the wolf and the lamb [concorde x yumia]

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    • Die Zeit verstrich, bis Selene schließlich zu Hause ankam. Für einen Moment blieb sie vor der Tür stehen, den Schlüssel bereits in der Hand. Ihr Herz war schwer, als hätte sich all die Stille, die sie dort erwartete, bereits an sie geheftet. Mit einem leisen Klicken öffnete sie die Haustür und wurde von der gewohnten Leere empfangen.
      Es war eine Stille, die nicht beruhigte, sondern bedrückte. Sie legte sich wie eine schwere Decke auf ihre Schultern, machte die Luft dick und schwer zu atmen. In ihrer eigenen Haut fühlte sie sich fremd, fast so, als wäre sie nur ein Schatten ihrer selbst. Man hätte glauben können, sie lebte allein in diesem Haus.
      Was ihr Vater nach der Arbeit tat, wusste sie nicht. Sie begegneten sich kaum. Worte wurden nicht gewechselt, selbst die nötigsten Dinge liefen stumm ab. Wenn ein Formular unterschrieben werden musste, legte sie es auf den Esstisch. Am nächsten Morgen lag es kommentarlos, aber unterschrieben dort. Kein Blick. Kein Wort.
      Leise schlich sie sich in ihr Zimmer. Keine Schritte im Flur, keine Stimmen aus dem Wohnzimmer, nichts. Als sie die Tür hinter sich schloss, atmete sie erleichtert aus. Endlich war sie an ihrem Rückzugsort angekommen.
      Sie ließ die Schultasche achtlos neben dem Schreibtisch fallen, schlüpfte in ihre gemütlichsten Sachen und ließ sich auf ihr Bett sinken. Das Buch lag bereits bereit, als hätte es auf sie gewartet. Doch bevor sie zu lesen begann, griff sie reflexartig nach ihrem Handy. Knox’ Antwort war bereits eingetroffen.
      Bei seiner zweiten Nachricht stockte sie. Die Worte trafen sie unvorbereitet, sanft und doch mit ungeahnter Tiefe. Niemand hatte je so etwas zu ihr gesagt. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, ihre Nase begann zu brennen. Sie räusperte sich leise, zog die Luft scharf durch die Nase. So viel Ehrlichkeit. Sie wünschte, sie hätte den Mut, ebenso offen zu sein. Doch jedes Mal, wenn sie versucht hatte, sich jemandem zu öffnen, war es schiefgelaufen. Und nichts Gutes war je daraus entstanden.
      Ihr Vater hatte ihr nie vergeben. Für ihn war sie der Grund, warum ihre Mutter nicht mehr da war. Er lebte weiter, als wäre sie nur eine lästige Erinnerung. Eine Last. Eine Schuld.
      Sie zwang sich, an etwas anderes zu denken, richtete ihre Aufmerksamkeit zurück auf Knox’ erste Nachricht. Er hatte recht. Noch nie hatte sie ihm eine ihrer Zeichnungen gezeigt. Ehrlich gesagt hatte sie überhaupt noch nie jemanden ihre Werke sehen lassen. Nein, das stimmte nicht ganz. Als Kind hatte sie viel gemalt, besonders im Kindergarten. Sie hatte die Bilder ihrem Vater geschenkt, bunte, stolze Werke. Doch er hatte sie nie beachtet. Später fand sie die Zeichnungen im Mülleimer. Danach hatte sie nie wieder jemandem etwas gezeigt.
      Das hatte sie geprägt. Vielleicht mehr, als sie sich eingestehen wollte.
      Selene würde sich nicht als besonders talentiert bezeichnen. Aber sie gab sich Mühe. Ihre Zeichnungen waren persönlich, verletzlich, Gedankenfetzen auf Papier, manchmal verträumt, manchmal düster. Und obwohl sie tief in sich wusste, dass Knox niemals so achtlos damit umgehen würde wie ihr Vater, war sie noch nicht bereit, sich ganz zu öffnen. Noch nicht.
      Sie wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen, nicht nachdem er ihr so viel von sich gezeigt hatte. Ihm jetzt zu sagen, dass sie sich schämte, fühlte sich falsch an. Also schrieb sie:
      „Stimmt. Vielleicht schicke ich dir mal eine, wenn ich etwas wirklich Fertiges habe. Das meiste sind nur Kritzeleien, entstanden vor oder während dem Unterricht.“
      Nun lag die nächste Hürde vor ihr. Sie wollte auch auf seine ehrlichen Worte antworten. Sie wusste nicht, wie sie die richtigen Worte finden sollte. Etwas so Persönliches zu schreiben war eine Sache, aber solche Worte selbst zu erhalten war eine ganz andere. Sie hatte eher die Befürchtung, ihn mit ihren eigenen Gedanken zu belasten, statt sich ihm anzuvertrauen. Er selbst hatte es nicht leicht, das war offensichtlich, und sie wollte ihm nicht auch noch zur Last fallen.
      Schließlich tippte sie:
      „Danke, das bedeutet mir viel.“
      Mehr brachte sie nicht über sich. Und doch war es ehrlich. Er hatte ihr gezeigt, dass es möglich war, verletzlich zu sein, ohne sich schwach zu fühlen. Vielleicht konnte sie das eines Tages auch.
      Wie sie vermutet hatte, schrieb Knox, dass er heute viel zu viel im Kopf hatte. Selene erinnerte sich an ihr Angebot, dass er ihr jederzeit schreiben konnte, wenn etwas ihn belastete. Doch er schrieb nicht mehr dazu, und sie wollte ihn nicht drängen. Wenn er bereit war, würde er es ihr sagen. Sie wollte für ihn da sein, aber auf seine Art und in seinem Tempo.
      Sein letzter Satz ließ ihr Herz schmerzen. Sie konnte nicht erahnen, was genau geschehen war, doch sie spürte das Gewicht, das zwischen den Zeilen lag. Am liebsten hätte sie ihn jetzt einfach in den Arm genommen, auch wenn sie wusste, dass das nicht möglich war. Also schrieb sie:
      „Dafür musst du dich doch nicht bedanken. Es ist das Mindeste, gar Anstand, das zu fragen. Du hast deutlich mehr verdient, Knox.“
      Sie fühlte sich nicht wie jemand, der besonders gut im Trösten war. Doch sie versuchte es. Auch wenn es nur Worte waren, hoffte sie, dass sie ihn ein klein wenig erreichten.
      Sie atmete tief aus und legte das Handy weg. Wahrscheinlich würde es dauern, bis er antwortete. Vielleicht würde er es erst am nächsten Tag tun. Er musste sicher erschöpft sein vom Training, und wenn es ihm ohnehin schlecht ging, brauchte er wahrscheinlich Ruhe. Selene verstand das.
      Um sich abzulenken, griff sie wieder zum Buch. Bereits im ersten Kapitel wurde ihr klar, was für eine Art Geschichte sie vor sich hatte. Sie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Es war ein Genre, das sie bisher nicht gelesen hatte, und es war ihr beinahe unangenehm, wie intim manche Szenen beschrieben wurden. Sie kannte diese Art von Nähe nicht aus dem eigenen Leben. Es fühlte sich fast verboten an. Vielleicht war sie einfach zu naiv, zu unschuldig für solche Worte. aber es hatte sie in den Bann gezogen und wusste ihre Augen nicht davon wegzureißen.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Der Morgen war still. Zu still. Kian stand auf, diesmal ohne zu verschlafen. Die Müdigkeit hing schwer in den Gliedern, aber irgendwas an diesem Tag war anders. Vielleicht, weil er wusste, dass sie irgendwo da draußen aufwachen würde. Und vielleicht auf seine Antwort wartete. Er warf einen Blick aufs Handy: Moon hatte ihm geschrieben. Sie würde ihm mal etwas von ihren Zeichnungen schicken? Er spürte eine leichte Aufregung in sich. Wo kam dieses Gefühl her? Ehe er jedoch weiter diesem Gefühl nachging, las er neugierig die nächsten Nachrichten. Danke, das bedeutet mir viel ... das klang nach Ablehnung. Das klang nach ihm. Hatten sie deswegen so viel gemeinsam? Konnten Sie beide nicht wirklich über sich reden? Kian schluckte für einen Moment, entschied jedoch nicht weiter nachzufragen. Wenn Moon sich bei ihm sicher war, würde sie sich schon melden. Er hatte ihr immerhin das Angebot gemacht. Wollte ihr zumindest im Ansatz die Nähe und Wärme geben, die sie für ihn immer übrig gehabt hatte.

      Dann sahen seine Augen die letzten Nachricht und er spürte kurz Scham ... in sich und auf seinen Wangen. Hätte sie ihm das persönlich gesagt, hätte er wohl vehement den Kopf geschüttelt und abgestritten; ihr gesagt sie soll nicht übertreiben. Doch jetzt, wenn er es so liest und sich eine Antwort überlegt ... Hatte sie vielleicht doch Recht? Er schluckte erneut. Dann tippten seine Hände, das was er dachte: „Ich glaub, das ist das erste Mal, dass mir jemand sowas sagt. Also, dass ich mehr verdiene.“
      Kurze Pause.
      „Und ich glaub dir das irgendwie. Auch wenn ich nicht weiß, warum.“
      Abschicken.

