Night Shift [Bitter Lemon & Dark]

    • Night Shift [Bitter Lemon & Dark]

      @Bitter Lemon
      Vorstellung

      Es war noch Dunkel als Elliot seine Wohnung verließ. Halb in dem Leder seiner alten Motorradjacke versteckt, die aussah als hätte sie nicht nur einen Motorradunfall überlebt. In der Hand eine Tasse, keinen Thermobecher, keinen Kaffeebecher mit Doppelwandsystem um den darin enthaltenden Kaffee warm zu halten, eine tatsächliche Tasse. Allein das beschrieb wohl alles was man über Elliot Elies O‘Brain wissen musste.

      Es war noch ruhig um diese Uhrzeit, vielleicht schloss er deswegen die Tür seines Cafés grundsätzlich um 06:42 Uhr auf…obwohl es wahrscheinlich um 06:30 Uhr oder 06:40 Uhr oder selbst um 06:50 Uhr noch genau so ruhig gewesen wäre. Warum er die Tür des kleinen, von außen schon fast unscheinbaren Ladens genau um 06:42 Uhr aufschloss wusste wohl niemand. Wenn man ihn fragte, hatte er immer eine neue Erklärung auf Lager. Einigen erzählte er, dass sich die Zahl 42 ausgeglichen anfühlte, anderen, dass genau bei Minute 42 der Lieblingssong seines Vaters auf einer alten Kassette angefangen hatte, manchmal behauptete er dass die Zahl kosmisch relevant war und nannte es „Performer-Aberglaube“, warum genau er aber im Endeffekt sein Café jeden Morgen um genau 06:42 Uhr aufschloss wusste eigentlich keiner.

      Das kleine Glöckchen oberhalb der Tür läutete leise und zog sich wie ein röchelndes Etwas durch den Raum, als ob das Café selbst Elliot einen guten Morgen wünschte, es aber eigentlich nicht so meinte.

      „Ich weiß, ich bin doch auch nicht begeistert.“ Murmelte er leise als Antwort, als ob das Café tatsächlich mit ihm geredet hatte.
      Er genoss die ersten Minuten. Dann wenn alles noch ganz ruhig war, der Raum langsam, mit jeder kleinen Lampe die er anknipste, in warmes Licht getaucht wurde und langsam zum Leben erwachte. 1985 - wie er sein Café damals getauft hatte - besaß keine Deckenleuchte. Nur viele kleine und größere Lampen die schon fast willkürlich in dem Raum verteil waren und angenehm warm-orangenes Licht spendeten.
      Elliot besaß eine tiefe Abneigung gegenüber grell-weißes Deckenlicht…oder Deckenlicht an sich. Wenn man Elliot O‘Brain fragen würde, warum er keine Deckenleuchte besitze (nicht mal seines eigene Wohnung hatte eine…diese hatte er direkt nach seinem Einzug sehr unfachmännisch entfernt), hatte er - mal wieder - viele Antworten die sich je nach Tageszeit, Stimmung und Person, die in fragte änderte, aber alle Antworten hatten eine Gemeinsamkeit: Sekundäres Licht war angenehmer und Deckenleuchten fühlten sich an wie die kalte, nackte Realität und vor genau dieser Realität wollte er mit seinem Café einen kurzen Ausflucht bieten.

      Es war 07:17 Uhr als die Tür das nächste Mal aufging. Zu dieser Zeit spielte der Plattenspieler in der Ecke schon die ersten Lieder, knisterte leise wann immer die Nadel ihre Spure wiederfand. Die Kaffeemaschine lief noch nicht auf Hochtouren, es war um ehrlich zu sein überhaupt ein Wunder, dass die alte Siebträgermaschine überhaupt noch funktionierte, an stressigen Tagen röchelte sie wie eine asthmatische Dampflokomotive, aber gerade schien sie wie die Ruhe selbst das System langsam zu erhitzen.
      Elliot stellte gerade den letzten Stuhl runter als der alte Mann, welcher durch die Tür kam, diese von innen wieder schloss.

      „Du bist drei Minuten zu früh, Artur. Das ist psychotisch, selbst für dich.“ Elliot musste sich nicht mal umdrehen um zu wissen zu wem die langsamen, dumpfen Schritte gehörten. Er kannte seine Stammgäste mittlerweile viel zu gut. Der Cafébesitzer konnte den Mittelfinger nicht sehen, welcher Artur ihm wortlos zeigte, aber er kannte den Alten gut genug um zu wissen, dass er es tat.

