Between Fangs and Claws [Kürbis vs Dämon]

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    • "Das ist nur unfair, wenn du Stärke mit Stärke bekämpfst. Wenn du weißt, dass du körperlich schwächer bist, als die meisten Gegner, denen du begegnen wirst, dann musst du eben anders kämpfen. Noch besser ist es, wenn du weißt, wie dein Gegner kämpft."
      Cal mochte vielleicht nicht gut in Politik und Diplomatie sein, aber die Sprache der Fäuste war ihm von Kindesbeinen an bekannt gewesen. Und wie jedem anderen Jungwolf im Rudel auch, hatte man ihm das Geschäft beigebrach. Selbst wenn man seine Natur als Wolf mal außenvor ließ, Cal könnte es mit Navy Seals und dergleichen aufnehmen.
      "Diese Vampire, die korrumpiert worden, die kämpfen nicht mit Sinn und Verstand. Da macht es keinen Sinn, ihre Taktik zu analysieren; sie haben keine. Sie kämpfen instinktiv, auch wenn es nicht ihre eignen Instinkte sind. Von was ich gesehen habe, ignorieren sie dabei sogar ihren eigenen Überlebensinstinkt - und das will was heißen. Diesen einen Trieb, am Leben zu bleiben, schaltet man nicht so einfach aus. Jedes Lebewesen zuckt instinktiv vor Schmerz zurück und will am Leben bleiben. Da die kaputten Vampire den nicht haben, werden sie nicht aufhören, wenn du ihnen die Schulter auskugelst oder den Kiefer brichst."
      Cal trat an Ilya heran und drückte die Knöchel seines rechten Zeige- und Mittelfingers leicht gegen ihren Torso, links gegen ihre Rippen.
      "Da sitzt die Milz."
      Er schob seine Knöchel etwas nach rechts und nach unten.
      "Da sitzt der Solar Plexus."
      Er drückte beide Zeigefinger von der Seite gegen Ilyas Hals.
      "Da sind die Halsschlagadern."
      Er ließ seine Hände wieder sinken.
      "Alles Punkte, die du in einem normalen Kampf nur ordentlich treffen musst, um deinen Gegner auf den Boden, ins Krankenhaus, oder sogar ins Grab zu schicken. Je nachdem, wie schnell die Milz blutet... Mein Punkt ist: der Kraftaufwand für diese Punkte ist immer der gleiche. Du musst nicht super stark sein, wenn du weißt, wo du treffen musst. Ein kräftiger Schlag gegen die Milz und das nutzlose kleine Ding reißt. Da fließt so viel Blut durch, du kannst in Minuten tot sein. Ein Schlag in den Solar Plexus schaltet das Nervensystem kurzzeitig aus, so sehr tut das weh. Atmen kann da schonmal schwerfallen. Und die Halsschlagadern? Ein Handkantenschlag von beiden Seiten und im Hirn gehen die Lichter aus. Das hilft dir bei deinen Vampiren natürlich nicht viel. Wenn du die nicht mit einem Schlag direkt töten kannst, musst du improvisieren. Sie kämpfen unkoordiniert und ohne Verteidigung, es ist also einfach, ihren Attacken auszuweichen, wenn man sie erstmal erkennt. Leider kann man sie nicht wirklich vorhersagen. Aber da sie sich nicht verteidigen, gibt es ein paar Möglichkeiten, wie du sie ausschalten kannst, ohne Jahrhunderte and Kraft angespart zu haben."
      Er trat hinter Ilya und legte seine Knöchel an ihre Wirbelsäule.
      "Ein Mensch kann eine Wirbelsäule brechen, also kriegst du das auch in. Brich sie an der richtigen Stelle und im richtigen Winkel und das Gehirn kann physisch keine Signale mehr an den Rest des Körpers schicken."
      Er setzte seine Finger an den Lendenwirbeln an.
      "Keine Beine mehr."
      Er schob sie nach oben, zwischen ihre Schulterblätter.
      "Keine Verdauung mehr."
      Ein Stückchen höher.
      "Das hier kann die Lungenfunktion einschränken."
      Noch ein Stück höher.
      "Keine Arme mehr."
      Mit den Spitzen seiner Finger strich er Ilya's Nacken entlang.
      "Brich den Hals, und alles geht flöten."
      Cal atmete tief ein, sog ihren Duft tief in seine Nase. Dann trat er einen Schritt zurück.
      "Wenn du die Wirbelsäule nicht treffen kannst, dann gibt es noch andere Punkte, an die man leicht rankommt, wenn der Gegner keine Verteidigung nutzt."
      Er zeigte ihr ein paar Punkte, an denen man diverse interessante Reaktionen in einem Köper auslösen konnte, die alle zu verschiedenen Zusammenbrüchen der Nervenbahnen führten.
      "Der Trick bei deinen kaputten Vampiren ist es, ihre Zähne und Hände immer im Blick zu haben. Die einfachste Form des Angriffes für ein Wesen, das aussieht wie ein Mensch: zugreifen. Weich den Griffen aus und schalte die Hände aus. Weiche dem Biss aus und erledige den Rest. Ihnen den Kiefer zu brechen wird nichts bringen - die ignorieren den Schmerz und den Bruch und werden weiter versuchen, zuzubeißen."
      Cal ging ein paar Schritte auf Abstand und ließ sich mit gewohnter Routine in einen stabilen Stand sinken.
      "Ich weißt, dass dein Arm gerade nicht wirklich funktioniert. Aber versuch mal, mich anzugreifen. Ich werde keine Kraft benutzten, um mich zu verteidigen. Und, natürlich, werd ich dich hier auch nicht verletzen. Darauf hast du mein Wort."


    • Ilya blieb still während er erklärte. Sie hatte keinen Ton gesagt, während er sprach. Nur beobachtet und versucht zu lernen was sie nicht schon wusste. Die Stellen, die er ihr gezeigt hatte, kannte sie aus der Theorie. Aus alten Vampirbüchern, aus schmerzhaften Lektionen ihrer Ausbilder, die lieber prügelten als erklärten. Aber so wie er es sagte machte es mehr Sinn. Calder erklärte nüchterner ohne das Postieren der Älteren und es fühlte sich zum ersten Mal so an, als hätte sie tatsächlich eine Chance.
      Als er hinter sie trat und ihr die Wirbel zeigte, zuckten ihre Muskeln unter seinen Berührungen leicht zusammen. Kurz gingen ihre Gedanken in andere Richtungen mit mehr Berührungen. Ah Reflex. Als er ihr den Nacken berührte, hielt sie kurz den Atem an. Ganz schlecht. Ruhig bleiben Ilya. Er wollte ihr hier etwas zeigen, nicht..was auch immer ihr Kopf sich da ausmalte.
      Dann trat er zurück und forderte sie auf, ihn anzugreifen.
      Ilya senkte den Blick auf ihre Hände. Die Rechte war gut. Die Linke allerdings... immer noch taub und schwer.
      "Du sagst das als hätte ich nicht ab und zu mal gekämpft." Ilya schmunzelte ein wenig darüber. Sie verstand was er sagte. Es war nicht so viel anders, als wie sie gelernt hatte. Aber verschieden genug. Sie wusste nicht ganz, ob sie peinlich berührt, oder dankbar sein sollte, dass Calder ihr ein bisschen half. Eher dankbar vermutlich.
      Sie tief durch, schüttelte das Haar über die Schultern zurück und trat einen halben Schritt vor.
      Erst spannte sie ihre Beine an. Sie konzentrierte sich und versuchte das, was er gesagt hatte, im Kopf abzurufen. Ilya hatte nie mit roher Gewalt gekämpft, doch wenn man mit jemandem kämpfte, der schneller und stärker war, konnte man schnell in Instinkte verfallen. Nun aber zwang sie sich zur Geduld.
      Der erste Schlag kam von rechts. Schnell, aber nicht mit vollem Gewicht. Sie zielte auf seinen Solar Plexus, nur um direkt im Anschluss den Oberkörper zur Seite zu drehen und mit dem Handrücken ihrer tauben Linken grob gegen seine Halsseite zu fahren. War es präzise? Nein. Elegant wie manch andere war es auch nicht. Aber sie versuchte es.
      Und das war neu. Ilya hatte noch nicht oft wirklich gekämpft. Selbst wenn sie es wollte und selbst wenn sie trainierte hatte sie immer das Gefühl von allen Seiten beobachtet und verurteilt zu werden. Irgendwann hatte sie immer seltener geübt und es schließlich aufgegeben in den nächsten Jahrzehnten wirklich etwas zu lernen.
      Als sie schließlich einen halben Schritt, mit angespannter Haltung zurückwich spürte sie ihr pochendes Herz. War das Anspannung oder Vorfreude.
      "Einfacher gesagt als getan." gab sie schließlich zu als sie ihren linken schweren Arm wieder locker zu ihrer Seite fallen ließ.


