Catfish-Syndrom [by marquis & yuyuumyn]

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    • Der Motor des alten, mintgrünen Volvo 240 erwachte zum Leben, als Owen noch halb verschlafen den Zündschlüssel umdrehte. Sein Wagen war bei weitem kein Vorzeigemodell – aber er fuhr, und das war alles, was zählte. Ein Geschenk zum bestandenen Führerschein. Wie sagt man so schön? Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.
      Abgesehen davon wäre es ihm deutlich peinlicher gewesen, sich von seinen Eltern zum College fahren zu lassen. Hoffentlich würde er bald ein Zimmer auf dem Campus bekommen – dann müsste er sich die tägliche Fahrt sparen und könnte morgens endlich ein bisschen länger schlafen.

      Die Strecke war ruhig. Nur die Musikanlage spielte leise im Hintergrund – einen Song von Motionless in White, einer seiner absoluten Lieblingsbands. Eine Band, die wohl kaum jemand mit dem ruhigen, unscheinbaren Studenten in Verbindung bringen würde.
      Mit jeder Kurve, jedem Bordstein, jedem holprigen Pflasterstein wackelte der kleine Frosch-Schlüsselanhänger an seinem Zündschlüssel hin und her.

      Schon bald fuhr er auf den Parkplatz des Northbridge College und stellte seinen Volvo ab, ehe er sich den Rucksack schnappte und ausstieg. Heute standen zwei Vorlesungen auf dem Plan, und danach würde er den Kopf wieder in die Bücher stecken müssen – damit all der Stoff nicht gleich wieder aus dem Gedächtnis verschwand.
      Aber das war ihm heute ehrlich gesagt egal. Immerhin gab es Pizza in der Mensa. Wahrscheinlich das Einzige, worauf er sich an diesem Tag wirklich freute.

      Nachdem er zwei Mal überprüft hatte, ob der Wagen richtig abgeschlossen war und ob sein Laptop tatsächlich im Rucksack steckte, betrat er schließlich das große Universitätsgebäude.
      Auf dem Weg zum Hörsaal nahm er wie immer die Treppen. Ganz automatisch begann er, die Stufen in seinen Gedanken mitzuzählen.
      …9…10…11…12…
      Kurz hielt er inne, verzog kaum merklich das Gesicht – und setzte dann den Fuß über die dreizehnte Stufe, als wäre nichts gewesen.
      Er war nicht abergläubisch. Aber man musste sein Glück ja nicht unnötig herausfordern, oder?

      Vor dem Vorlesungssaal entdeckte Owen bereits seinen besten Freund: Jamie – eigentlich James, aber er hasste es, wenn man ihn so nannte. Genau wie Owen studierte er Medieninformatik. Im Gegensatz zu ihm war Jamie laut, direkt – und selten um eine Meinung verlegen. Wenn ihm etwas nicht passte, riss er sofort sein manchmal viel zu großes Mundwerk auf. Mehr als einmal hatte ihm das Ärger eingebracht. Und Owen gleich mit dazu. Vor allem früher, in der Highschool – da endete sowas auch mal in einer Prügelei.
      „Da bist du ja endlich!“, rief Jamie ungeduldig, als Owen näher kam.
      Owen sah ihn daraufhin aber nur verwirrt an. „Was?“
      „Wie was?“, fauchte Jamie.
      „Warum bist du so aufgebracht, Jamie? Die Vorlesung hat doch noch gar nicht angefangen.“, fragte Owen nun noch verwirrter, obwohl er die schlechte Laune seines besten Freundes eigentlich schon gewöhnt war.
      „Weil!... Ach, keine Ahnung. Ich bin heute einfach schlecht gelaunt. Ich schwör dir: Wenn mir heute einer blöd kommt, tut mir der Typ jetzt schon leid! Du musst mich dann zurückhalten, hörst du?“, schnaubte er und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Wand hinter sich.
      „Sag mal...“, begann er, als er sah, dass Owen seinen Blick längst aus dem Fenster gerichtet hatte, „Hörst du mir überhaupt zu?“

      Owen sagte nichts. Er sah zwei Eichhörnchen dabei zu, wie diese im Geäst eines großen Baumes übermütig hin und her sprangen. Ohne den Blick abzuwenden, nickte er nur leicht. „Hm? Oh...ja, natürlich, Jamie. Ich finde Pilze auf Pizza auch echt eklig.“, murmelte er.
      Mit einen schweren Seufzen schüttelte Jamie leicht seinen Kopf, ließ Owen in Ruhe die Eichhörnchen beobachten und holte dann selbst sein Handy hervor, um sich die Zeit bis zum Beginn der Vorlesung zu vertreiben.
    • Früh war es ohnehin gewesen, so viel wusste Flint zumindest als er von seinem Wecker aus dem wohlverdienten Koma, das er oftmals Schlaf nannte, gerissen wurde. Nichts von alledem was er eigentlich tat war wichtig gewesen, als er sich auf der Northbridge eingeschrieben hatte, oder es zumindest versuchte - das Einzige, was wichtig gewesen war, als er es tat, war die Tatsache, dass man ihm eine Wohnmöglichkeit am Campus versprochen hatte, die so manch anderer Favorit seinerseits nicht bieten wollte, oder aber als überteuertes Gesamtpaket nicht in die Taschen seiner Eltern lotsen konnte. Flint war froh, dass er sich zumindest irgendeine Art von Stipendium ergattern konnte; nicht aber, dass seine Eltern sich das hier nicht leisten konnte, bei weitem war dem nicht so - er war froh, nicht von der Hand in den Mund gelebt zu haben, auch, wenn das gerade wenig zur Sache tat. Dieses Zimmer alleine zu beziehen war zumindest etwas, worauf er sich freuen konnte - sein vorhergesehener Mitbewohner hatte sich auch wegen der Umzugsphase kein einziges Mal blicken lassen, sich aber auch nicht von seinem Studiengang abgemeldet, weswegen man sich doch eigentlich erhoffte, er würde noch auftauchen, früher oder später. Mit diesem Gedanken schleppte er sich recht müde ins Bad, duschte, putzte sich die Zähne und starrte sich selbst im Spiegel entgegen, bis er sich satt war und nach passender Kleidung suchte. Heute war ein weiterer Tag, das stimmte, aber nicht in ein und demselben Kapitel, das er sonst sein eigen nannte - es begann neu, im Hier und Jetzt, auch, wenn er sich genau das Gleich jeden Tag versprach und nie etwas daran änderte.

      Eine Zeit lang brauchte er doch noch, bis er es schaffte, alles für seine Vorlesungen zusammenzusuchen - dieses, jenes, seine Packung Zigaretten, seine Tasche, sein Feuerzeug, seine Handschuhe. Kalt war es bei weitem nicht - noch nicht, nicht zu dieser Jahreszeit - Flints Finger hingegen waren immer wieder frostig und die generelle Montur, die er an den Tag legte, wirkte wohl so, als hätte es draußen zehn Grad, nicht mehr. Seufzend starrte er noch auf das Display seines Handys, bevor er es in die Hosentasche verschwinden ließ und sich auf den Weg machte; Nick wollte sich unbedingt vor der ersten Vorlesung treffen, wieso auch immer er es ausgerechnet für nötig hielt, den Griesgram der sich Flint nannte in seiner ewigen Ruhe zu stören. Zu ihm zu stoßen war leicht, er wartete an der gleichen Bank am Gelände wie er es die letzten paar Mal schon getan hatte - sich mit den anderen Idioten zu umgeben war vielleicht von Vorteil. "Fliiiiint, buddy, was brauchst du morgens auch so lang?", prustete der wohl wenig erfreute Großkotz, den er seine Bekanntschaft nennen durfte. "Ich wollte mir deine fragwürdige Fresse ersparen.", scherzte er, lediglich halb sarkastisch als Nick sich endlich von seinem Wertesten erhob und zu ihm herüber schlurfte. "Na komm schon, ich weiß, dass du das nicht so meinst." Nick legte den Arm um seine Schulter, steuerte mit ihm durch die Gegend und laberte und laberte, so sehr, dass Flint nicht einmal wirklich wusste, wo sie überhaupt hingingen. Wie zum Teufel war dieser Typ im gleichen Studiengang wie er? Wusste er überhaupt, wo sich sein Kopf befand, wenn er nicht gerade auf seinen Schultern war? Flint fragte sich einiges, vor allem dann, als Mateo die beiden auch noch fand. Geil. Ziemlich geil. Mateo und Nick waren für einander wie holpriges Gemisch aus Sägespäne und Kleber, aber darüber echauffierte sich auch nun wirklich keiner. "Was macht ihr zwei schon so früh hier?", hinterfragte der Typ, den Flint nur mit einem Augenrollen begrüßte. "Flint wäre nie aufgestanden, wenn ich ihm nicht geschrieben hätte." "Ich war schon wach." "Wer's glaubt wird selig." Das Gespräch des neu geformten Dreiergespanns zog sich eine Weile, bis die Formation wortwörtlich jemanden anrempelte - es war Flint, der in irgendeinen rothaarigen Idi- Ah. Der Typ. "Hat der Trottel keine Augen im Kopf?", horchte es neben ihm auf, als Nick argwöhnisch zu den zwei Typen hinüberstarrte, die gerade ... was auch immer taten. "Ey, wollt ihr zwei die ganze Zeit nur im Weg herumstehen?", grummelte Mateo die beiden an. "Ugh, jetzt kann kann ich meine Jacke auch gleich in die nächstbeste Tonne schmeißen."
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Owen wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als etwas – oder besser gesagt: jemand – unvermittelt in seine Seite rannte und ihn heftig ins Wanken brachte. Überrascht riss er den Blick vom Fenster – und von den beiden Eichhörnchen – los und drehte sich zur Seite.
      Natürlich. Natürlich musste es ausgerechnet er sein. Derjenige, der ihm schon während der gesamten Schulzeit das Leben zur Hölle gemacht hatte. Derjenige, der mit seinen Eltern im Nachbarhaus in Elmridge wohnte. Flint Ramos.
      Was für einen grausamen Sinn für Humor musste das Schicksal haben, dass ausgerechnet sie am selben College landeten?

