And they were roommates [yuyuumyn & dark.wing]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Was war das denn jetzt bitte? Hatte Gabriel irgendwas verpasst? Hatte er irgendwas gesagt, was Milos Situation rechtfertigen würde? Eigentlich nicht, weil von dem was er gesagt hatte, war nichts sonderlich aufschlussreich gewesen, immerhin hatte gerade auch nur ein einziges Wort seinen Mund verlassen und aus einem gezögerten ‚Ich…‘ konnte man wohl kaum so viel ziehen, was so eine Reaktion erklären konnte. Verwirrt und vor allem verletzt blieb Gabe fürs erste in dem fremden Bett liegen, jedenfalls bis er sich so weit gesammelt hatte, um aufstehen zu können, schlauer war er jedoch immer noch nicht. Eigentlich wollte er Milo sagen, dass er ganz allgemein definitiv mit ihm schlafen wollte…nur eben nicht jetzt. Nicht weil er dafür nicht bereit war, sondern weil er sich gerade im Moment einfach ein wenig vor sich selbst ekelte, aber das würde in einigen Tagen auch wieder vorbei sein.

      Nachdem er den Fernseher und damit die sich immer wieder wiederholende Mario Kart Titelmusik ausschaltete, trottete er in sein eigenes, kleines Studentenzimmer und ließ sich auf sein Bett fallen. Er fühlte sich komisch und das nich nur weil er seine Tage hatte. Es fühlt sich so an, als ob sie sich nun aus dem Weg gehen würden und Gabe würde nichts dagegen tun können...
      Bevor er weiter in Selbstmitleid versank, tippte er eine kurze Nachricht an Rey.

      Gabe: Hast du Zeit? Kannst du vorbei kommen?
      Rey: Klar, ist alles okay?
      Gabe: irgendwie nicht
      Rey: gib mir Fünfzehn Minuten

      Er laß Reys letzte Nachricht ganze drei Mal, bevor er sein Smartphone mit dem Display voran auf seine Matratze neben ihn fallen ließ. Apollo hätte seine gegenwärtige Lage nicht verstanden…Benny vielleicht, aber darauf würde er nicht wetten. Rey verstand ihn, er konnte seine Gefühle vielleicht nicht nachempfinden aber er verstand ihn. Der Tattoowierer hatte eine sensible Art für sowas, er wusste was man tun musste damit es anderen Menschen besser ging, etwas was er von Apollo nicht gerade behaupten konnte.

      Gabriel hatte nicht auf die Uhr geschaut, aber es waren definitiv keine fünfzehn Minuten vergangen als die Tür zu seiner Wohnung aufgeschlossen wurde. Kurz dachte er Milo sei vielleicht doch wieder zurück gekehrt, aber dann fiel ihm ein, dass er Rey damals, beim Einzug seinen Ersatzschlüssel gegeben hatte, für den Fall, dass er sich mal aussperren sollte…nicht dass das schon mal passiert war…

      „Hey.“ Der Schwarzhaarige warf dem Studenten aus der Zimmertür ein sanftes Lächeln zu. „Ich hab eine Wärmflasche, ganz viel Obst und Bananenbrot mitgebracht.“ wahrscheinlich wäre Schokolade gerade besser gewesen, aber Bananenbrot sollte es eigentlich auch tun, vor allem weil Gabe wusste wie genial gut Rey backen konnte und dass das besagte Bananenbrot auch noch optimal in seiner Diät passte war gerade zu ein Segen. „Bananenbrot klingt gut.“ - „Ja? Sehr gut. Ich mach dir eben Wasser warm und komm gleich zu dir.“
      Rey war schon ein toller Freund.
      Als ob damit gerechnet hätte, das Bett eher nur als Ausnahme zu verlassen, hatte er wie selbstverständlich an eine Jogginghose gedacht, welche er sich auch prompt anzog, nachdem er mit der aufgefüllten Wärmflasche und zwei Tassen Tee wieder in Gabes Schlafzimmer kam. Vielleicht hätte der Boxer ihm sagen sollen, dass er bereits ein Kirschkernkissen hatte, aber die flauschige, dunkelrote Wärmflasche war ihm vielleicht gerade sogar noch ein ticken lieber.

      Sie lagen eine ganze Weile neben einander, halb sitzend, halb liegend in Gabes Bett. Gabe selbst leicht an den Größeren gelehnt, schon fast eher liegend als sitzend, während Rey ihm sanft immer wieder durch die Haare strich. „Möchtest du erzählen was passiert ist?“
    • Die kühle Eisfläche fühlte sich vertraut unter den Kufen des Medizinstudenten an, während er seine Aufwärmrunden über das leere Feld drehte. Seine Gedanken waren ein einziges Durcheinander, und er war sich sicher, dass es wohl ein riesiger Fehler gewesen ist, nach der Party betrunken mit Gabe zu schlafen.

      Das würde nun immer zwischen ihnen stehen, und er wusste nicht, wie er ihm begegnen sollte, wenn er nach dem Training wieder in die gemeinsame Wohnung zurückkehrte. Die einfachste Lösung? Vermutlich: heute einfach gar nicht mehr.
      Vielleicht konnte er die Nacht bei Archie oder Rosie verbringen…
      Die ganze Situation war ihm mehr als unangenehm und peinlich – und dass er es scheinbar nicht schaffte, wie ein erwachsener Mensch damit umzugehen, machte alles nur noch schlimmer.

      Seine Gedanken sprachen Dinge aus, die er – wenn er gerade nicht so überfordert wäre – vermutlich ganz entspannt hätte sehen können. Er hätte nicht einfach wegrennen sollen, das wusste er. Aber er wusste auch nicht, was er sonst hätte tun sollen.
      Er atmete zittrig aus, während sich sein Brustkorb immer weiter zusammenzog.
      „Verdammt, verdammt, verdammt“, dachte er, als ihm klar wurde, dass er Gabriel mehr mochte als einen einfachen Mitbewohner oder Freund.

