Creatures [Bitter Lemon & Nao]

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    • Creatures [Bitter Lemon & Nao]

      ✶ Vorstellung ✶
      @Bitter Lemon

      Aska

      Sechs Uhr Morgens, die ersten Sonnenstrahlen im Fenster und die hölzernen Möbel im Zimmer leuchteten in einem wunderschönen Orange. Zugegeben war Aska schon eine Weile wach, die Nervosität hatte ihn nicht schlafen lassen. Es war ohnehin schwer genug, sein Leben lang den eigenen Biorhythmus zu umgehen, aber sogar in seinem kleinen Heimatdorf war es üblich, tagsüber wach zu sein. Kleine Faktoren, wie die Aufregung vor einer größeren Veränderung, konnten ihm schnell einen Strich durch die Rechnung machen.
      Er gähnte, streckte seine Flügel, die den selben orange-braunen Ton wie der Rest des Zimmers angenommen hatten, und fragte sich, ob der erste Tag an einer Universität eigentlich lang war. Also, in der Schule hatten sie ja immer erstmal eine Zeremonie, und das war's dann wieder. Insgeheim hoffte er, dass es genau so ablaufen würde. Er wusste, dass er heute nicht die Ruhe in Person war, und je weniger erste Eindrücke er bei anderen in dem Zustand machte, desto besser.
      Nach einer Weile stand er endlich von seinem Bett auf und schnappte sich den Koffer, der längst fertig gepackt neben ihm gestanden hatte. Er war übervorbereitet. Die letzten Tage hatte er alles gegoogelt, was es über die Fangs & Feathers University zu wissen gab. Einige Überraschungen würde es trotzdem geben, er hatte nämlich keinen Einblick in die Campusgebäude bekommen. Gab es eine Cafeteria? Gab es Einzelzimmer? Wie groß waren die Türen?! Aska hatte immer ein wenig die Sorge, dass er mit seinen Flügeln irgendwo stecken blieb. Nicht viele Harpyien ließen sich außerhalb ihrer kleinen Gemeinschaften blicken, besonders, weil es eben verdammt anstrengend war, sich in den kleinen, filigranen Räumlichkeiten von Menschen zurechtzufinden. Er konnte sich auf keinen Fall blamieren indem er nicht durch die Türen passte. Aber die FFU würde das schon berücksichtigt haben, oder…?

      Der Abschied von seinen Eltern und Geschwistern war überraschend schwer. Ihm wurde in Sekundenschnelle bewusst, dass er sie erst wieder zu Weihnachten sehen würde, weil die Strecke zu weit war, um sie oft zu fliegen. So lange war er noch nie weg gewesen. Hätten seine Eltern ihn nicht motiviert, wäre er wohl auch nie auf die Idee gekommen, zur Uni zu gehen. Und… er war sowieso alt genug, um sein eigenes Revier zu finden. Das würde zwar kaum die FFU werden, aber es war ein Schritt in diese Richtung.
      Der Flug war lang, aber angenehm. Aska bewegte sich hauptsächlich über reine Naturflächen. Seine Eltern hatten ihm empfohlen, die Städte zu vermeiden, und er hatte beschlossen, sich daran zu halten. Mit einer Ausnahme. Er würde einen Stopp in der Stadt einlegen, die der Universität am nächsten war. Er musste zumindest ungefähr wissen, wie es war. Züge und Autos, Restaurants, Bars, Freizeitparks. Er wollte es nur einmal gesehen haben. Selbst da gewesen zu sein war schließlich nicht dasselbe wie es im Fernsehen zu-
      Aska stoppte in seinen Gedanken. Was war das? Ihm kam ein kalter Wind entgegen, der nach Regen roch. Es würde nicht allen ernstes… Und es regnete. Aska verzog angewidert das Gesicht. Er hatte nichts gegen Regen, aber Sturmböen waren ein Problem. Wenn er keinen Umweg machte, war er in zehn Minuten da aber was wurde aus seinem Ausflug?!
      Er hing eine Weile in Gedanken und flog beinahe im Kreis, bevor er sich mit einem wütenden Laut wieder in die Richtung drehte, in die er tatsächlich fliegen musste. Verdammt. Er war eben nicht lebensmüde. Normalerweise bemerkte er Unwetter früh genug, aber er war zu weit geflogen, als dass er das einplanen hätte können. Dann… dann musste er eben in den nächsten Tagen mal Zeit finden.