      Verwirrt ließ er seinen Blick über Flints Jacke wandern, als er den Spruch von ihm hörte. „Warum musst du denn deine Jacke in die nächstbeste Tonne schmeißen? Da ist doch gar nichts dran. Außerdem ist das nicht wirklich umweltbewusst. Du solltest sie spend–“, doch bevor Owen seinen Satz beenden konnte, meldete sich bereits Jamie zu Wort.

      „Oder du steckst dir deine Jacke in deinen fetten Arsch, Ramos!“, fauchte er und ließ sein Handy in seiner Jackentasche verschwinden. Er wusste, dass sein bester Freund die Gemeinheit und die wahre Bedeutung des Satzes nicht wirklich verstanden hatte. Und vielleicht war das auch besser so. Aber er hatte es verstanden, und er würde jetzt nicht einfach nur dastehen und nichts tun.
      Er drückte sich von der Wand hinter ihm ab und drängelte sich dann zwischen Owen und Flint, wobei er Letzterem dabei ordentlich eine mit der Schulter mitgab.
      Dann wanderte sein Blick zu den beiden anderen Typen, deren Nachnamen er nicht kannte, und er verzog genervt das Gesicht. „Und wer seid ihr zwei Clowns eigentlich, huh? Hässlich und noch hässlicher? Oder habt ihr einfach beide im Dunkeln in den Spiegel gespuckt?“, fragte er und seine Mundwinkel zogen sich zu einem gehässigen Grinsen.

      „Und was heißt hier 'keine Augen im Kopf', huh?! Der da –“, begann er und zeigte mit seinem Zeigefinger schamlos in Flints Gesicht,
      „-ist doch in Owen reingerannt, wie der Volldepp, der er ist! Also haltet gefälligst eure Fressen, ihr Schwachköpfe.“

      Owens Augen huschten derweil sichtlich etwas nervös zwischen seinem besten Freund, Flint und den anderen beiden hin und her. Das war der Moment, in dem er Jamie zurückhalten sollte, oder?
      „Jamie, vielleicht solltest du nicht–“
      Aber Jamie winkte nur ab, hatte einen festen Stand eingenommen und wartete auf eine Reaktion der anderen. Er konnte nicht anders, als noch eine Nummer draufzulegen: „Was? Habt ihr eure Zunge verschluckt? Oder habt ihr euch eingeschissen? Muss euch eure Mamis eure übergroßen Windeln wechseln?“
    • Spenden? Owen war noch immer so weit von der Realität entfernt, als er es davor auch schon jahrelang gewesen war - seine bloße Präsenz schien Flint immer wieder anzupissen, ohne triftigen Grund und diese Situation, im hier und jetzt, wirkte wie eine dumme Ausrede irgendeines Möchtegern-Gotts, ihm auch heute noch ans Bein pinkeln zu können, so früh wie irgendwie möglich. Natürlich kam der Volltrottel nicht allein, nein, seine Lieblings-Kläffe spuckte gerade hohe Töne, als wüsste er, was aus seinem Mund quillte, den er sperrangelweit aufriss wie ein erzürnter, hungriger Pelikan. "Ugh, nicht du auch noch. Ich werde mir meine Jacke nirgends hinschieben, du aufgebrachter Affe.", warf er dem Freak vor die Füße - hatte der Typ überhaupt einen Namen? Nicht, dass Flint sich daran erinnern konnte, immerhin war er für ihn schon längst zu Owen's übermütigem Hund mutiert, der die Klappe nicht halten konnte, während er ein stillstehendes Schild anbellte, weil er glaubte, damit etwas zu erreichen. Nick war auch nicht unbedingt derjenige, der sich auf die Palme bringen ließ - Mateo schon eher, aber der spuckte James lediglich auf die Schuhe. "Keine Ahnung, was dich das angeht.", entgegnete Mateo ihm mit einem Schulterzucken, als würde ihn die ganze Situation eigentlich nur anpissen und die Konfrontation ihm die Nerven rauben. Oh je - Nick riss sein dummes Maul auf.

      "Du Schwachstelle könntest netter sein, und weniger herumbellen. Dich hört noch der ganze Campus - wie ein aufgebrachter Bauerntölpel. Naja, was will man auch erwarten? Einen Dorfschreier braucht's doch immer. Gut, dass du dich gleich zu erkennen gibst." Flint hingegen war derjenige, der nach dem Finger griff, mit dem er regelrecht angezeigt wurde. Brechen wollte er ihn nicht, verbiegen allerdings um ihn aus seinem Gesicht zu bekommen - ein wenig Schmerz und der gute alte Idiot würde abdanken, weil er bemerkte, dass seine Karten schlecht standen. "Nimm deine Drecksgriffel aus meinem Gesicht, oder ich polier' dir deine Hackfresse.", schnalzte Flint mit der Zunge und Nick, der unerbittlich darum zu ringen schien, dass ein Streit zwischen den beiden ausbrach, schien sich über die ins Aus geschossene Beleidigung Owen's Hundes zu amüsieren, weil er kicherte, wie eine zu Tränen gerührte Maid, die den besten Witz ihres kurzen Lebens gehört hatte. "Deine Beleidigungen waren nur derartig schlecht, dass ich mir überlegen musste, ob ich die überhaupt kontern will.", erklärte Mateo sich, der nur einen kurzen Blick zwischen Jamie und Owen hin und her zu werfen schien, bevor er die Augen rollte. "Wenn du nicht drauf stehst, dass jemand deine Bitch dumm anmacht, dann lass ihn nicht im Weg herumstehen, ganz einfach. Und wenn er drauf steht, von seinem Haustier beschützt zu werden, dann lutsch' ihm gefälligst nicht hier draußen metaphorisch einen. Und jetzt zieh' Leine, oder wir machen kurzen Prozess mit euch. Drei gegen einen sollte doch fair sein, wenn du glaubst, uns einfach anpöbeln zu können." Nick war derjenige, der sich zwischen Flint und Jamie drängelte und Letzteren mit Absicht schubste, absolut nicht sachte. "Jetzt geh mir aus der Sonne, du Dorftrottel. Bäh. Ich kann nicht glauben, dass ich das angefasst hab.", echauffierte Nick sich und wischte seine Hände an seiner Hose ab.
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    • „Aufgebrachter Affe? Aufgebrachter Affe?! Ich geb dir gleich aufgebrachter Affe, du aufgepumpter Gorilla ohne Hirn!“, fauchte Jamie sofort wieder zurück und verzog dann angewidert das Gesicht, als Mateo ihm auf die Schuhe spuckte. „Alter, hast du sie noch alle?!“, zischte er, bevor sein Blick dann zu Nick wanderte.
      „Wie hast du mich gerade genannt?!“
      „Er hat dich einen Bauerntölpel genannt. Und einen Dorfschreier.“
      „.....vielen Dank, Owen.“, seufzte er nur leise unter seinem Atem, bevor er dann zusammenzuckte, als Flint nach seinem Finger griff und diesen verbog. "Au!..au!, au!, au!"

