a coin for the ferryman (winada)

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    • Der Atem stockte ihr in der Kehle, als Audra das Schauspiel mehr unfreiwillig als aufgebürtet beobachten musste. Blutend, dem Tode nahe, unmenschlich noch am Leben seiend, warf sich der schwerst verwundete Antiquar auf das tobende Biest und... zähmte jene Furie, welche sich ihnen beiden entgegenstellte. Die Dunkelhaarige fühlte, wie sich ihr Kiefer bebend hinabbewegte, wie die Kraft langsam ihren Gliedern entglitt und sie der... Verwandlung entweichen wollte. Dem Schauplatz jenes Momentes, der die Unwirklichkeit mit der Realität nur noch mehr verwischte. Zart legte sich ein Tropfen ihres roten Blutes auf die Kuppe ihrer Unterlippe, entschwand über die sanft rosa gefärbte Wölbung, hinab zu Boden. Liebkoste sie verheißerisch, kitzelte sie zärtlich. Mit einer schnellen, zitternden Bewegung hatte die Inspektorin jenen Beweis ihres Mutes von ihrem Gesicht gewischt... schmierte die rote Substanz nur noch verstohlener über die Seite ihres Hauptes, während Gabriel vor ihr sich aufrichtete. Irritiert hatte sie dieser... Wandlung zugesehen, irritierter war nur ihr Blick, der sich in das zerfranste, von Blut und Dreck getränkte Haupt des Mannes fraß. Was sollte sie sagen? Konnte sie überhaupt in Worte fassen, was sie gesehen hatte, was in ihrem analytischen Kopf Saltos und Haken schlug, auch nur ansatzweise versuchend zu verarbeiten was an Bild und Wort in ihren Erinnerungen wohlmöglich … für immer... hängen bleiben würde?

      Das Kiefer klappte der Inspektorin hinab. Forsch und ungezwungen drängte sich ihre Atem, tief und unstet in ihre Lungen hinab. Die Kehle am Rande davon, gesprochenes Wort erklingen zu lassen. Aber wurde sie davon abgehalten. Er hatte ihn also gesehen... den Glanz ihrer Neugier, der sich dieses Mal mit unzähmbarem Schock mischte. Gabriel packte sie am Ellbogen, zerrte sie weg von dem Schauplatz des Geschehens, welcher nur Tod und Elend hinterließ und führte sie – unter protestierendem Gestammel und Gezeter – weg aus jener Seitengasse, der für beide den furchtbar knappen Tod bedeutet hatte. Oder noch bedeuteten würde... es dauerte nicht lange, da sank ihr der groß gebaute, hoch gewachsene und doch relativ schwere Körper des Mannes entgegen. Audra, die aus diesem Handgemenge – hm, so ganz traf diese Bezeichnung auf jenen eisernen Kampf um Leben und Verscheiden dann noch nicht zu – um einiges umbeschadeter hinausschritt wie der weißhaarige Antiquar, tat das aller höchste, was in ihrer Macht stand um Gabriel voranschreiten zu lassen. Er führte sie weiter, weiter und weiter durch die Gassen Londons, bis das ungleiche Paar letztendlich bei einer Hintertür zum Antiquariat, dem heiligen Tempel des Mannes, ankam.

      Viel Zeit um die Umgebung in sich aufzusagen, bekam die talentierte Inspektorin nicht. Immer wieder war ihr Blick in das Haupt des sichtlich scheidenden Herren hinaufgefahren. Erkannte die gequälten Züge seinerseits, das angespannte Kiefer und die aufeinanderreibenden Zähne, die den Schmerz, die Folter, die sich wie heißes Blei durch seinen Körper zu ziehen schien, zeigten. Sie kam nicht darum herum, immer wieder ihre Zähne in der Unterseite ihrer Unterlippe zu verziehen... etwas rührte sich in ihr, denn die Erkenntniss, den weißhaarigen Mann in ihrer festen Umklammerung, konnte, nein wollte sie einfach nicht dem drohenden Tod überlassen. Erst erkannt, was dieser Gedanke über sie selbst aussagte, bohrten sich die Atemzüge Audras ein Stück tiefer in ihre Lungen hinab und mit festerem Schritt, eisernerem Griff um die Taille Gabriels, schaffte sie es dann doch, den maltretierten Körper seinerseits dorthin zu schleppen, wo er sich selbst haben wollte.

      Sie waren in einem Hinterzimmer angekommen und für den Moment konnte Audra nur zusehen, wie der Mann herumfuhr. Allzufein lag der Griff ihrer schlanken Finger noch einen Moment länger an seiner Seite, während der in Besorgnis, gar an Angst grenzende Blick ihrerseits an den Bewegungen des Mannes haftete. Gabriel griff nach einer kleinen Truhe auf einem Arbeitstisch und zog … schier unwirklich scheinendes Garn aus jenem heraus. Es strahlte ihr entgegen wie ein einzelnes, weißes Haar, wie ein dünner, flüssiger Faden aus Rauch und Nebel und glänzte anmutig im Schein des dumpfen Lichtes. Fasziniert lag der instinktiv neugierige Blick der Inspektorin darauf, ehe die forsche Stimme des Antiquars wieder an sie drang... ob sie denn nähen konnte.

      Beinahe wäre ihr ein empörtes Schnauben aus der Nase gefahren, ein verlautbarter Ton des … Entsetztens. Bah, wieviele vorwurfsvolle Wörter und Sätze wären der Dame auf der Zunge gelegen. Sie war immerhin die Tochter der angesehen Margret Dayton, Englands berühmteste Schneiderin und diese tat gut daran, ihre Jüngste zumindest ein wenig in die Kunst ihrer Gunst einzuweihen. Doch nahm sie jene angebotene Nadel, bestückt mit dem Faden, der sich herumschlängelte wie eine sattgefressene Schlange im Mondschein, an. Irritiert darüber, wie grob und unglaublich ungestüm der Antiquar die Dinge gen Boden schleuderte und sich im selben Moment seines Hemdes entledigte, ließen Audra, wohl erzogen wie die junge Frau dann doch war, den Blick in Bescheidenheit abwenden, auf ihre Hände hinabblicken, die diese zauberhaften Komponenten zwischen den Fingern wogen. Dieser Faden, der sich wie ein Silberstreif um ihr Handgelenk gewunden hatte.

      Stattdessen blickte die Inspektorin nochmals auf, traf den gebeutelten Blick des Mannes, welcher sich vor ihr in dem düsteren Licht des Hinterzimmers ausgezogen hatte, blutverschmiert, elendigst zugerichtet. Kurz, schnell, wiederholend, zuckte ihr Kopf in ein Nicken aus. Beiläufig das Tuch für ihre Nase annehmend, verarbeitete ihr Kopf nun auch jene gesprochenen Worte Gabriels... etwas sträubte sich, als sie die Sätze zumindest versuchte, logisch erklingen zu lassen... aber... musste sie ihm für den Moment einfach Glauben schenken... nach all dem was passiert war... Ein tiefes Seufzen drang aus ihrem Körper, nachdem ein verdammt tiefes Schnaufen durch ihren Mund erfolgte.

      Die Lippen zusammenpressend, all das Schwarze und Verständnislose in ihrem Kopf zur Seite schiebend, trat Audra eien Schritt näher... und noch einen, die Augen dabei für einen Moment schließend. „Lehn dich ein wenig weiter zur Seite...“, erklang das beinahe gehauchte Wort ihrerseits, die Worte der Frau kaum mehr einem Wispern gleichend. Sie wartete darauf, dass Gabriel ihr die verwundete Seite seinerseits ein wenig mehr entgegenstreckte, bevor sie ihre Fingerspitzen senkte und diese nur einen Moment länger über der Haut seinerseits schweben ließ, ehe sich der warme Griff ihrer auf der erkalteten Haut seinerseits niederließ. Wie die kleinste Decke der Welt umhüllte die linke Hand der Inspektorin jene zerfetzte Stelle seiner Rippenbögen. Mit geschultem, gar glänzend fixierenden Blick huschten die von der Dusterheit geschwärzten Augen Audras über die Wunden, die Einstiche, die diese Klauen hinterlassen hatte, ehe sie den ersten Stich ansetzte.

      Einen Moment länger haderte sie dann doch mit sich selbst. Das nächste Ächzen des Antiquars aber war es, dass es brauchte um sie über die Klippe ihrer Vorbehalte zu stoßen und mit einer vorsichtigen, aber zielgeführten Bewegung versenkte sie die Nadel in seinem Fleisch und begann den klaffenden Riss zu nähen. Weiter und weiter führte sie das Werkzeug, hinein und hinaus, zog vorsichtig, gar zart an dem Nebelschleier eines Fadens und zog die Wunde somit zu. Flink war sie... und schnell. Aber nicht schludrig oder gar vernachlässigend. Jeder weitere Stich konzentrierte sich darauf, der nächstbeste zu sein. In ihrer Trance, schoben sich die Augenbrauen Audras hinab, zerfurchten die glatte Stirn der Frau... die rosigen Lippen pressten aufeinander, ihr Atem war in der erdrückenden Stille der Gemächer kaum zu vernehmen.

      Nach... Gott wer weiß wievielen Minuten, hielt sie Inne. Der Faden verbraucht, die Wunde geschlossen, die Blutung … gestoppt. Einen Augenblick länger begutachtete die geschundene Frau ihr Werk, ehe sie sich aufrichtete. „Fertig...“, stieß sie als halbes Seufzen aus und trat einen Schritt von Gabriel zurück, die Nadel in ihren Händen haltend, wie einen Pokal, der ihr die Errettung seines Lebens betiteln würde. Schwer war die Atmosphähre geworden... die Luft so dick, dass man sie wohlmöglich hätte schneiden können. Einen Moment länger lungerten die Gestalten der beiden in diesem... gar intimen Momentum, bevor sich Audra an das Tuch erinnerte. Die Blutung ihrer Nase hatte zwar bereits gestoppt... und doch umsäumte ihre Nasenflügel ein glänzendes, sattes Rot, welches sich frech über ihre Lippen, hinab bis auf ihr Kinn gestohlen hatte.

      Vornehmlichkeiten über Bord werfen wollend, ertappte sich die Inspektorin, die den Blick für einen Moment von dem halbnackten Körper des Mannes abwandte, wie sie sich dennoch mit allergrößter Sorgfalt mit dem Tüchlein um die Nase strich. „Wie...“, heiser, gar viel zu überfordert um großartige Reden schwingen zu können, brach jenes kleine Wörtchen die Stille. Ein Räuspern ihrerseits. „Wie... fühlst du dich?“... Lächerlich. Töricht. Wie... furchtbar absonderlich und dumm diese Frage doch war, sah man auf jene Geschehnisse von vor einer knappen halben Stunde zurück. Er... sollte... nein musste eigentlich tot sein. Und doch trugen sie ehrliche Sorge in sich, versuchte die von Unverständnis getränkte Stimme der Inspektorin eines... zu verstehen.
    • Die bedrückende Stille wuchs zu einem lauernden Monster heran, dass sich kaum in Schach halten ließ. Gabriel rechnete bereits damit, dass Audra im nächsten Moment auf dem Absatz kehrtmachte und den Keller eiliges Schrittes verließ. Das Schweigen passte nicht zu der wissbegierigen Frau. Vor allem, da sie gerade unfreiwillig Zeugin einer höchst ungewöhnlichen und sehr tödlichen Laune der Natur geworden war. Sein eindringlicher Blick heftete sich auf ihr blasses, blutverschmiertes Gesicht während sie ihre Möglichkeiten abwog. Als Audra endlich nach dem Nähzeug griff, entfloh dem Antiquar ein langgezogener Seufzer. Er hätte die Wunde selbst vernähen können, aber weder rechtzeitig noch mit der nötigen Sorgfalt während er sich den Rücken dabei verrenkte.

      Mit einer steifen Drehung seines Torsos gehorchte er der Anweisung und stählte sich für die Berührung ihrer Hände. Bereit ihre Fingerspitzen brannten auf seiner eiskalten Haut wie weißglühende Glut. Gabriel drehte den Kopf zur Seite, ignorierte blutige und verdreckte Haarsträhnen, die in seinen Augen kitzelten. Für eine Dame aus gutem Hause verkraftete Audra den Anblick der blutigen Wunde mit erstaunlicher Bravour. Aber von einer aufstrebenden Inspektorin, für die Leichen keine Seltenheit waren, hatte Gabriel es wohl nicht anders erwartet. Eine Ironie des Schicksals, dass er sich bis auf seine Eigenschaften zu Atmen und einen annähernd normalen Herzschlag zu besitzen fast nahtlos in diese Kategorie einfügte. Eine seelenlose Kreatur, deren Lebenszeit nur geborgt war und eines Tages würde jemand kommen um seine Schulden einzutreiben.

      Eine Ewigkeit lang ließ der Reaper die unangenehme Prozedur über sich ergehen. Mit jedem neuen Stich fügte Audra ihn wieder ein Stückchen mehr zusammen und am Morgen würde von ihren Bemühungen nichts mehr zu sehen sein. Es würde sein, als wäre nie etwas geschehen, doch gerade jetzt war ausgerechnet Audra für ihn die Verkörperung des Hier und Jetzt. Sie war so nah, dass er den zarten Duft ihres Parfüms wahrnehmen konnte. Ein dezentes, blumiges Bouquet, dass dem schweren und metallischen Geruch von Blut eine süße Note verlieh. Gabriel riskierte einen Blick aus dem Augenwinkel und erhaschte einen flüchtigen Ausblick in ihr konzentriertes Gesicht. Audra presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen und zwischen ihren Augenbrauen bildeten sich leichte, ernste Fältchen. Etwas getrocknetes Blut klebte noch auf ihrer blassen Wange.

      Der Impuls, dieses verirrte Blutströpfchen fortwischen zu wollen, traf den Reaper unvorbereitet. Die Seele, die er in die Münze gebannt, war stark. Die Illusion von Leben, der erste Eindruck der Last, die eine Seele mit sich brachte, kehrte zu ihm zurück. Er verstand, warum Reaper diesem Gefühl verfielen und die gebannten Seelen bis zum letzten Funken aufzehrten, anstatt ihrer Bestimmung nachzukommen. Es war berauschend. Sogar die Pupillen in den für gewöhnlich ausdruckslosen und harten Augen wirkten ungewöhnlich groß. Es konnte leicht auf das spärliche Licht oder das Adrenalin des Kampfes geschoben werden. Als Audra sich aufrichtete, streifte ihr warmer Atem sein Kinn und Gabriel nahm das als Zeichen, sich träge aus der gezwungenen Intimität zurückzuziehen. Auch die Inspektorin, fertig mit der ihr betrauten Aufgabe, zog sich zurück.

      Es war Audra, die das Schweigen brach und doch tat sie es mit einer unschuldigen Frage, mit der Gabriel nicht gerechnet hatte. Sie hatte durch die Ereignisse nicht das wunderliche Talent verloren, ihn zu überraschen. Mit dem Handrücken wischte sich Gabriel über die Stirn, auf der kleine Schweißperlen glitzerten. Bis auf ein gelegentliches Zucken und die harschen Atemzüge hatte er sich nicht anmerken lassen, wie schmerzhaft die Prozedur wirklich gewesen war. Wenn er jetzt mit den Fingerspitzen vorsichtig die vernähten Wundränder betastete fühlte sich die Haut heiß und empfindlich an. Wie fühlte er sich? Das war eine hervorragende Frage, über die er länger als nötig nachdachte.

      „Besser. Dank Dir“, antwortete Gabriel mit rauen, kratzigen Silben als wären seine Stimmbänder mit Schleifpapier umwickelt. „Aber das ist nicht, was du eigentlich wissen willst. Um zu verstehen, was in Whitechapel passiert, musst zuerst verstehen, was ich bin. Aber, ich muss dich warnen. Einmal ausgesprochen, kannst du dieses Wissen nicht zurückgeben. Dann gibt es keinen Weg zurück. Oder du kannst dich umdrehen, dieses Geschäft verlassen und morgen wird alles so sein, als wäre diese Nacht nicht geschehen und ich werde nie wieder ein Wort darüber verlieren. Wenn du bleibst, wirst du ein Teil meiner Welt und zu dieser gehören bedauernswerte Kreaturen wie diese arme Frau. Was ich dir erzähle, wird dein Verständnis von all dem, was möglich ist, auf die Probe stellen. Deine Moralvorstellung? Die Gesetzte? Recht und Ordnung, denen du dein Leben gewidmet hast, werden außer Kraft gehebelt und nicht jeder auf meiner Seite wird glücklich darüber sein, dass ich mit dir gesprochen habe. Aber du hast mir, nun ja, das Leben gerettet und dabei dein Eigenes riskiert. Es ist deine Entscheidung, Audra.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Abgewandt lag er darnieder... der Blick ihrerseits, gehüllt in Schatten und dem dunklen Glitzern in den Augen, die dieser dimm beleuchtete Raum schenkte und die fahle Dusterheit wie eine Decke über die Anwesenden legte. Sickernd drang die lungernde Dunkelheit in den Ecken hervor und legte die langen Finger ihrerseits in jede Falte ihrer Kleidung, jede gerunzelte Stelle ihrer Stirn und unter die sachte Wölbung ihrer Unterlippe. Nebenbei fuhr ihre eigene Hand, die das kleine Tüchlein umschlossen hielt wie eine Rettungsleine, über die Haut unter ihrer Nase... versuchend, jene Reste des roten Blutes vergessen zu machen. Der Augenwinkel Audras war es, der die wenigen Bewegungen von Gabriel wahrnahm, während sie auf seine Antwort wartete. Das zaghafte Aufsetzten, der vorsichtige Griff zur vernähten Wunde die auch aus dieser Entfernung... meisterlich aussah. Ob der diffusen, absolut verkommenen Situation die die beiden Gestalten erneut zusammengeführt hatte, konnte Audra nicht anders als sich für einen Moment ihrer Arroganz hinzugeben und sich in Gedanken auf die Schultern zu klopfen... war ihre Mutter auf das Wenigste stolz, dass die junge Frau erreichte und noch wichtiger, wie sie die Dinge erreichte, aber würde sie diese Naht sehen, wäre sie wohlmöglich in Tränen ausgebrochen.