      Er hoffte, ihn mit seinem plötzlichen Verschwinden nicht verletzt zu haben – aber tief in sich drin war er sich sicher, dass genau das passiert war.
      "Ich bin ein schrecklicher Mensch…es tut mir leid, es tut mir leid...", schoss es ihm durch den Kopf. Er beschleunigte seine Bewegungen, und seine Atmung wurde flacher.
      "Warum bin ich nur so? Ich sollte nichts für ihn empfinden… er ist ein Mann.", dachte er, als ihm die Feindseligkeit seiner Eltern gegenüber „anderen“ Menschen wieder einfiel. Selbst wenn es irgendeine Chance für die beiden gegeben hätte… irgendeine…

      Milo schüttelte den Kopf und brach den Gedanken ab. Es nützte nichts, über Dinge nachzudenken, die keine Zukunft hatten. Erst recht nicht, nachdem er Gabriel einfach so hatte liegen lassen. Wie einen Teddybären, den keiner mehr wollte. Außerdem... warum sollte jemand wie Gabriel überhaupt seine Gefühle erwidern? Er war doch nichts weiter als irgendein Nerd mit schlechten Augen und einer viel zu großen Nase.

      Immer weiter versank Milo in seinen Gedanken. Er dachte auch daran, was seine Eltern von ihm erwarteten. An das Medizinstudium, das er eigentlich nie hatte machen wollen – das ihm nur aufgezwungen worden war. Daran, dass er noch nie wirklich er selbst hatte sein dürfen, sondern immer nur eine Marionette gewesen ist… und wohl auch bleiben würde.

      Langsam wich die Farbe aus seinem Gesicht. Er hatte nicht einmal bemerkt, wie sich seine Brust immer weiter zusammengezogen hatte, sein Herz raste und wie seine Atmung so flach geworden war, dass er kaum noch Luft bekam – bis… schließlich alles um ihn herum schwarz wurde und er einfach zusammenbrach.

      Das Döschen mit seinen Herztabletten stand noch immer auf der Küchenzeile…
      Vergessen in der hastigen Flucht aus einer Situation, die vielleicht nie so schlimm geworden wäre – wenn er einfach ruhig geblieben wäre...
    • Gabe brauchte einen Moment um überhaupt zu antworten. „…Wir haben miteinander geschlafen…“ murmelte er leise. „Also Milo und ich…“ hing er nochmals dran, als ob das nicht klar gewesen wäre. „Nach der Party in der Fabrik. Es war nicht schlecht…ich glaube es war sogar ganz gut, ich erinnere mich nicht an so viel.“ Rey nickte leicht. So viel Alkohol wie Gabe an dem Abend in sich rein gekippt hatte, war das wohl kaum ein Wunder. „Aber es war definitiv nicht schlecht, soviel weiß ich noch. Wir haben am nächsten Morgen aber auch nicht wirklich darüber geredet. Es war dann einfach so und wir haben weiter gemacht. Es war…nett…also…du weißt schon. Unkompliziert, wir sind uns langsam etwas näher gekommen, und so was halt.“ Rey hörte dem Jüngeren aufmerksam zu, strich immer währenddessen die ganze Zeit sanft durch die Haare und nickte an den richtigen Stellen. „Ich glaube allgemein hat sich nicht so viel geändert, so lange ist das ja auch noch nicht her, wir haben aber immer mal wieder gekuschelt.“ Der Tattoowierer erinnerte sich an das Training gestern, irgednwas war in Milos Blick gesehen, jetzt wusste er was es war.

      „…Wir wollen eben eigentlich Mario Kart spielen und irgednwann haben wir uns dann geküsst, beziehungsweise haben rumgemacht…du weißt ja wie das ist…auf jeden fall meinte Milo dann, er würde nur mit mir schlafen, wenn ich das möchte und…“ - „…und du fühlst dich gerade einfach nur ein wenig ekelig und hast entweder verneint oder nichts gesagt?“ schlussfolgerte Rey wie ein volltattoowierter Sherlock Holmes-Verschnitt. „Es war nicht so das ich nicht wollte, aber eben nicht jetzt. Nicht wenn ich mich eh schon ekelig fühle und außerdem wäre das voll die Sauerei gewesen... Nur hat Milo mein Zögern wohl irgendwie anders aufgefasst und ist abgedüst.“ beendete Gabe seine Erzählung mit einem betretenen Seufzen.

      „Das ist echt nicht einfach mit euch, weißt du das?“ kam es von Rey mit einem schiefen Lächeln. „Warum seid ihr so? Kann man in eurem Alter nicht normal miteinander reden?“ seine Stimme klang sanft, nicht anmaßen oder belehrend, einfach nur sanft mit einem kleinen Funken Mitleid. „Such das Gespräch wenn er wieder hier ist.“ - „Und wenn er nicht mehr wiederkommt weil ihm das zu unangenehm war?“ Gabe seufzte leise. Er könnte sich vorstellen, dass Milo die Situation zu unangenehm war und er tatsächlich nicht zurück in die WG kam. „ich kann Archie fragen wenn du willst?“ ja…das wäre vermutlich eine Möglichkeit. „Aber warte erstmal ab. Vielleicht ist es ja gar nicht so dramatisch.“ - „…Vielleicht…“ murmelte der Boxer leise, rutschte noch ein wenig mehr in eine liegende Position und schloss seine Augen. Die ganze Aufregung hatte ihn ganz schön geschafft, vor allem weil er immer noch Bauchschmerzen hatte.
    • Milos regloser Körper musste bestimmt schon einige Minuten auf dem Eis gelegen haben, bevor ihn seine Trainerin – die ehemalige Eiskunstlauf-Weltmeisterin Madam Devereux – endlich entdeckte.
      Entsetzt riss sie ihre blauen Augen auf und umklammerte den Griff ihres Gehstocks – jenem, an den sie seit eines schweren Unfalls auf dem Eis gebunden war.
      „Milouard!“, rief die Blondine erschrocken. Ihr Haar hatte sie wie immer zu einem ordentlichen, geflochtenen Dutt frisiert.
      Und obwohl sie sich auf dem Eis längst nicht mehr so sicher bewegte wie damals, hielt sie das nicht davon ab, an die Seite ihres Schülers zu eilen.

