Zairen Akademie [Nio x Yumia]

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    • Sirelle wartete auf die Ankunft einer Aufsichtsperson. Ihr Ziel war nicht, die Situation zwischen Nadiem und dem Mädchen zu klären, ihre Beziehung interessierte sie nicht im Geringsten. Sie sollten ihre Angelegenheiten privat austragen und vor allem keine Unbeteiligten hineinziehen. Doch Sirelle besaß Prinzipien und einen mehr oder weniger ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Abseits ihrer Arbeit konnte sie nicht einfach zusehen, wenn jemand unschuldig und einseitig benachteiligt wurde. Manchmal griff sie dabei unüberlegt ein, so wie jetzt. Auch wenn sie wusste, dass sie Nadiem nicht auf ihre Seite ziehen konnte, wollte sie zumindest Zeit schinden. Zu ihrer leisen Genugtuung schien auch das Mädchen hinter Nadiem endlich den Mut zu fassen, etwas zu tun. Hättest du auch früher machen können, dachte Sirelle trocken.
      Sie hatte mit Nadiems Unbedachtheit gerechnet. Dass er nicht unbedingt über die Konsequenzen seines Handelns nachdachte, war ihr vorher klar gewesen, sonst hätte er diesen Aufstand gar nicht erst begonnen. Sie hoffte, er würde nicht so weit gehen, ihr den Kopf einzuschlagen. Ganz sicher war sie sich jedoch nicht. Sie konnte den Mann neben ihr nicht gleichzeitig beschützen und sich selbst verteidigen. Ihr Dolch würde ohnehin keinen seiner Schläge aufhalten können. Ihre Muskeln spannten sich an, ihr Überlebensinstinkt drängte sie, sofort außer Reichweite zu springen.
      Doch bevor sie reagieren konnte, stellte sich Zevran vor sie und wehrte den Angriff ab. Zwar hatte der Schlag sie nicht getroffen, doch ihr Körper blieb angespannt. Sie erwartete beinahe, dass Nadiem explodierte. Der jedoch rang sichtbar mit seiner Wut und bevor die Situation eskalierte, hallten Schritte durch den Flur. Eine Aufsichtsperson betrat mit ihrer Assistentin den Raum.
      Die Frau musterte die Szene und verschränkte die Arme. „Herr Rantioris, Sie haben sich sicherlich bereits mit den Regeln der Akademie vertraut gemacht.“ Ihre Stimme war kühl, ihr Blick unnachgiebig. „Bitte folgen Sie mir. Wir werden ein Gespräch mit dem Direktor führen müssen.“
      Nadiem konnte ihren Worten nicht widersprechen, nicht einmal sein Titel würde ihn jetzt schützen. Mit einem finsteren Blick folgte er der Frau. Die Assistentin blieb zurück und wandte sich an die drei Verbliebenen. „Wir danken euch für eure Bemühungen. Wir kümmern uns um den Rest.“
      Sirelle atmete erleichtert aus und richtete sich auf. Sie war unverletzt, also verzichtete sie auf Hilfe. Langsam ließ die Anspannung in ihrem Körper nach. Ohne Zevran direkt anzusehen, trat sie neben ihn. „Unter anderen Umständen hätte es zwischen euch ja fast romantisch werden können“, meinte sie mit einem schiefen Lächeln und warf einen Blick auf das Mädchen, das nun verloren in der Raummitte stand.
      „Gute Arbeit“, fügte sie hinzu, zeigte ihm einen Daumen hoch und zwinkerte, bevor sie den Raum verließ.
      „Da bin ich ja fast froh, dich als meinen Veyra zu haben“, murmelte sie schmunzelnd. Sicherlich gab es angenehmere Veyras als Zevran, aber er war allemal besser als Nadiem. Mit den Händen in die Hüften gestemmt stand sie wieder im Gang und atmete einmal tief durch.
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    • Zevran hob kaum merklich eine Braue bei Sirelles Kommentar. Romantisch? Falls das ein Witz sein sollte, dann einer, der an ihm vorbeiging. Er hatte sie beide beschützt – sie und den Verletzten – aber ein Danke hatte er nicht erwartet. Es war nicht ihre Art, und er brauchte es auch nicht. Dennoch fiel ihm auf, dass sie für jemanden, den er erst seit heute kannte, erstaunlich viel redete. Für ihn war diese Art von Kommunikation ungewohnt – er war es gewohnt, fast ausschließlich für sich zu sein. Gespräche, die über das Nötigste hinausgingen, gehörten nicht zu seinem Alltag.

      Der verletzte Veyra, immer noch auf den Beinen schwankend, trat näher und bedankte sich. Zevran nickte nur knapp, ehe er an ihm vorbeiging und Sirelle einholte.

      „Mutig“, sagte er tonlos, als er neben ihr ging, ohne sie anzusehen. „Aber Nadiem gehört zu der Sorte, die man nicht mit Worten bezwingen kann.“ Seine Stimme klang nicht wie eine Warnung, sondern wie eine nüchterne Feststellung – beiläufig, fast so, als ginge es um das Wetter.

      Er ließ den Blick kurz zu ihr gleiten, nur lange genug, um zu prüfen, ob sie verstanden hatte. „Beim nächsten Mal wird das anders ausgehen.“ Kein Tadel, kein erhobener Ton. Eher ein sachlicher Hinweis, den er ihr zuwarf, bevor sein Blick wieder geradeaus wanderte.

      Das war genug Aufregung für einen Tag. Doch der Gedanke ließ ihn nicht los, warum sie überhaupt so gehandelt hatte. Es wirkte, als würde sie ihre eigenen Prinzipien über Vorsicht stellen – und das konnte schnell gefährlich werden.
      Sein Blick blieb kurz an ihrem langen Haar hängen, ehe er sein Schwert wieder in die Halterung führte. "Heute Abend - Die Feier der Anfänge. Schau dass du Nadiem aus dem Weg gehst. Er gibt sicher keine Ruhe."
    • Sirelle warf Zevran einen Seitenblick zu, als er Nadiems Verhalten kommentierte. Sie zuckte mit den Schultern und hob leicht die Hände. „Das weiß ich. Ich wollte nur Zeit schinden, egal wie.“ Sie war keine Heilige, die jedem in jeder Situation helfen wollte oder konnte. Und sie war realistisch genug, um nicht zu glauben, sie könne jemanden wie Nadiem aus seiner eigenen Arroganz retten und zu einem besseren Menschen machen. Das konnte gern seine Freundin versuchen.
      Als Zevran den heutigen Abend erwähnte, drehte sie den Kopf zu ihm. Sie hatte es beinahe vergessen, eine willkommene Abwechslung nach dem Kompatibilitätstest und diesem Vorfall. Zum Glück konnte sie tanzen, ihre Mutter hatte es ihr beigebracht. Sie hatte es geliebt, Zeit mit ihr zu verbringen und ihr dabei noch Etikette beizubringen.
      „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich fast denken, dass du nach mir Ausschau hältst“, neckte sie ihn mit einem amüsierten Lächeln. „Aber ich glaube eher, dass er dich ins Visier genommen hat. Wie kannst du es wagen, dich einzumischen?“ Sie verzerrte die Stimme, um Nadiem spöttisch zu imitieren, und seufzte dann laut. „Na ja, der Rest ist jetzt deren Problem.“
      Mit einem lockeren Schulterzucken fügte sie hinzu: „Gleich ist Mittagspause. Wollen wir zusammen essen gehen?“ Ihre Frage war ehrlich gemeint. Sie bemühte sich sichtlich, sich mit ihm zu verstehen, ja, vielleicht sogar anzufreunden, wenn es möglich war. Selbst wenn er sie nicht vollkommen akzeptierte, war sie bereit, sich die Mühe zu machen. Schließlich würden sie wohl noch oft zusammenarbeiten, und je besser man sich verstand, desto reibungsloser lief die Zusammenarbeit.
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    • Zevran hob leicht eine Augenbraue, als er ihre Worte hörte. Also war das Zeit schinden gewesen. Kein dummer Gedanke – im Gegenteil, es hatte den Verletzten vermutlich vor Schlimmerem bewahrt. Trotzdem war es auch verdammt gefährlich gewesen. Nadiem war kein Gegner, den man mit ein paar Worten zähmte. Der reagierte nur auf Stärke – und selbst die half nicht immer.