      Er musste nun den Kopf frei kriegen. Diese Gedanken, er hatte keine Zeit dafür. Er duschte, zog sich an, schnappte sich die Tasche. Die Wohnung war ungewohnt ruhig. Kein Geschrei. Keine Schatten. Die Wohnung war ruhig, als er aus dem Zimmer trat. Keine Schritte. Kein Poltern. Nur ein schwaches Licht in der Küche. Seine Mutter stand dort. Eingefallen. Blass. Ihr Blick war gesenkt, als sie Toast drehte und Butter öffnete, als wäre das alles, was vom Leben noch blieb. Er blieb einen Moment in der Tür stehen. Der Anblick traf ihn härter, als er zugeben wollte. Ein Teil von ihm wollte etwas sagen. Ein „Morgen“. Ein „Geht’s dir gut?“. Irgendwas. Aber sein Mund blieb stumm. Er konnte nicht. Nicht heute. Nicht nach letzter Nacht. Wut, Scham, Überforderung – alles drängte gleichzeitig in seine Kehle. Also wich er zurück. Drehte sich um und ging. Die Wohnungstür schloss sich leise hinter ihm.

      Draußen war es kühl, aber klar. Die Straßen noch leer, die Sonne begann gerade, die Dächer in Gold zu tauchen. Kian stieg in seinen Wagen, warf den Rucksack und die Sporttasche auf den Beifahrersitz, ließ sich in den Fahrersitz fallen. Er atmete durch. Tief. Langsam. Dann startete er den Motor. Heute war ein neuer Tag. Und diesmal… war er nicht ganz allein. Moons Worte waren wie ein aufgehender Sonnenschein, die ihm von innen heraus Kraft spendeten - wenngleich sein Leben doch sonst so trist war.

      Die Straßen glitten an ihm vorbei. Der Bass aus den Lautsprechern vibrierte leise im Takt seiner Gedanken. Er fuhr an grauen Wohnblöcken vorbei, an einer Bushaltestelle, an der ein Mädchen mit zu großem Rucksack stand – den Blick gesenkt, die Kopfhörer tief in den Ohren. Für einen Moment erinnerte sie ihn an Moon. Oder an das, was er sich unter ihr vorstellte.
      Während der Fahrt wanderte sein Blick mehrfach zum Handy, das auf dem Beifahrersitz lag. Keine neue Nachricht. Und trotzdem... fühlte es sich nicht leer an. Er war gespannt. Auf ihren Tag. Auf das, was sie noch zu sagen hatte. Auf das, was da vielleicht wuchs – leise, unaufdringlich, echt. Sein Fuß trat etwas tiefer aufs Gaspedal. Er war spät dran – ausnahmsweise nicht, weil er getrödelt hatte, sondern weil er sich Zeit genommen hatte. Für sich. Für sie. Für etwas, das sich gut anfühlte.
      Als die Highschool in Sicht kam, blendete die Sonne durch die Windschutzscheibe, und Kian legte die Hand über die Augen, um etwas zu erkennen. Schüler strömten bereits in kleinen Gruppen über den Hof. Lachen. Stimmen. Der Alltag.
      Aber in seinem Inneren war es heute... anders. Und das lag nicht an der Schule. Nicht am Unterricht. Nicht mal am Basketball. Es lag an einer Nachricht. An einem „Du hast mehr verdient“. Und daran, dass er es heute zum ersten Mal fast glaubte.
    • Selene hatte einen intensiven, eigentümlichen Traum gehabt. Einer, der sich viel zu sehr an das Buch anlehnte, das sie am Vorabend gelesen hatte. Als ihr Wecker klingelte, schreckte sie hoch. Völlig überrumpelt setzte sie sich auf, runzelte die Stirn und ließ sich dann wieder zurück auf das Kissen fallen. Ihr Herz klopfte schneller als gewohnt, ihr Atem war flach. Sie wusste nicht, was sie von diesem Traum halten sollte. Die Bilder darin waren noch so greifbar, als hätten sie sich in ihre Haut gebrannt.
      Sie atmete tief aus, starrte an die Zimmerdecke und versank für einige Minuten in ihren Gedanken, unfähig, sich zu sammeln. Erst nach einer Weile richtete sie sich wieder auf. Noch immer leicht benommen, griff sie nach ihrem Handy. Auch wenn sie theoretisch genug Zeit gehabt hätte, zur Schule zu kommen und nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen war, hatte sie sich verspätet. Die Minuten im Bett waren schneller vergangen, als es ihr bewusst gewesen war.
      Ihr erster Impuls war, nach Knox’ Nachrichten zu schauen. Doch die Zeit drängte, also zwang sie sich aufzustehen. Hastig ging sie duschen, warf ihre Sportsachen in die Tasche, zog einen Rock und ein schlichtes Shirt an und verließ das Haus ohne Frühstück. Mit eiligen Schritten machte sie sich auf den Weg zur Schule. Dennoch erlaubte sie sich einen kurzen Blick auf ihr Handy, während sie unterwegs war.
      Als sie Knox’ erste Nachricht las, blieb ihr für einen Moment fast das Herz stehen. Es war das erste Mal, dass ihm jemand so etwas gesagt hatte? Niemand vorher hatte ihm das Gefühl gegeben, wertvoll zu sein? Was war mit seinen Freunden? Hatte er überhaupt welche, so wie sie? Und seine Familie? War sie ihm vielleicht ebenso fern wie ihr eigener Vater es ihr war?
      Ein leiser Schmerz zog durch ihre Brust, begleitet von einem aufkeimenden Drang. Ein Bedürfnis, ihn zu überschütten mit genau solchen Worten, mit Wärme, Anerkennung, Bestärkung. Sie wollte ihm Mut machen. Ihn so lange daran erinnern, wie viel in ihm steckte, bis er es selbst glauben konnte. Denn sie sah das in ihm, das Potenzial, das Leuchten, das Gute. Sie hoffte, dass er es irgendwann auch selbst sehen würde.
      Mit einem kleinen Lächeln schrieb sie zurück:
      „Ist auch nicht schlimm, wenn du es nicht weißt. Glaub mir einfach alles, was ich dir schreibe, wenn es darum geht. ;)
      Sie wollte es leicht klingen lassen, auch wenn sie wusste, dass es niemals wirklich einfach war.
      „Ich sage es dir gerne so oft, bis das ‚irgendwie‘ aus deinem Satz verschwindet. ;D
      Sie steckte das Handy wieder in ihre Tasche. In der Ferne konnte sie bereits das Schulgelände erkennen. Die Schulglocke war noch nicht erklungen, aber der Hof war schon belebt. Überall sah sie Schüler in Gruppen, lachend, schwatzend, scherzend. Sie liefen gemeinsam zur Schule, waren Teil einer Gemeinschaft, und Selene fühlte sich wie ein Zuschauer, der nur durch Glas auf all das blickte.
      Es war jedes Mal dasselbe Gefühl. Einsamkeit, die sich leise in ihr Herz schlich. Doch sie hatte gelernt, sich selbst zu trösten. Sie erinnerte sich daran, dass dieser Abschnitt bald vorbei sein würde. Der Abschluss war absehbar. Nicht mehr lange, sagte sie sich. Nicht mehr lange und das hier war Geschichte.
      Mit schnellen Schritten eilte sie über den Schulhof, wich anderen Schülern aus, steuerte direkt auf ihren Spind zu und war erleichtert, als sie schließlich das Klassenzimmer erreichte. Endlich Ruhe. Endlich ein Moment, um durchzuatmen.
      Sie zog ihr Handy hervor und tippte:
      „Ich muss heute in Sport eine Note abgeben. Ich kann dir jetzt schon sagen, dass ich durchfallen werde.“
      Ein müdes, selbstironisches Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie wünschte sich manchmal, so athletisch zu sein wie Knox. Aber das war sie nicht. Und sie wusste nicht, ob sie es je sein würde.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Die Tür zum Schulgebäude fiel hinter ihm ins Schloss, und Kian spürte die altbekannte Mischung aus Desinteresse und innerem Widerstand, die ihn in den Gängen der Highschool regelmäßig überkam. Neonlicht, gemurmelte Gespräche, Stimmengewirr – alles wirkte wie gedämpft, wie weit weg. Er schulterte seinen Rucksack etwas höher, warf einen kurzen Blick aufs Handy, das vibriert hatte, als er über den Parkplatz gelaufen war. Zwei neue Nachrichten. Moon. Er blieb stehen, mitten im Gang, lehnte sich kurz gegen einen der kühlen Spindschränke und las.

