A journey to Marlboro Country [Taithleach x Shio]

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    • Julien

      Ein ungutes Gefühl machte sich jetzt doch in mir breit, als wir den Stallungen immer näher kamen. War es wirklich klug die Nacht hier zu verbringen? Ich weiß das wir großen Ärger bekommen werden, wenn man bemerkt das wir nicht in unseren Hütten waren. Doch auf der anderen Seite, was soll schon passieren? Wir verbringen hier schließlich viel Zeit und da darf man sich doch auch einmal so etwas erlauben. Wir begehen ja nicht gleich ein Verbrechen, wenn wir im Heu schlafen. Solange wir uns noch auf dem Grundstück befanden ist alles gut. Hoffte ich..
      Meine Hände wanderten wieder in meine Hosentaschen zurück. Mein Blick wanderte kurz wieder zu Leó und ich musste leicht über seine Aussage schmunzeln. "Vielleicht hast du ja Recht. Ich wollte dir jedenfalls nicht mit meiner Antwort vorhin Angst einjagen. Nur..." Ich verharrte kurz und sah in den Sternenhimmel. "Man weiß nicht was die Nacht noch alles für uns bereit hält." Ohne ihn noch einmal anzusehen, lief ich weiter. Die Wahrheitsfrage traf mich unerwartet und ich musste augenblicklich schwer schlucken. Das kam unerwartet und die Frage fühlte sich bedeutend schlimmer an, als die Pflichtaufgabe.
      Warum musste ich auch unbedingt darauf bestehen, das er mir diese auch noch verrät? Vielleicht weil ich einfach zu neugierig darauf war?
      Doch nun fühlte ich mich verunsichert, denn ich wusste nicht genau was ich darauf antworten sollte, ohne das es falsch klang.
      Wir kamen an den Stallungen an und ich blieb ein wenig hinter Leó zum Stehen. Mein Blick war starr auf den staubigen Boden vor mir gerichtet. "Die Wahrheitsfrage hat mich wirklich überrascht." Ich zog mit meinem Fuß kleine Kreise auf den Boden.
      "Aber ich werde sie dir beantworten. Schließlich wollte ich es so." Ich richtete mich wieder auf und sah auf ihn. Er stand mit dem Rücken zu mir, was mir gerade um ehrlich zu sein lieber war, als wenn er mich angesehen hätte. "Die Tatsache, das manche Begegnungen harmlos anfangen und plötzlich intensiver werden. Dass manche Menschen etwas in einen auslösen. das man eigentlich vermeiden wollte, weil man gut darin ist es zu verstecken. Und vielleicht auch der Punkt, das ich gewisse Gefühle lieber erst einmal überdenke , statt sie einfach zu zulassen.. Den meine größte Angst ist es verletzt zu werden." Jetzt war es raus. Zu mindestens ein Teil davon. Was er daraus macht oder was er darüber denkt, das wird sich zeigen, aber mein Herz fühlte sich jetzt in dem Moment nicht mehr ganz so schwer an.

      Meine Füße setzten sich in Bewegung und ich ging zu dem Haupttor, der Stallungen. Es war verschlossen. Doch nicht unweit von dem Tor war ein Fenster, was offen war. Vermutlich ging es dort unter das Dach. "Hey Leó hilf mir mal." Ich winkte ihn zu mir rüber. "Machen wir eine Räuberleiter. Ich zieh dich dann hoch, wenn ich dort oben bin."
    • Léo

      Mir war klar, das Julien in der ganzen Zeit, in welcher er mir meine Frage beantwortete, nicht sehen konnte, was ich dachte oder fühlte da ich mit dem Rücken zu ihm stand ohne mich auch nur einmal umzudrehen. Er stammelte einige Sätze, die anfangs etwas konfus auf mich wirkten, schnell begriff ich aber die Meinung dahinter und bließ kaum hörbar Luft aus meinen Lungen. "Hmm...", murmelte ich. Das war alles, was ich dazu sagen wollte. Dieses Thema war auch für mich ein heikler, unangenehmer Gesprächsstoff und ich wollte lieber nicht zu viel darüber nachdenken.

      Ich beobachtete Julien aus leicht zusammengekniffenen Augen wie er erst zum Haupttor der Stallungen ging und dann ein Fenster entdeckte, das offen stand. Als er erneut meinen Namen ausprach huschte ein Gefühl von Nervosität durch mich hindurch - ich mochte es, wenn er mich mit meinem Namen ansprach. Da ich selber es oft vermied Menschen mit ihrem Namen anzureden - ich empfand es als zu intim - fühlt es sich ungewohnt persönlich an, wenn mein Klassenkamerad mich so direkt ansprach.
      Mit schnellen Schritten lief ich zu ihm hinüber, zögerte jedoch bevor ich mich daran machte, ihm eine Räuberleiter anzubieten doch schlussendlich duckte ich mich leicht, damit er seinen Fuß leichter in meine zusammengefalteten Hände setzen konnte. Leicht spöttisch gab ich ihm einen Seitenblick. "Wehe du bist mit deinen Schuhen in Hundescheiße getreten..... Dann willst du meine nächste Pflicht lieber nicht herausfinden."
      Als Julien meine Räuberleiter benutzt um sich auf die Höhe des Fensters zu ziehen staunte ich, wie geschmeidig dies bei ihm aussah - da kam der Sportler in ihm zur Geltung.

      Nun war also ich an der Reihe. Befangen blickte ich zu den Händen, die Julien nach mir ausstreckte, um mich raufzuziehen. Da gab es nur zwei Probleme, schoss es mir in den Kopf.
      'Ich bin nicht sportlich... So scharf, mich zu blamieren, bin ich dann doch nicht', fing mein Gedankenkarusell an und setzt sich noch weiter fort indem ich innerlich Scheu empfand, Julien erneut zu berühren. 'Und dann noch an seinen Händen....'
      Nun stand ich also einfach nur da und blickte Julien stoisch an, ohne auch nur einen Muskel zu rühren. "Ne.... Das kann ich nicht...."
      They're all around me, circling like vultures.
      They wanna break me and wash away my colors.
      I cannot stop this, sickness taking over.
      It takes control and drags me into nowhere.
      I need your help, I can't fight this forever.
      I know you're watching, I can feel you out there.


    • Julien

      Er brauchte nichts dazu zu sagen und um ehrlich zu sein war ich auch froh darüber. Es war mir nachhinein doch ein wenig unangenehm darüber zu reden.. Aber ich konnte es nun nicht mehr rückgängig machen.
      Ich konnte sein Zögern in seinem Blick sehen, als er zu mir kam. Ihm schien meine Nähe doch mehr auszumachen, als er zugab. Trotzdem war ich dankbar, das er sich doch dazu entschloss mir hoch zu helfen. Bei seiner nächsten Aussage musste ich breit grinsen. "Keine Angst. Du wirst dir die Hände schon nicht wegen mir schmutzig machen. Und außerdem bin ich dann an der Reihe dir die nächste Wahrheit- oder Pflichtaufgabe zu stellen, vergiss das nicht." Mein Fuß stellte ich in seine Hände und als er mich nach oben drückte, zog ich mich galant an dem Fenstersims nach oben. Für mich war das eine leichte Aufgabe, denn der regelmäßige Sport den ich betrieb, machte viel aus.
      Ich schlüpfte durch das offene Fenster und sah mich um. Hier oben lagerte also das ganze Heu und Stroh für die Tiere. Eine kleine Holzleiter führte nach unten zu den Stallungen. Ich warf einen Blick aus dem Fenster und legte mich anschließend auf den Boden, hielt mich an der Seite fest und streckte meine Hand nach ihm aus. Er zögerte, wieder und ich sah ihn fragend an. Hatte er Angst das ich ihn fallen ließ oder steckte da etwas anderes dahinter? "Komm schon ich lasse dich nicht los, versprochen." Eine andere Möglichkeit sah ich nicht, die Holzleiter war festgeschraubt und die Türen waren alle mit einem Schloss versehen. "Vertrau mir einfach. Sonst muss ich es mir hier oben alleine gemütlich machen." Schließlich sprach er davon das wir heute Nacht beide hier übernachten, auch wenn es für mich vollkommen in Ordnung wäre es auch alleine durchzuziehen. Ich wollte ihn zu nichts drängen, denn ich kannte das Gefühl gut, wenn man in die Enge getrieben wird..
    • Léo

