


      … was sollte er den Kochen? Diesen Wolf mit Horn? Kagami verwarf den Gedanken sofort, hoffte dem verbrannten Kadaver nicht über den Weg laufen zu müssen und warf froh, dass es ihm hier nicht an Fackeln mangelte. Da er jedoch nichts hatte, worin er das Messer transportieren konnte, hielt er es fest in der Hand, während er dem Gang weiter folgte. Dieses Mal vorsichtiger. Seinem verräterischen Daumen immer wieder einen Blick zuwerfend. Und dann wäre er fast gegen eine Person gestoßen.
      „... ein Kind?“, hob er verwundert eine Augenbraue, als er einem schwarzhaarigen Mädchen gegenüber stand. Zumindest sah sie in seinen Augen wie ein Mädchen aus.
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    • Was für ein abgefahrener Fiebertraum… Simone wusste ehrlich nicht mehr, wie sie das Ganze sonst beschreiben sollte.
      Während sie durch die Höhle lief, begann sie mit ihrem Daumenimplantat herumzuexperimentieren.
      Wenn es schon einen Reiter namens „Inventar“ gab, war es doch naheliegend, dass es auch irgendeine Möglichkeit geben müsste, Gegenstände darin zu verstauen, oder?
      Ohne vernünftige Steuerungshinweise hatte sie keine Ahnung, wie dieser Videospielabklatsch funktionieren sollte.
      Ndugierig drückte sie ihren blinkenden Daumen gegen den erbeuteten Stock und versuchte, ihn gedanklich ins Inventar zu ziehen.
      Nichts dergleichen geschah.
      Aber immerhin war sie mit ihrer Vermutung, dass ihr Daumenimplantat hier von Relevanz war, nicht völlig auf dem Holzweg.
      Als sie den Daumen gegen den Stock drückte, erschien erneut ein schwebendes Fenster.

      [STOCK!]
      [Stärke +1!]


      Okay, sie konnte Gegenstände untersuchen! Das war doch immerhin schonmal etwas. Aber diesen Text kannte sie ja schon… Sie ließ die Anzeige verschwinden und suchte nach weiteren Dingen, die sie untersuchen konnte, wobei ihr Blick auf die Fackeln an den Wänden fiel.
      Neugierig drückte sie ihren Daumen gegen den Griff einer davon.

      [FACKEL]
      [Verbrauchsgegenstand]
      [Verbleibende Nutzungsdauer: 98 %]
      [Stärke +1]
      [+0,2 % Kritische Trefferchance]
      [+50 % Wahrscheinlichkeit auf Brandschaden]