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    • Ilyas Bewegungen waren langsam und eindeutig ungeübt. Sie wusste zwar, was sie tun sollte, aber für jemanden wie Cal war es offensichtlich, dass sie dieses Wissen noch nie wirklich angewandt hatte. Cal blockte den ersten Schlag, indem er Ilyas Handgelenkt abfing, den Versuch an seinen Hals blockte er mit Leichtigkeit mit seinem Unterarm. Er registrierte, dass seine Schürfwunden nicht mehr schmerzten. Netter Nebeneffekt.
      "Einfacher gesagt als getan," kommentierte Ilya, als sie wieder zurücktrat.
      "Hey. Ich hab den Kram gelernt, bevor ich sicher auf zwei Beinen unterwegs war," gab Cal zurück. "Das Schöne hieran ist: du kannst es üben und besser werden. Nichts hält dich davon ab. Nochmal."
      Cal blockte Angriff um Angriff, aber nicht, um Ilya ihre eigene Schwäche vorzuführen. Er gab ihr nach jeder kleinen Runde Tips, um besser zu werden - und sie wurde es. Natürlich regelte man sowas nicht in einem Abend, aber die Tatsache, dass sie überhaupt besser wurde, sprach Bände. Und er lernte, wie sie sich bewegte, wo ihre Stärken lagen, die sie vielleicht gar nicht erkennen konnte.
      Nach einer halben Stunde beendete Cal ihre kleine Trainingssession.
      "Du kannst es," meinte er. "Du brauchst nur jemanden, der dir hilft besser zu werden. Wenn dein Arm wieder fit ist, sollten wir das wiederholen."
      Er warf noch einen Blick in den Himmel. Der Mond war langsam aber sicher über den Himmel gekrochen.
      "Wir sollten zurückgehen. Ich muss zum Abendessen bei meinem Onkel. Danach hol ich dich ab und wir gehen zu Ash."
      Während er sprach, schlüpfte Cal schon wieder aus seinen Shorts und stopfte sie zurück in den wasserfesten Beute aus dem Baum. Die Verwandlung ging schnell, genauso wie der Weg nach Hause. Seine Hunde, die die ganze Zeit auf der Lichtung oder drum herum unterwegs waren, folgten ihnen zurück zum Haus. Dort angekommen warf sich Cal schnell in die Klamotten, die er auf der Veranda liegen gelassen hatte.
      "Sollte nicht länger als eine Stunde dauern," meinte Cal, bevor er ging.


    • Auf dem Weg zurück zu Calder's zuhause blieb Ilya ruhig. Sie war mehr oder weniger in Gedanken versunken um das zu verarbeiten was da auf der Lichtung passiert war. Nicht nur, dass der Wolf ihr überhaupt den Ort gezeigt hatte, sondern auch die kleine Trainingssession, waren viel zu viel auf einmal. Sie krallte sich ein bisschen fester in sein weiches Fell und seufzte einmal tief.
      Es war ja nicht so, als würde sie nicht trainiert haben. Schon als Kind hatte man ihr das Kämpfen beigebracht. Aber das war eher basierend auf Instinkten und auf den Fähigkeiten, die sie irgendwann haben würde. Nicht die, die sie damals und jetzt schon hatte.
      Damals hatte auch niemand so viel Geduld mit ihr. Die meisten Vampire waren da schon über hundert Jahre alt gewesen, manche sogar noch wesentlich älter und Ilya? Ilya war zarte 6 Jahre alt gewesen. Da konnte man halt noch nicht einfach hinter jemandem springen und ihm den Kopf abreißen.
      Dagegen war Calder ein Engel gewesen. Er hatte ruhig erklärt, sie immer wieder auf Verbesserungen hingewiesen, ohne die Geduld zu verlieren. Dabei galten Vampire doch eigentlich als mehr als geduldig.
      "Alles klar. Ist ja hoffentlich kein Problem, wenn ich die Kleidung hier anbehalte oder?" fragte sie sicherheitshalber, bevor sie sich wieder auf die Couch legte und prompt unter Hunden begraben wurde. Immerhin wurde es so angenehm warm. Sie würde einfach hier warten, solang er unterwegs war.


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    • Der Duft von Gegrilltem und Wildkräutern lag in der Luft, dazu das entfernte Klirren von Besteck – jemand deckte den Tisch auf der Terrasse. Cals Schritte waren ein bisschen träge, aber die Wärme, die von dem alten Haus ausging, lockerte etwas in ihm. Es war eines der wenigen Häuser im Revier, in denen er sich nicht beobachtet fühlte.
      Noch bevor er den ersten Schritt auf die Holzveranda nehmen konnte, riss jemand die Terrassentür auf.
      "Du stinkst, Cal!" Robin stand barfuß in der Tür, ein Becher Limo in der Hand und ein breites Grinsen im Gesicht.
      Ihre braunen Locken waren wild wie immer, ihre Augen blitzten herausfordernd. Cal blieb stehen, rieb sich über den Nacken und sah demonstrativ an sich herunter.
      "Ich hab trainiert. Nicht jeder von uns kann den ganzen Tag damit verbringen, auf Social Media zu scrollen."
      "Pff." Robin verzog das Gesicht und trat zur Seite, damit er eintreten konnte. "Immer noch besser als nach einem toten Waschbären zu riechen."
      "Der Waschbär war sehr lebendig, als ich ihn getroffen hab," konterte Cal trocken, während er sich durch die Tür schob.
      Silas hob vom Küchentisch kurz die Hand zum Gruß, das Gesicht halb im Tablet versunken. Die Zwillinge hatten, ähnlich wie Dusty, ein Händchen für Technik. Gut zu gebrauchen in der heutigen Zeit, wo viele Kämpfe im Cyberspace ausgefochten wurden.
      Hey Cal," murmelte Silas, dann wieder: "Du stinkst."
      "Ihr seid furchtbar."
      Cal schnaubte, aber es war mit einem leichten Lächeln. Er warf Cora, die gerade einen Salat anrichtete, einen kurzen Blick zu.
      Hey Cora."
      "Cal."
      Sie musterte ihn nur flüchtig, dann schnalzte sie mit der Zunge. "
      Du setzt dich besser gleich raus, das Fleisch ist gleich fertig. Und keine Ausreden – ich seh an deinem Gesicht, dass du heute noch nichts Anständiges gegessen hast."
      Sie kannte ihn zu gut.
      Ein paar Minuten später saßen sie alle draußen am langen Holztisch, die Gläser mit selbstgemachter Limonade gefüllt, das Grillgut dampfte auf den Tellern, und Silas beschwerte sich leise darüber, dass es keinen Nachtisch gab, obwohl er wusste, dass seine Mutter ohnehin später etwas aus dem Kühlschrank ziehen würde.
      Linden aß schweigend eine Weile, dann sah er über seinen Teller hinweg zu Cal. "Der Ältestenrat war heute wieder gesprächig."
      Cal hob kaum merklich den Kopf, schob sich ein Stück Fleisch in den Mund und kaute langsam. "Was haben sie denn so gesagt?"
      "Das Übliche. Viel Gerede, wenig Substanz. Ein paar fordern immer noch mehr Kontrolle, ein paar träumen von den alten Tagen. Aber," Linden machte eine Pause, legte die Gabel beiseite, "die Stimmen, die dir misstrauen, werden lauter. Besonders, seit du dich so oft mit den Vampiren triffst."
      Cal spürte, wie sich sein Kiefer verspannte. Das war jetzt nicht unbedingt eine Überraschung, aber es war nochmal was anderes, es so bestätigt zu hören. Er nickte knapp, das Gesicht regungslos. Er konnte - durfte! - sich da jetzt nichts anmerken lassen.
      "Dann dürfen sie sich gleich noch ein bisschen mehr das Maul zerreißen: Ich werd Ilya Crowley mit zu Ash nehmen." Die Worte kamen ruhig, fast beiläufig. "Vielleicht erinnert dey sich an irgendwas. Ich weiß, es ist ein Risiko, aber es könnte helfen."
      Ein leises Klirren am Tisch, dann ein vielsagender Blick von Linden.
      "Du willst eine Vampirin mit zu unserem beeinträchtigen Späher bringen."
      "Ja."
      "Cal..." Der Ton seines Onkels war nicht vorwurfsvoll, eher vorsichtig, fast müde.
      "Ich weiß, wie’s klingt. Aber wenn irgendwer was aufgeschnappt hat, was uns helfen könnte, dann Ash. Und sie... sie hat sich nicht einmal wie ein Feind benommen."
      Ein Moment Schweigen, unterbrochen nur vom leisen Kauen und dem Zwitschern eines Vogels in der Ferne. Dann atmete Linden langsam aus.
      "Ich komm mit."
      Cal schüttelte sofort den Kopf. "Nein. Ich brauch dich, um mir den Rücken freizuhalten. Du kannst mit den Alten viel besser umgehen, dich respektieren sie mehr. Wenn das nach hinten losgeht, brauch ich dich, um das Feuer zu löschen. Sonst kann ich solche Ideen irgendwann gar nicht mehr umsetzen."
      Linden musterte ihn lange, dann lehnte er sich zurück. Ein schiefes, fast stolzes Lächeln zuckte ihm über das Gesicht.
      "Weißt du, wie das gerade klang? Wie ein Anführer. Dumm nur, dass du noch nicht kapiert hast, dass du das auch bist."
      Cal zuckte mit den Schultern, schob sich eine Kartoffel in den Mund und murmelte: "Ich halt mich lieber an die toten Waschbären."
      Robin prustete los, und selbst Silas verzog die Mundwinkel zu einem Lächeln.