      Seine Lippen verzogen sich zu einem leichten, beinahe ungläubigen Lächeln. Sie machte es einem verdammt schwer, weiter an sich zu zweifeln. Und vielleicht war das das Beeindruckendste an ihr – dass sie nicht versuchte, ihn zu reparieren. Sie akzeptierte einfach, dass er kaputt war. Und stand trotzdem da. Dann kam die dritte Nachricht. Ein Schnauben entkam ihm, leise. Ironisch. Es klang so nach ihr. Ehrlich, selbstkritisch, aber auch… süß. Er konnte sich vorstellen, wie sie sich mit hochroten Wangen durch irgendeine peinliche Sportprüfung quälte – und dabei wahrscheinlich trotzdem irgendwie anmutig aussah. Mit den Daumen auf dem Display tippte er: „Dann bist du wenigstens konsequent. Kunst: top. Sport: tot.“ Er überlegte kurz und ergänzte dann: „Wenn du willst, zeig mir die Aufgabe. Ich erklär sie dir und du bringst mir im Gegenzug bei, wie man überhaupt einen geraden Strich zieht. Glaub mir, ich bin künstlerisch ungefähr so talentiert wie ein Besenstiel.“

      Ein weiterer Gedanke drängte sich auf, leiser diesmal. Weicher. Er tippte langsam, ließ sich Zeit. „Und danke. Für das, was du geschrieben hast. Es klingt... verrückt. Aber es hilft. Echt.“ Er schickte die Nachricht ab und schob das Handy in die Hosentasche, als sich Schritte näherten. Eine Schülergruppe kam den Gang entlang, Lachen, Stimmen, irgendwas mit einem TikTok-Trend, den er nicht mitverfolgte. Kian drückte sich ab, schulterte die Tasche neu und bog in den nächsten Gang ein – Mathe. Sein persönliches Fegefeuer.
      Als er das Klassenzimmer betrat, herrschte das übliche, nervige Grundrauschen: Stühle wurden verrückt, Papier raschelte, irgendjemand warf mit einem Stift. Der Lehrer war noch nicht da. Er setzte sich hinten ans Fenster, wie immer. Rucksack an den Tisch gelehnt, Kopf in den Nacken. Ein paar Sekunden lang ließ er den Blick über die Decke wandern.

      Sein Handy vibrierte erneut. Er war versucht, es gleich zu checken, doch er zwang sich zur Geduld. Zum ersten Mal seit Langem wollte er etwas richtig machen. Nicht alles zerreden. Nicht alles überstürzen. Der Mathelehrer betrat den Raum, setzte seine Brille auf, klappte das Lehrbuch auf und begann direkt, Zahlenkolonnen an die Tafel zu werfen. Kian kritzelte gedankenlos in sein Heft, halb versunken in Gedanken. Moon. Sie hatte ihn nicht reparieren wollen. Aber sie hatte einen verdammten Riss in seine Fassade gemacht – einen, durch den Licht fiel. Und das war vielleicht mehr wert, als all die Refrains von „Alles wird gut“, die er früher hasste.
    • Selene hatte ihr Handy bereits zur Seite gelegt und überprüfte, ob sie ihre Hausaufgaben erledigt hatte. Mit einem leisen Aufschlagen ihres Notizbuches fiel ihr sofort ihre Handschrift ins Auge und sie war erleichtert, dass sie ihre Aufgaben für den heutigen Tag bereits hinter sich hatte. Neben dem Lesen und Zeichnen hatte sie keine weiteren Hobbys, denen sie am Nachmittag nachgehen konnte. So hatte sie meist viel Zeit übrig, die sie häufig zum Lernen nutzte. Hausaufgaben waren für sie mehr als nur Pflichterfüllung. Sie sah sie als Gelegenheit, den Unterrichtsstoff zu wiederholen und sich selbst auf die Probe zu stellen. Sie hatte das Glück, dass ihr das Lernen leichtfiel. Meist verstand sie den Stoff auf Anhieb und musste nicht lange grübeln.
      Trotzdem schien selbst das nicht auszureichen, um die Aufmerksamkeit ihres Vaters zu erlangen. Ein Teil von ihr hatte längst aufgegeben, ihn mit guten Noten beeindrucken zu wollen. Doch tief in ihr schlummerte ein Funken Hoffnung. Ein leiser Wunsch, dass er sich eines Tages aus der Vergangenheit befreien könnte.
      Selene stützte ihren rechten Ellbogen auf die Tischplatte und ließ ihr Kinn auf dem Handrücken ruhen. Um sich die Zeit zu vertreiben, richtete sie den Blick hinaus aus dem Fenster. Wie schon am Vortag beobachtete sie das sanfte Spiel der Blätter und Äste im Wind. Mit den Mitschülern in diesem Raum hatte sie kaum etwas zu tun. Sie kannte niemanden gut genug, um sich einfach in ein Gespräch einzubringen. Doch das störte sie nicht. Sie vermisste es im Moment nicht. Es hatte seinen eigenen Reiz, die Aufmerksamkeit der Natur zu schenken, den eigenen Gedanken nachzuhängen und sich selbst zu reflektieren.
      Der Austausch mit Knox reichte ihr. Manchmal ertappte sie sich bei dem Gedanken, wie es wäre, wenn er auf ihre Schule ginge. Wie würde ihr Schulalltag dann aussehen? Würden sie sich auch im echten Leben so gut verstehen wie in der App? Der Gedanke, ihn persönlich zu treffen, war ihr fremd. Online konnte sie sich ihm öffnen. Doch würde er plötzlich leibhaftig vor ihr stehen, bräuchte sie vermutlich eine ganze Weile, um aufzutauen.
      Selene wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie das Vibrieren auf der Tischplatte spürte. Ihr Blick wanderte zur Seite. Sie griff langsam nach dem Handy, doch statt direkt die Nachrichten von Knox zu lesen, vertrieb sie sich die Zeit noch einen Moment anders. Erst nach einer Weile öffnete sie die App und las seine Worte. Ein leises Lachen entwich ihr. Sie hätte nicht behauptet, dass ihre künstlerischen Fähigkeiten besonders herausragend waren, doch im Vergleich zu ihren sportlichen Leistungen war sie deutlich talentierter.
      Sie tippte ihre Antwort:
      „Das ist lieb von dir, aber leider ist das Leichtathletik. Ausdauer, Weitsprung und so weiter :(“
      Da konnte er ihr nicht wirklich weiterhelfen. Meist war sie es gewesen, die anderen Nachhilfe gab. Doch in Sport gehörte sie selbst zu denjenigen, die Hilfe gebraucht hätten. Hätte sie sich tatsächlich getraut, jemanden um Hilfe zu bitten, wäre sie vermutlich nur ausgelacht worden. Wie konnte jemand so schlecht in Sport sein? So wenig Kraft, kaum Ausdauer und kein Talent für irgendeine Disziplin.
      „Aber Kunst ist nicht so streng. Du kennst doch bestimmt die Werke, die nur aus ein paar Strichen bestanden oder einfach nur weiß waren und trotzdem Millionen gekostet haben. Wer weiß, vielleicht bist du der nächste Picasso.“
      Sie hoffte, dass er das als das aufnahm, was es sein sollte – ein lockerer, aufmunternder Scherz.
      Die nächste Nachricht von Knox las sie mehrmals. Es waren keine langen Sätze, kein ausführlicher Text, doch sie spürte, wie sich Wärme in ihrer Brust ausbreitete. Vielleicht begann sie langsam zu begreifen, wie sie ihm wirklich helfen konnte. Nicht mit klugen Ratschlägen, nicht durch direkte Konfrontation, sondern auf eine sanfte, ruhige Weise. Indem sie einfach da war. Ihn in seinem Tempo ließ, ihm Raum gab und seine Entscheidungen respektierte.
      Er kannte sich schließlich selbst am besten. Sie kannte seine Geschichte nicht, nicht die Hintergründe, nicht die Dinge, die ihn geprägt hatten. Ihre Möglichkeiten waren begrenzt. Doch offenbar war genau diese Art, wie sie ihn behandelte, das, was er brauchte. Ihre Zurückhaltung, ihr Zuhören, ihr feines Gespür.
      „Dafür musst du dich wirklich nicht bedanken. Es reicht mir, wenn es dir ein wenig hilft :)“
      So oft wie er sich bei ihr bedankte, vermutete sie, dass es niemanden in seiner Umgebung gab, der ihm solche kleinen Gesten schenkte. Vielleicht war das einer der Gründe, warum er an sich selbst zweifelte oder seine Fähigkeiten herunterspielte. Selene konnte nur spekulieren. Vielleicht würde der Tag kommen, an dem er ihr alles erzählen würde. Vielleicht würde er irgendwann den Mut finden, ihr die ganze Wahrheit zu offenbaren.
      Im Augenwinkel bemerkte sie, wie sich die Tür öffnete und der Lehrer den Raum betrat. Selene schaltete das Handy stumm, schob es unter die Tischplatte und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Unterricht. Doch in einem abgelegenen Winkel ihrer Gedanken dachte sie weiter über den anstehenden Sporttest nach der Pause nach.
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    • Kian saß wie immer hinten, halbwegs aufrecht, aber innerlich schon halb ausgestiegen. Der Unterricht rauschte an ihm vorbei – Formeln, Zahlen, Tafelbilder –, und obwohl er sich meist leichttat in Mathe, war sein Kopf heute woanders. Das Summen seines Handys war kaum hörbar, aber er spürte es. Zwischen den Beinen auf dem Stuhl versteckt, blinzelte er nach unten. Ihr Name. Moon. Ein leises Lächeln schlich sich auf seine Lippen. Niemand hier bemerkte es. Niemand hier wusste, warum er gerade nicht dasaß wie ein angepisster Typ, der gleich explodierte, sondern wie jemand, der etwas... hatte. Nicht viel. Aber etwas Echtes. Er öffnete die App und las. Ihre Nachrichten hatten wieder diesen ganz eigenen Ton. So vorsichtig formuliert und doch so ehrlich. Er hielt inne. Wie lange hatte ihm niemand mehr sowas gesagt? Wie lange hatte sich niemand die Mühe gemacht, ihm seine Risse nicht auszureden, sondern sie einfach zu akzeptieren?