      „Milouard!“, wiederholte sie, dieses Mal noch dringlicher – doch keine Reaktion.
      Madam Devereux biss die Zähne zusammen und fluchte leise zwischen den Lippen. Trotz der Schmerzen ging sie auf die Knie, hob vorsichtig Milos Kopf und bettete ihn in ihren Schoß. Ohne zu zögern griff sie dann nach ihrem Handy und wählte den Notruf.

      ~~~

      Es vergingen einige Stunden… und als Milo seine Augen wieder öffnete, befand er sich in einem Krankenbett im örtlichen Krankenhaus – ausgerechnet jenem, in dem sein eigener Vater als Chefarzt arbeitete.
      „Du hast deine Herztabletten vergessen, habe ich recht?“, sprach eine dunkle, missbilligende Stimme, die niemand Geringerem als seinem Vater – Everett Laurent – gehörte.

      Milo riss leicht die Augen auf. Doch da seine Brille auf dem Beistelltisch lag, konnte er die Gesichtszüge seines Vaters nur schemenhaft erkennen. Aber das war auch nicht nötig – er wusste genau, dass Everett alles andere als amüsiert über die Situation war.
      Er antwortete nicht. Zum einen, weil er genau wusste, dass es eine Fangfrage war. Zum anderen, weil seine Augenlider schon wieder schwer wurden und ihm fast zufielen.

      Dr. Laurent blickte von seinen Papieren auf. Als er den erschöpften Ausdruck im Gesicht seines Sohnes sah, seufzte er genervt und schüttelte leicht den Kopf. Er wusste, dass es in diesem Moment keinen Sinn hatte, Milo zur Rede zu stellen. Nicht nur wegen der vergessenen Tabletten. Sondern auch wegen der Tatsache, dass sein Sohn sich überhaupt auf einer Eisfläche befunden hatte – anstatt, wie erwartet, für sein Medizinstudium zu lernen.
      „Wir sprechen später noch einmal.“, sagte der Chefarzt kühl. Es war ein Versprechen – vielleicht sogar eine versteckte Drohung.

      Genau in dem Moment klopfte es leise an die Tür des Krankenzimmers.
      „Dr. Laurent?“, fragte eine vorsichtige Stimme – Rose, die ihren Kopf langsam durch den Türspalt schob.
      Hinter ihr stand Archie – wie immer ein bisschen überdramatisch – leise schniefend, als hätte er bereits begonnen, passende Blumen für Milos Beerdigung auszusuchen.
      Dr. Laurents Blick wanderte von seinem Sohn zu dessen zwei besten Freunden. Sein Gesichtsausdruck blieb neutral, als er Rose betrachtete. Doch als sein Blick auf Archie fiel, verengten sich seine Augen kaum merklich.
      „Rosalie. Archie.“, sagte er schließlich. „Er ist wieder wach… mehr oder weniger. Bitte überfordert ihn nicht. Ich komme später noch einmal vorbei.“
      Er warf seinem Sohn einen letzten, warnenden Blick zu, bevor er das Krankenzimmer verließ.

      Rose und Archie tauschten einen kurzen Blick – und kaum war die Tür hörbar ins Schloss gefallen, rannte Archie zum Bett und warf sich fast ein bisschen zu heftig auf seinen besten Freund. „M-Milo!“, wimmerte er und schniefte laut. „Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht!“, flennte er weiter und vergrub sein Gesicht in der Decke.
      Rose seufzte leise über Archie – auch wenn sie ihn gut verstehen konnte. Um einiges ruhiger trat sie ans Bett heran, setzte sich auf den Stuhl neben Milo und schenkte ihm ein sanftes Lächeln. „Hey Milo…“, sagte sie leise.
      Sie stellte – noch – keine Fragen. Aber sie hatte eine leise Vermutung, dass etwas passiert sein musste. Etwas, das so schwer auf ihm lastete, dass er sogar vergessen hatte, seine Herztabletten zu nehmen...
    • Rey wartete bis Gabes Atmung ruhig wurde und er offensichtlich eingeschlafen war. Was kein Wunder war, vor allem wenn man mal bedachte, dass sein Körper im Moment eigentlich mehr Kalorien verbrauchte als zu jeder anderen Zeit im Monat, er jedoch trotzdem seine Diät weiter durchzog und sein Kaloriendefizit somit noch höher war, als eigentlich geplant.
      Der Tattoowierer breitete vorsichtig die Decke über sie beide aus, ohne den Jüngeren zu wecken und griff dann nach seinem Handy, um erst Toni und dann Archie zu schreiben.

      Rey: Gabe kommt heute nicht zum Training, ihm gehts nicht sonderlich gut
      Toni: Alles klar, weiß ich Bescheid. Er soll sich ausruhen, damit er morgen wieder soweit fit ist

      Rey verdrehte leicht die Augen. Er mochte Toni, aber Gabes Trainingspensum war teilweise ein wenig übertreiben wie er fand. Er hatte nie den Anspruch wirklich in den Ring zu gehen, anders als die beiden Studenten. Er boxte, weil ihm Boxen Spaß machte. Es war nicht so, dass er nicht in den Ring könnte. Rey war gut, vielleicht nicht so gut wie Gabe, aber gut. Er könnte locker den ein oder anderen Sieg mit nachhause bringen, da war er sich sicher, aber er wollte nicht. Er war absolut zufrieden so wie es war. Gabe und Apollo brauchten den Adrenalinkick bei einem Kampf, die Aufregung und den Sieg, das verstand er, aber Rey selbst brachte das einfach nicht.

