The Art of Survival [Codren feat. Pumi]

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    • Isaac ließ sich die Bemerkung mit dem Fitnessstudio durch den Kopf gehen. Das hatten Dr. Harver, Gary - eigentlich jeder, mit dem er nach seiner Rückkehr gesprochen hatte, auch mal erwähnt. Fit bleiben, um den Kopf fit zu halten. In Isaacs Fall wollte er den Sport auch so machen. Im Militär mussten sie morgens immer drei Kilometer laufen gehen.
      Keine schlechte Idee. Und dann auch noch mit Kai? Das machte die Sache gleich doppelt so gut.
      "Ich hab mir aber mal das Handgelenk gebrochen, guck mal."
      Isaac sah und bestaunte eine ordentliche Narbe, die sich über die Unterseite von Kais Handgelenk zog. Sie sah unfassbar schmerzhaft aus und war dabei auch noch an einer sehr lebensgefährlichen Stelle. Das musste ein ziemlich schlimmer Bruch gewesen sein.
      "Autsch."
      "Ich hab Physio auch gehasst. Aber das war's wert. Ich hab fast meine volle Beweglichkeit zurückbekommen."
      Isaac nickte zustimmend. In solchen Fällen machte Physio auch wirklich Sinn.
      "Ich gehöre zu den 1% der Menschheit, die tatsächlich komplett beidhändig ist. Ich kann mit rechts alles, was ich mit links auch kann. Gitarre spielen ist trotzdem seltsam, wenn ich's andersrum mache."
      "Das ist ja praktisch."
      Eine weitere Sache, über die Isaac staunen konnte. Kai würde niemals die Probleme haben, mit denen er sich rumschlagen musste.
      Sie folgten den Pfeilen weiter, bis Kai sie durch eine Löwentür führte. Ab da waren sie im offiziellen Kinderbereich, was man auch gut an den ganzen Wandtieren erkennen konnte. Es roch auch anders, nicht so steril, wie man es aus dem Rest gewöhnt war. Etwas mehr erträglich.
      "Wir sind da."
      Er klopfte an und ging auf ein Herein hinein.
      Das Mädchen im Bett konnte kaum älter als 8 sein. Sie war unfassbar klein und unfassbar blass, doch ihre Augen leuchteten regelrecht auf, als sie Kai hereinkommen sah. Und mit welcher Begeisterung sie ihn grüßte; als wäre Kai ihr liebster Mensch auf der ganzen Welt. Isaac konnte ihr das irgendwie nicht verdenken.
      "Das ist mein Freund Isaac. Ich hab ihn hier getroffen und dachte mir, ich stell ihm mal das coolste Mädchen des Viertels vor."
      Isaac lächelte gezwungen. Er tat sich mit der Fröhlichkeit nicht so leicht wie Kai, aber er gab sich Mühe, zumindest glücklich zu wirken. Irgendwie. Hoffentlich stank er nicht.
      "Isaac, das ist Clio."
      "Hi Clio", sagte er sanft.
      "Und das ist ihre Mom, Mrs. Easton."
      "Hallo." Die Mutter bekam ein Nicken.
      "Isaac hat voll die coole Roboterhand."
      Damit hatte Isaac eigentlich nicht gerechnet, aber er spielte mit, hob die Hand und ließ die Finger wackeln. Zu seinem geheimen entzücken begeisterte das Clio ungemein. Wer hätte schon gedacht, dass leuchtende Kinderaugen ihn so sehr aufmuntern könnten?
      "Und noch viel besser: ich hab dir was mitgebracht."
      Das Geschenk wurde übergeben und Clio ging in völliger Begeisterung auf. Es war niedlich anzusehen, wie sie ganz hibbelig wurde und das Bild herumschwenkte, damit ihre Mama es auch gut sehen konnte. Die Mutter nahm das Geschenk gelassen auf und Kai - wie Isaac heimlich beobachtete - freute sich mindestens genauso sehr über die Begeisterung. Bei so viel Freude war es auch verständlich, warum er sich extra die ganze Mühe gemacht hatte und hierherkam. Es war ein toller Anblick.
      Wenn man außer Acht ließ, dass Clio aus einem bestimmten Grund hier war. Und das war bestimmt kein angenehmer Grund.
      "Isaac und ich können leider nicht lange bleiben. Ich muss nachher noch arbeiten und davor muss ich noch duschen."
      "Hast du schon wieder mit Farbe gekleckert?"
      Die Kleine hörte sich furchtbar tadelnd an, sodass Isaac verstohlen grinste. Es war schon niedlich mit anzusehen. Besonders, weil Kai so gut darauf einging.
      Sie verabschiedeten sich darauf bald und gingen wieder. Kai war wirklich nur deswegen hergekommen.
      "Ich würd sagen, du bist ab jetzt Clio-approved."
      "Kann ich das als Gütesiegel bekommen?"
      Das hatte Kai jetzt zumindest verstanden und fand es auch lustig. Isaacs Scherze waren also doch nicht alle so furchtbar.
      Sie gingen zurück zum Aufzug und im ersten Stock wieder entgegen der Pfeile. Dann fragte Isaac:
      "Machst du sowas häufiger? Mit den Kindern und allem? Das ist ziemlich vorbildlich."
    • "Kann ich das als Gütesiegel bekommen?"
      Kai grunzte.
      "Ich glaube, das kriegen wir hin. Ich frag mal ihr Büro nach den entsprechenden Formularen."
      Sie lachten zusammen. Naja, Kai lachte, Isaac rockte einfach nur sein kleines Lächeln, das Kai so gefiel. Er sollte das wirklich öfter machen. Es änderte seine ganze Haltung!
      "Machst du sowas häufiger? Mit den Kindern und allem? Das ist ziemlich vorbildlich."
      "Immer, wenn's nötig ist," antwortete Kai, und hielt Isaac die Tür nach draußen auf.
      Der Geruch von Desinfektionsmittel wurde sofort durch halbwegs frische Luft ersetzt. Das war gleich viel besser, Kais Meinung nach. Sobald sie ein bisschen vom Krankenhaus wegkamen, würde es noch besser werden, weil sie die Abgase von den ganzen Krankenwagen hinter sich lassen konnten.
      "Die Kids, die ich betreue... die haben 'ne Menge Mist am Laufen. OPs, Physio, Ergo, Arztbesuche mit seltsamen Elektroden und Nadeln. Lauter mieses Zeug, das Kinder einfach nicht verdienen. Und wenn dann sowas ist wie jetzt, wo Clio schon wieder unters Messer muss... Weiß nicht. Da will ihnen einfach einen Grund geben, zu lächeln, auch wenn gerade alles doof ist. Da will ich ihnen was hübsches als Ablenkung geben, damit sie nicht an die Monitore und die Nadeln denken müssen."
      Er zuckte mit den Schultern und begann, an seinem Zopf herumzuspielen.
      "Die Welt ist gemein. Und ich find's gemein, dass sie so gemein ist. Also versuche ich jedem, den ich begegne, mindestens einmal ein Lächeln auf's Gesicht zu zaubern."
      Er hob den Blick wieder und grinste. Und dann machte er das, was immer in Musicals passierte, und begann zu singen:
      "Your clothes may be Beau Brummelly
      They stand out a mile --
      But Brother,
      You're never fully dressed
      Without a smile!
      Who cares what they're wearing
      On Main Street,
      Or Saville Row,
      It's what you wear from ear to ear
      And not from head to toe
      That matters
      So, Senator,
      So, Janitor,
      So long for a while
      Remember,
      You're never fully dressed
      Without a smile!
      "
      Und weil Kai nun einmal Kai war, legte er sogar eine kleine 1920s Stepptanz Nummer hin. Und dann brach er in schallendes Gelächter aus.







      Annie (1982) - You're Never Fully Dressed Without a Smile Scene (6/10) | Movieclips - YouTube


    • Kai erzählte von den Kindern, wie viel sie durchmachen mussten und wie er sie nur davon abzulenken versuchte. Es war ein bilderbuchgleiches Verhalten, das den Mann in Isaacs Augen nur noch viel besser machte. Er war so ein... fröhlicher, guter Mensch, die Sorte, die man niemals selbst zu Gesicht bekam, von der man nur hörte. Doch jetzt bekam Isaac nicht nur einen zu Gesicht, er wohnte auch im selben Haus.
      Besser ginge es nur, wenn sie befreundet wären. Richtig befreundet.
      "Die Welt ist gemein. Und ich find's gemein, dass sie so gemein ist. Also versuche ich jedem, den ich begegne, mindestens einmal ein Lächeln auf's Gesicht zu zaubern."
      Isaac würde später noch oft an diesen Moment zurückdenken und an Kais Grinsen, das seiner Bemerkung folgte, so breit und charismatisch und so typisch für ihn. Er würde sich später noch häufig ins Gedächtnis rufen, wie er ihn angesehen hatte, doch im Moment konnte er nur starren, als Kai unvermittelt anfing zu singen. Auf offener Straße.
      "Your clothes may be Beau Brummelly
      They stand out a mile --
      But Brother,
      You're never fully dressed
      Without a smile!"
      Seine Stimme war klangvoll und unglaublich schön. Kai interessierte sich keinen Deut dafür, was andere Menschen von ihm dachten, er lebte einfach. Er war glücklich. Er tat das, was für ihn am besten war. Isaac bewunderte ihn dafür umso mehr. Und als er sogar anfing Stepp zu tanzen, musste selbst Isaac grinsen - wirklich grinsen. Kai lachte laut und das war vermutlich der schönste Moment, den Isaac im ganzen Jahr je genossen hatte.

      Mit derselben Alberei ging der Heimweg viel schneller um und als sie zum Haupteingang reinkamen, drehte Isaac sich zu ihm um.
      "Ich würde mich gerne wieder mit dir treffen. Das macht Spaß."
      Er wollte eigentlich auch gar nicht gehen, musste aber. Der Regen kam Sonntag und Isaac musste sich vorbereiten, musste auf Gefechtsstation gehen, wie Gary es nannte. Nach dem letzten Mal wollte er keine zweite Katastrophe riskieren.
      "Vielleicht... Ich weiß nicht so recht. Ich bin ziemlich beschäftigt. Dienstag?"
      Sie tauschten ein paar Daten aus, wann Kai arbeitete, wann Isaac konnte, was sie tun sollten. Schließlich einigten sie sich darauf, dass sie sich schon treffen würden. Irgendwann irgendwo würden sie sich über den Weg laufen und dann könnten sie Pläne schmieden.
      Isaac ging daraufhin mit einem guten Gefühl nachhause. Er setzte sich auf seine Couch, betrachtete den geöffneten Cocktailschirm für einen Moment und sah dann Kai auf der anderen Seite in dessen Wohnzimmer. Er winkte und nach einem Moment winkte Kai zurück. Da fühlte sich Isaac umso besser.
      Ein guter Tag. Ein wirklich guter Tag.

