My Girlfriend is a Boy [Nao & Dark.Wing]

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    • „Wenn es mich stören würde, hätte ich es dir nicht angeboten.“ meinte er lächelnd und strich Jayden die nassen Haare nach hinten. „Damit meine ich übrigens beides.“ stellte er nochmal klar. „Ich schlaf besser wenn du hier bist…und ich steh lieber auf wenn dir hier bist.“ er hatte sich ein wenig näher an Jayden gelehnt, hauchte ihm die Worte leise entgegen bevor er dem Studenten einen sanften Kuss auf die Wange gab und sich zu Ende bettfertig machte. Mit beidem hatte er nich gelogen. Er schlief tatsächlich deutlich besser wenn Jayden bei ihm schlief, es war nicht so dass er seinen Kaffee dann plötzlich nicht mehr brauchte, aber statt den exorbitant vielen Tassen trank er…möglicherweise eine weniger, auch wenns auf die Menge gerechnet kaum einen unterschied machte. Vor allem aber, stand er lieber auf und das nicht, weil er wusste, dass eine Tasse frisch gekochter Kaffee auf ihm wartete. Die Morgen hatten was entschleunigendes an sich. Als ob kurz vor dem stressigen Alltag alles noch einen kleinen Moment ruhig und entspannt war. Noel genoss dieses Gefühl. Er genoss es Morgens noch ein paar Minuten länger im Bett zu liegen, mit seiner Tasse Kaffee in der Hand und der Wärmedie Jayden neben ihm ausstrahlte, selbst wenn er wusste, dass der Alltag danach doppelt so stressig weiter gehen würde.

      Die stumme Aufforderung Jayden ins Bett zu folgen, ließ er sich nicht zweimal sagen. Ebenfalls nur in Boxershort kuschelte er sich unter die kühle Decke und seufzte leise auf, ehe er sich noch ein wenig näher an den Studenten schmiegte. Morgen würde er all die stressigen Dinge tun, die er zu erledigen hatte, aber jetzt gerade im Moment ließ er den ganzen Ballast vor der Schlafzimmertür auf sich warten, immerhin würde dieser Morgen immer noch dort sein und mit ihm endlos viele Gespräche, Mails für Hotelreservierungen und Flüge die er organisieren musste.

      Das Schlafzimmer war dunkel und trotzdem hatte der Franzose das Gefühl er konnte jeden Umriss in dem Raum genau erkennen. Sein Kopf lag ruhig auf Jays oberer Brust. Er wusste, dass er so eigentlich nicht schlafen konnte, jedenfalls nicht ohne am nächsten Morgen mit brutalen Nackenschmerzen aufzuwachen, aber er wollte noch einen kleinen Augenblick das Geräusch genießen, welches Jaydens Herz hinter dessen Rippen machte. Das gleichmäßige Schlagen, welches er sonst meistens nur als ein leisen Nachhall gegen seinen eigenen Körper spürte, wenn sich der Jüngere an seinen Rücken schmiegte.
    • Noel schlief besser wenn er hier war… Das tat Jay auch. Das konnte jedoch mehrere Gründe haben. Keine dünnen Studentenheim-Wände etwa oder das große Bett und der duftende Weichspüler, den Jay nie kaufte weil er ihn für eine unnötige Ausgabe hielt. Oder die Tatsache, dass er immer schon besser geschlafen hatte, wenn seine Lernunterlagen nicht zwei Meter entfernt waren. Wenn sein ganzer Alltag generell sehr weit entfernt schien. Bei Noel zu schlafen, egal ob er am nächsten Tag zur Uni oder Arbeit musste, hatte etwas von einem Kurzurlaub, genau wie seine Wochenendbesuche bei seinen Eltern, selbst wenn er da auf seine Geschwister aufpasste. Es war eben ein Bürde weniger, wenn er wusste, dass er sich nicht mit seinem Leben beschäftigen musste — oder konnte — weil alles weit weg war. Fünfzehn Minuten oder zehn Stunden… hauptsache weg. Danach zurück nachhause zu kommen war immer ein wenig überwältigend, aber seine Freunde machten diesen Umstand sehr viel erträglicher.
      Trotzdem gab es hier auch etwas, das überall anders nicht hatte: Jemanden, der ihm mit seinen kalten Händen eine Gänsehaut verpasste und ihn doch kuschelig warm fühlen ließ.

      Jay war so zufrieden. In den letzten Tagen hatten sich einige Dinge gelöst, die ihm im Kopf herumgeschwirrt waren, und auch wenn minütlich neue Schwierigkeiten aufzutauchen schienen, hatte er gerade einmal keine allzu großen Sorgen. Was auch immer in der Zukunft lag, war dort, nicht jetzt. Jetzt gerade hatte er alles, was er haben wollte. Darum war es, als hätte man ihm einen Backstein über den Kopf gezogen und er war inmerhalb einer Minute völlig weggetreten.

      Erholend war die Nacht nur nicht unbedingt. Das lag vermutlich an den kaum 6 Stunden Schlaf, die Jay bekommen hatte. Egal wie oft er das machte und mit wieviel weniger Schlaf er schon Tage überleben musste, es wurde irgendwie nicht angenehmer. Nur trat irgendwann der Gewöhnungseffekt an diesen Erschöpfungszustand ein.
      Jay musste sich zwingen, seine Augenlider zu öffnen und den Wecker auf seinem Handy auszuschalten, damit Noel noch ein paar Minuten Schlaf bekam, aber das war vermutlich sowieso nicht sehr realistisch. Er kämpfte sich aus dem Bett, quälte sich durch seine kurze Morgenroutine und saß schließlich wie ein Zombie am Küchentisch, auf den Kaffee wartend, den er aufgesetzt hatte. Es war nicht so, dass er kein Morgenmensch war, aber er war nunmal niemand, dem es leicht fiel, sein Bett hinter sich zu lassen, wenn am Tag viel zu viel auf dem Plan stand. Er war sich nicht sicher — eigentlich war er das nie — wie er heute nach seinen Kursen eine Schicht bis Mitternacht durchhalten sollte, aber irgendwie schaffte er es trotzdem jedes Mal, auch wenn er ebenso jedes Mal dachte, dass es sein letzter Arbeitstag sein würde. Und doch war seine Chefin offenbar verzweifelt genug, um es ihm nicht übel zu nehmen, wenn er sich zu oft verzählte und falsche Bestellungen ausgab. Solange er den Laden nicht in den Bankrott trieb… Scheinbar machte er immernoch mehr Gewinn als Verlust.
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    • Die Nacht war kurz, viel zu kurz. Wenn er mit weniger als sieben Stunden Schlaf zu recht kommen musste, konnte das für die Menschen in seiner näheren Umgebung schon fast schon tödlich enden. Es war nicht so, dass er das nicht regelmäßig tun würde, spaßig war es demnach trotzdem nicht. Noel hatte so schon die meiste Zeit des Tages nicht so berauschend gute Laune und das änderte sich drastisch wenn er dann auch noch müde war, gut das er heute keinen Kundenkontakt hatte.

      Als der Wecker klingelte, hatte er eigentlich vorgehabt - so wie immer - noch ein bisschen liegen zu bleiben, vielleicht sogar auf den nächsten zu warten, bis ihm einfiel, dass es sich bei dem Ton gar nicht um sein eigenes Handy handelte. Das wurde spätestens dann wirklich klar, als Jayden das Bett verließ. Dann war jetzt wohl Zeit aufzustehen, er konnte sowieso meistens nicht mehr so gut weiterschlafen, wenn er erstens wach war und zweitens die angenehme Wärme die Jayden grundsätzlich förmlich einzuhüllen schien mit ihm ging.

      So verließ Noel einige Minuten nach dem der Stundet aufgestanden war ebenfalls das Bett.
      Er gähnte herzhaft auf als er die öffnete Küche betrat. Seine Haare sahen aus, als ob ein Tornado durch gewütet hätte, wahrscheinlich hätte er nicht mit noch nassen Haaren ins Bett gehen sollen - eigentlich wusste er das ja…
      „Guten Morgen.“ Noel lehnte sich ein gegen den Jüngeren, schloss nochmal die Augen und fuhr ihm sanft mit den Händen erst über die Taille und dann über den Rücken. Die Gefahr jetzt nochmal einzuschlafen glich gleich null, vor allem weil selbst ihm noch nicht passiert ist, dass er im stehen einschlafen konnte auch wenn er Jay am liebsten zurück ins Bett navigieren wollte - man konnte aber nunmal nicht alles im Leben haben.
    • "Morgen", murmelte Jay wenig enthusiastisch und stand auf, als die Kaffeemaschine sich mit einem Piepsen bemerkbar machte. Er schenkte Noel gleich ebenfalls etwas aus der Kanne ein und lehnte sich dann an die Theke. Irgendwie bekam er gerade ein Déjà-vu zum Vortag, aber heute würde er sich mit seinen Deklarierungen zurückhalten, um nicht wieder ein zu langes Gespräch zu triggern. Schon garnicht, wenn er nicht groß reden sollte, nachdem er sich jetzt schon mit ungutem Gefühl überlegte, wie er seinen Eltern am Sonntag wohl am besten erklären könnte, dass er einen Mann datete, und es sich als eine… schöne Ausrede zu ergeben schien, mit der Unterhaltung darauf zu warten, dass Noe einer Beziehung zustimmte. Sie waren wohl beide gut darin, im Spießrutenlauf ihren Problemen auszuweichen.

      Statt das erneut anzusprechen, hatte Jay ein anderes Thema im Kopf. "Hast du Lust auf ein zweites Date?", fragte er. Seine Augen leuchteten fast simultan mit dem Aussprechen des Wortes 'Date' auf. Er fühlte sich gleich weniger müde. Die Idee war ihm gerade eben erst gekommen und doch war er bereits so darin festgefahren, dass er kein Nein ertragen könnte. "Morgen, meine ich. Am Sonntag Babysitte ich, und… ich arbeite morgen Abend, also ist das Zeitfenster nicht riesig, aber… was hältst du von… einem Freizeitpark? Oder Aquarium?" Jay presste die Lippen aufeinander, um sich ein Schmunzeln zu verkneifen. "Und wenn ich noch ein Eis draufsetze, kann ich auch meine Geschwister mitnehmen. Sorry. Hast du bessere Vorschläge? Ich bin… irgendwie zu Serien-brainwashed" Er lächelte verlegen. Manche Dinge hörten sich besser an, bevor man sie aussprach. Auch, wenn sich bei all diesen Dingen Gelegenheiten ergeben würden, ein paar Selfies für ein neues Hintergrundbild einzubauen.
      Urgh. Wann war Jay eigentlich so kitschig und armselig geworden? Diese Gedanken hatten sich bei seinen Exfreundinnen spärlich genug ergeben, dass man mit ihm Schluss gemacht hatte. Vielleicht war es einfach umso reizvoller, weil er etwas wollte, das so fern schien. Wer hatte schon als Sperrbildschirm das Foto seiner Situationship?
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    • Noel nahm dankend die Tasse Kaffe an - so stand man doch gerne auf. Sanft hauchte er einen fast schon keuschen, verschlafenen Kuss auf Jaydens Wange bevor er bei dem ersten Schluck des Kaffees leise aufseufzte. Kaffee war wirklich eine fantastische Erfindung, trotz dessen schien er immer noch nicht so wirklich wacher zu sein - wie konnte er auch, schließlich hatten sie beide nicht sonderlich viel geschlafen und außerdem wurde der Franzose dann auch noch viel zu früh von Jaydens Wecker aus dem Bett geklingelt. Immerhin besaß er - im Gegensatz zu Jay - das Privileg sich gleich nochmal hinlegen zu können.