      Anscheinend musste er ihr in Zukunft ein paar Mal öfter über die Schulter schauen. Nicht, weil er Lust darauf hatte – im Gegenteil, es war das Letzte, womit er sich beschäftigen wollte –, aber weil er sie für die Turniere brauchte. Und wenn es darauf hinauslief, sie notfalls allein durchzuziehen, würde er es tun.

      Auf ihre Einladung hin warf er ihr nur einen flüchtigen Blick zu.
      „Ich hab noch was vor“, murmelte er kalt und so leise, dass es fast im Stimmengewirr unterging.

      Er machte keinen Versuch, zu erklären, dass er die Mittagspause ohnehin nie mit den anderen Adligen verbrachte. Er hatte weder Lust auf deren Getue im überteuertes Essen im Restaurant im zweiten Obergeschoss oder in der kleinen Kantine, die allgemein den niederen Rängen vorbehalten war. Stattdessen zog er es vor, den Weg zum Gasthaus am Rande der Akademie zu nehmen. Dort half er dem älteren Ehemann der Wirtin bei körperlicher Arbeit – Holz hacken, Kisten tragen, was eben anfiel – und bekam dafür eine dampfende Schüssel Suppe und eine Portion Reis. Einfaches, gutes Essen. Und vor allem kostenlos.

      Sirelle brauchte das nicht zu wissen. Stattdessen verabschiedete er sich knapp, ohne stehenzubleiben. Ein Nicken, mehr nicht. Es war klar, dass sie sich heute Abend wiedersehen würden. Der Ball ließ sich nicht umgehen – die Veyra und ihre Guides würden auf der Bühne vorgestellt werden. Er musste da sein. Auch wenn er schon jetzt wusste, dass er jeden einzelnen Augenblick davon hassen würde.
    • Sirelle war von seiner Ablehnung nicht überrascht, sie hatte damit gerechnet. Zumindest hatte sie es versucht. Es würde sicher nicht das letzte Mal sein, dass sie ihn danach fragte. Irgendwann würde sie es schon schaffen, mit ihm an einem Tisch zu sitzen. Mit einem knappen Nicken verabschiedete er sich, und sie ließ ihn ziehen. Sie würde damit klarkommen.
      Also beschloss sie, zur Kantine zu gehen, immerhin wollte sie Geld sparen. Zwar würde sich ihr Taschengeld durch die Kompatibilitätsprüfung in Zukunft erhöhen, doch das bedeutete nicht, dass sie nun verschwenderisch leben konnte. Sie hatte bereits für diesen Tag vorgesorgt und sich ein Kleid gekauft, ein Stück, das sie vermutlich viel zu selten tragen würde. Aber am Ende war sie eben auch nur eine Frau, die gern etwas Besonderes im Schrank hatte. Elegant, für spezielle Anlässe. Denn wozu sparte man so viel, wenn man sich nicht hin und wieder etwas gönnte?
      Anstatt sofort zu essen, schlug sie den Weg in die entgegengesetzte Richtung ein und verbrachte ihre freie Zeit vor dem Mittagessen im Garten. Einerseits, um den Kopf freizubekommen, andererseits, um beiläufig den Gesprächen um sie herum zu lauschen. Das Ereignis mit Nadiem hatte sich offenbar noch nicht herumgesprochen, doch es war nur eine Frage der Zeit, bis die Gerüchteküche zu brodeln begann. Und Sirelle ging fest davon aus, dass auch sie und Zevran in diese Geschichten hineingezogen würden. Ihr Ruf war ohnehin schon angekratzt, viel zu verlieren hatten sie nicht mehr.
      Sie ließ sich auf einer Bank nieder und ging die Ereignisse seit der Rede im Kopf noch einmal durch, besonders alles, was mit Zevran zu tun hatte. Irgendwann läutete in der Ferne die Glocke, und sie erhob sich seufzend. In der Kantine hatten sich bereits einige versammelt. Keine hochrangigen Adligen, nur Leute mit etwas mehr Verstand. Der Raum war schlicht, aber dennoch eleganter als das, was man außerhalb der Akademie kannte.
      Sirelle stellte sich an, bestellte ihr Essen und suchte sich dann einen der vielen leeren Tische aus. Nach und nach füllte sich der Raum, und die meisten setzten sich zu ihren Freunden. Das störte sie nicht, sie wollte ohnehin nur in Ruhe essen.
      Doch bevor sie ihr Mahl beenden konnte, lenkte ein Gespräch an einem Nebentisch unweigerlich ihre Aufmerksamkeit auf sich.
      „Hast du gehört, was heute nach dem Kompatibilitätstest passiert ist?“
      „Ich habe gehört, dass sich zwei um einen Guide gestritten haben.“
      „Wie in einem Film.“
      Sirelle verdrehte die Augen. Natürlich kursierte nicht die Wahrheit, sondern nur das, was die Leute hören wollten.
      „Ich habe auch gehört, dass der Verräter sich eingemischt hat“, flüsterte jemand. „Wahrscheinlich aus Eifersucht oder so. Wer will schon so jemanden als Guide?“
      Sie musste sich beherrschen, nicht laut zu seufzen. Lange wollte sie sich das nicht anhören. Also stand sie auf, nahm ihr Tablett und verließ die Kantine, ohne sich noch einmal umzusehen.
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    • ... am Abend


      Der Festsaal war bereits erfüllt von gedämpftem Stimmengewirr und dem leisen Klingen von Gläsern, als Zevran eintrat. Warmes Licht fiel von unzähligen Kronleuchtern herab, ließ die polierten Marmorfliesen glänzen und spiegelte sich in den vergoldeten Rahmen der hohen Spiegel an den Wänden. Zwischen den Säulen standen runde Tische, bedeckt mit weißen Tüchern, und überall bewegten sich Schüler in kostbaren Gewändern – Seide, Samt, Brokat, so reich verziert, dass es fast an Prahlerei grenzte. Lachen und angeregte Gespräche lagen in der Luft, ein unterhaltsames Schauspiel für jene, die daran Gefallen fanden.