      Audra schüttelte kurz den Kopf über die abschweifenden Gedanken ihrerseits. Nein, wäre sie nicht. Und töricht zu glauben, dass dies ihrer Mutter Genüge getan hätte. Langsam, gar zäh rutschten die schattierten Spiegel ihrerseits wieder empor und suchten das blutverschmierte Haupt des Mannes, der vor ihr auf dem Tisch verweilte. Er sah... furchtbar aus. Grotesk. Gar... wie eine wandelnde Leiche. Das leichte, kaum merkliche Kräuseln ihrer Augenbrauen verriet die Dunkelhaarige, die auch jetzt noch nicht davon ablassen konnte, eine gewisse Sorge... einen Zug der Furcht in ihrem Brustkorb zu spüren. Ihr Herz war es, welches deutlich machte... welch Bedenken die junge Frau nicht insgeheim gehegt hatte, als sie den Mann vor sich mit nichts anderem als diesem... Hauch von Faden, der bei nachträglichem Überlegen nichts anderem als einer Rauchschwade geglichen hatte, zusammengenäht hatte. Und das hatte gereicht? Was war mit den offensichtlichen Verletzungen im Inneren? Was... würde er nicht einfach jämmerlich verbluten?

      Es waren die Worte des Weißhaarigen die die abgelenkte Kommissarin wieder ins Hier und Jetzt beförderten. Eindringlich hörte sie ihm zu, versuchte zu verstehen was er ihr dar nieder legte. Schwerer und schwerer wurde die Luft, die die Inspektorin mit einmal zu atmen hatte. Dichter, gezwängter der Raum, gefüllt mit solch unterschwelliger... Drohung. Beinahe automatisch verhärteten die sanften Züge der Inspektorin, die... die Tragweite seiner Sätze langsam auf sich sitzen fühlte... wie ein Elefant, der versuchte auf Eiern zu balancieren. Unbewusst sank der Arm Audras an ihrer Seite hinab, umklammerte das Tuch welches zur Umsorge ihrer Nase hätte dienen sollte, ein wenig fester. Kaum merklich drangen dabei die Knöchel unter der blassen Haut ihrer Hand hervor, schenkten dem bereits von Sonne und Bräune verschonten Leib der Dame weitere, noch weißlichere Flecken. Instinktiv setzte Audra einen halben Schritt nach hinten. Eine.. Angewohnheit, die sich während der Zeit ihrer Ermittlungstätigkeiten angewöhnt hatte um das Bild... das große ganze Bild, dass sich vor ihr erstrecken würde noch besser, noch genauer in sich aufzunehmen.

      Und nun war jenes Bild doch nur die halbnackte, blutverschmierte Gestalt Gabriels, der vor ihr saß wie eine Statue der alten Griechen, gemeißelt aus feinstem Marmor, die ob seiner fruchtbaren Erscheinung nichts von ihrer eigentlichen Eleganz und Grazie verloren hatte. Wie Ikarus... der zu nah an die Sonne flog und sich seine Flügel verbrannte... Momente der angespannten Ruhe durchzog das Innere des HInterzimmers. Tiefe Atemzüge lang, konnte man die Sekunden an ihnen abzählen, die sich Audra für ihre Antwort Zeit nahm, war das bloße, raue Schnaufen beiderseits zu hören, ehe die Inspektorin den suchenden Blick, welcher sanft von links nach rechts schoss vom Anlitz des zugerichteten Antiquars abwand und sich über die Lippen leckte, jene beiden weichen Kissen in spärlich geöffneter Stellung in ihrem Gesicht hinterließ.

      Welche Antwort war auf diese Offenbarung denn nur die richtige? Immer hatte die Inspektorin einen schlauen Spruch auf Lager. Etwas, dass sie aus der Situation ausbrechen ließ, einen harten linken Hacken an verbaler Ausflüchte, rettende Gedanken, forsches Handeln... aber... nicht jetzt. Das Zögern, der wirbelnde Geist stand der sonst so stoisch wirkenden jungen Frau ins Gesicht geschrieben. Ungehalten zuckten ihre Augenbrauen von oben nach unten, verschoben die glatte Haut in Kerben und Furchen, während sich die Lider über das verdeckte Grünblau hoben und senkten. Oftmals setzte sie zu einer Antwort an, sog gierig die Luft in ihre Lungen hinab, die bereit dafür waren, Worte zu formen, die so ungeordnet in ihrem Kopf herumschwirrten. Obwohl die Antwort doch so eine einfache war. Ein Wort. Ein einziges, kleines, verdammtes Wort: Nein. Und doch merkte Audra, dass sie... zögerte.

      Wollte sie das denn? Wollte sie... all das aufgeben, für das sie so hart, so lange, so aufopfernd gearbeitet hatte? Geweint, geflucht, gekämpft, gelaufen, gegiert... wäre alles... vorbei... es wäre... vorbei, umsonst, abgeschrieben. Scotland Yard? Geschichte. Ihre Kanzlei? Sofortige Neuvermietung. Alexander? - nun, für ihn würde sie bestimmt bei ihren Chefs eine Anstellung arrangieren können. Gezwungen schluckte Audra den Kloß in ihrer Kehle hinab und fixierte das Antlitz des Mannes auf dem Tisch vor ihr wieder mit dem gewohnten, ernsten und unnachgiebigen Ausdruck in ihrem Antlitz. Hatte die Neugier denn gewonnen? Hatte das Unbekannte einen... derart großen Funken in ihrem Herzen springen lassen, sodass ein neues... viel größeres Feuer in ihr zu brennen begonnen hatte? Sie.. fühlte sich zumindest so, als sie das Zittern ihrer Hände bemerkte und den unsteten Atem in ihre Lungen hinabzwang.

      Es war kein Räuspern, kein vornehmes auf sich aufmerksam machen, welches sonst zur Tagesordnung der Frau gehörte. "Dann erklär es mir. Sag mir, was du bist. Sag mir, was du machst. Sag mir, was dort... in dieser Gasse passiert ist.", mit ruhigen Worten beugte sie ihren Körper ein wenig weiter nach vor, schlenkerte ihr Haupt deutend zurück in die Richtung aus der sie gekommen waren. "Wie tief auch immer dieses Wissen kerben mag, welches du mir schenken wirst... ich traue mich zu sagen, dass du weißt, dass ich mit Informationen nicht um mich werfe, wie Bäcker mit übrig gebliebenen Brot.", einen Moment hielt die Inspektorin inne, nahm einen weiteren Atemzug durch ihre Nase. "Anzunehmen, dass ich jetzt einfach durch diese Tür dort hinten verschwinde, nachdem was ich gesehen habe... von was ich so unfreiwillig Zeugin wurde... das, Gabriel, ist ein törichter Gedanke den du da über mich hegst. Und das schmerzt mich um ehrlich zu sein... ich dachte, du würdest mich mittlerweile besser kennen. Ich bin eine Inspektorin. Natürlich geschenkte Neugier und die ... Bewunderung des Unbekannten... wurde mir in die Wiege gelegt. Wie könnte ich jetzt... vor diesen Tugenden zurücktreten?", Audra konnte sich in diesem Moment nicht helfen, denn auch wenn sie versuchte die stete ernste Miene aufrecht zu erhalten, schoben sich ihre Mundwinkel zu dem wohl kleinstmöglichen Lächeln nach oben und gaben dem steinernen Auftreten ihrerseits eine gewisse... Weichheit.
    • Dann erklär es mir. Sag mir, was du bist. Ganz kurz hatte Gabriel gehofft, dass Audra einfach umdrehte und ging. Er hätte viel dafür gegeben, ihr die Fragen nicht beantworten zu müssen. Er würde sich bald um diese vermaledeite Silbermünze und die bedauernswerte Seele darin kümmern müssen, bevor die Gefühle mit ihm durchgingen. Gabriel spürte sie unter der Oberfläche brodeln. Emotionen, mit denen er nicht mehr vertraut war. Die Unberechenbarkeit des Moments verursachte ein Unbehagen, das er am liebsten ganz entschieden abgeschüttelt hätte. Sein Blick fiel auf ihre zitternden Hände und er konnte sich gerade rechtzeitig davon abhalten danach zu greifen. Der Schock über das Gesehene hatte Spuren hinterlassen und nun nötigte Audra ihn dazu, ihr noch mehr auf die zierlichen Schultern zu laden. Gabriel stieß schwerfällig den Atem aus.

      „Erinnerst du dich daran, was ich dir über die Dolche erzählt habe? An die Geschichte über die gestohlenen Münzen, die für den Fährmann Charon bestimmt waren?“, begann Gabriel. „Du hast mich damals gefragt, woran ich glaube. Nun, ich muss nicht glauben, wenn ich die Wahrheit bereits kenne. Der Tod ist nicht das Ende, Audra. Er ist der Beginn einer Reise. Das Jenseits ist kein Hirngespinst. Es existiert, wenn auch etwas anders als in der Vorstellung der Christen und anderen großen Religionen. Nach dem Tod kehren unsere Seelen in den Lebensfluss zurück, sie werden von den Schatten ihres alten Lebens gereinigt und auf eine neue Chance vorbereitet. Es ist ein Kreislauf. Wir nennen diesen Fluss den Styx. Ja, genau wie in der griechischen Legende. Doch manche Seelen weigern sich die Schwelle zu übertreten. Sie klammern sich an ihre Existenz und nähren sich von Angst, Zorn und Verzweiflung. Es bringt das Hässlichste in ihnen hervor und verwandelt sie in die Kreatur, die die heute Nacht gesehen hast. Diese Seelen benötigen Hilfe beim Übergang in die nächste Welt.“

      Gabriel glitt vom Schreibtisch herunter. Es mangelte ihm an seiner üblichen Eleganz, nahm ihm jedoch nichts von seiner andersweltlichen Präsenz als er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete. Mit einer Hand über der frisch vernähten Wunde ging der Antiquar zu einem Bild herüber, das sich nur wenige Meter neben ihnen an der Wand befand. In seiner Einfachheit lag das Talent. Auf verblichenem Pergament, so dünn wie die Flügel eines Schmetterlings, und hinter schützendem Glas zeigte es einen ruhigen, geradezu friedlichen Fluss, der sich durch eine Einöde schlängelte. In einem schmalen Boot darauf, stand ein vermummter Mann in Kutte, der mit seinen knochigen Händen einen langen Stab umfasste, der ihm als Ruder diente. Im Fluss selbst glitten die menschliche Umrisse zu seinen Füßen. Der Mann oder die Frau, es war nicht zu erkennen, hielt wohlwollend gar schützend eine Hand über das Wasser.

      „Das ist eine Darstellung von Charon. Das Alter der Zeichnung lässt sich nicht datieren, aber eine falsche Berührung und das Pergament zerfällt zu Staub. Charon ist nicht der grausame Tod, der die Menschen aus Vergnügen aus ihrem Leben reißt. Er ist der Beschützer des Styx und der Reisenden“, fuhr Gabriel fort. „Ich bin ein Fährmann, Audra. Die zeitgemäße Bezeichnung, die Meinesgleichen nun bevorzugt, ist Reaper. Wir sind die Erben Charons. Unsere Aufgabe ist es den Seelen, die ihren Weg verloren haben, beim Übertritt ins Jenseits zu helfen. Wir reinigen sie von dem Trauma, das der Tod ihnen brachte. Andernfalls würden sie den Styx korrumpieren. Der Kreis wäre gestört und im schlimmsten Fall unterbrochen. Um das Geleit der betroffenen Seelen zu gewährleisten, trennt sich ein Reaper von der eigenen Seele und nichts ohne Seele lebt wirklich. Wir sind Pforten ins Jenseits. Lebende Tote, die mit beiden Welten verknüpft sind. Unsere Zeit ist nur geliehen, ein Aufschub bis der Styx uns ruft. Ich bin nicht weniger tot, als diese bedauernswerte Frau, Audra.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Und da begann der Mann zu sprechen... und Audra... die hörte zu. Festgefahren war ihr Blick, war das Brennen in ihren Augen, auf jenem Herren, den sie vor nur knappen fünf Minuten vor dem sicheren Blutungstod gerettet hatte. Und wohl wahr... das was Gabriel sprach, glitt einfach gesagt einem Märchen. Etwas, dass man den Kindern zu Abend vorlas, die Monster ins Bett brachte vor denen man sich dann des Schlafes wegen fürchten musste... Und doch hang Audra an jedem Wort, dass von seinen bleichen Lippen tropfte, wie jenes rote Blut, welches sich zuletzt noch so frech aus seinem Brustkorb stahl und Haut und Material benetzte, besudelte. Die Inspektorin kam nicht darum herum, ihr Gewicht während seinen Erzählungen vom einen Bein auf das andere zu verlagern und ja... instinktiv, wohl aber auch, um jenes erlebte, mit all der Schwere die auf ihren Schultern lag, irgendwo abladen zu können, ergriff die Dunkelhaarige einen Stuhl der ihr gerade am nächsten war und vergrub die nach wie vor mit Blut getränken Fingerspitzen in dem körnigen, rauen Holz der Lehne. Eine unbeschreibare Hitze breitete sich mit einem Mal im Körper der jungen Frau aus, die langsam begann zu verstehen und zu... sehen. Wie ein Wirbelwind, ein Mahlstrom der Erleuchtung, fraßen sich die Gedanken in ihrem Kopf durch ihre Hirnrinde und legten sich wie heißes Blei in jeden Winkel ihres Körpers. Befehligten die Muskeln, die sich nur nach kurzer Zeit anfühlten wie weichgeronnene Butter nahe dem feuergewärmten Herd. Ihre Knochen wurden ihr schwer und leicht zugleich... ein plötzliches, trockenes Kratzen übermannte ihre Kehle und Audra fand sich in ungläubigem Blinzeln wieder, während das blaugetünchte Grün ihrer Augen auf dem Körper des Mannes lag, der ihr so unverblümt vom Tod, dem Nachleben und allem was damit hereinging erzählte.

      Sie verhielt es sich, dass unwirsche Räuspern, dass ihr im Halse stecken blieb, während Gabriel ihr das Bild eines Fährmannes zeigte... eine eigentliche Sagengestalt, die die Seelen vom einen Ufer zum anderen brachte, ihnen die sichere Überfahrt gewährte... nun, er war es lange genug gewesen. Audra war durchaus vertraut mit den Sagen und Mythen zu jenem kapuzierten Herren, der auf seiner kleinen Gondel die Guten und die Bösen, die Pazifisten und die Schlächter, die Jungfrauen und die Kinder, jene Ungeborenen und zu früh verstorbenen, die alten Kranken und die Gesunden, rechtlos verschiedenen hinüber geleitete, zu jenen Pfaden die ins unbekannte Jenseits führen würden. Es war auch nur dieser eine Moment, in dem der wache, doch durchaus irritierte, verwirrte Blick der Inspektorin aus dem Gesicht des Antiquars sprang, um jene Satonalie in ihren Augen einzufangen, bevor ihre gesamte Aufmerksamkeit wieder jenem Weißhaarigen galt, der das Unmögliche vor ihrer Existenz ausbreitete... so, wie manche liebestrunkene Männer sich die Jacketts auszogen um die Geliebte sicher über Dreck und Morast zu geleiten... wie manch Dame sich vor den Füßen jener angehimmelten Junggesellen räkelten, nur um erneut Ablehnung zu erfahren... ein Meisterwerk, ein Enigma, nichts, dass Audra erwatet hätte. Und das... störte die junge Frau doch mehr, als sie zugeben konnte und wollte. Sie war nicht gerne nicht Herrin der Lage... und diese Flut an Informationen, erschlug Audra.

      Und um die Aussage Gabriels zu konklusieren... brannten sich all die gehörten Wörter auf einen gemeinsamen Punkt zusammen, formten einen großen, gemeinsamen Nenner... er nannte sich selbst wie jenes Wesen, jene Gestalt... er war einer davon. Einer von.. wahrscheinlich vielen dieser Fährmänner... Reaper. Sie konnte die bittere Note, dieser... rauchige Nebengeschmack des Wortes nicht vollkommen ignorieren, der sich beim Klang auf ihrer Zunge ausbreitete. Und dann... kehrte Ruhe ein. Einzig und allein das wache atmen, das lebendige Geräusch zweier Lungenpaare, die sich in dem dimmen, gar unheilig dumpfen Licht im Hinterzimmers des Antiquariats ausbreitete, war zu hören. Und Audra... ließ Gabriel nicht aus ihrem Blick entfliehen. Das zarte, blutverschmierte Gesicht der jungen Frau ein festgepflasterter Ausdruck zwischen Unglaube, Überraschung, Irritation, Verwirrung, Faszinazion... und noch ganz vielen Nuancen dazwischen. Die LIppen fielen ihr für eine Sekunde einen Spalt breit auseinander, zeichnete sich eine hauchzarte Weichheit in die Züge der Inspektorin, welche ihre Contenance einen Atemzug lang verlor.