      Mit einem Ruck zog er seinen Finger aus dem Griff, betrachtete ihn kurz und blickte dann wieder genervt in Flints Gesicht. Du willst mir die Fresse polieren? Mehr als große Töne zu spucken kannst du doch sowieso nicht.“
      Als er dann aber hörte, was Mateo und Nick als Nächstes zu sagen hatten, verfinsterte sich sein Gesicht, und seine Augen wurden dunkler.
      Wie hast du Owen gerade genannt?“, fragte er diesmal mit gefährlich leiser Stimme und ballte die Hände zu so festen Fäusten, dass sich seine Knöchel langsam, aber sicher unter dem Druck weiß färbten.
      „Wagt es nicht, weil ihr euch eurer eigenen Dummheit nicht bewusst seid, die Schuld auf Owen zu schieben – habt ihr mich gehört? Sonst wird euch das noch leid tun, das schwöre ich euch! Außerdem – es tut mir leid, dir das bewusst zu machen, du dyskalkulisches Arschloch – wäre es drei gegen zwei. Hab ich recht, Owen?“
      Doch bevor Owen auch nur die Chance hatte, darauf zu antworten, wurde sein bester Freund gegen ihn geschubst – und beide begrüßten unsanft den Boden.

      Das war der Zeitpunkt, an dem Jamie seine nicht vorhandene Sicherung durchbrannte. Sein Gesicht färbte sich langsam, aber sicher in einem ungesunden dunkelroten Ton, und er wurde noch ruhiger. Man sollte schon aufpassen, wenn Jamie sich wie ein Brüllaffe aufführte… aber man sollte rennen, wenn er komplett ruhig wurde.
      Er richtete sich auf und zog Owen mit sich auf die Beine, der sein Gesicht schmerzlich verzogen hatte. Nachdem sich Jamie allerdings sicher war, dass es seinem besten Freund einigermaßen gut ging, wandte er sich langsam wieder zu Nick um.

      Einen Moment lang herrschte komplette Stille zwischen den jungen Männern. Und dann – ohne Vorwarnung – stürmte Jamie plötzlich auf Nick zu. Bevor auch nur einer der Anwesenden etwas unternehmen konnte, riss er den anderen Studenten mit sich zu Boden, saß auf seiner Hüfte und schlug ihm seine Faust ins Gesicht.

      Owen riss nun geschockt die Augen auf. „Jamie! Nein, lass das! Du handelst dir nur Ärger ein!“, rief er panisch, wusste aber, dass es in dem Moment unklug wäre, zu versuchen, Jamie von dem anderen Studenten herunterzuziehen.
      Oh, warum hatte er ihn denn nur nicht zurückgehalten? Verdammt … verdammt, verdammt, verdammt!
      Sein Blick huschte umher, und bevor er selbst wusste, was er tat, stellte er sich mit ausgestreckten Armen schützend vor Jamie, sodass weder Flint noch Mateo an seinen besten Freund herankamen. Jamie setzte sich immer für ihn ein – und nun war es an der Zeit, dass Owen dasselbe für ihn tat. „Wenn ihr Jamie was antun wollt, dann müsst ihr erst durch mich durch! Also… also verpisst euch lieber wieder, ihr… ihr… äh – Motherfucker!“
    • Owen's billiges Flittchen, das er irgendwo in Elmridge aufgelesen hatte, spuckte wieder hohe Töne und Flint wollte ihm gar nicht erst antworten - die beiden hatten sich doch schon einmal geschlagen, als sie jünger waren, und Jamie hatte den Kürzeren gezogen, einfach allein deswegen, weil Flint nicht nur größer, sondern auch stärker und um einiges wütender als er gewesen war. Mehr, als eine Suspendierung von der Schule und Nachsitzen für drei Tage hatten sie sich beide nicht eingehandelt, aber es war immerhin eine Genugtuung, dem Freak damals in die Fresse zu schlagen. Jetzt ging er allerdings auf Nick los, dem er das hoch erhobene Haupt polierte, und Flint konnte nicht anders, als zu seufzen, während er die beiden beim Rangeln beobachtete. "Dios mío ...", seufzte Mateo entgeistert neben ihm, als er die beiden über den Rasen rollen sah und sich auch nicht im entferntesten darum kümmern wollte, seinen Besten aus der Scheiße zu reiten, in der er sich selbst festgefahren hatte. Flint schien es wohl ähnlich zu gehen - Nick hatte die besten Karten, der konnte immerhin noch immer damit drohen, dass sein Vater James von der Northbridge schmeißen könnte, wenn er sich es denn wirklich nicht zweimal überlegen wollte, aber so wie Flint ihn kennenlernte, glaubt er, dass Nick sich solche Späßchen für schlimmere Momente aufhob, als einfach eine abzubekommen.

      Nick hingegen ließ sich von Jamie vermöbeln, zumindest am Anfang, bis er einen Moment zum Durchschnaufen brauchte. "Hat dir das jetzt geholfen, du Dorftrottel?", hinterfragte er, leicht keuchend, als wäre er kurz davor Blut zu spucken. "Hast du Arme aus Pudding oder was? Komm, ich zeig dir, wie man jemandem die Fresse poliert." Lange brauchte Nick nicht, um dem Blondchen eine zu verpassen und mit ihm wieder über den Rasen zu purzeln, nur, dass er schlussendlich auf ihm saß, ihm nochmal ins Gesicht schlug und sich dann den Dreck abklopfte. "Wenn du hierbleiben willst, dann würde ich dir vorschlagen, dass du dich nicht mit mir anlegst, verstanden?" Nick wollte dem Typen ins Gesicht spucken, empfand es jedoch als eine Unart, seinen Speichel an einen derartigen Wurm zu verschwenden, der es eigentlich verdiente, in der Sonne zu vertrocknen. "Und jetzt geh mir aus dem Licht." Nick stand auf, ohne sich weiter für Jamie zu interessieren, trat ihm in die Seite, um zu zementieren, dass er es ernst meinte und starrte auf seine Kleidung hinab. Geil, da waren Grasflecken in seiner verdammten Hose, was bedeutete, das sauteure Teil braucht Ersatz. Naja, in dem Fall ... "Ich schick' dir dann die Rechnung für 'ne neue Hose, waren ja nur schlappe 5600 Dollar, die kannst du sicher übernehmen, oder?", gackerte er, amüsiert darüber, wie sehr das Schicksal selbst auf ihn aufpasste. Flint hingegen war schlussendlich derjenige, der sich an Owen vorbeidrückte. "Halt's Maul und verpiss dich, du Nullnummer. Du gehst mir seit 22 Jahren auf den Sack, und jetzt kann ich dich hier auch noch aushalten. Danke für gar nichts, verkriech dich wieder in deinem Drecksloch." Nick schloss zu den beiden auf, griff nach Flints Hand und zog ihn zu Mateo, welchen er auch gleich schnappte und dann mit den beiden Leine zog - die wollten doch eigentlich woanders hin.
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    • Später am Nachmittag...

      Als Owen endlich nach Hause kam, ging er geradewegs die Treppe zu seinem Zimmer hinauf und ließ sich mit einem schweren Seufzer auf sein Bett fallen, bevor er den Fernseher einschaltete.
      Der Tag war ganz und gar nicht so verlaufen, wie er es sich vorgestellt hatte. Jamie und er hatten ihre erste Vorlesung verpasst, weil Owen darauf bestanden hatte, zur Krankenstation der Universität zu gehen, um Jamie untersuchen zu lassen. Selbst Jamie musste mit zusammengebissenen Zähnen zugeben, dass Nick keinen schlechten rechten Haken hatte – auch wenn er das niemals vor jemand anderem als Owen zugeben würde.

      Auch die Pizza später in der Cafeteria konnte die Stimmung nicht wirklich bessern. Zum einen, weil die besten Stücke bereits weg waren, und zum anderen, weil Jamie mit seinem angeschwollenen Kiefer ohnehin kaum essen konnte. Was ihn allerdings nicht davon abhielt, jeden anzumaulen, der die beiden nur eine Sekunde zu lange ansah.

      Was Owen jedoch am meisten zu schaffen machte, waren Flints Worte, die noch immer wie ein Albtraum in seinem Kopf herumspukten:
      "Halt's Maul und verpiss dich, du Nullnummer. Du gehst mir seit 22 Jahren auf den Sack, und jetzt kann ich dich hier auch noch aushalten. Danke für gar nichts, verkriech dich wieder in deinem Drecksloch."
      Warum hasste Flint ihn eigentlich so sehr? Hatte er ihm irgendwann einmal etwas getan, an das er sich nicht mehr erinnern konnte? Das konnte doch nicht für immer so weitergehen!
      Owen biss die Zähne zusammen und spannte unbewusst den Kiefer an. Er hatte viel zu lange alles heruntergeschluckt – doch jetzt reichte es ihm endgültig. Er würde Flint für alles büßen lassen, was dieser ihm angetan hatte. Aber wie? Wie?!

      "Hier sind Nev und Max – willkommen bei Catfish!", trällerte es aus dem Fernseher, und Owen wandte seine Aufmerksamkeit langsam dem Bildschirm zu. Einige Sekunden vergingen, doch dann weiteten sich Owens Augen, und er richtete sich hastig in seinem Bett auf.
      "Das ist es... DAS IST ES!"