      Nun stand ich hier, die Arme unsicher vor meinem Brustkorb verschränkt und blickte zu dem blondhaarigem Jungen nach oben. War dies einfach nur mein Kopf, der sich Horrorszenarien ausmalte oder war es tatsächlich mehr als das? - War es ein Bauchgefühl oder eine schlechte Vorahnung?
      Unruhig blickte ich mich um, um sicherzugehen das tatsächlich niemand in der Nähe war - was schwachsinnig war, denn sonst hätten wir die Person längst bemerkt - und schaute dann erneut unschlüssig in Juliens Gesicht, dann auf seine Hand. Langsam ging ich in seine Richtung. Meine Stimme klang angespannt, als ich sagte: "Ist das nicht komisch? Also... Eh..." Mein Mund war heute wohl öfters schneller als mein Kopf und so druckste ich etwas herum, während ich gleichzeitig zögernd meinen Arm streckte und Juliens Hand zu fasste. Mir fiel fast sofort auf, wie fest er meine Hand umschloss - oder zumindest fühlte es sich so an. "Das ist echt komisch, ich.... Hm. Egal. Wehe du lachst, wir können nicht alle Sportler sein.." Juliens Hand in meiner zu spüren tat sein übriges und ich fühlte mich aufgrund von Stress innerlich um 30 Jahre gealtert. Auch mein Griff wurde fester, kurz bevor alles recht schnell ging: Julien zog, ich half mit und bekam das Fenstersims mit meiner freien Hand zu fassen. Während ich mich mit Juliens Hilfe weiter hochzog fühlte ich mich wie ein Sack Kartoffeln - elegant ging anders.

      Schlussendlich hatte ich es überlebt. Nun stand ich mit hochrotem Kopf im Schummerlicht auf dem Dachboden der Scheune und mied jeglichen Blickkontakt mit Julien. Die Spannung war mit Händen greifbar und selbst Julien sagte erstmal nichts. Da ich ihn nicht ansah, wusste ich nicht, ob er die Spannung bemerkt hatte oder gerade zu abgelenkt war. Ich für meinen Teil blickte mich in unserem Nachtlager um und musste gestehen, das es - im Vergleich zur abkühlenden Nachtluft - hier drin tatsächlich recht behaglich und warm zu sein schien. Es gab Unmengen an Heu und Stroh hier drin. Langsam lief ich nach Hinten, wo es immer dunkler wurde, da jenes Fenster das einzige zu sein schien. Kein Wunder, das es offen stand, dachte ich währenddessen - dieser Heustaub, oder wie auch immer man es nannte - reizte meine Nase und ich musste niesen.

      Ich war mittlerweile weit vom Fenster entfernt, relativ mittig, als ich einen großen Haufen voll von losem Heu fand, in welchen ich mich - ohne Vorwarnung - hineinfallen ließ. Feine Strohhalme hafteten sich an meine Kleidung und Haare und nun wandte ich zum ersten Mal meinen Blick zu Julien, sagte jedoch nichts.
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    • Julien

      Mein Blick ruhte ruhig auf ihm und mein Arm streckte ich soweit ich konnte in seine Richtung. Seine Unsicherheit konnte ich bis hier oben deutlich spüren, doch ich wollte ihm das Gefühl geben, das er keine Angst haben muss. Schon gar nicht vor mir. Als sich seine Hand nun doch mit meiner verschlang, durchzog sich ein kleiner wohliger Schauer über meinen Arm. Seine Hand war schwitzig, als ob sein Körper sich bei jeder Berührung gegen mich sträubte. Ich ignorierte es so gut es ging und zog ihn nach oben. Ich lachte ihn nicht aus, oder verspottete ihn nicht, als er sich aufrappelte und neben mir stand. Er vermied wider den Blickkontakt mit mir. Meinen Körper lehnte ich ein Stück an das Fenster und ich sah ihm nach. Ich konnte seine Statur nur noch schemenhaft erkennen. Er war mir echt ein Rätsel, aber dennoch machte er mich neugierig. Vielleicht ein wenig zu neugierig, als ich zugeben würde.. Meine Augen verfolgten ihn weiter. Er warf sich in einen Heuhaufen und ich musste unwillkürlich schmunzeln. Wir ziehen das also wirklich durch. Vor ein paar Stunden saßen wir noch im Bus und jetzt bin ich hier mit einem Typen, auf einem Heuboden mitten in Amerika. Das klang mehr als verrückt und das war es auch. Das sich der Abend so entwickeln würde, hätte ich nicht gedacht. Eigentlich wollte ich nur ein paar ruhige Minuten an dem See verbringen und den Abend anschließend mit den Jungs ausklingen lassen, aber es kam anders. Die Begegnung mit Léo war besonders. Es fühlte sich jedenfalls für mich so an. Doch was in seinem Kopf vor sich ging, konnte ich nicht wissen. Auch wenn es mich brennend interessierte.
      Ich stieß mich von dem Fenster ab und ging auf ihn zu. Ich blieb einen Moment vor ihm stehen und verschränkte die Arme locker vor der Brust. Das Mondlicht, das durch die schmalen Ritzen der Scheune fiel, legte helle Streifen über sein Gesicht. Jetzt wo er im Heu lag wirkte er weniger angespannt. "Und ist es bequem?" Ohne auf eine Antwort zu warten stülpte ich meine Schuhe aus. Mein Blick blieb weiterhin an ihm hängen, als ich mir meinen Hoodie über den Kopf zog. Ich konnte seinen Blick deutlich auf ihr spüren, auch wenn ich ihn nicht richtig sehen konnte. Mit einem Ruck zog ich noch meine Jogginghose runter und legte alles zur Seite. Nun stand ich nur noch in einem weißen Shirt, Socken und einer schwarzen Boxershorts hier. Ich ließ mich auf den Rücken in das Heu fallen und verschränkte die Hände locker hinter dem Kopf. Das Heu raschelte unter mir und pikste sofort unangenehm in meine Seite. Mein Blick wanderte wieder zu ihm. Diesmal blieb ich länger an ihm hängen. Irgendetwas an ihm zog mich an, obwohl er kaum sprach. Vielleicht lag es genau daran, das er nicht so laut war wie die anderen, oder jegliche Unsicherheit mit irgendwelchen Sprüchen überspielt. Er machte genau das Gegenteil. Er zog sich zurück, wurde zunehmend stiller und vorsichtiger, aber er war trotzdem noch hier. Auch wenn ich bis vor kurzem gedacht hatte, das er mich hier alleine lassen würde. Ich drehte mich leicht auf die Seite, sodass ich ihn besser ansehen konnte. Meine Augen trafen wieder auf seine grünen Augen, die in dem Dämmerlicht fast schon unheimlich wirkten. "Du musst nicht so nervös sein. Ich tu dir nichts, versprochen", sprach ich leise zu ihm. Ich wollte ihn nicht verunsichern. Draußen rauschte irgendwo der Wind durch die Bäume, unten knackte das alte Holz der Scheune und ein paar Pferde waren zu hören.
      Ich beobachtete ihn ganz genau. "Oder habe ich dich so eingeschüchtert?" Ein kleines Grinsen zog sich über mein Gesicht, einfach um die Spannung zu nehmen, die sich hier aufgebaut hatte. Aber um ehrlich zu sein, war ich schon an einer Antwort von ihm interessiert. Denn je länger ich ihn ansah, umso mehr hatte ich das Gefühl, das er irgendwas versteckte. Irgendwas was er mit aller Kraft versucht zurückzuhalten. Und genau das macht es mir so schwer, den Blick von ihm abzuwenden.
    • Léo

      Vor meinen Augen begann sich eine Szene abzuspielen welche mir - wortwörtlich - unter die Haut ging. Meine Nerven waren zum zerreißen gespannt und wurden bei jeder kleinen, unerwarteten Bewegung oder einem unerwarteten Geräusch noch mehr strapaziert. Der Boden aus Holz knarrte leicht bei Juliens Schritten. Seine Hand war warm gewesen - warm und kräftig. Und je unsicherer ich wurde, destso sicherer schien er zu werden. Ich hätte mich am liebsten im Heu vergraben, damit er mich nicht mehr sehen konnte.