      Als er ankam, regnete es noch immer. Das Areal war allerdings sogar im Umwetter wunderschön. Er war ein wenig erleichtert, dass die Fotos nicht zu viel versprochen hatten. Allerdings fehlten die Leute. Wahrscheinlich waren alle vor dem Regen geflohen. Aska seufzte und schleppte sich, völlig durchnässt und schwer, mit seinem Koffer zum Eingang. Aus dem Augenwinkel sah er jedoch einige Meter entfernt auf einmal doch jemanden. Eine Kreatur schlürfte, oberkörperfrei und von Schuppen übersäht, in dieselbe Richtung wie er. Ein… Meerwesen? Aska wurde etwas langsamer, damit der Fremde ihn überholen konnte und er einen besseren Blick bekam. Er hatte noch nie live ein Meerwesen gesehen. Und er war auch noch nie so giftig aus blassen Augen angestarrt worden. Aska verzog etwas das Gesicht, nachdem der Kerl an ihm vorbei gelaufen war. Was hatte der denn für ein Problem?
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    • Zeph
      „Hast du auch sicher alles? Fusselrollen? Das Notfall-Jerky? Genug Wechselklamotten?“
      Warum genau hatte Zeph nochmal zugestimmt, dass seine Familie ihn zur FFU begleiten durfte? Ach ja, genau. Hatte er nicht.
      „Wechselunterw-„
      „Mom!“, unterbrach Zeph die Frau, dessen Haarfarbe und die Hälfte ihrer DNA er leider teilte und warf ihr einen warnendend Blick zu. Charlottes Mund zuckte nach oben und trotz des Trubels und dem Chaos, den drei Wolfjungs mit sich brachten, sah sie in diesem Moment nicht einen Tag älter aus als Mitte dreißig. Ihre Augen spiegelten denselben Schalk wieder, mit dem ihn gerade seine beiden älteren Brüder ansahen.
      Connor packte Zeph kurzerhand in den Schwitzkasten und rieb mit der Faust über seinen Kopf. „Ja, Zephie. Hast du auch an das Anti-Floh-Shampoo gedacht?“
      Silas gab ein kehliges Lachen von sich, während Zeph seinen Bruder wegdrückte. „Die einzigen Flöhe, die ich bekomme, sind die von dir.“, schnaufte er und duckte sich aus dem Griff seines Bruders, was nur funktionierte, da Connor ihn gehen ließ.
      „Ihr seid furchtbar.“, schaltete Silas sich nun ein, aber auf seinen Lippen lag noch immer ein leises Lachen.
      Ehrlicher Weise grenzte es an ein Wunder, dass nur seine nähere Familie mitgekommen war. Wer Werwölfe kannte, wusste, dass es genau so wahrscheinlich gewesen war, dass das ganze Rudel hier auflief.
      Und auch, wenn Zeph darüber gegrummelt und sarkastische Kommentare verteilt hätte, hätte es ihn doch nicht gestört. Genau so wenig, wie es ihn störte, dass seine Familie hier war.
      Charlotte legte ihre Hände auf seine Schultern. Wärme gesellte sich zu dem Schalk in ihren Augen und etwas, dass verdächtig nach Stolz aussah, das Zeph ein wenig die Kehle zuschnürte.
      „Denk daran; was auch immer ist, du kannst dich jeder Zeit bei uns melden.“
      „Aber nicht vor 12 Uhr Mittags oder nach 13 Uhr.“, fügte Connor hinzu und legte eine Hand über die seiner Mutter.
      „Das ist nur eine Stunde, du Arsch.“ Zeph sah ihn entgeistert an.
      Silas schnaubte. „Und das ist noch großzügig. Immerhin sprechen wir hier von Connor.“ Dann trat auch er einen Schritt näher und legte eine Hand über die andere von Charlotte.
      Zephyr inhalierte tief, atmete den Geruch von Familie und Wärme und Rudel ein und warf seiner Familie dann ein schiefes Grinsen zu.
      „Richtig. Den Rest des Tages, ist er damit beschäftigt, die Flöhe aus seinem Pelz zu kriegen.“
      Bevor Connor ihn dafür umtackeln konnte, schlüpfte Zeph aus dem Griff der anderen, schnappte sie seine Tasche und lief in großen Schritten Richtung Hauptgebäude davon.
      Begleitet von dem glockenklaren Lachen seiner Mutter, Connors gerufener Drohung und Silas leisem Lachen, war Zeph bereit, diesen neuen Abschnitt seines Lebens zu beginnen.
      Und zwar lieber schnell. Denn der Wind war stärker geworden und trug den Geruch von Regen mit sich.
      Und wenn Zeph eines nicht wollte, dann war es an seinem ersten Tag nach nassem Hund stinken. Also duckte er den Kopf gegen das aufkommende Unwetter, beschleunigte seine Schritte und betrat die massiven Hallen der FFU.