      Als der Student seine Idee mit dem Date ansprach wurde Noel hellhörig. Selbst seine heiß geliebte Kaffeetasse stellte er kurz auf die Küchenzeile um Jayden sanft die Hand auf die Wange legen zu können und ihm mindestens genau so sanft zu küssen. „Ich hab grundsätzlich Lust auf Dates mit dir.“ Gott, klang das kitschig, aber wie konnte er bei dem Leuchten in Jaydens Augen sowas nicht sagen? Wenn Noel selbst nicht so schlafgetrunken wäre, hätte er sich für die Worte wahrscheinlich eigenständig ins Grab befördert. Seit wann verließen denn solche Sachen seinen Mund? Er sollte sich ganz dringend mal Gedanken darüber machen. Bei Jays weiteren Vorschlägen musste er dann jedoch ebenfalls kurz Schmunzeln und hatte eigentlich gar keine weitere Zeit sich mit dem Kitsch seiner eigenen Worte auseinander zusetzen.

      Die Ideen, die der Student geäußert hatte, waren so weit entfernt von dem was Noel als ‚Date‘ betiteln würde, dass es schon fast unwirklich schien. Es war nicht so, dass ein Date in seinen Augen immer vor Romantik triefen musste (er war selbst eine nicht sonderlich romantisch angehauchte Person), aber er hatte bis dato immer recht ruhige Dates gehabt. Er mochte es allgemein nicht zu aufregend oder aktionreuich. Noel hatte gerne die Möglichkeit sich bei einem Date einhundert Prozent auf die Person zu konzentrieren und das schien ihm bei solchen Aktivitäten immer ein wenig schwierig. Wieder einmal fiel ihm auf, wie unterschiedlich sie beide eigentlich waren. Er hatte Jayden schon von Anfang an, als eine sehr aktive Person eingestuft, schließlich war das bei den ganzen Partys und der extrovertierten Persönlichkeit auch schwer zu übersehen und trotzdem standen sie nun schon zum wiederholten mal in seiner Küche nachdem sie die letzten Stunden miteinander verbracht hatte.

      Noel überlegte kurz. „Ein Freizeitpark ist wohl bei den Temperaturen draußen etwas…ungünstig…aber was hältst du von einer Arcade Halle?“ Die Idee war ihm eben spontan gekommen. Er wusste, dass es in der Nähe ein gab - er war als Teenager mit seiner Schwester gelegentlich dort gewesen und außerdem hatte er das Gefühl mit der Idee deutlich mehr Jays Geschmack zu treffen, als wenn er ein weiteres Date in irgendeinem Café vorschlug. Irgendwie reizte ihn diese Unternehmensfreude des Jüngeren. Eigentlich war Noel ein ziemliches Gewohnheitstier, er machte nicht gerne Dinge zum ersten Mal, jedenfalls nicht wenn besagte Dinge nicht mindestens in einem Kontext lagen mit etwas, was er schon mal gemacht hatte. Er probierte gerne neue Kunstmedien aus, aber er beschäftigte sich auch gerne mit Kunst im allgemeinen, wie MakeUp, für im gehörte das alles zu einem großen Spektrum, aber er bewegte sich nicht gerne außerhalb seiner bekannten Spektren. Nicht das er nicht nochmal Videospiele gespielt hatte oder in der besagten Arcade hatte war, aber die Mischung aus vielen Menschen auf engem Raum - was man, wenn man nicht gerade in der Woche und zu sehr untypischen Uhrzeiten an so einen Ort ging kaum vermeiden konnte - und Dingen mit denn er sich lange oder gar nicht beschäftigt hatte, versuchte er im Normalfall eigentlich zu vermeiden. Was Gefühle nicht so alles mit einem machen konnten…

      „Ich finde deine Ideen übrigens nicht zu kindisch…falls das dein Gedanke war.“ er schenkte dem Jüngeren ein liebevolles Lächeln bevor er wieder nach seiner Tasse griff. „Vielleicht sind das nicht unbedingt die Dateideen, die mir in den Kopf kommen würden, aber ich bin ausnahmsweise mal offen was neues auszuprobieren.“ Meinet er mit einem zwinkern. Und wenn es doch nichts für Noel wäre, hatte er immerhin Jayden eine Freude bereitet, schließlich schien ihm das zwar bei jeder anderen Person egal zu sein, aber seltsamerweise gerade bei dem Stundenten nicht.
    • „Oh“, meinte Jay enthusiastisch. „Das klingt super“ Er lächelte breit. Ja, er hatte wohl irgendwie nicht ganz erwartet, dass Noel sich so widerstandslos seinen Ideen hingeben würde. Aber es war eine schöne Überraschung. Wenn er aber genauer darüber nachdachte, würde er sich wohl ebenfalls zu irgendwelchen Theatervorstellungen oder teuren Restaurants zwingen, wenn es Noel gefiel, und solange sie zu zweit waren, konnte sicher alles einigermaßen unterhaltsam sein. Auch, wenn Jay Noel in nächster Zeit wohl nicht auf eine Party schleppen würde und sie auch Treffen mit den T.N.T. vermeiden sollten, wenn sie friedlich miteinander leben wollten. Auch wenn die Eifersucht richtig heiß gewesen war…

      Jay nahm einen großen Schluck von dem Kaffee. „Okay, dann gehen wir morgen. Ich muss nur um Sechs in der Bar sein, aber wir haben den ganzen Nachmittag“ Und wenn er nachher todmüde war, war es eben so. Das bisschen Freizeit, das er hatte, musste er nutzen, bis er vor Anstrengung kollabierte.
      Er drückte Noel einen schnellen Kuss auf die Lippen, bevor er sich umdrehte und sich auf den Weg ins Bad machte. Er rief noch über die Schulter: „Ich weiß, du wolltest mich fahren, aber wenn du wieder einschläfst, bis ich fertig bin, ist es auch okay“ Jay schmunzelte und verschwand. Leider hatten sie heute allgemein wenig Zeit zusammen, denn um zwei Uhr nachts würden sie sich kaum unterhalten, aber Jay musste einfach mal wieder den Tag mit Cyrus und seinen anderen Freund verbringen, bevor die dachten, dass er tot war. Oder schlimmer: dass sich das Gerücht verfestigte, er hätte eine Freundin, bei der er bald einziehen würde. Glücklicherweise dachte Jay nicht, dass Cyrus noch irgendetwas zu dem Thema sagen würde, alleine schon weil es ihm sicherlich immernoch grundlos unangenehm war, aber keiner konnte seinen Freundeskreis aufhalten, wenn sie sich an irgendeinem Gerücht festgebissen hatten, das ihren langweiligen Alltag etwas spannender machte. Jay hatte schon ein wenig Angst vor den Rechtfertigungen, die seinen Mund verlassen würden, wenn man ihn löcherte. Mit etwas Glück hatten sie alle das Thema längst vergessen, aber… naja.
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    • Jays Angebot klang verlockend. Noel würde viel zu gerne zurück in das warme Bett gehen, vorzugsweise zusammen mit dem Studenten, aber noch ein paar mehr Minuten mit diesem verbringen klang schon fast noch verlockender, also trank er die letzten zwei Schlücke von seinem Kaffee aus, stelle die Tasse in die Spülmaschine und verschwand kurz in seinem Schlafzimmer. Die lockere Jogginghose und der weite Pullover - bei dem man sich nicht mal ganz sicher war ob es seiner war - sahen seltsam fehl am Platz an ihn aus. Normalerweise würde er so wohl nie das Haus verlassen, aber sich nun ‚vernünftig‘ anzuziehen lag definitiv nicht in seinem Interesse. Er würde heute sowieso nicht wirklich das Haus verlassen, außer um Jayden gleich kurz zum Uni zu bringen, also würden sich vernünftige Klamotten kaum lohnen. Im Kopf ging er seinen Tagesablauf so weit es ihm in seinem verschlafenen Zustand möglich war, grob durch. Bei der Planung die auf ihn zu kam, zog er doch nochmal in Betracht ob es nicht doch angenehmer wäre sich unter der warmen Bettdecke zu verkriechen.

      Er hatte jetzt noch knapp zwei Wochen bis er nach Frankreich flog. Zwei Wochen in denen er in Erfahrung bringen musste, was seine Arbeitgeber von ihm verlangen und wie er das am besten umsetzten konnte. Wie er das Ehepaar kannte, waren ihre Vorstellungen wahrscheinlich mal wieder fast unmöglich in so kurzer Zeit umzusetzten und trotzdem hatte er es in der Vergangenheit irgendwie immer wieder geschafft.
      In Gedanken hatte er die Flüge für sich und Jayden schon fast gebucht, sowie das Wochenende in London, welches noch auf ihn zukam abgehakt, das beide Planungen noch auf ihn zukamen, wollte er am liebsten ignorieren.
      Als Jayden aus dem Badezimmer kam, stand er im Flur an seinem Handy in der Hand und verglich Flugverbindungen. „Passt dir der 27.12?“ das der Student Noels Gedankengängen der letzten Minuten nicht hören konnte und somit sich wohl nicht ganz sicher sein konnten, was der Franzose mit seiner Aussage meinte, schien ihm gar nicht in den Sinn gekommen zu sein, so vertieft war er in seinen Bildschirm.
    • "Huh?", machte Jay verwirrt. Sein Gehirn war so früh morgens noch nicht zum Gedankenlesen bereit. "Was soll ich da machen?", fragte er und zog sich die Schuhe an. Hatten sie so knapp nach Weihnachten jetzt schon ein Date geplant?
      Er griff nach seinem Rucksack, sah, dass sein Laptop noch fehlte und lief anschließend auf der Suche nach diesem durchs Wohnzimmer. Gefunden. Geldtasche war da, Wohnungsschlüssel auch, Handy, Kopfhörer, Powerbank. "Ich bin Weihnachten immer zwei oder drei Tage bei meiner Familie, aber der 27. ist sicher frei. Hab mir auch zwei Wochen freigenommen, auch wenn ich wahrscheinlich noch irgendwelche Hausarbeiten bekomme, aber ich krieg sowas normalerweise in zwei Tagen hin ohne durchzufallen" Er lächelte stolz. Wahrscheinlich sollte er darauf garnichts so stolz sein. Sein Notenschnitt war unterirdisch. Interessanterweise war er ziemlich auf einem Level mit Cyrus, obwohl dieser nicht arbeitete und seine Familie weit weg wohnte, womit er mehr als genug Zeit zum lernen hätte, aber… naja, es war eben Cyrus.
      Jay zog ich seine Jacke an, schulterte seinen Rucksack und warf einen Blick auf die Uhr. "Bleibst du hier? Dann muss ich jetzt schnell zur Bahn, bevor ich sie verpasse", schmunzelte er und versuchte Noels Blick aufzufangen, der an seinem Handy klebte.
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    • „Mhm?“ nun sah er endlich von seinem Display auf. „Nein, ich fahr dich. Sorry.“ meinte er mit einem sanften Lächeln, legte sein Handy auf die kleine Kommode im Flur und zog sich dann ebenfalls Schuhe an. Die alten Laufschuhe hatte er sicher ewig nicht mehr getragen, nicht weil ihm die Motivation fehlte zum Sport zu gehen, sondern die Zeit…möglicherweise fehlte ihm auch die Motivation, aber primär haperte es an seiner nicht vorhandenen Zeit. Er sah kein Stück aus wie sonst, die Eleganz war gänzlich unter den Klamotten abhanden gekommen, aber er war nicht wach genug um sich über sowas Gedanken zu machen, für die kurze Fahrt zur Uni musste das reichen.

