Wire Walker [Asuna & Codren]

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    • Statt mit einem Handy, kam der Apothekar zunächst mit einer Gabel an, die er Georgia wortlos präsentierte. Die starrte das Besteck verständnislos an, weil sie nicht wusste, was sie damit anfangen sollte. Ehrlicherweise hatte sie gar nicht so weit gedacht, dass es hier sauberes Besteck geben könnte.
      „Ich könnte dir ein Handy geben. Aber dann wirst du keinen Anruf tätigen, sondern nur eine SMS schreiben können."
      Georgia wurde gleich ein bisschen lebendiger.
      "Aber -"
      "Ich bin mir sicher, dass die die Leitung bei der Familie abhören und nur darauf warten, dass du sie anrufst. Ich hab entsprechend wenig Lust darauf, dass die uns hier orten können.“
      Georgias Protest erstarb ihr noch im Hals, denn eigentlich hätte sie das selbst wissen können. Eigentlich hätte sie das ahnen müssen. Wenn sie nur ein bisschen nachgedacht hätte, wäre ihr bewusst geworden, dass sie selbst es genau so handhaben würde.
      Für einen Augenblick war sie froh darum, dass sie den Apothekar deswegen hatte fragen müssen. Es war kaum vorstellbar, was für einen fatalen Fehler sie begangen hätte, wenn sie selbst ein Telefon zur Verfügung gehabt hätte.
      Während sie nach den Pilzen nun anfing, mit der Gabel den geschmolzenen Käse von der Pizza zu kratzen und zu essen, verschwand der Mann in einem Nebenzimmer und kam mit einem klapprigen Einmal-Handy wieder. Wäre Georgia nicht plötzlich so versessen darauf, ihre Familie zu kontaktieren, hätte sie sich darüber Gedanken gemacht, dass dieser Mann natürlich ein derartiges Handy besaß. Etwas anderes hätte gar nicht zu ihm gepasst.
      „Du gibst es mir zurück, sobald du eine Antwort von deiner Familie bekommen hast. Keine Anrufe. Selbst dann nicht, wenn sie dich anrufen, klar? So viel Diskretion müssen wir wahren.“
      "Aber - nur ganz kurz. Wirklich nur ganz kurz. 30 Sekunden?"
      „Du weißt doch, wie das läuft, Georgia. Die setzen darauf, dass du die Nachrichten siehst und weich wirst. Sobald die wissen, wo du bist, rücken die Cops aus und holen dich. So gut es deine Familie mit dir auch meint, die werden nur einen Blick auf dich erhaschen können, bevor man dich einbuchtet. Das will doch keiner von euch, oder?“
      Georgia war versucht, sich noch mehr dagegen zu wehren, aber je länger sie hier saß und das Handy unbenutzt in ihrem Schoß liegen hatte, desto mehr musste sie an ihre Mutter denken, die verweint vor der Kamera gestanden und sie gebeten hatte, nachhause zu kommen. Desto mehr verspürte sie den Drang, ihr zu sagen, dass es ihr gut ging.
      Also ließ sie den weiteren Protest doch bleiben, schnappte sich ihr Handy und tippte die Nummer ein. Dann starrte sie für einige Sekunden lang auf den Bildschirm, während sie sich die einzelnen Worte zurechtlegen versuchte.
      Schließlich tippte sie langsam, zögerlich, nachdenklich. Der Apothekar hatte ihr eine einzige Chance gegeben und aus der wollte sie alles herausholen, was möglich war.
      Sie drückte auf Senden.
      - Hi Mom. Es geht mir gut, ich bin in Sicherheit. Alles ist gut, ich werde mich melden. Georgi
      Dann starrte sie mit großen Augen auf das kleine Display.
      Es dauerte etwa fünf Sekunden, dann leuchtete das Display auf und die Nummer rief an - Georgias Mutter. Für einen Augenblick spürte sie ihr Herz höher schlagen, dann sah sie mit fast furchtvollem Blick zu der Maske auf, die sie unbewegt anstarrte. In ihrem Kopf folgte bereits die Diskussion, die sich unweigerlich anschließen würde, sollte sie das Wort erheben, und sie musste selbst erkennen, dass sie diese Diskussion verlieren würde. Da legte sie das Handy vor sich auf die Couch, um es aus den Fingern zu haben. Um nicht doch ausversehen auf den grünen Knopf zu drücken. Oder absichtlich.
      Ihre Mutter ließ es klingeln, bis die Mailbox anschaltete, dann dauerte es eine Sekunde und sie rief gleich noch einmal an. Und noch einmal. Und noch einmal. Das Handy leuchtete im Dauereinsatz, während ihre Mutter immer und immer wieder anrief, kaum ohne eine Pause dazwischen. Mit jedem Mal, als der eine Anruf beendet wurde und der nächste startete, wuchs in Georgia die Enttäuschung darüber, dass diese Nachricht gar nichts gebracht hatte, dass sie nichts von ihrer Mutter hören würde, rein gar nichts. Immerhin mochte Georgia zwar wissen, dass sie nicht telefonieren durfte, aber ihre Mutter hatte wohl eine andere Vorstellung davon. Sie versuchte es wieder und wieder und hörte einfach nicht auf.
      Fünf Minuten lang rief sie an, dann war es für einen Moment länger still. Und schließlich poppte doch eine SMS auf, bei der sich Georgia in zittriger Erwartung sogleich auf das Handy warf und sie öffnete.
      Nur um zu lesen:
      - Ruf mich an
      Ruf mich an. Ruf mich an. Das war das einzige, was sie von ihrer Mutter bekommen hatte, als der Apothekar sich schon in Bewegung setzte und ihr das Handy entriss. Georgia versuchte, es aufzuhalten.
      "Nein! Nein! Das zählt nicht! Das hat nicht gezählt! Lass mich nochmal - nur eine Nachricht! Eine einzige! Bitte!"
      Sie griff wüst nach ihm.
    • Viele Leute hätten Georgia jetzt die Privatsphäre gegeben und wären woanders hingegangen. Aber nicht so der Apothekar. Er stand weiterhin hinter dem Sofa, warf dem Mädel einen Blick über die Schulter, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Er wartete darauf, dass sie tatsächlich einen Anruf tätigte. Oder was auch immer in der Welt tat.
      Stattdessen stand er einige Zeit da, legte irgendwann seine Unterarme auf der Rückenlehne der Couch ab und wartete. Georgia legte den Pizzakarton beiseite, dazu auch die Gabel, und begann ihre langwierige Tipparbeit. Es interessierte ihn nicht, welchen Wortlaut sie schrieb. Einzig der Augenblick, in dem sie die SMS absendete, war für ihn interessant. Immerhin bekam er Zeit für ein paar Atemzüge, dann leuchtete das Display mit einer Nummer auf.
      Er hatte es ja geahnt.
      Als könne Georgia seine Gedanken lesen, drehte sie ihren Kopf und starrte ihn an. Er starrte zurück, das Handy surrte, sonst herrschte nur Stille. Es artete in einem Blickduell aus, das er selbstverständlich gewann. Demutsvoll legte Georgia das Handy aus der Hand neben sich auf die Couch. Dann begann ein weiteres Blickduell. Dieses Mal jedoch von zwei Lagern aus gegenüber dem Handy, das immer und immer wieder aufleuchtete. Zugegeben, ihre Mutter war durchaus hartnäckig. Wenn sie damit nicht mehr aufhörte, würde er das Handy ausstellen und die Karte entsorgen.
      „Die ist verdammt hartnäckig. Deine Mom, ja?“, fragte er unberührt, als das Display zum dritten Mal aufleuchtete und für die nächsten Minuten weiter vibrieren würde. „Scheinbar hat ihr niemand gesagt, dass anrufen nicht funktionieren wird.“
      Er schüttelte leicht den Kopf und wandte sich ab, als das Handy erstarb und nicht wieder anfing zu vibrieren. Jedenfalls nicht in Dauerschleife, denn als er einen Blick zurück auf das Handy warf, erschien die Mitteilung einer neuen Nachricht. Sein Blick zuckte zu Georgia, die es ebenfalls gesehen hatte. In unmenschlicher Geschwindigkeit warf sich Georgia auf das Gerät und zwang den Apothekar dazu, doch um die Couch herumzugehen.
      „Was schreibt sie?“, wollte er wissen, aber Georgias Blick war auf die Zeilen gebannt gerichtet, die er nicht lesen konnte. Er klickte mit der Zunge, dann wurde er handgreiflich.
      Seine Hand, die größer war als ihre, schloss sich um das Handy. Mit der anderen Hand zwang er ihre Finger dazu, das Teil loszulassen. Dabei knickte er ihre Finger schon fast schmerzhaft ab, so fest hielt sie es. Es löste sich ein Knurren unter der Maske, als er sich mehr Mühe gab und mit einem beherzten Ruck ihr das Handy aus den Fingern riss. Er kippte den Bildschirm: Ruf mich an.
      „Nein! Nein! Das zählt nicht!“
      „Doch, tut es!“
      „Das hat nicht gezählt!“
      „Eine verfickte Nachricht, Georgia!“
      „Lass mich nochmal – nur eine Nachricht! Eine einzige! Bitte!“, setzte sie hinterher, stieß aber nur auf taube Ohren.
      Der Apothekar hielt das Handy hoch über seinen Kopf. „Ich hab dir eben kein Zeichenlimit gesetzt. Dein Problem, Mädel.“ Er klang hart und unerbittlich, während sie ihn mit Panik in den Augen ansah. Sie wurden schon wieder glasig, aber Tränen berührten den Apothekar kaum. Vielmehr witterte er seine neue Chance. Das nächste Glied in der Kette, die um ihren Hals lag.
      „Du willst noch eine Nachricht schreiben, ja?“, erkundigte er sich mit düsterer Stimme. „Dann gib mir was dafür. Bezahl mich. Bring mich dazu, dir das Handy zu geben. Ohne deine magische Begabung, versteht sich.“
      Er grinste unter ihren Bemühungen, sich das Handy eigenmächtig wieder von ihm zu krallen, aber sie schaffte es nicht. Er brauchte keinen massiven Körper, um sie davon abzuhalten. Allein ein sicherer Stand und die Arme hoch erhoben reichten aus, als sie sich an seinen Arm hängte. Vermutlich hätte er ziemlich viel von ihr fordern können, aber… einiges davon würde sie selbst jetzt nicht anbieten.
      „Weg von meinem Arm, runter auf den Boden. Fleh mich an, dir das Handy zu geben. Na, kriegst du das hin? Mach’s schön, damit du mich auch wirklich überzeugst.“
      Er schüttelte Georgia von seinem Arm ab und trat einen Schritt zurück, den Arm noch immer erhoben. Unter der Maske grinste er in freudiger Erwartung auf die Show, die die kleine Georgia ihm nun bieten würde, um endlich das Handy zurückzubekommen.
    • Georgia warf sich bereits von der Couch, aber in kalkulierter Voraussicht riss der Apothekar einfach das Handy nach oben. Er war nicht sehr viel größer als sie, nur ein paar Zentimeter, aber dieser kleine Unterschied reichte aus, dass er das Handy aus ihrer Reichweite hielt. Georgia krallte sich in seinen Arm und sein T-Shirt, um ihn irgendwie zum Einknicken zu bewegen, aber er hatte einen festen Stand und ließ sich nicht bewegen.
