Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • Santiago überließ Lewis die Führung, auch wenn er das nur ungern tat. Aber aktuell war das ihre beste Options. Er musste einfach darauf vertrauen, dass Lewis sämtliche Bedrohungen vorhersehen konnte, und sich rechtzeitig aus der Schusslinie bewegte, sollte wirklich etwas passieren.
      Santiago selbst zerrte sich mit den Zähnen den Handschuh von der linken Hand und legte sie dem Fremden auf die Schulter, um ihn vor sich her zu schieben.
      "Es gibt einen Ne-Ne-Ne-Ne..."
      "... Nebeneingang."
      "Wirklich oder verarschst du uns?"
      "Wirklich."
      "Dann sag. Aber wenn du uns verarschst, dreh ich dir persönlich den Hals um."
      Der Fremde lotste sie durch zwei Flure, die verlassen waren und dann zu einer Tür, die Santiago als erstes als Feuerschutztür wahrnahm, doch dann bemerkte er, dass es sich um eine stinknormale Tür handelte. Von außen brauchte man dafür wahrscheinlich einen Ausweis, aber von innen konnte jeder die Tür benutzen - was sie auch gleich taten.
      Fische Luft, so sagte man, war gesund. Aber nicht, wenn man sich gerade an eine ordentliche Portion Adrenalin krallte, um nicht aus den Latschen zu kippen. Santiago verkniff es sich, zu schwanken, als ihn der Schwindel überkam.
      "Beeil dich," zischte Lewis.
      Ja, richtig. Sie mussten hier weg.
      Santiago riss sich zusammen und schubste den Fremden in Richtung ihres Autos. Vorsichtig schob er seine rechte Hand in seine Hosentasche.
      "Warum bist du der Meinung, dass wir wissen, wo Apollo steckt?" fragte er scheinbar entspannt, während er den Blick wandern ließ.
      Die Identität des Mannes war ihm für den Moment vollkommen egal. Er wollte das Auto erreichen, hier verschwinden, und sich dann um seinen Arm kümmern.


    • Der Typ starrte Santiago feindselig an.
      "Ist das n-nicht offens-sichtlich? Ihr a-arbeitet für ihn. Irgendwie m-muss er mit e-euch K-Kontakt halten."
      Wenn die Situation nicht so brenzlig wäre, hätte Lewis vermutlich laut gelacht. Der Mann war wie Internet Explorer, nur viel schlimmer. Woher glaubte er sowas zu wissen?
      "Ich ha-hab euch b-beobachtet. I-In der Bank, im-m M-Museum. W-Was soll al-lso die F-Frage?"
      "Ja." Lewis warf Santiago einen Blick zu. "Wirklich dumme Frage. Wie kommen wir nur da drauf."
      Für weiteren Smalltalk blieb keine Zeit, weil sie das Auto erreichten und in der Ferne bereits der Lärm der Sirene ertönte. Lewis hatte sich kaum angeschnallt, der Typ war auf den Rücksitz gerutscht, da legte Santiago schon den Gang ein und fuhr in gemäßigtem Tempo auf den Ausgang zu.
      Lewis sah, wie er sein Lenkrad drehte, um auf die Straße einzubiegen und seine Magie sprang an. Blitzschnell wirbelte er auf dem Sitz herum.
      "Vergiss es! Denk nichtmal dran!"
      Der Kerl sah ihn für einen Moment überrascht an, dann warf er sich plötzlich nach vorne. Lewis' Magie sprang um und er wich dem Schlag aus, der kommen sollte - oder er wollte es zumindest, denn kaum wollte er sich bewegen, sperrten seine Muskeln. Sein Körper arbeitete nicht mit. Sein Kopf blieb genau da, wo er zuvor war, und so traf die zitternde Faust ihn mitten ins Gesicht. Seine Nase knackte mit einem höllischen Schmerz.
      "AU! VERDAMMTER -"
      "V-Versuch's nichtm-mal. Ich k-kann n-nicht v-verfehlen."
      Lewis schlug nach ihm. Er warf seinen ganzen Körper in den Schlag, so gut es über den Sitz nach hinten möglich war. Der Schmerz machte ihn rasend. Doch anstatt auszuweichen, griff der andere nach vorne und Lewis spürte es wieder, wie seine Muskeln arbeiteten, ohne dass er etwas daran getan hätte. Der andere bekam sein Handgelenk zu packen, als hätte Lewis ihn damit schlagen wollen. Mit einer Kraft wie Santiagos hätte er ihn vielleicht trotzdem noch schlagen können, aber nicht so. Mit einem wütenden Geräusch entriss er ihm seinen Arm wieder, ohne einen Treffer verzeichnet zu haben.
      Der andere schlug wieder zu, aber diesmal war nicht Lewis das Ziel. Mit einem gezielten Griff, den er wohl nicht verfehlen konnte, bekam er Santiagos Arm zu packen.
      "Und j-jetzt fahren w-wir alle an einen r-r-ruhigen Ort, an d-dem wir uns u-unterhalten können."
    • "Ich ha-hab euch b-beobachtet. I-In der Bank, im-m M-Museum. W-Was soll al-lso die F-Frage?"
      "Ich wäre beeindruckter, wenn deine Informationen nicht so veraltet wären," grummelte Santiago.
      Er öffnete das Auto und schubste den Fremden auf den Rücksitz, bevor er sich zur Fahrerseite aufmachte. Dabei warf er einen Blick über den Parkplatz. Nichts zu sehen und Lewis bemerkte auch nichts. So weit, so gut. Wenn sie weiterhin ruhig blieben, dann sollten sie hier in einem Stück - naja, fast - herauskommen.
      Sie schafften es nicht einmal bis zur Straße.
      Lewis und der Fremde prügelten sich im Auto, zwischen Vorder-und Rücksitz. Santiago trat auf die Bremse und schob Lewis beiseite, zurück auf den Beifahrersitz, um die Sache zu beenden. Er hätte den Typen von Anfang an ausschalten sollen. Jetzt hatte er den Salat.
