silent night [Mau x Yumia]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • silent night [Mau x Yumia]

      s i l e n t n i g h t

      "Opposite in every way, yet drawn by the same fire."


      ✦•······················•✦•······················•✦

      Genre: Drama, Fantasie, Romanze
      Rollen:
      X (Aazria)- @Yumia
      Y (Kyren) - @Mau♥Mau
      Vorstellung
      ✦•······················•✦•······················•✦


      Azaria entstammt einem alten Adelsgeschlecht – der Familie Crusia. Diese einflussreiche Dynastie ist nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen stark vertreten. Doch neben ihr gibt es weitere mächtige Familien, die nach Einfluss streben und im Verborgenen um Macht konkurrieren.
      Azaria jedoch besitzt keine übernatürlichen Kräfte – ein Umstand, der sie in ihrer eigenen Familie zur Außenseiterin macht. Vor der Öffentlichkeit verborgen, lebt sie im Schatten ihrer jüngeren, talentierten Halbschwester und steht unter der ständigen Kontrolle ihrer strengen Stiefmutter. Innerhalb des Hauses wird sie wie eine einfache Bedienstete behandelt, isoliert hinter verschlossenen Toren.
      Eines Tages gelingt ihr die Flucht. Doch sie bleibt nicht unbemerkt: Wächter nehmen sofort die Verfolgung auf, verwunden sie, verlieren jedoch schließlich ihre Spur. Unwissentlich flüchtet Azaria auf das Anwesen von Kyren, einem jungen Adligen, der ebenfalls aus einem hoch angesehenen Haus stammt. Gerüchten zufolge hat er mit seiner unterkühlten Art bereits jede potenzielle Braut vergrault.
      Azaria bricht erschöpft und verletzt auf seinem Grundstück zusammen. Kyren findet sie bewusstlos und bringt sie in eines der Gästezimmer. Dort überlässt er sie der Fürsorge seiner Haushälterin.
      Unter ihrer zerschlissenen Kleidung trägt Azaria ein Tuch, das mit dem Wappen ihrer Familie bestickt ist – ein Symbol, das Kyren sofort erkennt. Seine Familie verbindet mit dem Haus von Azaria eine lange, konfliktreiche Geschichte. Dennoch sieht Kyren in ihr zunächst nur eine Fremde, zu schwach, um eine Bedrohung darzustellen.
      Doch mit der Zeit mehren sich Gerüchte und Zweifel. Wer ist diese junge Frau wirklich? Je mehr Kyren sich mit ihr beschäftigt, desto stärker beginnt er, an ihrer wahren Identität zu zweifeln. Gleichzeitig beginnt sich auch Azaria zu verändern, etwas in ihr erwacht. Langsam, fast unmerklich, regen sich Kräfte, von denen selbst sie nichts ahnte…



      Azaria
      Azaria saß regungslos im Dunkel eines fremd wirkenden Zimmers, eingehüllt in eine Stille, die schwer auf ihren Schultern lastete. Die Luft war kalt und stand still, so als hielte selbst das Haus den Atem an. Ihr Herz pochte laut und hektisch in ihrer Brust, jeder Schlag ein schmerzhafter Widerhall dessen, was sie gerade erfahren hatte. Immer wieder durchlebte sie in Gedanken die letzten Minuten, als wäre sie darin gefangen, unfähig, sich davon zu lösen. Sie wollte sich selbst einreden, dass sie sich verhört hatte, dass es eine absurde Sinnestäuschung gewesen war. Doch je öfter sie die Worte in ihrem Kopf hörte, desto klarer wurde ihr: Es war real.
      Vor nicht allzu langer Zeit war sie, wie so oft, leise durch die langen, dämmerigen Gänge des Anwesens geschlichen. Es war ihre Aufgabe, sicherzustellen, dass alle Kerzen gelöscht waren, eine Aufgabe, die sie still und unsichtbar wie ein Schatten verrichtete. Niemand sollte sie hören, niemand sollte sie sehen. Das hatte man ihr immer wieder deutlich gemacht. Und so bemerkte auch niemand ihre Anwesenheit, als sie sich einer halb geöffneten Doppeltür näherte, aus der flackerndes Licht in den Flur fiel. Im Schein der letzten Flammen erkannte sie die Silhouetten zweier Frauen: ihre Stiefmutter und Silvia. Ihre Stimmen trugen leise, aber deutlich, durch den Türspalt.
      Zunächst wollte sie sich zurückziehen. Das Gespräch drehte sich um Silvias Verlobung ,ein Thema, das sie nichts anging. Sie war kein Teil dieser Welt, hatte keine Stimme, kein Recht, gehört zu werden. Doch dann fiel ein Name. Nicht irgendeiner,es war der Familienname ihrer verstorbenen Mutter.
      Azaria hielt den Atem an.
      Sie konnte nicht anders, als zu lauschen. Es war nicht nur Neugier, sondern ein inneres Beben, das sie dazu zwang, jedes Wort aufzusaugen. Man sprach über das Erbe, über Blutslinien, über Stand und Einfluss. Ihre Mutter , einst Teil eines angesehenen Hauses, schien mehr Gewicht zu haben als die Familie ihrer Stiefmutter. Und genau deshalb, sagte man, solle Azaria an einen einflussreichen, älteren Mann verheiratet werden, damit Azaria keinerlei Einfluss auf das Erbe haben wird. Sie kannten seinen Namen. Und Azaria auch. Zwar hatte sie das Anwesen nie verlassen dürfen, doch Gerüchte waren wie Fliegen, sie fanden immer ihren Weg. Und was sie über diesen Mann gehört hatte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren: gewalttätig, jähzornig, ein Mann mit vielen Gesichtern und noch mehr Geliebten.
      Ein Schock durchfuhr sie wie ein Blitz. Sie wich instinktiv einen Schritt zurück, ihre Atmung wurde flacher und dann ein scharfes Einatmen. Ein einziges, kaum hörbares Geräusch.
      Doch es genügte.
      Drinnen wurde es plötzlich still. Schritte hasteten zur Tür. Noch bevor die Türflügel aufgerissen wurde, riss Azaria sich aus ihrer Starre. Ihr Körper bewegte sich von allein, angetrieben vom nackten Überlebensinstinkt. Sie rannte. Ohne Ziel, ohne Plan. Nur weg. Weg von der Wahrheit, die sie eingeholt hatte. Weg von den Wänden, die sich wie ein Käfig um sie schlossen.
      Die Luft im Haus war dick wie Nebel, ihr Herzschlag dröhnte in ihren Ohren. Sie war den Schmerz gewohnt, die Verachtung, die Kälte, die ständigen Zuweisungen niederer Aufgaben. Doch das hier war anders. Das war der Verrat an der letzten Hoffnung, die sie noch gehegt hatte. Ein Schicksal, das ihr aufgezwungen werden sollte. Verkauft. Verschenkt. Verschachert.
      Sie konnte das nicht zulassen.
      In einem der vielen ungenutzten Zimmer suchte sie Zuflucht, verborgen hinter schweren Vorhängen und staubigen Möbeln. Ihre Hände zitterten, als sie sich gegen die Wand lehnte und zu lauschen begann. Stimmen. Rufe. Schritte. Sicherheitsleute. Sie hatten bereits mit der Suche begonnen.
      „Man wird mich einsperren“, dachte sie. „Damit ich nicht fliehen kann.“
      Dieses Haus war einst ihr Zuhause gewesen, der letzte Ort, der sie an ihre Mutter erinnerte. Doch was war von diesem Zuhause noch geblieben? Ein düsteres Mausoleum gefüllt mit Erinnerungen, Lügen und Schatten.
      Tränen stiegen in ihr auf, heiß und brennend. Ihre Wangen waren bereits feucht, bevor sie es selbst bemerkte. „Es tut mir leid“, flüsterte sie in die Nacht, an niemanden gerichtet – oder vielleicht an ihre Mutter – und verließ das Zimmer.
      Sie war nicht zum Rennen geschaffen, doch sie zwang ihren Körper dazu, alles zu geben. Ihre Beine waren wie Blei, ihre Lunge brannte bei jedem Atemzug. Der Boden unter ihren Füßen war uneben, doch sie rannte, rannte, als hinge ihr Leben davon ab, denn das tat es.
      Lichtstrahlen durchbrachen die Dunkelheit, fielen wie Jagdscheinwerfer auf sie herab. Doch sie wagte nicht, zurückzublicken. In der Ferne erkannte sie andere Lichter, ein Ort, vielleicht ein Haus, vielleicht Sicherheit. Hoffnung.
      Dann, ein stechender Schmerz. Wie ein heißes Eisen, das sich in ihren Oberschenkel bohrte. Sie schrie auf, verlor das Gleichgewicht, stolperte und fiel den Hang hinab. Ihr Körper rollte über Laub und Stein, bis ihr Kopf aufschlug. Der Aufprall ließ die Welt um sie schwanken.
      Doch ihr Körper reagierte weiter. Noch bevor der Schmerz sie einholen konnte, zwang sie sich auf die Beine, torkelte dem Licht entgegen. Ihre Sicht wurde schwächer, ein Schleier legte sich über die Welt. Etwas Warmes rann ihr das Bein hinab, Blut.Doch noch ehe sie nachsehen konnte, was geschehen war, noch ehe sie Hilfe rufen oder um Gnade bitten konnte, wurde alles schwarz.