      "Ich...", begann sie dann, ihre Stimme nicht viel weniger als das eisige Zittern eines welken Laubastes im Winter. "... traue mir im Moment selbst nicht... wenn ich mich sprechen höre aber... möchte... ich dir Glauben schenken." Kühl verklang die Melodie ihrer Stimme im Raum und weitere Sekunden der Ruhe breitete sich wie ein schwelendes Glutnest zwischen den beiden aus. "Wie... wie lange... lebst du schon in diesem Zustand?", war die nächste, gewähltere Frage, die ihre Lippen verließ, nachdem ein klärendes Räuspern sich erneut aus ihrer Kehle stahl und ihre Stimme ein wenig an Kraft gewann. "... und wie lange wirst du diese Bürde tragen müssen? Kannst... du dich nicht davon lösen? Bist du... dazu verdammt... solch Strapazen für... das Ende der Zeit durchleben zu müssen? Was... wenn ich dich nicht gefunden hätte?"... es dauerte nicht lange. Bersorgniserregend kurz sogar, dass sich Audra so mir nichts dir nichts an die... neue, unaussprechlich unglaubliche und unwirkliche Situation gewöhnt hatte... die Dinge, die ihr Gabriel erzählt hatte, einfach annahm. Wie den Sonntagstratsch bei Kaffee und Kuchen. Ein Zeichen ihrer... eigenen, abstrusen Welt in der sie lebte? Ein Hinweis auf das verkorkste Wesen? Oder doch nur... reinste, purste Neugier und das Wissen... die Gier danach, das unbekannte zu verstehen?
    • Audra wirkte auf Gabriel erstaunlich gefasst. Mit jeder Wahrheit, die er ihr offenbarte, wurde ihre Augen zwar größer, aber sie rührte sich nicht von der Stelle. Die Inspektorin wich nicht zurück und nahm nicht gleich Reißaus vor der Kreatur, die sich hinter einem ansehnlichen Gesicht und Manieren versteckte. Es war unmöglich zu bestimmen wie viele Emotionen gerade auf ihrem blutverschmierten Gesicht flackerten. Gabriel hätte sie niemals alle benennen können ohne eine davon zu gleich wieder zu vergessen. Er hatte ihr geheimes Wissen offenbart, das sich gänzlich ihrem Weltbild entzog und ihr damit die heißgeliebte Kontrolle aus den Händen gerissen. Der Antiquar konnte sehen wie sie mit der Verunsicherung kämpfte, die sie nicht gewöhnt war. Seit ihm Audra über den Weg gelaufen war, hatte sie stets ihre Umgebung mit scharfen Augen betrachtet um kein Rätsel zu übersehen und doch war das Größte von ihnen die ganze Zeit direkt vor ihrer Nase gewesen - eine Abscheulichkeit wider der Natur gekleidet in einem schicken Anzug. Er war, was er war, ganz ohne Seele und Mitgefühl. Obwohl seine Existenz eindeutig ein ehrenvolles Ziel verfolgte. Gabriel hatte seine Menschlichkeit für das große Ganze geopfert.

      Bei Audras erster Frage, schlich sich ein Schmunzeln auf seine Lippen. Die Bewegung dieser Muskeln fühlte sich befremdlich an, vor allem, wenn es ohne sein Zutun geschah. Dieses Heben der Mundwinkel diente nicht dazu, Audra zu bezirzen und eine ganz bestimmte Reaktion zu provozieren. Nein, Gabriel schmunzelte über die Ratlosigkeit, die eine scharfsinnige Inspektorin auf ungewohntes Terrain führte. Langsam wandte er sich von dem Bild ab und näherte sich einem antiken Schrank, dessen quietschende Scharniere nach sanftem Rütteln nachgaben. Die Schranktüren schwangen auf um den Inhalt preiszugeben, der sich als gewöhnliche Kleidung herausstellte und nicht als ein weiteres Geheimnis. Gabriel zog ein schwarzes Hemd hervor, dass im Licht der Gasflämmchen leicht schimmerte. Teure, weiche Seide, die sich nur die Gutbetuchten leisten konnten. Mit dem Kleidungsstück in der Hand ging er zurück zu Audra, machte aber keine Anstalten das Hemd auch überzuziehen. Stattdessen sah er tief in ihre Augen.

      "Fast 62 Jahre", beantwortete Gabriel endlich Frage und befriedigte den wohl kleinsten Teil ihrer Neugierde. Er konnte Audra förmlich ansehen, wie sich die Zahnrädchen hinter ihrer Stirn schneller drehten und sie versuchte, die Zahl mit seinem jugendlichen Gesicht in Einklang zu bringen. "Zu lange und doch nicht lang genug. Die alten Blutlinien der Fährmänner versiegen. Technik und Fortschritt haben unsere Welt so viel größer gemacht und nicht alle Erben streben ein Leben im Schatten an. Sie wollen davon kosten, was die Welt ihnen zu bieten hat. Sie wollen leben, Audra. Ein Wunsch, dem ich niemandem verübeln kann, aber wer den Weg des Reapers einmal einschlägt, für den gibt es kein Zurück mehr."

      Er fuhr fort, nachdem er ihr das Hemd in die Hand drückte und mit dem Kinn auf ihre blutbesudelte Bluse deutete. "Eine Bürde? Vielleicht ist es das, aber es das Einzige, das die Welt, so wie du sie kennst, bewahrt. Stell dir vor, was passiert wäre, wenn mir die Seele entkommen wäre und multipliziere es um alle große Städte rund um unseren Globus." Gabriel neigte das Haupt leicht herunter, begab sich auf eine delikate Augenhöhe mit Audra. Unter dem erstickenden Blutgeruch konnte er immer noch eine zarte Note ihres Parfüms wahrnehmen. Seine Stimme war lediglich ein Flüstern. "Ich bin nicht unsterblich, Audra, das Ende kommt auch für mich und ich fürchte mich davor. Es ist die menschlichste und ehrlichste Empfindung, zu der ich noch imstande bin - Furcht. Wärst du heute Nacht nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen, hätte meine Existenz schneller ein Ende gefunden als mir lieb ist. Ich wäre gestorben. Nun ja, mein Körper wäre gestorben und meine Seele...wäre an dem Ort, an den ich sie gebannt habe, verkümmert und verwelkt. Sie hätte nie die letzte Schwelle übertreten, hätte nie den Styx erreicht und ich...hätte aufgehört zu existieren. Endgültig. Keine Widergeburt. Keine zweite Chance auf ein Leben, das mir in diesem verwehrt wurde."

      Weil Audra noch keine Anstalten unternommen hatte, das Hemd überzuziehen, drehte Gabriel sich aus Höflichkeit um. Während er eine Wand mit dem Blick fixierte, sprach er besonnen weiter. "Ich denke, das genügt für eine Nacht. Aber es wird Zeit, dass ich mich um sie kümmere und dabei solltest du nicht hier sein. Es ist...kein schöner Anblick." In Gabriel erwuchs der Wunsch, dass Audra in nicht in diesem Zustand sehen sollte, übervoll mit Emotionen, die nicht seine Eigenen waren und dennoch Tiefvergrabenes aus der leeren Hülle seines Daseins ans Licht zerrten. "Geh nach Hause und wenn du dich dazu außerstande siehst, geh nach oben. Mein Schlafzimmer ist unterm Dach. Die Laken sind frisch und sauber, ich benutze es ohnehin kaum. Ruh dich aus. Ich bin morgen auch noch hier und den Tag danach. Wer einmal einen Blick in der Schleier wirft, den lässt das Schicksal nicht mehr los, Audra. Du bist jetzt ein Teil davon, ob du es wünscht oder nicht."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Geh nach Hause...

      Ein wenig perplex sah sie dem Weißhaarigen dann doch entgegen. Sie hatten gerade erst begonnen, sich um das Mysterium welches sich um den Herren vor ihr wand, wie eine Anakonda um ihre Beute, in Wissen und Materie zu vertiefen und nun... sollte es schon zu... Ende sein? Unwillkürlich fester hatte Audra das schwarze Hemd umklammert, welches ihr Gabriel nebenher in die Hand gedrückt hatte, während er ihr die Antworten auf ihre gestellten Fragen gab. Wohl wahr... es erschlug sie auch die nächste Welle an Informationen wie die ungezähmte Wut der See nach einem aufreibenden Sturm. Peitschend, gar spröde war die Gischt seiner gewählten Worte, die sich bei jedem weiteren Atemzug, bei jedem weiteren Äußern der Silben, in ihr Herz brannte und dort glühende Spuren hinterließ. Spuren, Male, die nicht mit einem simplen... Geh nach Hause... zu besänftigen waren. Schwer hang die Stille nun doch wieder zwischen den beiden... eine Stille die Audra diesmal nicht brechen wollte. Oder konnte. Starr war ihr Blick in den Hinterkopf, den Nacken... gar zwischen seinen Schulterblättern gebohrt, als sie dann doch jenes geschenkte Kleidungsstück zur Seite ablegte und sich mit einem tiefen Atemzug begann, die Bluse aufzuknöpfen. Gott, warum ... zitterte sie so? Warum konnten ihre Finger sich nur gerade nun nicht der Stille hingeben, der Stoik, die ihren Körper sonst allzu gerne heimsuchte? Audra biss sich auf die Unterlippe... weiter und weiter wanderten ihre Finger am Saum der Knopfleiste hinab, bis sie das blütenweiße Hemd, befleckt mit dem Scharlachrot ihrer selbst...

      Raschelnd ging die Bewegung ihrerseits, als sie sich aus dem Hemd schälte und mit flinken, doch viel zu ... mechanischen Bewegungen das schwarze Hemd des Mannes überzog und mit kaum abgeklungenem Zittern in den Arken versuchte die falsch angereihte Knopfleiste zu verschließen. Ein Räuspern ihrerseits kündige an, dass sie in ihrem Vorhaben erfolgreich gewesen war und nur zwei Sekunden später trafen sich die Blicke der beiden Gestalten, die in dem dunklen Hinterzimmer durch ganz.. eigenartige Weise ein Stück weiter zueinander hin getrieben wurden. Unzufrieden haftete der Blick aus den Augen der Inspektorin auf dem Haupt des Antiquars... ein tiefer Atemzug über ihre Nase in ihre Lungen hinab, zeugte davon, das Audra davor stand etwas zu sagen... etwas von sich zu geben... fest, angespannt lag ihr das Kiefer an seinem Gegenpart an, die Augenbrauen standen ihr in leichter Welle über den Augen... und doch fand jenes Luftholen nur den selben Ausgang wie er zuvor den Weg hinein gefunden hatte... nur langsamer, sanfter. Die Gesichtszüge der allseits perfekten, ernsten, manierlichen Inspektorin erweichten... ein Glänzen unbekannter Emotion und Ursprungs pflanzte sich in die Augen der jungen Frau, welche ihren Blick mit Vorsicht in dem Antlitz des Mannes herumspringen ließ. Gar, als wollte sie sich das Gesicht des Mannes vor ihr für die Ewigkeit in ihren Erinnerungen einbrennen wollen...

      "Wünsche sind nichts, was mir im Leben je weitergeholfen hätte...", antwortete die Dunkelhaarige dann ungewohnt zärtlich und leise. "... man... sieht die Chancen, überlegt seine Position... nehme ich wahr, was das Schicksal mir vor die Füße wirft? Ergreife ich sie, die Möglichkeit? Wenn ich mich dagegen entscheide, lebe ich so weiter wie zuvor... vielleicht drängt sich mir ein neuer Weg auf, etwas anderes, dass mein Leben spannend machen könnte, aber verbleibt die Chance doch... ungenutzt. Sehnsüchtig schreiend im letzten, aller schwärzesten Winkel unser aller Bewusstsein. Und wenn ja... wenn ich weiß, mir sicher bin, die Bürde tragen zu können... dann lebt oder zumindest akzeptiert man die Konsequenzen, nicht wahr?", schob sie sogleich hinterdrein und legte den Kopf kaum merklich schief, während ihr ruhiges Augenmerk auf dem Gesicht Gabriels haften blieb. Ein müdes Seufzen schob sich aus der Kehle ihrerseits. Der Blickkontakt wurde gebrochen, ihre Kraft verließ sie für einen Moment, der Kopf fiel ihr nur Zentimeter weit hinab und die Augen ihrerseits waren schräg gen Boden gerichtet.

      Ihr Kopf schüttelte sich nun nur leicht... brachte die gezwirbelten, vom Schweiß gelockten feinen Härchen um ihren Stirnkranz zum wippen. Vorsichtig richtete sich ihr Haupt wieder empor und sie schenkte Gabriel die gewohnte harte Maske der Inspektorin. "Du... solltest dich waschen...", unverblümt drangen die Worte über ihre Lippen, dabei jedoch den Hauch von Sorge und ein schleichendes Gefühl von Wohlwollen mit ihnen zu tragen. Kurz zuckten die Mundwinkel Audras dann empor. Ein stilles... Abschiednehmen für den Moment. Gabriel mit gewählten Schritten umrundend, sich selbst und ihren gebeutelten Körper in Richtung des Hintereingangs führend, stoppte Audra dann nur nochmals, als ihre Hand schon am Türknauf lag. Verstohlen glitt ihr Blick nochmals seitlich über ihre Schulter zurück. Die im Dunkeln hervorglänzenden Augen der Dame, nahmen über die Entfernung nochmals den malträtierten Leib des Antiquars in Beschlag. Ein kurzes - erleichtertes? - Seufzen verklang erstickt im Raum. "Ich... bin froh... dass... du nicht gestorben bist... Gabriel.", murmelte Audra, ein Säuseln wie das Rauschen eines Wildbaches und doch klang jedes Wort fest und gesetzt im Raum, als würde sie ganz genau wissen, was sie da von sich gab.

      Nun. Audra sagte nie etwas ohne es so zu meinen. Auch diesmal nicht. Nicht verziehen hätte sie es sich, wenn sie als einzige Helferin an Ort und Stelle nicht in der Lage gewesen wäre... nein, stop. Keine Gedanken sollen mehr verschwendet werden. Nicht daran. Mit einem weiteren Nicken, ein schmales, versicherndes Lächeln, dass dies - unter gar keinen Umständen - ihre letzte Begegnung gewesen sei, öffnete die dunkelhaarige Inspektorin die Türe in die kühle Sommernacht und war nach draußen verschwunden.
    • Widerwille zeichnete sich über den erblassten Gesichtszügen der Inspektorin ab und nahm ihr ganzes Gesicht in Beschlag. Gabriel ließ den Blick über die versteinerten Mundwinkel gleiten, wie die rosigen und blutbenetzten Lippen zu einer schmalen Linie zusammenpresste. Seine Finger zuckten bei dem Anblick und doch hingen seine Arme völlig nutzlos an seinen Seiten, als wären sie schwer wie Blei. Der Antiquar war still geworden. Nicht nur in Worten, sondern auch in seinen Bewegungen. Je länger er die zusammengezogenen Augenbrauen, die trotzig gekräuselte Nase und die funkelnden Augen betrachtete desto weniger Leben schien durch seinen Leib zu fließen. Die Schwere breitete sich in all seinen Gliedern aus, drückte auf seine Schultern, die aus der stoischen und geraden Linie seiner Körperhaltung längst hinabgesackt waren. Selbst seine Augenlider schienen von der eigenartigen Last befallen zu sein und das hellwachse Blinzeln wich einem trägen Augenaufschlag. Gabriel brauchte ein paar Sekunden um die ersten Symptome der Müdigkeit einordnen zu können. Es dauerte jedes Mal ein wenig bis er sich an die elementarsten Bedürfnisse und Gefühle eines Menschen gewöhnt hatte. Er selbst empfand sie für gewöhnlich einer rudimentären, abgeschwächten Form. Gabriel vergaß manchmal zu schlafen und gar zu essen, bis sein Körper die ersten eindeutigen Signale sendete. Er mochte ohne Seele wandeln, nicht altern und seine fleischliche Hülle mochte einige Rückschläge verkraften, doch auch sie funktionierte nicht auf Dauer ohne die richtige Zuwendung. Mehr als einmal hatte er in den ersten Jahren die Konsequenzen am eigenen Leib erfahren.

