The Art of Survival [Codren feat. Pumi]

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    • Kai kam zu spät, aber als er auftauchte, verwischte er mit seiner Fröhlichkeit alle Zweifel, die sich in Isaac aufgebaut hatten. Zuletzt hatte er sogar darüber nachgedacht, dass Kai deswegen nicht auftauchte, weil er einen Blick in Isaacs Wohnung erhascht hatte und sich entschieden hatte, dass er lieber doch nicht mit ihm ausgehen sollte.
      "Sorry! Hab mal wieder mein Zeitgefühl verlegt."
      Das machte aber alles wieder gut. Isaac hatte so das Gefühl, dass man Kai nie lange böse sein konnte. Der Mann machte es unmöglich.
      "Kein Problem."
      Mit den Händen in den Hosentaschen vergraben sah er zu, wie Kai seinen Briefkasten leerte. Hauptsächlich Werbung, was anderes bekam Isaac auch nicht. Nur eine Postkarte steckte er sich ein, wobei Isaac nicht zu sehr starren wollte.
      "Okay, bin soweit. Oh..."
      Kai deutete auf Isaacs Kragen und Isaac wurde kalt. Er hatte einen Fleck übersehen.
      "Dein Kragen."
      Der war dreckig. Sein ganzes Shirt war dreckig. Was tat er hier?
      "Der ist schief."
      Oh.
      "Darf ich?"
      Isaac hatte eine Vision, wie Kai zu ihm trat um den Kragen zu richten und dann das Gesicht verzog. In seiner Vorstellung wurde Kai richtig angewidert und das sah gar nicht gut aus. Isaac entschied, dass er nie, niemals einen solchen Gesichtsausdruck bei dem Mann sehen wollte.
      "Nein."
      Er trat einen Schritt zurück, dass sein Gestank den anderen gar nicht erst erreichen konnte, und fummelte mit der Rechten an seinem Kragen herum. Es wäre vermutlich viel schneller gegangen, wenn Kai es einfach gerichtet hätte, aber Isaac wollte es nicht riskieren. Auf keinen Fall.
      "Besser?"
      Kai stimmte schließlich zu. Vielleicht log er auch, damit sie nicht ewig hier stehen würden. Vielleicht bereute er es auch schon, Isaac eingeladen zu haben.
      Sie gingen los auf dem recht bekannten Weg zum RB. Es war merkwürdig, jemanden beim Gehen bei sich zu haben und Isaac erwischte sich dabei, wie er Kai verstohlene Blicke zuwarf. Seine prächtigen Haare bewegten sich beim Gehen im Wind und beschrieben dabei Muster, an denen man sich nicht sattsehen konnte. Er hatte einfach fantastische Locken. Bestimmt wusch er sie regelmäßig unter der Dusche.
      "Uhm, wie lange wohnst du schon hier?"
    • "Nein."
      "Okay. Links ist halb hochgeklappt."
      Isaac machte einen Schritt zurück und fummelte mit einer Hand an seinem Kragen herum. Das Ergebnis war... naja, nicht perfekt, aber es passte schon. Kai fragte sich nur, warum der Mann nicht beide Hände benutzte. Das wäre doch viel einfacher.
      Er schielte hinunter zu Isaacs linker Hand. Oh. Deswegen. Die Prothese sah hochwertig aus. Eine von diesen, die sich komplett bewegen konnte, wie eine richtige Hand, nur eben ein bisschen langsamer. Vielleicht war sie noch neu und deswegen benutzte er sie nicht.
      "Besser?" fragte Isaac und Kai warf noch einen Blick auf seinen Kragen.
      "Jap," beantwortete er die Frage.
      Die beiden machten sich auf den Weg rüber zum Rula Bula. Der Tag war warm gewesen und jetzt, wo die Sonne unterging, war es richtig angenehm. Kai musste aktiv dem Drang widerstehen, sein Liedchen zu summen. Seit gestern war es um ein paar Zeilen gewachsen. Vielleicht sollte er es aufschreiben, damit er es auch fertig komponieren konnte?
      "Uhm, wie lange wohnst du schon hier?" fragte Isaac da, um die Stille zu durchbrechen.
      "Öh... nicht ganz zwei Jahre, glaube ich."
      Er zählte schnell nach. Er hatte seinen Abschluss in Chicago gemacht, von da aus war er nach New York, dann nach Seattle, aber da war es ihm zu nass gewesen, dann hier her.
      "Jap. Ziemlich genau zwei Jahre. Plus minus ein paar Wochen. Ich war kaum eingezogen, da bin ich für einen Monat nach Hawai'i zurück. Hab ewig gebraucht, um alles auszupacken. Dabei hab ich gar nicht so viel Kram. Ich glaub, die letzte Kiste hab ich erst sechs Monate nach meinem Einzug ausgepackt? Waren die Winterklamotten, also hab ich die einfach total vergessen, bis ich mir den Hintern abgefroren hab."
      Er kicherte leise.
      "Ich weiß: wer macht denn sowas, die eigenen Winterklamotten vergessen? Aber so bin ich eben."
      Kai zuckte mit den Schultern.
      "Und ich hab sie am Ende ja auch gefunden. Aber puh, haben die gemuffelt! Und Wäsche waschen nervt immer so. Aber es half ja nichts, also hab ich eine Woche einfach nur die Waschmaschine gebabysittet, während die meinen Kram gewaschen hat. Das hat mein Leben so dominiert, dass ich sogar ein Bild davon gemalt hab."
      Kai biss sich auf die Unterlippe.
      "Sorry. Ich plappere schon wieder, oder? Sag mir ruhig, wenn dich das nervt. Das ist noch sowas, was ich einfach manchmal vergesse: Die Klappe zu halten. Uh!"
      Kai blieb abrupt stehen und ging in die Hocke. Eine kleine Hummel torkelte über den Gehweg. Vorsichtig sammelte er sie auf und brachte sie zum Wegesrand, wo er sie sanft auf einer Löwenzahnblüte absetze. Kurz beobachtete er sie, dann stand er wieder auf, ein breites Lächeln im Gesicht, als er sich wieder zu Isaac gesellte und sie weitergingen.