      Und dann, ja, dann tat Julien etwas, das ich im Leben nicht hervorgesehen hätte; er entledigte sich einem Großteil seiner Kleidung bis er quasi halbnackt vor mir stand. Entsetzt blickt ich zu ihm und konnte nicht vermeiden das mein Blick über seinen gesamten Körper wanderte, welcher nun neben mir lag und mich intensiv musterte. Ich merkte, wie ich immer mehr die Fassung verlor und bekam Panik. Mein Blick, welcher sich fest auf den halbnackten Jungen - oder war er schon ein Mann? - gerichtet hatte wandt sich nun ab. Es fühlte sich alles viel zu intim an und meine Gefühle fühlten sich wie mein größter Feind an - ich fühlte zu viel, ich zeigte zu viele Gefühle. Meine Bestätigung erhielt ich als Julien seinen Körper - komplett unbeabsichtigt streifte mein Blick seinen Schritt; in den schwarzen Boxershorts konnte man jedes Detail erkennen - mir zuwandte und in leisem, ja, fast schon sanftem Ton mit mir sprach. Er hatte es bemerkt. In meinem Kopf machte sich eine dunkle Wolke breit, ich merkte, wie mir meine schwer erarbeitete Kontrolle langsam aus den Händen glitt - wie Asche die zu Boden rieselte. Ich wollte nicht zurückgehen. Ich wollte nicht mehr so fühlen. Ich wollte mich nicht erinnern. Und ich wollte nicht, das er es sah.

      Meine Worte blieben mir im Hals stecken. Seit mein Blick über ihn gehuscht war als er sich mir zugewandt hatte, hatte ich ihn nicht mehr angesehen. Ich lag - im Gegensatz zu ihm - mit all meinen Kleidungsschichten auf dem Heuhaufen und fixierte den Dachstuhl über uns. Zwanghaft versuchte ich meinen Puls zu beruhigen und mir emotional nichts mehr anmerken zu lassen. Ich musste etwas sagen, sonst würde alles in die falsche Richtung laufen. Das durfte nicht passieren.
      "Alles gut..." Meine Stimme brach, noch bevor ich wirklich etwas sagen konnte. Ich sah Julien nicht an. Meine Stimme klang belegt und sehr weit weg - oder hörte es sich nur für mich so an, weil der Stress durch meinen ganzen Körper rauschte?

      Und dann schloss ich die Augen, als es zu viel wurde. Eine lange Zeit verging, in der ich sie nicht öffnete. Nach mehreren Minuten richtete ich mich langsam auf. Ruhig. Bedacht. Aber nicht mehr nervös. Ich schaute ihn an. Ich fühlte mich leer, unterkühlt, aber dadurch auch wieder sicher und irgendwie gut. Und gleichzeitig fühlte es sich komplett falsch an. Ich wusste gut, was ich gerade tat und ich wusste das es falsch war.

      "Du verunsicherst mich schon irgendwie."
      Es fühlte sich falsch an.
      "also, eigentlich. Vorhin."
      Mein Blick verlor sich in Juliens Augen, oder vielleicht war es auch kein spezifischer Punkt in Juliens Gesicht, den ich anstarrte. Er hatte so besondere, sturmgraue Augen. Wie ein stürmischer Sommertag.
      "Ich habe vorhin zwar gesagt, es ist schön, alleine zu sein.... Diese Ruhe, die Freiheit...", begann ich zögerlich. "Aber vielleicht gefällt mir das nur so sehr, weil ich vor meinen Problemen weglaufen kann, wenn ich alleine bin. Ich muss mich nicht konfrontieren. Aber.... wenn..."
      Erneut kamen Gefühle in mir hoch, die ich nicht fühlen wollte. Sie waren in ihrer Intensität nicht mehr so stark wie zuvor, dies lag jedoch nicht darin begründet, das sie weniger schlimm waren. Ich hatte gerade einfach weniger Zugriff auf meine Gefühle als zuvor. Das war die Schattenseite, wenn das passierte, was nicht passieren sollte.
      Ich merkte, wie es mich innerlich zeriss, so zu sein. Ich wollte wieder alles in der Intensität fühlen, in der es "richtig" war, doch wenn ich dann tatsächlich fühlte, dann hielt ich es nicht aus.
      "Wenn ich nicht alleine bin.... Dann ist genau das mein Problem. Dann muss ich mich mit mir selbst auseinandersetzen. Und das kann ich nicht."

      Ich ließ meinen Oberkörper wieder zurück auf das Heubett fallen, aus meinem pechschwarzem Haar hingen viele kleine, verirrte Halme und mein Pulli sah wie ein halber Heuballen aus. Mir war durch den Stress der vergangenen Minuten so warm geworden, dass nun ein leichter Schweißfilm meine Stirn bedeckte.
      Ein leichtes Lächeln umspielte meine Züge, als ich mich nun ebenfalls in die Richtung meines Gesprächpartners drehte. "Fair ist fair. Ich nehme Pflicht."
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    • Julien

      Ich blieb für einen Moment still. Ich hatte ihn die ganze Zeit angeschaut, auch wenn er meinem Blick immer wieder ausgewichen ist. Das gedämpfte Licht, das zwischen den Holzbalken hineinschien, ließen die feinen Schweißtropfen auf Léo´s Stirn glänzen. Die verirrten Heu Halme in seinem dunklen Haaren bemerkte ich ganz genau. Genau wie seine Unsicherheit und das Zögern in seiner Stimme.
      Langsam und vorsichtig atmete ich aus. "Tu bitte nicht so als wärst du ein Problem was man lösen muss." Ich ließ meinen Blick kurz zur Decke wandern, bevor ich wieder zu ihm sah. "Aber vielleicht warst du viel zu lange mit all dem alleine." Ich zog mein Bein leicht an, sodass das Heu unter mir raschelte. Sein Geständnis verletzte mich nicht, aber es machte mich ein wenig traurig und nachdenklich.
      Trotz allem ließ ich mir das nicht anmerken. "Darf ich ehrlich zu dir sein?" Ein kleines Lächeln umspielte meine Lippen. "Du brauchst keine Angst zu haben deine Gefühle zu zeigen, aber ich glaube du hast gelernt diese gut zu unterdrücken, wenn sie aus dir herausbrechen wollen." Ich war kein Psychologe oder sonst etwas, aber ich sah es ihm an. Wie er damit zu kämpfen hatte und von jetzt auf gleich wieder so distanziert wirkte. Mit meinen Augen musterte ich ihn einen Moment schweigend. In ihm steckte mehr, als er zugeben würde. Aber vielleicht gibt er mir eine Chance das herauszufinden. "Das Problem an der Sache ist, das ich denke, das du dich nur versteckst, weil dir jemand so nahe gekommen ist." Ich bemerkte erst jetzt wie ernst meine Stimme klang. Ich stützte meinen Kopf mit meiner Hand ab und sah ihn weiter an. Um die Spannung ein wenig zu brechen, sah ich ihn mit einem schiefen Lächeln an. "Und außerdem finde ich es ziemlich unfair von dir, das du mir erst so eine Existenzkrise hinwirfst und dann brav weiter ´Wahrheit oder Pflicht´ spielen willst." Ich hob eine Augenbraue und atmete wieder durch. "Nein, nein. So leicht kommst du mir nicht davon." Ich rückte ein kleines Stück näher zu ihm, sodass das Heu zwischen uns zu rascheln anfing. "Aber gut." Ein leichtes Funkeln trat in meine Augen. "Dann will ich das du die nächsten 10 Minuten aufhörst, so zu tun, als wäre dir alles hier egal." Mein Blick glitt kurz zu seinen Haaren und dann wieder zu ihm. "Und außerdem möchte ich die Wahrheit von dir hören." Meine Stimme wurde ein wenig leiser und die Ernsthaftigkeit verschwand wieder. "Wovor genau hast du gerade mehr Angst? Vor mir… oder davor, dass du dich bei mir vielleicht nicht verstecken kannst?"