      Den Samstag über bereitete er sich auf Sonntag vor, so gut es ging. Er brachte seine Bettwäsche in die Abstellkammer - er musste sich schließlich nicht mit dem Schlafsack alleine abquälen -, holte zwei Konserven, einen Löffel, eine Flasche Wasser. Das sollte seine Verpflegung für den Sonntag sein und dann wusste er nur noch nicht so recht, ob er den ganzen Tag dort sitzen würde, oder sich zwischendurch nach draußen traute. Das konnte er im Vorhinein nie wissen. Er ging einfach davon aus, dass er erst Montag wieder rauskommen würde.
      Die Tage waren gut verlaufen, aber der Regen hatte wieder aufgeholt und Isaac machte sich gar keine Hoffnung mehr, dass gerade jetzt der Moment gekommen war, in dem er endlich sein Leben in den Griff bekam. Das tat er nicht und deswegen musste er jetzt einfach bis Montag aushalten. So schlimm war das doch nicht.
      Er schlief Samstag bereits in der Abstellkammer, wobei er die Tür offen ließ. Sonntag stand er mit dem Wecker auf, warf einen Blick nach draußen, auf die dunklen Wolken, die den Himmel verdeckten, und ging dann noch einmal ins Bad. Womöglich das letzte Mal für den Tag. Dann klappte er nur noch das Cocktailschirmchen ein - definitiv ein schlechter Tag -, knipste in der Abstellkammer das Licht an und schloss dann die Tür hinter sich.
      Der Regen startete mit einem dumpfen, fernen Tröpfeln. Isaac überhörte den Anfang davon, aber als es beständig wurde, drang es sogar in die Abstellkammer durch. Er schloss die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Alles war gut. Alles würde gut werden.

      Wie jedes Mal kam die Erinnerung zuerst zurück. Ein Wald mit einem leicht tropischen Klima, ein Auftrag, ein Ziel, fünf Männer, Isaac der Truppführer. Es war nicht sein erstes Mal als Truppführer, aber das eine Mal, das entscheiden sollte, ob er wirklich das Zeug für eine Führungsposition hatte. Wenn ja, würde er nachhause zurückkehren und eine Ausbildung zum Gruppenkommandanten vollziehen, bevor er die Stufe zum Lieutenant erklimmen konnte. Es war realistisch, er war gut, alle seine Vorgesetzten liebten ihn. Er wollte es, sie wollten es. Er musste nur diesen Auftrag noch erfüllen, dann ging es in die Heimat zurück.
      Natürlich war es in einer Katastrophe geendet, aber daran wollte Isaac nicht denken. Dr. Harver meinte, dass es länger dauern würde, bis er sich wirklich mit dieser Erinnerung befassen konnte. Ein Jahr war da noch nicht genug.
      Der Regen blieb für eine Weile konstant, aber selbst wenn er nicht so stark war, steigerte sich das Gefühl von Unbehagen. Isaac konnte nichts dagegen tun, er erinnerte sich einfach. Der Geruch des nassen Waldbodens, des vielen Blutes, der verzerrte Anblick des dichten Unterholzes, die Geräusche. Oh, die Geräusche. Denn Isaac hatte durchaus die Schüsse gehört, er hatte auch den Regen gehört, der auf sie alle herab geprasselt war, er hatte nur nicht die Schritte gehört. Die Schritte nicht und auch nicht das Rascheln des Unterholzes. Nur den Regen, der alles verdeckende Regen und dann die Schüsse, die Schreie, direkt neben ihm und hinter ihm. Isaac selbst, der schrie. Wie die Schüsse aus einer Richtung und Entfernung kamen, die sie alle völlig überraschten. Wie Körper zu Boden fielen.
      Isaac fuhr sich mit der Rechten über das Gesicht. Er begann wieder zu zittern und auch das war nichts, was er aufhalten konnte. Sein Herz begann zu rasen und fühlte sich dabei so an, als wäre er wieder im Wald, als würde er sich wieder auf der Stelle drehen, um endlich herauszufinden, woher der Feind kam, woher die Gefahr zu kommen drohte. Es fühlte sich an, als wäre er wieder auf sich alleine gestellt, alleingelassen in einem Wald voller Feinde, die sie nicht hatten kommen hören. Es fühlte sich scheußlich an.
      Der Regen verstärkte sich. Isaac konnte ihn fast auf seiner Haut spüren, wie er seine Uniform durchweichte, wie er ihn auskühlte. Wie er auf seine Ohren trommelte. Er zog die Beine an und fuhr sich wieder über das Gesicht, über die Haare. Es gab nichts zu befürchten, keine Gefahr, die vom Regen oder seiner Wohnung ausging. Isaac war hier ganz sicher, war schon sicher gewesen, seit er die amerikanische Grenze wieder überquert hatte. Es war alles in Ordnung, er durfte nur nicht vergessen zu atmen. Nur weiteratmen. Einatmen… und ausatmen…
      Doch dann hörte er es und er wusste, dass sie da waren. Sie waren hier. Er wusste, dass er versagt hatte und dass es hier enden würde, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie ihn fanden. Ein Wimmern drang über seine Lippen und er kauerte sich hilflos zusammen, machte sich klein, zog die Schultern hoch, versteckte den Kopf in den Armen. Er zitterte unkontrolliert und bekam keine Luft, hatte furchtbare Angst zu laut zu atmen, damit sie ihn durch den Regen nicht doch hören konnten, versuchte sein Zittern einzustellen, damit sie seine Gestalt nicht erahnen konnten und das alles führte nur dazu, dass er sich in seine Panik steigerte und steigerte, bis ihm heiße Tränen über das Gesicht liefen, bis er das Gefühl hatte, den Boden unter den Füßen zu verlieren, bis sich sein Gefühl für die Wirklichkeit immer mehr einschränkte, bis er sich wünschte, dass das alles nur vorbei, endlich vorbei sein würde. Er presste sich krampfhaft gegen die Tür, versteckte sich in seinen Armen und weinte stumm und voller Terror, während er im Regen auf die Schritte lauschte. Er wünschte einfach, es würde vorbei sein. Endlich vorbei. Er hatte so unsagbar große Angst.

      Er wusste nicht, wann er eingeschlafen war, oder eher das Bewusstsein verloren hatte. Als er die Augen langsam öffnete, lag er in einer unangenehmen Haltung direkt neben seinem Schlafsack. Sein Körper fühlte sich roh an, sein Armstumpf schmerzte und sein Kopf tat ihm weh. Draußen war es still, es hatte aufgehört zu regnen.
      Isaac konnte sich nicht dazu durchringen, sein Handy zu checken. Im Moment war es ihm egal, ob es wieder anfangen würde zu regnen oder ob es Montag war oder er schon eine ganze Woche dort lag und schlief. Alles war ihm egal, denn er fühlte sich furchtbar, ihm war müde und er war erschöpft. So erschöpft, dabei hatte er hier doch nur gelegen. Es hatte trotzdem alle Energie aus ihm gezogen.
      Kraftlos wälzte er sich auf den Bauch und kroch zu seinem Schlafsack. Er brachte es nicht fertig, die Decke richtig hinzuziehen; daran hatte er nicht gedacht, als er sie hereingebracht hatte. Unkoordiniert legte er sich obendrauf und zog dann müde an den Ecken, bis er sich irgendwie dort eingerollt hatte. Daraufhin schlief er fast sofort wieder ein. Er war wirklich entsetzlich müde.
      Beim zweiten Mal aufwachen hatte Isaac gar keine Orientierung mehr. Er wusste nicht, welcher Tag war, welche Uhrzeit, welche Wohnung, wo er war, was er tun sollte. Er öffnete die Augen und starrte auf Kisten, die direkt neben ihm standen, und auf eine Zimmerdecke, von der eine einzelne Glühbirne herab hing. Stimmt ja, er war Zuhause. Draußen war es ruhig.
      Er blieb noch eine Weile unbewegt liegen, dann streckte er sich vorsichtig. Alle seine Glieder taten ihm weh und sein Rücken war am schlimmsten. Er stöhnte, drehte sich herum und fischte sein Handy aus seiner Tasche. Kurz vor fünf Uhr morgens, Montag. Er hatte den Regen völlig verschlafen, aber die Uhrzeit zum morgendlichen Appell, die war ihm immernoch einprogrammiert. Die konnte er wohl nicht so einfach verschlafen.
      Stöhnend und ächzend rappelte er sich auf. Er fühlte sich furchtbar und wusste, dass das nicht nur vom Schlafen auf dem Boden kam. Sein Kopf war matschig, seine Muskeln schwach, alles fühlte sich schwer und träge an. Er wollte eigentlich gar nicht aufstehen, aber er musste. Er musste aufs Klo und er wollte nicht die Flasche benutzen. Nicht schon wieder.
      Langsam, wankend kam er aus der Abstellkammer heraus. Seine Wohnung war wie immer, nichts hatte sich verändert, niemand war während seiner Abwesenheit reingekommen. Natürlich nicht. Hinterher fiel es ihm immer leicht, die Sache mit Rationalität abzutun, aber währenddessen nicht. Noch lange nicht.
      Er musste sich am Türrahmen abstützen, so unsicher fühlte er sich auf den Beinen. Seine Knie waren ganz weich und er wusste nicht, ob er wieder aufstehen könnte, wenn er jetzt fiel. Vermutlich nicht. Daher tastete er sich sehr vorsichtig voran.
      Er nutzte die Toilette, spülte nicht. Wischte seine Hände nur an einem Handtuch ab. Kam dann wieder heraus, hielt sofort auf das Bett zu und ließ sich darauf fallen. Er hatte die Bettdecke und das Kissen vergessen - egal. Er rollte sich zusammen und schlief wieder ein.
      Heute war ein schlechter Tag. Ein verdammt schlechter.

      Um kurz nach zehn wachte er erneut auf, quälte sich aus dem Bett, trank das Wasser, das er in der Abstellkammer zurückgelassen hatte, schlurfte mit seinem Bettzeug wieder zurück. Legte sich hin, schlief. Wachte um 11 auf, dann um 12. Lag wach in seinem Bett und starrte die Decke an.
      Irgendwann würde er sein Leben in den Griff kriegen müssen. Er war ein erwachsener Mann, ein voll funktionsfähiger, tüchtiger Mann, der sein eigenes Geld verdienen und sein eigenes Leben leben konnte, der auf nichts und niemanden angewiesen war, der alles alleine auf die Reihe bekam - weil er es bisher geschafft hatte. Es war gar nicht so schwierig. Er hatte auch schon eine Wohnung gehabt, hatte sich auch mit Wäsche und Lebensmitteln herumschlagen müssen, hatte gekocht und aufgeräumt und noch viel mehr getan, an einem einzigen Tag. Er wusste, dass er das konnte. Sowas verlernte man doch nicht.
      Und doch lag er jetzt dort und war müde - müde vom Regen. Hatte solange geweint, bis er davon zusammengebrochen war und hatte dann weitergeschlafen, über 16 Stunden. Seine Kleider waren alle schmutzig und er war es auch. Er duschte nicht, er kochte nicht, er tat gar nichts. Er konnte nichts. Überhaupt nichts.
      Erschöpft schloss er wieder die Augen.