    • Isaac bemerkte schnell, dass man bei Kai nur eine Frage zu stellen brauchte und schon sprudelte es. Irgendetwas wurde in Kais Gehirn bei Fragen in Gang gesetzt und dann konnte er erzählen und erzählen, bis ihm die Puste ausging oder er den Faden verlor. Isaac fand das schön. Er hatte nicht so viel zu erzählen, längst nicht so normale Sachen, deswegen fand er es schön zuzuhören. Dass der andere es einfach bei ihm ausschüttete.
      "Ich war kaum eingezogen, da bin ich für einen Monat nach Hawai'i zurück."
      Hawaii, daher kam der Name. Makaio. Das war eine wirklich exotische Herkunft, wie Isaac fand. Ob Kai surfen konnte? Das war zwar ein ziemliches Klischee, aber bei Kai konnte er sich das einfach gut vorstellen.
      "Hab ewig gebraucht, um alles auszupacken. Dabei hab ich gar nicht so viel Kram. Ich glaub, die letzte Kiste hab ich erst sechs Monate nach meinem Einzug ausgepackt?"
      Verwundert sah Isaac ihn an und dann schnell auch wieder weg, bevor der Mann es ihm noch angesehen hätte. Eine Erleichterung machte sich in ihm breit, bei der es ihm für einen Moment schwindelte. Sechs Monate hatte Kai gebraucht - Kai, ein ganz normaler Typ. Das hieß, Isaac hatte noch drei Monate, drei Monate in denen er sich aufraffen und seine Energie sammeln konnte. Das nahm einen Druck von ihm, den er bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte. Plötzlich fühlte er sich schwindelleicht.
      "Waren die Winterklamotten, also hab ich die einfach total vergessen, bis ich mir den Hintern abgefroren hab. Ich weiß: wer macht denn sowas, die eigenen Winterklamotten vergessen? Aber so bin ich eben."
      "Das machen ganz viele. Glaube ich."
      Isaac konnte einfach nicht verhindern, dass er sich besser fühlte. Sehr viel besser. So viel Zeit hatte er noch.
      "Und ich hab sie am Ende ja auch gefunden. Aber puh, haben die gemuffelt! Und Wäsche waschen nervt immer so."
      Isaac warf ihm wieder einen Blick zu.
      "Ja..."
      "Aber es half ja nichts, also hab ich eine Woche einfach nur die Waschmaschine gebabysittet, während die meinen Kram gewaschen hat. Das hat mein Leben so dominiert, dass ich sogar ein Bild davon gemalt hab."
      Eine ganze Woche lang. Das... das könnte Isaac auch machen. Oder? Er müsste einfach nur die Kisten wegschieben und dann könnte er alles einmal waschen. Und dann... nein, er müsste es schon aufhängen, sonst würde es trotzdem stinken. Und dafür hatte er bei den ganzen Kisten keinen Platz. Oder...
      Isaac wollte Kai fragen, wie er das in einer Woche getan hatte, aber er schwieg. Er wusste noch nicht, wie er das zur Aussprache bringen sollte, ohne dabei zu offenbaren, dass er dasselbe Problem hatte. Oder zumindest ein ähnliches.
      "Sorry. Ich plappere schon wieder, oder?"
      Ja.
      "Nein."
      Aber schlimm war es nicht.
      "Sag mir ruhig, wenn dich das nervt. Das ist noch sowas, was ich einfach manchmal vergesse: Die Klappe zu halten."
      "Nicht schl-"
      "Uh!"
      Kai blieb stehen und Isaac sah hinab. Er entdeckte eine fette Hummel, die sich vor ihnen über den Gehweg schleifte. Er selbst wäre vermutlich draufgetreten, er hatte gar keinen Blick für sowas.
      Aber Kai nicht und der sammelte sie jetzt vorsichtig ein, um sie am Wegesrand auszusetzen. Isaac dachte sofort an die Spinne vor seinem Fenster. Vielleicht könnte ja Kai...?
      Aber nein, dann müsste er ja in seine Wohnung. Das hieß, dass Isaac mindestens mal das Wohnzimmer und die Küche aufräumen sollte und das war einfach zu viel. Er hatte ja auch schon wieder den Müll nicht rausgebracht. Zum zweiten Mal an diesem Tag.
      Sie gingen weiter und Isaac schwieg. Er wollte Kai noch eine Frage stellen, um ihn zum Reden zu bringen, weil er ihm gerne zuhörte, aber für den Moment fiel ihm nichts ein. Er dachte an die Spinne, an den Müll, an die Wäsche, an die Kisten. Das war alles nichts, worüber er reden wollte.
      Zum Schluss legten sie das restliche kleine Stück schweigend hin. Um kurz vor acht war es im RB ähnlich ausgestorben wie am Dienstag und Isaac blieb stehen, nachdem sie die Tür passiert hatten. Kai würde bestimmt mit seiner Kollegin Julie reden wollen und außerdem war Isaac nicht sicher, ob er lieber an einem Tresen oder einem Tisch saß. Er hatte auch nicht die Muße, eins von beidem vorzuschlagen. Beides hatte seine Vor- und Nachteile.
      So blieb er stehen, die Hände in den Hosentaschen, die Schultern leicht nach vorne geneigt, und versuchte einigermaßen normal auszusehen. Und nicht zu sehr zu stinken.
    • Den Rest des kurzen Weges schwiegen sie schon wieder, was Kai schon wieder dazu veranlasste, an unfertige Melodien und dergleichen zu denken. Aber er durchbrach das Schweigen nicht. Er hatte schon mitbekommen, dass Isaac kein Mann großer Worte war. Das Schweigen war ja auch nicht unbequem oder sowas. Die Vögel zwitscherten noch ein bisschen, hier und da schwappte eine Unterhaltung von anderen Leuten auf der Straße zu ihnen. Kai konnte das genauso genießen wie ein gutes Gespräch.
      Sie erreichten das Rula Bula und Isaac entpuppte sich prompt als Gentleman, so wie er Kai die Tür aufhielt. Grinsten trat Kai ein und sah sich nach Julie um. Just in diesem Moment kam sie von hinten. Die beiden machten Augenkontakt und das Grinsen von beiden wurden breiter. Kai nahm Isaac am Ellenbogen und zog ihn mit sich zum Tresen, wo er Julie über den Tresen hinweg mit einem Kuss auf jede Wange begrüßte.
      "Was machst du denn hier? Du hast doch frei!"
      "Ich häng mit Isaac rum," antwortete Kai ohne zu zögern. "Er hat gefragt und ich hatte nichts besseres zu tun."
      "Wenn du nichts besseres zu tun hast, kannst du doch auch ein Bild für die Wand dahinten malen."
      Kai rollte mit den Augen.
      "Hab dir ja gesagt, dass sie's versuchen wird," meinte er zu Isaac. "Verdien mal lieber dein Geld und mach mir einen Lillet Wild Berry und für ihn ein dunkles Bier."
      "Yessir."
      Julie salutierte dramatisch, dann machte sie sich an die Arbeit, während sich Kai auf einen Barhocker an der Ecke sinken ließ. Das beste aus zwei Welten, sagte er immer: Kein Tisch, aber trotzdem konnte man sich richtig angucken, wenn man die Ecke nahm.
      "Was machst du eigentlich so?" fragte Kai. "Noch beim Militär oder versuchst du dich am zivilen Leben?"


    • Julie war eine herzliche Frau, die Kai wie einen guten Freund begrüßte. Er knutschte ihr auf beide Wangen und sie strahlte ihn dafür an.
      "Was machst du denn hier? Du hast doch frei!"
      "Ich häng mit Isaac rum."
      Wie sich das anhörte. Wie schön.
      "Er hat gefragt und ich hatte nichts besseres zu tun."
      So hatte das aber nicht ausgesehen.
      "Ich habe nicht -"
      "Wenn du nichts besseres zu tun hast, kannst du doch auch ein Bild für die Wand dahinten malen."
      Kai rollte mit den Augen und wandte sich Isaac zu.
      "Hab dir ja gesagt, dass sie's versuchen wird."
      Wie ein Insider, den sie untereinander hatten. Isaac lächelte fast.
      "Verdien mal lieber dein Geld und mach mir einen Lillet Wild Berry und für ihn ein dunkles Bier."
      "Yessir."
      Isaac verspürte eine absurde Freude darüber, dass Kai sich seine Bestellung bemerkt hatte. Er ließ es sich aber nicht anmerken, sondern setzte sich mit ihm auf Barhocker in der Ecke. Isaac hatte gar nicht gewusst, dass das auch eine Option war. Er hatte noch nie jemanden hier sitzen gesehen.
      "Was machst du eigentlich so? Noch beim Militär oder versuchst du dich am zivilen Leben?"
      Dann sah man es ihm also doch an. Isaac stopfte seine Prothesenhand tiefer in seine Tasche.
      "Nein. Ich wurde, uhm, entlassen."
      Gary hatte ihnen einmal gesagt, dass sie Redewendungen benutzen könnten wie "mit Ehrenabzeichnungen ins öffentliche Leben gelassen", aber Isaac hatte die Wortwahl nie besonders gefallen. Man hatte ihn nicht zurück in den Dienst gelassen, Punkt. Es machte keinen Sinn, das irgendwie aufhübschen zu wollen.
      "Ich mach hier und da ein paar kleine... Sachen. Von Zuhause aus."
      Kai schien Künstler zu sein, der entweder in seiner Wohnung oder in einem Atelier arbeitete, da konnte Isaac auch irgendwas tun, wo er nicht in ein Büro gehen musste. Es gab heutzutage viele Jobs, die man von Zuhause aus machen konnte. Wie... uhm...
      Künstler. Wie Künstler zum Beispiel, ja. Und - Autor. Das waren schon zwei Jobs. Isaac konnte also viel von Zuhause aus machen. Er würde sich gar nicht erklären müssen.
      Er war trotzdem froh, dass Julie ihnen die Getränke brachte. Von dem Bier konnte er gleich trinken und sich weitere Peinlichkeiten ersparen.
      "Bist du... richtiger Künstler? Malst du viel? Kannst du damit Geld verdienen?"
    • "Nein. Ich wurde, uhm, entlassen."
      Ah, wahrscheinlich wegen der Hand. Kai hatte das schon immer unfair gefunden. Erst machen sie groß Werbung, wie toll es ist, beim Militär zu arbeiten, und dann lassen sie einen fallen wie eine heiße Kartoffel, sobald man verletzt wird. Tolle neue Welt, die sie da hatten.
      "Ich mach hier und da ein paar kleine... Sachen. Von Zuhause aus."
      Auch das machte Sinn. Ziviles Leben musste anstrengend sein, wenn man vorher nie wirklich eins gehabt hatte. Kai kannte das aus seiner eigenen Kindheit. Da dachte er jetzt aber lieber nicht dran.
      "Eure Bestellung, die Herrschaften," meinte Julie mit einem freundlichen Lächeln und stellte ein Bierglas vor Isaac und ein Weinglas vor Kai ab.
      "Bist du... richtiger Künstler? Malst du viel? Kannst du damit Geld verdienen?"
      "Richtiger Künstler? Was wäre denn ein falscher Künstler? KI-Idioten mal ausgeklammert?" scherzte Kai.
      Er nippte an seinem Lillet und angelte sich mit der Zunge eine der Beeren darin.
      "Ich hab's zumindest studiert. Muss aber ehrlich sagen, dass mir die ganze Kunsttheorie und -geschichte ziemlich auf den Geist gegangen ist. Theoretisch verdiene ich mein Geld als Künstler, jap. Aber nicht so, wie du jetzt vielleicht denkst. Ich verkauf hier und da ein paar Bilder ja, aber das sind alles eher Auftragsarbeiten. So wie das Ding, das gerade mein Wohnzimmer dominiert. Musste alles irgendwie zur Seite schieben, um diese Leinwand hinlegen zu können. Bei mir sieht's gerade aus, deswegen."
      Er schüttelte kurz den Kopf, dann fand er seinen Faden wieder.
      "Bei uns im Gebäude gibt's da diese Charity-Sache. Das City Meadow Center? Das ist auf meiner Seite unten im Erdgeschoss. Da arbeite ich und helf Kids mit Behinderungen und Senioren. Offiziell sind es Kunstkurse, aber eigentlich ist es nur mit Farben herumpanschen und die Zeit mit Spaß totschlagen."
      "Glaub ihm kein Wort, der verkauft sich unter Wert," schaltete sich Julie von hinter der Bar ein. "Kai hier hat ein Talent dafür, sich um diese Kids zu kümmern. Hab noch keins gesehen, das ohne breites Grinsen aus seiner Klasse rennt. Erst recht nicht, wenn er die Gitarre auspackt."
      "Mein Abend, Julie. Barkeeper hören nur zu."
      Kai streckte Julie die Zunge raus und sie kopierte seine Geste, bevor sie weiterzog und einen anderen Kunden bediente. Kai wusste, dass sie die Wahrheit sagte, aber trotzdem fühlte es sich seltsam an, wenn andere ihn so anpriesen. Als hätte er plötzlich eine Messlatte, die er um jeden Preis erreichen musste, damit Leute ihn mochten. Das Gefühl konnte er nicht ausstehen.
      "Long Story short: ja, ich arbeite als Künstler. Deswegen seh ich auch immer aus wie Sau. Aber immerhin haben fast alle meine Klamotten irgendwelche Farbspritzer, also kann ich einfach behaupten, das ist mein Style, anstatt ständig Wäsche waschen zu müssen. Reicht meistens, wenn ich die T-Shirts auslüften lasse. Aber verrat das keinem, ja?"
      Er zwinkerte Isaac zu und versteckte sich dann hinter seinem Wein, indem er noch einen Schluck nahm.