      „Kaffee dauert noch zwei Minuten, bedank dich beim Kapitalismus.“ grinste Elliot als er den Stuhl - welcher wie jeder andere der Stühle nicht wirklich zusammenpasste - an den Tisch schob und hinter den Tresen ging. „Du redest zu viel am Morgen.“ schnaubte der Ältere während er sich an einen der runden Tische setzte, der irgendwie über die Zeit zu seinem Tisch geworden war. „Und du redest zu wenig.“ Erwiderte Elliot kokett, während er sich die Schütze zuband. „Zusammen ergeben wir eine fast funktionierende Persönlichkeit.“ Artur schüttelte den Kopf und obwohl er so tat, als ob Elliots mehr oder weniger geistreichen Kommentare ihn nerven würden, wusste der Barista, dass das definitiv nicht der Fall war, sonst würde er sich das Theater wohl nicht jeden einzelnen Tag antun.
    • Uhrzeiten waren für Max ein wages Konzept. Der Hinweis darauf, das er bald lossollte, wenn er seine Bahn nicht verpassen wollte. Aber in einre Großstadt machte das wohl kaum einen Unterschied. Verpasst du die eine überfüllte Bahn, nimmst du die nächste brechend volle in fünf Minuten. Oder sechs. Kommt darauf an, wieviele verirrte Menschen der Sicherheitsdienst mal wieder von den Gleisen fegen muss. Vielleicht hast du ja sogar Glück und bist somit den verkaterten Zombies der Nachtlebens entgangen. Vielleicht auch nicht.
      Max hatte jedenfalls lange aufgegeben, dahinter ein System zu vermuten. Genau wie er zu jeder Tages und Nachtzeit schon vor grellen Bildschirmen gesessen hat. Für Max macht es keinen Unterschied, ob er in den kühlen Morgenstunden, oder ruhigen Nächten mit Kunststoff und Acrylglas arbeitet. Leim roch zu jeder Zeit des Tages gleich.
      Genau wie Alkohol und Überreste von Erbrochenem zu jeder Tageszeit immer gleich rochen. Ein ungeschriebenes Gesetz der Großstadt.
      Du könntest Max um 6:42 Uhr also im Büro antreffen und vielleicht sogar anhand der Tiefe seiner Augenringe eine leise Ahnung haben, ob er schon oder immer noch über seinen Projekten hing.
      Genau so gut könntest du aber auch an seiner Wohnungstür klopfen und das Glück haben, ihn dort vorzufinden. Oder auch nicht. Denn ebenso hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er gerade mit Haldir durch den nahegelegenen Park läuft.
      Oder in der U-Bahn sitzt.
      Eingepfercht zwischen einem Mann mit tiefen Augenringen und noch tieferen Falten, der nach einer Mischung aus Aussichtslosigkeit und billigem Aftershave roch und regelmäßig seufzte, und einer jungen Frau, die gerade damit beschäftigt war, ihrem weinenden Baby leicht verzweifelte Bitten zu zu flüstern, doch endlich aufzuhören, zu weinen, war es heute die U-Bahn. Alles in allem einer der besseren Morgen. Keiner der beiden hatte erbrochenes an seiner Jacke kleben - wobei sich das bei der Frau mit dem schreienden Baby wohl jederzeit ändern konnte.
      Max selbst nahm die Qual des täglichen Pendelns in einer Großstadt mit fast schon außergewöhnlicher Gelassenheit hin.
      Der harte Ruckler nach rechts, der die Frau mit ihrem Baby gegen Max und Max gegen den übermüdeten Mann warf, läutete ihre Ankunft in der Prospect Avenue 48 ein. Auch nach einem Jahr konstanten Gegensteuern hatte Max noch nicht den richtigen Winkel herausgefunden, um den Schlenker nicht mitzunehmen und teil eines überdimensionalen Bowlingspiels zu werden, in dem er ein unfreiwilliger Kegel war.
      Eine automatisierte Stimme sagte den Stopp an und die Türen der U-Bahn glitten auf. Körper schoben sich vorbei, Leute bewegten sich und Gerüche und Eindrücke flogen mit dem Luftzug nach draußen. Das Baby schrie lauter und der Mann seufzte tiefer und genau in der Sekunde, bevor die Türen wieder schließen konnten, ließ Max den Haltegriff los, der ihn heute bestimmt schon zweimal vor dem Fallen gerettet hatte, und schlüpfte hindurch.
      Heute, so hatte er gerade beschlossen, würde er die restlichen Stationen laufen.
      Die Situation in der U-Bahn war weder besonders schrecklich gewesen, noch hatte Max ein Schritteziel zu erreichen. Und als nicht gläubiger Mensch wäre es wohl etwas übertrieben, zu behaupten, er folgte einer kosmischen Eingebung. Vielleicht war es einfacher, zu sagen, dass es keinen besonderen Grund gab. Dann musste man nicht gleich die komplette Entstehungsgeschichte der Menschheit hinterfragen. Und auch sonst…alles.

      Den Kragen seines Mantels hochgeklappt gegen die morgendliche Kälte, lief Max also die Straße hinunter, als wüsste er genau, das dies der kürzeste - und vor allem der richtige - Weg zur Arbeit war. Dabei hatte er weder von dem einen, noch dem anderen eine Ahnung. Eine wage Vermutung, vielleicht.
      Gerade, als er in seiner Manteltasche nach seinem Handy fischte, um ein Navi anzuschmeißen, blieb Max’s Blick an einem alten Backsteingebäude hängen, das von außen erstmal nicht viel her machte. Eingenestelt zwischen zwei deutlich moderneren Gebäuden, wirkte es fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Klein und unscheinbar.
      Abrissbereit, um durch ein neueres, graueres Gebäude ersetzt zu werden. Große Fensterfronten und kühle Stahlträger, die sich perfekt an die Fassaden nebenan schmiegen würden, statt wie ein rustikaler Rebell aus altem Stein und hölzernen Fensterbögen zu pöbeln.
      Die Unstimmigkeit zwischen diesem und den anderen Gebäuden in der Umgebung war Max sofort ins Auge gefallen. Was er etwas später bemerkte, waren die Unscheinbaren Letter über der Eingangstür. Und obwohl es ihm bis gerade nicht bewusst gewesen war, buchstabierten sie seine Erlösung.
      Bei dem auffällig unauffälligem Gebäude handelte es sich um ein Café.
      Und Max letzter Kaffee war bereits eine dreiviertel U-Bahnfahrt zu lange her. Das waren Dreiviertel zu lange. Und nein, Max würde nicht von sich behaupten, dass er ein Problem hatte. Aber er würde auch behaupten, dass er ein gutes Sozialleben hatte. Er hatte ja Haldir und seine Kollegen grüßte er auch. Vielleicht sollte man seinen Worten daher nicht immer vertrauen schenken.
      Navi und Handy vergessen, steuerte Max mit einer gelassenen Dringlichkeit, die studiert gehörte, auf die Tür des Cafés zu. Selbst die polierte Holzklinge fühlte sich an, wie das Gebäude aussah.
      Das Klingeln einer Glocke über der Eingangstür verkündete Max’s Ankunft mit einem Geräusch, dass sich viel zu tief und röchelnd für ein Willkommen anhörte. Wie ein alter Wachhund, der versuchte, einen Neuankömmling anzubellen, aber nicht mehr als ein tiefes Blaffen herausbrachte und dann entweder nicht mehr konnte, oder nicht mehr wollte.
      Das Geräusch war ein starker Kontrast zu den lautlosen Glastüren seiner Arbeit. Die verfügten nichtmal mehr über Klinken, sondern glitten von selbst auf, wenn ihre Sensoren jemanden erfassten.
      Und der Kontrast zwischen Max’s normalen Umfeld und dem, was das kleine Café bot, war nicht nur das Geräusch der Glocke. Kaum einen Fuß durch die Tür gesetzt, fühlte Max sich wie in eine andere Zeit katapultiert. Eine andere Welt.
      Die nicht aufeinander abgestimmten Möbel hätten bei seinen Kollegen die Mundwinkel nach unten wandern lassen. Es hätte kein Genie gebraucht, um die Abneigung auf ihren Gesichtern zu lesen. Max fielen mindestens zwei Leute ein, die bei der fehlenden Deckenlampe und den zahlreichen, kleinere Lichtquellen ein Herzinfarkt bekommen hätten. Das war viel zu kostenspielig und ineffizient, um den ganzen Raum auszuleuchten. Ganz zu schweigen von der strikten Regeln gegen jede Art von lauten Audiodateien im Büro.
      Und hier knisterte in der Ecke ein Plattenspieler vor sich hin, dem das nicht hätte egaler sein können.
      Max war von all dem seltsam fasziniert. Die pure Existenz dieses Ortes schien unmöglich in einer Stadt, in der immer mehr Gebäude wie dieses dem dumpfen Einheitsbrei wichen, der zwar zehnmal so effizient und sicher war, aber mindestens genau so langweilig und hässlich.
      „Hey.“, begrüßte Max den Barrister, mit dem Hauch eines Lächelns und einer Stimme, die nach verregneten Morgen und langen Nächten klang. Und dann setzte er mit eben dieser Ruhe fort, als wäre es das normalste der Welt: „Könnte ich bitte einen Frappuccino mit Karamell, Cookie Crumbles und doppeltem Haselnusssirup haben?“
      Und irgendwo nicht weit von hier lief es einem Italiener eiskalt den Rücken hinunter.