      "Gib's mir wieder! Gib her! Nur eine Nachricht, wirklich! Bitte!"
      „Du willst noch eine Nachricht schreiben, ja?“
      Georgia war so auf das Handy fixiert, auf ihre Mutter, die so nah und doch so unerreichbar war, dass sie gar nicht näher über den lauernden Unterton nachdachte.
      "Ja!"
      „Dann gib mir was dafür. Bezahl mich. Bring mich dazu, dir das Handy zu geben. Ohne deine magische Begabung, versteht sich.“
      Ihn bezahlen? Bezahlen? Georgia hatte in dem Moment ein so starkes Déjà-vu an die Autofahrt und an den hässlich grinsenden T. J., dass sie in ihren Bewegungen etwas nachließ. Da war es ja nun schon wieder, dieses bezahlen, von dem alle immer redeten. Ihr war schon klar, dass sie hier nichts gratis bekam, erst recht nicht in der Welt der Drogendealer und was auch immer T. J. noch so betrieb, aber dass es sich fast niemals um Geld handelte, das war ihr etwas ungewohnt. Befremdlich. Beunruhigend. Und als würde der Apothekar ihre Gedanken hören, bestätigte er sie genau darin.
      „Weg von meinem Arm, runter auf den Boden. Fleh mich an, dir das Handy zu geben. Na, kriegst du das hin? Mach’s schön, damit du mich auch wirklich überzeugst.“
      Er schüttelte sie von sich ab, aber da ließ Georgia bereits eh los und trat einen Schritt zurück. Das Handy war jetzt ein Stück unwichtiger geworden, als sie die Maske vor ihr anstarrte.
      Da hatte sie sie ja doch irgendwie, die Bestätigung dafür, was sie die ganze Zeit schon gefürchtet hatte. Sie hätte niemals in dieses Auto steigen dürfen - zweimal sogar - und sie hätte ihm auch niemals in dieses Farmhaus folgen dürfen. Er hatte damit zwar gewartet, bis ihre Bestie erst weg war und sie dann das Fieber überstanden hatte, aber jetzt war es wohl doch herausgekommen, die Seite, die sie an ihm immer schon gesehen hatte. Natürlich gab es nur eine Bezahlung, die er von ihr annehmen würde, von der verlorenen, unkontrollierten Magierin, die weder ihre Magie, noch ihre Dienstwaffe zur Verfügung hatte. Natürlich wollte er sowas von ihr.
      Und irgendwie erleichterte es sie auch, dass sie diese Seite von ihm jetzt zu Gesicht bekam, wo sie einigermaßen versteckt war und sich von den letzten Tagen wieder etwas erholt hatte. Jetzt, wo sie ihm auch entgegen treten konnte.
      Sie sollte vor ihm auf den Boden gehen. Georgia würde einen scheiß tun.
      Mit einem Bein holte sie aus und es mochte fast so wirken, als würde sie sich wirklich hinknien, weshalb der Mann den Tritt auch erst kommen sah, als es zu spät war. Viel zu spät. Sie donnerte ihm das Schienbein zwischen die Beine und fällte den Mann mit einer Leichtigkeit, die über alle Maße befriedigend war.
      "Vergiss es!"
      Er heulte auf, laut und gequält, und der Arm mit dem Handy kam herabgefallen. Georgia nutzte die Gelegenheit, schnappte sich das Gerät und rannte in den Flur hinaus, um etwas Abstand zwischen sich und dem auf die Knie sinkenden Mann zu bringen. Sie hatte kein Mitleid mit ihm und seinem Schmerz. Irgendwie hatte er es ja verdient.
      Ihre Mutter rief schon wieder an, aber dieses Mal drückte sie sie weg, ging auf die Nachrichten und schrieb eilig zurück, das Geheule im Hintergrund ausblendend.
      - Kann nicht. Irgendwann anders. Hab dich lieb
      Senden.
    • Siegessicher hielt der Apothekar das Handy hoch in die Luft. Wie eine Statue stand er da und wartete darauf, dass Georgia endlich einknickte. Dass sie sich vor ihm auf dem Boden rollte, so wie diese Freaks es verdienten. Er sah schon, wie ihre Knie zitterten und lange würde es nicht mehr dauern. Gleich ginge sie runter und würde ihn mit diesen großen, glasigen Augen ansehen und anflehen. Vor seinem geistigen Auge sah er den Moment schon voraus… Sie würde einfach –
      Der Schmerz loderte binnen eines Herzschlages durch seinen gesamten Körper.
      Seine Beine brachen ein, noch bevor er überhaupt realisiert hatte, dass das Biest ihm in die Eier getreten hatte. Das Handy fiel ihm klappernd aus der Hand auf den Boden, während er sich krümmte, stöhnte, fluchte, ja alles in seiner Macht stehende tat. In seinem Sichtfeld tanzten Sternchen und die Luft blieb ihm schließlich weg, sodass er nicht mehr mitbekam, wie Georgia sich das Handy schnappte und abhaute. Er hörte nicht mal, wie sie ihm „Vergiss es!“ zu fauchte. Das Zeitgefühl kam ihm abhanden. Einzig der gleißende Schmerz nahm ihm jeden anderen Sinn und ließ ihn grausige, schmerzhafte Sekunden erleben.
      Wie lange er da gelegen und geatmet hatte, wusste der Apothekar nicht. Irgendwann klang der stechende Schmerz zu einem dumpfen Pochen ab und er konnte wieder hören, sehen und seine Umgebung spüren. Ächzend kam er auf die Füße, dann die Beine. Sein Atem ging noch immer stoßweise, doch das rührte einzig und allein von der neuen Emotion, die seinen jetzigen Zustand beherrschte: Zorn.
      Er hörte etwas im Flur. Seine Augen zuckten dorthin und dann hatte er sich schon in Bewegung gesetzt. Seine Hand legte sich um den Türrahmen, als er in den Flur blickte und Georgia entdeckte, die gerade noch an dem Handy tippt hatte. Doch das interessierte ihn jetzt nicht. Das scheiß Handy konnte sich auch gern in Luft auflösen. Er hatte jetzt nur Augen für Georgia und er machte keinen Hehl daraus, den Zorn aus seiner Körpersprache du streichen.
      „Du undankbares Miststück“, knurrte er und dann ging alles ganz schnell.
      Er war mit zwei Schritten bei Georgia, packte sie an der Schulter und drehte sie grob zu sich. In dem Augenblick hatte er bereits ausgeholt und ließ die Faust ungebremst gegen ihre Wange knallen. Der Schmerz in seiner Faust loderte scharf und süß auf, wohingegen Georgia direkt zu Boden geschickt wurde. Er schüttelte seine Hand aus, sah auf das Mädel hinab und hatte sie nun am Boden vor sich, wenn auch nicht ganz freiwillig. Eigentlich hatte er nichts für Gewalt übrig, jedenfalls nicht viel. Er zog auch keine Linie zwischen Männern und Frauen. Aber die Wut über diesen schamlosen Angriff nach all seiner Arbeit war schlichtweg zu viel.
      „Was fällt dir eigentlich ein, hm?“ Er trat einen Schritt weiter, bückte sich und packte Georgia am Schopf. Er zog ihren Kopf nach hinten, ihre Hände schossen zu seiner Faust und versuchten, den Zug zumindest zu verringern. Aber er hielt sie eisern fest. „Ich hab dir Zuflucht gewährt. Ich hab dir einen Weg vorbereitet. Verfickt nochmal, ich hab dafür gesorgt, dass du nicht krepierst!“
      Unter seiner Maske war sein Gesicht knallrot. Er schwitzte, die Wände tanzten und er fühlte sich so, so leicht. Nicht beflügelt, aber bodenlos. So langsam verstand er, warum manche Männer zu Gewalt neigten: Es befreite ungeheuerlich. Sie befriedigte ein Urgefühl tief in ihm drin und das fühlte sich gut an.
      Da ließ er von Georgia ab und blickte auf das Handy, das sie fallengelassen hatte. Mit einem beherzten Tritt zerstörte er das Gerät. Plastiksplitter hätten sich wohl in seine Ferse gebohrt, wenn er nicht noch die Schuhe von seinem Trip zur Wäscherei angehabt hätte. So zermalmte er das Teil genüsslich mit einem Knirschen unter seiner Sohle.
    • „Du undankbares Miststück.“
      Georgia hörte die nahende Gefahr, bevor sie sie sehen konnte. Zu sehr war sie davon abgelenkt, so schnell wie möglich die Nachricht an ihre Mutter zu schicken, weil sie genau wusste, dass der Apothekar sich nicht lange von so einem Tritt aufhalten lassen würde. Dafür war der Mann zu zäh, zu unnachgiebig. Das hatte sie schon herausgefunden, als er die Bestie einfach erschossen hatte.
      Aber sie war nicht schnell genug, um sich einen Abwehrplan auszudenken. Kaum hatte sie auf Senden gedrückt, legte sich eine Hand auf ihre Schulter, wirbelte sie herum und im nächsten Augenblick explodierte gleißender Schmerz auf ihrer linken Gesichtshälfte. Ihr Kopf wurde herumgeschleudert, dass es in ihrem Halswirbel knackte, und die Welt verlor ihr Oben und Unten, als Georgia auf den Boden fiel. Beim Aufprallen schlugen ihre Zähne aufeinander und ein zweiter Schmerz gesellte sich zu dem ersten. Sie schmeckte Blut.
      Desorientiert, benommen und vor allem geschockt richtete sie sich auf den Ellbogen auf. Hatte er sie wirklich gerade... geschlagen? War das wirklich gerade passiert?
      „Was fällt dir eigentlich ein, hm?“
      Aus vor Schmerz tränenden Augen sah sie zu ihm auf. Seine sonst so schmächtige, unbeeindruckende Gestalt ragte jetzt bedrohlich vor ihr auf und Georgia zuckte unweigerlich vor ihm zurück. Da bückte er sich und riss ihren Kopf an den Haaren nach hinten. Georgia schrie auf und krallte sich in seine Hand, die sie gefühlt bei den Haarwurzeln gepackt hielt.
      „Ich hab dir Zuflucht gewährt. Ich hab dir einen Weg vorbereitet. Verfickt nochmal, ich hab dafür gesorgt, dass du nicht krepierst!“
      Georgia wimmerte. Sie versuchte sich loszureißen, aber er hielt sie mit eisernem Griff gepackt. Da fiel sein Blick auf das fallen gelassene Handy. Er zerstörte es mit einem einzigen Tritt.
      "Nein!"
      Das Plastikteil knischte unter seinem Schuh, als er Georgia doch losließ. Kraftlos fiel sie wieder auf den Boden zurück und starrte mit tränenden Augen auf das einzige Kommunikationsmittel, mit dem sie ihre Mutter hatte erreichen können. Sie hatte noch nicht einmal eine Antwort auf ihre Nachricht bekommen. Ruf mich an, das war alles gewesen. Ein blödes, dummes Ruf mich an.
      Jetzt weinte sie doch wieder, weinte wegen dem Schmerz, der auf ihrer ganzen Gesichtshälfte brannte und ihren Kopf schwummrig machte, und weinte wegen der verpassten Gelegenheit, ihre Mutter zu kontaktieren. Sie weinte wieder, weil alles einfach zu viel für sie war.
      "Ich will nachhause. Ich will nachhause."
