Wire Walker [Asuna & Codren]

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    • „Mal angenommen, wir kommen an deine 3,000 $, was machst du dann so ganz ohne Geld, wenn du mich ausgezahlt hast? Wie kommst du weiter im Leben, wenn du keine Finanzen mehr hast? Klar, meine Ausgaben sind dann wohl wieder drin, aber wie es weitergeht hast du dir nicht gedacht, hm?“
      Georgia stutzte beim Essen. So weit hatte sie wirklich nicht gedacht - sie hatte aber auch nicht damit gerechnet, dass er sich um solche Sachen kümmern würde. Wäre es nicht genug für ihn, eine Art Finderlohn für sie zu bekommen und diese ganze Sache damit abzublasen? Hatte er denn schließlich nicht auch ein gewisses Risiko, sie in seiner Nähe zu behalten? Immerhin war die Polizei hinter ihr her; wenn einmal herauskäme, dass er bei ihr war, würde er auch gesucht werden. War das nicht zu viel Aufmerksamkeit für diesen Dealer, der sein Magipramin verscherbelte? Wollte er nicht wieder schnell zurück zu seinem Tagesgeschäft?
      „So wie es klingt, hast du keinen Rückzugsort. Keine Familie, die dir Schutz bieten würde, sondern dich vielmehr noch ans Messer liefern würde? Ich hab dir jetzt einen Weg geöffnet, wie du aus der Stadt abhauen kannst. Nur ist dann fraglich, ob du nochmal jemanden findest, der dich unterstützt, denn seien wir mal ehrlich; du hast keinen Schimmer davon, wie es ist, unterzutauchen und allein zu agieren.“
      Georgia schrumpfte ein bisschen ein auf ihrem Hocker. Diese Gedanken brachten dasselbe Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung in ihr auf, das sie die letzten Tage auf ihrer Flucht verspürt und zu verdrängen versucht hatte. Der Apothekar sprach mit einer Endgültigkeit, als wäre schon längst entschieden worden, dass sie eine Kriminelle auf der Flucht war und jetzt nur noch sehen musste, wie sie sich vor der Polizei verstecken konnte. Aber das stimmte nicht! Georgia war keine Kriminelle; gab es denn niemanden dort draußen, der ihr das glauben mochte? Sah wirklich das ganze Land sie als Terroristin?
      Und wenn das so war, was sollte sie dann tun? Wie konnte sie zurück in ihr Leben kommen?
      Georgia rührte ohne zu antworten in ihrem Essen herum.
      „Wie kannst du dich also dann revanchieren? Arbeite es ab.”
      Da sah sie skeptisch auf. Die Maske starrte ausdruckslos zurück.
      “Arbeite für mich. Ich zeig dir, wie man untertaucht und sich eine Basis auf dem aufbaut, was man hat. Du musst dir nur deine Rechtschaffenheit abgewöhnen, die ist dann ein bisschen fehl am Platz.“
      Für dich arbeiten.
      Ihr Gehirn ließ Alarmglocken schrillen, die sie nicht so einfach ignorieren konnte. Arbeiten - für ihn? Was denn arbeiten? Doch nicht…?
      „Vielleicht willst du dann ja sogar mal das Magipramin ausprobieren. Falls du wieder dein Vieh da beschwörst und es nicht mehr wegkriegst. Wer weiß, aber bestimmt bekommst du dann die Kontrolle, die du dafür brauchst. Wär das nichts, nicht mehr ständig Sorge haben zu müssen, ob deine Bestie erscheint, was sie tut und wie du sie wieder loswirst? Es gibt für viele Fragen Antworten. Du musst nur in den dreckigen Ecken gucken, die du sonst meidest.“
      Georgia schnitt eine Grimasse. Ganz anscheinend meinte er genau das.
      Ich brauche meine Bestie nicht, dann muss ich sie auch nicht kontrollieren. Und ich bin keine… keine Kriminelle.
      Im Gegensatz zum Apothekar, der so leichtfertig darüber reden konnte, einfach “unterzutauchen”, brachte Georgia es gar nicht leichtfertig zustande, sich als Kriminelle zu sehen. Untertauchen! Aber sie war unschuldig! … Zumindest teilweise.
      Zu was soll ich die Kreatur denn kontrollieren? Dass sie keine Leute mehr auffrisst? Da kann ich sie doch auch gleich dort lassen, wo sie jetzt gerade ist. Es wird mir doch sicher auch kein zweites Mal passieren, dass ich sie ausversehen beschwöre.
    • Unter der Maske verzog der Apothekar das Gesicht. Man konnte in Georgias Gesicht lesen wie in einem offenen Buch und allem Anschein nach interpretierte sie in seine Wortwahl deutlich mehr hinein als er beabsichtigt hatte. Dass er damit nicht meinte, dass sie Anschaffen gehen sollte, würde er ihr wohl später noch mal nahelegen müssen.
      „Natürlich brauchst du deine Bestie nicht. Haste im Herzen der Bullerei auch nicht gebraucht und trotzdem is sie aufgetaucht. Wie blöd, wenn du irgendwo in einer Mall oder wo auch immer plötzlich Herzrasen kriegst und zack – da steht das Vieh wieder und mäht Frauen und Kinder einerlei um“, nahm er ihr direkt den Wind aus den Segeln und beschrieb dabei mit seiner Hand eine kreisende Bewegung. „Für mich bist du keine Kriminelle, nein. Aber für alle anderen da draußen schon. Alle anderen denken, du hast die Cops gezielt angegriffen, es war ein Attentat… Sogar deine Familie wird das glauben, wenn sie die Medien verfolgen. Medien sind ein tolles Instrument.“
      Wenn man die Massen bewegen wollte, mit Sicherheit. Aber die Medien so zu lenken, wie man es brauchte, war eine Kunst für sich und die beherrschte der Apothekar nicht. Bislang war er nur der kleine Fisch gewesen mit einer kleinen Spezialität, aber wenn er dieses misslungene Mädel ihm gegenüber zu seinem Werkzeug machen konnte, dann…
      „Dass sie keine Leute mehr frisst wäre doch schon mal ein Anfang, oder nicht?“ Er lachte leise, selbst amüsiert über den Fakt, den er da gerade aussprach. „Du sagstest, es war ein Unfall, ja? Du kannst das Ding nicht kontrollieren. Also weißt du auch nicht, wie du es beschworen hast, weil du ja nicht mal weißt, wie du sie wieder loswirst. Du hast absolut gar keine Ahnung, wie deine komische Magie da funktioniert. Und solange das so ist, bleibst du ein unberechenbares Konstrukt für die ganze Gesellschaft.“
      Nein, ihn interessierte die Gesellschaft nicht. Erst recht nicht diese Zauberer, die wider die Natur geboren wurden und nun hatte er so eine sich gegenübersitzen. Und die konnte noch nicht mal ihre Abnormalität wirklich kontrollieren. Nachdenklich zog er seine Arme vor seine Brust und verschränkte sie dort, während er Georgia weiterhin musterte, wie sie ebenso lieblos in ihrem Eintopf rührte.
      „Vielleicht mal von vorn. Ich bin ein Kleinkrimineller, der Drogen vertickt. Nicht nur mein Magipraminsubstitut, sondern allen anderen Scheiß. Ich halte die Jungs und Mädels mit Stoff versorgt, den sie sonst nicht in die Finger kriegen. Damit machste gutes Geld, aber da geht theoretisch noch mehr. Nur wie du siehst“, er breitete nun doch wieder die Arme aus und präsentierte seine schmächtige Erscheinung in dem viel zu weiten Hemd, „bin ich weder besonders kräftig noch magisch ausgestattet. Die dicken Fische fressen mich mit einem Haps. Aber das wird sich ändern, wenn du für mich arbeitest. Ich will erstmal deine Person. Dein Erscheinen, dein Name und dank der Medien reagieren erstmal alle mit gesundem Respekt auf dich. Weißt du, was das allein für ein Druckmittel sein kann? Was ich damit anstellen kann?“
      Er ließ die Arme sinken. Sie baumelten kraftlos an seinen Seiten herab während er sich sonst kaum über bewegte. Aber seine Gedanken standen nicht still. Sie rasten, angestachelt durch das Heroin, das noch immer durch seine Blutbahnen kreiste, und bildeten die wahnwitzigsten Vorstellungen aus. Er konnte Erpressungen erwirken. Er konnte Raubzüge planen. Er konnte so vieles, und wenn das Mädel erst einmal in der Lage war, die Bestie zu zügeln, dann hatte er alles, was er sich nur vorstellen konnte.
      „Wer sich solange im Schatten bewegt wie ich, der wird selbst mit einem Namen wie deinem nicht gefunden. Ich kann dir garantieren, dass man uns nicht so schnell ausräuchert. Dafür bin ich zu schlau“, grinste er und tippte sich mit seinem Zeigefinger gegen die Schläfe.
    • „Natürlich brauchst du deine Bestie nicht. Haste im Herzen der Bullerei auch nicht gebraucht und trotzdem is sie aufgetaucht. Wie blöd, wenn du irgendwo in einer Mall oder wo auch immer plötzlich Herzrasen kriegst und zack –”
      Georgia zuckte schuldbewusst zusammen. Sie konnte den Gedanken schon beenden, bevor der Apothekar es aussprach.
      “Da steht das Vieh wieder und mäht Frauen und Kinder einerlei um.“
      Georgia öffnete den Mund um zu widersprechen, aber heraus kam nichts. Was hatte sie schon für Argumente; dass es nie wieder geschehen würde? Dass sie einfach nicht in eine Mall gehen würde? Das waren schlappe Argumente, das war auch ihr bewusst. Leider hatte der Mann vollkommen recht mit dem, was er sagte.
      „Dass sie keine Leute mehr frisst wäre doch schon mal ein Anfang, oder nicht?“
      Dabei lachte er, als wäre das alles nur irgendein blöder Scherz. Georgia verzog das Gesicht.
      „Du sagstest, es war ein Unfall, ja? Du kannst das Ding nicht kontrollieren. Also weißt du auch nicht, wie du es beschworen hast, weil du ja nicht mal weißt, wie du sie wieder loswirst. Du hast absolut gar keine Ahnung, wie deine komische Magie da funktioniert. Und solange das so ist, bleibst du ein unberechenbares Konstrukt für die ganze Gesellschaft.“
      Ich - ich weiß, wie ich sie beschwören kann”, gab sie in einem Anfall von Sturheit zurück, wenn schon, um ihn zumindest nicht in Sicherheit wähnen zu lassen. Sie wusste es wirklich - zumindest konnte sie sich an das Gefühl erinnern.
      Aber natürlich war das nicht der Kernpunkt seiner Aussage. Egal, was Georgia nun zu wissen glaubte oder nicht, die Gesellschaft hatte durch ihre Aktion ein eindeutiges Bild von ihr, das sich nicht so schnell wieder abschalten ließ. Für sie war sie eine Terroristin und durch ihre fehlende Kontrolle machte sie das in jedem Fall zu einer Gefahr für die Gesellschaft. Da wäre es doch gleich besser, wenigstens eine dieser Tatsachen auszumerzen.
      Vor ihr breitete der Apothekar seine Arme aus. Georgia sah ihn von unten herauf an, seine schmächtige Gestalt, seine dünne Statur, sein unauffälliges Aussehen. Er war wahrlich nicht das, was man sich unter einem Hochkriminellen vorstellte, zumindest nicht die Art, die sich Schießereien mit der Polizei liefern und ganze Banden unter sich verwalteten. Der Apothekar sah eigentlich genau nach dem aus, was Georgia von ihm kennengelernt hatte: Ein Dealer im Untergrund, der sich verlassene Hallen aussuchte, um sein Zeug zu vertickern. Er war niemand, der der Polizei sonderliche Schwierigkeiten bereitete.