      Er tippte zurück: „Deine Worte helfen mehr, als du denkst. Vielleicht, weil du nie versuchst, mich zu ändern. Nur… bleibst.“
      Er starrte kurz auf das Display, bevor er ein kleines, schiefes Emoji ergänzte. Nicht kitschig – eher so, wie sie es verstehen würde. Dann schickte er ab. Die nächste Nachricht hatte etwas von ihr, das ihm fast ein Grinsen abrang. Er konnte sie sich förmlich vorstellen – mit zerknirschtem Blick, während sie versuchte, irgendeine Leichtathletik-Disziplin zu überleben. Irgendwas daran rührte ihn. Nicht, weil es lustig war. Sondern weil sie sich so klein machte, obwohl er längst wusste, wie viel in ihr steckte. Er tippte weiter: „Wenn du willst, zeig mir die Aufgabe. Ich erklär sie dir." Er zögerte kurz ehe er ergänzte: "Also ich würde sie dir auch zeigen, aber das geht nur in nun ja echt." Er spürte für den Moment ein mulmiges Gefühl und hatte vor seinem inneren Auge ein Kopfkino, wie er Moon bei einer Leichtathletik-Aufgabe half. Ein gutes Gefühl, das gleichzeitig Unsicherheit in ihm auslöste.

      Kurz zögerte er. Dann fügte er etwas hinzu, was ihm auf der Zunge gebrannt hatte, seit er ihre letzten Worte gelesen hatte.
      „Und danke. Für das, was du geschrieben hast. Es klingt... verrückt. Aber es hilft. Echt.“ Er ließ das Handy langsam in die Tasche gleiten und sah zur Tafel, wo der Lehrer gerade einen Überraschungstest ankündigte. Natürlich. Sein Stift flog gedankenlos übers Papier, aber seine Gedanken waren noch bei ihr. Warum fühlt es sich so an, als würdest du mich besser kennen als Leute, die mich seit Jahren sehen? Der Gong riss ihn aus dem Fluss. Pause.

      Die meisten drängten nach draußen, Richtung Cafeteria, Schulhof, Bänke – doch Kian ließ sich Zeit. Sein Testblatt sah erbärmlich aus, aber das kümmerte ihn nicht. Als er endlich in den Flur trat, war es angenehm leer. Er genoss das. Diese kleinen Lücken im System, in denen man einfach... durchatmen konnte. Er wollte gerade Richtung Ausgang gehen, als eine vertraute Stimme ihn anhielt.

      „Kian.“ Er drehte sich um. Coach Langford. Der einzige Lehrer, mit dem er sich irgendwie verstand. Wahrscheinlich, weil der Mann ihn nicht als Störfaktor sah, sondern als das, was er selbst mal gewesen sein musste: ein wütender Junge mit Talent, der versuchte, sich nicht unterkriegen zu lassen. „Hast du gerade Freistunde?“, fragte Langford mit einem schiefen Lächeln. Kian zuckte die Schultern. „Kommt drauf an, ob du was willst.“ Der Lehrer lachte leise, seine Hände locker in die Jackentaschen gestemmt. Ich hab gleich 'ne Leichtathletikklasse. Und die sind heute sowas von tot... Ich bräuchte jemanden, der ihnen zeigt, wie man wieder in Gang kommt. Du weißt schon, Captain Knox-Style.“
      Kian schnaubte. „Captain Knox motiviert in der Regel mit dem Basketball. Nicht mit Sprintübungen aufm Kiesplatz.“
      „Ich verlange ja kein Wunder“, erwiderte Langford. „Aber vielleicht reicht's, wenn du mit ein paar von den Jungs redest. Die hören dir zu. Mehr als mir. Und die Mädels sind immer viel fleißiger, wenn ... na ja du weißt shon, wenn unser Basketball-Captain da ist.“

      Das stimmte wohl. Kian hatte diesen Ruf – der, der nicht viel sagte, aber wenn er was sagte, dann hörte man hin. Nicht weil er laut war, sondern weil er nicht verschwenderisch mit seinen Worten umging. Er überlegte kurz. Eigentlich hatte er sich auf ein paar Minuten Ruhe gefreut. Vielleicht ein stilles Sitzen unter einem Baum mit Kopfhörern im Ohr. Vielleicht auch noch eine Nachricht von Moon. Aber dann erinnerte er sich an ihre Selbstzweifel. Daran, wie sie sich in Sport fühlte. Und vielleicht konnte er, wenn er jetzt half, wenigstens dafür sorgen, dass solche Momente für andere weniger schlimm wurden. „Okay“, sagte er schließlich. „Ich schau vorbei. Aber wehe, du lässt mich Hürden laufen.“ Langford grinste. „Versprochen. Nur motivieren.“ Kian nickte, klopfte ihm locker auf die Schulter – dann zog er los. Richtung Umkleide. Richtung Sportplatz. Sein Handy vibrierte leise in der Tasche. Sein Herz schlug schneller. Vielleicht war sie es. Vielleicht hatte sie wieder geschrieben. Und vielleicht... war das heute gar kein schlechter Tag. Trotz Mathe. Trotz Freistunde. Trotz allem.
    • Selene konnte sich nicht auf den Unterricht konzentrieren, egal wie sehr sie es versuchte. Ihre Gedanken schweiften immer wieder zum Sporttest ab. Es war das eine Fach, in dem sie regelmäßig durchfiel. Wenn sie heute die schlechteste Note bekam, bestand die Gefahr, dass sie die Klasse wiederholen musste. Wie konnte es sein, dass sie in fast jedem Fach zu den Besten gehörte, aber ausgerechnet wegen einer Sportnote durchfiel? Wie peinlich, dachte sie verzweifelt. Aus Nervosität begann sie, ihren Bleistift zwischen den Fingern hin und her zu wippen.
      Sie war so sehr in ihren Gedanken gefangen, dass sie gar nicht bemerkte, wie schnell der Unterricht verging. Erst das schrille Klingeln riss sie zurück in die Realität. Mit einem leisen Brummen räumte sie ihre Sachen zusammen und ging eilig zu ihrem Spind. Sie musste sich mental auf den Sportunterricht vorbereiten. Nachdem sie ihre Bücher verstaut hatte, nahm sie ihre Sporttasche und machte sich sofort auf den Weg zur Umkleide. Die Pause würde sie einfach dort verbringen.
      Auf dem Weg dorthin warf sie einen Blick auf ihr Handy. Knox hatte bereits geschrieben. Eine willkommene Ablenkung vor dem bevorstehenden Horror.
      Selenes Vermutung, wie sie am besten mit Knox umgehen oder ihm helfen konnte, schien sich zu bestätigen. Manchmal war das bloße Dasein wichtiger als große Worte oder Taten. Manchmal konnte zu viel Wollen sogar schaden. Und wenn es genau das war, was Knox gerade half, dann war es das Mindeste, was sie für ihn tun konnte. Für sie war es nichts Besonderes, vielleicht sogar zu wenig. Aber jeder Mensch nahm Hilfe anders wahr.
      Sie antwortete zunächst auf seine zweite Nachricht, denn zur ersten hatte sie bereits etwas geschrieben und wusste nicht, wie sie sich ausdrücken konnte, ohne sich zu wiederholen.
      „Wenn ich mich richtig erinnere, Sprinten, Hochsprung, Weitwurf, Weitsprung und Ausdauerlauf. Oder wie das alles heißt. Ich habe einfach keine Ausdauer und auch nicht genug Kraft. Ich bin mir sicher, mein Sportlehrer hat die Hoffnung in mich längst aufgegeben. Letztes Mal meine ich sogar einen leicht traurigen Blick in seinen Augen gesehen zu haben. Das hat mich irgendwie gebrochen.“
      Trotzdem konnte sie sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen, auch wenn die Situation eigentlich traurig war. Als sie an der Umkleide ankam, stellte sie fest, dass sie die Erste war. In aller Ruhe zog sie sich um, ein etwas zu großes weißes T-Shirt und eine lockere, kurze hellblaue Hose. Ihre Haare band sie zu einem Zopf zusammen, dann setzte sie sich auf die Bank.
      Die meisten anderen Mädchen trugen enge Sporthosen und bauchfreie Tops. Das Selbstbewusstsein dafür hatte Selene nicht. Ihren Körper empfand sie nicht als attraktiv genug, um sich in solchen Outfits wohlzufühlen. Insgeheim vermutete sie, dass viele der Mädchen ihre Kleidung eher wegen der Jungs trugen als aus Bequemlichkeit. Vielleicht irrte sie sich auch. Vielleicht sollte sie es wenigstens einmal ausprobiert haben, bevor sie sich ein Urteil bildete.
      Selene holte erneut ihr Handy heraus und antwortete auf den Rest von Knox’ Nachrichten. Sie fragte sich, wie es wohl wäre, wenn er ihr im echten Leben Tipps geben würde. Wenn er neben ihr stünde, vielleicht sogar mit ihr trainieren würde.
      „Hmm, Tipps für Ausdauerlauf? Ich halte gerade mal drei Minuten durch, bevor ich anfange zu sterben. Weitwerfen bekomme ich auch irgendwie nicht hin.“
      Es gab einfach zu viele Hürden. Das ließ sich nicht in einer Nachricht erklären. Außerdem war sie sich sicher, dass man solche Dinge üben musste, um Fortschritte zu machen. Von einem Moment auf den anderen besser zu werden war für sie schlichtweg utopisch.
      „Dann bin ich beruhigt. Aber solltest du jemals das Gefühl haben, dass ich dir zu nahe komme oder dich nerve, sag mir bitte Bescheid, ja?“
      Sie nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und verließ dann schließlich die Umkleide. Draußen setzte sie sich im Schatten auf den Rand des Sportplatzes. Die Pause verbrachte sie dort, in Ruhe. Nervös tippte sie mit dem Fingernagel ihres Zeigefingers gegen das Handy. Am liebsten hätte sie die Fähigkeit, die Zeit vorzuspulen. Ein wenig genervt und innerlich unruhig schloss sie die Augen, um sich selbst zu beruhigen. Doch es funktionierte nur mäßig. Warum war Sport bloß ein Pflichtfach, dachte sie sich verärgert. Konnte nicht Knox an ihrer Stelle die Prüfungen machen? Gefangen in ihrer Nervösität saß sie ihre Pause ab und zuckte leicht zusammen, als sie die Klingel der Schulglocke in der Ferne hörte. Die zeit machte auch für Selene keinen halt. Es würde also nicht lange dauern, bis sich jede rhier versammeln wird.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Kian schulterte die Sporttasche und war einer der Ersten, die die Umkleide betraten. Die meisten Jungs hingen noch in Gruppen im Flur herum oder warteten darauf, dass sich die Mädchen wieder zu laut über irgendwen beschwerten. Für ihn war das alles Hintergrundrauschen. Er schmiss seine Tasche in die Ecke, zog sich routiniert um – weißes Shirt, graue Jogginghose, Laufschuhe –, schnappte sich seine Wasserflasche und ließ sich auf der Bank nieder. Sein Blick wanderte zu seinem Handy, das auf der Tasche lag. Zwei neue Nachrichten von Moon. Er griff danach, öffnete sie – und las. Er hätte beinahe gelacht, hätte es nicht so bitter geklungen. Kian starrte einen Moment auf die Zeilen. Er konnte sie sich vorstellen – wie sie das sagte, mit diesem Ton zwischen Sarkasmus und echter Unsicherheit. Und er spürte, wie ihn das wütend machte. Nicht auf sie, sondern auf diesen verdammten Druck, auf die beschämenden Blicke, auf die Lehrer, die glaubten, dass Noten den Wert eines Menschen abbilden könnten. Er schüttelte den Kopf, musste aber grinsen. Sie hatte eine Art, ihn gleichzeitig zu berühren und zum Schmunzeln zu bringen. Das konnte sonst keiner. Seine Finger glitten über das Display, während er eine Antwort tippte: „Okay, zuerst mal: niemand stirbt nach drei Minuten Laufen. Höchstens innerlich.“ Dann ergänzte er: „Und dass dein Lehrer dich aufgegeben hat, ist nicht dein Problem. Sondern seins. Du kämpfst trotzdem. Und genau das ist 'ne Stärke, keine Schwäche.“