      Irgendwann schaffte er es aufs Sofa und sah fern. Die Stunden rollten vorbei und bald senkte sich die Nacht über ihn. Gegenüber brannte noch Licht, aber Isaac hoffte, dass man ihn nicht sehen konnte. Er konnte sich zu nichts aufraffen. Rein gar nichts.
      Ein verdammt schlechter Tag.
      Den Dienstag verbrachte er auf gleiche Weise, schlafen und dann auf der Couch sitzen und irgendwas ansehen. Er schaffte es, zwischendurch aus den Konserven zu essen und genügend Wasser zu trinken, auch wenn er es noch nicht zusammenbrachte, die Toilette zu spülen. Der Cocktailschirm war noch immer geschlossen. Isaac starrte ihn an und sah dann zum Fenster gegenüber. Er sah es lange an, während dahinter alles dunkel war.
      Dienstag. Kai musste heute arbeiten, aber die Wetterapp zeigte wieder Regen für die Woche an. Isaac würde noch viele schlechte Tage haben - sehr viele. Und er vermisste Kai, das konnte er sehr einfach bestimmen. Ohne Kai fühlte er sich so elendig wie noch nie.
      Isaac gab sich einen Ruck, der ihn drei Stunden Vorbereitung kostete - waschen, etwas essen, Kleidung finden. Mit hochgezogenen Schultern schlurfte er aus der Wohnung und zum RB. Es war halb acht, noch bevor der Stammtisch kam. Vielleicht konnte er... wusste er auch nicht. Smalltalk mit Kai machen. Irgendwas, das ihm helfen würde, wieder auf die Beine zu kommen. Bevor der nächste Regen anstand.
      Er schlurfte durch die Tür und hielt auf den Tresen zu. Kai war da, aber natürlich konnte er Isaacs Leben nicht auf magische Weise bessern. Er war auch einfach nur ein Mann, der sein eigenes Leben hatte und mit Isaacs nichts am Hut hatte. Er sollte ihn mit seinen Wehwechen gar nicht belästigen.
      Schnaufend ließ er sich auf seinen Hocker fallen. Seine Augenringe waren groß und dunkel, seine Wangen etwas eingefallen, seine Lippen spröde. Zu wenig geschlafen, zu wenig gegessen, zu wenig getrunken.
      "Hi", sagte er leise.
    • Kai genoss sein Wochenende in vollen Zügen. Was für ihn hauptsächlich hieß, dass er durch seine Wohnung tanzte und endlich mal an seinen Bildern arbeitete, die er allen möglichen Leuten versprochen hatte. Als erstes machte er das Ding für die Klinik fertig. Aus den unförmigen Bohnen wurden Bohnen mit Beinen und Ohren, dann bekamen sie nach und nach Fell. Schlussendlich tollten ein Corgi, ein Dackel, ein Schnauzer und ein King Spaniel über die Wiese und jagten ein paar Schmetterlinge. Kai hatte alles davon so realistisch wie möglich gemalt, was dem ganzen Ding eine Dreidimensionalität verließ, die ihres Gleichen suchte.
      Er nahm einen Schritt zurück und nickte bestimmt. "Perfekt," verkündete er und setzte seine Unterschrift unten links in die Ecke.
      Am Sonntag schüttete es aus allen Eimern, also machte Kai genau das gleiche, nur mit einem neuen Bild. Er schlug sein Skizzenbuch auf und klemmte es so fest, dass er die Seite mit dem Gebäudekomplex vor Augen hatte. Dann wühlte er nach der richtigen Leinwand. Isaacs Wohnung war - hoffentlich - genau wie seine, also hielt Kai ein halbes Dutzend Leinwände an verschiedene Wände, um zu gucken, ob es auch passte, bis er zufrieden mit seiner Wahl war.
      Er stellte die Leinwand auf eine Staffelei - das machte er tatsächlich relativ selten, aber er musste seine Skizze aufbessern, also bot es sich an. Und dann kam der langweilige Teil: grundieren. Kai klatschte einfach eine einzige Farbe auf die Leinwand und dann musste er warten, bis alles trocken war. In der Zwischenzeit machte er sich etwas zu essen und überlegte sich, welche Farben er benutzen wollte. Klar, er musste eigentlich nur die richtigen für das Gebäude und die Umgebung finden, das war kein Problem. Aber der Himmel... mit dem konnte er machen, was er wollte. Sonnenuntergang? Sonnenaufgang? Welche Jahreszeit? Sonniges Wetter, auf jeden Fall. Isaac wirkte immer wie eine Regenwolke, die kurz davor stand, los zu regnen, also wollte er ihm etwas fröhlicheres malen.
      Während er seine Farben zusammenstellte, telefonierte er wieder mit seiner adoptierten Großmutter, wobei sich hier und da auch andere Familienmitglieder ins Bild drängten, um Hallo zu sagen. Ihre Gespräche waren vollkommen belanglos, aber die Tatsache, dass er sie überhaupt haben konnte, war alles, was Kai brauchte, um glücklich zu sein.
      Als er an die Leinwand trat, um seine Skizze zu übertragen, war das beinahe so, wie ein Nachhause-Kommen. Er zeichnete und zeichnete, summte vor sich hin, dann mischte er seine Farben und legte los. Er malte und malte und malte, vergaß das Konzept von Zeit komplett. Er malte einfach.
      Irgendwann machte er einen Schritt zurück, um seinen Pinsel sauber zu machen und plötzlich war er wieder in der Realität. Draußen war es dunkel und das Bild war fast fertig. Er hatte alle Grundformen gesetzt, er hatte alle Farben geblockt und sogar schon mit den Schatten angefangen. Kai wurde sich plötzlich bewusst, wie hungrig er war, wie durstig. Mit einem Kichern wurde er sich seiner selbst wieder bewusst.
      "Genug gemalt für heute," beschloss er. "Zeit für ein bisschen Maintenance."
      Er machte sich nicht die Mühe, aufzuräumen - er war ja noch nicht fertig, er brauchte das Zeug noch. Aber er machte sich ein ordentliches, wenn auch viel zu spätes Abendessen, mit dem er sich auf die Couch fallen ließ und irgendein dummes Stück Reality TV schaute.

      Montage waren anstrengend. Er hatte vier Kurse über den Tag verteilt und dann hatte er auch noch eine Schicht im Rula Bula. Naja, 'Schicht'. Montags kam er eigentlich nur, um das Chaos vom Wochenende zu beseitigen. Er musste immer noch an der Bar arbeiten, aber Montags kam kaum jemand rein, also war seine Hauptaufgabe spülen, fegen, wischen. Er mochte Montage trotzdem. Sie waren anstrengend, ja, aber auf eine gute, erfüllende Weise. Außerdem regnete es nicht mehr, was hieß, dass die Luft unendlich sauber roch. Noch sowas, was Kai wirklich gern hatte. In Hawai'i passierte das regelmäßig.
      Und obwohl er komplett erledigt nach Hause kam, konnte er sich nicht davon abhalten, in den frühen Morgenstunden noch ein bisschen zu malen. Isaacs Bild zog ihn einfach ein bisschen in seinen Bann. Genauso wie der Mann selbst. Kai konnte nicht einmal sagen, warum er den Mann so anziehend fand. Er war einfach... keine Ahnung. Da war etwas, tief vergraben in ihm. Er hatte es kurz gesehen, als Isaac mit ihm vor dem Krankenhaus gelacht hatte. Aber da waren so viele Schichten an Zeug obendrüber, dass es schwer war, an diesen Mann heranzukommen. Isaac war wie ein altes Bild, dass dringend restauriert werden musste. Kai hatte für zwei Semester einen Restaurationskurs belegt, aber die ganzen Chemikalien hatten seine Haut immer jucken lassen, also hatte er damit aufgehört. Aber für Isaac konnte er doch bestimmt eine Ausnahme machen. Der Mann brauchte einfach nur jemanden, der ihn aus seiner Höhle ziehen konnte, da war sich Kai sicher.
      Er machte er einen Schritt zurück, um seinen Pinsel sauber zu machen und plötzlich war er wieder in der Realität. Er sah auf und betrachtete das Bild. Er grinste. Draußen ging die Sonne auf.

      Am Dienstag war Clio nicht mehr im Krankenhaus, aber sie war noch nicht wieder gesund genug, um zum Kurs zu kommen. Ein paar der Kids fragten, wo sie war, und Kai antwortete ehrlich. Warum sollte er sie auch anlügen, die Kids hier wussten, dass sie alle ihre Probleme hatten. Daraufhin beschlossen alle, dass sie Gute-Besserungs-Karten malen wollten. Und das taten sie dann auch, was dafür sorgte, dass Rachel neun sehr verschiedene Karten mit nach Hause nehmen musste, um sie an Clio weiterzureichen.
      Nach einem schnellen nicht-ganz-Abendessen und einer Dusche machte sich Kai auf den Weg ins Rula Bula. Kurz überlegte er, ob er Isaacs Bild mitnehmen sollte, weil er so ein Gefühl hatte, der Mann würde heute Abend auftauchen. Aber ein Blick nach draußen verriet ihm, dass das ein sehr risikoreiches Unterfangen wäre. Also ließ er es bei sich. Er würde es schon noch irgendwie zu isaac bringen. War ja nicht so, als ob der am anderen Ende des Landes lebte.

      Er trat gerade aus dem Hinterraum, rollte ein neues Bierfass für den Zapfhahn über den Boden, als er ein leises, aber vertrautes "Hi" hörte. Er sah auf und grinste sofort, als er Isaac sah. Doch sein Grinsen verschwand schnell wieder, als er den Mann sah. Isaac wirkte, als hätte er seit ihrem letzten Treffen nicht mehr geschlafen. Oder gegessen. Nicht gut.
      Kai rollte das Bierfass schnell unter den Tresen.
      "Hi. Schlechter Tag, hm?" fragte er sanft und griff sich ein Bierglas.
      Er füllte es und stellte es Isaac vor die Nase. Dann lehnte er sich auf den Bartresen. Es war nicht viel los, also konnte er sich die Zeit nehmen, mit Isaac zu reden, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Und das Bierfass unter dem Tresen war schnell angeschlossen, das konnte also auch warten. Viel wichtiger war es, einem Mann, der ein Ohr brauchte, zuzuhören.