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    • Léo

      Manchmal reichte ein winziger Stupser um eine Welt zum Beben zu bringen. Diesen Stupser hatte mir Julien gerade gegeben und mein Innerstes wurde erneut von diesen unerträglichen Gefühlen heimgesucht, verfolgten mich und ließen mich in ihnen ertrinken. Das Atmen fiel mir zunehmend schwerer. Ich wollte das nicht. Ich hielt das nicht aus. Panik, Reue, unerträglicher Schmerz, allesverzehrende Angst - alles vermischte sich. Ich merkte wie mein Kopf viel zu überfordert war um mit all diesen Gefühlen umzugehen und verzweifelt nach einem Ausweg suchte. Stechende Kopfschmerzen breiteten sich rasend schnell über meiner gesamten Schläfe aus. Ich wusste nicht mehr weiter. Was sollte ich tun? Mein Kopf wollte die Gefühle wegdrücken, wie er es schon so oft getan hatte - doch dafür war es zu spät. Dafür fühlte ich bereits zu viel. Am meisten war da eine allesverzehrende Angst. Panik. Ich konnte kaum noch atmen, so kam es mir vor. Meine Gedanken sprangen im Kreis. Ich konnte ihm das nicht zeigen. Ich durfte ihm das nicht zeigen. Nicht diese Seite. Nicht diese Seite, die innerlich so kaputt war. Ich konnte ihm einen Teil zeigen. Aber nicht diesen.
      Meine Gefühle verwandelten sich in ein einziges Gefühl: Wut.
      Schäumend vor Wut stand ich auf, in meinen intensiven, grünen Augen hatten sich Wasser gesammelt, welches nun ungehindert aus meinen Augen floss und sich in unzählig viele Tränen verwandelt hatte. Ich stand einfach nur da, die Hände zu Fäusten geballt, nicht in der Lage zu sprechen und fixierte Julien mit wutverzerrtem Gesicht.
      "Wie kannst du nur?!" Meine Stimme war schrecklich leise, die unterdrückte Wut - oder vielleicht war es auch Hass - schwang in jedem Wort mit. "Du willst die Wahrheit wissen? Du willst, das ich meine Gefühle zeige?!" Meine Stimme schwoll an, mein Kiefer presste sich unter der schrecklichen Anspannung zusammen - vor und zurück - so rieb ich meine Zähne übereinander um die Gefühle auszuhalten. Meine Hände waren weiterhin zu Fäusten geballt, ansonsten war mein Körper wie festgefroren und rührte sich nicht. "Du willst wissen wovor ich Angst habe? Vor mir, verdammt! Ich will nicht ich selbst sein. Ich will mich nicht wie ich selbst fühlen. Ich will nicht, das jemand mein echtes Ich sieht. Ich kann mich nicht akzeptieren und es ist schrecklich, wenn ich diese Seite in mir spüre. Ich spüre nur Hass für diese Seite."
      Auf eine seltsame Weise befreite das Reden. Meine Wut verrauchte und machte den echten Gefühlen Platz; Schmerz, Hoffnungslosigkeit. Diese Gefühle waren schlimmer. Die Wut hatte mich stark fühlen lassen, gab mir Kraft, doch diese "schwachen Gefühle" entzogen mir so viel Energie, die ich auch unter den besten Umständen nur in begrenzter Form besaß. Meine angespannten Schultern, welche sich verkrampft nach oben gezogen hatten, wanderten verloren nach unten, meine Hände waren nicht mehr länger zu Fäusten geballt. Ich fühlte mich verloren, mein Blick blieb an Julien hängen und zum ersten Mal ließ ich die Gefühle zu, versteckte mich nicht, ließ meine Gefühle in meinen Augen erkennen. Verletzlichkeit und Dunkelheit. Ich schaute nicht weg. Es fühlte sich unerträglich an. Meine Angst wollte mich übermannen.
      Ohne etwas zu sagen öffnete ich quälend langsam meinen schwarzen Zipper und ließ ihn zu Boden fallen. An meinem linken Arm wurden mehrere, wulstige Narben sichtbar. Ich streckte meinen Arm von mir, drehte ihn langsam hin und her. Dabei wurde auch meine schlimmste Narbe sichtbar, auf der Unterseite meines Arms, direkt neben meinem Ellenbogen - sie musste damals genäht werden und war bestimmt zwei Zentimeter breit und zehn Zentimeter lang. Dann versteckte ich meinen linken Arm hinter meinem Rücken, drehte mich weg von Julien.
      "Mein ganzer Körper ist voller Narben. Es ist ein Ventil.... für die Gefühle. Wenn ich es nicht aushalte. Oh Julien....", meine Stimme brach und war voller Gefühle, die ich nicht zeigen wollte. "Es tut so schrecklich weh."
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    • Julien

      Sein plötzlicher Gefühlsausbruch ließ mich schlucken und ich hatte das Gefühl das mir jemand die Luft zum Atmen raubte. Ich sah ihn an und konnte seine Wut deutlich spüren. Soweit wollte ich es nicht kommen lassen, nein. Ich wollte lediglich das er keine Angst haben vor mich haben muss. Doch was sich gerade hier oben auf dem Dachboden der Stallungen abspielte, war anders als erwartet. Ich konnte sehen wie Tränen über seine Wangen liefen und mein Blick wanderte auf seine geballten Fäuste. In meinem Inneren zog sich etwas zusammen und sein Schmerz traf mich mitten in mein Herz. Ich sah die Verzweiflung in seinem Blick und mir wurde bewusst, dass er das nicht tat um Aufmerksamkeit zu erlangen, sondern weil er gegen sich kämpfte, jeden einzelnen Tag. Ich bereute es zunehmend ihm diese Frage gestellt zu haben. Und ich war absolut nicht fähig mich gerade zu bewegen oder etwas zu sagen. Als der Zipper zu Boden fiel und seine Narben sichtbar wurden, krampfte mein Herz zusammen. Besonders diese eine Narbe hat es mir angetan. Sie wirkte wie etwas, was noch immer blutete, auch wenn die Haut längst verheilt war. Als Léo sich von mir wegdrehte, löste ich mich aus meiner Starre und richtete mich ebenfalls auf. Mein Körper setzte sich in Bewegung und ich blieb soweit hinter im stehen, sodass er noch genügend Raum zum Atmen hatte. "Hey..", sprach ich leise und vorsichtig zu ihm. "Schau mich bitte an.." Ich wartete einen Augenblick bis ich weiter sprach. Der Schmerz in seinen grünen Augen brachte mich beinahe um. Doch ich riss mich zusammen. "Du musst dich nicht dafür schämen oder es verstecken." Ich war selbst erstaunt darüber wie ruhig diese Worte aus meinem Mund kamen, obwohl ich innerlich ebenfalls vollkommen aufgewühlt war. "Du bist nicht widerlich. Nicht kaputt oder falsch." Ich hob kurz meinen Blick zu der Narbe und spürte erneuert einen dumpfen Stich in meinem Herzen. "Was du mir da gerade gezeigt hast.. macht mir keine Angst." Ein schwaches, trauriges Lächeln erschien auf meinen Lippen. "Es macht mir Angst, das du solange damit alleine warst." Ich stand jetzt nah genug bei ihm, gab ihn aber weiterhin genug Raum. Ich berührte ihn nicht, hielt ich nicht fest. Denn ohne seine Erlaubnis würde ich nichts weiter unternehmen. Auch wenn ich den Drang habe ihn zu stützen.. Aber ich gab ihn nur Nähe. Echte Nähe. Ohne jeglichen Druck. "Léo du glaubst diese Seite von dir wäre zu dunkel um sie jemanden zu zeigen, aber ich sehe kein Monster in dir. Ich sehe jemanden der so lange versucht hat zu überleben, dass er vergessen hat wie man Hilfe an nimmt." Kurz presste ich meine Lippen zusammen. Es war unerträglich für mich ihn so zu sehen und es traf mich mehr als ich erwartet hatte. All das hier war meine Schuld. "Und es tut mir leid, dass du dachtest du müsstest das alles verstecken. Aber hör zu.. du musst es nicht alleine tragen.." Mein Blick lag ruhig auf ihm. Es war seine Entscheidung ob er es zulassen würde, das ich ihn auffange. Und wenn nicht dann muss ich es ebenfalls akzeptieren, denn das Letzte was ich wollte ist, das er sich von mir bedrängt fühlte.
    • Léo