      Malakai
      Bereits bevor der Sturm begonnen hatte, hatte Malakai auf dem Dach des kleineren Traktes im Osten des Hauptgebäudes gesessen. Er war jedoch schnell zu dem Entschluss gekommen, dass man von hier zwar einen atemberaubenden Anblick auf den Sonnenaufgang hatte, der Platz aber nicht als dauerhafter Aufenthaltsort taugte.
      Nicht alt und gotisch genug. Die Dachziegel unter seinen Füßen fühlten sich zu neu und seelenlos an. Ganz zu schweigen davon, dass der Winkel jenseits von Gut und Böse war.
      Und dann war da noch der simple Fakt, dass der Anbau, was auch immer sich in seinem inneren befand, nicht sonderlich hoch war.
      Also war Malakai auf das Dach des deutlich älteren Hauptgebäudes umgezogen.
      Sein Koffer lag irgendwo vergessen in einer grasüberwachsenen Böschung unter einem Fenster, dessen geschwungener Rahmen ihm besonders gefallen hatte. Den brauchte er hier oben nicht. Und überhaupt hatte er nicht viele Besitztümer, die ihm wichtig waren. Alles in dem Koffer war ersetzbar und so war es ihm egal, ob irgendein neugieriges Wesen ihn finden und seinen Inhalt für sich beanspruchen würde.
      Die Flügel angelegt hockte Malakai auf flachen Füßen und hatte die Hände vor sich, Handfläche voraus, auf das Dach gepresst.
      So hockte er schon eine Stunde auf dem Dach, als es zu regnen anfing.
      Für einen Moment schloss der Gargoyle die Augen und tat nichts, außer die kühlen Tropfen auf der ledrigen Membran seiner Flügel zu spüren. Dem dunkelgrauen Haarschopf seines Kopfes. Auf den Schultern und dem Stoff seines Shirts.
      Und das Geräusch, dass der Regen machte, während er auf die alten Kacheln des Daches tropfte - gab es etwas besseres auf dieser Welt?
      Verzückt von der einfachen Tatsache, dass ein spätsommerlicher Sturm entschieden hatte, Hallo zu sagen, tat Malkai das, was er schon die bessere Hälfte des Tages über getan hatte.
      Er blieb reglos auf dem Dach sitzen.

      Zeph
      Und verpasste somit die Einführungsveranstaltung, die ein paar Meter tiefer unter ihm gerade begonnen hatte.
      Nicht, dass Zeph auch nur mit einem halben Ohr zuhörte. Erstens interessierte es ihn nicht, was der Direktor da gerade faselte (bla bla bla - keine anderen Wesen essen - bla bla - unbefugter Einsatz von Magie - bla.), zweites hatte seine Nase etwas viel interessanteres bemerkt.
      Einen Geruch, der ihm vertraut war.
      Zephs Kopf schoss auf eine lupine Art und Weise hoch und seine Augen fanden quer durch den Raum direkt die Quelle dieses Geruchs.
      Bevor er wusste, was er tat, oder auch nur ein zweites Mal darüber nachdachte, sprang er von seinem Platz auf und bahnte sich einen Weg durch die versammelten Erstsemester. Er hatte ein so breites Grinsen auf dem Gesicht, das es unmöglich war zu sagen, ob er einfach nicht merkte, wie ihm genervte Blicke folgten, oder ob es ihm egal war.
      „Aska!“, rief Zeph aus und umarmte die Harpyie überschwänglich, ignorierte die scharfen „Sshh.“ Laute, die er daraufhin erntete und trat einen halben Schritt von Aska zurück. Natürlich waren seine Hände trotzdem noch auf dessen Schultern und sein Grinsen nicht weniger breit und vielleicht stand er auch ein kleines bisschen zu nah, um es nicht als aufdringlich zu werten, aber Zeph schien keinen zweiten Gedanken daran zu verschwenden. Auch hier war es unklar ob er einfach vergaß, dass nicht alle Wesen wie Werwölfe waren, oder ob es ihm egal war.
      „Was machst du denn hier?“, fragte er das offensichtliche und schnaubte dann amüsiert, als er bemerkte, das Aska aussah wie ein nasser Papagei. „Hast wohl den Wetterbericht nicht gelesen, was?“
    • Rune