      Gabriel lauschte stumm und nickte. Der wortgewandte Gentleman schien die eigene Zunge verschluckt zu haben, während Audra in den schönsten Worten, die diese Welt zu bieten hatte, eindeutig klarstellte, dass sie all dem Grauen dieser Nacht nicht den Rücken zuwenden würde. Nüchtern betrachtet, wusste Gabriel, dass die junge Frau eigentlich keine richtige Wahl in diesem Punkt hatte. Sie war nun eingeweiht in ein Geheimnis, das bereits Jahrhunderte überdauerte. Aber ein winziger, menschlicher Teil, der sich wie eine heiße Nadel in seinen Verstand bohrte, unnachgiebig, befremdlich und voller unerfüllter Hoffnung, wünschte sich es wäre so einfach. Gabriel sehnte den Morgen herbei, an dem ihm dieser Gedanke keinen Kummer mehr bereiten würde. Gleichzeitig hoffte er, dass die Nacht nie endete und er nicht vergessen würde, wie sich die zarten Hände auf seiner erkalteten Haut wirklich anfühlten und wie ihn trotz des Schmerzes ein zarter Schauer überfallen hatte. Wie Kälte und Wärme auf ganz widersprüchliche Weise gleichzeitig existiert hatten. Die Vorstellung, das er bei Morgengrauen lediglich noch wusste, wie es sich anfühlen sollte ohne es wirklich zu fühlen, war an Bitterkeit kaum zu übertreffen. Sie war ein ätzendes Gift, dass sich langsam in seinen Verstand fraß. Die Seele würde nicht innerhalb der nächsten Tage verglühen, wenn er sie nur ein bisschen länger behielt und sie losließ bevor sie ausbrannte…

      „Du solltest dich waschen.“ Die Worte waren wie ein Weckruf und zerrten Gabriel aus der immerwährenden Spirale seines rasenden Geistes, der bereits damit liebäugelte Gesetze und Regeln für ein klein wenig menschlicher Wärme zu verbiegen. Allein der Gedanke kam einem Verbrechen gleich. Doch Gabriel widerstand und schenkte Audra ein müdes Lächeln, dessen Dankbarkeit die Frau unmöglich verstehen konnte. Der erschöpfte Fährmann, lädiert und mit einer langen Nacht vor sich, sah der Frau nach, die sich in seinem Hemd der Treppe näherte. In seinem Hemd…Gabriel stieß ein lautloses Seufzen aus, dass sich nur im Zucken seiner Schultern zeigte. Es war gut und richtig, dass Audra ging. Um keinen Preis der Welt hätte er beschwören können, welchen Impulsen er noch nachgegeben hätte. Die Distanz war gut und richtig. Sie würde Audra vor zukünftigem Kummer bewahren und Gabriel verabscheute erneut den unweigerlichen Morgen, der mit jeder Minute näher rückte, an dem er die Sorge und zurückhaltende Zuneigung ausnutzen würde, um zu bekommen, was er wollte.

      „Ich bin froh, dass du nicht gestorben bist, Gabriel…“ Es war ein Stich ins Herz, dieses leise Flüstern, dass in umhüllte und seine Mundwinkel zu einem Lächeln verleiten wollte. Fast hätte er seine Entschlossenheit über Bord geworfen. Gabriel sah sich auf ihren Fersen und nach ihrer Hand greifend. Er sah seine eigene, bleicht Hand in den weichen, dunklen Wellen ihres Haarschopfes. Seine Lippen kribbelten mit der Erwartung die samtweiche Haut ihrer Kehle zu kosten. Fest und besitzergreifen würden sich seine Finger in den zarten Schwung ihrer Hüften drücken und ihren Rücken gegen die rauen Wände des Kellergewölbes.
      „Ich auch…“, antwortete Gabriel ebenso leise. Und ich bin froh, dass dich dein Mut nicht das Leben gekostet hat, fügte er gedanklich hinzu ohne eine Silbe davon über seine Lippen zu lassen. Audra verschwand mit einem Wispern und dem endgültigen Schlag einer zufallenden Tür.

      Der Antiquar bewegte sich mittlerweile schwankend und unsicher auf den eigenen Beinen in den hinteren Teil des Kellerraumes. Hinter mehreren hohen Bücherregalen und Vitrinen prangten zwei massive, schwarze Eisenketten an der Wand. Sie waren festverankert und selbst die volle Kraft zweier bulliger Kutschpferde hätte die Verankerung niemals aus dem Mauerwerk reißen können. Mit einer seltsamen Endgültigkeit, die seine Miene versteinerte, legte er sich die kalten und schweren Eisenmanschetten um die Handgelenke. Unzeremoniell ließ sich mit dem Rücken an der Wand zu Boden sinken. Mit zittrigen Fingern zog er die Silbermünze hervor, strich gar liebevoll über die Prägung und führte sie an seine Lippen, ohne das Silber zu berühren. Als er den stockenden Atemzug gleich einem Hauch entließ, glühten im schwachen Licht filigrane Linien im groben Eisen der Handschellen auf. Gabriel wusste, dass sie sich erst wieder öffneten, wenn seine Arbeit beendet war. Mit einem letzten, schweren Seufzen ließ er den Hinterkopf gegen die Wand fallen und stellte sich auf eine lange, schlaflose Nacht ein.
      _________________________________________________________________

      Feucht und strähnig klebte Gabriel das weiße Haar im Nacken. Die altvertraute und ausdruckslose Mimik seines Spiegelbildes sah ihm entgegen. Ein Bruchstück der Normalität, die seinen Alltag als Fährmann mit sich brachte. Davon hatte er Audra am vergangen Tag nichts erzählt. Eigentlich hatte er ihr schon viel zu viel Preis gegeben. Ein bisschen weniger Offenheit hätte jedenfalls nicht geschadet. Die Gefühle hatten ihn schlichtweg übermann und er hatte ihr tatsächlich anvertraut, dass er seine Seele außerhalb seines Körper verwahrte. Zwar hatte er ihr nicht die genaue Position verraten, aber es genügte um für Gabriel einen Fehler darzustellen. Audra kannte nun den wohl gefährlichsten Schwachpunkt, den ein Reaper hatte. Wenn sie jemals in den Besitz seiner Seele kommen sollte…Es war völlig undenkbar. Sie hätte ihn und seine gesamte Existenz, alles, was ihn ausmachte, buchstäblich in der Hand.

      Gabriel war noch nicht unten gewesen um den Laden zu öffnen, aber hatte die Hintertür offengelassen. Es gab nur eine Person, die diese Tür benutzen würde um kein Aufsehen zu erregen oder ungewollte Gerüchte in die Welt zu setzen. Routiniert und effizient kämmte Gabriel die weißen Strähnen zurück und richtete den blütenweißen Hemdkragen. Bis auf die tiefen Augenringe unter seinen Augen deutete nicht auf die Ereignisse der Nacht hin. Er hatte gebadet, war in eine saubere Hose und ein neues Hemd geschlüpft, die ruinierte Kleidung im Ofen verbrannt und den Keller sorgsam abgeschlossen. Das gesamte Haus war so hellhörig, dass er es selbst im ersten Stock hören würde, wenn jemand, höchstwahrscheinlich Audra, den Laden durch die Hintertür betrat. Gabriel rechnete damit, dass ihre Neugier und unnötige Sorge sie geradewegs in sein Heim führten. Dabei war er so gut wie neu, ganz der Alte. Die alten Holzdielen knarzten unter seinen, erstaunlicherweise, nackten Füßen. In seinem privaten Bereich gab es keine Notwendigkeit Etikette und Normen aufrecht zu halten, die ihn sowieso nicht tangierten.

      Mit dem Vorhaben, den Teekessel zu füllen, näherte sich Gabriel der improvisierten Kochnische. Alles in allem wirkte die Einrichtung willkürlich zusammengewürfelt. Es gab kein ersichtliches Konzept, keinen einheitlichen Stil und schienen darüber hinaus aus der Mode der letzten Jahrzehnte zu sein. Die Möbel stammten zum Teil vom Vorbesitzer. Andere Stücke hatte er aus purer Notwendigkeit dazu gekauft. Es gab kaum Schränke in dem Raum, der Küche und Esszimmer in einem darstellte, und nur einen alten Tisch mit zwei Stühlen. Gabriels Wohnräume sahen nicht danach aus, als erwartete er oft Besuch. Alles war zweckmäßig und stand in keinem Verhältnis zu dem Vermögen, das er besitzen musste. Seine teuren Anzüge und die kostspieligen Waren seines Ladens, bezahlten sich schließlich nicht von allein. Eine schmale Holzstiege führte unter das Dach und zu seinem Schlafzimmer, sofern der kleine Dachraum als solches bezeichnet werden konnte. Kurz vor seinem Ziel schwankte Gabriel und griff nach der Rückenlehne eines Stuhl.

      Richtig. Er war dehydriert. Sein Körper brauchte Wasser und Nahrung. Ein wenig mehr Schlaf wäre sicherlich auch keine unnötige Idee, aber er wollte nicht schlafend von einer gewissen Inspektorin vorgefunden werden, die sich sicherlich nicht davon abschrecken ließ, heute einen Fuß in dieses Haus zu setzen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sie verblieb an jenem Abend noch ein paar Momente länger vor der Türe stehen... die Hand auf der Klinke liegend, die Gedanken kreisend. Wild, wie im Karusell ohne Ende und ohne Anfang. Im Kopfe war die junge Frau nach wie vor im Inneren beständig, den Blick auf den malträtrierten Körper des Mannes gerichtet, welcher dem Tode heute so derartig nah gekommen war, dass das Überleben selbst eigentlich einem Schmierentheater glich. Gabriel... fester schlossen sich die Finger der Inspektorin um den Knauf, der jene Türe geschlossen hielt und sie davon trennte, abhielt, nicht wieder hineinzugehen um sich nur selbst davon zu überzeugen, dass auch alles in Ordnung kommen würde, dass er in Ordnung sein wird. Langsam schloss Audra ihre Augen, verzogen sich ihre Lippen zu einer schmalen, unzufriedenen Linie... das Kiefer verhärtete ihr. Tief sog die Inspektorin einen Schwall an Luft in ihre Lungen hinab und stockte diesen in jenen. Widerwillig, gar mit richtiger Unlust machten die Beine der jungen Frau nun doch Schritte nach vor, brachten sie vorwärts, weg von jenem Hinterzimmer, dass Audra den Kopf mit Dingen gefüllt hatte, die sie so ... nicht erwartet hatte. Geschmeidig ließen die mit Gabriels Blut benetzten Finger den Knauf nun los und schwangen mit zugehörigen Arm an die Seite ihrer, während sich ihr müder, ausgemergelter Körper in Richtung ihrer Kanzlei bewegte.

      Es bedurfte doch länger als gedacht, die Reise nach Hause. Jeder Schatten, jede Regung, jedes Geräusch... für normalerweise kein Grund um der Inspektorin das Fürchten zu lehren. Aber der heutige Abend setzte der Dunkelhaarigen eine sonderbare Furcht ins Herz, eine Angst, die sie so noch nie zuvor verspürt hatte. Etwas, dass sie vorsichtiger werden ließ. Bedächtiger. Aufmerksamer... das Gesicht jener Frau, die heute ihr Leben ließ, flackerte wie ein Mahnmahl immer wieder in ihrem inneren Auge auf, brannte sich wie ein Glutnest in ihr Gedächtnis, welches mit keinem Wasser der Welt sich hätte löschen lassen. Immer wieder schüttelte Audra ihren Schopf, gerade dann wenn die Erinnerung sie zu übermannen drohte... dann, wenn die Panik, diese ungewohnte, unangenehme Aufregung sich wieder durch ihre Venen arbeitete, wie jene Dampfloks, die ob ihrer Wucht keine Möglichkeit hatten vor einem Hinderniss anzuhalten.

      Mit schweren Schritten betrat die Inspektorin in dieser vorangeschrittenen Nacht ihre Kanzlei... durch die Tür hinter der Rezeption schleppte sich Audra empor in ihre Räume und kümmerte sich erstmal um ihre Körperpflege. Ein wohlverdientes Bad, ein rigoroses Schrubben bis die Haut ihr schmerzte um ja jeglichen Dreck und Blut auch abzuwaschen... das unverblümt aggressive Kneten ihrer Haare mit jener Seife, die, auch wenn sie sich nun zum dritten mal einshampoonierte, heute nicht das gewollte Gefühl der Reinigung erbrachte, die sich Audra wünschte... es... hatte zu passen. Es musste passen. Das schwarze Hemd jenes Herren fein säuberlich über einen ihrer Stühle legend, würde sie dieses nochmals waschen, bevor sie es Gabriel zurückgab. Mr. Hargreaves wäre nach diesem Abend... eine Farce gewesen. Ein schlechter Scherz... ein Unding.

      Nachdem sie des Nachts in tiefen, aber brüchigen Schlaf gefallen war, hatte sich Audra für den Tag, einen seltenen freien sogar, in trotzdem nichts geringeres als ihre gewohnte knöchellange, braun karierte Tweethose gesteckt, ihren Oberkörper zierte ein dunkelgraues Hemd und an die Füße umschlossen schwarze, gemütliche, lederne Loafers. Sie war später aufgekommen als gewünscht und doch hatte Audra es geschafft sich auf dem Weg zu jenem Mann, der ihre gestrigen Gedanken noch zu unfreiwillig in Beschlag genommen hatte, ein kleines Frühstück zu holen. Ein Scone war es, an dem die Inspektorin eher unmotviert knabberte und doch konnte sie das sonst so herzhaft gefüllte kleine Gebäckstück kaum genießen. Die Sorge trug sie zurück an jenen Ort, der gestern Nacht so... entscheidend war, für eine Beziehung, eine Verbindung... die möglicherweise so nicht sein sollte.

      Vorfreudig fuhr Audra der morgendliche Sommerwind durch die Haare, die die Inspektorin heute zur Abwechslung nicht in einem festgezurrten Pferdeschwanz trug. Frei und ungezähmt hangen ihr die gewellten Locken vom Haupte hinab, rahmten das eckige Gesicht in eine liebliche, aber trotzalledem harte Maske und schämten sich nicht, bis hinab in die Mitte ihres Rückens zu fallen. Fein umwob sie jener Geruch ihres Parfüms, jenes, dass sie bereits mehr als Statement trug, als irgendetwas anderes. Ein Seufzen entkam der Kehle der jungen Frau, deren Augen das Haus des Antiquars entdeckten bevor es überhaupt in ihr Blickfeld gedrungen war. Zu oft war sie nun schon hier vorbeigekommen. Und um eine gewisse naseweise Art und Weise, zu behaupten den Weg bereits auswendig zu können, kam Audra nicht drumherum. Es war also mehr automatisiert als irgendetwas anderes, dass ihre Beine sie bis vor die Hintertür brachten. Der Vordereingang war noch verriegelt und versperrt, ein ungutes Gefühl war es gewesen, dass sich in ihrer Magengegend breit gemacht hatte, nur für einen Moment, zu sehen, dass Gabriel noch nicht geöffnet hatte.

      Die Hintertüre nun inspizierend, legte die junge Frau ihren Blick auf die Klinke, die sie wohl als letzte gestern berührt hatte und auch heute als erste berührte. Dünn schimmerte die schwache Blutspur ihres Griffes noch hervor, bräunlich angelaufen und dunkel umrahmt prangten ihr die Beweise davon entgegen, was wirklich passiert war und sie nicht nur in ihren Gedanken heimgesucht hatte. Scharf ging ihr Atemzug durch die Lunge hinab und gewählt, ja beinahe zittrig zwischen den leicht geöffneten Lippen wieder hervor, bevor ihr Hand nach dem geschmiedeten Messing griff und vorsichtig hinabdrückte. Mit einem leichten Quitschen sprang das hölzerne Tor nach innen auf und schenkte dem düsteren Hinterzimmer einen Hauch von strahlendem Sonnenschein. Weiter und weiter drückte Audra die Tür auf, mehr und mehr von dem wärmenden Licht wurde von der konträren Dunkelheit des Zimmers verschluckt.

      Kaum hörbar, nur ein leichtes, schleifendes Geräusch gaben ihre Füße auf dem steinernen Boden von sich, als Audra hineinschritt in den Raum, der gestern noch als Käfig des Schicksals gedient hatte. "Gabriel?", entkam es ihr, schwächlich, vorsichtig... gar als würde sie damit rechnen, den reglosen Körper des Mannes am Boden liegend, um die nächste Ecke zu entdecken. Stille umwob sie... und ein dumpfes, gleichmäßiges Geräusch drang von irgendeinem unausmachbaren Punkt innerhalb der Gemäuer zu ihr. Die Türe zur Außenwelt bedächtig schließend, trugen Audras Schritte sie weiter hinein in das Antiquariat, nachdem sich ihr Blick an die dunkleren Gegebenheiten angepasst hatten. "Gabriel, bist du da?", fragte sie erneut, ein wenig fester und gewählter in Ton und Glanz in der doch noch sehr unsicher wirkenden Stimme. Immerhin betrat sie das Haus unbefugt, uneingeladen... Vorsicht walten zu lassen, war Audra ein hohes Anliegen.

      Bedacht schritt sie vor und trat dann wirklich hinter einem dunklen Vorhang hervor, ins Innere des Antiquariats, jenen hohen und vorgerammelten Raum, den sie bereits kannte. Es drang kein Licht herein, nur dumpf wurden die vier Wände durch die Schlitze an den Rändern der Jalousinen an den Fenstern ausgeleuchtet. Spießten jene scharfen Lichtschranken sich durch die Luft wie goldene Speere und erdolchten jegliches Staubkorn auf deren Reisen. "Gabriel?", hallte es nun doch noch einmal wieder und Audra fand sich sonderbar angespannt wieder, als sie von dem Gesuchten keinerlei Regung empfing.
    • Wie aufs Stichwort ertönte ein verräterisches Quietschen aus dem Erdgeschoss. Gabriel hätte gerne behauptet, dass die alten Scharniere der Hintertür nicht zu ölen ein meisterlicher Schachzug seinerseits gewesen war um ungebetenen Besuchern zuvorzukommen, aber es war dem Antiquar schlicht egal. Es gab nicht viele Dinge, die den Mann noch weniger tangierten als rostige und quietschende Türscharniere. Aufmerksam spitzte Gabriel die Ohren, lauschte in den Treppenaufgang hinab und nahmen ein kaum hörbares Schleifen war. Die Schritte der Inspektorin hörten sich schwerfälliger an als gewöhnlich. Es mangelte ihnen an Leichtigkeit und Grazie, die Audra trotz ihres resoluten Auftretens stets an den Tag legte. Als die Schritte kurz verstummten, fragte sich Gabriel, ob die junge Frau es sich in diesem Moment doch anders überlegte und auf dem Absatz kehrtmachen würde. Überrascht hätte es den Reaper nicht. Zumindest nicht nach dem blutigen Grauen, das sie in der gestrigen Nacht bezeugen durfte. Der Anblick hätte selbst einen gestandenen Mann in die Flucht getrieben. Mit ausdrucksloser Miene, die zu leicht mit Desinteresse verwechselt werden konnte, wartete Gabriel. Wie quietschende Scharniere keinen Nerv zwickten, blieb auch die Verwunderung über die nächsten Schritte der Inspektorin aus.