      Simone starrte die Anzeige an.
      „Moment mal.“
      Sie zeigte anklagend mit dem Finger auf die Fackel.
      „Warum ist die Fackel besser als mein Schatztruhen-Loot?“
      Sie blickte demonstrativ zur Höhlendecke.
      „Hallo? Wer auch immer für das Balancing zuständig ist, das ergibt überhaupt keinen Sinn!“
      Wie üblich erhielt sie keine Antwort.
      Missbilligend schüttelte sie den Kopf und nahm eine zweite Fackel aus ihrer Halterung.
      Wenn das Spiel ihr kostenlose kritische Treffer und Brandschaden schenken wollte, würde sie sich bestimmt nicht beschweren.
      Die Angabe der verbleibenden Nutzungsdauer bereitete ihr allerdings Sorgen.
      98% klang erstmal gut.
      Aber was passierte bei 0%?
      Würde die Fackel einfach ausgehen?
      Würde sie zerbrechen? Explodieren?
      Würde sich die einzige Lichtquelle in dieser Höhle einfach auflösen?
      Während Simone noch darüber nachdachte, wie sie verhindern könnte früher oder später im Dunklen zu sitzen, hörte sie plötzlich Geräusche.
      Sie blieb augenblicklich stehen.
      Ein Knurren und Jaulen erklang aus der ferne, schallte an den Höhlenwänden entland und dazwischen— War das eine menschliche Stimme!?
      Ihr Herz machte einen Sprung.
      Menschen! Vielleicht sogar eine Gruppe?
      Sie lauschte angestrengt.
      Qualvolles Jaulen und irgendetwas rannte davon.
      Wenn Simone raten müsste, hatte gerade jemand einen Kampf gewonnen, was wiederum bedeutete, dass dort vorne etwas herumlief, das kämpfen konnte.
      Ihr Puls beschleunigte sich.
      Ein Teil von ihr wollte sofort loslaufen, wollte andere Menschen finden um nicht allein in diesen gottverdammten Höhlen zu sterben.
      Aber ein anderer Teil ihres Gehirns , derselbe Teil, der sie bei Schießübungen und Notfallübungen jahrelang genervt hatte, meldete sich ebenfalls zu Wort: Ihr Selbsterhaltungstrieb.
      „Ach, s***** drauf.“
      Das automatische Zensursystem verschluckte den Fluch während sie lod marschierte trotzdem .
      Mit jedem Schritt wurde der apuls in ijren Ohren Lauter vor Anspannung.
      Vielleicht pberhörte sie deshalb die Schritte die ihr entgegen kamen, und blieb abrupt stehen, als eine Gestalt vor ihr auftauchte und fast mit ihr Kollidierte.
      Ein Mann, älter als sie, vielleicht um die 40 herum?
      Es war schwer zu sagen.
      Er wirkte müde, aber nicht die Art von Müdigkeit, die man nach einer schlechten Nacht hatte, sondern die, die sich über Jahre ansammelte…Zerzaustes Haar, Stoppelbart, Hagere Gesichtszüge, Mehrere kleine Narben, Ein Anzug, der seine besten Tage längst hinter sich hatte.
      Wenn Simone raten müsste, hätte sie ihn irgendwo in Ostasien verortet.
      Japan? Korea? Vielleicht etwas ganz anderes.
      „Ein Kind?“ kam es perplex von ihm
      Natürlich. Natürlich hielt man sie schon wieder für ein Kind.
      Nicht einmal der Weltuntergang konnte ihr das ersparen.
      Aber all diese kleinen Details die sie beobachtet hatte, ja sogar die Tatsache, dass sie SCHON WIEDER für ein Kind gehalten wurde, verblassten angesichts des eigentlich relevanten Merkmals das den Unbekannten in deisem Augenblick auszeichnete: das ziemlich scharf aussehende Küchenmesser in seiner Hand!
      „Whoa!“ Reflexartig wich sie einen Schritt zurück und hob beide Hände.
      „Ich bin unbewaffnet!“
      Okay. Das war technisch gesehen gelogen. Sie hatte einen Stock.
      Und zwei Fackeln.
      Aber gegen ein Messer fühlte sich das ungefähr so bedrohlich an wie aggressives Gestikulieren.
      Ihre Augen huschten durch den Höhlengang, suchten nach potentiellen Fluchtwegen.
      Vorwärts. Rückwärts. Das war's.
      Nicht gerade ideale Bedingungen.
      Und falls sie tatsächlich rennen musste, würde ihre katastrophale Ausdauer sie vermutlich innerhalb weniger Minuten verraten.
      Aber um ehrlich zu sein, wirkte der Mann nicht besonders aggressiv.
      Dann bemerkte sie etwas… Auch sein Daumen blinkte, Genau wie ihrer.
      Langsam ließ Simone die Hände sinken und streckte ihm ihren eigenen blinkenden Daumen entgegen.
      „Sieht so aus, als wären wir beide Teilnehmer in diesem Konstrukt.“
    • Kagami hob eine Augenbraue. Folgte dem Blick der Schwarzhaarigen und ihm wurde bewusst, wie er wohl in ihren Augen aussehen musste. Ein zerzauster, älterer Mann. Mit einem Messer in der Hand. Jedes Kind würde sich da erst mal erschrecken, oder nicht?
      „Das ist nicht...“, wusste er nicht so recht, wie er ihr erklären sollte, dass er keine Gefahr für sie war, stockte dann jedoch. Natürlich. Leute die einem sagten, dass sie einem nichts tun würden, wirkten doch sofort irgendwie gefährlicher, oder nicht? Also tat er das einzige, was ihm in dieser Situation sinnvoll erschien: das Messer samt Hand hinter seinem Rücken zu verstecken.
      „Das hab ich gerade gefunden... dort drüben, in so einer Kiste und...“, wieder hielt er inne. Sollte er einfach so ausplaudern, dass hier anscheinend Monster ihr Unwesen trieben? Würde ihr das nicht noch mehr Angst machen? Andererseits, war wahrscheinlich besser, als unwissend durch diese Gänge zu streifen.
      „... hier scheint es sowas wie Monster zu geben. Also hab ich das Messer mitgenommen.“, fügte er hinzu. Wer hatte hier überhaupt Kinder erlaubt? Dieses Crawler Zeug sollte ein Mindestalter haben!
      Als sie dann ihren Daumen hob, tat er es ihr gleich.
      „Sieht wohl so aus....“, stimmte er ihr zu. Auch wenn er sich noch nicht ganz sicher war, was das ganze hier eigentlich soll.
      „... hast du zufällig das Tutorial gelesen?“, fragte er sich nun, ob er nicht doch etwas wichtiges verpasst hatte. Das war typisch für ihn. Die Anleitung erst mal wegwerfen, bevor man sie panisch sucht.
      „... ich bin übrigens Kagami Hiroshi. Wie heißt du? Sind deine Eltern auch hier?“, und für eine Ausländerin war ihr Japanisch wirklich gut.
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    • Ihr Gegenüber schien ihren Blick bemerkt zu haben und rang sichtlich nach einer Erklärung.
      So unbeholfen, wie er sich dabei anstellte, begann Simone tatsächlich zu glauben, dass er harmlos war.
      Psychopathen sagte man schließlich nach, dass sie charmant seien. Manipulativ. Gut darin, Menschen um den Finger zu wickeln.
      Dieser Mann wirkte wie keines dieser Dinge.
      Er wirkte eher wie jemand, der sich gerade verzweifelt fragte, wie man möglichst unbedrohlich mit einem Küchenmesser in der Hand wirkte.
      Außerdem erschien seine Geschichte gar nicht so abwegig.
      Nach allem, was Simone bisher über diesen Dungeon gelernt hatte, klang „Messer aus einer Truhe gezogen“ überraschend plausibel.
      Und die Sache mit den Monstern passte ebenfalls ins Bild.
      Wenn das hier tatsächlich irgendeine Mischung aus Fantasy-Rollenspiel und sadistischer Alien-Gameshow war, dann gehörten Monster wohl zwangsläufig dazu.
      „... Hast du zufällig das Tutorial gelesen?“
      Die Frage riss sie aus ihren Gedanken.
      „Ähm...“
      Sie zögerte.
      Er wusste offenbar, dass es ein Tutorial gab, aber anscheinend nicht, was darin stand.
      Hatte er es übersprungen?
      Vielleicht versehentlich weggeklickt?
      Oder er wollte nur überprüfen, ob alle dieselben Informationen erhalten hatten?
      Simone beschloss, einfach zu antworten.
      „Also laut Tutorial müssen wir uns durch zehn Ebenen dieses Videospiel-Albtraums kämpfen.“
      Sie gestikulierte mit ihrer Fackel durch die Höhle.
      „Wenn wir die zehnte Ebene erreichen, qualifizieren wir uns angeblich für die Aufnahme in irgendein Syndikat… Keine Ahnung, was das genau sein soll.“
      Dann verzog sie das Gesicht.
      „Außerdem wird das Ganze wohl live übertragen. Als riesige Gameshow. Für das komplette Universum.“
      Selbst ausgesprochen klang es noch bescheuerter als in ihrem Kopf.
      „Und um an bessere Ausrüstung, Fähigkeiten und Belohnungen zu kommen, müssen wir Zuschauer und Sponsoren sammeln. Was bedeutet, dass wir offenbar nicht nur überleben, sondern dabei auch noch unterhaltsam sein sollen.“
      Ihre Stimme wurde leiser.
      „Und die Sterblichkeitsrate auf der ersten Ebene liegt angeblich bei ungefähr fünfundsiebzig Prozent.“
      Unwillkürlich rieb sie sich über den Unterarm.
      Allein die Zahl ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen.
      Dreiviertel aller Teilnehmer… Auf der ersten Ebene.
      Und dabei gehörten die knapp dreizehn Millionen Überlebenden ohnehin schon zu den wenigen Menschen, die von den Ursprünglichen 8 Milliarden überhaupt noch übrig waren.
      Was passierte, wenn diese Quote auf jeder Ebene ähnlich blieb?
      Oder schlimmer noch, wenn sie stieg?
      Wie viele würden es statistisch überhaupt bis zum Ende schaffen?
      Ein paar Tausend?
      Ein paar Hundert?
      Vielleicht nur eine Handvoll?
      Der Gedanke gefiel ihr überhaupt nicht.
      Obwohl die Fackeln die Höhle angenehm warm hielten und ihre vom Regen durchnässte Kleidung inzwischen beinahe trocken war, überkam sie ein Frösteln.
      „... Ich bin übrigens Kagami Hiroshi.“
      Die Vorstellung riss sie glücklicherweise aus ihrer sich stetig verdüsternden Gedankenspirale.
      Der Name klang eindeutig japanisch.
      Mit ihrer Vermutung, dass er aus Ostasien stammte, hatte sie also gar nicht so falsch gelegen.
      Was sie allerdings überraschte, war sein volkommen akzentfreies Englisch.
      „Wie heißt du? Sind deine Eltern auch hier?“
      Da war es wieder…
      Simone verzog leicht den Mund, sie war diese Frage gewohnt.
      Es passierte ihr regelmäßig, dass man sie für deutlich jünger hielt, als sie tatsächlich war.
      Und das Missverständnis aufzuklären war jedes Mal gleichermaßen unangenehm, sowohl für sie als auch für ihr Gegenüber.
      Trotzdem wurde es nur schlimmer, je länger sie damit wartete.
      „Ich bin Simone Faraday. Und... na ja... keine Ahnung, wo meine Eltern gerade sind.“
      Sie kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
      „Vermutlich irgendwo in Minnesota.“
      Ihre Miene verdüsterte sich kurz.
      Dann räusperte sie sich.
      „Ich wohne schon seit Jahren allein. Und bevor du fragst: Ich bin achtundzwanzig.“
    • "... das erklärt die Sache mit den Zuschauern.", murmelte Kagami vor sich hin, während er sich an die fünf Zuschauer erinnerte, die er nach dem Kampf - wenn man es denn so nennen konnte - mit dieser wolfsähnlichen Bestie erhalten hatte. War es das, was man tun musste, um Zuschauer zu erhalten? Monster bekämpfen? Er fühlte sich plötzlich, als wäre er mitten in einem Kolosseum gelandet. Dafür, dass er keine Schimpfwörter aussprechen konnte, war das ganze hier nicht gerade PG rated.