      Rey: Hey Archie, weißt du zufälligerweise was mit Milo los ist? Er ist wohl ziemlich abrupt abgehauen und Gabe macht sich ein wenig Sorgen um ihn. Ich will gar nicht so genau wissen was passiert ist, einfach nur ob es ihm gut geht. Vielleicht kannst du ihn ja mal vorsichtig fragen

      Rey seufzte leise, ehe eher den Messengerdienst schloss und Anfang eine einig durch Instagram zu scrollen während Gabe halb auf ihm liegend weiter schleif.
    • Milo keuchte leise, als er das Gewicht seines besten Freundes auf sich spürte.
      „Archie… mir geht’s gut… geh bitte runter von mir…“, murmelte er matt, noch immer sichtbar erschöpft.
      Archie schniefte leise, richtete sich dann aber langsam auf. „Entschuldigung, Mi...“, nuschelte er und wischte sich mit dem Ärmel seines Pullovers übers Gesicht.

      In diesem Moment ertönte der Signalton seines Handys. Archie, der sich mittlerweile auf der Bettkante niedergelassen hatte, zog das Gerät hervor und seine Augen weiteten sich leicht, als er sah, dass er eine Nachricht von Rey erhalten hatte.
      Schnell öffnete er sie, doch als er den Inhalt las, wurden seine Augen nur noch größer.
      „Milo ist einfach abgehauen?“, dachte er erschrocken und blickte kurz zu seinem Freund, der bereits wieder die Augen geschlossen hatte – halb eingeschlafen und erschöpft.

      Archie sagte zunächst nichts. Stattdessen hielt er Rose das Display seines Handys hin.
      Rose, die gerade dabei war, ein Glas Wasser für Milo einzugießen, überflog die Nachricht und ihre Augen weiteten sich leicht. Sie warf Archie einen besorgten Blick zu, bevor sie dann auf Milo blickte und ihm sanft durchs Haar strich.
      Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stand Archie schließlich vom Bett auf. Er entschied, dass es wohl einfacher wäre, Rey direkt anzurufen.

      Leise verließ er das Krankenzimmer – erst als die Tür leise hinter ihm ins Schloss fiel, tippte er auf Reys Kontakt und hielt sich das Handy ans Ohr...
    • Der Tattoowierer scrollen eine ganze Weile durch die sozialen Medien. Schaute sich Bilder von Freunden und Menschen an denen er folgte. Er versuchte die Zeit im Grunde mehr rumzukommen als das er wirklich aufmerksam durch die Posts ging. Sein Feed war gefüllt mit anderen Tattoowierer, Künstlern und erschreckend vielen Katzenvideos. Immerhin konnte man seine Interesse auf einem Blick gut beobachten. Irgendwann blieb er bei dem Profil eines Musikers hängen. Scrollen erst durch dessen Story-Highlights, schaute sich Bilder von vergangene Tagen aus Amerika, Frankreich und Italien an. Bilder von schönen Sommernächten und verschneiten Bergen, bis er durch die Bilder und Videos ging, als ob diese irgendwelche dunklen Geheimnisse verbargen die er unbedingt aufdecken wollte…

      Ehe Reys Klingelton Gabe wieder aus seinem Schlaf riss, nahm er den Anruf an. Seine Stimme klang leise, gedeckt, bemüht nicht zu laut zu sein. „Hallo Archie.“ meldete er sich viel zu förmlich. Nicht so als ob er mit einem Freund sprechen würde, aber das war wohl einfach seine Art. Mit seiner freien Hand strich er dem Boxer weiterhin sanft durch die Haare. Gabriel hatte sich ein wenig mehr zusammen gerollt, lag immer noch mehr auf Rey als auf der durchgelegenen Wohnheimmatratze und umklammerte die Wärmflasche als wäre sie sein persönliches Heizkissen - was irgendwo auch genau so war. Trotz dessen, dass es Sommer war, schien das den Boxer kaum zu stören, vielleicht lag das aber auch primär an seinen Bauchschmerzen und nicht an dem Fakt dass ihm kalt zu sein schien.
    • Abermals wischte sich Archie über die Augen, bevor er mit relativ nüchterner Stimme – wenn auch mit einem leichten Zittern – antwortete: „Uh… ja, hi Rey.“
      Sein Blick huschte über den Flur, um sicherzugehen, dass Milos Vater, Dr. Laurent, nicht in der Nähe war. Als er niemanden sah, atmete er leise auf und schlenderte langsam in Richtung des Snackautomaten, um sich etwas die Beine zu vertreten.
      Er wollte dem Tätowierer nicht gleich erzählen, dass Milo auf dem Eis zusammengebrochen war, weil er seine Herzmedikamente vergessen hatte. Zuerst wollte er verstehen, warum Milo überhaupt so plötzlich von der gemeinsamen Wohnung mit Gabe verschwunden ist.

      „Also… ich bin gerade bei Milo.“, begann er vorsichtig, damit Rey wusste, dass Milo nicht allein war.
      „Aber… was meinst du damit, dass er einfach so abgehauen ist?“, fragte Archie und versuchte, seine Stimme ruhig zu halten.
      „Er hat nichts erzählt… oder, na ja, ich konnte ehrlich gesagt noch nicht wirklich mit ihm reden...“, fügte er etwas stockend hinzu – bemüht, nicht sofort mit der Tür ins Haus zu fallen.

      Was er allerdings nicht verhindern konnte, waren die Krankenhausgeräusche im Hintergrund.
      „Dr. Thomson bitte in OP3. Dr. Thomson – bitte in OP3!“, drang die Durchsage durch den Flur und untermalte die angespannte Atmosphäre mit nüchterner Dringlichkeit.
    • Das hieß im Umkehrschluss, dass Milo wohl auch nichts von sich aus erzählt hatte, so kombinierte jedenfalls Rey das gesagte des Jüngeren. „Da gab es wohl ein…kleines Missverständnis seitens Milo.“ erklärte er wage ohne Zuviel zu sagen. „Gabe macht sich auf jeden Fall Sorgen um ihn.“ Sein Blick glitt nach unten zu seinem besten Freund.