      Zevran tat es nicht.
      Er trug die weiße Uniform der Schule, sauber und makellos, aber in dieser Gesellschaft auffällig schlicht.Die dunkelroten Ornamente an Kragen und Ärmel wirkten fast unscheinbar zwischen all dem Glanz. Eigentlich ist die Uniform nur bei offiziellen Auftritten, wo man die Schule öffentlich vertrat Pflicht, aber es war nicht verboten sie auch zu solchen Anlässen zu tragen. Er hatte eh keinen Wert darauf gelegt, sich wie die anderen herauszuputzen. Schon der Gedanke, sich für eine solche „Feierlichkeit“ in Schale zu werfen, ließ ihn innerlich die Augen verdrehen. Für ihn war das hier nichts weiter als ein weiterer Pflichttermin, der ihm von der Schule aufgedrückt wurde

      Während er sich langsam seinen Weg durch die Menge bahnte, bemerkte er die neugierigen Blicke. Manche tuschelten unverhohlen, andere warfen ihm nur flüchtige Seitenblicke zu. Kein Zweifel, die Gerüchte über den Zwischenfall mit Nadiem hatten längst ihre Runde gemacht – und wie üblich hatten die Leute daraus ihre eigene, völlig verzerrte Geschichte gestrickt. Angeblich hätten er und Nadiem sich um einen Guide gestritten, so sehr, dass es beinahe zu einem offiziellen Duell gekommen wäre. Zevran wusste, dass es Unsinn war, aber die Wahrheit interessierte hier ohnehin niemanden.

      Sein Blick wanderte durch den Saal. Zwischen den farbenfrohen Kleidern und prunkvollen Roben suchte er nach einer bestimmten Gestalt. Er und Sirelle mussten sich noch kurz absprechen, bevor sie gemeinsam auf die Bühne gerufen wurden. Das Lichtspiel der Kerzen, die Bewegungen der Menge, das Summen der Stimmen – all das störte ihn, verlangsamte seinen Blick. Doch er ließ sich nicht beirren.
      Er straffte die Schultern, atmete tief durch und ließ seinen Blick weiter über die Menschen gleiten. Wenn er Sirelle gefunden hatte, würde er den Pflichtteil hinter sich bringen können. Danach konnte er sich unauffällig zurückziehen – und diese ganze lächerliche Veranstaltung so schnell wie möglich vergessen.
    • Der Abend war hereingebrochen, und über das Schulgelände legte sich ein sanftes, goldenes Licht. Laternen säumten die Wege, ihr warmer Schein ließ die Kiesel glitzern und warf lange Schatten, die sich wie Schleier über das Gras legten. Normalerweise hätten die Schüler zu dieser Stunde längst in ihren Zimmern sein müssen, wenn heute nicht der Ball stattgefunden hätte.
      Sirelle stand vor dem Spiegel und betrachtete sich eingehend. Das Kleid, das sie trug, war ein glücklicher Zufall. Sie hatte es zu einem erstaunlich günstigen Preis bekommen, nachdem sie dem Ladenbesitzer einst während eines Raubüberfalls geholfen hatte. Ein unerwarteter Lohn und doch fühlte es sich für sie wie ein Schatz an.
      Der Stoff war ein tiefes, samtiges Nachtblau, das im Licht fast zu flüssigem Sternenlicht zu werden schien. Mehrere Lagen feiner, transparenter Seide fielen übereinander wie sanfte Wellen, jede einzelne gesprenkelt mit winzigen goldenen und silbernen Punkten, als hätte jemand die Sterne vom Himmel gepflückt und in den Stoff genäht. Das Korsett schmiegte sich eng an ihre Taille, das Dekolleté war elegant geformt, ohne aufdringlich zu wirken, und an der Seite zierte eine große, asymmetrische Schleife die Silhouette. Von dort fiel ein schmales Band herab, das fast den Boden streifte und bei jeder Bewegung leicht mitschwang. Unter den schimmernden Lagen blitzte immer wieder ein heller, fast mondlichtfarbener Unterrock hervor, ein Kontrast, der dem Kleid etwas Magisches verlieh.
      Es war nicht so prunkvoll wie die aufwendig bestickten Roben, die die adeligen Schülerinnen heute tragen würden, aber für Sirelle war es das schönste Kleid, das sie je besessen hatte. Ein bitteres Lächeln spielte um ihre Lippen, tief im Herzen war sie eben auch nur eine Frau, die sich hin und wieder schön fühlen wollte. Wer wusste schon, wann sie wieder solch eine Gelegenheit haben würde? Mode war in diesen Kreisen oft mehr als nur ein Spiel, sie war ein Gesprächsthema, ein Maßstab, manchmal sogar eine Waffe.
      Sie hatte sich dezent geschminkt, einen Hauch Parfüm aufgelegt und atmete tief durch, bevor sie ihr Zimmer verließ.
      Der Weg zum Festsaal war schnell gefunden. Schon von weitem drang das Stimmengewirr an ihre Ohren, begleitet von den sanften Klängen klassischer Musik. Drinnen glitzerten Kristallleuchter unter der hohen Decke, und entlang der Wände standen Tische, reich gedeckt mit Speisen und Getränken.
      Sirelle blieb kurz stehen, ihr Herz klopfte schneller, aus Sorge, ob ihr Kleid angemessen war, sondern auch aus Neugier, was der Abend bringen würde. Für einen flüchtigen Moment bedauerte sie, keine Freundinnen zu haben, zu denen sie sich einfach hätte gesellen können.
      „Zu kostenfreiem Essen sage ich nicht nein“, murmelte sie schließlich mit einem leisen Schmunzeln und schlenderte zu den Tischen am Rand des Saals, die im Kerzenlicht schimmerten.


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    • Der Ballsaal glühte im warmen Licht unzähliger Kristalllüster. Musik wehte in sanften Wellen über die Tanzfläche, auf der sich Paare in prächtigen Kleidern und Anzügen bewegten. Am Rand, zwischen einer Reihe hoher Marmorsäulen, stand eine junge Frau, deren Haltung von entspanntem Selbstvertrauen geprägt war.

      Lyra Everwhite – so stellte sie sich meist vor – war keine, die mit greller Präsenz Aufmerksamkeit forderte. Sie ließ sie zu sich kommen. Ihr dunkles, leicht gewelltes Haar war zu einer halboffenen Frisur gebunden, einzelne Strähnen rahmten ihr Gesicht weich ein. In den schimmernden Grüntönen ihres bodenlangen Kleides spiegelte sich das Licht der Kerzen, und das filigrane, lederne Schultergeschirr – mehr Zierde als Rüstung – deutete subtil auf ihre Kampferfahrung hin. An ihrem Gürtel hing ein schlanker, verzierter Wurfdolch, eher als Schmuckstück gedacht, doch er verriet einen Hauch von Wehrhaftigkeit.
      Ihre Augen, ein tiefer Bernstein, verfolgten aufmerksam das Geschehen. Sie wirkte wie jemand, der jede Bewegung, jedes Wort in einem Raum unbewusst registrierte, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen.
      Als Sirelle an ihr vorbeiging, blieb Lyras Blick hängen. Nicht nur am Kleid – obwohl dieses wirklich kaum zu übersehen war. Das kräftige, schmeichelhafte Farbspiel und der Schnitt, der Sirelles Haltung noch stolzer wirken ließ, zogen Blicke an. Aber da war auch etwas anderes – ein Hauch von Spannung in der Luft, als trüge Sirelle eine unsichtbare Aura, die nicht nur die Blicke, sondern auch das Flüstern im Raum anzog.