      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Yumia ()

    • Er durchbohrte die zu Übungszwecken auf dem Feld platzierte Zielscheibe mit einem Eispfeil. Nachdem er die Aufmerksamkeit der Neulinge auf sich gezogen hatte, machte Kyren ein paar Schritte. Er schritt auf den Ausbilder zu und ließ seinen Blick über die Reihe gleiten. "Wer nicht ernsthaft ist, passt hier nicht hin!" Seine Stimmlage klang drohend. Kyren hatte weder Zeit noch Lust auf untaugliche Faulenzer. Seine Familie hatte nicht ohne Grund die besten Soldaten. Auf jeden Fall war dies die Ansicht seines Vaters, doch auch Kyren kannte keine Gnade.
      Seine Mimik war, wie gewohnt, ernst und standhaft. Hat wirklich niemand jemals geglaubt, ein Lächeln in Kyrens Gesicht gesehen zu haben? Er ging in Richtung des Gebäudes und entfernte sich damit von dem Übungsfeld. Im Inneren, stieg er die Treppe empor und kam in seinem Büro an. Die Familie Delacroix hatte Anwesen im Land und auch außerhalb besaßen sie Grundstücke. Vor allem, weil ihre Wurzeln auch aus Frankreich kamen.
      Erneut lagen Briefe auf seinem Schreibtisch und warteten darauf, von Kyren geöffnet zu werden. Sein Vater war im Ausland und übertrug seinem Sohn die Verantwortung für den aufkommenden Papierkram. Des Weiteren bekam er ein Schreiben seines Vaters. Weckte es Erinnerungen in Kyren, als er eine Hochzeit zwischen den einflussreichsten Familien voranbringen wollte. Kyrens Ruf eilte jedoch voraus und hielt vorerst die Eheschließung fern. Andererseits gab es auch Familien, die sein Vater nicht mochte. Unter anderem stellte die Crusia Familie ein Ärgernis dar.
      Allzu lange würde Kyren jedoch nicht mehr bleiben, bis es ernst werden würde.
      Nachdem die Arbeit erledigt war und meist war Kyren einer der Letzten im Gebäude, ließ er sich zu seinem Haus fahren. Das Haus lag außerhalb des Stadtzentrums und war von Natur umgeben. Eine Möglichkeit für ihn, abzuschalten und die kurzen Ruhephasen zu genießen. Es war inzwischen spät geworden, wie an den meisten Tagen. Seine Haushälterin empfing ihn wie gewohnt. Er zog seine Schuhe aus und betrat mit unverändertem Gesichtsausdruck den Raum, in dem das Essen schon bereitstand. Er tauschte nicht viele Worte mit Hana aus.
      Sie kannte es jedoch und war schon lange nicht mehr darüber erstaunt, wie er war. Sein Haus im Grünen, das sich über zwei Etagen erstreckte, hatte im unteren Bereich die Küche und das Esszimmer. Hana hat ebenfalls ein eigenes Zimmer und ein zusätzliches Gästezimmer. Ebenso das Bad und einen weiteren Raum.
      Der Gärtner oder Lieferant kamen tagsüber nur einmal, wenn es notwendig war.
      Für gewöhnlich nahm Kyren ein Bad nach dem Essen und würde dann die Treppe hinauf in sein Schlafzimmer gehen.
      An diesen Abend trieb es den jungen Herren in den Garten, währenddessen Hana den Tisch abräumte. Die Nacht schien unruhig zu sein und der Wind nahm Kraft auf. Seine Aura dehnte sich aus und in der Dunkelheit waren nur vereinzelt Lichtquellen zu sehen. Sein Grundstück war für jeden zugänglich, es sei denn, die Person wollte dem Haus Schaden zufügen, wodurch ein Siegel aktiviert worden wäre. Kaum jemand fand sich allerdings hierher, und die anderen kannten den Eigentümer des Hauses.
      Als Kyren kurz davor war, wieder ins Haus zu gehen, äußerte er, etwas bemerkt zu haben. Als er sich dem Laut näherte, fand er kurz darauf einen leblosen Körper im Grünen. Skeptisch prüfte er für einen Augenblick die Umgebung, ehe er sich der unbekannten Person zuwandte. Nichts Böses war für ihn auf den ersten Blick zu erkennen, also nahm er sie auf den Arm.
      Er ging mit großen Schritten ins Haus zurück und rief Hana zu sich. „Hana!“, rief er fördernd und ließ den zierlichen Körper auf den Boden sinken. Kyren sah nun zum ersten Mal das Gesicht der Unbekannten und musterte ihren Körper. Nachdem Kyren die Verletzung an ihrem Bein wahrgenommen hatte, rief er: „Bring mir den Verbandkasten!“ Hana rannte und brachte ihm die Bandagen. Kyren wickelte sofort einen Verband um ihre blutende Wunde, um zu verhindern, dass sie noch mehr Blut verlor.
      Nachdem die ersten sichtbaren Wunden versorgt wurden, brachte Kyren sie ins Gästezimmer. Er übertrug Hana nun die Verantwortung mit den Worten „Kümmere dich um sie“ und wollte sich umziehen, da seine Kleidung blutverschmiert war. Abgesehen davon sollte Hana ihren Körper auf weitere Verletzungen überprüfen.
      Zwischenzeitlich nahm Kyren ein Siegel des Schutzes aus seinem Schrank und befestigte es an der Eingangspforte, um zu verhindern, dass jemand hinein- oder heraustrat.
      Wartend befand sich Kyren im Esszimmer und versank in Gedanken. Nach einiger Zeit kehrte Hana zu ihm zurück und erzählte ihm, wie es um die Fremde bestellt war. Sie gibt ihm zudem ein Tuch, das sie bei dem Fräulein gefunden hat. Kyren nahm es ihr ab und sah sich das Symbol an, das in das Tuch gestickt war.
      Nur zu gut erkannte er das Familienwappen, aber verzog dabei keine Miene. "Danke Hana. Informier mich, sobald sie wach ist." durfte Hana vorerst gehen und Kyren zog sich in sein Zimmer zurück.
      Anhand ihrer Verletzung ging Kyren nicht davon aus, das sie ihm oder seiner Familie hätte schaden wollen. Aber es wunderte ihm, weshalb eine Bedienstete solch ein Tuch bei sich trug. Das passte für ihn nicht ganz zusammen.
      Vorerst beließ er es dabei und legte sich schlafen, sofern er es konnte. Am nächsten Morgen würde er die Fremde zurede stellen.


    • Azaria war gefangen in einem fiebrigen Traum, aus dem es kein Entkommen zu geben schien. Alles um sie herum wirkte verschwommen, wie von einem Schleier umhüllt, und dennoch durchzogen von einer düsteren Intensität. Sie wusste nicht, was genau sie träumte, doch ihre Seele war beunruhigt. Es waren Bruchstücke aus ihrer eigenen Vergangenheit, die sich unaufhörlich wiederholten. Nur Fragmente, aber jedes einzelne davon trug das Gewicht ganzer Erinnerungen. Stimmen hallten wie aus weiter Ferne, Schatten flackerten auf, und irgendwo spürte sie einen dumpfen Schmerz, der sich wie ein Echo durch ihren benommenen Körper zog. Die Hitze, die sie umhüllte, machte es schwer, sich dagegen zu wehren. Es war, als würde sie langsam in sich selbst versinken.
      Sie konnte nichts tun, nichts sagen, nichts fühlen außer dieser sengenden Wärme, die gleichzeitig betäubte und quälte. Jeder Versuch, sich daraus zu befreien, blieb wirkungslos. Sie hatte keine andere Wahl, als sich dem Geschehen hinzugeben, sich fallen zu lassen in einen Strudel aus Fieber und Erinnerung, aus Hilflosigkeit und Müdigkeit.
      Als sie das nächste Mal die Augen öffnete, war ihre Sicht getrübt und die Welt um sie herum nur ein Flimmern. Ihre Gedanken wirkten wie durch Watte verpackt, unfassbar und unstet. Alles klang gedämpft, wie aus weiter Ferne. Dennoch nahm sie eine Decke über sich wahr, ein fremdes, leichtes Gewicht, das sich über ihre Schultern legte. Am Rand ihres Blickfeldes glaubte sie, eine Bewegung zu erkennen, doch sie konnte dem nicht folgen. Sie rang nach Luft, krallte sich an ihre Kleidung, ein leises Stöhnen entwich ihr, dann fiel sie wieder zurück in die Ohnmacht.
      Wie oft sich dieser Zustand wiederholte, wusste sie nicht. Es war ein Kreislauf aus Erwachen und Versinken, aus schwacher Wahrnehmung und schmerzhafter Dunkelheit. Immer wieder kehrte sie zurück, nur um erneut zu verschwinden. Doch auch dieser endlose Loop fand irgendwann sein Ende.
      Als sie erneut die Augen öffnete, war die Welt klarer, wenn auch in dunklen Farben getaucht. Ihr Körper fühlte sich schwer an, wie aus Stein gemeißelt. Keine Gliedmaßen wollten sich rühren, jede Bewegung schien unmöglich. Eine fremde Decke spannte sich über ihr Sichtfeld, und plötzlich kehrten die Erinnerungen zurück. Mit aller Wucht schlugen sie auf sie ein, wie eine kalte Welle gegen einen morschen Steg.
      Es war keine Einbildung gewesen. Die Stimmen, die Pläne, die Angst – alles war real. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen, ein brennender Stich fuhr durch ihre Brust. Ihre Nase begann zu kribbeln, Tränen stiegen ihr in die Augen, doch sie zwang sich, sie nicht freizulassen. Nicht jetzt. Noch nicht.
      Sie versuchte, den Kopf zu drehen, mehr von dem Raum zu erfassen, in dem sie sich befand, doch ihr Nacken gehorchte ihr nicht. Stattdessen entwich ihr ein leiser Seufzer. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so krank, so ausgeliefert gefühlt. Und je länger sie dort lag, desto mehr kroch der Schmerz in ihrem Bein wieder in den Vordergrund. Ein stechender, bohrender Schmerz, der ihr klarmachte, dass ihre Flucht Spuren hinterlassen hatte. Doch sie lebte.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Am frühen Morgen spürte Kyren das er eine unruhige Nacht hinter sich hatte. Ein Grund waren zerstreute Träume, die den gestrigen Vorfall wiederholten. Das Symbol der Crusia Familie und Flammen der Zerstörung drangen in sein Unterbewusstsein ein. Es handelte sich um unsortierte Fetzen, an die er sich noch erinnern konnte.
      Wie gewohnt zog er sich seine Uniform über und ging in die Küche. Dort traf er, wie erhofft auf Hana. Aufgrund des ungebetenen Gastes wollte er sich informieren, ob es Neuigkeiten gab. Außerdem ließ er Hana wissen, dass ein Schutzzauber auf dem Grundstück lag und sie heute bei der Fremden bleiben sollte. "Bleibe den Tag über hier und behalte die Fremde im Auge. Zusätzlich darf es nicht nach außen dringen, das sie bei uns ist." gab Kyren ihr die Anweisung.
      Den Grund weshalb das Mädchen auf sein Grundstück kam, wusste Kyren noch nicht. Hinzukam ihre Verletzungen, hatte sie etwas gestohlen oder wurde sie zu Unrecht verwundet? Die Umstände kannte er noch nicht und würde eine Erklärung von ihr Verlangen. Allerdings musste sie erst einmal zu sich kommen. Hana wusste nun Bescheid und er ging ins Esszimmer. Hana war eine der wenigen Personen, denen Kyren ein gewisses Vertrauen entgegenbrachte.
      Ungern hatte Kyren fremde Personen in seinem Haus. Insbesondere, wenn ihm ihre Identität nicht einmal bekannt war.

      Solange der junge Herr sich im Esszimmer aufhielt, ging Hana nochmals in das Zimmer des Fräuleins. Sie stellte neben dem Bett ein Tablet mit Tee, Wasser und Essen ab. Sie entfernte vorsichtig den Waschlappen von ihrer Stirn und tauchte ihn erneut in das frische Wasser, das in einer Schüssel neben dem Bett war.
      Anschließend nahm Hana die Pipette und ließ das Schmerzmittel in ihren Mund träufeln.
      Mit einer fürsorglichen Stimme begleitete Hana ihr Handeln, um dem Mädchen wissen zu lassen, was sie gerade tat. Auf Hana wirkte die Fremde noch sehr eingeschränkt und kränklich. Im Laufe des Tages würde Hana mehrere Male nach ihr sehen.