      "... oh.", wusste er nicht so recht, was er sagen sollte, als Simone ihr wahres Alter preis gab und rieb sich etwas verlegen den Hinterkopf. Er hätte schwören können, dass sie ein Kind war. Und er war sich nicht so recht sicher, ob er erleichtert sein sollte oder nicht.
      "Dann... Verzeihung.", fügte er nochmal hinzu und verbeugte sich leicht.
      "Nun... wie wärs? Sollen wir den Ausgang gemeinsam finden?", schlug er dann letztendlich vor, das Messer weiterhin hinter seinem Rücken haltend.
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    • Kagamis Gemurmel zufolge hatte er bereits einige Zuschauer gesammelt.
      Nun ja, wenn er tatsächlich derjenige gewesen war, der gegen das Vieh gekämpft hatte, dessen Jaulen sie zuvor gehört hatte, war das kaum verwunderlich. Allein dadurch war er vermutlich schon deutlich unterhaltsamer gewesen als sie.
      Sie hatte bisher schließlich nur einen Stock gefunden.
      Neugierig hob sie ihren Daumen und wechselte erneut zum Reiter „Soziales“. Nope.
      Immer noch alles auf null.
      Keine Zuschauer, eine Favoriten, keine Sponsoren, nicht einmal Views.
      „Na klasse.“
      Andererseits hatte das Ganze gerade erst begonnen. Vielleicht musste man den intergalaktischen Zuschauern erst etwas bieten, bevor sie einschalteten.
      „Dann... Verzeihung.“
      Kagami verbeugte sich leicht und Simone blinzelte überrascht.
      Das war eine ungewöhnlich altmodische Reaktion.
      Salutieren war sie gewohnt. Das gehörte schließlich zu ihrem Arbeitsalltag. Aber eine Verbeugung?
      Das sah man in Amerika eher selten.
      Nun gut. Er war Japaner.
      Zumindest nahm sie das aufgrund seines Namens und äußeren Erscheinens an.
      So fließend und akzentfrei wie er Englisch sprach, lebte er vermutlich schon lange in den Staaten, aber diesen Teil seiner Kultur hatte er sich offenbar bewahrt.
      „Nun... wie wäre es? Sollen wir gemeinsam nach dem Ausgang suchen?“
      Das Messer hielt er dabei weiterhin hinter seinem Rücken, als wolle er ihr demonstrieren, dass er keine Bedrohung darstellte.
      Die Geste wirkte beinahe schon niedlich.
      „Sehr gerne.“ Simone nickte zustimmend.
      „Gemeinsam haben wir bestimmt bessere Chancen.“
      Zumindest hoffte sie das.
      Denn falls die Sterblichkeitsrate tatsächlich bei fünfundsiebzig Prozent lag, würde sie jede Hilfe brauchen können.
      „Oh! Aber eine Sache habe ich noch herausgefunden!“
      Sie hob ihren Daumen demonstrativ in die Höhe.
      „Damit kann man auch Dinge untersuchen.“
      Vorführend legte sie den Daumen erneut auf die Fackel.
      Sofort erschien das ihr bekannte Fenster.