      Ich merkte wie Julien hinter mir stand. Gerade noch weit genug weg um mich nicht zu bedrängen aber nah genug damit ich seine Präsenz wahrnehmen konnte. Er sprach so vorsichtig zu mir als befürchtete er, ich könnte jeden Augenblick zerbrechen. Es war unheimlich wie stark seine Präsenz in meinem Rücken war; als würde er mich geistig bereits umarmen. Was war das? Warum war er noch da? Warum war er so sanftmütig zu mir?
      Ohne auf seine Aufforderung zu reagieren blieb ich einfach stumm stehen und lauschte jedem seiner Worte. Auf meinen Armen breitete sich Gänsehaut aus - nicht weil mir kalt war, sondern weil seine Worte mir unendlich nahe gingen. Ich wusste nicht, wie ich mit den plötzlich aufkommenden Gefühlen umgehen sollte. Natürlich war da noch Schmerz, Panik und andere, unspezifische Gefühle. Aber ich... fühlte mich zu ihm hingezogen. Verbunden. Wollte ihm nahe sein, mich von ihm halten lassen. Aber das ging nicht, wir waren beide Männer, sowas machte man nicht. Das könnte eine falsche Botschaft vermitteln.
      Als Julien still wurde, nachdem ich mich nicht umgedreht hatte, folgte ich meinem Instinkt und drehte mich nun doch zu ihm um. Ich keuchte erschrocken auf, als ich seine Augen sah. Sie waren ein Spiegelbild meiner eigenen. Schmerz spiegelte sich in ihnen. - Wegen mir? Er fing an zu sprechen; besonnen, ruhig, ohne Angst. Dann streifte sein Blick meine große Narbe. Instinktiv drehte ich meinen Oberkörper etwas weg, damit mein Arm nicht mehr in seinem Sichtfeld lag. Ich fühlte mich schrecklich, dass ich ihm all diese Dinge erzählt und aufgebürdet hatte. Ich merkte, wie viele Gefühle in ihm gerade herrschten und er mir Nähe vermitteln wollte, sich aber augenscheinlich nicht traute. Und dennoch war er noch näher zu mir getreten. Ich musste nur meinen Arm ausstrecken, dann könnte ich ihn berühren. Mein Kopf war wie leergefegt, meine Emotionen hatten mich so sehr erschöpft, ich wollte all das einfach nur vergessen. Gedankenverloren wanderte mein Blick von Julien's Gesicht zu seinem breiten Brustkorb, welcher durch sein weißes T-Shirt gut definiert zu sehen war. Er strahlte so warm wie die Sonne, er wirkte so stark und erwachsen. Abwesend musterte ich intensiv diesen Bereich und dachte gleichzeitig daran, dass ich jetzt gerne eine Zigarette rauchen würde. Aber hier? Wo alles voller Holz und Stroh war?
      Langsam löste sich mein Blick, schweifte noch kurz über Juliens Gesicht und dann weiter nach hinten, zu dem Fenster, durch welches wir uns unseren Weg gebahnt hatten. Dort blieb ich hängen. Dann schaute ich zu Julien. Verwirrung lag in meinem Blick. "Ehm.. Ich..." Mein rechter Arm hob sich langsam und ich rieb mir damit mein rechtes Auge. Von den vielen Tränen fühlten sich meine Augen an wie Schnörkelpapier. Danach blickte ich wieder zum Fenster. "Ich... Also...Ich brauche jetzt eine Zigarette.... Kannst du... mitkommen?", sagte ich abwesend und verwirrt. Mein Kopf hatte sich beruhigt und scheinbar auch auf Energiesparmodus geschalten. "Ich bräuchte gerade Nähe...", murmelte ich. Ein letztes Mal blickte ich in Juliens sturmgraue Augen, dann lief ich - ohne meinem Zipper am Boden Beachtung zu schenken - in meinem weißen T-Shirt Richtung Fenster, meine Hand kramte bereits in meiner Hosentasche und holte eine Zigarette und ein Feuerzeug hervor. "Ich würde dich so gerne berühren."
      They're all around me, circling like vultures.
      They wanna break me and wash away my colors.
      I cannot stop this, sickness taking over.
      It takes control and drags me into nowhere.
      I need your help, I can't fight this forever.
      I know you're watching, I can feel you out there.


    • Julien

      ich bewegte mich immer noch nicht, auch nicht als er mich fragte ob ich mit zum Fenster kommen würde. In meinem Kopf kreisten unzählige Gedanken und in meinem Inneren zog sich weiterhin alles zusammen. Meine Stimme schien ebenfalls für einen Moment weggegangen zu sein. Jedes einzelne Wort von ihm fühlte sich so an als würde es direkt unter meine Haut kriechen, aber das war wohl bei emphatischen Menschen immer so. Wir fühlten halt genau den Schmerz, den der andere gerade durchlebte. Doch als er diese Worte zu mir sprach, das er meine Nähe brauchte, drehte ich meinen Kopf zu ihm um und blickte ihn überrascht hinterher. Er lief bereits in Richtung des Fensters. Ich beobachtete genau wie er die Zigarette und das Feuerzeug aus seiner Tasche holte und seine Schultern leicht zitterten. Und mir wurde plötzlich klar, das ich ihn nicht alleine lassen kann. "Natürlich komme ich mit." Meine Stimme klang ein wenig brüchiger als zuvor, aber das war mir gerade egal. In meinen inneren tobte ein Tornado aus Angst und Schuldgefühlen. Dieses verzweifelte Bedürfnis, ihn einfach festzuhalten und nie wieder loszulassen war gerade am stärksten. Ich verstand es selbst nicht mehr warum mich seine Nähe so traf. Warum ich mir jeden Schritt, jede Bewegung und jeden Atemzug genau einprägte. Mein Körper drehte sich zu ihm um und meine Füße setzten sich vorsichtig in Bewegung. Mein Blick blieb kurz an seinem Rücken hängen, an den weißen Stoff seinen Shirts. Er wirkte müde und völlig verloren. Ich konnte immer noch sein Tränenüberströmtes Gesicht vor mir sehen.. Es tat weh ihn so zu sehen, auch wenn wir uns eigentlich kaum kannten. Ich realisierte nun endlich was er eben zu mir sagte. Er wollte mich berühren.. Doch was hielt im davon ab? Ich war ein Mann, das wäre Punkt eins, aber durften sich Männer nicht auch näher kommen ohne das man gleich eine ganzer Stadt zum einstürzen brachte? Und wenn ich ehrlich zur mir wäre.. würde mich das gar nicht stören wenn er es täte.. Ich trat hinter ihn, dieses Mal etwas näher als zuvor. So nah das er wusste das ich da war, das ich nicht wegging. Ich schluckte kurz und sah nach unten auf den Boden. "Dann tu es", sagte ich schließlich leise zu ihm. Mein Kopf hob sich wieder und ich sah ihn an. "Wenn es das ist was du gerade brauchst... ist es okay." Der Abendwind strich kühl durch das Fenster, doch zwischen uns fühlte sich die Luft viel zu warm und zu dicht an. Ich konnte den Rauch, seiner noch unangezündeten Zigarette bereits riechen und ich konnte hören, wie unruhig er atmete. Obwohl mein Kopf mir sagte, das das hier kompliziert war, dass wir vorsichtig sein sollten. Aber ein anderer Teil wollte ihn einfach endlich in die Arme ziehen. Scheißegal was danach passierte.

