a coin for the ferryman (winada)

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    • Die Anstrengung des Tages hinter sich lassend, war die Unterhaltung mit dem Weißhaarigen wohl die Krone, die man dieser völlig verrückten Woche aufsetzten konnte. Keine die von Reichtum zeugte, oder Macht oder gar Wohlhaben... nein. Es war jene Krone die man erlangte, wenn man sich zur Abwechslung einfach auch mal selbst auf die Schulter klopfen wollte, die erreichten Meilensteine nun absetzend, eingrabend, sich zur Gänze anderem widmend und doch vollkommen bei der Sache bleibend. Audra wusste nur zu gut und musste sich dahingehend selbst immer wieder erinnern, dass dies aber keine gemütliche Unterredung unter Freunden oder alten Bekannten war, nein. Ihr gegenüber saß ein Herr, der im Moment als einzige triftige Verbindung zu und um die Kensingtons agiert hatte, wo alle Fäden irgendwie zusammenführten. Natürlich hatte die Inspektorin sich in alle anderen möglichen Richtungen gekehrt, hatte sich aus Fenstern gelehnt und unter jeden Stein geschaut. Hier und da war eine Spur zu vermerken gewesen. Ein paar wenige Fährten, die sich jedoch nach genauerer Durchsicht im Sand verliefen, unbrauchbar wurden. Und da sprach sie noch nicht mal von den Angehörigen der Familie des Verstorbenen. Jeglicher Auftraggeber oder Abnehmer des Herrn Kensington wurde befragt, Kunden die den Schmied um die Arbeitszahlung prellten oder eben auch eifersüchtige, sich betrogen fühlende Damen, die die Kosmetika von Bella Kensington erwarben und aufgrund von allergischen Reaktionen nicht tragen konnten... ALLES hatte Audra überprüft, mehrmals. Und doch war nichts hieb- und stichfest. In Gedanken kurz abgedriftet, erklang die Wortwahl des Weißhaarigen vor ihr nun eher nebenbei an ihre Ohren, aber widmete sie ihren Blick aus dem gemischten Farbglanz von Meerestiefe und Sommerwiese, seinerseits und hob erstaunt die Augenbrauen in die Höhe, während Gabriel ihr seine Mutmaßung darbrachte, an welche Geschichte der Antiquar wohl glaubte. Stet hob die Braunhaarige ihre Tasse nun an ihre Lippen und nahm einen kleinen Schluck von der vollmundigen Würze des Assam, den schneidenden Blick ihrerseits auf das Haupt des Herren ihr gegenüber gerichtet. Konzentriert hüpfte ihr Augenmerk in dem beinahe regungslosen Gesicht Gabriels herum, suchte in der ebenen Glätte seiner Wesensspiegelung Fehler... Macken, die aus dem deterministischen Ausdruck herausstachen. Doch wurde sie nicht fündig. Er war... zu gut darin, nicht hinter die Fassade seines Charakters und seiner Emotion blicken zu lassen. Was Audra jedoch nur noch mehr anspornte, den Weißhaarigen zur Gänze an die Wand zu stellen und ihn ... auseinander zu nehmen.

      Aufmerksam fuhr ihr Blick jedoch dann in seine Augen hoch, als Gabriel sie in ihrem Fehler erwischt hatte und Audra hätte sich auf die Zunge beißen können, nicht vorsichtiger gewesen zu sein. Die späte Abendstunde und das stetige überarbeitet sein, zollten auch bei der sonst so standfesten Inspekorin irgendwann ihren Tribut und im Falle der Braunhaarigen war das eine zu lose Zunge und zu unbedachte Worte. So hielt sie den wissenden Augen des Weißhaarigen stur stand und hob nur unbeeindruckt ihre rechte Augenbraue in die Höhe, beinahe so als wollte sie ihre Fauxpars kaschieren, ihm zeigen, dass sie es eigentlich nur darauf angelegt hatte, ihn aus der Reserve zu locken, wenngleich der Antiquar sich auch durch seine Worte verriet. Etwas... war an diesen Dolchen wohl besonders. Und er wusste davon. Zumindest verstecken konnte er sein Wissen darum nicht mehr, hatte er es der Inspektorin ja gerade zu auf die Nase gebunden. So senkte sich das feine Porzellan in Audras Händen hinab und kam auf dem zarten Unterteller zum erliegen, während sie ihren Blick, ihre Aura, unter Kontrolle brachte. Der Glanz in ihren Augen mattete ab, die Lider ihrerseits senkten sich etwas hinunter, ihre Augen nun durchschauend halb verdeckend. Einen tiefen Atemzug nehmend, galt ihre Aufmerksamkeit dann aber wieder dem Feuer neben ihnen, dass mit einem Zischen und Knacken Beachtung verlangte. "Ich kam kaum daran herum, war es Mr. Wright, unser Restaurator, der mir die nähere Betrachtung dieser Messer quasi aufzwang...", aus einem geneigten Winkel ihres hinabgesenkten Hauptes, schickte sie den rätselbergenden Blick wieder auf Gabriel, sein Antlitz in diesem einfangend. Als hätte man nun die Mystik zwischen ihnen beschworen, rückte der Weißhaarige ein wenig, beinahe kaum merklich, in dem Ohrensessel nach vor und fragte Audra, nach einer wohl künstlich angelegten Pause, hoffend, dass die Inspektorin sich auf jene Charade einließ, ob ein erneutes Berühren wohl ein anderes Gefühl in ihr auslösen würde, als jenes, welches sie wohl schon verspürt hatte.

      Die Überheblichkeit aus ihren Zügen verbannend, war es eher ein unbeeindrucktes Zwinkern, welches sich innerhalb ihres monotonen, neutral wirkenden Gesichts ausbreitete. Die Lippen leicht schürzend, ihr Kiefer dahingehend sogar ein wenig anspannend, pressten ihre Zahnreihen sich aufeinander und zeichneten weitere, kantige Linien, in das schon viel zu ernste Gesicht der sonst so hübschen Frau. Ein Schniefen zog sich ihre Nase empor, sie hob die Tasse wieder an um einen erneuten, wohltuenden Schluck des Heißgetränks zu sich zu nehmen und im Anschluss ließ sich die Braunhaarige, sichtlich angetan von Tee und Lagerfeuer, gemütlich in die Lehne ihres Ohrensessels zurücksinken, die Heimeligkeit des Moments genießend. Beinahe, als hätte es das Gespräch zwischen ihr und dem Weißhaarigen gar nicht gegeben. "Ich spreche ungern im Konjunktiv, Mr. Hargreaves. Hätte, würde, könnte... das... sind alles Floskeln für unausgeführte Gedankengänge, die zur eigentlichen Tat führen, welche möglicherweise, oder eben auch nicht, Erfolg oder Niederlage besiegeln.", Audra hob die Schultern an, zeichnete somit ein feines Schulterzucken auf ihren Oberkörper und nahm noch einen Schluck. "Bevor ich ihnen also diese Frage so beantworte, wenn mein Inspektorenkopf nicht mitdenkt, möchte ich auch ihnen eine Frage stellen.", ihre Chance nun gewittert fand die Tasse in ihren Händen mit einem sachten Klirren, als sie am Beistelltisch abgestellt wurde, eben wieder ihren Platz ihres eigentlichen Herkommens. Sorgsam faltete die junge Frau ihre Hände in ihrem Schoß und wand den skeptischen Blick nun voll und ganz auf Gabriel, ihn mit dem verwaschenen Grünblau ihrer Augen, fixierend. "Die Kinder der Witwe Kensington fragten mich am Tattag, kurz, nachdem ihr Vater die Ewigkeit im Tode gefunden hatte, ob ich denn jetzt und ich zitiere diesen Mann suchen würde, der Papa einschlafen hat lassen... den Engel... den Mann mit den weißen Haaren... was sind ihre Gedanken dazu?", ruhig lag ihr Blick auf den ausdruckslosen Gesicht des Antiquars, gab ihm eine Moment darüber nachzudenken, was sie ihm erzählt hatte. Dann räusperte sich Audra und sah in manierlicher Unaufgeregtheit zu ihrem massiven Katheder, auf die kleine Box in der die Dolche lagen. Sie hatte einen Soll zu erfüllen und Audra war kein Mensch, die ihr gegebenes Wort brach. "Rein meiner neugierigen Natur nach, bedenkt man die Hypothese dahinter und die Möglichkeiten ob ihrer Erschaffung... wohlmöglich würde ich sie... ehrfürchtiger behandeln... und auch ähnliches verspüren.", eine Stimmfarbe wählend, die man von der jungen Frau so noch nicht gehört hatte, wog sich ihr Wort in Sänfte, ja beinahe kindlicher Naivität, vermischt mit - Wärme.
    • "Mir ist seit Ihrem ersten Besuch in meinem Geschäft bewusst, dass Sie mich verdächtigen, Inspektor", antwortete Gabriel seelenruhig als würden sie gerade über das fürchterliche, londoner Wetter einen gemütlichen Plausch halten.
      Dass der Mann mit den weißblonden Haaren sich zu keinem Zeitpunkt durch die engagierte, junge Frau bedroht fühlte, stand völlig außer Frage. Auch die märchenhaften Erzählungen der Kinder über den nächtlichen Besucher - diesen angeblichen Engel - entlockten Gabriel keine nennenswerte Reaktion. Weder Überraschung noch Belustigung über diese hanebüchenen Beobachtung krochen über sein Gesicht. Gabriel nippte lediglich ruhig an seinem Tee, wobei er Audra keine Sekunde aus den Augen ließ. Er war das perfekte Abbild eines Mannes, der sich im Angesicht einer klugen und spitzfindigen Frau seine Worte wohldurchdacht zurechtlegte.
      "Nun, ich denke, die Kinder standen unter einem enormen Schock. Was unter den tragischen Gegebenheiten nicht verwunderlich ist. Sie verarbeiten das Grausame mit etwas Vertrautem, dass ihnen ein Gefühl von Sicherheit gibt - ergo, die Erscheinung eines Engels. Fragen sie Mrs. Kensington, welche Gute-Nacht-Geschichten sie ihren Kindern vorgelesen hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie Parallelen finden werden."
      Gabriel fuhr sich mit voller Absicht durch den hellen Haarschopf.
      "Was ihren mysteriösen Mann betrifft...Die Kinder der Kensingtons kennen mich. Sie haben mich mit ihrem Vater des Öfteren zusammen gesehen und es wird sie nicht überraschen, dass Kinder gänzlich anders auf Andersartigkeiten reagieren als Erwachsene. Die Sprösslinge des Schmiedes sind nicht die ersten Kinder, die mich danach fragten, warum meine Haaren fast so weiß sind wie die ihrer Großeltern."
      Das blasse Abbild eines Lächelns erschien auf seinen Lippen, doch sein Ton war nichts anderes als sachlich.
      "Vielleicht beruhigt sie Vorstellung, dass ein Freund bei ihrem Vater war und er nicht allein hinüber gehen musste. Aber mehr ist es nicht: Die kindliche Art ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten."
      Audra ließ sich nicht anmerken, ob sie seinen Worten Glauben schenkte, aber das war für Gabriel ohnehin unerheblich. Sie hatte keine handfesten Beweise, lediglich Indizien, die ihr nichts nützten und die Zeugenaussage zweier traumatisierter Kinder, die ihren Vater verloren hatten. Es war sein großes Glück, dass sich die Inspektorin mehr wert auf Fakten legte. Es stand völlig außer Frage, dass sie seinen Worten über die möglichen Ursprünge der Dolche keinerlei Wahrheitsgehalt zusprach. Für sie waren es unterhaltsame Ammenmärchen. Sie würde vehement ablehnen, was die Klingen sie fühlen ließen, weil es nicht ihrer Realität entsprach - dem gesunden Menschenverstand.
      Der sanfte Ton ihrer für gewöhnlich kühlen und gefassten Stimme konnte ein Täuschungsmanöver sein. Gabriel erdreistete sich nicht zu glauben, dass er die einzige Person in London war, der über dieses Talent verfügte.
      "Möchten Sie es auf einen Versuch ankommen lassen, Inspektor?"
      Gabriel lehnte sich zurück und deutete mit einer galanten, ausschweifenden Bewegung seiner Hand zu dem massigen Schreibtisch und unterstrich damit den flüchtigen, trägen Blick ihrerseits.
      "Verweilen Sie nur nicht zu lange in der Aura der Dolche. Es heißt, hat der Tod einmal seine Hand ausgestreckt, lässt er nicht wieder los." Obwohl seine Stimme vollkommen neutral klang, hatten seine Worte etwas Bedrohliches an sich. Was noch weniger zu dieser Warnung passte, war das flüchtige Zwinkern, dass er Audra schenkte, als hätte er einen erheiternden Scherz gemacht.
      "Wenn Sie mich lassen, erlöse ich Sie von dieser Bürde", sprach er rau und sah Audra dabei ein wenig zu lange in die Augen, ehe er wie gewohnt fortfuhr. "Nun, ich nehme an da sie mein Hab und Gut dem Scottland Yard entreißen konnte, gilt es nicht länger als Beweisstück. Daher wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir mein Eigentum aushändigen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sie biss wortwörtlich auf Granit. Ein Umstand, der Audra eigentlich gar nicht gefiel. Sie war es nicht gewohnt, einen derart wortgewandten und... sich windenden Gesprächspartner vor sich sitzen zu haben, der ihr geführtes Wort so spielerisch leicht im Mund herumdrehte, wie eine Mutter die Pfannkuchen für das Frühstück ihrer Familie. Stur, aber kaum verkniffen, hatte sich das Grünblau ihrer Augen auf dem Haupt des Weißhaarigen festgefahren, beobachtete jegliches Handeln seinerseits mit Argusaugen. Als würde sie den Ball dieses neumodernen Spieles - wie hieß es noch gleich... Tischtennis? - verfolgen, so zackig und agil glitt ihr Blick in dem Antlitz seiner herum, versuchend, abermals, eine Regung zu erkennen, die nicht zu gesagtem passte. Aber... hatte Gabriel wohl seine Hausaufgaben gemacht und gab sich in gewohnt reservierter Manier, wo gleich Audra erkannte, dass er auf der Hut war. Schon sein erster Satz bestätigte ihr, dass er ... vorsichtiger geworden war. Wenn er schon wusste, dass sie ihn verdächtigte, warum genau, war er nach wie vor so... leichtfüßig unterwegs? Federnd, ja den Balanceakt am Drahtseil ohne jegliche Sicherung durchführend. Er... war schlau, gewieft. Und Audra war sich beinahe zu hundert Prozent sicher, dass Gabriel vor ihr wusste, WIE intelligent er war. Das musste die junge Frau ihm durchaus lassen und während sich ihr Haupt ein wenig nach hinten überstreckte, die Augen ihrerseits somit zur Hälfte mit ihren Lidern bedeckend, fuhr ein imponiertes Lächeln auf ihre Lippen. Wohl glich es mehr dem zaghaften Zucken ihrer Mundwinkel, von jemandem, der auf Tod und Verderben nicht über den gestellten Witz lachen durfte den er oder sie vernommen hatte. Es machte ... Spaß, mit dem Weißhaarigen zu diskutieren. Es erheiterte die Inspektorin mehr als sie sich eingestehen wollte, das Gespräch mit dem Antiquariat, der ihren gestellten Fallen wie ein Hase bei der Treibjagt, gekonnt, mit Haken nach links und rechts, auswich. Fest hatte sich der Braunhaarigen Blick auf das Antlitz des Weißblonden Herren gepinnt, ließ ihn keine Sekunde aus den Augen. Auch als er ihren Blick suchte, ihr die Bürde der Dolche nochmals auf, wie es wohl für andere wirken sollte, gruselige Art und Weise anpries, kam Audra nicht darum herum, den Herren der ihr gegenüber saß, bedacht zu mustern und respektvolle Distanz zu waren. Sie ließ ihn aussprechen. Alles, was er sich nun wohl oder übel von der Seele reden wollte, fand Gehör bei der Inspektorin, die in ruhiger Manier wieder nach ihrer Teetasse griff und lautlos einen Schluck von dieser nahm. Für wenige Sekunden, ja eine schiere Ewigkeit sollte man kein Liebhaber von bedeutsamer Stille sein, wob sich nun Ruhe um die beiden Parteien und Audra, die Gabriel wie ein Buch fixierte, dessen sieben Siegeln es zu knacken galt, wand ihren Blick hinab ins Feuer und tat einen tiefen Atemzug durch den Mund, welchen sie langsam, gleichmäßig aus ihrer Nase entkommen ließ. Den letzten Rest ihres Assams in der Tasse trinkend, fand, unterstrichen von einem leichten Räuspern, das wertvolle Keramikding, wieder seinen Platz auf dem Tablett. "Sie sind ein kluger Mann, wissen Sie dass, Mister Hargreaves?", auf das Klirren des weißen Geschirrs, folgte die in Respekt getauchte Stimme der Inspektorin, welche sich in manierlicher Ruhe wog. Schwungvoll, aber keineswegs übereilt erhob sich die junge Frau wieder auf ihre Beine, verschränkte ihre Arme im Rücken und stolzierte regelrecht zu ihrem Katheder hinüber, auf welchem nach wie vor die Dolche ruhten, als hätten sie hier ihr Ziel gefunden. Einen Moment länger sah Audra auf die dunkle Schatulle hinab, seufzte schwerfällig, denn auch nun sprühte das fremd wirkende Metall eine... ungewohnte Härte aus, die sie auch durch die Abschirmung des Holzes deutlich spürte. Ein Schnalzen mit der Zunge entkam ihr... was, wenn sie nur für diesen Moment einfach mitspielte? Was, wenn sie ihm die Jagt... ein wenig leichter machte? Ihre Untersuchungen bezüglich dieser Messer war abgeschlossen. Horace war zwar nicht sonderlich darüber erfreut, dass diese historischen Schätze wohl nie wieder die Hallen von Scotland Yard erblicken würden - alsbald man den Besitzer fand, welcher sich zufälligerweise gerade hier in diesem Raum befand und sich damit brüstete, das Familienerbstück doch gerne wieder in eigenen Händen zu sehen - aber war Audra eben auch ein großer Fan davon, Regeln und Formalitäten einzuhalten. Also ergriff sie die verschlossene Box behände, als hätte sie noch nie etwas anderes gemacht, hielt sie regelrecht wie pures Gold so wertvoll in ihren Händen und trat zurück in die Richtung von Gabriel, ihm die Schatulle nun mit gesänftigtem Blick anbietend. "Sie haben Recht... es steht uns nicht zu, ihr Eigen vor ihnen zurückzuhalten... Bitte, nehmen Sie.", lauernd war das Lächeln, dass sich nun auf ihren rosigen Lippen bildete und sie Gabriel Hargreaves dabei zusah, wie er nach seinem Eigen, wie er es nannte, griff. "Ich denke, damit haben wir auch alles gesagt, finden Sie nicht auch?", gleichsam in seiner Breite verweilte das Lächeln auf Audras Antlitz, die, alsbald der Weißhaarige ihr die Bürde abgenommen hatte, ihre Arme wieder in ihrem Rücken verschränkte. "Ich begleite Sie noch bis zur Tür, Mister Hargreaves...", somit schlenkerte ihr braunhaariges Haupt in Richtung des Ausgangs, ihm somit signalisierend, dass Audra wohl für den Moment alles von ihm gehört hatte, was sie hören musste.
    • Milde Skepsis, zumindest ein dezenter Anflug davon, spiegelte sich auf dem Gesicht des Antiquars. Das eingeübte Mienenspiel zeigte Audra einen Mann, der dem Verhalten der jungen Frau durchaus misstrauisch gegenüber stand und tatsächlich erschien Gabriel die Auflösung dieses kleinen Treffens ein wenig zu einfach. Audra gab seinem Wunsch schneller nach als vermutet. Das Misstrauen war lediglich zu einem Teil gespielt und ließ die Gefühlregung auf seinem Gesicht dadurch nur noch echter wirken. In der Nähe der scharfsinnigen Inspektorin lichtete sich der dumpfe Nebel, der seine Fähigkeit zu Fühlen auf das Fassungsvermögen eines Teelöffels zusammenschrumpfte, auf ganz unerwartete Weise um ein kleines Stückchen. Gabriel empfand das Phänomen als beinahe lästige Ablenkung und gleichzeitig als äußerst...reizvoll. Es irritierte den Mann mehr als er zugeben würde. Eine ähnliche Wirkung verspürte er nur im Einklang mit einer gesammelten Seele. Ein Mann der Wissenschaft mochte die Beschreibung dem Beginn eines Adrenalinschubes zuordnen, doch noch bevor Gabriel die Frau gänzlich erreicht und nach der Schatulle gegriffen hatte, verstand er.
      Es war kein Adrenalinschub. Kein plötzliches Erwachen der verkrüppelten Emotionswelt, die einem Wesen ohne Seele blieb. Nein. Gabriel spürte das Einzige, das er mit absoluter Klarheit, fühlen konnte. Die Geburt einer sterbenden Seele, die sich mit aller Macht ans Leben fesselte und das ganz in der Nähe. Aber der Zeitpunkt stimmte nicht, noch nicht. Gabriel würde geduldig warten bis der richtige Moment gekommen war.
      Erst Audras fragender und gleichsam forschender Blick erinnerte ihn daran, dass er seit einer ganzen Weile lediglich stumm und mit versteinerter Miene aus dem Fenster gesehen hatte. Etwas flackerte über sein Gesicht, dann hatte er seine Mimik wieder vollkommen unter Kontrolle.
      "Ich danke Ihnen, Inspektor", antwortete er anstandsgemäß und nahm Audra die Schatulle mit den Ritualdolchen aus den Händen. Er würde sich nie an die unnatürliche Kälte gewöhnen, die das Metall in unmittelbarer Nähe ausstrahlte. Seelenlos hin oder her. Gabriel kam es äußerst gelegen, dass Audra im gleichen Atemzug die Beendigung ihres Treffens einläutete. Er hatte nun Wichtigeres zu erledigen, als die Neugierde der Inspektorin zu befriedigen und sich auf ihre Wortspielereien zu konzentrieren.
      Die Abschiedsworte blieben kurz aber der Erwartung gemäß höflich. Gabriel wusste, dass er Audra nicht das letzte Mal gesehen hatte. Die Frau misstraute ihm und lag damit nicht einmal komplett falsch. Er war am Tatort gewesen, aber er hatte Kensington nicht getötet. Der Schmied war bereits tot gewesen, als er wie von Sinnen gewütet hatte.
      Gabriel verschwand in die triste, regnerische Nacht, die Londons Straßen einhüllte.
      Er hatte eine Aufgabe zu erfüllen.
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      [ca. 2 Wochen später | Schneider- und Näherviertel]

      Eine behagliche Wärme erfüllte den Salon des ansehnlichen Stadthauses der guten, alten Witwe Moore. Es duftete herrliche nach Tee und frischem Gebäck. Außer ein paar Kerzen und dem flackernden Kaminfeuer gab es keinerlei Lichtquellen im Erdgeschoss. Jemand hatte die Vorhänge sorgsam zugezogen und versperrte damit neugierigen Passanten die Sicht. Die hübschen gar zarten Porzellantassen klirrten leise auf dem Tablett während ein Mann in einem feinen, schwarzen Anzug die Treppenstufen erklomm. Ein Zuckerpöttchen, etwas Honig und ein Milchkännchen leisteten Tassen und Teekanne gute Gesellschaft. Alles war sorgsam auf dem Tablett arrangiert, vom kleinen Zuckerlöffel bis zu der weißen Lilie, die in einer kleinen Kristallglasvase stand.
      Seine Schritte erzeugte auf dem Teppich im Flur lediglich ein dumpfes, leises Pochen. Geschickt balancierte er das Tablett mit einem Arm, als er die Tür zu einem der Zimmer im ersten Stock öffnete. Auch hier war das Licht gedämpft und erzeugte eine wohlige Gemütlichkeit. Aus einem Grammophon ertönte eine zarte, leise Melodie. Der Mann hielt inne und betrachtete die gebrechliche Frau, die in dem riesigen und luxuriösen Himmelbett noch viel, viel kleiner wirkte. Die faltige Haut ihres Gesichtes war blass und grau, ihre Augen trüb und benebelt. Es ging zu Ende. Er konnte es nicht nur sehen, er spürte es.
      Gabriel stellte das Tablett neben dem Bett auf einem kleinen Tisch ab und setzte sich an das Bett seiner alten Freundin. Zumindest kam die Witwe Moore dieser Bezeichnung wohl am nächsten. Die alte, kluge Frau hatte von Anfang an gewusst, dass mit dem Mann etwas nicht stimmte. Manchmal glaubte er, dass sie bereits beim ersten Blick genau gewusst hatte, was er war. Auch wenn er nicht explizit nach London gekommen war, um sie zu holen. Er war nicht der Tod selbst, nur ein Werkzeug. Für die gute Mrs. Moore spielte das keine Rolle. Beinahe mitfühlend nahm er ihre kalte, knorrige Hand zwischen seine Finger. Die Venen zeichneten sich dunkel unter der papierdünnen Haut ab, die mit Altersflecken übersät war.
      "Ist es soweit?", wisperte eine schwache Stimme.
      "Noch nicht.", antwortete Gabriel. "Uns bleibt noch Zeit für einen letzten Tee."
      Das zauberte ein schwaches Lächeln auf ihre Gesicht und Gabriel ertappte sich dabei, wie er zurück lächelte.
      Also taten sie genau das. Sie tranken Tee, wisperte leise in die Stille des Raumes bis er den vertrauten Geruch des Rauches verloschener Kerzen roch.
      "Ich habe Angst", flüsterte Mrs. Moore. "Einen Tag noch...ist das...möglich?"
      "Alles muss einmal Enden. Das ist der Lauf der Dinge", sprach Gabriel.
      Eine eiskalte Hand legte sich in der Dunkelheit auf seine Wange, die ebenso kalt war.
      "Was ist mit dir? Es muss...einsam sein. So...einsam..."
      Die Stimme der Witwe wurde immer schwächer, doch unter der Oberfläche spürte Gabriel wie es rumorte. Er würde dieser herzensguten Dame das Schicksal ersparen sich in ein Monster zu verwandeln. Sie würde nicht würdelos in ihrem Nachthemd durch die Straßen wüten. Das hatte sie nicht verdient. Heute war er nicht zu spät.
      "Ich tue was ich tun muss", antwortete Gabriel nüchtern. "Und dann werde ich gehen."
      "Du hast Angst,...wie ich...", nuschelte sie immer schwächer und Gabriels Schultern zuckten unwillkürlich unter den Worten, die er nicht erwartet hatte.
      "Ja...", gestand er einer sterbenden Frau, die niemandem mehr davon berichten konnte.
      Er zog sanft ihre Hand von seinem Gesicht und zog mit der freien Hand eine silbrige Münze aus der Tasche seines Jacketts.
      "Die ist für Dich", flüsterte er mit weicher Stimme. "Verlier sie nicht und hab keine Angst. Du gehst auf eine Reise, nicht länger beschwert von Krankheit und Alter. Denk an die lieben Gesichter, die dich erwarten und halt die Erinnerung fest."
      Mrs. Moore hatte bereits die Kraft zum Sprechen eingebüßt und blickte ihn vertrauensvoll aus halbgeschlossenen Augen an, als Gabriel ihr die Silbermünze - nicht auf die Augen - Sondern auf die Stirn legte. Sanft bettete er seine Hand darüber und beugte sich vor.
      Da war kein dramatischer Ruck ihres gebrechlichen Körpers, kein letzten Aufbäumen...Nur das Flattern ihrer Augenlider und ein erleichtertes, befreites Ausatmen. Gabriel spürte wie die Seele den Körper verließ. Das Leben wich aus Mrs. Moore während die Silbermünze auf ihrer Stirn zart und warm glühte. Diese Frau hatte so viel Wärme in ihrem Leben besessen. Von ihrer Herzensgüte und ihrer Aufrichtigkeit bis zu ihrer Liebe fürs Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Sie hatte ein erfülltes Leben gehabt.
      Leise wisperte Gabriel Worte, die nicht für die Lebenden sondern für die Toten bestimmt waren.

      "Geh über den Styx.
      Fürchte den Fährmann nicht, der dich geleitet.
      Charon heißt dich willkommen.
      Geh und gute Reise."