      Nach einer kurzen Pause schrieb er noch: „Ich würd dir 'ne Playlist zusammenstellen. Die macht jeden Ausdauerlauf 10 % weniger schlimm. Und wenn du willst, rennen wir mal zusammen. Ich lang vor, du folgst. In deinem Tempo. Kein Druck.“ Gerade als er absendete, trat Coach Langford ein. „Knox!“, rief er mit dieser sonoren Sportlehrer-Stimme, die selbst durch Mauern schallte. Kian sah auf. "Wie gut, dass wenigstens auf dich verlass. Trommel die Leute zusammen, ich komme gleich dazu." Kian nickte stumm, stand auf und ging Richtung Sportplatz. Im Vorbeigehen haute er drei Jungs freundschaftlich auf die Schulter. Sonnenlicht flutete über das Stadion, der Asphalt unter seinen Füßen begann schon leicht zu flimmern. Die Gruppen sammelten sich nur träge. Einige Jungs trotteten lustlos über den Rasen, die Mädels tuschelten noch untereinander während sie zum Sammelpunkt kamen. Nachdem sich alle vor Kian versammelt hatten, der die Arme lässig in der Jogginghose hatte, kam auch Coach Langford dazu. "Schön, Leute, dass ihr da seid. Wir sind aktuell mitten in der Leichtatheltik-Saison und der gute Kian - unser Basketball-Captain" Langford legte seine Hand auf seine Schulter "hat sich bereit erklärt heute ein bisschen Training mit euch zu machen." Die Mädels tuschelten lauter, einige schoben ihre engen Oberteile zurecht oder zupften an ihren kurzen Shorts. Kian grinste schwach. Den Respekt mochte er. "Ich muss noch die Unterlagen für die Leistungstest holen. Denkt dran wir machen heute Sprint, Weitsprung und Weitwurf. Ich will beste Leistungen von euch!" Mit diesen Worten verschwand.

      Kian stellte sich auf die Mittellinie und rief: „Also legen wir los. Warm-up! Zwei Runden lockeres Einlaufen – wer trödelt, rennt eine extra Runde. Ja, auch du, Jayden.“ Er rannte mit, vorneweg. Die Sonne brannte angenehm auf seinem Rücken, der Wind kühlte die Stirn. Für ein paar Minuten konnte er die Probleme abschütteln – das mit seiner Mutter, der Stress zuhause, diese Leere, die sich oft in ihm festfraß. Und vielleicht… auch ein bisschen seine Wut. Er schob den Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf die Gruppe. Nach den Runden versammelte er die Jungs. „Beweglichkeitsübungen. Ganz klassisch. Arme, Beine, Hüften. Wer lacht, macht Liegestütze.“