      Als Rey die Krankenhausdurchsage im Hintergrund hörte stockte er kurz. „Sag du mal…bist du in Krankenhaus? Geht’s dir gut?“ fragte der Ältere direkt besorgt. Vor allem was Krankenhäuser anging, war er mittlerweile extrem sensibel geworden, so oft wie Gabe und Apollo sich schon dort wieder gefunden haben, war das wohl kein Wunder. Rey war eben die Mutti in ihrer Gruppe und auch wenn er den Titel nicht mochte tat er alles um diesen mit allem was er hatte zu verteidigen.
    • Nun war es Archie, der ins Stocken geriet und nicht sofort antwortete. Ein Missverständnis? Was für ein Missverständnis?
      Er zögerte. Doch ihm war klar, dass er keine andere Wahl hatte, als Rey zu erzählen, was passiert war – wenn er die Situation nicht noch weiter anheizen oder schlimmer machen wollte.
      Trotzdem entging ihm die Sorge in Reys Stimme nicht – was ihn unwillkürlich leicht erröten ließ. Doch darüber konnte er in diesem Moment nicht weiter nachdenken. Zu groß war seine eigene Sorge um Milo.

      „Ja… ich bin im Krankenhaus. Und mir geht’s gut, keine Sorge…“, begann er leise, blieb vor dem Snackautomaten stehen und musterte den bereits ziemlich ausgesuchten Inhalt der Maschine.
      Er zögerte erneut – doch schließlich entwich ihm ein leises Seufzen. „Es ist Milo… er ist beim Aufwärmen auf der Eisfläche zusammengebrochen, weil…“
      Wieder eine kurze Pause. Dann fuhr er mit gedämpfter Stimme fort: „… weil er vergessen hat, zu Hause seine Tabletten zu nehmen.“
      Er sagte bewusst nicht, um welche Tabletten es sich handelte.

      „Aber er ist in guten Händen. Er war eben schon kurz wach, ist aber direkt wieder eingeschlafen. Ich glaube, er hat durch den Aufprall eine leichte Gehirnerschütterung erlitten…“, fügte er hinzu.
      Dann fragte er vorsichtig, fast flüsternd: „Wollt ihr… vorbeikommen? Dann kannst du vielleicht erzählen, was genau passiert ist und um was für ein Missverständnis es sich handelt..."
    • Rey atmete leise, leicht erleichtert aus. Immerhin ging es Archie gut, so oft wie er sich in Schwierigkeiten brachte, hätte Rey definitiv was anderes erwartet. Eine spontane Prügelei zum Beispiel. Er traute seinen Jungs einfach nicht…
      Eigentlich war es seltsam, dass er Archie und Milo nach so kurzer Zeit schon zu ‚seinen Jungs‘ zählte, aber er hatte wohl einfach das selbe Problem wie Toni und sah die Gruppe als seine kleine Schafherde um die er sich kümmern musste.

      „Zusammengebrochen?“ fragte er leise nach. Er hatte Milo nie für sonderlich zerbrechlich gehalten. Er war ein trainierter junger Mann, dass er einfach so zusammenbrach schien für den Tattoowierer relativ unverständlich. Archie hatte jedoch Tabletten erwähnt. Anscheinend schien der Medizinstudent doch nicht so fit zu sein…jedenfalls nicht so fit wie es Rey angenommen hatte. Hatte er irgendeine Erkrankung? Wahrscheinlich, wenn er zusammenbrach wenn er seine Tabletten vergas…

      Rey nickte leicht als Archie weitersprach. „Das ist gut. Das Krankenhauspersonal ist kompetent, ich denke sie werden ihn schnell wieder auf die Beine bekommen.“ Er kannte die nette Krankenschwester vorn am Empfang mittlerweile relativ gut, immerhin war er des öfteren mit Apollo und/oder Gabriel dort gewesen. Die beiden waren im Grunde schon fast Stammgäste, vor allen in ihren jüngeren, wilderen Jahren.

      „Ich glaube das ist im Moment keine so gute Idee, Gabe gehts nicht so gut, ich würde ihn ungern damit in aufruhe versetzen, weist du? Ich Versuch ihm die Situation gleich ruhig zu zu erklären und dann schauen wir weiter.“ kam es ruhig von ihm. Rey ging an solche Situationen immer sehr sachlich ran, versuchte nicht noch mehr unnötiges Chaos in sowas zu bringen. „Im Moment ist er noch am schlafen, ich schau mal wann er wach wird.“
    • Schweigend hörte Archie Rey zu und nickte leicht – auch wenn der andere das natürlich nicht sehen konnte.
      „Ja… zusammengebrochen…“, wiederholte der Student leise.
      Er lauschte weiter, nickte erneut – unbewusst.
      „Ja, du hast recht… ich denke, dass er morgen Abend bestimmt schon wieder das Krankenhaus verlassen kann. Es kommt wohl darauf an, was sein Vater sagt…“, begann Archie, hielt dann aber inne, als ihm klar wurde, dass Rey den Zusammenhang gar nicht kennen konnte.

      „Sein Vater ist hier der Chefarzt, weißt du? Es kann gut sein, dass er Milo zur Sicherheit noch länger hier behält.“
      Er warf einen kurzen Blick den Flur entlang, senkte dann seine Stimme zu einem fast verschwörerischen Flüstern – als wolle er Rey ein Geheimnis anvertrauen: „Aber so, wie ich seinen Vater einschätze, wird er wollen, dass Milo so schnell wie möglich wieder mit dem Lernen anfängt. Der Mann ist ein totaler Kontrollfreak...das habe ich nie gesagt, ok?"