      Sie rollte sich auf dem Boden zusammen und schützte mit den Armen ihren Kopf vor weiteren Schlägen, die nicht kamen. Die Tränen wollten nicht aufhören und sie schluchzte einfach weiter und immer weiter. Es war alles viel zu viel.

      Knapp eine Stunde später saß sie doch wieder auf der Couch, ein Kühlpack gegen ihre schmerzende Wange gedrückt. Sie hatte sich in die Zunge gebissen beim Fallen und jetzt, nachdem die ganze Aufregung sich wieder gelegt hatte, spürte sie all den Schmerz noch viel heftiger. Sie konnte froh sein, dass der Mann nicht fest genug geschlagen hatte, um ihren Kiefer zu brechen.
      Im Nachhinein betrachtet kam sie sich dumm vor, naiv und impulsiv. Was hatte sie sich denn schon erwartet; dass er sich bei ihr bedanken könnte, wenn sie ihn trat? Was war denn ihr Plan gewesen?
      Scheu blickte sie zu dem Apothekar.
      "... Tut mir leid. Wegen dem..."
      Sie sah knapp auf seinen Schritt hinab und bewegte schwach die Hand. Dann sah sie wieder auf.
      "Tut mir leid."
    • Es kostete den Apothekar einiges, um seiner Wut nicht weiter Luft zu machen. Er hatte die weinende Georgia einfach neben den Trümmern des Handys auf dem Boden zurückgelassen und war auf direktem Wege zu seinem Bett gegangen, um die Kiste wieder hervorzuziehen. Unwirsch wühlte er herum bis er seine Vorräte fand. Fahrig kontrollierte er die Tüten, immer und immer wieder, bis sich das Zittern seiner Hände nahezu gelegt hatte. Dann war da nur noch das Pochen in seiner Hand gewesen.
      Als er danach ins Bad ging, um sich den Schweiß vom Gesicht zu waschen, saß Georgia noch immer auf dem Boden. Ohne Beachtung war er an ihr vorbeigegangen und sich im Bad eingeschlossen, wo er sich im Spiegel ohne Maske ansah und den Kopf schüttelte. Was für eine glorreiche Idee war es bloß gewesen, sich ein Kind ans Bein zu binden? Vielleicht sollte er sie doch einfach melden. Oder an T. J. überstellen. Jetzt, wenn sie weder seinen Namen noch sein Gesicht kannte.

      Am Ende hatte er Georgia auf der Couch wiedergefunden. Weder sah sie ihn an, noch sprach sie ein Wort, sondern starrte einfach ins Nichts. Für ein paar Momente lang besah sich der Apothekar das Schauspiel, dann seufzte er und holte ein Kühlpack, das er ihr wortlos reichte. Dann ließ er sich vor dem niedrigen Beistelltisch auf den Boden sinken und zog darunter eine Waage und Plastiktüten hervor.
      „… Tut mir leid. Wegen dem…“
      Er hob den Blick und sah gerade noch, wie sie auf seinen Schritt blickte.
      „Tut mir leid.“
      Ein Schnauben war die Antwort darauf. Sie würde morgen einen regelrechten Regenbogen in ihrem Gesicht tragen – nicht unbedingt das, was er sich von ihr gewünscht hätte bei dem morgigen Deal. Jetzt mussten sie aber damit arbeiten, ob es ihnen passte oder nicht. Ob es Georgia wirklich leid tat oder nicht änderte nichts an ihrer Tat per se.
      „Das hier sind die Tüten, die ich verkaufe“, erzählte er stattdessen und hob kurz ein Beutel hoch, der noch leer war. „Keine fancy Verpackung, jeder sieht direkt, was drin ist. Kannst schnell zählen und schnell das Geld dafür kriegen.“
      Er langte nochmal unter den Tisch und zog eine Pringles Paprika Verpackung hervor. Weiße Tabletten fielen ihm in die geöffnete Hand, als er den Inhalt heraus schüttete. „Mein Magipramin hält für 24 Stunden. Also sind in einer Tüte sieben Tabletten. Eine Tüte kostet 210 Dollar. Ich will morgen 400 Dollar je Tüte haben.“ Er sah jetzt doch zu dem Mädchen herüber. „Das wird dein Job sein.“
      Sieh es als Wiedergutmachung, dachte er, sprach es aber nicht aus.
      Hätte er ein bisschen mehr Herz gehabt, dann könnte der Apothekar so etwas wie Reue verspüren. Georgia hatte eine scheiß Zeit hinter sich und war jetzt auch noch geschlagen worden, aber Mitgefühl stellte sich bei ihm nicht ein. Schließlich musste sie schnell lernen, dass sie nicht schalten und walten konnte, wie sie es wollte. Es gab Grenzen, harte Grenzen, und sollte sie jemals bei T. J. enden, dann hätte er ganz andere Methoden, ihr diese Grenzen aufzuzeigen.
    • Georgia sah unbewegt dabei zu, wie der Apothekar ihr eine leere Tüte präsentierte. Sie sah wirklich wie ein sehr typisches Drogen-Tütchen aus. Dann zog er eine Pringles-Tube hervor und ließ weiße Tabletten in seine Hand fallen.
      Magipramin. Auch das starrte Georgia fast teilnahmslos an.
      „Mein Magipramin hält für 24 Stunden. Also sind in einer Tüte sieben Tabletten. Eine Tüte kostet 210 Dollar. Ich will morgen 400 Dollar je Tüte haben.“
      Sie sah auf, als sich seine Maske bewegte. Vielleicht war es ja ganz gut, dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Vielleicht war es gut, dass sie nicht erahnen konnte, was der vorherige Ausfall mit ihm gemacht hatte.
      „Das wird dein Job sein.“
      Das war jetzt nun keine Überraschung mehr für sie. Er hatte es ja schon einmal angekündigt und außerdem war Georgia selbst darauf gekommen, dass langsam seine Geduld mit ihr am Ende sein würde. Er konnte sie verpflegen, ihr Unterschlupf anbieten, sich um sie kümmern, aber der Apothekar war kein netter Mensch. Er tat es nicht aus Nächstenliebe, sondern weil er sich etwas davon erhoffte. Seine Bezahlung, die er Georgia jetzt ganz genau vor Augen führte.
      Das konnte sie doch, oder? Ein paar Drogen verkaufen? So schlimm würde es doch nicht sein?
      Wenn ihr das helfen könnte, sich ein wenig aufzurichten? Sich von der Abhängigkeit zu ihm loszusagen?
      Sie nickte ganz leicht.
      "Und wie..."
      Wie sollte sie das anstellen? Ohne Bestie? Aber Georgia traute sich noch nicht so ganz, ihre Schwäche offen auszusprechen; zu sehr war sie noch von ihrer schmerzenden Gesichtshälfte eingeschüchtert.
      "Wie sehen diese Geschäfte aus? Wie läuft das ab?"
    • „Und wie…“
      Gott, frag jetzt nicht, wie du es anstellen sollst, dachte der Apothekar genervt, verkniff sich aber einen bissigen Kommentar.
      Immerhin hatte Georgia ihn völlig überzogen in die Eier getreten. Wenn sie nicht jetzt endlich mal bemüht sein sollte, ihm zu gefallen oder einen Nutzen zu erwirken, wann dann?
      „Wie sehen diese Geschäfte aus? Wie läuft das ab?“, formulierte sie schließlich neu und machte ihm die Antworten leichter.
      Er ließ seinen Blick auf die Tüten sinken. Sorgfältig zählte er die Tabletten ab und verpackte sie in die jeweiligen Monatstütchen. „Grob gesagt kontaktiert mich der Kunde, wenn es Stammkundschaft ist. Wir machen einen Treffpunkt aus, er bringt mir das vorher vereinbarte Geld in bar mit und ich seine Ware. Es wird ausgetauscht, kontrolliert, fertig.“
      Für den morgigen Termin waren zwei Wochenpackungen vorgesehen. Der Kerl hatte Prüfung und wollte demnach nicht mit seinem freakigen Talent ausrasten. Er zählte zu den Stammkunden, die ohne nachzufragen den Stoff bezogen und ihr Geld daließen. Angenehme Kundschaft, wenn man so will.
      „Wir laufen da morgen auf. Du trägst deine Maske und sagst erst mal nichts. Ich werd ihm klarmachen, dass sich der Preis erhöht hat und wenn er dann nicht spurt, ist dein Einsatz gefragt. Wer weiß, vielleicht reicht es schon, wenn du die Maske nur abnimmst. Aber zeigen wirst du dich ihm.“
      Vielleicht hätte er ihr auch noch Schminke besorgen sollen, damit sie das blaue Auge abdecken konnte. Sie verlor einiges an Eindruck, wenn sie mit geschlagenem Gesicht da auftauchte. Andererseits… war sie auch so nicht sonderlich einschüchternd. Sie würde auf dem Ruf aufbauen müssen, den die Medien ihr verpasst hatten.
      Schweigend betrachtete er Georgia einen Augenblick lang. Dann hielt er eine der Tüten mit den Tabletten hoch. „Wenn’s dir zu Kopf steigt, dann solltest du wohl auch eine davon einwerfen. Einfach nur, damit du nicht aus Versehen das Vieh nochmal beschwörst. Ich hab keine Mittel, um das Ding nochmal aus dem Weg zu räumen.“
      Ganz davon zu schweigen, dass er eine weitere Konfrontation in der Innenstadt nervlich nicht aushalten würde. Es war wohl oder übel an der Zeit, sich doch mit einer Schusswaffe auszustatten. Jedenfalls, wenn er weiter mit Georgia agieren wollte.
    • Georgia nickte langsam. Ein bisschen hatte sie sich einen solchen Ablauf vorgestellt, auch wenn ihr das nicht dabei half zu verstehen, wie sie denjenigen wohl überzeugen sollte. Würde ihr Gesicht ausreichen? Was, wenn nicht? Und war es nicht gefährlich, ihr Gesicht einfach so in der Öffentlichkeit zu zeigen, selbst bei Dealern?
      Aber der Apothekar würde bestimmt wissen, was er tat, nicht? Es war doch nicht das erste Mal, dass er so einen Deal abschloss.
      "Ist das nicht..."
      Sie traute sich fast nicht, auch nur einen kleinen Widerspruch einzulegen.
      "... eine sehr drastische Preiserhöhung? Das ist fast doppelt so viel; was, wenn er nicht so viel Geld dabei hat? Verkaufst du es ihm dann einfach nicht?"
      Ihr Blick fiel auf die Tabletten in dem Tütchen, das er jetzt gut sichtbar hochhielt. Georgia hatte noch nie Drogen genommen und hatte es auch nicht vor, nicht einmal Magipramin. Naja, vielleicht schon, aber wenn dann das vom Arzt verschrieben und sicher nicht, was auch immer der Apothekar hier zusammenmischte.
      "Ich beschwör es nicht einfach so. Hab ich doch vorhin auch nicht, oder?"
      Ihre Stimme war frei von jedem Vorwurf, sie stellte nur die Fakten da. Vorhin hatte sie die Bestie nicht gerufen und auch nicht, als sie im Delirium vom Fieber gelegen hatte. Es passiert eben nicht ausversehen.
      Halt bis auf dieses eine mal.
      "Hast du keine Pistole dabei? Oder irgendwas ähnliches? Was, wenn man dich über den Tisch ziehen will?"