      [FACKEL]
      [Verbrauchsgegenstand]
      [Verbleibende Nutzungsdauer: 96 %]
      [Stärke +1]
      [+0,2 % Kritische Trefferchance]
      [+50 % Wahrscheinlichkeit auf Brandschaden]


      Moment… Simone runzelte die Stirn.
      Vorhin hatte die Fackel noch bei achtundneunzig Prozent gelegen.
      Wann hatte sie zuletzt nachgesehen?
      Vor ungefähr einer Stunde?
      Das würde bedeuten, dass die Haltbarkeit um etwa zwei Prozent pro Stunde sank.
      Also nun ungefähr noch Wochen achtundvierzig Stunden verbleibender Nutzungsdauer.
      Nicht gerade beruhigend, Aber immerhin besser als gar kein Licht.
      Nun ja, mal sehen, was in achtundvierzig Stunden alles schiefgehen konnte.
      Wahrscheinlich eine ganze Menge.
      Während sie die Anzeige betrachtete, kam ihr plötzlich ein Gedanke.
      Wenn sie Gegenstände analysieren konnte...
      Konnte sie dann nicht auch andere Spieler analysieren?
      Oder Monster?
      „Okay, das wird jetzt vielleicht etwas seltsam wirken“, kündigte sie an.
      „Aber ich möchte etwas ausprobieren. Bleib ganz kurz still stehen.“
      Bevor Kagami widersprechen konnte, legte sie ihm den Daumen auf die Schulter.
      Genau so, wie sie zuvor die Gegenstände untersucht hatte.
      Einen Augenblick später erschien tatsächlich ein neues Fenster.
      Ein triumphierendes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

      [Crawler #3.032.025]
      [Hiro]
      [Level 1 Mensch (Männlich)]
      [Klasse: Keine]


      „Ha!“ Die Anzeige ähnelte stark ihrem eigenen Statusfenster.
      Allerdings fiel ihr sofort etwas auf.
      Er hatte sich als Kagami vorgestellt.
      Hier stand jedoch „Hiro“.
      Vielleicht war „Hiro“ sein Sein Spiitzname? Oder Gamertag?
      Oder war "Kagami" bereits vergeben gewesen?
      Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, erschien plötzlich ein weiteres Fenster.

