Die Zeit verstrich, bis Selene schließlich zu Hause ankam. Für einen Moment blieb sie vor der Tür stehen, den Schlüssel bereits in der Hand. Ihr Herz war schwer, als hätte sich all die Stille, die sie dort erwartete, bereits an sie geheftet. Mit einem leisen Klicken öffnete sie die Haustür und wurde von der gewohnten Leere empfangen.
Es war eine Stille, die nicht beruhigte, sondern bedrückte. Sie legte sich wie eine schwere Decke auf ihre Schultern, machte die Luft dick und schwer zu atmen. In ihrer eigenen Haut fühlte sie sich fremd, fast so, als wäre sie nur ein Schatten ihrer selbst. Man hätte glauben können, sie lebte allein in diesem Haus.
Was ihr Vater nach der Arbeit tat, wusste sie nicht. Sie begegneten sich kaum. Worte wurden nicht gewechselt, selbst die nötigsten Dinge liefen stumm ab. Wenn ein Formular unterschrieben werden musste, legte sie es auf den Esstisch. Am nächsten Morgen lag es kommentarlos, aber unterschrieben dort. Kein Blick. Kein Wort.
Leise schlich sie sich in ihr Zimmer. Keine Schritte im Flur, keine Stimmen aus dem Wohnzimmer, nichts. Als sie die Tür hinter sich schloss, atmete sie erleichtert aus. Endlich war sie an ihrem Rückzugsort angekommen.
Sie ließ die Schultasche achtlos neben dem Schreibtisch fallen, schlüpfte in ihre gemütlichsten Sachen und ließ sich auf ihr Bett sinken. Das Buch lag bereits bereit, als hätte es auf sie gewartet. Doch bevor sie zu lesen begann, griff sie reflexartig nach ihrem Handy. Knox’ Antwort war bereits eingetroffen.
Bei seiner zweiten Nachricht stockte sie. Die Worte trafen sie unvorbereitet, sanft und doch mit ungeahnter Tiefe. Niemand hatte je so etwas zu ihr gesagt. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, ihre Nase begann zu brennen. Sie räusperte sich leise, zog die Luft scharf durch die Nase. So viel Ehrlichkeit. Sie wünschte, sie hätte den Mut, ebenso offen zu sein. Doch jedes Mal, wenn sie versucht hatte, sich jemandem zu öffnen, war es schiefgelaufen. Und nichts Gutes war je daraus entstanden.
Ihr Vater hatte ihr nie vergeben. Für ihn war sie der Grund, warum ihre Mutter nicht mehr da war. Er lebte weiter, als wäre sie nur eine lästige Erinnerung. Eine Last. Eine Schuld.
Sie zwang sich, an etwas anderes zu denken, richtete ihre Aufmerksamkeit zurück auf Knox’ erste Nachricht. Er hatte recht. Noch nie hatte sie ihm eine ihrer Zeichnungen gezeigt. Ehrlich gesagt hatte sie überhaupt noch nie jemanden ihre Werke sehen lassen. Nein, das stimmte nicht ganz. Als Kind hatte sie viel gemalt, besonders im Kindergarten. Sie hatte die Bilder ihrem Vater geschenkt, bunte, stolze Werke. Doch er hatte sie nie beachtet. Später fand sie die Zeichnungen im Mülleimer. Danach hatte sie nie wieder jemandem etwas gezeigt.
Das hatte sie geprägt. Vielleicht mehr, als sie sich eingestehen wollte.
Selene würde sich nicht als besonders talentiert bezeichnen. Aber sie gab sich Mühe. Ihre Zeichnungen waren persönlich, verletzlich, Gedankenfetzen auf Papier, manchmal verträumt, manchmal düster. Und obwohl sie tief in sich wusste, dass Knox niemals so achtlos damit umgehen würde wie ihr Vater, war sie noch nicht bereit, sich ganz zu öffnen. Noch nicht.
Sie wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen, nicht nachdem er ihr so viel von sich gezeigt hatte. Ihm jetzt zu sagen, dass sie sich schämte, fühlte sich falsch an. Also schrieb sie:
„Stimmt. Vielleicht schicke ich dir mal eine, wenn ich etwas wirklich Fertiges habe. Das meiste sind nur Kritzeleien, entstanden vor oder während dem Unterricht.“
Nun lag die nächste Hürde vor ihr. Sie wollte auch auf seine ehrlichen Worte antworten. Sie wusste nicht, wie sie die richtigen Worte finden sollte. Etwas so Persönliches zu schreiben war eine Sache, aber solche Worte selbst zu erhalten war eine ganz andere. Sie hatte eher die Befürchtung, ihn mit ihren eigenen Gedanken zu belasten, statt sich ihm anzuvertrauen. Er selbst hatte es nicht leicht, das war offensichtlich, und sie wollte ihm nicht auch noch zur Last fallen.