      Bevor er jedoch seinen vorangegangenen Fehler beheben konnte schnappte sich der Fremde seinen Arm. Und das nicht zu knapp. Eine Hand unter dem Ellenbogen, eine an der Schulter. Und die Hand an der Schulter war alles andere als angenehm.
      Santiago schrie auf, bevor es verhindern konnte. Schmerz schoss ihm bis in die Haarspritzen und für einen kurzen Augenblick tanzten schwarze Punkte in seinem Sichtfeld herum.
      Jap, der Schuss hatte definitiv seine Schulter erwischt.
      "Und j-jetzt fahren w-wir alle an einen r-r-ruhigen Ort, an d-dem wir uns u-unterhalten können."
      Santiago zwang sich dazu, durch die Nase zu atmen. Sein Arm bestand nur noch aus Schmerz, nicht mehr aus Muskeln und Knochen. Ganz ruhig, Santi. Das ist nicht dein erstes Rodeo.
      Santiago rückte seinen Sitz mit Gewalt nach hinten und rammte ihn dem Fremden in die Knie. Die Ablenkung war genug, dass sich der Griff des Mannes lockerte. Santiago stieg aus, riss die Tür zum Rücksitz auf und packte den Fremden am Hals.
      "Gute Nacht," fauchte er und ließ seine Magie von der Leine. Mehr noch: er zwang sie mit voller Gewalt in den Verstand des Mannes, bis dieser das Bewusstsein verlor.
      Santiago ließ ihn auf den Rücksitz plumpsen. Er atmete schwer, ihm tat alles weh, seine Beine fühlten sich an wie Pudding. Aber er hatte keine Zeit, jetzt zusammenzuklappen. Er musste sie immer noch hier rausbringen. Also zwang er sich dazu, wieder einzusteigen. Er machte sich nicht die Mühe, seinen Sitz wieder richtig zu rücken, er fuhr einfach los.
      Er fuhr sie an den Stadtrand, wo er ein Lagerhaus auf einen seiner vielen Decknamen hatte. In dem Lagerhaus war nicht viel, aber genug. Er hatte es für Momente wie diese angemietet, wenn er mal untertauchen musste. Aus der Not heraus parkte er das Auto im Lagerhaus, unweit der zwei Schwerlastregale, die gefüllt waren mit haltbaren Konserven, Camping Equipment, Wegwerf-Handys, und Erste Hilfe Equipment.
      "Der Hardshell-Koffer. Der Grüne," wies er Lewis an, während er sich daran machte, sein Jackett aufzuknöpfen.
      Er fluchte, als er sich das Kleidungsstück von den Schultern schob und sich dann mit zittrigen Händen daran machte, sein Hemd zu öffnen, das vollkommen durchgeblutet war. Er fiel mehr als dass er sich auf den einfachen Metallstuhl setze. Er legte seinen nutzlosen Arm auf dem Tisch ab und betrachtete ihn. Die Haut war blass, abgesehen von dem ganzen Blut, und seine Fingerspitzen kribbelten. Nicht gut. Er schob sich das Hemd von der Schulter und der Schmerz intensivierte sich. Ein Blick zur Seite zeigte ihm, wo die Kugel gelandet war. Überhaupt nicht gut.
      "Lewis! Lewis... Ist die Kugel durchgegangen?"


    • Santiagos Schrei ging Lewis durch Mark und Bein. Entsetzt starrte er ihn an - der Schuss. Er hatte den Schuss vergessen. Aber nach Santiagos bleichem Gesicht zu schließen hatte er das nicht vergessen, und der Typ genauso wenig. Sein Griff hatte genau gesessen.
      Lewis holte zum Schlag aus. Dass der Typ Santiago angeschossen hatte war schon schlimm genug, aber dass er ihm nochmal wehtat, ging mit Lewis völlig durch. Er hatte Santiago noch nie so schreien gehört und das würde der andere ihm büßen. Aus diesem Auto kam der nicht mehr lebend heraus.
      Der Kerl sah zu ihm, erwartete den Schlag. Bevor aber einer von beiden handeln konnte, schoss Santiago mit seinem Sitz zurück. Der Mann schrie und Santiago konnte sich seines Griffs entwinden. Eine Sekunde später war er aus dem Auto gestiegen, hatte die hintere Tür aufgerissen und zog den schreienden Mann auf die Straße. Lewis schaute in die andere Richtung und ließ seine Magie ihr Futter holen. Die Polizei kam näher, Passanten wurden aufmerksam. Lewis filterte alles, was nicht unmittelbar relevant war.
      "Gute Nacht", kam es von hinten und das Geschreie des Mannes hörte abrupt auf. Lewis musste nicht einmal hinsehen um zu wissen, was geschehen war. Der Horror kroch ihm über das Rückengrat und stellte seine Nackenhaare auf. Fest konzentrierte er sich auf seine Magie und blendete aus, wie Santiago den Typ wieder auf den Rücksitz schob. Dann war er zurück und Lewis erlaubte sich einen Blick, der ihm zeigte, dass Santiago wieder normal war. Stinkwütend, verletzt, aber zumindest normal. Er atmete schwer, seine Hände zitterten. Das Blut war bei dem dunklen Anzug kaum zu sehen, aber jetzt, da Lewis wusste, wonach er suchen musste, konnte er es ausmachen. Viel Blut sogar. Der Geruch hing schwer im Wagen.
      Nichts hätte er lieber getan, als das Steuer zu übernehmen. Santiago sollte sich lieber auf den Beifahrersitz setzen und seinen Arm schonen, aber das war Lewis unmöglich. Seine Frustration darüber konnte er jetzt nicht einmal an dem Typ auslassen.
      Sie fuhren in ein Lagerhaus ein, das wie ein Unterschlupf ausgestattet war. Noch etwas von Santiagos Vergangenheit, über die Lewis noch nie wirklich nachgedacht hatte, aber jetzt war er sogar froh darüber. Als das Tor sich hinter ihnen wieder schloss, hatten sie so etwas wie Privatsphäre. Zumindest war die Polizei ihnen nicht auf der Fährte.
      Lewis sprang als erster aus dem Wagen und suchte bereits die Regale ab. Den Typ ließen sie hinten liegen, der war für die nächsten Stunden sowieso beschäftigt. Santiago kam langsamer nach.