      [Wollen Sie Crawler Hiro eine Gruppeneinladung senden?]
      [> JA] [> NEIN]


      „Oh.“
      Überrascht hob Simone die Augenbrauen.
      Natürlich.
      Wenn dieses Ding ein Multiplayer-Spiel war, musste es auch Gruppen geben.
      Das ergab sogar erstaunlich viel Sinn.
      „Das System fragt mich gerade, ob wir eine Gruppe bilden wollen.“
      Sie blickte zu Kagami.
      „Keine Ahnung, ob du dieselbe Meldung siehst.“
      Ohne lange darüber nachzudenken, drückte sie auf „Ja“.
      Falls er keine Gruppe bilden wollte, konnte er die Einladung immer noch ablehnen.
      Sofort erschien am oberen Rand ihres Interfaces ein neuer Balken.

      [Einladung ausstehend]

      Simone betrachtete die Anzeige einen Moment lang.
      Das hier war wirklich ein verdammtes Videospiel.
    • „Oh! Aber eine Sache habe ich noch herausgefunden!“
      Fragend hob Kagami eine Augenbraue und versuchte zu sehen, was auch immer Simone herausgefunden hatte. Das Problem war... er sah nichts. Er trug nur einen verwirrten Ausdruck auf dem Gesicht, denn in seinen Augen hat die Berührung der Fackel keine Auswirkung gehabt, also wollte er es einfach selber ausprobieren... wo wir zu Problem Nummer zwei kamen. Ein Messer in der einen Hand, eine Fackel in der anderen. Und er wusste nicht so recht, wo er das Messer sicher ablegen konnte, um die Sache mit dem Daumen auszuprobieren. Und sich zu verschrenkten war viel zu gefährlich. Am Ende schnitt er sich versehentlich noch selbst, oder schlimmer: erwischte Simone.
      Er hätte sie ja gerne darum gebeten, es für ihn zu halten... aber auch ihre Hände waren mit Fackeln beschäftigt. Wieso trug sie überhaupt zwei? War es ihr mit einer Fackel zu dunkel?

      Als sie ihn dann plötzlich an der Schulter berührte, zuckte er leicht zusammen. In seiner Kultur war es nicht gerade normal, fremde Leute einfach so zu berühren. Oder bekannte Leute.Und auch wenn er bisher kein einziges Mal im Ausland war, hatte er schon davon gehört, dass Ausländer gerne...touchywaren. Vor allem Amerikaner. Und Minnesota klang schon irgendwie amerikanisch. Natürlich hatte Kagami von diesem Ort noch nie etwas gehört. Er blieb lieber in seinereigenen kleinen Ecke der Welt, anstatt sich sich für die Welt dort draußen zu interessieren.
      Auch wenn man hin und wieder dann doch etwas aus den Nachrichten mitbekam. Aber eigentlich auch nie etwas gutes.
      „Und... was hat das jetzt gemacht?“, erkundigte er sich mit einem verwirrten Lächeln, da er auch dieses Mal die Anzeige nicht sehen konnte. Die Anzeige, die nicht seinen echten Namen, sondern den, den er sich irgendwie hatte zusammenreimen müssen, da sein eigener – und zahlreiche Abkürzungen – bereits vergeben waren. Er wusste ja, dass er nicht gerade einen außergewöhnlichen Namen besaß, trotzdem nervte es ihn, dass er nicht einfach seinen eigenen nehmen konnte. Dann gab es halt zwei Kagami Hiroshi's, und? Hatten die Veranstalter noch nie etwas davon gehört, dass es Menschen mit dem selben Namen gab? Waren es überhaupt Menschen, die sie hierher geschickt hatten? Wahrscheinlich nicht. Aber was auch immer sie hierher... teleportiert hat: es war besser, als auf einem toten Planeten auf den Tod zu warten. Hoffte er zumindest. Und auch wenn er Mirai vermisste, so war er doch irgendwie froh, dass sie nicht hier war. Alleine bei dem Anblick dieser Bestie wäre sie sicherlich in Ohnmacht gefallen. Und so ungern er das zugeben wollte, wäre er wohl nicht in der Lage gewesen, sie anständig zu beschützen.
      Hoffentlich ging es ihr auf der Erde gut... nun, jedenfalls.
      Er konnte froh sein, dass Simone ihn nicht für einen Lügner oder Betrüger hielt.
      Kagami schüttelte den Kopf, als sie meinte, dass sie nicht wüsste, ob er die Meldung sehen konnte. Konnte er nicht. Keine Einzige bisher. Wie eigenartig.
      Dann erschien doch eine Anzeige direkt vor ihm.