      Lyra stieß sich leicht von der Säule ab und trat einen halben Schritt vor, gerade so nah, dass ihre Stimme Sirelle inmitten der Musik erreichen würde.

      „Hm… schwer zu übersehen,“ begann sie, ihre Worte von einem feinen Schmunzeln begleitet. „Das Kleid, meine ich.“
      Sie ließ den Blick einen Herzschlag lang daran verweilen, bevor er wieder zu Sirelles Gesicht wanderte. „Fast so schwer zu übersehen wie die Gerüchte, die heute über dich geflüstert werden.“
      Ein unaufdringlicher, aber messerscharfer Einstieg. Nicht aufdringlich, doch genug, um Interesse oder Abwehr zu provozieren. Lyra verschränkte locker die Arme, das Gewicht auf ein Bein verlagert, und musterte Sirelle mit einer Mischung aus Neugier und kalkulierter Gelassenheit.

      „Ich höre lieber die Version von der Quelle,“ fuhr sie fort, ihre Stimme nun weicher, aber noch immer aufmerksam, „statt das Gekicher der Menge.“

      Sie ließ dem Satz Raum, sah Sirelle mit einer offenen, aber leicht herausfordernden Miene an – als würde sie prüfen, ob das Mädchen im auffälligen Kleid auch den Mut hat, ihre eigene Geschichte zu erzählen.
    • Sirelle hielt kurz inne, noch bevor sie das Essen in Augenschein nehmen konnte, und musterte die Frau vor ihr mit einem Blick, der zwischen Amüsement und Vorsicht schwankte. Den Kommentar über ihr Kleid ignorierte sie, ihre Meinung interessierte sie herzlich wenig. Auch musste sie ihr ihre Umstände nicht erklären und dass sie sich solch ein Kleid womöglich erst in 5 Jahren wieder leisten konnte.
      „Gerüchte also.“ Ihre Stimme war ruhig, aber mit einem feinen Unterton, der kaum zu deuten war. „Ich frage mich… woher willst du wissen, dass das, was du hörst, nicht längst deine eigene Version der Geschichte ist?“ Ein schmaler, fast schelmischer Zug erschien auf ihren Lippen, während sie den Kopf leicht neigte. „Und was hätte ich davon, dir die Wahrheit zu schenken? Die ist hier drinnen selten so glänzend wie die Kleider um uns. Jeder möchte nur das hören, was er hören möchte, meist für die eigene Belustigung.“
      Sie ließ den Blick für einen Moment über den Ballsaal gleiten – über die funkelnden Lichter, die wirbelnden Röcke – und dann zurück zu Lyra. „Vielleicht“, fügte sie leise hinzu, „erzählt der Tanz selbst schon mehr, als ich es je könnte.“
      Kaum merklich deutete sie mit einem kleinen Kinnzucken in Richtung des Parketts, wo man Nadiem und Zevran womöglich finden würde. Was Lyra mit der Wahrheit des Geschehens anfangen wollte, konnte sich Sirelle nicht erklären. Es war eher das Szenario, dass Menschen das aufaßen, was ihnen in die Hände gelegt wurde. Und Gerüchte waren perfekt dazu und dienten zur eigener Belustigung und Zeitvertreib. Zumal war der heutige Vorfall nicht bedeutsam genug gewesen, dass eine Richtigstellung von Nöten war. Vor allem wusste Sirelle selber nicht wieso sie nun ein heißes Thema in der Gerüchteküche war. Sie hatte vielmehr gedacht, dass Nadiem und Zevran im Vordergrund standen und die Romantik mit dem Guide vom verletzten Veyra.
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    • Lyra ließ Sirelles Worte ohne sichtbare Regung an sich vorbeiziehen. Nur ein leichtes Anheben einer Augenbraue verriet, dass sie die kecke Antwort durchaus registriert hatte – und nicht missbilligte. Sie hatte schon genug Veyra und Guides erlebt, die sich entweder in falscher Höflichkeit verloren oder in Überheblichkeit versanken. Sirelle dagegen besaß eine Schärfe, die man nicht oft fand.

      „Was du davon hätttest?“ Lyra sprach leise, sodass ihre Worte kaum über das Rauschen der Musik hinaustrugen, und doch war ihre Stimme klar und fest. „Nun die Wahrheit in den Gerüchten ist meist das Erste, das verloren geht. Geschichten verändern sich schneller, als sie ausgesprochen werden.“ Sie ließ den Blick für einen Moment durch den Saal gleiten, folgte dem Tanz der Farben und Bewegungen, bevor er wieder zu Sirelle zurückkehrte.

      „Es ist nicht alle Tage so, dass sich zwei Veyra um einen Guide streiten.“ Ihre Augen hielten Sirelles, als wolle sie prüfen, ob dieser kleine Stachel einen Effekt hatte. „Und schon gar nicht würde ich das von einem Einzelgänger wie Zevran erwarten.“ Das letzte Wort sprach sie so, als sei es eine nüchterne Feststellung, nicht mehr und nicht weniger.

      Ein sanftes, fast unmerkliches Neigen ihres Kopfes begleitete ihre nächsten Worte: „Ich will dir nichts böses.“ Sie legte die Arme hinter dem Rücken zusammen, ihre Haltung noch immer locker, aber strukturiert – wie jemand, der gewohnt war, zu beobachten und zu bewerten, ohne sich von Emotionen treiben zu lassen.

      „Ich gehöre zum Aufsichtskomitee der Veyra und Guides.“ Der Satz fiel sachlich, ohne den Hauch von Selbstverherrlichung, als sei es einfach ein weiterer Teil ihrer Arbeit, so gewöhnlich wie das Einatmen. „Es ist meine Aufgabe, die Dinge zu kennen, die für den reibungslosen Ablauf zwischen beiden Gruppen relevant sind. Wenn sich Veyra öffentlich in die Haare kriegen, ist das… nennen wir es unpraktisch.“