      Jetzt wusste er, wie er es Flint heimzahlen konnte – wie er all seine Geheimnisse herausfinden und ihn am Ende vor dem gesamten College bloßstellen konnte. Das Arschloch war jetzt dran!

      ~~~

      Owen lehnte sich zurück und betrachtete noch einmal das gefälschte Profil seiner neuen Online-Identität, mit der er es Flint endlich heimzahlen wollte: Amber. Amber Lewis.
      Er hatte an alles gedacht – an jedes Detail, das verhindern würde, dass seine wahre Identität hinter dem Profil zurückverfolgt werden konnte.

      Selbst die Bilder von Amber waren eigentlich nur bearbeitete Fotos von ihm selbst, die er mithilfe einer KI verändert hatte. Es wäre dumm gewesen, einfach irgendwelche Bilder aus dem Internet zu klauen – die hätte man viel zu leicht zurückverfolgen können.
      Seine eigens bearbeiteten Bilder jedoch? Unauffindbar.

      Owen klickte sich nun als Amber durch Whispr, bis er schließlich auf Flints Profil stieß. Er zögerte einen Moment und überlegte, wie er nun am besten vorgehen sollte. Er sollte ihm nicht sofort einfach eine Freundschaftsanfrage schicken – das wäre zu auffällig, und Flint könnte schnell misstrauisch werden. Er musste erstmal einen Köder auswerfen und dann abwarten, ob Flint anbeißen würde oder nicht...

      Ein weiterer Moment verging, ehe Owen schließlich das zuletzt gepostete Bild von Flint mit einem einfachen: „Wow...cute! :)“ kommentierte. Der Köder war nun ausgeworfen und ihm blieb nichts anderes übrig, als einfach auf eine Reaktion zu warten…
    • Flints Tag hätte wohl beschissener nicht laufen können - Nick war nervtötender als eh und je, darauf bedacht, ihm jedwede unlustige Witze während der Vorlesung aufzuschwatzen und ihm zu zeigen, wie gut sie beide es eigentlich hatten wenn es darum ging, wer von ihnen beiden am wenigsten aufpassen konnte. Während Nick sich den Schabernack leisten konnte, wollte Flint das Beste aus der Situation machen, die brodelte wie ein schlechter Eintopf, den sein Großvater aufsetzte - seine Gedanken gerieten immer wieder zurück an die Situation von eben diesem Morgen, der nervtötender nicht hätte sein können. Wieso war Owen hier, den ganzen Weg von Elmridge entfernt? Flint hatte sich die Northbridge extra noch ausgesucht, um vor seine Vergangenheit davonzulaufen und dann, als er endlich glaubte, es geschafft zu haben, war da ein Katalyst, Owen, der ihn wieder in die Schockstarre seines kindlichen Ich’s zurückversetzte, das macht- und kraftlos war, das in Elmridge versauern musste, einfach nur warten konnte und nichts weiter. Vor seinem inneren Auge standen die Papphäuser, der einzige Unterschied die Gärten, oder vielleicht die Hausfarbe, wenn sich jemand gerade besonders lustig fühlte und absolut nichts anderes. Einen Groll würde er gegen seine Vergangenheit immer hegen, auch, wenn der Grund dafür seine Lippen nicht passierte und Flint lieber totschweigen würde, als es jemals herauszuposaunen. Seine miese Laune schien evident, als Nick ihm einen leichten Schubser gab und ins Hier und Jetzt zurückholte - ein Wispern reichte, um ihn wieder auf dir rechte Bahn zu rücken.

      Nachmittags ließen sie sich alle drei das Mittagessen in der Mensa schmecken, auch, als Nick protestierte, dass er ihnen auch einfach echtes, nicht hingerotztes Essen in seinem Lieblingsrestaurant in der Gegend empfehlen würde - die Rechnung würde auch er übernehmen, aber sowohl Flint als auch Mateo, Letzterer durfte sich ohnehin noch eine Vorlesung zu Gemüte führen, lehnten dankend ab, was Nick dazu verdonnerte, sich mit dem zufriedenzugeben, das aufgetischt wurde. Ungewohnt für ihn, zumal er seine Pizza ohnehin dekonstruierte, bevor er sich endlich darauf einließ sie zu essen. Danach trennten sich ihre Wege - Nick wollte shoppen, faselte von einer neuen Hose, Mateo wollte früher im Vorlesungssaal sein um sich einen guten Platz zu ergattern und Flint brauchte eine einfach Auszeit. Sein Zeug stellte er noch schnell in seinem Zimmer ab, das er hinter sich abschloß, als gäbe es darin mehr Wertsachen als einen nicht gerade neuen Laptop und ein oder zwei Erbstücke - die Paranoia kickte ihn heute mit Füßen, so sehr, dass er beinahe schon zittrig einen Glimmstängel aus der Schachtel nahm und ihn sich zwischen die Lippen setzte, kaum hatte er das Gelände verlassen. Der Himmel sah alles andere als einladend aus - dicke, allerdings hellere Wolken hatten das grelle Blau und die strahlende Sonne absolut verschluckt. Sein zielloser Weg führte ihn, trotzdessen, in den stillen Park, der menschenverlassen wirkte - eine Runde durch ihn, fand er eine abgeschottene Parkbank auf der er sich niederließ und dem blaugrauen Rauch seiner Zigarette dabei zusah, wie er sang- und klanglos in die Höhe abdriftete. Sein Handy aus der Tasche befördern, um zu sehen, ob Nick nicht doch noch nerven wollte, oder Mateo etwas in den Gruppenchat geschrieben hatte, fiel ohm die Whispr-Notification auf, die er gar nicht bemerkt hatte. Vor zwanzig Minuten? Das war gar nicht so lange her. Flint öffnete die App, sah die Nachricht und checkte kurz das Profil ab - sie sah irgendwie schon süß aus, mit dem süßen Lächeln und den grünen Augen, dem blonden Haar das ihr Gesicht umspielte. Viele Bilder hatte sie zwar nicht, aber die, die sie von sich zeigte waren ganz niedlich - Flint konnte ohnehin ein wenig Zeit totschlagen. Der Opener war vielleicht etwas schlecht, aber Flint würde es schon richten, glaubte er zumindest.Danke, kann ich nur zurückgeben. ;) Deine Augen sind der Hammer.” Ja, genau, Flint würde das schon richten. “Ich schätze, du liest gerne? Irgendwelche Bücher die du empfehlen kannst?”
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    • Es dauerte nicht lange, bis Owen tatsächlich eine Antwort erhielt. Noch etwas ungläubig starrte er auf das Display seines Laptops – er hatte nicht damit gerechnet, so schnell eine Nachricht von Flint zu bekommen.
      Doch obwohl der Einstieg recht unkompliziert verlaufen war, wusste er, dass er sich jetzt keinen Fehler erlauben durfte. Dass Flint Ambers Augen ein Kompliment gemacht hatte, war mehr als ein gutes Zeichen. Den Umstand, dass es sich dabei eigentlich um seine eigenen Augen handelte – nur in einer anderen Farbe – schob Owen dabei vollständig in den Hintergrund.

      Was sollte er antworten? Es würde wohl noch etwas dauern, bis er sich vollkommen an seine Rolle als Amber gewöhnt hatte. Also durfte und wollte er keine überstürzten Antworten abschicken. Die Chance etwas zu schreiben, dass ihn auffliegen lassen könnte, war war dann doch einfach ein bisschen zu hoch.
      Sein Blick wanderte durch das Zimmer, bis er am Bücherregal hängen blieb. Nach kurzem Zögern stand er auf und begann, die Buchrücken zu studieren. Doch alles, was er fand, waren mehr oder weniger klassische Fantasybücher. Vereinzelt ein paar Sachbücher über Frösche.
      Gut - die Frösche waren schon mal raus. Dann könnte er ihm auch gleich schreiben: "Hi, hier ist Owen! Ich will all deine Geheimnisse herausfinden und dich vor dem gesamten College bloßstellen!"
      Einfach irgendein Buch aus dem Internet zu nennen kam ebenfalls nicht infrage – dann konnte er nicht überzeugend darüber sprechen, geschweige denn Fragen dazu beantworten. Und so einen Fehler wollte und durfte er sich nicht leisten.