    • Isaac nickte matt.
      “Schlechter Tag.”
      Er sah auf, ganz kurz nur, um zu sehen, wie ein hübsches Lächeln aus Kais Gesicht verschwand, das er gar nicht mitbekommen hatte. Der Mann war schon daran, ihm ein Bierglas zu füllen, natürlich dunkel. Er wusste es immernoch, hatte es auch nach einer Woche nicht vergessen. Dabei war Isaac sich gar nicht sicher, ob er Bier überhaupt trinken wollte. Er wollte nicht abhängig werden, den Alkohol benutzen versuchen, sein Leben ein bisschen angenehmer zu gestalten, denn dann würde er das Dr. Harver erklären müssen und die würde ihn als nächstes zu AA-Treffen schicken. Ganz bestimmt nicht. Auf der anderen Seite, was sollte er in einer Bar schon anderes trinken?
      Kai stellte es ihm hin und Isaac murmelte ein Danke. Er legte die Rechte um das kühle Glas, trank aber nicht sofort, sondern starrte nur ein bisschen. Kai lehnte sich auf den Tresen und sah ihn erwartungsvoll an. Wenn er ihm wieder eine Frage stellte, dann konnte Kai erzählen und Isaac konnte zuhören, das wäre ihm jetzt am liebsten. Irgendeine Frage. Stell ihm eine Frage.
      Sein Mund war trocken. Er schluckte.
      “Kai -”
      Eine Frage, irgendeine. Stell ihm eine. So schwer war das doch nicht. Hatte er das jetzt auch schon verlernt? Bekam er nichtmal das mehr auf die Reihe?
      “Uhm, das… es ist mir ein bisschen peinlich, aber… kann ich deine Waschmaschine einmal benutzen?”
      Gott, das war schlimm. Scheiße. Jetzt hasste er sich selbst, das hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Wie war er denn auf die Schnapsidee gekommen?
      “Ich kann nicht erklären, wieso. Bitte frag einfach nicht.”
    • "Uhm, das… es ist mir ein bisschen peinlich, aber… kann ich deine Waschmaschine einmal benutzen? Ich kann nicht erklären, wieso. Bitte frag einfach nicht."
      Das war Isaacs großes Problem? Naja, sowas konnte ein ziemliches Problem sein. Waschmaschinen waren teuer und wenn sie kaputt gingen, konnten sie schonmal ein ganzes Apartment fluten. Ja, doch, kaputte Waschmaschinen waren ein Problem, die einem schonmal den Tag versauen konnten. Erst recht wenn das Wetter so war wie in letzter Zeit. Viel wichtiger war aber, dass das ein Problem war, bei dem Kai super einfach helfen konnte!
      "Klar. Kann dir auch gern beim Schleppen helfen, wenn deine Hand wieder rumzickt. Oh! Und auf dem Rückweg können wir gleich dein Bild mitnehmen! Ich hab's gestern fertig bekommen! Ich hab morgen Vormittag komplett frei, ich muss erst um zwei im Center sein. Kannst also direkt vorbeikommen und waschen, wenn du willst. Weiß aber nicht, ob ich vorher noch zum Aufräumen komme, also musst du dich mit artistischem Chaos zufriedengeben."
      Mit einem leicht peinlich berührten Lächeln fuhr sich Kai durch die Haare. Seine Finger blieben hängen. Autsch.
      "Ich verspreche auch, dass du keine Farbflecken abbekommst. Das meiste is jetzt schon getrocknet, es steht halt alles einfach nur rum."
      Kai zog einen kleinen Korb mit Nüssen und Salzcrackern über den Tresen und schnappte sich ein paar Salzstangen, an denen er frecher Weise knabberte.
      "Du kannst sogar meinen Trockner benutzen. Soll ich was zum Mittagessen machen? Wirst ja wahrscheinlich ein bisschen bei mir rumhängen, oder? Oder hast du zu tun? Du sagtest, du arbeitest von Zuhause aus?"


    • Kai bot ihm sofort seine Hilfe an und Isaac fiel ein Stein vom Herzen. Es war so einfach gewesen. Nur eine Frage und er hatte sein Problem schon aufgeschoben. Natürlich war es nicht gelöst, aber er würde wieder saubere Klamotten bekommen. Seit Wochen.
      "Klar. Kann dir auch gern beim Schleppen helfen, wenn deine Hand wieder rumzickt. Oh! Und auf dem Rückweg können wir gleich dein Bild mitnehmen!"
      Moment - wir? Isaac wurde ein bisschen blass. Er würde Kai nicht in seine Wohnung lassen, ganz bestimmt nicht. Unter keinen Umständen.
      "Ich hab's gestern fertig bekommen!"
      Das war wiederum schön, darauf freute er sich. Er würde wirklich ein Bild von Kai bekommen.
      "Ich hab morgen Vormittag komplett frei, ich muss erst um zwei im Center sein. Kannst also direkt vorbeikommen und waschen, wenn du willst. Weiß aber nicht, ob ich vorher noch zum Aufräumen komme, also musst du dich mit artistischem Chaos zufriedengeben."
      "Kein Problem. Wirklich."
      Artistisches Chaos - das konnte er sich kaum vorstellen.
      "Ich verspreche auch, dass du keine Farbflecken abbekommst. Das meiste is jetzt schon getrocknet, es steht halt alles einfach nur rum."
      Tatsächlich wären Farbflecken schlimm. Isaac würde die Sachen nie wieder anziehen können, auch wenn sie sonst noch ganz frisch waren. Man würde ihm gleich ansehen, dass sie nicht gewaschen waren - länger schon nicht.
      "Du kannst sogar meinen Trockner benutzen. Soll ich was zum Mittagessen machen? Wirst ja wahrscheinlich ein bisschen bei mir rumhängen, oder? Oder hast du zu tun? Du sagtest, du arbeitest von Zuhause aus?"
      So viele Fragen. Isaac fühlte sich fast überwältigt davon. Er duckte sich tiefer und zog das Bier näher zu sich.
      "Nein, also, morgen habe ich... frei. Freier Tag. Am Nachmittag habe ich einen Termin, aber da bist du auch schon weg. Das passt."
      Er drehte das Glas auf dem Untersetzer.
      "Wir können auch was bestellen. Zum Mittagessen. Du musst nicht extra kochen."
      Wobei ihm beim Gedanken an wirkliches Essen das Wasser im Mund zusammenlief. Isaac mochte seine Konserven - er holte sich immer Nudeln mit Tomatensoße, Eintopf mit Kartoffeln und am liebsten Bohnen aus der Dose - aber er hatte auch schon lange nichts mehr anderes gegessen. Seit dem Krankenhaus nicht und das war schon drei Monate her. Die einzige Abwechslung, die er bekam, war durch die Pizza, die er sich hin und wieder bestellte, wenn er es nicht schaffte, einkaufen zu gehen. Er hatte seit drei Monaten kein richtiges Gemüse mehr gesehen.
      "Mir reicht auch Pizza. Oder so."
      Kai schien das nicht zu bemerken. Er redete einfach weiter und das war wieder gut, das war genau das, was Isaac gewollt hatte, weshalb er hergekommen war. Jetzt redete Kai und er konnte zuhören, er konnte im richtigen Moment nicken und Augenkontakt halten, wenn er glaubte, dass es angemessen war. Es konnte so einfach sein. Und morgen, da würde er saubere Klamotten bekommen. Da würde er sich endlich wieder gut fühlen.
      Vielleicht ging es ja doch langsam bergauf.

      Er trank sein Bier zuende, verabschiedete sich von Kai und ging nachhause. Dort verbrachte er erstmal eine Stunde damit, sich durch seine Klamotten zu wühlen und rauszusuchen, was er morgen mitbringen konnte. Es gab drei Kriterien, die unbedingt zu beachten waren, wenn er nicht wollte, dass Kai von ihm abgestoßen wurde: a) Nicht zu viel, damit der Mann nicht darauf kam, dass Isaac schon lange nicht mehr gewaschen hatte. b) Nicht zu schmutzig, sonst könnte er dieselben Rückschlüsse ziehen. c) Nicht nur Unterwäsche oder nur T-Shirts oder nur Hosen. Irgendwas ausgewogenes. Irgendwas, das sagte "diese Woche habe ich diese Outfits getragen und jetzt wasche ich sie". Irgendwas, bei dem Kai nicht weiter darüber nachdachte. Es war Isaac peinlich genug, dass er bei einem anderen Mann die Wäsche waschen musste. Weil er es nicht zusammenbrachte, ein paar verdammte Kisten aus dem Weg zu räumen, geschweige denn seine Sachen endlich auszupacken.
      Den Müll hatte er ja auch schon wieder nicht mit runter gebracht.

      Am Mittwoch saß er um 6 Uhr morgens bereits gewaschen auf der Couch. Seine innere Uhr hatte ihn geweckt und dann hatte er sich so gründlich sauber gemacht, wie es möglich war. Jetzt galt es nur noch zu warten.
      Auf Kai zu warten.
      Dass der wach wurde.
      Isaac hatte ihm sehr eindringlich versichert, dass er ihm nicht beim Tragen helfen musste und dass er bitte nicht vorbeikam und Isaac einfach irgendwann vorbeikommen würde. Dieses irgendwann knüpfte sich dabei natürlich daran, wann Kai wachwurde. Isaac würde ihn ganz bestimmt nicht wachklingeln, das würde die ganze Sache nur noch schlimmer machen. Sie war ja jetzt schon schlimm genug.
      Er starrte abwechselnd zu dem Fenster gegenüber und zu seinem zusammengeklappten Cocktailschirm. Bei Kai regte sich noch nichts, was um 6 Uhr morgens auch nicht verwunderlich war. Eine Weile lang debattierte Isaac deshalb darüber, ob heute ein guter oder schlechter Tag war. Gründe für einen guten Tag: Er hatte sich gewaschen, er hatte seine Zähne trocken geputzt, er war dazu gekommen, die Toilette wieder zu spülen, er hatte bereits einen Wäschekorb zusammen, den er bringen wollte. Er hatte sich dabei auf zwei Shirts festgelegt, zwei Unterhosen, zwei Paar Socken und eine Jeans, weil er nicht wusste, wie groß Kais Waschmaschine war. Definitiv Aktivitäten eines guten Tags. Gründe für einen schlechten Tag: Er war müde, er fühlte sich on edge, er hatte beim Waschen wieder die Krise bekommen, er hatte nicht die Energie, um heute irgendwas zu machen, geschweige denn sozial zu sein und später mit dem Taxi zu Dr. Harver zu fahren. Nicht, dass er um beides herumkommen würde, aber das waren definitiv Eigenschaften eines schlechten Tags. Außerdem sagte die Wetterapp für Freitag wieder Regen voraus, den ganzen Tag. Verdammte Scheiße.
      Letzten Endes ließ er den Schirm geschlossen, dann war er auf der sicheren Seite. Als er bei Kai eine Bewegung entdeckte, wartete er noch genau zwanzig Minuten ab - er wollte immerhin nicht so wirken, als würde er wirklich stalken - und machte sich dann auf den Weg, den Wäschekorb unter den rechten Arm geklemmt. Draußen ging es eine Treppe runter, zum Haupteingang, dort bei der Kreuzung in den anderen Gang, wieder eine Treppe nach oben, dann... die andere Richtung. Wenn er zu seiner Wohnung in eine Richtung gehen musste, dann jetzt in die andere. Er zählte die Türen und blieb dann stehen. Hier sah alles exakt so aus wie bei ihm drüben, nur spiegelverkehrt. Fast war es so, als würde er nachhause gehen.
      Nur sperrte er nicht selbst auf, sondern klingelte. Und verlagerte das Gewicht nervös von einem Bein auf das andere.
    • "Ach was, das passt schon. Ich muss eh was kochen, da mach ich einfach mehr."
      Kai zuckte mit den Schultern. Ihm machte das nichts aus, wirklich nicht. Er kochte gern, wenn er es nur nicht ständig vergessen würde...
      Er bediente die wenigen Kunden, die heute vorbeikamen - der Stammtisch fehlte, die tragen sich ja nur einmal im Monat - und unterhielt sich mit Isaac, wann immer er eine freie Minute hatte. Währenddessen spülte er Gläser, schloss das neue Fass an, entsorgte leere Flaschen. Er machte eben alles, was man als Barkeeper in einer kleinen, örtlichen bar so zu tun hatte, während er Isaac Gesellschaft leistete. Der Mann schien es zu gebrauchen.
      Sie einigten sich darauf, dass Isaac einfach irgendwann im Laufe des Vormittags vorbeikommen würde. Kai würde sich extra Mühe geben, ein bisschen früher aus dem Bett zu kommen. Er zielte auf neun Uhr und hoffte inständig, dass er das auch schaffte.