      "Der Hardshell-Koffer. Der Grüne."
      Lewis fand, was er meinte. Er schnappte ihn sich und kehrte zu Santiago zurück, der sich zu einem Tisch geschleppt hatte und seinen Arm offen gelegt hatte. Das erste was sofort ins Auge stach, war das viele Blut. Zu viel davon. Selbst jetzt tröpfelte es noch unregelmäßig Santiagos Arm entlang und sorgte unmittelbar für die blasse Haut des Mannes. Lewis Herz setzte einen Schlag aus, dann bekam er es mit der Angst zu tun. Er würde doch nicht...? Santiago würde doch nicht...?
      "Lewis!"
      "Ja. Ja."
      "Lewis... Ist die Kugel durchgegangen?"
      Er knallte den Koffer auf den Tisch und zog sich den zweiten Stuhl heran. Er versuchte das Rasen seines Herzens auszublenden, als er den Koffer aufriss und sich den ersten Verband schnappte, den er finden konnte. Damit versuchte er das Blut wegzuwischen; vor lauter Blut konnte er gar nichts sehen.
      "Äh..."
      Er versuchte sachlich zu bleiben. Nicht zu viel darüber nachzudenken. Das war nur Santiago, der auf dem Stuhl vor ihm verblutete. Gar keine Sache.
      "Wenn du schon immer eine Kugel in der Schulter stecken hattest, dann ja. Dann ist sie durchgegangen."
      Er warf den blutigen Verband weg, schnappte sich eine Pinzette, zog sich Einmalhandschuhe über. Seine Hände bebten und die Handschuhe verfingen sich kurzzeitig. Fuck, sowas hatte er noch nie getan. Santiago verblutete.
      "Mach dir keine Sorgen, ich hab das schon hundertmal bei Jay gemacht."
      Er rutschte heran, versuchte mit einer Hand und dem Verband das Blut wegzuwischen, setzte mit der Pinzette der anderen an. Seine Magie sprang an, dann setzte sie wieder aus. Lewis' Augen weiteten sich; Santiago hatte Reaktionen auf seine Behandlung, aber nur manchmal? Oh fuck. Ohfuckohfuckohfuck. Lewis konnte ihn umbringen, wenn er etwas falsch machte.
      "Bleib einfach ruhig. Alles nicht so schlimm."
      Sein Herz drohte ihm aus der Brust zu springen. Er holte tief Luft, dann fischte er nach der Kugel.
    • "Äh... Wenn du schon immer eine Kugel in der Schulter stecken hattest, dann ja. Dann ist sie durchgegangen."
      Fuck! Worst Case Szenario also.
      "Okay... Normalerweise würde ich sagen, lass sie drin, aber dafür haben wir keine Zeit."
      Er verriet Lewis nicht warum, der Streuner war schon nervös genug ohne die Information, dass Santi das Gefühl in seiner Hand verlor. Er konnte nur hoffen, dass das kein permanenter Nervenschaden war.
      "Handschuhe und dann..." Santi warf einen Blick in den Koffer. "Pinzette. Du musst die Kugel rausholen."
      Lewis zitterte schlimmer als er selbst. Verdammt. Santi würde es ja selber machen, aber das wäre wahrscheinlich noch schlimmer.
      "Mach dir keine Sorgen, ich hab das schon hundertmal bei Jay gemacht."
      "Lügner."
      Santi zwang sich zu einem Lächeln.
      "Bleib einfach ruhig. Alles nicht so schlimm."
      Oh Lewis, dachte Santi. Wenn ich dir doch nur glauben könnte.
      Santi packte Lewis am Handgelenk und sah ihn eindringlich an.
      "Du packst das. Ich vertrau dir. Wenn du die Kugel rausgeholt hast, werd ich bluten. Viel. Du musst deinen Finger in die Wunde stecken, um das zu stoppen."
      Er packte Lewis am Kinn, als dieser lieber zu besagter Wunde schauen wollte, und zwang ihn dazu, ihm in die Augen zu sehen.
      "Ich werd dir schon nicht wegsterben. Aber ich werde wahrscheinlich das Bewusstsein verlieren. Nimm den Finger erst raus, wenn es aufhört zu bluten, ja? Dann reinigst du dir Wunde und verbindest sie. Du musst nichts nähen, das mach ich selbst. Du musst nur die Blutung stillen. Das kannst du."
      Santi ließ Lewis los und lehnte sich in dem Stuhl zurück. Er nickte ihm aufmunternd zu. Und Lewis begann, nach der Kugel zu suchen.
      Santiago war schon ein paarmal angeschossen worden. Er hatte auch schon ein paar Kugeln entfernen müssen. Aber eine Schusswunde war nichts, woran man sich gewöhnte. Er gab sich Mühe, still zu halten. Er gab sich Mühe, nicht zu schreien. Beides nur mit mäßigem Erfolg. Immerhin schaffte er es, seine Schulter nicht zu bewegen. Und nach ungefähr einer halben Minute erlöste er sie beide und ihm wurde schwarz vor Augen.

      Santi zuckte zusammen, als er aufwachte - und bereute es sofort. Schmerz schoss durch seine Gliedmaßen. Stöhnend rollte er sich auf der Seite zusammen und konzentrierte sich einfach nur darauf, zu atmen.
      "Ich bin okay," wisperte er. "Ich bin okay."
      Er hatte keine Ahnung, was er geträumt hatte. Irgendeine abstruse Kombination aus der Angst einer Rassistin in der Notaufnahme und die des Fremden, der ihn angeschossen hatte.
      Er presste eine Hand gegen seine Schulter, als er sich stöhnend aufsetzte. Er sah sich in seinem Lagerhaus um. Lagerhaus... ach ja, sie hatten aus dem Museum abhauen müssen. Santi saß auf einem Feldbett, seinem Feldbett, und da war ein Verband um seinen Oberkörper gewickelt. Wer auch immer das gemacht hatte, hatte keine Ahnung, wie man eine Schulterverletzung versorgte. Lewis...
      "Lewis?" Santis Stimme war kratzig wie Schmirgelpapier, seine Kehle trocken.