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Schweigend sah Audra dem Weißhaarigen diesen Abend hinterher, verfolgte ihn unter vor der Brust verschränkten Armen, den Blick aus halb gesenkten Lidern und ehrfürchtig empor gerecktem Kinn. Er war eine durchaus harte Nuss... aber war sie schlauer geworden. Er war es nicht gänzlich, dem man die Tat zuschreiben konnte und doch schien er etwas zu verbergen, in dessen fein verstrickte Fäden er gesponnen war wie die Fliege im Netz der Spinne... oder war gar er selbst das lauernde Tier, wartend, bis sich die nächste Beute in seinen Schlingen verfing? Ein unliebsames Grummeln entkam aus der Kehle der Inspektorin, welche den Blick auf ihre Fußmatte hinabfahren ließ, darauf hin ein Seufzen von sich gab. Sie würde ihn wohl weiterhin beschatten müssen... möglicherweise nicht jeden Tag, um nicht aufzufallen. Aber konnte und wollte Audra diesen Mann nicht zu lange aus den Augen lassen. Die Chancen standen zwar eher schlecht, dass er nun mir nichts dir nichts aus der Stadt verschwand... sicher war in diesem Fall jedoch sicher. Räuspern machte die Braunhaarige dann am Stand kehrt und verlagerte ihr Sein ins Innere, schloss die schwere Vollholztüre ab, löschte das letzte Licht im Vorraum ihres Büros und verschwand dann durch eine als Wandpaneel versteckte Tür hinter dem Schreibtisch von Alexander hinauf in ihre Wohnung. Oftmals waren Audras Gedanken diesen Abend noch zurück zu Gabriel Hargreaves geglitten, erschien ihm ihr Antlitz immer wieder in ihrem inneren Auge, sah die Farbe seiner Augen, die ihr zu diesem Zeitpunkt lustigerweise noch völlig unbekannt war... die junge Frau kam nicht drum herum, diesen Mann in das Zentrum ihres derzeitigen Zustandes zu setzen, war er doch die einzige Spur die sie hatte, die einzige Verbindung zu dem Tod des Herrn Kensingtons und... so ziemlich allen anderen. Frustriert seufzend warf sich die Inspektorin diese Nacht in ihrem Bett von links nach rechts, nachdem sie für die Nacht alles erledigte und noch bevor eine echte Müdigkeit sie heimsuchen konnte. Wallend lag ihr eigentlich recht stattlich, langes Haar über den Daunenpolster verteilt und auch sonst erschien die junge Frau sichtlich... menschlich... ohne diesen Fummel an Arbeitskleidung. Als würde sie beim Bäcker die Straße runter die Brötchen verkaufen. Ein Glucksen entkam ihrer Kehle, starrte das grün-blaue Augenpaar aber unbeeindruckt an die Decke empor, wo sich die drohende Schwärze der Nacht über sie legte und ihre langen Finger nach ihrem Bewusstsein ausstreckten, Audra dann doch in den Schlaf zogen, den sie brauchte.

      Die nächsten zwei Wochen vergingen... zäh. Stellte sich die Inspektorin das Beschatten ihres einzigen Verdächtigen als einfacher vor. Nun... das sich der Gute kaum am freien Himmel sehen ließ, sollte die Sonne sein Haupt küssen, hatte Audra bereits damals schlussgefolgert, als sie ihn für die Erstvernehmung vor seinem Laden so.. überfallen hatte. Aber sah sie ihn wirklich kaum... ab und an huschte der weiße Haarschopf neckend hinter der Glasscheibe des Antiquariats herum, fast schon so, als wollte er die Braunhaarige damit verhöhnen, als würde er wissen, dass sie dort saß... in einer... doch sehr unerkenntlichen Montur, die sie und ihre Erscheinung veränderte. War man an der Inspektorin doch nur das strenge, dunkle Kostüm der Inspektoren Scotland Yards gewöhnt, mit dem feinen Jackett, den hochgeschlossenen Hemden und für sie - und es war nach wie vor ein verpönter Gedanke, so als Frau zu dieser Zeit überhaupt rumzulaufen - die lockere Tweethose, die für Audra jedoch perfekt war. Perfekt für lange Spaziergänge, perfekt für das Hinterhereilen von kriminellen Suspekten, perfekt für das Beugen, Strecken und Ducken am Tatort... außerdem musste sie keine Angst davor haben, dass man ihr heimlich unter den Rock guckte. Das braune Haar, stets in strenger Manier nach hinten gekämmt, in einem festen Pferdeschwanz gebunden, gerne auch mal geflochten... aber nun... offen lagen der eigentlich recht ansehnlichen, gar hübschen Inspektorin, die leicht gewellten Haare bis knapp über die Brust, zierte ein feines, gar zierliches, beiges Hemdchen ihren Oberkörper. Umschlossen fand sich ihre Taille von einem dunkelgrünen Leinenrock wieder und ein Paar flacher Sandalen hatten es heute an ihre Füße geschafft. Der Sommer war in London angekommen und schickte brütende Hitze - nun wurde es für ihr Gefühl stets wärmer - auf den Erdball hinab. Auf dem Kopf thronte ein kleiner Strohhut, umringt mit einer gelben Schlaufe, die mit einer einzelnen Rose gespickt war. Ein... Kleidungsstil für die Freizeit, doch nicht weniger gefährlich. An die Unterschenkel gespannt lag versteckt unter dem grünen Stoff ihr Dolch, in der kleinen Tasche die sich mit schwarzem Ledergurt um ihre Brust gelegt hatte, das Pfefferpulver. Man... konnte ja nie wissen.

      Es gewahr sich, dass sie Gabriel Hargreaves heute wohl zum letzten Mal für einige Zeit beschatten musste. Alsbald ihre Logik sponn, ihr sagte, dass tagsüber zu beobachten reine Zeitverschwendung war, hatte sich die Dunkelhaarige nun des frühen Abends, wohl gleich der anbrechenden Nacht auf die Lauer gelegt. Es schien wie verhext... seitdem der Fall um Mister Kensington Fahrt aufgenommen hatte, war in dieser gebeutelten Stadt... nichts mehr passiert. Als würde man damit warten, dass sich dieses Kapitel schloss, nur um ein neues, unbarmherzig aufzureißen um sie erneut auf die Probe zu stellen. Ferner wusste sie nur von der alten Mrs. Moore, dass diese wohl schon länger nicht mehr draußen aufzufinden war. Sie hatte die rustikale Dame noch vor guten 3 Wochen getroffen, eben am Schauplatz des Tattages... die resolute Frau nun aber nicht mehr durch den inneren Bezirk wuseln zu sehen, stimmte selbst die sonst so hart gesottene Audra... in Unwohlsein. Und welch fulminanter Zufall war es nun, dass der beschattete Weißhaarige diese frühe Nacht in jene Richtung stolzierte, in der die verschollene Mrs. Moore wohnte. Auf gutem Abstand war sie geblieben, gab sich als... unwissende Touristin aus Irland aus, die das Herz der Revolution erblicken wollte... und funktionierte es tatsächlich besser als gedacht. Ungeschminkt und unaufdringlich wirkte ihr Wesen nun, wo sie ihrer Ernsthaftigkeit durch Ausweis und Dienstuniform beraubt war, stets jedoch sicherstellend, denn Mann vor ihr nicht zu verlieren. Wohl wartete auch Gabriel darauf, dass die Düsterheit der Nacht anbrach und er in dieser verschwinden konnte und ja, alsbald die letzten Personen sich in ihre Häuser zurückgezogen hatte, ging der Weg auch für sie weiter. Audra pinnte ihren Blick nun, gar aufdringlich auf das Haupt des Mannes, verfolgte den weißhaarigen Schopf, wie er sich noch prüfend umsah, fast, als könnte er eine Straftat begehen, als er die Hand auf die Türklinge des Hauses von Mrs. Moore legte und dann im Inneren des gepflegt wirkenden Häuschens verschwand. Nicht sofort setzte Audra ihm nach, wollte es nicht offensichtlich machen, dass sie ihm folgte, aber drangen ihre Schritte dann doch, im Eifer geweckt, sie ebenso an die Haustüre des Backsteinhauses.

      Vorsichtig drückte die Braunhaarige die Klinke hinab, nur um feststellen zu müssen, dass sie verschlossen worden war, die Tür, die ihr Einlass gewähren sollte. Mit einem Schnalzen der Zunge stemmte sie ihre Arme in die Hüften ein. Auch würde hier ein Dietrich nichts bringen... die brachen ab, sollte der Widerstand zu groß sein. Es musste also noch einen anderen Weg hinein geben... sie hatte die Witwe mal davon reden hören, dass sie eine Kohleluke hatte, durch welche immer die Ratten in ihre vier Wände eindrangen. Kaum umzäunt, war die Richtung um das Haus schnell gefunden, die Luke erspäht. Behände vorsichtig hob sie den hölzernen Flügel empor, ließ ihn leise neben sich auf die Wiese hinab und rutschte in die Dunkelheit hinab, nicht wissend wo es sie hin verschlagen würde. Aber war ihr Auftreffen auf dem leer geräumten Kellerboden ein... sanfter. Keine zwei Meter trennte Luke von Grund, geübt rollte sich der schlanke Körper nun ab, verlor dabei jedoch den Strohhut, der sich in der Dunkelheit verlor. Kurz noch sah Audra sich um... wenn sie hier wieder hinaus wollte, musste sie sogleich für eine Fluchtmöglichkeit sorgen... als wären die Ermittlergeister auf ihrer Seite, fand sich neben der Kellertüre eine hölzerne Leiter, die sie mit leisen Schritten ergriff und an den Aufstieg, hinaus an die frische Luft, anlehnte. Sich nun ein wenig vom Dreck und Staub befreiend, den Ruß von der Kleidung klopfend, schritt die Inspektorin an die Kellertür heran und versuchte sie mit so wenig Kraft wie möglich zu öffnen. Es galt immerhin noch, keinen Lärm zu machen. Denn auch wenn sie im Grunde ermittelte, das hier war eigentlich... Hausfriedensbruch. Hinter dem hölzernen Tor verbarg sich eine kleine Treppe, die steil nach oben führte. Auf leisen Sohlen schlich sie hinauf und je näher sie dem Erdgeschoss kam, desto mehr konnte sie nun auch schon aus dem Inneren wahrnehmen. Jemand... kochte etwas... es roch süßlich, frisch... die Nase zum Schnuppern angehoben, verharrte Audra an Ort und Stelle, als die Schritte aus der Küche die sich wohl ... links von ihr befinden musste, auf sie zukamen. Nur ein, zwei Schritte zurück tat sie, sich als fremde Präsenz im Raum verstecken wollend. Das sachte Poltern, welches von ihr wegführte, wohl in den zweiten Stock empor, gab der jungen Frau aber wieder den Mut, sich aus ihrem Loch zu schälen... weiter vor zu dringen.

      Leise war die - Gott sei Dank - nicht quitschende Kellertüre nach innen aufgeschwungen, sie selbst stellte vorsichtig ihren Fuß auf den gefliesten Gang hinab, hob ihre Statur aus dem Dunkel und drückte das Holz wieder ins Schloss. Kurz sah Audra sich um, sondierte wo sie sich befand, wo sie hinmusste, wo die Eingangstüre war, wo welches Fenster lag, ob es denn auch einen Ausgang in den Garten gab... schnell hatte ihr Blick sich herumgewandt, war sie sogar so weit, neugierig ihre Schritte vorpreschen zu lassen, ganz erpicht darauf, herauszufinden, wie die gute Mrs. Moore denn wohnte, als von oben ein Stimmengewirr an ihre Ohren drang. Natürlich... dafür war sie ja da. Beherzt griff Audra nun an den hölzernen Handlauf und hoffte inständig, dass die Stufen nun nicht Knarzen würden, wenn sie den Weg empor bestritt. Schritt um Schritt hob sie ihren schlanken Körper empor, fing mehr und mehr von dem ein, was gesprochen wurde. Das war... eindeutig die Witwe Moore.. und Mr. Hargreaves, den es ja zuvor schon hier hinein verschlagen hatte... aber dritte oder gar vierte Partei suchten die Ohren der Braunhaarigen vergeblich. "Ja... Die ist für Dich ... Verlier sie nicht und hab keine Angst. Du gehst auf eine Reise, nicht länger beschwert von Krankheit und Alter. Denk an die lieben Gesichter, die dich erwarten und halt die Erinnerung fest..." - von... was sprach der junge Antiquar da? Eine Reise? Aber gar wohin? War die alte Dame doch viel zu gebrechlich um zu... reisen. Lauschend hatte Audras Körper sich die letzten Meter vorgeschoben, an die Türe des Schlafzimmers der Hauseigentümerin heran, hoffend so noch mehr von deren Gespräch aufzusaugen, aber ... war Mrs. Moore verstummt. Fest hatten sich der Inspektorin Kieferhälften ineinander verbissen, rauschte ihr das eigene Blut wie wilde Bäche in den Ohren, schlug ihr das aufgeregte Herz gar bis zum Hals, ihr die Übelkeit in jenen schießend. "Sag was... irgendwas... ein Seufzen, ein Ächzen... komm schon!", schrie sie in Gedanken auf und bekam dann doch nur wieder die, sinnierende, tiefe Stimme des Weißhaarigen zu hören, dessen lobpreisende Stimme sich wie ein ätherisches Lied in ihre Ohren legte, ihr die Gänsehaut in den Nacken schob, welche sich in Wellen ihre Wirbelsäule hinabfraß.

      Styx... Charon... Fährmann... Audras Augen ruckten wild herum, sogen sich am Holzboden fest, hoffend dort eine Antwort auf dieses... Rätsel, dass keines war, zu finden. Wie konnte sie sich denn nun verfluchen, ihren Block und ihren Stift nicht dabei zu haben. Sich fest auf die Unterlippe beißen, drang sich die Inspektorin dann durch, ihren Körper etwas nach vor zu beugen, ruckweiße, um ja kein Geräusch zu machen und um die Ecke der Zarge zu schielen, auf das Bett hinzu, wo die Verstorbene ruhte. Auf ihrer Stirn die Hand des Weißhaarigen, welcher in vorgebeugter Haltung verblieb. Irritiert von diesem Schauspiel, doch weder bereit noch sich befugt fühlend, in das einzugreifen, von was sie da so unfreiwillig Zeugin wurde, kehrte sich ihr Haupt wieder herum und starrte an die Wand ihr gegenüber. Ihr entgegen grinste eine junge Mrs. Moore, Arm in Arm mit ihrem Ehemann und wohl zwei Kindern. Audra presste die Lippen aufeinander. Still war es geworden in dem Gutshaus der alten Dame und sie untersagte es sich, ihrer Nervosität nun nachzugeben und den aufgeregten Atem durch die Ruhe brechen zu lassen, wo gleich es sie verraten würde. Sie... durfte nur nicht vergessen... und in ihrem Büro unbedingt, wichtiger als alles andere im Moment wohl war, die Begriffe nachschlagen die der junge Mann von sich gegeben hatte. Audra hatte genug gehört... genug gesehen. In bedachter Eile, doch kaum übereilt, fand sie den Weg zurück, die Stufen hinab. Hatte sie jedoch Angst, die Treppe würde aufgrund ihres Zitterns zu vibrieren beginnen, somit das ganze Haus erzittern lassend. Schnell huschte Audra in den Keller hinab, sammelte dort noch schnell ihren Hut zusammen und war mit gezielten Schritten nach draußen verschwunden. Die dunkle Nacht hang über London, fand der Strohhut ihrerseits dennoch den Platz auf ihrem Kopfe wieder ein und in gemäßigter Entfernung wagte es die Inspektorin es sogar ein letztes Mal, auf jenes erleuchtete Fenster empor zu blicken, hinter dessen Glas die Verschiedene verweilte... mit niemand geringerem an ihrer Seite, als dem Verdächtigen im Todesfall Kensington.
    • Jegliches Leben verließ die alte Dame begleitet von geflüsterten Worten bis nichts mehr übrig war außer Stille. Gabriel erwies der verstorbenen Mrs. Moore die letzte Ehre und schloss ihre halbgeöffneten, leeren Augen, die leblos an den Baldachin des Himmelbettes starrten. Die kurzen, grauen Wimpern streiften seine kühle Handfläche und erweckten ein letztes Mal den Eindruck, die Witwe Moore würde lediglich verschlafen blinzeln. Es war ein eigentümlicher Prozess und obwohl wenige Menschen an eine Existenz der Seele glaubte, erkannte doch auch sie, wenn ein Mitmensch nicht mehr war. Im Tod ähnelten die Verstorbenen verzerrten Spiegelbildern ihrer Selbst. Vertraut, bekannt aber doch...anders. Leise raschelte die Bettdecke, als der Reaper nach dem Saum griff und die Decke als behelfsmäßiges Leichentuch über ihr Gesicht zog.
      Ein weiteres Mal griff er in die Tasche seines Mantels und holte zwei weitere Münzen hervor. Dieses waren kleiner, schlichter und leichter als die Münze, die er auf ihre Stirn gedrückt hatte. Das Silber war leicht angelaufen und schimmerte kaum im Kerzenschein. Behutsam legte die Münzen auf ihre vom Tuch bedeckten Augen. Bei Mr. Kensington war die Zeit zu knapp gewesen um dieses kleine Ritual durchzuführen, doch die Witwe Moore sollte mit Respekt behandelt werden. Für Gabriel hatte das nichts mit Sentimentalität zu tun, er hatte dieses Ritual seit vielen, vielen Jahren verinnerlicht und pflegte diese Tradition pflichtbewusst. Nicht viele Reaper hielten sich noch damit auf, da die Geste rein symbolischer Natur war und keinem Zweck diente, der für die Erfüllung ihrer Aufgabe wichtig war.
      Gabriel hob den Kopf, weil ihn das untrügliche Gefühl beschlich, dass die Wände plötzlich Augen und Ohren bekommen hatten. Eine Unmöglichkeit, denn die Witwe lebte allein und die Vordertür hatte er fest verschlossen. Mit ausdrucksloser Miene starrte er zur Tür, die sich kaum bewegt hatte...oder doch? Ein Windzug, vielleicht? Würde Audra Dayton, fleißige und aufstrebende Ermittlern so weit gehen, sich zu nächtlicher Stunde an seine Fersen zu heften während Whitechapel von einem blutrünstigen Verrückten heimgesucht wurde? Die Tür öffnete sich leise knarrend einen weiteren Zentimeter und trug kühle Zugluft in den Raum.


      Die Universität Londons erstrahlte in dieser lauen Sommernacht in jeglichem dekadenten Prunk, den die londoner High Society zu bieten hatten. Die heiligen Pforten des Wissen funkelten im Licht unzähliger dieser neumodischen, elektrischer Glühbirnen, die die Energie eines ganzen Stadtviertel verschlangen. Wie kleine Glühwürmchen flackerten sie an der Fassade aus weißem Stein, schlängelten sich um die Säulen am Eingang und erzeugten ein gar wunderliches Staunen in den Augen der erlesenen Gäste. Die Gästeliste war außerordentlich exklusiv und bei geschäftigen Plaudereien gaben sich Industriemagnaten, wohlhabende Adelssprößlinge, die größten Köpfe der Wissenschaft, Ikonen aus Kunst und Musik die Hand. Männer in maßgeschneiderten Anzügen mit Damen in den feinsten Kleidern am Arm schlenderten durch das prächtige Lichtermeer. Der alljährliche Wohltätigkeitsball lockte Publikum aus allen Winkeln Londons an - sofern sich ihr Name auf der handverlesenen Gästeliste befand. Alles geschah unter dem noblen Deckmantel den weniger gesegneten Bürgern der Stadt einen Bruchteil ihres Vermögens zu Gute kommen zulassen. Tatsächlich ergab sich an diesem Abend eine vorzügliche Gelegenheit neue Kontakte zu knüpfen, Geschäftsbeziehungen zu pflegen und den begehrtesten Junggesellen der Gesellschaft hübsche Augen zu machen. Eine gute Partie hatte bereits in der Vergangenheit ganze Dynastien an einflussreichen und wohlhabenden Familienzweigen hervor gebracht. Gesehen und gesehen werden, war obersten Gebot. Der überschwängliche Luxus setzte sich in der geschmückten Eingangshalle fort. Noch mehr Lichter, üppige Blumenarrangements und allerlei andere Dekoration dominierten über den für gewöhnlichen kalten und glänzenden Marmor. Überall schwirrten Bedienstete wie fleißige Bienen durch die Eingangshalle und versorgten die eintretenden Gäste mit edlem Champagner und kleinen Köstlichkeiten. Mit gefüllten Gläsern führten die Lichter alle Gäste in einen großen Saal, der den Rest des Jahres den größten und wichtigsten Vorlesungen vorbehalten war. Stühle und Bänke waren hinausgeräumt worden und boten damit Platz für eine weitläufige Tanzfläche, auf der sich bereits die ersten Paare zu einem eleganten Walzer hin und her wogen. Ausladende Röcke wirbelten über den glatten Marmor, Schmuck und Geschmeide an den Hälsen, Ohren und zarten Handgelenke der Damen funkelten um die Wette. Auf einem eigens angefertigten Podest gab sich ein gesamtes Orchester die Ehre und verzauberte die Ohren der Gäste mit ausgewählten Musikstücken der größten Musiker dieser Zeit. Die Streicher wogen sich im Takt, auf Hochglanz polierte Blasinstrumente schimmerten im Licht, Trommeln gaben den einladenden Takt vor. Es war ein wahrer Traum für alle, die sich Liebhaber zeitgenössischer Musik schimpften.
      Gabriel hatte weder Augen für die Schönheit und Pracht noch Ohren für die herrlichen Klänge des Orchesters. Bereits seit einigen quälenden Minuten steckte er in einem Gespräch fest, dass ihm reichlich fad erschien. Er teilte die Faszination des Themas nicht und befand es als reichlich ermüdend.
      "Was denken Sie, Mr. Hargreaves, als Experte für Okkultismus? Glauben sie an die Existenz wahrer Besessenheit? Es ist kein Geheimnis, dass Scottland Yard sie aufsuchte. Hat man sie um Rat im Fall des bedauernswerten Mr. Kensington ersucht?"
      Die Frage, in gänzlicher anderer Form, anderem Satzbau weniger direkten Worten, hörte er an diesem Abend nicht zum ersten Mal. Die Faszination der reichen Oberschicht für das Übersinnliche war unbegreiflich. Gabriel vertrat die Theorie, dass sie mit ihrem Leben, in dem es ihnen an nichts mangelte, nach etwas Aufregung und Zerstreuung suchten. Welch ein Glück, dass die Leitung der Universität für heute Abend noch eine wahre Sensation angekündigte. Eine Medium, nein, eine waschechte Wahrsagerin sollte zu späterer Stunde der gut betuchten Gesellschaft ihre Dienste anbieten.
      "Mr. Kensington unterlag keineswegs einer Besessenheit. Ein bedauernswerter Fall eines Hirnleidens sorgte für die Wesensveränderung. Ich hatte die Gelegenheit zu Beginn des Abend ein paar Worte mit dem Gerichtsmediziner wechseln zu können. Streng vertraulich, natürlich", antwortete Gabriel und wusste, das seine Worte die Sensationsgier befriedigen würden. Es war mitnichten ein Geheimnis, denn der Tratsch machte auch vor Scottland Yard nicht halt. Jeder der die Ohren offenhielt, konnte irgendwann das ein oder andere Gerücht aufschnappen, aber niemand würde es je öffentlich wagen die Integrität der ehrenwerten Hüter des Gesetzes anzuzweifeln. Allerdings sah es in gemütlicher und galanter Runde mit einem Glas Champagner ein wenig anders aus.
      "Ist es nicht ermüdend, dass ihr Fachgebiet ständig widerlegt wird, Mr. Hargreaves?", kam es von der Seite während Gabriel an seinem Glas nippte.
      "Oh, keineswegs. Ich sehe es eher als Herausforderung", antwortete er schlicht. "Eine Herausforderung, die mir täglich einen vollen Geldbeutel beschert. Was mit Naturgesetzen erklärt werden kann, wird schnell fad. Mein Fachgebiet - das Unbekannte, die Faszination für den Ursprung allen Bösen ins dieser Welt - wird stets die Generationen überdauern."
      Gewöhnlich hätte ein einfacher Antiquar niemals die Möglichkeit bekommen unter den Reichen und Berühmten der londoner Gesellschaft zu flanieren, aber sein Name und die alte Adelslinie, die sich dahinter verbarg und ein beträchtliches Familienvermögen, hatten ihm die Eintrittskarte erkauft. Obwohl ihn nichts weniger interessierte, als das Getratsche der Leute, war es unabdingbar sich gelegentlich in diesen Kreisen zu zeigen um seine hart erarbeiteten Vorteile nicht zu verlieren - Zugriff auf wichtige Schriftstücke in Archiven in ganz Groß Britannien, Kontakt zu den klügsten Köpfen dieser Epoche und das Vertrauen einflussreicher Männer und Frauen, deren Wort oft mehr wog als Beweise oder das Geschwätz der Straßen. Er genoss dadurch eine gewisse Immunität und er wollte es dabei belassen. Nur deshalb hatte er sich in seinen feinsten Zwirn geworfen, ein perfekt sitzender Anzug, polierte Oxfords, ein blütenweißes Hemd und die feingliedrige Goldkette einer Taschenuhr, die aus seiner Brusttasche hervorblitzte. Das weißblonde Haar hatte er zurückgekämmt und im Nacken zusammen gebunden, damit hob er von den üblichen Bürstenschnitten und kurzen, mit Pomade gezügelten Frisuren ab. Alles an Gabriel betonte seine hochgewachsene Statur, die breiten Schultern, die kräftigen, langen aber doch eleganten Arme und Beine, den schlanken bleichen Hals und die edlen Gesichtszüge.
      "Ha! Wahre Worte eines ehrlichen Geschäftsmannes!", lachte einer seiner namenlosen Gesprächspartner. Er hatte die Namen bereits vergessen, bevor die Silben ganz ausgesprochen waren. Es gab nichts, rein gar nichts, dass zwischen all dem Prunk seine Aufmerksamkeit gewinnen konnte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Audra, Schatz... heb doch ein einziges Mal deine Beine, wie es sich für eine Lady gehört! Dieses... Herumgestapfe... mag sein das man bei Scotland Yard so agiert, aber nicht, wenn du auf einem offiziellen Anlass unterwegs bist.", ungeduldig, sich kaum davor zurückhalten könnend, raffte eine etwas ältere, graugelockte Dame den weiten Rock eines schlichtweg atemberaubenden Abendkleides empor, welches an keinem anderen Körper als der Inspektorin selbst hing. Untröstlich stob das lautstarke Seufzen über die Lippen von Margret Dayton, welche umwuselt von ihrer fünfköpfigen Familie, als des Königshauses Schneiderei, ohne Wenn und Aber zu der höchst dekadenten Veranstaltung geladen wurde. Aufstöhnend griff die Dunkelhaarige nach dem Saum ihres Kleides, hob es auf Höhe ihrer Knie ein wenig empor, schützte somit den filigranen Stoff vor weiteren Unebenheiten, welche Löcher, gar Risse in das leichte Tüll bringen konnten, während die Beine der geladenen Gäste, Familie Dayton, sie über den gekiesten Weg hinzu zur Eingangshalle der Londoner Universität führten. Audras Zwillingsschwestern, Lilly und Annabelle, schüttelten ob der rüpelhaften Art und Weise, wie ihre kleine Schwester mit dem eigens für sie angefertigen Kleid umging, nur die dunkelblonde Haarpracht, die sich in Locken von den Häuptern der durchaus hübschen Damen stahl. Glichen sich die Zwillinge wie ein Ei dem anderen, konnte man von Audra annehmen, dass sie in die Familie Dayton adoptiert wurde. Die beiden trugen härter gemeißelte Gesichtszüge, ein kantiges Kiefer und eine höhere Stirn, als ihre kleine Schwester. Ebenso stach ihnen ein tiefes Grau aus den Augen, welches bei Audra kaum zu sehen war. Kamen sie eher nach Magnus Dayton, dem Oberhaupt der Familie... Norweger zweiter Generation hier in London und durch seine stattliche Größe gut und gerne vom normalen Fußvolk in England unterscheidbar. Jener grauhaarige Mann beobachtete das Treiben seiner vier Frauen nur mit einem amüsierten Schmunzeln im Gesicht. "Sie wird es nie lernen, Mutter... sieh es doch ein.", stob es über die rot geschminkten Lippen Lillys, die ihren tadelnden Blick auf Audra gerichtet hatte, die mit weißem Samt behandschuhten Arme vor der Brust verschränkend. Audra rümpfte bösartig die Nase und starrte die ältere von den beiden, offen gekränkt an. "Voll und ganz ist unsere liebe Audra viel zu tief in diesem... Männerberuf versunken... mit all ihren Facetten...", setzte Annabelle nach, zeugte jenes Necken eigentlich doch nur davon, dass höhnischer Neid in den Stimmen der Zwillinge mitschwang, was Audra, mit der Zunge schnalzend, den Blick abwenden ließ. "Wenigsten trage ich dazu bei, dass ihr beiden dummen Puten nicht des Nachts in irgendeine dunkle Gasse verschleppt werdet...", die Lippen zu einem ärgernden Kussmund verschiebend, andeutend, dass die beiden Damen sichtlich überschminkt die weißgefließten Hallen betreten werden, klappte den Zwilling bloß das Kiefer hinab, starrten der Inspektorin, ungut an die Wahrheit erinnert, hinterher. Audra aber hatte genug gehört, setzte den Weg fort und hob die schlanken Beine, welche versteckt unter dem Tüllrock lagen, weiter über den Kiesweg entlang. "Spätzchen... warte doch!", drang die Stimme ihrer Mutter ihr noch hinterher, als sie die aufgeregten, abgehakten Schritte Margrets vernehmen konnte. Aufschließend, hielt die ältere Dame ihre Tochter kurz zurück und suchte ihren Blick. "Das Kleid... ist denn alles in Ordnung damit? Du weißt, ich versuche mich immer ganz und gar auf deine Wünsche einzustellen... es... passt dir doch, ja?", der Schneiderin war es wohl durchaus wichtig zu wissen, was ihre Jüngste im Bunde zu der Eigenkreation sagte. Immerhin liebte sie das Nesthäkchen wie die anderen beiden, war Audra jedoch vom Charakter ganz anders... schwieriger... Die Braunhaarige stoppte und sah ihre Mutter mit einem tiefen Seufzen an. "Am liebsten wäre mir - und das wisst du und Dad ganz genau - wenn ihr mich aus... so einem... Tamtam einfach raushalten würdet...", den Vorwruf in ihrer Stimme nicht überhand nehmen lassen wollend, kräuselten sich die Augenbrauen Audras leicht hinab, erkannte sie aber das ermattende Gesicht Margrets, was Audra sogleich bereuen ließ, so ehrlich gewesen zu sein. Ergebend schloss die Dame ihre Augen. "Es... ist wirklich schön geworden, Mum.", leise stoben die lobenden Worte über ihre Lippen, schenkten sie der Schöpferin jenes Augenschmauses ein Lächeln, welches von der Mutter nur all zu gerne angenommen wurde. Diese legte verzückt den Kopf zur Seite und musterte die Inspektorin. "Du hast aber wieder abgenommen oder... hier... da oben am Saum sitzt es ein wenig locker...", prüfend am Spitzenring um den Hals zupfend, wischte Audra die Hände ihrer Mutter von sich und grinste - ja, entkam der sonst so unterkühlten Ermittlerin auch diese Regung - die Grauhaarige an. "Das bildest du dir ein...", waren die letzten Worte, die zwischen Mutter und Tochter erklangen, ehe sich Audra aus der Gruppe stahl, die Weiten der Universität auf eigene Faust erkunden wollend.