      „Wenn das passt, würde ich dir einen Flug am 27. buchen, so das du zum Nachmittag in Paris bist.“ erläuterte er seinen vorherigen Gedankengang während er nach seinem Haustürschlüssel griff. „Du musst mir nur sagen von wo du fliegen möchtest, um alles weitere kümmere ich mich gerne.“ er würde sowieso die anderen Flüge buchen, also konnte er den Hinflug für Jayden gleich dazu buchen und außerdem war es so deutlich einfacher die gesamten Flugkosten bei seinem Arbeitgeber einzureichen. Er hatte zwar noch keine Hotelreservierung aber Noel wusste, dass sich das Ehepaar darum kümmern würde, so wie sie es sonst auch getan haben. Jayden musste nicht wissen, dass er wahrscheinlich jeden Cent erstattet bekam, immerhin war die gesamte Idee Jay mit nach Frankreich zu nehmen ursprünglich gar nicht auf seinem Mist gewachsen, die Möglichkeit ließ er sich jedoch nicht entgehen und außerdem war dieser Teil ein essenzieller Part warum er sich überhaupt bereiterklärt hatte so spontan nach Frankreich zu reisen.

      Sein Handy ließ er im Flur liegen, während er dem Studenten die Wohnungstür aufhielt und diese nachdem er selbst durchgegangen war ins Schloss zog. Im Auto angekommen, stellte er direkt die Heizung samt Sitzheizung an…bildete er sich das nur ein oder wurde es von Tag zu Tag kälter?
      Die Musik rauschte nur leise im Hintergrund während er sein Wagen aus der Parkbucht manövrierte und Jay direkt danach die Hand sanft auf den Oberschenkel legte.

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    • Jay nickte. "Oh", sagte er. Das hatte er fast vergessen. Das Thema hatten sie gestern so schnell durchgesprochen und wieder abgehakt, dass es über Nacht fast aus seinen Erinnerungen verschwunden war, vor allem nachdem er recht viel getrunken hatte. Jetzt breitete sich jedoch wieder ein kleines freudiges Kribbeln in seiner Magengegend aus. "Klar, der 27. Das klingt gut" Dann konnten sie Silvester wohl zusammen in Paris verbringen. Jay musste sich bloß noch überlegen, wie er für die Kosten aufkommen sollte. Es war absolut selbstverständlich, dass er Noel das Geld für seinen Flug im Nachhinein überweisen würde. Dass der Franzose diesen selbst buchte, kam Jay jedenfalls sehr zugute, weil er sich mit dem ganzen Kram absolut nicht auskannte. Er war schließlich noch nie irgendwohin geflogen.
      "Von wo? Naja, also… vom nächsten Flughafen", antwortete er unsicher. Gab es da noch andere Optionen? Je näher der Flughafen, desto besser. Er hatte nicht vor, eine zusätzliche Weltreise zu machen.

      Jay folgte Noel ins Auto und sogar ihm war gerade ein wenig kalt. Dass die Sitzheizung schnell in Gang kam, war eine Erleichterung. Vielleicht sollte er langsam doch noch anfangen, wieder Handschuhe und Schals zu tragen… Er war bloß noch nie ein Fan von Schichten und dicker Kleidung gewesen. Sommer war schon eher nach seinem Geschmack.
      Die Hand auf seinem Oberschenkel gab ihm wie immer kurz das amüsierte Gefühl, die Frau in ihrer Beziehung zu sein, was absoluter Schwachsinn war, das wusste er, nur… Schließlich war er es nicht gewohnt, Passenger Princess zu spielen. Allgemein hatte er sich nie von jemandem im Auto chauffieren lassen, außer von Elliot und das war alles andere als romantisch. Der Junge sollte definitiv kein eigenes Auto haben, denn er benutzte es wie seine zweite Wohnung und es war immer völlig zugemüllt.

      Der Gedanke machte aber sowieso schnell dem Gefühl Platz, es ein bisschen zu bereuen, erst den morgigen Tag mit Noel verbringen zu können. Zwischen ihnen war länger nichts gelaufen, weshalb Jays Gedanken nun zunehmend oft in diese Richtung abdrifteten. Die Unterbrechung durch Cyrus hatte zwar eine Weile die Stimmung gekappt, aber dann hatten sie bloß keine Zeit mehr gehabt. Verflucht sei dieses Studium. Oder… die Notwendigkeit von Schlaf. Oder sein Job. Eigentlich alles, das ihn aus dem Bett zwang. Und morgen hatten sie bereits ihr Date geplant, dass Jay nicht wieder auf diese Art enden lassen wollte.
      "Ich hasse diese Vorlesungen, ich würde lieber mit dir schlafen", meinte Jay plötzlich ungefiltert. Für richtige Flirts war er einerseits zu müde und andererseits wusste er, dass es gerade absolut keinen Sinn hatte. Er wollte sich nur mal kurz beschweren. Auch wenn es… noch vor acht Uhr morgens war und er selbst nicht wusste, warum er schon wieder an Sex dachte. So versessen war er noch nie gewesen und eigentlich ging es ihm eher um das allgemeine Problem, zu wenig Zeit mit Noel zu haben. Langsam musste es aber so wirken.
      "Aber ich freu mich auch auf unser Date", murmelte er. "Ich würde einfach gerne meinen Job kündigen oder das Studium beenden, eins von beidem. Es sind jetzt fast dreieinhalb Jahre und ich hab keine Lust mehr, so wenig Freizeit zu haben" Dabei musste er nur noch bis zum Sommer durchhalten. Aber jetzt wo er Noel kannte… Kam ihm das ewig lange vor. Was, wenn Noel bis dahin beschlossen hatte, wirklich nicht mit ihm zusammen sein zu wollen?
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    • Noel nickte. Er hatte insgeheim gehofft, dass Jayden sowas ähnliches sagte. Er wollte nicht so rüber kommen, aber am liebsten hätte er den Studenten schon vor Weihnachten bei sich, das hätte er aber unmöglich vorschlagen können. Wahrscheinlich war Jays Familie, das Weihnachtsfest genau so wichtig wie seiner eigenen, da war der 27. ein guter Kompromiss. Allein das er so, eine plausible Ausrede für seine Eltern hatte, warum er nicht noch bis Silvester bei ihnen bleiben konnte, beruhigte Noel ein wenig. Die letzten Jahre musste er immer einen ‚beruflichen Zwischenfall‘ vorziehen und so langsam schienen seine Eltern ihn diese Ausrede nicht mehr abzukaufen. Bei diesen Gedanken glaubte er sich selbst kaum, dass er eigentlich gut mit seinen Eltern klar kam. Sie waren keine schlechten Menschen, nicht mal schlechte Eltern, die allgemeine Wuselei in dem Haus war ihm einfach…zu viel. Er mochte es gerne ruhig, entspannt. Er wollte mit einem guten Buch, auf dem Sofa sitzen und dabei die gesamte Sitzfläche einnehmen ohne sich dabei Gedanken machen zu müssen, dass sich jemand verdrängt fühlen konnte. Er wollte in Ruhe seinen Kaffee morgens trinken ohne drei mal zu erwähnen, dass er wirklich keinen Hunger hatte oder das ihm das Essen tatsächlich schmeckte. Menschen waren ihm meistens einfach zu anstrengend und dazu zählte seine eigene Familie leider dazu.

      Im Gedanken, hatte er die Flüge schon fast gebucht, in Gedanken war er aber auch schone wieder zuhause, vorzugsweise mit Jayden, aber sie waren nicht in seinen Gedanken. Sie waren in seinem Auto auf dem Weg zur Uni, damit Jayden die nächsten Stunden in einem Hörsaal verbringen konnte um Sachen zu lernen die er vermutlich nicht mal brauchte. Das Leben konnte manchmal ganz schön unfair sein, wenigstens war es mittlerweile angenehm warm in dem Wagen…
      Noel spürte die Hitze die durch Jaydens Jeans seine Hand schon fast empfing. Er strich mit dem Daumen über den schweren Denim-Stoff, er wäre gerade wirklich lieber Zuhause. Obwohl er nur eine Hand am Lenkrad hatte, fuhr er so routiniert und entspannt wie immer. Seine Bewegungen waren fließend, kaum vorhanden und bestanden meistens nur aus einem minimalen Bewegung seiner Finger.

      Noel wollte Jays Frust über seine Vorlesung gerade zustimmen, als er kurz innehielt, sich dann ein - schon fast leicht dreckiges - Grinsen, welches er versuchte hinter seinen souverän Art zu verstecken, auf seine Lippen schlich. Der Franzose mochte diese stumpfe, ungefilterte Art. Er hatte sie von Anfang an gemocht. Diese direkte Art zu flirten, auch wenn man das gesagte kaum als ein Flirt bezeichnen konnte. Vielleicht war genau diese Art, der Grund warum er sich damals an Halloween auf den Studenten eingelassen hatte.
      „Ich nehme an, das du Anwesenheitspflicht hast?“ Er warf dem Jüngeren aus dem Augenwinkel einen kurzen, kaum merkbaren Blick zu. Er sollte diesen Gedanken ganz schnell verwerfen und vor allem sollte er weder Jayden noch sich selbst auf dumme Gedanken bringen. Er sollte den Studenten nicht dazu animieren Vorlesungen zu schwänzen, vor allem nicht wenn er freiwillig anbot ihn zur Uni zu fahren.