      In der Zwischenzeit verließ Kyren das Esszimmer und ging zur Tür des Eingangsbereichs. Er wartete dort auf Hana, um ihr zuzuhören, was sie zu erzählen hatte.
      Es schien, als sei der Gesundheitszustand des Mädchens noch ernst. Hana wurde die Verantwortung übertragen, und Kyren musste sich auf den Weg zur Militärstation machen.
      Kyren gab ihr noch etwas in die Hand. Er deutete das gefaltete Papier und sagte: „Wenn etwas ist, sag mir unverzüglich Bescheid!“
      Der junge Herr ließ Hana und die Fremde in seinem Haus zurück, während ihm ein mulmiges Gefühl beschlich. Er konnte nur hoffen, dass Hana richtig handelt.


    • Azaria versuchte, ihre Kräfte zu sammeln, doch ihr Körper fühlte sich wie gefesselt an. Sie konnte sich nicht frei bewegen, so sehr sie es auch wollte. Mit Mühe konzentrierte sie sich auf ihren Atem. Jeder Lufthauch war ein Kraftakt. Nach einigen Augenblicken gelang es ihr schließlich, sich langsam auf ihre Ellbogen zu stützen. Ihr Gesicht verzog sich vor Schmerz, als sie sich in eine aufrechte Position brachte und sich gegen das Bett lehnte. Erst jetzt, aus dieser neuen Perspektive, konnte sie das Zimmer genauer betrachten.
      Der Raum war geschmackvoll eingerichtet, schlicht, aber edel. Die Möbel waren aus dunklem Holz gefertigt, glatt poliert und wohlplatziert. Die Wände waren in warmen, ruhigen Tönen gehalten. Es war ein gemütlicher Raum, doch nichts darin verriet etwas über eine Persönlichkeit. Kein Bild, kein Gegenstand, der auf einen Bewohner schließen ließ. Es war vermutlich ein Gästezimmer. Azaria fragte sich, wo genau sie sich befand und wie sie hierhergekommen war.
      Mit einem zögerlichen Blick zur Seite entdeckte sie einen kleinen Tisch. Dort standen ein Glas Wasser, ein feuchtes Tuch, eine Kanne Tee und ein Teller mit etwas zu essen. Der Anblick rührte sie, obwohl sie keinen Hunger verspürte. Ihr Hals fühlte sich jedoch trocken an, als hätte sie Staub geschluckt. Ihre Arme schmerzten nicht direkt, doch sie spürte die bleierne Schwere in ihnen. An der Haut sah sie kleine, frische Kratzer – vermutlich von ihrem Sturz in der Nacht.
      Alles in ihr fühlte sich ausgelaugt an, leer. Sie wusste, sie musste zu Kräften kommen, bevor sie überhaupt daran denken konnte, Antworten zu suchen oder Pläne zu schmieden. Bis jetzt hatte sie nichts durchdacht. Sie war einfach gerannt. Fort, weg. Ohne Ziel, ohne Überlegung. Und für einen flüchtigen Moment bereute sie es. Wäre es vielleicht klüger gewesen, zu bleiben? So zu tun, als hätte sie nichts gehört, und sich im Stillen auf einen Ausweg vorzubereiten? Ob ihre spontane Flucht ein Fehler war, würde sich noch zeigen.
      Mit einem leisen Seufzer streckte Azaria die Hand aus und nahm das Glas Wasser vom Tisch. Sie stellte es sich auf den Oberschenkel und wollte einen Schluck nehmen, doch in dem Moment begannen ihre Arme zu zittern. Noch ehe sie das Glas an ihre Lippen führen konnte, öffnete sich abrupt die Tür. Der plötzliche Schreck und die Erschütterung durch ihre zitternden Glieder ließen das Glas aus ihrer Hand gleiten. Das Wasser ergoss sich über die Bettdecke. Azaria starrte fassungslos hinab, die Nässe breitete sich schnell aus.
      „Es tut mir leid,“ hauchte sie zitternd und versuchte, sich aufzurichten. Doch als sie Kraft in ihr Bein legte, durchzuckte ein heftiger Schmerz ihre Glieder. Eine ältere Frau trat schnell auf sie zu.
      „Bitte bleibt sitzen,“ sagte sie sanft.
      Azaria erschrak. In ihr regte sich sofort die Angst. Angst vor Tadel, vor Strafe, vor kalter Härte. Angst, dass man sie packen und ohne Zögern aus dem Bett zerren würde. Ihre Hände begannen erneut zu zittern, diesmal nicht vor Schwäche, sondern aus Furcht vor den Konsequenzen. Sie konnte es sich nicht leisten, jetzt hinausgeworfen zu werden. Nicht in diesem Zustand. Nicht bevor sie einen Plan hatte.
      „Bitte verzeiht mir. Es war keine Absicht. Ich werde mich sofort darum kümmern,“ stammelte sie hektisch und versuchte, mit zitternden Fingern die Decke zu ordnen. Doch ehe sie sich zu einer unklugen Handlung hinreißen konnte, schüttelte die Frau lächelnd den Kopf.
      „Macht Euch darüber keine Sorgen,“ sagte sie leise, fast liebevoll, während sie zu einem Schrank ging und eine frische Decke sowie einen neuen Bezug holte.
      Azaria schnürte es die Kehle zu. Ihr Herz klopfte laut gegen ihre Rippen, als würde es herausbrechen wollen. Sie wollte etwas erwidern, den Mund schon geöffnet, doch die Frau hob nur den Finger.
      „Ihr seid verletzt. Bitte bleibt liegen.“
      Azaria war sprachlos. Überwältigt von dieser Freundlichkeit, von der Ruhe und Fürsorge. Keine Vorwürfe, keine Strafen, keine abwertenden Worte. Kein Entzug von Nahrung, kein grobes Anfassen. Stattdessen nur Fürsorge. Sie wusste nicht, wie sie mit so etwas umgehen sollte. Also blieb sie still und beobachtete, wie die Frau die neue Bettdecke bezog.
      „Ich bringe Euch neues Wasser.“
      Bevor Azaria überhaupt einen Ton sagen konnte, war die Frau schon aus dem Zimmer und kam kurz darauf mit einem frischen Glas zurück. Sie reichte es ihr mit einem beruhigenden Lächeln.
      „Habt vielen Dank,“ flüsterte Azaria und senkte beschämt den Blick.
      „Nehmt das zu Euch. Es wird Euch mit den Schmerzen helfen,“ sagte die Frau und überreichte ihr eine Tablette zusammen mit dem Wasser.
      „Vielen Dank,“ murmelte Azaria und vermied es, ihr in die Augen zu sehen. Wortlos tat sie, worum sie gebeten wurde.
      „Darf ich nach Eurem Namen fragen?“
      Azarias Finger krallten sich in die Bettdecke. Sollte sie ihren wahren Namen nennen? Es wäre das Mindeste, als Zeichen der Dankbarkeit. Doch was, wenn man sie erkannte? Nein. Ihr Name war seit Jahren nicht mehr gefallen. Niemand nannte sie so. Sie war nur ein Schatten unter den Bediensteten.
      „Azaria,“ sprach sie leise. Der Klang ihres eigenen Namens war ihr fremd geworden. Es war lange her, dass jemand ihn zu ihr gesagt hatte.
      „Es freut mich, Euch kennenzulernen, Azaria. Mein Name ist Hana.“
      „Freut mich,“ erwiderte Azaria in einem Ton, der kaum lauter als ein Flüstern war. So sprach sie oft – leise, vorsichtig, als hätte jedes Wort Gewicht.
      „Habt Ihr mich gefunden?“ fragte sie dann endlich die Frage, die in ihrem Kopf umherschwirrte.
      Hana schüttelte sanft den Kopf. „Es war mein Meister Delacroix.“
      Der Name kam Azaria bekannt vor, doch sie konnte ihn nicht zuordnen. Etwas in ihr vibrierte bei dem Klang, aber ihr fiel nicht ein, woher sie ihn kannte.
      „Habt vielen Dank für Eure Hilfsbereitschaft,“ sagte sie und senkte leicht den Kopf zum Zeichen ihres Respekts.
      „Herr Delacroix ist derzeit nicht im Haus. Er wird später zurückkehren. Ruht Euch bis dahin aus.“
      Azaria nickte stumm. Sie musste diese Zeit nutzen, um ihre Gedanken zu ordnen. Sie hatte keine Ahnung, was nun auf sie zukam, aber eines war klar: Bis Delacroix zurückkehrte, musste sie einen Plan haben. Einen Weg, wie es für sie weitergehen sollte.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Die Autoindustrie befand sich noch in der Anfangsphase und sorgte dafür, dass die Menschen schneller an ihr Ziel kamen. Kyren steuerte ebenfalls eines dieser Fahrzeuge und bog auf das Gelände der Militärstation ein.
      Wie an jedem Morgen versammelten sich zu Beginn des Tages die Ausbilder und er in einen der Versammlungsräume.
      Vom gestrigen Vorfall ließ Kyren sich nichts anmerken, auch wenn er gelegentlich an die Unbekannte dachte. Zwar machte das Auto den Heimweg leichter, aber er würde dennoch gute zwanzig bis dreißig Minuten brauchen, um zu seinem Anwesen zu gelangen.
      Einige Minuten vergingen, bis die erwarteten Personen Platz nahmen. Niemand konnte es sich hier leisten, zu spät zu kommen, oder besser gesagt, sie trauten sich nicht. Auch hier war den Soldaten klar, dass Kyren niemanden eine zweite Chance gab.
      Die hinter seinem Rücken geführten Gespräche interessierten den jungen Herrn nicht. Im Training war es ihm genug, die Rekruten und Ausbilder zu schlagen. Er hatte bisher noch keinen Gegner gekannt, dem er mit Ehrfurcht begegnete.
      Der Reihe nach wurde gesprochen und es wurde über die neuen Ereignisse sowie denn Fortschritt der Neulinge berichtet. Die Gespräche dauerten unterschiedlich lange, von 30 Minuten bis zu 2 Stunden.
      Alle bis auf Aki verließen am Ende der Gesprächsrunde den Raum. Kyren forderte ihn auf zu bleiben,
      da er mit ihm etwas besprechen wollte.
      Abgesehen von seiner Haushälterin Hana, vertraute er Aki. Schließlich stand er in der Rangordnung direkt unter ihm. Würde Kyren bei einer Schlacht fallen, müsse Aki seinen Platz einnehmen.
      Wirkliche Freunde waren sie auch nicht. An der Seite von Kyren gab es keinen Platz für Freundschaften oder vergleichbare Beziehungen.
      Vermutlich besaß er ein kaltes Herz, welches nie geliebt wurde, oder es hatte einen völlig anderen Ursprung für seine Verhaltensweise.
      In jeder Familie gab es eine Gerüchteküche, wie auch bei der Familie Delacroix, ob nun adelig oder nicht.
      Als die Tür ins Schloss fiel, wandte Kyren sich mit seiner Frage an Aki: „Ich will, dass du herausfindest, ob es in letzter Zeit vermisste Personen oder Überfälle gegeben hat!“
      Aki nickte daraufhin verständnisvoll: „Ja wohl.“
      Aki erhielt mit einem knappen Handzeichen die Erlaubnis, sich aufzurichten und zu gehen. Kyren blieb noch einen Augenblick auf seinem Stuhl sitzen. Die Stadt war ebenfalls aufmerksam, vielleicht gab es Neuigkeiten über das unbekannte Mädchen. Ihre Kleidung ließ jedoch nicht darauf schließen, dass jemand sie vermissen würde. Die Bediensteten wurden, ähnlich wie Objekte, meist ausgetauscht.