    • Ilya verzog leicht die Lippen, als Maple ihr das Gesicht schleckte. "Ich bin doch kein Hundeknochen." äußerte sich sich, semi-empört. "Auch wenn mein Arm vielleicht einer hätte werden können." Etwas behutsam hob sie den immer noch blasseren Teil und begutachtete ihn kritisch. So, wie die Heilung voranschritt würde es wohl noch ein paar Tage bis Wochen dauern, bis sie ihn wieder normal verwenden konnte. Aber solang er nicht abriss...Hoffentlich zog da kein Wolf oder so dran.
      Statt sich weiter Gedanken über ihren Arm zu machen schloss sie die Augen und überlegte schon mal, wie sie am besten an die Gedanken von Ash kommen konnte, ohne seinen ganzen Kopf einmal umdrehen zu müssen. Es missfiel ihr eindeutig, jemanden zu hypnotisieren, der nicht wissen konnte, was man mit ihm machte. Es war einfach unangenehm, alles zu sehen, was die betroffene Person jemals gesehen und gedacht hatte.
      Vor allem, wenn besagte Person ein Wolf war. Dabei hatte Ilya nicht Angst vor den Sachen, die sie sehen würde. Nein, in der Zeit, in der sie die Köpfe und Gedanken von Jahrhunderte alten Vampiren auseinander genommen hatte, hatte sie mehr als genug gesehen. Getötete Menschen, getötete Wölfe und Tiere. Irgendwelche Kriege, in die sich mal jemand eingemischt hatte. Einmal hatte sie sogar ein Stück der Französischen Revolution gesehen. Das war sehr interessant gewesen. Aber eben auch verwirrend, neben den ganzen anderen Erinnerungen.
      Sie blieb eingekuschelt unter der Decke, belagert von immer wechselnden Hunden, außer Maple, die meist direkt gekuschelt an ihrer Seite lag und wartete brav auf Calder. Dabei döste sie irgendwann dann doch weg. Was man halt so tat, als Vampir ohne Aufgaben.


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    • Cal hatte es eilig, nach dem Abendessen wegzukommen.
      Die Nacht kroch bereits über die Dächer, als er durch die weiten, von Laternenlicht erhellten Straßen eilte, die Schultern ein wenig hochgezogen und die Hände tief in den Hosentaschen, gegen den aufkommenden Wind. Es war zwar eigentlich eine angenehme Nacht, aber der Wind war überraschend kühl. Und es roch immer noch nach Regen.
      Die Gespräche vom Abendessen - die Zweifel des Ältestenrats, die Worte seines Onkels – all das hallte in seinem Schädel wider, während er schnellen Schrittes durch das Revier lief.
      Sein Haus lag still da, unerleuchtet. Der Himmel dahinter war dunkler, als er sein sollte. Ein Sturm zog herauf.
      Kaum hatte Cal die Tür geöffnet, stürmten seine Streuner auf ihn zu. Er lachte leise auf, fuhr sich durch das Fell von Acorn, der sofort versuchte, sich vor seine Füße zu werfen, um einen Bellyrub abzugreifen.
      "Nicht jetzt, Kumpel."
      Er kraulte trotzdem kurz über den Bauch, dann schob er sich weiter ins Wohnzimmer. Die Vorhänge waren noch immer zugezogen. Und dort, auf dem Sofa, lag sie. Ilya. Eingewickelt in Coras Decke, den kaputten Arm über den Bauch gelegt, der andere locker an der Seite, wirkte sie beinahe zerbrechlich. Ihre Haare fielen ihr wirr ins Gesicht, was ihr wieder dieses seltsam wilde, freie Aussehen verlieh, das Cal heute Morgen schon hübsch gefunden hatte.
      Cal trat leise näher, ließ sich auf der Kante des Sofas nieder. Die Hunde verzogen sich, als hätten sie gespürt, dass jetzt kein Platz für ihre Fröhlichkeit war. Nur Maple blieb, wo sie war, die Ohren gespitzt, der Blick aufmerksam. Cal lächelte sie an, dann sah er wieder zu Ilya und etwas in ihm zog sich zusammen. Nicht wie Schmerz, nicht wie Angst – eher wie das dumpfe Echo von etwas, das er nicht benennen konnte. Sie war gefährlich, das wusste er. Nicht nur, weil sie Teil eines kaputten Systems war, das sie beide verschlingen konnte, wenn sie unvorsichtig wurden. Sondern, weil sie mehr war, als sie für ihn sein sollte. Mehr, als er zulassen durfte.
      Er hatte eine Grenze längst überschritten. Irgendwo zwischen dem Moment, in dem er gedacht hatte, dass sie wie ein verlorener Streuner wirkte, und dem, in dem er ihr sein Blut angeboten hatte, ohne zu zögern. Wo genau oder welche Grenze das gewesen war, das wusste er nicht mehr.
      Cal rieb sich übers Gesicht. Das war nicht der Moment, um sich zu verlieren. Nicht jetzt. Nicht heute Nacht. Sie hatten einen Job zu erledigen.
      Er streckte die Hand aus, berührte vorsichtig ihre Schulter.
      "Hey," sagte er leise, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. "Wach auf. Zeit loszuziehen."
      Ilya regte sich, blinzelte. Ihr Blick war noch verschwommen vom Schlaf, aber klar genug, um ihn zu erkennen.
      Er lächelte, ruhig, zurückhaltend. Nichts von dem, was in ihm tobte, ließ er sich anmerken.
      "Ich hoffe, du bist bereit. Es wird ein langer Abend."


    • Ilya bekam nur am Rande mit, wie Calder wieder nach Hause kam. Und das auch nur, weil die schöne warme lebendige Hundedecke verschwand und es ungewohnt kalt mit nur Maple an ihrer Seite war. Kurz darauf wurde sie sanft von Calder geweckt. Viel zu sanft eigentlich.
      Die Vampirin blinzelte einmal, zweimal, bevor sie nickte und die Decke zurück schwang. Ein langer Abend war okay, solange es nicht auch noch ein langer Tag dazu wurde. Müde wurde sie schließlich nicht. Nur erschöpft, wenn sie sich durch Wölfsköpfe arbeitete.
      Nachdem sie aufgestanden war klopfte sie sich ihr T-Shirt und die Shorts mit ihrem rechten Arm ab, so weit es ging, doch die Hundehaare waren genauso hartnäckig wie Maple, die aussah als würde sie gleich vor Protest winseln. Ilya streichelte sie ein letztes Mal beruhigend und wandte sich dann wieder Calder zu.
      "Hast du dir schon überlegt, was du Ash sagen willst? Du weißt, dass das nicht so gut funktioniert, wenn man sich wehrt", erklärte sie noch einmal ihre Fähigkeiten, während die beiden sich auf den Weg machten. Es war ihr nicht unangenehm darüber zu reden, doch da sie es bei Calder bis lang nicht versucht hatte war ihm vielleicht nicht so bewusst, wie schmerzhaft das Ganze werden konnte.
      "Das ist wie, als würde ich versuchen zwanghaft ein Buch zu öffnen, welches nicht geöffnet werden will. Wenn da Widerstand ist, werde ich zwangsläufig was kaputt machen."


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    • "Um Ash mache ich mir keine Sorgen," entgegnete Calder.
      Er kannte den Wolf, sie waren gemeinsam aufgewachsen. Ash hatte eine gute Nase und war, wie der Rest von deren Familie, loyal zum Rudel. Sie alle gehörten schon seit Generationen zum Rudel, ohne dabei so dickes Blut zu haben, dass sie es auf irgendeine hochgestellte Position abgesehen haben könnten. Ash hatte sich ausschließlich durch deren Können hochgearbeitet. Cal vertraute dem Wolf mit seinem Leben.
      "Dey wollte schon mehrfach helfen, aber... naja. Der Angriff hat Ash mental ziemlich mitgenommen. Dey will helfen, wirklich, ist aber einfach nicht dazu in der Lage. Ich musste Ash aus der Wachrotation nehmen, weil dey aktuell einfach ein Risiko ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ash begeistert sein wird, endlich was tun zu können. Das eigentliche Problem wird Daisy."
      Cal seufzte und sah in den Himmel hinauf. Die Wolken breiteten sich aus, versprachen Regen noch vor Sonnenaufgang.
      "Daisy ist kein Fan von euch Vampiren. Überhaupt nicht. Ich konnte sie nur dazu überreden, mitzukommen, weil ich ihr versprochen habe, dass sie damit Ash helfen kann. Die beiden sind schon ihr halbes Leben zusammen. Sie wird nur wenig Lust dazu haben, dich in Ash's Kopf herumspuken zu lassen. Aber wie gesagt: darum kümmer ich mich."
      Sie kamen an ein paar Leuten vorbei, hauptsächlich Wölfe mittleren Alters. Sie alle grüßten Cal freundlich und höflich, aber Ilya musterten sie mit Skepsis oder sogar Abscheu. Sie waren es nicht gewohnt, Vampire auf ihren Straßen zu sehen. Cal korrigierte sie nicht. Nur, weil er Ilya so nah an sich, an das Rudel, ließ, hieß das noch lange nicht, dass seine Leute ihre Vorsicht gegenüber ihrer Leute verlieren sollten. Immer wieder musste sich Cal erneut daran erinnern, dass ihrer beider Seiten keine Freunde waren.
      "Wichtig ist, dass du Ashs Wünsche respektierst. Und dass du mein Wort über das von Daisy und Ash stellst. Ash überschreibt Daisy, ich überschreibe beide. Und du bist Gast, ergo stehst du eigentlich ganz unten auf der Leiter. Du weißt schon: Rangfolge und sowas. Was nicht heißt, dass du nichts sagen darfst! Es heißt nur, dass du unsere Entscheidungen nicht in Frage stellen darfs. Deine Meinung und so weiter ist immer noch erwünscht."
      Cal fuhr sich mit einem weiteren Seufzen durch die Haare. Er hatte Rudelpolitik noch nie jemandem erklären müssen. Das war komplizierter, als er gedacht hatte.