      Uni war ein gutes Stichwort. Wie das letzte Mal parkte er in einer der Seitenstraßen, etwas abseits, nicht direkt vor dem Unigebäude, ehe er sich zu dem Studenten drehte. „nach Weihnachten haben wir mindestens ein einhalb Wochen nur für uns.“ kam es aufmunternd von Noel. Er drückte sanft Jaydens Oberschenkel, bevor er sich ein Stück zu ihm rüber lehnte und ihm leise ins Ohr flüsterte. „Dann gehöre ich nur dir, versprochen.“ Der sanfte Kuss, kurz unterhalb seines Ohrs, fühlte sich an wie eine Art stummes Versprechen.
      „Aber du solltest jetzt los, sonst kommst du noch zu spät zu deiner Vorlesung.“ Und wenn Jayden weiter hier sitzen würde, würde Noel es sich gegebenenfalls doch nochmal anders überlegen und mit dem Studenten zurück zu seiner Wohnung fahren.
    • Jay verzog das Gesicht. „Sag sowas nicht. Ich nehm dich ernst und schwänze“, sagte er etwas beleidigt. „Und ja, hab ich. Ich fehle eigentlich nie, weißt du? Ich mache auch immer alle Projekte und schreibe mit und den ganzen Kram, aber die Noten gehen fast vollständig auf die Projekte und ich hab kaum Zeit, an denen richtig zu arbeiten. Damit ist mein Notendurchschnitt aus der Hölle. Ich sag ja, ich muss meinen Job kündigen. Aber ich hab kein Stipendium. Ich muss die dämliche Wohnung zahlen und mein Essen und das Klopapier, weil ich der einzige bin, der daran denkt, diesen Scheiß nachzukaufen“ Er seufzte frustriert.

      Okay, gerade war er wirklich genervt von seinem stressigen Leben. So sehr hatte ihn das bisher noch nie gestört. Er hatte es einfach hingenommen und sich mit der konstanten Müdigkeit, den schlechten Noten und allgemeinen Mangel an Spaß abgefunden. Wen wunderte es da, dass die Parties und Treffen mit seinen Freunden eine hohe Priorität für ihn hatten? Lieber hatte er etwas Spaß und war noch müder, als ohnehin schon, weil das ja im Großen und Ganzen eh keinen Unterschied mehr machte. Er hatte noch genügend Energie, um sich da durchzuquälen. Allerdings… hatte er von Anfang an nur damit gerechnet, das drei Jahre lang zu machen. Wenn er jedoch nur einmal krank wurde, verpasste er gleich so viel, dass er Angst haben musste, noch ein Semester drauf zu setzen. Und da war er jetzt. Bei vier Jahren. Wenn er jetzt irgendetwas vermasselte, wurden es gleich mal fünf und das hielt er sicher nicht aus. Das alles hatte er ständig im Hinterkopf, und das nur, weil er es seinen Eltern recht machen wollte. Obwohl die auch nur wollten, dass er glücklich war. Und irgendetwas Sinnvolles mit seinem Leben anstellte. Tja, war es sinnvoll, wie er derzeit lebte?

      „Sorry“, seufzte er. „Mich nervt das alles gerade mehr als sonst. Ich will mehr Zeit mit dir verbringen können. Und… einfach mal… nichts tun, oder so“ Das war ebenfalls ein neues Gefühl. Nichts tun hatte ihn sonst immer mehr gestresst, als etwas zu tun. Aber einfach nur auf der Couch zu liegen und mit Noel zu koexistieren hatte eben was. Irgendwie brachte ihm die gemeinsame Zeit bei, was er wirklich von seinem Leben wollte. Und so weiterzumachen wie bisher war ihm eindeutig auf Dauer zu viel.
      „Aber es sind nurnoch… äh… sieben Monate. Das muss ich jetzt auch noch schaffen“, meinte er letztlich. Hatte er sich schonmal so bei jemandem aufgeregt? Jemandem erzählt, was ihn alles störte? So aufrichtig? Dass er mal keinen Bock hatte, zu arbeiten, das ging ihm leicht über die Lippen, aber seinen Freunden würde er kaum von dem Geldproblem erzählen. Das verstanden die alle einfach nicht. Keiner von ihnen war gezwungen zu arbeiten. Selbst wenn Jay zuhause leben würde zum studieren, müsste er arbeiten, weil seine Eltern finanziell am Ende waren.

      „Ich freue mich wirklich unheimlich auf Paris“ sagte er und sah Noel an. „Auf eine Pause und die ganze Zeit, die wir zusammen haben“
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    • Und das alles für einen Beruf den Jayden gegebenenfalls gar nicht die Erfüllung gab, die ihm gerecht werden würde? Allein der Gedanke hinterließ einen Nachhall den Noel am liebsten an Ort und Stelle auslöschen würde. Es war nicht so, dass er das nicht kannte, tat er. Er hatte in der Vergangenheit selbst in Nebenjobs gearbeitet die ihm kein Spaß gemacht hatten, nur um genug Geld zu haben, um seinen Lebensstandard sicher stellen zu können, die Zeit war jedoch vorbei. Er tat etwas, was er liebte, auch wenn er sich regelmäßig über seine Arbeit aufregte, was jedoch weniger an der Arbeit an sich und mehr an den Menschen lag, genoss er jeden Tag an dem er das machen durfte, was er gerne tat. Er hatte fast grenzenlose künstlerische Freiheiten, etwas was nicht viele von sich behaupten konnten.

      Er hätte den Vorschlag tatsächlich nicht machen sollen, denn jetzt arbeitete sein Verstand schon fast von alleine daran Jaydens momentane Situation irgendwie ändern zu wollen. Es war nicht so, dass Noel ihn nicht finanziell unterstützen konnte - konnte er - aber das würde sie beide in ein Abhängigkeitsverhältnis führen, mit welchem wohl weder Jayden selbst noch Noel geholfen wäre. Sie würden sich nicht mehr daten, weil sie die Gegenwart der andere Person grundsätzlich genossen, sondern weil dieser kleine bittere Beigeschmack dabei wäre und das war definitiv keine Option.

      Vielleicht brauchte Jay in diesem Moment auch gar keinen Lösungsansatz. Seine Schwester hatte ihm dazu mal was gesagt, manchmal brauchen Menschen einfach eine Person bei der sie sich aufregen konnten. Das tat er auch. Er regte sich fast täglich über seine Kunden auf, hatte aber nie die Intension was daran zu ändern, er wollte einfach seiner schlechten Laune den Raum geben den er in dem Moment brauchte.

      „Alles gut, du darfst dich gerne bei mir darüber auskotzen, wenn dir das hilft.“ kam es von dem Franzosen mit einem aufmunternden Lächeln, ehe er sich wieder ein Stückchen zu dem Studenten beugte und ihn sanft küsste. Obwohl Jayden vielleicht keinen Lösungsansatz brauchte, oder wollte, würde er sich zuhause vielleicht doch einmal ein wenig umhören, er hatte Kontakte in der Stadt, kannte Leute die andere Leute kannten, die vielleicht Aushilfen suchten, nur weil er Jayden finanziell nicht an sich binden wollte (vor allem weil allein der Gedanke ihn schon störte), hieß das nicht, dass er dem Studenten nicht anders helfen und vielleicht ihm die ein oder andere Tür öffnen konnte.

      „Ich mich auch. Das ist im Grunde mein erster Urlaub dieses Jahr.“ schmunzelte er. Er reiste zwar viel und er war dieses Jahr auch viel rumgekommen, was jedoch nicht hieß, dass das Urlaubsbedingt war. Meistens waren die Zeiten die er im Ausland verbrauchte stressiger als wenn er in der Stadt blieb. Er hatte andere Deadlines, andere Verpflichtungen, Zeiten die er noch strenger einhalten musste und Arbeitszeiten die beinah fließend in einander übergingen und trotzdem genoss er jede Sekunde, weil er wusste wie es anders war. Weil er wusste wie es war, jeden Morgen für einen Job aufstehen zu müssen den er nicht mit voller Leidenschaft machte.
    • „Danke“, murmelte er, auch wenn es ihm im Nachhinein etwas unangenehm war. Er war es nicht gewohnt, diese Dinge an die Oberfläche zu lassen. In seinem Kopf war das alles eigentlich völlig irrelevant, aber… trotzdem störte es ihn wohl. Sein Notenschnitt? Wen interessierte sowas schon? Nur hatte Jay das Gefühl, nicht fair bewertet zu werden, weil er sich deutlich mehr Mühe geben konnte. Selbst in der Schule hatte er überwiegend gute Noten gehabt. Hätte er nicht ein bisschen was im Kopf, würde er kaum Architektur studieren können. Er war nie das Sorgenkind seiner Eltern gewesen. Vielleicht hatte er diese ‚er schafft das schon‘ Mentalität einfach übernommen, und völlig ignoriert, was er eigentlich wollte.

      Noel war wie ein Fluch und ein Segen. Einerseits war Jay glücklich, wenn er bei ihm war, und andererseits war genau das das Problem. Er fühlte sich wohl und an ihm kamen Seiten zum Vorschein, denen er sonst keine Bedeutung zugetan und sie unterdrückt hatte. Wie sollte er das alles in so einer schnellen Zeitspanne verarbeiten?
      Das wusste er nicht, aber der Kuss machte alles deutlich erträglicher. Jetzt wollte er erst recht nicht aus dem Auto steigen.

      Er musste sich überwinden, den Rucksack zwischen seinen Beinen zu schnappen und die Tür zu öffnen. „Wir sehen uns dann morgen Früh“, sagte er zum Abschied, und um sich selbst zu erinnern, dass sie bald etwas Zeit zusammen hatten. Dann stieg er aus, winkte nochmal mit einem Lächeln und lief zum Universitätseingang. Er fragte sich, kurz nach dem Lächeln und Winken, wann er eigentlich so schrecklich anhänglich und kitschig geworden war. Hoffentlich war das nicht Noels Grund, um noch abzuwarten, bevor sie eine Beziehung eingingen.
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    • Es war kurz nach Acht als Noel wieder in seiner Wohnung ankam, er hatte Jayden noch einen Moment hinterher geschaut und gewartet bis dieser aus seinem Sichtfeld verschwunden war, bevor er den Motor wieder gestartet hatte.
      Seine Wohnung kam ihm unnatürlich ruhig vor, als er alleine im Flur stand. Sein Blick fiel auf sein Handy, welches er dort vergessen hatte. Im Vorbei gehen Griff er nach dem Gerät und machte sich auf dem Weg ins Wohnzimmer. Wenn er schon alleine war, konnte er auch arbeiten, nicht das er sonderlich viel Lust dazu hatte, aber alles was er jetzt machte, brauchte er nicht machen wenn Jayden da war, oder jedenfalls hatte er dann immerhin schon mal was geschafft.