      Lyra ließ die Worte einen Herzschlag lang stehen, bevor sie leicht die Schultern hob. „Ob du mir nun die Wahrheit anvertraust, bleibt dir überlassen. Aber ich höre lieber die richtige Fassung, bevor das Komitee Entscheidungen auf Grund von Gerüchten fällt.“
      Sie wirkte noch immer unaufgeregt, die Bernsteinaugen ruhig, fast nachdenklich – als wäre Sirelles Antwort für sie kein Spiel, sondern schlicht ein weiteres Puzzleteil in einem größeren Bild.
    • Sirelle konnte ihr nur zustimmen, die Wahrheit war das Erste, das in Gerüchten verloren ging. Genau deshalb war es so schwierig, jemanden allein über Hörensagen auszuspionieren. Ihr Blick folgte dem von Lyra und glitt über die tanzenden Figuren, die sich im Takt der Musik bewegten, als hätte die heitere Stimmung sie ein wenig beschwipst gemacht.
      Als Lyra erneut das Thema des Gerüchts aufgriff, schielte Sirelle kurz zu ihr hin. Der Drang, sich endlich etwas zu essen zu holen, nagte an ihr, doch einfach wegzugehen wäre unnötig unhöflich gewesen und es schadete bekanntlich nie, sich keine Feinde zu machen, wo es nicht nötig war.
      Bei der Erwähnung Zevrans konnte sie nur knapp nicken. Ob Lyra ihr nichts Böses wollte, konnte Sirelle nicht einschätzen. Sie hatte oft genug erlebt, wie verzwickt und unscheinbar Lügen sein konnten. Während Lyra sprach, hörte sie nur mit halbem Ohr zu; der andere Teil ihres Verstandes war bereits bei dem Buffet am Rand des Saals. Aufsichtskomitee der Veyra… und Guide, wiederholte sie in Gedanken und speicherte die Information für später.
      Mit einem leichten Schulterzucken und einem kaum merklichen Neigen des Kopfes begann sie:
      „Wie du schon sagtest: Einzelgänger Zevran.“ Ihre Stimme klang nüchtern, beinahe gelangweilt. Sie sah keinen Schaden darin, Lyra die Wahrheit zu erzählen, vor allem, wenn es am Ende dazu beitragen konnte, ein genaueres Auge auf Nadiem zu werfen. Sirelle war sich sicher, dass sie und Nevri ihm in naher Zukunft wieder begegnen würden.
      Sie seufzte theatralisch und ließ den Blick zurück zu den Paaren schweifen, die sich über das Parkett bewegten.
      „Den Anfang haben wir nicht mitbekommen. Als wir ankamen, war ein Veyra verletzt und Nadiem stand als Angreifer da. Er hat irgendetwas gefaselt, dass der Veyra den falschen Guide bekommen hätte und dass sie nun ihm gehöre.“ Sirelle schielte wieder zu Lyra, ein kühles Funkeln in den Augen.
      „Keine Ahnung, ob dieser Guide seine große Liebe ist, aber offenbar hat es ihn gestört, dass sie nicht ihm zugeteilt wurde. Ich habe zwei Leute losgeschickt, um eine Aufsichtsperson zu holen, und währenddessen Zeit geschunden. Zevran ist eingesprungen, als Nadiem den Veyra und mich angegriffen hat.“ Ihre Stimme verlor noch mehr an Farbe, als sie abschließend sagte:
      Was sie mit dieser Information anfangen wird, war ihre Sache. Aber sie bezweifelte, dass Lyra dazu in der Lage war Nadiem an die Leine zu binden. "Sag mir, ist die Wahrheit langweiliger als die herumschwirrende Gerüchte?"
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    • Lyra hörte still zu, ihre Miene unverändert ruhig, doch hin und wieder neigte sie leicht den Kopf oder hob kaum merklich eine Augenbraue – kleine Zeichen, dass sie Sirelles Worte aufnahm und ernst nahm. Ab und zu glitt ein sanftes Nicken über ihre Züge, als wolle sie das Gesagte in Gedanken an die richtige Stelle setzen.

      Also ging es gar nicht um sie, dachte sie, und der Gedanke ließ eine leise, kaum spürbare Heiterkeit in ihr aufsteigen. Sie notierte sich Sirelles Schilderung innerlich sorgfältig, jede Einzelheit. Vor allem der Punkt mit Nadiems Begründung und Zevrans Eingreifen würden in ihren späteren Bericht einfließen. Doch während sie zuhörte, nagte ein amüsanter Kontrast in ihr: die klare, nüchterne Darstellung hier – und die völlig verzerrten Bilder, die draußen kursierten.

      Als Sirelle ihr die abschließende, beinahe spöttische Frage stellte, musste Lyra kurz wegsehen, um das aufsteigende Lachen zu bändigen. Sie atmete einmal tief durch, wandte sich dann wieder zu ihr und sprach mit einem Tonfall, der sich kaum zwischen sachlich und amüsiert entscheiden wollte.

      „Die Gerüchte…“ Sie hielt einen Moment inne, als wolle sie den rechten Einstieg finden, und dann zuckte ein feines Schmunzeln um ihre Lippen. „…besagen, dass es ein Kampf zwischen einem Verräter und einem hochrangigen Adligen war – um die Hand einer hübschen, blonden Guide.“ Ihre bernsteinfarbenen Augen funkelten, da die Gerüchte von Sirelle als dem besagten Guide ausgingen „Und selbstverständlich sind sich alle einig, dass du dich heute so besonders herausgeputzt hast, um deinem Beschützer zu gefallen.“

      Bei diesem letzten Satz konnte Lyra ein kleines Kichern nicht unterdrücken. Jeoch kein spöttiches. Mehr ein freundliches, das von der Distanz zwischen Wahrheit und Gerüchte getrieben wurde.

      „Manchmal,“ fuhr sie leiser fort, „erzählen solche Geschichten mehr über die Fantasie der Leute als über das, was tatsächlich passiert ist.“ Sie ließ den Blick kurz zu den wirbelnden Paaren auf dem Parkett gleiten, dann wieder zu Sirelle, mit einem Ausdruck, der fast ein stilles Einverständnis war. Ihr war wichtig, dass Sirelle diese Gerüchte bewusst geworden waren. Schließlich blickten, die meisten anders auf Zevran und sie, als die beiden vermuteten.
      Und vielleicht, so dachte sie, war es genau diese Mischung aus Wahrheit und Lüge, die das Leben an dieser Schule nie langweilig werden ließ.
    • Sirelles Gesichtsausdruck entglitt ihr merklich. Sie war der Guide, um den sich Zevran und Nadiem gestritten hatten? Die Vorstellung war so absurd, dass sie unwillkürlich lachen musste. Viel eher hätte sie verstanden, wenn es um die andere Guide gegangen wäre, aber um sie? Kopfschüttelnd musste sie sich eingestehen, dass der Abend wohl noch interessant werden würde.
      Es war schon seltsam, wie andere Menschen ihre Verbindung zu Zevran wahrnahmen, obwohl sie sich erst heute wirklich kennengelernt hatten. Von Akzeptanz seinerseits konnte noch nicht einmal die Rede sein. Und nun sollte sie ihm auch noch gefallen wollen? Ihr Blick glitt kurz an sich hinunter, über den dunkelblauen Stoff ihres Kleides. Einmal wollte sie sich hübsch fühlen und prompt wurde es völlig fehlinterpretiert. Die Gerüchte störten sie nicht im Geringsten. Im Gegenteil: Sie amüsierten sie.
      Auch Lyra wirkte, als würde sie den Gedanken auf ihre eigene Weise unterhaltsam finden.
      „Wenn ich ganz ehrlich bin…“ Sie senkte leicht die Stimme, als wollte sie etwas Vertrauliches anvertrauen. „Vom Aussehen her ist Nadiem absolut nicht mein Typ, von seiner Persönlichkeit mal ganz zu schweigen.“ Ein leichtes Schulterzucken folgte.
      „Ich frage mich ehrlich, wie dieser Guide es freiwillig in seiner Nähe aushält.“ Ihre Miene nahm einen fast nachdenklichen Ausdruck an, bevor sich ein kleines Grinsen auf ihre Lippen stahl. „Aber nun ja… wo die Liebe hinfällt, nicht?“
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    • Lyra lächelte jetzt richtig, ihr Gesicht wirkte deutlich offener als zu Beginn des Gesprächs. Das Eis schien zu brechen, und sie genoss die etwas lockerere Stimmung zwischen ihnen. „Nadiem? Nein, der ist definitiv nicht mein Typ,“ sagte sie mit einem leichten Grinsen. „So ein Tyrann, der sich viel zu wichtig nimmt – wegen seines Vaters, weißt du?"