      Das einzig positive an dem heutigen Tag war der Regen. Süßwasser war… Salzwasser qualitativ wirklich unheimlich unterlegen, aber besser als nichts war es allemal. Rune ließ sich im See sinken, treiben, beobachtete von unten das Prasseln des Regens auf der Wasseroberfläche und verließ sich ganz auf seine innere Uhr, um rechtzeitig wieder aufzutauchen. Er klickte genervt mit der Zunge als er sich auf das Gras zog und seine elegante, dunkle Flosse wieder zu Beinen werden ließ. Eine Weile starrte er auf seine Zehen, seine nackten Beine. Dann zog er sich unpraktischerweise seine Hose wieder an und akzeptierte, dass er erstmal aufs Schwimmen verzichten musste. Er… wollte unbedingt nachhause. Wenn man ihn nicht gezwungen hätte, wäre er niemals hier.
      Rune ließ sich vom Regen etwas aufmuntern, und schlurfte mit nackten Füßen durch das nasse Gras auf den großen Eingang des Universitätsgebäudes zu. Er schenkte einem fremden, durchnässten Vogel am Weg noch einen analysierenden Blick, bevor er ihn zurückließ und nasse Fußabdrücke auf den Fliesen der Uni verteilte. Die Menschenmenge im Erdgeschoss war überwältigend und Rune wünschte sich sofort, wieder hinaus zu laufen. Es war laut. Die Geräusche wurden nicht gedämpft, sondern von den großen, leeren Räumlichkeiten noch verstärkt. Rune spürte wie ein Durcheinander an Worten in die Luft stieg und von der hohen Decke wieder abprallte. Er zog sich sein nasses weißes Shirt über den Kopf und kämpfte etwas, da sich Stoff immer wieder leicht an seiner Rückenflosse verfing. Dann quetschte er sich angewidert durch die Mengen ins untere Stockwerk, wo die Zeremonie stattfand. Hoffentlich hatten sie das alles bald hinter sich. Rune war nicht sonderlich optimistisch, aber ein Funken Hoffnung bestand dennoch, dass er zumindest keine Mitbewohner haben würde. Er wusste, dass die FFU mit allen möglichen Zimmerkonstruktionen ausgestattet war, aber er wusste auch, dass diese nach Notwendigkeit aufgeteilt wurden. Und er… er hatte leider nicht den Vorteil, dass seine eigene Introvertiertheit offiziell anerkannt wurde.
      Gerade als die Direktorin der Universität, eine bekannte Persönlichkeit, ihre Rede hielt, gab es irgendwo hinter Rune einen Aufruhr. Das konnte alles nicht wahr sein. Hatten diese Kreaturen eigentlich noch Anstand?