      „Gabriel?“ Der Reaper richtete sich langsam wieder zu seiner vollen Größe auf und schickte sich an, zwei Porzellantassen mit dem Tee zu füllen, dessen Aroma Audra schon bei ihrem ersten Besucht sehr genossen hatte. Der zarte Duft der exotischen Mischung roch an diesem Morgen ganz besonders belanglos in seiner eigenen Nase. Eigentlich verknüpfte er mit dem Duft ein gewisses Wohlbefinden, sofern er es noch empfinden konnte. Gabriel schob es auf die gestrige Nacht. Vielleicht war er noch zu ausgebrannt, zu erledigt, aber auch dafür hatte er schon lange das Gefühl verloren. Dennoch zuckte eine seiner Augenbrauen ganz leicht, als Audra erneut ihre Stimme erhob und einen unerwartet, vertrauten Ton anschlug. „Gabriel, bist Du da?“

      Du. Nicht Sie. Ein befremdliches und flaues Gefühl kroch durch seine Eingeweide, ballte sich in seinem Bauch zu einem Knoten zusammen. Gabriel legte den Kopf schief, weil er die ungewohnte Empfindung nicht einordnen konnte. Weil sie so blass war, ein flüchtiger Eindruck, hatte der Reaper sie innerhalb eines Augenaufschlages schon wieder vergessen. „Gabriel?“ Die Inspektorin erwies sich an diesem späten Vormittag als äußert beharrlich. Sie würde nicht gehen, bis sie den Mann gefunden hatte. Mit einer zeitlosen Eleganz richtete Gabriel die filigranen Henkel der Teetassen parallel zur Tischkante aus und stahl damit noch ein wenig mehr Zeit. Er stellte sich die Unsicherheit in den leuchtenden Augen vor, wie sie Audra zweifelt auf die Unterlippe biss.

      „Ich bin oben, Audra“, erlöste er die Inspektorin.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sie... hatte schon mit allem gerechnet. Nachdem die zerreissende Stille die gesamten Räumlichkeiten in Beschlag genommen hatte, die Ohren ihrerseits jegliches Geräusch im Inneren wahrgenommen hatten... vom Knarzen der Bodendielen zu ihren Füßen, bis hin zum Knacken der Dachbalken und dem Rascheln der Mäuse in den Zwischenwänden. Alles lag ihr unbeschreiblich laut in den Ohren, schmerzhaft sogar, stechend... brannte sich wie kleine Nadelspitzen in den Zwischenraum ihrer Lungenflügel und ließen sie nervös werden. Zu nervös für ihren Geschmack. Fest hatten sich ihre Hände schon zu Fäusten geballt, schoben sich die gepflegten Fingernägel ihrerseits tief in die Ballen ihres Fleisches, während ihr Körper sich auf den Hacken ihrerseits langsam um die eigene Achse drehten. Und da, endlich... endlich... die Stimme des jungen Mannes, welcher sich ihr gestern so ungeniert geöffnet hatte, erklang. Ein Atemzug, von dem sie nicht wusste, dass sie ihn in ihren Lungen gefangen hielt, entkam ihr über die Lippen und die Last, welche sich wie eine schwere Decke über ihre Schultern gelegt hatte, fiel von ihr ab, bildete eine unsichtbare Lache an unausgesprochenem Kummer um ihre Fußsohlen, fesselte ihren Leib für einen Moment an Ort und Stelle, hielt die Beine ihrer im Würgegriff um ihre Knöchel.

      Erst Momente später, als Audra es wirklich schaffte, die Kontrolle über jene unfreiwillige Festsetzung ihres Geistes wiederzuerlangen, begann sie sich zu bewegen und mit eher schlampig gehaltenen Schritten auf jene Wendeltreppe zuzuschreiten, die Erdgeschoss mit Obergeschoss verband. Bedacht schlossen sich die dünnen Finger der Inspektorin um das Geländer der kreiselnden Stufen, während Stieg für Stieg sie ihren Körper empor hievte. Schon auf halber Höhe empfing sie der samtige Geruch jener verzückenden Teenote, jenes Getränk, dass Gabriel ihr bereits einmal angeboten hatte und sie heute wie eine leitende, treibende Kraft weiter nach oben steigen ließ, immer der Nase nach wie es denn so schön hieß. Die oberen Räumlichkeiten mit heute schwerfälliger Eleganz betretend, verblieb die Dunkelhaarige einen Moment an ihrem Platz, am oberen Rand der Treppe und sondierte ihre Gedanken, sowie ihren Blick, der vom Obergeschoss versuchte, so viel wie nur möglich in einem Augenstreich einzufangen. Erst danach, die Brust leicht gestrafft und das Kinn gehoben, ein letztes Mal ordentlich tief durchgeatmet, setzte die junge Frau ihren Weg fort und folgte dem Geruch des lieblichen Odeurs weiter in die Tiefe der oberen vier Wände.

      Etwas scheu, ob ihrer neugefundenen Umgebung, klopfte die Inspektorin dann doch manierlich an die Türe zur Küche, die offenstand und einen freien Blick auf die ankommende Figurette ihrerseits bot. Nur einen Atemzug später erschien die Gestalt der jungen Frau im Türrahmen und sie blickte auf den Rücken des Weißhaarigen, der nahe des Tisches stand und sichtlich in Gedanken verloren schien. Nur kurz sah sie sein Haupt in ihre Richtung zurückzucken, erkannte sie das bekannte Glitzern aus dem Augenwinkel seiner, bemerkte Audra, dass seine Aufmerksamkeit für einen Moment ihr gehörte. Mit einem seichten Räuspern trat sie nun also ein, die Hände geziemt im Rücken gefaltet, während ihre Schritte sie mit sanfter Leichtigkeit in die Küche treten ließ. Wenige Sekunden herrschte Stille. Irgendwo verklang ganz zart das Ticken einer Uhr, untermalte die erneute Begegnung der beiden sterngekreuzten Wesen als das was es war... ablaufende Zeit die Audra verkannte als jene Offenbarung über das Wesen des Mannes, dessen hochgewachsene Statur sich wenige Meter vor ihr aufbaute und das Wissen darum, dass eine jede Sekunde die verstrich, ein neuer Tod, eine neue Seele nicht lange auf sich warten ließ. Ihn wieder in Beschlag nehmend.

      Ein ruhiger, aber tiefer Atemzug wurde von der Inspektorin getätigt, deren Augen zwischen dem Hinterkopf von Gabriel und den kredenzten Teetassen hin und her hüpfte. "Ich...", begann sie dann in einem halben Flüstern, unwissend und völlig außer Stande im Moment eigentlich irgendeinen korrekten Satz zu formen. Ein erneutes, forscheres Räuspern um die Zeit zu überbrücken wurde vorgenommen. "Gabriel, ich...", ein erneuter Versuch, eine erneute Niederlage. Warum lag ihr die Zunge schwer wie Blei im Munde? Warum konnte sie nicht einfach sagen was ihr auf dem Herzen lag? Was ihr Gemüt drückte und ihr die Luft zum atmen nahm? "Ich sehe du... ich meine... dir geht es... gut?", setzte die Inspektorin dann an, immer noch unaussprechlich unbeholfen für jemanden, dessen täglich Brot es war, stets korrekt, gepflogen und scharfsinnig zu sein. Nicht nur in Auftreten und Verhalten sondern auch in Wort und Sprache. Den verwirrten Blick zu Boden gleiten lassen, kräuselten sich die Augenbrauen der Dunkelhaarigen irritiert über ihre eigene Torheit nach unten, sie schüttelte das Haupt nur sanft, schloss die Augen einen Moment lang und schluckte diesen... unverschämt großen Kloß hinab, welcher sich parasitär in ihrer Kehle eingenistet hatte.

      "Hat... denn auch das Überstellen der Seele... funktioniert? Warst... du erfolgreich?", warum sie sich nach jener Frage auf die Zunge biss, konnte die Inspektorin selbst nicht sagen. Es war doch genau die Frage an den Antiquar nach jener Tat, mit dessen Ablauf für die er verantwortlich war, mit der er sich gestern so unverholen und offenkundig gekrönt hatte. Fremdartig klang es zumal, jenes Wissen zu verlangen, ob Gabriel denn geschafft hatte, was er zu tun hatte. Als würden die Worte nicht in diese Zeit gehören, nicht mal in diese Realität, da sie an... Abstrusität nicht zu übertreffen war, wenn man sich ganz ehrlich sein konnte. Sie sah ihn sich an, von der Seite, so gut es eben ging. Im schwachen Licht der Außenwelt, strahlte das matte Weiß in einem kaum kränklichen, aber ausgemergelten schlohgrau hervor. Audra sah die Augenringe, die sich unter dem braun seiner Farbenspiegel räkelte und stumme Zeugen davon waren, was der Mann seit gestern Nacht wohl durchmachen hat müssen.
    • Ein leises Klopfen, eine unnötige Geste der Höflichkeit obwohl besagte Tür bereits sperrangelweit offen stand, etönte sanft und zurückhaltend hinter Gabriel. Er hatte der Tür den Rücken zugewandt, damit Audras erster Blick nicht direkt auf sein erschöpftes Gesicht fiel. Es war sein letzter Versuch zumindest den Schein für ein paar Augenblicke länger aufrecht zu erhalten, doch ganz zweifellos hatte das geschulte Auge der Inspektorin seine müde Haltung längst bemerkt. Die Gesten des Antiquars mochten seine übrliche Eleganz vorgaukeln, doch wer genauer hinsah, bemerkte schnell wie fahrig und schleppend Gabriel jede einzelne Bewegung ausführte als müsste er sich erst wieder an seinen Körper gewöhnen. Durch einen Schleier verirrter, weißblonder Strähnen warf Gabriel einen flüchtigen Blick über seine Schulter. Im Bruchteil einer Sekunde glitten die müden Augen über Audras Erscheinung. Wie das braune Haar ungebändigt ihr Gesicht umschmeichelte und im zarten Licht, das durch die Vorhänge fiel, warm leuchtete. Es nahm der Frau die kühle Strenge und gleichzeitig eröffnete sich Gabriel ein ganz und gar ungewöhnlicher Anblick. Das letzte Mal hatte er einen vergleichbaren Ausdruck in der Nacht des Wohltätigkeitsballes gesehen. Audra sah ihn unsicher an als müsste sie sich erst vergewissern, dass wirklich der Antiquar vor ihr stand, dass er keine Illusion und kein Hirngespinst war. Sie bemühte sich um Haltung, doch die Schritte auf den alten Holzdielen wirkten unschlüssig. Gabriel zog grübelnd die Augenbrauen zusammen. Es war nur menschlich, dass die Ereignisse der Nacht ihren Tribut forderten. Gerade von einem rationalen Geist wie Audras war das zu erwarten gewesen.

      "Gabriel, ich...Ich sehe...Ich meine...es geht dir...gut?" Selbst das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims erschien lauter als ihre geflüsterten Worte. Jetzt drehte sich Gabriel seiner nicht ganz unerwarteten Besucherin zu, als er sich gegen den Tisch lehnte, klirrte das Porzellan darauf leise. Er ließ zu, dass sie seine ausdrucklose Mimik in Augenschein nahm, den eingefrorenen Zug um seine Mundwinkel, die Leere in seiner Iris, deren Braun alle Wärme eingebüßt hatte. All die Leidenschaft, jegliche Emotionen der dramatischen Nacht, war aus dem Gesicht des Mannes gewischt worden. Gabriel versuchte zu verstehen, was Audras Worte ins Stocken brachte. War es noch der Horror der düsteren Stunden und die Begegnung mit der Toten, die ihr nachhingen? Wollte sie sich vergewissern, dass sie nicht einem verrückten Albtraum erlegen war, dass es echt war? Sah er etwas Sorge in ihren Augen? Reue? Mit Argusaugen glitt sein Blick über das nervöse Zucken ihres Kiefers, beobachtete wie sie mühevoll schluckte, als würde ihr eine unsichtbare Kraft die Kehle zuschnüren und ihr die Stimme rauben. Gabriel nickte und hüllte sich in Schweigen, um Audra nicht zu unterbrechen, wo sie doch gerade ihre Stimme wiederfand.

      "Hat..." Er sah sie einfach nur aufmerksam an. Wartete. "...denn auch das Überstellen der Seele...funktioniert? Warst du...erfolgreich?" Gabriel sah ihr an der Nasenspitze an, dass sie selbst kaum glauben konnte, diese Fragen wirklich zu stellen. Es war natürlich. Normal. Jeder Bürger in London hätte die Inspektorin auf der Stelle für verrückt erklärt. Im schlimmsten Fall hätte die ansässige Heilanstalt eine neue Patientin begüßen können. Doch hier, in diesen vier Wänden, war Audra vollkommen sicher. Das einzig Gefährliche im Raum war das Objekt ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit. Der Reaper verschränkte locker die Arme vor der Brust, woraufhin sich das Hemd um seine Schultern spannte.

      "Sonst würde ich nicht hier vor Dir stehen", verkündete Gabriel nüchtern einen recht trostlosen Fakt. Wie die zögerliche Liebkosung vorsichtiger Fingerspitzen glitt ihr Blick über sein bleiches Gesicht. Ein dezentes Flackern zeigte sich in ihren Augen und mittlerweile hatte der Antiquar die Bedeutung ihrer Mimik auf Besorgnis eingegrenzt. Audra sorgte sich um ihn, obwohl er ihr eindeutig versichert hatte, dass Fährmänner nicht leicht zu töten waren. Sie hatte seine Wunde versorgt und...Ah. Gabriel löste die Verschränkung seiner Arme und führte lange, blasse Finger zum Bund seiner Hose. Gemählich, ohne übertriebene Eile, zupfte er den Hemdsaum hervor und behielt dabei Audra die ganze Zeit im Blick. Er sah, wie ihre Aufmerksamkeit flackerte und sich flüchtig auf seine gekrümmten Finger fixierte. Endlich bemühte sich der Reaper um eine Regung, mit der die verunsicherte Frau etwas anfangen konnte. Ein Lächeln zuckte um seine Mundwinkel und er neigte das Kinn als Zeichen, dass sie näher treten sollte. Ganz sachte neigte er den Kopf. Ein Gedanke schwirrte wie eine lästige Fliege durch seinen Geist. Würden sich ihre Hände noch genauso warm anfühlen wie gestern Nacht, jetzt, da sein Dasein sich wieder in der gedämpften Realität befand?

      "Es geht mir gut. Überzeug dich selbst davon", raunte er und nahm seine Hände fort. Der hervorgezogene Hemdsaum blieb zurück wie eine unausgesprochene Einladung. Gabriel stützte sich mit den Händen auf dem Tisch ab und lehnte sich wie in der vergangenen Nacht leicht zurück, damit sie einen besseren Blick auf die Wunde werfen konnte. Nur, dass Audra im Licht des Tages kein blutiger und klaffender Schlund erwartete. Er wusste ganz genau, welche Wunderlichkeit sich unter dem weißen Seidenstoff verbarg: Eine blassrosa Linie, kaum erhaben vom Rest seiner bleichen Haut. Weder von den Einstichen der feinsäuberlichen Nähte noch der schimmernde Faden selbst waren noch zu sehen. Es war, als hätte Audra seine Haut niemals mit der gebogenen Nadel durchstochen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Fremdartig fliehend schoben sich die Augen der jungen Frau zwischen seinen Augen und dem Führen seiner Finger hin und her, sprangen wie Grashüpfer im Antlitz des Weißhaarigen herum und nahmen doch ganz und gar unbeholfen das Tun seinerseits wahr. Wie sich die große, schlanke Hand seinerseits so verspielt, gar neckend, am Saum seines Hemdes vergriff und dieses zaghaft zwischen Hosenstoff und blanker Haut hervorzog. Das Kiefer anspreizend, die Zähne aufeinanderpressend, gar als würde sie jenes unsichtbare Seil halten, welches ihre Gedanken in Zaum hielt, erkannte Audra relativ spät, was genau er mit jener Tätigkeit vor hatte. Die vorgeschobene Kühle in seinen Worten, jene Regungslosigkeit seiner Stimme hatte sie empfangen... und doch ein wenig kalt erwischt, wenn die Inspektorin daran dachte, dass der Antiquar sich ihr bereits in anderen Gefilden offenbart hatte. Verwundbarer, verletzlicher... und damit meinte Audra noch nicht mal den beinahe eingetretenen Tod von gestern Nacht, nein.