      [Crawler #2.360.217Simone Faraday hat ihnen eine Gruppeneinladung geschickt.]
      [Möchten sie diese annehmen?]

      [> JA] [> NEIN]


      Ah. Das hatte sie also mit Gruppe gemeint. Aber wozu? Reichte es nicht, dass sie gemeinsam weiter gingen? Wozu musste das System erst bestätigen, dass sie eine Gruppen waren? Kagami hatte noch nie ein RPG gespielt, also hatte er keine Ahnung, wofür eine Gruppe überhaupt gut war, dennoch drückte er auf Ja. Schaden konnte es sicherlich nicht.
      Dann erschien ein neues Interface. Irgendwo im oberen Bereich seiner Sicht konnte er ein kleines Icon ausmachen, dass Simone's Gesicht darstellte. Daneben ihr Name und darunter ein Lebensbalken. Kagami hob verwundert eine Augenbraue und egal wie oft er versuchte nach oben zu schauen, um es sich genauer anzusehen, blieb das Interface am oberen Bereich seines Sichtfeldes kleben. Als würde er eine Brille mit einer Bild darin tragen. Wie irritierend.

      [Möchten sie das Gruppen Interface deaktivieren?
      ACHTUNG: den Status der Gruppenmitglieder aus den Augen zu verlieren, kann zu Konsequenzen führen]

      [> JA] [> NEIN]


      … Konsequenzen? Was für Konsequenzen? Kagami wusste nicht einmal, wofür dieser Balken unter dem Namen gedacht war, aber da ihm die Warnung nicht gefiel, betätigte er ein Nein. Oder besser gesagt: er dachte nur daran und die Anzeige verschwand. Super. Sein Daumen war nämlich gerade nicht gerade frei. Er hoffte wirklich, dass er irgendetwas finden konnte, in dem sich das Messer aufbewahren lässt.
      Er blickte an sich herunter... und blieb mit dem Blick an seiner Hosentasche hängen. Nun, das Messer würde zwar nicht rein passen, aber vielleicht würde es lange genug hängen bleiben, dass er den Trick mit den Daumen ausprobieren könnte.
      Also stopfte er den sicheren Teil des Messers in seine Hosentasche... und es verschwand. Einfach so.
      „Was zum-?! Das kann doch nicht wahr sein, ich hab dieses verd***** Messer doch gerade erst bekommen! Sch****!!“, fluchte er sogleich genervt. Da tauchte plötzlich eine weitere Anzeige auf.

      [KÜCHENMESSER erfolgreich im Inventar verstaut.]

      „... was ist denn jetzt ein Inventar?“
      01001000 01100101 01110010 01100101 00100000 01110100 01101111 00100000 01100100 01100101 01110011 01110100 01110010 01101111 01111001 00100000 01110100 01101000 01100101 00100000 01110111 01101111 01110010 01101100 01100100
    • Das kleine Symbol am oberen Rand ihres Sichtfelds wechselte von „Einladung ausstehend“ zu einer neuen Anzeige.

      [Gruppe erstellt.]
      [Mitglieder: 2]
      [Crawler #2.360.217 – Simone Faraday][Gruppenanführer]
      [Crawler #3.032.025 – Hiro]


      „Oh.“
      Simone blinzelte.
      Das war überraschend unkompliziert gewesen.
      Keine Verträge, Nutzungsbedingungen oder Datenschutzbestimmungen.
      Nicht einmal ein Häkchen zum Bestätigen.
      Für ein System, das bisher so erschreckend bürokratisch gewirkt hatte, war das fast schon enttäuschend.
      Neugierig betrachtete sie das neue Symbol am oberen Rand ihres Sichtfeldes.
      Neben ihrem eigenen Namen erschien nun auch der von Hiro.
      Darunter befand sich ein grüner Balken.
      Ein Lebensbalken. Natürlich.
      Wenn man schon in einem Videospiel festsaß, dann richtig.
      Sie hob eine Hand und versuchte das Symbol anzutippen.
      Nichts.
      Also versuchte sie es gedanklich.
      Sofort ploppte ein neues Fenster auf.

      [Gruppeninterface]
      [Mitglieder: 2]
      [Entfernung zu Gruppenmitgliedern wird angezeigt.]
      [Statusinformationen verfügbar.]