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    • Es dauerte tatsächlich sogar ganze drei Minuten bevor Elliot, Artur eine Tasse dampfenden Kaffee vor die Nase stellte, welchen Artur nur mit einem kurzen Zucken seiner Augenbraue kommentierte.
      „Was sagst du? Ist das ein Jazz-Morgen oder Blues-Morgen?“ Die Frage kam so natürlich, als ob die Antwort logischer nicht sein könnte. „Es ist Donnertag.“ brummte Artur schon fast ein wenig genervt auf. Aber wenn man den alten Mann besser kannte, wusste man, dass das wohl seine allgemeine Grundstimmung war…also entweder war er grundsätzlich immer ein wenig zu genervt von allem oder es wirkte auf andere nur so. So ganz war sich Elliot da aber auch noch nicht sicher.

      Mit einer Ernsthaftigkeit, die auch in einem Universitätspledum platz gefunden hätte, nickte der Barista. „Du hast recht. Donnerstage sind immer Jazz-Morgene.“ Ob das nun eine interne oder gesellschaftliche Festlegung war und ob der Rest der Gesellschaft von dieser Festlegung wusste blieb offen, aber Elliot hatte auf jeden fall - mit oder ohne Arturs geistreicher Unterstützung - festgelegt, dass es wohl definitiv ein Jazz-Morgen war und kaum zwei Minuten später umhüllten sanfte Saxophone Klänge das Café und dessen Inhalt.

      Weder Elliot noch Artur wusste genau wann Artur das erste mal seinen Morgen in dem Café verbracht hatte. Vielleicht war es kurz nach dem Tod seiner Frau gewesen, oder als sein Sohn den Kontakt abgebrochen hatte, weil Artur ihm zu ‚verbittert‘ wurde, oder den Kontakt wieder aufgenommen hatte, weil er Geldsorgen hatte. Aber irgendwann dazwischen war Artur faktisch zu einem integrierten Inventar des Cafés geworden und seine teilweise sehr höhnischen Kommentare waren kaum mehr weg zu denken. Manchmal saß er Stundenlang an seinem Tisch, laß Zeitung, trank erst Kaffee und dann Wasser und beobachtet das hektische Treiben hinter der Glasscheibe. Er hatte Elliot mal erzählt, dass er seit seiner Pension nichts mehr genoss als Menschen in ihrer Hektisch zu beobachten und parallel die Ruhe zu genießen. Noch besser war nur, Menschen zu zuschauen die arbeiten mussten, aber dafür gab es ja immer noch Elliot. Der Barista hatte auf die Worte nur gelacht und ihm dann grinsend zugestimmt…der Alte hatte definitiv Recht, es gab nichts besseres als Menschen beim arbeitet zusehen zu können und das vor allem dann wenn man selbst eigentlich arbeiten sollte und dann fürs nicht-arbeiten bezahlt zu werden.


      Das nächste Mal ging die Tür um 07:24 Uhr auf und irgendwie war es ironisch, denn nicht nur Elliot schien der Meinung zu sein, dass die Zahlen Zwei und Vier irgendeine tiefere Bedeutungen zu haben schienen…oder es war einfach mal wieder ein viel zu großer Zufall, wie es viel zu viele auf dieser Erde gab.
      „Einen wunderschönen guten Morgen, Angel.“ flötete Elliot, als ob er das Leben selbst wäre, obwohl man sich bei ihm nie ganz sicher war, ob seine Energie von dem ganzen Koffein, dem Schlafmangel oder von anderen legalen oder nicht ganz so legalen Substanzen zerrte. Manchmal scherzte er, dass er das Kaffeepulver durch die Nase ziehen würde, um die Wirkung schneller spüren zu können und obwohl jeder wusste, dass er das als Scherz meinte, konnte man sich bei ihm nie so ganz sicher sein.