    • „Ist das nicht… eine sehr drastische Preiserhöhung? Das ist fast doppelt so viel; was, wenn er nicht so viel Geld dabei hat? Verkaufst du es ihm dann einfach nicht?“
      Dass die Frage klar, war absehbar gewesen. Folglich zuckte der Apothekar nur mit den Schultern. „Das ist deine Probe. Wenn du so gut bist, wie ich hoffe, dann sollte der Druck groß genug sein, als dass der Kerl auch den doppelten Preis bezahlt.“ Außerdem wusste er, wie dringend er das Zeug brauchte. „Wahrscheinlich hat er das Geld nicht dabei. Dann schick ich ihn los, es zu holen. Mit einem Zeitlimit, natürlich. Und wenn er es nicht packt; dann sind wir weg.“
      Die Gefahr, dass der Kerl sie verpfeifen würde, bestand natürlich immer. Nur war sie bei diesem Typ besonders gering. Das war leichte Beute, Anfängerbeute, wie der Apothekar befand und genau das, was er generieren wollte. Er hoffte auf Mundpropaganda und die wäre damit wohl gegeben.
      Auf die Info hin, dass Georgia vorhin das Vieh auch nicht beschworen hatte, konnte er natürlich nicht viel erwidern. Trotzdem bezweifelte er, dass sie so viel Kontrolle hatte, als dass sie sie gezielt beschwören konnte. Und egal was darauf die Antwort war – die Kontrolle fehlte ihr so oder so.
      „Hast du keine Pistole dabei? Oder irgendwas Ähnliches? Was, wenn man dich über den Tisch ziehen will?“
      Er schüttelte mit dem Kopf. „Ich mags risky. Bis jetzt war ich nicht so groß, als dass ich mich verteidigen müsste oder sowas. Wenn man mich bedroht, dann geb ich den Jungs halt meinen Stoff und verpiss mich. Besser, als eine kaputte Kauleiste zu riskieren. Und ja, ich habe noch all meine Zähne.“
      Unter der Maske grinste er fast wie zum Beweis. Nur konnte Georgia das natürlich nicht sehen. Er war gespannt darauf, wie gut sie sich morgen anstellen würden.
      Oder eben, wie schnell sie laufen konnte.

      Die Nacht war, wie erwartet, nervenaufreibend für den Apothekar. Sein Bett befand sich im Zimmer mit der Couch und allem anderen. Mehr als diese Einzimmerwohnung hatte er nie gebraucht. Jetzt lag er jedoch wach in seinem Bett, auf die Seite gedreht und die Maske in seiner Hand statt vor seinem Gesicht. Die Dunkelheit sorgte dafür, dass Georgia sein Gesicht nicht sehen würde. Nur konnte er sich nicht die Blöße geben, jetzt zu schlafen. Nach der Aktion heute war ihm das Risiko mit Georgia, die jetzt auf dem Sofa unter einer dünnen Decke lag, einfach zu groß. Ob sie nun abhauen wollte oder einen anderen Mist veranstalten wollte; Er würde es mitbekommen. Zu jeder Sekunde.

      Der nächste Tag begann mit einem spärlichen Frühstück. Noch beim Essen gab der Apothekar eine Lieferung für Lebensmittel in Auftrag, die später am Tag eintrafen und sein Kühlschrank endlich mal seine Aufgabe erfüllte und nicht nur fragwürdige Substanzen lagerte. Außerdem hatte er tatsächlich Färbemittel für die Haare besorgt – falls Georgia auf den Zug aufspringen sollte.
      Den gesamten Tag über lag eine seltsame Spannung in der Luft, bis der Apothekar schließlich verkündete, dass sie sich auf den Weg machen würden. Sie verließen die Wohnung wieder mit den Masken, dieses Mal hatte er jedoch seinen Mantel wieder an und seine Begleitung mit einer Sweatjacke ausgestattet, die sie hoch genug über den Kopf ziehen konnte. Wieder schlängelten sie sich durch die Gassen, tauchten unter Kameras hindurch und wichen Streifenwagen aus. Der Apothekar bewegte sich wie ein Wiesel durch die Nacht, trittsicher und vollkommen selbstsicher.
      In einer Gasse hielt er an und deutete auf den Gullideckel vor ihm. „Es gibt ein ziemlich gutes Netzwerk in den Abwasserkanälen. Da trauen sich selbst die Bullen nur schwer rein. Keiner hat die Sewers je richtig gezeichnet, also tappen die meist eher im Dunkel als wir.“
      Mit einem Klappmesser löffelte er unter dem Deckel bis er die Kante greifen konnte und hob ihn beiseite. Dann winkte er Georgia herbe. „Da runter, dann geh ich vor. Wir gehen ein paar Abzweigungen und dann wieder nach oben. Sollten in einer alten Brennerei rauskommen. Da treffen wir den Typ.“
    • Die Nacht verbrachte Georgia auf derselben Couch, auf der sie schon den größten Teil des Tages gesessen hatte. Es war ein Zweisitzer, weil sehr viel mehr nicht in das Zimmer passte, in dem sich schon das Bett drängte. Es war wirklich eine erdrückend winzige Wohnung. Sie konnte nichtmal die Beine richtig ausstrecken, ohne dass sie in der Luft hingen.
      Für Georgia war es eine schlaflose Nacht und sie war sich ziemlich sicher, dass der Apothekar auch noch wach war, auch wenn keiner von ihnen beiden einen Mucks von sich gab. Das Zimmer war gänzlich still und sie wagte es auch nicht, diese Stille zu unterbrechen. Der Apothekar genauso wenig.
      Ihr Arm tat wieder weh und ihre Wange tat immernoch weh, jedenfalls dann, wenn sie drauflag. Georgia musste an ihre Mutter denken und an das zertrümmerte Handy. Sie musste an vieles denken, was sich die letzten Tage ereignet hatte.
      Der Schlaf wollte nicht kommen. Sie lag still in der Dunkelheit und sah aus einem trüben, ungeputzten Fenster hinaus in den sternenlosen Nachthimmel.
      Den ganzen Tag vertrödelte Georgia mit fernsehen, weil es sonst nichts zu tun gab und der Apothekar wohl noch warten wollte, bis sie sich aufmachen würden. Sie vermied aber Sender mit Nachrichten und sah sich stattdessen irgendeinen hirnlosen Quatsch an. Es war schön, wieder an Technologie zu kommen, aber nicht schön, wie sehr sie sie zu verfolgen schien. Manchmal kam doch der Aufruf am unteren Bildschirmrand, Ausschau nach der frei herumlaufenden Terroristin zu halten.
      Gegen frühen Abend dann gingen sie endlich nach draußen. Georgia hatte sich wieder bis zur Unkenntlichkeit eingehüllt, so auch der Apothekar, und gemeinsam schlichen sie wieder über die Straßen wie zwei Kriminelle. Was sie ja auch waren. Der Mann ging mit sicherem Schritt voran, verschmolz mit den Schatten und wich Kameras mit einer Leichtigkeit aus, als wäre das ganze ein Spiel, von dem Georgia noch nicht einmal die Regeln wirklich begriffen hatte. Georgia tat sich dafür unheimlich schwer, die Kameras zu entdecken und dann auch noch einen toten Winkel zu erahnen, den der Mann wie selbstverständlich zu erkennen schien. Sie verstand seine Umwege nicht, die er meistens nahm, und wenn sie sich in den Schatten der Häuser zu halten versuchte, kam sie sich immer klobig und so auffällig unauffällig vor, dass es für sie wohl besser gewesen wäre, einfach offen auf der Straße zu marschieren. Mit einem Mal hatte sie großen Respekt davor, wie Leute wie der Apothekar es nur schaffen konnten, sich vor den Streifwagen zu verstecken. Es war längst nicht so einfach, wie es den Anschein hatte.
      Der Mann brachte sie in eine Gasse und blieb dann in der Mitte einfach stehen. Georgia begriff nicht, bis er auf den Gullideckel vor sich auf dem Boden deutete.
      „Es gibt ein ziemlich gutes Netzwerk in den Abwasserkanälen. Da trauen sich selbst die Bullen nur schwer rein. Keiner hat die Sewers je richtig gezeichnet, also tappen die meist eher im Dunkel als wir.“
      Bis zur letzten Sekunde glaubte sie noch, dass das doch nur ein schlechter Scherz war, bis er dann mit einem Klappmesser den Deckel beiseite hievte. Sofort drang ein sehr präsenter, sehr abstoßender Geruch zu ihnen herauf.
      Georgia verzog unter der Maske das Gesicht.
      "Ew."
      „Da runter, dann geh ich vor. Wir gehen ein paar Abzweigungen und dann wieder nach oben. Sollten in einer alten Brennerei rauskommen. Da treffen wir den Typ.“
      "Wirklich? Wir müssen da runter? Kann er nicht herkommen oder sowas?"
      Natürlich konnte er das nicht und wenn Georgia nicht auf den Nerven des Mannes herumreiten wollte, wie sie es in den letzten Tagen wohl schon zu viel getan hatte, sollte sie sich lieber fügen.
      Mit verzogenem Gesicht ging sie nach vorne und setzte sich an den Rand. Der Schacht war an der oberen Stelle noch beleuchtet, sodass sie die erste Strebe sehen konnte, aber weiter unten, wo es hineinging, war es stockdunkel. Wirklich komplett finster. Sie konnte nichts sehen und nur ein fernes, leichtes Plätschern hören.
      Ganz toll. Wirklich ganz, ganz toll. Einmal nahm sie noch die frische Luft von oben in sich auf, dann stellte sie den Fuß auf die erste Strebe und begann, vorsichtig hinabzuklettern.
      Eigentlich hatte Georgia keine Angst im Dunkeln, aber wenn sie in einen verdammten Abwasserkanal kletterte, wo sie bald nichtmal mehr die Hand vor Augen sehen konnte und nur Geräusche hörte, die sich verdächtig nach Ratten anhörten, dann fand sie es schon gerechtfertigt, etwas nervös zu sein. Oder angespannt. Oder regelrecht entsetzt. Die frische Luft von oben drang auch nicht bis nach unten und so füllten sich ihre Nasenlöcher mit dem Gestank der Abfuhr einer ganzen Stadt.
      Georgia würgte. Vielleicht würde sie sich übergeben müssen. Vielleicht sollte sie damit warten, bis der Apothekar bei ihr war, damit sie ihn treffen konnte. Es war immerhin seine scheiß Idee gewesen. Wortwörtlich.
      Unten angekommen trat sie einen Schritt beiseite, damit er hinabkommen konnte. Er hatte das Licht, natürlich, und so dauerte es ein bisschen, bis er zumindest ihre Umgebung erhellte. Sofort sah sie ein paar kleine Gestalten vor dem Lichtkegel davonhuschen.
      So eklig. Wirklich eklig. Sie wollte nicht eine Sekunde länger dort unten sein als notwendig.
      "Geh schon endlich. Wie weit ist es noch?"
    • Der Apothekar beantwortete Georgias Nachfrage mit einem stummen Starren. Er musste nicht, ob sie durch die Aussparungen sehen konnte, dass er ihr einen vorwurfsvollen Blick zuwarf, also musste das genügen. Also wartete er mit verschränkten Armen ab, bis sie sich endlich überwunden hatte und im Loch im Boden verschwunden war. Buchstäblich vom Antlitz der Welt getilgt wurde. Er war derjenige mit einer Taschenlampe, die den Boden erhellte, auf den Georgia unten angelangt war. Er selbst war amüsiert, als er ihr entsetztes Gesicht mit der Lampe anstrahlte und sie so aussah, als würde sie sich von ihrem Essen wieder verabschieden. Das alles konnte er nur von ihrem Blick ablesen, den sie ihm vorwurfsvoll zuwarf.