      Sein Blick blieb schließlich an einem Buch hängen. Oder besser gesagt: an dreien. Eine Trilogie, die er nur allzu gut kannte: Der Herr der Ringe.
      Aber… würde Amber solche Bücher lesen? Eigentlich ja – immerhin ist er Amber. Aber würde das auch überzeugend rüberkommen? Oder hatte gerade dieser persönliche Touch seinen ganz eigenen Charme? Nach kurzem Hin und Her setzte er sich wieder an den Laptop und tippte schließlich seine Antwort:

      "Oh, dankeschön! Das ist wirklich lieb von dir! Ich mag deine Augen auch! Sie haben so etwas Tiefgrünes an sich. Und ja, ich lese gerne – bleibe dabei aber meistens im Fantasy-Bereich. Du solltest es mal mit der "Der Herr der Ringe"-Reihe versuchen. Falls du die Filme mochtest, wirst du die Bücher lieben!"
    • Flint kam sich dumm vor, hier im Park zu sitzen und die Natur nicht zu genießen - er stopfte sein Handy wieder in seine Hosentasche, starrte nach oben und fing an, nach Vögeln Ausschau zu halten, die eventuell das Weite vor dem vielleicht aufziehendem Gewitter suchten. Was auch immer es war oder sein würde, er hoffte einfach nur, dass es dabei helfen würde, ihn ein für alle mal abzulenken und wenn es das nicht tat, naja, dann hatte er es zumindest versucht. Die Ferne suchte ihn heim, als er durch seinen Kopf kramte, als wäre es eine alte, verstaubte Abstellkammer - heute war nicht sein Tag. Weit weg hätte er rennen müssen, weiter davonlaufen, irgendwohin, wo Elmridge kein Wort mehr war und wo die Leute, die er kannte, diejenigen waren, an denen er als namenloser Fremder vorbeizog; stattdessen kettete er sich wieder fest, an diesem Ort, an fremde Gesichter die mit ihm so wenig zu tun hatten, wie eine Nachtigall mit einem Kuckuck. Sein Handy meldete sich wieder zu Wort, vibrierte in seiner Tasche, und Flint verzog die Miene, als würde ihm die gerade angeschnittene Konversation mehr aufstoßen, als sie das im Endeffekt wirklich tat. Vielleicht sollte er sich einfach einen Kaffee holen, die Sache überdenken und dann damit abschließen - Owen's Fresse würde er unausweichlich wieder begutachten müssen.

      Sein Augen auf den Bildschirm gerichtet, der ihm entgegenleuchtete, las er Ambers Nachricht mit Sorgfalt durch - mit der Antwort hatte er allemal zwar nicht gerechnet, aber wenn sie ein Bücherwurm war, dann passte das eigentlich doch recht gut. "Jetzt schmeichelst du mir aber ein wenig zu sehr.", entgegnete er ihr, wohlwissend, dass er sich eigentlich nie für sich selbst interessierte - Kommentare dergleichen hatte er immer dankend abgelehnt, vor allem, weil er nicht glaubte, dass das Aussehen einer Person überhaupt ausschlaggebend war, allerdings konnte er ihr schlecht den Mund innerhalb der ersten Nachrichten verbieten, oder sich über derartiges echauffieren. Flint nahm es also hin. "Die Bücher habe ich tatsächlich noch nicht gelesen, aber das merke ich mir, vielleicht finde ich mal Zeit dazu! Und im Fantasy-Bereich also? Du scheinst von Herr der Ringe ja begeistert zu sein, ist das deine Lieblingsreihe?", hinterfragte er verschmitzt bevor er seinen Hinter hochschwang, sein Handy wieder in seiner Jackentasche vergrub und dann das erstbeste Café ansteuerte - Amber wirkte etwas fragwürdig auf ihn, aber nicht im negativen Sinne. Ehrlich gesagt konnte er nicht deuten, was es war, aber Flint ertränkte das Gefühl schlussendlich in einem Espresso.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.

    • Wieder kam die Antwort schneller als er erwartet, und Owen begann, die neue Nachricht von Flint sorgfältig zu lesen. Er wollte direkt antworten, entschloss sich dann aber, einen Moment innezuhalten.
      Vielleicht sollte er nicht sofort auf alles reagieren. Es sollte nicht so rüberkommen, als würde er, also Amber, nur die ganze Zeit auf eine Antwort warten. Obwohl dies durchaus der Fall war. Aber das könnte aufdringlich rüberkommen, und Owen war sich fast schon sicher, dass Flint das nicht wirklich leiden konnte.

      Er überlegte. Jetzt, wo er so darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass er ziemlich wenig über Flint wusste. Und das, obwohl sie sich bereits mehr oder weniger seit 22 Jahren kannten. Das war irgendwie schon fast ein wenig traurig.
      Owen versank noch mehr in seinen Gedanken und kam nicht umhin, sich zu fragen, wie sie wohl heute zueinander stehen würden, wenn sie sich damals angefreundet hätten.
      Dann schüttelte er aber nur den Kopf und verwarf den Gedanken wieder. Es machte keinen Sinn, darüber nachzudenken, was heute wäre, wenn die Dinge damals anders gelaufen wären. Man konnte die Zeit nicht zurückdrehen, und solche Gedanken brachten nichts weiter als Kopfschmerzen. Da schaute er sich viel lieber wieder die TikToks auf diesem einen Frosch-Account an. Da hatte er viel mehr von.

      Ein leises Miauen riss Owen aus seinen Gedanken, und sein Blick wanderte auf seinen Kater, der plötzlich neben seinem Schreibtisch saß und ihn erwartungsvoll anblickte.
      Owen konnte nicht anders, als leise zu seufzen, und ein leichtes Lächeln zog sich über seine Lippen. "Wird es schon wieder Zeit für das Abendessen?", fragte er, ehe er sein Handy zog und vom besagten Kater ein Foto machte.
      "Du bekommst sofort etwas... nur eine Sekunde, okay?", sagte er, ehe er sich wieder seinem Laptop zuwandte. Mittlerweile sind einige Minuten vergangen, weshalb er sich nun an seine Antwort setzte:
      "Ja, das ist tatsächlich meine Lieblingsreihe! Was liest du denn gerne? Oder bist du eher der Videospieltyp?"
      Nachdem er die Nachricht abgeschickt hatte, schickte er das eben gemachte Foto seines Katers noch direkt hinterher. Katzen kamen immer gut an, oder?
    • Flint gönnte sich den Espresso schlussendlich im kurzen Prozess und machte sich wieder auf den Heimweg, als wäre nie etwas gewesen - das Glück, dass Nick ihm nicht jetzt auch noch über den Weg lief und ihn von der Straße auflesen wollte, als wäre er ein Hund, der seinen Weg nach Hause vergessen hatte und sich verlaufen hatte, war zumindest gut; die Blöße wollte er sich nicht geben. Gerade, als er noch daran dachte, dass Amber ihm vielleicht eine Antwort schreiben würde, wurde es doch wieder ruhig und er genoss die Stille, die mit der frischen Abendluft eintrudelte. Ugh, wieso zag sich dieser Tag eigentlich wie Gummi? Wahrscheinlich wegen Owen, den konnte er doch sowieso immer beschuldigen - er würde davon nicht hören, bis er ihm nicht wieder auf den Pisser ging, weswegen Flint sich geradewegs wieder auf den Heimweg machte. Ob er in seinem langweiligen Zimmer in Elmridge saß? Vermutlich, das Muttersöhnchen würde es keineswegs schaffen, jemals aus seinem Elternhaus zu kriechen, konnte er sich doch auf irgendwelchen Lorbeeren ausruhen - Flint kotzte es an, dieser Schein einer heilen Familie, die einander wortlos unterstützte und so tat, als wäre die Welt heiler als sie das in seinen Augen je gewesen war. Es pisste ihn an, so sehr, dass er sich wunderte, ob sein Puls schon verrücktspielte.

      Seine Beine trieben ihn zurück an den Campus, vorbei an der Mensa, wo er das Abendessen ausließ - Flint suchte sein Zimmer auf, zog seine Schuhe aus, stellte sie gerade, parallel zur Tür nebeneinander und hing danach seine Jacke auf, legte seine Handschuhe auf die erstbeste Kommode, die er erhaschen konnte und streckte sich, während er die Tür hinter sich abschloss. Ruhe, endlich, für immer, vielleicht sogar. Sein Handy hatte gebuzzt, als er es aus der Jackentasche pellte und die Whispr-Notification war kaum zu übersehen - Flint öffnete sie und starrte etwas, nein, jemandem, der besser als Ambers Augen war, entgegen: Ihrer Katze. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf die spröden, müden Lippen des Brünetten, der nach oben scrollte, um ihre Nachricht zu lesen, die er nicht außer Acht lassen wollte. "Wirklich? Hast du Lieblingsstellen?", erkundigte er sich frech, auch, wenn er selbst nicht viel über die Thematik wusste - vielleicht konnte er die Bücher irgendwo auftreiben, vermutlich auf irgendeinem Hausflohmarkt, wenn dieses Gespräch hier gut verlief und er einen besseren Draht zu Amber aufbauen wollte. "Quer durch die Bank eigentlich. Momentan der Spieler von Dostojewski. Und nah, Videospiele waren nie so meins, ich bin lieber draußen unterwegs. Nicht böse gemeint. :p", erwiderte er schließlich auch noch. Das Geld hatten sie ja, aber Flint war von anderen Dingen als virtuellen Welten wie besessen und jetzt, als Erwachsener, brauchte er dieses Outlet nicht mehr, oder glaubte zumindest, dass er es nicht tat - Bücher hatte er in Massen. "Deine Katze ist so süß, omg. Ich liebe Katzen so sehr."
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    • Nachdem Owen die Nachricht abgeschickt hatte, war er von seinem Schreibtischstuhl aufgestanden. Sein Kater schmiegte sich sofort schnurrend an seine Beine. Eine Aufforderung, oder eher ein Befehl, ihm endlich das Abendessen zu servieren.
      "Ist ja schon gut, Socks. Ich kümmere mich ja schon um dein Abendessen.", sagte Owen, was von Socks aber nur mit einem weiteren lauten Miauen kommentiert wurde.
      Owen blieb – wenn er seine Ruhe haben wollte – keine andere Wahl, als Socks jetzt zu füttern, weshalb er sich ohne Umweg aus seinem Zimmer begab und die Treppen zur Küche runterging.
      Socks lief dabei weiterhin die ganze Zeit um seine Beine herum, sodass Owen schon fürchtete, sich jeden Moment auf die Nase zu legen.