    • "Richtiger Künstler? Was wäre denn ein falscher Künstler? KI-Idioten mal ausgeklammert?"
      Kai meinte das bestimmt lustig, aber Isaac hatte tatsächlich keine Ahnung, was es mit KI auf sich hatte. Vor fünf Jahren noch, als er in den Dienst eingestiegen war, war mit KI nur Roboter gemeint. Heute musste er sich selbst zu den Leuten zählen, die ein KI-Bild nicht vom echten unterscheiden konnten. Er hatte einfach keine Ahnung, wie das funktionierte.
      "Ich weiß nicht. Einer der das gut kann, schätze ich."
      "Ich hab's zumindest studiert. Muss aber ehrlich sagen, dass mir die ganze Kunsttheorie und -geschichte ziemlich auf den Geist gegangen ist. Theoretisch verdiene ich mein Geld als Künstler, jap. Aber nicht so, wie du jetzt vielleicht denkst. Ich verkauf hier und da ein paar Bilder ja, aber das sind alles eher Auftragsarbeiten. So wie das Ding, das gerade mein Wohnzimmer dominiert. Musste alles irgendwie zur Seite schieben, um diese Leinwand hinlegen zu können. Bei mir sieht's gerade aus, deswegen."
      Und Kai redete wieder und Isaac hörte ihm zu. Er mochte ihm zuzuhören. Vor seinem Inneren Auge gestaltete sich ein Bild, wie Kai durch eine spiegelverkehrte Wohnung schlenderte, Melodien pfiff und dabei Farbe mit seinem Pinsel verspritzte. Das war so ein wunderbares Bild. Nicht, dass Isaac die Hoffnung hatte, es jemals mit eigenen Augen zu sehen.
      "Bei uns im Gebäude gibt's da diese Charity-Sache. Das City Meadow Center?"
      Isaac nickte nur. Mehr brauchte Kai nicht, um weiterzureden.
      "Da arbeite ich und helf Kids mit Behinderungen und Senioren. Offiziell sind es Kunstkurse, aber eigentlich ist es nur mit Farben herumpanschen und die Zeit mit Spaß totschlagen."
      Da kam also die Farbe her und das mit den Kindern von letztens. Isaac war noch nie dort gewesen, aber jetzt überlegte er es sich nochmal. Er fand es toll, dass Kai so ein sozialer Mensch zu sein schien. Irgendwie machte ihn das zu seinem Vorbild.
      "Glaub ihm kein Wort, der verkauft sich unter Wert", sagte Julie vom Tresen aus. Isaac sah zu ihr. "Kai hier hat ein Talent dafür, sich um diese Kids zu kümmern. Hab noch keins gesehen, das ohne breites Grinsen aus seiner Klasse rennt. Erst recht nicht, wenn er die Gitarre auspackt."
      Gitarre auch noch? Isaac sah wieder zu Kai.
      "Mein Abend, Julie. Barkeeper hören nur zu. Long Story short: ja, ich arbeite als Künstler. Deswegen seh ich auch immer aus wie Sau. Aber immerhin haben fast alle meine Klamotten irgendwelche Farbspritzer, also kann ich einfach behaupten, das ist mein Style, anstatt ständig Wäsche waschen zu müssen. Reicht meistens, wenn ich die T-Shirts auslüften lasse. Aber verrat das keinem, ja?"
      Kai zwinkerte ihm zu und Isaac lächelte. Jetzt hatte er schon ein Geheimnis mit ihm geteilt - naja, "Geheimnis". Aber die Kleider auszulüften, das war gar keine schlechte Idee. Isaac konnte das machen, beim Fenster im Schlafzimmer. Oder noch besser, er könnte sie draußen aufhängen, wenn es das nächste Mal regnete. Da brauchte er sie eh nicht und wenn dann wieder die Sonne schien, wurde es eh trocken. Von der Idee fühlte er sich ganz beflügelt. Endlich etwas, was er wirklich tun konnte.
      "Ich erzähl's nicht weiter."
      Sie tauschten den Moment mit Blicken aus. Es fühlte sich schon fast wie eine Freundschaft an.
      "Gitarre spielst du also auch? Genauso gut wie du malst? Das ist kreativ."
      Isaac mochte das Zwinkern, das der andere ihm manchmal zeigte. Er mochte auch das Lächeln, das in dem offenen Gesicht des Mannes sehr hübsch war. Er mochte eigentlich ziemlich viel an ihm.
      "Ich war noch nie unten. Im Meadow. Ich hatte keine Zeit und, uhm, ich will meinem Onkel nicht über den Weg laufen. Ihm gehört das Gebilde. ...Marc Cauchy? Er hat das Meadow, Teile vom VA, eine Stiftung auch, glaube ich. Oder ein Stipendium. Er will nächsten Monat Wahlkampf betreiben für... irgendwas. Bürgermeister vielleicht. Weiß ich nicht."
      Er nahm einen Schluck vom Bier. Seine Kehle fühlte sich rau an.
      "Hast du ihn schonmal getroffen?"
    • "Deinem Onkel gehört der ganze Komplex?!"
      Jetzt staunte Kai aber nicht schlecht. Und da steckte Isaac in einem der Apartments anstatt in einer riesigen, richtig schicken Villa oder sowas? Mochte sein Onkel ihn etwa nicht? Wow!
      "So einen Onkel hätte ich auch gern. Wow." Er lachte leise vor Verblüffung. "Nee, kann nicht sagen, dass ich deinen Onkel schonmal persönlich getroffen habe. Aber jetzt macht's auch Sinn, warum ich so viel Geld für Zeug ausgeben darf. Dein Onkel hat's ja eindeutig. Krass. Macht dich das zu einem Nepo-Baby?"
      Er dachte darüber nach, während er an seinem Wein nippte. Eigentlich nicht, oder? Isaac wäre sonst doch wohl kaum zum Militär gegangen. Und er wirkte jetzt auch nicht unbedingt wie jemand, der gern einen golden Löffel im Mund hätte. Nein, Isaac war kein Nepo-Baby. Bloß jemand, der Glück in der Familienlotterie gehabt hatte.
      "Nee. Kein Nepo-Baby. Was gut ist, sonst könnte ich dich nicht mögen. Ich mein, klar, dein Onkel finanziert die Charity, für die ich arbeite, aber wir alle wissen, dass er das nur macht, weil er dafür irgendwelche Steuerentlastungen bekommt."
      Julie warf Kai einen Blick zu, den er nur zu gut kannte: halt die Klappe, du schneidest ein heikles Thema an. Sie hatte ja Recht. Politik war nicht unbedingt war, mit dem man einen angenehmen Abend verbrachte. Nicht im heutigen Klima. Kai war zwar kein Experte, aber er war genug herumgereist, hatte genug gesehen und erlebt, um eine ordentliche Meinung zu haben.
      "Genug Politik," verkündete er spontan. "Gitarre. Ja, ich spiele. Ein bisschen jedenfalls. Dafür hab ich kein Stipendium bekommen - wollte ich aber auch nicht. Musikstudenten sind immer so... keine Ahnung. Die haben die Nase irgendwie in den Wolken. Aber ich kann spielen. Ich hab nur keine Gitarre. ist aber auch nicht so schlimm. Wenn ich mit links spiele tut mein Handgelenk ständig weh und andersrum fühlt sich seltsam an."
      Er zuckte mit den Schultern.
      "Ich mag Klavier lieber. So eins hab ich aber auch nicht. Wäre ja noch schöner, wenn ich ein Klavier und meine Leinwände unterbringen müsste. Hey, warte mal..."
      Er mustere Isaac. Ein Lächeln schlich sich langsam auf sein Gesicht, als er realisierte, dass der Mann ihm ein Kompliment gemacht hatte. Einfach so!
      "Du hat doch noch gar keine von meinen Bildern gesehen! Vielleicht male ich ja nur richtigen Unfug? Oh! Oder hast du mich durch dein Wohnzimmerfenster gestalked?"
      Er meine es als Scherz. Selbst wenn Isaac ihn tatsächlich beobachtet hatte, es war ja sein eigener Fehler, weil er nie irgendwelche Gardinen aufgehängt hatte. Die wurden ja doch nur dreckig, wenn er wieder ein bisschen wilder malte. Es war ja nicht so, als ob er irgendwelche super dreckigen oder illegalen Sachen in seinem Wohnzimmer machte.
      "Willst du was sehen?" fragte Kai dann.