      „Geh schon endlich. Wie weit ist es noch.“
      „Chill mal“, winkte er ab, zog eine Tube aus der Manteltasche und reichte sie ihr. „Dachte mir schon, dass du Kotzanfälle kriegen könntest. Mentholpaste. Das Zeug, was auch die Leichenärzte da sich unter die Nase schmieren.“
      Das hatte er sich nämlich auch schon ausgetragen. Mit einer Hand in der Tasche und die andere an der Lampe leuchtete er den Weg voran auf dem gemauerten Weg neben dem Abwasser der Stadt. Ratten und auch Krokodile waren hier unten keine Seltenheit, also hielt man sich vom Wasser und dunklen Löchern möglichst weit entfernt.
      „Mh, kann sich schon gut um ne halbe Stunde drehen. Wir rennen jetzt nicht, weil wenn du ausrutschst und in die Plörre da fällst, ist der Tag gelaufen. Folg mir einfach und dann passt das schon“, sagte er und schlenderte los mit Georgia im Schlepptau.
      Sie folgten dem nahezu identisch aussehenden Abwassersystem für eine gefühlte Ewigkeit. Hier und da nahm der Apothekar eine Abzweigung, scheinbar ohne Sinn und System. Aber er war von diesem Startpunkt aus schon zu so vielen Orten gelaufen, dass er aus dem Gedächtnis wusste, was sich über seinem Kopf in etwa gerade befand.
      Einmal kamen ihnen zwei großgewachsene Männer entgegen. Sie musterten sich kurz, während sie aneinander vorbei gingen, sprachen jedoch kein Wort. Hier unten quatschte man nur Leute an, die man entweder kannte oder weil man ein dämlicher Cop war und sich damit direkt verriet. Also schwieg der Apothekar lieber, und weil er es tat, folgte Georgia seinem Beispiel. Schließlich wusste man nie, welche Art von Menschen einem hier unten über den Weg liefen.
      Es dauerte etwas länger als eine halbe Stunde, dann leuchtete der Apothekar auf eine Eisenleiter, die an der Wand montiert war und nach oben führte. Parallel dazu verlief ein dickes Stahlrohr, das in den Abfluss mündete. „Ist schon praktisch, wenn man als Brennerei nen eigenen Gulli hat“, meinte er und ließ dieses Mal nicht Georgia den Vortritt.
      Er reichte ihr die Taschenlampe weiter, dann machte er sich an den Aufstieg. Mit seiner ganzen Kraft stemmte er sich gegen den gusseisernen Deckel, der mit einem Knirschen zur Seite rutschte und fahles Licht hereinließ. Durch den Schlitz hindurch spähte er in den Raum, befand ihn als sicher und schob den Deckel ganz beiseite. Danach steckte er den Kopf heraus, ließ den Blick wandern und stieg dann hoch. „Herzlichen Glückwunsch, du darfst dich aus der Kanalisation empor kämpfen.“
      Die alte Brennhalle war fast komplett ausgeschlachtet worden. Nachdem die Firma pleitegegangen war, wurde kein Unternehmen beauftragt, den Innenraum auszuräumen. Das hatten schließlich all diejenigen übernommen, die aus den Teilen noch Umsatz generieren konnten. Die Kupferrohre und -kessel waren als erstes geklaut worden, dann kam nach und nach der Rest. Jetzt sah die Halle fast so einsam aus wie der Lebensmittelladen, in dem er Georgia ausgegraben hatte.
      Eilig kam Georgia aus dem Loch gekrabbelt, sodass er den Deckel wieder zuschieben konnte. Sie waren über der Zeit – das plante er gerne so ein, damit er immer vor den Kunden vor Ort war. „Wir haben noch gut 10 Minuten bevor der Typ kommt. Kannst dir ja noch ein bisschen die Beine vertreten oder so. Warst schon mal in einer alten Brennerei?“, fragte er sie, schwieg und sah sich dabei um. „Okay, gut. Das hier ist eher eine Halle als ne Brennerei. Die haben hier alles rausgerissen, nachdem der Laden pleite war. Früher gabs hier richtig geilen Schnaps, hab ich mir sagen lassen. Keine Ahnung, warum niemand den Laden aufkaufen wollte.“
    • „Mh, kann sich schon gut um ne halbe Stunde drehen."
      Eine halbe Stunde. Eine halbe Stunde. Georgia hätte am liebsten ganz laut und verzweifelt gestöhnt, wenn sie damit nicht unbedingt alle Ratten aufgeweckt hätte, die hier unten überall herumlungerten. Wie angedeutet hatte sie sich dieses stinkende Zeug unter die Nase gerieben, was zumindest den Geruch etwas besser machte, aber nicht den Ekel. Wenn sie sich ganz verrückt machen wollte, stellte sie sich einfach genau vor, was neben ihnen dort im Kanal vorbeilief, und konnte sich dann den Geruch selbst einbilden. Und das für eine halbe Stunde. Sehr praktisch. Sie kämpfte ein Würgen hinab.
      "Wir rennen jetzt nicht, weil wenn du ausrutschst und in die Plörre da fällst, ist der Tag gelaufen. Folg mir einfach und dann passt das schon."
      "Gott, sag einfach nichts mehr dazu. Ich hab's verstanden."
      Der Apothekar tat ihr den Gefallen und marschierte los.
      An der ersten Kreuzung kannte Georgia sich noch aus, immerhin war es nur die erste Kreuzung. An der zweiten musste sie sich schon bemühen, sich an den vorherigen Weg zu erinnern, und an der dritten musste sie sich eingestehen, dass sie hoffnungslos verloren war. Sie hatte keine Ahnung, woher der Apothekar wusste, wo er hinsollte, denn in der Dunkelheit und mit dem Kanal neben ihnen sah alles immer gleich aus. Immer und immer wieder. Anfangs hatte Georgia noch gedacht, dass der Mann sich an irgendwelchen Zeichen orientierte, die er hier unten vielleicht hinterlassen hatte, aber die meiste Zeit hielt er das Licht auf den Boden vor sich und da konnte Georgia bei bestem Willen nichts erkennen. Er ging einfach irgendwo lang und natürlich dachte sie dabei sofort daran, dass er sie in irgendeine Falle lockte und sie entführen, ermorden, vergewaltigen würde. Dabei ärgerte sie sich über sich selbst, nachdem ihre Wange noch immer vom gestrigen Tag schmerzte und pochte. Langsam sollte sie doch mal aufhören, so paranoid zu denken, oder? Wenn er wollte, hätte er schon genügend Gelegenheit gehabt, es zu tun. Dafür hätte er sie nicht zu sich nachhause und dann in die Kanalisation locken müssen.
      Einmal kam aus der Dunkelheit ein Lichtstrahl auf sie zu und Nervosität machte sich gleich in Georgia breit, denn sicher betraten nur Kanalarbeiter - und eben der Apothekar - diesen Untergrund freiwillig. Als es aber zwei großgewachsene, bullige Typen waren, die den Lichtstrahl so wie der Apothekar auf den Boden gerichtet hatten und sie nur beim vorbeisehen grimmig anstarrten, ergriff Georgia gleich eine andere, viel beängstigendere Erkenntnis: Sie musste keine Angst davor haben, was der Apothekar mit ihr anstellen könnte, sondern dass sie irgendwann ohne ihn sein könnte. Denn wenn sie dann solchen Kerlen begegnete, konnte sie bei ihrer zierlichen Figur gleich das Handtuch werfen.
      Beruhigend war dieser Gedanke nicht, aber er half ihr zumindest ein bisschen, den weiteren Weg etwas besser zu ertragen. Immerhin war sie ja nicht alleine.
      Bei der genannten Brennerei ging es wieder nach oben, wobei von der Brennerei selbst nicht mehr viel übrig war. Es war eigentlich nur eine leerstehende, große Halle, wie sich der Apothekar selbst korrigierte, nachdem er einen Blick herum warf. Ironischerweise passte der Ort einfach zu gut zu dem Mann, der schon in dem verlassenen Supermarkt seine Geschäfte geführt hatte. Eigentlich hätte Georgia sich sowas denken können.
      "Ich war mal in einer Brennerei für Vogelbeeren-Schnaps, der war richtig gut. Da gab's so eine Führung."
      Sie sah sich auch um.
      "Aber die Marke gibt's nicht mehr. Das ist schade, der war richtig gut."
      Huch - hatte sie etwas gerade smalltalk mit dem Apothekar geführt? Das war ja mal mehr als merkwürdig. Es war ja so, als hätten sie sich gestern nicht gegenseitig angebrüllt und angegriffen.
      Georgia beschloss, sich diesen Gedanken einfach nicht anmerken zu lassen, und suchte sich einen Aufgang zu der Platform oben, damit sie aus den Fenstern schauen konnte. Das war ihr lieber als noch weiter so nah am Gullideckel zu bleiben, den sie sicher wieder für den Rückweg nutzen würden.
    • „Ich war mal in einer Brennerei für Vogelbeeren-Schnaps, der war richtig gut. Da gab’s so eine Führung.“
      Der Apothekar stutzte dabei, wie er irgendwelche fragwürdigen Rückstände auf dem Boden mit seinem Schuh loskratzte, und sah zu Georgia.
      „Aber die Marke gibt’s nicht mehr. Das ist schade, der war richtig gut.“
      „Mann, wie lang isn das her?“, fragte er, überrascht über die Tatsache, dass Georgia auch über andere Dinge sprechen konnte, als seine Taten und wie er sich von ihr fernhalten solle. „Bist du dir sicher, dass du da überhaupt schon trinken durftest?“
      Er grinste bei dem Gedanken daran, eine kleine Georgia mit einer großen Flasche in der Hand herumstolpern zu sehen. Er selbst konnte sich an diese Brennerei nur deshalb entfernt erinnern, weil sein Vater hier Stammgast gewesen war. Das lag aber schon sehr weit in der Vergangenheit zurück.
      Sein Blick folgte ihr nur kurz, wie die Treppe zur höherliegenden Plattform erklomm. Dass sie auf Abstand ging und nicht direkt neben ihm stand, passte ihm ganz gut in den Kram. Dann konnte er den Kunden vorher abchecken, ob er sauber war oder nicht. Merkte der Apothekar, dass der Kunde eventuell spitzelte oder jemanden am Arsch kleben hatte, brach er den Deal ab, bevor es brenzlig werden konnte. Vorsicht war besser als Nachsicht. Die Devise hatte sich bei ihm bisher immer bewährt. Nur bei Georgia hatte er eine Ausnahme gemacht und die hatte dazu geführt, dass er ein Mädchen geschlagen hatte. Nicht, dass er darüber jetzt reuevoll nachdachte, aber jetzt konnte er nicht mehr behaupten, keine Frauen zu schlagen.
      Die Hintertür der Halle knarzte und der Apothekar wandte sich um. Herein kam ein Mann nicht viel älter als er selbst, ausgestattet mit einer Handylampe, die ihm den Weg leuchtete. Ihr üblicher Treffpunkt war ein anderer, weshalb er sich wohl nicht ganz sicher war, wo er langgehen sollte.