      Mit seiner zweiten Tasse Kaffee und einem kleinen Frühstück setzte er sich samt Laptop an den Küchentisch. Wenn er es sich direkt mit allem auf dem Sofa bequem gemacht hätte, hätte er wahrscheinlich wieder nicht sonderlich viel fertig bekommen und das wollte er vermeiden.
      In der einen Hand balancierte er sein belegtes Brot mit Avocado und Tomaten während er - viel zu umständlich - mit einer Hand nach der Flugverbindung suchte, die er sich auf seinem Handy schon rausgesucht hatte. Die Flüge waren schnell gebucht. Wenige Mausklicke später hatte er nicht nur hunderte Pfunds ausgegeben sondern war auch insgesamt vier Flugtickets reicher. Die Mail mit der angehängten Rechnung schrieb er dann jedoch ohne Frühstück in der Hand, sonst würde er sicher nie fertig werden. Jayden würde er später sein Ticket schicken, damit er es schon mal hatte, einfach zur Sicherheit, falls Noel es vergessen sollte.


      Die Mail war erst vor wenigen Minuten abgeschickt worden, als auch schon sein Handy klingelte und die Ruhe in seinem Wohnzimmer kurz zunichte machte. „Noel, Chéri. Ich hab gerade deine Mail bekommen.“ Trotz der leichten Verzerrung durch die Verbindung klang die Stimme der Frau am anderen Ende hell und klar. Er mochte ihre Stimme, sie hatte was anmutiges und passte perfekt zu ihrem Aussehen. Amélie Laurié war eine hübsche und elegante Frau, kein Wunder also, dass sie in jungen Jahren mal Model gewesen war. „Bonjour Madame.“ - „Noel, ich hab dir doch schon ganz oft gesagt, du sollst mich nicht ‚Madame‘ nennen!“ Ihr Französisch klang seltsam wenn sie sich über ihn aufregte. Es klang viel zu weich dafür, dass sie sich eigentlich über etwas ärgerte, aber das sprach er nicht an. „Tut mir leid…Amélie.“ es fühlte sich seltsam an sie so zu nennen, vor allem weil sie im Grunde sein Arbeitgeber war - sie und ihr Mann - und dazu noch mehr Geld hatte als er sich wohl jemals vorstellen könnte.
      Ist schon gut, Chéri.“ Er konnte sich bildlich vorstellen wie sie beim Reden gestikulierte. „Ich wollte einmal mit dir über Frankreich reden. Die Flugtickets solltest du in Kürze erstattet bekommen, ich hab die Überweisung schon soweit in Auftrag gegeben. Wir haben das selbe Zimmer gebucht wie sonst, die große Suit ganz oben, war doch korrekt so, oder hättest du lieber ein größeres?“ Größer als die Suit die ihm als Einzelperson generell schon immer dekadent groß vorkam? „Nein, das war so korrekt.“ erweiterte er zwischen zwei Schlücken Kaffee und versuchte sich nichts anmerken zulassen, glücklicherweise war er darin mittlerweile geübt. „Parfait! Dann lasse ich das so in die Wege leiten.“ Er konnte sich nur zu gut vorstellen wie sie so etwas simples wie eine Hotelbuchung ‚in die Wege leiten‘ ließ. Obwohl er dieses Umfeld teilweise schon seit einigen Jahren kannte, war er manchmal von der Unselbstständigkeit der oberen Klasse überrascht, auch wenn diese meistens selbstauferlegt war. Dazu musste er sich aber wohl auch eingestehen, dass man als bekannte Modedesigner und Model einfach besseres zu tun hatte als Hotels zu buchen.

      Und dann kam das Thema vor welchem er sich insgeheim ein wenig gefürchtet hatte und zwar was sich Amélie und Musemestre überlegt hatten. Er mochte die Kreativität des Ehepaares sehr, sie hatten Ideen auf die sonst wohl kein Designer kam und trauten sich diese auch genau so umzusetzen, nur leider gehörte Noel dann zu den Menschen die, diese Vision irgendwie umsetzten musste und das bedeutete in den meisten Fällen eine ganze Menge an Vorbereitung und Arbeit.

      Nach fast neunzig Minuten in denen er, erst mit Amélie alleine und dann mit dem Ehepaar zusammen über diverse Ideen geredet hatte, hatte er eine ganze Liste mit Dingen die er vorzubereiten musste bevor er nach Frankreich flog. Er würde die nächsten Tage und Wochen gerade zu in Arbeit versinken, wahrscheinlich viel zu wenig schlafen und musste einfach hoffen, dass Jayden mit seiner übermüdeten und gestressten Art zurecht kam.
      Leise seufzend richtete er sich von seinem Stuhl auf. Während er drauf wartete, dass seine Kaffeemaschine ihm seinen Kaffee fertig machte, tippte er die Nachricht für Jayden, im Anhang die Datei mit seinem Flugticket.

      Noel: Ich hab schon mal unsere Tickets gebucht. Ich hoffe die Platzauswahl ist okay

      Fensterplatz, relativ weit vorne, Business-Class.
      Kurz überlegte er ob er noch etwas der Nachricht hinzufügen sollte, und bevor er richtig nachgedacht hatte, hatte er ein ‚ich freu mich wenn du später hier bist‘, dran gehangen und hatte die Nachricht abgeschickt.

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    • Wie lange hatte Jay nun nicht zuhause geschlafen? Eine Woche? Er hatte zwischen den Unterrichtseinheiten ab und an in der Wohnung vorbeigeschaut, nur um mal nachzusehen, ob noch alles in Takt war, weil er nicht sonderlich viel Vertrauen in Cyrus hatte, was das Instand halten anging. Aber es war okay. Unaufgeräumt, so wie immer, nur etwas schlimmer als sonst. Sein Zimmer hatte der Rothaarige nicht angerührt, das hätte Jay aber auch nicht erwartet. Nach der heutigen Vorlesung hatte er ja den ganzen Vormittag, um mal wieder mit Cyrus zu essen und sich zusammen über die Hausaufgaben aufzuregen und… um das Wohnzimmer aufzuräumen. Super. Danach konnte er wieder zur Uni, dann zur Arbeit und anschließend tot ins Bett fallen. Was gab es besseres?

      Jay ließ seinen Rucksack fallen, setzte sich in der hintersten Reihe und packte seinen Laptop aus, dann scrollte er durch seine Nachrichten, bis der Professor ankam. Kurz darauf kam auch Cyrus durch die Tür, wie immer zu spät, und gähnend, als wäre er der einzige Mensch auf der Welt. Jay runzelte die Stirn und winkte ihn zu sich.
      "Was machst du später?", fragte er leise.
      "Huh? Schlaf nachholen. Ich war gestern feiern", meinte er leicht verwirrt. "Hast du nicht sowieso was vor? Ich seh dich nur noch in der Uni"
      "Oh… nein, ich bleibe heute zuhause bis ich arbeiten muss. Aber vielleicht lege ich mich auch nochmal hin, ich war gestern auch aus"
      Cyrus klappte seinen Laptop auf. "Wo warst du?", fragte er.
      "MR. O'CONNOR, HÖREN SIE AUF ANDERE STUDENTEN ZU BELÄSTIGEN ODER VERLASSEN SIE DEN RAUM", hallte es plötzlich durch den kleinen Saal. Jay zuckte zusammen, dann musste er sich auf seine Hand stützen, um sein Grinsen zu verstecken. Cyrus hob empört den Blick und sah bereits aus, als wollte er widersprechen, bis Jay an seinem Pullover zog und ihn anstarrte, damit er die Klappe hielt. Mit Uniprofessoren legte man sich nicht an, die hatten zu viel Macht. Wenn er wollte, konnte er Cyrus für die Aktion einfach durchfallen lassen und niemand würde dem nachgehen. Glücklicherweise verstand der Rothaarige das selbst und ließ sich nur angepisst zurück in den Stuhl fallen. Damit war ihr Gespräch bis nach der Vorlesung pausiert.