    • Kai war ehrlich erstaunt von Isaacs Onkel. Isaac fühlte sich nur gleich wieder schlecht, als der andere vermutete, dass er dadurch irgendwelche Vorteile hätte. Die Wohnung, ja, aber sonst hatte er mit seinem Onkel noch nie wirklich zu tun gehabt. Er war irgendwann einmal zu Geld gekommen und hatte sich dann von der Familie abgesetzt. Alle waren ernsthaft überrascht gewesen, ihn im Krankenhaus auftauchen zu sehen.
      "Nee. Kein Nepo-Baby", beschloss Kai aber gleich wieder und Isaac nickte erleichtert. Nein, kein Nepo-Baby. Bestimmt nicht. Isaac könnte auch nicht abstreiten, dass Marc es nur für die Steuervergünstigungen tat. Er kannte den Mann ja kaum.
      "Genug Politik. Gitarre. Ja, ich spiele."
      Isaac trank ein bisschen was und hörte ihm zu. Kai spielte also, hatte aber keine eigenen Instrumente. Schade eigentlich. Isaac hätte ihn gerne mal spielen gehört - vielleicht durchs Fenster. Und als er von seinem Handgelenk erzählte, richtete Isaac sich auch ein bisschen auf. Die Schmerzen mit Links konnte er gut nachvollziehen und dann auch noch, dass es sich sonst seltsam anfühlte. Das sagte er gerade, wenn Isaac sein Bier mit rechts hielt.
      "Ja. Verstehe ich."
      "Ich mag Klavier lieber. So eins hab ich aber auch nicht. Wäre ja noch schöner, wenn ich ein Klavier und meine Leinwände unterbringen müsste. Hey, warte mal..."
      Kai unterbrach seine Erzählung und musterte Isaac plötzlich ganz aufmerksam. Unter seinem Blick wurde Isaac etwas mulmig zumute, bis ein Lächeln seine Züge erhellte. Da entspannte er sich sofort wieder.
      "Du hat doch noch gar keine von meinen Bildern gesehen! Vielleicht male ich ja nur richtigen Unfug?"
      "Glaube ich nicht."
      "Oh! Oder hast du mich durch dein Wohnzimmerfenster gestalked?"
      Dachte Kai das? Hoffentlich nicht, denn Isaac hing nur seine Vorhänge nicht auf. Dafür Kai aber auch nicht oder er nutzte sie zumindest nicht. Es war nichts illegales daran, von der Couch aus durch das Fenster zur anderen Wohnung zu sehen. Ziemlich sicher nicht.
      "Nein. Ich sehe nicht so viel. Nur dich, manchmal. Ein bisschen von deiner Couch."
      Kai schien es aber sowieso nicht ernst zu meinen. Er sah ihn ganz fröhlich an.
      "Willst du was sehen?", fragte er dann plötzlich.
      Isaac rutschte ein bisschen auf seinem Hocker.
      "Wenn du eine Knarre hast, solltest du das lieber gleich sagen."
      Er blinzelte. Zögerte.
      "... Das war ein Scherz."
      Dann wurde ihm warm.
      "Meinst du deine Bilder? Hast du etwa eins hier?"
    • "Wenn du eine Knarre hast, solltest du das lieber gleich sagen."
      Knarre? Wo kam das denn auf einmal her? Oder sollte das irgend ein Witz sein, den Kai nicht verstand, weil er keine Ahnung von Soldaten hatte? Glaubte Isaac vielleicht, dass er bewaffnet war? Das war irgendwie verwirrend...
      "... Das war ein Scherz."
      Kai atmete merkbar auf.
      "Okay, gut. Ich hab nämlich keine Ahnung, was du gerade gemeint hast."
      Ertappt fuhr er sich mit der Hand durch die Haare. Er zog den Zopf, den er sich vorhin gemacht hatte, über seiner Schulter nach vorne und spielte kurz an dem Haargummi herum. Er war nicht direkt nervös, das war es nicht. Aber er wollte nicht, dass Isaac sich unwohl fühlte, nur weil er seine Witze nicht verstand. Mit den Kids war das doch sonst auch kein Problem? Mist.
      "Meinst du deine Bilder? Hast du etwa eins hier?"
      "Hm? Oh, ja. Ich meine, kein Bild-Bild. Aber ich hab das hier."
      Kai kramte in seiner Umhängetasche herum, bis er sein aktuelles Skizzenbuch fand. Er hatte mehrere, das hier war nur das, was er immer mit sich herumschleppte. Deswegen war es nur A5 groß - und sah aus, als hätte es schon so einiges durchgemacht. Da war alles Mögliche drin: kleine, gedankenlose Doodles, dämliche kurze Comics, ordentliche Skizzen von Leuten, Gegenden, abstrakten Gedanken, die er irgendwie festgehalten hatte. In all dem Chaos, das Kais Hirn war, hatte er es aber irgendwie geschafft, sein Skizzenbuch nicht mit Notizen wie Einkaufslisten oder spontan entstandenen Melodien voll zu klatschen. Seine Skizzenbücher waren nur das: Skizzenbücher. Zuhause hatte er auch noch welche für Projektskizzen, eins für Wasserfarben, und so weiter. Ausgerechnet in seiner Kunst war er organisiert.
      Er schob das Skizzenbüchlein, in dem hinten noch die Postkarte steckte, über den Tresen zu Isaac. Darin war nichts, wofür sich Kai schämen würde, auch wenn er darin teils Posen gezeichnet hatte, die man wohl als nicht jugendfrei bezeichnen würde. Er zeichnete eben, was ihm in den Sinn kam und manchmal war der menschliche Körper einfach das interessanteste Medium.
      "Das sind zwar nur Skizzen," erklärte er, "aber die mach ich ständig. Das ist also ein viel besserer Blick in mein Künstlersein als irgendeins meiner Gemälde."