      Langford kam wieder mit einem Klemmbrett, einer Stoppuhr und einem Kugelschreiber. Jetzt wurde es wohl für die anderen ernst. Kian nutzte den Moment, griff zu seinem Handy in der Hosentasche, wischte den Schweiß von der Stirn und tippte, ohne groß nachzudenken:
      "Ich habe aktuell auch Leichtathletik, was ich bis vorhin nicht gedacht hätte! Ich soll meinem Sportlehrer helfen - Aber hey ich bin da nur als Motivator ;)"
      Abschicken. Dann steckte er das Handy weg, atmete tief durch – und drehte sich wieder zur Gruppe.
    • Die anderen Schüler trudelten nach und nach ein, und vereinzelte aus ihrer Sportklasse gesellten sich zu ihr oder zumindest in ihre Nähe. Auch sie stellten ihre Wasserflaschen und Handys auf dem Boden ab. Da Selene mit ihnen nichts zu tun hatte, zog sie die Knie an sich heran und verschränkte die Arme darauf. Wäre es ein Ausweg, sich plötzlich krank zu melden? Der Gedanke kam ihr tatsächlich.
      Soweit sie sich erinnern konnte, hatte sie sich noch nie an einem Schultag krankgemeldet. Selbst wenn sie erkältet war oder Kopfschmerzen hatte, ging sie weiterhin zur Schule. Zumindest dort gab es Ablenkung, zu Hause hingegen war niemand, der sich um sie sorgte. Die einzigen Personen, die ihr einen mitleidigen Gesichtsausdruck schenkten, waren die Lehrer, und auch nur, wenn man ihr das Kranksein ansah. Da sie ohnehin blass war, dachte sie lange, man könne es ihr nicht ansehen. Doch irgendwann hatte sie festgestellt, dass es durchaus möglich war.
      Selene spürte, dass Knox ihr geschrieben hatte, doch das Gemurmel der anderen hielt sie davon ab, nachzuschauen.
      „Ich habe Kian in der Nähe gesehen. Er gehört doch gar nicht in unsere Sportklasse“, sagte ein Mädchen.
      Selene horchte auf. Kian?
      „Kann ja sein, dass er was vergessen hat oder so“, erwiderte ein anderes Mädchen.
      „Wenn Kian bloß in unserer Klasse wäre“, seufzte die Erste wehleidig.
      Selene hob unbeeindruckt eine Augenbraue. Sie fragte sich, ob die Mädchen Kian persönlich kannten oder ihn nur aus der Ferne wegen seines Aussehens und seines Rufs vergötterten. Da sie sich nie mit dem aktuellen Tratsch beschäftigte, wusste sie nicht einmal, ob er eine Freundin hatte oder welche Geschichten sonst über ihn kursierten. Das Letzte, was sie mit ihm verband, war, dass sie einmal nebeneinandergesessen hatten.
      Und dann geschah es tatsächlich. Man erkannte Kian in der Nähe, in Sportkleidung. Selene war stutzig. Wieso war er hier? Wäre er ein normaler Schüler, würde sie dem keine große Beachtung schenken. Doch Kian war in aller Munde, und sofort fingen einige Mädchen in ihrer Nähe aufgeregt an zu tuscheln.
      Ihre Zeit, eine Freundin zu finden, mit der sie tuscheln konnte, worüber auch immer, schien wohl endgültig vorbei zu sein.
      Der Sportlehrer stellte Kian nochmals vor, als wäre er nicht ohnehin schon berühmt genug. Und zu allem Überfluss sollte er mitmachen. Selene fragte sich, weshalb, und ihre Laune sackte noch weiter ab. Nun stand sie nicht nur unter den kritischen Blicken des Lehrers, sondern auch unter denen von Kian. Sie würde sich also vor einer weiteren Person blamieren.
      Selene seufzte. Der Tag wollte einfach nicht besser werden. Die letzten Worte des Sportlehrers ließen sie eine Grimasse ziehen. Ihre „Bestleistung“ war genauso gut wie keine Leistung. Sie verzweifelte innerlich. Am liebsten hätte sie laut gestöhnt und ihr Leid in die Welt hinausgeschrien.
      Der Sportlehrer ließ die Gruppe mit Kian beginnen. Und zu ihrem Entsetzen sollte sie sich warm laufen. Das zum Thema Ausdauer, dachte sie verbittert. Am liebsten hätte sie ihre Hände vors Gesicht geschlagen und angefangen zu weinen – innerlich zumindest.
      Kian sah dabei tatsächlich aus wie ein Sportlehrer. Hätte man es nicht besser gewusst, hätte man denken können, er sei ein Vertretungscoach. Coach Knox, schoss es ihr durch den Kopf. Genau so stellte sie sich Knox vor. Und ein Teil von ihr hatte Angst, dass sie am eigenen Leib erfuhr, wie das wohl wäre. Das zum Thema „nicht seine Schülerin sein“, dachte sie. Es fühlte sich fast genauso an.
      Gequält, bevor es überhaupt angefangen hatte, fing sie an zu laufen. Zwei Runden. Leider waren es keine kleinen Runden, sondern die großen. Selbst damit tat sie sich schwer. Bereits nach der ersten Runde wollte sie aufgeben. Ihre Lungen stachen, Seitenstechen machte sich bemerkbar.
      „Oh mein Gott“, flüsterte sie gequält. Ihr Blick war wehleidig. Sie wollte einfach nur nach Hause.
      Nachdem sie diese Tortur hinter sich gebracht hatte, ließ sie sich auf den Boden sinken. Kian jedoch machte einfach weiter. „Erbarmen“, flüsterte sie und wischte sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirn. Es fühlte sich eklig an, so zu schwitzen.
      Selene entfernte sich ein wenig von der Gruppe, machte aber dennoch bei den Übungen mit. Der Gedanke, dass nach den Übungen Schluss sein könnte, hörte sich gut an. Doch die Welt war offenbar gegen sie, denn der Sportlehrer kehrte mit neuer Energie zurück. Sie brauchte doch einfach mal eine Pause, ohne etwas tun zu müssen.
      „Wir fangen mit Sprint an. Ich werde eure Namen aufrufen und ihr stellt euch an. Kian und ich werden die Zeit stoppen. Ihr habt drei Versuche, eure Zeit zu verbessern.“
      Selene setzte sich hin. Da ihr Nachname mit W anfing, würde sie wohl zu den Letzten gehören. Genug Zeit, um sich auszuruhen. Sie schnappte sich ihre Wasserflasche und trank große Schlucke. Vielleicht ein wenig zu viel, denn ihr wurde plötzlich übel.
      Ich hasse Sport, dachte sie, während sie sich wieder setzte und das Handy zur Hand nahm. Sie hörte nur die ersten drei Namen, die der Lehrer aufrief.
      „Ich glaube nicht, dass er meine Bemühungen in die Note einfließen lässt =), schrieb sie leicht verbittert an Knox. „Aber ich habe ja keine andere Wahl, als mein Bestes zu geben, wenn ich nicht durchfallen will.“
      Was sie ohnehin tun würde.
      Bei Knox’ zweiter Nachricht musste sie leicht lächeln. Trotzdem bezweifelte sie, dass es jemals zu einem Treffen zwischen ihnen kommen würde. Zu groß war die Angst, dass die Diskrepanz zwischen ihrer Persönlichkeit und der in ihren Nachrichten zu groß war. Dass er womöglich nicht bereit wäre, zu warten, bis sie auftaute.
      Selene schielte zu ihrem Armband.
      „Also wenn die Playlist das schafft, bin ich beeindruckt.“
      Wenn sie nun jedoch gar nichts auf sein Angebot antwortete, würde das auffallen. Also schrieb sie weiter.
      Ein schriller Ton ertönte. War es das erste oder schon das zweite Mal?
      „Dann wären die Sessions gerade mal drei Minuten lang. ''^^
      Sie schüttelte den Kopf. Die zwei Runden zuvor hatten ihr schon gereicht.
      Als sie dann die letzte Nachricht las, blieb ihr Herz für einen Moment stehen. Ihr Blick wanderte zu Kian, der gerade etwas auf ein Brett schrieb. Sofort schossen ihr sämtliche Gedanken durch den Kopf, die sie mit einem Kopfschütteln verscheuchte. Nein, das war nur ein Zufall. Aber wie verrückt, dass Knox auch Leichtathletik hatte. Und aushalf. So wie Kian gerade.
      Bevor sie den Gedanken weiter verfolgen konnte, hörte sie die strenge Stimme des Sportlehrers: „Walker.“
      Selene legte das Handy zur Seite und presste die Lippen aufeinander. Sie stellte sich an die Markierung, neben ihr noch jemand. Sie hasste es. Durch die andere Person wurde ihre Unsportlichkeit noch offensichtlicher. Und jetzt beobachteten sie nicht nur der Lehrer, sondern auch der Basketballprofi.
      Sie wollte sich verstecken, weit weg von diesem Ort.
      Sie beugte leicht die Knie, zog die Augenbrauen zusammen. Sie wollte nicht rennen. Sie wollte hier nicht sein. Ihr Herz begann zu rasen, noch bevor der Lauf überhaupt begonnen hatte.
      Der schrille Ton ließ sie zusammenzucken. Sie zögerte eine Millisekunde, dann setzte sie sich in Bewegung. Viel zu langsam. Weit entfernt von dem, was sie leisten sollte. Sie wagte es nicht, jemanden anzusehen. Starrte nur geradeaus und tat ihr Bestes. Wie immer.
      Irgendwann kam sie ins Ziel. Sie stützte sich auf die Oberschenkel und begann zu husten. In dieser Position verharrte sie. Sie traute sich nicht, aufzusehen. Hitze stieg ihr ins Gesicht, ihre Ohren brannten. Es war kurz still.
      Dann nannte der Lehrer ihre Zeit.
      Selene atmete tief aus, nickte stumm und richtete sich wieder auf. Ihre Lippen presste sie fest zusammen. Ihr Bestes war wieder einmal nicht gut genug.
      Frustriert und enttäuscht kehrte sie zu ihrem Platz zurück, stützte die Ellbogen auf ihre Oberschenkel und vergrub das Gesicht in den Händen. Sie konnte die Note niemals durch die anderen beiden Prüfungen ausgleichen. Sie rieb sich die Augen. Sie wollte einfach nur verschwinden. Es würde für sie nicht einmal SInn machen zu versuchen ihre Zeit zu verbessern, sie war bereits so schnell gesprintet wie sie konnte. Und obwohl sie dies wusste, hatte sie sich beriets entschieden es erneut zu versuchen. Aus welchen Grund auch immer, doch sie hatte das Gefühl, dass sie es tun musste.
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    • Kian hatte sich mittlerweile an den Rand des Sportplatzes verzogen, die Pfeife um den Hals und das Handy in der einen, die Stoppuhr in der anderen Hand. Der Coach hatte ihm ein Klemmbrett übergeben mit der lapidaren Ansage: „Notier die Zeiten und motivier sie. Du weißt, wie das geht.“ Er wusste es. Aber das bedeutete nicht, dass er gerade Lust darauf hatte. Er beobachtete, wie die Schüler nacheinander antraten. Der übliche Mix aus ehrgeizig, gleichgültig und total überfordert. Er ließ sich nichts anmerken. Coachface an, wie beim Basketball. Zwischendurch wischte er mit dem Daumen über das Display. Neue Nachrichten. Moon hatte geantwortet. Er lehnte sich gegen die Wand des Geräteschuppens, die Sonne wärmte seinen Rücken. Er las. Er atmete durch. Ihre Unsicherheit war fast greifbar zwischen den Zeilen.