      Am nächsten Morgen klingelte sein Wecker um neun und Kai schlug ihn prompt, bis er Ruhe gab. Fünf Minuten später schrie das Ding wieder los und mit einem entnervten Seufzen fügte sich Kai. Er rollte aus dem Bett und schlurfte in die Küche, um sich einen Matcha zu machen. Er war erst um drei nach Hause gekommen, entsprechend müde war er. Aber das war okay. Es gab schlimmeres.
      Einem Impuls folgend machte er sein Fenster auf und sah rüber zu Isaac. Da bewegte es sich auch schon, also stellte sich Kai innerlich darauf ein, den Mann gleich in Empfang nehmen zu müssen. Kurz sah er sich in seiner Wohnung um und spielte mit dem Gedanken, doch noch schnell aufzuräumen. An der Wand neben der Küche lehnten etwa fünf fertige Bilder, alle in unterschiedlichen Größen. Sein Couchtisch wurde von Sprühdosen und Farbtuben dominiert. Seine Staffelei stand noch nackt in einer Ecke. Ganze drei verschiedene Farbpalletten lagen auf dem Boden auf dem alten, vollgekleckerten Malerteppich darunter. Auf dem Küchentresen standen zwei alte Dosen Ravioli, die nicht mehr mit Nudeln sondern mit Pinseln in allen möglichen Größen gefüllt waren. Auf dem Fensterbrett in der Küche standen noch mehr Pinsel in alten, dreckigen Einmachgläsern. An einer freien Wand hing ein großer Wandteppich und davor stand ein Bücherregal mit abgegriffenen Büchern über alle möglichen Kunstepochen und Künstler, weiter unten im gleichen Regal standen seine Skizzenbücher. Und neben dem Regal stapelten sich noch mehr. Auf dem Sofa lagen auch nochmal welche, aber das waren die kleinen aus seiner Tasche. Der Rest der Wände war mit Bildern vollgehängt - manche hatte Kai selbst gemacht, manche waren eindeutig von den Kids aus seinen Kursen gemacht worden, manche waren Fotos von seiner großen adoptierten Familie in Hawai'i.
      Kai verwarf den Gedanken ans Aufräumen gleich wieder. Er hatte Isaac vorgewarnt, das musste reichen. Kai musste jetzt erstmal richtig wach werden.
      Ungefähr zwanzig Minuten später klingelte es bei ihm. Kai stand auf und begrüßte Isaac mit einem Lächeln.
      "Morgen! Komm rein."
      Vielleicht hätte sich Kai mehr anziehen sollen als nur seine türkisen Haremshosen, aber es war so warm, dank der Luftfeuchtigkeit, da hatte er einfach nicht dran gedacht. Er warf die Tür hinter Isaac mit dem nackten Fuß zu.
      "Willst du was trinken? Für Koffein hab ich nur Matcha da, aber ich hab auch Softdrinks. Waschmaschine ist da hinten im Bad."
      Im Badezimmer standen ein paar Pflanzen, die es gern feucht hatten, direkt am Fenster. Eine davon war eine Kriechpflanze, die sich um den oberen Rand an der Dusche gewickelt hatte. Auch hier gab es ein Einmachglas mit Pinseln, direkt neben dem Zahnputzzeug. Kai hatte, aus irgendeinem Grund nie in ein Regal für sein Badezimmer investiert, also standen haufenweise halb leere Deos und Trockenshampoos, ein paar kaum benutzte Parfums und aus irgendeinem Grund eine halbe Coca Cola Flasche gefüllt mit kunterbunten Haargummis. Sein Duschteppich war war designed wie ein Spiegelei. Aber viel wichtiger: Waschmittel stand auch da unter dem Waschbecken, direkt neben der Waschmaschine, auf der der Trockner stand. Kai hatte der Trocknertrommel Googly Eyes aufgeklebt und einen kleinen Mund gemalt.
      "Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst," rief Kai aus der Küche in Richtung Badezimmer.


    • Kai öffnete ihm die Tür - halbnackt. Seine Haare waren zerzauster als sonst und er trug nichts bis auf eine luftige Stoffhose mit einem eigenartigen, besonderen Muster. Er trug nicht einmal Socken.
      "Morgen! Komm rein."
      Isaac erwischte sich dabei, wie er Kai als allererstes auf die Brust, dann auf den schlanken Bauch und zuletzt die leichte Kurve seiner Hüfte gestarrt hatte. Schnell sah er auf, aber da hatte Kai sich schon abgewandt. Scheiße. Doppel-Scheiße, weil der Mann wirklich sexy war. Er rockte diesen nachlässigen Look auf eine betörende, anziehende Weise.
      Isaac sollte gar nicht erst darüber nachdenken. Es war ausgeschlossen, dass er sich Kai auf diese Weise annähern könnte; nicht in dem Zustand, in dem er sich mental und physisch befand.
      "Morgen."
      Er nahm seine Fassung zusammen und trat ein.
      "Willst du was trinken? Für Koffein hab ich nur Matcha da, aber ich hab auch Softdrinks. Waschmaschine ist da hinten im Bad."
      Isaac hätte gerne einen Kaffee gehabt, nachdem er Zuhause keinen mehr trinken konnte - die alte Leier - aber Matcha war auch okay. Wahrscheinlich.
      "Matcha ist gut."
      Kai gab ein zustimmendes Geräusch von sich und verschwand in der Küche.
      Isaac machte ein paar langsame Schritte und sah sich um. Die Wohnung war tatsächlich exakt wie seine, nur war alles spiegelverkehrt - und aufgeräumt. Für ihn aufgeräumt, weil keinerlei Kisten herumstanden und es auch nicht nach Müll und alter Wäsche stank. Allerdings konnte er auf den ersten Blick erkennen, was Kai mit aristischem Chaos gemeint hatte.
      Einfach alles war mit seiner Kunst vollgestellt. Alles. Auf der Couch lagen Skizzenbücher, die Wände waren voll von Bildern, die Tische waren belegt von Pinseln - und noch mehr Bildern - und überall konnte Isaac weitere Zeichenwerkzeuge entdeckten. Die einzige Grenze war der Boden, der war zu größten Teilen immernoch begehbar. Aber Isaac zweifelte gar nicht daran, dass auch der irgendwann darunter leiden würde. Wow.
      "Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst."
      Richtig, die Wäsche. Schnell ging er durch zum Badezimmer.
      Das Badezimmer war hübsch und stilvoll gehalten. Es roch hier angenehm, ein ständiger Geruch nach Pflanzen und benutzten Parfums und Shampoos. Alles war sauber und geputzt, natürlich auch eine Sache, die Isaac noch nie getan hatte. Wie könnte er auch.
      Waschmaschine und Trockner standen neben der Toilette, davor das Spiegelei der Dusche. Der Trockner hatte riesige Googly Eyes und einen Mund, der ihn ein bisschen wie ein freundliches Monster wirken ließ. Isaac schnaubte. Irgendwie passte die Einrichtung einfach zu perfekt zu Kai.
      Er öffnete die Waschmaschine, lud seine Wäsche ein und füllte sie mit Waschmittel. Es passte alles problemlos und es hätte sogar noch mehr dazugepasst - auch egal. Er hatte kein Risiko eingehen wollen und das tat er auch nicht. Er schloss die Tür und studierte die Waschgänge, bis er einen leichten auswählte. Er wollte nicht auch noch Kais Stromrechnung strapazieren.
      Danach kam er unschlüssig zurück ins Wohnzimmer. Kai war noch in der Küche. Unsicher, ob er es wagen sollte, mit seiner schmutzigen Hose wirklich auf der Couch zu sitzen, stand er für einen Moment rum, dann kam er sich dumm vor. Er konnte hier nicht ewig stehen. Stell dich nicht so an und setz dich endlich.
      Zögernd schob er ein paar der Skizzenbücher auf der Couch beiseite, dann setzte er sich. Er lehnte sich nicht an, er blieb aufrecht so setzen und legte seine Hand auf seinem Schenkel ab. Dann sah er sich verstohlen um. Kai war noch in der Küche, aus dem Badezimmer drang das Geräusch der Waschmaschine. Rauschendes Wasser, was er schnell auszublenden versuchte. Nicht daran denken.
      Da stand ein Bücherregal, das seine Aufmerksamkeit erhaschte. Er warf einen Blick zur Küche, dann stand er doch wieder auf, ging zum Regal und sah sich die Bücherrücken an. Hauptsächlich irgendwelche Kunstbücher, was ihn ein bisschen enttäuschte. Unten waren noch mehr Skizzenbücher, die er sich dafür zu gerne angesehen hätte. Kai war wirklich ein extrem guter Zeichner.
      Just in dem Moment kam der Mann herein und Isaac richtete sich schnell auf. Ihm wurde heiß bei dem Gedanken, dass er wirkte, als würde er hier auch noch herumschnüffeln.
      "Sorry. Die Bücher. Ich dachte, das wären Romane. Liest du? Manchmal?"
    • Kai wippte im Takt einer unhörbaren Melodie hin und her, während er Isaac und sich selbst einen Matcha machte. Im Hintergrund hörte er, wie sich Isaac im Badezimmer zu schaffen machte, bevor die Waschmaschine losrumpelte. Er goss die Tees auf, rührte wie wild, dann trug er die beiden Tassen - beide von Hand getöpfert und bemalt von ihm, weil er mal einen Töpferkurs gemacht hatte - ins Wohnzimmer.
      "Hummel oder Brine?" fragte er Isaac - damit meinte er die Tassen. Eine der Tassen hatte er nach einer Hummel designt, komplett mit Flügeln anstatt Griff, die andere war einer Birne nachempfunden mit einem Wurm als Griff.
      "Sorry. Die Bücher. Ich dachte, das wären Romane. Liest du? Manchmal?"
      Kai warf einen Blick auf sein Bücherregal.
      "Ich les ständig was, aber ich leih mir die meisten Bücher aus der Bücherei aus. Die ganzen Dinger da hab ich noch aus meiner Studienzeit. Die waren sau teuer und die findet man nicht so einfach, also hab ich sie behalten und schleppe sie seit Jahren mit mir, wenn ich umziehe."
      Kai schnappte sich die Skizzenbücher vom Sofa und warf sie achtlos neben der Staffelei auf den Boden. Würde er später aufräumen, das ging schon klar. Er setzte sich und faltete seine Beine in einem Schneidersitz unter sich.
      "Das da ist übrigens deins," meinte Kai und deutete auf das Bild, das an der Wand mit ein paar anderen stand. Es stand ganz vorne, weil er es zuletzt fertig gemacht hatte. Es war ungefähr einen Meter breit und fünfundsiebzig Zentimeter hoch und zeigte genau das, was Isaac sich gewünscht hatte: den Gebäudekomplex aus der Froschperspektive. Kai hatte den Skizzeneffekt ein bisschen beibehalten und nicht ganz mit klaren Linien gearbeitet. Der Snapshot, so hatte er sich entschieden, zeigte das Gebäude während des Sonnenaufgangs, wenn noch alles ruhig war und nur ein paar wenige Fenster beleuchtet waren. Dafür war der Himmel dahinter ein einziges Mischmasch aus Violet und Orange. Er hatte sich gedacht, dass Isaac ein bisschen von diesem ganz speziellen Frieden in seinem Leben gebrauchen konnte. Und, weil Kai es nicht lassen konnte, lag vor dem Haupteingang ein kleines, offenes Cocktailschirmchen.