      „Jo“, grüßte der Apothekar seinen Kunden mit erhobener Hand, der ihn direkt mit seiner Lampe zu blenden versuchte. „Ey, halt das Ding auf den Boden und nicht in mein Gesicht.“
      „Sorry, mann… Hi“, erwiderte der Mann, der näher kam und sich sichtlich unwohl seine kurzgeschnittenen braunen Haare raufte. Er trug einen weiten, schwarzen Hoodie und eine Slim Jeans von Lewis. Die Ringe unter seinen Augen waren beträchtlich, als er in seiner Hosentasche zu kramen begann. „Ich habs abgezählt.“
      Der Mann zog etliche Dollarscheine hervor, behielt sie allerdings in seiner Hand. Er sagte nichts, sondern sah den Apothekar erwartungsvoll an. Der ließ seinen Blick auf das Geldbündel senken, dann griff er sich in seine Manteltasche und holte die Tüte hervor. Zwischen den Männern schwebte nun die Tüte mit den sieben Tabletten, säuberlich abgepackt und abgezählt.
      „Hast du eigentlich mitgekriegt, wie krass die Cops angezogen haben wegen dieser Terroristin?“, fragte der Apothekar beiläufig und wedelte mit der Tüte. Die Augen des Kunden hafteten an ihr und bewegten sich mit. „‘s wird echt schwierig mittlerweile an das Zeug hierfür zu kommen.“
      Der junge Mann nickte betroffen. „Die kontrollieren wesentlich mehr, ja. Hatte auf dem Weg hierhin auch schon eine Begegnung mit denen. Macht echt keinen Spaß.“
      „Hast eine Ahnung, was fürn Risiko wir hier gerade eingehen? Nur damit du deinen Stoff kriegen kannst?“ Langsam ließ er seine Hand sinken und deutete an, die Tüte wieder in seiner Tasche verschwinden zu lassen. Der junge Mann verzog das Gesicht und trat einen Schritt vor.
      „Hey, Mann, du willst den Deal doch nicht abblasen, oder?“ Man hörte die Verzweiflung in der Stimme des Kunden.
      Der Apothekar grinste. Einmal abhängig ließen sich die armen Freaks so leicht steuern wie ein Kleinkind. „Ich kann nicht mehr wöchentlich für dich und andere rauskommen. Muss ein bisschen weiter unter dem Radar fliegen. Heißt, ich muss leider mehr für dein Zeug nehmen als vorher. Muss mich ja auch über Wasser halten.“
      „Was heißt das? Wie viel mehr?“ Die Atmung des Mannes beschleunigte sich. Er geriet in Panik, als er feststellte, dass er seine Drogen vielleicht nicht bekäme.
      Der Apothekar legte den Kopf schief. „Das heißt 400 Dollar für die gleiche Menge.“
      Der Mann schnappte nach Luft. „Das ist fast das Doppelte!“
      „Mmmhmmm, ich weiß. Kann man leider nicht ändern“, erwiderte der Apothekar leichtfertig und zuckte mit den Schultern.
      „Ey, ich kann dir fünfzig Dollar mehr geben, aber keine scheiß 400 Dollar. Das ist zu viel!“
      „Wer sagt das? Aber gut, wenn’s dir nicht wert ist, bitte sehr.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. Er hatte gewusst, dass der Kerl einen Aufschlag bezahlen würde, aber bei dem doppelten Preis nicht zuschlagen würde. Das war der Grund gewesen, warum er Georgia mitgebracht hatte. „Ich mein, mein Business steht gut da. Hab sogar eine Aushilfe gefunden. Magst sie mal kennenlernen?“
    • Georgia warf dem Apothekar einen warnenden Blick zu. Dann sah sie doch wieder weg und gestand:
      "Ich war vielleicht erst 18 und habe denen vielleicht gesagt, dass ich 21 bin. Als ob du mit Trinken gewartet hast, bis du volljährig warst."
      Das war kein Kapitalverbrechen, das wusste sie selbst, aber wenn jemand sich nichts aus Gesetzesbrüchen machte, dann ja wohl dieser Mann, der gerade kurz davor war, sein illegales Gemisch zu verkaufen. Außerdem musste Georgia zugeben, dass diese kleine Pause an Streitigkeiten sich ganz gut anfühlte. Es war besser, als sich auf den bevorstehenden Deal zu konzentrieren.
      Die zehn Minuten waren schnell vorbei, als die Hintertür sich laut knarzend meldete. Georgia versteifte sich augenblicklich, denn natürlich könnte jetzt der "Kunde" hereinkommen, aber was, wenn es die Polizei war? Oder einfach irgendjemand anderes? Das hier war schließlich ein öffentliches Gebäude und jeder konnte einfach so hereinspazieren, wenn er das denn wollte. Georgia musste dabei nur an die beiden Typen denken, die ihnen in der Kanalisation begegnet waren.
      Der Mann, der hereinkam, schien aber ganz jung und sah nicht so aus, als würde er eine sonderliche Gefahr für sie darstellen. Er wirkte eher nervös, so wie er sich so unruhig umsah.
      "Jo."
      Georgia rührte sich nicht oben auf der Platform, auf der sie stand. Ihr fiel auf, dass der Apothekar ihr gar nicht gesagt hatte, ob sie dazukommen und sich etwa auch vorstellen sollte. Oder irgendwas machen sollte. Sie hatte überhaupt gar keine Ahnung, wie das hier ablief.
      Aber der Apothekar beachtete sie gar nicht und der Mann hatte sie noch nicht entdeckt. Er kam auf den Apothekar zu und die beiden tauschten erste Höflichkeiten aus, wenn man das so nennen konnte.
      „Hast du eigentlich mitgekriegt, wie krass die Cops angezogen haben wegen dieser Terroristin?“
      Georgia versteifte sich wieder. War das ihr Stichwort? Für... irgendwas?
      „‘s wird echt schwierig mittlerweile an das Zeug hierfür zu kommen.“
      Ah, nein, er wollte nur auf die Preise aus. Georgia entspannte sich wieder etwas.
      So wie erwartet reagierte der Kerl nicht besonders gut auf, aber er wurde nicht ausfällig. Das war gut, wie Georgia befand. Sie wusste nicht, wie der Apothekar auf Gewalt reagieren würde. Er würde doch nicht etwa sie vorschicken für sowas, oder?
      „Ich mein, mein Business steht gut da. Hab sogar eine Aushilfe gefunden. Magst sie mal kennenlernen?“
      Jetzt bekam Georgia Lampenfieber, denn das war ganz sicher ihr Stichwort gewesen. Allerdings wollte sie irgendwie abwarten, ob der Mann noch etwas sagen würde, was wohl nicht im Sinn des Apothekars stand. Bisher hatte er sie ignoriert, aber jetzt wandte er ihr die Maske zu.
      Georgia rührte sich. Unter der Maske wurde es ihr plötzlich ganz heiß, als es unten still wurde. Die Formulierung des Apothekars ließ darauf schließen, dass er noch nie mit jemand anderem hier gewesen war, weshalb der Kerl ungefähr genauso nervös sein dürfte wie Georgia. Das half allerdings nicht, ihre Nerven zu beruhigen.
      Sie kletterte geräuschvoll nach unten und kam dann die wenigen Meter zu den beiden Männern hinüber, ihr Gang betont normal. Unauffällig. Sie hatte sich selbst noch nie mit Maske und dem Hoodie gesehen, konnte sich aber vorstellen, dass sie keine sehr furchterregende Gestalt war. Georgia war selbst mit Verhüllung erkennbar schlank und auch nicht besonders groß. Entweder, sie erschien wie ein dürrer, klein geratener Junge oder wie eine Frau. Und beides schien ihr nicht unbedingt der Situation dienlich zu sein.
      Bei den beiden blieb sie stehen. Der Kerl starrte sie an. Der Apothekar sah sie unter seiner Maske sicher genauso an. War das jetzt der Moment, an dem sie ihn überreden sollte, auch das restliche Geld zu zahlen? Wie sollte sie das anstellen, wenn der Apothekar schon mit all seinem Wissen und seiner Erfahrung gescheitert war? Da blieb ihr nichts anderes übrig, als die Maske abzunehmen.
      Der Kerl erkannte sie natürlich sofort. Er schien auch nicht gerade glücklich, sie hier zu sehen. Georgia war dafür unheimlich nervös und zwang sich mit allen Mitteln dazu, ihr Gesicht ganz neutral zu halten. Entspannt. Gesichtsmuskeln locker gelassen.
      "Ich würde zahlen, wenn ich du wäre. Er wird kein zweites Mal fragen."
    • Der Apothekar und Georgia hatten kein Zeichen ausgemacht, nach dem sie Bescheid wusste und zu ihm stoßen würde. Er ging einfach davon aus, dass dieser offensichtliche Wink mit dem Zaunpfahl genügen würde, um sie von ihrem Versteck ins Licht der Handylampe zu locken.
      Und tatsächlich kam sie wie aufs Stichwort mit lauten Schritten. Der Kerl leuchtete erschrocken in ihre Richtung, runzelte aber fragend die Stirn als er ihre Gestalt ausmachte. „Ich dachte, jetzt kommt jemand der mehr… nun ja… zu dir passt?“ Der fragende Unterton war unüberhörbar, aber der Apothekar ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
      Erst, als Georgia bei ihnen ankam und merkte, dass sich rein gar nichts tat, nahm sie Maske ab. Vielleicht einen Tucken zu früh für seinen Geschmack, aber bei diesem Trainingsdurchlauf war das gerade noch zu verschmerzen. Der Kerl leuchtete ihr auf die Brust, um das Gesicht besser zu erkennen und dann fiel ihm die Farbe aus dem Gesicht. "Scheiße, mann! Du hast die Irre engagiert?!“
      „Ich würde zahlen, wenn ich du wäre. Er wird kein zweites Mal fragen“, sagte Georgia mit einer Stimmlage, die fast das Zittern darin kaschierte. Fast.
      Der Apothekar legte den Kopf schief. „Lohnt sich doch immer für ein bisschen Backup zu sorgen, oder nicht?“
      Der Kerl trat einen Schritt zurück. Er sah fassungslos Georgia an, die aus der Ruhe des Apothekars ihre Kraft zog. „Du kannst doch Magie wirken. Wieso gibst du dich mit dem da ab? Der kann nichts!“
      „Ah, ah, aaaah“, machte der Apothekar und unterband einen weiteren Austausch der Freaks. „Wir machen hier jetzt keinen auf Moralapostel oder was auch immer. Ich will mein Geld, du willst dein Zeug. Du hast Georgia gesehen und weißt, wo sie ist. Glaubst du, du kommst hier so einfach wieder weg?“
      Eine Stille erfüllte die Halle, als beide Männer schwiegen und sich anstarrten. Wortlose Kommunikation lief da gerade zwischen ihnen ab, die Georgia nicht verstehen würde. Immer wieder sah der Kunde zwischen den Beiden hin und her. Nach einer Ewigkeit sackten seine Schultern nach unten und er griff resigniert in seine Tasche. Er holte noch mehr Scheine hervor und hielt sie dem Apothekar hin. „Ich hab aber nur 350 dabei. Ich brauch den Scheiß…“
      „Reicht für den Anfang“, sagte er Apothekar, tauschte Tütchen gegen Scheine und zählte sie nach. „Ich schätze es übrigens sehr, wenn du nicht rumrennst und verkündest, dass wir zwei Hübschen zusammenarbeiten. Das wär für deine Versorgung echt nicht gut.“
      „Klar, du Wichser…“, murmelte der Kerl, der offensichtlich nicht glücklich war, aber langsam und bedacht seinen Rückweg aus der Halle antrat und dabei immer darauf achtete, dass weder der Apothekar noch Georgia ihm folgten. Sie standen noch fast zwei Minuten einfach da, dann lachte der Apothekar kurz und kehlig auf.