      “Aber das wird sich ändern, wenn du für mich arbeitest.”
      Und da war es wieder, das mulmige Gefühl, die Alarmglocken. Georgia sollte ihm wirklich helfen.
      “Ich will erstmal deine Person. Dein Erscheinen, dein Name und dank der Medien reagieren erstmal alle mit gesundem Respekt auf dich. Weißt du, was das allein für ein Druckmittel sein kann? Was ich damit anstellen kann?“
      Du meinst - du sagst, ich soll eine Terroristin spielen, für die mich alle halten? Damit du… das nutzen kannst?
      Mit jeder verstreichenden Sekunde gefiel das Georgia noch weniger. Sie wollte keinen Part in den Intrigen des Apothekars, noch wollte sie ihr Image irgendwie noch bekräftigen. Sie wollte zurück in ihr altes Leben und zu ihren alten Freunden.
      Von denen ein Haufen nun tot war.
      „Wer sich solange im Schatten bewegt wie ich, der wird selbst mit einem Namen wie deinem nicht gefunden. Ich kann dir garantieren, dass man uns nicht so schnell ausräuchert. Dafür bin ich zu schlau.”
      Georgia verzog das Gesicht erneut. Was dem Mann an Masse fehlte, streckte wohl alles in seinem Ego drin.
      Ich werde niemanden umbringen, nur damit das klar ist. Und ich werde auch nicht… ich werde bei keinen zwielichtigen Geschäften teilhaben. Du kannst meinen Namen benutzen, aber… ich will so wenig damit am Hut haben wie nur möglich.
    • „Du meinst – du sagst, ich soll eine Terroristin spielen, für die mich alle halten? Damit du… das nutzen kannst?“
      „Ja? So schwer zu begreifen?“, setzte der Apothekar nach. „Wir zwei wissen ja, dass du keine bist. Aber alle anderen nicht.“
      Im Endeffekt würde er Georgia die verbotene Frucht füttern, um anschließend Herr über sie zu werden. Ganz kleine Schritte würde er dafür tun müssen und falls sich herausstellen sollte, dass sie ihr seltsames Vieh doch nie unter Kontrolle bringen konnte, dann würde er sie fallen lassen. Oder an den Höchstbietenden ausliefern – das war ihm einerlei.
      Über den Tisch hinweg sah er Zweifel in ihrem Gesicht wachsen. Zweifel und Skepsis, gesunde Emotionen, wenn man bedachte, mit wem sie da eigentlich sprach. Sie kannte ihn oder seine Welt nicht und konnte nicht ahnen, in welche Tiefen er sie hinab zog. Um ihre Fesseln lagen bereits die Stricke, vertäut mit Betonsteinen. Er musste nur den richtigen Zeitpunkt abwarten, um die Steine abzuwerfen.
      „Ich werde niemanden umbringen, nur damit das klar ist.“
      „Sicher. Hat auch keiner was von gesagt.“
      „Und ich werde auch nicht...“
      „Nein, du musst nichts einwerfen. War nur n Tipp.“
      „Ich werde bei keinen zwielichtigen Geschäften teilhaben. Du kannst meinen Namen benutzen, aber… ich will so wenig damit am Hut haben wie nur möglich.“
      Er rümpfte die Nase. Das war ja leichter als gedacht. Keine 24 Stunden und sie hatte den Köder geschluckt. „Ich bin ehrlich mit dir. Sieht hier irgendetwas von NICHT zwielichtig aus? Nein? Gut, denn nichts hiervon ist es nicht. Ich bin ein Dealer, ich steh in Kontakt mit shady people und zieh Profit aus der Abhängigkeit anderer. Deine Arbeit für mich ist zwielichtig. Ich sag’s dir nur.“
      Das leise Surren eines Handys ertönte. Beiläufig fischte der Apothekar sein Handy aus der Hosentasche und warf einen Blick drauf. Mit seinem Daumen wischte er über da Display, las etwas und schrieb dann eine kurze Nachricht ehe er das Gerät wieder verschwinden ließ.
      „Du wirst bei dem Scheiß dabei sein müssen. Ohne deine Anwesenheit geht es nicht und dann nur dastehen und atmen ist auch nicht. Deswegen bezahlst du damit. Weil es Arbeit involviert, klar? Und jetzt mach die Suppe da leer, damit wir dich wieder ins Bett verfrachten können. Oder soll ich dir doch noch bei ner Dusche helfen?“
      Die Maske kippte zur Seite, als er den Kopf schräg legte. Er wusste schon, dass sie vehement ablehnen würde, aber ihren Gesichtsausdruck dabei wollte er sich nicht nehmen lassen. Die Kleine stellte sich schlimmer an als gedacht, vermutlich hatte sie noch nicht mal Erfahrungen gemacht. Oder ihre ach so große Liebe gefunden.
      Liebe.
      Pfft.
      Ein lächerliches Konstrukt, das nur Zerstörung und Verzweiflung barg.
    • Jetzt, da es einmal klargestellt war, dass der Apothekar illegale Geschäfte tätigte, ließ es sich irgendwie leichter über die Sache nachdenken. Georgia würde ihm helfen und das gefiel ihr sicher gar nicht, aber es war ein erster Schritt zurück in die Welt hinaus und von dort… irgendwie könnte sie es wohl wieder zurück schaffen. Irgendwie könnte sie die Behörden von sich überzeugen.
      Sehr vielversprechend hörte sich das ganze zwar nicht an, aber es war besser als Georgias nicht-existenter Plan.
      Das mit dem Aktiv Sein gefiel ihr dabei weniger, aber sicher würde es nicht so schlimm werden. Sicher würde sie nur… keine Ahnung. Mit ein paar Leuten reden. Ihre Bestie auftauchen lassen. Das würde doch nicht allzu schlimm sein.
      Georgia löffelte weiter ihren Teller, nachdem sie dem Apothekar einen gar garstigen Blick für seinen Vorschlag geschenkt hatte, brachte aber nicht alles davon runter. Ihrem Magen ging es noch nicht sehr gut und zu dem Fieber hatte sich jetzt auch die nervöse Anspannung ihrer kommenden Zusammenarbeit gestellt. Georgia wusste einfach noch nicht, was sie davon halten sollte.
      Besser als tot oder im Gefängnis.
      Das war zumindest genug Optimismus, um sich durch das Essen zu quälen und sich dann zurück ins Zimmer tragen zu lassen. Der Apothekar beschwerte sich diesmal nicht und auch Georgia bereitete ihm keine Schwierigkeiten.

      Den Rest des schwindenden Tages verschlief sie und auch der nächste Tag war geprägt von Schlafen, Trinken und in den wenigen Wachstunden die Decke oder das Fenster anstarren. Langsam aber stetig ging das Fieber zurück und am Tag darauf war Georgia schon genug anwesend, um dem Apothekar dabei zuzusehen, wie er ihren Verband öffnete, um die Wunde zu betrachten. Kaum entpuppte sich aber die erste gerötete Haut, sah Georgia gleich wieder weg. Trotz allem konnte sie den Anblick immer noch nicht ertragen. Es erinnerte sie zu sehr an… alles, eigentlich.
      Der Arm war immer noch der schlimmste Teil, selbst am dritten Tag. Er pochte unaufhörlich und wenn Georgia beim Schlafen auch nur ausversehen zu viel Druck ausübte, riss er sie mit gleißendem Schmerz gleich aus dem Schlaf. Es war schrecklich. Sie dachte, es könne nie wieder besser werden.
      Am vierten Tag konnte sie herum wandern und schlief auf der Couch im Wohnzimmer, weil ihr mittlerweile selbst der Geruch ihres Bettes auffiel. Außerdem genoss sie den Tapetenwechsel.
      Am fünften Tag war sie schon fast wieder die alte. Und damit konnte sie sich nicht mehr herausreden; sie würde dem Apothekar bald helfen müssen, auf die eine oder andere Weise. Sie konnte nicht behaupten, dass sie sich darauf freuen würde.
    • Entweder hatte Georgia unheimliches Glück gehabt oder der Apothekar war doch enorm talentiert. Nach anfänglich Startschwierigkeiten verbesserte sich ihr Zustand täglich. Schon am nächsten Tag kontrollierte er ihren Arm unter doch recht wachsamen Augen. Was sich unter dem Verband entpuppte, war eine noch immer klaffende Wunde mit Rötungen und Schwielen. Er hatte ihr nahegelegt, die Wunde nähen zu lassen und nach mehreren Wortgefechten stimmte sie schließlich zu. Ihr Arm war noch dermaßen empfindlich, dass allein die Berührung seiner Finger sich nicht sonderlich von den Stichen der feinen Nadel unterschied, mit der er nicht sonderlich hübsch, aber effektiv die Wunde schloss. Er blendete ihre Schmerzensschreie einfach aus so gut es ging und hatte sie dem Akt eh erst genähert, nachdem er sich einen weiteren Schuss gesetzt hatte. Anders hätte er wohl die Ruhe nicht in den Fingern gehabt.

      Nach vier weiteren Tagen hatte sich Georgia soweit wieder gefangen, wie ihr möglich war. In der Zeit hatte der Apothekar gelernt, dass sie die Bestie nicht aus Zufall rief oder sich in ihr irgendetwas ansammelte, das freigelassen werden musste. Er hatte gelernt, dass sie hörig sein konnte, wenn er die richtigen Umschreibungen nutzte und dass ihr schlechtes Gewissen eine sehr große Macht über sie ausübte.
      An diesem Tag war es dann soweit, dass sie ihr kaum vorhandenes Zeug zusammenpackten und sich bereit machten, die abgeschiedene Hütte zu verlassen. Er hatte mit T. J. einen Deal abgeschlossen, weshalb er nicht für die Zeit mit Geld blechen, sondern ihn mit anderen Gefälligkeiten entlohnen würde, die ihm wesentlich eher in die Karten spielten. Dass sich der Apothekar damit später ein eigenes Strick gedreht hatte, ahnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
      „Also, ich will was ausprobieren. Ich will sehen, wie viel Eindruck du auf deinesgleichen schinden kannst“, sagte er, nachdem er auf sein Handy geschaut und eine Anfrage einer seiner Kunden checkte. Eine übliche Lieferung Magipramins, für das sie allerdings erst einmal bei ihm Zuhause aufschlagen mussten. „Wir ziehen morgen einen Deal ab und ich will, dass er mir das doppelte von dem Preis sonst zahlt. Dafür sorgst du.“
      Die Tasche, in der das ganze medizinische Zeug gekommen war, missbrauchte er nun als neue Reisetasche, in der er unter anderem seinen Mantel verstaute, den Georgia getragen hatte. Er sah zu, dass sie brav wieder ihre Maske aufsetzte und auch die weiten Kleider anbehielt, durch die man schlechter auf ihre Physionomie schließen konnte. Schwerfällig warf er sich die viel zu schwere Tasche über die Schulter und schlenderte im Dunkel des frühen Abends nach draußen, wo sie gleich von einem Transporter abgeholt werden würden. Ein Taxi konnte er mit Georgia nicht nehmen.
      „Geht’s?“, fragte er über die Schulter zurück, als Georgia ihm über die Türschwelle folgte.