      „Ich hab mich noch nicht entschieden.“ war die brummende Antwort der jungen Frau, welche durch die Tür trat. Ash - eigentlich Ashley, aber Ashley war ein kleines, vierzehn Jähriges Mädchen mit zwei Zöpfen und passte sowohl optisch als auch vom Verhalten nicht mal annähernd zu der jungen Frau mit gefärbten Haaren und tattoowierten Armen - war grundsätzlich schlecht drauf. Nicht weil es grundsätzlich etwas gab, was sie schon zu so früher Stunde nervte, sondern einfach weil ‚genervt sein‘ zu einer ihrer drei Grundstimmungen gehörte, und diese schon fast noch die netteste davon war. Ash trug grundsätzlich zu große T-Shirts und weite Hosen und obwohl ihre Großmutter ihr immer wieder sagte, dass ihre Klamotten aussahen, als ob sie sie ihrem älteren - nicht vorhandenen - Bruder geklaut hatte, würde Ash einen Teufel tun und sich ‚femininere‘ Kleidung anschaffen…die verkehrt herum Baseballkappe machte ihr gesamtes Erscheinungsbild jedoch auch nicht gerade besser.

      „Grandma hat gesagt, ich soll dir das vorbei bringen.“ weniger unsanft als Ash es wahrscheinlich zu standen hätte bringen, stellte sie zwei Bleche Gebackenes auf den Tresen, als ob sie und Elliot ein altmodisches Tauschgeschäft abhielten. „Und wenn du mich noch einmal Angel nennst, breche ich dir vermutlich die Nase, Eli.“ - „Notiert, Sunshine.“ Ash warf dem Barista einen Blick zu, welcher nicht nur töten konnte, sondern ziemlich sicher tötete…Elliot schien nur komischerweise immun zu sein. „Fick dich doch.“ - „Später und ich werde an dich denken, Sunshine.“ spätestens jetzt wäre Ash‘s Hand wohl über den Tresen geschnellt und hätte Elliot tatsächlich die Nase gebrochen (jedenfalls wäre das wohl jedem anderen Typen passiert), aber Elliot stellte den Kuchen, welchen Ash ihm mitgebracht hatte, so ruhig wie eh und je hinter das Glas seiner Vitrine.

      „Sag Rose danke und dass sie mir den Morgen direkt viel süßer gemacht hat.“ Die junge Frau verdrehte die Augen und auch wenn es so wirkte, als würden die Grüße nie ihre Großmutter erreichen, wird das wohl dass erste sein, nach was die ältere Bäckerin fragen wird, nachdem Ash wieder in der kleinen Backstube angekommen war…das und warum Ash - mal wieder - nach Zigarettenrauch roch.

      „Geh noch eine mit mir rauchen, bevor ich wieder zurück muss…der Alte Pennington ist gerade da und macht Grandma wieder schöne Augen…ich kann den Typen echt nicht ab.“ Ash wartete gar nicht wirklich auf eine Antwort des Café-Besitzers, vielleicht weil sie wusste, dass Elliot nie nein sagte, wenn sie ihn um etwas bat.

      Es war weniger ein ‚lass uns zusammen rauchen‘ und mehr ein ‚Ash klaute Elliot eine seiner Zigaretten, welche er, obwohl er seit Monaten nicht mehr aktiv rauchte noch besaß‘. Sie redeten kaum miteinander, nicht weil es nichts zu sagen gab, sondern weil sie irgendwann gelernt hatten auch ohne Worte alles sagen zu können, was es zu sagen gab. Ash war nun mal keine Frau vieler Worte und wenn doch, waren die meisten davon im generellen meist Beleidigungen.


      Die Zeit schritt langsam voran, nicht langsamer als sonst aber auch nicht so als ob sie es eilig hatte und trotz dessen hatte man das Gefühl, dass sie Zeit anders in 1985 lief. Es war immer noch nicht deutlich belebter im inneren des Cafés, als Elliot eine Stimme hörte, die er nicht kannte. Das war für viele vielleicht nicht sonderlich seltsam, aber für einen Ort wie das 1985, waren Menschen die Elliot nicht kannte schon eher eine Seltenheit. Vor allem wenn es sich bei besagten Menschen um einen jungen Mann handelte, welcher genau so gut aus einem neumodernen New Adult Roman hätte stammen können.