      Aska

      Es war schön, er mochte das altmodische Gebäude. Hauptsächlich, weil es sehr groß war. Damit war eine seiner Ängsten etwas beruhigt. Aska war ein wenig irritiert über den Trubel, fragte aber sofort die erstbesten Personen nach dem Weg und schaffte es schon nach ein paar Minuten, einige Kreaturen mit Namen kennengelernt zu haben. Klarerweise startete nicht jeder hier im ersten Jahr und Aska hatte sich vorgenommen, irgendjemanden aus seinem eigenen Studiengang zu finden. Er gab sein Bestes, offen und freundlich zu sein und wenn er nicht so verdammt nervös wäre, würde ihm das tausendmal leichter fallen. Er würde sich gerne selbst als sozial beschreiben aber… ehrlich gesagt hatte er sich bisher hauptsächlich unter seiner eigenen kleinen Familie aufgehalten. Klar hatte er einige Freunde, aber er war zuhause unterrichtet worden, und war mit den Mengen hier jetzt dezent überfordert. Trotzdem stand er bei einer kleinen Gruppe, die er zumindest namentlich kannte, als die Zeremonie anfing. Er war so konzentriert darauf, seine Flügel eng an seinem Körper zu behalten um nicht zu viel Platz einzunehmen, dass er auf seine Umgebung weniger geachtet hatte. Vielleicht war es das viele Murmeln und die Bewegungen, das Schleifen von Schuhen am Boden, das Räuspern und das Quietschen des Mikrofons… er bemerkte seinen alten Freund erst, als dieser sich über ihn warf.
      Aska erschrak derartig, dass er fast die Balance verlor. Bevor er zehn weitere Leute mit in die Tiefe riss, fing er sich wieder und starrte Zephyr schockiert an. Er war auch hier?!
      Aska griff nach einer von Zephs Händen und nahm sie selbst wieder von seiner Schulter herunter. Er räusperte sich etwas und entspannte seine Muskeln erst wieder als sich die ganzen Studenten wieder von ihnen wegdrehten.
      „Was… ich meine… hi“, flüsterte Aska und schüttelte leicht irritiert den Kopf. Er hatte definitiv nicht damit gerechnet, irgendjemanden aus seiner Heimat hier zu treffen. Und Zeph? Aska hatte ihn lange nicht gesehen, aber es überraschte ihn nicht, dass der Werwolf ihn sofort erkannt hatte.
      „Reden wir später“, murmelte er, um ihn davon abzuhalten, nochmal irgendetwas zu tun, das Aufmerksamkeit erregte. Das war nicht die Art von Aufmerksamkeit, die Aska an seinem ersten Tag hier haben wollte.
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    • Zeph
      Wenn Zeph es persönlich nahm, dass Aska seine Hände von dessen Schultern schob, sah man es ihm auf jeden Fall nicht an. Der Werwolf grinste einfach unbeirrt weiter, hob eine Braue, die nichts gutes versprechen konnte und sagte nur: „Klar, später.“
      Dann drehte er sich dem Rest der Gruppe zu, die sich um Aska gesammelt hatte und winkte lässig.
      „Zeph.“, stellte er sich in einem Ton vor, als hätte er schon immer dazugehört und erstaunlicher Weise schienen das auch alle zu akzeptieren. Es folgten verschiedene Grade von Lächeln, Nicken und Grinsern die aussagten, dass der Wolf trotz seines stürmischen Intros aufs Erste bleiben durfte.
      Auf dem Podium faselte die Direktorin weiter während Zeph anfing, auf den Fußballen herum zu wippen und seinen Blick durch den Raum gleiten ließ.
      Er hatte noch nie so viele unterschiedliche Wesen versammelt an einem Ort gesehen. Es grenzte an ein kleines Wunder, dass sich rivalisierende Kreaturen nicht gegenseitig zerfleischten. Zeph selbst hatte schon den ein oder anderen selbstgefälligen Vampir gesehen, bei dessen leichenblassen Anblick er sich zurückhalten musste, nicht die Zähne zu fletschen. Und zu beißen. Feste.
      Bei einer Sache war die FFU jedoch mehr als deutlich gewesen - Gewalt jeglicher Art war strikt verboten.
      Stattdessen sollte das Miteinander und Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden. Und irgendwie hatten sie damit ja auch Recht. Hass untereinander war wohl unnötig, wenn man schon von so ziemlich allen Menschen auf dem Globus gehasst wurde.
      Für einen kurzen Augenblick konnte Zeph nicht umhin sich zu fragen, ob die Menschen den Kreaturen die FFU auf Dauer nicht auch negativ auslegen würden. Wenn es keine Feindbilder untereinander mehr gab, war es leichter, sich auf die eigentliche Bedrohung zu konzentrieren.
      So oder so ähnlich würde die Politik argumentieren, um die Tore der FFU für immer zu schließen. Es war nur eine Frage der Zeit.