    • Ilya passte sich Calder's Geschwindigkeit an und ignorierte die Blicke der Wölfe geflissentlich. Sie war ja nicht hier um Freunde zu machen. Dabei war sie allerdings trotzdem darauf bedacht nicht super unhöflich oder arrogant zu wirken. Mehr nach dem Motto: Wenn ihr mich ignoriert, dann ignorier ich euch und wir haben alle kein Problem.
      Das ging auch ganz gut so, denn die Wölfe grüßten zwar Calder, warfen ihr aber allenfalls einen misstrauischen Blick zu. Genau so, wie die Vampire es bei Calder getan hatten. So war das eben, wenn man sich nicht vertraute. Ein wenig Schade fand sie es schon. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass die beiden Rassen jetzt auch nicht so unterschiedlich waren, wie sie es sich selbst vorspielten. Denn auch als Calder ihr die Rangfolge und Entscheidungsfindung erklärte klang es nicht so unglaublich anders als wie bei ihr.
      Daher nickte sie nur und beobachtete ihn ein wenig, bevor sie selbst fortfuhr. "Ist nicht so anders bei uns." Dabei ließ sie bewusst den Vergleich zwischen Politik und Instinkt aus. Bei Vampiren war alles irgendwo basierend auf Kraft und Blutreinheit. Das hieß, das Ilya als Reinblütige schon weit oben anfing, aber Kräftemäßig noch nachzuholen hatte.
      "Aber alles klar. Ich hab eh nicht vor, mich mit deinen Leuten anzulegen, außer sie versuchen mir an die Kehle zu gehen. Und das wirst du ja unterbinden." Ilya gab ihm ein fast schon provokantes Lächeln. Eines, das genau wusste, was es tat. Nicht flirtend. Einfach nur sicher, dass selbst wenn Daisy Ilya's Arbeit nicht mochte, Calder sich dazwischen stellen würde.


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    • Warum nur sah Selbstsicherheit so gut an Ilya aus? Das war ja geradezu unfair!
      Um sich nicht noch mal zu verhaspeln, sagte Cal einfach gar nichts, bis sie ihr Ziel erreichten.
      Das Haus lag in einer ruhigen Seitenstraße, eingebettet zwischen anderen, beinahe identisch gebauten Reihenhäusern, wie sie in Vorstädten häufig standen – jedes mit einem kleinen Vorgarten, einer Veranda, der typischen weißen Umzäunung. Doch trotz der baulichen Gleichheit war keines wie das andere. Manche hatten akkurat gestutzte Buchsbaumhecken, andere schrille Gartenlichter in Tierform. Einige waren schlicht, andere schrien nach Aufmerksamkeit.
      Das Haus, das Cal und Ilya nun erreichten, stach auf eine Weise hervor, die weder laut noch gezwungen wirkte. Jemand hatte bunte Blumen an die Fassade gemalt – mit sicherer Hand, aber kindlicher Freude. Sonnenblumen, Mohn, Kornblumen rankten sich in satten Farben an der Wand empor. Kein einziges Beet störte das Bild, kein akribisch gepflegter Rasen. Stattdessen wucherten im Vorgarten wilde Blumen kreuz und quer, chaotisch, aber lebendig. Löwenzahn und Nachtkerze, Schafgarbe, Vergissmeinnicht – alles schien seinen Platz zu haben, gerade weil es keinen festen gab.
      Obwohl die Sonne längst hinter dem Horizont verschwunden war, saßen noch ein paar träge Hummeln in den Blüten. Insekten surrten leise, als wollten sie sich nicht eingestehen, dass der Tag vorbei war. Aus einem geöffneten Fenster im Obergeschoss drang gedämpfte Musik nach draußen – ein warmer, langsamer Song mit viel Bass und einer rauchigen Stimme. Keine Playlist, sondern etwas, das bewusst ausgewählt worden war.
      Cal warf einen letzten Seitenblick auf Ilya, dann hob er die Hand und klopfte dreimal gegen die Holztür. Nur Sekunden später wurde sie von Daisy geöffnet.
      Zunächst strahlte ihr Gesicht auf, als sie Cal erkannte. Doch das Lächeln erstarb abrupt, kaum dass sie Ilya sah. Ihre Augen verengten sich, ihr Kiefer spannte sich an, und die Hand an der Türklinke verharrte in einer fast unbewussten Abwehrhaltung.
      Die offene Wärme war verschwunden. Was blieb, war misstrauische Zurückhaltung.
      "Was macht die denn hier?" fragte Daisy ohne Umwege. Die Worte waren nicht feindselig, aber hart genug, um zu stechen.
      Cal atmete ruhig aus. Natürlich hatte er mit so etwas gerechnet.
      "Sie sind hier, um zu helfen," kam Ashs sanfte Stimme von hinter ihr.
      Daisy sah ihren Partner geschockt an, dann wieder zu Cal.
      "Das ist nicht dein Ernst, oder?! Wie soll ein Vampir denn helfen, wo Wölfe es nicht können?!"
      "Lass es Daisy," entgegnete Cal ungerührt. "Das ist eine Sache, die Ash betrifft, nicht dich."
      "Alles, was Ash betrifft, betrifft mich!"
      "Daisy!"
      Die Wölfin biss sich auf die Zunge, dann trat sie beiseite, um Cal und Ilya reinzulassen. Seit der Sache mit Ember war sie viel zu beschützerisch gegenüber Ash geworden. Es war gut zu sehen, dass dey wenigstens ein bisschen Rückgrat zurückbekam.
      Das Haus roch nach Thymian und altem Holz, nach einem Ort, an dem oft gekocht und selten geputzt wurde – nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil es Wichtigeres gab. Schon von der Tür aus war klar: Hier wurde gelebt. Nicht für Besucher aufgeräumt, nicht zur Schau gestellt.
      Auf dem Weg ins Wohnzimmer führte der Flur vorbei an einer offenen Küche, deren dunkle Holztheke mit Tellern, Tassen und einem halbleeren Glas Saft übersät war. Ein Schneidebrett mit noch etwas Brotkrümeln lag daneben, eine Pfanne war zum Abkühlen in die Spüle gestellt worden. Am Tresen klebte noch eine Serviette mit ein paar handschriftlichen Notizen – unleserlich, eilig gekritzelt.
      Das Wohnzimmer selbst war warm, überfüllt, chaotisch in einer Art, die beruhigend wirkte. Es war in sanftes Licht getaucht, das von mehreren kleinen Lampen stammte. Die Möbel wirkten alt, aber gepflegt. Bücherstapel balancierten auf jeder freien Fläche. Auf dem Teppich lagen zahlreiche Hundespielzeuge verstreut, die meisten angenagt, angekaut, mit aufgerissenen Nähten und heraushängendem Füllmaterial. Ein gummierter Knochen lag direkt im Weg, Cal trat fast drauf. Aber es gab kein Hundebett. Keine Leine. Keine Näpfe. Und vor allem: keinen Hund. Das waren alles Spielsachen von Ash's Neffen, der immer mal wieder hier zu Besuch war und herumtobte.
      Ash saß auf dem großen, tiefen Sofa, die Beine unter sich geklemmt, in einem ausgewaschenen Shirt und einer grauen Jogginghose, die schon bessere Tage gesehen hatte. Deys Schultern hingen leicht, als würde jede Bewegung Kraft kosten. Deys Gesicht war fahl, die Augen von dunklen Ringen gezeichnet. Cal konnte nicht sagen, ob Ash krank war oder einfach nur erschöpft – wahrscheinlicher war Letzteres. Dey wirkte, als hätte dey schon seit Tagen nicht mehr durchgeschlafen.
      Cal ging mit vorsichtiger Ruhe in den Raum, Ilya an seiner Seite. Ihr Gang war aufmerksamer, vielleicht sogar vorsichtiger als seiner – nicht aus Unsicherheit, sondern aus dem Wissen heraus, dass sie nicht willkommen war. Daisy betrat den Raum direkt hinter ihnen und veränderte sofort die Atmosphäre. Ihre Präsenz wurde kantiger, fokussierter. Sie war nicht laut, nicht direkt bedrohlich, aber sie nahm eine Verteidigungshaltung an.
      Sofort sie an Ashs Seite, fast unbewusst, mit einer Hand leicht auf der Rückenlehne des Sofas.
      "Hey," grüßte dey mit rauer Stimme, kaum mehr als ein Hauch.
      Dey richtete den Blick langsam auf Ilya, musterte sie offen, dann wieder zurück zu Cal. Im Gegensatz zu Daisy zeigte Ash keinerlei Feindseligkeit. Aber so war Ash schon immer gewesen. Ein großer, wachsamer Wolf, ohne je den Drang zu haben, sich mit irgendwem anzulegen. Der perfekte Hüter - beschützerisch, aber nicht konfrontationsfreudig.
      "Du meintest, es sei wichtig?"
      Cal nickte nur.
      "Ich hoffe, das," er nickte zu Ilya, "ist okay?"
      Ashs Mund zuckte, ein Ausdruck, der kein Lächeln war, aber auch kein Nein.
      "Kommt drauf an, was du willst."
      "Wo ist der Knirps?"
      Cal betrachtete das viele Spielzeug auf dem Teppich.
      "Bei seiner Mom. Hatte ihn nicht mehr über Nacht hier, seit..."
      Ashs Stimme brach. Daisys Haltung wurde kurz weicher, als sie ihrem Partner eine Hand auf die Schulter legte.
      "Ich nehm an, Oakley ist oben?" fragte Cal weiter und Ash nickte.
      Oakley war Daisys und Ashs Mitbewohner, aber er hatte sich vor zwei Wochen ein Bein gebrochen. Cal fragte sich, wann der Wolf unausstehlich wurde... die meisten Wölfe verloren schnell den Verstand, wenn sie sich nicht richtig bewegen konnten. Erst recht, wenn sie nicht rennen konnten.
      "Das klingt alles nach Sicherheitsfragen," schaltete sich Daisy ein. "Was hast du vor?"
      "Ilya hier kann in die Köpfe von Leuten gucken. Du warst die einzige Person vor Ort, als wie angegriffen wurden und wir hatten gehofft, dass du sie reingucken lässt, damit wir ein Bild von dem Angreifer bekommen könnten."
      "Spinnst du?! Nein! Ich lass doch keinen Blutsauger in Ashs Kopf rumstochern!"
      Cal starrte Daisy ruhig an, obwohl ihr kleiner Wutausbruch äußerst respektlos gewesen war.
      "Ich hab nicht dich gefragt," gab er zurück, seine Stimme schneidend. "Ashs Kopf, Ashs Entscheidung."
      "Nein," hielt Daisy dagegen. "Seit der Sache ist Ash völlig im Arsch. Du bist nicht hier, du hast keine Ahnung! Ash schläft nicht, redet kaum, ich muss dey dazu zwingen, was zu essen-"
      "Daisy, komm runter."
      Ash griff nach ihrem Unterarm aber sie entzog sich dem Versuch.
      "Nein. Mir egal, ob ich dich hier bevormunde, Ash. Ich will nicht, dass irgendso eine Vampirschlampe ihre Fühler in deinen Verstand steckt!"
      Cal sprang auf, packte Daisy am Handgelenk und zerrte sie nach vorn. Er wirbelte sie herum, kickte ihr die die Füße unter den Beinen weg und krachte mit ihr zu Boden. Er presste ihr Gesicht mit einer Hand in den Teppich, während er mit einem Bein zwischen ihren Schulterblättern kniete. Sie wehrte sich, zappelte unter ihm, aber er verdrehte ihr bloß die Arme auf den Rücken, sodass sie sich nur selbst wehtat, sollte sie sich zu viel bewegen.
      "Du widersprichst mir?!" brüllte er. "Willst du's drauf anlegen? Hm?! Wir können gern in den Garten gehen und dann kannst du dein Glück versuchen."
      Daisy hörte auf sich zu wehren.
      "Dacht ich mir. Ich versuch hier, denjenigen zu finden, der uns angegriffen hat. Ich versuch hier, für Gerechtigkeit für das Rudel - für Ash - zu sorgen. Du darfst gern besorgt sein, aber irgendwo müssen wir anfangen."
      Cal ließ Daisy los, half ihr auf die Beine.
      "Jetzt beweg deinen Arsch da rüber auf die Couch und steh deinem Partner bei, anstatt dich wie eine räudige Jungwölfin zu verhalten, klar?!"
      Daisy nickte und tat, was ihr gesagt worden war. Sie setzte sich dicht neben Ash und ergriff deren Hand. Ash lächelte leicht.
      "Süß, dass du dich für mich mit dem Rudelführer anlegst," meinte dey. "Aber mir wär's lieber, wenn du in einem Stück bleibst."
      Daisy konnte nicht anders und lächelte auch.
      "Ich versuch's," antwortete sie.
      Ash wandte sich wieder Cal und Ilya zu.
      "Also. Wie sieht das aus, wenn du in meinen Kopf guckst?" fragte dey direkt an Ilya gewandt.