      In den kommenden Stunden zog sich der Kommandant in sein Büro zurück und kümmerte sich um die Ordnung im Papierstapel.
      Keine Störungen kamen bei Kyren an, erst zum späten Nachmittag klopfte es an seiner Tür. „Herein!", antwortete Kyren auf das Klopfen.
      Es war Aki, der ohne etwas in der Hand zu seinem Schreibtisch ging.
      Er sah Aki an, der nun zu erzählen begann. Kyren konnte die genannten Ergebnisse jedoch nicht mit dem fremden Mädchen in Verbindung bringen.
      „In Ordnung, du kannst gehen“, nickte Kyren ab. Als Aki sein Büro verließ, senkte sich allmählich die Sonne am Himmel.
      Die letzten schwachen Sonnenstrahlen fielen durch das saubere Fensterglas. Sein Büro war einfach, aber qualitativ hochwertig eingerichtet.
      Bei Einbruch der Dämmerung beendete der junge Herr seine Arbeit und machte sich auf den Heimweg. Zu diesem Zeitpunkt war die Außenluft noch wohltuend warm. Aber allmählich neigte sich der Sommer seinem Ende entgegen.
      Er hatte immer noch keine Nachricht von Hana bekommen. Das konnte nur bedeuten, dass alles in Ordnung war oder dass er einen heimtückischen Dämon in sein Haus gelassen hatte.
      Als er näher heranfuhr, sah er zumindest keine Flammen. Er stellte das Auto ab und kontrollierte anschließend das Siegel an der Pforte. Alles befand sich an seinem Platz. Kyren öffnete die Eingangstür und zog seine Schuhe aus.
      Wie gewohnt erwartete der junge Herr von Hana begrüßt zu werden. Zunächst hörte er niemanden und wurde kurz stutzig, doch dann kam Hana schnell herbei und berichtete ihm von dem Tag.
      Schließlich wollte er hören wie es um den fremden Mädchen stand. „Nachdem Essen will ich sie sprechen“ ließ er Hana wissen und ging ins Esszimmer.
      Kyren konnte sich mit beruhigendem Gewissen ins Esszimmer setzen und überlegen, welche Fragen er hatte.
      Nach einigen Minuten richtete er sich auf und ging in Richtung Gästezimmer. Hana hatte seinen Weg bereits gekreuzt und dem Fräulein mitgeteilt, dass Kyren mit ihr sprechen wollte.
      Die Tür zum Gästezimmer war einen kleinen Spalt auf. Kyren trat in Uniform ein und sah, wie gewohnt, kühl und emotionslos aus.
      Wenn er Emotionen zeigte, waren es meist zornige Gesichtsausdrücke.
      Kyren musterte die Unbekannte und blieb zwei Meter vor ihrem Bett stehen.
      Hana betrat fast wie sein Schatten ebenfalls den Raum. Er schickte sie mit den Worten „Hana, lass schon einmal das Wasser ein.“ ins Bad. Er wollte ein Einzelgespräch mit ihr.
      „Wie heißt du?“, fokussierten seine dunklen Augen ihr Gesicht. Selbst die kleinste Regung würde er registrieren. Er begegnete ihr mit großer Skepsis und hatte eine herablassende Haltung.


    • Hana blieb nicht lange bei ihr. Sie setzte sich nicht, sprach kaum ein Wort, sondern beobachtete nur schweigend, wie Azaria zu essen begann. Doch Azaria aß nicht alles auf, nur etwa die Hälfte der ohnehin kleinen Portion. Nicht, weil es ihr nicht schmeckte – das war es nicht. Vielmehr war sie es gewohnt, mit sehr wenig auszukommen. Auf dem Anwesen hatte sie stets nur die wenigen Reste bekommen, die übrig blieben. Von diesen kümmerlichen Mahlzeiten hatte sie sich ernähren müssen. Es war der Grund, weshalb ihr Körper so schwach und ausgezehrt war.
      Hana hatte ihr kurz einen prüfenden Blick zugeworfen, aber kein Wort darüber verloren. Still verließ sie das Zimmer und ließ Azaria alleine zurück. Diese wusste ohnehin nicht, was sie ihr hätte sagen sollen. Sie brauchte Zeit. Zeit, um einen Plan zu schmieden, um sich überhaupt klar zu werden, was nun geschehen sollte. Noch nie zuvor hatte sie sich in einer solchen Situation befunden. Sie war ungeübt im Umgang mit der Welt außerhalb der Mauern, in denen sie gelebt hatte. Sie hatte sich nie mit solch komplizierten Dingen auseinandersetzen müssen. Nun war sie völlig orientierungslos.
      Die Welt draußen war ihr fremd. Sie wusste nicht, wo sie war, wie sie dort überleben sollte oder wohin sie gehen könnte. Man würde nach ihr suchen. Und sie konnte sich vorstellen, dass sie nirgends wirklich sicher wäre. Sie hatte kein Geld, keine Kontakte, niemanden, der ihr helfen könnte. Der einzige Ort, der im Moment einen Hauch von Sicherheit bot, war genau dieser. Doch Azaria konnte nicht ewig auf die Güte fremder Menschen hoffen. Sie konnte nicht verlangen, bleiben zu dürfen. Man hatte ihr stets gesagt, dass ihre Anwesenheit unerwünscht sei. Dass sie nicht ansehnlich war. Dass sie jeden Raum verdüsterte, in dem sie sich befand.
      Dennoch fiel ihr kein besserer Ausweg ein. Während sie gedanklich nach Möglichkeiten suchte, legte sie sich wieder hin und begann, sich die verschiedensten Szenarien auszumalen. Diese Gedanken erschöpften sie so sehr, dass sie erneut in einen unruhigen Schlaf fiel.
      Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, als sie schließlich wieder aufwachte. Der Schlaf hatte keinen Unterschied gemacht – weder an ihrer Verfassung noch an ihrer Klarheit. Noch immer hatte sie keine Idee, was sie tun sollte. Und selbst jetzt, da sie bei Bewusstsein war, konnte sie nicht sicher sein, ob sie nicht doch bald fortgeschickt würde. Sie musste sich dringend etwas überlegen. Doch Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft waren Konzepte, die sie nicht kannte. Sie waren ihr fremd.
      In ihren Gedanken versunken, bemerkte sie kaum, wie Hana erneut das Zimmer betrat. Diese teilte ihr mit, dass der Hausherr zurückgekehrt sei. Azaria blickte aus dem Fenster und stellte erstaunt fest, wie spät es bereits war. Der Schlaf hatte sich viel zu kurz angefühlt, als dass so viel Zeit vergangen sein konnte.
      Der Herr des Hauses wolle mit ihr sprechen.
      Ein Ruck ging durch ihren Körper. Augenblicklich wurde sie nervös. Ihre Gedanken überschlugen sich. Wie mochte dieser Herr Delacroix sein?
      Verstehend nickte Azaria Hana zu und richtete die Decke auf ihrem Schoß. Sie nahm vorsichtig ihre Beine in die Hände und schob sie langsam über die Bettkante. Das Sitzen bereitete ihr kaum Probleme, doch an Aufstehen war nicht zu denken. Ihr Körper gehorchte ihr noch immer nicht.
      Mit einem rasenden Herzen, feuchten Handflächen und einem angespannten Blick faltete sie ihre Hände in ihrem Schoß und wartete auf die Ankunft des Mannes. Sie hörte ihn, noch bevor sie ihn sah – sein Schritt war ruhig, aber bestimmt. Azaria hatte sich einst darin geübt, selbst die leisesten Schritte zu erkennen, aus Angst vor den Schikanen der anderen. Diese Fähigkeit hatte ihr oft geholfen, sich rechtzeitig zu verstecken.
      Als sie den Blick hob, sah sie ein unbewegtes Gesicht. Sein Ausdruck war ruhig, fast undurchdringlich. Azaria war gut darin, Menschen zu lesen. Ihre Umgebung war voller Gefahren gewesen – sie hatte lernen müssen, aus Blicken und Gesten abzuleiten, was ihr drohen könnte. Doch das Gesicht des Mannes offenbarte nichts. Kein Zorn, keine Milde, keine Neugier. Nichts. Und das verunsicherte sie mehr, als es ein harscher Blick je vermocht hätte.
      Sie senkte schnell wieder den Blick. Zu ihrem Schrecken bat er Hana, den Raum zu verlassen. Damit verschwand das Einzige, was ihr an diesem Ort bislang Trost gespendet hatte.
      Azaria saß still da. Ihr Herz schlug schnell, ihr Körper blieb reglos. Sie wartete auf seine Worte, doch es kam lediglich eine schlichte Frage: Wie sie heiße.
      Sollte sie ihm ihren vollen Namen nennen?
      Ihre Familie hatte ihr nie das Recht gegeben, sich als Crusia zu bezeichnen. Für sie war sie nur „du da“ oder „Ding“. Ihr einziger Name war der, den niemand aussprach. Und dennoch war er das Letzte, was sie besaß.
      „Azaria“, antwortete sie leise, den Blick weiterhin gesenkt.
      Sie kannte ihn nicht, doch sie spürte seine Präsenz deutlich. Etwas an ihm war autoritär, beinahe einschüchternd. Als könne er jede Lüge durchschauen, jedes Versteckspiel aufdecken. Und dennoch zeigte sein Gesicht keine Spur von Gefühl, kein Urteil, kein Mitgefühl.
      Das ließ Azaria unsicher zurück. Wenn sie einen Ausdruck erkennen konnte, wusste sie wenigstens, worauf sie sich vorbereiten musste. Doch so tappte sie im Dunkeln.
      Sie wagte es nicht, zurückzufragen. Der Respekt – oder besser: die Angst – saß zu tief. Er war der Herr des Hauses. Und sie hatte gelernt, keine Widerrede zu leisten, keine Fragen zu stellen, sondern einzig zu tun, was man von ihr verlangte.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Kyren vernahm ihren Namen, ob sie die Wahrheit sprach, war ihm unklar. Im Endeffekt hatte er nur das Tuch mit dem Zeichen. Abgesehen davon gab es keine Hinweise, die etwas über ihre Identität verrieten.
      Ihre Haltung und das äußere Erscheinungsbild entsprachen dem einer Dienerin. Der gefallene Name weckte auch keine Erinnerungen hervor.
      "Was hast du mit der Crusia Familie zu tun? Gehörst du zu ihren Bediensteten?" fragte Kyren weiter und versuchte, irgendetwas Nützliches aus ihrem Mund zu bekommen.
      Er ballte seine Hände zu Fäusten, bevor sie antworten konnte. „Diese Crusia Familie kann ich nicht ausstehen!“ Seine Stimmung änderte sich und er wirkte erzürnt.
      „Solltest du hier sein, um mich auszuspionieren oder mir Gift ins Essen zu mischen…!“ drohte Kyren ihr und sah sie mit finsterem Blick an. Seine Abneigung gegenüber der Crusia Familie hatte ihren Ursprung bei einer Feier. Der Auslöser war natürlich sein Vater, der es liebte, mit anderen Familien zu konkurrieren.
      „Dann empfehle ich dir, mir umgehend einen stichhaltigen Grund zu nennen, warum ich dich verletzt auf meinem Grundstück angetroffen habe!“ verlangte der junge Herr eine aussagekräftige Antwort, die seine Mutmaßung widerlegen.
      Andernfalls würde er sie unverzüglich hinauswerfen oder in einen Raum mit einer magischen Barriere einsperren.
      Bedauerlicherweise verfügte er nicht über die Fähigkeiten, um ihre Gedanken zu lesen. Auch das Talent der Traumsicht wurde ihm nicht vererbt.
      Sein Vater hätte verlangt, dass er alle Fähigkeiten erlernt und beherrscht, doch manche übernatürliche Kräfte konnten nur vererbt werden.
      Trotz allem verfügte Kyren über eine unvorstellbare Kraft, die er kontinuierlich weiter trainierte.
      Der junge Herr wartete noch auf ihre Antwort. Es kam darauf an, was sie sagen würde. Kyren würde entweder vorläufig ins Bad verschwinden oder sie direkt an der Kehle packen.