      Und natürlich würde sie auffallen, mit jenem Meisterwerk, dass ihre Mutter geschaffen hatte. Nicht umsonst kleideten sie das Königshaus ein, waren als die besten Schneidersleute in ganz England bekannt. Von überall her kamen die Menschen, wollten Werkstücke aus der Nadel von Dayton´s Tayloring, sodass man sich über die Landesgrenzen hinaus mit den prachtvollen Kleidern schmücken konnte. Schlichtweg einfach sollte jedoch das Kleid für den heutigen Anlass sein, welches Audra sich von ihrer Mutter... wünschte. Nichts, was den Kern des Charakters der Inspektorin in Fälsche wiedergeben konnte, umhüllte simples Schwarz die durchaus zarte Figur der jungen Frau. Neckisch blitzte die Schulter- sowie Rückenpartie hervor, umrundete ihren schlanken Hals das zuvor gerichtete weiße Band aus Spitze, welches das Bustier nach oben hin verschloss, keinen Einblick gab in die Tiefen ihres Dekolettées. Rund um die Oberarme bauschte sich der zarte Stoff in die Höhe, schlug Wellen an ihren Schlüsselbeinen. Eng schlang sich der anliegende Stoff um ihre Taille, betonten gar vorwitzig die schlanke Erscheinung der Dame. Ausfallend aber gab sich jener Tüllrock der Erdanziehung hin, welcher an vereinzelten Stellen kleine Kristalle in sich trug, die Tiefe der Schwärze gar dem Nachthimmel gleichend, mit lupenreinen Sternen geschmückt. Gekonnt nach oben geknotet fand sich das sonst so üppige Haar wieder, in formschöne Knoten und Zöpfen gebändigt, stach aus jener Frisur eine delikate Brosche - sichtlich wertvoll. An den Ohren trug Audra ein paar silberner Ohrhänger, die verstohlen hervorglitzerten. Das Gesicht aber war kaum der überschminkten Damenwelt hier gleichzusetzten. Punktete die junge Frau mit natürlicher Schönheit, verlieh bloß den Wangen und ihren Lippen eine dezente Röte. Kehrtwendend drehten sich die Köpfe herum, erblickten die Inspektorin, die, sah man von ihrer gewohnten Erscheinung ab, gar liebreizend an dem heutigen Abend wirkte. Als hätte man sie mit einer weiblicheren Figurine ihrerselbst getauscht. Wich aus so manch Augenpaar, gar weiblich oder männlich, sogar ein überaus ... überfordertes Starren. Inspektor Dayton? DIE Audra Dayton?! Die knallharte Inspektorin Scotland Yards, hatte es gewagt ein Kleid überzuziehen und sich hier als Junggesellin zu etablieren?! Das Getuschel und Gemurmel war ihr sicher, ging der selbstsicheren Frau jedoch ein jeder... aus dem Weg. Was auch immer es war, dass die Gäste in den weiten Hallen von der Inspektorin fernhielt - sei es Respekt oder eben dass ihr Ruf ihr vorauseilte - genoss die junge Frau es sichtlich... einfach in Ruhe gelassen zu werden. Hatte sie doch von vornherein keine Lust auf dieses... unnötige Zeigen ihrerselbst gehabt. Viel lieber würde sie vor ihrem Kamin sitzen und das neuste Werk ihres liebsten Autors verschlingen, dabei eine Tasse Tee trinken... vielleicht einen Scone knabbern. Aber... was gab man nicht alles für den guten Ruf!

      Dankend, sich rein der Form wegen, ein Glas mit feinstem Champangner von einem der Tabletts der Kellner nehmend, schlang sich ein Lächeln um die Lippen der Dame, sah sie dem Burschen kurz hinterher, bevor sie das prickelnde Gesöff an ihre Nase hielt und überfordert das Gesicht verzog. Sie... trank eigentlich kaum Alkohol... kaum bis nie. Und dieses sprudelnde, von Frankreich herübergeschwemmte Zeug mochte Audra noch viel weniger. Zog sie einen milden Rotwein dem perlenden Getränk durchaus vor. Sichtlich überfordert, nicht wissend, was sie nun mit diesem Glas in ihrer Hand tun sollte, wog sie das kristallene Gefäß kurz in ihrer rechten, ehe Audra sich doch durchrang, einen Schluck zu probieren. Es stob in ihre Nase hinauf, kitzelte sie am Gaumen und völlig ungeniert, ungehalten sogar, verzog sich das sonst so bildhübsche Anlitz in eine angewiederte Mimik. Sich umsehend, ob sie denn jemand dabei beobachtet hatte, ließ die Inspektorin das volle Glas nun hinter einem Vorhang verschwinden. Das... fing schon mal gut an... sollte und wollte sie heute noch ins Gespräch kommen, wäre das obligatorische Glas Alkohol jedoch unumgehbar. Weshalb die Beine ihrerseits sie weitertrugen, tiefer in das Gebäude hinein. Näher, immer näher kam das rhythmische Spiel des kleinen Orchesters, welches eigens heute für diese Veranstaltung gebucht wurde. Neugierig hob sich das feine Kinn der Dame empor, suchte sie gar nach dem Ausgangspunkt und fand sich sogleich in der weiten Aula der Universität wieder. Drückend, ja einem Regen von Gesprächen, glich die Atmosphäre in den innersten Hallen des geschichtsträchtigen Gebäudes. Von allen Seiten stoben sie auf sie ein, die gesprochenen Wörter, die wissenden Sätze... Stimme und Sprache in unterschiedlichsten Lautstärken und tonalen Gefällen. Erfrischt von diesem Stilbruch, hob sich der aufgeweckte Blick der Inspektorin durch die Runde, musterte die verschiedenen Charaktere, die sich im Raum aufhielten. Beinahe war ihr Blick weitergehuscht, übersah jene Person, die ihr aus all den Unbekannten entgegenstach und doch richtete sich der grünblaue Schleier ihrer Augen auf das Weißhaarige Haupt, welches in guter Entfernung von ihr aus der Menge schälte. Vor knappen zwei Wochen hatte sie ihn zuletzt gesehen, im Schlafzimmer der mittlerweile beigesetzten Mrs. Moore. Schnell hatte Audra Gabriel gemustert... schob den überraschten Blick über den vornehm gekleideten Körper des Antiquars. Nun, legte er auch geschäftlich bereits einen gewissen eleganten Stil an den Tag, war das Treffen in einem gar privaten Zusammenhang etwas anderes und so erschien ihr auch der jung wirkende Mann in der Ferne in purer Eleganz. Das Haupt ein wenig zur Seite neigend, ermahnte sich die Inspektorin im nächsten Moment dazu, den Blick wieder abzuwenden, ehe ihr... Starren... bemerkt wurde. Und doch fing sie im nächsten Atemzug das glänzende Augenpaar des Herren ein, der sich eher unbedacht in ihre Richtung gedreht hatte. Wenige Sekunden hüpfte der in Turmalin gefärbte Spiegel ihres Blickes in dem edlen Antlitz des Herren herum, ehe ein anerkennendes Nicken in seine Richtung geschickt wurde... welch... Zufall aber auch.

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    • Die Gespräche langweilten Gabriel binnen kürzester Zeit. Die gesellschaftliche Verpflichtung wuchs entpuppte sich mehr und mehr als notwendige aber unbestreitbare Zeitverschwendung. Längst schon zerflossen die Gespräche in eine bedeutungslose Verkettung von Silben, Wörtern und Sätzen, denen er bereits seit einigen Minuten nicht mehr folgte. Selbst der Champagner in seinem Glas erschien ihm aufregender, als der blasierte Konkurrenzkampf der Herrschaften, die nun dazu übergingen über Vermögen, Erfolg und ihre angebliche zahlreichen Verehrerinnen zu debattieren. Hin und wieder nickte Gabriel, lächelte im passenden Moment oder platzierte geschickt eine Frage um ein ausreichendes Interesse zu heucheln. Es war ermüdend und es gab nichts, dass seine gelähmten Sinne zu reizen vermochte. Nichts, dass irgendeine Regung hervorrief. Er hatte keinen Blick für die hübschen Damen, kein Ohr für die liebliche Musik und keinen Appetit auf die dekadenten Köstlichkeiten, die in Hülle und Fülle serviert wurden. Der ganze Saal war ein für ein trister Wirbel aus Farben, Tönen und Gerüchen, die nichts in Gabriel bewegten. Das war kein Staunen, keine Vorfreude und kein Genuss.
      Und dann sah er sie.
      Ein Meer aus schwarzer Seide und Tüll, das sich maßgeschneiderter und in völliger Perfektion um ihre zierliche Gestalt schmiegte. Mit besonderem Augenmerk waren die Rüschen um ihre schmalen Schultern drapiert und jede Naht lag an genau der richtigen Stelle. Die hochgesteckte Frisur und das zarte Spitzenband betonten den zarten und schlanken Hals, die elegante Kurve, in der ihr Hals in die nackte Haut ihrer Schultern überging. Bei jeder Bewegung reflektierten winzige Kristalle in den üppigen Tüllröcken das Licht des Raumes. Zwischen all den pastelligen Tönen, die die Farbpalette an diesem Abend zu bieten hatte, stach sie als Einzige aus den übermäßig gepuderten und überschminkten Gesichtern hervor. Lediglich zurückhaltend geschminkt, blass und zart, unterstrich es die natürliche Schönheit der jungen Frau, die im Alltag alles andre als zart und zerbrechlich wirkte. Sie war ganz...außergewöhnlich. Wer dieses Kleid entworfen hatte, hatte Inspektor Audra Dayton in ein Gesamtkunstwerk verwandelt und doch störte Gabriel etwas an dem Anblick. Das Schwarz dimmte das Funkeln ihrer wissbegierigen Augen und machte sie zu blass, zu zart. Wenn die resolute und zielstrebige Frau eines war, dass sicherlich nicht von zerbrechlicher und zartbesaiteter Art. Sie war schlagfertig und intelligent. Mit Audra bei einem Tee über den Tod zu philosophieren, war das erste reizvolle Gespräch seit langer Zeit gewesen. Gabriel wäre sogar soweit gegangen, zu sagen, dass er es genossen hatte.
      Beiläufig stellte er das Champagnerglas auf das Tablett eines Bediensteten, der gerade an ihm vorbei eilte, und löste sich aus dem eintönigen Gespräch und näherte sich Audra, deren Blick ihn zielstrebig in einer Menge aus hunderten von Gesichtern ausgemacht hatte. Er ignorierte die empörten Kommentare seiner Gesprächspartner, als er ohne um Verzeihung zu bitten wie es die gesellschaftliche Konvention verlangte, ging. Ebenso erreichten ihn die schneidenden Bemerkungen zu einer gewissen Inspektorin ihn nicht mehr. Wenn er die Ohren spitzte konnte er dennoch auf dem Weg zu Audra den ein oder anderen Gesprächsfetzen über Miss Dayton aufschnappen. Höhnische und gemeine Worte, die sich niemand laut auszusprechen traute. Ohne Eile bahnte er sich seinen Weg durch die Menge und vollführte eine galante Verneigung als er die Ermittlerin erreichte. Er reichte ihr seine Hand und als sie widerstrebend im Glauben an einen formellen Handschlag danach griff, führte er ihre Handrücken an sein Gesicht. Der altmodische Handkuss, wie er in der letzten Generation noch in Mode gewesen war, hatte einen reinen Symbolcharakter, denn seine Lippen berührten die zarte Seide ihres Handschuhs nicht. Sie schwebten über ihren Knöcheln bis Gabriel ihre kleinere Hand wieder freigab.
      "Verfolgen Sie mich etwa, Inspektor?", überging Gabriel die angemessene Begrüßung einer jungen Dame. Sein Ton war beinahe kühl und sachlich. Die Frage war für ihn rein rhetorischer Natur gewesen. "Ich hätte Sie nicht für eine Liebhaberin des dekadenten Pomp und Prunk gehalten. Obwohl es sicherlich eine willkommene Abwechslung ist, als mir bei Wind und Wetter vor meinem Geschäft aufzulauern."
      Audra besaß genügend Anstand um wenigstens ein kleines Bisschen ertappt auszusehen.
      "Bestimmt sind ihre Eltern hocherfreut darüber, dass sie ihre Verkleidungen gegen etwas Eleganteres eingetauscht haben. Darf ich Ihnen sagen, dass ihre Frau Mutter sich mit diesem Kleid wirklich selbst übertroffen hat? Ein Arbeit, die der persönlichen Schneiderin der Königsfamilie würdig ist."
      Gabriel glaubte einen Anflug von Überraschung in ihren Gesichtszügen zu erkennen. Da war kein Anzeichen von Triumph oder gar Drohung in seinem Blick. Eigentlich war dort gar nichts, als er die nächsten Worte aussprach, mit einer Beiläufigkeit, als lamentierte er über das wechselhafte londoner Wetter.
      "Haben Sie gedacht, dass sie die Einzige sind, die Nachforschungen anstellt, Inspektor? Bei ihrem Familiennamen und Ruf war das allerdings nicht sonderlich schwierig. Einen erfolgreicher und respektierter Geschäftsmann zum Vater. Eine talentierte und von allen bewunderte Schneiderin, die mit ihren geschickten Händen auch aus dem hässlichsten Entlein einen Schwan zaubert und sich damit eine vorteilhafte Stellung in höchsten Kreisen erarbeitet hat. Wussten Sie, dass ihre zwei Schwestern - wohlerzogen, hübsch und vermögend - zu den begehrtesten heiratsfähigen Damen gehören? Und Sie, Inspektor, das rebellische Sorgenkind und - nicht meine Worte - schwarze Schaf der Dayton-Familie, das einen unkonventionellen Lebensstil einem standesgemäßen Ehe- und Familienleben vorzieht. Ein regelrechter Skandal."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Ein kleines Zucken war es, mehr nicht, welches sich über den Nasenrücken der so herausgeputzten Inspektorin zog, welche im alltäglichen Leben kaum mit solch Glanz und Gloria über Stock und Stein stolzierte, als sich der großgewachsene Körper des Antiquars doch tatsächlich auf sie zubewegte. Als hätte sie es heraufbeschworen, hätte sie den Blick aus solch unverfrorenen Augen doch einfach sein gelassen, war es kaum mehr eine Frage der Zeit gewesen, dass sich Gabriel wirklich die Mühe machte, aus bestehendem Gespräch auszubrechen und ihre Person, am beinahe anderen Ende des Raumes, aufzusuchen. Nun, sollte sich die sonst so tollkühne Inspektorin deswegen geehrt, oder gar geschmeichelt fühlen? Zollte es ihr eine Sonderstellung in den Augen des Antiquars, der den Blick aus den sandbraunen Augen für die wenigen Sekunden die er brauchte um sie zu erreichen, nur auf sie gerichtet hatte? Kam da ein Gefühl des... Besonders Seins in ihr auf? Wohl kaum... zeugte es einzig und allein davon, dass auch der weißhaarige Herr ein gewisses Verständnis für soziale Gepflogenheiten hatte... wobei Audra ihm diese nie abgesprochen hätte. Wartend, die schlanken Arme vor ihrer Mitte verschränkt, verfolgte ihr stechender Blick aus dem Gemisch des Meeres den Körper des jungen Mannes, gar wog ein forderndes Schmunzeln auf ihren rosigen Lippen, dass sich kaum traute in ein Lächeln entfaltet zu werden. Kaum vor ihr angekommen, warf sich Gabriel in verhaltener Leichtigkeit in eine sanfte Verbeugung, ganz galant und nonchalant wirkte der Großgewachsene dabei, ehe er ihr seine Hand reichte und Audra einen Moment, eher skeptisch, darüber nachdachte, auf diesen Handschlag doch einzugehen. Aber wurde die sonst so formelle Geste in eine äußerst vornehme Handlung gewandelt, alsbald sich die dünnen Finger der Inspektorin in der größeren Hand des Antiquars wiederfanden. Vornehm, gar, als könnte er der jungen Frau den Arm ausreißen, sollte er zu viel Kraft dafür aufwenden, hob Gabriel die in weichen Samt gehüllte Hand ihrerseits empor und deutete den aus der Mode gekommenen Handkuss an, ließ das weißbesträhnte Haupt für Momente über dem Rücken ihrer zarten Hand schweben, sodass Audra sogar glaubte, den Atem seiner Nase auf ihrer Haupt spüren zu können. Für einen Moment fror ihr Antlitz ein, verfolgte sie sprachlos jene edle Kontaktaufnahme Gabriels, bevor er dann doch wieder von ihr abließ und die Blicke der beiden sich trafen. Vorbereitend reckte die Braunhaarige bereits ihr Kinn ihm ein wenig entgegen, senkte die schimmernden Lider über ihre Augen hinab und breitete den erwartenden Blick ihrerseits auf seinem Antlitz aus.

      Verfolgen Sie mich etwa, Inspektor... welch... nette Begrüßung. War es kaum dieser Satz, der ihr den ertappten Glanz in das Ozeanblau trieb nein... niemals hatte sie die Auffassungsgabe des Mannes unterschätzt, gar auf die leichte Schulter genommen. Und doch war es ein kleiner Schlag in Richtung Magengrube, als der Antiquar ihr nun so offen und ehrlich jenes Faktum auf dem Silbertablett servierte, dass er sehr wohl wissend darüber war, dass sie ihn zuletzt ein paar Mal beschattet hatte. Nun... des Öfteren... genauer gesagt, jeden verdammten Tag... Aber würgte die Kehle der Dame ihn nicht ab, gestand ihm jene Redezeit zu, der er an sich riss um der Inspektorin - durch die Blume - mehr oder weniger die Meinung zu geigen. Und es war sichtlich erfrischend, stoben die Augenbrauen der Ermittlerin überrascht empor, hoben sich ja in gar unbekannten Höhen und verschob sich die sonst so ernste Mimik in eine minimal belustigte. Auch die Sätze, welcher er über die Familie ihrerseits verlor, ihr darbrachte, was er wohl oder übel über ihre Person herausgefunden hatte, schlugen Audra Dayton kaum vor den Kopf, nein. In gewisser Art und Weise kam in der Magengegend der jungen Frau sogar ein Gefühl auf, welches man... Anerkennung... nein... Bewunderung? ... Sympathie ... der allerfeinsten, grobkörnigsten Art und Weise nennen konnte. Skandalös bezeichnete der Antiquar dann zuletzt ihre Person, wie sich über die Gepflogenheiten der sonst so erfolgreichen Familie Dayton hinweggesetzt hatte, ihren eigenen Weg ging, der von so vielen und noch vielen mehr als eigensinnig, stur, gar arrogant und egoistisch - selbstsüchtig sei dahingestellt - beschrieben wurde. Einen Moment länger ließ die Inspektorin den Monolog des Mannes nachwirken, stob ihr beeindruckter Blick auf dem neutral gehaltenen Gesicht des Weißhaarigen herum, hatte ihn kaum ausgelassen in all der Zeit die er sprach und doch fixierte sich die grünliche Bläue wieder in dem hellen Braun, bevor das amüsierte Beobachten ihrerseits wieder in eine sich windende Ernsthaftigkeit ausfiel... zu... begeistert war sie davon, was ihr Gabriel Hargreaves vor die Füße warf.

      Kurz wog Stille zwischen den Gesprächspartnern, ehe Audra sich dazu erdreistete ihren eigenen Blick auf dem fein gewählten Anzug des Mannes vor ihr fallen zu lassen, Gabriel somit eindringlich musternd. "Wenn Sie meine Mutter Margret Dayton persönlich ... für ihr Meisterwerk loben wollen... Sie finden sie wahrscheinlich im blauen Saal, im Beisein des Kronprinzen, gemeinsam mit meinem überaus etablierten Vater Magnus Dayton, welcher mit Bankgeschäften an der städtischen Börse reich wurde und meinen beiden Schwestern, Lilly und Annabelle Dayton, beide helfende Hände des Londoner Adels in allen möglichen, tagtäglichen Belangen... ich persönlich nehme Ihnen das Kompliment jedoch auch gerne ab... also... vielen Dank.", warum noch einen Hehl daraus machen, welch ehrwürdigen Status der Name Dayton in London darstellte? Ihr Haupt in ein leichtes Nicken hinabsenkend, stob ihr wieder diese juvenile Amüsanz durch die Augen, ließ sie ob der stumpfen Düsterheit, welches schwarzer Stoff über ihr feines Antlitz schob, schelmisch hervorglitzern. Verflochten war ihr fordernder Blick mit dem seinen. Was hatte er gedacht? Das sie diese seichte Bekundung durch die Blume seinerseits, dass sie wohl wirklich hinreißend auszusehen vermochte, nicht auffiel? Hörte Audra durchaus, was der Weißhaarige ihr damit sagen wollte... somit war es auch kein Gram der sich dahingehend wog, dass er wusste, wer sie war und wer die Familie ihrerseits darstelle. Beiläufig erhaschte Audra nun doch endlich ein Glas ihres geliebten roten Merlots, als ein weiterer der unzähligen Kellner an ihnen vorbeistob. Ein einzelnes, leises Schnauben stob über ihre Nase, bekundete die aberwitzige Situation die folgen würde. "Hmmm... ich bin verwirrt. Sagen Sie, habe ich Ihnen gegenüber je ein Verbot ausgesprochen, sich über mich schlau zu machen? Es klingt beinahe so, als wäre menschliche Kuriosität neuerdings strafbar... Passierte das... denn aus jenem quälenden Unwissen heraus? Oder habe ich in Ihnen gar den Ermittlergeist geweckt? Sagen Sie's mir. Und sollte diese Aufforderung meinerseits eher beiläufig, gar unbewusst geschehen sein, entschuldige ich mich natürlich aufrichtig bei Ihnen, wenn die dadurch entstandene Arbeit Sie von wichtigerem aufgehalten hat... Dennoch... ich bin beeindruckt, Mister Hargreaves. Solch verbissene Neugier hätte ich Ihnen kaum zugetraut... es muss Sie ja demnach beinahe verrückt gemacht haben, nichts über mich zu wissen, so druckgenau, wie sie mir die Umstände meiner Herkunft erzählen... als würde ich nicht wissen, welche Fußstapfen ich verlassen... welchen Weg, ich eingeschlagen habe... als würde ich Ärger und Chaos als Zweitnamen tragen wollen... wohl wahr, skandalös...", zart getüncht, ja beinahe Schnurren drang ihre Stimme aus der Kehle. Beharrlich hatte sich Audras Blick in den Augen des Antiquars verbohrt. Jedes einzelne Wort, welches ihr über die zart geschminkten Lippen stob, triefte mehr und mehr davon, wie unlogisch jene Momente für die Dame waren. Unlogisch... und doch für den kleinsten Teil schmeichelnd.

      Ein einzelner Schluck des roten Weines fand nun den Weg ihren Hals hinab, als im Hintergrund das eben gespielte Stück verstummte. Ein eher flott gehaltener Walzer, der die Schönen und Reichen aus London unterhalten sollte, die Gespräche und das Gemüt aufheizte um mehr und mehr zu konsumieren, gar noch viel mehr für den Wohlzweck zu geben... Große Spendabilität, gepaart mit ein wenig Alkohol sprang doch bekanntermaßen über wie der Funke auf Zunder, oder? Eine schallende Welle des Klatschens und des gefeierten Jubels durchzog für wenige Sekunden die weite Halle, als auch schon das nächste Stück angestimmt wurde. Bedeutend langsamer, gemächlicher, angenehmer zog sich das weittragende Stück im Dreiviertel-Takt - ein erneuter Walzer - durch den weißgetünchten Raum, lud nun doch auch die ersten willen Beine ein, sich doch dem innigen Tanz hinzugeben. Hatte die Inspektorin jedoch bloß Augen auf ihr vorschnelles Gegenüber. Ihn mit den eigenen Waffen schlagen... "Und Sie? Was verschlägt Sie hierher unter die Prominenz? Ich denke doch kaum, weil Sie den Wohlhabenden hier ihre Schätze und historisch wichtigen Habseligkeiten aus dem Ärmel leiern wollen?", einen Moment legte sich der braungefärbte Haarschopf zur Seite, wogen sich ihre Lider in ernsthafter Neugier auf Halbmast, verzog es die Lippen ihrer zu einem nachdenklichen Schmunzeln. "Oder genießen Sie wie ich die Tristesse und ermüdende Redundanz solch... verkommener Anlässe?", zäh hoben sich der Inspektorin Augenbrauen erneut empor, schwelgte ihre ruhige Stimme nur vor Ironie, als Audra ein weitere Gedanke kam. "Sagen Sie nicht, Sie sind für einen Tanz gekommen? Das... wäre demnach ein anspruchsvollerer Akt, als mit der unerhört aufsehenerregenden, unverschämt eklatanten Inspektorin von Scotland Yard darüber zu sprechen, wo nicht ihre Wurzeln begraben liegen...", fein verzogen sich nun die Mundwinkel der blassen Schönheit nach oben, ehe sich ein weiter kleiner Schluck des Weines genehmigt wurde. Zügig flog ihr Blick nur für einen Moment auf die Tanzfläche, auf welcher sich bereits ein paar wenige Paare gefunden hatten... nun, sie mochte sie nicht, Veranstaltungen dieser Art... doch wenn sie die Gelegenheit hatte, wollte sie diese zumindest in manchen der vollen Zügen genießen.