      Es gab ein komisches Bild ab für sie, eines das mit Tat und Aussage nicht zusammenpasste und der stets nach Logik und Vollkommenheit strebenden Dame einen verwirrenden Beigeschmack der Irritation ins Gesicht schrieb, welche sich erst dann in milde Verwunderung auswuchs, als Gabriel ihr dann doch anbot, sich selbst davon zu überzeugen, dass von all dem gestrigen Massaker, all dem Blut und dem offenen Fleisch... nichts mehr übrig zu sein schien. Sie verklang nur kurz, jene ruhige Stille die sich zwischen den beiden anbahnte. Die Stille, die so voller stumm gezwungener Worte und Gedanken schwer im Raum hang und sich nur umso schwer lüften ließ. Zaghaft sog Audra einen kurzen Atemzug zwischen ihren rosigen Lippen in ihre Lungen hinab, hielt dass von meeresfarben verschwommene Augenpaar auf dem Antlitz des Mannes gefangen, über welchen sich ihre Stirn verhärtete, nicht kräuselte. Sorge... ja, dass war es wohl, was Audra erneut in Beschlag nahm, als sie den rastlosen Blick hinabfahren ließ, auf die fein manierlich ausgerichteten Teetassen. Sorge, das Falsche zu machen, Grenzen zu überschreiten, Dinge zu tun, aus der es schlussendlich kein Entrinnen mehr gab. Jedoch... Hang... sie um sich darüber noch Gedanken zu machen mittlerweile nicht schon... viel zu tief mit drinnen? War eingeschlossen in einem brüchigen Käfig aus Wissen, der sich mit jedem Augenblick den sie in der Nähe des Weißhaarigen verbrachte, stetig verfestigte?

      Prüfend verengte sich der Blick der Inspektorin dann für den Bruchteil einer Sekunde, vergewisserten sich die von Intelligenz und emotionalem Gespür triefenden Augen davon, dass Gabriel es ernst meinte, als sie ihr Haupt kaum merklich wieder empor hob, um das Braun seiner Augen einzufangen. Audra... nickte. Zärtlich. Trat einen kleinen Schritt näher.. und noch einen... hielt den wachsamen Blick flackernd zwischen dem Antlitz von Gabriel und dem Ort an seiner Haut, um den sie sich gestern so selbstlos hatte gekümmert, gefestigt. Langsam, gar als würde sie ihre Entscheidung nochmals überdenken, streckten sich die dünnen Hände der Inspektorin dann nach vor aus und stoppten, den einen, so schmal wirkenden Zentimeter zwischen Stoff und Fingerspitze nicht überbrücken könnend. "Und... du bist dir wirklich sicher?", floh es ihr aus der Kehle, ein bloßes Flüstern, kaum mehr als ein warmes Hauchen. Ein Streicheln, wie es lauer Sommerwind nicht schöner hinbekommen hatte, sich geschmeidig um Haupt und Geist zu winden, wie eine Schlange um ihre Beute, die sie doch schon seit geraumer Zeit anvisierte. Die Lippen waren zu einer geraden Linie verzogen, die innenliegenden Ecken ihrer Augenbrauen nur sanft gen Nasenrumpf gezogen und die Augen, oh die Augen, die die gewohnte feurige Entschlossenheit der Inspektorin widerspiegelten, sprangen nur für einen Moment empor, den Blick des Mannes suchend, der ihr mit entschlossener Sicherheit entgegen... starrte?

      Für einen viel zu kurzen Atemzug, konnte die Braunhaarige das stumpfe Glitzern hinter dem Braun der Farbenspiegel nicht interpretieren... das sachte, kaum erkennbare Zucken der Mundwinkel... und doch war es ihre linke Hand, die nun doch mit absolut gewählter Vorsicht den Hemdsaum ergriff und gleichmäßig jenes delikate Fabrikat nach oben zog. Automatisiert schnellte der Blick der Inspektorin erneut hinab. Erkannte zuerst nur den hervorstechenden Hüftknochen des Großgewachsenen vor ihr. Dann die elfenbeinweiße, geschmeidig wirkende Haut seiner Taille, die sich nur sanft anspannte... Audra konnte kaum anders als sich zu fühlen, als würde sie eines der weißen Leichentücher lüften, um Opfer eines tätlichen Angriffes zu identifizieren oder deren verschiedenes Gesicht in die mentale Bibliothek ihres Bewusstseins aufzunehmen. So legte sich auch ihr Haupt ein wenig zur Seite, rutschten ihr die frei tanzenden Strähnen ihres ebenholzbraunen Haares linksseitig vor den Blick, welche die rechte Hand ihrer mit einer schnellen Bewegung hinter ihr linkes Ohr strich, während die zweite des Paares jene Verletzung - jenen eigentlich tödlichen Eingriff in menschliches Leben - erneut freilegte.

      Die Augenbrauen schossen ihr gar ungezämt, verwundert und ungläubig in die Stirn empor. Mehr als ein kleines, freches Zucken war es nicht. Sprachen die Augen der Inspektorin jedoch eine völlig andere Sprache. Als würde sie auf eines der Weltwunder starren, so festgefroren klebte sich der Blick Audras auf jene blassrosa Linie an der Seite seines Rippenbogens. "Das... ist unmöglich...", war es ein Keuchen? Ein nach Luft schnappen? Gezwungenes, scharfes Einatmen, auf jene Offenbarung die ihr wie ein Mahnmal entgegenschimmerte? Alle drei Äußerungen ihres Zweifels? Zögerlich lehnte Audra sich nur einen knappen Deut weiter nach vor, während sich die rechte Hand ihrer ungefragt unverschämt den Weg hin zu seiner sonst so makellos leuchtenden Haut suchte und sie mit furchtbar schleichendem Mut die weiche Spitze ihres Zeigerfingers auf jener Narbe niederließ, welche gestern durch ihre Hand Heilung erfuhr. Zärtlich, gar als hätte sie Angst, jene verheilte Stelle durch zu viel Druck wieder zum Aufreißen zu verleiten, fuhr die von Skepsis reingewaschene Inspektorin jenen Weg entlang, der Gabriels Tod hätte sein sollen.

      Grazil, erhaben schüttelte Audra ihren Kopf, brachte die ungezähmten Wellen ihres Haares in Schwung, kitzelten ihre eigenen Handgelenke bei jener Bewegung. "Ich... ich meinte... wie es scheint, ist es nicht unmöglich... aber dennoch nicht weniger... unglaublich...", mit einem besonnen Räuspern vor den bedacht gewählten Worten, besserte sich die Inspektorin für den Moment selbst aus, hob den Zeigefinger von jenem Mal, nur um mit ihren Fingern seitlich am Rippenbogen, gar schon fast seinen Rücken entlang streichend, zur Wirbelsäule suchend, parallel ausgerichtet zu jenen gebogenen Knochen, während es ihr Daumen war, der die Wunde vom einen Ende bis zum anderen ... nachzog. Zart schnaufte Audra dabei ein Seufzen aus, welches von dem Durcheinander in ihrem Kopf zeugte, welches von der Verwirrtheit zeugte... sich aber wie Brandbeschleuniger in ihrem Blick legte und die Augen der Inspektorin ähnlich einem lodernden Feuer der Faszination zum leuchten brachten. Schwach hoben sich die Mundwinkel der Braunhaarigen zu einem beinahe schalkhaften Lächeln aus.

      Unverbesserlich scharfsinnig, gar überheblich drang ihr dieser Moment des Erlebens in die Mimik. Ergötzte sich die Figur ihrer beinahe daran, Zeugin von solch einer... Abnormität geworden zu sein... und viel zu lang schon erlag die Hand der jungen Frau schon wie ein behütendes Deckchen auf der bleichen Haut von Gabriel. Stellte mit jedem verstreichenden Moment mehr von Nähe her, der sie weg bleiben sollte... weg bleiben musste. Jetzt umso mehr, wo sie in die Geheimnisse des Mannes eingeweiht war. Jetzt wo sie wusste, was er war... was er tat... und dann stürmte etwas durch das von Schatten überdeckte Augenpaar der Inspektorin. Etwas, dass sie kaum jemanden schenkte. Eine Regung, die sonst nur ihr selbst vorbehalten war... Bewunderung. "... Faszinierend...", mehr schaffte es nicht aus ihrem Munde, mehr traute sich in diesem Moment auch nicht ihre Kehle zu verlassen. Auf die Gefahr hin, dass ein jedes weitere Wort möglicherweise sogar eines zu viel war.

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    • Gabriel nickte. Selbstverständlich war er sich sicher, weil er es wusste. Die Anzweiflung traf auf ein nüchternes Unverständnis. Wie konnte er sich nicht sicher sein, wenn er die Verletzung vor wenigen Minuten noch selbst inspiziert hatte, bevor Audra sich durch die Hintertür in sein Geschäft geschlichen hatte? Der Leib des Antiquar ruhte in völliger Regungslosigkeit, während die Inspektorin noch sichtlich damit rang, ob sie sein Angebot annehmen sollte. Das Für und Wider spiegelte sich deutlich in ihren aufmerksamen Augen und beinahe rechnete Gabriel bereits damit, dass sie von ihrem Vorhaben absehen würde. Ein wenig tiefer senkte er sein Kinn ab, als wollte er sie ermutigen, endlich den finalen Schritt zu machen und die Hemmungen abzulegen. In der gestrigen Nacht, unter dem Deckmantel der Ausnahmesituation, hatte sie kaum gezögert ihn zu berühren. Nun im gedämpften Tageslicht, das sanft den Raum flutete, zeigte sich eine gewisse gesellschaftliche Kondition allzu deutlich. Audra konnte nicht wissen, dass er auf diese Art nicht fühlte. Jetzt nicht mehr.

      Die Zeit verlangsamte sich, ein fließender Übergang zwischen Zögern und vollkommenem Stillstand. Sein Antlitz verriet nichts über seine Gedanken und seine Geduld erschien schier endlos. Immerhin war die Zeit die größte Konstante auf seiner Seite. Gabriel hatte alle Zeit der Welt. Zumindest redete er sich das gerne ein. Seine Zeit rann nur etwas langsamer durch die Sanduhr als die gewöhnlicher Menschen. Für den Moment mochte sie den Eindruck erwecken, eingefroren zu sein, aber der Reaper wusste es besser. Alles fand einmal ein Ende, auch die hochgepriesene und in vielen Epochen begehrte Unsterblichkeit. Ewiges Leben war kein Segen, es war ein Fluch in mehrerlei Hinsicht. Niemand wusste es besser, niemand zahlte den Preis bereitwilliger, als die Reaper. Für das höhere Wohl, hehren Zweck, das große Ganze.

      Zurückhaltend erfühlten die Fingerspitzen den Saum des sündhaft teuren Seidenhemdes. Die Berührung war nicht mehr als ein zarter Windhauch, denn so fühlte es sich an, als die weiche Seide über seine Haut geschoben wurde. Er wusste, was unter dem Stoff verborgen war, beziehungsweise, was Audra keinesfalls darunter finden würde. Der Anblick einer geröteten, nässenden Wunde sollte ihr erspart bleiben, stattdessen begrüßte die Inspektorin fast vollständig makellose, elfenbeinfarbene Haut, die sich über deutlich sichtbare Rippenbögen spannte. Unter der edlen Garderobe und den vielen Schichten aus teuren Stoffen ließ sich leicht verbergen, dass der Antiquar nicht gut auf seinen Körper achtete. Audra füllte ihre Lungen mit einem scharfen Atemzug. Mit unverhohlenem Interesse beobachtete Gabriel jede kleinste Regung in ihrer Mimik. Wie sich ihre Lippen, halbgeöffnet, zu einem zittrigen Ausdruck puren Unglauben hinreißen ließen. Ein erfrischender Anblick in den für gewöhnlich sehr kontrollierten Gesichtszügen. Gabriel spürte wie sich sein Körper ohne sein Zutun ein wenig krümmte bis er begriff, dass er sich weiter zu Audra hinabbeugte. Der Schatten seiner hochgewachsenen Gestalt legte sich über die Inspektorin wie ein dunkler Mantel.

      Die Berührung, lediglich ein flüchtiger Hauch ihres Zeigefingers, brannte auf seiner kühlen Haut. Hitze sickerte hindurch, fraß sich durch Nerven und Muskeln bis auf die Knochen. Es war nicht nur warm, sondern siedendheiß und am hauchfeinen Rand des erträglichen. Dennoch blieb der Rhythmus seiner Atmung absolut regelmäßig. Egal, was Audra tat, der Antiquar schien dadurch völlig unbewegt. Selbst in ihrem Unglauben lag eine gewisse Eleganz. Gabriel sah zu wie sich einzelne, braune Haarsträhnen in ihre Stirn verirrten und das offen getragene Haar sich in glänzenden Wellen über ihre Schultern nach vorne ergoss. Die Spitzen streiften ihren eigenen Arm. Ein wenig tiefer er hätte das sanfte Streicheln auf seiner Haut spüren können. Seine Emotionen mochten gedämpft sein, doch sein Körper war dazu noch perfekt in der Lage. Zu fühlen. Zu spüren. Obwohl ihm die Verbindung zu seinem Geist abhanden gekommen war. Wie lange war es her gewesen, dass ihm eine Person körperlich so nah gekommen war. Gabriel ließ Audra gewähren, ließ sie nach Lust und Laune das kleine Wunder erkunden. Gerade weil es sich für eine oberflächliche Verbindung nicht ziemte. Nach gestern Nacht konnte Gabriel jedoch zweifellos behaupten, dass gewisse Barrieren des Anstand für ihre Verhältnis keinen Bestand mehr hatten.

      "Reaper heilen nicht wie Du es Dir vorstellst", raunte Gabriel und konzentrierte sich darauf, wie sich ihre Hand über seinen Rippenbögen anfühlte. Fingerspitzen, die sich bis zu seiner Wirbelsäule vorwagten und schlummernde Nervenenden zum Leben erweckten. Es war...faszinierend. "Unsere Körper stehen still, aber - und es ist paradox - gegen Verfall sind wir nicht geschützt. Essen, Trinken und Schlafen sind Grundbedürfnisse, die wir erfüllen müssen. Dennoch können wir nicht verhungern oder verdursten. Wir können nicht verbluten, wir werden nicht krank. Es gibt auf dieser Welt nicht viele Dinge, die einen Reaper töten können. Die morbide Kreatur der gestrigen Nacht ist eine der wenigen, rühmlichen Ausnahmen. Solche Wesen haben den Tod berührt und sind uns damit ähnlicher als die Lebenden. Dem Faden, den du benutzt hast, um die Wunde zu vernähen, haftet ebenfalls die Berührung des Todes an. Ihn zu beschaffen ist sehr beschwerlich. Das macht ihn so kostbar. Er stammt nicht aus der Welt der Lebenden." Gabriel machte eine kleine Pause und suchte Audras Blick. "Er ist mit dem Wasser des Styx getränkt. Du hast gespürt. Die Kälte. Den Sog."

      Die morbide Faszination in den unergründlichen, intelligenten Augen verleitete Gabriel dazu, mit seinen schlanken und bleichen Fingern Audras Arm zu umschließen. Er tastete sich daran entlang, langsam und stetig, bis er ihr Handgelenk erreichte. Seine Fingerspitzen glitten über ihre warme Haut, die Lebendigkeit mit jeder Pore ausstrahlte. Langsam, denn er gab ihr die Chance den Kontakt zu unterbrechen, bedeckte er ihre kleine, zierliche Hand. Sanft aber bestimmt schob er ihre Hand zurück über die blassrosa Linie, bis sie vollständig von Audras Hand bedeckt war. Seine Mimik gab nicht viel Preis, hüllte sich trotz der Intimität in eine gewissen Neutralität, die ihm allgegenwärtig anhaftete, als er seine freie Hand anhob und die seidigen Strähnen ihres Haares über ihre Schulter zurückschob. Was er daraufhin sagte, beruhte auf den Erinnerungen der vergangen Nacht. Er wusste, dass es ihm ein Bedürfnis gewesen war, sie zu warnen. Er erinnerte sich an das Bedauern, dass sie nun vollends in seine Welt getreten war und der Rückweg keine Option mehr war. Gabriel erinnerte sich, aber er fühlte fast nichts als er sprach. Nur ein dumpfes Echo. "Du hast mich gerettet, Audra. Ich dank Dir und es tut mir leid. All das hättest du niemals sehen gar erleben sollen. Niemand sollte das. Der Tod gehört zu unserem Leben dazu, Du weißt es besser als jeder andere Mensch. Du begegnest ihm jeden Tag, aber er sollte uns erst belasten, wirklich berühren, wenn das Ende gekommen ist. Und du, Audra, hast noch ein langes Leben vor Dir."
      “We all change, when you think about it.
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    • Aufmerksam war das Gehör der jungen Frau auf das Gesagte des Weißhaarigen gerichtet, welcher ihr ruhig und ohne Hast sein Wesen erklärte... ihr aufzählte, was in der Welt der Reaper, so wie Gabriel sich selbst nannte, an Unglaublichkeiten nicht zu finden waren. Und durchaus, klang das ein oder andere Wort, die ein oder andere Aussage zu sehr nach göttlich behafteten Fähigkeiten, Dinge die man an normal Sterblichen vergebens suchen würde. So war das Runzeln ihrer Stirn eine eher reflexartige Reaktion auf das was Gabriel vor ihr ausbreitete. Und für wenige Momente ließ Audra den Nachhall seiner Offenbarung im Raum stehen. War es alles in allem doch nur ein weiterer Tropfen in dem Fass der ungreifbaren Faszination, welches der junge Mann gestern Abend geöffnet hatte und sie kosten ließ, von dem Gebräu das ihre gesamte Welt innerhalb weniger Stunden kopfüber gestellt hatte... Bedacht sog die Inspektorin über die geöffneten Lippen einen tiefen Atemzug in ihre Lungen hinab, erfuhr ihr Körper das verräterische Schaudern einer zarten Gänsehaut, als sich die kühlen Fingerspitzen des Mannes über ihre Haut schoben und sich ihrer Wärme bedienten, als wäre sie das Feuer an welchem man sich in kalter Nacht wärmen sollte. Das Kiefer verhärtete ihr, der aufmerksame Blick aus den hellwachen Augen verfolgte die Taten des Mannes, der ihre Hand mit der seinen mit graziler Leichtigkeit vollständig bedeckte und zurückschob über jene Verletzung, die sie gestern mit Leichtigkeit - oder doch gar traumatisierter Mechanik - versorgt hatte. Vorsichtig, gar als würde eine zu vorschnelle Regung ihrerseits, ihre unterschwellige Aufregung verraten, ließ die Braunhaarige ihren Atem, der ihr schon beinahe schmerzend in den Lungen steckte über die Nase entweichen und ja, wagte es ihr Haupt sich sogar ein wenig nach oben zu neigen, als Gabriel mit seiner anderen freien die Haare über die Schulter zurückstrich... die Gesichtszüge, das Profil der Inspektorin somit freilegend, flogen die Augen der Inspektorin in sein Antlitz empor, versuchten zu erkennen, welche Regung über die stoische Maske des Antiquars huschte.