      Sie lachte leise, eine Mischung aus Belustigung und leichter Verachtung für den arroganten Adligen, über den sie sprach. „Man merkt ihm einfach an, wie sehr ihm die Rolle seines Vaters in den Kopf gestiegen ist. Er spielt sich auf, als wäre er der Mittelpunkt der Welt. Schon letztes Jahr gab, war er auffällig. Aber sein Vater hat ihn mit seiner Stellung immer wieder rausgeboxt.“ Lyra schüttelte leicht den Kopf, wie jemand so hochmütig sein konnte und den Rang des Vaters dermaßen ausnutzen konnte. Doch leider war das hier in der Akademie kein Einzelfall.

      Dann, mit einer kleinen Kopfbewegung und einem neugierigen Blick in Sirelles Richtung, wechselte Lyra das Thema. Ihre Stimme wurde etwas leiser, aber neugierig, und ihr Lächeln zeigte eine gewisse Wärme. „Wie hast du das bloß geschafft, dass Zevran dich nicht sofort abweist? Der ist ja eigentlich ziemlich störrisch und lässt kaum jemanden nah an sich ran.“ Ihr Blick war ehrlich interessiert, aber nicht aufdringlich. „Das muss schon was heißen.“
    • Lyra wurde ihr in diesem Moment schlagartig sympathischer. Sie sprach förmlich das aus, was Sirelle selbst dachte, ungefiltert und direkt.
      „Es ist wirklich so,“ flüsterte Sirelle mit einer Spur von Aufregung in der Stimme, als habe sie gerade eine Verbündete in der Menge gefunden.
      Es überraschte sie nicht im Geringsten, dass Nadiem es offenbar erneut geschafft hatte, ungeschoren davonzukommen. Für jemanden wie ihn schien das fast ein Talent zu sein. Leider war er damit kein Einzelfall. Solche Gestalten gab es genug und Sirelle ahnte, dass sie in Zukunft wohl öfter damit konfrontiert werden würde. Besonders, wenn es um so etwas wie eine faire Behandlung ging.
      Als Lyra das Thema wechselte, neigte Sirelle leicht den Kopf in ihre Richtung, als wolle sie ein geheimes Geständnis machen. Auf die Frage, wie sie es geschafft hatte, huschte ein schelmisches Lächeln über ihre Lippen. Sie legte den Zeigefinger sachte gegen ihre eigenen, als wolle sie es mit einer feierlichen Geste unterstreichen.
      „Nerven,“ sagte sie schließlich. Dann, mit einem Grinsen, ergänzte sie: „Nerven und Geduld aus Stahl. Und Durchhaltevermögen.“
      Denn, und dessen war sie sich sicher, selbst wenn Zevran sie anfangs abgewiesen hätte, hätte sie ihn so lange genervt, bis er einfach aufgegeben und sie akzeptiert hätte.
      „Warum sind männliche Veyras nur so kompliziert?“ Sie seufzte theatralisch, legte die Hand an ihre rechte Wange und neigte den Kopf leicht zur Seite, als sei sie eine Schauspielerin auf einer Bühne. Doch in ihrer Stimme schwang deutlich mehr Amüsement als Frustration mit.
      „Aber Zuteilung ist Zuteilung, loswerden kann er mich nicht mehr.“ Ihr Ton war leicht, fast spöttisch, und die feine Spur von Selbstzufriedenheit in ihrem Blick ließ keinen Zweifel daran, dass sie den Gedanken köstlich fand.
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    • Lyras Augenbrauen hoben sich leicht bei Sirelles knapper Antwort. „Nerven?“ wiederholte sie, als müsste sie sichergehen, dass sie richtig gehört hatte. Für einen Moment schien sie zu überlegen, dann huschte ein amüsiertes Schmunzeln über ihr Gesicht. „Funktioniert das wirklich?“

      Sirelles theatralische Pose entlockte ihr schließlich ein kurzes Kichern. Die Art, wie sie die Hand an ihre Wange legte und dabei den Kopf neigte, erinnerte tatsächlich an eine Schauspielerin, die gerade ein Drama inszenierte.

      „Nun,“ begann Lyra und neigte sich leicht vor, als wollte sie ihre Worte im Halbschatten der Ballbeleuchtung mit einem Anflug von Verschwörungston unterstreichen, „nicht alle Guides haben so ein schweres Los gezogen wie du.“

      Als hätte ihr Satz einen stummen Vorhang gelüftet, näherte sich aus der Menge ein junger Mann. Sein Haar war ein weiches Durcheinander aus schneeweißen Strähnen, die im Licht des Saals sanft schimmerten. Die ruhigen, klaren Grün seiner Augen wirkte fast untypisch gelassen für die laute, glitzernde Atmosphäre um sie herum. Er war groß, trug die formelle Uniform mit einer fast beiläufigen Eleganz und bewegte sich, als würde ihn die Unruhe des Balles nicht im Geringsten berühren.

      Sein Blick glitt kurz zu Sirelle, und er grüßte sie mit einer kleinen, respektvollen Geste, bevor er sich ganz Lyra zuwandte. „Die Verantwortlichen suchen uns schon. Wir müssen gleich auf die Bühne.“

      Lyra nickte knapp, als hätte sie diese Nachricht bereits erwartet. Die kurze Rede des Aufsichtskomitees vor der Vorstellung der neuen Guides und Veyra gehörte jedes Jahr dazu – und dieses Mal fiel sie ihr zu. Zweites Jahr als Guide bedeutete eben auch, dass man sich öffentlich präsentieren musste.
      „Natürlich,“ erwiderte sie, dann wandte sie sich noch einmal an Sirelle. „Viel Glück mit deinem Einzelgänger.“ Ein leises Lächeln begleitete die Worte, und es war schwer zu sagen, ob darin mehr Mitgefühl oder neckische Andeutung lag. Nur einen Augenblick später waren bereits Lyra und ihr Veyra in der Menge verschwunden.

      Nicht weit entfernt, nahe am Buffet, stand Zevran. Mit verschränkten Armen lehnte er an der Wand, sein Blick finsterer als der Abend es verdiente. Die Stirn in tiefe Falten gelegt, musterte er den Saal, als suche er nach einem Ausweg. Für ihn war die Bühne nichts als ein notwendiges Übel – ebenso wie der gesamte Ball. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er diesen Teil des Abends einfach übersprungen.
      Aber nein. Gleich musste er sich, wie ein dressiertes Kaninchen auf die Bühne begeben und den Zirkus, den die Akademie veranstaltete mitspielen.