      „Siehst du? Total easy!“ Er wedelte mit den Geldscheinen im Halbdunkel und kam zu Georgia hinüber. Er klopfte ihr auf die Schulter, vielleicht ein wenig zu grob, aber es hatte funktioniert. „Guck mal, du musstest nicht mal viel sagen! Hast du gesehen, was für Augen er gemacht hat?“
      Er lachte noch immer, während er zurück zum Gullideckel hüpfte. „Stillschweigen, pfft… Das Erste, was der Typ später macht, ist seine Kumpel da zu warnen, dass du bei mir bist. Keiner von denen kann die Klappe halten, aber das ist gar nicht mal so schlecht.“
      Gut gelaunt schob er den Deckel zur Seite und gestikulierte mit seiner Hand in das dunkle Loch.
      Ladies first, wie man so schön sagte.
    • Der Typ sah Georgia an, als wäre sie aus seinen schlimmsten Albträumen entsprungen und nicht etwa eine normale, 21-jährige Amerikanerin. So einen Blick hatte Georgia noch nie erleben müssen und sie befand, dass sie da eigentlich auch nichts verpasst hatte. Der Kerl war nicht viel älter als sie und so schmerzte es ein bisschen, dass er sie gerade so ansehen musste.
      „Du kannst doch Magie wirken. Wieso gibst du dich mit dem da ab? Der kann nichts!“
      Es war klar, dass er jetzt einfach versuchte, sich um Kopf und Kragen zu reden. Aber - er war ja auch Magier, nachdem er das Magipramin nahm. Bis vor kurzem hatte Georgia verleugnet, dass sie selbst eine war, und jetzt traf sie so leicht auf jemand anderen, der wie sie war. Vielleicht lag da ja auch etwas an seiner Aussage. Immerhin hatte er sicher mehr Erfahrung mit seiner Magie als Georgia mit ihrer.
      "Ah, ah, aaaah", unterbrach der Apothekar da ihre eigenen Gedanken. Sie warf ihm einen Blick zu.
      "Wir machen hier jetzt keinen auf Moralapostel oder was auch immer. Ich will mein Geld, du willst dein Zeug. Du hast Georgia gesehen und weißt, wo sie ist. Glaubst du, du kommst hier so einfach wieder weg?"
      Drohte er ihm jetzt? Das war doch nicht ausgemacht gewesen - oder? Aber wie sollte Georgia dazwischen funken, ihm etwa sagen "ist schon in Ordnung, geh einfach, aber erzähl es niemandem"?
      So rührte sie sich kein Bisschen, als die beiden Männer sich wortlos anstarrten. Es dauerte zu lange, um ein beidseitiges Abwarten zu sein; da lief gerade etwas zwischen ihnen ab, das vollständig an Georgia vorbeizog. Dabei versuchte sie es, sie sah vom einen zum anderen und versuchte zu erkennen, was hier gerade vonstatten ging.
      Dann schließlich knickte der Kerl ein. Er griff zu seiner Tasche und holte Geld hervor.
      „Ich hab aber nur 350 dabei. Ich brauch den Scheiß…“
      „Reicht für den Anfang.“
      So schnell war es dann auch schon erledigt. Die Scheine wechselten den Besitzer und der Apothekar zählte mit routinemäßigen Handgriffen nach.
      „Ich schätze es übrigens sehr, wenn du nicht rumrennst und verkündest, dass wir zwei Hübschen zusammenarbeiten. Das wär für deine Versorgung echt nicht gut.“
      „Klar, du Wichser…“
      Natürlich war er nicht gerade begeistert darüber, was gerade abgelaufen war; das konnte Georgia ihm nicht verübeln. Aber als er jetzt den Rücktritt antrat, fragte sie sich nicht zum ersten Mal, was geschehen würde, wenn einer dieser Magier seine Magie erwecken würde. Und wie der Apothekar sich davor schützen wollte.
      Eine ganze Weile lang standen sie noch unbewegt da während sie darauf warteten, ob der Kerl zurückkommen würde, dann lachte der Apothekar plötzlich auf. Georgia zuckte bei dem lauten Geräusch zusammen und starrte ihn an.
      „Siehst du? Total easy!“
      Da musste sie ihm aber irgendwie recht geben. Es war einfach gewesen. Und wie viel hatte er durch dieses Treffen jetzt verdient, 350 Dollar? Das war ordentlich.
      Er schlug ihr auf die Schulter und Georgia lächelte ein wenig.
      „Guck mal, du musstest nicht mal viel sagen! Hast du gesehen, was für Augen er gemacht hat?“
      Zusammen gingen sie zum Gulli zurück.
      „Stillschweigen, pfft… Das Erste, was der Typ später macht, ist seine Kumpel da zu warnen, dass du bei mir bist. Keiner von denen kann die Klappe halten, aber das ist gar nicht mal so schlecht.“
      "Das ist nicht schlecht?"
      Georgia verstand nur wenig von dem, was der Apothekar hier abzog, aber nachdem dieses Treffen wirklich so gelaufen war wie geplant, vertraute sie ihm dahingehend ein bisschen mehr.
      "Sollten wir uns keine Sorgen machen? Was, wenn einer beim nächsten Mal jemanden mitbringt?"
      Dass es überhaupt ein nächstes Mal geben könnte, das hatte Georgia in dem Moment nicht hinterfragt. So einfach wie es gelaufen war, war es eine gute Möglichkeit, dem Mann zurückzuzahlen, was sie ihm schuldete. Es war ja wirklich nichtmal schlimm gewesen.
      Etwas schneller kletterte sie in den Schacht hinunter, aber nicht, ohne dabei trotzdem das Gesicht zu verziehen. Sobald er auch unten war, haftete sie sich an seine Fersen.
      "Wieviel hast du jetzt gemacht, 350 bzw. 400 wenn er genug hätte? Und das von einem Deal, jedes Mal?"
      Zugegeben, ein bisschen beeindruckte sie das schon. So schnelles Geld und davon auch so viel. Und so einfach.
      "Wie viel kostet die Herstellung von diesen Pillen denn? Oder eher, wie viel Gewinn ziehst du von einem Deal? Und wie oft machst du solche Deals?"
      Sie wollte ihn nicht ausquetschen, um an seine Geheimnisse zu bekommen; Georgia war ehrlich interessiert. Sie hatte einfach noch nie am eigenen Leib erfahren, wie einfach sowas ging. Und dabei war die ganze Sache auch noch relativ sicher.
    • „Das ist nicht schlecht?“
      Natürlich stellte sie diese Frage. Das Mädel hatte immerhin keinen Schimmer davon, wie der Ruf und der Handel im Schwarzlicht ablief. „Klar ist das nicht schlecht. Das spricht sich rum und wer dann noch mit mir Handel betreiben will, der weiß, dass ich die kleine Terroristin aus den Nachrichten jetzt bei mir im Boot habe!“, verkündete er zufrieden.
      „Sollten wir uns keine Sorgen machen? Was, wenn einer beim nächsten Mal jemanden mitbringt?“, fragte sie, eigentlich berechtigt, weiter nach.
      „Sorgen musst du eigentlich bei jedem Deal haben, den du machst. Los jetzt, runter mit dir.“ Er wartete, bis sie vorging in das dunkle Loch, aus dem sie gekommen waren, und folgte ihr dann mit der Taschenlampe. Den Deckel zog er wieder an Position. „Hast du keine Sorgen, passt du nicht gut genug auf deinen Arsch auf. Es kann durchaus sein, dass einer Freunde mitbringt. Aber das geht nur, wenn mein Kunde demjenigen auch steckt, dass er Drogen bei mir kauft. Und was glaubst du, wie viele Freaks da ihren Freunden schon erzählen, dass sie bei mir Magipramin dealen?“
      Noch immer sehr zufrieden über den Deal spazierte er die rutschigen Wege am Abwasser entlang, Georgia direkt an seinen Fersen. „Wieviel hast du jetzt gemacht, 350 bzw 400 wenn er genug hätte?"
      "Yes, Girl.“
      „Und das von einem Deal, jedes Mal?“ Da hörte er, dass sie beeindruckt war und sein Ego fühlte sich direkt gestreichelt.
      „Nope, nicht jedes Mal. Gibt solche, die zahlen weniger und solche, die du gut ausnehmen kannst. Sonst nehm ich ja viel weniger, aber mit dir kann ich diese aberwitzigen Summen schon eher in Angriff nehmen. Richtig gut, wenn du mich fragst.“
      Georgia ließ einfach nicht locker. Einmal ein bisschen Blut geleckt und schon löcherte sie ihn mit immer mehr Fragen. Der Apothekar ließ sich das gefallen, sonnte sich sogar ein bisschen darin. So ein Interesse kannte er nicht. Sonst waren alle Leute, die irgendwie mit Drogenverkauf in Berührungen standen, immer so anti. Keine schätzte, was er da in seiner Bude mischte und wie viel Geld er damit machen konnte. Fast ohne Rückschläge, wohl gemerkt.
      „Du fällst garantiert vom Stuhl, wenn ich dir den EK-Wert nenn“, lachte er und der Lichtkegel wackelte passend dazu mit. „Um 50 Tabletten zu pressen muss ich Substanzen im Wert von etwa 50 Dollar einkaufen. Mal mehr, mal weniger, je nachdem wie gut die Kurse sind und wie rein das Zeug ist, was ich nehm. Kann auch schon mal auf 30 runtergehen, aber das mach ich nur im absoluten Notfall. Kundenstamm nicht verschrecken und so. Ein- bis dreimal die Woche geh ich los.“
      Wie gewünscht begegnete ihnen niemand auf ihrem Weg durch das verschlungene Abwassersystem. Er mochte Begegnungen gerade auf seinen Rückwegen eher weniger, weil immer die Gefahr bestand, dass man ihn doch anging und seinen Gewinn einstreichen wollte. Da es sich sonst um eher kleine Beträge handelte, war das Augenmerk auf ihm nicht sonderlich groß. Das könnte sich nun allerdings ändern.
      Gemeinsam kletterten sie aus ihrer Einstiegsstelle wieder heraus und begannen ihren Rückzug zu seiner Wohnung. Wie auch schon auf dem Weg weg wich der Apothekar den Kameras aus, wartete Streifenwagen ab und tanzte eher mit dem Schatten als mit dem Licht der Laternen. Georgia versuchte ihn dabei nachzuahmen und wirkte nicht mehr ganz so hoffnungslos wie zu Beginn. Der sehr erfolgreiche Abend mündete in einer sicheren Heimkehr zu seiner Wohnung, wo er sich FAST in alter Gewohnheit die Maske vom Gesicht gerissen hätte, es gerade so aber noch verhindern konnte.