      Und doch wurde sie nur mit der allgegenwärtigen Neutralität begrüßt. Jener nichtssagenden und doch so außerordentlich tiefgründigen Expression, die sich oftmals nur durch die millimeterfeinen Abstufungen in seinen Augen von jenen gewählten nach außen gewandten Emotionen unterschied. Nur minimal schoben sich somit der jungen Frau Augenbrauen hinab, als Gabriel ihr die finalen Sätze, den gewählten Epilog seiner Erklärung, schenkte. Den Blick haltend, richtete sich die Inspektorin erneut zu ihrer vollen Größe auf, die nach wie vor einen guten Kopf unter der Statur des Weißhaarigen verweilte. Bedacht, stetig, sich wieder einer Distanz widmend, welche für das Gespräch erträglicher war, zog Audra ohne Hast ihre Hand vom Rippenbogen des Mannes. Ließ die Berührung seiner Handfläche hinter sich und verschränkte die Arme daraufhin im Rücken. Dann... ein scharfes, aber tonloses Einatmen ihrerseits über den geöffneten Mund, das seitliche Hinabrutschen ihrer Augen gen dem Holzdielenboden und das leichte zur Seite neigen des braunbesträhnten Hauptes zeugten davon, dass Audra... nachdachte. Die Lippen wieder zueinanderfinden lassend, presste die Inspektorin das Unterkiefer auf jeweiligen Gegenpart, als ihr blinzelnder Blick, der von einem Punkt zum nächsten sprang, sich weiter und weiter verengte. Sie musste sich nicht räuspern, gar tentiv nach Luft schnappen... Nein. Ihre Worte würden klar sein, fest im Raum erklingen und ihre Meinung kundgeben. Wie schon so oft davor. "... ich denke, die Annahme, zu denken, dass ich diese Dinge nie erfahren hätte sollen, so wie du sagst, war zu jenem Zeitpunkt verwerflich und hinfällig, als ich mit dem Fall von Mister Kensington betraut wurde und dich dort am Tatort entdeckt habe. Ich bin niemand, die an das vorherbestimmte Schicksal glaubt, Gabriel. Ich bin niemand, die Zufälle preist wie manch andere ihre Götter in Kirchen und Tempel. Nein. Dinge passieren, weil sie passieren.", begann die Inspektorin zu sprechen und obwohl Audra versuchte gefasst zu klingen, war eine Spur der... Unsicherheit? Des gebrochenen Stolzes? in ihrer Stimme zu hören.

      Den Blick langsam wieder empor in sein Gesicht gleiten lassend, sprach dieser nichts als Determinismus. "Und unsere Entscheidungen, die Wege die wir wählen, auf Grundlage dieser Dinge die passieren, bringen uns an Orte und in Situationen, über welche wir manchmal keinerlei Einfluss haben. Ich hätte gestern auch einfach an dieser Gasse vorbeilaufen können... dann wäre ich nach Hause spaziert, hätte mir vielleicht noch einen Tee gemacht, ein gutes Buch gelesen. Aber meine Entscheidung war eine andere. Und nun... muss ich mit den Konsequenzen leben die sie mir gebracht hat... oder noch bringen wird. Ich bin keineswegs einfältig, oder bemitleide mich ob des Umstands in eine Welt gefallen zu sein, die mir so fremd und unwirklich erscheint.", setzte Audra fort und verengte den Blick kaum merklich, der Scharfsinn innerhalb ihrer Augen herausgefordert zum hervorblitzen. "Nein... ich muss die Wirklichkeit akzeptieren, ob sie mir gefällt, oder nicht. Allein in einen Krieg zu ziehen, mit der Prämisse diesen siegreich zu bestehen, ist in etwas so töricht, wie die Annahme, von einem Berg zu springen und fliegen zu können, wenn man nur die Arme weit genug ausbreitet... in beiden Fällen jedoch, ist man doch froh, wenn man die Tortur... einfach überlebt, nicht wahr?", sich in Stille verschanzend, hielt Audra dem Blick des Mannes vor ihr, welcher nach wie vor lässig und ohne greifbare Sorge in den streng gemeißelten Zügen, vor ihr auf dem Tisch halb sitzend verweilte. "Der Tee riecht übrigens vorzüglich...", nonchalant schwang die Inspektorin die Keule ihrer Fähigkeit das Thema mit voller Überzeugung zu wechseln und verzog dabei noch nicht mal eine Miene, während der nun neugierige Blick ihrerseits auf die zarten Porzellantassen hinabglitt.
    • Audra entzog sich der eigentümlichen Konstrukt der Intimität, das Gabriel mit zarter Gestik und geheimnisvoll geraunten Worten geschaffen hatte. Die Erkenntnis suchte sie in den abgenutzten Holzdielen und dem tanzenden Staub zu ihren Füßen. Beiläufig strich Gabriel sein Hemd glatt, das Echo ihrer sanften Fingerspitzen, die suchend über seine kühle Haut glitten, hatte sich unwiderruflich auf seinem Körper verewigt. Es hallte nach und schlug Wellen auf dem glatten Spiegel, der sein Gefühlsspektrum vom Diesseits trennte. Gabriel wurde Zeuge, wie die junge Miss Audra Dayton, die so verletzlich unter den scharfen Zungen ihrer Schwestern gewesen war, die trotz großer Furcht vor der Fratze einer Toten mit beeindruckender Courage sein kümmerliches Leben gerettet hatte, hinter der Professionalität von Inspektorin Dayton verschwand. Etwas zupfte an seinen Mundwinkeln, doch es war ihm schlicht unmöglich zu sagen, ob es mildes Belustigung oder Bedauern war. Gabriel lauschte auf die unterschiedlichen Nuancen ihrer Stimme. Immer so wortgewandt, so ausdrucksstark und gewählt in den Sätzen, die über ihre Lippen flossen. Das gleichmäßige Auf und Ab der Silben, eine Spur von Widerwillen und vielleicht ein Hauch der Kränkung. Sie versteckte es gut, aber nicht gut genug für Gabriel.

      Es lag eine gewisse Anmut in der Wortwahl und Gabriel verlor sich zwischen den Silben. Die Bedeutung von unmöglichen Zufällen, der eigenen Entscheidung und dem freien Willen, dem Glück des Überlebens...All das geisterte durch seinen Verstand. Audra, von den Vorfällen berührt aber nicht verschreckt, zeigte eine für ihr zartes Alter außergewöhnliche Gefasstheit. Das konnte Gabriel anerkennen. Er konnte ihren Wunsch, ihren Willen und ihre unbeugsame Stärke respektieren. Als die Stimme der Inspektorin verstumme und das Thema mit einer harten Kehrtwende auf den wartenden Tee zusteuerte, beschloss er, dass es dieses Mal keine Flucht für die kluge Frau geben sollte. Mit einem dezenten Klirren schob er eine der Porzellantassen in ihre Richtung. "Bitte. Bedienen Sich sich."

      Die lässige Haltung gab der Antiquar einen Augenblick später auf. Routiniert steckte er sein Hemd in den Hosenbund und umrundete den alten Tisch. Mit üblicher Eleganz ließ er sich auf dem Stuhl Audra gegenüber nieder. Ein flüchtiger Blick signalisierte der jungen Frau doch Platz zu nehmen. Er fixierte Audra so lange mit seinem Blick bis sie der stummen Aufforderung nachkam. Den Tee rührte Gabriel nicht an. Wie so oft verlangten ihm solche Nächte mehr ab, als die sterbliche Hülle vertrug. Er hatte berechtigte Zweifel, dass er an diesem Tag überhaupt etwas zu sich nehmen konnte, ohne, dass sein Magen rebellierte. Es war eine vertrackte Zwickmühle, in der sein ausgehungerter Körper zwar Nahrung begehrte aber mit jeglicher Zufuhr gleichzeitig überfordert war. Lange sah er Audra einfach nur schweigend an. Er fand Vergnügen daran, ein böswillige Natur spielte dabei keinerlei Rolle, sie ein wenig schmoren zu lassen. Gleichsam versuchte er in der Ruhe das immerwährende Rätsel Audra Dayton zu entschlüsseln. Erst nach einem langen Moment lehnte er sich zurück und kreuzte die nackten Füße an den Knöcheln.

      "Dir gefällt es nicht, bevormundet zu werden. Gesagt zu bekommen, was das Beste für Dich wäre. Liegt es an deiner Familie? Deinen liebreizenden Schwestern, vielleicht? An den inkompetenten und überbezahlten Kollegen beim Scotland Yard, die davon überzeugt sind, dass eine Frau im Dienst der Krone nichts zu suchen hat?", hakte Gabriel nach und erhoffte sich ein paar fehlende Puzzleteile, die sein Bild von Audra komplettierten.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sie entkam ihr nicht, die feinfühlige Bewegung seines Hauptes, welche ihre Person dann doch dazu einlud an dem gemeinsamen Tisch Platz zu nehmen, auf dessen rauer und abgenutzten Oberfläche die beiden zarten Tassen aus lupenrein weißem Porzellan wie edle Perlen wirkten und dem Kämmerlein unter dem Dach eine gewisse... königliche Eleganz gewährten. Etwas unscheinbares, wie der eine perfekt glänzende Diamant inmitten von Strass und Scherben. Grazil, geschmeidig, ja gar einer Katze gleichend, ließ sich Audra auf dem anderen der beiden hölzernen Stühle nieder, überschlug die schlanken Beine und brachte den Stoff ihrer Hose somit in kaum hörbares Rascheln. Gar neckisch war ihr der Saum jener Beinkleider über die Knöcheln empor gerutscht, gaben die bleiche Haut darunter frei, den Ansatz einer schlanken Wade, die kaum von Faulheit zeugte. Ruhig, sich den guten Manieren widmend, ergriffen die dünnen Finger der Inspektorin nun jenes Gefäß, das die dampfende, wohlriechende Flüssigkeit in sich trug und allein das sanfte Odeur jener aufgebrühten Blätter ihr einen Vorgeschmack auf das gaben, was sie beim ersten, richtigen Schluck wohl auch erwarten würde... einen kleinen Ausflug, fernab vom verregneten, festgefahrenen London und hinaus in die weite Welt, mit all ihren Farben, Kulturen und Geschichten.

      Jene Tasse nun also für einen Moment unter der schnuppernden Nase halten, die Lider und den Blick aus den Augen hinabgeschlagen auf jenen dunklen, wellenschlagenden Tee, welcher sich innerhalb des feinen Porzellans befand, nahm sich Audra einen Moment Zeit, bevor sie auf die Fragen von Gabriel antwortete. Die Worte die er wählte, ja gar die Tatsachen die er damit über sie zu erfahren versuchte, registrierte die Inspektorin in ihrem Kopf und erlaubte sich, darüber nachzudenken, bevor sie sprach. Übereilt? Unbedacht? Ein gedankenloses Hinausplärren von informativen Schnipseln, die Weisheit in sich trugen? Nein... nicht sie. Vorsichtig schlossen sich die rosigen Lippen der Braunhaarigen um den Rand der Tasse und Audra nahm einen bedachten, vorsichtigen Schluck der aromatischen Melange, welche Gabriel ihr kredenzt hatte... wo gleich sich ihr in den Sinn schob, warum genau er so sicher war, dass sie heute wieder innerhalb seiner vier Wände aufkreuzen würde. Es wäre ihr ein leichtes gewesen, die Tatsachen rund um den gestrigen Abend beiseite zu schieben und das Kapitel, welches sich so unfreiwillig zwischen ihnen aufgeschlagen hatte, zu beenden. Das Buch zu schließen. Die Geschichte... verwirkt.

      Ein zufriedenes Summen erklang in ihrer Kehle, als sich der vollmundige Geschmack des Tees nun doch auf ihrer Zunge ausbreiten konnte und sie anerkennend nickte. Das der Antiquar vor ihr wusste von was er sprach, sollte er den Mund aufmachen, daran hatte Audra wenn sie sich ehrlich wahr keinen einzigen Moment gezweifelt, seitdem der Weißhaarige in ihr Leben geworfen wurde. Der Tee hier war demnach keine Ausnahme. In ihren Bewegungen bemessen stellte die junge Frau die Tasse wieder auf den perlweißen Untersetzer ab, legte ihre Arme in ihrem Schoß ab und hob den Blick an, welcher ihrer den seinigen sofort auffing und hielt... und ein schiefes Lächeln, gefolgt von einem... Schnauben? Einem... spöttischen Ausdruck auf ihrem Gesicht? Kurz schob sich das Augenmerk Audras auf das Fenster hinter Gabriel, wo sich der sonnige Tag mit all seiner Kraft bemerkbar machen wollte, ehe ein kleines Räuspern sich aus der Kehle ihrerseits schlich.

      "Es gefällt mir nicht, weil es niemanden zusteht, über das Leben eines anderen entscheiden zu wollen.", war der erste Satz der ihr über die Lippen fiel. "Es gefällt mir nicht, weil es einem das Gefühl gibt, anders zu sein...", war die zweite Aussage die diese Thema betrafen, welches Audra schaffte in Worte zu formen. "... es schränkt dich ein. Es hält dich davon ab, die beste Version deiner selbst zu werden. Es lässt dich zweifeln... es lässt dich Fragen stellen, die vielleicht im Dunkeln bleiben sollten und deinen Geist zerfressen, sollten die Erkenntnisse dich übermannen. Es schafft es, dich klein zu fühlen, unbedeutend, unwirksam... als würdest du selbst niemals in der Lage sein, für dich selbst einzustehen.", die dritte und letzte Ansprache, welche den Raum um die beiden herum mit Wahrheit füllte. Dann... ein kurzes Zucken ihres Kopfes nach links, ein angedeutetes Kopfschütteln... wohlmöglich. "Du darfst mich nicht fragen, woran genau es liegt... wo genau es herkommt... meine Aversion dagegen, einem Muster zu folgen. Mich in eine Form pressen zu lassen, in die ich nicht hineinpasse. Meine Mutter erzählte mir einst, ich war schon als Baby so gewesen... meine Schwestern aßen Haferbrei, ich präferierte Spinat. Die beiden wollten mit Puppen spielen, ich mit Flugzeugen... deren Lebensträume sind die einfachen, leicht greifbaren, die, wo man sich die Hände nicht schmutzig machen muss... ich hingegen möchte wissen und fühlen, verstehen, was um mich herum passiert und nicht willenlos und kopflos durch die Welt laufen.", bedacht ruhig schob sich die Inspektorin ihre Haare hinter die Ohren und machte eine kurze Pause um Gabriel zu mustern.

      "Ich weiß, dass ich mich damit unbeliebt mache. Ich weiß, dass alle hinter meinen Rücken auf mich zeigen, über mich flüstern, lästern... mich verhöhnen und die Krätze an den Hals wünschen. Das der Teufel höchstpersönlich mich holen soll. Ich spüre ihre Blicke in meinem Nacken, ich kenne das Brennen von Hass nur all zu gut... wobei... vielleicht weniger Hass, als tiefgreifende, abschätzende, neidische Ablehnung. Ich bin keineswegs zu ignorant oder arrogant um das nicht zu merken... im Gegenteil... ich ziehe daraus... meinen Vorteil.", und obwohl sich Audra ihrer eigenen Rolle in diesem Spiel wohl gewahr zu sein schien, war in ihrer Stimme nichts als Stolz zu hören. "Die Wikinger hatten... diese überaus reizende Art der Bestattung... der oder die Tote, aufgebahrt, treibend auf Meer oder See hinausgeschickt und entzunden mit einem einzigen brennenden Pfeil...", eine wohlgewählte Pause, um gesagtes für einen Moment im Zwischenraum der Worte sickern lassen zu können. "... ich sehe mich nicht als diejenige, die schießt... ich bin diejenige die den Pfeil erst zum brennen bringt."
    • Audra ließ sich Zeit mit der Antwort. Ein geschultes Auge konnte problemlos beobachten wie die kluge Inspektorin die Möglichkeiten abwog. Gedankenlesen zählte nicht zum umfangreichen Repertoire der Reaper, aber gerade hätte er ein Stück seiner Seele dafür verpfändet, um in ihre Gedankenwelt eintauchen zu können. Gabriel begriff nicht, wie die Kleingeister in Audras näherem Umfeld, nicht an ihrem scharfsinnigen Verstand teilhaben wollten. Ein Gespräch auf Augenhöhe war für den Antiquar etwas überaus Erstrebenswertes. Beinahe unverschämt folgten Gabriels Augen den eleganten Bewegungen, wie ihre rosigen Lippen das zarte Prozellan umschlossen. Die Haltung zeugte von guter Erziehung und standesgemäßer Etikette - obgleich die maskuline Art, mit der sich Audra am heutigen, späten Vormittag kleidete, eine andere Geschichte erzählte. Rebellion, Aufbegehren und die Suche nach einem Platz in dieser vom Patriarchat bestimmten Zeit. Die Vermutung bestätigte sich, als Audra endlich die in ihren Augen richtige Antwort gefunden hatte. Aufmerksam lauschte Gabriel den mit Bedacht gewählten Silben. Er bezweifelte, dass die Inspektorin es außerhalb ihrer Berufung gewöhnt war, dass ein Mann darauf erpicht war die Worte aus ihrem Mund zu hören.