    • Isaac entschied sich für die Birne. Die Tasse war unfassbar ulkig und er wollte wissen, wie sich der Wurm als Griff anfühlte. Kai führte in seinen Augen ein ziemlich lustiges, freies Leben, wenn er sich künstlerisch so austobte.
      "Ich les ständig was, aber ich leih mir die meisten Bücher aus der Bücherei aus. Die ganzen Dinger da hab ich noch aus meiner Studienzeit. Die waren sau teuer und die findet man nicht so einfach, also hab ich sie behalten und schleppe sie seit Jahren mit mir, wenn ich umziehe."
      Isaac nickte und kam zurück zur Couch. Es war ein bisschen schade, dass Kai keine Bücher in seinem Geschmack dahatte, aber auf der anderen Seite hieß das noch gar nichts. Vielleicht lasen sie ja auch dasselbe. Das wäre doch was.
      Obwohl Isaac das eigentlich völlig ausschloss.
      Er setzte sich vorsichtig auf den Platz, wo soeben noch die Skizzen gelegen hatten, und nippte an seinem Matcha. Der Wurm fühlte sich wirklich lustig an und aus der Birne selbst zu trinken war auch ein ganz anderes Erlebnis. Er sah auf die Tasse hinab und fragte sich, ob Kai das mit einen seiner Kids gemacht hatte.
      "Das da ist übrigens deins."
      Isaac hob den Blick und dann sah er es auch: Der Gebäudekomplex - ihr gemeinsames Zuhause. Verewigt auf einer mittelgroßen Leinwand. Er stand auf, stellte seine Birne behutsam neben Pinselbechern ab und trat um den Couchtisch herum, um das Bild betrachten zu können.
      In seinen Grundzügen erinnerte es genau an die Skizze, aber jetzt mit Farbe und Leben. Kai hatte das Gebäude perfekt getroffen und es irgendwie geschafft, das ganze trotzdem noch wie eine träumerische Malerei aussehen zu lassen. Ein paar Zimmer waren in einem sanften Leuchten erhellt und über dem Gebäude hatte der Himmel seine typische, frühmorgendliche Farbe angenommen. Isaac musterte ihn und spürte dabei sofort die Nostalgie eines früheren Lebens. Morgendliche Appelle, morgendliche Märsche, morgendliche Übungen, alles zu einer Tageszeit erledigt, an der gerade mal die Vögel erwachten. Solche Momente hatte er immer genossen, auch jetzt noch. Wie oft er schon morgens auf seiner Couch gesessen und durch das Fenster beobachtet hatte, wie sich der Himmel färbte. Die ganze Zeit, durch seinen einprogrammierten Rhythmus.
      "Das ist wunderschön. Wirklich. Der Himmel ist fantastisch getroffen. Das Gebäude sieht wirklich echt aus. Oh -"
      Er entdeckte ihn am Eingang, winzig klein, aber doch für ihn plötzlich so groß, dass er gar nichts anderes mehr ansehen konnte. Nur den kleinen Farbfleck. Das Cocktailschirmchen.
      Und es war geöffnet.
      Mit der Rechten deutete er darauf.
      "Das Cocktailschirmchen." Über die Schulter warf er einen Blick zu Kai. "Es ist ja offen."
      Dann lächelte er ihn an. Sein Hals verengte sich und er wandte sich wieder dem Bild zu. Mit dem Zeigefinger fuhr er bedächtig über das kleine Schirmchen, versuchte zu erfühlen, wo Kai zuvor mit dem Pinsel darüber gestrichen hatte. Das Cocktailschirmchen war geöffnet und das würde es auf dem Bild immer bleiben. Er würde es niemals schließen können. Geöffnet für die Ewigkeit.
      "Schön", flüsterte er. "Wirklich schön."
    • Kai mochte seine Kunst aus zwei Gründen. Der erste war einfach: er mochte es, seine Gedanken, Gefühle, Erinnerungen auf diese Weise festzuhalten. Er gab den abstraktesten Dingen in seinem Leben Farbe und Form. Der zweite war genau das, was Isaac ihm gerade zeigte: wie andere auf seine Kreationen reagierten. Kai packte Teile seines tiefsten Selbst in die physisch wahrnehmbare, reale Welt und zeigte es anderen, die dann ihre eigene, metaphysische Reaktion darauf hatten. Er konnte mit seinen Gedanken Gedanken in anderen schaffen, mit seinen Gefühlen Gefühle in anderen auslösen, und mit seinen Erinnerungen anderen Erinnerungen geben. Und wenn er andere dabei beobachtete, bildeten sich neue bei ihm. Ein endloser Zyklus, als hielte man zwei Spiegel voreinander. Alles replizierte sich immer und immer und immer wieder, aber immer ein kleines bisschen anders, als die Spiegelungen kleiner und kleiner wurden.
      Kai sagte nicht, griff einfach nur stumm nach seinem Skizzenbuch und zeichnete drauf los, während Isaac sein Gemälde betrachtete und schließlich sogar mit den Fingern erkundete.
      "Das Cocktailschirmchen. Es ist ja offen."
      "Ich finde, so sieht's viel hübscher aus," gab Kai schlich zurück.
      Isaacs Form war schnell gezeichnet und Kai machte sich an ein paar Details. Die präzise Art, wie seine Haare geschnitten waren. Der scharfe Schwung seines Kiefers, der in einem weichen, runden Kinn endete. Die schmalen Augen. Der schlanke Hals. Das alte, unbenutzte Ohrloch. Die Narbe, die seine Augenbraue durchzog. Der leicht geöffnete Mund, der kleinste Hinweis auf Isaacs Staunen. Die langen Finger, die vorsichtig, sanft, geradezu liebevoll die Linien des Bildes nachfuhren. All das hielt Kai in ein paar schnellen Strichen fest. Ein schöner Mann, der schöne Emotionen hatte, weil er etwas Schönes ansehen konnte.
      "Freut mich, dass es dir gefällt," meinte er, noch immer zeichnend.
      Er drehte sein Skizzenbuch in die eine, dann die andere Richtung, um die Linien ein bisschen dicker zu machen. Er griff nach seinem Matcha, ohne aufzusehen, nippte daran, stellte ihn wieder weg.
      "Ich hoffe, ich hab keine zu große Leinwand genommen. Ich hab meine Wände für die Abmessungen genommen, aber ich weiß ja nicht, was du für Möbel hast.


    • Ja, Isaac gefiel es. Isaac gefiel es sogar sehr.
      Hinter ihm erklang das seichte Kratzen eines Stiftes und er warf einen Blick zurück um zu sehen, dass Kai sich einem seiner Skizzenbücher gewidmet hatte. Isaac hätte es als unhöflich empfinden können, dass der Mann sich gerade lieber in das Buch vertiefte, aber das tat er nicht. Er fand es eigentlich sogar ganz friedlich. Das Kratzen des Bleistifts war ein schönes Geräusch, auch ein völlig anderes Geräusch als das, was Dr. Harver verursachte, wenn sie sich eine Notiz machte. Das waren einfach zwei völlig verschiedene Welten.
      "Ich hoffe, ich hab keine zu große Leinwand genommen. Ich hab meine Wände für die Abmessungen genommen, aber ich weiß ja nicht, was du für Möbel hast."
      "Es ist gut. Es ist perfekt", sagte Isaac, wobei er an seine kahlen Wände dachte. Er könnte das Bild überall aufhängen. "Ich werde es über den Fernseher hängen. Der steht da." Er zeigte den Ort an. "Ungefähr."
      Zu spät fiel ihm auf, dass er der Fernseher und nicht mein Fernseher gesagt hatte. Das war er ja auch nicht, genauso wenig wie es wirklich sein Zuhause war. Es war einfach ein Zuhause.
      Aber das Bild, das würde jetzt seins sein.
      Mit etwas Mühe löste er sich von dem Anblick und ging zurück zur Couch. Er nahm sich seine Birne und setzte sich, wobei er das Bild noch immer ansah. Er versuchte sich vorzustellen, wie es wirklich über dem Fernseher hing und wie er es von dem Sofa ansehen konnte. Wie er den Cocktailschirm sehen konnte. Es war wirklich, wirklich gut.
      Er wandte sich Kai wieder zu und warf einen Blick auf seine aufgeschlagene Seite - rein aus Reflex. Doch als er einen geschorenen Kopf entdeckte und die leichten Andeutungen einer Prothese, da zog er erregt die Augenbrauen zusammen.
      "Hey. Zeichnest du mich etwa?"
      Er musste nur an die nackte Frau und den nackten Mann in Kais Skizzenbuch denken und spürte so etwas wie Ärger aufquellen. Er wollte sicherlich nicht, dass Kai ihn so zeichnete. Er wollte eigentlich, dass er ihn gar nicht zeichnete, ihn und seine Prothese und seine schmutzigen Kleider und... alles. Er wollte nicht, dass gerade so etwas verewigt wurde. Sein Anblick war sicherlich nichts, was man sich ansehen wollte wie das Bild vom Gebäudekomplex.
    • "Jup," antwortete Kai, ohne zu zögern. "Ich zeichne ständig Sachen, die ich hübsch finde."
      Er zuckte unbehelligt mit den Schultern und setzte ein paar letzte gezielte Striche, um die Leinwand darzustellen. Was drauf war, war für die Skizze komplett egal. Es ging mehr um den Blick, der Isaacs Gesicht dominierte, das Gefühl darin. Und das hatte Kai mit seinen hektischen Strichen getroffen.
      Stolz zeigte er seine Skizze Isaac.
      "Sieht fast so gut aus, wie wenn du lächelst. Lächeln steht dir richtig gut."
      Mit einem eigenen Lächeln betrachtete Kai noch einmal sein neustes Werk, dann klappte er das Skizzenbuch zu und warf es zu seiner Umhängetasche, die auf einem Barhocker lag, der zu nichts in dieser Wohnung gehörte. Das Ding stand einfach nur da. Den Bleistift nutzte Kai, um sich die Haare schnell hochzustecken. Sie juckten ihm heute irgendwie im Nacken.
      "Kann ich dich kurz mit was überfallen?" fragte Isaac nach ungefähr sieben Sekunden Stille. "Mir ist die Gardinenstange im Schlafzimmer abgeschirmt und könnte ein bisschen Hilfe gebrauchen, um sie wieder hinzuhängen. Wenn du also kein Problem damit hast, auf ein Bett zu klettern, könntest du mir vielleicht aushelfen? Ich stell mich da immer ein bisschen an..." Er grunzte kurz. "Mann, du bist so groß, du kommst wahrscheinlich so schon dran."
      Irgendwie war es Kai noch gar nicht so bewusst geworden, dass Isaac über einen Kopf größer war als er. Das waren bestimmt fast zwanzig Zentimeter die sie trennten, wenn er das unnötige Volumen seiner Haare ausließ! Krass. Aber jetzt könnte das echt nützlich sein...