    • Kai kramte das Skizzenbuch hervor, das er am Mittag bereits in seiner Tasche verstaut hatte und schob es über den Tisch. Isaac war froh, seine Aufmerksamkeit darauf lenken zu können. Der Witz war ihm peinlich gewesen. Kai war ein normaler Mensch und keiner, mit denen Isaac sonst Umgang pflegte. Er verstand solche Sachen doch nicht.
      Er zog das Büchlein zu sich und schlug es auf. Direkt auf der ersten Seite war eine Bleistiftskizze von einer Frau, die sehr gut Julie sein könnte. Sie schien zu sitzen und war ein bisschen vornüber gebeugt, auf eine träumende oder schlafende Art. Die Skizze war ein bisschen ungenau, dafür traf sie exakt die Haltung eines Menschen. Es war verblüffend.
      "Oh. Wow."
      "Das sind zwar nur Skizzen", sagte Kai, "aber die mach ich ständig. Das ist also ein viel besserer Blick in mein Künstlersein als irgendeins meiner Gemälde."
      Das wollte Isaac zwar nicht so glauben, aber er war schließlich auch nur ein Laie. Er blätterte schnell zur nächsten Seite. Ein paar Tiere, ein paar Formen, eine Hand, ein bisschen Rumgekritzle. Irgendwie schaffte Kai es aber, selbst so ein Gekritzel gut wirken zu lassen. Isaac blätterte weiter.
      "Das ist gut. Und das sind nur Skizzen."
      Er stieß auf eine Art Comic mit Tieren. Die Katze machte einen Wortwitz und der Hund schaute wie bei The Office in die Kamera. Isaac schnaubte. Wie dämlich.
      Er blätterte weiter. Mehr Skizzen, mehr Gekritzel. Ein paar Landschaften, auch Häuser. Bei einer Seite blieb er hängen.
      "Ist das unser Haus?"
      Ja, der Gebäudekomplex. Sehr grob, nur angedeutet, aber es war aus der Perspektive der Straße gegenüber. Als würde man gleich durch den Eingang gehen.
      "Da ist dein Fenster. Ganz sicher, das ist nämlich meins."
      Er deutete darauf. Das war irgendwie schön und doch so gut gemalt - dabei war es ja nur eine Skizze. Isaac mochte sich kaum ausmalen, wie das Gebäude auf einer Leinwand aussehen mochte.
      Er betrachtete die Skizze noch ein paar Sekunden länger, dann blätterte er weiter. Und wurde prompt von einem nackten Mann angelacht.
      "Oh."
      Er neigte den Kopf. Das war nicht Kai, obwohl er das auch nur an den Haaren ausmachen konnte. An den Kopfhaaren. Ansonsten war auch das eine Skizze, aber mit einem eindeutigen Fokus. Er konnte Kais Gedankengang quasi nachempfinden.
      Er warf ihm einen Blick zu.
      "Ich hatte gedacht, ich könnte deine Kunst einschätzen. Aber jetzt nicht mehr. Du hast mich aus dem Konzept gebracht."
      Der Hauch eines Lächelns glitt über seine Lippen, dann blätterte er weiter. Er wollte sich nicht zu lange mit dem nackten Mann aufhalten. Vielleicht war er Kais Freund, womit das ziemlich unhöflich wäre.
      Weitere Kritzeleien folgten, wieder ein Comic, der nun aber wirklich schlecht war, dann eine nackte Frau. Isaac hielt auch bei ihr inne, dann wurde ihm warm. Er hatte lange nicht mehr an sowas gedacht und hier im RB wollte er nicht damit anfangen. Er trug ja noch nichtmal eine Unterhose. Schnell blätterte er weiter.
      Als er bei der letzten bemalten Seite angekommen war, schob er das Buch zurück, froh darüber, von der Vorstellung nackter Männer und Frauen wegzukommen.
      "Das ist wirklich gut. Und daraus machst du dann ganze Bilder? Das grenzt schon an Magie."
    • "Ich hatte gedacht, ich könnte deine Kunst einschätzen. Aber jetzt nicht mehr. Du hast mich aus dem Konzept gebracht."
      Kai grunzte kurz und nippte schnell an seinem Wein. Vielleicht hätte er Isaac vorwarnen sollen. Ach was, dann wäre der ganze Spaß ja flöten gegangen. Der Gesichtsausdruck des Mannes, der zwischen Schock, Interesse und Humor hin und her schwang wie ein Kleinkind auf einer Schaukel, war einfach perfekt! Und wofür war Kunst schon gut, wenn nicht um Reaktionen aus den Menschen heraus zu kitzeln? Vielleicht sollte er Isaac zeichnen...
      Kai nahm das Buch zurück und drehte es zwischen seinem Finger und der Theke, als sei es ein Fidget Spinner.
      "Das ist wirklich gut. Und daraus machst du dann ganze Bilder? Das grenzt schon an Magie."
      "Nicht aus allen. Eigentlich nur aus einem Bruchteil," gestand er. "Das ist mehr so, um meine Gedanken festzuhalten. Manche Leute schreiben Listen, manche machen sich Notizen, ich kritzle eben irgendwas." Er zuckte mit den Schultern. "Ich hab schon immer besser in Bildern gedacht."
      Mittlerweile hatte Kai sein Weinglas geleert und er kippte sich jetzt die restlichen Beeren in den Mund. Julie war sofort zur Stelle und er bestellte sich noch einen Lillet - den letzten für den Tag.
      "Hat dir was gefallen?" fragte er. "Vielleicht mach ich dann tatsächlich ein richtiges Bild draus. So als Einweihungsgeschenk, auch wenn du schon eine Weile hier wohnst."


    • Ob ihm was davon gefallen hätte? Alles. Isaac hängte sich aber eher daran auf, dass Kai ihm anbot, etwas für ihn zu malen. Das brachte das schöne, warme Gefühl zurück.
      Er warf dennoch einen Blick zu Julie, die damit beschäftigt war, Getränke auszuschenken. Vielleicht hatte sie es nicht gehört.
      "Wird Julie nicht böse sein, wenn du ein Bild für mich, aber nicht für die Bar machst?"
      Ein bisschen meinte er das zum Spaß, ein bisschen aber auch ernst. Er wollte nicht, dass Julie sich an ihn als den erinnerte, der ihr den Künstler ausspannte. So komisch sich das auch anhörte.
      "Wenn du Zeit hast - wenn du wirklich Zeit hast - dann..."
      Er dachte nach. Welches davon hatte ihm gefallen? Er dachte an den Mann und verwarf den Gedanken gleich wieder; ganz sicher würde er ihn nicht nach sowas fragen und dann auch noch bei sich aufhängen. Und Personengemälde waren nicht so sein Ding. Auf der anderen Seite konnte er nicht bestimmen, was sein Ding in Sachen Kunst war.
      "Das Haus. Das war schön. Das würde mir gefallen."
      Er lächelte ein bisschen. Hieß das, dass sie nun mehr waren als nur Nachbarn? Machten Nachbarn sich Einweihungsgeschenke? Waren sie jetzt gute Bekannte?
      Er trank und genoss das Gefühl für den Moment. Für den Moment war er wirklich ein ganz normaler Mann, der mit einem Freund in der Bar saß. Zum ersten Mal seit einem dreiviertel Jahr fühlte er sich so.
      "Danke", sagte er leise. "Für das hier. Ich gehe nicht mehr so oft aus."
    • "Du willst ein Bild von dem Haus in dem du wohnst?" kicherte Kai. "Interessante Wahl. Aber okay, ich mach's. Ich kann dir nur nicht versprechen, dass es bald fertig wird. Und Julie... mach dir da mal keinen Kopf. Die versucht seit einem halben Jahr ein Bild aus mir raus zu kitzeln. Ich glaube, es macht ihr Spaß, dass ich ständig Nein sage."
      Er grinste in Julies Richtung und winkte ihr ganz unschuldig zu. Sie verengte die Augen, aber ihr eigenes Grinsen verriet sie.
      Ein leises Danke holte seine Aufmerksamkeit zu Isaac zurück.
      "Für das hier. Ich gehe nicht mehr so oft aus," sagte er.
      Kais Blick wurde weicher. Er hatte es doch gewusst: der Mann hatte einen Freund gebrauchen können, der mehr machte, als sich nur über irgendwelche Hasen zu beschweren.
      "Kein Ding," meinte Kai daher ehrlich und steckte sein Skizzenbuch wieder weg. "Ich hab das auch mal wieder gebraucht. Spaziergänge sind ja schön und gut, aber gute Gesellschaft macht doch alles viel besser, oder?"