      In der Küche angekommen, rannte er fast mit seiner Mutter zusammen, die überrascht aufquietschte. "Verdammt, Owen! Mein armes Herz!", keuchte sie und hielt sich schon fast dramatisch die Hand ans Herz. "Ich wusste gar nicht, dass du schon zu Hause bist. Sag doch Bescheid, Schatz!"
      Owen sah seine Mutter ebenso erschrocken an und nickte entschuldigend. "Entschuldigung, Mama."
      Seine Mutter, die Owen nicht anders kannte, seufzte nur leise und lächelte dann liebevoll. "Was möchtest du zum Abendessen haben?"
      Owen überlegte kurz. Eigentlich wäre Pizza seine Antwort, aber da er von dieser heute bereits enttäuscht worden war, wollte er es nicht noch einmal versuchen.
      "Wedges mit Sour Cream."
      Ein weiteres Seufzen entwich Owens Mutter. Das war nichts Ungewöhnliches, besorgte sie aber dennoch zunehmend. "Ich nehme an, nichts dazu?"
      Owen, der die Sorge seiner Mutter nicht wirklich mitbekam und nichts Falsches daran sah, nur Wedges mit Sour Cream zu essen, nickte und schenkte seiner Mutter ein Lächeln. "Nein, das reicht. Danke, Mama."
      Seine Mutter winkte nun ab und blickte auf Socks, welcher wieder ungeduldig miaute. "Ich kümmere mich um Socks. Geh du ruhig wieder auf dein Zimmer, Liebling. Dein Vater müsste auch gleich von der Arbeit kommen. Dann können wir zu Abend essen."
      Owen zögerte einen Moment, nickte dann und verschwand dann auch schon wieder die Treppen hinauf.

      In seinem Zimmer angekommen, setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch und blickte auf seinen Laptop. Flint hatte wieder geantwortet. Er überlegte kurz und antwortete dann wieder:
      "Am liebsten alle Stellen, die Legolas und Gimli beinhalten. Aber auch Pippin und Merry. Pippin ist mein Lieblingscharakter :)"
      Mit dem Buch, das Flint nannte, konnte er nicht wirklich etwas anfangen, weshalb er darauf nicht einging. "Bist du wirklich lieber draußen oder bist du einfach nur ein Noob? Ich wette ich würde bei Mario Kart mit deinem Gesicht den Boden wischen. Nicht böse gemeint. :P", antwortete er und las dann weiter.

      Er blinzelte überrascht, als er die weitere Antwort von Flint las. Er mochte Katzen? – Der Typ wirkte eher wie jemand, der kleine Katzenbabys morgens zum Frühstück aß. Oder eine Schüssel voller Nägel verdrückte… und das ganz ohne Milch.
      Er schüttelte seinen Kopf, um die Gedanken wieder loszuwerden, bevor er wieder seine Antwort tippte:
      "Sein Name ist Socks, weil er als Kätzchen immer meine Socken versteckt hat. Hast du selbst auch Katzen??"
      Kaum hatte er seine Antwort abgeschickt, sendete er noch ein paar Bilder von Socks, als er noch ein kleines Kätzchen gewesen war hinterher. Wenn Katzen bei Flint gut ankamen, würde er das zu seinem Vorteil nutzen.
    • Amber ließ sich Zeit, die Flint sich dazu nahm, einen kühlen Kopf zu bekommen - er konnte Elmridge heute wirklich nicht aus seinem verdammten Kopf bekommen, nicht davonspülen, als wäre es ein kleines, treibendes Floß in dem Meer, das sein Gehirn nun einmal sein musste. Wenn es sonst keiner sein konnte, dann vielleicht ein Ramos, der in seinem Leben nichts getan hatte, als sich selbst den Platz zu erkämpfen, den ihm keiner geben wollte. Das Wasser perlte noch an der Duschwand ab, da hatte Flint sich auch schon wieder davongestohlen, in irgendwelche bequemen Sweats und ein loses T-Shirt gekämpft und in seinem Bett vergraben. So lange er sich vom Alkohol fernhielt, würde er zumindest keinen pochenden Schädel haben, der dann die ganze Suppe an Elmridge Gedanken auf dem Campus verteilte - konnte ihm der Scheiß jetzt aber auch endlich aus dem Kopf gehen? Sein Verlangen danach, sich loszusagen wuchs, als er ausgerechnet Mateo noch schnell eine Nachricht schickte, der sie nur mit "tough luck" beantwortete, bevor er ihm nicht mehr als ein Zigaretten-Emoji und ein Fragezeichen schickte, als sprächen sie schon immer die gleiche Sprache - Mateo war kein Raucher, das wusste er, aber mit ihm herumsitzen und sich dabei um gottlose Uhrzeiten einen Kaffee in den Rachen zu kippen ging immer. Nick durfte davon nicht erfahren, aber der brauchte seinen Schönheitsschlaf vermutlich alsbald.

      Flint war es nun, der sich Zeit ließ, der eigentlich darauf hoffte, noch von Amber zu hören, als würde er sich nachts an die Werft wagen und nach einer Sirene Ausschau halten, von welcher er lediglich wusste, dass ihr Gesang ihn betörte, als legte er es nun wirklich darauf an, gefressen zu werden. Betörte Amber ihn denn gar so, dass er sich jetzt schon herauspickte, dass er sie morgen auch noch belästigen würde? Vielleicht sollte er noch einmal unter die Dusche klettern - er war wohl doch noch grün hinter den Ohren. "So so, das merk' ich mir!", antwortete er Amber, durchaus ernstgemeint, wohlwissend und glaubend, dass er sich noch dazu aufraffen würde, Herr der Ringe zu lesen, als hätte er es gerade seiner kleinen Schwester versprochen ... schlechter Vergleich, ugh. "Na hör mal! Ich bin einfach irgendwie nicht dafür gemacht, glaub' fast schon, dass da was dran liegt. Vielleicht komme ich auf das Mario Kart-Angebot nochmal zurück. ; )" Flint war verrückt geworden, wenn er seine Freizeit nun auch noch mit irgendwelchen Hypothesen und Eventualitäten verbaute, als würde die dicke Backsteinmauer aus Argwohn und Gehässigkeit seinerseits nicht schon reichen um den Rest der Welt abzuwimmeln. Um doch noch ein wenig nachzulegen, suchte Flint ein paar seiner Fotos von diversen Spaziergängen, irgendwo hoch oben in den Bergen und Tälern dazwischen aus seinen Ordnern, die er Amber schickte - nicht, um anzugeben, sondern weil sie danach fragte und er die Natur atemberaubend fand. Vergleichsweise dazu war Elmridge wirklich ein Drecksloch- aber naja. Flint schwang sich also auf seine Beine, zurück in seine Schuhe, in seine Jacke und Handschuhe und starrte Socks und seinen vielen Bildern noch entgegen, die ihn beinahe schon verzauberten - Ambers Frage verschluckte der Ansturm an Bildern fast. "Der Name passt so gut, der kleine Kerl ist ja wirklich richtig niedlich." War das zu sehr geschmeichelt? Vielleicht war doch eher Socks die Sirene. "Nah, leider. Ich komm' aus 'nem Allergikerhaushalt." Das war zwar theoretisch nicht gelogen, nur nicht mehr auf dem neuesten Stand der Dinge, änderte aber eben nichts an vollendeten Tatsachen.
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    • Owen hatte es sich mittlerweile mitsamt seines Laptops auf dem Bett bequem gemacht. Im Hintergrund lief noch immer die MTV-Serie Catfish, die ihn überhaupt erst auf die Idee gebracht hatte, sich eine Fake-Identität zuzulegen – um Flint endlich all das heimzuzahlen, was er ihm in den letzten 22 Jahren angetan hatte.
      Als er sah, dass Flint erneut auf seine Nachricht geantwortet hatte, reagierte er nicht sofort. Ganz nach dem Motto: „Mach dich rar, und du bist der Star“… oder so ähnlich. Ob diese Taktik am Ende wirklich funktionieren würde, musste sich erst noch zeigen.
      Vielleicht würde Flint ja schon bald selbst nicht mehr antworten – und all die Mühe, die Owen bisher in seinen Racheplan gesteckt hatte, wäre umsonst gewesen...