Schließlich tippte sie:
„Danke, das bedeutet mir viel.“
Mehr brachte sie nicht über sich. Und doch war es ehrlich. Er hatte ihr gezeigt, dass es möglich war, verletzlich zu sein, ohne sich schwach zu fühlen. Vielleicht konnte sie das eines Tages auch.
Wie sie vermutet hatte, schrieb Knox, dass er heute viel zu viel im Kopf hatte. Selene erinnerte sich an ihr Angebot, dass er ihr jederzeit schreiben konnte, wenn etwas ihn belastete. Doch er schrieb nicht mehr dazu, und sie wollte ihn nicht drängen. Wenn er bereit war, würde er es ihr sagen. Sie wollte für ihn da sein, aber auf seine Art und in seinem Tempo.
Sein letzter Satz ließ ihr Herz schmerzen. Sie konnte nicht erahnen, was genau geschehen war, doch sie spürte das Gewicht, das zwischen den Zeilen lag. Am liebsten hätte sie ihn jetzt einfach in den Arm genommen, auch wenn sie wusste, dass das nicht möglich war. Also schrieb sie:
„Dafür musst du dich doch nicht bedanken. Es ist das Mindeste, gar Anstand, das zu fragen. Du hast deutlich mehr verdient, Knox.“
Sie fühlte sich nicht wie jemand, der besonders gut im Trösten war. Doch sie versuchte es. Auch wenn es nur Worte waren, hoffte sie, dass sie ihn ein klein wenig erreichten.
Sie atmete tief aus und legte das Handy weg. Wahrscheinlich würde es dauern, bis er antwortete. Vielleicht würde er es erst am nächsten Tag tun. Er musste sicher erschöpft sein vom Training, und wenn es ihm ohnehin schlecht ging, brauchte er wahrscheinlich Ruhe. Selene verstand das.
Um sich abzulenken, griff sie wieder zum Buch. Bereits im ersten Kapitel wurde ihr klar, was für eine Art Geschichte sie vor sich hatte. Sie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Es war ein Genre, das sie bisher nicht gelesen hatte, und es war ihr beinahe unangenehm, wie intim manche Szenen beschrieben wurden. Sie kannte diese Art von Nähe nicht aus dem eigenen Leben. Es fühlte sich fast verboten an. Vielleicht war sie einfach zu naiv, zu unschuldig für solche Worte. aber es hatte sie in den Bann gezogen und wusste ihre Augen nicht davon wegzureißen.
Es war eine Stille, die nicht beruhigte, sondern bedrückte. Sie legte sich wie eine schwere Decke auf ihre Schultern, machte die Luft dick und schwer zu atmen. In ihrer eigenen Haut fühlte sie sich fremd, fast so, als wäre sie nur ein Schatten ihrer selbst. Man hätte glauben können, sie lebte allein in diesem Haus.
Was ihr Vater nach der Arbeit tat, wusste sie nicht. Sie begegneten sich kaum. Worte wurden nicht gewechselt, selbst die nötigsten Dinge liefen stumm ab. Wenn ein Formular unterschrieben werden musste, legte sie es auf den Esstisch. Am nächsten Morgen lag es kommentarlos, aber unterschrieben dort. Kein Blick. Kein Wort.
Leise schlich sie sich in ihr Zimmer. Keine Schritte im Flur, keine Stimmen aus dem Wohnzimmer, nichts. Als sie die Tür hinter sich schloss, atmete sie erleichtert aus. Endlich war sie an ihrem Rückzugsort angekommen.
Sie ließ die Schultasche achtlos neben dem Schreibtisch fallen, schlüpfte in ihre gemütlichsten Sachen und ließ sich auf ihr Bett sinken. Das Buch lag bereits bereit, als hätte es auf sie gewartet. Doch bevor sie zu lesen begann, griff sie reflexartig nach ihrem Handy. Knox’ Antwort war bereits eingetroffen.
Bei seiner zweiten Nachricht stockte sie. Die Worte trafen sie unvorbereitet, sanft und doch mit ungeahnter Tiefe. Niemand hatte je so etwas zu ihr gesagt. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, ihre Nase begann zu brennen. Sie räusperte sich leise, zog die Luft scharf durch die Nase. So viel Ehrlichkeit. Sie wünschte, sie hätte den Mut, ebenso offen zu sein. Doch jedes Mal, wenn sie versucht hatte, sich jemandem zu öffnen, war es schiefgelaufen. Und nichts Gutes war je daraus entstanden.
Ihr Vater hatte ihr nie vergeben. Für ihn war sie der Grund, warum ihre Mutter nicht mehr da war. Er lebte weiter, als wäre sie nur eine lästige Erinnerung. Eine Last. Eine Schuld.