      „Hm.“
      Das klang tatsächlich nützlich.
      Vorausgesetzt, einer von ihnen wurde nicht plötzlich von einem Monster gefressen.
      Dann wäre die Information vermutlich eher deprimierend.
      Während sie noch durch die Menüs klickte, erklang neben ihr plötzlich ein Fluchen.
      Simone zuckte zusammen.
      Reflexartig fuhr ihr Blick herum und für den Bruchteil einer Sekunde erwartete sie, ein Monster zu sehen.
      Stattdessen schien Hiro mit irgendeiner neuen Entdeckung beschäftigt zu sein.
      „Inventar...?“
      Simones Augen leuchten auf.
      “Du hast herausgefunden, wie man Gegenstände ins Inventar einlagern kann?”
      Und anscheinend musste man nichts anderes tun als… Dinge in die Tasche zu stecken… okay, ja, das hätte eigentlich klar sein sollen, warum war sie nicht vorher auf die Idee gekommen? Vermutlich weil sie zu sehr auf das komische neue Daumenimplantat fokussiert war…
      Sie blickte auf ihren Stock, dann auf die Fackel, dann wieder in das leere Inventar.
      Wenn sie ehrlich war, hatte sie keine Lust, den gesamten Dungeon mit einem Arm voller Gerümpel zu durchqueren.
      Also versuchte sie den Stock so gut es ging, in ihre Jackentasche zu stecken.
      Sofort flackerte eine Anzeige auf.

      [STOCK erfolgreich im Inventar verstaut.]