      In dem Café saßen nur zwei Gäste - oder eher Artur als festes Inventar und ein weiterer Gast - und trotzdem schien kurz jeder, inklusive des alten Plattenspielers und der Kaffeemaschine die Luft anzuhalten als der junge Mann seine Kaffeebestellung aufgab. Selbst Elliot schien sich kurz von dem Schock erholen zu müssen und er hatte schon einiges in seinem Leben gehört, als er die wilde aneinander Reihung von Dingen hörte…denn anders konnte man das war der junge Mann gerade bestellt hatte definitiv nicht nennen.
      „Sweetheart, das hier ist ein Café, kein Chemielabor.“ Artur warf dem jungen Mann im Mantel einen kurzen Blick zu, welcher angeekelter wohl nicht hätte sein können.
    • Wenn man Max’s Menschenkenntnis auf einer Skala von ‚Achso, das sind Tränen? Ich dachte, es regnet’ bis ‚Du weinst zwar nicht, aber ich empfange Mojoschwingungen, dass Du traurig bist.‘ einordnen müsste, lägen sie wohl irgendwo in dem etwas verspäteten ‚Irgendwas stimmt nicht. Willst du einen Keks?‘-Bereich. Ganz passabel, also. Wenn man sich von einem Keks aufheitern lässt.
      Das der blonde Barista sich aber kurz in einer Art Schockzustand zu befinden schien, fiel selbst Max sofort auf. Das sprach allerdings mehr dafür, dass der Barista keinen Hehl daraus machte, das zu verbergen als für Max‘s Menschenkenntnisse. Bot man bei Schock auch einen Keks an?
      Der offensichtliche Schock seines Gegenübers löste bei Max vor allem aus, dass er darüber nachdachte, ob er etwas falsch gemacht hatte. Oder vielleicht hatte das Baby sich ja doch noch erbrochen, bevor er aus der Bahn geflüchtet war und irgendwo auf seinem Mantel klebte nun ein dicker, gelbbrauner Fleck von ominöser Herkunft.
      Viel mehr beschlich ihn aber das Gefühl, dass das Problem in dem lag, was er gesagt hatte. Jetzt, wo er so drüber nachdachte, schien seine moderne Kaffeebestellung etwas fehl an einem Ort, der aussah wie personifizierte Nostalgie.
      Rückblickend - also genauer gesagt fünf Sekunden, nachdem er seinen Mund geöffnet hatte, die von dem stummen Schock des Baristas geprägt waren, bemerkte er selbst, wie fehl am Platz seine von Diabetes geprägte Bestellung war.
      Kurz bevor er sich entschuldigen und eine etwas weniger befremdliche Bestellung abgeben wollte, fing der Barrista sich.
      Und jetzt war es an Max, geschockt zu sein. Max‘s Schock war nicht geprägt von theatralisch aufgerissen Augen oder einem überraschten Aufruf. Der Situationkomik wäre es wohl zu Gute gekommen, wenn er wenigstens den Mund geöffnet und wie ein stummer Fisch gestarrt hätte.
      Stattdessen blinzelt Max einfach nur, während um ihn herum die Zeit stehen zu blieben schien. Ironisch, schien sie ihm doch mehr Beachtung zu schenken als er ihr.
      Oder auch nicht. Denn während er einfach nur stumm den Barrista ansah, so als hätte er plötzlich englisch verlernt und sein Hirn einfach in den Energiesparmodus geschaltet, lief die Zeit weiter. Und aus ein paar Sekunden, die vielleicht ein wenig seltsam gewesen wären, wurde eine unangenehme Stille.
      Max war jemand, der weder viel Wert auf sein eigenes Äußeres legte, noch groß darauf achtete, wie andere aussahen. Alles, wonach er Ausschau hielt, waren verdächtige Flecken auf der Kleidung der anderen U-Bahnfahrer, die er unweigerlich bei dem Schlenker vor der Prospect Avenue 48 berühren würde. Davon abgesehen hatte Max fast eine Art Faceblindness entwickelt.
      Aber wie gesagt, intaktes Sozialleben.
      Wenn Max durch die Stadt ging, fielen ihm Dinge auf, denen andere keine Beachtung schenkten. Bauten. Bodenbeschaffenheit. Der gewagte Winkel des Daches an einem neuen Bürogebäude. Die Fensterfront eines Wohngebäudes, die mit einer kleinen Einsparung in der Diagonalen so viel mehr Privatsphäre spenden würde.
      Alte Häuser zwischen grauen Betonklötzen. So wie dieses Café eben.
      Im Letzten Jahr hatte er außerdem gelernt, auf ein weiteres Ding zu achten. Stimmen. Eine Stimme. Die beruhigende Kadenz, des Night Shift Hosts, die mittlerweile fest zu seinem nächtlichen Freitagsritual gehörte. Nicht, das Max das geplant hätte. Es war eben mal wieder einfach passiert. Wie Haldir einfach so passiert war.
      Oder die Entscheidung, heute zu laufen.
      Oder die Tatsache, dass er sich genau hierher verlaufen hatte. In die ruhige Seitenstraße mit dem rebellischen Backsteingebäude.
      In dem eben ein Café war.
      Es gab nicht viel, von dem Max behauptet hätte, er würde es mit verbundenen Augen erkennen. Vielleicht das nörgeln seines jüngeren Bruders oder das vielsagende Schnauben seines Vaters, das Enttäuschung besser ausdrückte, als sie jede Umarmung seiner Mutter hätte abfangen können.
      Haldirs aufgeregtes Bellen. Haldirs weniger aufgeregtes Bellen. Haldirs hartnäckiges Starren, wenn er vor die Tür wollte (das spürte Max mehr, als das er es wirklich hörte). Haldirs klägliches Winseln, wenn er noch etwas mehr Futter wollte. Haldirs - man sieht, in welche Richtung sich das hier entwickelte.
      Und die Stimme von Eli.
      Dem Radiohost, dem er jeden Freitag lauschte. Manchmal weit über den abendlichen Spaziergang hinaus. Manchmal, bis er zu Anekdoten über das Café von Eli oder dessen Alltag einschlief.
      Max blinzelte während er versuchte, die Stimme mit dem blonden Wuschelkopf vor ihm in Vereinbarung zu bringen.
      Denn er zweifelte nicht einen Moment an dem, was er gehört hatte. Und was das bedeutete. Max war sich sicher, dass Eli und der junge Mann ihm gegenüber ein und dieselbe Person waren.
      Und das war…surreal. Um es vorsichtig auszudrücken. Jetzt erst nahm Max sich die Zeit, den jungen Mann ihm gegenüber wirklich zu sehen.
      Eli war für Max immer nur eine Stimme gewesen. Das vertraute auf und ab, mit dem er über Geschehnisse aus dem Café berichtete. Die Art und Weise, wie man sein Schmunzeln selbst durch Radiowellen hörte, wenn ihn etwas amüsierte. Oder die Art, wie Elis Lachen unweigerlich den Raum ausfüllte und an Max‘s Mundwinkel zog.
      Es hatte nie ein Gesicht zu all dem gegeben und Max hatte sich auch nie die Mühe gemacht, sich eines dazu vorzustellen.
      Das Gesicht das ihm nun präsentiert wurde war bei weitem kein schlechtes Gesicht, aber es war ein Gesicht. Ein Gesicht zu der Stimme, die für Max Vertrautheit und Gefühl war. Amüsiertes schnauben und leises Lächeln und Ruhe.
      Und jetzt war Eli eben nicht mehr nur eine Stimme. Und Max wusste nicht so ganz, was das in ihm auslöste. Also beschloss er, sich da später Gedanken rüber zu machen.
      „Oh.“, machte Max dann. Ganz so, als hätte er nicht gerade da gestanden wie ein Taubstummer. Falls ihm die Tatsache peinlich war, merkte man es ihm nicht an.
      „Dann einfach nur einen Kaffee, bitte.“ Kurze Pause. „Mit viel Zucker.“
    • Artur und Elliot warfen sich einen kurzen Blick über Max‘s Kopf hinweg zu. Welcher wohl alles hätte bedeuten können aber definitiv nichts wirklich positives…obwohl als wirklich negativ hätte Eli selbst es wohl auch nicht ein kategorisiert, eher als etwas verurteilendes, aber das würde er wohl nur selbst behaupten. Elliot war aber eigentlich auch die Art von er Person, welche sich trotz seltsamer Aussagen mit den Menschen unterhalten wollte, vielleicht weil er selbst manchmal ein wenig seltsam war. Artur im Gegensatz hatte Max direkt abgestempelt und in eine Kategorie von Menschen weg sortiert und würde wohl so schnell keine positiven Worte mit ihm wechseln.