      Sie blieben noch, bis Kai seinen zweiten Wein geleert hatte, dann machten sie sich auf den Rückweg. Wie versprochen bezahlte Kai für Isaacs Bier, auch wenn der kaum etwas dazu beigetragen hatte, Julie von sich fernzuhalten. Wobei seine bloße Anwesenheit vielleicht schon dafür gesorgt hatte, wer konnte das schon so genau sagen.
      Es war schon dunkel und wie so oft starrte Kai beim Laufen in den Himmel in der Hoffnung, ein paar Sterne zu finden. Aber die Stadt war wie immer zu hell. Aber das war ihm egal. Denn er wusste, dass seine Familie, seine hānai, den gleichen Himmel anguckte. Das war alles, was er brauchte, um sich zuhause zu fühlen. Und wie so vieles zauberte auch dieses Wissen ein sanftes Lächeln auf sein Gesicht.


    • Nach diesem Abend fühlte Isaac sich leichter. Es war ein voller Erfolg gewesen, auch wenn der Erfolg so etwas dämlich kleines war wie einen Trinken zu gehen. Trotzdem, es waren die kleinen Schritte, die zählten. Genau wie Dr. Harver gesagt hatte.
      Erst Zuhause fiel Isaac auf, dass er nicht einmal daran gedacht hatte, dass er stinken könnte. Kein einziges mal.

      Freitag kam und das Krankenhaus wartete auf ihn. Isaac fühlte sich ein bisschen on edge, weil seine Wetterapp ihm für Sonntag Regen vorhersagte. Am Vormittag, vier Stunden und 36 Minuten, und dann am Abend auch nochmal für zwei Stunden und eine Minute. Er hatte das Gefühl sich vorbereiten zu müssen, Lebensmittel einkaufen, die Flaschen in der Abstellkammer leeren. Vielleicht sollte er schon diese Nacht dort schlafen. Sich gedanklich darauf einstellen.
      "Mr. Stafford?"
      Der Arzt erschien am Ende des Aufenthaltsbereichs. Er trug seinen Kittel und ein Klemmbrett, wie auch Dr. Harver eins hatte.
      "Komme."
      Isaac stand auf und folgte ihm.

      “Fester. Noch ein bisschen fester. Ein bisschen noch. Sie können das, das weiß ich.”
      Isaac schwitzte. Sein Arm stand in Flammen, oder zumindest der Teil, der abgeschnitten worden war. Seine Hand ballte sich um einen Ball, der an ein Messgerät angeschlossen war. Kraftmessung. Teil seines Bewegungstrainings.
      Sein Arm fühlte sich roh an. Seine Muskeln spannten sich bis in die Schulter hoch, was sie eigentlich nicht müssten, was er aber nicht aufhalten konnte, wenn er die Hand bewegen wollte. Er tat eben so, als würde er kräftig zupacken wollen, und seine Finger schlossen sich dafür, ohne dass er etwas spürte. Nun, den Arm spürte er sehr wohl, aber nicht, was er da packte. Es war merkwürdig und hatte ihm anfangs viel Schwindel eingebrockt. An diese Sache hatte er sich mittlerweile gewöhnt, aber nicht an Strapazen. Wirklich nicht.
      Seine Muskeln spannten sich um den Bolzen, der in seinem Stumpf steckte und eigentlich dort gar nicht sein sollte. Die Ärzte hatten ihm erklärt, wie sein Körper darauf abgerichtet worden war, den Eindringling irgendwann zu akzeptieren, damit der Arm nicht mehr kontinuierlich schmerzte - was er nicht mehr tat, zum Glück, nur, wenn er ihn zu fest einsetzte. So wie jetzt.
      “Noch fester. Noch fester.”
      “Tut weh”, presste Isaac hinter zusammengebissenen Zähnen hervor. Der Arzt nickte ohne ihn anzusehen.
      “Das ist normal. Wenn es wehtut, bedeutet das, dass es funktioniert.”
      So ein Gerede also wieder. Isaac hätte ihn schlagen können. Diese schöne Metallfaust ihm genau ins Gesicht hauen.
      Er tat es aber nicht, sondern blieb still sitzen und zwang seine Faust noch mehr zuzudrücken. Der Zeiger beim Messer bewegte sich aber nicht mehr weiter. Er schöpfte sein ganzes Potential bereits aus.
      “Okay, das reicht.”
      Isaac ließ los und sackte zusammen. Er fühlte sich verschwitzt und ekelhaft und wusste, dass er das jetzige Outfit ruiniert hatte. Das würde er nicht mehr anziehen können, bis er die Waschmaschine nicht zum Laufen brachte. Er war noch nicht dazu gekommen, Kais Taktik mit dem Fenster auszuprobieren; er hatte einfach keine Zeit gehabt.
      “Wollen Sie etwas zu trinken?”
      Er nickte. Die Assistentin brachte ihm ein Glas, das er in einem Zug runterkippte.
      “Machen Sie sich keinen Kopf”, sagte der Arzt freundlich, fast fröhlich, und rollte die Kraftpumpe weg. “Wenn Sie die Prothese nicht hätten, müssten Sie das nicht machen, aber dann hätten Sie auch nur eine Hand. Das ist ein teures Teil, das beste vom Markt. Sie können sich glücklich schätzen.”
      Der hatte gut reden, er musste ja auch nicht die Schmerzen ertragen. Isaac grunzte unwillig. Sein Arm pochte und schmerzte. Wenigstens juckte er nicht; das war anfangs fürchterlich gewesen.
      “Kommen wir zum fein-tuning, das tut nicht mehr weh. Ich darf Sie bitten, nacheinander die Finger da draufzulegen und dann zu bewegen. Einer nach dem anderen.”
      Isaac seufzte, dann tat er wie geheißen. Er wollte, dass es einfach nur noch schnell vorbei war.

      Eine halbe Stunde später verließ er das Behandlungszimmer. Er fühlte sich wie gerädert und musste sich davon abhalten, seinen Arm anzufassen. An Momenten wie diesen wollte er die Prothese einfach nur noch los werden. Scheiß auf die zweite Hand, hauptsache es tat nicht mehr weh.
      Er schlurfte zurück durch den Aufenthaltsbereich und dann in die Gänge hinaus. Mit hochgezogenen Schultern folgte er den Pfeilen rückwärts, bis er plötzlich einen bekannten Haarschopf entdeckte. Einen braunen, sehr wilden und gewaltigen Haarschopf. Sein Herz machte einen undefinierbaren Sprung, als er Kai entdeckte. Es war wirklich Kai. Der Mann hatte seine typische Umhängetasche dabei und eine Leinwand, wie es schien. Was machte er denn hier?
      Isaac überlegte gerade, ob es in Ordnung war, ihn zu grüßen, da bemerkte der andere Mann ihn. Schnell hob er die Rechte zum Gruß und ging zu ihm.
      “Hi. Uhm, was machst du hier? Ist alles in Ordnung?”
    • Der Abend war echt nett gewesen, schloss Kai, als er sich nachts in Bett fallen ließ. Isaac schien ein cooler Typ zu sein, wenn auch schweigsam. Naja, zumindest hoffte Kai, dass er schweigsam war. Die Alternative war nämlich, dass er so viel geplappert hatte, dass der andere gar nicht zu Wort gekommen ist. Von seiner Seite aus könnten sie solche Abende ruhig öfter miteinander verbringen. Wäre schon cool, einen Freund im fast-gleichen Haus zu haben.

      Der Donnerstag war eigentlich so wie jeder seiner Donnerstage: Er stand früher auf, um sich mit einer Gruppe an Alzheimer erkrankten Senioren zu befassen. Diese Stunden waren immer ein bisschen langsamer, weil man den ein oder anderen Patienten daran erinnern musste, wo sie waren und was sie gerade taten, aber Kai mochte diese langsamen Morgende. Auch hier kam er oft selbst zum Malen, also holte er seine Leinwand mit den Kätzchen für Clio wieder heraus und pinselte drauf los. Und durch seine Mittagspause hindurch. Danach hatte er noch zwei Gruppen mit Kindern, bevor er nach Hause gehen konnte. Er war zu diesem Zeitpunkt fast fertig mit Clios Bild, als nahm er es mit hoch, wo er es mit offenem Fenster und einem Salat in einer Hand fertigstellte.