    • Ilya folgte Calder wie ein Entenküken seiner Mutter folgte, als sie das Haus von Ash und Daisy betraten. Die Atmosphäre war warm und wohnlich. Noch wesentlich mehr, als Calder's Haus. Das war, im Vergleich, wirklich ein wenig leer. Natürlich nicht so leer, wie Ilya's Wohnung oder die ihrer Artgenossen, aber wesentlich weniger bewohnt als das, welches sie gerade betrat.
      Sie erinnerte sich daran, dass Calder genau das gesagt hatte. Seine Hunde lebten dort, aber er selbst verbrachte mehr Zeit bei seiner Familie. Und so sah anscheinend ein Haus aus, in der eine richtige Familie wohnte. Eine Familie, die sich liebte und nicht nur aus Zweckmäßigkeit zusammen lebte. Irgendwer hatte Ilya mal geflüstert, dass ihre Eltern sich wohl tatsächlich liebten, aber wirklich sehen oder spüren konnte sie davon nichts.
      Wann hatte sie das letzte Mal nur ihre Eltern gesehen? Zusammen an einem Tisch? Das musste Jahre her sein. Es gab ja auch nicht wirklich einen Grund, sich zusammen zu setzen. Gemeinsame Mahlzeiten waren zwar nicht unmöglich, aber doch nicht sinnvoll, Reden taten sie auch nur das nötigste und in letzter Zeit waren ihre Eltern auch beschäftigt gewesen. Vor allem ihre Mutter hatte wohl ein paar kleine Fehden mit dem Vatikan zu klären. Nicht, dass sich Ilya dafür interessierte oder in irgendeiner Weise dort einmischen würde.
      Jedoch verspürte sie einen seltsamen Funken Eifersucht, als sie die Wärme und das Vertrauen zwischen den Wölfen beobachtete. Klar war Daisy alles andere als gut auf sie zu sprechen, doch Ilya musste ihr zugestehen, dass sich die Wölfin wirklich um ihren Partner kümmerte. Selbst zwischen Vampirpartnern gab es selten eine so starke Bindung und Verantwortung.
      Calder hatte die Wölfin schnell unter Kontrolle gebracht. Dass er dabei unverschämt heiß aussah versteckte Ilya gekonnt hinter ihrem Schweigen. Sie hatte nicht vor, sich hier irgendwie einzumischen. Daher stand sie einfach dort und sah zu, wie die Wölfe untereinander ihre Probleme klärten. Ein bisschen erinnerte es sie schon an die Art, wie auch ihre Artgenossen miteinander umgingen. Nicht selten musste ein Vampir, wenn er sich nicht beugte, einen seiner Arme wieder anheilen. Oder bekam ihn erst nach ein paar Wochen wieder. Nichts besonderes, nichts schlimmes, aber eine Bestrafung und eine Macht Verteilung gleichermaßen.
      Erst, als Calder Daisy auf's Sofa gezwungen hatte und Ash nun selbst das Wort ergriff regte sich die Vampirin wieder. Wie versteinert irgendwo stehen war ja quasi normal für sie.
      "Also. Wie sieht das aus, wenn du in meinen Kopf guckst?" Kurz sah sie zu Calder rüber. Sie hatte nicht vor, hier irgendwem eine Masche vorzuspielen, jedoch konnte sie sich schon denken, dass Daisy mit ihren nächsten Worten überhaupt nicht einverstanden sein würde.
      "Ich kann dich wie ein Buch lesen. Wie viele Seiten ich davon lese hängt davon ab, wie freiwillig du mir die Erinnerungen zeigst," erklärte sie, fest aber nicht kalt. "Je tiefer ich graben muss, desto unangenehmer wird es. Ich werde alles sehen. Jeder Gedanke, jede Erinnerung, jede noch so kleine Situation in deinem Leben. Das Gehirn vergisst das nicht. Du hast nur keinen Zugang mehr dazu. Ich allerdings..." sie sah nicht zu Daisy, sondern ihre Augen blieben an Ash kleben "werde alles sehen." Erst dann wandte sie sich auch Calder wieder zu.
      "Wenn Ash die Erinnerungen verdrängt, wovon ich ausgehe, dann wird das nicht einfach." Sie seufzte leise und hob beschwichtigend die Hände, bevor sie vielleicht doch von seiner Partnerin angefallen wurde. "Aber wenn es dich zu sehr belastet kann ich die Erinnerungen auch abändern. Oder verschwimmen lassen. Das passiert zwar normalerweise automatisch nach einiger Zeit, aber ich kann den Prozess beschleunigen. Vielleicht hilfts ja ein bisschen..."