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    • Gabriel glaubte einen winzigen Funken der Bewunderung in den scharfsinnigen Augen zuerkennen. Offenkundig hatte er die willensstarke Ermittlerin zumindest ein klein wenig mit seinen Schlussfolgerungen beeindruckt. Sicher, die Details über ihre Familie waren hinter vorgehaltener Hand in aller Munde, doch das bloße Interesse an ihrer Person, die Bemühungen mehr über die Frau zu erfahren, die sich unerschütterlich an seine Fersen geheftet hatte, schien ihr etwas zu schmeicheln. Gabriel verbuchte diese leicht zu übersehende Regung als einen Sieg auf seiner Seite. Audra war keine Frau, die sich leicht blenden ließ. Nicht, dass er dem Irrglauben verfiel, diese Frau jemals blenden zu können, aber die Herausforderung rührte etwas in seinem starren Leib und seinem nüchternen Geist. Es war bereits eine Weile her, dass etwas oder jemand sein Interesse genügend weckte, um ihn von seinen Büchern und Forschungen abzulenken. Dem eindringlichen Blick, der sein Gesicht begutachtet hatte während er gesprochen hatte und von den feinen Gesellschaft sicherlich als höchst unhöflich für einen junge Dame empfunden wurde, hielt der Mann mühelos stand. Er wusste ohne Zweifel, dass sich nichts Verräterisches in seiner Mimik spiegelte. Im Gegenteil...hätten doch alle überspielten Regungen sicherlich den Argwohn von Audra geweckt, die mit seiner starren Miene durch ihre Beobachtungen mittlerweile mehr als vertraut sein dürfte. Es war erfrischend sich mit seiner Art der Offenheit zu zeigen.

      "Nein, ein Verbot haben Sie mir nicht erteil, Inspektor, aber ist es nicht...unschicklich, sich als Junggeselle derart für die Privatangelegenheiten einer Dame zu interessieren? Zumindest, sofern ich den Worten dieser schneidigen Gentleman dahinten Glauben schenke. Allerdings scheinen diese in erlesener Gesellschaft kein anderes Thema als wichtiger zu empfinden, als die hübschen und unverheirateten Damen in diesem Saal", erwiderte Gabriel mit einem flüchtigen Seitenblick auf die angeregt plaudernde Menge.
      Er wandte sich wieder voll und ganz Audra zu. Ganz leicht neigte er den Kopf zur Seite und seine Mundwinkel zuckten zu dem Hauch eines Lächelns empor. Es hatte den gleichen Effekt einer Marmorstatue, die mit einem starren Lächeln gemeißelt worden war.
      "Nun, die Antwort ist banal und wird Sie sicherlich enttäuschen: Ich weiß gerne über die Person Bescheid, die tagein tagaus vor meinem Geschäft herumlungert", antwortete er auf ihre geschnurrten Worte, die wohlmöglich einem gewöhnlichen Mann vergessen lassen hätten, was Audra überhaupt gesagt hatte.
      Die Ermittlerin mochte keinen Wert darauf legen, was andere Angehörige der High Society über sie und ihren Werdegang dachten, aber sie war sich durchaus ihrer Wirkung bewusst. Gabriel wusste, dass die Leute trotz Audra Ruf unentwegt starrte. Vielleicht war es gerade deswegen, dass sie die Blicke nicht von dem eleganten, blassen Hals und der kunstvoll in Szene gesetzten Gestalt der Inspektorin abwenden konnten. Der innige, ungebrochene Blickkontakt von Audra und Gabriel musste bei Außenstehenden bereits den Eindruck wecken, dass dort mehr im Gange war. Es musste wirken, als würden sich das Paar, das zu dicht beieinander verweilte, die Köpfe etwas zu nah zusammengesteckt, sich gegenseitig schöne Augen machte. Nichts interesseiert ihn weniger als die allgemeine Meinung.
      "Wenn Sie meine Meinung dazu hören möchten: Die Leute betrachten Sie mir Argwohn und Missgunst, weil viele von ihnen die Freiheit nicht besitzen, die Ihnen vergönnt ist. Hineingepresst in Erbfolge und Erwartungen ihrer Familien. Ihre Eltern, Inspektor, mögen mit den Entscheidungen, die ihre Tochter trifft, nicht einverstanden sein, aber sie bringen Sie auch nicht mit Zwang und Nachdruck davon ab. Und das ist nicht vielen Söhnen und Töchtern gegeben. Ich möchte nicht näher auf die Armseligkeit einiger Zugehöriger meines Geschlechtes eingehen, die sich von einer Frau wie Ihnen zweifellos bedroht fühlen."

      Bei ihrer nächsten Frage zupfte Gabriel verstohlen eine der weißen Rosen aus dem luxuriösen Blumenarrangement zu seiner Linken. Ohne den Blick von Audra abzuwenden, führte er die Blüte an seine Nase und der süße, schwere Geruch der Rose erfüllte seine Sinne. Der Duft war zu künstlich, zu aufdringlich. Es war nicht unüblich, dass gefragte Floristen beim begehrten Duft der Blumen mit Parfümen und anderen Mitteln nachhalfen um die herausragende Qualität künstlich hervorzuheben. Alles auf dieser Veranstaltung war mehr Schein als Sein. Nur Audra Dayton war selbst in dem unüblich, eleganten Kleid immer noch ganz sie selbst. Sie weckte weder den Eindruck verkleidet zu sein, doch trug ihr Gesicht die Falschheit und Heuchelei der anderen Gäste.
      "Sehen Sie, von einem Mann wie mir, mit dem alten Namen eines fast vergessenen Adelshauses, wird erwartet, dass ich mich von Zeit zu Zeit auf solchen Anlässen zeige. Meine Kundschaft ist erpicht darauf die Gelegenheit für einen privaten Plausch wagen. Nun, ich bin kein Freund ausschweifender und belangloser Plauderei. Es ist...zeitraubend", fügte Gabriel an und zwirbelte die Blütenstiel der Rose zwischen seinen Fingern. Die Dornen fühlte er kaum, zumindest zeichnete sich ein Impuls des kleinsten Schmerzes auf seinem Gesicht ab. Mit den Fingerspitzen brach er kurzerhand die Dornen abwärts der Blüte ab, ließ sie unbeachtet zu Boden rieseln.
      "Also, Inspektor", setzte er an und näherte sich dabei mit wohl kalkulierten Schritten Audra, noch näher als es der Anstand erlaubte, und schob die Rose mit gespitzten und geschickten Fingern in die dunklen Strähnen hinter ihrem linken Ohr. "Wir sind uns einig, dass die Konversationen uns belanglos und fade erscheinen. Immer dasselbe wieder und wieder zuhören...Machen wir es doch für uns beide etwas interessanter. Würden Sie mir die Ehre und das Vergnügen erweisen, den anständigen Gentlemen und Ladies in diesem Saal ein wirklich neues Gesprächsthema zu servieren?"
      Gabriel musste es versuchen. Er hatte es seinem Onkel versprochen. Die Inspektorin war seine Verantwortung. Sollte sie tatsächlich anfangen Sympathie für ihn zu entwickeln, vielleicht sogar einen Anflug von Zuneigung, würde sich ihr Fokus vielleicht auf kurz oder lang verschieben und die Zunft der Reaper, nicht länger der Gefahr ausgesetzt von einer Außenstehenden enttarnt zu werden.
      Noch immer ganz nah bei Audra senkte er die Hand und bot ihr diese auffordernd an.
      "Tanzen Sie mit mir, Audra."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die fein gewählten Worte des Weißhaarigen abwartend, den Blick ihrerseits auf dem gar monoton wirkenden Ausdruck seines Hauptes festgefahren, war es das Augenpaar, getaucht in die Meeresfarben, welches sich auf dem Antlitz des Antiquars festgeheftet hatten. Während Gabriel also sprach, ihr die Antworten gab, die sie von ihm mehr oder minder erwartet hatte, verlagerte die Inspektorin relativ beiläufig ihr Gewicht von einer Seite auf die andere, schwenkte ihren Körper von links nach rechts, stets das kristallene Glas, gefüllt mit tiefrotem Wein, zwischen den länglichen Fingern haltend. Kühn war seine Stimme, unverkennbar in Wissen und Vormund gehüllt, sodass die Dame für einen Moment den Anflug eines Gefühls hatte, als wäre sie hier diejenige, die sich einem Verhör unterziehen musste. Geschickt. Beinahe aus dem Stegreif, ja als hätte der Herr damit auch schonmal das ein oder andere Tänzchen gewagt, vernahm Audra seine Schlussfolgerungen und schaffte es nicht, ihr amüsiertes Lächeln zu unterbinden. Hauptverdächtiger hin oder her... das Gespräch, welches sie führten, war wohl oder übel das bestimmt anspruchsvollste, dass sie hier und heute bekommen würde. Und ja, sie nickte seine Beobachtungen beiläufig ab... natürlich war es ihr aufgefallen, wäre sie doch ziemlich blind für das Offensichtliche, wenn ihr das Gestarre der gefühlt tausenden Augenpaare, das Vorrecken der Zeigefinger, jenes maulzerreissende Flüstern hinter vorgehaltener Hand und jedes Augenrollen der übrigen Gäste nicht aufgefallen wäre. Sie gab es ja auch gerne zu: sie war... unkonventionell, stach mit dem was sie tat, wer sie war und wie sie an die Dinge heranging - als omnipräsente Gesamtheit wohlgemerkt - aus der breiten, faden, voreingenommenen Masse hervor, wie ein bunter Hund auf einem Einrad. Der Gedanke der weitergesponnen wurde, gefiel der Braunhaarigen sogar relativ gut... nur für den Bruchteil einer Sekunde verlor sich ihr verträumter Blick in der Ferne, während über Geschichtsbücher in hundert Jahren sinniert wurde, wo ihr Bild abgedruckt war und sie als die wohl... beste, herausragendste Inspektorin ganz Londons betitelt wurde... nun ja, sofern Aufklärungsrate und Ermittlungserfolge gleich bleibend hoch blieben, wenn nicht sogar noch höher springen würden. Die Idee allein gefiel der Inspektorin doch... gut. Wohl wahr, sie hatte einen Ruf zu verlieren...

      Was den Blick sogleich wieder auf ihren weißhaarigen Gesprächspartner lenkte, der sich mittlerweile daran vergnügte, einer der mit Parfüm verpanschten Rosen von ihren Dornen zu befreien. Das aufdringliche Odeur drang bis an ihre Nase... Nebenbei erklang seine Stimme, erklärte ihr, warum es ihn hierher verschlagen hatte, unter die Dekadenz der Prominenz und dem pompösen Auftritt beinahe aller wichtigen Personen, die in und um London lebten und regierten. Unwichtig wurde jedoch gesprochenes Wort von Seiten Gabriels, hatte sich der Dedektivin Blick an die Rose gekettet, die zwischen den eleganten Fingern des Mannes gedreht wurde. Erst als sich sein Körper noch ein Stück weiter in ihre Richtung schob, den wohl sittenhaften Abstand frech überbrückte, korrigierte Audra ihre Haltung in eine schnurgerade, begradigte die dünnen Schulter zu einer geraden Linie und hob auch das so gemütlich währende Haupt in eine aufrechte Position. Nur der Vorsicht, dem beruflichen Gehabe geschuldet, wich Audra unmerklich ein wenig nach hinten... und ließ den weißhaarigen Mann gewähren, als sie verstand, was Gabriel vorhatte. Den Blick zur Seite wendend, über seine linke Schulter hinweg gen Decke schauend, einen der überaus üppigen Luster an der gemauerten Decke erblickend... gleichzeitig drang die ruhig gehaltene Stimme seinerseits an ihr Ohr, ließ das Kiefer der sonst so gefassten Inspektorin verhärten und den Griff um das Glas verfestigen. Schnell, ungehalten stob die Welle an Ozeanblau zurück in das sich ihr genäherte, mit zarten bernsteinfarbenen Flecken gesprenkelte Sandbraun, ehe der Blick ihrerseits hinabfiel, zu seiner angebotenen Hand... ein wirklich neues Gesprächsthema zu servieren - Tanzen Sie mit mir, Audra...

      Ein Zögern. Wer würde auch nicht...? Gleichsam in der Schnelligkeit, in welcher Audra ihr Augenmerk fallen ließ, stob es wieder empor in das Antlitz des Antiquars, welcher den Blick nicht von ihr genommen hatte, wartend auf eine Antwort aus ihrem Munde. Schmunzelnd schoben sich die Lippen der Dame für Bruchteile von Sekunden, zuckend von links nach rechts... setzte nur das leichte Rümpfen ihrer Nase dem ausdrucksstarken Nachdenken ihrerseits die Krone auf. Hintergründig verklang das eben ertönte Stück, setzte ab in seinem gemächlichen Tempo, nur um in weiteren Systemen beschwingter zu erklingen. Waren die ersten trappelenden Schritte der feinen Damen von der Tanzfläche zu vernehmen, welche der Schnelligkeit - wo gleich der Walzer hierbei wohl nur ein wenig an Fahrt aufgenommen hätte und kaum merklich schneller getanzt wurde als noch zuvor, hätte man denn Verständnis und ein geschultes Ohr für die Taktgebung - entfliehen wollten. Bedacht stellte die Inspektorin dann ihr Glas zur Seite ab, halbleer würde es wohl oder übel sowieso abserviert werden, was nicht hieß, dass sie sich im Anschluss ein neues besorgen könnte. Deterministisch war er nun, der willenstarke Ausdruck, der sich auf dem blassen, aber nicht kränklich wirkenden Gesicht, der jungen Frau ausbreitete. Ein festes Glänzen lag in den Augen Audras, die mit manierlicher Vorsicht - wohlerzogen wohlgemerkt - die dünnen Finger in die Hand von Gabriel rutschten ließ, bedacht den Griff um diese gar zart, kaum von grober Kraft getrieben, geschehen zu lassen. Es vermochte einen Aufschrei geben, einen ungehaltenen Fingerzeig, ein Raunen... offene Münder und lästernde Wörter... aber wer wäre sie, wenn nicht jene empörende Inspektorin von Scotland Yard, die mit ihrem Methoden und der Darbietung ihrer selbst, offenkundig und ganz gewollt den Fässern den Boden ausschlug? Da... hatte der junge Mann an ihrer Seite völlig Recht.


      Es war nur das Rascheln des dezent gewählten Tülls zu hören, während Audra neben Gabriel in Richtung der Tanzfläche stolzierte, gar geräuschlos versiegte das sonst so laute Klackern ihrer Schuhe in dem weiten Raum. Den Blick stur gerade nach vorne gerichtet, spürte sie die brennenden Blicke der anderen Gäste auf ihrem Haupt, erkannte die Inspektorin wie gestarrt wurde. Kaum der Rede wert war es nun, das etwas festere Umschlingen der Hand des Weißhaarigen durch ihre Finger. Gab ihr der Antiquar an ihrer Seite doch eine gewisse... Sicherheit. Wo gleich sie diese doch nicht brauchte... oder? Wenige Schritte weiter hatte das eher ungleich wirkende Paar - welches sich dann doch in gewisser Weise... gut miteinander sehen lassen konnte - die Saalmitte erreicht. Neben den beiden Gestalten ihrer, hatten sich vielleicht nur drei oder vier andere tanzeswütige Pärchen eingefunden, nahmen die Positionen ein. Und auch Audra vollführte die Vorbereitung für den Walzer. Vorsichtig, beinahe als hätte sie Angst etwas falsch zu machen, schlängelte sich die gesamte rechte Hand ihrer über die des Weißhaarigen, streckten sich somit beider Arme von den Körpern fern. Alsbald sie die Hand Gabriels an ihrer Taille verspürte, umfasste die andere Hand ihrer den Oberarm des Antiquars. Zuletzt hob sich der Inspektorin ruhiger Blick an, der in dem unerschütterlichen, festgefahrenen Zügen herausstach, wie der Nordstern am dunklen Himmelszelt. Contenance bewahren konnte die Dame immer schon am besten, auch wenn die Berührung Gabriels an einer Stelle geschah, die sich kaum für... Ermittlerin und Suspector auctos delicti ziemten. Es gewahr sich, dass allein der stürmende Ozean hinter den Spiegeln für Gabriel Einblick geben konnte, alsbald das Wüstenbeige auf Audra hinabsah. Wie eine Oase inmitten der Unweiten von Sand und Hitze... Der Taktstock schlug fünf Mal, gewählt in seinen Abständen, den Takt angebend, gegen das Dirigentenpult... hob jener kleine, bauchige Mann das hölzerne Stäbchen an und schickte die Tänzerinnen und Tänzer auf eine Reise... alsbald die Musik den Raum erfüllte, gewillte Beine und Füße sich gekonnt über die weiten, weißen Fliesen bewegten, perfekt aufeinander abgestimmt und doch so frei, war der Blick der Dame aus dem Gesicht des Weißhaarigen gerutscht, ganz so, wie es sich für den klassischen Tanz gehörte. Blickkontakt sprach man nur jenen zu, welche nicht wussten, wie sie sich zu bewegen hatten... Audra aber, die vergrämte, vorlaute Inspektorin, hatte eine feine, wohlgewählte Erziehung unter den Händen ihrer wohlhabenden Familie genossen und ja... wusste, was es hieß, wie eine Lady zu agieren.

      Schwerelos glitten Audra und Gabriel über die Tanzfläche, erlaubten sich keinen Fehler, kein Stolpern oder Haspeln... schien es für außenstehende Besucher als hätten sich die Inspektorin und der Antiquar wohlmöglich für diesen Abend... vorbereitet? Zu genau saßen ihre Schritte, zu... übereinstimmend wogen die Körper im Takt, in der Sänfte und den beschwingenden Klängen des gewählten Stückes. Und auch, wenn der Dame Blick stets abgewandt bleiben sollte, vom Haupt ihres Tanzpartners, erwischte sich Audra dabei, wie ihr neugieriger Blick dann und wann zurückfand, auf die scharfkantigen Züge des Herren, welcher den trudelnden Körper ihrerseits fest in seinen Händen behielt, dem doch sehr innig wirkenden Tanz der beiden, keinen Platz für fremde Augen gab. Und auch Audra ermahnte sich zur Vorsicht, als sie Gefahr lief, die Möglichkeiten für den Moment voll und ganz auskosten zu wollen... verschwamm die Szenerie hinter ihnen zu farbigen Schlieren, festigte sich kein klares Bild mehr in ihren Augen... was zählte... war sie... und... er.
    • Die tollkühne Geste belohnte die erlesene Gesellschaft mit einem aufgeregtem Flüstern. Es war ganz und gar unmöglich, dass nicht ein neugieriges Augenpaar ohne Umschweife die eigenartig, vertrauten Geschehnisse verfolgte. Die Art und Weise, in der Gabriel das weiche Haar zurückschob, um die zarte Blüte ganz nach seinem persönlichen Geschmack in zwischen kastanienbraune Wellen zustecken, wirkte zu vertraut. Regelrecht intim, mochte manche wohlerzogene Dame hinter ihrem opulenten Fächer behaupten. Gabriel genoss in vollen Zügen, dass Audra diese Handlung nicht erwartet hatte. Er fand tatsächlich Gefallen daran, die engagierte Inspektorin zu überraschen, die für gewöhnlich auf alle Eventualitäten vorbereitet war. Die harte, gespannte Linie ihrer unbedeckten, blassen Schultern und die verkrampfte Art wie sie ihr zartes Kinn empor reckte, sagte dem Antiquar genug. Audra Dayton war es nicht gewöhnt im ungeteilten Mittelpunkt der Aufmerksamkeit eines Mannes zu stehen. Es war erstaunlich wie viel diese Frau allein mit einem Wimpernschlag, einem zurückhaltenden Zucken ihres Kinns oder mit der Berührung ihrer schlanken Finger in feinen Seidenhandschuhen seinem beinahe leblosen Herzen entlocken konnte. Das Lächeln, dass sich nun auf seinen bleichen Lippen spiegelte, benötigte nur winzige Korrekturen. Im gleichen Moment rümpfte Audra auf gar liebenswerte Weise die Nase. Das Lächeln saß nun perfekt an seinem Platz und es fühlte sich dabei fast natürlich an. Fast.

      Mit ausgesprochener Sanftheit umschloss er die kleine Hand der Inspektorin, die zwischen seinen langen, schlanken Fingern verloren ging. Gabriel war zuvor nicht aufgefallen wie zierlich Audra eigentlich war. Erst die Nähe machte dies möglich. Die kühl anmutenden, braungefärbten Augen, die einen beinahe exotischen Kontrast zu dem weißblonden Haarschopf bildeten, senkten ihren Blick auf die nackte Haut ihrer Schultern. Dezent wölbten sich die Schwünge ihrer Schlüsselbeine hervor, in genau dem richtigen Maß ohne knochig zu wirken. Die Versuchung die zarte Linie mit den Fingerspitzen zu folgen bis auf die kleine Mulde in der Mitte trafen, wäre einem schwächeren Geist wohl zum Verhängnis geworden. Einmal dort angekommen, wäre es ein Leiches gewesen dem verlockenden Pfad hinab zu folgen bis edle Spitze die Wanderung beendet hätte. Es blieb der Vorstellungskraft überlassen, sich die Weichheit ihrer hellen Haut auszumalen. Nun war Gabriel aber kein simpler Geist und kein normaler Mann, nicht im üblichen Sinn. Er konnte die Schönheit, die sich ihm bot anerkennen, doch hinter dem Käfig seiner Rippen blieb eine vertraute Leere.

      Sicheren Schrittes führte Gabriel seine auserkorene Tanzpartnerin durch die tuschelnde Menge. Audra, ganz die Detektivin, die sie war, hätte den großen Augen und vorgehaltenen Händen sicherlich übermäßige Beachtung geschenkt, wenn sie sich darüber im klaren gewesen wäre, dass Gabriel Hargreaves nie den weltlichen Vergnügungen eines Tanzes nachgab. Dabei war es nicht so, als hätten es die hübsch zurechtgemachten und ausstaffierten Töchter aus gutem Hause, deren betuchte Eltern auf die beste Partie lauerten wie die Geier, die sie waren, es nicht längst versucht. Im Augenwinkel entdeckte er flüchtig die Familie Dayton, deren Münder nicht weniger offen standen vor Staunen als die der anderen Gäste. Gabriel konnte nicht erahnen, wie viel Audra der Familie von ihrer unermüdlichen Arbeit berichtete. Vor allem nicht über die beharrliche Observation der vergangenen Tage und einer gewissen Versessenheit darauf ihrem Hauptverdächtigen auf die Schliche zu kommen. Der Verdächtige, mit dem sie gerade elegant auf die Tanzfläche des improvisierten Ballsaales schwebte. Zumindest ihre Arbeitskollegen von Scottland Yard trugen misstrauische und verdrießliche Mienen zur Schau. Privatermittlerin hin und her, sollte Audra unterstellt werden können, dass sie ein persönliches Verhältnis mit dem Antiquar pflegte, würde das alle ihre Bemühungen untergraben. Sämtliche Beweise und Anschuldigungen würden zweifelsohne geradewegs im Sand verlaufen, konnte das Scottland Yard ihr Befangenheit oder gar verletzte Eitelkeit vorwerfen, sollte die Verbindung, die es nicht gab, scheiten. Nur konnte das niemand wissen und Gerüchte verbreiteten sich schneller, als Gabriel das Wort Reaper sagen konnte.

      Gabriel stoppte inmitten der anderen Tanzpaare, die mit freudiger Erwartung auf den ersten Takt des Walzers warteten. Er ließ sich von der Szenerie nicht beirren und nahm Haltung ein. Zwar pflegte er nicht das Tanzbein zu schwingen, aber es stand außer Zweifel, dass der Antiquar in seiner Jugend eine strenge, gesellschaftliche Ausbildung in Tanz und Etikette genossen hatte. Es schickte sich nicht, den Blick zu weit auf das Antlitz der Auserwählten zu senken, um sich nicht in verfänglichen Gefilden zu verlieren, die ein wohlgeschnürtes Korsett und ein zarter Spitzenkragen präsentiere. Aber Gabriel hatte unlängst bewiesen, dass ihn diese Formalitäten nicht belasteten. Behutsam führte er einen Arm um ihren Rücken, legte seine große Hand auf ihrer zierlichen Taille ab, die gar zerbrechlich unter seiner Handfläche wirkte. Ein wenig mehr Druck und durch bestickte, schwarze Seite würde er die Wölbung ihrer Rippen ertasten können. Audras Willenskraft und ihr Wesen war so stark und energisch, doch ihr Körper erschien umso zerbrechlicher. Eine Hand an ihrer schlanken Kehle, ein wenig zu viel Druck...Gabriel blinzelte und vergaß bereits im selben Augenblick die Düsternis, die ihn kurz ergriffen hatte. Es war, als wäre nichts gewesen.

      Regelrecht schwerelos glitten Audra und Gabriel über die Tanzfläche. Selbst in dem Gewirr aus unzähligen anderen Paaren, manövrierte der Weißhaarige sich und die Inspektorin elegant und leichtfüßig über den glänzenden Marmor. Über ihnen glitzerten die silbernen Kronleuchter und hunderte von elektrische Glühlämpchen, verwandelten das Gewölbe über ihren Köpfen in ein wahres Lichtermeer. Doch Gabriel hatte nur Augen für Audra, die, ganz wie es sich geziemte, den Blick von ihm abwandte. Die Frau, deren Wangen vom anhaltenden Walzer bereits von einem hauchzarten Rosa bedeckt waren, erlag dennoch der Versuchung hin und wieder verstohlene Blicke auf sein Gesicht zu werden und Gabriel stellte ohne Misserfolg sicher, dass sich jedes einzelne Mal ihre Blicke kreuzten. Umringt von Menschen wagte es der Antiquar das Kinn zu senken. Nah genug, damit Audra den dunklen Bariton seiner Stimme nicht nur hörte sondern die Raunen an ihrem Ohr spürte, aber mit genügend Distanz, dass es gerade noch als schicklich durchging.

      "Hätte ich gewusst, dass sie eine so formidable Tänzerin sind, hätte ich früher nach ihnen Ausschau gehalten um mich aus diesen unsäglich langatmigen Konversationen zu befreien. Vertrauen Sie mir, Audra? Ich lasse sie nicht fallen, versprochen", raunte er und verstärkte den Druck seiner Finger um ihre Hand und Taille. An einer bestimmten Stelle des Stückes, löste er sich aus der traditionellen und steifen Haltung des Walzers. Er hob den Arm und wirbelte Audra in einem Meer aus schwarzer Seite und transparentem Tüll um die eigene Achse. Die winziges Diamanten des ausladenden Tüllrocks glitzerten und funkelten mit den Lichtern um die Wette, reflektieren es in allen Facetten des Farbspektrums. Ebenso galant zog er die junge Frau zurück an seine Brust, stabilisierte Audra mit festem aber sanften Griff um ihre Hüfte. Viel zu nah für einen gesellschaftlichen Walzer schmiegte sich ihre zarte Erscheinung gegen seine Brust, was dem Schwung geschuldet war und Gabriel störte sich nicht an dem ein oder anderem lauten Aufatmen zu seiner Linken. Das Licht der Kronleuchter spiegelte sich in seinem Blick und erweckte den Eindruck, dass die leeren und regungslosen Augen amüsiert aufblitzten. Eine seltene und befremdliche Leichtigkeit erfüllte seine Brust.
      "Ich habe den traditionellen Walzer immer als zu...steif empfunden", teilte er unbekümmert mit.