      „Ich mach dir einen Cappuccino, setzt dich Honey.“ entschied Elliot kurzerhand selbst, weil Max‘s zweite Kaffeebestellung wohl eben so wenig Elliots Geschmack traft wie seine erste. Den Blick den Elliot dem Jüngeren noch zuwarf, bevor er sich seiner heiß geliebten Kaffeemaschine zu wand könnte man fast als mitleidig bezeichnen…vielleicht kannte der junge Mann nur so schlechten Kaffee dass er ihn grundsätzlich mit so viel Zucker aufwerten musste, dass wohl selbst Pützenwasser gut schmecken würde. Das wäre schon sehr bemitleidenswert, dachte sich der Cafébesitzer noch.

      Als Elliot sich wegdrehte, konnte Max das erste mal Teile des Outfits des Baristas sehen. Die Schlaghose aus dunklem Denim war definitiv alles was man heute nicht mehr so in der Kombination fand: hochsitzend, schmal an den Oberschenkeln und weit an den Unterschenkeln…ganz weit weg von dem was die heutige Mode als „Schlaghose“ betitelte. Die halb hohen Boots wurden fast komplett von dem Jeansstoff der Hose verdeckt und würden Elliots Schuhe den Absatz nicht besitzen, den sie hatten, könnte man mit den langen Hosenbeinen sicherlich den Boden putzen. Das Leder seines Gürteln war fast die meiste Zeit von dem Saum seines ausgewaschenen Bandshirts bedeckt, jedenfalls so lange bis er sich streckte, denn dann entblößte der Stoff einen breiten Streifen heller Haut. Als Akzente gab es nicht nur die breite Gürtelschnalle, welche man auf Grund der Schürze leider nicht sehen konnte und die Ohrringe welche hin und wieder mal zwischen die helle Haarsträhnen durch lugten sondern auch ein Bandana, welches schon fast auffällig gleichgültig in seiner hinteren Hosentasche steckte und bis auf einen modischen Aspekt wohl keinen Nutzen hatte…obwohl das für Elliot als Nutzen definitiv reichte.

      Die Siebträgermaschine gluckerte leise als Elliot den doppelten Espresso zog und währenddessen die Milch aus dem kleinen Kühlschrank nahm, welcher sich unter dem Tresen versteckte. Dabei fielen ihm die wilden, hellen Locken schon fast malerisch gewollt ins Gesicht und selbst wenn er es nicht (immer) drauf anlegte, wirkte die ganze Szene wie aus einem retro-inspirierten Liebesdrama.

      Der Milchaufschäumer zischte einige Momente später. Nachdem Elliot den Espresso mit einer überdimensional großen Menge an Milchschaum bedeckte, welcher so dick war, dass der Barista ihn mit einem langen Löffel feinsäuberlich schichtete bis sie über den Tassenrand hinausragte, bestreute er diesen noch mit einer feinen aber sichtbaren Schicht Kakaopulver. Schlussendlich stellte Elliot den Cappuccino vor Max auf den Tisch.

      „Hier, pretty boy. Trink ihn, genieß ihn und frag mich nie wieder nach einem Getränk das klingt, als könnte es Diabetes verursachen.“ Elliot zwinkerte Max kokett zu, als er den Tisch wieder verließ und hinter dem Tresen die Theke mit einem nassen Lappen abwischt…so wie er das Kakaopulver verteilt hatte, schien er das wohl öfters am Tag tun zu müssen.