      Das war ein Problem, das man lösen konnte, oder? Ja, bestimmt. Wie ging das noch gleich? Wasser! Ha! Er erinnerte sich! Wasser...
      Santi biss die Zähne zusammen und zwang sich dazu, aufzustehen.


    • Oh Gott, Lewis konnte das nicht. Er konnte es nicht. Er würde irgendeine Arterie aufreißen, oder was sonst alles passieren konnte, und Santiago würde ihm verbluten. Er würde ihm wegsterben. Santiago würde sterben. Oh fuck. Oh fuck. Tränen schossen ihm in die Augen und er konnte nichts sehen. Santiago stöhnte ein weiteres Mal, tief und gequält, dann wurde er still und sackte zur Seite weg. Fast wäre er ihm vom Stuhl gerutscht und Lewis fluchte laut, als er ihn auffing. Die Kugel steckte noch drin.
      "Fuck!"
      Er bemühte sich, drei Sachen gleichzeitig zu machen. Santiago am Runterfallen zu hindern, das Blut wegwischen, die Kugel rausfischen. Alles war glitschig und warm und stank fürchterlich. Lewis hatte das Gefühl, er würde mit der Pinzette nicht die Kugel zu greifen versuchen, sondern Santiagos Adern zerschneiden. Gottverdammt, er würde ihm sterben. Er würde ihm sterben!
      Die Kugel! Lewis bekam die verdammte Kugel zu greifen, glitt wieder aus, zog erneut. Ein neuer Blutschwall kam heraus und dann klickte es dumpf, als die Kugel zum Boden fiel. Sie war draußen. Glücklicherweise war Santiago schon bewusstlos, so wie er gesagt hatte, denn das wollte er sicherlich nicht miterleben, aber Lewis hatte es geschafft. Die Kugel war draußen. Gehetzt steckte er den Finger in das warme Loch, angelte nach dem Verband und begann zu wickeln und zu wickeln. Er hatte keine Ahnung, wie viel nötig war, und wickelte schließlich den ganzen Verband um Santiagos Schulter. Dann drückte er, Druck auszuüben war wichtig, das wusste sogar Lewis. Er wusste nur nicht, ob alles so richtig war, ob Santiago wieder aufwachen würde. Er sah totenbleich aus.
      "Ist alles gut. Alles ist gut. Ich hab's geschafft. Ist geschafft, Santi."
      Santi rührte sich nicht. Lewis schluckte den Kloß runter, der sich in seinem Hals bildete, und sah sich um. Plötzlich kam er sich unfassbar alleine vor, in dieser stillen Halle mit einem bewusstlosen Santiago, dem es gutging oder auch nicht. Er hätte alles gegeben, wenn sogar dieser Typ aufgewacht wäre, nur um ihm zu sagen, ob er die Sache richtig gemacht hatte. Lewis war niemand, der selbst handelte. Lewis brauchte jemand, der ihm genau sagte, was zu tun war.
      Hilflos sah er zu Santiago zurück, dann prüfte er den Verband erneut, aber kein neues Blut trat darunter hervor. Dann tätschelte er leicht Santiagos Wange und Santiagos Augenlider flatterten. Er seufzte tief, aber Lewis' Erleichterung hätte nicht größer sein können.
      "Okay. Okay. Alles in Ordnung. Ich -"
      Er sah sich um, fand eine Ecke in der Halle, die wie ein Schlafzimmer eingerichtet war. Es erinnerte ihn ziemlich an Santiagos Zuhause.
      "Ich bring dich ins Bett. Wir gehen jetzt ins Bett. Komm, Santi. Gott, fuck." Er gab sich Mühe, ihn zu bewegen. "Komm einfach. So ist's gut, komm einfach. Ist nicht weit."
      Santiago stöhnte leise, als Lewis an ihm zog und ihn hochhievte. Er hatte kaum die Kraft, Santiagos massigen Körper zu stemmen und mehr als einmal hatte er die grauenhafte Vorstellung, wie sie beide zu Boden gingen und Santiago doch noch starb. Wie auch immer das geschehen sollte, doch in seiner Vorstellung war es sehr realistisch. Er packte Santiago fester, wobei seine Beine zitterten.
      "Fuck. Fuck."
      Schritt für Schritt schaffte er es mit ihm hinüber, dann ließ er ihn ungelenk auf das aufgestellte Feldbett plumpsen. Santiago sackte fast augenblicklich zur Seite und Lewis fing ihn gerade noch auf. Mit mehr Geziehe und Gehieve brachte er ihn dann endlich in eine liegende Position.
      Keuchend richtete er sich auf, ehe ihm erst auffiel, dass Santiago sein Blut überall verschmiert hatte. Er hätte ihn vorher sauber machen müssen - auch egal. Dann würde er es eben jetzt tun. Er suchte ein Waschbecken und machte sich an die Arbeit.
      Als er fertig war, wusch er erst seine eigenen Hände, bis sämtliches Blut verschwunden war, dann zog er den furchtbaren Pullover aus. Der war auch von Blut verschmiert und außerdem verschwitzt und außerdem kratzte er so furchtbar, dass Lewis es nicht mehr aushielt. Er warf ihn auf den Boden und machte sich dann daran, den Typen aus dem Auto zu holen. Der war wesentlich leichter als Santiago und ließ sich beinahe ohne Probleme auf den Stuhl befördern. In einem der Regale fand Lewis Kabelbinder und fesselte ihn damit an den Stuhl. Als er gerade fertig war, knarzte das Bett aus der Ecke. Lewis horchte sofort auf.
      "Lewis?"
      Santiago war wach. Er war wach! Lewis schoss sofort zu ihm hinüber, erleichtert wie sonst was, nur um zu sehen, wie er sich auf die Füße zu quälen versuchte.
      "Woah, bleib sitzen, Santi! Nein, bleib liegen, du hast so viel Blut verloren. Gott bitte, ich kann dich nicht nochmal tragen."
      Er überzeugte Santiago davon sich wieder hinzulegen, dann war er auch sofort bei ihm. Santiago sah besser aus, wenn auch nur marginal. Aber er war wach, das war alles, was zählte.