      Hana war inzwischen im Bad und ließ heißes Wasser in die Wanne einlaufen. Der Dampf trat durch den kleinen Spalt am Fenster aus und vermischte sich mit der Luft draußen. Der Wind fegte über das Dach und weiter über die Baumkronen der Stadt.
      In einem anderen Haus gingen die Lichter allmählich aus, und mit ihnen verstummten die Gerüchte. Vorläufig jedoch, falls die Gespräche der Bediensteten in den folgenden Tagen fortgesetzt werden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Außenstehende bemerkten, was im Inneren der Crusia Familie fehlte.


    • Es wunderte Azaria nicht, dass er auf die Idee kam, sie könnte eine Bedienstete sein, oder sie zumindest gefragt hatte, ob sie eine sei. Ihre Kleidung war weder hochwertig noch gepflegt, und auch ihr Auftreten entsprach kaum dem einer Angehörigen einer wohlhabenden Familie. Und ganz Unrecht hätte er nicht, wenn sie es bestätigt hätte. Denn obwohl sie den Namen Crusia trug, wurde sie wie eine einfache Dienstmagd behandelt. Sie übernahm alltägliche Aufgaben, wurde gemieden und war seit dem Tod ihrer Mutter nicht mehr Teil der Familie gewesen.
      Die Art, wie er mit ihr sprach, erinnerte mehr an ein Verhör als an ein höfliches Gespräch. Das setzte Azaria unter Druck und machte sie nervös. Auch wenn sie jahrelang harte Worte über sich hatte ergehen lassen müssen, bedeutete das nicht, dass sie immun dagegen war. Sein strenger Ton und die offene Abneigung gegenüber der Familie Crusia verunsicherten sie nur noch mehr. Sie fragte sich, was ihn zu einer solch ablehnenden Haltung trieb. Wenn sie in seinen Augen eine Dienerin der Crusia-Familie war, würde er sie wohl kaum in seinem Haus behalten wollen.
      Doch wie kam er überhaupt auf Crusia? Sie hatte sich ihm gegenüber nicht mit diesem Namen vorgestellt. Dann fiel ihr das Familienwappen ein, das sie noch bei sich trug. Es musste ihm aufgefallen sein. Das erklärte seine Reaktion.
      Als er das Wort „Vergiftung“ erwähnte, konnte sie nicht anders, als die Stirn leicht zu runzeln. An so etwas hatte sie nie gedacht. Der Gedanke, sich selbst zu verletzen, nur um jemanden zu vergiften, erschien ihr vollkommen absurd. Doch was wusste sie schon? Sie war nie mehr als die übersehene Tochter eines Hauses gewesen, das sie längst verstoßen hatte.
      Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie kurz zu ihm aufblickte. Sein Blick war scharf, durchdringend und feindselig. Sie wollte fast zusammenzucken. Schließlich fragte er nach dem Grund für ihre Verletzungen. Azaria wusste nicht, wie sie ihm das erklären sollte, ohne zu viel preiszugeben. Sie hatte Angst, dass er sie sofort hinauswerfen würde.
      Verunsichert und nervös verschränkte sie die Finger fest ineinander. Auch wenn sie nun die Wahrheit aussprach, war sie sich nicht sicher, ob das die richtige Entscheidung war. Trotzdem wagte sie es.
      „Ich habe gehört, wie man mich verkaufen wollte. Ich bin weggerannt, und man hat es bemerkt“, sagte sie leise, den Blick gesenkt.
      Es war keine Lüge. Man hatte sie tatsächlich durch eine arrangierte Heirat loswerden wollen. Vielleicht war es eine weiße Lüge, weil sie nicht alle Details nannte, doch sie konnte es nicht anders beschreiben. Wenn sie das Wort „Heirat“ ausgesprochen hätte, hätte er womöglich gefragt, warum man eine einfache Bedienstete verheiraten wollte. Und auf diese Frage hätte sie keine Antwort gewusst.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Kyren hörte ihre schwache Stimme und blickte noch einen Augenblick auf ihren zerbrechlichen Körper hinab.
      Ob ihre Aussage stimmte, war nun dahin gestellt. Der junge Herr beließ es dabei und ersparte sich sein Kommentar.
      Nichts sagend wandte sich Kyren von ihr ab und ging zur Tür hin. "Es wird sich zeigen, ob du die Wahrheit gesagt hast. Morgen sehen wir weiter." waren an diesem Abend seine letzten Worte an Azaria.

      Der junge Herr begab sich ins Bad und wollte ein weiteres Mal mit Hana reden. „Behalte sie im Auge, vergiss das nicht!“ wiederholte er sich. „Wenn sie wieder zu Kräften kommen wird, werde ich entscheiden, was mit ihr passiert.“
      Wie gewohnt nickte seine Haushälterin verständnisvoll. Letzten Endes könnte es auch für sie riskant werden, falls Azaria böse Absichten hegt.
      Kyren tauchte ins warme Wasser ein und grübelte noch eine Weile. Daraufhin begab er sich in sein Zimmer und schloss die Tür ab. Und wieder einmal zeigte sich, dass er fast niemandem vertraute. Unabhängig von Verletzungen gab es immer gute Schauspieler. Im Schlaf erstochen zu werden war nicht gerade der Abgang, den sich Kyren vorgestellt hatte.

      Hana reinigte im Anschluss das Bad und ging mit einer Waschschüssel und Stofftüchern ins Zimmer von Azaria. „Hier, du kannst dich waschen, wenn dir danach ist." bot sie der Fremden an und stellte die Sachen auf den freien Tisch.
      „Das Bad ist zwei Türen weiter, aber ich bin mir nicht sicher, ob du es schon schaffst.“ Hana warf ihr einen kurzen Blick zu. „Ich weiß, der junge Herr hat seine ganz besondere Art... Aber ich wohne hier schon einige Jahre, und mir geht es sehr gut.“ Klang es, als wolle sich Hana für Kyrens Verhalten entschuldigen.
      „Er arbeitet hart und möchte für seine Familie nur das Beste. Wenn du dich gut machst, hast du vielleicht Glück und darfst bleiben."
      Hana kannte nicht alle Einzelheiten, vermutete jedoch, dass Azaria kein gutes Zuhause hatte. Wenn dem nicht so wäre, hätte sie schon die Frage danach gestellt oder es wäre aufgefallen, dass sie fehlt?
      Im Augenblick zählte nur das ihre Verletzungen verheilten. Den Hana ging vom Guten in ihr aus.
      Hana schenkte ihr ein kurzes Lächeln und ging zum Nachttisch, um das Tablet mitzunehmen, nur das Glas Wasser und die Früchte ließ sie bei ihr.
      „Brauchst du sonst noch irgendetwas?“ Sie warf Azaria einen fragenden Blick zu. Ansonsten hätte Hana es ihr gebracht und wäre danach ebenfalls ins Bett gegangen.
      Hana kannte die kühle Art des jungen Herrn, da sie bereits seit einigen Jahren hier lebte. Zunächst war es auch für sie fremd und ungewohnt. Doch im Laufe der Zeit gewöhnte sie sich daran und hatte nie Schläge oder Ähnliches bekommen.

      Kyren lag in seinem großen Bett und hielt seine Augen noch geöffnet. Seine Vorhänge waren beiseite gezogen, und das Licht des Mondes spendete ein schwaches Leuchten.
      Er durchdachte die Situation, was Azaria ihm geantwortet hatte. Es könnte schon sein, dass sie verletzt wurde, als sie versuchte zu fliehen.
      Aber dass noch niemand den Vorfall gemeldet oder davon Kenntnis genommen hatte, machte ihn stutzig.
      War ihr Wert nicht hoch genug, um sie zurückhaben zu wollen? Hatte sie ihre Arbeit nicht gründlich genug erledigt? Oder lag ein ganz anderer Grund vor, warum man sie zum Sterben zurückgelassen hatte? Jedenfalls schien es so.
      Wäre Azaria nicht von ihm mitgenommen worden, hätte sie möglicherweise ihre Verletzungen nicht überlebt.
      Oder wurde Kyren in die Irre geführt und seine Wahrnehmung manipuliert?
      Auf jeden Fall gab es mehrere Optionen, die er nicht ausschließen konnte. Eins stand fest, er benötigte mehr Zeit, und sollte Azaria versuchen abzuhauen, würde der Schutzzauber sie daran hindern.