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    • Die wortlose Kommunikation zwischen Eli - Nein, Max war immer noch nicht bereit darüber nachzudenken, wie genau er sich mit dieser Erkenntnis fühlte - und dem alten Mann ging kompletten an Max vorbei. Obgleich der Worte, die er mittlerweile rausgebracht hatte, befand er sich immer noch in einem seltsamen Zustand der ihn kurz daran zweifeln ließ, ob er heute Morgen das Bett überhaupt verlassen hatte und nicht doch träumte. Vielleicht hatten ihn ja endlich die tödlichen Keime eingeholt, an denen jeder Hundebesitzer unweigerlich starb, der seinen Hund mit im Bett schlafen ließ.
      So unwahrscheinlich diese Verschwörungstheorie auch war, erschien sie ihm immer noch wahrscheinlicher als das hier.
      Eli, eben.
      Als wäre es ein Ding der Unmöglichkeit, dass zu der Stimme hinter Night Shift wirklich ein echter Mensch aus Fleisch und Blut gehörte. Vielleicht war Eli ja aus Sternenstaub und und würde in tausende kleine Stücke zerfallen, wenn Max ihn antippte. An diesem Punkt hielt Max nichts mehr für unmöglich. Eli. Eine echte Person.
      Die neue Bestellung schien Eli - dem Eli - immer noch nicht wirklich zu passen, denn er verkündete kurzerhand und mit so viel lockerem Charme, als wäre es sein gutes Recht, dass er Max einen Cappuccino machen würde. Und vielleicht war das ja auch sein Recht. Das hier war immerhin sein Café.
      Bei der abgehobenen Bestellung, die Max als erstes rausgehauen hatte, war es wahrscheinlich ein kleines Wunder, dass er nicht sofort rausgeworfen worden war.
      Im gleichen Zug, in dem seine zweite Bestellung ebenfalls abgeschmettert wurde, teilte Eli Max mit, er solle sich setzen.
      Sich zu setzen war nie Max‘s Plan gewesen, aber Eli hatte sich schon weggedreht und bevor ein Ton über Max‘s Lippen kommen konnte, schloss er seinen gerade geöffneten Mund wieder.
      Eigentlich hatte er feste Zeiten, zu denen er im Büro erscheinen musste. Seine Kollegen hatten jedoch schnell erkannt, dass Max oft länger blieb, als es notwendig war, man ihn manchmal zu den irrwitzigsten Zeiten dort antraf und er alle seine Projekte trotzdem stets vor der Deadline zu Ende brachte. Am besten arbeitete er, wenn man ihn einfach eintrudeln ließ, wann immer ihn das Leben Richtung Innenstadt trieb und die langen Pausen, die er sich nur nahm, um mit Haldir spazieren zu gehen, unkommentiert blieben. Sicher. Manchmal war er mittags anderthalb Stunden weg. Manchmal zwei. Aber er blieb auch abends länger als alle anderen.
      Zwischen dem pendeln, der Fürsorge für sein Pelzbaby und der Arbeit gab es nicht viel, für das Max Zeit hatte. Manchmal vergaß er sogar zu essen oder schlief für deutlich weniger Stunden, als es die WHO empfahl.
      Ganz sicher passte in diese Routine kein langsamer Morgen in einem vergessenen Café irgendwo zwischen Prospect Avenue 48 und Arbeit.
      Trotzdem kam ein „Okay, danke.“ über seine Lippen, als er den Mund das nächste Mal öffnete und die verspätete Antwort an Elis Rücken richtete. Und er hätte nichtmal sagen können, ob er Eli für sich hatte entscheiden lassen, oder ob er das selbst getan hatte.
      Alles was Max wusste, war, das er sich, noch immer leicht benommen und wohl deswegen auch weiterhin blind für den alten Mann, umdrehte und wahllos an einen Tisch mit nicht zueinander passenden Stühlen setzte. Das grell rote, lederüberzogene Ungetüm auf das er sich setzte, passte nicht ganz zur Tischhöhe und so stießen Max‘s Knie ein wenig ungeschickt gegen die hölzerne Platte.
      Jetzt wäre vielleicht der perfekte Zeitpunkt, um sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass der junge Mann, der gerade an der Kaffeemaschine rumhantierte, die nicht viel besser als die röchelnde Glocke über der Tür klang, wirklich Eli war.
      Max‘s Blick glitt wie von selbst zu Eli.
      Eli war genau wie jemand gekleidet, der aussah, als gehörte er hier her. In das wild eingerichtete, zusammengewürfelte Café mit den zahlreichen, warmen Lichtquellen und der sachten Jazz-Musik. Selbst die Art und Weise, wie er sich bewegte, fügte sich perfekt in das Umfeld.
      Im Gegensatz zu Max, der mit dem modernen Mantel und der Kombi von Pullover und Hemd, dessen weißer Kragen ein wenig schief unter dem grauen Pullover hervorragte, wirkte als hätte er sich verlaufen. Selbst Max‘s Haarschnitt war ein krasser Kontrast zu den künstlerisch fallenden Locken des Baristers. Ob die großen Bildhauer des Altertums sich wohl von genau so einem Anblick hatten inspirieren lassen?
      Und trotzdem kam sich Max weniger wegen der Atmosphäre in dem Café wie ein Eindringling vor - die war dafür viel zu warm und einladend. Nicht verurteilend. - und viel mehr wegen der Tatsache, dass er die Person hinter dem Tresen zu kennen schien, während Max für Eli ein völlig fremder war. Das war irgendwie…komisch.
      Vielleicht war Max aber auch einfach nur zu verkopft. Er war ja nicht absichtlich hier gelandet und stalkte Eli, oder so.
      Richtig. Kein Stalker.
      Unauffällig ließ Max seinen Blick von Eli weg gleiten und begann stattdessen mit scheinbaren Interesse die zahlreichen Bandposter an den Wänden zu betrachten, während er sich innerlich fragte, ob er nicht doch einfach aufstehen und verschwinden sollte. Vom Winde verweht und für immer vergessen, oder so ähnlich. Vielleicht auch einfach nur eine etwas weniger poetische Flucht.
      Bevor er die Entscheidung treffen konnte, setzte ihm plötzlich jemand eine Tasse vor die Nase, die bis zum Rand mit Milchschaum gefüllt war. Bei dem Kommentar über das Diabetes verursachende Getränk zuckte Max‘s Mundwinkel willkürlich nach oben, während er seinen Blick hob und Elis Blick auf diese vorsichtig selbst ironische Art begegnete, die es unmöglich machte, ihn zu hassen. Selbst wenn man zu diesen Menschen gehörte, die glaubten, ihm flöge tatsächlich unfairer Weise alles Gute im Leben zu.
      Max wusste, dass seine Bestellungen beide absurd gewesen waren (die erste vielleicht etwas mehr als die zweite) und Eli wusste es auch. Und trotzdem würde Max in dem nächsten modernen Café wieder genau so eine Bestellung aufgeben. Nur eben hier nicht mehr. Oder vielleicht doch. Falls er jemals wiederkam.
      Was er nicht vor hatte.