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Takt um Takt verging in rauschender Emphasis... Schritt um Schritt, ausgeführt in wettbewerbsgleichender Perfektion... die galant schwebenden Körper, den Gezeiten in ihrer Stärke gleichend, über das federnde Parkett tragend, bestechend in der Art und Weise, wie sich der kastanienbraun gefärbte Schopf und das silbrige Weißblond ein Duell sondergleichen lieferten... schiere Naturgewalten... gar wie der Mond um die Erde tanzte, stets auf der Suche nach dem Licht der Sonne, im Hintergrund die unzähligen, abertausenden Sterne, die diesen anfeuerten, ja nicht aufzugeben, sich an der Wärme des glühenden Sterns laben zu können. Die Eleganz die aus dem gemeinsamen Tanz zwischen Audra und Gabriel hervorsprühte, konnte von all den neugieren, ungläubigen, gar verurteilenden Spekatoren aus der Ferne interpretiert werden, wie auch immer es den vorlauten und offensichtlich geschockt offenstehenden Mündern zur Stirn stand. Für den Moment sollte Audra nichts weniger interessieren, als wie das, was die öffentliche Zurschaustellung ihrer, gemeinsam mit dem Weißhaarigen, der sie für diesen ungemein ... perfekten Tanz auserkoren hatte, auslösen würde. Weder ihre Familie, noch ihr Arbeitgeber, wo in beiden Reihen wahrscheinlich die Arme ungehalten über den Häuptern zusammengeschlagen wurden. Desaströs, der Schachzug der jungen Inspektorin, sich hier mit dem Hauptverdächtigen in den Ermittlungen zum Mordfall Kensington abzugeben, gar ein mögliches vertrautes, enges Verhältnis zu Mister Hargreaves zeigend. Und das war der Punkt, in dem sich alle irrten... Audra war heute nicht als die da, die sie sonst zu sein hatte. War nicht in die Rolle geschlüpft, die außerhalb dieser hohen Hallen von ihr gespielt wurde. Sprach nicht der Mund, geschmückt durch rosige Lippen, der sich sonst der Spitzzüngigkeit und Wahrheit verschrieb... sahen nicht die in dem Farbenspiel des Meeres getauchten Augen, welche sonst eine jede Regung einfingen, die ihr sonderbar oder fragwürdig erschienen. Dachte nicht der sich der Logik verschreibende Kopf, der tagein tagaus rotierte um Fäden zu spinnen, die ihren Erfolg besiegelten. Und vor allem schlug nicht das eiserne Herz hinter ihrer Brust, eingesperrt wie der freiheitsliebende Vogel, in dem knöchernen Käfig, welches sich einzig und allein ihrer Liebe zu ihrer Arbeit verschrieben hatte... nein... nicht an diesem Abend. Seit sie gemeinsam mit iher Familie das Anwesen ihrer Eltern verlassen hatte, den gesamten Weg hierher... alle Blicke um sich, jeden Blickkontakt mit ihr... gesprochene Worte, geflüsterte Meinungen... ja bis hierher, bis zu diesem skandalösen Tanz, der all jene aus den zarten Ringelsöckchen ihrer festgefahrenen Ansichten springen ließ... war sie Audra.

      Audra Adaline Dayton, Tochter, Schwester... und vor allem - was man bei diesem Aufeinandertreffen von heiratswilligen Damen und Herren der gehobenen Gesellschaft Londons nicht vergessen durfte - Junggesellin. Heute stand ihre Profession außen vor, ließ sie die Spürnase ihrerseits wie den Hund der nicht erwünscht war, vor den Toren stehen und suchte eigentlich nichts anderes als zwanglose, wenngleich auch in ihren Augen, sinnlose Unterhaltung. Was ihr inoffzieller Inspektorenauftritt hier jedoch dann fand, war - betrachtete man das Gesamtbild dieses für sie überflüssigen Abends - beflügelnd. Das erste vertraute Gesicht neben ihrer Familie, erschien ihr als kein geringeres, als das von Gabriel, zu dem sie, wäre er nicht ihr Hauptverdächtiger, offiziell gut und gerne wohl eine... engere Beziehung versuchen würde zu pflegen... doch... entriss sich die Inspektorin diesem verwegenen Gedanken, der in eine Richtung ging, der sie allein in ihrer Imagination Kopf und Kragen kosten würde. Es half der Braunhaarigen dabei absolut nicht, als sie im Augenwinkel vernahm, wie sich jener Herr, um den sich die letzten paar Minuten die Majorität des Sinnes gedreht hatte, zu ihr hinabbeugte. Knisternd, wie der Funkenflug eines lodernen Feuers, durchstob die schnurrende Stimmfarbe des Weißhaarigen das Gehör der jungen Frau, drang wie flüssiger Honig ihre Wirbelsäule hinab und legte sich als... wärmende Exaltation hinein in ihre Magengegend. Dem Geflüster seiner geschuldet, zwang sich eine hauchzarte Gänsehaut über ihre Arme, der Audra nur hilflos nachspüren konnte, während sie verstand, was Gabriel von ihr verlangte. Sie sollte ihm vertrauen... und aus Gründen, die der Dame für den Moment nicht ersichtlich waren... tat sie das auch. So stob der grünblaue Schleier für einen kurzen Schlag ihrer Lider in das blasse Anlitz des Mannes empor, ihm somit die Zustimmung gebend, für jenes gewagte Maneuver, dass dem umwerbenden Worten seinerseits folgte.

      Wie eine Feder im stürmenden Wind, wurde der zarte Körper der jungen Frau, herumgewirbelt... stob der fein gewählte, leichte Stoff ihres opulenten Kleides in alle Richtungen zugegen der Fliehkraft von dem tänzelnden Leib der Dedektivin hinfort, schickte die kristallenen Begleiter an ihrem Körper - welcher sich sonst immer in dem burschikosen Ermittlerkostüm ihrer versteckte - auf eine träumerische Reise, die die eigentliche Grazie der jungen Frau in den Vordergrund stellte. Schnell nun, aber nicht übereilt, fand Audra den Weg zurück an Gabriels Brust, der sie nach diesem unkonventionellen Ausreißer des sonst so manierlich gepflogenen Walzers, enger zu sich zog, als noch vor wenigen Augenblicken. Das zuvor so angespannte Kiefer, welches sich durch die plötzlich überbrückte Nähe in ihrer Mimik manifestiert hatte, lockerte sich mit einem Schmunzeln. Den Blick empor gerichtet, einen Punkt hinter Gabriel anvisierend, erklang nun ein leises Schnalzen ihrer Zunge, gefolgt von einem amüsierten Schnauben über die Nase hinab. "Hätten Sie mich früher gefunden, wäre ihnen die Chance unter Umständen verwehrt geblieben... meine hübschen und begehrenswerten Schwestern hätten es Ihnen nicht leicht gemacht... die beiden können sehr... überzeugend sein.", in ihrer leisen Stimme, die sich einem säuselnden Flüstern bediente, schwang eine ungehaltene Wärme mit sich, die im Gegensatz zu dem unterkühlten, monotonen, sich kaum in Emotion veränderten Typus ihrer Klangfarbe, Berg- und Talfahrten der Eventualitäten darstellte. Wohl konnte Audra durchaus anders, wusste sie es ja am besten, dass die Härte, die Strenge in die sie sich hüllen musste um in diesem Metier zu überleben, wohl oder übel eine bloße Maske war, die das eigentliche Charakterbild ihrer stark verzerrte. Sie stellte jene Empathielosigkeit ihrerselbst als reine Hilfestellung dar, die dafür verantwortlich war, dass sie in der von Männern dominierten Domäne überleben konnte. War es aber keine Lüge, oder gar ein heimtückischer Akt, die weiblichen Blutsverwandten ihrer, in ein schlechtes Licht zu rücken. Was Gabriel schon zuvor über Lilly und Annabelle an Worten zur Umschreibung der Schwestern ihrerseits wählte, hatte die wenige Zeit kaum an Bedeutung verloren. Sie waren wirklich äußerst schön anzusehen, waren begehrte junge Damen, welche die bindende Heirat mit zugehörigem Gold oder Silber an den Ringfingern schon lange herbeisehnten... dumm für die beiden war nur, dass sie den selben Männergeschmack hatten, weswegen sie sich oftmals im Weg standen und die Liebeleien der einen, zu Wut und Eifersucht bei der anderen führten.

      Es war die unbeschwerte Stimme des Weißhaarigen Mannes - welcher sie fest umschlossen nahe an sich hielt - die sie, wie auch schon zuvor, aus den kreisenden Gedanken riss... zu... steif war es ihm... unspektakulär, möglicherweise auch fade... das schwang in der kleinen Bekundung aus dem Munde seiner für Audra hörbar mit sich. Und warf sie die glatte Stirn in Falten, kurz über das Gesagte von Gabriel nachdenkend. Der mittlerweile schon standartisierte Wiener Walzer, welcher die Tanzflächen seit guten 100 Jahren nun besetzte, war ein zeitloser Klassiker, der überall und immer Anwendung fand und bei welchem man schief, gar entrüstet angesehen wurde, sollte man nicht in der Lage sein, die Einfachheit der drei sich wiederholenden Schritte zu meistern oder eben auszuführen. Weshalb er bei einer jeden Festlichkeit zum Einsatz kam... aber gab sie ihm Recht. Audras Kopf wagte es, sich für ein paar Zentimeter in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen. Führte sie den verharrenden Blick, welcher neben seinem Haupt in die Ferne stach, über den feinen, dunklen Zwirn seiner Schultern, hin in Richtung seines Halses. Die Lider hinabsenkend, das Kinn ein wenig in die Höhe reckend, würde der Herr wohl gänzlich hören, wie die Inspektorin die Luft über ihre Nase einsog, hinab in ihre Lungen, sich die Antwort auf seine Feststellung auf ihrer spitzen Zunge zurechtlegend. Es... erwischte Audra jedoch eiskalt, als sie über diese hergestellte Nähe, die... unverkennbare Duftnote seinerseits zu sich nahm. Unaufdringlich und doch äußerst einnehmend, legte sich der Geruch des Herren über sie, wie die... leichte frische Regendecke der vergangenen Sommergewitter. Hölzern erschien er ihren Sinnen, trug den Geschmack der alten Bücher und Reliquien seiner antiquierten Schätze mit sich, vermischt mit dem würzigen Aroma des Tees, den er trank, als sie zum ersten Mal in seinen heiligen Hallen aufschlug und einer Prise... von... Magnolie? Nein... Lilien... oder... Stockrosen? Schwer zu sagen, ohne eine weitere... Kostprobe. Bezirzt vom Augenblick, biss die Inspektorin ihr Unterkiefer fest gegen die Zähne der oberen Reihen. Sich der Nonchalance widmend, dem Moment dieser Entdeckung keine weitere Anwandlung schenkend, entwich die gestaute Luft ihrer Lungen in fließenden Tönen über ihre Nase hinfort. "Tradition mag eine gute Wahl sein, wenn man auf Sicherheit setzt... aber verstehe ich Ihre Denkweise... warum nicht das Neue wagen, wenn man das Glück hat, wählen zu können?", verstohlen glitt der wissende Blick aus dem verschwommenen Grün ihrer Augen empor in das streng gemeißelte Gesicht des Antiquars, ehe sich der linke Mundwinkel ihrerseits ein wenig emporhob, ein schiefes Lächeln äußernd.

      Die leise Bekundung dessen, dass auch Audra der Meinung war, die Konventionen zu brechen und das Alteingesessene aus dem Fenster zu werfen, hielt die Momente stand, wo sich die Inspektorin doch genau das traute und dem Herren den Blickkontakt gewährte, der während dieser von Brauchtum gespickten Sitte, wie es sich eben ziemte für die höflichen, wohlerzogenen jungen Damen Londons dabei zu agieren, unsittlich war. Wie sie sich echauffieren würden, jene weiblichen Rohrspatzen, die in der Inspektorin den Antichristen sahen, das sich zu zierende Geschlecht in das wohl schlechteste Licht, durch ihr unkonventionelles Handeln, rückte. Aber brannte der Dame dennoch die Lust auf dem Herzen, gerade diese steifen Gepflogenheiten über Bord zu werfen, weshalb der Blickkontakt zwischen ihr und dem Weißhaarigen nicht gebrochen wurde. "... was ist mit den anderen Damen hier? Wären diese keine... ordentliche Wahl für Sie gewesen, wenn die Gespräche Sie doch so... gelangweilt haben? An Auswahl hätte es sicher nicht gemangelt... sind doch viele hier, die vielleicht von... Interesse für Sie wären...", für wenige Sekunden rückten die meerfarbenen Spiegel vom Antlitz des Herren ab, um sich an der breiten Masse zu bereichern, die sich in überquellender Menge um die Paare geschoben hatten, mit ihren Fächern und den Champagnergläsern, die sie an die viel zu überschminkten Lippen führten, nur um den lupenreinen Kristall mit dem färbenden Rot dieser zu verunstalten. Neugierig waren die Augenbrauen Audras nach oben in ihre Stirn gestoben, als sie den ruhigen Blick wieder in den braunen Augen die über ihr thronten versenkte.

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    • Gabriel sollte nie erfahren, welche Worte sich Audra sorgfältig zurechtlegte um ihm eine passende Erwiderung zu liefern. Statt einer spitzfindigen Antwort, die der Inspektorin wohl auf dem Weg über ihre Lippen verloren ging, spürte er einen warmen Hauch, der träge über seinen bleichen Hals glitt. Kaum merklich hob die Frau in seinem Arm das Kinn an, wohl in dem Glauben, er würde es nicht bemerken, und nahm einen tiefen Atemzug. Ein Augenblick verstrich, biss Gabriel gedanklich mit dieser Reaktion aufholte, um die glasklare Feststellung zu machen, dass Audra, die gefürchtete und unnachgiebige Audra des londoner Scottland Yard, an ihm schnupperte. Ein anderer Begriff wollte ihm dazu nicht in den Sinn kommen. Tief inhalierte Audra Dayton den Duft, den seine Haut verströmte und es war zu Gabriel eigenem Vorteil, dass ein Reaper, zwar weder richtig lebendig noch tot, nicht der kühle und schauderhafte Geruch des Todes anhaftete obwohl er sich täglich damit umgab.

      Er musste ihr zugute halten, dass sie bereits binnen weniger Sekunden ihre Stimme wiederfand, hatte sie doch den Bruchteil einer Sekunde zuvor noch ganz und gar angetan von der Nähe gewirkt, die der Antiquar galant initiiert hatte. Der Arm um ihre schlanke Taille lockerte sich mit den klassisch anmutenden, wiegenden Schritten des Wiener Walzers wieder, doch schob Gabriel seine Hand ihren Rücken hinauf. Die Gänze seiner flachen Hand erstreckte sich zwischen ihren Schulterblättern und ganz gemächlich spreizte er die Finger ab um noch mehr ihres zierlichen, schmalen Rücken zu bedecken. Wagemutig fanden seine kühlen Fingerspitzen den Spitzenraum, der ihre entblößten Schultern einrahmte und ließ zu, dass seine Fingerkippen hauchzart über den ersten Millimeter Haut streichelten, den er erreichen konnte. Wer nicht genauer hinsah, würde es von Weitem kaum bemerken, doch Audra würde es spüren.

      "Meine Familie, müssen sie wissen, ist oder eher war sehr traditionsbewusst, Audra. Die Hargreaves sind ein aussterbenden Adelsgeschlecht, das das neue Zeitalter nicht überdauern wird. Dafür gebe ich der Verzweiflung an alten Werten festzuhalten die Schuld. Die Hargreaves konnte sich nie gut von Altbewehrtem lossagen", antwortete Gabriel wahrheitsgemäß ohne wirklich etwas zu verraten. Ja, seine Familie legte großen Wert auf ihre alte Abstammung, die Tradition und Weitergabe der Mission der Reaper bis zu ihrem letzten Atemzug. Für Audra mochte es danach klingen, dass seine Familie lediglich an verstaubten Ansichten festhielt und demnach den wichtigen Schritt in Richtung Zukunft und Fortschritt verpasste.

      "Bezüglich ihrer Schwestern wären meine Eltern, Gott hab' sie selig, sicherlich äußerst angetan gewesen", fuhr er fort und ließ den Blick schweifen. Die Zwillinge hatte er am Rand der Tanzfläche längst mit aufmerksamen Augen entdeckt. Mit erstaunten Gesichtern verfolgten sie, wie ihre, laut Aussage anderer braver Bürger, kratzbürstige und burschikose Schwester, leichtfüßig am Arm eines Mannes durch den Ballsaal schwebte. "Aber für meine liebreizende Familie war mein Streben nach dem Neuen und...Unerforschten stets ein Dorn im Auge. Und ich verspüre nicht den Bedarf nach einer braven, sittsamen Ehefrau. Mein Leben eignet sich nicht für die Ehe. Es ist zu unstet. Ich reise viel, müssen Sie wissen. Kein Ort war bisher interessant genug um mich lange zu halten. Es gibt auf dieser Welt mehr als Tradition, Ehe und die Erfüllung fremder Erwartungen. Gerade Sie werden verstehen, wovon ich rede. Nicht wahr, Audra?"

      Der letzte Takt des Walzers verklang und die Menge ließ sich zu einem trägen Applaus hinreißen. Für Außenstehende mochte es den Anschein von grenzenloser Langeweile wecken, doch für die feine High Society bedeutete es tatsächlich, das alle völlig aus dem Häuschen waren. Die Uhren innerhalb der erlesenen Gesellschaft tickten zuweilen einfach ein wenig anders und langsamer. Ein wenig zu lange hielt Gabriel an Audra fest, gab ihre Hände beinahe widerwillig frei und kostete in den letzten Zügen aus, wie seine Hand gemächlich über ihre Wirbelsäule nach unten fuhr bis zu dem Punkt, der die Berührung gerade noch gesellschaftstauglich machte. Tief in ihrem unteren Rücken verweilte seine kühle Hand noch einen Moment, bis er einen Schritt zurücktrat, sich vollständig löste und mit er warteten Verbeugung für den Tanz bedankte, wie es alle wohlerzogenen Gentleman taten.

      "Ich danke Ihnen. Für den Tanz, für Ihre Zeit und ihre offen Sicht der Dinge, Audra", bekundete Gabriel auf die gewohnt galante Weise, doch anstatt sich mit den anderen Gentleman zu einer Zigarre und teurem Whisky in den angrenzenden Salon zurückzuziehen, der ansonsten nur die Professoren und angestaubte Theorien statt Klatsch und Tratsch zu hören bekam, bot er der Inspektorin unverfroren seinen Ellbogen an. Ihm fiel bereits auf, wie leicht ihm die persönliche Anrede über die Zunge ging, als hätte er Audra nie anders genannt. Daran konnte er sich gewöhnen, obwohl am Ende dieses Abend wohl die Professionalität über den Hauch der Intimität schieben würde.

      "Wie klingt Wein und etwas frische Luft für Sie?", raunte er. Zielsicher führte er die junge Frau von der Tanzfläche und steuerte einen kleinen Tisch an, an dem Erfrischungen gereicht wurden. Mit einem dezenten, aber beinahe kühlem Lächeln, nahm er zwei Gläser mit dem Wein entgegen, an dem Audra bereits zuvor genüsslich genippt hatte. Wenn er etwas als Antiquar besaß, dann ein unfehlbares Auge fürs Detail. Er sorgte dafür, dass sich ihre Fingerspitze ganz sachte wie zufällig berührte, als Audra ihm das langstielige Glas aus der Hand nahm. "Ich habe gehört, sie haben den kompletten botanischen Trakt mit ganz exquisiten Lichtern dekoriert. Von dem Wert der technischen Errungenschaft abgesehen, soll der Anblick einem den Atem verschlagen. Zumindest, wenn man geneigt ist den Gerüchten zu glauben. Interessieren Sie sich für den Fortschritt?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sie legten sich wie ein unausgesprochener Fluch über sie, die Fingerspitzen des Mannes, welcher mit ihr gemeinsam den variierten Wiener Walzer, langsam aber stetig ausklingen ließ. Ob es nun unbedacht oder doch ganz und gar voller Absicht geschah, jene leichte Berührung die Gabriel herstellte, indem er über den Spitzenrand ihres Kleides hinausstrich und die kühle Oberfläche seiner Haut auf der ihren platzierte, war für Audra in dem Moment nicht wichtig. Einzig und allein den Schauer, der sie überkam, spürte sie... merkte, wie er sich hoch in ihren Nacken ausbreitete und auch vor ihrem Steiß nicht Halt machte. Er würde sie wohl spüren, die Gänsehaut, die den schmalen, aber von zarter Wärme angehauchten Rücken nun zierte. Unfreiwillig verhärteten sich somit auch der Inspektorin Gesichtszüge wieder in eine eher strenge Linie, fein geschuldet dessen, dass der Weißhaarige diese grobe Grenze von Anstand geradezu auskostete und auf dem dünnen Seil zwischen Übergriffigkeit und Sittsamkeit Saltos schlug, wie Nachbars Hund, wenn ihm eine Bockwurst vor die Schnauze geworfen wurde. Ein Künstler sondergleichen... nicht nur mit seiner perfiden Intelligenz, nein... gar seine Sprachgewalt, die Weise wie Gabriel Worte einsetzte um sein Gegenüber zu entwaffnen war es, die neben dem Charme den der Herr versprühte, den Antiquar zu einer beinahe uneinnehmbaren Festung der Mystik machte. Innerlich verfluchte Audra die junge Miss Bell, welche ihr ja doch schon am Tattag durch die Blume gesäuselt hatte, dass man mit diesem Mann wohl oder übel aufpassen musste. Zart schlicht sich nun ein Schmunzeln auf die Lippen der Dunkelhaarigen, welche von der Stimme ihres Tanzpartners aus den drehenden Gedanken gerissen wurde. Aufmerksam lauschte sie den Worten des Braunäugigen, hörte seine Statuten zu jenen Sätzen und Fragen, die sie ihm zuvor noch als Konversationstreiber vorgelegt hatte und senkte die Lider kaum merklich hinab, als er nach ihrer Zustimmung fragte. Ob sie verstand, dass die steife, traditionsreiche Konvention die Freiheit des Schaffens nicht schlagen würde... ein amüsiertes Schnauben entwich durch ihre Nase, deutete an, dass es der jungen Frau eigentlich danach stand, in Gelächter auszufallen.

      Aber schenkte sie dem Herren der ihre Figurine in den Händen hielt nur ein ausfallendes Nicken. "Natürlich... ich weiß genau, was Sie meinen...", die Lautstärke in den festen Worten richtete sich in leisere Sphären, als nun doch, gemächlich, die Taktgebung entschwand und die letzten, auslaufenden Akkorde des Walzers angestimmt wurden, ehe das Stück versiegte und jene Pärchen mit tosendem Applaus umworben wurden, welche sich zum Vergnügen der anderen auf die Tanzfläche gewagt hatten. Unstet rutschte der Blick der Inspektorin auf die Hände von ihr und Gabriel, welche sich auch nach dem Abwinken des Liedes, schwer taten, voneinander loszukommen. Wirkte denn nun der Zauber, den die Berührung von zuvor auf ihr hinterlassen hatte? Es siegte die Vernunft in jenem beinahe innigen Moment. Der Kontakt wurde verloren, Gabriel nahm von ihrerseits Abstand und verbeugte sich galant, ihr zuletzt auch mit Worten seine Dankbarkeit für die augenscheinliche Auflockerung des sonst so tristen Abends ausdrückend. Selbstverständlich nahm Audra im nächsten Moment seine Einladung an, sich doch an seinem Ellbogen von der Tanzfläche führen zu lassen, bedankte sich ebenfalls bei ihm für den Tanz, während von Gabriel die nächsten, wohlgewählten Worte kamen. Frische Luft und etwas Wein... eine Idee, die ihr nur allzugut gefiel. Es gewahr sich nun, dass sich Audra Momente später mit einem Glas in den Händen wiederfand, durchaus die kleine, überbrückte Nähe wahrnahm. Während sie an dem rötlichen Traubensaft nippte und dem Weißhaarigen lauschte, lag der Blick aus den scharfsinnigen Augen stets auf Gabriel gerichtet, maßte es sich sogar an, zwischen all den kleinen, feinen Linien und Akzenten, die sein Haupt ausmachten, frech herumzuhüpfen, alles von dem Herren in ihr bildhaftes Gedächtnis aufnehmend.

      "Oh, durchaus... ich finde es höchst interessant zu beobachten, wie schnell und präzise bestimmte Wissenschaften voranschreiten. Sehen Sie sich nur um... Elektrizität wird es wahrscheinlich in den... nächsten 10 bis 20 Jahren in jedem Haushalt geben und keine Exklusivität der reichen Oberschicht mehr sein. Fortschreitender Handel, Reisemöglichkeiten, Archäologische Entdeckungen, Wunderwerke der Technik... Thematiken über die ich gerne stundenlang sinnieren würde. Persönlich kommt mir gerade in den Sinn, dass Scotland Yard sich alsbald den ersten Prototypen eines Revolvers zur Ausstattung nehmen möchte...", wissend hob Audra ihre Augenbrauen empor, verlagerte das Gewicht erneut von einem Bein auf das andere, drehte Gabriel somit ihr Antlitz von linker Seite auf die rechte hinüber, als sich auch ihr Haupt der leichten Bewegung ergab. "Das man jedoch den gesamten botanischen Trakt beschmückt hat, hätte ich nicht gedacht... Die Universität hat demnach keine Kosten gescheut. Nun... wenn Sie wollen, können wir doch-" - "AUDRA!", ach, als wäre es ihnen einfach nicht vergönnt, ein Gespräch zu führen, welches auf den Interessensbasen beiderseits aufbaute, stach eine hysterisch wirkende Frauenstimme dazwischen und würgte die Inspektorin, welche eben gerade ein wenig aus ihrer sonst so steifen, korrekten Haltung ausgebrochen war, mitten im Satz ab. Audra erdreistete sich nicht, den Blick, welcher unaufgeregter nicht sein könnte, in die Richtung zu wenden, aus welcher jener aufgebrachte Ruf stob, offensichtlich ihre Person dabei ansprechend. Gar unberührt lag der sich in Monotonie abwälzende mimische Ausdruck ihrer in den Augen des Weißhaarigen und ein angestrengtes Seufzen entglitt ihrer Kehle, formte das Grünblau ihres Blickes dann doch ein Flehen. "Ich-!", stob es ihrerseits noch in die Richtung von Gabriel, als sich zwischen all den anderen, in Farbe und Geruch übertünchten Personen, ihre Zwillingsschwestern schoben, sichtlich aufgeregt in Gestik und Mimik an ihre Schwester herantraten und auf den Zügen eine irritierte Maske aus Freude und Schock trugen.

      Nur Meter dahinter wuselten die Eltern hinterdrein, verfolgten die gehetzt wirkenden Zwillinge durch die menschliche Masse. Sich dem stellend was wohl kommen würde, kehrte die Inspektorin sich herum und sah ihren Schwestern mit einem fragenden Ausdruck auf den Zügen entgegen. Nur für Sekunden lag der Blick der Doppelgängerinnen auf dem Küken der Familie, ehe sich - wohl oder übel - die Präsenz des Weißhaarigen in das Augenmerk der beiden Blondinen schummelte und aus der veständnislosen Fratze ein gar liebliches Lächeln formte. Überschwänglich trat Annabelle, die etwas größere der beiden, an Audra heran und zog die Inspektorin in eine ausladende Umarmung. "Schwesterchen... du sahst wirklich zauberhaft aus! Seit wann bist du denn unter die Tänzer gegangen? Ich kenne dich nur als linksfüßigen Tollpatsch!", ein gestelltes Lachen, welches wohl rein der Aufmerksamkeitsgeiferei gelten sollte, durchdrang die nun kleine Gruppe rund um den hölzernen Tisch, welche nun auch von Audras Eltern vergrößert wurde. Margret und Magnus richteten den Blick ebenfalls auf jenen Herren, welcher die Jüngste im Hause Dayton so spielend leicht auf die Tanzfläche befördert hatte. Somit legte sich nun auch Lily ihre Worte zurecht und wank ihre rechte Hand mit einem Grinsen im Gesicht, vor jenem ihrigen herum, Gabriel dabei indirekt ansprechend. "Verwunderlich, ja... wenn man bedenkt, dass Audra im Grunde das komplette Gegenteil von all den feinen Damen hier ist.", der Blick aus den stechend blauen Augen, glitt einmal durch die Runde, versuchte in dieser Eiseskälte die sie ausstrahlten, Zustimmung zu erhaschen, aber war es bloß die grimmige Mine ihrer Mutter, die Lily Bände strafte. "Oh, weißt du noch, wie sie zu den Tanzstunden immer in diesen grässlichen, langen Tweethosen gekommen ist?", gab ihr Annabelle als Antwort und sah zu ihrer bildgleichen Schwester hinüber. "Sie hat sich immer schon wie ein Junge gekleidet. Passend, dass sie jetzt unter Männern arbeitet und trotzdem keinen findet." - "Furchtbar, ich weiß... aber-", und doch fuhr nun Audra dazwischen und setzte ein süffisantes, geradliniges Lächeln auf. "Aaaah.. deswegen habt ihr damals beschlossen, mir in der Nacht die Haare abzuschneiden... weil ich nicht in euer voreingenommenes Bild von Tugend und Ordnung einer Frau gepasst habe. Vielen Dank übrigens, ich hoffe das war es Wert und hat euren langweiligen, von Parfüm und Puder vernebelten Alltag versüßt... oh, nein warte... hat euch ja bis heute nichts gebracht, diese... Schminkerei.", frech aber nicht weniger falsch schob sich nun ein breites Lächeln auf die Züge der jungen Inspektorin, welche den Zeigefinger erhob und mal wieder, nicht weniger schlagfertig wie sonst auch immer, die drastische Überzeichnung der eigentlich recht hübschen Gesichter ihrer Schwestern ansprach, in dem sie die pointierte Spitze in kreisenden Bewegungen vor dem Antlitz Annabelles herumfahren ließ.