      Würde sie wissen, wie viele andere hier draußen genauso strugglen – sie würde sich vielleicht ein kleines bisschen weniger allein fühlen.
      Und doch… irgendwie war gerade dieses Straucheln das, was sie für ihn so greifbar machte. Echt. Seine Finger tippten über das Display:
      „Sport ist wie Mathe. Manche brauchen 'nen Taschenrechner, andere 'nen Coach. Das ist kein Scheitern. Das ist Lernen.“
      Er hielt kurz inne, dann kam ein weiteres Fenster mit ihrer Nachricht: „Also wenn die Playlist das schafft, bin ich beeindruckt.“
      Kian grinste schräg, schüttelte leicht den Kopf. Sein Grinsen wurde noch ein wenig weicher bei ihrem nächsten Satz:
      „Dann wären die Sessions gerade mal drei Minuten lang.
      Er sah auf, nur kurz. Irgendwo auf dem Platz war gerade ein Schüler bei einem halbherzigen Weitsprung gelandet. Der Coach pfiff. Er fuhr sich durch die Haare, ließ das Handy sinken - ohne zu antworten - und schob sich dann wieder in Bewegung. Zwei Jungs traten zum Sprint an – er rief die Namen, drückte auf die Stoppuhr. Nach ein paar Läufen meldete sich der Coach wieder bei ihm.

      „Kannst du beim Weitsprung die Zeiten notieren und schauen, dass keiner sich was bricht? Ich muss kurz ins Lehrerzimmer.“
      „Klar“, murmelte Kian. Er machte sich auf den Weg zur Sprunggrube, setzte sich auf einen Hocker, der wohl schon bessere Tage gesehen hatte, und schob das Handy wieder aus der Tasche. Nun konnte er endlich seine Antwort tippen:
      „Bin jetzt offiziell zum Zeitmessknecht befördert worden. Coach denkt wohl, ich hab nichts Besseres zu tun, als seine Leichtathletikklassen zu babysitten.“
      Dann fügte er noch an:
      „Würd ehrlich gesagt lieber selbst Sport machen. Rennen, Ball, irgendwas mit Adrenalin. Das hier ist… naja. Slow Burn.“

      Er blickte aufs Feld. Viele Gesichter, verschwommen. Ein paar davon kannte er. Viele nicht.
      Er hatte keine Ahnung, wie Moon aussah. Und trotzdem ertappte er sich dabei, wie sein Blick nach jemandem suchte.
      Jemand, der sich unwohl fühlte. Der sich fehl am Platz fühlte. Vielleicht sah er sie sogar – aber er wusste es nicht. Er entdeckte dieses Mädchen von gestern aus der Klasse, die für ihn ihre Bücher als Sichtschutz aufgebaut hatte und ihn einfach einen Jungen hatte sein lassen. Nicht den Basketball-Captain in ihm sah oder ihn anmachte. Er lächte knapp zu ihr. Ihre Blicke trafen sich für einen kurzen Augenblick und irgendwie spürte Kian ihre Unsicherheit und die fehlende Motivation. "Ähnlich wie bei Moon", ging es ihm durch den Kopf. Er senkte überrascht den Blick. Die beiden hatten sich zu lange angestarrt und Kians Handy wurde in der Mittagssonne schon ganz heiß.

      „Sag Bescheid, wie’s bei dir läuft. Wenn du magst.“, schrieb er abschließend. Dann legte er das Handy weg und notierte wieder Zeiten. Doch sein Kopf… war längst nicht mehr ganz auf dem Sportplatz.
    • Wie erwartet hatte sich ihre Zeit gerade einmal um eine Sekunde verbessert. Trotzdem war es nicht gut genug, um in diesem Bereich zu bestehen. Sie war außer Atem, körperlich erschöpft, ihre Motivation war längst aufgebraucht und der Wunsch, einfach zu gehen, wurde stärker. Sie war nur noch froh, wieder an ihrem Platz zu sein. Die Wasserflasche stand zwischen ihren Beinen, das Handy lag in ihrer Hand.
      Knox hatte geantwortet. Ihr erster Impuls war, zurückzuschreiben. Mathe konnte man nicht mit Sport vergleichen. Mathe hatte klare Regeln, Formeln, nachvollziehbare Strukturen. Es war logisch und greifbar, mit eindeutigen Ergebnissen. Sport hingegen forderte den Körper, zehrte an ihrer Kraft, an ihrer Ausdauer. Es gab keine Formel, keine Anleitung, nur Mühe, Schweiß und den eigenen Willen. Hätte sie jemanden gehabt, der konsequent mit ihr übte, hätte das vieles einfacher gemacht. Doch sie hatte ihre Zeit meist zu Hause verbracht, und Sport hatte dabei nie eine Rolle gespielt.
      Ein Seufzen entwich ihr, als sie hörte, dass als Nächstes Weitsprung auf dem Plan stand. Fast hätte sie sich gewünscht, sie würde sich den Fuß verstauchen, nur um dieser nächsten Tortur zu entkommen. Aber es gab niemanden, der sie hätte abholen können. Also brachte sie die Wasserflasche an ihre Lippen und trank einen großen Schluck. Auch der Sportunterricht würde irgendwann enden. Sie musste nur durchhalten, ein kleines bisschen noch, dann war es vorbei.
      Der Sportlehrer entfernte sich wieder von der Gruppe, Kian blieb allein zurück. Der Arme. Wahrscheinlich hatte er Besseres zu tun, als hier herumzusitzen und Protokoll zu führen. Verschwendete Zeit. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. Statt sich mit seinen Problemen zu beschäftigen, sollte sie sich lieber auf ihr eigenes Leid konzentrieren. Schließlich stand ihre Versetzung auf dem Spiel.
      Ihr Blick wanderte in die Ferne, verlor sich an einem unbestimmten Punkt, bis ihr Handy in ihrer Hand vibrierte. Der Gedanke, den sie zuvor gehegt hatte, erschien nun schwarz auf weiß in Knox’ Nachricht. Irritiert und beinahe fassungslos las sie sie. Das zuvor war vielleicht ein Zufall gewesen, aber das jetzt? Es war fast unheimlich. Ihr Blick glitt vom Display ihres Handys hoch zu Kian, der dort saß und sich scheinbar ebenfalls umsah.
      Sie kannte dieses Gefühl. Es war das gleiche, das sie oft in überfordernden sozialen Momenten überkam, aber diesmal war es stärker. Ihr Gehirn schien auszusetzen, besonders in dem Moment, als er ihr – wie sie es sich zumindest einbildete – ein leichtes Lächeln schenkte. Doch er wandte sich schnell ab, als er bemerkte, dass sie ihn etwas zu lange ansah. Das war doch unmöglich. Das konnte kein Zufall sein. Und doch versuchte sie sich selbst davon zu überzeugen, dass es nichts weiter war als eben das: ein Zufall. Einer, den man einfach ignorieren musste.
      Sie senkte den Blick, zwang sich zur Ruhe. Es machte für sie keinen Sinn. Das war nur ein dummer Zufall. Leise murmelte sie die Worte vor sich hin und wollte sich ablenken. Auch wenn sie es in dem Moment nicht realisierte, hatte dieser Zufall etwas in ihr verschoben. Kians Anwesenheit wurde auf einmal bedeutungsvoll, beinahe greifbar. Und je mehr sie versuchte, es zu verdrängen, desto schwerer wurde es, den Gedanken loszulassen, dass vielleicht doch mehr dahintersteckte.
      Wenn sie sich eingestehen musste, dass Knox und Kian dieselbe Person sein könnten, würde das alles verändern. Sie könnte es nicht mehr ignorieren. Und dann? Dann könnte ein falsches Wort, eine unbedachte Nachricht, alles zerstören, was sich zwischen ihnen aufgebaut hatte. Ihre Welten waren zu verschieden. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass das, was in Nachrichten funktionierte, auch in der Realität Bestand haben konnte. Um das nicht zu verlieren, hatte ihr Unterbewusstsein eine Art Schutzmauer errichtet, einen Pfad, der sie um die Wahrheit herumführte, ohne sie zuzulassen. Um sie zu schützen vor dem Schmerz, vor dem möglichen Verlust, der unausweichlich schien.
      Also redete sie sich ein, dass es nichts war. Dass es ein Zufall war. Nur ein seltsamer, unerklärlicher Zufall. Auch wenn in einem ganz dunklen, fernen Winkel ihres Inneren ein feines, neugieriges Gefühl erwachte. Unscheinbar noch, aber bereit, mit der Zeit seine Fühler weiter auszustrecken.
      Doch jetzt zählte nur eines: der Sportunterricht. Eine perfekte Ablenkung.
      Selene war an der Reihe. Auch hier tat sie ihr Bestes. Doch sie fiel auf ihren Hintern und musste sich mit den Händen abstützen. Der Versuch wurde gezählt. Beim zweiten Anlauf trat sie leicht falsch auf. Ein stechender Schmerz schoss durch ihren Fuß. Sie ließ sich nichts anmerken, auch wenn sich der Sand unangenehm in ihren Socken verteilte. Sie stand auf, verlagerte das Gewicht auf das andere Bein und tat so, als wäre alles in Ordnung. Es würde vorübergehen. Wichtig war nur, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
      Es war schon schlimm genug, dass sie unter so vielen Blicken springen musste. Sie sollte sich lieber etwas ausruhen bevor die nächste Kategorie anfing, bis dahin würde der Schmerz im Fußgelenk verschwinden. Schwer atmete sie aus. Der Tag war nicht einmal rum, und sie fühlte sich so erschöpft ab, sodass sie am liebsten sich schlafen legen wollte.
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    • Der Unterricht ging weiter – schleppend, wie Kian fand. Der Weitsprung zog sich, eine schlechte Landung nach der anderen, falsche Schritte, aufgeschlagene Hände, enttäuschte Gesichter. Er trug weiter Namen und Zahlen ein, stand dabei mit verschränkten Armen in der Sonne und warf immer wieder einen Blick auf die Uhr. Als der letzte Name abgehakt war, kam Coach Langford zurück. „Ich übernehme hier, Kian. Danke dir. Geh ein bisschen laufen, wenn du willst.“ Der Lehrer klopfte ihm kurz auf die Schulter, ehe er mit dem Klemmbrett in Richtung der nächsten Gruppe verschwand. Weitwurf. Das nächste Übel.