      Die Studenten gingen zusammen zurück zum Campus. Kurz hatte Jay das Gefühl, dass sich rein gar nichts verändert hatte. Es sah hier genauso trübselig und langweilig aus, wie jeden Winter. Alle waren müde von den Deadlines und Prüfungsvorbereitungen und die Hälfte der Leute auf ihrem Weg hielten sich mit Zigaretten warm. Wahrscheinlich begann bald wieder die Zeit, wo die Studenten Abends vor dem Eingang Punsch austeilten. Darauf freute Jay sich irgendwie. Vielleicht würde er manches am Studieren vermissen, wenn er mal fertig war, aber… es gab deutlich mehr, das er daran nicht vermissen würde.
      "Also? Was hast du gemacht?", fragte Cyrus, der im Gehen noch seine Jacke zuzippte und dann die Hände in den Taschen vergrub.
      "Ich hab mit der Band von einem Freund von Noel Musik gemacht, dann waren wir noch essen und ich hab definitiv zu viel getrunken", erzählte er nebenbei. Er zog sein Handy aus der Tasche und las Noels Nachricht. "Oh, und ich fliege nach Weihnachten nach Paris. Cool, huh?" Er sah grinsend auf.
      "Lass mich raten, dein Freund ist jetzt auch Sugar Daddy und lädt dich ein? Normalerweise kommst du nichtmal zu den Festivals mit, weil dir die Karten zu teuer sind"
      "Er ist nicht mein Freund und ich zahle es ihm zurück. Wahrscheinlich… in Raten, aber ich zahle es definitiv zurück", meinte Jay.
      "Ah… warte, mit welcher Band?", fragte Cyrus nun doch.
      "T.N.T., die treten oft im Rodeo auf. Die Musikbar, in die ihr alle nie mitkommen wollt", sagte Jay. Irgendwie war ihm selbst ziemlich nach einer Zigarette. Kalte Tage wie heute lösten das bei ihm aus. "Hast du Kippen?", fragte er. Cyrus zog wortlos eine Packung und ein Feuerzeug aus seiner Jackentasche. Ah, auf ihn war immer Verlass.
      "Naja, ich gehe nicht für ein Konzert in ne Bar, sondern zum Saufen, und du würdest alle fertig machen, wenn wir das dort tun. Ich kenn dich", erwiderte Cyrus. "Apropos. Morgen Abend treffen wir uns bei Eliot, seine Eltern sind mal wieder in… China oder sowas. Kommst du? Meld dich krank"
      Jay schmunzelte und schüttelte den Kopf mit der Zigarette zwischen den Lippen. Er zündete sie an, dann nahm er sie wieder zwischen die Finger. "Sorry, klingt verlockend, aber ich hab am Nachmittag schon was vor und kann mich nicht dauernd krankmelden und meine Schichten auf andere abwälzen"
      "Langweiler", murmelte Cyrus und schnappte sich selbst eine Zigarette.
      "Wenn ich das machen würde, würde ich mich außerdem lieber an Noel ranmachen als mich mit euch Singles ins Koma zu trinken", sagte er beiläufig.
      Cyrus lachte. "Uns Singles? Erstens kommt Caleb mit Kelly, Zweitens gehörst du selbst dazu, wie du vor einer Minute bestätigt hast"
      Jay verzog das Gesicht. In letzter Zeit konnte er sich wirklich nicht mit Caleb anfreunden. "Wenn es nach mir ginge, wäre ich nicht single, aber jemand hat verdammte… Bindungsängste, oder so etwas. Ich weiß auch nicht, er hat mir diese tausend Gründe aufgelistet, warum er nicht bereit für eine Beziehung ist und kein einziger davon hat ansatzweise Sinn gemacht. Aber ich kann ihn auch nicht nochmal drauf ansprechen", meinte er frustriert.
      "Hah. Das klingt nach dir"
      Jays Kopf schoss herum. "Bitte?"
      "Ich sagte, das klingt nach dir. Die tausend bescheuerten Gründe, um irgendein Mädel auf Armlänge zu halten? Ich verstehs ja, wer will schon die Nachteile einer Beziehung haben, wenn man die Vorteile einer F+ haben kann" Cyrus nahm einen tiefen Zug von der Kippe. "Solltest du doch am besten verstehen"
      Jay schwieg. Er war ein wenig… geschockt. War er wirklich selbst so? Es stimmte schon, er hatte sich von Beziehungen um jeden Preis ferngehalten, weil seine alle unfassbar kurzfristig gewesen waren und deshalb geendet hatten, weil er zu wenig Zeit für seine Freundin gehabt hatte, oder zu oft feiern war, oder weil er was falsches gesagt hatte oder oder oder… Es gab viele Gründe. Er hatte daraus geschlossen, dass er nicht für eine Beziehung geeignet war, aber… Bei Noel fühlte es sich anders an. Er hatte zum ersten Mal das Gefühl, bei der Person er selbst sein zu können, über alles reden zu können… Er wollte seine gesamte Zeit mit Noel verbringen und würde sich seinetwegen wohl auch für immer von Partys und Alkohol verabschieden.
      "Das… ist trotzdem was anderes", widersprach Jay stur. Er wollte es nicht einsehen. Was Cyrus gesagt hatte machte ihm Angst. Wenn Noel tatsächlich so dachte wie Jay und deshalb unsinnige Gründe gegen eine Beziehung auflistete… Dann hatte Jay garkeine Chance. Dann fühlten sie… wohl einfach nicht dasselbe. Jay war es erschreckend leicht gefallen, die Gefühle dieser Mädchen zu verletzen und ihnen gerade so viel Hoffnung auf eine Beziehung zu machen, dass sie nicht gingen. Und dann hatte er… mit mehreren quasi gleichzeitig geschlafen und sich für niemanden besonders interessierte.
      Sein Herz sank bei dem Gedanken. Tat Noel genau dasselbe?

      "Du Arschloch, warum sagst du sowas?", murmelte Jay. Den Schock ließ er nun wie immer an der falschen Person aus.
      Aber Cyrus fuhr ihn nicht an. Jay war ziemlich blass, es war irgendwie bedenklich. Cyrus musterte ihn einen Moment, dann sagte er: "Du bist echt armselig, wenn du verknallt bist. Vielleicht solltest dus doch nochmal ansprechen, wenn dich das jetzt so fertig macht"
      "… Das kann ich nicht. Wenn er wirklich so denkt, dann würde ich ihn damit einfach nur vertreiben" War es das, was diese Mädchen immer gedacht hatten, wenn er sie so behandelt hatte? Verdammt. Er selbst war hier das Arschloch.

      Zurück in der Wohnung verabschiedete Cyrus sich für ein, zwei Stunden auf sein Zimmer. Jay dagegen war kein Stück mehr müde. Er war sogar dankbar für den ganzen Müll, den er jetzt wegräumen konnte, weil es ihn ablenkte, ohne viel Konzentration zu erfordern. Er hing in dieser Gedankenspirale fest, und versuchte sich selbst aktiv auszureden, dass an seiner Theorie irgendetwas wahres dran war. Aber es war sehr leicht, all die guten Gründe, weshalb er davon ausgegangen war, dass Noel dasselbe für ihn empfand, schnell mal zu vergessen. Was hatte ihn so sicher gemacht? Noels Blicke? Wie nett er zu ihm war im Gegensatz zu anderen Leuten? Natürlich war er das, so bekam er schließlich, was er wollte. Aber würde er… mit ihm Urlaub machen? Ha. Hätte Jay das Geld, hätte er früher wohl dasselbe getan. Warum auch nicht. Eine unterhaltsame Begleitung war besser als keine.
      Er drehte beinahe durch. Und es war nicht einmal Cyrus Schuld. Jay hätte schon vor Ewigkeiten diese Parallele auffallen müssen! Er war schließlich Meister darin, sich vor Beziehungen zu drücken.
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    • Er sollte seinen Koffeinkonsum wirklich mal überdenken, es war noch nicht mal zehn und er stand hier mit der dritten Tasse Kaffee in der Hand. Aber das tat nicht heute, nicht wenn er ganze Seiten vollgeschrieben hatte mit To-Dos und diese alle in den nächsten zwei Wochen abarbeiten musste. Das war so schon fast unmöglich, aber ohne Koffein - welcher ihn praktisch am Leben hielt - würde er keiner der Deadlines einhalten können.
      Sein Blick hing an der Fensterfront, welche zu seiner Terrasse führte. Es war dunkel und trüb draußen. Obwohl er noch nicht angefangen hatte, konnte Noel jetzt noch besser verstehen, was Jayden heute Morgen gemeint hatte. Bevor er jedoch noch weiter prokrastinierten konnte - denn das würde er tun, wenn er nicht so langsam anfangen würde - holte er sich eins seiner leeren Skizzenbücher und setzte sich wieder zurück an den Esstisch.
      Er wollte als ersten seine Ideen grob skizzieren, einigen, kleinere Notizen machen um am Ende schauen zu können was man daraus machen könnte. Amélie hatte neben spezifische Ideen noch weitere Vorschläge geäußert. Das ganze Setting des Shootings sollte im allgemeinen relativ dunkel werden mit vielen futuristischen Details. Er hatte sowas in der Art schon mal gemacht - zum Glück, sonst wäre er wahrscheinlich maßlos überfordert gewesen. Der Franzose war gerade dabei einige Ideen für verschiedenste FX-Prothesen zu skizzieren die zu dem gewünschten Stil passen könnten, als sein Handy schon wieder klingelte - das würde wohl in den nächsten Tagen noch häufiger vorkommen…

      Bonjour Nate.“ Noel hatte nur kurz auf sein Display geschaut, den Bleistift gar nicht weg legend. „…Oui, À Bientôt…Pardon, Salute Noel.“ In Hintergrund hörte er wie bei seinem Gesprächspartner eine Tür in Schloss fiel. „Maman hat schon mit dir geredet? Meinte sie auf jeden fall.“ Eigentlich hätte er sich denken können, dass Nate in naher Zukunft bei ihm durch klingete, schließlich war er nicht nur der Sohn seiner beiden Arbeitgeber sondern auch der Fotograf mit welchem er arbeiten würde, ein weiterer Grund warum er sich überhaupt zu der ganzen Sachen überreden gelassen hatte. Er und Nate kannten sich schon einige Jahre. Wenn er dem glauben schenken wollte, was der Franzose ihm mal erzählt hatte, war er sogar der Grund, warum Amélie und Musemestre sich damals für ihn als Hair- und MakeUp-Artist entschieden hatten. Angeblich hatte Nate ihn durch Zufall über Instagram gefunden und fand seinen Stil so toll, dass er prompt mit dem Handy in der Hand zu seinem Eltern gegangen war, ob die Geschichte im Endeffekt stimmte oder nicht, es hatte Noel nicht nur eine Tür sondern auch die Möglichkeit eröffnet sein Leben so leben zu können wie er es nun tat. Er hatte vor dem Auftrag zwar schon einige größere Projekte gehabt, aber die Kooperation mit den großen Modedesignern hatte ihm erst wirklich den Weg bereitet.

      Ich hab eben mit ihr telefoniert. Deine Eltern haben mal wieder Ideen.“ Nates Lachen klang rau und warm am anderen Ende der Verbindung. „Wem sagst du das? Sie liegen mir seit Wochen mit ihren Ideen in den Ohren. Du willst gar nicht wissen wie sehr sie sich gefreut haben, als du zugesagt hast.“ Nathaniel hatte einige Zeit in Amerika gelebt, beziehungsweise gelegentlich war er immer noch dort. Als Sohn eines nicht gerade unbekannt Modelabels war er schon immer viel unterwegs gewesen, vor allem da er vor einigen Jahren selbst noch als Model bekannt war, bevor er sich eher der Fotografie verschrieben hatte. Obwohl er seit mehreren Monaten wieder in Frankreich war, hörte man seine Zeit in den Vereinigten Staaten immer noch raus. Immer mal wieder mischten sich englische Worte in seinen Sprachgebrauch, welche er jedoch mit der gleichen Eleganz Aussprach wie sein Französisch, es klang manchmal ein wenig seltsam.
      Ouh doch, das kann ich mir durchaus vorstellen.“ Noel lachte leise auf, seine Stimme klang anders wenn er mit Nate redete. Sie hatte nicht die gleiche Wärme und Geborgenheit wie, wenn er mit Jay sprach, aber sie klang auch nicht so hart und unnachgiebig wie bei allen anderen. Vielleicht lag das an dem Französisch selbst oder einfach, dass er Nate mittlerweile als Freund betiteln würde.

      Weißt du schon wie du die Ideen umsetzten willst? Ich hatte an ein relativ dunkles Setting gedacht mit vielen Cyberpunk-Elementen. Vielleicht alles in Richtung Cyborg mit einem Future-Setting. Amélie meinte, sie hätte gerne irgendwelchen morbiden Details, aber weniger Splatter-Horrorfilm und mehr Psycho.“ Nate lachte am anderen Ende. „Das klingt als würdest du einen extrem schelchte Horrorfilm-Plot-Beschreibung und nicht wie die Vision von weltbekannten Modedesignern.“ Irgendwo hatte Nate recht. Noel verstand manchmal selbst nicht wo das Ehepaar ihren Ideen her hatte, aber er mochte diese verrücken Geistesblitze und genau das war es, was die beiden zu bekannten Gesichtern in der Modewelt gemacht hatten. Ihre seltsamen Ideen und den Mut diese genau so umzusetzen. Teilweise waren die entworfenen Kleidungsstücke sogar einigermaßen Alltagstauglich (auch wenn das bei vielen Designern nicht der Schwerpunkt war). Noel mochte diese Einstellung. Mode war nicht nur ein Ventile um sich als Person ausdrücken zu können sondern auch eine Art Kunst und genau das unterschied das Ehepaar mit ihren Ideen. Sie sahen Kleidung nicht einfach nur als Stoffe, sondern auch Element ihrer Kreativität und der Franzose liebte es, den beiden dabei zu helfen ihrer Kreativität Raum geben zu können und ihre Vision zum Leben zu erwecken.