      „Wir steigen weit genug von meiner Wohnung aus und laufen den Rest. Bisschen durch Gassen und so einen Scheiß. Normalerweise geh ich nicht mit der Maske nach Hause, aber geht eben nicht anders.“ Immerhin wusste er ganz genau, wo Kameras waren und wo nicht. Wie er sein Gesicht ausrichten musste, damit keine Aufzeichnung ihn fälschlicherweise doch aufnahm. Es war ein bisschen riskant, aber damit kannte er sich ja aus. Immer noch besser, als dass das Mädel noch wusste, wie er aussah und ihn beschreiben konnte.
      „Ich kümmer mich um’s Abpacken der Waren und du überlegst dir was Schönes, wie wir meinen Kunden ein bisschen unter Druck setzen können. Wenn’s geht ohne dein Vieh. Noch wissen wir nicht, wie wir es wieder loswerden und Schusswaffen führ ich eigentlich nicht mit mir.“
    • „Also, ich will was ausprobieren.”
      Georgia sah von ihrer Tasche auf. Es war ein alter, zerfledderter Rucksack, in den sie ein paar der Klamotten gepackt hatte. Das war jetzt alles, was sie besaß: Männerunterhosen, Holzfällerhemden und zu große Jeans. Kein Handy, kein Portemonnaie, keine Kopfhörer. Keine Polizeimarke, keine Waffe, keinen Ausweis. Nichtmal Hygieneartikel; das war ein Problem, das sie noch gar nicht bedacht hatte.
      Solche Sachen geisterten ihr momentan noch im Kopf herum und nicht, was der Apothekar wohl ausprobieren wollte.
      “Ich will sehen, wie viel Eindruck du auf deinesgleichen schinden kannst.”
      Deinesgleichen. Georgia verzog gleich das Gesicht. Sowas sagte er doch absichtlich.
      „Wir ziehen morgen einen Deal ab und ich will, dass er mir das doppelte von dem Preis sonst zahlt. Dafür sorgst du.“
      Ich sorge dafür?
      Das hörte sich ja wohl nach einem schlechten Scherz an. Wie sollte Georgia denn bitte dafür sorgen, dass der Kerl den doppelten Preis zahlte? Wie stellte der Apothekar sich das vor - doch nicht etwa, indem sie ihre Bestie rief, oder? Er müsste doch selbst wissen, dass das für alle Beteiligten nicht gut ausgehen würde.
      Leider - oder vielleicht auch zum Glück - ließ er sie darüber aber im Unklaren und ging schon nach draußen, eine Sporttasche geschultert. Von einem Stich Sorge ergriffen, dass der Mann irgendetwas zwielichtiges anstellen könnte, wenn Georgia nicht dabei war, beeilte sie sich, ihm zu folgen. Dabei setzte sie wieder die dunkle Maske auf.
      “Geht’s?“
      Schon. Wenn wir nicht so weit laufen müssen.
      „Wir steigen weit genug von meiner Wohnung aus und laufen den Rest. Bisschen durch Gassen und so einen Scheiß.”
      Durch die Stadt? Mit den Masken?
      “Normalerweise geh ich nicht mit der Maske nach Hause, aber geht eben nicht anders.“
      Darauf wusste Georgia nun nichts zu erwidern. Es hätte sie nur daran erinnert, wie viel der Mann eh schon für sie tat und welches Risiko er für sie einging.
      Gemeinsam wanderten sie zur Straße nach vorne. Georgia war jetzt so sehr mit der neuen Information beschäftigt, dass sie sich die Frage nicht zurückhalten konnte.
      Wie sieht das dann morgen aus? Der… Deal.
      „Ich kümmer mich um’s Abpacken der Waren und du überlegst dir was Schönes, wie wir meinen Kunden ein bisschen unter Druck setzen können. Wenn’s geht ohne dein Vieh. Noch wissen wir nicht, wie wir es wieder loswerden und Schusswaffen führ ich eigentlich nicht mit mir.“
      Was schönes sollte sie sich überlegen. Was war denn was schönes? Und wie sollte was schönes dazu führen, einen Kerl dazu zu überreden, den doppelten Preis zu zahlen? In einem solchen Metier?
      Georgia musste darum kämpfen, nicht wieder in alte Gewohnheiten zu verfallen.
      Ich hab sowas noch nicht gemacht, weißt du? In der Schule. Ich habe die Grundausbildung fast abgeschlossen und bin manchmal mit Streife gefahren, aber ich war noch nicht wirklich… involviert.
      Lieber, diese Tatsache war früher raus als später, wenn es schon zu spät war. Georgia wollte die Erwartungen an sich selbst nicht allzu hoch halten.
      Sie warteten jetzt am Straßenrand, aber verdeckt vom Gestrüpp. Der Apothekar schien ein übervorsichtiger Mann zu sein.
      Wenn die Bestie nicht dabei ist, wie soll ich denn sonst überzeugen?
    • Ein bisschen kriminell sahen sie Beide so auf jeden Fall aus. Maskiert, verkleidet und halb im Gestrüpp versteckt. Im Dunkel der Dämmerung sah man sie nicht sonderlich gut, aber der Gedanke daran, was Passanten über sie wohl denken mochten, amüsierte den Apotheker sehr.
      „Hm… Hab mir fast sowas schon gedacht. Du bist noch echt jung. Dich dann direkt an die dicken Jungs ranzulassen wäre wohl dumm. Wie hast du das überhaupt hingekriegt, da genommen zu werden? Hast dich in der menschlichen Abteilung beworben, ne?“
      Musste so sein. Andernfalls hätte sie ihre Fähigkeiten klassifizieren müssen und dann wäre die Überraschung wohl auch nicht so groß gewesen, als sich die Bestie plötzlich gebildet hatte. Die Erklärung, wie sie durch das Raster gefallen war, ließ ihn jedoch immer noch mit den Augen rollen.
      Ganz entfernt tauchten Scheinwerfer auf. Nur ein einziges Paar, um diese Uhrzeit und dieser Orts verirrte man sich eher selten. Das konnte also schon ihr persönliches Taxi sein.
      „Wenn die Bestie nicht dabei ist, wie soll ich denn sonst überzeugen?“
      Er drehte sich halb zu Georgia um. „Du, wir werden nicht die richtig harten Kerle als deinen Feuertest nehmen. Das wird schon, glaub mir. Du musst einfach nur selbstsicher auftreten. So wie du es anfangs auch bei mir versucht hast. Nur mit weniger… Angst, weißt du?“
      Das Auto kam näher und wurde langsamer. Dieses Mal war es kein Pickup und kein Transporter, wie Handwerker ihn benutzten. Dieses Mal war es eine… elegante schwarze Limousine. Auch ohne ein Zeichen fuhr der Wagen rechts ran und schaltete das Warnblinklicht ein. Der Apothekar spähte durch seine Maske hindurch und stutzte. Wieso kam ER denn selbst raus?
      Die Fahrertür schwang im gleichen Zeitpunkt auf, wie der Apothekar aus dem Gestrüpp trat. Der Mann war groß, schwarz wie die Nacht und hatte keine Haare auf dem Kopf. Er zündete sich gerade etwas an, was verdächtig nach einem Zigarillo aussah und lehnte sich einfach an seinen Wagen. Der Apothekar bedeutete Georgia, ihm zu folgen, und näherte sich dem Wagen an. Er kam von hinten rum um den Wagen, um nicht von den Scheinwerfern geblendet zu werden. Mit einem lauten Plump ließ er die Tasche fallen und der Mann drehte ihnen den Kopf zu.
      „DAS ist deine Ware?“, fragte der Mann und stieß eine fette Wolke Rauch aus seinen Nasenlöchern aus. Er musterte Georgia, die sich halb versetzt hinter dem Apothekar aufgestellt hatte.
      „Mhm. Hat dich wohl nicht lockergelassen, wenn du selbst rauskommst. Keine wichtigen Deals gerade am Laufen?“ Der Apothekar klang wieder so lapidar wie immer, wenn da nicht dieses subtile Fünkchen Anspannung mitschwingen würde.
      „Was? Darf ich nicht mal selbst ein bisschen fahren oder was? Komm schon, Junge, stell mich doch wenigstens vor. Die Kleine darf sicher nicht zu Fremden ins Auto steigen.“ Er grinste, wobei sich seine Haut an den Wangen in Falten legte und sich seltsam verzog, um damit alte Narben anzudeuten.
      Der Apothekar seufzte und machte dann einen Schritt zu Seite. „Das ist T. J.. Ich sag jetzt nicht seinen vollen Namen, den mag er nicht.“ Er schielte durch seine Maske zu T. J.. Der Kerl war deswegen ausgerückt, weil der Apothekar nie Menschen als Ware vertickte. Das hier war ein Sonderfall, mitgeteilt von dem ach so diskreten Fahrer von vor einer Woche. T. J. war zu schlau, als dass er nicht längst eine Ahnung hatte, wer das Mädel hier an seiner Seite war. Jedenfalls war der Blick, den der Schwarze zu Georgias Haare gleiten ließ, eindeutig. „Und das ist Georgia. Ich schwör drauf, dass du nicht die Bullen verständigst.“
      „Ach, wer bin ich denn!“ Jetzt lachte T. J. sogar, tief und brummig. Er hielt die Hand mit dem Zigarillo fort, während er Georgia seine Hand hinstreckte. „Du bist also die kleine Terroristin, die die ganze Stadt auf Trap hält. Wie ist denn ausgerechnet unser kleiner Pflanzendoktor an dich geraten, hm?“
      Möglichst lässig stellte der Apothekar ein Bein aus. Allerdings war er alles andere als entspannt. Das hier war die erste Feuerprobe, schneller als erwartet. Jetzt konnte Georgia schon mal beweisen, dass sie das Spiel zumindest ein bisschen verstand und zu gebrauchen war.
    • Unnötigerweise wich Georgia dem Blick des Apothekars aus, auch wenn sie gegenseitig ihre Augen unter den Masken nicht erkennen konnten. Natürlich hatte sie sich in der magielosen Abteilung beworben, schließlich hatten ihre Eltern dafür gesorgt, dass ihre Magie geheim blieb. Ihr Ausweis war ganz normal und hatte keinen roten Marker drauf, wie ihn alle Magier trugen. Ihre behördliche Akte wies keine magischen Spuren auf, wie sie sich selbst vergewissert hatte. Für die Öffentlichkeit war Georgia ein ganz normaler Mensch.
      Was sich natürlich nach dem Vorfall ändern würde.
      Mh-hm.”
      In der Ferne tauchte ein Scheinwerferpaar auf, dem sie beide entgegen blickten. Georgia rechnete fest mit dem Transporter, der sie bereits hergebracht hatte.
      “Du musst einfach nur selbstsicher auftreten. So wie du es anfangs auch bei mir versucht hast. Nur mit weniger… Angst, weißt du?“
      Selbstsicher, ohne Angst? Das hätte Georgia an sich hinkriegen können; ja, in der Ausbildung war sie stets selbstsicher gewesen, unerschrocken gegenüber der Übungen und Prüfungen, selbstbewusst gegenüber neuen Herausforderungen. Sie war keine Einserschülerin gewesen, sicher nicht, aber sie hatte Ambition gehabt und das hatte ihr Mut gebracht. Aber jetzt? Wie sollte sie denn hier selbstsicher sein, wo das ganze Land hinter ihr her war? Wo sie keinen Unterschlupf hatte, keine Freunde mehr, keine Leute, denen sie vertrauen konnte? Wo ihr für den Moment nur der Apothekar blieb?
      Wie sollte sie denn da keine Angst haben?