      Aber Zeph wollte seinen ersten Tag an der Universität nicht mit solchen Gedanken verschwenden und überhaupt passte es auch einfach nicht zu ihm. ‚Ernst‘ war wohl eines der Worte, das niemals fallen würde, wenn man andere auffordern würde, den jungen Wolf zu beschreiben.
      Und diesem Image wollte Zeph nachkommen.
      Sein Wippen wurde immer intensiver und ebenso die unruhige Energie, die er ausstrahlte. Wenn alle Kurse hier so langweilig waren wie der Monolog der Direktorin, würde es nicht bis zur Hälfte des ersten Semesters schaffen, bevor er sich die Silberkugel gab.
      „Sie hört sich wohl gerne reden.“, flüsterte Zeph entnervt und rollte mit den Augen. Zu seiner rechten schnaubte ein Typ amüsiert, den Zeph an seinem moosigen Erdgeruch und der dunkelgrünen Haut als eine Art von Erdelementar identifiziert hatte.
      Und dann war da natürlich noch die Blüte hinter seinem Ohr, von der Zeph sich nicht sicher war, ob sie direkt aus seiner Kopfhaut wuchs oder ein bewusst gewählter Akzent war. Was genau für ein Wesen das Elementar war, wusste Zeph nicht. Dafür kannte er sich zu wenig mit der Vielzahl verschiedener Elementarwesen aus.
      „Sag das nicht zu laut. Ich habe gehört, bei Direktorin Sisna handelt es sich um ein mächtiges Wesen, das die Träume der Studenten frisst, die über sie herziehen.“, sagte das Erdelementar.
      Mit neuer Neugierde ließ Zeph seinen Blick zurück zu dem Podium und der Frau wandern, die darauf stand. Ihre Form schien irgendwie nicht richtig greifbar und jedes Mal wenn Zeph glaubte, einen Gesichtszug deutlich zu erkennen, waberte ihre Form wieder und die prominent spitze Nase wurde auf einmal zu einer sanften Stupsnase. Das einzige, was immer gleich blieb, waren die scharfen, Gletscherweißen Augen.
      Ein kalter Schauder lief Zeph den Rücken herunter den er hinter seiner locker aufgesetzten Fassade versteckte.
      „Wie - die Träume vom Eigenheim und dem riesigen Garten hinterm Haus?“
      Das Erdelementar schnaubte nochmals, nun ein kleines Grinsen auf den Lippen. „Bitte. Die hat doch längst die heutige Wirtschaftslage zerstört. Ich rede davon, wenn du nachts schläfst. Deine Träume Träume, Zeph.“
      „Oh, okay. Cool. Wenn sie an Träumen von überdimensionalen Kauknochen interessiert ist.“ Zeph zuckte lässig mit den Schultern, aber merkte unweigerlich, wie er den Worten der Direktorin mehr Aufmerksamkeit schenkte.
      Und einen dummen Kommentar gab es von ihm auch nicht mehr.
      Stattdessen beugte er sich zu Aska rüber, der auf seiner anderen Seite stand.
      „Musstest du dich auch für das neue Dormitory-Programm einschreiben?“, fragte er mit leiser Stimme, während Direktorin Sisna auf der Bühne langsam am Ende ihrer Rede anzukommen schien.
      Das Programm, dass auf der Website der FFU mit lächelnden Wesen aller Art vermarktet wurde und das neue, aufregende Freundschaften und Erinnerungen versprach. Zeph fragte sich, wieviel Geld sie wohl für das dümmlichen fake Lächeln bekommen hatten. Und ob er da auch mitmachen konnte.
      Das Programm war tatsächlich ein neuer Weg für viele Wesen, erstmalig Teil der FFU zu werden. Ganz bestimmt war es der Grund, warum Zephs Familie es sich hatte leisten können. Denn die Teilnehmer mussten für ihr Zimmer an der Uni nichts bezahlen.
      Alles für den kleinen Preis, das man keinerlei Mitsprache recht hatte, mit wem oder was man am Ende auf einem Zimmer landete.
      Aber hey - eine gratis Unterkunft damit die FFU ihrem Ziel der Gemeinschaft, das sie sich groß auf die Fahne geschrieben hatte, näher kam?
      Warum nicht.
      Ein Einzelzimmer hätte Zeph sich ohnehin niemals leisten können. Oder überhaupt ein Zimmer. Ob sie hier wohl erlaubten, dass man einfach im Wald hinter der Uni pennte?
      „Und damit möchte ich alle neuen Erstsemester herzlich Willkommen heißen und darum bitten, sich bei dem zuständigen Personal am hinteren Ende der Versammlungshalle zu melden. Ihr erhaltet dort eure zugewiesenen Unterkünfte. Und denkt daran: Die Nacht fragt nicht, was du bist.“, beendete Direktorin Sisna gerade ihre Rede mit dem typischen Slogan der FFU, der von Zusammenhalt sprechen sollte, aber für Zeph nur wie eine verschleierte Morddrohung klang
      Und bevor Aska Zeit hatte Luft zu holen und zu antworten, war Zeph schon von seinem Platz gegen der Wand aufgesprungen.
      „Wir sehen uns!“, warf er ihm wild winkend und breit grinsend zu und drängt sich dann seinen Weg durch die Masse an Studenten zum hinteren Ende der Halle, um als einer der ersten seine Zimmernummer zu bekommen.