      "Wie fühlst du dich? Brauchst du was? Wasser? Bring ich dir, das hol ich dir. Bleib liegen."
      Wieder rannte er durch die Halle, suchte nach einem Becher, füllte ihn mit Wasser, kehrte zu Santiago zurück. Vorsichtig versuchte er ihm das Wasser einzuflößen, ließ ihn dabei nicht eine Sekunde aus den Augen. Jetzt, da die erste Gefahr vorüber war, wollte er sich nicht wieder vorstellen, dass Santiago sterben könnte. Nie wieder.
      "Was macht die Schulter?"
    • "Woah, bleib sitzen, Santi! Nein, bleib liegen, du hast so viel Blut verloren. Gott bitte, ich kann dich nicht nochmal tragen."
      Sitzen bleiben? Das klang eigentlich nach einer guten Idee. Lewis war ja jetzt da, da konnte er sich bestimmt noch ein paar Minuten gönnen. Hinlegen? Ja, das war sogar noch besser, jetzt, wo Santi so darüber nachdachte.
      Vorsichtig legte sich Santi wieder hin.
      "Wie fühlst du dich? Brauchst du was?"
      "Was zu trinken..."
      "Wasser? Bring ich dir, das hol ich dir. Bleib liegen."
      Lewis verschwand. Santi versuchte, einen Gedanken zu haben. Aber denken war so anstrengend. Sein Hirn war ein ausgetrockneter Schwamm.
      Lewis kam zu ihm mit einem Glas Wasser. Wie nett von ihm. Mit ein bisschen Hilfe schaffte es Santi, sich auf einen Ellenbogen zu stützen und etwas zu trinken. Das Wasser brannte, als es ihm die Kehle hinunterlief, aber Er zwang sich dazu, alles zu trinken. Er wusste, dass es dafür einen Grund gab, einen wichtigen sogar, aber er konnte sich nicht richtig erinnern. Anstatt, ihn zu suchen, legte er sich wieder hin.
      "Was macht die Schulter?" fragte Lewis.
      "Tut weh," gab Santi zurück. Die Untertreibung des Jahrhunderts.
      Er schloss die Augen und nahm Bestand von sich selbst. Es war noch alles dran und er konnte auch noch alles bewegen. Sekunde - konnte er? Er schlug die Augen wieder auf und betrachtete seinen rechten Arm. Langsam ballte er die Hand zur Faust. Dieser simple Akt sandte Schmerzwellen durch seinen Körper, die er so schon sehr lange nicht mehr gespürt hatte. Er entspannte seine Hand wieder, und fühlte sich, als wäre er einen Marathon gelaufen. Aber der Schmerz... der Schmerz klärte seine Gedanken. Ließ ihn überhaupt erst welche haben.
      "Wo ist die Kugel?" fragte er. "Und wo ist unser Gast?" Und am wichtigsten: "Bist du okay?"


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    • Lewis sah etwas hilflos auf Santiago und den Wulst aus Verband hinab, in den er seine Schulter gepackt hatte.
      "Willst du Schmerzmittel haben? Oder... nein, besser nicht, du hast so viel Blut verloren. Oder ein bisschen? Eine halbe Tablette?"
      Lewis wollte irgendwas machen. Der Anblick von Santiago, wie er dort schwach auf dem Bett lag, war kaum zu ertragen. Santiago war der stärkste Mann, den Lewis kannte; nichts konnte ihn bezwingen. Und doch lag er jetzt hier, angeschossen von einem Typen, dem Lewis sehr gerne die Eier abschneiden würde. Aber erst, wenn er sich vergewissert hatte, dass es Santiago wirklich gut ging.
      Der andere schloss die Augen und wirkte nach einem Moment wie eingeschlafen. Lewis blieb nervös auf der Bettkante sitzen und spielte mit der Kante des Bezugs herum. Seine Magie zeigte ihm nichts und sicherlich hätte sie ihn zuvor schon gewarnt, wenn Santiago auf dem besten Weg war zu sterben. Nicht einmal beim Schuss hatte sie Lewis etwas derartiges gezeigt - oder war es ihm nur nicht aufgefallen? Bei dem ganzen Chaos, das Magie und Kampf gezeigt hatten, war es ihm da nur entgangen? Würde Santiago trotzdem sterben?
      Lewis wurde noch nervöser. Er wollte sich gerade über Santiago beugen, da schlug der andere die Augen doch wieder auf. Seine Pupillen richteten sich auf Lewis, auch wenn seine Augen selbst noch glasig waren.
      "Wo ist die Kugel?"
      "Oh, äh, irgendwo da vorne auf dem Boden. Ich hab noch nicht sauber gemacht. - Aber jedenfalls nicht in deiner Schulter."
      "Und wo ist unser Gast?"
      "Der sitzt auch da vorne und den hab ich erst recht nicht sauber gemacht. Er genießt noch seine Show."
      "Bist du okay?"
      Lewis lächelte, oder zumindest versuchte er sein unbeschwertes alles-egal-Lächeln. Es fühlte sich nur nicht sehr richtig an, denn ihm war alles andere als egal und am liebsten hätte er sich zu Santiago gelegt. Er kam sich selbst schon viel zu anhänglich vor, aber der Gedanke, Santiago zu verlieren, war einfach zu grausam. Er hatte sich einfach schon so sehr an seine Anwesenheit gewöhnt, ja, das war bestimmt der Grund dafür.
      "Mir geht's super. Ging nie besser. Meine Nase tut weh, das ist alles, und deinen Pulli hab ich ruiniert. Sorry dafür. Sonst ist alles prächtig."
      Er zwirbelte den Stoff zwischen seinen Fingern und sah hierhin und dorthin. Santiago sagte nichts, aber Lewis konnte auch nicht wirklich verlangen, jetzt ein Gespräch mit ihm zu führen. Er sollte sich ausruhen und Lewis sollte ihm dabei nicht auf die Nerven gehen, aber er rührte sich nicht vom Fleck.
      "Äh..."
      Er sah Santiago in die Augen, sah wieder weg, sah wieder hin.