      Georgia presste die Lippen aufeinander, als das Auto näher kam. Sie wusste nicht, ob sie das konnte. Zum ersten Mal in ihrem Leben scheute sie wohl vor einer Herausforderung.
      Das Auto war kein Pickup und auch kein anderes Auto, mit dem sie gerechnet hatte. Es war eine Limousine, wirklich eine ganze Limousine, die an den Straßenrand fuhr und stehen blieb. Die Scheiben waren verdunkelt, sodass man nicht ins Innere sehen konnte, und der Fahrer stieg aus, gerade als der Apothekar sich in Bewegung setzte.
      Georgia folgte ihm bedächtig, ein ungutes Gefühl im Magen. War es nun besser, in einen fremden Transporter oder eine fremde Limousine zu steigen? In diesem Metier? Leider hatte sie darauf keine Antwort.
      „DAS ist deine Ware?“, kam es von dem Kerl, der ihnen kaum genug Interesse entgegen brachte, um sich ihnen ganz zuzuwenden. Georgia fühlte sich gleich wie irgendein Objekt, das herum gereicht wurde.
      „Mhm. Hat dich wohl nicht lockergelassen, wenn du selbst rauskommst. Keine wichtigen Deals gerade am Laufen?“
      Georgia hatte keine Ahnung, um wen es sich bei diesem Typ handelte, aber es gefiel ihr gar nicht, dass er anscheinend von der neugierigen Sorte war. Und wenn er nun plaudern würde?
      „Was? Darf ich nicht mal selbst ein bisschen fahren oder was? Komm schon, Junge, stell mich doch wenigstens vor. Die Kleine darf sicher nicht zu Fremden ins Auto steigen.“
      Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, bei dem es Georgia kalt den Rücken herunter lief. Es war hässlich; der Mann war hässlich, befand sie in dem Augenblick, in dem sich seine Augen fast unwiederbringlich auf sie legten. Seine Hässlichkeit kam aber nicht von außen.
      „Das ist T. J.. Ich sag jetzt nicht seinen vollen Namen, den mag er nicht.“
      T. J. - ja, daran erinnerte sie sich. Das war der Typ, den der Apothekar angefunkt und der ihnen den Transporter geschickt hatte. Der vielleicht auch von dem Farmhaus wusste. Der vielleicht auch von Georgia wusste.
      Der ganz sicher irgendeinen Dreck am Stecken hatte.
      “Und das ist Georgia. Ich schwör drauf, dass du nicht die Bullen verständigst.“
      „Ach, wer bin ich denn!“
      Er lachte und Georgia fand, dass aus seiner Stimme all die falsche Freundlichkeit heraus troff, die er hier zu verkaufen versuchte. War T. J. einer von den großen Fischen, die der Apothekar erwähnt hatte? Oder war er auf der selben Stufe mit ihm? Konnte er das mit einer Limousine überhaupt sein?
      Jetzt streckte er seine Hand nach ihr aus. Georgia beäugte sie unter der Maske misstrauisch.
      „Du bist also die kleine Terroristin, die die ganze Stadt auf Trap hält. Wie ist denn ausgerechnet unser kleiner Pflanzendoktor an dich geraten, hm?“
      Pflanzendoktor? Wie absurd. Allerdings dachte sie im Moment lieber darüber nach, wie sie antworten sollte. Wie sie nicht antworten durfte.
      Langsam streckte sie ihm die Hand entgegen. Sein Griff war fest und Georgia gab sich alle Mühe, ihn zu imitieren. Sie baute darauf, dass der Apothekar schon irgendwie zu ihr halten würde.
      Alte Bekanntschaft. Ich hab ihn verständigt.
      Sie zog die Hand zurück, kaum als er ein bisschen locker ließ. Zum ersten Mal konnte sie die Maske wirklich wertschätzen, die ihre Miene verbarg. Wie konnte der Apothekar hier nur so entspannt sein?!
    • Insgeheim hoffte der Apothekar darauf, dass die Gerüchte, die man sich über T. J. erzählte, nicht stimmten. Er war mit dem Schwarzen nicht so dicke, als dass er den Fehler machen und ihn als Freund bezeichnen würde. Man sagte, dass dieser Mann nicht ohne Grund ein florierendes Geschäft direkt unter der Nase der Justiz aufgebaut hatte und mehr Hebel in Bewegung setzen konnte, als gut für den Großteil der Bevölkerung war. Er sammelte nicht nur Geld und Drogen, sondern auch Raritäten und Frauen. Und Georgia konnte wohl in beiden Kategorien bestechen.
      „Alte Bekanntschaft. Ich hab ihn verständigt.“
      Der bullige Mann musterte Georgia und hab ihre Hand langsamer frei, als sie ihre zurückzog. „Hm, also wenn mich meine Unterlagen nicht täuschen, dann kommst du von außerhalb. Wusste gar nicht, dass unser Apothekar Kontakte außerhalb der Stadt hat.“ Hatte er auch nicht, aber er versuchte es mit einem lässigen Schulterzucken zu kaschieren. „Was das Internet alles so möglich macht, was, Kleines?“
      Da war wieder dieses breite Lächeln, das der Apothekar so oft schon bei T. J. gesehen hatte. Noch immer mochte er es nicht und der Schwarze war einer der wenigen Männer, die schwierig einzuschätzen waren. T. J. hatte den Vorteil von einem breiten Netzwerk zur Perfektion ausgearbeitet und einige seiner eigenen Verbindungen hatte der Apothekar nur über ihn erlangt. Es sich mit ihm zu verscherzen war nicht schlau, aber dafür Georgia herzugeben stand auch nicht auf seinem Plan. „Also, können wir?“
      T. J. schnickte den Glimmstängel auf den Boden und trat ihn mit seinen einfachen Adidas aus. Er liebte dicke Karren, aber bei den Kleidern blieb er lieber unterdurchschnittlich. „Klar. Setzt euch. Für unsere Kleine bietet sich der Beifahrersitz an. Damit wir sie im Auge behalten können, sollte sie sich aus dem Fenster lehnen.“
      Am liebsten hätte er hier schon Einspruch eingelegt, aber er biss sich auf die Zunge und nickte Georgia zu. Er konnte nicht jetzt schon einen Aufstand riskieren. Bei den kleinen Untermännern war es kein Problem, bei T. J. jedoch eine gänzlich andere Sache. Trotzdem konnte er nicht ganz vertuschen, dass ihm die Lage nicht gefiel, als er steif nach der Tasche griff, sie auf den Rücksitz warf und sich gleich mit dazu. Georgia musste vorn einsteigen und bekam sogar von T. J. die Tür aufgehalten.
      Das wurde ja immer besser.
      „Also, da wir ja keinen Dritten dabei haben, nehme ich mal an, dass die medizinische Ausrüstung für einen von euch war. Da unser Apothekar ja eher ein Aal ist, galt das wohl dir“, sagte T. J., als er den Wagen startete und geschmeidig auf den Highway fuhr. „Waren das noch Überbleibsel von den Bullen oder kam es zu anderen Zwischenfällen?“
      Der Apothekar ließ das Fenster ein Stückchen herunter. Hier drinnen bekam er das Gefühl, keine Luft zu bekommen. „Ohne Blessuren wird sie ja wohl schlecht da rausgekommen sein, oder? Hat ja ein Bisschen gedauert, bis ich zu ihr gestoßen bin. Wusste nicht, dass sie so viele Blessuren hatte. Konnte sie ja schlecht über das Handy mitteilen.“
      T. J. brummte zustimmend, aber etwas stimmte nicht. „Stimmt wohl, das Handy zu benutzen ist ziemlich dumm. Immerhin kann man Leute ja leicht über ihr Handy orten, nicht wahr? Dann musst du ihm ja sehr früh schon Bescheid gegeben haben, Kleine. Und dann hat er noch immer so lange gebraucht, um dich zu finden?“
      Der Apothekar verzog das Gesicht. Klar, sie hatte ja gar nichts bei sich gehabt. Kein Handy, kein Geld, keine Papiere, nichts. Wie sollte sie ihn denn dann kontaktieren? Und wenn sie es geschafft hatte, ja – warum war er dann nicht schneller gekommen? „Sie war auf der Flucht, Alter? Wie soll sie mir denn sagen, wo sie is‘ ohne Handy und alles? Hat sie doch anschließend weggeworfen.“
      „Hat sie das?“ Manchmal war T. J. wie ein Hai; viel zu schlau und hungrig auf die kleinen Fische. Er hatte das Radio ausgestellt, was bei seiner Ankunft noch lief, und die Stille machte die Atmosphäre nur noch drückender. „Mich würde eher interessieren, ob du nicht lieber von dem Kerl da hinten Abstand gewinnen möchtest. Ich weiß nicht, was du an ihm findest, aber er ist dir garantiert nicht gut gesonnen. Warum kommst du nicht zu mir, Georgia Yates? Ich habe Verbindungen. Ich habe Einfluss. Ich würde eine Magierin mit deinem Potenzial in meinen Reihen willkommen heißen.“
      Der Apothekar horchte auf. T. J. wusste es nicht. Er wusste nicht, dass es wirklich ein Unfall gewesen war und dass Georgia ihre Fähigkeiten nicht beherrschte. Da hatte selbst sein Netzwerk eine Lücke gehabt, wie es schien.
    • „Hm, also wenn mich meine Unterlagen nicht täuschen, dann kommst du von außerhalb. Wusste gar nicht, dass unser Apothekar Kontakte außerhalb der Stadt hat.“
      Georgia spürte einen Stich Angst, eine Sorge, ein Gefühl von nahendem Ärger. Selbst sie, die noch nie mit Menschen wie T. J. zu tun gehabt hatte, begriff sofort, was diese Bemerkung bedeutete. Er glaubte ihrer Story nicht.
      Was, wenn er die Wahrheit herausfand?
      „Was das Internet alles so möglich macht, was, Kleines?“
      Georgia starrte dem dunklen Mann in das ihr zugewandte Gesicht, in die genauso dunklen Augen. Das ungute Gefühl in ihrem Magen verstärkte sich nur noch.
      Ich werde sterben. Er weiß es schon längst und ich werde sterben.
      Mit einem Mal musste sie dem Drang widerstehen, zurückzuweichen.
      Als hätte der Apothekar bereits einen Sinn dafür entwickelt, wann Georgia drauf und dran war die Flucht zu ergreifen, kam in dem Moment seine Stimme neben ihr unter der Maske hervor.
      „Also, können wir?“
      T. J.s Aufmerksamkeit löste sich von Georgia und sie fühlte sich sofort minimal erleichtert.
      „Klar. Setzt euch. Für unsere Kleine bietet sich der Beifahrersitz an. Damit wir sie im Auge behalten können, sollte sie sich aus dem Fenster lehnen.“
      Da war die Erleichterung auch schon wieder verflogen. Georgia wollte bloß nicht, auf gar keinen Fall, neben diesem Kerl sitzen.
      Sie warf dem Apothekar einen flehenden Blick zu, den der natürlich nicht sehen konnte und damit auch nicht darauf reagierte. Er nahm nur die Tasche auf und setzte sich in Bewegung Georgia hinterher.
      Sie stieg auf den Beifahrersitz, den der große Mann extra für sie aufhielt, und saß dort höchst steif und angespannt, während der andere einstieg. Wenigstens startete er auch gleich den Wagen und fuhr los.
      „Also, da wir ja keinen Dritten dabei haben, nehme ich mal an, dass die medizinische Ausrüstung für einen von euch war.”