      Dieser jenigen der Zwillinge verblasste das zuvor so eisern aufgebaute Lächeln, galt es ja, den schmucken Herren an der Seite ihrer kleinen Schwester zu beeindrucken. Was auch immer die Annabelle und Lily sich so erdreisten ließ, welchen Grund auch immer sie hatten, sich vor aller über ihre kleine Schwester öffentlich lustig zu machen und sie zur Schau zu stellen, wie die Kuh an der Schlachtbank, war für Audra auch diesmal ein Rätsel. Ja, sie war es gewohnt, die Sticheleien der Zwillinge, aber das heute hier, sollte den Bogen überspannen. "Ach was weißt du schon... Und nimm dieses Unkraut aus deinem Haar... Solch Lieblichkeit passt einfach nicht zu dir. ", ätzend wie Gift zischte Annabelle Audra entgegen und verengte den Blick, streckte dann ohne Vorwarnung die Finger nach jener Blüte aus, die Gabriel dort zwischen den Strähnen versenkt hatte. Audra aber weitete die Augen, wich zurück und schlug die Hand der einen Zwillingsschwester zur Seite, ihrem stechenden Blick standhaltend. Echauffiert über die Anmaßung ihrer kleinen Schwester schnappte Lily nach Luft und warf der Inspektorin das wohl erste vor die Füße, dass ihr einfiel, um diesen Streit zu gewinnen. "Zumindest sind Annabelle und ich von Interesse für die Welt der Männer und müssen uns nicht in einem falschen Licht präsentieren, um gesehen zu werden. Niemand gibt sich gerne mit einer sogenannten "Frau" ab, die den lieben langen Tag nichts anderes macht, als im Dreck zu wühlen, Blut zu sehen, zu laufen und zu schwitzen und dem Tod hinterher zu jagen! Frag dich doch selbst, warum das mit dir und James nicht funktioniert hat. Genau! Weil keiner mit so einer... schnüffelnden, niederträchtigen Kakerlake wie du es bist zu tun haben will! Du willst es vielleicht nicht wahrhaben, aber so nennt man dich! So nennen dich ALLE, hinter deinem Rücken! Und sie haben Recht! Als Dayton bist du eine wahre Enttäuschung und ziehst den guten Namen unserer Familie durch den Schmutz! Und von deiner unendlichen Arroganz möchte ich erst gar nicht anfangen! Vielleicht wäre es im Endeffekt sogar besser gewesen, wenn du als Mann zur Welt gekommen wärst... dann wäre das was du tust, auch wirklich ehrvoll!", bedrohlich hatte sich die zweite im Bunde der Zwillinge neben ihrer Schwester aufgebaut und starrte auf Audra hinab, diese mit verbalen Rundumschlägen überfallend. Die Boshaftigkeit sprühte nur so aus Lilys Augen, die ihre Arme vor der üppig geschnürten Brust verschränkte und angriffslustig das Kinn nach vor reckte. "Elizabeth!", kam es dann aber erschrocken aus dem Munde der großen Margret Dayton, die erbost ihre Zunge schnalzen ließ und den Kopf schüttelte, sich zwischen die Inspektorin und die Zwillinge schob und die Arme in ihre Hüften einstützte. War es die völlige Überforderung, gemischt mit Wut, Zorn, Enttäuschung, Häme, Eifersucht, Neid... alle jene Emotionen spiegelten sich in den Häuptern der restlichen vier Daytons wieder... doch lungerte auf dem Antlitz Audras eine... schwelende Gelassenheit. Zweischneidig, da man nicht sagen konnte, ob dies eine antrainierte Maske war, die die Verletztheit der Dedektivin kaschieren sollte oder - was das psychopathische, emotionslose Übel in ihrem innersten Kern widerspiegelte - die giftigen Worte Audra einfach kalt ließen. "Du wirst dich auf der Stelle bei Audra entschuldigen! Ich dulde diesen dreckig gewaschenen Mund deinerseits nicht! Nicht heute, hast du verstanden?!", furchtbar aufgeregt war die ältere Dame nun, welche die Zwillingstochter vor allen anderen lauthals zu tadeln begann, erntete von jener aber nur ein abgewandtes, beleidigtes Gesicht, welches die Nase weit nach oben gehoben hatte.

      "Elizabeth Susanne Dayton!", erneut ein Versuch, jene Furie zur Besinnung zu bringen, scheiterte, auch, weil Audra ihrer Mutter vorsichtig die Hand auf ihre linke Schulter legte und Margret somit indirekt dazu zwang, sich herumzudrehen. Schmal wog das Lächeln auf den Lippen der Braunhaarigen, das jedoch nur wenige Augenblicke auf den rosigen Lippen haften blieb. "Schon gut, Mum... ich...", Audra rang mit sich, wirkte mit einem mal sehr zerknirscht. Sich dafür schämend, dass Gabriel neben ihr, das volle Ausmaß ihrer hochgelobten, ach so beliebten und begehrten Schwestern mitbekommen hatte, fuhr ein tiefer, bebender Atemzug in die Lungen der Inspektorin hinab. "... ich denke, das beste wäre, wenn ich jetzt gehe, da ich ja so manch anderen ein Dorn im Auge bin. Und um ehrlich zu sein, möchte ich meine Zeit mit niemandem verschwenden, der meine Anwesenheit nicht zu schätzen weiß. Warum den Schmerz noch vergrößern, wenn man die Ursache entfernen kann, hm?", ein unverkennbarer Schleier der Traurigkeit umwob die Stimme der jungen Frau, welche die Lautstärke ihrer Worte drastisch abgesenkt hatte. Somit beugte sich Audra vor und gab ihrer Mutter einen sanften Kuss auf die Wange, bevor sie ihren Körper wieder begradigte und nach ihrem Weinglas griff. "Danke nochmal für das schöne Kleid, Mum... Dad...", ihren Vater mit einem sanften Nicken verabschiedend, widmete sie ihren Schwestern keine Sekunde mehr, sah jedoch noch einen kleinen Moment scheu zu Gabriel hinüber und räusperte sich. "Mister Hargreaves...", die Begegnung mit dem Weißhaarigen und nun auch seine Gestalt inoffziell verabschiedend, machte die Inspektorin am Stand kehrt und schritt von Dannen. Unwissenden Betrachtern, gar unaufmerksamen Augen wäre an Audra Dayton nun nichts sonderlich ungewöhnliches aufgefallen. Nur jene, die sich mit Argusaugen beschenkt schimpfen konnten - unter welche möglicherweise auch der Weißhaarige fallen dürfte - erkannten die Veränderung in dem sonst so stolzen Charakter der Inspektorin. Minimal zusammengefallen waren die erhabenen Schultern, schlich sich auch in die harte Mimik ein Glanz der... Betroffenheit. Wich der Ernst im Gesicht der Inspektorin... einem tiefen Kummer, der sich verstohlen in ihren Blick schummelte und die Augen der stolzen jungen Frau... nässte.

      Abstand nehmend zu jenen zwei Personen, die ihr Leben im wahrsten Sinne des Wortes, zur Hölle machten, schritt Audra kopflos voran, vergaß sogar die unterschwellige Einladung an den Weißhaarigen, sich gemeinsam den botanischen Trakt anzusehen. Es war nicht oft, dass Annabelle und Lily sie derart, mit dem was sie ihr an den Kopf warfen, trafen, doch wenn sie es schafften, war es ein regelrechter Stich ins Herz, dessen vernichtenden Schmerz Audra ein jedes Mal aufs Neue vergessen hatte. Ein Schwall kühler Luft brachte die Sinne der gekränkten Inspektorin zurück ins Hier und Jetzt. Die Braunhaarige hob das angespannte Haupt an und überblickte die weite Zufahrt zur Universität, auf welchen Kiesbetten zu Boden sich kleine Grüppchen an murmelnden Gestalten zusammengefunden hatten. Verschwommene Worte drangen an ihr Ohr, strichen gleichsam mit dem lauen Abendwind um ihren Nacken. Sich erdend fand jene erfrischende Brise den Weg in ihre Lungen hinab, ehe Audra sich vorsichtig die wenigen gestauten Tränen aus den Augenwinkeln strich und näher an die steinerne Ballustrade trat, die den erhöhten Eingang von dem weitläufigen Gelände abtrennte. Flattrig entwich der Inspektorin nun jener Atemzug, drehte sie das Weinglas zwischen ihren Fingern herum und genehmigte sich noch einen Schluck. Unbehelligt wanderten ihre kreisenden Gedanken zurück zu Gabriel, den sie da einfach hat stehen lassen. Verstimmt über ihre eigene Unvernuft und dieser grotesken Art sich aus der Situation zu stehlen, legte die Inspektorin sich die Hand über die Augen und schüttelte den Kopf. Wohlmöglich war an der Sache die ihr Lily an den Kopf geworfen hatte ja doch etwas dran... sie würde wohl nie... normal genug sein.

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    • Audras Blick tanzte über seine Gesichtszüge, unverschämt frei und neugierig. Von den verirrten, weißblonden Strähnen, die ihm nach dem Tanz in die Stirn fielen über die gerade Linie seiner Nase, die schmalen aber geschwungenen Lippen bis über den scharfkantigen Zug seiner Kieferpartie ließ sie keinen Winkel seines Gesichtes aus. Im glitzernden Licht der Kronleuchter schimmerten bisher verborgene Flecken von Bernstein in seinen braunen Augen. Die Iris umfasste ein beindruckendes Spektrum an bräunlichen Facetten, dass kaum alle Farbtöne benannt werden konnten. Und wäre nicht ständig ein gewisse Leere darin präsent, hätten sie durchaus warm und herzlich erscheinen können. Nur wirkten Gabriels Augen alles andere als lebendig. Nur manchmal, wenn er Audra ansah oder etwas, das ein ganz besonderes Interesse weckte, flackerte ein winziges Flämmchen von Leben darin, als würde er sich an etwas erinnern. Ein vergangenes Ereignis, ein längst vergessenes Gefühl, ein Echo von dem, was einmal war…

      „All der technische Fortschritt und die begehrteste Errungenschaft ist die Entwicklung eines neuen Tötungsinstrumentes. Ich frage mich, ob die Menschen es jemals leid werden, sich gegenseitig ins Elend zu stürzten“, raunte Gabriel diese Mal deutlich missbilligend. Dennoch schenkte er Audra ein beinahe versöhnliches, wenn auch etwas steifes, Lächeln und bot ihr erneut den Arm an um seine Einladung in den botanischen Trakt der Universität zu bekräftigen. „Vielleicht bin ich in diesem Punkt doch ein wenig altmodisch. Zu Beginn der Geschichte genügte dem Mensch ein Stein um sein Recht durchzusetzen. Es war brutal, blutig und überaus persönlich. Die Eleganz beim Töten brachte erst das Schwert. Auge in Auge, wie ein Tanz, Audra. Jemandem in den Rücken zu schießen hat nichts mit Geschick, Ehre oder Fortschritt zu tun. Jeder Trottel mit einem lächerlich winzigen Quäntchen an Intelligenz kann einen Abzug drücken…Verzeihen Sie, sprechen wir doch lieber über die positiven Errungenschaften. Sie sprachen das Reisen an. Wenn Ihnen alle Möglichkeiten der Welt offen stünden, wohin würden sie als Erstes reisen?“

      „AUDRA!“ Gabriel beobachtete wie das Funkeln purer Faszination in den grünblauen Augen erlosch und der üblichen harten Miene platzmachte. Die neugierige, aufgeschlossene Frau verschwand hinter der professionellen Maske von Inspektor Audra Dayton. Bedauerlich. Die letzte Silbe, die Audra ihm schenkte, ließ eine Erklärung offen. Die Vermutung lag nahe, dass sie wohlmöglich nach entschuldigen Worten suchte und doch hielt Gabriel angesichts des aufgeregten Geplappers und dem taktlosen Hereinplatzen ihrer lieblichen Zwillingsschwestern eher an eine gut gemeinte Warnung. Süßlich Parfüm kitzelte in der Nase, als sich die Zwillinge auf ihre Schwester stürzten. Was dann folgte, war eine Farce aller feinster Güte. Man musste nicht sonderlich feinfühlig sein um mit einem Blick zu erkennen, dass die jungen Damen nicht vorhatten auch nur ein gutes Haar an ihrer jüngeren Schwester zu lassen. Kein noch so liebliches Gesicht, keine noch so sanfte Stimme konnte das Gift kaschieren, dass sie vor Neid versprühten. Gabriel war nicht dumm zu glauben, dass explizit seine Person der Anlass dafür war. Es war schlicht und ergreifend die Tatsache, dass ein Mann ausgerechnet Audra seine Aufmerksamkeit schenkte. Scheinbar liebgewonnene Kindheitserinnerungen, die für gewöhnlich alle zum Lächeln bringen sollten, bildeten den Dolch, den sie ihrer Schwester in den Rücken stießen. Aber Audra wäre nicht Audra, wenn sie die Bemühungen ihrer Schwestern nicht mit gleicher Waffe zurückgab. Was die dreisten Damen in ihre Schranken weisen sollte, ließ nun der Eskalation allen Raum zu Entfaltung. Sticheleien verwandelten sich in handfeste Beleidigungen und eine der Zwillinge, Gabriel hatte sich nicht darum bemüht sich ihre Namen zu merken geschweige denn sie auseinander zu halten, fasste in übergriffiger Manie nach der Rose in Audras Haar. Der Antiquar spürte ein verräterisches Zucken im Augenwinkel auf seiner sonst unbewegten und vor allem unbeeindruckten Maske. Wie konnte sie es wagen…? Audra stob in einem Wirbel aus schwarzem Tüll davon und während Mrs. Dayton ihre älteren Töchter erbost zurechtwies, hatte Gabriel bereits das Interesse an der Darbietung der Familie verloren. Die Verabschiedung war kurz aber der Eindruck unvergesslich gewesen. Gabriel hatte Traurigkeit in den aufgeweckten Augen gesehen, die alle Versuche möglichst unberührt zu wirken einfach zunichte machten. Sie hatte ihm nicht einmal die Gelegenheit für eine Erwiderung gelassen, so schnell war sie aus dem Saal geflüchtet.

      Nun ruhten große, runde Puppenaugen auf Gabriel, doch der hochgewachsene Mann mit der stets von Neutralität geprägten Miene, hatte nicht einen flüchtigen Blick für die Frauen übrig. Die Höflichkeit gebot es, dass zumindest die schockierten Eltern knapp begrüßte. Doch dabei blieb es auch.
      „Wenn Sie mich entschuldigen. Mr. Dayton. Mrs. Dayton“, mischte sich die mittlerweile wieder vollkommen tonlose Stimme des Antiquars in den neuen Auftakt eines weiteren Walzers. Es gab keinerlei Erklärung für seinen Abgang. Gabriel…ging einfach. Die Ignoranz, die er gegenüber den Zwillingen walten ließ, war keine empörte Retourkutsche. Sie waren ihm schlichtweg egal und kaum hatte er sich umgedreht, auch in seinen Gedanken nicht mehr von Relevanz. Was dem Antiquar im Gedächtnis blieb, was die Verletzlichkeit, die der Übergriff aus Audra heraus gekitzelte hatte. Entweder, sie fühlte sich in seiner Gegenweit bereits sicher genug um etwas davon preiszugeben oder das Trauma saß so tief, dass sie einfach nicht anders konnte als darauf zu reagieren. Die menschliche Psyche war ein wahres Mysterium und Gabriel hatte vor langer Zeit den Draht dazu verloren. Nun blieben ihm lediglich die Fakten und die Erfahrung. Es lockte ihn hinaus in den Garten, der inmitten Londons eine kleine, grüne Oase bildete, lockte. Beiläufig stellte er sein Weinglas auf dem Tablett eines vorbeieilenden Bediensteten ab und hörte schon bald den glatten Kies unter seinen Schuhen knirschen. Er spürte die frische Luft auf seiner Haut, aber nicht dieselbe Erleichterung, die sich in den erhitzten Gesichtern der Gäste zeigte, die nach draußen gekommen waren um sich vom Tanz etwas abzukühlen. Kichernd huschte ein Pärchen, es konnte nicht eindeutiger sein, wenn er die rosigen Wangen und das verschmitzte Lächeln betrachtete. Auf einer Bank, die in einer kleinen Nische in die sattgrüne Hecke eingelassen war, wurde munter geplaudert und gelacht. Die Stimmung war ausgelassen und doch bei weitem nicht so erdrückend Laut wie im Ballsaal. Hier verteilten sich die Stimmen unter dem Funkeln von Sternen und den unzähligen Lichtern, die wie ein Netz über den Garten gespannt waren. Gabriel hatte nicht beabsichtigt Audra zu finden, doch seine Füße trugen ihn bis vor ihre Balustrade.

      „Audra“, sagte er schlicht und erklomm die wenigen Stufen, die in leicht gebogener Bauweise vom Kiesweg des Gartens zur Balustrade hinaufführten. Schweigend lehnte sich Gabriel neben die Inspektorin an das Geländer, mit dem Rücken zum Garten und die Arme vor der Brust gekreuzt. Es gab viele Dinge, die er hätte sagen können, doch der Antiquar entschied sich für die Stille. Vielleicht hätte er sagen können, dass ihre Schwestern mit allem Unrecht hatten, dass sie gemein waren und Audra unfair behandelten. Er hätte ihr vorspielen können, zu verstehen was gerade in ihr vorging, aber das konnte er nicht und Audra hätte die Lüge vermutlich sogar durchschaut. Ein anderer, befremdlicher Gedanke breitete sich schleichend aus. Sie hätte die Lüge nicht nur bemerkt, sie hatte sie auch nicht verdient. Seit langer, langer Zeit stieß Gabriel ein schweres Seufzen aus, dass anmutete, als unterdrückte der Mann es bereits seit Jahrzehnten. Er stieß sich von der Balustrade ab und bot Audra seine Hand an.
      „Kommen Sie. Wir finden bestimmt eine Kutsche, die Sie sicher nach Hause bringt.“

      Gabriel kehrte nicht in den geschmückten Ballsaal zurück und auch für Audra schien es dort nichts mehr zugeben, außer die feindseligen Blicke ihrer Schwestern und die Sorge ihrer Eltern um ihre jüngste Tochter. Die Kutschen warteten am Haupttor der Universität. Dort standen sie in Reih und Glied und warteten auf ihren nächsten Einsatz. Gabriel winkte die den ersten Kutscher heran und teilte ihm die benötigte Adresse mit. Der Kutscher tippte sich zuversichtlich gegen die Hutkrempe und ließ sich von seinem Gönner im Voraus bezahlen. Ganz der englische Gentleman öffnete Gabriel die Tür der Kutsche und half Audra hinein. Sanft hielt er ihre Hand damit sie auf den rutschigen Stufen nicht das Gleichgewicht verlor. Sorgfältig strich Gabriel den bestickten Saum ihrer Röcke glatt bis keine Spitze des hübschen Tülls mehr Gefahr lief in der Tür eingeklemmt zu werden.
      „Nehmen Sie sich die Worte ihrer Schwestern nicht zu Herzen, Audra“, durchbrach er die angenehme Stille, die ihnen vom Garten bis zu den Kutschen gefolgt war. Obwohl seine Silben wenig Ausdruck bargen und noch weniger über seine Gedanken preisgaben, waren sie dennoch ernst gemeint. Er hielt noch immer ihre Hand.
      „In jeder Generation gibt es diese eine besondere Person, die ihrer Zeit voraus ist. Es ist kein leichtes Los. Wenige werden verstehen, warum sie tun, was sie tun. Tröstlich ist nur, dass es unter all den Blinden andere Sehende gibt, die wie Sie die Welt mit weit geöffneten Augen betrachten.“ Als er dieses Mal das Haupt neigte, berührten seine Lippen die seidige Weichheit des Handschuhs und er spürte die zarte Wärme ihrer Haut durch den Stoff, roch das Parfüm, dass ihre Haut in exakt der richtigen Menge verströmte ohne aufdringlich zu sein. Gabriel hob noch in geneigter Haltung den Blick und glaubte im Halbdunkeln der Kutsche eine Veränderung in ihren Augen zu sehen. Er fragte sich unwillkürlich, ob sie in Hinblick auf ihre Wesen jemals Worte wie diese gehört hatte. Ja, etwas hatte sich verändert und Gabriel wagte zu hoffen, zu seinen Gunsten. Er fühlte sich nicht bestätigt, nicht befriedigt, nicht triumphierend, dass sich sein Netz stetig weiter um Audra spannte. Gabriel fühlte nichts.
      „Auf Wiedersehen, Mrs. Dayton. Geben Sie auf sich acht…und wenn sie das nächste Mal vor meinem Laden warten, klopfen sie einfach an und ersparen sich die Umstände. Ich habe ein paar Bücher, die Sie interessieren dürften.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Erdrückend schwer empfand sie jenen Versuch, die offensichtliche Kränkung ihrer Schwestern nicht weiter über ihre Mimik wachsen zu lassen. Die glasigen Augen starrten auf den ersten Blick teilnahmslos in die Weite, doch vermochte man bei genauerer Betrachtung einen tiefen, schwelenden Schmerz zu erspähen, der in dem brodelnden Meer von Grün und Blau unterzugehen schien. Audra rang sich unter größter Kraft ab, die Dämme vor dem Brechen zurückzuhalten und den festen Griff, den diese gewaltigen Fluten über sie hatten, nicht in die Oberhand der Machtlosigkeit fallen zu lassen. Rosig, gar schwach gerötet strahlten die sonst so blassen Wangen auf dem porzellanfarbenen Gesicht hervor, als hätte man ihr links und rechts eine gescheuert. Schnell zwinkerten die sanft getuschten Lider die wenigen Tränen von Dannen, die sich doch wieder klammheimlich in ihre Wasserlinie geschummelt hatten. Eine durchaus schwere Bürde, sich die Demütigung nicht ankennen zu lassen, trotz all der Scham, die Contenance nicht zu verlieren. Streng hatte die Inspektorin das stolze Haupt empor gereckt, staffierte die scharfen Gesichtszüge zurück zu ihrer ursprünglichen Härte, auch wenn es das offensichtliche Anspannen ihres Kiefers dazu brauchte. Ein letztes Schniefen sog sich durch die spitze Nase der Dedektivin, erlag sie der Schwere ihres erschöpften Hauptes, welches sich der Schwerkraft ergab und verzog nur für einen Augenblick ihr Anlitz in eine gequälte Mimik. Es hätte… so viel besser enden können.

      Beiläufig, erwischte sie sich selbst viel zu sehr in Gedanken versunken, drang die ruhige Stimme eines ihr bekannten Sprechers ans Gehör und ließ sie aus ihrer Verdrießlichkeit aufsehen. Verflochten lagen die Blicke von Gabriel und Audra für einen Moment ineinander, ehe die Dunkelhaarige wortlos die Augen von ihm abwandte und hinabsah, auf den hellen, gemeißelten Stein, auf welchem sie ihre in weißen Samt gehüllten Finger ablegte. Es bedurfte keiner Worte, die zwischen den beiden Parteien gewechselt werden mussten. Die Präsenz des Weißhaarigen, der ihr für den Moment, ob gewollt oder nicht, Beistand leistete, war Sache genug, um die vergrämte junge Frau vom Podest ihrer Schmach zu holen. Demnach fiel Audra in sanftes Nicken aus, als der Antiquar meinte, für ihre Heimreise doch eine Kutsche zu organisieren. Das herausstechende Grün in den Spiegeln ihrerseits, fixierte die angebotene Hand, welche Audra mit schmal verzogenen Mundwinkeln annahm und sich galant die Stufen hinab begleiten ließ. Den Weg zur Kutsche selbst verbrachten die Münder beider in Schweigen, drang sich nur der Arm der Dame herum, sich doch eleganterweise im Arm von Gabriel einzuhaken.

      Der Parkplatz für die Kutschen glich einer kuppellosen, wandlosen Rotunde. Klappernd fuhren die schmucken Gefährte mit den ersten müden Besuchern die holprige Straße entlang, das Schnalzen der Peitschen und Schreien der Kutscher erklang beinahe im Akkord... ein reges Treiben für einen solch ruhigen Sommerabend, der im Hintergrund noch lange nicht ausgeklungen war. Gabriel schaffte es aber relativ zügig, Audra eine Möglichkeit zu beschaffen, nach Hause chauffiert zu werden. Den Protest zur Seite schiebend, obgleich sie ja für sich selbst hätte zahlen können, nickte sie dem Weißhaarigen bloß dankend entgegen und ließ sich von ihm sogar helfen, in das weich ausgepolsterte Innenleben der Kabine zu steigen. Fest lagen die schlanken, doch nicht weniger kräftigen Finger der Inspektorin um die große Hand des Mannes, der ihr den Einstieg und das Gemütlichmachen im Inneren erleichterte. Beinahe schon wäre Audras Blick aus den versöhnlich glänzenden Augen auch schon gar nicht mehr hinaus gefallen, hätte sie vorschnell ihre Hand zurückgezogen, als Gabriel die Stille um sie brach und leichtfüßige, gar... Bestärkende Worte an sie verlor. Beinahe zu schnell fuhr das säuberlich drapierte Haupt der Inspektorin herum, fixierten sich ihre Augen in dem sprechenden Antlitz des Antiquars, der sich die Gelegenheit nicht nehmen ließ, oder nehmen lassen wollte, jene schmeichelnde, tief nuancierte Stimme seinerseits an sie zu richten und dabei… quer durch ihre Brust schoss. Wie der Lauf jenes grotesken, zuvor diskutierten Revolvers betteten sich seine Lippen auf ihrem von Seide umschmeichelten Handrücken, übertraten die zuvor so gut gewahrte Ferne und drückten somit den Abzug, um eine… paradoxe Welle an Empfindungen über ihre Haut und durch ihren Körper zu schicken. Einen Hauch hatte sich der Umfang ihrer Augen geweitet, suchte Audra mit bohrendem Blick auf dem Haupt des Mannes nach Erklärungen, die ihr jenes… furchtbare, schräge, völlig unprofessionelle Herzklopfen erklären würden. Und dennoch… nichts. Nichts eröffnete sich ihr… es war die bloße, bleierne Schwere auf ihren Schultern und ein flattriger Atem durch die Nase, die ihre Perplexität über ihren unwissenden Zustand ausdrückten. Oh… Audra mochte es gar nicht, jenes erdrückende Ohnmachtsgefühl zwischen Brust und Herz.

      Den eigentlichen Abschied einläutend, mit der unterschwelligen Einladung, dass Audra ihre Observationen doch gut und gerne nicht nur vor seinem Laden, sonder auch darin ausführen konnte, ließ die Inspektorin dann glatt schmunzeln, gar ein wenig amüsiert schnauben. Vorsichtig zog ihre Hand sich nun zurück, nicht zu schnell, wollte sie es nicht übereilt aussehen lassen oder dem Mann gar das Gefühl geben, dass der Körperkontakt nicht… gewollt wäre. Moment… war er das denn? Wollte sie… die Nähe? Empört über ihre Leichtsinnigkeit, ging der Biss ihrer Schneidezähne hinab in die Unterlippe und doch bauschte Audra den Rock ihres Kleides zur Seite, gewahr mehr Platz, für… eine eventuelle zweite Person. “Wenn ich mich recht entsinne, schulde ich ihnen noch eine Antwort… Sie wissen schon… die Reise…”, erkennbar war im dumpfen Halbdunkel der Kabine bloß die Neigung ihres Hauptes zur rechten Seite, da sich der Glanz ihrer Augen für einen Moment verlagerte. “Warum begleiten Sie mich nicht noch ein Stück. Immerhin ist die Fahrt doch schon bezahlt, wir könnten unser unterbrochenes Gespräch zu Ende führen und auch Sie, Mr. Hargreaves, kämen sicher nach Hause.”, schmächtig wirkte das zarte Lächeln, das sich ungehalten auf ihre Lippen stahl. Es stand Gabriel natürlich zu jeder Sekunde frei, das Angebot auch abzulehnen. Aber sah Audra, wie sich in den sonst so monotonen Gesichtszügen des Mannes, ein flüchtiger Augenblick der… Überraschung legte. War das das richtige Wort, um jenen Ausdruck zu beschreiben der durch seine Augen huschte?