      Ein Moment der Stille folgte, bevor Archie schließlich auf Reys Worte über Gabe einging.
      „Okay… ich verstehe. Gute Besserung an Gabe. Er soll sich keine Gedanken machen… Rosie und ich sind ja hier und passen auf Milo auf...“
      Er schwieg erneut, nur einen Moment – dann stellte er leise, vorsichtig seine Frage: „Rey?… Milo wird mit der Sprache wahrscheinlich nicht rausrücken. Er ist manchmal stur wie ein Esel. Was ist zwischen den beiden vorgefallen, dass er plötzlich Hals über Kopf abgehauen ist?“
    • Chefarzt also. Gabe hatte mal erwähnt, dass Milos Eltern wohl nicht gerade wenig Geld zu haben schienen, das machte auf jeden Fall nun mehr Sinn. Rey selbst hatte den Chefarzt nie zu Gesicht bekommen, warum sollte er sich auch um Teeanger kümmern die sich geprügelt haben? Das wäre wohl absolute Ressourcenverschwendung.

      Als Archie seine Stimme verschwörerisch senkte, musste Rey leicht grinsen. „Ich weiß nicht wo von du sprichst.“ kam es scheinheilig von ihm. Im Grunde ging es ihn auch nichts an wie Milos Eltern drauf waren, also würde er sich da auch nicht einmischen. „Dann ist es wohl besser, wenn er so schnell wie möglich aus dem Krankenhaus entlassen wird. Ich meine, wir können uns hier ja auch um ihn kümmern. Ich nehme an, dass Milo nicht das beste Verhältnis mit seinen Eltern hat?“ Er hatte einfach darauf getippt. Rey wusste wie es aussah, wenn Kinder und Eltern kein gutes Verhältnis haben. Apollo war da das beste Beispiel, sein Vater war ein Arschloch der ihm das Leben praktisch zur Hölle gemacht hatte und Bennys Eltern waren auch nicht das, was man als ‚Eltern des Jahres‘ betitelt würde.
      „Ich werde auf jeden Fall nichts sagen.“ bestätigte Rey nochmal bevor er Gabe, welcher sich leicht anfing zu regte, wieder sanft durch die Haare fuhr. Der Jüngere murmelte leise unverständliche Worte, ehe er wieder wegdöste.

      „Sag ich ihm. Wie gesagt im Moment schläft er und so wie es aussieht wird das wohl auch erstmal so bleiben.“ Wenn Gabriel einmal eingeschlafen war, würde er erstmal nicht so schnell wach werden, vor allem da er generell viel zu wenig schlief.

      Als Archie dann fragte, was zwischen den beiden vorgefallen war, schwieg er kurz. „ich weiß nicht ob ich dir das erzählen soll..“ gab er ehrlich zu. „Ich würde es besser finden, wenn Milo dir das von sich aus erzählt.“ Er wollte keine der beiden hintergehen, auch wenn Archie Milos bester Freund war. „Milo hat auf jeden Fall Gabes Zögern zu einem bestimmten Thema falsch aufgefasst.“
    • Archie seufzte erleichtert, als Rey ihm versprach, den bissigen Kommentar über Milos Vater für sich zu behalten.
      „Danke, Rey.“, sagte er leise, und ein sachtes Lächeln huschte über seine Lippen.
      „Und… nun, das Verhältnis zwischen Milo und seinen Eltern würde ich als… schwierig bezeichnen.“, begann er vorsichtig.
      „Weißt du, ich lebe ja bei meiner Oma – das hab ich dir bestimmt schon mal erzählt, oder?… Und meine Oma ist total verrückt. Wirklich. Sie redet mit Menschen, die nicht da sind – und das Bild von ihrem Chihuahua kennst du ja auch schon., fuhr er fort, wobei er unbewusst kurz an seinen – zugegeben etwas fiesen – Vergleich mit Apollo dachte.

      „Aber egal, wie verrückt meine Oma auch ist… sie behandelt mich mit mehr Liebe, als Milos Eltern es je tun würden. Sie schlagen ihn nicht oder so, aber… man kann einem auch auf andere Weise wehtun.“
      Während Archie sprach, wurde seine Stimme immer leiser. Schließlich entwich ihm ein tiefes Seufzen.
      „Gabe soll sich auch ausruhen… es bringt nichts, wenn er sich jetzt auch noch total stresst.“

      Als Rey keine wirkliche Antwort auf Archies vorherige Frage gab, nickte dieser nur verständnisvoll und seufzte erneut.
      „Ja, ich versteh schon, wie du das meinst… gut, dann muss ich’s wohl irgendwie aus Milo rausquetschen. Vielleicht mit ’ner Kopfnuss oder so...“, murmelte er mit einem kleinen Grinsen.
      Dann kam ihm plötzlich ein absurder Gedanke. „Es lag aber nicht zufällig daran, dass Gabe Milos Essen nicht geschmeckt hat, oder?“, fragte er – halb im Scherz, halb mit echter Überlegung, als könnte das eine plausible Erklärung sein.
    • Rey lachte leise auf. „Ich glaube deine Oma ist eine coole Frau, sie klingt auf jeden fall danach. Ein wenig verrückt aber an sich ganz cool. Ich weiß nur nicht ob sie mich nicht für einen Dämonen hält, wenn sie meine Tattoos sieht.“ Archie konnte das Grinsen nicht sehen, aber Rey stellte sich die erste Begegnung mit Archies Oma extrem lustig vor, vor allem auf Grund seines sehr prägnanten Halstattoos oder seinen tattoowirten Händen.