      Malakai
      Malakai hockte unterdessen nicht nur immer völlig reglos auf dem Dach, sondern war auch komplett durchnässt und eingeschlafen.
    • Aska

      Aska merkte, wie er von Zephs Getuschel mit seinem Nachbarn langsam genervt war. Es war sein erster Tag hier, und er würde gerne so viel Information aufsaugen, wie er konnte, damit er später nichts falsch machte. Er seufzte etwas und zuckte dabei unabsichtlich etwas zu stark mit seinen Flügeln.
      „Oh- hey. Pass ein bisschen auf“, kam es von einer sanften, aber doch leicht nachdrücklichen Stimme hinter ihm. Er zog sofort seine Flügel knapp an seinen Körper und drehte den Kopf. Eine zierlich aussehende Fee mit grünem Schopf sah ihn an. Ihre Flügel waren filigran und kleiner, und vor allem unglaublich bunt, und sie schien sie besser unter Kontrolle zu haben, als Aska. Er wurde ein wenig rot.
      „Oh, wow. Ich meine, sorry“, brachte er endlich hervor und fing sich ein stummes Schmunzeln von dem Mädchen ein.
      „Wow? Lass mich raten, Erstsemester. Musst du dich an die Enge gewöhnen oder ist das deine Art zu flirten, Leute mit deinen Flügeln umzuhauen?“, gab sie mit einem Blinzeln zurück.
      Aska öffnete den Mund und war völlig überfordert. Er wechselte mit dem Blick zwischen der Fee und der Direktorin und sagte schließlich unkreativ: „Ich muss mich daran gewöhnen“
      Die Grünhaarige lächelte unbeirrt und rückte zu seiner Seite. Aska sah ihr beschämt dabei zu. Gott, er würde ab sofort wie ein Stein hier stehen und sich keinen Millimeter mehr bewegen, damit das nie wieder passierte. Wie unfähig konnte man bloß sein?
      „Bryn“, sagte sie.
      Aska starrte sie an. „Oh. Aska“ Sein Gehirn war heute außerordentlich langsam, oder?
      „Hör zu, Aska, und schlag keine Kreaturen mehr“ Sie lächelte verschmitzt und wandte sich der Bühne zu.
      Aska war selten so überfordert gewesen. Er war auch selten von einer so übernatürlich hübschen Fee angesprochen worden. Ge… geflirtet hatte er mit Sicherheit nicht, aber er war trotzdem ein bisschen schockiert gewesen, dass ihn eine Schmetterlingsprinzessin anlächelte. Er sah ein Stück zu seiner Linken, wo Zeph immernoch mit jemandem sprach, und sich dann doch wieder der Rede widmete. Am Ende von dieser Willkommensfeier würde niemand mehr wissen, worum es eigentlich gegangen war. Aska war froh, dass er die Sache mit den Zimmern noch gehört hatte.
      Gerade, als er Zeph endlich fragen wollte, wie es kam, dass er auch hier war, ließ dieser ihn mit offenem Mund stehen bevor er ein Wort herausbrachte. Ah… Wenigstens blamierte er sich vor Bryn gleich nochmal, die Fee lächelte ihn nämlich noch immer von der Seite an. Er räusperte sich.
      „Ein Freund von dir?“, fragte sie. Ihre Stimme war immernoch zart, und jetzt, wo es um sie herum wieder laut war, konnte Aska sie geradeso verstehen.
      „Kann man so sagen“, erwiderte er. Er war unsicher ob er das selbst wirklich so beschreiben würde. Dafür hatte er Zeph viel zu lange nicht gesehen, wenn sie ehrlich waren. Aska schloss damit ab. Er würde den Werwolf früher oder später wohl nochmal sehen.
      „Und du… du studierst hier schon länger?“, versuchte er ein Gespräch aufrechtzuerhalten, weil Bryn die erste Person hier war, die ihm irgendwie wirklich zugänglich vorkam. Auch, wenn er sich immernoch wie ein Trottel anhörte, weil er seine Nervosität nicht in den Griff bekam.
      „Umwelt-Ingenieurwesen im vierten Semester“, antwortete sie. Zumindest ließ sie sich nicht abschrecken.
      „Ah…“
      „Was studierst du?“
      Aska wollte schnellstmöglich sein Zimmer finden und sich einsperren. „Oh, Architektur“
      „Dann liegen unsere Seminarräume bestimmt nah aneinander. Vielleicht haben wir sogar ein paar gleiche Kurse“ Sie zuckte mit den Schultern, das Lächeln wich ihr nicht von den Lippen und sie begleitete Aska ohne Kommentar bis zum Schalter, um seinen Zimmerschlüssel abzuholen.
      „Oh, das wäre super“, sagte er. „Also… ich meine, das wäre gut. Hilfreich. Cool?“ Halt doch einfach die Klappe, Aska.
      Bryn lachte. „Wir werden sehen. Ich muss jetzt in die Bibliothek und du mal deinen Koffer abgeben, oder? Zum Wohngebäude kommst du von außen. Es ist das modernere Gebäude rechts am Wald“ Sie winkte und verschwand so ziemlich im selben Moment, was Aska wieder sich selbst überließ. Okay. Das war gut gelaufen, er könnte Bryn definitiv wieder ansprechen, wenn er… sie je wieder sah. Er hatte kaum Information über sie. Okay. Wie auch immer.
      Er drehte um verließ das Unigebäude wieder, da ihm wirklich nichts anderes übrig blieb, als erstmal sein Zimmer zu suchen.