      Dass er das Bild für Freitag fertig bekommen hatte, traf sich richtig gut, denn an Freitagen hatte er den ganzen Tag frei. Nur am Abend musste er ins Rula Bula, das an Wochenenden sehr viel besser besucht war als unter der Woche. Er schlief also aus, gönnte sich einen ordentlichen Brunch und wickelte dann das fertige und getrocknete Bild ein. Die Leinwand war ungefähr so groß wie ein A3 Blatt, aber quadratisch, anstatt rechteckig. Kai hatte noch Geschenkpapier mit kleinen Teddybären herumliegen, was er benutzte, um das Ding einzupacken. Er kannte kein Kind, dass sich nicht darüber freute, ein Geschenk auch auspacken zu dürfen.
      Er telefonierte mit seiner hānai tūtū über Video, während er das tat.
      "Zeig doch mal," sagte die alte Frau, gerade als Kai einen Streifen Geschenkpapier abgeschnitten hatte.
      Er legte das Papier beiseite und hielt stattdessen die Leinwand in die Kamera. Er grinste.
      "Das ist gut geworden. Das ist von diesem Cartoon, oder? Wie heißt der noch... Puppy Police?"
      "Paw Patrol, tūtū. Das ist das, was Kapono und Aniani immer gucken wollen, wenn sie den großen Fernseher haben dürfen."
      "Ah! Das mit der süßen Bulldogge, die einen Bagger fährt?"
      "Genau das."
      Kai unterhielt sich gern mit seiner tūtū. Die Frau hatte ihn praktisch großgezogen, nachdem seine Mutter krank wurde. Naja, sie und der ganze Rest der Community. Aber hauptsächlich sie. Sie war von vielen die tūtū. Sie hatte vier eigene Enkelkinder, aber sie kümmerte sich um jedes Kind in ihrer Community, als sei sie mit ihnen blutsverwandt. Das war etwas, was die Festländer einfach nicht verstanden. Sie waren alle Familie auf der Insel. Selbst jemand wie Kai, der eigentlich nur zur Hälfte Insulaner war und der bis zur Pubertät nie das Festland verlassen hatte, war mit offenen Armen aufgenommen worden.
      "Wie ist das Leben so, Junge?" fragte sie und Kai zuckte lächelnd mit den Schultern.
      "Viel von dem Selben," meinte er. "Aber ich hab einen meiner Nachbarn kennengelernt. Sein Name ist Isaac, er wohnt gegenüber. Er wirkte ein bisschen verloren, und du kennst mich..."
      "Du kannst zu einer verlorenen Seele nicht Nein sagen. Du bist ein guter Junge, Makaio."
      Kais Lächeln wurde breiter und ja, er wurde auch ein ganz kleines bisschen rot. Aber nur ein klitze kleines bisschen.
      "Er ist auch ein guter Kerl, glaube ich," sagte er. "Verloren, ja, aber wenn er lächelt... das steht ihm gut. Schlechten Leuten steht es nicht, wenn sie lächeln."
      Seine tūtū schüttelte den Kopf mit einem Lächeln. "Ich staune immer wieder, wie stark dein Aloha ist, mein Junge."
      "Ich wurde eben von den besten Leuten erzogen," grinste Kai zurück.

      Sobald er die Leinwand eingepackt hatte, verabschiedete sich Kai von seiner tūtū und legte auf. Er zog sich ein T-Shirt über und schlüpfte in seine Sneaker, dann warf er sich seine Tasche über und machte sich auf den kurzen Fußweg ins Krankenhaus. Unterwegs summte er das mittlerweile vollständige Lied. Er musste es immer noch aufschreiben.
      Das Krankenhaus was so langweilig wie immer. Obwohl er kerngesund war - abgesehen von seinem Handgelenk - war er viel zu oft hier. Er konnte einfach nicht wegbleiben, wenn eins der Kids oder sogar einer der Senioren, die er betreute, hier landeten. Das waren doch Momente, wo man einen Freund oder zumindest mal ein freundliches Gesicht am ehesten gebrauchen konnte, oder?
      "Hi," grüßte er die Schwester hinter dem Empfangstresen. "Ich bin hier, um Clio Easton zu sehen. Wo kann ich sie denn finden?"
      Die Schwester erwiderte sein freundliches Lächeln und suchte nach Clios Zimmernummer, die sie gleich weitergab.
      "Dankeschön."
      Kai wandte sich um, bereit, den Aufzug zu suchen, als er selbst ein vertrautes Gesicht erblickte.
      "Isaac!"
      Kai Lächeln wurde direkt breiter, als der Mann zurückwinkte.
      "Hi. Uhm, was machst du hier? Ist alles in Ordnung?" fragte Isaac.
      "Was? Oh! Ja! Ja, mir geht's gut. Ich hab das Bild für Clio fertig bekommen." Er hielt kurz die in Teddies eingewickelte Leinwand hoch. "Wie gesagt: ich renn hauptsächlich durch die Gegend, um Leuten ihre Bilder zu übergeben. Ich war gerade auf dem Weg, es ihr zu bringen. Kommst du mit?"


    • Ah - ja, die Sache mit Clio. Isaac erinnerte sich und war auch ein bisschen stolz darauf. Kai erinnerte sich an seine Bestellung, Isaac an Clio. Diese Bekanntschaft war durchaus beidseitig.
      "Kommst du mit?"
      Isaac dachte darüber nach. Er wollte eigentlich nicht, so gar nicht. Sein Arm tat weh, er war verschwitzt, er stank - diesmal tatsächlich - und er wollte nur noch nachhause, sich irgendwie waschen und das mit dem Fenster versuchen. Und dann Sonntag vorbereiten. Sich für den Regen wappnen.
      Deswegen war er mindestens genauso sehr überrascht wie Kai, dass er zustimmte. Also doch nicht nachhause. Noch nicht.
      Er drehte um und ging mit Kai zum Aufzug. Da wartete bereits eine alte Frau mit Pfleger und ein Mann in ihrem Alter mit Krücken. Sie stellten sich nach hinten und warteten mit ihnen.
      "Was ist das für ein Bild?"
      Kai zeigte es ihm und Isaac stieß einen bewundernden Pfiff aus. Es war ein Kinderbild, einfach gehalten mit satten Farben, aber es war doch so präzise gezeichnet, dass es dennoch bemerkenswert war. Darauf war eine Katze in Polizeiuniform und eine in Feuerwehruniform und noch ein paar andere. Irgendwie komisch, sowas zu zeichnen, aber er wollte sich nicht beschweren. Immerhin war Clio ein Kind.
      "Das wird ihr gefallen. Das ist gut."
      Der Aufzug kam und sie ließen den anderen den Vortritt. Dann gingen sie selbst rein und Kai drückte den Knopf für die Kinderabteilung. Isaac war noch nie dort gewesen.

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    • Isaac wollte tatsächlich mitkommen, also schlenderten sie gemeinsam in Richtung Aufzug.
      "Was ist das für ein Bild?" fragte er.
      Kai fischte umständlich sein Smartphone aus seiner Tasche, schaltete es frei und suchte nach dem Foto, das er gemacht hatte, bevor er die Leinwand eingepackt hatte. Er hielt Isaac das Bild hin.
      "Sie mag Katzen und Paw Patrol. Das zu mixen war einfach," meinte er mit einem halben Schulterzucken - unter der anderen steckte die Leinwand.
      "Das wird ihr gefallen. Das ist gut," meinte Isaac.
      "Find ich auch," stimmte Kai zu.
      Sie stiegen in den Aufzug und Kai drückte das kleine Knöpfchen für die Pädiatrie. Die ungeschriebenen aber unendlich starken physikalischen Gesetze des Aufzugfahrens verboten es ihnen, etwas zu sagen, während die kleine Box sie langsam in die Höhe trug. Aber sie waren die ersten, die raus mussten, also hielt das höfliche Schweigen nicht allzu lang an.
      "Was machst du eigentlich hier?" fragte Kai und deutete den Flur hinunter, den sie laut buntem Wegweiser nehmen mussten. "Nein, warte, lass mich zuerst raten."
      Er machte einen Schritt von Isaac weg und musterte ihn. Bequeme Klamotten, müder Blick, ein bisschen Schweiß, und die Art, wie er seine Prothese hielt.
      "Physiotherapie?" fragte er, ziemlich sicher, den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben.