      Für einen Moment wanderte seine Aufmerksamkeit zurück zum Fernseher. In wirklich jeder einzelnen Folge wurde der Catfish – sofern es tatsächlich einer war – von den Moderatoren Nev und Max entlarvt. Aber gut, das lag wahrscheinlich auch daran, dass es sonst eine ziemlich langweilige Folge wäre.
      Seine IP-Adresse war jedenfalls nicht zurückzuverfolgen – er nutzte konsequent ein VPN. Und auch seine Bilder waren nirgends zu finden, da er sie nicht aus dem Internet geklaut, sondern selbst erstellt. Mit Bildern von sich selbst.
      Es müsste also schon einiges schiefgehen, damit Flint herausfand, dass sich hinter Amber in Wahrheit Owen verbarg.
      Früher oder später würde er es sowieso erfahren. Spätestens dann, wenn Owen ihn vor dem gesamten College bloßstellte. Er konnte es kaum erwarten, Flints Gesicht zu sehen, wenn es endlich so weit war...

      Owen blickte wieder auf seinen Laptop und musterte die Bilder, die Flint ihm geschickt hatte. Und zu seiner eigenen Überraschung konnte er die Schönheit, die in diesen Fotos lag, nicht leugnen.
      Er hätte nicht gedacht, dass Flint ein so gutes Auge hatte – oder dass er so gut fotografieren konnte. Noch ehe er weiter darüber nachdenken konnte, flogen seine Finger auch schon über die Tastatur. Sie waren schneller als sein Kopf – und so schrieb er ganz ehrlich:
      „Wow… deine Bilder sind wirklich gut getroffen. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein gutes Auge hast? Solche Aufnahmen bekommt nicht jeder einfach so hin.“

      Als die Nachricht schon längst abgeschickt war, hätte Owen sich am liebsten die flache Hand gegen die Stirn geschlagen.
      Hatte er Flint gerade ein ehrliches Kompliment gemacht – und das nicht als Amber, sondern ganz aus Versehen als er selbst?
      Mit einem Seufzen legte er den Laptop zur Seite und ließ sich in die weichen Kissen sinken – gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Socks satt und zufrieden auf sein Bett sprang.

      Sowas würde ihm kein zweites Mal passieren…
    • Flint's Misere wurde ein klein wenig versüßt, traf die Schmeicheleinheit der Blondine es doch genau auf den Punkt - hatte er all das überhaupt verdient? Solche freundlichen Worte von einer Unbekannten, die gar nicht wusste, worauf sie wartete, wenn sie erst mit ihm auf Tuchfühlung gehen musste? Schnell wurde er diesen Gedanken wieder los, schoss ihn in den Äther damit er sich nicht damit beschäftigen musste und behandelte das Thema als erledigt - er wollte sich damit nun wirklich nicht befassen, hatte er doch ohnehin den stillschweigenden Gedanken, dass er früher oder später selbst damit befassen durfte, ob er wollte oder nicht. Naja, den Versuch war es immerhin wert gewesen und jetzt, wo der Versuch nun einmal mehr nur das war, womit er sich eigentlich befassen wollte, konnte Flint sich endlich seiner wahren Leidenschaft hingeben: Einer Kippe bei Sonnenuntergang, auf irgendeiner maroden Parkbank auf dem College-Gelände während Mateo ihm irgendetwas über Nicks eigentliche Dummheiten erzählte, entweder von heute selbst oder eine alte Geschichte aus ihrer Jugend, die die beiden nun einmal nicht hinter sich lassen konnten.

      Die Zeit verging wie in einem Augenblick - der erste Monat des Semesters war schneller vorüber, als sich eigentlich irgendjemand dafür entscheiden konnte, wie man seine Freizeit auskleidete; schlussendlich war es Nick, der sich dazu entschieden hatte, seine Nachmittagslektüre sausen zu lassen, damit er einen Blick auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben werfen konnte: Die armen Schweine, die an diesem Nachmittag nicht in der Stadt waren, sondern am Campus verharrten, als hätte man sie angeleint. Gerade wurde Nick noch langweilig - er hatte einen Kater, ziemlich blutunterlaufene Augen und eine Sonnenbrille, die spiegelte, als wäre er sich seines Problems mehr als nur bewusst - zu verstecken hatte Coldwell Jr. doch immer was, und wenn es ausgerechnet die blitzblauen Iriden waren, auf die er sonst so stolz war, weil sie in vielerlei Menschen einen gewissen Grad an Angst auslösten, weil sich sein Blick in sie bohrte als hätte er sie um den Finger gewickelt, dann war er entweder high, stockbesoffen, verkatert oder es war ein Mix aus all diesen Dingen. Als er nun also vor sich hingammelte, Energy Dose in der Hand, Sonnenbrille tief im Gesicht und ein Taschentuch in einem Nasenloch, starrte er auf die restliche Belegschaft - eigentlich könnte er nach Hause gehen, und uneigentlich könnte er es sich dort bequem machen, allerdings hatte er etwas gesehen, das ihn nicht in Ruhe ließ. "James, du Pappschachtel!", rief er schlussendlich empört auf, als er das Blondchen abfing und seinen Arm locker über die Schulter seines Sportsfreunds legte - seit der "schicksalshaften" Begegnung mit ihm und Owen ging er diesem Sellerieritter öfter auf die Nüsse, als ihm wohl lieb war. "Was macht mein Lieblingsspargel heute noch so? Du schuldest mir noch 'ne Hose, wir könnten doch shoppen gehen!"
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    • Jamie – der eigentlich gerade auf dem Weg zur Bibliothek gewesen ist, um noch ein wenig für eine bevorstehende Prüfung zu lernen – stöhnte genervt auf, als er jemanden seinen Namen rufen hörte.
      Leider handelte es sich dabei nicht nur um irgendwem, sondern ausgerechnet um Nick, diesen verdammten Bastard, mit dem er sich vor einer ganzen Weile eine ziemliche Prügelei geliefert hatte.
      Angewidert verzog er das Gesicht, als eben dieser sich auch noch erdreistete, seinen Arm über Jamies Schultern zu legen. Was wollte der eigentlich ständig von ihm?!
      „Lieblingsspargel?“, fragte Jamie gereizt und hätte sich am liebsten direkt wieder auf eine Schlägerei eingelassen. Doch dafür hatte er nun wirklich keine Zeit.
      Er schnalzte mit der Zunge und verdrehte theatralisch die Augen. „Ich schulde dir höchstens noch einen Schlag in die Magengrube. Selbst schuld, wenn du dir so eine Bonzenhose anziehst!“, schnauzte er ihn an – und erst jetzt fiel ihm die Sonnenbrille auf. Und das Taschentuch in seiner Nase...

      „Alter... du siehst echt beschissen aus. Was hast du denn gemacht? Bist du in einen Graben gefallen oder was? Ganz schön dämlich!", sagte er und zog provokant seine Augenbrauen hoch.


      Owen – der nach einem Monat endlich ein Zimmer auf dem Campus zugeteilt bekommen hatte – war gerade dabei, seinen großen Koffer hinter sich her zu ziehen, während er den langen Korridor entlangging.
      Endlich konnte er sich die täglichen Autofahrten sparen, die viel zu viel Zeit – und vor allem Geld – fraßen.
      Je näher er seinem neuen Zimmer kam, desto aufgeregter wurde er. Wer wohl sein Mitbewohner sein würde? Am liebsten hätte er sich ein Zimmer mit Jamie geteilt, aber der hatte leider bereits einen Mitbewohner. Ach, das würde schon werden. Warum sollte er sich überhaupt Gedanken machen? Sein Mitbewohner wird bestimmt nett sein, oder?

      Nach einer gefühlten Ewigkeit fand er schließlich sein Zimmer. Etwas unbeholfen – sein Gepäck machte es ihm nicht gerade leicht – schloss er die Tür auf und trat ein.
      Sein Blick wanderte durch den Raum. Es sah ganz so aus, als wäre sein Mitbewohner gerade nicht da. Vielleicht war das gar nicht schlecht – so konnte er sich erst einmal in Ruhe ein Bild von dem gemeinsamen Zimmer machen.