      Georgia hätte am liebsten das Radio aufgedreht und jede weitere Unterhaltung unterbunden. Wieso musste er auch gerade danach fragen?
      “Da unser Apothekar ja eher ein Aal ist, galt das wohl dir. Waren das noch Überbleibsel von den Bullen oder kam es zu anderen Zwischenfällen?“
      Georgia saß stocksteif auf ihrem Platz. Sie hoffte darauf, dass die Maske ihr etwas mysteriöses, kühles verlieh und über ihre Steifheit hinweg täuschte, aber die Chancen dafür standen eher schlecht.
      Bullen.”
      „Ohne Blessuren wird sie ja wohl schlecht da rausgekommen sein, oder?”, bekräftigte der Apothekar von hinten. “Hat ja ein Bisschen gedauert, bis ich zu ihr gestoßen bin. Wusste nicht, dass sie so viele Blessuren hatte. Konnte sie ja schlecht über das Handy mitteilen.“
      Handy. Welches Handy? Irgendeins, klar. Georgia wurde mit gruseliger Klarheit bewusst, dass sie sich keine zusammenhängende Geschichte ausgedacht hatten. Und wenn sie sich nun verplappern würden?
      „Stimmt wohl, das Handy zu benutzen ist ziemlich dumm. Immerhin kann man Leute ja leicht über ihr Handy orten, nicht wahr? Dann musst du ihm ja sehr früh schon Bescheid gegeben haben, Kleine. Und dann hat er noch immer so lange gebraucht, um dich zu finden?“
      Georgia versuchte, den Mann anzusehen, ohne dass er es mitbekam. Es gelang ihr nicht, denn die Maske verriet jede noch so kleine Bewegung. Sie musste geradeaus aus der Windschutzscheibe schauen.
      Es war kompliziert."
      „Sie war auf der Flucht, Alter? Wie soll sie mir denn sagen, wo sie is‘ ohne Handy und alles? Hat sie doch anschließend weggeworfen.”
      In diesem Moment war sie froh, so froh, dass der Apothekar hinter ihr saß und dass er nicht halb so eingeschüchtert von T. J. war wie sie selbst. Alleine hätte sie sich mittlerweile schon längst verraten, dessen war sie sich sicher.
      „Hat sie das?“
      So schnell war es dann aber auch schon wieder vorbei. In der eintretenden Pause wussten sie beide nichts zu erwidern und so schwiegen sie.
      „Mich würde eher interessieren, ob du nicht lieber von dem Kerl da hinten Abstand gewinnen möchtest. Ich weiß nicht, was du an ihm findest, aber er ist dir garantiert nicht gut gesonnen. Warum kommst du nicht zu mir, Georgia Yates? Ich habe Verbindungen. Ich habe Einfluss. Ich würde eine Magierin mit deinem Potenzial in meinen Reihen willkommen heißen.“
      Das kam nun doch unerwartet. Bis jetzt hatte Georgia gedacht, er wollte ihre Lüge auffliegen lassen, aber dem schien wohl nicht so. Er wollte sie rekrutieren. Was bedeutete das? Würde Georgia einfach für ihn Dinge erledigen, sie mit ihrer Bestie? So wie sie auch für den Apothekar etwas tun sollte?
      Aber würde auch T. J. sie versorgen, wenn er die Wahrheit herausfand? Irgendwie glaubte sie, dass die Großzügigkeit des Apothekars ein Einzelfall gewesen war und man nicht grundsätzlich damit rechnen durfte. Nicht bei diesen Leuten.
      Wie gern sie doch wieder nachhause wollte.
      Du hast nicht das, was ich brauche”, gab sie hoffentlich kühl zurück. In ihren Ohren hörte sie sich an wie ein Kind, aber sie konnte auch ihren Herzschlag hämmern hören, der schon seit dem Aufbruch viel zu laut in ihren Ohren war. Wenn das hier nach hinten losging…
      Die Bestie. Sie hatte noch ihre Bestie, die sie aber nicht kontrollieren konnte. Wenn das hier nach hinten losging, konnte sie sie immernoch beschwören und dann weitersehen. Es würde schon irgendwie hinhauen.
      Ich lasse mich von niemandem anheuern.
    • Du antwortest du knapp, Georgia. Zu angespannt….
      Georgia wich den Fragen mehr aus als Antworten zu liefern. Da der Apothekar nicht damit gerechnet hatte, dass T. J. auftauchte, hatten sie sich nicht auf eine gemeinsame Geschichte geeinigt. Entweder passte er ihre Fetzen nun ab und bastelte eine Geschichte heraus oder T. J. stürzte sich auf sie und ließ sie ausbluten.
      Dass der Schwarze dann ganz offen heraus verkündete, dass er Georgia haben wollte, kam nicht verwunderlich. Auch nicht, dass er den Apothekar als unglaubwürdig und undankbar darstellte. Als jemand, der andere nur ausbeutete. Nur hatte T. J. nicht mit der Vorarbeit gerechnet, die er in aller Sorgfalt betrieben hatte.
      „Du hast nicht das, was ich brauche. Ich lasse mich von niemandem anheuern.“
      Der Apothekar grinste bis über beide Ohren bei diesen zuckersüßen Worten, die Georgia ganz bestimmt anders gemeint hatte, als er es auffasste. Er wusste, dass sie wieder Strohmänner auslegte, aber insgeheim war ihre Paranoia so groß, dass sie sich an den Einzigen klammerte, der ihr halbwegs annehmbar erschien: nämlich ihn. Sollte sie ruhig noch schlecht von ihm denken, aber das hier war der Beweis, dass die Saat gesät worden war.
      „Kleines, du hast gar keine Ahnung, was ich überhaupt besitze“, lachte T. J. und legte einen Arm entspannt auf der Armablage zu seiner Linken ab. „Außerdem habe ich dir keine Bezahlung angeboten, also ist es auch kein Anheuern. Ich biete dir lediglich eine offene Tür an, wenn du nicht länger bei dem Pflanzendoktor verweilen willst. Was hat der Kerl denn, um dich bei Stange zu halten? Sein Aussehen wird’s wohl nicht sein, der nimmt seine Maske bestimmt nicht für dich ab, oder?“
      Der Apothekar hielt es nicht mehr aus und trat mit seinem Fuß gegen den Vordersitz. Er hatte sich nicht umsonst hinter den Fahrer gesetzt. „Ey du Pisser, sie hat dir gesagt, dass sie auf dich keinen Bock hat!“
      „Tritt noch einmal gegen meinen Sitz. Komm schon.“
      „Wenn das dafür sorgt, dass du dir deine scheiß Angebote sonst wo hinsteckst, gern.“
      T. J. brummte nachdenklich. „Ich hab mich schon öfter mal gefragt, wie hässlich du unter deiner Maske aussiehst, Junge.“
      „Schlimmer als dich kann’s ja wohl keinen erwischen.“
      Stille.
      Dann lachte T. J. lauthals auf und neigte seinen Kopf in Georgias Richtung. „Siehst du? Du scheißt dich gleich ein und der Kerl da hinten hat keinen Sinn für Respekt. Mal im Ernst, wie habt ihr euch das vorgestellt? Ich lass euch irgendwo raus und dann was? Geht ihr in seine Wohnung und hofft, dass euch niemand findet?“
      „Sie wird sich als erstes von ihrer Haarfarbe verabschieden“, warf der Apothekar ein.
      T. J. schüttelte amüsiert den Kopf. „Und dann? Willst du jedes Mal mit ihr deine Wohnung nur maskiert verlassen? Ich weiß, dass du deine Flat nie mit Maske verlässt. Was denkst du, machen deine Nachbarn, wenn die dich so sehen?“
      Der Apothekar trommelte unruhig mit den Fingern auf der Plastikverkleidung der Tür herum. „Ich lass mir was einfallen. Im Notfall setzen wir uns ab und ich lass die Wohnung halt gehen.“
      „Ach, so weit würdest du dafür gehen, damit du die Kleine behalten kannst? Hat sie dir als Bezahlung das Hirn rausgevögelt, oder was?“ Georgia wurde noch steifer als es ohnehin schon ging. Das war Antwort für beide Männer auf diverse Fragen. „Scheinbar nicht. Also warum halst du dir sie auf, Junge? Das ist zu groß für dich. Mach deine kleine Geschäfte, nimm dein Zeug und bleib in der Nische, die du dir ausgegraben hast.“
      Dieses Mal antwortete der Apothekar nicht sofort. Er überlegte einen Moment, bevor er was sagte: „Und wenn ich nicht will? Wenn ich keinen Bock mehr drauf hab, nur der kleine Dealer zu sein? Haste Schiss, dass ich Konkurrenz werden kann?“
      „DU? Konkurrenz? Im Leben nicht!“ T. J.‘s Lachen war in einem Grinsen gemündet, seine Stimme wieder entspannter, als er die Stadtgrenze überfuhr und sie nun langsam ins Getümmel des abendlichen Verkehrs der Stadt gerieten. Die Lichter blendeten ihn, seitdem er nur die Dunkelheit des Farmhauses gewohnt war. „Du bist schlau, Kleiner. Aber dein Grips reicht nur für dich und nicht für zwei. Merk dir das. Und das wird Georgia hier auch merken und dann wird sie zu mir kommen.“ Er sah sie nicht einmal dabei an, aber die absolute Sicherheit lag unumstößlich in seiner Stimme. „Sie muss einen einzigen Penner auf der Straße nach mir fragen, um mich zu finden. Sie brauch dich nicht, auch das wird sie lernen. So läuft das Ding, Kleiner. Die Leute kommen früher oder später immer zu mir.“
      Das taten sie in der Tat sehr oft. Immerhin zählte der Apothekar selbst auch dazu und hatte daraufhin nichts Weiteres zu sagen.
    • Zu Georgias milden Enttäuschung schien T. J. mehr amüsiert als irgendwas anderes über ihre Entgegnung, dabei hatte sie gehofft, dass er sich dadurch bereits abbringen lassen würde. Falsch gedacht. Der Mann schien Spaß daran zu haben, sie zappeln zu lassen.
      “Ich biete dir lediglich eine offene Tür an, wenn du nicht länger bei dem Pflanzendoktor verweilen willst. Was hat der Kerl denn, um dich bei Stange zu halten? Sein Aussehen wird’s wohl nicht sein, der nimmt seine Maske bestimmt nicht für dich ab, oder?“
      Darauf wusste Georgia keine direkte Antwort. Sie zögerte, und während sie das tat, fasste sie sich unmittelbar an den bandagierten Arm.
      Da meldete sich der Apothekar mit allem Elan von hinten.
      „Ey du Pisser, sie hat dir gesagt, dass sie auf dich keinen Bock hat!“
      „Tritt noch einmal gegen meinen Sitz. Komm schon.“
      Hörte Georgia da einen warnenden Unterton in seiner Stimme oder bildete sie sich das bei ihrer Paranoia nur ein?
      Die beiden Männer gifteten sich einen Moment länger an, dann lachte T. J. auf. Georgia beschloss, dass sie sein Lachen genauso wenig mochte wie seine Angebote.
      „Siehst du? Du scheißt dich gleich ein”, Georgia zuckte ertappt zusammen, “und der Kerl da hinten hat keinen Sinn für Respekt. Mal im Ernst, wie habt ihr euch das vorgestellt? Ich lass euch irgendwo raus und dann was? Geht ihr in seine Wohnung und hofft, dass euch niemand findet?”
      … Etwa nicht? Jetzt, wo er es so aussprach, hörte es sich schon reichlich lau an, aber was war denn die Alternative? Was tat man denn in einer solchen Situation?