    • "Was machst du eigentlich hier?"
      Isaac setzte an zu antworten.
      "Nein, warte, lass mich zuerst raten."
      Daraufhin schwieg er doch wieder. Es war schön, wieder mit Kai rumzuhängen. Der Mann hatte eine natürliche Leichtigkeit an sich, die sofort ansteckend war.
      Trotz allem gefiel Isaac nicht, wenn Kai ihn so genau musterte. Er war sich einfach seiner vielen Makel zu sehr bewusst.
      "Physiotherapie?"
      Isaac nickte erleichtert.
      "Zweimal im Monat, am Freitag. Anfangs war es noch mehr, aber das schlimmste ist überstanden. Ich muss mich nur noch dran gewöhnen. Richtig gewöhnen."
      Er hob seinen Arm und bewegte die schwarzen Finger. Seine Prothese war ein sauber gearbeitetes Meisterstück aus schwarzem Chromstahl, die sich perfekt an seinen Armstumpf anschmiegte. Sie funktionierte tatsächlich haargenau wie eine Hand, mit einer Verzögerung in Nanosekunden, die Isaac schon gar nicht mehr merkte. Für ihn fühlte es sich so an, als würde er seine normale Hand benutzen. Natürlich ohne die Haptik.
      "Es tut noch weh, wenn ich sie sehr anstrenge. Ich kann auch noch keine schweren Kisten hochheben und sowas. Daran versuchen sie mich zu gewöhnen. Ich hasse es."
      Er ließ die Hand wieder sinken und warf Kai einen Blick zu.
      "Hast du Prothesen?"
    • "Zweimal im Monat, am Freitag. Anfangs war es noch mehr, aber das schlimmste ist überstanden. Ich muss mich nur noch dran gewöhnen. Richtig gewöhnen."
      Wie gewöhnte man sich denn an eine neue Hand, fragte sich Kai. Wahrscheinlich so, wie man sich an alles andere auch gewöhnte; es passierte einfach.
      Isaac hob seine Hand und präsentierte Kai ein mächtiges Stück Technik. Die Hand sah aus wie aus einem Superhelden Film oder sowas, richtig Sci-Fi mäßig und alles. Und sie bewegte sich beinahe wie eine richtige Hand. Aber nur beinahe. Der Unterschied war aber so klein, dass es kaum auffiel. Es wirkte nur irgendwie... seltsam. Kai konnte es nicht zuordnen.
      "Das Ding sieht ja mal richtig cool aus," staunte er.
      Er lehnte seinen Kopf in die eine, dann in die andere Richtung, sah sich Isaacs Hand aus allen möglichen Winkeln an. Sie war echt cool.
      "Es tut noch weh, wenn ich sie sehr anstrenge. Ich kann auch noch keine schweren Kisten hochheben und sowas. Daran versuchen sie mich zu gewöhnen. Ich hasse es."
      "Kisten heben wird doch eh überbewertet. Solange du nicht in irgendeinem Lagerhaus anfängst, brauchst du das doch kaum. Wobei... Gewichte heben zählt da doch auch dazu... hm. Muss ich mir wohl jemand anderen suchen, der mich endlich dazu motiviert, regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen."
      Es war ja nicht so als ob Kai unfit wäre. Aber er konnte auch nur seine Staffeleien heben und das war dann auch schon das höchste der Gefühle. Dafür hatte er Ausdauer, und darauf war er auch stolz. Hin und wieder ging er joggen, aber das meiste kam von seinen spontanen Tanzparties. Und er hatte ein richtig gutes Körpergefühl, dank jahrelangem Hula-Training.
      "Hast du Prothesen?" fragte Isaac.
      "Nope. Ich bin noch komplett auf Werkseinstellungen. Blinddarm, Mandeln, Polypen, alles noch drin und an mir ist auch alles noch dran. Ich hab mir aber mal das Handgelenk gebrochen, guck mal."
      Nun war er es, der die line Hand ausstreckte. Auf der Unterseite, gleich neben den Sehnen und zum Daumen hinlaufend prangte eine dicke, weiße Narbe auf Kais Haut. Sie war ungefähr fünf Zentimeter lang und wurde in regelmäßigen Abständen von etwa zwei Zentimeter langen Narben durchzogen, die von den dicken Nähten stammten.
      "Ich hab Physio auch gehasst," erklärte er. "Aber das war's wert. Ich hab fast meine volle Beweglichkeit zurückbekommen. Aber je nachdem, was ich mache, tut's immer noch manchmal weh. Zum Glück bin ich eine statistische Seltenheit: Ich gehöre zu den 1% der Menschheit, die tatsächlich komplett beidhändig ist. Ich kann mit rechts alles, was ich mit links auch kann. Gitarre spielen ist trotzdem seltsam, wenn ich's andersrum mache."
      Kai zuckte mit den Schultern. Dann deutete er auf eine Tür, auf die ein Cartoon-Löwe gepinselt worden war. Generell wirkte die Pädiatrie nicht ganz so furchtbar, als sie durch die Doppeltür traten. Die Wände waren alle mit Catroon-Tieren und -Pflanzen bemalt worden, wodurch die langweilige Krankenhausästhetik ein bisschen aufgebrochen wurde.
      Nur ein paar Schritte weiter und sie hatten den Flur gefunden, auf dem Clios Zimmer lag. Kai betrachtete die Nummern an den Türen eingehend, bis er die richtige gefunden hatte.
      "Wir sind da," meinte er mit einem Lächeln und klopfte an.
      "Herein?" kam eine kleine, leise Stimme. Clio.
      "Hey Große," grüßte Kai, kaum dass er zur Tür herein war.
      Das Mädchen im Bett erstrahlte. Sie wirkte müde und viel zu klein für das große Krankenhausbett. Neben ihr standen ein Infusionshalter und ein EKG-Monitor - an beides war sie angeschlossen. Neben ihrem Bett saß ihre Mutter, die nun auch aufsah.
      "Hi, Mrs. Easton," grüßte Kai auch die Frau.
      "Wer ist das?" fragte Clio und deutete auf Isaac.
      "Das ist mein Freund Isaac. Ich hab ihn hier getroffen und dachte mir, ich stell ihm mal das coolste Mädchen des Viertels vor. Isaac, das ist Clio. Und das ist ihre Mom, Mrs. Easton. Isaac hat voll die coole Roboterhand."
      Clios Augen leuchteten auf. Ihre Mutter blieb ruhig. Sie wusste, das Kai niemals etwas tun würde, um ihrem Kind zu schaden. Sie vertraute ihm, wenn er einfach jemanden mitbrachte.
      "Und noch viel besser: ich hab dir was mitgebracht."
      Kai überreichte die eingepackte Leinwand.
      "Weil Krankenhäuser so langweilig sind, dachte ich mir, du brauchst was, was dein Zimmer viel besser macht, als das von allen anderen."
      Mit einem breiten Grinsen zerfetzte Clio das Geschenkpapier, wobei sie ihre eigene linke Hand kaum bewegte - da steckte die Infusion drin.
      "Mama! Mama! Mama! Guck mal! Kai hat mir meine eigene Paw Patrol gemacht! Und das sind alles Katzen! Die hier sieht aus wie Mr. Wiggles!"
      Kai lehnte sich zu Isaac rüber und flüsterte: "Mr. Wiggles ist ihr Lieblingsstofftier. Er sitzt da auf ihrem Kopfkissen."
      Besagtes Stofftier sah bedauernswert zerknautscht aus und könnte wahrscheinlich auch mal wieder einen Waschgang vertragen. Aber man konnte einem Kind ja nur schwer das Stofftier wegnehmen, erst recht nicht, wenn besagtes Kind einmal mehr ins Krankenhaus musste.
      "Gefällt's dir?" fragte Kai.
      "Riesig toll!" antwortete Clio.
      "Freut mich. Isaac und ich können leider nicht lange bleiben. Ich muss nachher noch arbeiten und davor muss ich noch duschen."
      "Hast du schon wieder mit Farbe gekleckert?" fragte Clio, als sei sie eine Lehrerin oder sowas. Sie stemmte sogar ihre kleinen Hände in ihre kleinen Hüften.
      Kai fuhr sich gespielt ertappt durch die Haare. Blieb an einem Knoten hängen. Autsch.
      "Nicht mit Absicht! Das passiert mir halt einfach."
      "So lange du nicht die coole Robo-Hand anmalst!"
      "Würd ich nie!"
      Clio lachte. Kai lachte. Ihre Mutter schmunzelte.
      "Also, Große. Lass es dir schnell besser gehen ja? Dann zeig ich dir beim nächsten Mal, wie man Katzenpfoten malt."
      Clio nickte wild, ihr Pferdeschwanz wippte vor und zurück.
      Kai verabschiedete sich auch wieder von Mrs. Easton und dann schloss er auch schon wieder die Tür hinter sich und Isaac.
      "Ich würd sagen, du bist ab jetzt Clio-approved," scherzte er auf dem Weg zurück zum Ausgang.