    • Isaac presste die Lippen zusammen. Jetzt war er eigentlich hauptsächlich verwirrt, denn er wollte sicher nicht gezeichnet werden, aber Kai hatte ihn gerade hübsch genannt. Indirekt. Und so sehr er dieses Kompliment eigentlich wegstecken und ihm sagen sollte, dass er die Zeichnung wegschmeißen sollte, tat er es dann doch nicht. Denn unter all dem Schmutz, unter dem er begraben lag, fand Kai ihn hübsch. Vielleicht war es doch alles nicht so aussichtslos, wie er die ganze Zeit dachte. Vielleicht war das Schirmchen ja eine Prophezeiung, dass es irgendwann wirklich geöffnet bleiben würde.
      Vielleicht log Kai ihn auch an. Aber irgendwie mochte er das nicht so recht glauben. Nicht mit der Art und Weise, wie der Mann seine Gemälde zeichnete.
      Er sah zurück auf die Skizze und starrte sich selbst ins Gesicht. Auf dem Papier, von Kais Hand, sah er irgendwie... normal aus. Wie irgendein Typ. Nein, wie früher mal, wie er früher ausgesehen hatte.
      "Sieht fast so gut aus, wie wenn du lächelst. Lächeln steht dir richtig gut."
      Jetzt wurde Isaac warm und er wusste gar nicht mehr, was er sagen sollte. Das waren zu viele Komplimente auf einmal gewesen - das waren überhaupt Komplimente gewesen. Er war überwältigt davon. Er packte die Birne ganz fest und schwieg.
      Kai stoppte seine Zeichnungen, betrachtete seine Kreation mit einem eigentümlichen Lächeln, das Isaac sich nicht zu deuten traute, und steckte es dann weg. Mit dem Bleistift steckte er sich die Haare hoch, was mindestens genauso gut aussah wie offen. Jetzt bauschte sich ein großer wirrer Haufen auf seinem Kopf, was den lässigen Look nur noch mehr unterstrich.
      "Kann ich dich kurz mit was überfallen?"
      Isaac hätte fast einen Militärwitz gerissen, unterließ es dann aber. Man lernte ja aus seinen Fehlern.
      "Ja."
      "Mir ist die Gardinenstange im Schlafzimmer abgeschirmt und könnte ein bisschen Hilfe gebrauchen, um sie wieder hinzuhängen. Wenn du also kein Problem damit hast, auf ein Bett zu klettern, könntest du mir vielleicht aushelfen? Ich stell mich da immer ein bisschen an..."
      Kai gab ein Grunzen von sich, das ihn irgendwie authentisch machte.
      "Mann, du bist so groß, du kommst wahrscheinlich so schon dran."
      Isaac war wirklich groß. Es gab nur wenige, die ihn überragten, und das immer nur um ein paar Zentimeter. Er hatte noch nie zu jemandem aufsehen müssen wie Kai zu ihm aufsehen musste. Immer der Blick nach oben.
      "Klar. Natürlich."
      Das war ja wohl das mindeste, was er für ihn tun konnte, nachdem Kai ihn die Waschmaschine nutzen ließ. Und ihm auch noch ein tolles Bild gezeichnet hatte.
      Sie stellten ihre Tassen ab und gingen hinüber ins Schlafzimmer. Der Flair war dort genauso wie im Rest der Wohnung, chaotisch, kreativ, einzigartig, liebevoll. Isaac starrte auf das kunterbunt, gemütlich eingerichtete Bett. Wenn er seins doch auch so bequem gestalten könnte...
      Er fand das Fenster und die Halterungen darüber. Prüfend stellte sich davor und stemmte die Hände in die Hüfte.
      "Muss das von oben da rein? Oder von der Seite?"
      Kai gestikulierte es ihm und beförderte die Gardinen zu Tage. Natürlich keine normalen, einfarbigen, das wäre ja langweilig und würde auch gar nicht zu Kai passen. Isaac nahm sie mit einem inneren Schmunzeln entgegen.
      "Ich glaube, das schaffe ich auch ohne Bett. So hoch ist das nicht."
      Er nahm sie in beide Hände, dann streckte er sich nach oben. Kai stand genau neben ihm, eigentlich wollte er sich nicht blamieren, aber er stieß mit den Fingerspitzen gerade so an die Halterungen an, dabei musste er ein Stück höher. Nur ein kleines Stück. Entschlossen zog er die Augenbrauen zusammen und spannte seinen Körper an. Er balancierte auf den Zehenspitzen, zwang sich nach oben und bekam dann nur durch die Hilfe seiner Prothese die Halterungen richtig herein; die Finger seiner Rechten erzitterten von der Spannung in seinen Muskeln. Seine Prothese blieb ganz ruhig. Er musste sich ein bisschen konzentrieren, damit die Finger auch wirklich genau das taten, was er von ihnen wollte, aber deswegen ging er schließlich zweimal im Monat ins Krankenhaus. Es funktionierte. Er bekam die Gardinen rein und ließ sich zurück auf die Fußballen fallen.
      "Das Teil ist ja doch zu was gut", sagte er halb im Scherz und ließ die Prothese einmal zur Faust schließen und wieder öffnen.
    • "Klar. Natürlich."
      Kai klatschte in die Hände.
      "Wunderprächtig! Damit bist du jetzt offiziell mein persönlicher Held!"
      Kai entfaltete seine Beine, nahm noch einen großen Schluck von seinem Matcha, dann nahm er Isaac mit in sein Schlafzimmer. Auch hier war alles eher zusammengewürfelt. Einen Kleiderschrank suchte man vergebens; stattdessen hatte er eine große Kommode, deren Schubladen halb offenstanden, weil Kai zu faul war, seine vielen Klamotten zusammenzulegen, wenn er sie aus der Waschmaschine holte. Er hatte überhaupt nur so viele, weil er sich ständig neue T-Shirt und dergleichen holte, mit dem festen Vorsatz, sie nicht vollzukleckern. Nur um in der ersten Woche noch vollzukleckern. Unter dem Bett lag ein alter Teppich, den er auf dem Flohmarkt geschossen hatte und vor dem Bett lagen noch zwei kleinere - einen hatte er gegen einen alten Drucker eingetauscht, den anderen hatte er am Straßenrand gefunden und einfach sauber gemacht. In einer Ecke stapelten sich duzende Kissen, die ungefähr die Form eines Sessels bildeten. Daneben stapelten sich ungefähr zehn Bücher, die meisten davon mit den typischen glänzenden Umschlägen aus der Bücherei; in jedem steckte ein Lesezeichen. Das Bett selbst war eins der wenigen Ingenieurswerke, die Kai jemals wirklich zusammengebastelt hatte: aus alten Paletten, die er mit ein paar Studienfreunden aus dem Hof eines Lagerhauses geklaut hatte, hatte er sich einen Bettkasten gebaut. Das Ding konnte er mittels ein paar sehr fragwürdig angebrachter Scharniere sogar aufklappen! Darunter versteckte sich noch mehr Bettzeug. Was an sich schon ein Wunder war, bedachte man die drei verschiedenen Decken, die zerwühlt auf dem Bett lagen, begraben unter einem weiteren Dutzend Kissen. Nicht ein Gegenstand auf diesem Bett hatte einen Bezug, der den anderen glich. Aber irgendwie passten sie trotzdem alle zusammen - Kai hatte sich an seine Farblehre gehalten.
      "Muss das von oben da rein? Oder von der Seite?" fragte Isaac.
      "Von oben und von hinten?" versuchte Kai es zu erklären. Stattdessen nutzte er seine Hände und zeigte es Isaac einfach.
      "Ich glaube, das schaffe ich auch ohne Bett. So hoch ist das nicht."
      "Sag ich ja: persönlicher Held!"
      Kai hob die Gardinenstange vom Boden und drückte sie Isaac in die Hand. Da waren gar keine Gardinen dran, geschweige denn richtige Vorhänge. Stattdessen hatte Kai zwei weitere Wandbehänge um die Stange gewickelt und dann zugenäht, sodass sie sowas ähnliches wie Vorhänge ergaben. Leider hieß das auch, dass er sie nicht von der Stange ziehen konnte, wenn er sie jemals wieder draufhaben wollte. Er müsste das alles nochmal nähen - und er war nicht wirklich gut im Nähen!
      Isaac, Held der er war, legte einfach los. Selbst mit seinen langen Beinen musste sich der Mann ordentlich strecken. Kai sah gespannt dabei zu, empfand aber hin und wieder den Drang, Isaac einfach festzuhalten, wenn er schwankte. Schlussendlich musste er aber nicht und Isaac schaffte es, die verdammte Gardinenstange wieder einzuhängen.
      "Das Teil ist ja doch zu was gut," meinte Isaac und präsentierte seine coole Robohand.
      Kai grinste breit und schlang die Arme um Isaac.
      "Danke danke danke!"
      Er fing sich schnell wieder und machte einen halben Schritt zurück, die Hände erhoben, als bedrohe man ihn mit einer Waffe.
      "Sorry! Wollte dir nicht zu nahe treten! Manchmal geht es einfach mit mir durch."
      Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, blieb nicht hängen, weil er sie hochgebunden hatte.


    • Kai strahlte auf und schlang unvermittelt die Arme um Isaacs Hüfte.
      “Danke danke danke!”
      Isaac versteifte sich prompt. Er starrte auf den Lockenkopf herab, der für einen unerträglich langen Moment den Kopf an seine Brust gedrückt hatte und ihn einfach nicht losließ.
      Er kann mich riechen. Er kann mich riechen und er weiß, was abgeht. Er weiß alles. Wieso sonst sollte ich so stinken und nur so wenig Wäsche dabei haben. Er hat alles herausgefunden, weil er mich riecht. Er hält mich für erbärmlich. Das ist auch erbärmlich. Ich bin erbärmlich.
      Kai löste sich und wo Isaac erwartete, Ekel in seinem Gesicht zu sehen, entdeckte er nur einen milden Ausdruck von Schuldgefühlen. Kai trat zurück und hob die Hände, als wolle er sich ergeben.
      “Sorry! Wollte dir nicht zu nahe treten! Manchmal geht es einfach mit mir durch.”
      Also… hatte er ihn doch nicht gerochen? Oder war er nur zu höflich, um es zu sagen? Würde er ihn gleich rauswerfen?
      “Uhm…”
      Kai fuhr sich durch die Haare und sah ihn erwartungsvoll an. Sein Blick war ganz offen und freundlich, nicht das, was Isaac erwartet hatte. Der Mann sah ihn so vertrauensvoll an wie sonst auch.
      … Vielleicht hatte er ihn ja doch nicht gerochen. Diesmal.
      “Gern geschehen. Willst du… jetzt was essen? Was bestellen, meine ich, du musst nichts kochen. Bestellen. Ich kann dich einladen. Als Ausgleich für die Waschmaschine.”