      Noel sag mal, was hältst du von anatomischen Herzen? Als Element meine ich? Geht das?“ Noel hielt inne. Er hatte sich in den letzten Minuten selbst den Kopf zerbrochen wie man die gewünschte Morbidität in das Setting bringen könnte ohne in eine zu blutige Richtung zu gehen und damit den Hauptfokus zu verschieben. Schließlich sollte dieser immer noch auf das Zusammenspiel von Klamotten und Aussehen der Models liegen. „Funktionieren würde das schon. Ich könnte Requisiten anfertigen…“ überlegte der Künstler laut. Er hatte vor Jahren schon mal für ein Shooting mit einem weit aus morbideren Setting ähnliche Requisiten angefertigt. Anatomisch korrekt aussehende Organe und Knochenteile, er hatte unwahrscheinlich Spaß an solchen Sachen. Wegen genau solchen Herausforderungen hatte er sich damals für den Special Effect Bereich entschieden. Er liebte es solche Arten von Requisiten anzufertigen und diese dann so Detailreich wie möglich auszuarbeiten. Die Vorstellung Kunst und Morbidität in einem Werk zu vereinen und damit dann andere Menschen gleichermaßen begeistern und schockieren zu können, war für ihn als Künstler einer der Gründe überhaupt das zu machen, was er machte. „Das wäre vermutlich super aufwändig, aber das würde durchaus funktionieren.“ Ob zwei Wochen dafür ausreichen würden? Er war sich da nicht so ganz sicher, aber die Idee hatte ihn angefixt das schaffen zu wollen.

      Die beiden Männer arbeiteten ihre Ideen am Telefon weiter aus, während Noel parallel weitere Dinge skizzierte. Nach fast zwei Stunden Telefonat, hatten sie nicht nur ausgearbeitete Konzepte für das Shooting, sondern auch einen Plan wie sie diese (hoffentlich) pünktlich zu Noel Anreisetag umsetzten könnten. Das alles bedeutet unwahrscheinlich viel Arbeit. Der Franzose würde die nächsten Tage wohl damit verbringen Haut-Prothesen und die geplante Requisiten aus Modelliermasse zu formen, um aus diesen später einen Silikonabdruck machen zu können, um daraus wiederum wieder Latex-Applikationen gießen zu können und irgendwie musste er sich zwischen diesen ganzen Arbeitsschritten noch Gedanken um Haare und MakeUp machen und wenn er dann auch noch ein wenig Zeit für Jayden fand, wäre das fantastisch. Das waren ganz schön viele ‚Wenns‘…


      Noel? Mal ein anderes Thema.“ durchbrach Nate nach einigen Minuten in denen man nur Stifte die über Papier schabten hören konnte, die Stille. „Wenn bringst du eigentlich mit? Maman meinte, du würdest nach Weihnachten Besuch bekommen.“ der Angesprochene hielt kurz inne. Selbstverständlich war Amélie zu neugierig um Nate nicht auf die zwei zusätzlichen Flugtickets anzusprechen. Immerhin hatte sie Noel selbst angeboten, dass er jemanden mit nach Frankreich nehmen könnte, wenn er dort noch zusätzlich Urlaub machen wollte.
      …Ein Freund…“ war die wage Antwort während er weitermachte die aktuelle, noch recht grobe Skizze weiter auszubauen. „Ein Freund oder dein Freund? Warte vergiss die Frage, wenn du ihn mit nach Frankreich nimmst, ist er definitiv nicht nur ein Freund.“ er konnte Nates Grinsen schon fast vor seinem inneren Auge sehen. Er wusste, dass es ein Fehler war, sich mit dem neugierigen Sohn seiner Arbeitgeber anzufreunden, konnte er doch nicht wissen, dass diese kleine Bekanntschaft sich irgendwann zu einer Freundschaft entwickeln würde, welche seine kalte und distanzierte Art in den Hintergrund rückte. Leider hatte er sich mit Nathaniel von Anfang an relativ gut verstanden. Der Fotograf war kein sonderlich lauter Mensch. Er war selbst eher zurückhaltend, vielleicht nicht so introvertiert und menschenhassend wie Noel selbst, aber sie mochten beide eher weniger größere Menschenmassen und verdrehten oft genug über andere die Augen. Wahrscheinlich waren sie deswegen recht schnell auf einer Wellenlänge gewesen. „Er…ich mag ihn…“ - „Vielleicht stellst du ihn mir ja mal vor.“ ja, vielleicht tat er das. Sehr wahrscheinlich tat er das sogar. „Vielleicht.“ bestätigte er und dann war das Thema ‚Jayden‘ fürs erste abgehakt. Das war auch noch so eine Sache die er an Nate mochte, er hakte nicht nach. Er gab sich mit den Informationen zufrieden, die Noel ihm zur Verfügung stellte und das wars. „Noel, ich freu mich für dich. Du hast es verdient jemanden an deiner Seite zu haben.“ Hatte er das? Manchmal war er sich da nicht ganz so sicher, aber egal ob er das verdient hatte oder nicht, er genoss jede Sekunde die er mit dem Studenten hatte.

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    • Gegen Mittag fanden Cyrus und Jay sich nebeneinander auf der Couch wieder, beide mit einem Karton Nudeln vom Chinesen um die Ecke in der Hand. Im Fernsehen lief The Big Bang Theory und Jay schlang die Nudeln herunter, als hätte er tagelang nichts gegessen. Cyrus lachte alle fünf Minuten, weil er der am einfachsten zu bespaßende Typ auf dem Planeten war.
      "Du findest das zu witzig", nuschelte Jay mit vollem Mund.
      Cyrus ließ seine Gabel in den Karton fallen. "Du bist einfach nur schlecht drauf"
      Jay schüttelte Kopf. "Falsch. Ich hab Geschmack"
      "Nicht wenn's um Menschen geht"
      "Sagte mein Mitbewohner"
      "Touché"

      So ging das weiter, bis sie fertig gegessen hatten. Cyrus schien das Thema nicht mehr fallen lassen zu wollen, was vermutlich verständlich war, weil Jay tatsächlich etwas mies drauf war und sich in diesem Zustand nie verkneifen konnte, ein paar gehässige Kommentare zu machen, um irgendwie seinen Frust loszuwerden. Gut, dass sein bester Freund damit durchaus umgehen konnte, indem er ihn einfach wie einen keifenden kleinen Hund behandelte. Nicht zu ernst nehmen. Nicht zu viel Beachtung schenken. Ab und an mal zurückbellen, nur zum Spaß.

      "Ahh, übrigens. Wieso hast du allen erzählt, dass du ne Freundin hast, wenn du dir nichtmal Noel richtig klären konntest?"
      Jay war nicht sicher, ob er beleidigt oder besorgt über seine eigene Dummheit sein sollte, oder ob die Freude über Cyrus Fähigkeit, sich endlich an Noels Namen zu erinnern, doch Vorrang hatte. "Ich weiß nicht, kam mir logisch vor. So viel Zeit wie ich mit ihm verbringe. Glaubt mir doch keiner, dass ich nur wen date. Ich glaub's ja selbst kaum"
      "Achja? Dann ist es vielleicht doch nicht wie bei dir. Deine Mädels dachten doch nicht, dass ihr auf Beziehungslevel seid, oder?", meinte Cyrus.
      "Was soll das? Du kannst nicht zurücknehmen, was du vorhin gesagt hast", erwiderte Jay genervt.
      Cyrus seufzte und machte sich breiter auf der Couch. "Versuch war's wert. Deine Laune geht mir auf den Sack"
      "Du bist mich fürs Wochenende eh wieder los"
      "Siehst du- Das nervt mich auch. Wofür zahlst du Miete, wenn du nie hier bist? Wozu sind wir Freunde, wenn wir nie zusammen saufen? Was hat das Leben noch für einen Sinn?", fragte Cyrus theatralisch.
      Jay stieß den Rothaarigen etwas zu kräftig in die Seite, sodass dieser seine Beine mit einem dumpfen, wehleidigen Geräusch, wieder an sich zog und mehr Platz machte. "Halt die Klappe", murmelte Jay.

      Und trotzdem… hatte Cyrus ausnahmsweise irgendwie recht gehabt, nicht? Auch wenn es nicht beabsichtigt gewesen war. Aber niemand würde doch wirklich so dumm sein, und tatsächlich denken, dass man quasi schon eine Beziehung führte, wenn die andere Person noch auf Abstand ging. So wirklich ging Noel ja nur auf dem Papier auf Abstand. Also- mit dem Label. Aber nicht mit seiner Zeit, nicht mit seinen Worten, und schon garnicht körperlich. Würde sich so jemand verhalten, der um keinen Preis eine Beziehung eingehen wollte? Irgendwie traute Jay Noel nicht einmal zu, das alles ohne schlechtes Gewissen vorzutäuschen, nur um mit ihm im Bett zu landen. Dafür war ihr gemeinsames Frühstück zu friedlich und ihre Gespräche zu ehrlich und Noel ging ihm viel zu selten an die Kleider, eher war es anders herum. Jay war doch derjenige, der von morgens bis abends an nichts anderes dachte, weil er eine metaphorische zweite Pubertät durchmachte. Vielleicht hatte Cyrus also recht.