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    • „Da bin ich neidisch,“ meinte Sirelle mit gespieltem Wehklagen, auch wenn sie es durchaus ernst meinte. Ausgerechnet sie musste einen komplizierten Veyra zugeteilt bekommen, so viel Pech, wie sie in ihrem Leben ohnehin schon gesammelt hatte, passte das nur allzu gut ins Bild.
      Doch lange blieben sie nicht allein. Ein junger Mann gesellte sich zu ihnen, dessen Erscheinung deutlich ansprechbarer wirkte als die ihres eigenen Veyra. Sirelle konnte nicht anders, als innerlich ihr Pech zu verfluchen und sich fast schon genüsslich in diesem Gefühl zu wälzen. Sie nickte ihm erst flüchtig zu, dann deutlicher, bevor ihr Blick wieder zu Lyra glitt. Diese verabschiedete sich, nicht ohne ihr mit einem letzten, wohlmeinenden „Viel Glück“ zu wünschen, ein Kommentar, der Sirelle ein leicht bitteres Lächeln abrang. Ja, Glück konnte sie mit ihrem Einzelgänger gut gebrauchen.
      Endlich konnte sie ihrem eigentlichen Plan nachgehen: Essen. Mit einem Teller in der Hand steuerte sie das Buffet an und häufte sich zunächst kleine Häppchen auf. Für den Fall, dass die anstehende Rede länger dauern würde, wollte sie flexibel bleiben, schließlich bestand immer die Möglichkeit, dass sie gleich auf die Bühne gerufen werden würde. Die Vorstellung der neuen Veyra-Guide-Paare stand noch bevor. Mit einer Zange füllte sie ihren Teller mit mundgerechten Kleinigkeiten, die man mit ein oder zwei Bissen essen konnte. Ob sie dabei elegant aussah, kümmerte sie wenig. Sie würde weder miniaturhafte Bissen nehmen, nur um anmutig zu wirken, noch sich ungeniert den Mund vollstopfen. Ein mittlerer Weg reichte völlig.
      Das erste Häppchen zerging ihr förmlich auf der Zunge, köstlich. Schade nur, dass sie nichts davon in ihr Zimmer schmuggeln konnte. Während sie kaute, begann die Rede. Der Einstieg klang so, wie Sirelle ihn erwartet hatte: formell, etwas festlich, aber wenig überraschend. Lyras Stimme hatte nun einen anderen Klang, klarer, offizieller, ganz so, wie es ihre Position an der Akademie verlangte. Sirelle nickte unauffällig, hörte jedoch nur mit halbem Ohr zu. Viel Neues bot sich ihr ohnehin nicht.
      Gerade war sie wieder am Kauen, als die Aufforderung kam, dass die neuen Veyra-Guide-Gruppen nach vorn treten sollten. Seufzend stellte sie ihren Teller beiseite. Von Zevran war bisher nichts zu sehen, doch die meisten Paare gingen bereits gemeinsam nach vorne. Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie wenig Lust ihr Einzelgänger darauf hatte, sich hier wie auf einem silbernen Tablett präsentieren zu lassen.
      Sirelle verspürte selbst keine besondere Begeisterung für diesen Auftritt, aber für gutes, kostenfreies Essen war sie bereit, ein wenig Zeremoniell zu ertragen. Schritt für Schritt näherte sie sich der Bühne, während sie gleichzeitig Ausschau nach Zevran hielt. Allein wollte sie nicht hinauf, zu groß war die Gefahr, dass das Gerede erneut an Fahrt aufnahm. Die Gerüchteküche brodelte ohnehin schon genug, sie musste sie nicht noch zusätzlich befeuern.
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    • Zevran stand etwas abseits, den Blick halb gelangweilt, halb genervt auf die Bühne gerichtet. Arme vor der Brust verschränkt, lehnte er an einer der marmornen Säulen am Rand des Saals, so weit wie möglich von dem Trubel entfernt. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, nach Sirelle Ausschau zu halten – ehrlich gesagt interessierte es ihn in diesem Moment nicht, wo sie war. Die Atmosphäre hier war ohnehin erdrückend: zu viele Stimmen, zu viele Blicke, zu viele Erwartungen.

      Mehrere Schüler passierten ihn, einige flüchtig, andere langsamer, so als wollten sie sich vergewissern, ob er wirklich „der“ Zevran Zerniac war. Er bemerkte die verstohlenen Seitenblicke, und als zwei Schüler an ihm vorbeigingen, blieb sein Gehör an einem halblaut geflüsterten Gespräch hängen.

      „… das ist er doch, oder?“
      „Ja, ich glaube schon. Der sich… na ja, du weißt schon angelegt hat.“
      „Hm. Ich hätte ihn mir… anders vorgestellt.“

      Sein Name war deutlich genug gefallen, um seine Aufmerksamkeit zu wecken. Die Stimmen der beiden wurden jedoch rasch von dem allgemeinen Stimmengewirr geschluckt, und Zevran unterdrückte den Impuls, sich umzudrehen und sie zur Rede zu stellen. Wozu auch? Er kannte solche Bemerkungen. Ein Teil von ihm wollte wissen, welche Geschichten gerade über ihn kursierten – der größere Teil hielt es allerdings für reine Zeitverschwendung. Gerede konnte er nicht verhindern, also wozu sich darüber den Kopf zerbrechen?

      Die Stimme der Rednerin – irgendeine ältere Guide-Schülerin aus dem zweiten Jahr, wenn er sich nicht täuschte – hallte durch den Saal. Zevran schenkte ihr keinen besonderen Blick. Ihre Worte drangen wie gedämpft an ihn heran, formal, lehrbuchartig, gefüllt mit dem üblichen Gerede von „Zusammenhalt“ und „Verantwortung“. Für ihn war es nichts weiter als eine Aneinanderreihung bedeutungsloser Phrasen. Er konnte sich nicht erinnern, jemals auf einer Veranstaltung gewesen zu sein, die so wenig Mehrwert für ihn hatte.

      Sein Kiefer spannte sich leicht, als er den Blick schweifen ließ. Überall aufgeregte Gesichter, Paare, die sich sammelten, um gleich vorgestellt zu werden. Die meisten wirkten angespannt, andere beinahe euphorisch. Er dagegen verspürte keinerlei Anflug von Vorfreude. Warum sollte er auch? Das hier war nichts als eine Präsentation auf dem Silbertablett – ein Schauspiel, um der Akademie zu gefallen.
      Ein kurzer Gedanke blitzte in ihm auf: Er könnte einfach gehen. Niemand hielt ihn hier fest. Wenn er sich jetzt absetzte, würde er dem Lärm und der stickigen Luft entkommen. Doch er wusste auch, dass es nur neues Gerede geben würde, wenn er vor der Vorstellung verschwand. Und das Letzte, was er brauchte, war noch mehr Aufmerksamkeit.