      ♪♫•*¨*•.¸¸사랑햡니다¸¸.•*¨*•♫♪

    • Ash hörte aufmerksam zu, machte keine Anstalten, sich zu beschweren. Deswegen behielt Cal lieber Daisy im Auge, die die Hand ihres Partners immer fester griff. Er konnte sehen, wie sich ihr Kiefer verspannte. Wäre sie in ihrer Wolfsform, würde ihr das Fell auf ihrem gesamten Rücken zu Berge stehen. Es gefiel ihr gar nicht, was Ilya da sagte. Aber Daisy musste damit klarkommen. Es war Ashs Entscheidung, wie sie weitermachen würden.
      "Kannst du die Erinnerung auch klarer machen?" fragte Ash.
      Das überraschte Cal ganz und gar nicht. Ash hatte von Anfang an helfen wollen, konnte sich aber nur an Schemen erinnern. Es war zu viel losgewesen, um auf Details zu achten. Ash hatte ihnen im Nachhinein nur sagen können, dass es sich bei dem Angreifer um eine einzige Person handelte und dass besagte Person nach der alten Magie stank, die sie überall im Revier schon gefunden hatten. Und das wurmte Ash ungemein, auch wenn immer alle sagten, dass es okay war, dass dey getan hatte, was im Bereich des Möglichen gelegen hatte. Das entsprach sogar der Wahrheit. Ohne Ash hätten sie in dieser Nacht alle Jungwölfe verloren.
      "Bis du dir sicher?" fragte Cal trotzdem.
      Ash nickte. "Ich will wissen, was ich da gesehen habe. Ich hab's satt das mein Hirn versucht, die Lücken zu füllen. Das macht's irgendwie schlimmer."
      Daisy drückte ihren Kopf gegen Ashs Schulter. Körpersprache.
      "Ich werd mich nicht wehren. Ich hab nichts zu verstecken. Und wenn Cal sagt, dass es okay ist, dann vertrau ich ihm."
      Cal sah zu Ilya. Damit war es praktisch beschlossene Sache.


    • "Kannst du die Erinnerung auch klarer machen?" fragte Ash. Ilya war zwar nicht überrascht im traditionellen Sinne, aber ein wenig überrumpelt. Die meisten, die freiwillig zu ihr kamen wollten meist etwas vergessen. Das Ash lieber etwas klarer sehen wollte war ungewöhnlich, aber nicht unerhört.
      "Wenn ich etwas erkennen kann, dann ja." Sie nickte einmal, bevor sie fortfuhr. "Das Problem ist eher, dass die meisten meiner Leute irgendwie einer Gehirnwäsche oder so zum Opfer gefallen sind. Da war nichts brauchbares rauszuholen," gab sie seufzend zu und stemmte die Hände in die Hüften. "Wenns unangenehm wird, sag Bescheid. Ich versuch behutsam zu sein, aber ich war noch nicht wirklich im Kopf eines Wolfes."
      Sie sah ein letztes Mal zu Calder. Ein wenig war sie ja schon nervös, dass Daisy ihr doch noch an die Kehle wollte. Aber der Mann hatte ziemlich stark demonstriert, dass er nicht umsonst der Rudelführer war. Auf seine Autorität und seine Kraft vertraute sie nun, als sie sich vorbeugte und dem anderen Wolf tief in die Augen sah.

      Das erste, was Ilya sah, waren natürlich nicht die Ereignisse jener Nacht. Sie sah kleine Wölfe am Spielen, Gespräche zwischen Ash und Daisy, die sie niemals aussprechen würde, Gedanken, die seine Partnerin vermutlich in Ohnmacht treiben würden. Gefühle. Gedanken. Schuld. Die Vampirin bewegte sich nicht, als sie weiter grub, jede Erinnerung durchdrang, wie als würde sie eine Seite nach der anderen aufblättern. Ah. Ash hatte sich nicht versteckt. Die Gedanken waren zwar etwas konfus, doch sie sah genau, was damals passiert war. Zumindest alles, was Ash so erlebt hatte.
      Da waren Jungwölfe, die miteinander tollten und patrouillierten. Die Stimmung war heiter, vielleicht sogar ein wenig spielerisch. Ihre Gedanken waren laut, ein wilder Chor aus jugendlicher Freude, Hunger, Hitze, Übermut. Ihre Energie tanzte durch Ashs Kopf wie flüchtige Glühwürmchen, kaum zu greifen und hell wie eh und je. Doch dann veränderte sich die Stimmung. Die Erinnerungen verdichteten sich.
      Ilya konnte es fast körperlich spüren, wie die Atmosphäre kippte. Wie ein dumpfer Donnerschlag in weiter Ferne, nicht plötzlich wie ein Blitzeinschlag, aber genauso stark.
      Ash stand am Rand der Lichtung, nahe der Siedlungen. Sie spürte, wie sein Herz pochte, wie die Instinkte des Wolfes schrien. Er hatte eine Ahnung gehabt, ein Geruch, der nicht stimmen konnte. Ilya wusste nicht, wie sie die Gerüche überhaupt einordnen sollte. Die vielen Eindrücke, die sie als Vampir nicht kannte. Es war kein Wolf, kein Tier, kein Mensch. Es stank alt und verwest. Schwer von fremder Magie. Ilya spürte, wie Ashs Puls in die Höhe schnellte, wie jedes Haar sich gesträubt hatte und ihr Körper reagierte in Akkord, als sich ihre eigenen Härchen aufstellten. Und das, obwohl Vampire eigentlich keine Gänsehaut bekamen.
      Plötzlich kam die Bewegung. Ein Schatten, zu schnell, zu lautlos für natürliche Sinne. Viel schneller als die Kämpfe zwischen Vampiren, viel schneller als sie Calder bis lang erlebt hatte. Ein humanoider Körper, aber wesentlich stärker. Größer. Monströser. Es erinnerte sie an einen Ghoul. Doch die Hörner... Es war kein Vampir, kein Wolf, sondern etwas anderes, mächtiges. Doch wirkte es nicht, als würde das Wesen alleine handeln, auch wenn es alleine dort stand. Die Bewegungen, die Atemzüge, sie glichen einem Werkzeug, gelenkt von etwas, das sich verborgen hielt.
      Ilya spürte Ashs Schrei in den Knochen. Kein Ruf nach Hilfe, sondern nach Warnung. Die Jungwölfe drehten sich um, zu spät. Ember, so erkannte sie, war die Erste, die ihn sah. Und die Letzte, die nicht auswich. Der Fremde riss sie zu Boden, mit unmenschlicher Kraft. Knochen splitterten. Ihr Schrei durchschnitt die Lichtung, ein Laut so roh, dass selbst Ilya die Erinnerung schmerzte. Scheiße. Ilya schaffte es nicht ihre Gesichtszüge neutral zu halten. Es gefiel ihr gar nicht, was sie hier sah und erlebte.
      Ash stürzte vor, schneller als ein Herzschlag, doch da war bereits Blut. Viel zu viel Blut. Sie roch es durch seine Gedanken. Doch anders als sonst war es für sie nicht Versuchung, nicht Hunger, sondern purer Horror.
      Aster hatte versucht, Ember zu erreichen, war dazwischen gegangen, hatte den Angreifer gerammt. Aber die Kreatur hatte sich nicht rühren lassen, nur den Kopf geneigt wie ein Tier, das eine neue Beute witterte. Dann war sie aufgestanden, mit Ember noch immer in den Armen. Ihre Kehle war offen. Ilya sah es, als würde sie direkt davorstehen. Das Mädchen zuckte noch, versuchte zu atmen, aber ihre Lunge war voller Blut.
      Ash hatte geschrien. Ash hatte gebissen, gekratzt, gerammt. Aber der Angreifer hatte einfach... aufgehört. Nicht besiegt. Nicht fliehend. Sondern... fertig. Ember war fallen gelassen worden wie ein leeres Stück Stoff. Und dann war das Wesen verschwunden. Einfach so. Kein Kampf. Keine Jagd. Es war gekommen, hatte genommen, was es wollte, und war wieder gegangen. Der Job erledigt, das Werk getan.
      Aster lag röchelnd daneben, die Flanke aufgerissen. Ashs Gedanken wurden abgehackt, wirr. Schuld, Schmerz, Fassungslosigkeit. Der Versuch, zu helfen, Ember wiederzubeleben. Da war die Angst, es falsch gemacht zu haben. Die schreckliche Erkenntnis, dass Ember längst weg war und nicht zurück kommen würde.
      Ash hatte es nicht ganz gesehen. Zumindest nicht bewusst, doch jetzt, wo Ilya in Ash's Körper stand und sich umsah, war es da. Nicht als Bild, nicht als Wesen oder Person, sondern als Entität. Wie eine Vorahnung. Die Präsenz von etwas, was nicht da sein sollte. Wie etwas, was sie schon so oft erlebt hatte aber nie ganz einordnen konnte. Die Verzerrungen in den Erinnerungen der Vampire, wie Rauch über Wasser.
      Ilya versuchte, sich darauf zu fokussieren, doch da war nicht mehr zu holen. Zumindest nichts brauchbares. Die Erinnerungen begann zu bröckeln. Der Schmerz, die Verzweiflung, die körperliche Überlastung, all das hatte sie genau wie Ash erlebt. Durchlebt. Ilya atmete schwer, als sie sich schließlich abwandte, die Zähne zusammen gebissen. Die Schuld war geblieben. Und das Bild von Embers lebloser Gestalt, blass im Mondlicht, wie eine Puppe in einem zu dunklen Märchen. In beider ihrer Gedanken. In beider ihrer Köpfe.
      Ilya schloss für einen Moment die Augen um ihren eigenen Herzschlag zu beruhigen und ihre Gedanken zu sortieren. Sie hatte nicht erwartet, dass Wölfe so extrem empfanden. Und dass sie das im Gleichen Ausmaß mit machte. Ihr ganzer Körper fühlte sich heiß an. Zitternd. Ihre Kehle war staubtrocken, aber nicht vor Hunger sondern von dem, was sie erlebt hatte. Das Bild von Embers totem Blick gen Himmel war noch immer auf ihrer Netzhaut gebrannt.
      Sie brauchte eine ganze Weile, um sich selbst wieder unter Kontrolle zu bringen. Das war viel heftiger gewesen, als alle Hypnosen vorher. Schlimmer. Lebendiger. Realer. Erst nachdem sie noch ein paar tiefe Atemzüge genommen hatte, wagte sie es Calder in die Augen zu sehen. Ihre eigenen waren mittlerweile wieder tiefrot, angestrengt, hungrig und verstört gleichzeitig.
      "Selbst wenn du dabei gewesen wärst hätte das niemanden gerettet. Das Ding da? Das zerreißt uns alle in Stücke wenn wir nicht aufpassen."