      Letztendlich entschied sich der weißhaarige Antiquar wohl tatsächlich dazu, ihr Gesellschaft zu leisten. Federnd begab sich der Körper Gabriels in die Kabine, nahm in wohl gewähltem Abstand neben der Inspektorin Platz und alsbald die Kutschentür mit einem Klacken in die Halterung gesprungen war, schnalzte die Peitsche durch die Luft und der Kutscher trieb die Pferde mit einem motivierten “HEYA!”, an, sich doch endlich in Bewegung zu setzen. Rumpelnd war der Start, weg vom Gelände der Universität, schaukelte die Körper der Insassen für die ersten Momente wild von links nach rechts, ehe die metallen beschlagenen Räder Erholung auf der fein gelegten Plastersteinstraße erfuhren. Nun kehrte auch Ruhe ein, verdrängte der trappelnde Hufenklang, das ohrenbetäubende Rattern von zuvor. Audras Blick hatte sich durch das kleine Seitenfenster hinaus gerichtet. Beobachteten die interessierten Augen das abendliche Treiben Londons, bevor ein leises Seufzen durch den Innenraum glitt. “... wenn mir alle Möglichkeiten der Welt offen stünden… zu reisen, wohin ich will und zu sehen, was ich will… ich denke… ich würde den fernen Osten wählen. Die Kultur dort ist eine völlig andere als hier, die Sitten und Gebräuche unterscheiden sich maßgebend. Von Speis und Trank mal ganz abgesehen. Besonders vom Trank…”, kaum hatte die zuvor so geknickt wirkende Inspektorin ihre gekränkte Hülle abgeworfen, tauchte jenes braunhaarige, doch sehr feinfühlig belesene Wesen neben Gabriel wieder auf, gehüllt in ein Paket der Wissbegierde und der Neugier. Ein zart gewähltes Lachen drang Audra aus der Kehle. “Ich muss schon sagen… seitdem Sie mir in ihrem Geschäft diese… verdammte Tasse Tee angeboten haben, bekomme ich den Geruch nicht mehr aus der Nase. Ein Armutszeugnis, mich so beeinflussen zu lassen…”, stetig kehrte sich ihr Haupt herum, traf sie das Antlitz von Gabriel mit versöhnlichem Blick, sich stumm dafür entschuldigend, die erste Gelegenheit von jenem Tee zu probieren, so salopp aus seinen Händen geschlagen zu haben.

      Es brauchte wenige Atemzüge ihrerseits, als Audra bemerkte, wie lange der Blick schon auf ihrem Begleiter lag, ehe sie die Augen abwandte und auf ihren Schoß hinab sah. “Ich stelle mir aber auch Afrika spannend vor… die Sphynx, die Pyramiden, das Nil-Delta… viele Teile Europas, die unberührt verblieben sind… Fjorde in Norwegen, die Fischerinsel von Dänemark… Von den weit entfernten Zielen wie Australien oder Amerika ganz zu schweigen…”, ihre Meinung unterstreichend, nickte die Inspektorin ein paar Mal schwingend auf und ab. “Was ist mit ihnen? Wonach… schreit ihr Herz? Was würden sie gerne noch mit eigenen Augen sehen?”, der Interesse die in ihrer Kehle wog Platz gebend, richtete Audra sich ein wenig auf, begradigte die schmalen Schultern und wand sich Gabriel zu. So vernahm sie seine Antwort und just wurde aus dem verpatzten Abend, doch noch eine Gelegenheit geschaffen, sich einer anspruchsvollen Unterhaltung hinzugeben. Verschiedene Themen wurden im Gespräch der beiden noch angeschnitten, diskutierte man von der Weltwirtschaft bis hin zu geologischen Wunderwerken der Natur, ehe die Kutsche mit einem Ruck stehen blieb. Ein Blick nach draußen verriet, dass sie an Audras Adresse angekommen waren. Mit wenigen Worten, eher der stummen Sprache durch beiderseits Blicke, wurde der schlanken Dame vom großgewachsenen Herren aus der Kutsche geholfen. Ein… heiteres Schimmern hatte sich unverschämt über dem Anlitz der Inspektorin ausgebreitet, besetzte Mimik, Augenglanz und die schwungvollen, zu einem zufriedenen Lächeln verzogenen Lippen. Die Zeit war wie im Flug vergangen und Audra erwischte sich dabei, die Anmaßung zu stellen, sich gerne noch ein wenig länger mit dem jungen Mann zu unterhalten. Ein verabschiedendes Lächeln schmückte den Mund der Inspektorin, hob sie sogar noch die Hand zu einem zaghaften Winken an, als der Antiquar wieder in der Kutsche verschwinden wollte.

      Da überkam es sie… ergoss sich wie eine Epiphanie über ihren Geist, die sie normalerweise beim Lösen eines Falles erlangte. “Gabriel!” - nicht Mr. Hargreaves. Ihre Mine wandelte sich in interpretierbare Hilflosigkeit, während Audra ein letztes Mal für diesen Abend an den Herren herantrat und mit dem wachen Blick Ausschau nach seinem Anlitz hielt, welches bereits zur Hälfte in der Dunkelheit der Kabine verschwunden war. “Ich… äh… ich…”, stammelte sie da etwa rum? Audra Dayton stammelte, stotterte, konnte die Worte in ihrer Kehle zu keiner geraden Linie formen, obwohl dies für normalerweise ihr ungeschlagenes Steckenpferd war?! Welch… brillante Wendung! “... Danke.”, leise, unterstrichen mit einem Nicken, fand der Sturm an Worten in ihrem Kopf nun ein Ende, tonal erlöst in jener Bekundung, die dem Mann Erkenntlichkeit zeigen sollte. Augenblicke später aber, konnte die Inspektorin der Kutsche nur mehr hinterhersehen, verfolgte jenes Gefährt solange, bis es hinter der nächsten Kurve vom Weg ab kam und somit auch der Weißhaarige aus ihrem Blickfeld entschwand.

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    • Gabriel zählte die Herzschläge in seiner Brust bis seiner Ansicht nach genug Zeit verstrichen war um die Geste nicht übereilt und ebenfalls nicht zu aufdringlich wirken zu lassen. Die Wärme ihrer Hand kribbelte auf seinen kühlen Lippen trotz der zarten Barriere aus feinster Seide. Offensicht hatte der Antiquar nicht lange genug gewartet, denn als er aufsah, war der Zwiespalt im Gesicht der Inspektorin noch deutlich zu erkennen. Gabriel nahm ihr Gesicht in Augenschein. Die Reaktionen in ihrer Mimik waren höchstinteressant für den Mann, der sich jede Einzelne davon genau einprägte. Das Schmunzeln, dass sie offenkundig selbst überraschte. Der Biss auf die volle Unterlippe, der den inneren Konflikt der Frau unterstrich. Audra Dayton mit einem Hauch von Verunsicherung zu sehen, hätte Gabriel unter anderen Gegebenheiten sicherlich erheitern können, aber seine Miene blieb glatt und kühl wie der Eisspiegel auf einem zugefrorenen See. Seine Augen zuckten nach unten, als sie ihre Röcke zur Seite schob um ihm Platz zu machen. Gabriel war milde überrascht und angesichts seiner kargem Emotionalität, die wohl auf einen Teelöffel gepasst hätte, war das schon etwas Besonderes. Seine Mundwinkel zuckten zu einem schmalen Lächeln. Als er sich daran erinnerte, dass Audra in beobachtete, legte er etwas mehr Elan in das Lächeln, ließ es weicher und größer werden. Er schmälerte dabei sogar leicht die Augen, um wenigstens ein paar Lachfältchen beizusteuern, die den Ausdruck echter wirken ließen.

      „Wenn Sie darauf bestehen“, raunte er. „Was für ein Gentleman wäre ich, wenn ich diese Einladung ablehne.“ Vermutlich ein besserer Gentleman, der wusste, dass es sich nicht ziemte mit einer ledigen, jungen Frau gemeinsam nach einem Abend voller Wein und einem innigen Tanz in eine Kutsche zu steigen. Die Gerüchteküche würde sich nicht lange Zeit lassen bis sie anfing zu köcheln. Ein wahrer Gentleman hätte den Platz gegenüber von Audra gewählt, doch Gabriel ließ sich, mit dem gebührenden Abstand natürlich, auf ihrer Seite der Kutsche nieder. Gabriel drehte sich leicht, wandte sich Audra zu während sie sprach und er stellte fest, dass er sein Interesse ein weiteres Mal in ihrer Gegenwart nicht spielen musste. Er genoss es, wie auch im Ballsaal selbst, ihren Worten zu lauschen. Es war die eine Sache, ob ein Mensch nur sprach um etwas zu sagen oder wirklich etwas zu sagen hatte.

      „Erinnern Sie mich bei ihrem Besuch daran, Ihnen eine frische Tasse aufzubrühen. Wenn er Ihrem Geschmack zusagt, wird es mir ein Vergnügen sein meinen Freund zu bitten, mir beim nächsten Mal auch etwas Tee für Sie mitzuschicken. Bis dahin…biete ich Ihnen gerne meinen privaten Vorrat an“, raunte Gabriel. Es war weniger die Themen, die sie angeregt besprachen, sondern Audra selbst, die seine gesamte Aufmerksamkeit auf zu sich zog. Immer wieder schlug sie den Blick nieder, sobald sie das Gefühl bekam, ihn zu lange anzusehen. Der feine Balanceakt zwischen anerzogenen Manieren und den eigenen Wünschen…er konnte sich an diesem Schauspiel purer, menschlicher Emotionen kaum sattsehen. Es war ein harter Kontrast zu der unbewegten Miene, die ihn allmorgendlich im Spiegel begrüßte. Ehrliche Lebenslust, Leidenschaft.
      „…wonach schreit Ihr Herz? Was würden Sie gerne noch mit eigenen Augen sehen?“, beendete Audra ihren Satz und Gabriel wusste für einen Augenblick lang nicht, was er mit der Frage anfangen sollte. Der Antiquar blinzelte mehrmals schnell hintereinander, als hätte er den Inhalt ihrer Worte nicht verstanden bis ihm bewusst wurde, dass sie von der Sehnsucht sprach. Dem Entdeckerdrang, der allen jungen Geistern dieser Generation innewohnte. Ein Reaper verweilte dort, wo er gebraucht wurde. Punkt. Ein weiterer, flüchtiger Augenblick verstrich, zuckte eine Regung über Gabriels Gesicht. Die Stirn legte sich grübelnd in Falten und er tippte sich mit dem Zeigefinger gegen das Kinn.

      „Es mag in ihren Ohren etwas langweilig klingen, aber ich würde als Erstes meinem Freund in Indien einen Besuch abstatten. Es ist viel zulange her, dass ich ihn gesehen habe. Ich würde ein Schiff nehmen, die Küste Afrikas entlang segeln und an jedem Hafen anlegen, der sich mir bietet. Sie sollten es sehen, Inspektor, das klare Blau des Indischen Ozeans. Es gibt Küstenabschnitte auf dem Weg, an denen das Wasser beinahe Türkis schimmert“, sprach Gabriel und als er aus dem Fenster in die Nacht sah, spiegelte sich ein kleines aber ehrliches Lächeln auf seinen Lippen. Die weitere Fahrt, so holprig sie war, verging im Flug und als sie ihr Ziel erreichten, zupfte es unangenehm in der Brust des Antiquars. Es war gefährlich, aber es gab Momente wie diesen in denen Gabriel der Gedanke beschlich, dass Audras Lebensfreude genug für sie beide war. Dass ihre Begeisterung, ihr Ehrgeiz und ihr Mitgefühl ausreichte um die Leere zu übertönen, die ihn in eiskalten Klauen hielt. Galant half er Audra aus der Kutsche und erlaubte sich einen letzten Blick in das Gesicht der Frau, die ihn mit glänzenden, lebendigen Augen ansah.

      „Gabriel!“, ertönte es in seinem Rücken, als er bereits in die Kutsche schlüpfen wollte. Halb auf der kleinen Stiege und halb im Fahrgastraum, drehte sich Gabriel zu Audra um. Sie war bereits so nah an ihn herangetreten, dass er den Kopf nur ganz leicht hätte neigen müssen, um die Wärme ihres Atems auf seinem Gesicht zu spüren. Gabriel kippte den Kopf etwas zur Seite, einen fragen Ausdruck in den Augen. Dass die eloquente, junge Frau stotterte und um Worte verlegen war, war kein Bild, dass er alle Tage zu sehen bekam. Etwas schien Audra zu beschäftigen und als der Dank von ihren Lippen purzelte, hatte er den Eindruck, dass sie eigentlich etwas Anderes hatte sagen wollen. Dennoch spürte er wie ein träges Herz einen Satz tat, als er sich endgültig verabschiedete und die Kutschte sich immer weiter entfernte.
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      [ - ca. 2 Wochen später | Straßen von Whitechapel - ]

      Die versprochene Einladung zum Tee erreichte Audra nie. Die Tage verstrichen ohne ein Lebenszeichen des Antiquars und selbst dessen kleines Geschäft wirkte beinahe verlassen. Bei seltenen Gelegenheiten huschte ein Schatten hinter den Fenstern umher, doch das Licht blieb aus und die Tür fest verschlossen. Gabriel empfand ein ungewohntes Bedauern, dumpf und eher blass in seiner Brust, über das gebrochene Versprechen. Leider nahm das Schicksal keine Rücksicht, auf die Wünsche der Lebenden und ein Reaper gehörte vorrangig ganz und gar seiner Verpflichtung. Der Eid, den Gabriel vor so vielen Jahren geleistet hatte, überwog die Versprechungen, die er den Lebenden machte. Sein Lebenssinn galt allein den Toten. Es hatte mit einem Zwicken begonnen, subtil und leicht zu ignorieren, bis es zu einem allgegenwärtigen und schmerzhaften Brennen hinter seinen Augen geworden war. Je länger Gabriel das Problem ignorierte desto unerträglicher wurde der Schmerz. Eine Ironie des Schicksals, dass er gerade den Schmerz in vollen Zügen zu spüren bekam, wenn doch sonst alles von einem drückenden Nebelschleier umhüllt war. Der sterbende Schicksalsfaden verknüpfte sich mit seinem Dasein, unaufhaltsam und gnadenlos. Gabriel konnte dem nicht entkommen und durchstreifte er nachts die Straßen auf der Suche nach der Quelle allen Übels, der bedauernswerten Seele, die er bald dem Styx übergeben sollte. Nicht jede Seele benötigte Hilfe dieser Art. Nicht jede Seele war anfällig für die Korrumpierung, doch diese hier…diese hier war gefährlich. Gabriel wusste das ganz ohne jeglichen Zweifel.

      Es war die zehnte Nacht in Folge, die er durch die heruntergekommenen Gassen von Whitechapel streifte. Kein ungefährliches Unterfangen mit einem wahnsinnigen Killer in Freiheit und einer verängstigten Bevölkerung, die jeden des Mordes bezichtigte, der auch nur annähernd verdächtig wirkte. Die gewalttätigen Vorfälle unter den unbescholtenen aber armen Bürgern häuften sich, die Kriminalitätsrate stieg unaufhörlich an. Trotzdem trieben sich unzählige Säufer und Prostituierte auf den Straßen herum. Die Leichtsinnigkeit, die andere schockieren mochte, betrachtete Gabriel völlig nüchtern. Die Menschen in Whitechapel hatten schlichtweg keine andere Wahl, wenn sie nicht verhungern wollten. Der Reaper geriet ins Straucheln, als ein glühender und schmerzender Puls durch seine Stirn zog und kurzzeitig das Blickfeld vor seinen Augen verschwamm. Es würde eine knappe Angelegenheit werden. Der Schicksalsfaden brannte lichterloh hinter seinen Augen. Er musste sich beeilen. Gabriel beschleunigte seine Schritte und folgte dem Zug des Schicksals in die Dunkelheit der hinteren Gassen. Zwischen den Häusern stieg ihm der säuerliche Geruch von Erbrochenem und Fäkalien in die Nase. Er ignorierte die beiden Gestalten im Schatten, die sich ächzend und schnaufend aneinanderdrängten, der zerschlissene und verdreckte Rocksaum hoch über die hageren Schenkel des Freudenmädchens geschoben. Wenige Meter davon entfernt im hintersten Winkel eines verkommenen Innenhofes der ansässigen Spielunke entdeckte Gabriel ihn. Einen Mann in einem schwarzen Umhang und tief ins Gesicht gezogenem Zylinder. Der schwere, metallische Geruch von Blut durchtränkte die Luft und wenige Augenblicke später erspähte der Reaper ein blutiges Messer, dessen Klinge im spärlichen Licht der nächsten Laterne schimmerte. Der Mann beugte sich über einen Körper am Boden, unter dem sich eine groteske Blutlache über das Kopfsteinpflaster ausbreitete. Obwohl Gabriel vollkommen regungslos und stille war, ruckte der verhüllte Mann den Kopf nach oben. Ein rasselndes Atemgeräusch ertönte, als versuchte die Gestalt etwas zu wittern und dann…

      Reaper…“, grollte eine verzerrte Stimme. Gabriel machte einen Schritt nach vorn und wusste augenblicklich, dass sich hinter dem Mörder, dem Ripper, kein gewöhnlicher Mensch verbarg. Doch bevor er den Mann erreichen konnte, um ihm die Maskierung vom Gesicht zu reißen, hechtete der Ripper davon. Ob Feigling oder ein kluger Schachzug, doch der Mann schien einer Konfrontation mit einem Reaper aus dem Weg gehen zu wollen. Mit flatterndem Mantel verschwand er mit unmenschlichem Geschick über die nächste Mauer. Zurück blieben Gabriel und die Leiche der Prostituierten. Von Nahem bestand kein Zweifel an der Profession der toten Frau. Kleidung, Haare, aufdringliche Schminke und der viel zu süße Parfümduft, der sich mit dem Geruch von Blut mischte, sprachen für sich. Das Gesicht war zu einer angsterfüllten Maske verzerrt und obwohl die Augen leer und ausdruckslos in den Himmel starrten, glaubte Gabriel einen letzten Funken von Widerwillen darin zu finden. Die Kehle war mit zwei sauberen Schnitte durchtrennt worden, was die enorme Blutlache erklärte. Der Mann in Schwarz hatte sich bereits angeschickt, ihre Rücke zu zerschneiden und dabei ihren Unterleib entblößt. Gabriel wusste, was in den Zeitungsberichten stand. Herausgeschnittene Organe, künstlerisch und makaber um die Leichen drapiert, als übte er ein schreckliches Ritual aus. Aus verlässlicher Quelle wusste er auch, dass jedes Mal ein Organ fehlte. Die blutige Trophäe eines kranken, verdorbenen Geistes.

      Gabriel hockte sich neben die Leiche auf den Boden, vermied dabei mit dem Blut in Kontakt zu kommen. Er fühlte es. Das Aufbegehren, die Raserei. Die flammende Wut, die den Schicksalsfaden verbrannte und trotzdem nicht reißen wollte. Eile war geboten. Er zog eine alte Silbermünze aus der Innentasche seines Mantels und drehte sie zwischen den Fingern. Es würde Tage in Anspruch nehmen, diese Seele zu beschwichtigen. Sie war kraftvoll und brannte so hell, dass sie die Nacht erhellen würde, könnte man sie denn sehen. Gabriel öffnete den Mund um die erlernten Worte zu sprechen, den Bann zu wirken und bereitete sich mental darauf vor, mit der Wucht an Emotionen konfrontiert zu werden. Dieses Mal würde er sich einschließen müssen, das ahnte er bereits. Doch dann hörte er es, das Knirschen auf dem Kopfsteinpflaster. Er war nicht allein und als er sich umdrehte, entdeckte er Audra im Schatten am Rande des Innenhofes. Der Ausdruck in ihren Augen sprach von Schock, Enttäuschung und Zorn. Gabriel wandte sich ihr zu. Sein Blick zuckte zu der Toten und wieder zurück zu der Inspektorin, die unweigerlich glauben musste, das Monster von Whitechapel mit eigenen Augen zu sehen.
      „Audra. Es ist nicht das…“, begann Gabriel ruhig und hob die Hände, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war und eine Münze konnte kaum bedrohlich wirken. „…Ich habe diese Frau nicht getötet, aber gerade ist keine Zeit für eine Erklärung. Lass mich tun, was getan werden muss und ich beantworte Ihnen alle Fragen. Wenn ich nicht sofort…“ Gabriel brach ab und zuckte heftig zusammen. Eine impulsive Reaktion, die so ungewöhnlich für den gefassten Mann war und dann schrie er Audra unvermittelt an. Da war kein Anflug von Panik auf seinem Gesicht, aber eine Dringlichkeit, der er Ausdruck verlieh. „Lauf! Mach das Du wegkommst! Verschwinde!“

      Die geschulten Gesichtszüge entgleisten und binnen einen Wimpernschlages stürzte sich die blutüberströmte Leiche des Freudenmädchens auf den Antiquar. Ein unmenschliches Fauchen und Brüllen drang aus dem klaffenden Schnitt an ihrem Hals. Ein Ausdruck purem Wahnsinn prangte auf dem verzerrten Gesicht, Mund und Augen weitaufgerissen. Es riss Gabriel von den Füßen, dessen Kopf und Rücken hart auf dem Pflaster aufschlugen. Die Silbermünze entglitt seinen Finger und hüpfte über den Boden. In einem unmöglichen Anfall von Raserei hieb die brüllende Frau nach seinem Gesicht und seinem Hals, zerkratzte sein Gesicht und versuchte die zu klauen gekrümmten Finger um seine Kehle zu legen. Nur waren es keine Finger mehr, sondern tatsächlich Klauen. Die Knochen ihrer Finger knackten und bogen sich, die Nägel abartig verlängert. Selbst die Zähne blitzten scharfkantig zwischen den bläulichen Lippen hervor. Gabriel spürte, wie die scharfen Fingernägel die Haut an seinem Hals langsam durchbohrte. Blind tastete er nach der verlorenen Münze. Er würde so nicht sterben. Ohne ein vollständiges Dasein wäre er zwischen den Welten verloren. Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte Gabriel eine ungefilterte, reine Emotion: Panik. Also vergaß er die Münze für einen Moment und packte die tobende Frau an den Armen, um sie von sich zu drücken, doch der Tod verlieh diesen Kreaturen, diesen korrumpierten Existenzen ungeahnte körperliche Kraft. Seine Hände rutschten auf der blutfeuchten Haut ihrer Arme ständig ab. Die wehrhafte Beute schien das Monster zu frustrieren und so löste es eine Hand von der Kehle des Mannes, holte aus und rammte die schwarzanmutenden Klauen ihrer rechten Hand zwischen seine Rippen. Gabriel bäumte sich auf, den Rücken vom nassen Kopfsteinpflaster, als der sengende Schmerz in seiner Seite explodierte. Es gab nicht viel, das einen Reaper töten konnte, aber diese Kreatur, die ihre gelblichen und mittlerweile bereits verrottenden Zähne bleckte angesichts der Verderbnis, die um sich griff, vermochte das Unmögliche möglich zu machen. Der Beweis, war das Blut, das aus seiner Seite sickerte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Wildes, fluchendes, tief gröhlendes und äußerst aufgebrachtes Gezeter hallte durch die engen Gänge und vollgerammelten Büros der Niederlassung Scotland Yards. Schlierende Worte, die in der triefenden Wut ihres Sprechers völlig unverständlich durch die dicke Bürotür des Chief Inspectors drangen und sich wie ein unheilvoller Schatten über jene Inspektoren legte, welche eifrig, aber nicht weniger angespannt an ihren Schreibtischen arbeiteten. Das abgehackte Tippen von Fingern auf Schreibmaschinen war zu hören, unstet kratzten die Füllfedern über das bleiche Pergament, laue Gespräche füllten die Räume in welchen Opfer sowie Täter gleichsam befragt wurden. Ab und zu hob man die ehrfürchtigen Blicke in Richtung des Büros, aus welchem der Lärm drang, wissend, wer sich dahinter befand und wer die Rüge seines erst kurzen Lebens bekam.

      “HABEN SIE AUCH NUR IRGENDEINE AHNUNG IN WELCH MISERE SIE UNS MIT DIESER… UNÜBERLEGTEN… HANDLUNG GEBRACHT HABEN AUDRA?!”, donnerte die Stimme des wuchtigen Mannes durch den dunkel vertäfelten Raum. Chief Inspector Howard Vincent zerkaute seine angezündete Zigarre beinahe zwischen den gebleckten Reihen schlecht gepflegter Zähne, während er seinem Unmut über die in seinen Augen sehr leichtsinnige Inspektorin in seinen Reihen Luft gab. Er hatte die fleischigen Arme vor der breiten Brust verschränkt, welche es noch nicht mal schafften, sich ineinander zu verschränken ob der Fülligkeit des Mannes. So lagen die beiden Arken eher auf dem überquellenden Bauch auf, als dass sie seine zu respektierende Person unterstrichen… was es Audra schlichtweg schwer machte, ernst zu bleiben. Reumütig hatte die Dunkelhaarige ihren Kopf geneigt und starrte auf den abgenutzten Parkettboden hinab, eigene Arme lagen ihr verschränkt am Steißbein auf.

      “TANZEND… AUF DEM WOHLTÄTIGKEITSBALL… MIT DEM EINZIGEN VERDÄCHTIGEN IM MORDFALL KE-!”, auch wenn der Chief seiner Verstimmung gut und gerne noch länger nachgegeben hätte, die kratzende, wenngleich tiefe und verzerrte Stimme seinerseits durch den kleinen Raum schallen lassen wollte, so war es das durch seine ungezügelte Atmung ausgelöste Verschlucken eines Schwalls an Luft und Rauch, welches Howard bellend husten ließ. Schnell riss er sich die Zigarre zwischen den Lippen hervor und legte sie am Aschenbecher ab. Ein oder zwei Mal versuchte er den Juckreiz aus dem Hals zu drücken, seine kleinen glasigen Augen presste es dabei bedrohlich aus ihren Höhlen heraus, ehe er schnappend nach Luft rang und erneut ein vibrierendes, hohles Husten aus seiner Kehle drang. Audra trat näher, wollte ihm anbieten den Reiz aus dem Rücken zu klopfen aber er wedelte nur ungehalten mit seinen Händen und scheuchte die schlanke Inspektorin somit von sich weg, während der hochrote Kopf herumfuhr und das Glas Wasser suchte, welches sich eigentlich immer auf seinem Katheder befand.

      Scharfsinnig, wie das Wesen der jungen Dame geboren wurde, erkannte sie das Suchen ihres inoffiziellen Chefs. Ihre Augen fuhren im Raum herum und fanden die Karaffe Wasser mit zugehörigen Gläsern auf einem Rolltisch neben einem der tiefen Kastenfenster. Mit zwei schnellen Schritten war Audra daran herangetreten und füllte dem Chief eine Erfrischung um, trat zurück und reichte es der zitternden, sich ihr entgegen streckenden Hand. Gierig, nach wie vor prustend, führte Howard das Behältnis an seine Lippen heran und drang die Schlucke ungehalten seine Kehle hinab. Schwer fiel der Arm, der das Glas hielt, auf den robusten Tisch hinab, die Atmung des schwergewichtigen Mannes beruhigte sich und die fleischigen Finger der anderen Hand fuhren über die mit Schweißperlen übersäte Stirn seinerseits. Kurz noch flackerte in seinen Schweinsknopfaugen etwas wie Dankbarkeit auf, als er den Kopf in Audras Richtung wandte, die unberührt zurück an Ort und Stelle gefunden hatte.