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    • Léo

      Mein Körper fing an zu zittern, vielleicht war es mein Kreislauf, der gerade schlapp machte - oder war es die kühle Nachtluft, die mir entgegenschlug? Oder war es... Julien... der so nah hinter mir am Fenster stand, das ich nur einen Schritt zurückgehen müsste, um seinen Körper an meinem zu spüren? Meine Hand zitterte unetwegt, als ich meine Zigarette hielt und versuchte sie mit meinem Feuerzeug anzuzünden. Meine Finger fühlten sich taub an. Die klare Nachtluft wehte mir entgegen und mein Blick schweifte über die amerikanische Freiheit vor meiner Nase. Es war so schön hier. Ich war froh, dass ich geduscht hatte, jetzt wo der Wind meinen Geruch von Zedern- und Sandelholz zu Julien tragen würde. Ich hatte ihn gerochen. Vorhin, im Stroh. Ich wusste nicht genau, was es war, aber es roch unglaublich gut. So warm. Es passte zu ihm.
      Erneut versuchte ich meine Zigarette anzuzünden, meine Hände waren noch immer unruhig und dennoch gelang es mir. Sofort nahm ich einen tiefen Zug und merkte, wie mich das rauchige Gift beruhigte. Ich liebte es, den Rauch dabei zu beobachten, wie er sich in der kühlen Nachtluft verflüchtigte. Wie eine stille Botschaft in den Himmel. Mein Körper durchfuhr ein Schauer und erneut machte sich Gänsehaut auf meinen nackten Armen breit. Ich war so müde und völlig von der Rolle. Ich wusste nicht, was ich gerade wollte. Ich war nur froh, das er gerade da war. So nah bei mir. Ich spürte seine Körperwärme hinter mir, seinen Atem an meinem Nacken. Für einen Augenblick schloss ich die Augen, umhüllt von dem betörendem Duft meines Klassenkameraden, welcher sich vermischte mit meinem Zigarettenrauch und der kühlen Nachtluft. Seit alles so eskaliert war hatte sich Juliens Stimme so weit weg angehört, ich nahm seine Worte kaum wahr, ich fühlte nur noch, das er da war. Mir fehlte die Energie um mich jetzt umzudrehen. Um mich zu überwinden, ihn zu berühren. Ich gähnte. Meine Augen fühlten sich schwer an und waren schrecklich trocken, also schloss ich sie erneut.
      "Ich müsste nur einen Schritt zurückgehen, nicht wahr?", murmelte ich erschöpft, ohne mich umzudrehen. "Kannst du heute einen Schritt auf mich zugehen? ... Bitte.." Ich zitterte bei diesen letzten Worten. Ich hatte keine Energie für nervenaufreibende Gefühle und trotzdem hatte ich bammel, fühlte mich unsicher, hatte Angst vor dem, was noch passieren könnte. Wann war nur alles so schrecklich schief gelaufen?
      They're all around me, circling like vultures.
      They wanna break me and wash away my colors.
      I cannot stop this, sickness taking over.
      It takes control and drags me into nowhere.
      I need your help, I can't fight this forever.
      I know you're watching, I can feel you out there.


    • Julien

      Ich blieb einen Moment hinter im stehen. So nah, dass ich jede einzelne Regung seines Körpers spüren konnte. Ich hielt kurz den Atem an, als ich die leise Bitte von ihm hörte. Der Rauch seiner Zigarette zog langsam zwischen uns hindurch, vermischte sich mit der kühlen Luft und einen Hauch von dem Duft nach Sandelholz. Ich wusste selbst nicht einmal wann das alles außer Kontrolle geriet. Viellicht war meine Frage im Heu daran schuld.. vielleicht passierte es auch schon viel früher..
      Langsam hob ich meine Hand, zögerte nur für den Bruchteil einer Sekunde, bevor meine Finger vorsichtig seinen Oberarm berührten. Seine Gänsehaut war deutlich zu spüren und ich wusste, das ich es mit meiner Berührung sicherlich nicht besser machte. "Hey", hauchte ich ihm entgegen. "Du musst heute gar keinen Schritt machen." Behutsam trat ich noch näher an ihn heran, sodass sich unsere Körper beinahe berührten. Die Wärme war zwischen uns deutlich spürbar. Ich neigte den Kopf leicht zu seinem Nacken und schloss für einen Augenblick meine Augen, weil mich dieser Duft von ihn völlig aus der Bahn warf. "Ich gehe auf dich zu. Okay? Dieses Mal mache ich den ersten Schritt." Meine Stimme klag nervöser, als sie sollte, aber all das was hier gerade passierte war mehr als verrückt. Meine Finger glitten langsam an seinem Arm herunter, bis ich schließlich seine zitternde Hand umfasste, die gerade die Zigarette hielt. Ich hielt sie einfach nur ruhig fest und gab ihn somit ein wenig Halt. Vielleicht konnte ich ihm auch ein wenig beruhigen. Ich schluckte schwer, denn ich war ihn so verdammt nah. Meine Brust strich seinen Rücken und mein Herz schlug viel zu schnell. Er wird es sicherlich mitbekommen und das machte mich noch unsicherer, als so schon. Die letzten Minuten hingen noch immer zwischen uns, wie dichter Rauch. Trotzdem fühlte sich nichts davon wichtiger an, als die Tatsache das ich hier bei ihm war, denn ich konnte ihn einfach nicht alleine lassen. Er brauchte mich.. er brauchte einen Anker, der ihn festhielt. Ich atmete langsam ein und lehnte meine Stirn vorsichtig an seine Schulter. "Ich bin bei dir und lasse dich nicht los, versprochen", murmelte ich gegen sein Shirt. Mein Griff um seine Hand wurde etwas fester. "Du musst dich nicht umdrehen, bleib einfach noch kurz so hier stehen. Bis du dich bereit dafür fühlst mir in die Augen zu sehen." Bleib bei mir... Aber das wollte ich nicht laut aussprechen, weil es sonst noch mehr verändern würde.
    • Léo

      Eine winzige Berührung und schon begann meine Welt erneut ins Wanken zu geraten. Abermals suchte mich ein Schwall aus Gefühlen und Gedanken heim, diesmal jedoch vermochte ich es nicht, diese auszusperren. Juliens Berührung, seine Stimme und seine Wärme brachten mich um den Verstand. Hitze schoss in mein Gesicht als seine Finger sanft über meinen Arm strichen und am Ende ihres Weges meine Hand fand und diese fest umschloss. Mir wurde unfassbar warm, ich merkte wie mein Gesicht sich immer weiter verfärbte bis ich selbst meine eigene Hitze spüren konnte.
      Mein gesamter Körper verkrampfte sich als ich bemerkte wie nah Julien mittlerweile wirklich war, als sein Brustkorb meinen Rücken berührte und ich sein - wie verrückt schlagendes - Herz spüren konnte. Seine Stimme war rauer als zuvor, vielleicht auch etwas tiefer, und jagte mir einen Schauer nach dem anderen durch meinen zerschundenen Körper. Ich keuchte leicht, als er seine Stirn auf meiner Schulter niederlegte und seine Hand meine eigene noch fester umgriff. Ich merkte eine ungeheure Panik in mir aufsteigen und wusste einfach nicht, was ich tun sollte. Reden. Reden half mir manchmal. Oder Bewegung. Wenn ich laufen konnte, dann beruhigte mich das. Bewegen konnte ich mich gerade nicht also fing ich an zu reden.
      "Weißt du, warum ich das nicht kann?", keuchte ich atemlos. "Immer wenn mir etwas oder jemand wichtig werden könnte, dann mache ich mich davon abhängig. Dann bin ich nicht mehr frei. Dann haben... Fremdeinflüsse die Kontrolle über mein Leben. So lange ich kontrolliere was mir wie viel bedeutet, so lange bestimme ich über mein Leben. Aber wenn man jemanden mag... dann ist das Abhängigkeit. Und wenn diese Person dann weg ist... dann wird es nicht mehr so wie vorher. Man wird nie wieder so sein, wie man einmal war. Und..." Meine rechte Hand zitterte wieder stärker, trotz Juliens Griff, welcher mir Halt geben sollte. "Niemand darf über mein Leben bestimmen. Niemand ist qualifiziert, mich zu belehren, noch berechtigt, mich zu verurteilen. Niemand hat mein Leben gelebt, meine Erfahrungen gemacht."
      Ich verkrampfte noch weiter. Das alles ging doch offensichtlich in die falsche Richtung, warum war Julien... so... so... so... anders... jetzt gerade?
      Als meine Zigarette schon lange erloschen war ließ ich sie nach unten in die Dunkelheit außerhalb der Stallungen fallen. Dann entzog ich meine Hand aus seiner Hand. Ich merkte seine Verunsicherung. Langsam drehte ich mich zu ihm um und blickte in seine sturmgrauen Augen. Ohne das ich es gewollt hätte, hatte sich mein Innerstes erneut vor ihm verschlossen. Reue lag in meinem Blick.
      "Lass uns zurück zum Heu gehen... Ich glaube... wir... sollten lieber schlafen... wer weiß wann uns morgen jemand findet...", murmelte ich mit trockener Stimme und blickte zu Boden. Dann wandte ich mich ab und lief mit hängenden Schultern zurück zu unserem Schlaflager.
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    • Julien