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    • Isaac schien überrumpelt, aber nicht weiter betroffen von Kais kleinem Ausbruch. Er hatte keine Panik Attacke bei dem Mann ausgelöst und auch keine Wut. Glück gehabt! Normalerweise gab sich Kai Mühe, vorher zu fragen, bevor er einfach jemanden berührte. Man wusste ja nie, wie Menschen reagierten. Jeder hatte so sein Päckchen zu tragen.
      "Gern geschehen. Willst du… jetzt was essen? Was bestellen, meine ich, du musst nichts kochen. Bestellen. Ich kann dich einladen. Als Ausgleich für die Waschmaschine."
      Kai schlug ihm freundschaftlich mit der Rückhand gegen den Oberarm.
      "Ach was. Hab dir doch schon gesagt, dass ich eh kochen muss. Das macht mir keine Umstände. Du musst mir nur verraten, ob du vegetarisch oder vegan bist, sonst koche ich nämlich mit Fleisch."
      Kai spielte ein bisschen an seinen improvisierten Vorhängen herum, ohne wirklich etwas zu erreichen - oder erreichen zu wollen. Mit einem Nicken deutete er dann an, dass sie wieder ins Wohnzimmer gehen sollten. Er hatte nichts gegen Leute in seinem Schlafzimmer, aber es war dann doch irgendwie seltsam, mit einem Gast nur da rumzuhängen.
      "Kannst dich ja nützlich machen und mir beim Schneiden helfen?" bot er an, und schnappte sich die Pinsel-Dosen auf seinem Küchentresen.
      Er räumte sie beiseite, indem er sie neben der leeren Staffelei auf den Boden stellte. Das schien sein Modus Operandi zu sein: Sachen einfach woanders hinschieben, wo sie gerade nicht im Weg waren. Kai wischte die Platte kurz feucht ab, dann legte er ein altes Schneidebrett drauf. Das Schneidebrett war natürlich auch eins seiner eigenen Kunstwerke: Den Rand hatte er mit einem Brenneisen bearbeitet, sodass es aussah, als winden sich irgendwelche Kletterpflanzen um das Brett.
      Aus dem Kühlschrank holte Kai ein Sammelsurium an Gemüse, das er zu dem Brettchen legte.
      "Erwarte aber bitte keine kulinarischen Meisterwerke. Mein Talent ist Reis mit Scheiß."
      Er legte Isaac noch ein Messer hin, dann machte er sich daran das Hackfleisch und den Reis vorzubereiten. Reis mit Scheiß war einfach: man nahm einfach alles, wonach einem der Sinn stand, schwenkte es mit Gewürzen durch die Pfanne, dann warf man alles zusammen mit dem Reis in den Reiskocher und wartete ab, bis das Ding piepste. Das machte man einmal und aß dann zwei, manchmal sogar drei Tage lang davon. Es war abwechslungsreich genug, um als stabile Ernährung zu gelten und der Aufwand war vergleichsweise gering, für Tage, an denen man keinen Bock auf kochen hatte, aber auch kein Geld für Lieferdienste ausgeben wollte. Kai war ein Meister in Reis mit Scheiß und hatte so einige Kombos parat, um sich selbst am Leben zu erhalten, ohne dass ihm das eine oder andere wieder zu den Ohren herauskam.
      "Ist heute eigentlich ein guter oder ein schlechter Tag für dich?" fragte er unverbindlich.


    • "Keins von beidem. Im Dienst darf man nicht so wählerisch sein."
      Isaac erlaubte sich ein kleines, feines Lächeln. Kai warf ihn doch nicht raus und außerdem wollte er kochen und außerdem wirkte er so fröhlich wie sonst. Es war wohl doch alles noch gut.
      "Kannst dich ja nützlich machen und mir beim Schneiden helfen?"
      "Klar."
      Tatsächlich freute er sich ein bisschen darauf. Er hatte schon so lange nicht mehr gekocht und Kais Küche musste auch nicht erst aufgeräumt und entrümpelt werden - okay, aufgeräumt vielleicht schon, aber Kai bewies auch hier, dass er sich einfach irgendwie durchs Leben schmuggelte. Er räumte die Pinselbecher einfach beiseite und stellte sie auf den Boden, bevor er die Platte abwischte und das Schneidebrett zutage förderte. Und schon war die Küchenzeile einsatzbereit. Kein großes Herumräumen, kein großes Saubermachen, nicht erst verdammte Kisten verrücken oder ausräumen oder was auch sonst. Ein Wisch und alles war fertig. Kai ließ das Leben so einfach wirken.
      Isaac trat heran und befühlte die gebrannten Ränder des Schneidebretts, während Kai frisches Gemüse rausholte. Natürlich war selbst das Schneidebrett besonders; Isaac glaubte, dass es nichts in dieser Wohnung gab, das nicht 100 %ig auf Kai zugeschnitten war. Er machte alles zu seinem Eigen und stempelte sein persönliches Siegel darauf. Wie schön das sein musste, sich so ausleben zu können. So frei und unbeschwert.
      "Erwarte aber bitte keine kulinarischen Meisterwerke. Mein Talent ist Reis mit Scheiß."
      "Das ist ein gutes Talent", sagte Isaac sofort und nahm das Messer mit der Linken entgegen. Er wog es ab, oder versuchte es zumindest zu wiegen, denn ohne die Haptik fehlte ihm das Verständnis für solche feinfühlige Angelegenheiten. Deswegen sollte er auch so vorsichtig sein, seine Hand zu benutzen, aber der Arzt im Krankenhaus würde sicher nichts dagegen haben, wenn er sich an einem Messer versuchte. Er bestand fast alle Test, bis auf die Kraft, und das sollte wohl genügen. Jetzt musste er sich nur selbst daran gewöhnen.
      Er schnappte sich zuerst einen Brokkoli, weil das noch am einfachsten war. An die Zwiebeln und den Knoblauch wollte er sich zum Schluss wagen, wenn er sich schon etwas warm geschnitten hatte. Erstaunlicherweise spürte er den Widerstand des Brokkolis recht gut und auch das Messer hielt er ganz präzise. Anscheinend konnte der Verlust der Hand das Muskelgedächtnis nicht komplett löschen.
      "Ist heute eigentlich ein guter oder ein schlechter Tag für dich?"
      Isaac sah kurz zu Kai auf, der den Reis wusch, dann konzentrierte er sich wieder auf sein Messer. Nicht, dass es ihm ausglitt und er sich in die richtige Hand schnitt. Das wäre vor allen Dingen peinlich.
      "Ich hab mich noch nicht so festgelegt. Ist schwierig zu sagen. Heute."
      Er verstummte für einen Moment, dann fühlte er sich irgendwie dazu verpflichtet, noch mehr zu sagen. Für Kai, wegen Kai, weil der andere ihm auch immer so viel erzählte. Weil er kein Problem damit hatte, Isaac an seinem Leben teilhaben zu lassen.
      "Freitag ist... uhm... kommt etwas, das mich nervös macht. Die letzte Sache war Sonntag, davon habe ich mich noch nicht ganz erholt. Denke ich. Das sind normalerweise Gründe für einen schlechten Tag. Aber..."
      Er warf die kleinen Brokkolis in eine Schüssel und nahm sich als nächstes eine Karotte. Damit konnte er recht leicht warm werden. Er tastete sich langsam voran, wurde aber mit der Zeit schneller und schneller mit dem Schneiden. Genauso wie früher.
      "Ich bin hier. Ich kann meine Sachen waschen. Ich habe ein tolles Bild geschenkt bekommen."
      Er drehte seinen Kopf danach um, um es nochmal anzusehen. Besonders das Cocktailschirmchen, das geöffnete.
      "... Heute ist ein guter Tag. Ich glaube, das lege ich jetzt einfach fest. Das ist nicht verboten, das darf ich. Heute ist ein guter Tag."
      Irgendwie fühlte er sich damit ein bisschen erleichtert. Als würde die Existenz eines guten Tages bereits eine gewisse Last von seinen Schultern nehmen. Dabei hatte die Deklaration gar keine Auswirkungen, es war nur irgendwas mentales, wie Gary gesagt hatte.
      "... Und du? Guter Tag oder schlechter Tag?"
      Er schmunzelte ein bisschen. Es war eigentlich kaum vorstellbar, dass Kai schlechte Tage haben konnte, aber aus einem Impuls heraus hatte Isaac fragen wollen. Damit fühlte sich Kai an wie ein Teil seiner Truppe, so wie Isaac sich ein bisschen als Teil von Kais alltäglichem Wirrwarr fühlte.
    • Kai hörte aufmerksam zu, wie Isaac ihm ein bisschen Einblick in sein Leben gewehrte. Er freute sich, dass der Mann das tat. Kai hatte irgendwie das Gefühl, dass Isaac nicht oft Leute einfach mal rein ließ. Er schätzte das sehr.
      Er lächelte, als Isaac beschloss, dass heute ein guter Tag war. Erst recht, weil Kai scheinbar der Grund dafür war. Das freute ihn.
      "Und du? Guter Tag oder schlechter Tag?" fragte Isaac.
      "Hm, gute Frage."
      Kai überlegte kurz.
      "Ich hab einen Kumpel zum Mittagessen da, ich konnte ihm eine Freude mit einem meiner Bilder machen, meine Vorhänge hängen wieder, und nachher hänge ich mit den Kids rum... ja, doch. Ich glaube, ich hab auch einen guten Tag. Weißt du, was lustig ist? Manchmal sage ich mir, dass ich einen guten Tag haben werde, auch wenn ich ganz genau weiß, dass Zeug ansteht, das ich nicht mag. Waschtage zum Beispiel. Ich weigere mich einfach, mir von meiner Waschmaschine den Tag versauen zu lassen. So ist das Gesicht auf dem Trockner entstanden, übrigens."
      Kai lachte leise und parkte den Reis schonmal im Reiskocher. Dann packte er das Hackfleisch aus, während das Öl in der Pfanne aufheizte.
      "Und wenn doch was passiert, was mich echt trifft, dann mach ich immer was, von dem ich weiß, dass es mich aufheitert. Sozusagen als Ausgleich. Das hab ich mir dann nämlich verdient, und niemand kann mir sagen, dass ich das nicht habe. Repariert schlechte Tage zwar nicht immer, aber es macht sie zumindest ein bisschen besser als schlecht. Macht das Sinn?"
      Kai zückte seinen Schnabeltier-Pfannenwender, um das Fleisch in der Pfanne zu verteilen. Das Ding sah aus wie ein ergonomisch geformtes, türkises Schnabeltier und der Schnabel war extra groß und lang, womit er den eigentlichen Wenderteil bildete. Das Ding war so ulkig, dass Kai es einfach hatte kaufen müssen. Überraschenderweise lag es auch noch gut in der Hand und machte, was es sollte.