      "Du wirst doch... wirst in Ordnung kommen. Oder? So ganz... allgemein?"
    • "Mir geht's super. Ging nie besser. Meine Nase tut weh, das ist alles, und deinen Pulli hab ich ruiniert. Sorry dafür. Sonst ist alles prächtig."
      Lewis musste wirklich an seinen Künsten als Lügner und Schauspieler arbeiten. Der Streuner war so nervös, dass das ganze Feldbett mit ihm mit zitterte.
      Ihr Gast war also immer noch bewusstlos. Das war gut. Das hieß auch, dass Santi nicht allzu lange außer Gefecht gewesen war. Unter acht Stunden, höchstwahrscheinlich sogar weniger als fünf. Sie hatten also nicht zu viel Zeit verloren. Und dass sie noch hier waren, die Cops aber nicht, sagte ihm, dass er trotz seines halb-benebelten Zustands noch ordentlich gefahren war und niemanden hier her geführt hatte. Ein hoch auf paranoide Instinkte. Das machte die Liste ihrer Probleme zwar nicht kürzer, aber auf jeden Fall ein bisschen weniger kompliziert.
      "Du wirst doch... wirst in Ordnung kommen. Oder? So ganz... allgemein?"
      "Hm?"
      Lewis sah so verloren aus. Scheiße, Santi hatte ganz vergessen, dass der Streuner sowas noch nie gemacht hatte. Dass er an sowas nicht gewöhnt war. Fuck.
      Santi streckte seine gute Hand nach Lewis aus und legte sie ihm in den Nacken.
      "Hey. Das wird schon wieder. Ich werd schon wieder."
      Ächzend setzte sich Santi auf und lehnte sich gegen die Betonwand, an der das Bett stand. Für einen viel zu langen Moment drehte sich alles und ihm wurde schlecht, aber er zwang sich dazu, zu atmen anstatt zu kotzen.
      "Eins nach dem anderen. Ich brauche die Kugel und den Koffer mit der medizinischen Versorgung. Wir kümmern uns jetzt erstmal um meine Schulter. Kein Grund zu hetzen, der kritische Teil ist rum."
      Er suchte Lewis' Blick für seine nächsten Worte, weil er wollte, dass der Streuner sie hörte; sie wirklich hörte: "Du hast mir das Leben gerettet, Lewis."
      Mit einer einfachen Geste forderte er den Streuner dazu auf, sich zu ihm zu lehnen, damit er ihn küssen konnte.


    • "Hey. Das wird schon wieder. Ich werd schon wieder", sagte Santiago. Lewis wollte ihm das glauben, wollte es wirklich glauben, es war alles nur ein bisschen schwer, wenn Santiago das mit einer kratzigen Stimme sagte, während er so aussah, als würde er jede Sekunde wieder in Ohnmacht fallen. Lewis musste einfach Vertrauen in ihn haben. Ihn hatte doch bisher nichts aufgehalten, dann auch jetzt nichts. So ein Schuss war doch... gar nichts. Bestimmt hatte er früher schon viel schlimmeres überlebt.
      Der Gedanke munterte ihn aber nicht auf und als Santiago sich ächzend aufsetzte, wäre er am liebsten gleich wieder an seine Seite gesprungen. Was war nur los mit Lewis? Wieso benahm er sich so dämlich?
      "Eins nach dem anderen. Ich brauche die Kugel und den Koffer mit der medizinischen Versorgung. Wir kümmern uns jetzt erstmal um meine Schulter."
      "Okay."
      Lewis war sofort auf den Beinen, kaum hatte Santiago zu Ende gesprochen. Es drängte ihn, etwas zu tun, sich nützlich zu machen. Das Herumsitzen und Denken war ganz und gar nicht gut für ihn.
      "Kein Grund zu hetzen, der kritische Teil ist rum."
      "... Okay."
      Unschlüssig verharrte Lewis. Santiago suchte seinen Blick, dann sagte er:
      "Du hast mir das Leben gerettet, Lewis."
      Lewis starrte ihn an. Die Worte brauchten einen Moment, bis sie wirklich in seinem Gehirn angekommen waren. Du hast mir das Leben gerettet, Lewis. Er hatte ihm das Leben gerettet. Er. Er hatte das getan. Lewis und seine Entscheidungen hatten dazu geführt, dass Santiago den Schuss überlebte. Niemand hatte ihm in dem Moment gesagt, was zu tun war, Lewis hatte es alleine hinbekommen. Ganz alleine.
      Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, ein echtes dieses Mal. Santiago streckte die Hand nach ihm aus und Lewis hätte nicht schneller sein können, als er zurück auf das Bett kroch, Santiagos Gesicht mit der gesunden Hand umrahmte und ihn küsste. Wirklich küsste. Lewis wusste nicht, was dort aus ihm herausstrahlte, aber der Kuss verursachte eine Wärme in ihm, die unbeschreiblich war. Sein ganzes Wesen sehnte sich in diesem Moment nach Santiago und nur nach ihm, seine ganze Welt schrumpfte auf den Mann zusammen. Lewis begriff nicht, dass er sich in Santiago verliebt hatte.
      Er strahlte ihn an, dann stand er wieder auf.
      "Kugel und Koffer. Mach ich, bring ich."
      Dann ging er, um Santiago beides zu holen.
    • Wer hätte gedacht, dass küssen so anstrengend sein könnte? Santi bemühte sich aber, sich nichts davon anmerken zu lassen. Er wollte Lewis hier beruhigen, nicht noch mehr Sorgen bescheren.
      "Kugel und Koffer. Mach ich, bring ich."
      Santi ließ den Kopf gegen die Wand sinken und beobachtete Lewis, wie er durch das Lagerhaus hechtete. Er wirkte entspannter. Zumindest ein bisschen. Was gut war, denn mit der Schulter würde Santi noch so einiges an Hilfe brauchen. Angeschossen zu werden war echt unpraktisch.
      Santi sammelte sich und machte sich daran, den Verband von seinem Oberkörper zu entfernen. Seine Bewegungen waren langsam und seine Hand zitterte immer noch dank der Schmerzen, die ihn nicht allein lassen wollten. Das würde er ändern müssen.