    • Azaria wartete gespannt auf die Antwort des Herren. Ihr Atem ging flach, ihre Nerven lagen blank. Würde er sie hierbleiben lassen? Oder würde er sie auf der Stelle aus dem Anwesen werfen, allein gelassen mit ihrer Wunde? Erst als er sich von ihr abwandte, traute sie sich, den Blick zu heben und konnte erleichtert ausatmen. Er würde sie nicht hinauswerfen. Zumindest nicht vorerst. Mit einem Mal spürte sie, wie all ihre Kraft aus ihrem Körper wich, und sie fiel erschöpft nach hinten auf das Bett. Sie war derart angespannt gewesen.
      Azaria setzte sich wieder auf, als Hana das Zimmer betrat, diesmal mit etwas in den Händen. Sie hatte ihr Dinge gebracht, die ihr beim Waschen helfen würden. Dankbar neigte Azaria den Kopf und nahm die Sachen entgegen. Sie wollte sich ein wenig frisch machen. Schließlich wollte sie nicht unangenehm riechen und zumindest einen guten Eindruck hinterlassen.
      Überrascht sah sie Hana an, als diese begann, positiv über Herrn Delacroix zu sprechen. Damit hatte Azaria nicht gerechnet. Vielleicht sprach sie so über ihn aus Pflichtbewusstsein, doch ihre Worte klangen aufrichtig. Es fiel Azaria dennoch schwer, in seiner Stimme Wärme oder Sanftmut zu erkennen. Aber Hana vermittelte tatsächlich einen sicheren, fast vertrauten Eindruck. Vielleicht steckte mehr dahinter, als man auf den ersten Blick vermutete.
      Azarias Aufmerksamkeit wurde geweckt, als Hana sagte, sie könnte vielleicht bleiben, wenn sie sich gut anstellte. Sie wusste nicht, ob sie dazu in der Lage war, aber ein strenger Herr war ihr allemal lieber als die Hölle, aus der sie geflohen war. Hana machte nicht den Eindruck, als würde sie geschlagen. Im Anwesen jedoch wurden nur wenige verschont, und meist war Azaria es gewesen, die die Strafen ertragen musste.
      Vielleicht war es das wert. Vielleicht sollte sie wirklich ihr Bestes versuchen. Alles war besser, als allein in der fremden Außenwelt auf der Flucht zu sein, ohne Geld, ohne Ziel. Dankend nickte sie Hana zu und schüttelte leicht den Kopf, als diese fragte, ob Azaria noch etwas brauchte.
      „Nein, vielen Dank“, sagte sie leise und sah zu, wie Hana das Zimmer wieder verließ.
      Azaria atmete tief durch und begann sich vorsichtig zu entkleiden. Jeder Handgriff fiel ihr schwer. Mit den feuchten Stofftüchern wusch sie sich langsam und vorsichtig, biss dabei immer wieder die Zähne zusammen. Der Schmerz war deutlich spürbar, doch es war besser, wenn sie es selbst machte. Sie wollte nicht, dass jemand ihre blauen Flecken sah, nicht die Spuren der Gewalt, die noch immer ihren Körper zeichneten. Als sie sich soweit gereinigt hatte, erneuerte sie den Verband, eine mühsame, aber notwendige Prozedur.
      Schließlich legte sie sich wieder ins Bett und starrte an die Decke. Der Tag lief in Gedanken noch einmal vor ihr ab. Obwohl sie nicht viel getan hatte, war alles ereignisreich genug gewesen. Wie lange würde sie ans Bett gebunden sein? Würde sie es schaffen, im Anwesen bleiben zu dürfen?
      Morgen, nahm sie sich vor, sollte sie versuchen, Hana ein wenig zu helfen. Sie konnte sich nicht vorstellen, den ganzen Tag nur im Bett zu liegen. Das war ihr fremd. Seit Jahren war sie es gewohnt, ständig auf den Beinen zu sein, zu arbeiten, zu gehorchen. Ausruhen hatte nie zu ihrem Alltag gehört. Sie wachte meist immer dann auf, bevor die Sonne ihre Strahlen auf die Erde warf.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Am frühen Morgen verließ Kyren das Haus und hinterließ Hana einen Zettel.
      Auf dem Zettel war vermerkt, dass er schon unterwegs sei und dass Hana an diesem Tag im Haus bleiben solle. Im Wesentlichen gab es keine Veränderung zum Vortag, abgesehen davon, dass Kyren früher unterwegs war als üblich.

      Sein frühes Aufbrechen begründete sich darin, dass er einen Umweg zur Arbeit nahm, um an der Bäckerei anzuhalten. Dort nahm er sich nicht nur etwas zum Frühstück mit, sondern erkundigte sich, ob eine Azaria hier bekannt sei.
      Erhielt der junge Herr von den Verkäuferinnen lediglich ein Kopfschütteln.
      Ohne neue Informationen sah Kyren noch einmal bei der Polizei vorbei, um zu prüfen, ob bei den Vermisstenanzeigen ein Foto von Azaria vorhanden war. Aber auch an dieser Stelle war ihm kein Erfolg vergönnt.
      Kyren fuhr ohne Umwege zur Militärstation und setzte sich an seinen Schreibtisch.

      Mittlerweile hatte Hana den Zettel vorgefunden und legte ihn beiseite. Als Erstes klopfte sie an die Zimmertür von Azaria. „Ist alles in Ordnung?“, wollte sie nur sicherstellen, dass es ihr gut ging.
      Je nachdem, wie sie reagierte, würde Hana entweder in ihr Zimmer gehen oder sich der täglichen Arbeit im Haus zu wenden.

      Vor dem Schreibtisch verstrichen die ersten Stunden, bis sich die Tür mit einem Klopfen öffnete und die tägliche Post überreicht wurde.
      Unter den Briefen befand sich sein Familienwappen und das konnte nichts Gutes bedeuten. Mit Skepsis öffnete Kyren den einen Brief und war sich bereits bewusst, dass er von seinem Vater stammte.
      Seine Augen überflogen die geschriebenen Zeilen und sein unwohles Gefühl bestätigte sich. Aus Frust über die Mitteilung seines Vaters schmiss er den Brief achtlos weg.
      Kyren war sich in seinem Unterbewusstsein klar, dass er sich seiner Pflicht nicht ewig entziehen konnte, aber es schwarz auf weiß zu lesen machte ihn wütend.
      Er konnte nicht länger in diesem Raum bleiben und eilte hinaus auf den Trainingsplatz, um sich abzureagieren. Da sein Vater in ein paar Wochen zu Besuch erscheinen würde, um über die Zukunft zu sprechen, die unter anderem eine Heirat umfasste.


    • Azaria war bereits wach, lange bevor Hana an der Tür klopfte. Sie war aufgewacht, als die ersten zarten Sonnenstrahlen das Zimmer streiften. Alte Gewohnheiten ließen sich nicht über Nacht ablegen, auch nicht durch Verletzungen oder Erschöpfung. Ihr Körper reagierte auf das Licht, wie er es immer getan hatte.
      Langsam hatte sie sich aufgesetzt, mit einem leisen Zucken im Gesicht, als der Schmerz sich wieder meldete. Doch sie stellte überrascht fest, dass sie etwas besser geschlafen hatte als in der Nacht zuvor. Es war kein tiefer, erholsamer Schlaf gewesen, doch es war besser als nichts. Die Schmerzen blieben, und ihre Beweglichkeit war weiterhin eingeschränkt.
      Trotzdem konnte sie nicht einfach nur daliegen. Also begann sie, so gut es ging, das Bett zu richten. Die Bewegungen waren langsam, jeder Griff kostete Kraft, und aus fünf Minuten wurden zehn. Doch am Ende war sie zufrieden mit dem Ergebnis. Danach wusch sie sich erneut, soweit es möglich war, und ordnete die benutzten Tücher sorgfältig.
      Jetzt saß sie da, frisch gewaschen, das Bett gemacht, die Stoffe ordentlich zusammengelegt. Sie hatte nichts mehr zu tun. Gedankenverloren blickte sie vor sich, ließ den gestrigen Tag Revue passieren und auch die Zeit davor. Doch wie schon am Vortag kam ihr keine Idee, was sie tun sollte. So blieb ihr nur, an Hanas Worte zu denken: Ihr Bestes geben und darauf hoffen, dass Herr Delacroix ihr eine Chance geben würde. Sie würde alles auf sich nehmen, nur um nicht wieder in die Außenwelt zurück zu müssen.
      Als es an der Tür klopfte, zuckte sie leicht zusammen, aus ihrer Stille gerissen.
      „Ja?“, rief sie leise, aber hoffentlich deutlich genug, dass Hana sie hören konnte.
      Tatsächlich öffnete sich die Tür kurz darauf, und Hana trat ein. Sie erkundigte sich nach Azarias Zustand.
      „Etwas besser“, antwortete Azaria ebenso leise. Es war nicht gelogen, aber auch keine wirkliche Wahrheit. Ihr Zustand hatte sich nicht grundlegend verbessert. Hana fragte, ob sie etwas frühstücken wollte, doch Azaria schüttelte den Kopf. Der Appetit fehlte ihr.
      Als Hana sich schon umdrehen wollte, hob Azaria instinktiv die Hand. Ihr Mund öffnete sich, doch sie brachte kein Wort heraus. Langsam ließ sie den Arm wieder sinken und schloss den Mund.
      Was sollte sie überhaupt sagen? Dass sie sich nutzlos fühlte, weil sie nicht helfen konnte?
      „Ist es möglich, zu helfen? Auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist?“, fragte sie schließlich, ihre Stimme etwas fester, aber von Unsicherheit begleitet. Sie sah Hana direkt an, dann senkte sie leicht den Blick und versuchte ein schmales Lächeln. Es war zaghaft, aber ehrlich.
      Sie musste etwas tun. Etwas, das ihr das Gefühl gab, gebraucht zu werden. Nur so konnte sie verhindern, sich selbst vorzuwerfen, sie hätte nicht alles versucht, um zu bleiben.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Hana hielt kurz inne und dachte über etwas nach. „Ist gut.“ Sie nickte kurz und ging los.
      Hana kehrte nach einem kurzen Moment zu Azaria zurück und stellte ihr Krücken gegen das Fußende des Bettes.
      Im nächsten Augenblick zog sie eine Liste hervor. „Früher hatte ich diese Liste einmal erhalten. Um sicherzugehen, dass ich nichts vergesse und mich an die Regel halte, wie auch immer. Sieh dir die Liste an und denk darüber nach, welche Aufgaben du bereits übernehmen könntest."
      Die Liste enthielt die auszuführenden Tätigkeiten und deren erforderliche Häufigkeit. Ob es einmal täglich, wöchentlich oder monatlich ist. Des Weiteren gibt es die Vorschrift, dass nur Kyren Zugang zu dem einen Zimmer im Obergeschoss hat.
      Selbst Hana wusste nicht, was sich hinter der Tür verbarg. Die Tür war sicherlich abgeschlossen, aber ob Magie oder etwas anderes dahintersteckte, wusste man nicht.
      Über die Jahre hatte sie die Liste aufbewahrt, obwohl sie nicht mehr benötigt wurde. Jetzt war sie allerdings durchaus nützlich, und Azaria konnte sich selbst einen Überblick verschaffen. "Mach dich mit allem vertraut, außer mit der oberen Etage; dort solltest du noch nicht hinaufgehen.“ klang es besorgt von Hana, die schließlich nickte. „Gut, dann schauen wir mal.“ wollte sie sich an die Arbeit machen. Azaria durfte in ihrem eigenen Tempo starten und die Zimmer zu inspizieren, um alles zu entdecken.