      “Sie wird sich als erstes von ihrer Haarfarbe verabschieden.”
      Georgias Kopf zuckte in seine Richtung, bevor sie sich zusammenreißen konnte. Würde sie das? Wirklich? Das war nicht ausgemacht.
      Aber was Georgias Meinung anging, so war die wohl längst überflüssig, wie sie bemerkte. Die Männer redeten über ihren Aufenthalt wie über irgendeinen gewöhnlichen Deal und wenn Georgia ein Gegenwort einlegen würde, würde man sie vermutlich nur wieder auslachen. Sie hatte immernoch den Schein einer Terroristin zu wahren, aber wenn sie ehrlich war, sah sie sich nicht wirklich in der Rolle. Sie war eher wie das Kalb, das durch Umwege zur Schlachtbank geführt wurde.
      „Sie braucht dich nicht, auch das wird sie lernen. So läuft das Ding, Kleiner. Die Leute kommen früher oder später immer zu mir.“
      Du bist zu mir gekommen, nicht anders herum”, stellte sie leise fest, traute sich aber nicht, es lauter auszusprechen. So wie es aussah, gelangte selbst der Apothekar bei dem Kerl an seine Grenzen und das war wohl das Zeichen an Georgia, dass sie es auch nicht überstrapazieren sollte.
      Was… was wäre denn die Bezahlung?
    • „Du bist zu mir gekommen, nicht anders herum.“
      Die Stimme war leise und nur hörbar gewesen, weil kein Radio lief. Beide Männer im Wagen reagierten nicht sofort darauf, wobei der Apotheker ein Loch in Georgias Hinterkopf zu starren begann. Jetzt ließ sie sich ja scheinbar doch ein paar Eier wachsen. Allerdings verpuffte seine Anerkennung in dem Augenblick, als sie ihren Folgesatz aussprach.
      „Was… was wäre denn die Bezahlung?“
      Fast hätte er doch wieder gegen den Sitz getreten. „Dein fucking ernst, Georgia? Jetzt fragst du ihn das?“
      „Hey, hey“, unterbrach T. J. seinen Anflug von Wutausbruch, „du würdest an ihrer Stelle genauso nachfragen. Also tu nicht so schockiert. Dass ihr euch nicht lange kennt, ist jedem klar, der ein bisschen Nachforschung betreibt. Ich hab deine Akte, schon vergessen?“
      Der Apothekar sank zurück in die Rückenlehne seines Sitzes. „Du solltest sie schreddern.“
      „Und damit riskieren, dass du dein Maul noch weiter aufreißt? Nein, danke.“ Der Wagen kam an einer roten Ampel zum Stehen und T. J. richtete seinen Blick auf Georgia. „Kommt drauf an, was du machst und wie lange du für mich arbeitest. Aber was dir jetzt am Wichtigsten sein sollte, ist wohl deinen Status als Vogelfreie loszuwerden. Ich hab Identitäten, die ich dir anbieten kann. Orte, um abzuwarten bis sich die Wogen wieder geglättet haben. Leute im Brackwasser zu verstecken ist nicht so schwierig wie man denkt.“
      „Dann sag ihr auch gleich, dass du Leute damit auch an die Leine legst. Wäre auch nicht verkehrt zu wissen“, riet der Apotheker und verfluchte die lange Rotphase der Ampel.
      T. J. zeigte dem Apotheker den Mittelfinger, ohne von Georgia wegzusehen. „Der Kerl da will dich für seine Dinge nutzen und wenn du dich als zu schwierig entpuppst, trennt er sich von dir oder reitet dich noch extra in die Scheiße. So funktionieren die kleinen Wichser aus den Ghettos. Ich geh bei dir in Vorleistung, wenn ich dir eine Flucht anbiete und erwarte nur eine Bezahlung dafür. Keine Scheiße, keine Bullen, nichts. Eine Hand wäscht die andere.“
      Dass T. J. dabei wie eine Droge selbst wirkte, wusste der Mann und setzte es gnadenlos ein. Von ihm bekam man so viel so leicht und die ersten Preise waren meist Kinderkram. Easy beans to earn, aber mit der Zeit gewöhnte man sich daran, auf T. J.‘s Vorräte zurückgreifen zu können. Die Preise stiegen, die Schulden begannen. Und bald war man sein Leibeigener. Der Apothekar war bisher immer darum herum gekommen und hatte seinen Hals immer rechtzeitig aus der Schlinge gezogen. Ein Grund, warum der Schwarze solch ein Interesse an ihm hegte und selbst mit einem Kleinkriminellen wie ihm Geschäfte einging. Er wartete darauf, dass ihm ein Fehler unterlief und er den jungen Mann am Kragen hatte.
      Die Ampel schaltete auf grün und der Wagen setzte sich geschmeidig wieder in Bewegung. T. J. richtete seinen Blick auf die Straße vor sich und schlängelte sich durch den Verkehr. „Wo soll ich euch rauslassen?“
      „Ecke Maplestreet und Carlton Avenue.“
      T. J. setzte einen Blinker. Der Apotheker würde ihm nicht sagen, wo seine Wohnung ist. Obwohl das, genau genommen, eh unerheblich war. Der Typ hatte wahrscheinlich eh schon rausgefunden, wo er seine Wohnung hatte. Wie er eben schon richtig gesagt hatte, nutzte er das Pennernetzwerk sehr effektiv aus.
      „Überleg’s dir, Georgia. Ist schwierig, Leute in unserem Metier zu finden, denen man trauen kann“, erinnerte der Schwarze die Magierin.
    • Georgia hörte sich aufmerksam an, was T. J. zu sagen hatte. Nicht etwa, weil sie ernsthaft überlegte, ihm ihre Dienste anzubieten - sie war doch nicht wahnsinnig - sondern um zu erfahren, was seine Sicht der Dinge war. Alle Welt hielt sie für eine Terroristin und obwohl Georgia keine war, konnte sie doch nicht leugnen, dass sie als eine behandelt wurde und entsprechend agieren musste. Von dem Mann jetzt zu hören, was in Aussicht stand, half ihr dabei, ein erstes Bild ihrer Lage zu bekommen. Ein realitätsnahes.
      Dabei war es höchst wichtig zu bemerken, dass es wohl kaum bei simplen Aufträgen bleiben würde. Der Apothekar bezeichnete es damit, die Leine angelegt zu bekommen, eine Vorstellung, die Georgia bei dem wuchtigen Mann neben sich ganz und gar nicht gefiel. Nein, das wäre kein gewöhnlicher Auftrag, das wäre ein Vertrag, den sie hier eingehen würde. Ein Vertrag, der sie langfristig binden würde.
      Das warf aber eine noch ganz andere Sache auf: Was wollte Georgia eigentlich? Jetzt, wo die Gefahr der Polizei für den ersten Moment gebannt war, konnte Georgia sich zum ersten Mal mit der wichtigen Frage beschäftigen, wohin sie gehen wollte.
      Zurück nach Hause, ganz offensichtlich. Zurück zu ihren Eltern. Dort wollte sie hin und dann alles irgendwie von dort regeln.
      Dafür brauchte sie keinen T. J. Der Apothekar würde ihr schon irgendwie helfen.
      Den Rest der Fahrt schwieg sie also. Entgegen seiner Aussage tat T. J. wirklich das, was von ihm erwartet wurde: Er setzte sie ab und ließ sie einfach ziehen. Allerdings hatte Georgia das Gefühl, dass er sie nicht verlieren würde. T. J. schien wie ein Mann, der immer genau wusste, wo seine Opfer zu finden waren.
    • Der Apotheker entspannte sich erst, als er die schwarze Limousine um den nächsten Block verschwunden sah. Erst dann erlaubte er sich einen tiefen Atemzug und rückte die Tasche auf seiner Schulter richtig. Das hätte ganz anders laufen können, fiel ihm jetzt ein. Es hätte mit Georgia ganz anders laufen können. Wäre da nicht diese behinderte Verletzung an ihrem Arm gewesen, die er versorgen musste, wäre sie vermutlich zu T. J. übergelaufen. Denn der Mann hatte in der Tat wesentlich mehr Vorteile als der Apothekar.
      „Für einen Moment hab ich echt gedacht, du klinkst dich bei ihm ein“, brach er schließlich die Stille, sah sich um und schlug dann eine Richtung ein, wobei er immer auf den Seiten der Straße lief, die nicht beleuchtet waren. „Täusch dich nicht in dem Sack. Der kann viel, aber der will immer seine Entlohnung dafür haben. Er ist wie eine Zecke. Hängt sich ungesehen an dich dran und hinterlässt dir am Ende noch ne versteckte Krankheit. Du willst doch gar nicht auf eine Stufe mit mir gestellt werden, also halt dich besser von dem Kerl fern.“
      Das war zwar wieder ein Schritt in die entgegengesetzte Richtung, aber solange Georgia nicht zu T. J. konvertierte, war ihm das recht. Der Typ würde ihr die Augen verbinden und solange trainieren, bis sie nur noch nach seinen Worten lief, blind für alles um sie herum. Nach dem, was sie bei den Cops angerichtet hatte, wollte er das Ausmaß gar nicht wissen.
      Der Apothekar blieb kurz stehen und deutete mit dem Finger auf eine Wandecke einer kleinen, unscheinbaren Gasse. „An solchen Orten hängen immer Kameras. Weich denen aus. Halt den Kopf gesenkt, damit die nicht die Maske aufzeichnen. Das ist eine meiner Ausgehmasken, die sehen die häufiger, aber wenn die nicht an mir, sondern einem Mädchen hängt, isses auffällig.“
      Dann zog er weiter und führte Georgia durch kleine verwinkelte Gassen, über Müllhalden und Hinterhöfe hinweg immer näher zu seiner Wohnung. Sie lag in einem Ghetto, wo sich die Cops häufiger hin verirrten, aber nur in ganzen Geschwadern auftauchten. Das Gleichgewicht zwischen ihnen und den herrschenden Gangs war wankelmütig und keine Partei wollte die andere zu sehr aufwiegeln. Deswegen checkte der Apothekar jede Straße im Voraus, in die sie einbiegen wollten. Genau das kam ihnen recht kurz vor seiner Wohnung zu Gute, denn beim Rausgehen aus einer Gasse erhaschte er einen Blick auf einen Streifenwagen, der gerade um die Ecke gebogen kam. Er drehte auf dem Absatz um und schob Georgia hastig wieder in die Gasse zurück. Er presste sie dabei an die Wand, breitete seine Arme über sie hinweg aus und verschluckte ihre Gestalt fast vollständig unter sich. Er sah dabei stur auf die Wand, denn seine Maske vermochte das Licht zu reflektieren und würde den Findigen unter den Cops vielleicht noch verraten, wo sie waren.
      „Wart ab“, zischte er Georgia zu, die sich schon unter ihm wand, weil er ihr zu nah auf die Haut gerückt war. Er hielt sie jedoch an Ort und Stelle für ganze dreißig Sekunden, dann ließ er von ihr ab. „Man könnte ja fast meinen, die riechen, dass du wieder in der Stadt bist.“
      Er schüttelte den Kopf und brachte Georgia die letzten Meter sicher zu der Tür seines Wohnblocks.