      Das Loch in seiner Schulter sah übel aus, aber alle Schusswunden taten das. So war das eben mit destruktiven Erfindungen. Aber Lewis hatte gute Arbeit geleistet, wenn man seine limitierte Erfahrung bedachte. Santi konnte damit arbeiten. Das hier war etwas, das er reparieren konnte.
      "Die Kugel zuerst, zeig mal," meinte er, als Lewis zu ihm zurückgekehrt war.
      Die Kugel war klein, genau wie die Waffe es gewesen war. Santi überprüfte sie von allen Seiten und atmete erleichtert auf, als er sah, dass die Kugel noch intakt war. Ein Problem weniger.
      "Die solltest du behalten," scherzte Santi und reichte Lewis die Kugel.
      Ohne sich großartig zu bewegen suchte Santi den Koffer durch. Da war weitaus mehr drin als nur einfache Erste-Hilfe-Produkte. Dieses Ding wurde im Militär benutzt, draußen in Feldeinsätzen. Da war alles drin, was man brauchte, um eine Schusswunde zu versorgen.
      "Die Spritze da," meinte er und deutete auf eine eingepackte, schmale Spritze, die schon mit einem Medikament aufgezogen worden war. "Und die Tabletten mit der blauen Packung."
      Santi drückte sich zwei Tabletten aus der Packung und schluckte sie trocken. Das sollte ihn zumindest funktionieren lassen, sobald die Wirkung einsetzte.
      "Okay. Handschuhe an. Desinfiziere meine Schulter um die Schusswunde herum. Drei Finger breit in alle Richtungen. Dann nimmst du die Spritze und drückst and vier Punkten, zwei Finger weit weg vom Loch zwei Streifen in meine Haut rein. Nicht schwer, du kannst nichts falsch machen."
      Er biss die Zähne zusammen und ließ Lewis machen. Das leichte Brennen wach charakteristisch für die lokale Betäubung. Sobald die eingesetzt hatte, machte er Lewis zu seiner OP-Schwester, während er die Schusswunde versorgte. Sobald die Naht saß, wie sie sitzen sollte, testete er auch kurz seinen Bewegungsradius - so schmerzhaft das auch war. Dankenderweise fühlte es sich nicht so an, als ob die Kugel seine Knochen zu stark beschädigt hatte. Für einen Schuss aus nächster Nähe war der echt schlecht gewesen.
      Sobald sie fertig waren, das Loch zu flicken, warf Santi auch noch ein Breitbandantibiotikum ein, bevor er sich erschöpft gegen die Wand zurücksinken ließ. Er war erschöpft, ihm war schwindelig, alles tat weh trotz der Medikamente, und von dem Blutverlust war ihm auch noch kalt. Aber er war am Leben. Und Lewis war in Ordnung. Und vielleicht, ganz vielleicht, bekamen sie endlich ein paar Antworten über Apollo von dieser Hackfresse, die ihn angeschossen hatte.
      "Komm her," meinte Santi zu Lewis und ließ sich langsam wieder auf das Feldbett sinken. "Mir ist kalt," grummelte er und rollte sich auf die linke Seite, um Lewis ein bisschen Platz zu machen.
      Ein paar Stunden Schlaf konnten nicht schaden. Nur zwei, nur ein bisschen.
      Santi kuschelte sich an Lewis, soweit das in seinem Zustand möglich war. Lewis war angenehm warm. Und er roch nach Lewis. Santis Lieblingsgeruch.


    • Lewis brachte beides in Windeseile und saß dann wieder auf dem Bettrand, während Santiago die Kugel betrachtete. Warum er das tat wusste Lewis nicht so recht, aber es schien wichtig zu sein und er wollte ihn nicht in seiner Konzentration stören. Als Santiago dann wieder fertig war, hielt er sie ihm hin.
      "Die solltest du behalten."
      Lewis schnaubte.
      "Klar. Ein Souvenir als Erinnerung an den tollen Tag heute."
      Er nahm sie entgegen, steckte sie aber dann doch ein. Später konnte er sie immernoch wegwerfen.
      Als nächstes kam die Wunde selbst dran. Sie sah hässlich aus, so wie jede Fleischwunde vermutlich hässlich aussah, und Lewis konnte sich wirklich nicht vorstellen, wie das jemals ordentlich verheilen sollte. Da war ein ganzes verdammtes Loch in Santiagos Schulter und auch, wenn es nicht mehr blutete, sah es furchtbar aus. Lewis konnte sich wirklich nicht vorstellen, wie die Haut da wieder zusammenwachsen sollte.
      Aber er tat sein bestes, ganz besonders nachdem er gezeigt hatte, dass er sowas auch alleine hinbekam. Unter Santiagos Anleitung lief alles sehr viel flüssiger und stolz war Lewis trotzdem auf sich. Er schaffte das hier alles selbst, ohne seine Magie. Ja, seine Magie hatte nichtmal ein Fünkchen dazu beigetragen, das war er alles selbst.
      Zum Schluss war Santiago von der Prozedur wieder erschöpft und sank schwer gegen die Wand. Lewis brachte ihm noch einen weiteren Becher Wasser und wartete dann auf den nächsten Schritt der Behandlung. Santiago sagte aber nur:
      "Komm her. Mir ist kalt."
      Kalt - es war in der Halle etwas kühl. Aber kalt? Lewis wusste ja nicht so recht. War das ein schlechtes Zeichen? Ging es Santiago wieder schlechter? Sollte er etwas tun?
      ... Erstmal aufhören, sich solche Gedanken zu machen, wäre vermutlich ein guter Anfang. Er verhielt sich wie ein Kind. Was stimmte nur nicht mit ihm? Santiago wollte kuscheln, das war alles. Und kuscheln war nun wirklich nichts mehr, was Lewis abgelehnt hätte.
      Er quetschte sich zu Santiago auf das Feldbett, wobei kaum genug Platz für seine Beine übrig blieb. Einen Fuß musste er auf dem Boden stehen lassen, dafür konnte Santiago den Kopf auf seiner Brust ablegen. Lewis legte den einen Arm um ihn und schob die Finger durch seine Haare, mit der anderen Hand zeichnete er ihm über den Arm, wie es Santiago stets bei ihm tat. Santiago rührte sich schon kaum mehr.