      ♪♫•*¨*•.¸¸사랑햡니다¸¸.•*¨*•♫♪

    • Calder konnte nichts weiter tun, als zusehen. Und das trieb ihn in den Wahnsinn. Er faltete die Hände im Schoß, sah von Ash zu Ilya und wieder zurück, wippte mit dem Bein. Keiner der beiden bewegte sich. Daisy sah hilfesuchend zu ihm, er schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. Er wusste, dass es so aussehen sollte, aber es war was ganz anderes, wenn es nicht um irgendeinen namenlosen Vampir ging.
      Und dann schloss Ilya die Augen, taumelte leicht. Cal war direkt da, fing sie auf und brachte sie dazu, sich zu setzen. Ash, in der Zwischenzeit, schien sich noch weiter zusammenzurollen und bettete deren Kopf in Daisys Schoß.
      "Selbst wenn du dabei gewesen wärst hätte das niemanden gerettet. Das Ding da? Das zerreißt uns alle in Stücke wenn wir nicht aufpassen."
      Cal begegnete Ilyas Blick - sie hatte eindeutig wieder Hunger, mittlerweile konnte er die Farben zuordnen - und nickte knapp. Immerhin wussten sie jetzt endlich, womit sie es zu tun hatten.
      "Aber du hast es gesehen? Und du kannst es wiedererkennen?" fragte er.
      "Kann ich," antwortete Ash, auch wenn Cals Frage eher an Ilya gerichtet war.
      Er betrachtete den mitgenommenen Wolf. Irgendwas hatte sich an Ash verändert. Dey wirkte... stärker. Als ob sich irgendwas in deren Inneren wieder zusammengesetzt hätte.
      "Ruh dich aus," befahl Cal. "Ich will, dass du die Beschreibung morgen an jeden Wächter weitergibst. Und an die Späher. Sollte es nochmal auftauchen, will ich sofort wissen, wo es ist."
      Ash nickte, Daisy ebenfalls.
      "Ist das genug für eine Jagd?" fragte sie.
      "Weiß nicht. Ist mir aber auch egal. Ich werd keine erklären. Wenn das Ding so stark ist, wie Ilya sagt, dann müssen wir erst wissen, wie wir es erlegen können, bevor ich aktiv Wölfe draufansetze."
      Cals Gesichtsausdruck wurde weicher.
      "Ruht euch beide aus. Wir werden nicht mehr viel Zeit dafür haben, wenn das so weiter geht."
      Er stand auf, zog Ilya mit sich auf die Füße.
      "Grüßt Oakley von mir. Sagt ihm, er soll sich damit beeilen, sein Bein auszuheilen. Ich brauch seine Muskeln."

      Der Weg zurück zu Cals Haus verlief schweigend. Nicht unangenehm, nur schwer. Und nass. Es hatte angefangen zu regnen, aber der Sturm war noch nicht da, auch wenn es in der Ferne bereits bedrohlich blitzte.
      Als sie das Haus erreichten, stoben die Hunde ihnen schon entgegen, schwanzwedelnd, begeistert. Einer nach dem anderen sprang um Cal herum, versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Aber er streichelte nur kurz über einen Kopf, murmelte ein leises "Später", dann ließ er die Haustür hinter sich ins Schloss fallen.
      Er fing an, auf und ab zu laufen. Von der Haustür durchs Wohnzimmer an der Küche vorbei bis zur Hintertür und in der geraden Linie des angedeuteten Flurs wieder zurück. Die Hunde folgten ihm erst, dann setzten sie sich irgendwann, einer nach dem anderen, als wären sie sich einig geworden: Das hier musste ausgesessen werden.
      Er wusste, dass sie heute weitergekommen waren. Sie hatten endlich ein Bild – ein echtes Gesicht des Angreifers. Nicht nur Vermutungen, nicht nur blutige Überreste und leer gefegte Szenen. Ein Schatten hatte endlich eine Kontur bekommen.
      Und trotzdem fühlte es sich an, als würden sie immer noch auf der Stelle treten.
      Cal fuhr sich mit der Hand durchs Haar, blieb kurz stehen, nur um dann wieder loszulaufen.
      Sie wussten jetzt, wie der Mörder aussah. Und dennoch wussten sie nicht, was er war. Nicht, warum er es getan hatte. Nicht, was er als Nächstes vorhatte.
      "Das reicht nicht," murmelte er.
      Ein Hund – er glaubte, es war Birch – winselte leise, aber Cal reagierte nicht. Seine Gedanken liefen längst weiter, schneller als seine Füße.
      Der Boden knarrte leise unter seinen Schritten.
      Sie hatten einen Schritt in die richtige Richtung gemacht – nur war der Weg davor noch immer vollkommen unbeleuchtet.
      Er war müde. Frustriert. Und irgendwo unter all dem: wütend. Nicht auf Ilya. Nicht einmal auf den Mörder. Sondern auf das Gefühl, als würde sich all das, was er tat, ihn nirgendwo hinbringen. Als würde er mit bloßen Händen gegen einen Damm stemmen, der längst begonnen hatte zu bröckeln. Wölfe hassten es, stillstehen zu müssen.