      Kian nickte knapp, steckte das Handy ein, das längst stumm geblieben war, und joggte los.
      Er liebte es nicht – aber er brauchte es. Die Bewegung, das gleichmäßige Pochen der Schritte auf dem Boden, das Gefühl, dass sein Herz gegen den Takt der Welt anrannte. Nur er, seine Gedanken und der Rhythmus seiner Beine. Eine Runde. Zwei. Drei. Doch selbst das Laufen half heute kaum. Immer wieder wanderte sein Blick aufs Display. Keine Nachricht. Keine Antwort. Moon schwieg.

      Vielleicht war sie beschäftigt. Vielleicht war sie wieder zu Hause, über ihren Büchern, mit den Gedanken weit weg – zu weit. Oder sie hatte einfach keine Lust zu antworten. Er schüttelte den Kopf, versuchte, den Gedanken abzuschütteln, wie man Schweiß von der Stirn wischte. Aber er blieb. Hartnäckig wie Mücken im Spätsommer. Er hatte geglaubt, da wäre was. Kein großes Ding. Kein Liebesfilm-Shit. Aber… ein Funken? Wärme vielleicht. Oder einfach nur das Gefühl, gesehen zu werden. Gehört.
      Aber jetzt – nichts. Funkstille. Kian lief weiter. Runde vier. Runde fünf. Seine Muskeln brannten leicht, aber es war angenehm. Es erinnerte ihn daran, dass er noch da war. Dass es mehr gab als Schule, Stress, Eltern, Erwartungen. Mehr als leere Wohnzimmer und stumme Küchen. Er schloss für einen Moment die Augen, während er lief. Hörte nur das Rauschen des Blutes in seinen Ohren, das dumpfe Echo seiner Schritte. Moon. Warum fühlte es sich plötzlich so falsch an, dass sie nicht da war?

      Er machte noch eine halbe Runde, dann blieb er stehen. Hände in die Hüften gestützt, der Atem tief. Sein Blick wanderte über den Sportplatz. Schüler warfen wild Bälle durch die Gegend, schrien durcheinander, lachten. Und er? Er stand am Rand – halb Teilnehmer, halb Zuschauer.

      Er zog das Handy raus, tippte den Homebutton. Immer noch keine Nachricht. Kian schob das Gerät zurück in die Tasche. „Schon okay“, murmelte er leise vor sich hin. Worte, die man sagt, wenn man nicht weiß, ob man’s glaubt. Er ließ sich ins Gras fallen, stützte die Arme hinter sich ab und schloss für einen Moment die Augen. Vielleicht würde sie ja doch noch schreiben. Vielleicht auch nicht. Aber er wartete trotzdem. Irgendwie.
    • Sie war froh, dass sie eine kleine Pause einlegen konnte. Es waren noch genügend Schülerinnen und Schüler vor ihr, und man hatte ihnen eine kurze Erholungspause gegönnt. Selene hätte allerdings eine ganze Unterrichtsstunde gebraucht, um sich von dieser Tortur zu erholen. Mittlerweile hatte ihr Fußgelenk aufgehört zu schmerzen, doch ihre Motivation war unverändert niedrig. Sie nahm das Handy in die Hand und überlegte, was sie darauf antworten sollte. Für einen Moment hatte sie Kian sogar ganz vergessen.
      Sie trank einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und stellte erschrocken fest, dass sie fast leer war. Sie musste sparsamer damit umgehen. Dann nahm sie das Handy wieder in beide Hände. Vielleicht machte sie es nur schlimmer, wenn sie zu lange über eine Antwort nachdachte. Also schrieb sie einfach los: „Ich würde viel lieber an einer Matheklausur sitzen“, gestand sie ihm. In Mathe fühlte sie sich sicher. Sie wusste, was sie tat, konnte auf ihre Fähigkeiten vertrauen. In Sport war das anders. Sie kannte ihre Grenzen, und die ließen sich nicht einfach so überschreiten.
      Bei seinen letzten drei Nachrichten begann sie erneut zu grübeln. „Wie gerne ich mit dir tauschen würde. Du machst die Note für mich und ich darf die Zeit messen, hört sich doch gut an.“ Sie meinte das ernst. Sie hätte tatsächlich viel lieber die Stoppuhr in der Hand gehalten, als selbst laufen oder springen zu müssen. Sport war einfach nicht ihre Welt. „Ich würde auch viel lieber lesen als mir das hier anzutun. Am besten im Schatten im Garten mit einem kalten Getränk. Und nicht in der heißen Sonne, wo man sich einen Sonnenbrand einfängt, das Gefühl hat, jeden Moment einen Hitzeschlag zu bekommen und mir meine Gelenke abfallen.“
      Sie wusste, dass sie und Knox unterschiedliche Zugänge hatten. Für ihn war Sport ein Ventil, ein Ort zum Abschalten, zur Selbstfindung. Für sie waren Bücher das, was für ihn das Training war. In Geschichten konnte sie sich verlieren, beim Zeichnen fand sie Ruhe.
      Auf seine letzte Nachricht antwortete sie ehrlich und direkt: „Absolut scheiße. Mir fehlt noch eine Note, aber die zwei davor habe ich schon total verhauen.“ Es gab nichts schönzureden. Ihr Blick wanderte, ohne dass sie es bewusst steuerte, zu Kian. Er stand nicht mehr beim Lehrer. Also doch Zufall, dachte sie sich und stand auf, um sich der Gruppe wieder anzuschließen.
      Weitwurf war das nächste. Sie fand es etwas erträglicher als andere Disziplinen, was aber nicht hieß, dass sie darin besser war. Der Ablauf zog sich hin, doch bald war sie an der Reihe. Wie erwartet war ihr Wurf schwach. Der Ball flog deutlich kürzer als bei den anderen Mädchen. Sie hatte längst aufgegeben, sich noch etwas auszumalen. Sie kannte das Ergebnis. Trotzdem hoffte ein kleiner Teil in ihr, dass es vielleicht nur die zweitschlechteste Note wurde.
      Als schließlich alle durch waren, rief der Sportlehrer, dass er nun jede Schülerin und jeden Schüler aufrufen würde, um die Noten mitzuteilen. Selenes Herz rutschte in die Hose. Als ihr Name fiel, schlug ihr Herz bis zum Hals. Sie verschränkte nervös die Finger ineinander. Der Lehrer schwieg kurz, zog die Augenbrauen zusammen und seufzte dann. Selene machte sich auf das Schlimmste gefasst.
      „Ich glaube, ich muss nicht viel dazu sagen. Du kennst deine Leistung, Selene.“ Sie nickte stumm und presste die Lippen zusammen.
      „Du bist leider in jeder Disziplin durchgefallen“, sagte er leise. Ihr Herz raste.
      „Gibt es nichts, was ich verbessern könnte oder so?“, fragte sie, wobei sie die Traurigkeit und aufkommende Panik nicht verbergen konnte.
      Der Sportlehrer sah sie einen Moment lang stumm an, verschränkte die Arme vor der Brust und seufzte erneut. Nach einer langen Pause atmete er tief aus.
      „Ich mache dir einen Vorschlag. Aber nur, weil du in allen anderen Fächern eine hervorragende Schülerin bist. Hilf dem Basketballteam. Begleite sie, unterstütze sie, kümmere dich um sie. Es wird viel Arbeit sein und wahrscheinlich nicht gerade deine Szene, aber am Ende des Schuljahres lasse ich das in deine Note einfließen. Dann fällst du nicht durch.“
      Selene ließ den Gedanken kurz auf sich wirken, doch lange musste sie nicht überlegen.
      „Ja.“
      „Sicher? Willst du es dir nicht vorher nochmal überlegen?“
      Beide wussten, dass das ihre einzige Chance war.
      „Ja, ich bin mir sicher.“
      Der Lehrer klopfte ihr leicht auf den Rücken.
      „Gut, das freut mich. Die Jungs können Hilfe gebrauchen. Komm zum nächsten Training gleich mit.“
      Selene wusste nicht, was sie von der ganzen Sache halten sollte. Es war noch nicht wirklich zu ihr durchgedrungen. Sie kehrte schweigend an ihren Platz zurück und starrte gedankenverloren in die Ferne.
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