Sie zwang sich, an etwas anderes zu denken, richtete ihre Aufmerksamkeit zurück auf Knox’ erste Nachricht. Er hatte recht. Noch nie hatte sie ihm eine ihrer Zeichnungen gezeigt. Ehrlich gesagt hatte sie überhaupt noch nie jemanden ihre Werke sehen lassen. Nein, das stimmte nicht ganz. Als Kind hatte sie viel gemalt, besonders im Kindergarten. Sie hatte die Bilder ihrem Vater geschenkt, bunte, stolze Werke. Doch er hatte sie nie beachtet. Später fand sie die Zeichnungen im Mülleimer. Danach hatte sie nie wieder jemandem etwas gezeigt.
Das hatte sie geprägt. Vielleicht mehr, als sie sich eingestehen wollte.
Selene würde sich nicht als besonders talentiert bezeichnen. Aber sie gab sich Mühe. Ihre Zeichnungen waren persönlich, verletzlich, Gedankenfetzen auf Papier, manchmal verträumt, manchmal düster. Und obwohl sie tief in sich wusste, dass Knox niemals so achtlos damit umgehen würde wie ihr Vater, war sie noch nicht bereit, sich ganz zu öffnen. Noch nicht.
Sie wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen, nicht nachdem er ihr so viel von sich gezeigt hatte. Ihm jetzt zu sagen, dass sie sich schämte, fühlte sich falsch an. Also schrieb sie:
„Stimmt. Vielleicht schicke ich dir mal eine, wenn ich etwas wirklich Fertiges habe. Das meiste sind nur Kritzeleien, entstanden vor oder während dem Unterricht.“
Nun lag die nächste Hürde vor ihr. Sie wollte auch auf seine ehrlichen Worte antworten. Sie wusste nicht, wie sie die richtigen Worte finden sollte. Etwas so Persönliches zu schreiben war eine Sache, aber solche Worte selbst zu erhalten war eine ganz andere. Sie hatte eher die Befürchtung, ihn mit ihren eigenen Gedanken zu belasten, statt sich ihm anzuvertrauen. Er selbst hatte es nicht leicht, das war offensichtlich, und sie wollte ihm nicht auch noch zur Last fallen.
Schließlich tippte sie:
„Danke, das bedeutet mir viel.“
Mehr brachte sie nicht über sich. Und doch war es ehrlich. Er hatte ihr gezeigt, dass es möglich war, verletzlich zu sein, ohne sich schwach zu fühlen. Vielleicht konnte sie das eines Tages auch.
Wie sie vermutet hatte, schrieb Knox, dass er heute viel zu viel im Kopf hatte. Selene erinnerte sich an ihr Angebot, dass er ihr jederzeit schreiben konnte, wenn etwas ihn belastete. Doch er schrieb nicht mehr dazu, und sie wollte ihn nicht drängen. Wenn er bereit war, würde er es ihr sagen. Sie wollte für ihn da sein, aber auf seine Art und in seinem Tempo.
Sein letzter Satz ließ ihr Herz schmerzen. Sie konnte nicht erahnen, was genau geschehen war, doch sie spürte das Gewicht, das zwischen den Zeilen lag. Am liebsten hätte sie ihn jetzt einfach in den Arm genommen, auch wenn sie wusste, dass das nicht möglich war. Also schrieb sie:
„Dafür musst du dich doch nicht bedanken. Es ist das Mindeste, gar Anstand, das zu fragen. Du hast deutlich mehr verdient, Knox.“
Sie fühlte sich nicht wie jemand, der besonders gut im Trösten war. Doch sie versuchte es. Auch wenn es nur Worte waren, hoffte sie, dass sie ihn ein klein wenig erreichten.
Sie atmete tief aus und legte das Handy weg. Wahrscheinlich würde es dauern, bis er antwortete. Vielleicht würde er es erst am nächsten Tag tun. Er musste sicher erschöpft sein vom Training, und wenn es ihm ohnehin schlecht ging, brauchte er wahrscheinlich Ruhe. Selene verstand das.
Um sich abzulenken, griff sie wieder zum Buch. Bereits im ersten Kapitel wurde ihr klar, was für eine Art Geschichte sie vor sich hatte. Sie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Es war ein Genre, das sie bisher nicht gelesen hatte, und es war ihr beinahe unangenehm, wie intim manche Szenen beschrieben wurden. Sie kannte diese Art von Nähe nicht aus dem eigenen Leben. Es fühlte sich fast verboten an. Vielleicht war sie einfach zu naiv, zu unschuldig für solche Worte. aber es hatte sie in den Bann gezogen und wusste ihre Augen nicht davon wegzureißen.
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“
“, schrieb sie leicht verbittert an Knox. „Aber ich habe ja keine andere Wahl, als mein Bestes zu geben, wenn ich nicht durchfallen will.“
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