      Oder vielleicht doch.
      „Ist notiert. Aber versprechen kann ich nichts.“ Das selbstironische Glimmern noch immer in den Augen und um den Mundwinkel, duckte Max seinen Kopf schon fast ein wenig weg, als er seinen Blick dem Cappuccino mit der extra Schicht Schokopulver zu wandte.
      Aber nur ein bisschen. Weil es gab absolut keinen Grund, verlegen zu sein. Nicht, dass Max genau die Kadenz von Elis Stimme kannte und auch ganz bestimmt nicht, dass er abends genau diesem Vertrauten auf und ab so lange lauschte, bis er einschlief.
      Doch, ja. Flucht wäre definitiv die bessere Entscheidung gewesen.
      Und während seine Gedanken umeinander schwirrten und sich immer mehr in eine Spirale begaben, die schon fast an Panik kratzte, hätte man nichts davon jemals hinter Max‘s ruhiger Fassade vermutet.
      Wenn man die Tatsache ignorierte, dass sein linkes Bein leicht zu wibbeln begann.
      Er brauchte entweder einen neuen Radiosender, oder durfte nie wieder hierher kommen.
      Eli als echter Mensch. Das war doch absurd.
      Max nahm einen Schluck von dem Cappuccino, setzte die Tasse wieder ab und sah sich unauffällig um, bevor er den Retro-Zuckersteuer nahm und dessen Inhalt komplett in seinem Getränke versenkte. Der Zuckerregen hinterließ ein verdächtiges Loch in dem Milchschaum, das nur noch verdächtiger wurde, als Max nocheinmal bemüht leise, aber mit Wucht, gegen den Boden des Zuckerstreuers klopfte.
      Dann beeilte er sich die Spuren dessen, was in diesem Café sicher als Straftat galt, mit einem schnellen wischen seines Zeigefingers zu verbergen.
      Keine überzuckerten Getränke mehr bestellen hieß nicht, dass er nicht selbst nachhelfen konnte.
      Nach dem Schock - in dem er sich auch immer noch zu befinden glaubte - brauchte Max das.
      Unwillkürlich fragte Max sich, ob Eli in seiner nächsten Sendung wohl über Max‘s haarsträubende Bestellung reden würde und ob er sich wirklich antun wollte, das heraus zu finden.

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    • Elliots Blick wand sich kurz zu Max als dieser den guten Kaffee mit so viel Zucker verschandelte, dass wahrscheinlich jeder normale Mensch auf der Stelle an Überzuckerung gestorben wäre. Er war nicht sauer, warum sollte er auch? Aber vielleicht ein wenig enttäuscht, aber das war okay. Bevor Eli sich jedoch noch mehr Gedanken um den guten - nun deutlich überzuckerten - Kaffee machen konnte brummte Artur ein höhnisches „Junge, darf's auch ein wenig Kaffee zu deinem Zucker sein?“ in seine Tasse.

      Elliot konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. „Ich schneide den Kuchen an, Artur willst du auch ein Stück?“ fragte Elliot während er sich kurz streckte und zwei Teller nahm, um sein Grinsen ein wenig zu verstecken.
      „Kuchen? Um die Uhrzeit? Eli, es ist nicht mal Neun! Denk doch an die ganzen Kalorien!“ japste die ältere Dame erschrocken auf und meldete sich somit zum ersten Mal seit Max in dem Café war zu Wort. „Ich wusste nicht, dass sich die Kalorien von Kuchen je nach Uhrzeit ändern.“ erwiderte der junge Barista flach während er die beiden Bleche Kuchen nach einander aus der Vitrine nahm und dann in mehr oder minder quadratische Stücke schnitt. „Was haben wir denn?“ Elliot schaute sich die beiden Kuchen kurz etwas irritiert an, eher er sich einfach ein Stück nahm und reinbiss. „Apfel-Zimt und…“ sein Mund war noch nicht mal ganz leer als er antwortet. „…Ouh, Rose berühmter Kirsch-Streusel-Kuchen.“ vielleicht war Elliot ein klein wenig zu entzückt als er in das zweite Stück biss, er schien ein großer Fan von besagten Kirsch-Streusel-Kuchen zu sein, denn augenblicklich glänzenden seine Augen ein wenig mehr. Die ältere Dame schüttelte leicht enttäuscht den Kopf und schien immer noch an dem Glauben fest zu halten, dass man vor Neun wohl keinen Kuchen essen sollte, wobei Kuchen vor Neun schon fast am besten schmeckte…vor Neun und definitiv nach Mitternacht, so Elliots Meinung.

      „Gib mir mal ein Stück von dem Kirschkuchen.“ forderte Artur als würde der Laden selbst ihm gehören. Eli legte beide, angebissenen Kuchenstücke auf den einen Teller ehe er - dieses Mal nicht mit den bloßen Fingern sonder - mit einem Kuchenheber ein Stück von dem Kirschkuchen löste und auf den zweiten Teller legte.

      „Wie ihre Majestät wünscht.“ Elliot grinste Artur frech an, als er ihm sein Stück Kuchen vor die Nase stellte, sich spielerisch verbeugte und sich dann wieder seinen angefangenen Stücken zu wand. Ehe er wohl realisiert hatte, dass Kuchen mit Kaffee in Kombination nochmal deutlich besser schmeckte und dann dann selbst noch mal einen Cappuccino machte. Es wirkte ein wenig so, als ob Eli dazu neigte, Dinge anzufangen und bevor plötzlich einen Geistesblitz ihn traf und er daraufhin etwas neues anfangen wollte…jedenfalls wenn es um Dinge ging die nur ihn selbst integrierten.

      „An deiner Stelle hätte ich mir ja nur ein Stück genommen.“ brachte sich die Dame wieder ein und sowohl Eli als auch Artur schienen ein wenig genervt von ihr zu sein. „Gut das du nicht an meiner Stelle bist, Helga.“ meinte Elliot, trotz dass sie ihm mit ihre ungefragte Meinung definitiv nervte, mit einem Lächeln.