      Sein Blick fiel auf das freie Bett auf der linken Seite des Raumes. Das war dann wohl seins. Er ging darauf zu und begann dann in aller Ruhe seinen Koffer auszupacken und seine Klamotten in den freien Kleiderschrank einzuräumen.
    • Worauf sich Nick ungemein immer wieder freuen konnte waren die dummen Gesichter, die eindringlichen Blicke und die ewigen Fragen, die sein Aussehen hervorrief - wieso sah er so aus, warum benahm er sich so und wie konnte man ihn von seiner Misere eigentlich heilen? All diese Dinge ließen sich mit einem Schulterzucken beantworten, aber das hatte er für James gerade nicht über, viel mehr, er wollte es auch gar nicht. Leider war dieser nämlich in eine Grube gefallen, aus der Mateo schon seit Jahren zu entkommen versuchte: Nicholas war interessiert an ihm, mehr als er es zugeben wollte, wenn auch nur auf freundschaftliche Art, aber genug, um an ihm zu kleben wie eine nervige Klette, die sich nicht so recht davon bürsten lassen wollte. "Bei dem flachen Arsch sieht's für mich wenig nach 'ner Bombe aus, also ja, Lieblingsspargel. Sellerieritter. Lauchkasper. Schnittlauchfresse.", erklärte Nick sich mit einem breiten Grinsen auf den bleichen Zügen - ein wenig Sonne tat ihm sicher gut, und die würde er nun mit Jamie tanken, ob er das wollte, oder auch nicht, war ihm dabei herzhaft egal. "Bonzenhose? Pardon, mein niederes Fußvolk, ich kleide mich nur in den feinsten Marken - den Schlag in die Magengrube steckst du dir besser woanders hin, du zerknitterst mein Hemd noch und dann kannst du für das Bügeln löhnen. Willst du das denn, mit den paar Kröten in deiner Brieftasche?" Da war doch sicher noch Monopolygeld vom letzten Spielabend mit Owen drinnen, oder irgendwelche anderen, kruden Dinge auf die nur diejenigen kamen, die nicht wussten, wie es sich anfühlte, einfach kein Bargeld zu haben. Anfängerfehler. "Pah, besser! Nasenbluten vom Exzess!", wisperte er Jamie mit einem breiten Grinsen in der besserwisserischen Hackfresse zu. "Befindet sich außerhalb deiner Liga, denke ich. Willst du's probieren? Ich geb' dir 'nen Rabatt, weil wir uns so lieben."

      Vorlesung hin oder her, Flint hatte keinen Bock mehr auf diesen ganzen Müll - die Nachrichten, die Nick ihm geschickt hatte, pissten ihn an, und als er versuchte, irgendwie daraus schlau zu werden und Mateo fragte, wimmelte dieser ihn nur ab. 'Typische Nick-Scheiße, hab' dich nicht so.', hatte er ihm zugeflüstert bevor er sich in Luft auflöste und sich für den Nachmittag vom Campus verpisste, um es sich gut gehen zu lassen. Flint wollte ein und dasselbe für sich, wusste allerdings, dass keine zehn Pferde ihn dazu bringen konnten, in den Bus nach Hause zu steigen, oder sich gar die Blöße zu geben, um nach einer Fahrt zu fragen; einen eigenen Wagen leisten war gerade nicht im Budget, auch, wenn Nick ihm seinen hässlichen Porsche Cayman "für einen Abend" andrehen wollte - entweder, er würde das sündhaft teure Ding gegen ein Straßenschild karren, oder sich veräppelt fühlen. Wer zum Teufel folierte seinen Wagen in einer derartigen Farbe? Grummelnd und darüber noch immer nicht so wirklich glücklich, machte Flint sich schlussendlich nach einem kurzen Spaziergang zurück in sein Zimmer auf - er stank nach Kippen, irgendwelchem Kaugummi und vermutlich nach zu viel Parfüm, das gar nicht ihm gehörte. Als er sich schlussendlich an seiner Zimmertür wiederfand war er forsch genug, um sich einfach reinzulassen - er war immerhin allein - und seinen Schlüssel im Gang auf den Haken zu hängen, den er mitgebracht und aufgehängt hatte, als er eingezogen war. Danach die Jacke, dann die Schuhe und dann die Han- Bevor Flint überhaupt noch dazu kam, hatte er sich umgedreht und die Umrisse eines Koffers entdeckt, von welchem er zuerst noch dachte, es sei sein eigener, der sich wieder selbstständig machte, aber ein paar Schritte weiter in sein Eigenheim vermittelte ihm, dass dem nicht so war. An dieser Stelle hätte er alles ausgehalten - Nick, Mateo, vielleicht sogar Owens dummen Freund, irgendeinen Nerd, einen Schwurbler, oder sogar den Dean oder Hausmeister, aber nicht- "Was zur Hölle machst du hier?", keifte er Owen auch schon gleich an. Na geil, das wurde doch immer besser. "Meine Fresse, kannst du mich einmal in meinem Leben einfach in Ruhe lassen? Du klebst an mir wie eine Wanze."
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    • Jamie zog fast schon ein wenig beleidigt die Augenbrauen zusammen, als Nick ihn mit „flachem Arsch“ betitelte. Am liebsten wäre er ihm direkt wieder an die Gurgel gegangen und hätte sich hier und jetzt mit ihm die nächste Schlägerei geliefert. Aber dafür hatte er gerade wirklich keinen Nerv.
      Doch Nick testete seine Geduld auf ganzer Linie, als er noch einen draufsetzte und mit „niedrigem Fußvolk“ anfing.
      „Du weißt, dass du dein Hemd auch einfach selbst bügeln kannst, oder? Vielleicht sollte ich dir nicht in die Magengrube, sondern gleich in die Fresse schlagen. Da kann eh nix lohnenswertes kaputt gehen, du verblödeter Pavian!“

      Dann fing Nick plötzlich an, von seiner Nasenblutung zu reden. Man konnte regelrecht sehen, wie bei Jamie die Rädchen im Kopf anfingen zu rotieren – bis es schließlich klick machte. Er riss die Augen auf und starrte ihn ungläubig an. „Was zur heiligen verfickten… du nimmst Drogen?! Du bist wirklich noch blöder als ich dachte!"
      Er war so laut, dass sich schon etliche Köpfe zu ihnen umdrehten, aber das interessierte Jamie herzlich wenig. Er schüttelte nur den Kopf.
      „Mein Arsch Rabatt, ich nehm so’n Dreck nicht.“, winkte er ab. „Wissen deine Eltern das eigentlich?“, fragte er und zog provokant die Augenbrauen hoch. „Du bist doch so’n typisches Muttersöhnchen, oder? Immerhin verballerst du deren ganzes Geld.“


      Owen war noch völlig darin versunken, seine Klamotten fein säuberlich in den leeren Kleiderschrank zu legen und nebenbei nach Farben zu sortieren. Dabei bemerkte er gar nicht, dass sich die Tür des gemeinsamen Zimmers öffnete – und sein neuer Mitbewohner hereintrat.
      Ein Mitbewohner, den er leider nur allzu gut kannte.
      Erst die keifende Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Erschrocken ließ er den Pullover fallen, den er gerade noch akkurat zusammengelegt hatte.
      Als er dann Flint im Raum stehen sah, wurden seine Augen noch größer.
      „Nein… nein, nein, nein, nein!“, dachte er.
      Er hatte mit vielem gerechnet. Aber nicht damit. Nicht mit Flint. Nicht mit Flint, der ihm eigentlich schon immer das Leben zur Hölle gemacht hatte. Nicht mit Flint, den er gerade…
      Owen blinzelte – weitete die Augen noch mehr.
      Nicht mit Flint, den er gerade als Amber gecatfished hatte.

      „Die Campus-Verwaltung hat mir das Zimmer zugeteilt.“, murmelte er verteidigend – allerdings deutlich leiser, als er es eigentlich beabsichtigt hatte. Dann rümpfte er die Nase, als ihm der beißende Geruch von Zigarettenrauch entgegenschlug.
      Es gab wirklich kaum einen unangenehmeren Geruch als Zigarettenrauch.
      „Du stinkst…“, murmelte er noch leiser, wandte sich ab und öffnete wortlos das Fenster.
      Und was meinte Flint überhaupt damit, Owen solle ihn in Ruhe lassen? – Das war doch eher umgekehrt!
      Owen wusste nicht recht, wohin mit sich, und blieb einen Moment lang einfach verloren mitten im Raum stehen. Schließlich ließ er sich auf den Rand seines neuen Bettes sinken. Sein Blick fiel auf seinen Rucksack – und auf die runde Metalldose mit frischen Keksen, die seine Mutter extra als Willkommensgeschenk für seinen neuen Mitbewohner gebacken hatte.
      Die würde er Flint aber ganz sicher nicht geben. Das konnte der vergessen.

      Owen konnte einfach nicht verstehen, wie Flint so lieb und fürsorglich zu Amber sein konnte – und zu allen anderen in seinem Umfeld ein absolutes Arschloch.