      Jay brachte das Nachmittagsseminar etwas aufgelockerter hinter sich. Der einzige Nachteil war, dass er nun begann zu bereuen, nicht doch nochmal kurz geschlafen zu haben. Er zwang sich, sich dreißig Minuten dazu zu nehmen, bevor er zur Arbeit los musste, aber das resultierte nur darin, dass er das Gefühl hatte, von einem LKW überrollt worden zu sein, als er wieder wach wurde. Und dann ging es auf direktem Weg in die Karaokebar, wo Freitagabends die Hölle los war. Hoffentlich stahlen seine Augenringe ihm nicht die ganzen Trinkgelder.
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    • Das Telefonat ging nicht mehr lange. Noel war nach Nates Aussage sowieso mit dem Kopf eher woanders. Du hast es verdient jemanden an deiner Seite zu haben. Hatte er das wirklich? Er war bis dato immer auf Abstand gegangen und das nicht nur bei Fremden. Er ließ weder seine Eltern noch seine Freunde relativ nah an sich ran. Klar hatte er Freunde, nicht viele aber er hatte sie und irgendwie musste er sie in der Vergangenheit an sich ran gelassen haben, damit sie überhaupt Freunde wurden, aber seine distanzierte Art hatte er stets aufrecht erhalten. Sie war bei Flo oder Nate oder selbst bei Mona nicht so strak ausgeprägt aber sie war da, sie war präsent und das wussten sie alle. Er versteckte sicher hinter metaphorischen Mausern aus kalten Eis wenn ihm alles zu viel wurde, wurde ablehnend, was schon fast zu einer leicht boshaften Gemeinheit umschwenken konnte, wenn man ihn dann trotzdem versuchte aus seinem selbst erbauten, eisernen Thronsaal zu ziehen. Er hatte immer gesagt, dass er keine Freunde wollte, das er keine Freunde brachte. Er war mehr als zufrieden alleine, dachte er jedenfalls. Freunde zu haben war eine Art Privileg, welches er mittlerweile sehr genoss. Er genoss es sich nach stressigen Arbeitswochen mit Flo über die Dummheit von Menschen aufregen zu können, er genoss es sich von Nate mit dem neuen Gossip aus der Modewelt versorgen lassen zu können und selbst Monas Redeschwall über den neusten Tratsch aus der Uni genoss er irgendwo. Er hatte in den letzten Jahren gelernt, dass er nicht alleine sein musste und trotzdem seine Ruhe haben konnte, solang er seine Grenzen kommunizierte - nicht das er darin relativ gut war, vor allem wenn er sie einigermaßen nett kommunizieren sollte. Er war besser darin geworden, haute mittlerweile nicht mehr einfach so mitten in einem Gespräch ab, wenn ihm etwas zu viel wurde oder sagte der Person auf die wohl schlechteste Art ins Gesicht was er von ihr in dem Moment hielt - auch wenn er das bei vielen, ihm fremden Menschen immer noch so tat. Er hatte gelernt, dass seine Art bei einigen Menschen einen seltsamen Eindruck hinterließ. Er hatte aber auch gelernt, dass man ihm seine Art und vor allem seine stumpfe Schlagfertigkeit nicht direkt äußerlich ansah, was ihn meistens in diskussionsreiche Situationen brachte, vor allem wenn es um seinen Beruf ging und irgendwo genoss er dieses Wissen, diese Macht die er dadurch hatte sehr.

      Nach dem Telefonat starre er eine ganze Weile einfach nur auf die Tischplatte. Du hast es verdient jemanden an deiner Seite zu haben. Ja, vielleicht hatte Nate recht, vielleicht hatte er das und vielleicht war Jayden diese Person. Dafür müsste er aber selbst erstmal über seinen eignen Schatten springen und sich eingestehen, dass er das wirklich verdient hatte, denn das tat er nicht. Er war nicht der Meinung, dass er das tat, nicht nach dem letzten Mal. Obwohl, wenn er ehrlich zu sich selbst war, mittlerweile war er an einem Punkt, an welchem ihm seine letzte Beziehung oder das scheitern dieser, kaum noch ein Hindernis war. Da waren keine Zweifel, dass er keine Zeit für Jay haben könnte, wenn er selbst mit seiner jetzigen To-Do-Liste irgendwie versuchte sich Zeit für den Studenten zu räumen nur um ihn sehen zu können. Das hatte er damals nicht gemacht. Yuma war damals, zu dem Zeitpunkt, zu weit unten auf seiner Prioritätenliste. Er hätte dem Studenten auch unmöglich angeboten mit nach Frankreich zu kommen, wenn er sie nicht schon gedanklich in einer - jedenfalls einigermaßen - gesunden Beziehung sehen würde. Frankreich war sein Safe-Space. Er hatte das Gefühl in Frankreich so viel mehr er selbst sein zu können, als überall anders und trotzdem würde er wohl nicht auf ewig dahin ziehen wollen. Noel hatte das Gefühl, dass dieser Ort seine Magie verlieren würde, wenn sie die ganze Zeit um ihn herum wäre. Irgendwann würde er sich vielleicht nicht mehr freuen dort sein zu können, weil das der Alltag war und irgendwo mochte er England ja doch sehr, vor allem seit den letzten Wochen.
      Der Gedanke mit Jayden ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er konnte sich vor stellen, dass Nate sicher genau so verwirrt gewesen war, als er gehört hatte dass Noel jemanden mit nach Frankreich nehmen würde. Amélie hatte ihm schon häufiger angeboten Freunde mit zu nehme, er hatte bis dato jedoch immer abgelehnt, sie hatte jedoch weiter gefragt. Selbst Yuma hatte Frankreich nie von innen gesehen, obwohl Noels Eltern dort wohnten und sie Jahre lang zusammen waren. Der Gedanke alleine sollte Noel zudenken geben. Jayden hatte jetzt schon einen Stand den Yuma wohl nie - in so kurzer Zeit - erreicht hatte.

      Nach einer kurzen Kaffeepause arbeitete er weiter. Verlor sich in den Details seiner Kreativität. Er schaute nicht auf die Uhr, konzentrierte sich voll und ganz auf das modellieren der verschiedenen Applikationen. So bekam er auch nicht mit dass es draußen immer dunkler wurde - obwohl es heute im allgemein gar nicht wirklich hell war. Um kurz nach Mitternacht war er mit seiner Arbeit zufrieden. Er hatte einiges geschafft, viel lag noch vor ihm, aber er hatte sein gewünschtes Pensum für heute erreicht, was nicht bedeutet dass er aufhören würde. Der Tag kam ihm noch viel zu lange vor, um jetzt zusammen zu räumen und ins Bett zu gehen und außerdem hatte er dafür vielleicht die ein oder andere Tasse zuviel Kaffee intus. Also setzte er sich an die nächste Aufgabe. Er wollte unbedingt das Grundmodel für die Herz-Requisiten soweit vorbereiten, damit er diese nur noch ausarbeiten musste. Zum Glück härtete seine Modelliermasse an der Luft nicht aus, also selbst wenn er heute nicht fertig werden sollte - was sehr realistisch war - hatte er keinen Stress, fertig werden zu müssen.
    • Zwischen dem Geruch nach Alkohol, Zigaretten und Schweiß hatte Jay langsam das Gefühl, sich in nächster Zeit zu übergeben. Das passierte, wenn man deutlich zu müde für diesen Job war. Nach Jahren, in denen er sich das zusätzlich zu den Partys, wo er nicht arbeitete, wöchentlich mehrmals gab, hatte er sich durchaus an die Umstände gewöhnt, aber es gab einfach Tage, an denen ihm die Lautstärke und die Gerüche zu schaffen machten, weil er nicht fit genug war. Normalerweise, wenn er sich überarbeitet hatte oder ganz einfach krank wurde, dann war es ihm zu viel. Heute ging er stark davon aus, dass der Schlafmangel Schuld war, zusätzlich zu dem emotionalen Stress, den er in letzten Tagen durchgemacht hatte. Was er brauchte, war, zwanzig Stunden ausgeknockt in seinem Bett zu verbringen. Nicht mehr und nicht weniger.
      „Jayden, nicht in die Luft starren, Tisch 2“, kam es von seiner Schichtleiterin im Vorbeigehen und riss Jay aus seiner Trance der Müdigkeit. Er nickte, schnappte sich sein Tablett mit den ohnehin schon vorbereiteten Getränken und lieferte sie an Tisch 2 ab, heute wortlos und ohne Lächeln auf den Lippen, weil ihm absolut die Energie fehlte. Scheiß auf das Trinkgeld.

      Am Rückweg hinter die Bar hatte Jay auf einmal das Gefühl, verschwommen zu sehen. In seinem Kopf drehte es sich, er sah weiße Flecken und musste sich an die Theke stützen. Was war jetzt los? Ihm wurde binnen Sekunden so übel, dass er sich spontan entschied, zur Mitarbeitertoilette zu laufen. Seine bisherigen Gedanken waren verdrängt von einer Art Überlebensinstinkt, als er sich über die nächste Toilette stützte und überlegte, ob er einfach den Rest seiner Schicht hier drin verbringen wollte. Würg. Nichts. Okay.
      Er stand wieder auf, klappte den Klodeckel herunter und setzte sich. Dann starrte er eine Weile die Kabinentür an. Verdammt, war er müde. Er könnte auf der Stelle einschlafen. Er wollte doch nur in sein Bett und für ein paar Tage Ruhe haben.

      Es nahm sicher fünfzehn stille Minuten in Anspruch um das Schwindelgefühl loszuwerden, damit auch die Übelkeit abklang, und er sich in der Lage fühlte, wieder aufzustehen. Er wusch sich die Hände, kam zurück zur Bar und wurde beinahe angeschrien, bevor er stattdessen einen besorgten Blick abbekam.
      „Alles okay? Du bist richtig blass. Wenn es dir nicht gut geht, fahr nachhause und steck hier niemanden an“
      Jayden schüttelte den Kopf. „Schon okay, ich bin nicht krank, nur müde. Ich mach weiter“, sagte er abwinkend und drängte sich vorbei an seinen Platz hinter der Bar, um die nächste Bestellung aufzunehmen. Der Rest des Abends war eine Qual und er machte sicher fünf Pausen pro Stunde, um sich auf der Toilette Wasser ins Gesicht zu spritzen und durchhalten zu können. Und dann wurde es endlich leiser. Die betrunkenen Gäste wurden nach und nach von seiner Schichtleiterin rausgeschmissen, bis nur noch Dreck, leere Gläser und Snackschüsseln ihre Aufmerksamkeit brauchten. Jay schnappte sich einen Besen.
      „Nein, du gehst nachhause“, sagte seine Kollegin plötzlich, während sie anfing, Gläser einzusammeln. „Ich mache alleine zu. Ruh dich aus damit du morgen wieder fit bist“
      Jay überlegte einen Moment, ob er widersprechen sollte. „Okay. Danke“, sagte er jedoch kurzerhand. Er hatte garnicht die Energie, zu widersprechen. Er wollte nicht länger hier bleiben, als nötig, vor allem wenn kein Trinkgeld mehr in Aussicht war.

      Er schlurfte in die Umkleide, band die schwarze Schürze los und schlüpfte wieder in seine Alltagskleidung. Der Geruch nach Waschmittel, der in seinem Pullover hing, war wie ein Traum. Er konnte den Gestank von Zigaretten und fettigem Essen nicht mehr ertragen. Jay zog seine Jacke an, hing seinen Rucksack um und verabschiedete sich draußen erneut von seiner Kollegin. Dann ging er langsam zur Straßenbahnstation, sog mit jedem Schritt die kühle, kalte Luft ein und hatte endlich das Gefühl, wieder gänzlich einatmen zu können.
      Als er bei Noels Wohnung ankam — und er hatte tatsächlich überlegt, lieber zurück zum Campus zu fahren — bemühte er sich inständig, geräuschlos zu sein. Sein Plan war eine schnelle Dusche und dann vielleicht doch eher auf der Couch schlafen, statt ihm Bett, um Noel nicht zu stören.
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