      Auf den Klingeln standen mehrere Nachnamen; Mayfield, Brooks, Shaw, Tullamoore, Sinclair. Das letzte Feld war leer, ebenso wie die dazugehörige Wohnung. Der Apotheker hielt sich nicht sonderlich lange an der Tür auf, schloss sie auf, scheuchte Georgia regelrecht hinein und warf die Tür hinter sich ins Schloss. Der Flur stankt nach Katzenpisse – Die alte Tullamoore hatte ihre Kinder mit Katzen substituiert und kam mit dem Putzen der Viecher nicht mehr hinterher.
      Er winkte Georgia eilig zu und nahm mehrere Treppenstufen auf einmal bis er vor seiner Tür stand und sehr elegant den Namen an der Klingel mit seiner Hand abdeckte, noch bevor Georgia seine Ebene erreicht hatte. Mit dem Fuß schob er die Tür auf und bedeutete ihr, reinzugehen. Kaum hatte sie das getan, schlüpfte er ihr hinterher und blieb an der Tür stehen, um aus dem Spion zu starren.
      „Alles klar, Maske kann ab. Leg die einfach auf dem Tisch ab“, sagte er, weil nur der Tisch wirklich noch ein Stückchen freie Stelle hatte. Die Küche war zugestellt, die Essenstüten vom Lieferdiensten stanken mittlerweile wegen seiner langen Abwesenheit schon und vermutlich war das bisschen in seinem Kühlschrank auch nicht mehr so fresh wie erhofft. Aber egal, sie waren erst mal angekommen und hier konnte er sich neu sammeln, um sich für den morgigen Tag vorzubereiten.
    • „Für einen Moment hab ich echt gedacht, du klinkst dich bei ihm ein.“
      Georgia verzog ungesehen das Gesicht, während sie sich halbwegs zu orientieren versuchte, wohin sie unterwegs waren. Sie konnte Straßennamen lesen und ein paar Häuser identifizieren, aber in dieser Stadt kannte sie sich nicht aus und so war sie gänzlich auf den Apothekar angewiesen. Ein Umstand, der ihr ganz und gar nicht gefiel.
      Warum sollte ich? Ich mag ihn nicht, er kommt mir ziemlich zwielichtig vor. Mehr als du.
      Wenn sie könnte, würde sie T. J. ausliefern, aber wenn das zur Option stand, würde sie von vornherein etwas anderes tun. Dann würde sie dem Kerl erst recht nicht mehr in die Quere kommen.
      Sie setzten sich in Bewegung, wobei der Mann Georgia auf eine Kamera aufmerksam machte, die sie sonst etwas beruhigt hätte, jetzt aber gänzlich nervös machte. Das war auch etwas, woran sie noch gar nicht gedacht hatte und woran sie sich noch lange nicht gewöhnen würde. Die Kameras würden sie jetzt beobachten und wo sie ihr sonst Sicherheit gegeben hätten, waren sie jetzt eine lauernde Gefahr, vor der sie sich hüten musste. Ein einziger falscher Winkel, ein kurzer Blick auf ihr helles, blondes Haar und alles könnte vorbei sein, all die Bemühungen der letzten Tage verworfen. Alles in einem Augenblick weg.
      Georgia fühlte sich zum Reißen gespannt, als sie dem Apothekar weiter folgte, den Kopf gesenkt wie er es ihr gezeigt hatte, die Schultern hochgezogen, den Rücken ein bisschen gekrümmt. Sie musste schon dem Drang widerstehen, den Blick zu heben und sich zu vergewissern, dass die Kameras sie wirklich sahen und doch nicht erkannten. Nur die Führung des Mannes gab ihr die Sicherheit, dass sie es schon unerkannt schaffen würden.
      Ein vorbeifahrendes Polizeiauto scheuchte sie beide auf, aber während der Apothekar sich schnell vor dem Streifenwagen versteckte, wurde Georgia von Aufregung gepackt, sehr kurze, große Freude darüber, ein bekanntes Auto zu entdecken. Kaum eine Sekunde später hatte die Realität sie wieder eingeholt und sie ließ sich von dem Mann verstecken, allerdings nicht, ohne ihn dabei konsequent von sich halten zu wollen.
      „Man könnte ja fast meinen, die riechen, dass du wieder in der Stadt bist.“
      Der Apothekar hatte es humorvoll gemeint, aber Georgia fühlte dabei trotzdem einen Schauer, der ihr durch den Körper jagte.

      Sie erreichten ein Haus, bei dem der Mann zum ersten Mal stehenblieb und einen Schlüssel zu Tage förderte. Sofort lugte ihm Georgia über die Schulter und starrte konzentriert auf die Namensschilder. Mayfield, Brooks, Shaw, Tullamoore, Sinclair. Mehr waren es nicht. Mayfield, Brooks, Shaw, Tullamoore, Sinclair. Mayfield, Brooks…
      Der Apothekar schloss bereits auf, bevor Georgia dazu gekommen wäre, seinen Namen heraus zu filtern. Irgendwie hatte sie darauf gehofft, ihn erkennen zu können, als würde sein Name irgendwie sein verschrobenes Aussehen reflektieren und sofort ins Auge stechen. Wie ein Aha-Moment, der nach all den Tagen nur auf seine Offenbarung gewartet hatte. Aber alles, was sie in der kurzen Zeit erkannte, war, dass er einen gewöhnlichen amerikanischen Namen besaß und damit war sie nicht viel schlauer als vorher.
      Mit einem missmutigen Gesicht trat sie hinter ihm ein. Vielleicht stand der Name an seiner Tür noch einmal.
      Sie gingen nach oben und bevor sie sich versehen konnte, legte der Mann einen ganzen Zahn zu und flog regelrecht die Stufen hinauf. Ein Teil von ihr wunderte sich über seine plötzliche Behendigkeit, ein Teil wollte sich gar nicht mit dem Kerl und seinen Macken beschäftigen und ein Teil verspürte den unmittelbaren Drang, schnell zu ihm aufzuholen, damit er sie nicht in dem fremden Treppenhaus zurücklassen würde. Dieser letzte Teil gewann schließlich auch, weil er sich gut mit dem Drang vertrug, den Namen herauszufinden.
      Leider war sie nicht schnell genug, denn als sie ankam, lag seine Hand über der Klingel und er öffnete ihr bereits die Tür. An einem anderen Tag hätte sie ihn vielleicht dazu aufgefordert, die Hand wegzunehmen, aber nach der Begegnung mit T. J. ersparte sie sich den Kommentar und war dafür heilfroh, eine ordentliche Wohnung zu betreten. Allein schon für den Faktor, wieder Internet zu besitzen und nicht mehr ganz so sehr von der Welt abgeschnitten zu sein. Georgia hatte sich auch nach einer Woche nicht daran gewöhnt.
      Sie trat ein und blieb erstmal hinter der Tür stehen. Die Wohnung war nicht ganz das, was sie sich vorgestellt hatte, wobei sie sich vermutlich gar nichts richtig vorgestellt hatte. Trotzdem, das hatte sie nicht erwartet, nichtmal für einen Mann wie den Apothekar. Die Wohnung war klein, geradezu erdrückend, und besaß nur ein Zimmer. Es gab ein Bett, einen Sessel, einen Fernseher, der aus den 80ern stammte, eine Küche, bei der sich Tüten stapelten, und einen Tisch, auf dem sich andere Tüten stapelten. Es stank. Gott, wie sehr es stank. Der Geruch war penetrant und dickflüssig, er schien die Luft zu verpesten und bei jedem Atemzug bekam Georgia das Gefühl, winzige Partikel einzuatmen, die sie von innen heraus verpesten würden. Sie rümpfte die Nase. Der Geruch schien von überall zu kommen, sowohl von den Tüten, als auch von den vielen Wäschehaufen auf dem Boden und der allgemeinen Unordnung, die hier herrschte. Er war einfach überall. Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrt gemacht und wäre wieder gegangen.
      „Alles klar, Maske kann ab. Leg die einfach auf dem Tisch ab.”
      Er kam hinter ihr herein und schloss dann auch die Tür. Georgia warf einen letzten Blick zurück und bedauerte sogleich die frische Luft, die er damit unweigerlich ausgesperrt hatte.
      Nach einem kurzen Blick an die Decke, bei der sie sich vergewisserte, dass dort keine Kameras hingen, zog sie die Maske aus und tat wie geheißen. Danach ging sie ein wenig in den Raum hinein, darauf bedacht, auf so wenig wie möglich zu treten. Das war tatsächlich ziemlich schwierig; überall lag irgendwelches Zeug herum.
      Kann ich ein Fenster aufmachen…?
    • „Kann ich ein Fenster aufmachen…?“
      „Ja, ja klar. Mach so viele auf, wie du willst“, entgegnete der Apothekar und sah noch einige weitere Sekunden durch den Spion, so als erwartete er, dass direkt die Bullen vor der Tür standen. Aber nichts trat in sein Blickfeld und so ließ er seufzend davon ab.
      Es war, als würde ihn erst jetzt der Schlag seiner eigenen Wohnung treffen. Eine Woche nicht da zu sein, während ganze Tüten voll mit altem Essen vor sich hin vegetierten war wahrlich nicht gut gewesen. Angesäuert schnappte er sich die Tüten aus der Küche und warf sie vor die Wohnungstür. Irgendwo musste er noch einen großen Sack haben, damit der ganze Scheiß nicht mehr seine Wohnung verpestete….
      Er hielt inne, als er das dritte Fenster hörte. Stimmt ja, er war hier ja nicht mehr allein. Gut, seine Wohnung war auch nicht dafür gedacht gewesen, noch einer Person Zuflucht zu verschaffen. Aber er hatte jetzt schon den Eindruck gehabt, dass Georgia sich zu T. J. verpissen würde. Wenn sie von ihm noch gesagt bekäme, auf dem Boden zu schlafen neben Müll und Pulver…
      Er stieß pfeifend die Luft zwischen den Zähnen aus. Okay, er musste umdenken. Das war es ja, was der Wichser gemeint hatte… Für zwei denken, nicht mehr für einen.
      Der Apothekar kam in sein Hauptzimmer und sah, wie Georgia ihren Kopf aus dem Fenster hielt. Halb jedenfalls, damit sie den Wind von draußen abbekam. Er verzog das Gesicht. „Hey, du kannst gern mal etwas fernsehen. Mitkriegen, was in der Welt gerade so abgeht. Dann… hm… kümmer ich mich mal um den ganzen Rotz hier.“ Er deutete auf die zahlreichen Mülltüten.
      Die nächsten fünf Minuten bestanden daraus, die ganzen Abfalltüten im Flur zu sammeln und in den schwarzen, großen Sack zu stopfen, der er unter seiner Spüle noch herumfliegen hatte. Das Sofa war neben seinem Bett der einzige Ort, der weder von Rückständen noch von Müll oder Klamotten belagert wurde. Vermutlich war das der Grund, warum sich Georgia gesetzt und tatsächlich die Fernbedienung ergriffen hatte.
      Nachdem sich der Apothekar versichert hatte, dass sie mit dem Fernseher zu tun hatte, nahm er im Flur seine Maske ab und steckte sie in Gesäßtasche. Dann schulterte er sich den Sack und verließ wenig elegant seine Wohnung, um den Container im Innenhof zu füttern. Dabei schaute er sich immer wieder paranoid um. Doch alles wirkte wie immer – trostlos und anonym.
      Bevor er seine Wohnung wieder betrat, setzte er sich schnell die Maske wieder auf und verschwand hinter der Tür. Eigentlich war er angepisst darüber, ständig seine Maske zu tragen. Aber so wenig Georgia ihm vertraute, so wenig traute er ihr. Sollte sie jemals den richtigen Menschen erwischen, der ihr glaubte und Einfluss hatte, würde sie all ihr Wissen gegen ihn einsetzen. Sie würde es erst dann nicht mehr tun, wenn sie eine Beziehung zu ihm aufgebaut hatte und das beinhaltete leider eine halbwegs annehmbare Wohnung.