      Der Stock verschwand augenblicklich.
      Simone starrte auf die nun leere Stelle.
      Dann öffnete sie erneut das Inventar.
      Dort lag er. Als kleines Symbol.
      Ordentlich einsortiert.
      „Okay, das ist ziemlich cool.“
      Einen Moment später runzelte sie die Stirn.
      „Moment.“
      Sie zog den Stock wieder heraus.
      Er erschien unmittelbar in ihrer Hand.
      Dann verstaute sie ihn erneut.
      Wieder verschwand er.
      Heraus. Rein. Heraus. Rein.
      Ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
      „Oh nein.“
      Das war gefährlich.
      Sie war genau die Art von Mensch, die die nächsten zwei Stunden damit verbringen konnte, Gegenstände verschwinden und wieder auftauchen zu lassen und auf dem Weg durch den Dungeon alles, was nicht an die Wand genagelt war, wie eine absolute Kleptomanin mitzunehmen.
      Neugierig begann sie, auch eine ihrer beiden Fackeln zu verstauen. Zu ihrer Freude fing sie dabei weder Feuer noch war die Fackel erloschen, als sie diese wieder aus ihrem Inventar heraus zog. Ob die Nutzungsdauer in ihrem Inventar weiter abnahm? Oder war die Fackel darin bei 96% “eingefroren”?
      Nun, das galt es im Laufe der nächsten Stunde wohl als nächstes herauszufinden.
      Es fühlte sich seltsam an, wie selbstverständlich sie diese völlig unmöglichen Dinge inzwischen akzeptierte.
      Vor wenigen Stunden hatte sie noch vor einem Walmart gestanden und versucht, eine Zigarette anzuzünden.
      Jetzt sortierte sie Ausrüstung in ein magisches Taschenuniversum.
      Menschen gewöhnten sich offenbar erschreckend schnell an den Weltuntergang.
      In all ihrer Freude darüber, endlich das Inventar nutzen zu können, hatte sie Kagami ein wenig vergessen. Entschuldigend blickte sie wieder zu ihm hinüber.
      Er hat gerade gefragt, was ein Inventar war… Eine vage Befürchtung beschlich sie. “Hast du… schonmal ein Video-Game gespielt?” Fragte sie vorsichtig “Oder zumindest was Rollenspiel Artiges? Wie… Pen and Paper? Dungeons and Dragons? Sowas in der Richtung?"
    • Okay. Offenbar wusste Simone bereits, dass es ein Inventar gab und was genau das war. Also wartete Kagami auf eine Erklärung, doch statt eine zu bekommen, musste er mit ansehen, wie sie einen Stock verschwinden oder wieder auftauchen ließ. Wie ein Magier. Und offensichtlich hatte sie Spaß daran. Er konnte sich das amüsierte Lächeln nicht verkneifen und wahrscheinlich war das auch der Grund, wieso er einfach geduldig wartete und ihr bei ihren Experimenten zusah, anstatt ungeduldig und genervt zu werden. Vielleicht spielte auch die Tatsache, dass sie in seinen Augen immernoch wie ein Kind aussah, eine Rolle. Und da sagte man, dass Japaner sahen jünger aus, als sie eigentlich waren.
      Ob sie wohl halb Japanerin war? Das würde ihr perfektes Japanisch erklären.
      "... mh? Nein. Natürlich nicht.", beantwortete er ihre Frage, als wäre es selbstverständlich gewesen. In seiner Jugend waren Videospiele und Rollenspiele nur was für Nerds. Und natürlich war er kein Nerd. Im Gegenteil, er konnte Nerds nicht ausstehen. Einmal hatte er mal Tetris gespielt. Aber irgendwas sagte ihm, dass das nicht zählte.
      "... willst du gerade andeuten, dass das alles hier ein großes Video-Game ist?"
      Bitte nicht. War er dafür nicht zu alt?
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    • "... mh? Nein. Natürlich nicht.", Antwortete Kagami auf Simones frage, ob er je ein Videospiel gespielt hatte.
      Simone starrte ihn für einen Moment an.
      „...Oh.“
      Okay.
      Das erklärte einiges… Die Verwirrung, die Fragen, der Umstand, dass er offenbar nicht einmal wusste, was ein Inventar war.
      Sie hatte bisher stillschweigend angenommen, jeder Mensch hätte zumindest irgendwann einmal ein Videospiel gespielt. Nicht unbedingt exzessiv oder regelmäßig.
      Aber gar keines?
      Nicht einmal ein einziges Rollenspiel?
      „Das macht die Sache natürlich etwas komplizierter.“
      Sie kratzte sich am Hinterkopf.
      Wie erklärte man jemandem Videospiele?
      Vor allem jemandem, der offensichtlich keinerlei Berührungspunkte damit hatte?
      „Also... ähm...“
      Sie suchte nach den richtigen Worten.
      „Videospiele sind normalerweise keine Anleitung fürs echte Leben. Also meistens nicht. Aber dieses Ding hier scheint sich ziemlich großzügig bei ihnen bedient zu haben.“
      Mit einer Hand deutete sie die Höhle um sich herum an.
      Es wirkte alles erschreckend vertraut.
      „Die meisten Rollenspiele funktionieren so, dass man einen Charakter steuert, stärker wird, Ausrüstung findet und irgendwann gegen immer größere und gefährlichere Gegner kämpft.“
      Sie hielt kurz inne.
      „Wobei man normalerweise nicht selbst der Charakter ist.“
      Das erschien ihr ein wichtiger Unterschied.
      „Normalerweise sitzt man dabei auf einer Couch und riskiert höchstens Karpaltunnelsyndrom in den Handgelenken.”
      Ihr Blick wanderte kurz durch den Höhlengang.
      “Jedenfalls gibt es meistens bestimmte Systeme.“
      Sie begann an den Fingern abzuzählen.
      „Level. Ausrüstung. Inventar. Klassen. Gruppen und jede Menge Zeug, das die Entwickler eingebaut haben, damit Spieler beschäftigt bleiben. Die gefundene Ausrüstung ist für das Progressieren relevnt. Zum Beispiel der Stock.“
      Sie ließ ihn erneut erscheinen und schwenkte ihn demonstrativ durch die Luft.
      „Der ist eigentlich ein lächerlich schlechter Gegenstand ber das, was mir dieser Dungeon in einer Truhe gegeben hat, um Fortschritt zu erzielen.“
      Das war deprimierend.
      „Die Werte dahinter sind wichtig.“
      Sie tippte gegen den Stock.
      „Wenn da steht ,Stärke +1', bedeutet das normalerweise, dass man damit härter zuschlagen kann.“
      Ihr Blick wanderte zu einer der Fackeln.
      „Und wenn die Fackel sagt, dass sie Brandschaden verursachen kann, dann bedeutet das wahrscheinlich genau das.“
      Sie hatte ehrlich gesagt wenig Interesse daran, praktisch herauszufinden, wie viel Brandschaden ein brennender Holzstab verursachte.
      „Dann gibt es Klassen.“
      Sie zeigte auf ihr eigenes Statusfenster.
      „Da steht bei mir momentan noch ,Keine'. Normalerweise spezialisiert man sich irgendwann auf irgendetwas. Klassiker sind sowas wie Kämpfer, Bogenschützen, Magier, Heiler, Solche Sachen.“
      Sie hob die Schultern.
      „Keine Ahnung, welche davon hier tatsächlich existieren.“
      Für Magie hatte sie bisher schließlich noch keine Beweise gesehen.
      Andererseits hatte sie vor einer Stunde auch noch nicht geglaubt, dass ihr Daumen ein holografisches Menü projizieren konnte.
      Die Messlatte für Unmögliches war inzwischen deutlich verrutscht.
      „Und dann gibt es noch die Zuschauer.“
      Allein das Wort ließ sie das Gesicht verziehen.
      „Das ist normalerweise der Teil, den Rollenspiele nicht haben.“
      Sie öffnete den Sozial-Reiter.
      Immer noch null.
      Beeindruckend konsequent.
      „Das hier erinnert eher an Streaming-Plattformen oder Reality-TV.“
      Ein unangenehmes Kribbeln lief ihr über den Rücken.
      „Je interessanter du für die Zuschauer bist, desto mehr Aufmerksamkeit bekommst du.“
      Sie machte eine kurze Pause.
      „Und offenbar wollen diejenigen die diesen Dungeon in betrieb halten, dass wir uns wie Entertainer benehmen, während wir ums Überleben kämpfen.“
      Je öfter sie diesen Satz aussprach, desto verrückter klang er.
      „Kurz gesagt:“
      Sie schloss ihr Interface wieder.
      „Wenn meine Vermutung stimmt, dann stecken wir in einer Mischung aus Fantasy-Rollenspiel und Reality-Show.”
      Einen Moment dachte sie darüber nach.
      Dann nickte sie langsam.
      „Je länger ich darüber nachdenke, desto absurder wirkt alles daran.“
      Mit einem Seufzer ließ sie den Stock wieder im Inventar verschwinden.
      „Aber leider scheint es bisher die beste Erklärung zu sein, die ich habe.“