      Rune

      Rune wartete an die Wand gelehnt bis der gesamte Saal geleert war. Er wollte so viel Berührung und Lärm vermeiden, wie er konnte. Seine Haut fühlte sich trocken und empfindlich an, und er wurde langsam unruhig. Wie sollte er sich an dieses Gefühl nur gewöhnen?
      Erst, als die letzte Seele den Raum verlassen hatte, machte Rune sich langsam auf den Weg zum Portier und holte seinen Zimmerschlüssel ab. Er schien in Form einer Karte zu sein, die zeitgleich sein Studierenden- und Bibliotheksausweis war. Wenigstens dachten die Lehrenden an der FFU pragmatisch. Er hielt die Karte den ganzen Weg über in der Hand, denn etwas anderes hatte er nicht zu tragen. Er besaß nichts, das er mitbringen hätte können. Kleidung war an Land aber… offenbar etwas, auf das andere Kreaturen nicht verzichten wollten. Deshalb hatte man ihm, seinen Umständen entsprechend, einige Notwendigkeiten schon im Zimmer gelagert. So war es ihm jedenfalls gesagt worden. Einer der Lehrenden hier war verantwortlich für seine ganze Anreise gewesen. Professor Gable war es, der sich um sein Stipendium, die Anmeldung, die Reise und sogar seine Kleidung und Unterlagen höchstpersönlich gekümmert hatte. Rune fand das nicht seltsam. Es war das Mindeste. Schließlich war er nicht freiwillig hier. Wenn seine Heimat nicht verpestet wäre, die Menschen nicht ‚unbeabsichtigt‘ seine halbe Familie ausgelöscht hätten… Nein, trotz alledem wollte er dort sein. Er hatte das Gefühl, alle im Stich zu lassen und sich stattdessen hier ein schönes Leben zu machen.
      Zumindest konnte seine Laune nicht tiefer sinken. Nur die Tatsache, dass er wohl mit einem Vogel und einem Hund hausen würde, entlockte ihm noch ein verbittertes Brummen, als er den Gang entlang lief.
      „Warte, du wohnst auch hier?“, fragte die Harpyie deutlich zu laut und lehnte sich nach vorne, um einen Blick auf die Zimmerkarte des anderen zu werfen. „Im Ernst? Und was studierst du überhaupt? Ich meine, wie passiert sowas?“
      Super. Die beiden schienen sich zu kennen. Rune schlurfte still und heimlich zu den beiden und schloss die Tür auf, bevor es ein anderer konnte. „Oh, du!“ Der Vogel hatte ihn bemerkt. Rune schielte ihn an bevor er ins Zimmer ging. Er konnte den irritierten Blick auf seinem Rücken spüren. Aber… das war nicht wirklich sein Problem. Er musste gerade mit der Hiobsbotschaft klarkommen, dass er keine Ruhe haben würde.
      Das Zimmer war… zu klein. Stockbetten? Waren sie im Kindergarten? Rune ging ohne zu Zögern an das Bett heran, das ganz hinten im Raum und näher am Fenster stand, als das andere, und setzte sich erschöpft auf das untere Bett. Er würde sicher keinen halben Meter über dem Boden schlafen. Ein Meter über dem Meeresspiegel war bereits zu viel.
      „Hey, hast du mich nicht gehört?“
      Rune hob den Kopf und starrte der Harpyie entgegen, die ihn etwas unsicher anlächelte, aber wohl noch alles auf ein Missverständnis schieben wollte. Rune seufzte.
      „Wie hätte ich dich nicht hören sollen?“, fragte er. „Okay. Ich bin Rune. Du bist…?“
      „Hä?“ Er starrte Rune etwas beleidigt an. „A… Aska“
      „Aska. Ich hab gerne meine Ruhe. Wenn es nicht wichtig ist, sollten wir vermeiden, miteinander zu reden“ Rune bemühte sich tatsächlich, nicht zu unhöflich zu klingen. Was er sagte, meinte er vollkommen ernst. Er sah zu dem Werwolf herüber, den er sofort an seinem Geruch erkannt hatte. „Das gilt auch für dich und für die vierte Person, mit der wir zusammen wohnen. Ich nehme jedenfalls an, dass die Zimmer vollbelegt werden“ Damit wandte Rune sich ab ohne nach dem Namen des Wolfs zu fragen, um die Schubladen zu allem zu öffnen, das dieselbe Nummer wie sein Bett aufzeigte: 4. Er hatte tatsächlich Kleidung bekommen. Und auf dem Schreibtisch lagen Hefte, Stifte, und ein elektronisches Notebook, von dem er keine Ahnung hatte, was er damit tun sollte. Allgemein schien ihm das alles hier sehr… menschlich. Er hatte sogar einen Stundenplan ausgedruckt bekommen.

      Aska

      Was… was war eigentlich los mit diesem Kerl? Sollten Sirenen nicht irgendwie total anmutig und verlockend und attraktiv sein? Aska war vollkommen überrumpelt von seiner Unfreundlichkeit. Dummerweise war er trotzdem irgendwie anmutig und attraktiv. Da fehlte nurnoch die schöne Singstimme. Er war aber gerade zu irritiert um sich mit diesen Gedanken auseinanderzusetzen.
      „Zeph. Er heißt Zephyr“, fügte Aska noch für seinen Freund hinzu, den er auf einmal tatsächlich wieder als seinen Freund betrachtete. Jetzt, wo ihr Mitbewohner so ein Arsch war, fühlte er sich mit dem Werwolf verbunden. Auch, wenn er immernoch nicht fassen konnte, dass er… hier war, und nicht nur auf dieser Universität, sondern hier im Zimmer.
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