      Howard atmete noch ein paar mal durch, hob die schwere Brust in pfeifenden Atemzügen und räusperte sich dann ausfallend. “Wo war ich…”, drang seine Stimme dann durch den Raum, sichtlich in die Schranken gewiesen und zurückhaltender als zuvor, während er versuchte, seine Contenance wiederzuerlangen. “Sie waren eben dabei, mir den Marsch zu blasen für mein… unprofessionelles Verhalten.”, statuierte die Inspektorin mit ruhiger Stimme und hob die Augenbrauen an. Wirsch schob er die wenigen Strähnen seines schütteren, graumelierten Haares über das Haupt zurück und fixierte Audra wieder mit seinem Blick, ehe ein schweres Seufzen sich aus seiner Kehle drängte. “Was haben Sie sich dabei gedacht, Inspektor Dayton?”, grummelnd formten seine Lippen die Worte. Das Schütteln seines Kopfes unterstrich die Enttäuschung, die er in der jungen Frau sah. Diese aber hielt dem stechenden Blick Howards statt, während ein vorwurfsvoller Atemzug ihre Lungen hinab fuhr und sie die Augen leicht verdrehte.

      “Zu aller erst… ich war nicht in offiziellem Auftrag Gast an diesem Abend. Ich war in Begleitung meiner lieben Eltern und es gewährte sich eher zufällig, dass Mister Hargreaves dort anzutreffen war. Als eigentlich ungeladener Gast des Abends, nahm ich es mir also heraus die Zeit auf dem Ball so zu genießen, wie ich es für richtig empfand.”, postulierte die Inspektorin in ruhigen Tonfall und erwischte sich dabei, wie ihre Gedanken an jenen Abend vor zwei Wochen zurückfinden. Es war ihr durchaus ein Rätsel, warum der Chief erst hier und heute darüber sprechen wollte… zu viel zu tun hatte der alte Herr ja offensichtlich nicht, immerhin war Chief Inspector Vincent dafür bekannt, die Dinge oftmals auf die lange Bank zu schieben. Audras Lippen verließ ein nachdenkliches Seufzen. Jener Mann vor ihr ächzte gedrungen auf, hob die Arme und rieb sich mit einem Knurren in der Kehle über das Gesicht. “Aber musste es dann wirklich… ausgerechnet der Verdächtige sein, Audra?”, gedämpft drang die Stimme hinter den Händen hervor, ehe diese sich der Schwerkraft hingaben und zurück auf den wulstigen Bauch fielen.

      Die Stirn der Inspektorin wog sich kurz in Falten, während sie ihre Worte fein säuberlich vorbereitete. “Nun… ich führte ausführliche Observationen und Befragungen zu dem Tod an Mister Kensington durch, beschattete Mister Hargreaves eindringlich, zu jeder erdenklichen Tageszeit, bei jedem Wetter… aber fand ich… nichts. Nichts, was den Verdacht verhärten könnte, dass er auch nur irgendwie in den Tod aktiv verwickelt hätte sein können. Was uns, wenn sie den Obduktionsbericht gelesen haben, auch die Gerichtsmedizin bestätigt. Ein Blutgerinnsel im Gehirn, ein Aneurysma in der Fachsprache. Und wenn es danach ginge, ihn als einzigen Verdächtigen zum Sterbezeitpunkt festzunageln, müssten wir nicht eigentlich auch hinter jenen anderen drei Männern her sein, die den tobenden Körper von Mister Kensington festhalten, bevor er verschied?”, kaum zu beirren, war sie, die ruhig gehaltene Stimme von Audra, die ihren Standpunkt vor ihrem Chef mehr als klar stellte.

      “Hätte ich mit diesen dann auch nicht in privater Angelegenheit … tanzen dürfen? Ich bitte Sie Chief…”, Audra legte den Schopf zur Seite, hielt dem bohrenden Blick ihres Chefs mit hartem Blick stand, in welchem sich etwas Tröstliches verbarg. Ein Schnauben entkam Howard, beinahe als wäre er von den Wörtern der Inspektorin noch nicht überzeugt genug. “Mister Hargreaves kann demnach kaum mehr als Hauptverdächtiger in diesem tragischen Fall gesehen werden… vielleicht als nützliches oder gar interessantes Subjekt punkto Informationsbeschaffung… aber diese eine Fährte gebe ich gerne ab.”, ein tiefer Atemzug unterstrich Audras endgültige Haltung, als ein leichtes Schulterzucken ihren Körper einnahm. Howard pinnte seine dunklen, kleinen Augen an die Erscheinung seiner Inspektorin und knurrte auf. Er strich sich mit seiner rechten Hand um das fleischige Kinn und legte die Hand über seine paradoxerweise schmalen Lippen. “Sie können von unaussprechlichem Glück sprechen, Inspector Dayton… dass ich Sie wegen ihres unerreichten Verstandes schätze und nicht wegen der Art, mit der Sie an die Dinge herangehen.”, murmelte er zwischen den Fingern hervor.

      Howard wusste, sie war unkonventionell. Anders, als die manchmal recht stumpfsinnigen Idioten vor seiner Tür, die links und rechts nicht voneinander unterscheiden konnten bei Zeiten. Was die Zusammenarbeit mit Audra Dayton eigentlich immer sehr erfrischend gestaltete. Aber sie musste sich einfach um den Ruf des Scotland Yard bewusst sein und wie viel bei schlechter Reputation nicht doch am seidenen Faden hing. Er inspizierte die geläuterte Frau, derer Intelligenz ihn doch wieder einmal geschlagen hatte und keinen Hehl daraus machte absolut gar nicht reuevoll zu wirken, einen Moment länger ehe er seufzend aufgab und mit einem ausholenden Schwenker mit seiner Hand Audra den Weg aus dem Büro wies. “Gehen Sie… aber sehen Sie das als Verwarnung, Inspector.” presste Howard noch zwischen seinen Zähnen hervor, ehe er sich die Zigarre erneut zwischen die Zähne steckte und anzündete.

      Audra aber ließ sich die Aufforderung zu gehen kein zweites Mal sagen. Sie drehte sich auf der Hacke ihrer Schuhe um und schritt ohne ein weiteres Wort zu verlieren aus dem Büro des Chiefs. “Na Audra, mal wieder übertrieben?” - “Da hat der alte Howy aber ordentlich Dampf abgelassen.” - “Wirst du jetzt entlassen?” - “Man glaubt es kaum, dass sie immer noch hier arbeiten darf…” … ein paar der wenigen Sätze die die dunkelhaarige Frau vernehmen durfte, während ihre langen Schritte sie durch die Bürovorräume des Haupttraktes führten. Stöckelnd ging ihr Gang zwischen den Tischen ihrer eigentlichen Kollegen, die dem Körper der hochgewachsenen Frau nur kopfschüttelnd hinterher blickten. Ignoranz. Das war es das man in diesem Moment brauchte und von dem auch Audra eine ordentliche Portion übrig hatte, wenn es darum ging, das dumme Geschwätz der Männer auszublenden. Es hatte schon seine Gründe, warum ihre Ärsche hier im Hauptquartier festklebten und gerade sie, eine Frau, draußen wirkliche Inspektorenarbeit verrichten durfte.

      Mit diesem Gedanken trat die junge Frau hinaus in die kühle Abendluft. Die Nacht hatte sich schon mit einem wolkenverhangenen Firmament über London gespannt und brachte das sonst recht rege Leben innerhalb der Hauptstadt zum Erliegen. Beschwingt war ihr Schritt, gar freudig die Erscheinung, obwohl sie mit einem fristlosen Rauswurf a lá Sonderklasse gerechnet hatte. Die Ladung ins Büro des Chiefs hatte sie heute früh eher unerwartet erreicht, obwohl Audra schon gar nicht mehr damit rechnete, dass da überhaupt irgendwas auf sie zurückschnellen würde. Kein Wort war gelogen, kein Moment entsprach der Unwahrheit. Die Situation wäre durchaus eine andere gewesen, wäre sie unter offiziellem Anlass auf dem Ball aufgekreuzt. So aber… so war sie wie alle anderen Frauen auch bloß eine unbescholtene Bürgerin Londons, die einen Abend außerhalb von Verpflichtungen und Anstalt verbringen wollte. Wohin das geführt hatte, daran erinnerte sich Audra jedoch eher ungern…

      Seit dem Eklat mit ihren Schwestern herrschte in ihrer Familie durchgehende Stille. Man griff nicht nach ihr, streckte keinen versöhnlichen Finger aus, den die Inspektorin ergreifen durfte. Aber auch sie sah sich nicht in der Funktion, die Versöhnung heraufzubeschwören. Es war immerhin nicht an ihr, diesen widerlichen Streit aus der Welt zu schaffen. Audra sah sich ehrlicherweise im Recht und wollte sich dieses behalten. Tief in Gedanken war die Inspektorin, die mit im Kreuz verschränkten Armen durch die Gassen von Whitechapel wanderte. Gabriels Einladung verblieb auch unerfüllt… Moment. Mr. Hargreaves Einladung. Ja, so passte es besser. Zum Gedanken, die Lippen schmunzelnd verziehend, hoben sich der jungen Frau Augenbrauen in ihre Stirn empor und ließen diese leicht gerunzelt zurück. Zum ersten Mal kam Audra in den Sinn zu hinterfragen, warum er als Antiquar so selten anzutreffen war. Denn ja, es hatte die Figur ihrerseits oftmals vor sein Geschäft getrieben und doch war sie dort stets auf Dunkelheit innerhalb der vier Wände gestoßen.

      Nachdenklicher Miene warf die Inspektorin ihren Kopf etwas in den Nacken, um die wenigen Sterne zu betrachten, welche sich hinter der fasrigen Wolkendecke hervor trauten und verlässlichen Lichtes zu ihr hinab glitzerten. Gar etwas friedvolles, blendete man das große Ganze herum aus. Es waren die schnellen, klatschenden Schritte einer vermummten, in dieser Dunkelheit gar unsichtbaren Gestalt, die ihre Aufmerksamkeit wieder hinab auf die Straßen zog. Flatternden Umhangs verschwand die Figur zwischen den düsteren Gassen des Londoner Distrikts und Audra fühlte im selben Atemzug ihre Alarmglocken schrillen. Zackig waren ihre Augen dorthin gewandert, wo jener flüchtige Geist erschienen war und sie erkannte den Eingang zu einem Innenhof. Die umwebende Stille der Nacht saß der Dunkelhaarigen plötzlich mit all seiner Kraft im Nacken, verleiteten Audra dazu, etwas zu tun, was sie sonst nie machte. Während ihre ruhigen, geschmeidigen Schritte sie also dorthin führten, wo sie vermutete, etwas zu entdecken, das sie so nicht sehen wollte, zog die Frau ihren Dolch aus dem Hüftgurt. Obwohl sie nun schon unzählige Male Leichen, Tatorte, abgetrennte Körperteile und anderes unaussprechliches gesehen hatte, war die Entdeckung jenes Epizentrums der Gewalt immer wieder eine Überwindung.

      Schwerfällig schlug Audra das Herz bis zum Hals, während ihre Augen herum huschten, versuchten in dieser verschleierten Dunkelheit auch nur irgendetwas zu entdecken. Dort aber… dort aus dieser einen Gasse drang ein wenig Licht… vorsichtig trat sie näher, zwängte die Augen noch ein wenig zusammen, um zu erkennen, was da vor sich ging. Der Atem stockte ihr plötzlich hinterhältig in der Kehle, als sie die verschiedene Dame am Boden zu erkennen vermochte, über welcher wohl scheinbarer Täter hockte. Tief sog Audra die modrige Luft durch ihre Nase in ihre Lungen hinab, war kurz davor, den bekannten Satz zu sagen, der alle Täter erstmals indirekt dazu aufforderte, wegzulaufen. Aber erstarrte sie, als sich jene Person, die über der Toten hockte, aufrichtete und sich zu ihr herum drehte. Sie… sie kannte dieses Gesicht. Sie kannte das weißblonde Haar, die scharfkantig gemeißelten Züge seines Antlitzes… die dunklen Augen, die ihr verloren und ungläubig entgegen starrten.

      Gabriel… er… er soll es also sein? Er war das Monster Londons, das die Nächte unsicher und tödlich machte? Er war es, der wahllos die Frauen schlachtete wie ein Metzger das Getier? Er?! Eine Kaskade an ungreifbaren Emotionen überschüttete das zarte Haupt der Inspektorin, die sich gar nicht davor wehren konnte. Audra starrte wortlos auf ihn hinab, während ihr Körper sich weiterhin auf den Weißhaarigen zubewegte. Er erhob das Wort an sie… er wollte sich also erklären. Das unliebsame, in schwelenden Zorn getauchte Rümpfen ihrer Nase zeugte davon, dass Audra eigentlich an keinerlei Art von Ausflüchten Interesse hatte. Den Mund öffnend, ihm sagen wollend, dass er vorläufig festgenommen sei … all das hatte sich die Detektivin schon zurecht gelegt, als der Körper des Mannes vor ihr… zusammen zuckte. Und nicht in einer Art der Demut oder des Wissens um sein Ertappt-Sein, nein. Vielmehr schien es, als hätte man ihn geschlagen, wie einen Hund, der nicht hören wollte. Irritiert schoben sich die Augenbrauen der jungen Frau zusammen, hatte sie im Grunde bereits genug von dieser Scharade.

      Es war der Hauch einer Sekunde… ein Atemzug, ein Wimpernschlag, als sich die Situation drehte… umkehrte… in etwas, dass die Inspektorin so noch nicht gesehen oder gar erlebt hatte oder jemals wieder erleben wollte. Er rief ihr noch zu, sie sollte flüchten, sich in Sicherheit bringen als jene Tote, die zuvor noch vor Gabriel lag, beinahe durch magische Art und Weise eine Wandlung erfuhr, die sich nur Poe für das Zeitalter in dem sie lebten aus den Fingern hätte saugen können. Mit einer geschmeidigen Bewegung und doch bebender Angst im Griff, hatte die Inspektorin ihren Dolch vor sich gehalten, als sich das untote Ungetüm aufbäumte und sich rücksichtslos, wild fauchend auf Gabriel stürzte. Der Schrei blieb ihr im Halse stecken, erstarrte der Körper der Inspektorin für wenige Sekunden zur Salzsäule. Schockierter Glanz lag in den geweiteten Augen Audras, die dem blutigen Schauspiel für verstreichende Augenblicke nur zusehen konnte. Paralysiert, wie betäubt erlag die junge Frau ihrer eigenen Machtlosigkeit, während es ihr Haupt war, welches hin und her rückte, versuchte die Momente die verstrichen irgendwie zu verstehen, indem sie mehr und mehr von dem aufnahm, was sich vor ihr abspielte.

      Erst als das leibhaftige Monster die pranken ähnlichen Klauen in die Seite des am Boden liegenden Herrens rammte und Audra sah, wie sich der Weißhaarige unter offensichtlichen Schmerzen aufbäumte, riss es ihre Stoa aus jener Verzweiflung die sie heimgesucht hatte, schickte sie zurück in die Realität, aus der sie nur allzu gern wieder flüchten wollte. Ein schneller Atemzug stockte Audra in der Kehle, sprang ihr Blick nur noch ein wenig weiter auf, als sich so unfreiwillig ihre Instinkte einmischten. Bruchteile von Sekunden verstrichen nun, die Audra wie eine Ewigkeit vorkamen. Aus der schockierten Fratze formte sich ein zorniger Ausdruck, welcher mit bebenden Nüstern und tief gerunzelter Stirn einen aggressiven Glanz in die Augen der Inspektorin schickten. Säuerlich zogen sich der Dame Mundwinkel hinab, gar bleckte sie die Zähne und stürmte im nächsten Moment mit einem gepressten Schrei nach vorne, ihr Opfer im Visier, welches sich für den nächsten Hieb in den Körper des Antiquars bereitmachte.

      Schmerzlich aufkeuchend warf sich die Inspektorin mit voller Wucht gegen den randalierenden Leib der Untoten, packte sie mit festem Griff an den Schultern und riss sie mit sich, hinab von Gabriel. Sie hatte die Geschwindigkeit, mit der sie jene Gestalt ergriff und von dannen schleuderte, durchaus unterschätzt. Auf dem rutschigen Boden kaum festen Stand erfahrend, flog Audra demnach quasi auf den Körper der Bestie zu, rammte ihr die Schulter mit voller Kraft von unten gegen das Kiefer. Knackend ergab sich wohl oder übel der Knochen dem Gewicht des Körpers der Inspektorin, welche mit dem umklammerten Leib der Untoten in die Ferne segelte, in weniger Entfernung aufschlug und durch die Härte des Aufpralls empor ausgehoben wurde. Die Schwere ihrer nachziehenden Beine ließ die Figur der Inspektorin sich überschlagen und nochmals in roher Gewalt auf dem Boden aufkommen. Die Luft wurde ihr mit einem Keuchen aus den Lungen gepresst, Tränen schossen ihr in die Augen. Klirrend verschwand ihr Dolch in der Dunkelheit der Gasse. Es war der Bruchteil eines Augenblicks, in dem Audra ihre Contenance wiederfinden musste, drehten sich über ihr taumelnd die Sterne, ehe ein erneutes Fauchen, das zischende Gurgeln jenes… Dings… das sie umgeworfen hatte, ihre Geister wieder fokussieren ließ. Den Schwindel schnell abschüttelnd, rappelte sich Audra auf ihre Beine empor, sichtlich taumelnd, aber es gab nichts, dass sie jetzt zurückhalten würde. Schnaufend, mit wenigen stacksenden Schritten nach vor, nahm Audra Anlauf und warf sich erneut auf den Körper der Bestie, welche ebenfalls wieder in halbwegs geraden Stand zurückgefunden hatte. Ihr Rücken war es nun, den ihre Hände ergriffen und an sich zogen.

      Sie wehrte sich, schwerwiegend, denn auch als Audra mit mehr Kraft und Überzeugung als sonst, den Griff für Festnahmen an den blutüberströmten Handgelenken der Frau anwenden wollte, rutschten ihre Finger wieder und wieder ab, so sehr sie auch versuchte sich in die ledrig wirkende Haut zu graben. Schier unmenschlich war dann jene Kraft, die dieses Monstrum einer Frau anwandte, sich der Umklammerung der Inspektorin entriss, den Ellbogen nach hinten schnellen ließ und Audra von unten mit ungestümer Härte an der Nase traf. Ein schmerzlicher, kurzer Aufschrei drang durch die Gasse, ließ die Dunkelhaarige überrumpelt nach hinten taumeln und in ihr Gesicht fassen. Warm drang das Blut über ihre Oberlippe hinab, verlor sich als Film in ihrem Mund. Nur kurz aber ließ ihr die Bestie Zeit, als sie die vor Raserei glänzenden Augen plötzlich wieder vor ihr fand. Mit gefletschtem Maul und aggressiv erhobenen Armen, bereit für den nächsten Schlag, stapfte das pfeifend schnaufende Ungetüm wieder auf Audra zu. Dieser stockte der Atem erneut in den Lungen, sie tastete nach ihrem Dolch, den sie im Eifer des Gefechts verloren hatte... "Verdammt...", zischte die Inspektorin und wappnete sich, den nächsten Angriff mit bloßen Händen abzuwehren. Der Respekt kroch ihr erneut in die Knochen, als ihr verschwommener Blick die Klauen erblickte, die sich statt den Fingern an den Händen nach ihr ausstreckten.

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    • Das war also das Ende. Er verblutete in einem dreckigen Hinterhof, ausgeweidet von einer Kreatur, die für den Rest der Menschheit nicht existierte. Wie viel Unheil würde die Untote anrichten, bevor ihr jemand Einhalt bieten konnte? Gabriel verdreht die Augen in ihren Höhlen bis Sterne über die Dunkelheit seiner geschlossenen Augenlider blitzten als das tote Freudenmädchen ihre Finger zwischen seinen Rippen krümmte bis die Knochen knirschten. Er hatte vergessen wie sich Schmerz anfühlte, aber die unmittelbare Nähe zu der korrumpierten Seele verwischte die Grenzen zwischen möglich und unmöglich. Stinkender und modriger Atem streichelte über sein Gesicht, ein Gemisch aus Speichel und Blut tröpfelte aus dem weitaufgerissenen Mund der Frau. Gabriel atmete angestrengt durch die Nase und machte sich bereit, seine letzten Kraftreserven zu bündeln, um die Oberhand zu gewinnen. Die Chance blieb ihm allerdings verwehrt, denn im nächsten Moment kollidierte etwas mit der kreischenden und knurrenden Kreatur, die auf seiner Brust hockte. Die Klauen wurden dabei brutal aus seiner Seite gerissen und nun floss das Blut frei und in Strömen über das alte Kopfsteinpflaster, vermischte sich mit Abwasser und allerlei Dingen, über die niemand gerne nachdachte.

      Audra, die tapfere Audra Dayton, hatte sich todesmutig gegen das Wesen geworfen, das gerade versuchte ihren einzigen Hauptverdächtigen in Stücke zu reißen. Er musste ein paar Mal blinzeln, bis er durch den blutigen Schleier, der sich über seine Augen gelegt hatte, etwas erkennen könnte. Quälend langsam rollte sich der Antiquar auf die Seite, ächzte und sog scharf die Luft ein, als er in der eigenen Blutlache abrutschte und stetig auf Neue den Halt verlor. Etwas funkelte unweit seines gekrümmten Körpers zwischen Dreck und Unrat. Die silberne Münze blitzte ihm höhnisch entgegen und er streckte bereits die Hand danach aus, als er bei dem schmerzerfüllten Aufschrei den Kopf zurückwarf. Weißes, blutbesprenkeltes Haar fiel ihm in die Augen und er sah machtlos mit an, wie Audra taumelte und beinahe zu Boden ging.

      Mühevoll robbte Gabriel über den Boden, schliff seinen eigenen Körper schwer wie Blei über den harten Untergrund und näherte sich langsam aber stetig seiner Silbermünze. Die korrumpierte Seele würde Audra auseinanderfetzen, wenn er ihr genügend Zeit dafür gab. Mit jeder verstreichenden Sekunde gewannen sie an Stärke. Wäre er nur nicht so unvorsichtig gewesen. Seine Fingerspitzen berührten fast schon das Silber. Es brauchte nur noch wenige Millimeter, dann konnte er die kleine Münze packen. Die Schritte der toten Frau vibrierten dumpf in seinen Ohren und nie zuvor hatte er den Zug so präsent gespürt wie jetzt. Mit einem Grollen warf er sich nach vorn und bekam endlich die Silbermünze zu packen. Er biss die Zähne zusammen und hievte sich mit einer verbliebenen Kraft auf die Beine, die für einen gewöhnlichen Menschen angesichts der blutenden Wunde völlig undenkbar war. Es war das erste Mal, dass Gabriels Gesicht eine vollkommen rohe Emotion zeigte. Zorn gepaart mit Entschlossenheit verzog das ansehnliche Gesicht zu einer Fratze. Der schwerfällige, stolpernde Gang stabilisierte sich mit jedem Schritt. Er wurde immer leichter und schneller bis Gabriel rannte und direkt auf die geifernde Prostituierte zuhielt, die ihre Klauen nach Audra ausstreckte. Der Antiquar machte einen Satz nach vorn, prallte gegen den aufklaffenden Torso der Frau und riss sie zu Boden. Im gleichen Atemzug presste er die Münze auf die Stirn der tobenden Untoten.

      „Geh über den Styx. Fürchte den Fährmann nicht. Das Leben den Lebenden und Tod den Toten“, presste Gabriel hervor. Verloren war der sanfte Trost, den er der alten Frau an ihrem Sterbebett geschenkt hatte. Dieses Mal würgte er die Worte, rau und kratzig, aus seiner Kehle hervor und zischte die verkürzte Version der Verse in das Gesicht der Toten. Tanzende Glut, wie verbranntes Papier im Wind stieg von ihrer Stirn auf. Ein ekelerregendes Gurgeln erschütterte den Körper der Frau, die sich nun mit Händen und Füßen gegen Gabriel wehrte, doch der Mann ließ nicht locker. Es schien der Toten große Schmerzen zu bereiten, dass er die Münze gegen ihre Hand presste. Doch irgendwann ließ das Kreischen nach, das Zappeln hörte auf und der bereits erkaltete Körper sackte auf dem Kopfsteinpflaster zusammen. Als Gabriel endlich von ihr abließ, war die Stirn der Frau makellos, die grässlichen Mutationen verschwunden. Keuchend kroch der Antiquar von der Frau, die Faust zitternd um die Münze in seiner Hand geballt. Straucheln kam er auf die Beine und schlurfte vornübergebeugt auf Audra zu, die das Schauspiel mit offenem Mund beobachtet hatte. Blut tropfte aus ihrer Nase. Gabriel sah sie mit einer Miene der Resignation an. Er übersprang das lästige Hin und Her, in dem sie darüber diskutieren würden, was sie gesehen hatte und seine eigenen fruchtlosen Versuche sie vom Gegenteil zu überzeugen.

      „Du willst Antworten? Fein, aber nicht hier und nicht jetzt“, würgte der Antiquar sie ab, stopfte die Münze in die Innenseite seiner Manteltasche. Er packte Audra am Ellbogen und führte sie beharrlich vom Tatort weg. Sie protestierte. Natürlich. Es war ihre Pflicht als Inspektorin, aber sein Griff ähnelte einem Schraubstock. Erst im Schutz der Dunkelheit der kleinen Gassen, taumelte Gabriel und musste sich gegen eine der Häuserwände lehnen. Es endete damit, dass er auf Audra gestützt durch die winzigen Gassen Londons abseits der belebten Straßen und kleine Hinterhöfe schlich um ungesehen sein Geschäft über den Hintereingang zu betreten.

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      Der Weg führte das ungleiche Paar über die schmale Wendeltreppe in den Keller des Antiquariats. Hier stapelten sich noch mehr Bücher, noch mehr alte Manuskripte und Artefakte aller Länder und Kulturen. Alles drehte sich um Totenkulte, Okkultes und Spiritismus. Hinter Glas standen geschmückte Kelche, antike Schalen und Statuen, die diverse Götter oder Dämonen repräsentierten. Der Ort hätte ein eine ausgeschmückte Gruselgeschichte gepasst und nur das dezente Flackern einiger Öllampen hinter bruchsicherem Glas säumten den Raum. Aber das wohl Seltsamste war ein paar massive Eisenketten, die im hinteren Bereich des Kellers fest in der Wand verankert waren.

      Gabriel löste sich von Audra und näherte sich mit schweren Schritten einer kleinen Truhe, die auf einem Arbeitstisch voller Notizbücher und halbabgebrannter Kerzen stand. Er klappte den Deckel zurück und zog eine Garnspule samt gebogener Nadel hervor, die für die Versorgung von klaffenden Wunden bestimmt war. Das Garn in seiner Hand schimmerte ungewöhnlich und reflektierte das Licht. Je nach Blickwinkel ähnelte es flüssigem Silber, ganz als wäre es wie ein Fluss ständig in Bewegung. Gabriel wusste, dass es sich bei eine Berührung für Audra ungewöhnlich kühl und glatt anfühlen würde. Dieselbe unnatürliche Kälte, die auch die Dolche ausstrahlten. Ganz so, wie es alle Gegenstände taten, die nicht aus dem Diesseits stammten. Ganz genau konnte es natürlich niemand sagen, aber gerade die Reaper spürten, wenn etwas die Aura des Jenseits anhaftete.

      „Kannst du nähen, Audra?“, verlangte Gabriel zu wissen und mit einer unwirschen Bewegung seines Arms fegte er alle Utensilien von dem Arbeitstisch herunter. Ächzend zog er sich auf das Möbelstück und forderte Audra wortlos dazu auf, ihm das Garn und die Nadel aus der Hand zu nehmen. Er ließ keine unnötige Zeit verstreichen und begann sein ruiniertes Hemd aufzuknöpfen. Wenn sie über diese plötzliche Wendung schockiert war, schenkte Gabriel dem Umstand keinerlei Beachtung.

      „Du willst Antworten, dann musst du mir zuerst helfen. Du musst die Wunde für mich nähen“, presste Gabriel zwischen den Zähnen hervor, als er die blutigen Stofffetzen von der tiefen Wunde schälte. Sofort trat neues Blut aus, viel zu viel, als ein normaler Mensch bei Bewusstsein ertrug. Gabriel wusste, dass er sich erholen würde. Er regenerierte schnell, aber dafür musste die Wunde geschlossen werden, bevor er wirklich in einer Starre verfiel. Er fühlte schon wie seine Finger steif und schwerfällig wurden, als er Audra zusätzlich ein Tuch für ihre blutverschmierte Nase reichte. Besser spät als nie. Seine Stimme klang so gefasst wie zuvor. „Audra, sieh mich an. Ich bin nicht der Ripper. Ich mag den Großteil meines Lebens ein Lügner gewesen sein, aber ich bin kein Mörder und ich brauch jetzt wirklich deine Hilfe.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
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