      Als Archie von Milos Eltern erzählte nickte der Tattoowierer leicht. „Ich versteh was du meinst. Emotionaler Missbrauch kann manchmal schlimmer sein als jede Gewalt.“ Rey sprach nicht aus Erfahrung. Seine Eltern waren der Inbegriff von perfekten Erziehungsberechtigten gewesen. Sie waren der Inbegriff einer perfekten Familie gewesen, jedenfalls wenn man die psychischen Erkrankungen seiner Mutter und der Krebsdiagnose seines Vaters außen vorließ. Mittlerweile kam er gut mit dem Gedanken zurecht auch wenn er an kalten Tagen immer noch gerne an die gemeinsamen Fernseherabenden dachte, als seine jüngeren Geschwister noch ganz klein waren, die jüngste nicht mal zwei.
      Den Gedanken verwarf er direkt wieder. Heute war keiner dieser Tage und trotzdem seufzte er schwer. Er sollte seine Schwestern mal wieder anrufen, sie hatten sich viel zu lange nicht mehr gesehen. Das Leben hatte sie auseinander getrieben. Nicht psychisch aber physisch. Sie hatten alle ihre Jobs, ihre Familien und ihre Aufgaben, da blieb leider meistens wenig Zeit für einander, aber er sollte sie trotzdem mal wieder anrufen.

      Rey brauchte einen Moment um aus seinen Gedanken zu kommen und Archie die Aufmerksamkeit zurück zu schenken. „…ja…mach das, Aber sei nett zu ihm.“ nahm er ihm das versprechen ab. Er war definitiv zu tief in Gedanken versunken, nicht lange aber genug, dass der Student sein Zögern wohl gemerkt haben muss. „Tut mir leid, ich war wohl kurz woanders.“ entschuldigte er sich direkt. Rey wollte nicht, das sich hier direkt das nächste Missverständnis formte. „Und nein, es lag nicht daran, das Gabe Milos Essen nicht mochte…du kommst manchmal auf Ideen.“ lachte er leise, bei weitem nicht so locker und entspannt wie noch vor wenigen Sekunden aber hoffentlich genug, damit Archie sich keine Gedanken machte. Das war das letzte was sie jetzt noch brauchten.
    • Archie konnte nicht anders, als verlegen vor sich hin zu lächeln, als Rey so positiv auf seine Oma reagierte. Das bedeutete ihm mehr, als er jemals zugeben würde – oder als ihm selbst überhaupt bewusst war.
      „Wahrscheinlich wird sie dich für den Teufel höchstpersönlich halten.“, antwortete Archie etwas leichtherziger, mit einem sanften Lachen in der Stimme.
      „Aber meine Oma ist nicht gläubig. Sie hat selbst den ganzen Rücken voller Tattoos. "Aus meiner wilden Jugend" – sagt sie immer.“
      sagte er und versuchte, ihre Stimme so gut wie möglich zu imitieren.
      „Sie soll damals zu einer Motorrad-Gang gehört haben… kaum vorstellbar, oder?“ fragte er, bevor das Gespräch wieder zu Milos Eltern zurückglitt.

      „Ja…“, murmelte er nur, gefolgt von einem tiefen Seufzen. Als Rey für einen Moment schwieg, zog Archie besorgt die Augenbrauen zusammen.
      Gerade wollte er noch einmal nachhaken, als er schließlich doch wieder die Stimme des Tätowierers hörte. Archie nickte leicht – auch wenn Rey das natürlich immer noch nicht sehen konnte.
      „Du musst dich für nichts entschuldigen, Rey… geht es dir gut? Es tut mir leid, dass ich das nicht früher gefragt habe. Das war ziemlich unhöflich.“, sagte er leise, den Blick noch immer auf den Snackautomaten gerichtet.

      „Und keine Sorge – ich werde ihm eine liebevolle Kopfnuss verpassen… nicht, dass ich am Ende aus Versehen noch mehr Schaden anrichte.“
      Einen Moment herrschte Schweigen. Unweigerlich dachte Archie an den Blick, den Milos Vater ihm vorhin zugeworfen hatte. Er wusste nur zu gut, welches Weltbild Milos Eltern hatten… und dass sie ihn aus diesem Grund nicht besonders mochten. Ein kleines Wunder, dass sie Milo nicht längst den Kontakt zu ihm verboten hatten.

      Er versuchte, das Thema wieder aufzugreifen: „Emotionaler Missbrauch – oder auch schon, wenn sie einen nicht so akzeptieren, wie man ist. Weißt du, seine Eltern… sie haben ein sehr—“
      „Ein was, Mr. Miller?“ unterbrach plötzlich eine Stimme direkt hinter ihm.
      Archie erstarrte. Langsam drehte er sich um – und blickte geradewegs in das Gesicht von Dr. Laurent.
    • „Deine Oma wird mir immer sympathischer.“ kam es lachend von dem Tattoowierer. „Wenn sie mal Bock auf ein neues Tattoo hat, kannst du mich gerne empfehlen.“ grinste er.


      Rey war definitiv zu lange in Gedanken gewesen. Selbst die wenigen Sekunden hatten Archie stutzig gemacht, in Natura hätte er wohl einfach das Thema abgewunken, ein Lächeln ausgesetzt und so weitergemacht wie bisher. „Ich war nur kurz in Gedanken.“ erklärte er sein kurzes Zögern eben. „Ach alles gut Archie. Ich musste nur eben an…meine Schwestern denken. Wir haben uns länger nicht mehr gesehen.“ immerhin war das die halbe Wahrheit, dass er vor allem wegen seinen Eltern einen kurzen Anflug von Traurigkeit und Schuld gespürt hatte, behielt er lieber für sich, damit musste er Archie nun wirklich nicht belasten. „Ich werde sie wohl später mal anrufen.“ Damit war das Thema hoffentlich abgehakt, der Ältere hatte im Moment weder die Energie noch war in der mentalen Verfassung um das Thema weiter auszubauen.

      Das kurze Schweigen an beiden Seiten zog sich. Eigentlich wollte er sich die Gedanken an seine Eltern verbieten. Die Gedanken an den Schmerz, die Sehsucht und die Schuld. Immerhin hatte er sie im Grunde umgebracht…nicht das er sie tatsächlich getötet hatte, aber er hatte die nötigen Wege dazu eingeleitet…auf deren Wunsch. Auch wenn seine Schwestern ihm nie die Schuld dafür gegeben hatten, gab er sie sich selbst. Sie hatten die Wünsche ihrer Eltern verstanden, nachvollziehen können und auch das Rey diese Wünsche erfüllt hatte. Sie sagten ihm immer wie Stark er sei, wie viel Mut es gekostet haben musste diese Schritte zu gehen und das sie dies wohl nicht geschafft hätten. Er hatte es ja selbst kaum geschafft. Als er die Unterschrift unter dem Sterbehilfedokument gesetzt hatte, hatte er kaum den Stift richtig festhalten können, so sehr hatten seine Finger gezittert. Auch als er dem leitenden Arzt mitgeteilt hatte, dass er die lebenserhaltenden Geräte seines Vaters ausschalten wollte, hatte er die Worte kaum aussprechen können. Im Grunde waren sie beide schon tot gewesen bevor er irgendwas unternommen hatte, sie hatten beide mit ihrem Leben abgeschlossen, das hatte die Entscheidung jedoch nicht einfacher gemacht.

      Rey war froh um den Themenwechsel. „Sie wissen nicht das Milo bi ist?…schwul? Das er auf Männer steht?“ Er wusste nicht was Milos Sexualität war, im Grunde ging ihn das auch nichts an, aber so wie sich Gabe und Milo manchmal miteinander benahmen konnte man schon auf das ein oder andere schließen. Gabe war aber an sich einfach ein sehr offener Mensch und hatte kein Problem damit Körperkontakt auszutauschen.
      Und dann stockte er. Bei der tiefen Stimme hätte wohl selbst Rey kurz inne gehalten. „Archie, alles okay?“ fragte er direkt vorsichtig nach.
    • Archie antwortete nicht sofort, sondern starrte Dr. Laurent mit weit aufgerissenen Augen an.
      Sein Herz schlug so schnell, dass er schon befürchtete, Rey könnte es durchs Telefon hören – oder, noch schlimmer, Dr. Laurent selbst.
      „Also, Mr. Miller?“, fragte der Chefarzt erneut, verschränkte die Arme vor der Brust und zog eine Augenbraue hoch.
      „Über was haben Sie gerade gesprochen?“
      Archie war sich sicher, dass Dr. Laurent genau wusste, worum es ging. Einschüchtert von der Präsenz seines Gegenübers brauchte er einen Moment, um seine Fassung wiederzufinden.
      „Dr. Laurent – ich, ähm …“, begann er und suchte hastig nach einer Erklärung, die ihn nicht noch tiefer in Schwierigkeiten bringen würde. Die Wahrheit? Vollkommen ausgeschlossen.

      „Ich telefoniere gerade mit einem Kommilitonen aus der Uni. Wir haben ein gemeinsames Projekt über emotionalen Missbrauch … und wir haben gerade ein Fallbeispiel durchgesprochen“, sagte er langsam, die Lüge mühsam aus der Nase ziehend.
      Dr. Laurent zog die Augenbrauen zusammen. Er glaubte Archie kein Wort, doch da er nicht das gesamte Gespräch mitgehört hatte, konnte er es ihm nicht nachweisen.
      „Wie auch immer“, begann er schließlich in deutlich schärferem Ton.
      „Sie sind hier, um meinen Sohn zu besuchen, oder nicht? Wenn Sie Privattelefonate führen wollen, schlage ich vor, dass Sie das Krankenhaus wieder verlassen.“
      Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ging zurück in sein Büro.

      Archie starrte ihm hinterher und atmete dann langsam, zittrig aus. „Das war knapp …“, murmelte er leise, mehr zu sich selbst.
      Erst da wurde ihm bewusst, dass Rey noch immer am anderen Ende der Leitung war.
      „Du … du hast das alles eben mitbekommen, oder?“, fragte er leise.
      Seine Gedanken kreisten um Milo – und die Sorge, ob er ihm gerade noch mehr Ärger eingebrockt hatte – und um das, was Rey eben erwähnt hatte. Er hatte an seine Schwestern gedacht? Vielleicht sollte Archie das gleich noch einmal ansprechen …
    • „Ja hab ich.“ bestätigte Rey ruhig. Er war das ganze Gespräch der beiden über still gewesen. Warum sollte er sich dabei auch einmischen, Milos Vater hätte ihn eh nicht hören können und er wollte Archie nicht in noch mehr Schwierigkeiten bringen. Der Arzt klang auf jeden fall nicht sonderlich begeistert von den Worten des Jüngeren, der Student schien sich jedoch irgendwie einigermaßen gut gerettet zu haben…jedenfalls für den Moment.

      „Er klingt definitiv wie ein Arschloch. Gehts dir gut?“ Wie oft hatte er Archie in den letzten Minuten schon gefragt ob es ihm gut ging? wahrscheinlich kam ihm das häufiger vor als er es tatsächlich gesagt hatte.
    • Archie seufzte leise, als Rey ihm bestätigte, dass er es tatsächlich alles mit angehört hatte. Sicherheitshalber blickte der Student nochmal in die Richtung, in der der Chefarzt verschwunden war. Nur um sicher zu gehen, dass er nicht doch nochmal wie aus dem Nichts hinter ihm auftaucht.

      "Das kannst du wohl laut sagen...", antwortete er schließlich und strich sich mit seiner freien Hand durch sein hellblondes Haar. "Und ja, mir geht es gut. Aber vielleicht sollten wir...das Thema nicht weiterführen, solange ich mich in der Höhle des Löwen befinde...", sprach er und blickte dann auf die große Wanduhr im Wartebereich.
      "Möchtest du darüber reden?", wechselte er plötzlich das Thema. "Also... das mit deinen Schwestern, meine ich. Wenn du nicht möchtest, musst du natürlich nicht - das weißt du ja selbst. Aber mein Angebot steht...jederzeit, okay? Ich kann dir vielleicht nicht helfen... aber ich kann dir zuhören."