      "Du gibst Dich nicht mit dem Leben zufrieden, dass dir durch Stand und Geschlecht vorherbestimmt sein sollte. Ich habe es dir auf dem Benefiz-Ball bereits gesagt: Es ist weder ein Makel noch eine Schande mehr vom Leben zu wollen", raunte Gabriel, kreuzte die Knöchel unter dem Tisch und streifte dabei ganze dezent, beinahe beiläufig, den entblößten Teil ihrer schlanken Wade mit den nackten Zehenspitzen. Falls Gabriel davon Notiz nahm, zeigte sich nichts davon auf seinem Gesicht. Jedoch kreisten eine Gedanken darum, welche Banalitäten eine Frau wie Audra wohl aus dem Konzept brachten. Was störte ihre standhafte Haltung? Was würde sie dazu bringen, ihr Gleichgewicht zu verlieren - außer wandelnde Leichen, Blut und Ungerechtigkeit. Sie hatte das Thema rundum die Reaper, das Jenseits und den Tod erstaunlich gut verkraftet. Mit einem Nicken bedeutete er Audra, fortzufahren.

      "...das der Teufel höchstpersönlich mich holen soll", sagte Audra an einem Punkt ihrer wortgewandten Ausführung und Gabriel fühlte nicht das Bedürfnis, das aufkeimende Schmunzeln hinter seiner Tasse zu verstecken. Er war zwar nicht der Teufel, obwohl es genügend strenggläubige Menschen in ganze England gab, die das Gegenteil behaupten würden, aber zumindest das Jenseits und den Umgang mit Seelen hatten er und der Herr der Unterwelt gemein.

      Als Audra schwieg, nickte Gabriel erneut und tippte sich mit einem langen, bleichen Zeigefinger gegen das markante Kinn.
      "Du bist deiner Zeit voraus, Audra. Hüte dich vor den ewig Gestrigen", sprach der Reaper warnend, aber mit einem Lächeln, dass angesichts seiner Warnung recht deplatziert wirkte. Ausdruck und Emotion gingen nicht Hand in Hand, aber Audras Anwesenheit verleitete Gabriel dazu, ein wenig mehr seiner wahren Natur prei zu geben. Obwohl Audra an diesem Punkt noch blind durch die Welt der Reaper streifte. Dennoch...es fühlte sich einfach an in ihrer Gegenwart. Vielleicht war sie zur gleichen Akzeptanz in der Lage wie Gabriel. Was für ein seltsames Paar sie doch unter seinem bescheidenen Dach abgaben.

      "Sag mir, hast Du schon darüber nachgedacht, wie Du deine gewonnen Erkenntnisse in Bezug auf deine Ermittlungen berücksichtigen wirst? Du weißt jetzt, dass ich nicht der Mörder nicht. Nicht im eigentlichen Sinne des Wortes. Wenn Du Scotland Yard keine Ergebnisse lieferst, werden sich deine wackeren Mitstreiter auf dich Stürzen wie die Geier. Ich habe ihre Blicke gesehen, sie lauern auf einen Fehltritt um ihre Behauptungen, eine Frau sei für den Dienst nicht tauglich, zu untermauern."
      Gabriel stellte die Tasse ab und sah sie mit unangebracht amüsierter Neugier an. Immerhin, ging es um seine Beteiligung.
      "Und soweit ich weiß, bin ich noch immer der Hauptverdächtige. Was würden deine Kollegen dazu sagen, wenn sie dich an meinem Tisch, unter meinem Dach vorfinden würden?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Aufmerksam war das Gehör der jungen Frau auf die Worte des Mannes ihr gegenüber gerichtet. Sie war ihr nicht entgangen, die unbeabsichtigte Berührung seiner Zehe an ihrer Wade - da kam sie nicht darum herum sich doch die Frage zu stellen, ob es ein sehr, sehr fein und durchdachter Weg der Kontaktaufnahme wahr, welcher subtiler und unschuldiger nicht sein konnte. Unerreichbar und maskiert wie sich die Dunkelhaarige Inspektorin dann doch die meiste Zeit ihres Daseins gab, ließ sich auch diesmal nicht durchscheinen, ob es ihr zusetzte... ob sie es als angenehm empfand, als zu viel... Die Prämisse war doch seit jeher gewesen, undurchschaubar zu bleiben und doch hatte sie ihre emotionalen Hüllen das ein oder andere Mal gerade ihm gegenüber schon oft - zu oft - fallen gelassen und hinter die Fassade blicken lassen, welche sie, die tollkühne Inspektorin von Scotland Yard insgeheim ausmachte. Die weichgezeichneten Augen ihrerseits auf den markant blassen Zügen Gabriels abgelegt, nahmen die glatt rasierte Haut an den Kanten und Rundungen seines Kiefers wahr, flogen langsam, beinahe genießerisch über den Schwung seines Kinnes und schoben sich zu guter Letzt empor in das mahagonibraun seiner Augenglanzes, der ihre Person schon längst in Beschlag genommen hatte.

      Ein tiefer, berechnender Atemzug schob sich über ihre Nase in ihre Lungen hinab, nicht mit der Absicht vorschnell eine Meinung kund zu tun, sondern um die bloße Absurdität des Moments in seinen Waagschalen auszugleichen. Sich die Lippen mit einer knappen, bedachten Bewegung ihrer Zungenspitze befeuchtend, hob Audra die Teetasse wieder an ihren Mund empor. Das Aroma, welches sich in all seiner Herrlichkeit um ihre Nase schlängelte, sie neckte doch noch mehr von dem süßlich, herben Getränk zu sich zu nehmen, verleitete sie im Endeffekt nochmals dazu, den Blick niederzuschlagen und dem Genuss die Vorfahrt zu geben. Lautlos fand ein weiterer Schluck den Weg ihre Speiseröhre hinab, während die Worte von Gabriel in dem holzverschlagenen Dachgeschoss verklangen und sich wie eine breite Wand der ungelösten Rätsel zwischen ihnen ausbreitete. Langsam, ehrfürchtig, dem stillen Moment geschuldet, stellte die Inspektorin die Tasse wieder hinab auf das perlweise Untergeschirr, welches ein gar zärtliches Klicken in den Raum schickte.

      Sich anmaßend die Ruhe mit einem knappen Räuspern ihres Halses zu zerbrechen, legte Audra ihre Hände in ihrem Schoß ab und nickte, ihren gesamten Oberkörper damit leicht in Schwingung bringend, während sie über die gesprochenen Worte Gabriels nochmals nachdachte. Ein schnelles, scharfes Einatmen über die geöffneten Lippen ihrerseits, ein weiterer kurzes Moment der Spannung... ein gewähltes Schmunzeln auf den sonst so geordneten Gesichtszügen der jungen Frau. Gar amüsiert wirkten die schlanken Wangenknochen der Dunkelhaarigen nun, welche sich unter dem zarten, kurzen Lächeln emporkräuselten. "Es... wird dich zu verwundern wagen aber... lässt der Chief von dir als Hauptverdächtigen ab, nachdem ich ihm die Erkenntnisse meiner Ermittlungen vorgetragen habe.", sie klangen wie eine Lobeshymne an all die übermächtigen Kräfte die sie bis dato als Humbug abgestempelt hat. "... Es war die logischste Schlussfolgerung, nachdem wir den Fall nochmals durchgegangen sind, besprochen haben, was Irrsinn und was Wahrheit sein könnte. Die Argumente für dich übertrumpften jene gegen dich und auch wenn der Chief ein sturer Bock ist, so hat auch er eingesehen, dass es Zeit- und Ressourcenverschwendung ist, einer Spur zu folgen, die sich schlussendlich nur... verlieren würde."

      Audra holte tief Luft, genehmigte sich den delikaten Moment der Erkenntnis und strich sich beiläufig mit der linken die vorgefallenen Strähnen über ihren Kopf nach hinten zurück, während sich der Blick ihrer für wenige Sekunden vom Antlitz des Weißhaarigen löste und sich im Raum hinter Gabriel verlor. "Er sieht also genauso wenig wie ich einen Grund dich auf der Liste der Verdächtigen weiterzuführen, wenn es doch nicht nur du gewesen bist, der am Tag des Versterbens von Mr. Kensington anwesend war. Die Aufforderung meinerseits an ihn, die restlichen anwesenden Männer ebenfalls als Hauptverdächtige zu führen, wenn wir uns schon auf dich versteift haben... wollte er dann komischerweise nicht weiter ausführen... wohlmöglich weil der den Fehler in seiner eigenen Denkweise erkannt hat.", nebenbei die schlanken Schultern hebend, das dunkelgraue Hemd somit in sanfte Bewegung bringend und ein raschelndes Geräusch aus dem fein gebügelten Stoff entlockend.

      "Und was meine sogenannten Kollegen und Mitstreiter anbelangt... keine Meinung könnte mich weniger interessieren, wie die dieser Amateure...", da war sie wieder. Diese nuancierte Arroganz, die der Inspektorin zumeist auf Schritt und Tritt folgte und sich doch nur ans Tageslicht wagte, wenn sie denn auch angebracht war. "... was sollen sie denn schon groß ausrichten, hm? Meinem Chef, der eigentlich nicht mein Chef ist, eine lange Scharte an Anschwärzungen und Lügen bereitstellen? Mich verleumden? Es auch nur versuchen, meinem Ruf zu schaden? Gabriel, ich weiß nicht ob du verstanden hast, dass nicht ich auf Scotland Yard angewiesen bin, sondern sie auf mich...", keck hob sich eine Augenbraue der jungen Frau am hölzernen Tisch empor, als sich ihr Oberkörper noch leicht nach vor beugte, den Blick mit dem des Weißhaarigen vor ihr verwebend. Beiläufig schlenkerte ihre rechte Hand nach vor, machte eine halbe, wegwerfende Geste mit den feingliedrigen Fingern, bevor ihre Stimme wieder die Kontrolle über die Situation erhaschte. "... und wenn ich morgen mit der unsinnigsten, engstirnigsten, von Logik und natürlichem Hausverstand befreiten und gottlosesten Theorie zu einem Verbrechen vor deren Tor stehen würde... sie müssten mich anhören. Das ist keine Frage des Respektes mehr, sondern die des Könnens. Und ich bin gut. Sie wissen das. Der Chief weiß das... er weiß, dass sobald ich meinen Mund aufmache, die Lösung eigentlich schon zum Greifen nah ist...", ein Schnauben verließ die leicht aufgeblähten Nasenflügel Audras, die sich vielleicht ein wenig zu sehr in ihrem gehassten Ansehen suhlte.

      Ehrfürchtig lehnte die Inspektorin sich zurück in ihren hölzernen Stuhl, ergriff die lauwarme Tasse Tee und nahm einen weiteren, diesmal etwas forscheren Schluck der vortrefflichen Mischung, ehe sich die leicht von Irritation verschobenen Gesichtszüge der Dame ordneten und sich die beinahe stoische Miene wieder als geglättete Maske auf ihrer Haut wiederfand. "Deswegen komme ich kaum darum herum, dir einen gut gemeinten Rat zu geben...", setzte Audra fort, die Stimme wieder in jene sanften Wellen legend, die ihre Tonfarbe einzigartig machte. "... du bist nun vielleicht nicht mehr auf der Red List, aber... bleib wachsam. Ich weiß, dass du dir nicht aussuchen kannst, welche Seele du als nächstes begleiten musst... aber versuche... Scotland Yard von nun an ferner zu bleiben. Halte dich von Tatorten fern, handle... bedeckt. Niemand rückt so schnell wieder in das Rampenlicht, wie ein ehemaliger Verdächtiger, von dem abgelassen wurde.", sie hob den Blick wieder an und nun glitzerte etwas anderes in diesem. Nicht die Inspektorin, die sich überheblich ob ihrer Qualitäten auszeichnete... nein. Es war Audra selbst, die ... Sorge ausstrahlte. Sorge und... Wohlwollen.
    • Ehrliche Verblüffung, zumindest eine sehr überzeugende Kopie des überraschten Gesichtsausdrucks, ließ seine Augenbraue in die Höhe wandern. Es traf nicht gänzlich zu, dass er bei ihrer Offenbarung nichts fühlte. Gabriel hatte lediglich gelernt das Wenige, dass er tatsächlich spürte, mit entsprechender Mimik zu untermalen. Den schemenhaften Gefühlen gab er lediglich schärfe Konturen, die seine Mitmenschen verstanden. Er schenkte ihnen eine präzisere Form und ergänzte ein unfertiges Kunstwerk mit den richtigen Pinselstrichen. Gabriel bedachte Audra demnach mit einer künstlerischen, viel zu perfekten Imitation der Verwunderung, als er gewahr wurde, dass Scotland Yard tatsächlich von seiner Verfolgung abließ.

      Dank der cleveren Inspektorin war er den wackeren Ermittlern vom Haken gesprungen. Im Stillen fragte sich der Reaper, wann Audra zwischen dem blutigen Zwischenfall und der erschütternden Sorge um sein Wohlbefinden, den Offenbarungen über ein existierendes Jenseits und dem Moment ihres Weggehens, die Inspektorin die nötige Zeit gefunden hatte, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Eingehend glitten seine kühlen, braunen Augen über ihr Gesicht. Er suchte nach Anzeichen von Erschöpfung, von Schlafmangel und blutbefleckten Albträumen. Gabriel fand nichts dergleichen.

      Audra Dayton war ein Enigma. Sie vergoss Tränen über die Ungerechtigkeit, die ihr durch scharfzüngige Schwestern zu Teil wurde, aber verlor keinen Schlaf aufgrund kreischender und untoter Bestien mit blutigen Klauen. Ein Rätsel, in der Tat.

      "Bedauerlicherweise muss ich ein Geständnis ablegen, Audra", sprach Gabriel mit einer Stimme, die weder richtige Höhen und Tiefen in ihrer Emotionalität besaß. So wie er die Gewohnheit, seine Mimik zu modelieren nicht aufgeben konnte, sah er dennoch keinen Sinn mehr darin, seine Stimme dieser Farce zu unterwerfen. Nicht in Gegenwart von Audra. Auch, wenn die junge Frau ihm Gegenüber wohl noch keine Schlüsse zu seiner emotionalen Instabilität gezogen hatte. Sie war clever, scharfsinnig. Irgendwann würde sie darauf kommen und die richtigen Fragen stellen. Gabriel würde es ein Vergnügen sein, dabei zuzusehen.

      "Wäre der Ripper mir nicht in die Quere gekommen, hätte ich unsere Verbindung genutzt, um die dich zu diffamieren. Ich hätte dich umgarnt, Vertrauen geweckt und dich in mein Bett geholt. Nichts hätte mich davon abgehalten, diese Affäre dafür zu benutzen, deinen Glaubwürdigkeit zu untergraben. In den Augen deiner Kollegen wärst du emotional kompromittiert gewesen. Ein fataler Schlag für deine guten Ruf. Ich war bereit, ihn zu zerstören. In einer Welt, die das Patriachart schätzt obwohl eine Frau auf dem Thron sitzt, hätte dich kein noch so hochgelobtes Talent vor dem Fall gerettet. Es ist so simpel und doch so grausam. Ich war bereit, dich zu benutzen, aber du bist stärker als ich dachte..." Gabriels Lippen umspielte ein seltenes Lächeln, obwohl seiner Stimme nach wie vor die Fülle der Emotionen fehlte. "...und ich bin, mit der wenigen Kapazität von emotionaler Fülle, die ich besitze, aufrichtig erleichtert darüber, dass es nicht soweit kommen musste. Dafür habe ich deine Anwesenheit viel zu sehr zu schätzen gelernt. Ich werde deinen gut gemeinten Rat nicht in den Wind schlagen, aber ich kann dir kein Versprechen geben."

      Gabriel, der dem Tee bereits keine Beachtung mehr schenkte, fixierte Audra. "Da ist etwas, das du wissen musst. Es wird dir für deine Ermittlungen nichts nützen, sofern sie dich eines Tages mit dem Ripper-Fall betrauen, aber du sollst dennoch wissen, womit du es zu tun bekommst. Der Mann, der die bedauernswerte Dirne mit monströser Brutalität ermordete, war ein Reaper. Ein abtrünniges Exemplar meiner Zunft. Ich habe von ihnen gehört, bin aber nie einer dieser Kreaturen begegnet. Sie verzehren die Seelen, die sie eigentlich begleiten sollten. Es ist wie eine Droge und das macht den Mann gefährlich. Der Ripper ist ein Fährmann, Audra, und es gibt nichts im Arsenal von Scotland Yard, das ihm Einhalt gebieten kann."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”