    • Ilya folgte ihm schweigend, etwas benommen und eindeutig mitgenommen. Den ganzen Weg hatte sie damit verbracht, zumindest zu versuchen, ihre eigenen Gedanken zu ordnen, doch das war einfacher gesagt als getan. Das was sie da gesehen hatte, hätte jeden mitgenommen. Sowohl Wolf, als auch Vampir.
      Es erinnerte sie ein wenig an Erinnerungen, die sie schon längst verdrängt hatte. Wie ein Vampir seine Gefährtin vergraben musste, weil sie von Wölfen zerrissen worden war. Wie ein anderer Vampir seinen besten menschlichen Freund im Krieg nicht verarzten konnte. Tragik war in der langen Lebenspanne der Vampire allgegenwärtig. Doch anders als bei allen Vampiren vorher, hatte sie die Erinnerungen nicht nur gesehen, sondern erlebt.
      Das war ihr noch nicht passiert. Sie hatte nicht nur in seinem Kopf, sondern auch in seinem Körper gesteckt. Nicht nur gesehen, was passierte, sondern auch gefühlt, was Ash gefühlt hatte. Das von ihren eigenen Gefühlen und Gedanken zu trennen erübrigte sich als schwieriger, als ihr lieb war.
      Daher war sie auch kaum in der Lage Calder davon abzubringen wie ein irrer das Wohnzimmer auf und ab zu wandern. Schon bei Ankunft hatte Ilya sich direkt erschöpft aufs Sofa gelegt und sich eingekuschelt und Maple hatte sich direkt wieder zu ihr gelegt. Immerhin wurde es, angesichts der dumpfen Nässe draußen, durch die Hündin schnell wärmer. Während sie ihn beobachtete rasten ihre eigenen Überlegungen. Sie verstand, warum Calder so aufgebracht war. Aber sie hatte keine Worte, die ihm helfen konnten. Zumindest keine, die für sie Sinn machten. Da war immer noch diese Präsenz, deren Gesicht sie nicht gesehen hatte. Die Präsenz eines jemanden, die allgegenwärtig in den Köpfen ihrer Artgenossen gewesen und doch nicht sichtbar in Ash's Erinnerungen war.
      "Cal-" Sie stockte kurz und schluckte, bevor sie fortfuhr. "Das was ich gesehen habe, hat mich mehr an einen Dämon erinnert. Wenn die wirklich aus China und dessen Umgebung sind würde das passen. Aber wir wissen nicht ob sie alleine agieren." Ilya wusste nicht mal, ob er ihr zuhörte, da Calder immer noch am wandern war.
      "Ich habe das Gefühl, dass jemand anderes für die Vampire verantwortlich ist. Vielleicht arbeiten sie zusammen. Brain and Brawns."


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    • Cal spürte, wie ihre Worte sich langsam durch den Schleier seiner Gedanken schoben. Dämonen. Aus China. Brain and Brawns.
      Er blieb noch ein paar Schritte lang stehen, ließ die Worte in sich einsinken, und ließ sich dann mit einem leisen Seufzen neben Ilya auf das Sofa fallen. Der Stoff unter ihm gab nach, weich und vertraut, aber er konnte nicht ruhig bleiben. Sein Bein wippte, er spielte mit dem Zahn um seinen Hals. Die Unruhe in ihm vibrierte wie ein gespannter Draht.
      Maple hob kurz den Kopf, als wolle sie fragen, ob jetzt endlich Ruhe einkehrte, legte sich dann aber wieder mit einem tiefen Schnaufen hin.
      "Ich hab keine Ahnung von Dämonen," grummelte Cal schließlich. "Von chinesischen Dämonen schon gar nicht."
      Er ließ den Kopf gegen die Rückenlehne sinken, starrte für einen Moment an die Decke. Die Hunde bewegten sich, suchten sich Plätze, an denen sie entweder schlafen konnten oder ein paar Streicheleinheiten kassieren würden.
      "Und selbst wenn du recht hast – selbst wenn das so ein Ding ist, was genau sollen wir tun? Ich hab keine Ahnung, wo wir was über Dämonen herausfinden könnten."
      Er drehte den Kopf leicht zur Seite, sah Ilya an. Ihr Gesicht war bleich, erschöpft. Wie sie da eingekuschelt lag, wirkte sie verletzlicher als sonst, und gleichzeitig war sie die Einzige, die überhaupt einen klaren Blick in dieses Chaos werfen konnte.
      "Verdammt," fluchte er leise. "Ich dachte, das mit Ash bringt uns weiter. Ich dachte..."
      Er stockte. Schnaubte dann ein trockenes, humorloses Lachen.
      "Was weiß ich, was ich dachte. Wahrscheinlich, dass wir einen Namen kriegen, ein Gesicht. Einen Punkt, an dem wir ansetzen können. Aber jetzt – Dämonen? Wie zur Hölle sollen wir das regeln?!"
      Er schloss kurz die Augen. Der Tag war lang gewesen, und schwer, und alles in ihm brüllte nach einer Pause, nach einer Lösung, nach irgendwas. Aber er wusste, dass sie nichts hatten.
      "Der ganze Abend war ein Reinfall," sagte er schließlich.


    • Ilya schnaufte genauso wie Maple, als Calder sich so in Rage redete. Man. Waren alle Wölfe so emotional? Müde erhob sie sich und schüttelte sich ein mal kurz um ihre steifer werdenden Muskeln wieder aufzuwärmen. Durch den Regen war sie immer noch nass und durchtränkt. Ihr linker Arm kribbelte ein wenig unangenehm, doch das hielt sie nich davon ab die Decke zurück zu schlagen und sich aufzusetzen.
      Sie wartete gar nicht erst auf irgendeine Reaktion von ihm, als sie sich ganz aufrichtete und sich entschieden auf seinen Schoß platzierte. Kompromisslos.
      Als er zu einem Protest, oder was auch immer, ansetzten wollte drückte sie ihm ihren kalten Finger auf die Lippen. Sie starrte nahezu in seine schwarzen Augen, eindringlich und absolut.
      "Jetzt hör mal zu," begann sie, mittlerweile auch aufgebrachter als sie es eigentlich war. War das ansteckend oder so? Vielleicht verbrachte sie wirklich zu viel Zeit mit den Wölfen. Ihr Herz schlug auf jeden Fall schneller in ihrer Brust, als normal und das nicht, weil sie auf seinem Schoß saß, sondern weil sie selber aufgeregt war. Immer noch.
      "Der Abend war vielleicht nicht so super aufschlussreich, aber wir haben mehr erfahren als im letzten Monat." Ilya atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen, doch das hielt nicht lang an, als sie fort fuhr. "Es gibt genug Quellen im Internet. Irgendwie finden wir schon heraus, um welche Wesen es sich handelt. Es gibt doch auch genug Literatur über uns."
      Erst, als er den Mund geschlossen hatte nahm sie ihren Finger weg und verschränkte ihre Arme vor ihrer Brust. "Ich weiß du willst da jetzt raus und das Problem mit Zähnen und Krallen lösen, aber niemand sagt, dass du das nicht kannst. Wir haben viel mehr in der Hand als vorher. Mit den Informationen, die ich jetzt hab kann ich auch mit dem Rat nochmal reden. Die haben sicherlich auch keine Lust auf einen Dämon, der Vampire zerreißen kann."


      ♪♫•*¨*•.¸¸사랑햡니다¸¸.•*¨*•♫♪

    • Völlig verdattert starrte Cal Ilya an, die sich einfach auf seinem Schoß niedergelassen hatte. Sie war eiskalt, was den Schock nur noch erhöhte. Aber die Kälte war nicht das, was ihm ein Kribbeln durch den Körper schickte.
      "Internet, Bücher, dein toller Rat," grummelte er.
      Alles Sachen, die er nicht ausstehen konnte. Moderne Bücher waren ja schon schwer zu lesen, und da sollte er sich durch irgendwelchen alten Kram wühlen? Ilya würde Falten kriegen, bevor er das schaffte.
      Cal legte seine Hände an ihre kalten Oberschenkel, runzelte die Stirn. Er wusste, dass er sich gerade grundlos daneben benahm. Er wusste nur nicht, wie er es nicht tun sollte. Er ließ seinen Kopf mit der Stirn voran gegen Ilyas Brustbein sinken und schloss die Augen.
      "Tut mir leid," murmelte er. "Die einzige Art von Nachforschungen, die ich kann, ist mit der Nase am Boden."
      Er schob seine Hände über Ilyas Oberschenkel und schlang sie um ihre Taille. Sie war wirklich eiskalt. Kälter als sie sonst war.
      Cal hob den Kopf.
      "Ist dir kalt? Der Rest von dir ist es."


    • "Dann forsche ich halt nach." Sie zuckte nicht mal mit den Schultern, als er zugab für sowas nicht gemacht zu sein. Irgendwie hatte sie sich das schon denken können, als Calder damals in der Bar fast an die Decke gegangen war. Der Mann war eindeutig besser im Handeln als im Erforschen. Ob das auch auf andere Wölfe zutraf wusste sie nicht. Aber emotionaler als Vampire waren sie alle auf jeden Fall.
      Als er seine warmen Hände auf ihren Körper legte, seufzte sie allerdings leise. Schön warm. Das war unfair. Sie starrte zu ihm hinunter, sein Gesicht gefährlich nah an ihrem, als er sie schließlich fast schon unschuldig fragte, ob ihr kalt sei.
      "Normalerweise wird Vampiren nicht kalt." murmelte sie leise, bevor sie schließlich nickte. Vielleicht war es auch mehr die Erschöpfung, gepaart mit dem Regen, dass sie sich so unwohl fühlte. Oder der Hunger. Oder alles zusammen. "Ich weiß nicht warum, aber seitdem ich dich kenne bevorzuge ich definitiv zumindest etwas Wärme. Und du bist sehr angenehm warm." Das war eine halbe Lüge. Er war nicht nur warm, sondern heiß. Im wahrsten Sinne des Wortes. Seine Hände brannten auf ihrer Haut, obwohl sie über dem durchtränkten T-Shirt lagen.


      ♪♫•*¨*•.¸¸사랑햡니다¸¸.•*¨*•♫♪

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