      "Du kannst schlafen, wenn du willst. Ich pass auf", sagte er leise, unsicher, ob Santiago nicht sowieso schon eingeschlafen war. Dann zog er ihn ein bisschen näher an sich, ein bisschen fester an sich, und vergrub das Gesicht in seinen Haaren.
      "Ich bin froh, dass du wieder aufgewacht bist. Wär' scheiße gewesen ohne dich."
    • "Du kannst schlafen, wenn du willst. Ich pass auf."
      Santi brummte leise und schloss die Augen. Das Angebot war wirklich verlockend. Und logisch: Santi war sowie so schon übermüdet und dann noch die Verletzung und die starken Schmerzmittel... er sollte wirklich schlafen.
      "Ich bin froh, dass du wieder aufgewacht bist. Wär' scheiße gewesen ohne dich," waren die letzten Worte, die er hörte, bevor er diesen Plan auch in die Tat umsetzte.

      Als Santi wieder zu sich kam, fühlte er sich sowohl besser, als auch um einiges schlechter. Besser, weil er endlich ein bisschen geschlafen hatte und das aggressive Pochen in seiner Schulter ein wenig nachgelassen hatte. Schlechter, weil er schlafend nicht an seine Schulter erinnert wurde. Vorsichtig setzte er sich auf und betrachtete seine Schulter; der Verband war noch sauber, also hatte er nicht nachgeblutet. Das war ein gutes Zeichen.
      Probehalber bewegte er seine Finger und spannte seinen Unterarm ein wenig an. Alles funktionierte, die Farbe war wieder in seinen Arm zurückgekehrt - obwohl sich Santi ziemlich sicher war, dass er allgemein immer noch blass war - und das Kribbeln war verschwunden. Die Kugel hatte wahrscheinlich nur Druck auf seine Nerven ausgeübt, sie aber nicht beschädigt. Glück gehabt.
      "Wie lange war ich weg?" fragte er.
      Santi versuchte sich daran, aufzustehen - was sogar klappte. Ihm war ein bisschen schwindelig, aber das war zu erwarten. Sobald er sich sicher war, dass sein Körper gehorchte, ging er zu einem der Regale und suchte sich eine Sweatshirt-Jacke heraus. Er zog sie vorsichtig über seinen kaputten Arm, dann schlüpfte er in den anderen. Es störte ihn immens, wie lange er dafür brauchte. Er schob seine kaputte Hand in die Jackentasche, bis er sich eine gescheite Schlinge machen konnte.
      Ihren Gast ignorierte er geflissentlich. Der Mann stand relativ weit unten auf seiner To-Do Liste.


    • Lewis hielt sein Versprechen und blieb bei Santiago, blieb bei ihm, wenn er zuckte und das Gesicht verzog und im Schlaf leise stöhnte. Langsam kraulte er ihn und blieb einfach nur da, während sein Arm einschlief und sein Rücken schmerzte und alles in ihm danach schrie, die Position zu wechseln. Aber Lewis blieb - bis der Typ auf dem Stuhl sich regte.
      Zuerst war es nur das Knarzen des Stuhls und das gequälte Stöhnen, dann wurde er erst richtig wach. Und als er bei sich war, fing er an, so wild an den Kabelbindern zu reißen, dass der Stuhl laut klapperte.
      Lewis schob sich unter Santiago hervor, Zentimeter für Zentimeter, dann sprang er auf und ging rüber. Der Typ sah ihn, hielt inne und funkelte ihn wütend an. Lewis blieb direkt vor ihm stehen.
      "Na, gut geschlafen, Kumpel?"
      "F-F-F-F.... F-F-F-"
      "Man, was stimmt nicht mit dir? Hängt die Schallplatte da oben?"
      "F-F-F... F..."
      "Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit."
      "F-F... Fick dich."
      Lewis starrte ihn an, dann holte er aus und donnerte ihm die Faust mitten ins Gesicht. Sein Kopf wurde nach hinten gerissen und der Stuhl wackelte. Lewis' Knöchel schmerzten und er schüttelte sie fluchend aus.
      Der Typ grunzte. Er richtete sich auf und spuckte nach Lewis. Seine Magie hatte ihn aber gewarnt und er wich mit einem einfachen Seitenschritt aus.
      "Das ist für das Fick Dich. Und das hier", Lewis schlug noch einmal auf ihn ein, "ist für Santiago. Wenn seine Schulter nicht mehr in Ordnung kommt, dann schwöre ich dir, dann werde ich dir die Eier abschneiden und sie dir in den Mund stopfen. Dann kannst du gleich daran kauen, wenn du so stotterst."
      "S-Sei froh, dass-s ich auf die Sch-Schulter gez-z-zielt habe, s-sonst w-wär er g-gleich ganz hin-n-nüber."
      "Soll ich dir dafür den Schwanz lutschen? Wer ist hier an einen Stuhl gefesselt? Ganz bestimmt nicht ich."
      "U-Und ich h-hab eine v-völlig ges-sunde Sch-Sch-Schulter."
      Dafür schlug Lewis ihn noch einmal. Und gleich noch einmal. Und nur das Knarzen, das von Santiagos Bett kam, hielt ihn davon ab, den Typen so lang zu prügeln, bis er wieder still war.
      Er richtete sich auf und knetete seine schmerzenden Knöchel, dann sah er sich um und fand in einem der Regale Klebeband. Er schnappte sich die Rolle, riss ein Stück auf und schlug sie dem Mann auf den Mund. Der Mann ächzte nur, dann starrte er ihn wieder finster an, die Nase blutig, das Gesicht geschwollen. Eine Sache musste man ihm lassen, er war hartnäckig. Lewis hätte vermutlich viel früher angefangen zu schreien.
      Lewis kam zurück zu Santiago, gerade als der versuchte sich aufzusetzen. Es sah schon ein wenig besser aus als noch vorhin.
      "Wie lange war ich weg?"
      "Vielleicht so... zwei Stunden. Zweieinhalb. