a coin for the ferryman (winada)

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Ein gefährlicher Glanz der Irritation schlich sich in das Augenmerk der jungen Frau, welche die Wörter ihres Gegenübers mit perfektioniert verschleierter Überraschung in sich aufnahm. Unerreicht war dabei das hauchzarte Zucken ihrer Augen, welche es sich verhielten, sich geschärft zu verengen und die verdunkelten Meerfarben in noch düsterere Schatten zu tauchen, wie jene die ihre Wimper schon für sie bereithielten. Erstarrt, sich kaum einer Regung hingeben wollend, lagen die ausdruckslosen Züge der Dame wie ein Spiegel dem Weißhaarigen gegenüber. Ein fernes Echo seiner eigenen Abgekapseltheit in Sprache und Ausdruck, versuchte zu imitieren, darzustellen wie ein Schauspieler auf der Bühne eines Lebens, welches nicht das ihre war und vielleicht auch gar nie das ihre werden hätte sollen. Und doch hatte sie einen Fuß auf das Schachbrett dieses Spieles gesetzt, in welchem sie eine Figur geworden war, die sich mit Aktion und Reaktion abfinden musste.

      Ferner dem Bauer die Rochade dieser Bitterkeit in gewählter Partie nicht sein konnte, schlug Audra mit einem leichten Mahlen ihres Kiefers die Augen hinab auf die Teetasse, welche zur Hälfte leer vor ihr auf dem hölzernen Tisch verweilte, wie eine stumme Einladung, doch auch den Rest zu leeren und zu sehen, wo die Einsamkeit des zarten Porzellans sie noch hinführen würde. Einen Moment länger herrschte Stille zwischen ihnen. Eine unbeantwortete Stille, Ruhe, in der nur geladene Luft eine Vorahnung aussprach zu jenem Sturm der sich wie eine Lawine über Land und See ziehen würde um Vernichtung zu bringen, die weder Vernunft noch Gnade kannte. Eine ferne Entschlossenheit festigte sich irgendwo zwischen Brustbein und Herzen der Braunhaarigen, welche mit stoischer Eleganz das Haupt wieder hob, um dem Mahagonibraun Einhalt zu gebieten. Lasset die Spiele also beginnen...

      "Ich würde dich ja der Lüge bezichtigen, wenn ich denn nur könnte.", scharf wie ein Blitzschlag, wie das Beil des Fleischers spulten sich die Wörter der Inspektorin durch den Wohnraum des Antiquars. "Das Naturell meiner Profession versagt hierbei nur leider und lacht spöttisch über mich... denn sehe ich nichts als... Wahrheit in deinen Augen." - und das lädt mir zum ersten Mal richtige Angst in mein Herz ein... Kühl schlugen sich die Töne in ihrem Augenlicht auf Gabriel nun darnieder. "... und das schätze ich. Trotz alledem." Ein schneidender Klang, fast wie Winterwind, welcher sich ungefragt rüttelnd zwischen zersprungenen Fensterscheiben ins Innere wärmender Hausmauern schlich. Warum sich jetzt noch hinter Masken verstecken, wenn sowieso eine Offenbarung der Nächsten folgte, das Chaos sich vervielfältigte wie eine Hydra und Audra Gabriels unsichtbaren Fädenspinnereien wie ein dummer, leichtgläubiger Hund gefolgt war, mit der Aussicht auf was genau? Töricht. TÖRICHT. Verhärtet biss sich die Braunhaarige ihre Zähne aufeinander, brachte einen harten Muskel an ihrem Kiefer zum zucken. Und doch rang sich die Inspektorin zu einem verbissenen Lächeln durch, die Wut die sich dahinter versteckte nicht ihm gewidmet. Nur sich selbst... und ihrer hageren Erkenntnis, die Professionalität irgendwo zwischen Tänzen beflügelt von Wein so rot wie Blut, Seitengassenschlägereien und gesetzten Nähten auf elfenbeinweiser Haut verloren zu haben.

      Elegant ergriff Audra ihre verbliebene Einladung zum Gespräch in Form von erkaltetem Getränk und leerte die Tasse in einer für sie nicht stimmigen, übereilten Motion. Ein zartes Klirren zeugte vom Abstellen gepaarter Serviceteile, ein Verschub von Wind und Energien, als Audra sich auf die Beine erhob, die Hose glatt strich und Gabriel einen kurzen Blick würdigte. Die Augen bewacht von Gleichgültigkeit und Ferne, die wohl nur allzu gerne in Unaussprechliches umschlagen würden. "Ich danke dir für den Tee. Delikat, wohl wahr.", einen gewählten Schritt nach hinten setzend, empfing den Antiquar ein finales Nicken, umrahmt von verbissenem Feuer, welches sich wie eine Sinfonie der Überzeugung und Rastlosigkeit um die Aura der Inspektorin legte. Und so - Spiele.

      Kein... Und du bist jener, der den Ripper aufhalten kann? ... Kein - ich könnte dabei deine Hilfe gebrauchen... Nein. Und vielleicht - und nur um ihren eigenen Stolz zu bewahren - sagte diese Stille ihrerseits bereits alle Worte, die verhüllt hinter intelligenten Augen wüteten. Würde sie nicht noch einmal betteln. Stumm oder schreiend. Hatte er ihr doch alles an Information gegeben, die sie brauchte... wer also... wer nur, hatte die Situation, die Momente so verdreht, dass sie von Nutzen waren? Töricht? Wirklich? Nein... berechnend. Sich auf den Haken ihrer Schnürschuhe nun umkehrend, fanden die langen, aber nicht übereilten Schritte Audras den Weg zur Wendeltreppe, auf deren rosigen Lippen ein Lächeln lungerte. Gar bösartig, gar beflügelt.
    • "Ich habe Dich nie angelogen, lediglich der Fantasie genügend Spielraum für Interpretationen gelassen", bekräftigte Gabriel aus einem Bedrüfnis heraus, das ihm fremd war wie dem Fisch der plötzliche Wunsch Flügel zu besitzen, die ihn in luftige Höhen trugen. Die Gefasstheit, die Audra ihm entgegenbrachte, rüttelte an dem sorgfältig konstruierten Gleichgewicht. Das Gefüge, in dem Gabriel die Oberhand behielt kippte zu Gunsten der Inspektorin. Es wäre eine natürliche Reaktion gewesen, ihm im Zorn die hässlichsten Worte um die Ohren zu pfeffern. Bei einer wankelmütigen, sehr emotionalen Personen hätte Gabriel mit Tränen gerechnet. Zumindest mit dem minimalsten Anzeichen der Verletztheit oder der Kränkung. Nur bei Audra versagte seine Menschenkenntnis. Die Inspektorin strafte seine Worte lieber mit Stille und einschneidender Kälte.

      Mit einem knappen Dank und dem Eindruck, alle Warnungen über den Ripper wären auf taube Ohren gestoßen, rauschte Audra davon. Gabriel hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich zu erheben. Wozu auch? Es hätte nichts gegeben, dass die Frau in ihrem von Eis umwehten Abgang hätte stoppen können. Dazu kam das unangenehme Kratzen und Schaben in seinem Hinterkopf, dass er - Gabriel Hargreaves, aktuell ältester und einziger Ripper in London, der sich nicht an unschuldigen Seelen labte - etwas Wichtiges übersehen hatte. Erst als die Ladentür lautstark ins Schloss schepperte, erhob sich Gabriel von seinem Platz. Gleichmütig schlenderte er zum Fenster herüber, schob die hauchdünne Gardine beiseite und folgte der Silhouette der Inspektorin, die mit selbstsicherem Schritt und erhobenem Haupt die Brick Lane überquerte. Ihre schlanke, elegante Gestalt verschwand im morgentlichen Trubel des Arbeiterviertels, einem Dutzend schwarzer Kutschen und dem zinoberrot der Backksteinfassaden.

      Sein Blick fiel auf den Postjungen mit den dreckigen, blonden Haaren und der geflickten Schiebermütze. Vor dem Antiquariat blieb er stehen, wühlte in seinem Beutel herum und wenige Sekunden später klapperte der Briefschlitz in der antiken Ladentür. Gabriel bekam selten genug Post, dass der ominöse Umschalg beinahe augenblicklich eine milde Neugier weckte. Barfuß betrat er die Treppe, ging gemächlich die Treppe herunter und erblickte sogleich der blütenweißen Umschlag auf dunklen Holzdielen. Mit spitzen Fingern hob er das eindeutig teure Papier vom Boden auf und betrachtete es mit einem gewissen Misstrauen, als könnte ihm das gute Stück jede Sekunde um die Ohren fliegen. Nichts dergleichen geschah.

      Gabriel schlenderte zum Tresen herüber und öffnete den Umschlag mit dem silbernen Brieföffner. Er hielt sich das Papier unter die Nase. Es roch alt, aber nicht muffig. Da war ein dezenter von Narzissenblüten, die dem Papier anhafteten. Die ersten Zeilen, geschrieben in indigoblauer Tinte, überflog Gabriel geflissentlich bis er zum eigentlich Sinn und Zweck des Briefes kam, der ihn aus dem entfernten Wales erreichte. William hatte sich nicht an die Abmachung gehalten. Zum Wohle der Familie, natürlich. Gabriel ließ den Blick durch den Laden schweifen. Andererseits...die Familie persönlich über die Geschehnisse in London zu unterrichten, ließ keinen Spielraum dafür, dass seine Erkenntnisse in falsche Hände gerieten. Der Ripper hatte letzte Nacht gefressen. Wenn Gabriel sich nicht völlig irrte, hatten sie einen Zeitraum von zwei Wochen, bevor der abtrünnige Reaper eine neue Seele benötigte. Er legte den Brief auf der Ladenzeile neben der Kasse ab und machte sich auf den Weg nach oben, um ein paar Habseligkeiten zu packen. Da gab es nur noch ein Problem.

      Komm nach Hause, Gabriel.
      Bring Inspektor Audra Dayton mit.

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • 2 Wochen später - Detektei A. Dayton

      Die Begegnung hing ihr noch hinterher. Länger als Audra es gerne hätte zugeben wollen. Sie sah sich heute noch in ihrem eigenen inneren Auge vom Antiquariat des Mannes verschwinden, wie sie ihr schneller, beinahe stechender Schritt über die Brick Lane getragen hatte, vorbei an all den gaffenden Augen und offenen Mündern, als sie, die himmelhoch gepriesene und in Teufels Küche verfluchte Audra Dayton mit wallendem Haar einer Löwin und dem Glanz eines drohenden Sturmes in den Meerfarben getauchten Augen, Schatten unter jenen die dunkler als die Nacht sein konnten, wenn sie es nur wollten, über Pflastersteine schritt, als würde ihr die Welt gehören. Ein einschüchterndes Neigen ihres Kinns gen Erdboden und man stieg ihr aus dem Weg, wollte sich nicht anlegen mit dem, was da auf die Allgemeinheit losgelassen wurde - welch Kraft den Unwissenden ohne Bremsen, unaufhaltsam entgegenrollte. Sie hatte sich in ihre Arbeit gestürzt danach, mehr als sonst. Aufopfernder als sonst. Ließ Aufträge die möglicherweise sogar gewinnbringender gewesen wären, links liegen. Ja vergrub sich die Dame beinahe in ungezähmten Türmen an Papier und Dokumenten, Nachschlagewerken, Zeugenaussagen, Blindgänger-Beweisen, Beobachtungen aus erster Hand, zweiter Hand... ja sogar dem versoffenen Penner nahe der London Bridge hatte sie zugehört... und dann doch ganz verwundert ihre eigene Vernunft in Frage gestellt. Ob es denn nun doch vielleicht nur ein wenig an Obsession grenzte, diesen Abschaum, dieses Ekel... den menschgewordenen Körper eines Dämons zur Strecke zu bringen.

      Regen. Er prasselte - mal wieder - unaufhaltsam dicht und schwer gegen die gegossenen Fenster ihres Büros. Begleitet wurde diese Kakophonie von weißem Rauschen nur von dem Knacken und Prasseln des Feuers, welches Alexander eine gute Stunde zuvor im Kamin entzündet hatte, bevor er sich erneut auf die Reise begab "das verfluchte Leck unter Dach" zu finden, welches das Wasser in die Innenräume drückte, wie einen kleinen Wasserfall. Audra saß, ihr Haupt in einer breiten Hand abgestützt, an ihrem Schreibtisch. Finger überspannten die elfenbeinweiße Haut von einem Wangenknochen zum anderen, verdeckten die spröden Lippen, die den rosigen Glanz vor guten drei Tagen verloren hatten, als unverkennbares Zeichen ihres Übertreibens. Anders als sonst, lag ihr das säuberlich gebügelte Hemd verzogen am Hals an, zeigte Kanten, Ecken, welche in metikulös gebügelter Arbeitskleidung eigentlich nichts verloren hatten. Die sonst so fein gekämmten ebenholzbraunen Haare standen ihr strähnig, beinahe ungepflegt aus dem schlampig nach hinten geflochtenen Zopf, kringelten sich unverschämt an ihren Schläfen hinab. Falten lagen ihr um die blassen Augen, welche den scharfen Biss des ungebrochenen Wissens zwar nicht verloren hatten, aber deutlich den wachen, gesunden Glanz vermissten. Gräulich, gar farblos haftete ihr Blick auf den Papieren unter ihr, welche wieder um wieder von dem Kratzen einer ausladend großen Feder, mit noch viel längerem, in Silber geschlagenen Kiel, verschandelt wurden.

      Unstetes Murmeln drang gedämpft hinter der Hand hervor, als ein Ratschen vom Durchstreichen einer nächsten, verworfenen Möglichkeit zeugte. "Sinnlos... Zeitstempel passt nicht überein... Ort uneinsehbar, Aussage... verwerflich...", die Worte flogen ihr aus dem Munde, als sie einen schweren Atemzug aus ihrer Lunge ließ und die Hand von ihrem Munde schob, nach hinten drehte um das zarte Kinn, in ihrer Innenfläche zu betten. Dünn war sie geworden, gar mäkelig dürr. Ein Gewicht, dass von ihrer Mutter wahrscheinlich bereits als "schockierend" benannt werden würde. Nur ihre Schwestern, die hätten das Augenrollen über. Audra hielt inne. Ein Moment der Stille, in welcher sie den Klängen der aktiven, schwindenden Natur lauschte. Frustriert schob die Dunkelhaarige die Schulterpartie in eine gerade Linie, nur um sich im nächsten Atemzug nach hinten in die weiche Polsterung ihres Ohrensessels fallen zu lassen. Dann... ein Krachen, die Tür schwang auf, ein übermotivierter Alexander stolperte herein, schwer atmend - Haupt, Arbeitshose und das Leinenhemd durchnässt, blutige Finger, Hammer in der einen, Nägel in der anderen Hand. "Miss Dayton. Ich weiß, Sie sind ein sehr pragmatischer Mensch. Also bitte... bitte rufen Sie doch demnächst Zimmermänner, die unseren Dachstuhl fachgerecht inspizieren. Ich bin weiß Gott kein Fachmann für verrutschte Schindeln und morsche Holzstreben und ich weigere mich-!" - "Ja... Ja, Alexander... morgen wenn der Regen nachlässt. Sofort. Machen Sie einen Termin aus und keine falsche Scheu vor den Ausgaben, in Ordnung?", müde wedelte die Inspektorin vor ihrem Gesicht herum und zwickte sich dann den Nasenrücken mit Daumen und Zeigefinger.

      Der Schwarzhaarige starrte seine Chefin über die Entfernung nur verdattert an. "Äh... ja... klar...", entkam es ihm in einem verzweifelt amüsierten Unterton, während er sich kopfschüttelnd abwandte. "Ich mache Tee. Pfefferminz. Drei Minuten?" - "Klingt vorzüglich. Vielen Dank." ... Ruhe. Die dumpfen Schritte des Jünglings verklangen in Richtung Büroküche und Audra, die starrte an die Decke und schloss erschrocken die Augen, als sie ein kühler Tropfen Regenwasser direkt zwischen die Brauen traf. Eine Warnung? Eine Prophezeiung? Vorahnung? Höhere Mächte? "... oder einfach nur ein undichtes Dach.", hörte sie sich selbst murmeln, setzte ihre Figur jedoch sogleich in Gang, schob den Schreibtisch mit Quietschen und Protest von Holz auf Holz einen Meter nach vor, zog den Stuhl hinterher und platzierte eine kleine Kupferschale an jenem Punkt, wo das Wasser sich den Weg durch die Decke gefressen hatte. Mit verschränkten Armen sah sie dem Tropfen ein paar Momente länger zu, das metallisch klingende Tack-Tack-Tack der Tropfen, welches im Raum verklang, ehe Audra sich auf den Haken herumdrehte und zum Fenster schlenderte. Die müden, getriebenen Augen hinausrichtend, die verschleierte, in Silber und Weiß getauchte Szenerie erkennend, schob sich ein stotternder Atemzug in ihre Lungen. "Wo steckst du...", hauchend, fein schlugen sich die Worte auf Glas nieder und nahmen ihr somit voll und Ganz die Sicht auf die Welt hinter ihren vier Wänden.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von cada ()

    • Ein trister, grauer Nebelschleier hüllte London ein. Ungemütlich, wenig einladend für einen gepflegten Spaziergang über unebenes Kopfsteinpflaster. Regen prasselte rhythmisch auf die Tonziegel der Häuserdächer. Eine dichte, schwere Wolkendecke erstickte alle Hoffnungen auf ein wenig Sonnenschein im Keim. Selbst der milde Sommer Englands nahm der Metropole diesen rauen Charme nichts, noch hielt der Regen das geschäftige Treiben von den Straßen fern. Der Lärm der Fabriken pulsierte in den beengten Industrievierteln, provisorische Schirme und Markisen schützen die Auslagen der Geschäfte in den Handelsgassen. Die Stadt summte wie ein aufstrebender Bienenstock. Aus der Vogelperspektive ergoss sich ein Meer aus Regenschirmen über die Hauptstraßen. Die Kutscher der schlichten, schwarzen Droschken hatten mehr Fahrgäste als sie an einem Tag abfertigen konnten. Ein Umstand, der für ein lukratives Geschäft und lange Gesichter bei der durchnässten Kundschaft für lange Gesichter sorgte. Das Schnauben der stämmigen Zugpferde mischte sich in hitzigen Gefeilsche. Zu keiner Minute war es wirklich still. Niemals stumm, ohne jeglichen Stillstand.

      Er hasste alles daran. Sofern er den gedimmten Unmut, der einen Schatten über sein Gemüt warf, als Hass identifizieren konnte. Hass war ein zu starkes Wort für einen Mann, der allen Emotionen entsagt hatte. Sie waren ein lästiges Zwicken in seinem Hinterkopf. Eine ungeliebte Erinnerung, die einen Mangel definierte. Vermisste etwas doch erst, wenn es längst fort war. Doch selbst Bedauern verlor mit der Zeit an Bedeutung. Sie verblasste, bis auch sie nur noch eine Erinnerung war. Weit weg und unerreichbar.

      Das altehrwürdige Stadthaus erhob sich in einer weniger frequentierten Wohngegend. Der Lärm schrumpfte auf ein erträgliches Maß, beinahe ausgeblendet vom prasselnden Regen. Eine einsame Droschke rumpelte vorbei. Vorbei an dem hochgewachsenen Mann, dem ein schlichter, schwarze Regenschirm elegant über der Schulter lag. Der maßgeschneiderte, zweireihige Mantel reichte ihm bis zu den Knien und ließ die Statur des Fremden, der das Haus mit stahlblauen Augen beobachtete, noch höher und die Schultern breiter erscheinen. Die Eleganz in seiner gerade Haltung sprach von Aristokratie. Unter dem dunklen Mantel lugten die hellgrauen Hosenbeine, eines ebenfalls penibel angefertigten Anzuges und auf Hochglanz polierte Lederschuhe hervor. Die Kleidung mochte auf den ersten Blick zu schwer für einen lauen Sommertag wirken, waren dennoch leicht genug und perfekt für das launische Wetter der Stadt. Zielstrebig setzte sich der Mann in Bewegung als das Klappern der Droschke in der nächsten Kurven verstummte. Die Aura der Fremden veranlasste einen einsamen Passanten dazu, die eilig die Straßenseite zu wechseln. Niemand konnte es sehen, aber über den Nacken des Passanten zog sich eine fröstelnde Gänsehaut. Sein Gesicht erbleichte. Eine natürliche, wenn auch unbewusste Reaktion auf etwas absolut Widernatürliches, das sich nicht die Mühe machte, etwas anderes sein zu wollen als das.

      Mit gekrümmten Knöcheln klopfte der Mann an die Eingangstür. Während er auf das Geräusch erster Schritte im Foyer wartete, klappte er behände seinen Schirm zusammen. Fahles, gräuliches Sonnenlicht schimmerte auf vereinzelten, silbrigen Strähnen die dunkelbraunes Haar durchzogen. Das Haar trug er angemessen zurückgekämmt, das Kinn war bis auf den letzten Bartstoppel glatt rasiert. Eine gerade Nase thronte über schmalen Lippen, die sich zu einem höflichen Lächeln teilten sobald das erste Klicken des Türschlosses ertönte. Das Lächeln erreichte die stahlgrauen Augen nicht, obwohl dezente Lachfältchen sich in die Augenwinkel gruben. Die Andeutung weiterer Fältchen, Zeichen des Alters, zierten das ernste Gesicht und die scharfkantigen Züge. Sie waren ein wenig zu scharf, zu kantig und doch unverkennbar attraktiv. Zeitlos, trotz der Fältchen, die verrieten, dass er die Vierziger bereits hinter sich gelassen hatte. Nobel, ohne Frage. Die Spitze des Schirms klickte leise auf der obersten Stufe auf und die Hände faltete der unerwartete Besucher geduldig darauf.

      William Hargreaves hasste London, aber die Umstände hatten ihn gezwungen, das heimelige Anglesey zu verlassen und die unbequeme Reise von Wales ins Herz Britanniens auf sich zu nehmen. Umstände, die den Namen seines Neffen trugen. Die Sturheit lag den Hargreaves im Blut und doch hatte William geglaubt, dass der Pakt der Reaper mit dem Tod, dieses Problem aus der Welt schaffte. So war es immer gewesen. So würde und sollte es immer sein. London hatte seinen Neffen verändert. Stets pflichtbewusst, war er doch Zeit seines Leben auch immer unberechenbar gewesen und genau diese Unberechenbarkeit plagte William wie ein spitzer Stein in seinem Schuh. Wenn nicht London die Veränderungen heraufbeschworen hatte, musste es etwas in dieser Stadt sein. Nicht etwas, jemand. Die Tür vor ihm schwang leise auf.

      "Bitte entschuldigen Sie mein unangekündigtes Erscheinen. Mein Name ist William Hargreaves und ich bin im Auftrag meines Neffen hier, Mr. Gabriel Hargreaves. Er bat mich eine dringende Nachricht an Miss. Dayton zu überbringen", begrüßte er einen zerstreut wirkenden, jungen Mann. Die Stimme ein volltöniger Bariton, um Wärme bemüht und doch gleichzeitig so kühl wie charmant. "Sein derzeitiger Zustand erlaubt es ihm nicht zu Reisen. Der Gedanke, dass er einer gewissen jungen Damen Sorgen bereiten könnte, ließ ihn nicht los."

      Er würde sich eigenhändig um dieses Problem kümmern.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Einen Moment länger starrte der nach wie vor durchnässte Alexander dem Neuankömmling vor der Türe entgegen. Ein weißes Handtuch um den Hals gelegt, schwarze Locken die noch den ein oder anderen Tropfen Wasser auf die sommergesprossten Wangen fallen ließen. Eine große Hand an der Türklinke, die andere beinahe wie ein Schutzwall um den breiten Türrahmen geklammert, während er den Mann vor sich musterte, welcher ihm auf ungefähr gleicher Augenhöhe begegnen konnte. Der Sekretär von Audra ließ das unschlüssige Grün seines Blickes noch einen Moment länger in dem Stahlblau seines Gegenübers verweilen, das von leichten Bartstoppeln umrandete Antlitz seinerseits in eine harte Maske verschoben, während er sein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte und den Kopf zur Seite neigte, als wollte er seinen eigenen Verstand durch die Worte fräsen, die er Unbekannte, welcher sich als William Hargreaves vorstellte, an ihn richtete. Kalkuliert, gar als hätte ihm die Inspektorin selbst ihr Wissen an den Schwarzgelockten weitergegeben, wurde der edel gekleidete Körper gemustert, ehe Alexander einen Schritt nach hinten machte, den Pfahl eines Armes vom Türrahmen lockerte und das Tor in die wärmliche Stube öffnete. "Ich bitte Sie darum einen Moment zu warten. Für normalerweise empfängt Miss Dayton niemanden außerhalb ihrer Dienstzeiten... Lassen Sie mich sehen, was ich tun kann.", gekürzt bemessen sprach Alexander in die Richtung des außertürlichen Besuchers, während er mit ungemeiner Ruhe die Türe in ihre Angeln drückte.

      Dann machte der Herr am Stand kehrt und spazierte mit langen Schritten durch den Flur, welcher in Richtung des eigentlichen Büros führte, klopfte kurz - zwei Mal - und steckte den Kopf durch die angrenzende Holzvertäfelung, welche sich nach innen aufdrücken ließ. Fern klang das Gemurmel zweier Stimmen zurück in die Richtung Williams. Im Nebenzimmer hob sich schleichend das leise Pfeifen von kochendem Wasser in die Höhe, als zuvor aufgesetzter Tee sich den Gesetzen der Physik beugte. Dann... Schritte, die aus dem Raum hinter der hölzernen Wand erklangen. Nicht schnell, nicht übereilt... und doch mit einer gewissen Energie in ihrer gewählten Geschwindigkeit. Alexander trat einen halben Schritt zur Seite und ließ die Figur Audra Daytons im Durchlass erscheinen. Gewählt ruhig traf der Blick der Inspektorin den von William über die kurze Distanz. Sie mussten sich gegenseitig gar nicht suchen... Scharf und berechnend stachen die Augen ihrerseits an ihrem Sekretär vorbei und verbohrte sich in dem blassen Gesicht, welches die selbigen kantigen Züge aufwies, die so schmerzend vertraut an jene von Gabriel erinnerten. Keine Regung brach durch, keine Möglichkeit auch nur irgendetwas in dem wissenden Augenmerk ihrerseits zu lesen. Sie beugte sich vor, suchte das Gehör von Alexander um ihm etwas zuzuflüstern.

      Und darauf kam Bewegung in die Situation. Ein knappes Nicken des Schwarzhaarigen, welcher sich erneut umkehrte und zurück in Richtung von William schritt. Die knappe, einladende Bewegung seiner flachen Hand, die in Richtung des Büros deutete, wurde von einem kurzen Nicken unterstrichen. "Bitte.", kaum freundlich, doch auch nicht abweisend, eher die stoische Professionalität der gesamten Detektei blutete ihm aus der Stimme, bevor sich Alexander drauf und dran machte, das penetrante Pfeifen des Teekessels unter Kontrolle zu bringen. Audra jedoch... die wartete. Wie eine Jägerin auf ihre Beute... oder eine Straßenmusikantin auf Publikum. Sie beobachtete William wie er nähertrat, die dumpfen, genässten Schritte den großgewachsenen Herren näher an sie heranführten. "Treten Sie doch ein.", der Rücken lag ihr flach auf der Tür zu ihrem Büro auf, während die rechte ihrer die Türklinke umschlossen hielt. Audra schlug den Blick hinab, als sich William Hargreaves an ihr vorbeischob und ihr Reich betrat. Ungezählte Sekunden herrschte Ruhe, als sich im Hintergrund das Prasseln des Feuers am Kamin, gepaart mit dem steten Tropfgeräusch des Wassers im Raum breit machte, während ruhige Schritte die Bewegung Audras bekundeten, die mit gewählter Stoa angrenzenden Flur von ihrem Büro trennte und die vertäfelte Tür schloss. "Entschuldigen Sie bitte die Unordnung.", begann sich ihre Stimme dann durch den Raum zu bewegen - vermisste aber die Note die es wirklich ernstgemeint hätte -, als ihre eigener Blick über den verschobenen Holzkatheter glitt, die vielen verstauten Dokumente, welche sich auf jenem türmten und achtlos in den Schrank an der gegenüberliegenden Wand gestopft worden waren, um der Nässe zu entgehen, welche sich durch die holzvertäfelte Decke fraß.

      "Das Wetter setzt unserem Dach stärker zu als gedacht...", die Erklärung entsprach der Wahrheit, als die beinahe lautlosen Schritte ihrerseits sich über das Fischgrätenparkett bewegten, hinzu zum Kamin um das schwach flackernde Feuer mit zwei neuen Holzscheite zu füttern. Sie kehrte William nicht ihren Rücken zu und verschränkte die Hände knapp vor ihrer Mitte, bevor sie ihr Kinn hinabneigte und ihren Blick auf einen der Ohrensessel lenkte, der vor dem offenen Feuer verweilte... "Ich war so frei und habe meinen Sekretär gebeten, Ihnen auch eine Tasse Tee zuzubereiten. Ich hoffe, das entspricht Ihrem Sinne?", gekünstelte Höflichkeit oder nicht, Audra wusste darum, wie man einen guten Eindruck hinterließ. Welch Absicht auch immer hinter dem Besuch von Herrn Hargreaves steckte, abgesehen von jenem einem offensichtlichen. Bemessen holte Audra daraufhin Luft und lies sich langsam auf einem der Armlehnen des anderen Ohrensessels nieder. "Also... Sie kommen im Auftrag ihres Neffen?", die Augenbrauen hoben sich in stummen Kalkül gen Haarlinie empor, während ihr Antlitz von losgelöster Emotion, unbewegt und fern der Realität, verweilte.
    • Neu

      William Hargreaves wartete ungern. Theoretisch besaß der Mann, dem der alte und ehrwürdige Adelstitel ins Gesicht geschrieben stand, alle Zeit der Welt. Als besagte Detektiven sich endlich im Türrahmen blicken ließ, hatte William sich nicht einmal die Mühe gemacht, den Mantel abzulegen. Er hatte ohne nicht vor, lange zu bleiben. Der Besuch war keine Annehmlichkeit, sondern eine Notwendigkeit und dabei so erfreulich, wie das penetrante Summen einer lästigen Fliege im Hochsommer. Geduldig ließ er sich von Audra mustern, die hinter ihren erstaunlich intelligenten Augen bereits Eins und Eins zusammenzählte. Die Familienähnlichkeit schien die Frau zu überzeugen, dass er kein Hochstapler mit einem geliehenen Namen war. William schenkte Audra ein höfliches, aber distanziertes Lächeln, das sich der Aura von kühler Professionalität anglich. Das Blickduell fand ein jähes Ende, als Audra ihren blutjungen Assistenten die Aufgabe übertrug, ihn weiter in das Foyer zu bitten, als wäre William ihrer persönlichen Einladung nicht wehrt. Die perfekte Maske blieb ungerührt an Ort und Stelle, aber er begann ein wenig zu verstehen, warum sich Gabriel derzeit in einer überaus misslichen Lage befand. Audra Dayton besaß einen eigenwilligen, erhabenen Schneid, den selbst William ihr nicht absprechen konnte. Aber er war nicht hier, um darüber zu sinnieren, was seinen Neffen neuerdings seine Pflicht vergessen ließ. Eine Kuriosität in der der natürlichen Ordnung des Daseins als Reaper. Eine Ablenkung dieser Art, in Form einer hübschen und offenbar belesenen Frau, sollte vollkommen undenkbar sein. Mit einem kurzen Nicken setzte er sich in Bewegung, um Audra Dayton in ein recht gemütliches und ansprechendes Arbeitszimmer zu folgen.

      Kaum übertrat William die Türschwelle, veränderte sich seine durchaus ansehnlichen und höflichen Gesichtszüge. Das Lächeln verblasste sekündlich ein wenig mehr und machte Platz für eine leere, kühle Mimik. Der Blick in seinen Augen, die Gabriel so ähnlich waren, wirkten vollständig ausdruckslos. Die nebensächlichen Floskeln zur Unordnung und eines durch den Regen gepeinigten Daches, schien seine Aufmerksamkeit komplett zu verfehlen. Stattdessen sah sich William genau im Raum um, als wäre alles interessanter außer der Person, wegen der er den langen Weg auf sich genommen hatte.
      "Ich war so frei und habe meinen Sekretär gebeten, Ihnen auch eine Tasse Tee zuzubereiten. Ich hoffe, das entspricht Ihrem Sinne?", fuhr Audra unter dem Deckmantel zuvorkommender Gastfreundschaft fort und William schenkte ihr einen flüchtigen Blick aus dem Augenwinkel.
      „Ich habe nicht vor, lange zu bleiben“, antwortete er ohne überhaupt auf den angebotenen Tee einzugehen. Kein Dank. Kein nettes Wort. Einfach reines, pures Nichts. Ein sachlicher Fakt, eine blanke Information, die keinerlei Emotionen enthielt. Es war noch offensichtlicher als bei Gabriel. Selbst das Feuer im Kamin schien bei der demonstrierten Gefühlkälte unbehaglich zu flackern.
      "Also... Sie kommen im Auftrag ihres Neffen?", fragte sie und die Skepsis darin sprach Bände.
      William trat auf Audra zu, ignorierte den angebotenen Ohrensessel, und zückte einen versiegelten Briefumschlag mit dem Familienwappen der Hargreaves, aus der Innentasche seines Mantels. Die verschlungenen, filigranen Äste einer Trauerweide, die sich um einen stilisierten Kelch rankten, waren in das rote Wachs geprägt. William musterte Audra eindringlich, der Blick so intensiv, dass es den meisten bereits nach wenigen Sekunden unangenehm werden würde.

      „Wir wissen beide, dass mein Neffe mich nicht geschickt hat, Miss Dayton“, sagte er schlicht und ließ sich den Umschlag aus den Händen nehmen. „Das ist eine Einladung zum Familiensitz der Hargreaves. Gabriel hat mich in eine sehr unerfreuliche Lage gebracht, wissen Sie? Fakt ist, Sie verfügen über ein uraltes Wissen, das Ihnen nicht zusteht. Ein Ärgernis, das sich bedauerlicherweise nicht korrigieren lässt. Zumindest nicht auf zivilisierte Art, die unser derzeitiges Jahrzehnt fordert. Sie wären nicht die erste, außenstehende Person in den letzten Jahrhunderten, die eine…Allianz mit den Reaper von Anglesey eingegangen ist. Für gewöhnlich handelte es sich dabei um arrangierte Heiraten um den Familienstammbaum zu erhalten.“
      William drehte sich um und schritt durch das Büro. Mit den Fingern glitt er über die Tischkante des massiven Schreibtisches, berührte beiläufig verstreute Papiere und Briefbeschwerer.
      „Gabriel ist der Überzeugung, dass sie vertrauenswürdig sind, Miss Dayton. Bedauerlicherweise ist er nicht in der Position, diese Entscheidung zu treffen. Es obliegt dem Familienoberhaupt, mir, zu beurteilen, ob ihnen dieses Wissen ohne Konsequenzen anvertraut werden kann. Bis das Urteil gefällt ist, ist ihre Anwesenheit auf unserem Familienanwesen in Anglesey erwünscht. Ich bestehe darauf.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()