      Es tat mir schon ein klein wenig weh, diese Worte aus seinem Mund zu hören, aber ich entschied mich dafür, ihn nicht weiter zu quälen. Ihm machte meine Nähe einfach zu verwundbar.
      Er zog seine Hand aus meiner und ich löste meine Stirn von ihm und trat einen Schritt zurück. Als er sich zu mir umdrehte blickte ich in seine grünen Augen. Ich öffnete meinen Mund ein wenig, doch ich bekam vorerst kein einziges Wort heraus. Alles was ich jetzt zu ihm sagen könnte, würde nichts an der Situation ändern. Seine Augen waren voller Reue.. aber ich bereute keine Sekunde bei ihm geblieben zu sein. Ich nickte nur bei seiner Aussage, das es besser wäre wir würden schlafen gehen. Doch an einen erholsamen Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. "Geh du schon vor ich komme gleich nach." Ich schenkte ihn ein sanftes Lächeln.
      Mein Herz zog sich zusammen, als ich ihn hinterher sah und er sich auf das Heu legte. Ein kleiner Seufzer drang aus meinem Mund. Er schien selbst gerade völlig durch den Wind zu sein. Ich hockte mich auf den Boden am Fenster und ließ meine Beine nach unten sinken, sodass sie frei herum baumeln konnten. Ich konnte jetzt nicht schlafen, so sehr kreisten meine Gedanken um das was geschehen war. Mein Herz beruhigte sich kein bisschen und ich versuchte meinen Blick nach vorne zu richten. Auch wenn der Drang groß war, nach ihm zu schauen.
      Seine ganzer Schmerz und seine Verletzlichkeit, haben Spuren bei mir hinterlassen und ich sehe ihn jetzt mit ganz anderen Augen. Ich hoffte nur das er sich mir irgendwann ganz öffnen würde. Denn schließlich braucht er bei mir keine Angst zu haben das ich ihn irgendwie verletzen oder ausnutzen würde. Aber das lag alleine an ihm. Auch wenn das hier alles komplett außer Kontrolle geraten war, so schwor ich mir das ich ab jetzt immer für ihn da war, wenn er eine Schulter zum anlehnen brauchte.
      Wenige Minuten verstrichen und ich erhob mich allmählich vom Boden. Mit gesenkten Kopf schlich ich über den Boden, da ich nicht wusste ob Léo schon schlief. Ich ließ mich vorsichtig auf das Heu fallen und sah, das er sein Gesicht in Richtung Wand gedreht hatte. "Gute Nacht und es tut mir leid", flüsterte ich ihm entgegen. Ich zögerte einen Moment lang, weil ich nicht wusste ob das was ich vor hatte, eine gute Idee war. Doch dann schlang ich meinen Arm um ihn und drückte mich vorsichtig an ihn. Meine Augen ruhten auf seinen Hinterkopf. Er sollte wissen das ich noch immer hier war und ihn nicht, mit all dem Chaos in seinem Kopf, alleine ließ. Keine Ahnung wie lange ich noch wach war, aber meine Augen fielen irgendwann von selbst zu. Mein Schlaf war unruhig und immer wieder sah ich sein Gesichtsausdruck, das Zittern seines Körpers, die Gänsehaut die sich auf ihn verteilte und den Schmerz in seinen Augen, vor mir.. Es war einfach zu viel für den ersten Abend gewesen. Zu viele Emotionen prasselten auf mich ein. Ich konnte spüren das es Draußen heller wurde, aber ich zögerte noch einen Moment, um meine Augen zu öffnen. Ich hatte ein wenig Angst ihn anzusehen, nach diesen Abend..

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    • Léo

      Meine Augen hielt ich geschlossen, reagierte auf keine Äußerung mehr und wollte mir einfach keine weiteren Gedanken machen. Ich war ein unruhiger Schläfer, auch unter den besten Umständen brauchte ich mehrere Stunden um zur Ruhe zu finden. Ich vernahm jeden Schritt von Julien auf dem knarrendem Holzboden, vernahm seine Entschuldigung und dann spürte ich, wie er plötzlich seinen Arm um mich legte, merkte seinen Körper zu deutlich hinter mir liegen, wie er sich an mich zog und wir eng umschlungen dalagen. Ich regte mich nicht, öffnete meine Augen nicht, zeigte nicht, das ich noch wach war und jede Kleinigkeit mitbekam. Seine Körperwärme floss auf mich über. Mein Herz schlug wie verrückt und verkrampfte sich. Es war nicht mehr so unaushaltbar wie zuvor - wenn ich meine Emotionen nicht zeigen musste, dann war die Welt in Ordnung. Innerlich zeriss es mich, dass er mir jetzt gerade diese Nähe gab. Ich konnte diese Gefühle nicht akzeptieren. Bei niemanden. Ich hatte viele Jahre Zeit, um zu reflektieren, was mein Problem war, doch eine Lösung hatte ich bis heute nicht gefunden. Manche Dinge hatten sich verbessert, manche hatte ich als Banalitäten abgestempelt und keinen weiteren Gedanken daran verschwendet - doch mein Hauptproblem war mein treuer Begleiter geblieben. Ich würde ihm diese Gefühle nicht noch einmal zeigen. Nicht, weil ich ihm nicht traute, auch nicht weil ich Angst vor ihm hatte - nein, wenn ich sie zeigte, dann stürzte es mich innerlich jedes Mal in die Dunkelheit, aus der ich nicht entkam. Wenn ich sie zeigte, dann wurde ich mit mir selbst konfrontiert.
      Der Schmerz durchzog meinen ganzen Körper, doch ich zeigte keine Regung, verkrampfte mich nicht. Ich fühlte nur, wie mein Herz von diesen dunklen Schlingen meiner Dämonen durchzogen wurde. Mein Herz tat weh. Es war, als könnte ich nicht mehr atmen. Und das ich es nicht zeigen durfte, weil es alles nur schlimmer machte, ließ meinen Kopf kaputtgehen. Es war kein Wunder, dass mein Kopf einen Weg gefunden hatte, wie er mit all dem umgehen konnte, wenn ich es nie zeigen konnte oder durfte. Ein Ventil.

      Mein Schlaf war unruhig, es war nur eine Art von "vor-sich-hin-dösen", mein Verstand war die ganze Zeit wach, lag auf der Lauer ob mir etwas schreckliches passieren würde. Ich wachte in dieser Nacht oft auf. Ich merkte, wie Julien sich zeitweise im Schlaf von mir weggedreht hatte und ich mich daraufhin immer wieder leicht zu ihm bewegt hatte. Zeitweise hatte ich meinen Kopf auf seinen warmen Brustkorb gebettet, lauschte seinem Herzschlag - irgendwie beruhigte mich das in dieser schier endlosen Nacht. Auch wenn mich seine Nähe in Stress versetzte, so genoss ich es doch, wenn ich merkte, das er nicht wach war, es nicht bewusst wahrnehmen konnte. Ich wollte meine Verletzlichkeit und Gefühle nicht zeigen. Ich konnte es nicht. Aber Nachts, wenn die Welt still geworden war und niemand mehr wach war, ja, dann konnte ich ganz offen sein - zu mir selbst. Und auch wenn das hier - zwei kuschelnde Männer - ganz und gar nicht normal war und ich tief in mir wusste, dass da von beiden Seiten mehr war als Freundschaft - jetzt gerade fühlte es sich so gut und vertraut an. Diese Nähe zu ihm, die sich anfühlte, als hätten wir das schon unzählige Male getan. Das Gefühl von Sicherheit und Wärme. Und ja, er zog mich körperlich an. Mehr, als ich zugeben wollte.
      Mit meiner Handfläche strich ich unglaublich vorsichtig über seinen Brustkorb, als ich mir sicher war, das er tief und fest schlief. Langsam hob- und senkte sich sein Körper im Schlaf. Manchmal zuckte er unruhig oder fing an, undeutlich etwas im Schlaf zu murmeln. Meine Hand fuhr weiter zu seinem Bauch und ich merkte, selbst durch das T-Shirt, wie gut trainert dieser war.
      Ich ließ meine Hand dort liegen und legte meinen Kopf wieder auf seinem Brustkorb ab. So blieb ich liegen bis mich irgendwann wieder ein leichter Schlaf heimsuchte.