      Kyren verausgabte sich auf dem Trainingsfeld und verweilte noch einen Moment im Freien.
      Eine schwarze Feder, die der Wind mit sich brachte, sank vor seinen Füßen langsam zu Boden.
      Er nahm die Feder, auf die sein Blick unweigerlich fiel, gezielt auf. Kyren richtete seinen Blick auf die Feder, drehte sie zwischen den Fingern.
      Zu diesem Zeitpunkt war er sich sicher, wer der Absender der Botschaft war. Er ließ die Feder in seiner Hand verbrennen und warf noch einen Blick über das Feld, bevor er erneut hineinging.
      In den nächsten Stunden wurde die Arbeit fortgesetzt, und wie so oft am späten Abend machte sich Kyren auf den Weg zu seinem Anwesen.
      Der junge Herr mochte Strukturen und lehnte Überraschungen ab. Ein warmes Bad und etwas zu essen würden ihm Freude bereiten, auch wenn er dabei nicht lächeln würde..
      Nachdem er die Magiebarriere durchschritten hatte, ging er zur Tür hin und betrat sein vertrautes Heim wieder.


      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Mau♥Mau ()

    • Neugierig wartete Azaria auf Hanas Rückkehr und war ein wenig überrascht, als diese mit einer Liste in der Hand erschien. Sie hatte mit etwas anderem gerechnet, einem Gegenstand vielleicht, aber sicher nicht mit einem Blatt Papier. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass es sich um eine Aufstellung der Aufgaben handelte, die in diesem Haus regelmäßig zu erledigen waren, einschließlich der Häufigkeit, mit der sie durchgeführt werden sollten.
      Die Tätigkeiten waren alltäglich, nicht viel anders als jene, die Azaria früher zu Hause übernehmen musste: wischen, fegen, kochen, sich um Pflanzen kümmern, Staub entfernen. Nichts wirkte zu kompliziert oder ungewöhnlich. Doch trotz ihrer Motivation konnte Azaria nicht alle dieser Aufgaben ausführen. Ihre Wunde machte ihr noch immer zu schaffen, langes Stehen oder Gehen war für sie kaum möglich, nicht einmal einen Schritt wagte sie ohne Zögern.
      „Habt ihr vielleicht eine Krücke, die ich benutzen könnte?“, fragte sie leise, beinahe schüchtern, und fügte schnell hinzu: „Nur, damit ich besser helfen kann… Entschuldigt, wenn das zu viel verlangt ist.“ Hitze stieg ihr ins Gesicht. Es fiel ihr schwer, um etwas zu bitten, zu oft hatte man sie dafür bestraft oder getadelt. Doch diesmal wollte sie nicht zur Last fallen, sondern ein Teil der Gemeinschaft sein, jemand, der helfen konnte.
      Hana überlegte kurz, dann nickte. „Ich sehe nach, ob wir etwas Passendes haben.“
      Während Hana das Zimmer verließ, betrachtete Azaria nochmals aufmerksam die Liste und prägte sich ein, welche Aufgaben sie übernehmen konnte und welche besser nicht. So sehr sie auch den Drang verspürte, alles auf sich zu nehmen, musste sie realistisch bleiben. Wenn sie sich überanstrengte und dadurch in einen schlechteren Zustand geriet, würde sie letztlich nur mehr zur Last fallen, und genau das wollte sie vermeiden.
      Nach einer Weile kehrte Hana zurück, in der Hand eine Krücke, zumindest etwas, das als solche durchgehen konnte. Sie wirkte weder besonders stabil noch neu, aber sie würde genügen.
      „Das ist leider alles, was ich finden konnte. Vielleicht hilft sie dir trotzdem.“
      „Das ist mehr als genug“, antwortete Azaria leise und nahm das Hilfsmittel dankbar entgegen. Vorsichtig stand sie auf einem Bein und setzte den verletzten Fuß behutsam auf den Boden. Der Schmerz durchzuckte sie, doch mit Hilfe der Krücke konnte sie langsam humpelnd gehen.
      „Ich wollte das Abendessen vorbereiten. Wenn du magst, kannst du dich dazusetzen“, schlug Hana vor.
      Azaria nickte sofort. Sie wollte es, sie konnte nicht noch länger untätig in diesem Zimmer bleiben. Das Gefühl der Nutzlosigkeit nagte an ihr, ebenso wie die Einsamkeit und das Bedürfnis, ihren Wert unter Beweis zu stellen. Wenn sie helfen konnte, würde sie es tun.
      Mühselig folgte sie Hana in die Küche und nahm dort Platz. Sie übernahm das Schälen und Schneiden, einfache Arbeiten, aber für sie ein wichtiger Schritt. Gemeinsam kamen sie zügig voran. Hana bedankte sich bei ihr, woraufhin Azaria nur scheu die Hände hob, ihre Lippen aufeinanderpresste, um ein Lächeln auf irgendeine Weise nachzuahmen.
      „Das ist selbstverständlich.“
      Anschließend wischte sie den Tisch ab und ruhte sich kurz aus, während Hana das benutzte Geschirr abspülte.
      „Du kannst dich gerne ein wenig im Haus umsehen“, bot Hana ihr an.
      Azaria nahm das Angebot an, achtete dabei jedoch sorgsam darauf, ein bestimmtes Zimmer zu meiden. So neugierig sie auch war, sie wusste, dass sie gewisse Grenzen nicht überschreiten durfte. Langsam und mit Pausen bewegte sie sich durch das große Anwesen. Aufgrund ihrer Verletzung zog sich die Erkundung über den ganzen Tag, doch am Ende half sie noch bei den letzten Vorbereitungen für das Abendessen.
      Hana erwähnte beiläufig, dass Herr Delacroix nach der Arbeit gerne ein Bad nahm. Da Azaria ohnehin langsamer war, schlug sie vor, das Bad schon vorzubereiten, während er aß. Azaria nickte zustimmend, vielleicht war es besser, ihm aus dem Weg zu gehen. Ihr letzter Kontakt mit ihm war nicht besonders freundlich verlaufen. Wieder einmal wurde ihr bewusst, wie wenig man ihre Nähe zu schätzen schien. Es erinnerte sie an die Worte ihrer Stiefmutter.
      So beschloss sie, das Bad fertig zu machen und sich dann wieder zurückzuziehen. Im Bad ließ sie das Wasser einlaufen und suchte nach frischen Handtüchern. Dabei entdeckte sie einige kleine Fläschchen mit ätherischen Ölen, darunter Lavendel. Einen Moment lang hielt sie inne und betrachtete die Flasche, dann entschied sie sich, ein paar Tropfen ins Wasser zu geben. Lavendel hatte eine beruhigende Wirkung, vielleicht würde es Herrn Delacroix nach einem langen Tag gut tun.
      Da sie annahm, dass er keine starken Gerüche mochte, dosierte sie das Öl nur sparsam. Der Duft sollte dezent im Raum liegen, sanft und unaufdringlich, aber dennoch wirkungsvoll. Ob es eine gute Entscheidung war, wusste sie nicht. Doch sie hatte es aus einem ehrlichen Wunsch heraus getan, dem Wunsch, hilfreich zu sein. Sie würde wohl später eventuell herausfinden, ob sie nicht sogar ein Fehler begangen hat. Doch so weit dachte Azaria nicht nach, ihr Fokus lag viel mehr darin eine Hilfe sein zu können. Hunger hatte Azaria nicht, zumindest keinen großen Hunger. Die paar Karotten und kleine Schüssel Reis hatten ihr heute Mittag gereicht, sodass sie ohne Abendessen auskommen konnte. Vor allem, weil sie sich deutlich weniger bewegte als sonst.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Kyren setzte sich und versank in seine Gedanken, während er etwas aß.
      Die heutigen Botschaften gefielen den jungen Herrn ganz und gar nicht. Dementsprechend war seine Laune gewesen.
      In den vergangenen Monaten hatte er seine Ruhe gehabt, doch schon bald würde der Alltag anders für ihn aussehen.
      Nachdem essen richtete sich Kyren auf und redete noch einmal mit Hana.
      „Wie war der Tag?“ Hast du sie als Belastung empfunden?" Kyren klang neutral und ziemlich ruhig, da der Tag für ihn bereits anstrengend genug gewesen war.
      Hana schüttelte ihren Kopf und verneinte: „Keineswegs, sie hat ihr Bestes gegeben und das Bad für euch hergerichtet.“
      Für einen Moment sah Kyren mit ausdrucksloser Miene zu Hana und schwieg. Er war zu erschöpft und kaputt, um weitere Fragen zu stellen. „Nun gut…“ Er wandte sich von Hana ab und ging ins Bad.
      Das Bad sah auf den ersten Blick wie gewohnt aus, und Kyren schloss die Tür hinter sich. Er nahm einen angenehmen Duft wahr, den er von Hana nicht kannte. Demnach stimmte es, dass Azaria diesmal das Bad vorbereitet hatte.
      Er war nicht abgeneigt und ließ sich in das warme Wasser sinken.
      Das wohltuende Bad ließ seinen Körper und Geist entspannen. Mit geschlossenen Augen lehnte er sich zurück und würde die kommenden Wochen und Monate schon irgendwie bewältigen.
      Wesentlich entspannter zog er sich sein Kimono über und verließ das Bad.
      Kyren hielt vor Azarias Zimmer an und klopfte an die Holztür. Er wartete geduldig auf eine Reaktion, die ihm signalisierte, dass er hineingehen konnte.
      Ungern wollte er sie in ihrer Privatsphäre antreffen.