      Als er die Tür schloss hörte er, wie gerade wieder das Gesuch im Fernsehen lief. Offensichtlich zappte Georgia nicht sofort weiter, denn die Sprecherin nannte alle Fakten, die sie bisher zu ihrem Fall gesammelt hatten.
      Der Apothekar erschien im Türrahmen, verschränkte die Arme und lehnte sich an. „Du solltest vielleicht nicht unbedingt deine eigene Suche mitverfolgen. Schlägt nur auf’s Gemüt.“ Die Sprecherin berichtete weiter, während Georgia schwieg und auf den Bildschirm starrte. „Hey, weißt du, was wirklich toll für das Gemüt ist? Essen, findest du nicht?“
      Gott, wie er seine eigene Sprache hasste, wenn er auf versöhnlich machte. Dabei hätte sie ihn beinahe doch hintergangen!
      „Da unter dem Tisch liegen Flyer. Such dir einen aus, dann bestellen wir das erstmal was zu essen. Schluss mit Dosenfutter und allem. Wer laufen kann, kann auch was richtiges essen.“
      Und dann würde er sich um diese Berge an Wäsche kümmern müssen.
    • Selbst die geöffneten Fenster konnten nichts an dem Gestank ändern, der sich hier festgesetzt zu haben schien. So wie Georgia das sah, stand die Luft in der Wohnung still und würde damit auch niemals nach draußen gehen. Georgia würde sich mit dem Gestank abfinden müssen.
      Der Apothekar bot ihr zu fernsehen an und Georgia nahm das Angebot an, wenn auch nur, um sich von der Wohnung abzulenken. Der Fernseher sah nicht wirklich so aus, als würde er irgendeinen Sender empfangen, aber als sie die Fernbedienung aufhob und betätigte - die Knöpfe fühlten sich fettig und abgenutzt unter ihren Fingern an - erwachte er zum Leben. Sie warf einen weiteren Blick zum Apothekar, der sich auf Mülljagd begab, dann setzte sie sich auf die Couch und zog die Beine an. Ihr Arm pochte manchmal noch, aber es war aushaltbar.
      Ihre Finger fanden ihren Weg ganz alleine, ohne dass Georgia darüber nachgedacht hätte, und schalteten auf einen Nachrichtenkanal. Mit nervöser Anspannung im Nacken lehnte sie sich zurück und schaute.
      Es kamen Nachrichten über irgendeinen Unfall, gefolgt von einer Berichterstattung über einen versuchten Banküberfall. Georgia wagte schon zu hoffen, sah aber all ihre Hoffnung wie zerschmettert, als sie sich selbst in dem kleinen Lauftext unten lesen konnte. Und wahrhaftig, nach dem Banküberfall kam sie selbst dran.

      Die Ermittlungen bezüglich des Terroranschlags auf ein Polizeirevier laufen weiter. Seit der letzten Sichtung des Wolfshunds beim örtlichen Pub, dem Mallard, wurden keine weiteren Spuren gefunden. Die Polizei fahndet weiter nach der mutmaßlichen Terroristin. Etwaige Hinweise zur Ergreifung sollen an die zuständige Polizei gemeldet werden.

      Georgia war so sehr vom Bildschirm gebannt, dass sie kaum die Tür hörte und wir der Apothekar um sie herum aufräumte. Sie starrte sich selbst an, oder eher eine Version von ihr, mit gemeinen, bösen Augen und einer hinterlistigen, gar gemeingefährlichen Aura. Diese andere Georgia starrte sie von dem kleinen Fahndungsbild aus an, als hätte sie es sich in den Kopf gesetzt, Georgia persönlich heimzusuchen.
      Der Bericht war noch nicht vorbei.

      Die Angehörigen der Täterin haben um Anhörung gebeten. Die folgende Nachricht wird auf eigenen Wunsch hin ausgesandt.

      Angehörige?! Georgia spürte, wie ihr das Herz in die Hose sackte.
      Die Szene schaltete um und zeigte eine Hausfassade und einen Vorgarten, den Georgia allzu gut kannte, weil sie dort ihr längstes Leben verbracht hatte. Direkt vor der Kamera stand eine Frau Mitte 40, die blonden Haare unordentlich hochgesteckt, die blauen Augen dunkel umrandet und vom Weinen gerötet. Sie hielt ein Taschentuch in der verkrampften Hand, die sie wiederum gegen ihre Brust drückte.
      Georgia gab ein Geräusch von sich, als würde sie ersticken.

      Georgia, Liebes, bitte komm nachhause. Wir alle machen uns wirklich große Sorgen um dich. Es bringt nichts, noch weiter davonzulaufen. Bitte komm zurück, wir werden über alles reden. Wo auch immer du hinein geraten bist… es gibt einen Ausweg. Nur komm zurück.

      Die Kamera ging zurück ins Studio, wo die Reporterin einige abschließende Worte zu der Sache sagte. Aber Georgia hörte schon gar nicht mehr hin. Sie tat das, was sie schon seit Tagen nicht mehr getan hatte: Sie weinte.

      Gut 40 Minuten später saß sie noch immer auf der Couch, nur diesmal mit einer Pizza auf dem Schoß. Pizza Funghi. Der Apothekar hatte ihr kein Besteck gegeben und sie hatte auch nicht danach gefragt. Der Gestank war immernoch da und die Wohnung war auch immer noch ziemlich schmutzig, auch wenn der Mann sich wirklich Mühe gegeben hatte. Es war auch besser, nur halt nicht gut genug.
      Georgia pickte schweigend die Pilze von ihrer Pizza und aß sie per Hand. Sie war still, seit sie den Fernseher wieder ausgemacht hatte, und starrte nichts direkt an. Sie fühlte sich gefühllos und weit entfernt von der Realität. Vor ihren Augen konnte sie noch immer ihre Mutter sehen und entfernt konnte sie sie auch immernoch hören. Die Aufnahme würde ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen.
      Als sie nach einer halben Ewigkeit wieder sprach, war das erste, was sie sagte:
      Hast du ein Handy, das ich benutzen kann?
    • „Nur komm zurück.“
      Der Apothekar hatte die Worte der Frau aus dem Fernseher gerade noch so vernommen. Er brauchte keinen weiteren Kontext um zu wissen, dass es sich dabei um Angehörige handeln musste. Familie, die Georgia offensichtlich doch hatte. Nur änderte dies auch nichts an den Worten, die er vor Stunden oder gar Tagen gesprochen hatte. Ihre Familie hatte keinen Plan davon, wie Georgia nun zu leben hatte. Wenn sie zurückginge, dann würde sie praktisch in die offenen Arme der Cops laufen. Es wäre eine Schlagzeile, wenn das Mädchen, das über vierzig Leute auf dem Gewissen hatte, einfach so zu ihrer Familie zurückkehrte. Die Medien würden sich über dieses Festfressen hermachen und spätestens damit die Bullen alarmieren. So schnell wie sie bei ihrer Familie gewesen wäre, wäre Georgia auch schon wieder fort gewesen.
      Deswegen ging der Apotheker nicht darauf ein, als das Mädchen auf seiner Couch zu weinen begann. Er ließ sie in Ruhe ihre Teufel begegnen und nahm später nur noch ihre Bestellung an, um den Pizzaboten zu rufen. Im Anschluss machte er sich daran, die Wäscheberge in Säcke zu stopfen und sich auf den Weg in die nächste Reinigung zu machen. Ohne Maske, selbstverständlich.

      Er kam passend mit dem Lieferdienst und brachte Georgia ihre Pizza, nachdem er sich wieder maskiert hatte. Das ganze Auf und Ab ging ihm jetzt schon gehörig gegen den Strich, aber noch war ihm das Risiko zu groß. Noch traute er ihr nicht und sie ihm nicht.
      Seine Pizza fand ihren Untergang in der Küche. Während er das Geschirr, das sich mittlerweile getürmt hatte, spülte, schob er sich immer wieder ein Stück seiner Speciale in den Mund. Umständlich unter der Maske hindurch, die er später waschen müsste. Das brachte ihn auch dazu, an die Nacht zu denken. Er konnte nicht jede Nacht wachbleiben, aber würde sie das ausnutzen und türmen? Im Farmerhaus hatte er sich ruhigen Gewissens schlafen gelegt, doch hier war die Lage anders.
      Als die Küche wieder eine Ablage besaß, warf der Apothekar einen Blick ins Hauptzimmer. Georgia saß noch immer auf dem Sofa, nahezu unbewegt bis auf die Tatsache, dass sie ihre Pizza sezierte. Wer bestellte sich denn eine Funghi und pulte die Pilze da runter?...
      Was allerdings bei diesem Anblick sofort klar war; der Moment, in dem sich alles setzte, war gekommen. Die letzten Wochen war das Mädel auf der Flucht gewesen, hatte Massenmorde begangen, die sie nicht wollte, und nun hatte sie so viel Ruhe, dass ihr Verstand hinterherkam. Er zog eine Grimasse unter der Maske. Bevor er zu ihr ans Sofa trat, machte er einen Umweg über die Küche, holte eine saubere Gabel, und ging dann zu Georgia hinüber.
      „Hast du ein Handy, das ich benutzen kann?“
      Er reichte ihr die Gabel. „Willst du dich jetzt stellen? Ganz dumme Idee. Gabel?“ Sie nahm ihm die Gabel nicht ab und er wackelte mit dem Stück Metall vor ihrem Gesicht herum, bis sie es endlich doch tat. „Ich könnte dir ein Handy geben. Aber dann wirst du keinen Anruf tätigen, sondern nur eine SMS schreiben können. Ich bin mir sicher, dass die die Leitung bei der Familie abhören und nur darauf warten, dass du sie anrufst. Ich hab entsprechend wenig Lust darauf, dass die uns hier orten können.“
      Eigentlich sollte Georgia das auch wissen. Scheinbar war sie gerade nicht mehr in der Lage, zu denken.
      „Warte.“
      Er machte auf dem Absatz kehrt und ging zu seinem Bett. Unter dem Gestell zog er eine Kiste hervor, die mit billigen Wegwerfhandies und anderem Allerlei gefüllt war. Die klassische Wenn-dann-da-Kiste eben. Neben einem neu verpackten Gerät suchte er auch ein intaktes Handy mit Prepaidkarte, das er aktuell kaum in Betrieb hatte. Den Verlust konnte er verschmerzen.
      Mit seiner Hüfte lehnte sich der Apothekar an die Couch, schräg hinter Georgia, und ließ das Handy in ihren Schoß fallen. „Du gibst es mir zurück, sobald du eine Antwort von deiner Familie bekommen hast. Keine Anrufe. Selbst dann nicht, wenn sie dich anrufen, klar? So viel Diskretion müssen wir wahren.“
      Sie bewegte sich noch immer nicht und griff auch nicht nach dem Handy. Selbst die Hand mit der Gabel lag nur kraftlos auf ihrem Bein. Er seufzte.
      „Du weißt doch, wie das läuft, Georgia. Die setzen darauf, dass du die Nachrichten siehst und weich wirst. Sobald die wissen, wo du bist, rücken die Cops aus und holen dich. So gut es deine Familie mit dir auch meint, die werden nur einen Blick auf dich erhaschen können, bevor man dich einbuchtet. Das will doch keiner von euch, oder?“