      Flüchtigkeitsfehler, mein Guter…
      „So, dann erzähl doch mal: Wie fandest du deinen ersten Auftritt? Haste das Adrenalin gespürt? Hast dich mächtig gefühlt? Warte mal ab, wie’s ist, wenn du in der Szene richtig etabliert bist“, fragte er Georgia, während er nach dem Flyer des Burgerhauses fünf Straßen weiter griff und sie zu Georgia brachte, die wieder das Sofa in Beschlag genommen hatte. „Burger zur Feier des Abends?“
    • Georgia ließ sich die Zahlen durch den Kopf gehen, während sie durch die Finsternis der Kanalisation spazierten. 50 Dollar für etwa 50 Tabletten...
      "Wenn du also, sagen wir, dreimal die Woche dealst, brauchst du jede Woche 21 Tabletten. Das sind dann... puh..."
      Mathe war irgendwie gar nicht ihre Stärke. Was kaum überraschend war, denn immerhin hatte Georgia Polizistin werden wollen und keine Mathematikerin.
      "... Naja, sagen wir halt 25 $. Jetzt machst du im Schnitt vielleicht 350 $ Umsatz, also in der Woche... ähm... 300... 600... 900... 1.050 $. Oder? Also abgerundet 1.000 $. 1.000 $? In einer Woche?!"
      Ihre laute Stimme hallte durch die Kanalisation wieder und der Apothekar wies sie ruppig zur Ruhe. Daraufhin redete Georgia leiser weiter.
      "Du machst fast 4.000 im Monat?! Das ist doch... das ist abgefahren!"
      Und dabei wusste Georgia nicht, ob sie das im guten oder schlechten Sinn meinte. Denn abgefahren war es sicher, nachdem sie selbst nichtmal annähernd an so ein Gehalt heran gekommen wäre. Mit ihrer Ausbildung hätte sie Glück gehabt, wenn sie noch um die 2.000 $ im Monat verdient hätte. Und das beinhaltete, dass sie fünf Tage lang den ganzen Tag schuftete und nicht für insgesamt 3 Stunden in der Woche auf die Straße ging!
      Das war deutlich unfair und hätte ein Motivationsgrund werden können, weshalb sie bei der Polizei war. Aber das war sie nunmal nicht und würde es wohl auch nie werden. Und abgesehen davon hatte sie in den letzten Tagen am eigenen Leib erfahren, wie es war, überhaupt kein Geld zu besitzen. Da waren 4.000 $ im Monat ein großer Sprung.
      Sie verließen die Kanalisation und machten sich ungesehen auf den Rückweg. In der kleinen Wohnung angelangt - die noch etwas muffig roch - hätte der Apothekar beinahe seine Maske gelüftet, was Georgia natürlich nicht entgangen war. Mit etwas Enttäuschung sah sie dabei zu, wie er sie wieder anlegte.
      Seinen Namen hatte sie auch dieses Mal nicht gesehen. Aber mit dem zweiten Mal vor der Haustür hatte sie sich die Namen sämtlicher Anwohner wieder etwas besser eingeprägt.
      "So, dann erzähl doch mal: Wie fandest du deinen ersten Auftritt? Haste das Adrenalin gespürt? Hast dich mächtig gefühlt? Warte mal ab, wie’s ist, wenn du in der Szene richtig etabliert bist."
      Georgia schnaubte nur. Sich in der Szene etablieren, klar.
      "Ich habe mich gefühlt, als wäre ich Komplizin bei einem Verbrechen, von dem sicher ein Haufen Beamter gerne etwas wissen würden. Ich habe Adrenalin gespürt, aber kein gutes. Wie kannst du das nur allein aushalten? Du könntest jederzeit überfallen werden und wenn die Cops dich mal aufgreifen, ist es aus. Außerdem -"
      Ihre Augen wurden groß, als sie ihren Gedanken vom Lagerhaus wieder aufgriff.
      "Das sind doch alles Magier. Die nehmen zwar dein Magipramin, aber was, wenn sie ihre Magie einfach gegen dich einsetzen? Wie willst du dich denn vor sowas schützen?"
      Das ganze Thema beschäftigte Georgia vermutlich mehr, als es sollte. Aber es war eben eine völlig neue Erfahrung für sie gewesen und nach den vergangenen Tagen stürzte sie sich regelrecht auf ein Thema, von dem sie keine abgrundtiefe Angst bekam. Immerhin konnte sie ein bisschen illegales Dealen verkraften, wenn sie zuvor vom ganzen Land gejagt worden war. Und es immernoch wurde.
      "Burger zur Feier des Abends?"
      "Ja."
      Das war nun endlich etwas, wo sie uneingeschränkt gleicher Meinung sein konnten.

      Etwa eine halbe Stunde später saßen sie auf der kleinen Couch und hatten auf dem vollgemüllten Tisch Fastfood Papier und Pommes ausgebreitet. Georgia mampfte an ihrem Burger und stöhnte fast regelmäßig, wenn sie reinbiss. Solche einfachen Dinge waren ihr wirklich stark abhanden gekommen in den Tagen.
      Gedanklich war sie aber noch immer bei dem Deal und den damit verknüpften Folgen. Sie dachte auch noch immer an den vielen Profit, den der Apothekar theoretisch einziehen konnte, und ließ dann den Blick durch das Zimmer schweifen. Verpackungen auf dem Tisch und dem Boden rund herum, Unordnung auf der kleinen - und nicht gerade sauberen - Küchenzeile, stehen gelassener Müll, altes Material und undefinierte Haufen, die sich türmten. Trübe Fensterscheiben, vermutlich noch niemals gereinigt. Der gestrige Gestank hing noch etwas in der Luft und würde vielleicht auch mit ganz viel Lüften nicht wieder verschwinden.
      Sie sah den Apothekar an.
      "Wenn du so viel Geld machst, wieso wohnst du dann... hier?"
      Sie definierte zwar nicht, was in diesem hier drin steckte, aber der Mann konnte es sich vermutlich denken. Man musste nicht reich sein um zu wissen, wie ein Ghetto aussah.
      "Und kann ich auch etwas davon haben? Ich habe doch immerhin mitgewirkt, heute. Steht mir da nicht ein Anteil zu oder sowas?"
    • Der Apothekar wippte den Kopf ein wenig umher, während Georgia nachrechnete, wie hoch sein Verdienst im Monat dann ausfiel. Natürlich war die Rechnung maßlos überschätzt, aber das musste sie ja nicht wissen.
      1.000 $? In einer Woche?!“, kam sie schließlich auf die erste Summe und er musste sich ein Lachen verkneifen.
      „Hey, komm, das ist jetzt ein bisschen hoch gegriffen. Die Summe würde jetzt erst fallen. Erst mit dir, also chill ein bisschen“, versuchte er sie zu bremsen, aber sie rechnete eiskalt weiter mit Summen, die noch gar nicht verdient worden waren.
      „Du machst fast 4.000 im Moant?! Das ist doch… das ist abgefahren!“
      „Was denkst du, warum der Drogenhandel so verschrien ist? Du kannst Unmengen an Geld einfahren, wenn du's gut machst, aber meistens auf Kosten von Menschenleben. Deswegen achte ich wenigstens drauf, dass mein Zeug möglichst rein und frei von Streckzeug ist.“
      Das entsprach immerhin der Wahrheit. Andernfalls würde er nicht solch einen guten Ruf genießen und eine gewisse Kundschaft aufgebaut haben. Freaks, die krank wurden wegen dem Zeug, waren nicht nur unangenehm, sondern meistens tödlich.
      Auf seine Frage hin, wie sie sich fühle, antwortete Georgia genau wie er erwartet hatte: Komplizin bei einem Verbrechen. Gut, streng genommen war es ja auch eines, weil er verschreibungspflichtige Medikamente nachmachte und sie schwarz vertickte. Er zahlte dafür keine Steuern und die Pharmaindustrie ging leer aus. Eigentlich ein Win-Win, aber natürlich sah sie das anders.
      „Wie kannst du das nur allein aushalten? Du könntest jederzeit überfallen werden und wenn die Cops dich mal aufgreifen, ist es aus.“
      Der Apothekar verdrehte ungesehen die Augen im Kopf. „Das klingt ja fast so, als würdest du dir Sorgen um mich machen. Was du natüüürlich nicht tust, schon klar. Aber mal im Ernst.“ Er zuckte mit den Schultern. „Die Bullen hatten mich schon mal. Ich bin gelistet. Die kennen mich. Ich bin nur einfach zu klein, als dass die sich darum scheren, mich zu kriegen. Wer nur Kleinstmengen an Drogen vertickt, isses bei denen nicht wert.“
      „Außerdem sind das doch alles Magier.“
      „Und?“
      „Wie willst du dich denn vor sowas schützen?“, fragte sie verblüfft nach und ließ damit nicht locker.
      Statt einer umgehenden Antwort wedelte er mit dem Bestellheftchen des Burgerladens. Erst als sie es genommen hatte, gab er ihr eine Antwort. „Gar nicht, Georgia. Ich schütz mich gar nicht davor.“

      Eine halbe Stunde später saß der Apothekar auf dem Boden vor seinem Couchtisch, vor ihm sein bestellter Burger. Er saß Georgia praktisch gegenüber und beobachtete sie dabei, wie sie ihren Burger verschlang und dabei anstößig stöhnte. Mit Sicherheit klang DIESES eine Stöhnen dann auch nicht schlecht.
      „Wenn du so viel Geld machst, wieso wohnst du dann… hier?“
      „Ist doch logisch. Weil ich nicht so viel Geld mache“, antwortete er salopp und packte wenigstens seine Pommes schon mal aus. Die konnte er sich auch unter die Maske reinschieben. „Vergiss nicht, dass der Satz viel geringer vor dem Coup hier war. Da waren die Summen nicht so extraordinär. Und du kannst nicht ständig was verticken, irgendwann ist das Risiko zu groß, dass man dich dich abfängt. Ich geh nicht arbeiten, Missy. Wie sieht das denn aus, wenn ich ständig in einer teuren Wohnung sitzen und sie zumüllen würde, ohne gut auszusehen oder arbeiten zu gehen?“
      Er könnte bestimmt was aus seinem Äußeren machen, aber er scherte sich einfach nicht darum. Allein die Tatsache, nicht arbeiten gehen zu müssen, war schon sehr angenehm. Kein 9 to 5 Job, wo man was leisten musste und immer pünktlich zu sein hatte. Hier war er sein eigener Herr und konnte tun und lassen, was er wollte.
      „Und kann ich auch etwas davon haben?“
      „Vom Geld? Aaaah, war ja klar, da kommt direkt der Gierlappen durch.“
      „Ich habe doch immerhin mitgewirkt, heute. Steht mir da nicht ein Anteil zu oder sowas?“, beharrte sie und er sah sie einen Moment lang an.
      Ködern. Nicht vergessen, das kleine Ding musste noch ordentlich angefüttert werden, ehe sie wirklich von Nutzen war und tat, was er wollte.
      Also griff er unverwandt in seine Tasche, wo er das Geld sicher bei sich trug, und zählte die Hälfte ab. Die warf er ihr als Röllchen über den Tisch zu, sodass es in ihrem Schoß landete. „Stimmt. Wir sind ja jetzt ein Team, nicht?“
      Er grinste, aber das konnte sie schlecht sehen. Ihm war’s egal.