      Irgendwann merkte ich, wie Juliens Atem sich veränderte. Wie leichte Bewegung in seinen Körper kam. Ich fühlte mich wie erschlagen. In dieser Nacht hatte ich keine Sekunde richtig schlafen können, war ständig aufgewacht und ansonsten im Halbschlaf versunken. Trotz allem öffnete ich meine Augen und hielt mir sofort meine Hand an die Schläfe und vor meine Augen. Stechende Kopfschmerzen hatten mich heimgesucht. Ich wusste, dass ich meinen Kopf noch auf Juliens Brust gebettet hatte und erhob mich unter Stöhnen, richtete mich auf und hielt mir weiterhin die Hand vor meinen Kopf. Für wenige Minuten blieb ich so sitzen und sagte gar nichts, hatte Julien nicht einmal angesehen. Als ich keine Besserung merkte, ließ ich meine Hand sinken und öffnete erneut meine Augen, das strahlende Sonnenlicht ließ mich blinzeln und tat meinen Kopfschmerzen nichts gutes. Als sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, wandte ich meinen Blick ganz langsam zu Julien und musterte ihn verschlossen. "Hör zu...", seufzte ich, ohne meine Augen von ihm abzuwenden. Ich musste mit ihm reden, mir ließ diese ganze Situation seit letzter Nacht keine Ruhe und ich wusste, das es mich auch noch tagelang verfolgen würde, wenn ich es nicht aussprach. "Ich will ehrlich sein. Weil ich das sonst nicht aushalte. Ansonsten werde ich dich nie wieder ansehen oder mit dir reden können. Dieses ganze.... -" Ich fuchtelte mit meiner Hand herum, versuchte etwas zu beschreiben, für das mir keine Worte einfielen. "-Gefühlszeug. Mitleid. Emotionen. Verliebtheit - oder wie auch immer du es nennen willst. Dieses... 'lass uns über Gott und die Welt reden und zeig mir deine Seele'-Zeug, das kann ich nicht. Aus welchen Gründen musst du nicht wissen. Aber wenn das hier, dieses... Ding, was da ganz offensichtlich zwischen uns ist, funktionieren soll, sei es auch nur freundschaftlich, dann stell bitte einfach keine Fragen. Versuch nicht, meine Gefühle zu wecken. Das geht nach hinten los und wird ins Gegenteil schwingen. Versuche bitte auch nicht, den Psychologen zu spielen oder mich zu reparieren. Ich will keine Hilfe, von dir schon gar nicht.", sagte ich unwirsch. Ich hatte ihn in dieser ganzen Zeit nicht aus den Augen gelassen. Ich wusste, das meine Worte ihn verletzten würden; und das war das schlimmste daran. Es fühlte sich an, als dürfte ich nicht ich sein, nicht meine Meinung sagen, weil sie die Menschen um mich herum immer verletzte. Dabei war ich eben so. Dennoch begann ich nun leicht zu lächeln, ehrlich, offen. "Ich kann auch ein sehr angenehmer Zeitgenosse sein, weißt du?" Intensiv musterte ich ihn. "Ich bin ich. Und ich möchte nicht mehr an all das... von gestern... zurückdenken. Das war nicht ich. Das war eine Seite, die in mir begraben sein sollte. Und ich werde nicht mehr zulassen, das sie die Kontrolle von mir übernimmt. Daher bitte ich dich einfach.... erwarte nichts von mir. Keine großen Gefühlsausbrüche, keine Redeschwälle, keine großen Gesten. Ich bin verschlossen. Das heißt nicht, das ich nichts fühle, aber ich zeige meine Gefühle nicht. Das habe ich noch nie."
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    • Neu

      Julien

      Ich konnte etwas freier atmen, als ich merkte wie der Druck auf meiner Brust, allmählich besser wurde. Mir war nicht entgangen das Léo die Nacht meine Nähe gesucht hat. Auch wenn ich in einem tiefen Schlaf versunken war, so konnte ich seine Anwesenheit deutlich spüren. Der Geruch von Zedern- und Sandelholz haftete an mir und ich prägte ihn mir ein. Ich öffnete vorsichtig meine Augen und musste mich erst an die Helligkeit gewöhnen. Meine Hand fuhr über mein Gesicht und ich richtete mich ein Stück weit auf, als er mit Reden begann. Sofort blickten meine Augen in seine. Seine Worte verletzten mich, aber ich ließ es mir keine Sekunde anmerken. Ich ließ ihn ausreden, unterbrach ihn nicht. Wir waren mit diesen Wahrheit oder Pflicht Spiel ein wenig zu weit gegangen und ja vielleicht habe ich ihn mit meinen Fragen, doch ein wenig zu sehr aus der Reserve locken wollen.. Wenn ich es rückgängig machen könnte, dann wäre der Abend anders verlaufen. Aber wollte ich das? Ich wusste vorerst keine Antwort darauf. Trotzdem bereute ich es nicht bei ihm geblieben zu sein. Er fühlte es also auch ein Stück weit, das da etwas zwischen uns ist, was noch nicht wirklich greifbar war. Die Zeit wird es zeigen ob mehr hinter diesen flüchtigen Gefühlen steckte, oder ob alles nur aus dem Affekt heraus passierte.
      Mein Körper richtete sich jetzt doch allmählich komplett auf. Einzelne Halme fielen von mir ab und ich atmete tief durch.
      "In Ordnung. Ich verspreche dir das ich dir keine Fragen stellen werde, keine Gefühle wecke, wenn du das nicht möchtest und das ich kein Psychologe spiele um dich zu reparieren." Mein Blick lag immer noch sanft und ruhig auf dir. "Auch wenn ich immer noch der Meinung bin das du nicht kaputt bist." Ich senkte kurz meinen Blick, schloss meine Augen um mich ein wenig zu sammeln. "Hör zu für mich warst du die ganze Zeit ein angenehmer Zeitgenosse. Ich hatte keine einzige Sekunde daran gezweifelt und oder mich unwohl in deiner Gegenwart gefühlt." Es war die Wahrheit, auch wenn ich wusste das er das nicht von mir hören wollte. Ich öffnete meine Augen wieder und blickte in seine grünen Augen. Ich suchte nach irgendeiner Regung, nach einem kleinen Funken. "Ich akzeptiere es dennoch, das du all das vergessen möchtest." Auch wenn ich es nicht vergessen werde
      Ich erhob mich von dem Heuhaufen und rutschte an ihm vorbei. Als ich mich aufrichtete streckte ich meinen Körper und schüttelte mich kurz, damit das restliche Heu von meinem Körper abfiel. Mit meinen Fingern fuhr ich mir durch meine blonden Haare und zupfte die Halme heraus. Ich hob meine Klamotten vom Boden auf und zog sie mir wieder nach und nach an. Als ich meinen Hoodie überstreifte fiel mein Blick wieder auf Léo. "Versprich mir bitte eins. Stoß mich bitte nicht weg und erinnere mich daran falls ich wieder zu weit gehen sollte." Ich schenkte ihn ein aufrichtiges Lächeln. Einen kleinen Funken Hoffnung trug ich in mir, das er sich mir eines Tages öffnen würde. Und an diesem hielt ich einfach weiterhin fest. Wir verbachten schließlich noch eine ganze Weile hier in Amerika. Und niemand von uns weiß was da noch alles passieren konnte.
      "Wollen wir dann langsam zurück? Bevor die anderen noch wach werden und uns suchen kommen." Ich hatte absolut keine Lust darauf das irgendwer Fragen stellte oder Gerüchte entstehen könnten. Das wollte er sicherlich auch nicht.
      Ich wartete darauf das er sich auch für den Aufbruch fertig machte und ging zum Fenster. Es war Gott sei dank nur ein kleiner Sprung nach unten, den ich mit Leichtigkeit schaffte. Mein Blick ging nach oben und ich hoffte das sich Léo nun auch ohne meine Hilfe traute, hier herunter zu springen. Auch wenn ich ihn mit meinen Armen gerne auffangen würde.. Ich schüttelte den Gedanken schnell wieder aus meinem Kopf. Ich sollte vorerst aufhören so zu denken.. aber war das wirklich so einfach meine Gefühle vor ihm zu verstecken?

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