    • Azaria saß mittlerweile am Rand ihres Bettes und wartete ab. Worauf genau? Darauf, dass Herr Delacroix wütend das Zimmer betrat und sie zur Rede stellte, was ihr einfiel, seine Routine durcheinanderzubringen. Warum sie mit so einer Reaktion rechnete? Es war nichts Ungewöhnliches für sie, selbst dann zur Rechenschaft gezogen zu werden, wenn sie nichts falsch gemacht hatte. Ob sie nun schuld war oder nicht, ob ihre Absichten gut gewesen waren oder nicht, sie war es gewohnt, für jede Kleinigkeit belangt oder verspottet zu werden. Sei es, weil andere ihre schlechte Laune an ihr auslassen wollten oder einfach aus Langeweile.
      Hana kam kurz zu ihr, um zu fragen, ob sie etwas essen wolle. Doch Azaria lehnte ab. Sie wollte ihnen nicht auch noch das Essen wegnehmen. Es war bereits großzügig genug, dass sie ihr ein Dach über dem Kopf boten und ihr Medikamente gaben. Deshalb wollte sie wenigstens beim Essen so wenig wie möglich in Anspruch nehmen. Hana hatte sie daraufhin etwas verunsichert angesehen, verließ das Zimmer jedoch, als Azaria bei ihrer Entscheidung blieb. Noch bevor Hana ging, wünschte Azaria ihr eine gute Nacht. Es konnte nur von Vorteil für sie sein, ein gutes Verhältnis zu Hana zu pflegen. Schließlich war es gut möglich, dass Hana später ein gutes Wort für sie beim Hausherren einlegen würde.
      Um die Zeit schneller vergehen zu lassen, bewegte Azaria unruhig ihre Finger. Als plötzlich ein Klopfen an der Tür zu hören war, zuckte sie leicht zusammen. Es konnte nur Herr Delacroix sein, denn Hana hatte sich bereits verabschiedet. Dass er anklopfte, anstatt die Tür aufzureißen und sie anzuschreien, überraschte sie, und verunsicherte sie zugleich.
      „Ja?“, antwortete sie leise, aber gerade laut genug, dass er sie von der anderen Seite der Tür hören konnte.
      Sie verschränkte ihre Finger ineinander und machte sich innerlich bereit, nun eine Standpauke über sich ergehen lassen zu müssen. Gerne hätte sie sich erhoben, um ihn stehend zu empfangen, doch sie befürchtete, dass ihre Beine sie nicht lange tragen würden. Im schlimmsten Fall würde sie vor ihm zusammenbrechen, und genau das wollte sie vermeiden. Es wäre ihr mehr als unangenehm, sich in seinem Beisein zu blamieren oder einen schwachen, unprofessionellen Eindruck zu hinterlassen.
      Azaria räusperte sich und straffte ihre Schultern, kurz bevor er das Zimmer betrat.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Nachdem er ihre Stimme vernommen hatte, öffnete er die Tür, um in ihr Zimmer zu gehen.
      Kyren machte ein bis zwei Schritte, sah sich um und fixierte dann Azaria.
      Seine Haare waren noch nass und vereinzelt fielen Wassertropfen auf sein dunklen Kimono.
      Bevor der junge Herr zu sprechen begann, herrschte eine unangenehme Stille im Raum.
      Kyren hatte im Moment keine negativen Gedanken und wollte einfach einmal mit Azaria reden.
      „Wenn ich Hana glauben darf, hast du dich heute als ziemlich nützlich erwiesen.“ Seine Stimme klang ruhiger als üblich.
      „Du kannst bleiben, bis deine Wunden vollständig verheilt sind. Ob die Crusia Familie dich mir wieder abkaufen will oder ob du bleiben kannst, wird sich danach zeigen." Teilte er seine Überlegungen mit Azaria.
      Kyren könnte ihre Verpflegung der Familie in Rechnung stellen, da er eigentlich keine Verwendung für eine zweite Bedienstete hat.
      Andernfalls will die Crusia Familie sie erst gar nicht zurück haben und dann würde er es sich noch einmal überlegen, wobei Hana sicherlich über Unterstützung froh wäre.
      „Vielleicht sollte ich Hana nach ihrer Meinung hierzu fragen, schließlich verbrachte sie mit dir zusammen mehr Zeit."
      Fügte Kyren hinzu und wollte ebenso ihre Reaktion beobachten.
      „Wir belassen es vorerst dabei, und sobald deine Wunden verheilt sind, werden wir noch einmal darüber sprechen, wie es mit dir weitergeht.“ deutete Kyren an ihren Raum wieder verlassen zu wollen.
      Könnte es sich auch um eine Art Probe für Azaria handeln und sollte sie sich darüber im Klaren sein, dass sie bei Fehlern nicht länger bleiben kann. Zudem war es für Kyren unvorstellbar, dass sie zu dieser Familie zurückkehren wollte. Ihr Ehrgeiz, sich hier optimal zu präsentieren, musste umso größer sein.
      Kyren schaute noch einmal zu ihr hinüber, ob sie etwas von sich gab; wenn dem nicht so war, hätte er sich zur Tür bewegt.


    • Aus Angst vor dem, was als Nächstes geschehen würde, senkte Azaria den Blick, als Herr Delacroix das Zimmer betrat. Ihr ganzer Körper war angespannt, innerlich machte sie sich auf einen Wutausbruch gefasst. Doch dieser blieb aus. Stattdessen sprach er mit ruhiger Stimme, ruhig und kontrolliert, mit einem Hauch von Strenge und distanzierter Neutralität.
      Sie konnte nicht leugnen, dass eine Welle der Erleichterung durch ihren Körper strömte, als sie hörte, dass Hana ein gutes Wort für sie eingelegt hatte. Ihre Bemühungen hatten sich also gelohnt, Herr Delacroix schien Hanas Urteil zu vertrauen. Es war also die richtige Entscheidung gewesen, ein gutes Verhältnis zu ihr aufzubauen. Aber selbst ohne diese Überlegung hätte Azaria sich bemüht, Hana gegenüber freundlich zu sein. Sie war auf ihre Hilfe angewiesen und bisher war Hana die freundlichste Person gewesen, der sie seit Jahren begegnet war.
      Der Hausherr teilte ihr mit, dass sie weiterhin bei ihm bleiben dürfe, bis ihre Wunden verheilt seien. Eine weitere Welle der Erleichterung durchfuhr sie. Aus einem unerklärlichen Grund glaubte sie ihm. Vielleicht lag es an seiner stoischen, kontrollierten Art, die Vertrauen erweckte. Und obwohl sie ihn kaum kannte, hatte sie das Gefühl, dass er seine Worte nicht leichtfertig wählte.
      Trotzdem wusste Azaria, dass das Szenario, bei dem ihre Familie sie zurückkaufen würde, niemals eintreten durfte. Sie wusste nicht, wo genau sie sich befanden, und genau das sollte auch so bleiben. Sollte ihre Familie ihren Aufenthaltsort erfahren, würden sie sie entweder zur Heirat zwingen oder gleich beseitigen. Das konnte sie ihm nicht anvertrauen. Wer würde für eine fremde Frau schon ein solches Risiko eingehen? Es wäre doch viel einfacher, sie einfach weiterzuschicken, um sich nicht mit der Familie Crusia anlegen zu müssen. Azaria hatte sehr wohl gespürt, was Herr Delacroix von ihrer Familie hielt, und sie konnte es ihm nicht verdenken. Schon durch Gerüchte und Erzählungen wusste sie, wie es im Haushalt ihrer Familie zuging, wie ihre Eltern und ihre Halbschwester Dinge regelten. Und es war nicht schön.
      Als er sagte, es bestehe die Möglichkeit, dass sie hier bleiben könne, spitzte sie unbewusst die Ohren. Hoffnung keimte in ihr auf, ihr Herz schlug schneller. Langsam hob sie den Blick und sah ihn an, von der Hoffnung getragen, dass es eine echte Chance gab, hierbleiben zu dürfen.
      Beim Anblick von Herrn Delacroix stockte ihr kurz der Atem. Sie hatte bisher kaum Kontakt zum anderen Geschlecht gehabt, doch auch sie hatte ihre Meinung, was Ästhetik betraf. Er unterschied sich stark von dem, was sie gewohnt war: groß, dunkle Haare, dunkle Augen und ein perfekt sitzender Kimono. Ihr Blick glitt über seine noch feuchten Haare. Ein Tropfen fiel aus einer Strähne auf den dunklen Stoff seines Kimonos. Für einen kurzen Moment fragte sie sich, wie es sein konnte, dass er keine Frau an seiner Seite hatte. Doch sie verwarf den Gedanken schnell wieder, es ging sie nichts an. Stattdessen konzentrierte sie sich auf seine Worte.
      Dankbarkeit und Hoffnung spiegelten sich in ihrem Gesicht wider. Ihre Miene wurde weicher, die Brauen zogen sich leicht zusammen. Wenn sie sich anstrengte, wenn sie ihr Bestes gab, könnte sie vielleicht wirklich einen Neuanfang wagen. Vielleicht würde ihre Familie sie eines Tages vergessen. Vielleicht könnte sie genug Geld sparen und in ein anderes Leben aufbrechen, in ein normales Leben.
      Als Herr Delacroix sich zum Gehen wandte, öffnete sie den Mund, doch kein Ton kam heraus. Sie räusperte sich, sammelte ihre Kräfte und stand langsam auf. Dann drehte sie sich zu ihm, faltete die Hände vor dem Körper und verbeugte sich leicht, so tief, wie es ihr möglich war.
      „Vielen Dank für Eure Gutmütigkeit. Ich werde mein Bestes tun.“
      Sie wusste nicht, was sie sonst hätte sagen können, aber es war ihr wichtig, sich endlich zu bedanken. Und wenn sie dabei auch noch einen guten Eindruck hinterließ, umso besser. Plötzlich fiel ihr noch etwas ein.
      „Ich habe Lavendel in Euer Bad gelegt… Ich hoffe, Ihr könnt mir verzeihen, dass ich das ohne Euer Einverständnis getan habe.“
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Nachdem Kyren ihre Stimme gehört hatte, hielt er an und sah zu Azaria.
      Mit einem neutralen Gesichtsausdruck richtete sich sein Blick auf ihre Verbeugung. Er machte zu ihrer Äußerung kein Kommentar, mit Ausnahme des letzten Teils. „Schon gut, mir hat es gefallen.“ gab er ihr zu verstehen, das sie nichts falsch gemacht hatte.
      „Du kannst dich in Zukunft öfter um das Bad kümmern“, fügte er hinzu.
      Er schaute sie noch einmal an, doch sein Gesichtsausdruck war nicht skeptisch. „Gute Nacht.“ waren seine letzten Worte an Azaria, dann wandte er sich von ihr ab. Hinter sich schloss Kyren ihre Tür und begab sich die Treppe zu seinem Zimmer hinauf.

      Kyren legte sich ins weiche Bett und dachte noch eine Weile nach. Der aufkommende Zorn vom Tage verging und auch sein Misstrauen gegenüber Azaria baute sich langsam ab.
      Allerdings wusste er noch nicht, wer wirklich hinter dem Mädchen steckte. Die Wahrheit könnte einiges an Schwierigkeiten mit sich bringen und seine Meinung erneut ändern.

      Am nächsten Morgen blieb Hana, wie auch Kyren länger liegen. Es war Samstag und der Start ins Wochenende.
      Der junge Herr verlangte nicht, dass Hana am Wochenende zu viel arbeitet. Er selbst genoss die Stille und hielt sich oft in seinem Garten auf.
      Abgesehen von dem dichten Grün um sein Anwesen gab es einen gut gepflegten Garten, betreut vom Gärtner. Ein traditioneller japanischer Garten.
      Bevor Kyren ins Esszimmer gehen wollte, führte sein Weg zum Eingang seines Grundstücks.
      Den Magiezauber veränderte er und legte nun viel mehr einen Schutzzauber über sein Haus. Die Ereignisse des Vortags brachten ihn dazu, sich noch vorsichtiger zu verhalten.
      Azaria konnte sich zwar nun frei bewegen, doch Kyren schätzte, dass sie nicht weglaufen würde.
      Mit prüfendem Blick ließ er den Talisman an Ort und Stelle.
      Kyren trug heute einen alltagstauglichen Kimono und machte sich auf den Weg ins Esszimmer. Wie üblich bereitete Hana das Frühstück vor, bevor er mit einem Buch in den Garten gehen wollte.
      Selbst am Wochenende hatte der junge Herr seine Routine.