      Also blieb er, reglos, den Blick kalt und abweisend, und zählte innerlich die Sekunden, bis dieser überflüssige Teil des Abends endlich vorbei war.
    • Sirelle wurde langsam ungeduldig. Immer mehr Paare liefen an ihr vorbei, bereit, sich auf der Bühne präsentieren zu lassen, während sie noch immer allein dastand. Sie spürte die neugierigen Blicke, die hin und wieder zu ihr herüberglitten. Eigentlich war es ihr gleichgültig, was andere von ihr dachten, doch insgeheim hatte sie gehofft, dieser Tag würde wenigstens mit einem reibungslosen, guten Start enden. Der Vorfall mit Nadiem war schon genug Ballast für die Erinnerung an diesen Abend. Allein auf der Bühne zu stehen, wie ein vergessenes Anhängsel, war jedoch ein eher bitterer Gedanke.
      „Alles muss man alleine machen“, murmelte sie leise und schüttelte den Kopf. Mit einem entschlossenen Schritt verließ sie ihre Position und begann, Zevran zu suchen. In Gedanken ging sie die Orte durch, an denen er sich vermutlich herumtreiben könnte. Sie schätzte ihn nicht als jemanden ein, der Gefallen daran fand, im Mittelpunkt zu stehen, also wanderte ihr Blick instinktiv an den Rand der Gesellschaft. Tatsächlich, nicht lange, und sie entdeckte ihn.
      Mit einem gezwungenen Lächeln setzte sie sich in Bewegung, ihre Schritte fest und schnell, doch ihr Blick verriet deutlich, was sie innerlich von der Situation hielt. Ein scharfer, tadelnder Funken blitzte darin auf, als sie vor ihm zum Stehen kam.
      „Was eine Ehre, dass ich dich zur Bühne führen darf“, bemerkte sie sarkastisch und griff ohne Umstände nach dem Saum seines Ärmels. Mit einem festen Zug am Handgelenk setzte sie sich wieder in Bewegung und schleifte ihn sozusagen hinter sich her. „Nicht jeder hat das Privileg, von einer hinreißenden Dame wie mir geführt zu werden.“
      Ihre Worte waren triefend vor gespielter Eitelkeit, doch dahinter lag eine klare Botschaft, die sie hoffte, er verstehen würde. Und wenn nicht, war es ihr auch recht, Sirelle musste ihren Ärger nun einmal loswerden, und wenn es nur in indirekter, spöttischer Form war. Ohne sich noch einmal nach ihm umzusehen, führte sie ihn durch die Menge zur Bühne.
      Dort angekommen, reihten sie sich bei den letzten Paaren ein und stiegen gemeinsam hinauf. Sirelle lächelte, wie es die Situation verlangte, und stellte sich neben Zevran. Doch ihr Mundwerk konnte sie nicht zügeln.
      „Wusstest du…“, begann sie in einem Ton, der so unschuldig wie neckend klang, und beugte sich dabei leicht zu ihm hinüber, „dass ich mich nur für dich herausgeputzt habe?“ Man konnte das Grinsen in ihrer Stimme hören. Sie ließ die Worte ein paar Sekunden zwischen ihnen schweben, ehe sie weitersprach.
      „Zumindest sagen das die Gerüchte. Auch, dass ihr Männer um mich gekämpft habt. Offenbar bin ich äußerst begehrenswert.“
      Sirelle musste sich ein Lachen verkneifen. Sie brauchte ihn nicht anzusehen, um zu wissen, wie wenig er von dieser Gerüchteküche hielt. Schon die wenigen Male, die sie bisher miteinander gesprochen hatten, reichten ihr, um seine mögliche Reaktion im Geiste nachzuzeichnen. Kein Wort musste von seinen Lippen kommen, sie konnte es sich ohnehin ausmalen.
      „Ziemlich romantisch, findest du nicht?“ fügte sie schließlich hinzu, ihre Stimme voller gespieltem Ernst, während das Grinsen noch immer auf ihren Lippen lag.
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    • Zevran ließ sich von Sirelle mitziehen, doch die Art, wie sie ihn am Ärmel hinter sich herzog, gefiel ihm überhaupt nicht. Das spöttische Funkeln in ihren Augen, das gespielte Lächeln – all diese übertriebene Attitüde wirkte auf ihn, als wolle sie sich wie eine adlige Prinzessin aufspielen. Ein Knurren blieb unausgesprochen, doch er sträubte sich leicht, genug, um zu zeigen, dass er nicht aus freien Stücken folgte.
      Als sie schließlich auf der Bühne neben ihm stand, fiel sein Blick kurz auf ihr Kleid. Fein, elegant, auffällig – es zog die Blicke auf sich. Normalerweise hielt er nichts von solchen Dingen; Frauen waren für ihn meist nur hinderliche Ablenkungen, ein Ballast in einer ohnehin schweren Welt. Doch ehe er sich eingestehen konnte, dass ihr dieses Kleid stand und sie fast schon.. gut aussah, sprach sie schon weiter.

      Ein genervtes Seufzen entwich ihm, als sie von Gerüchten und angeblicher Begehrtheit sprach. Er richtete sich, die Schultern stramm, und murmelte voller Ironie, mit einem Hauch von Abscheu:
      „Begehrenswert. Natürlich.“
      Die Abscheu galt nicht ihr, sondern diesem Ball – dem sinnlosen Getanze, dem fürstlichen Essen, dem Alkohol, der bereits in der Luft lag.
      Ihre nächste Frage, ob er es romantisch fände, ließ ihn nur kurz zu ihr hinüberblicken, ehe sich sein Blick verhärtete – Nadiem näherte sich, in Begleitung zweier Damen.

      Die eine erkannte Zevran sofort: das Mädchen von vorhin. Ruhig, äußerlich gefasst, doch ihr Lächeln wirkte gezwungen, zu perfekt, um echt zu sein. Ein Blickfang war sie trotzdem – in ihrem feinen Kleid, mit den aufwendig gemachten Haaren.
      Die zweite war kleiner, verhüllte ihr Gesicht mit Tuch und Fächer. Was sichtbar blieb, war kaum mehr als ein Schatten von Zügen, schwer greifbar.

      „Dass ihr euch noch traut zu kommen!“, fauchte Nadiem angewidert, als er nähertrat. Zevrans Finger legten sich wie von selbst an den Schwertgriff. Anders als die Männer in feinen Kleidern trug er die Uniform – und damit die Möglichkeit, eine Waffe bei sich zu führen.
      „Eine Frechheit“, kam es von der jungen Dame neben Nadiem, monoton, beinahe gefühllos. Der Ton wirkte gespielt, zu unpassend für die Situation. Zevrans Augen verengten sich. Irgendwie kam ihm die Stimme bekannt vor. Wer war dieses Mädchen? Nadiems wahrer Guide?

      Nadiem und seine Begleiter verbeugten sich vorne auf der Bühne, gingen ein Stück in adliger Manier zurück und verließen die Bühne. Ihre Namen wurden zuvor aufgerufen. Noch völlig in Gedanken um dieses Mädchen, erkannte Zevran gar nicht, dass nun seiner und Sirelles Name aufgerufen wurden.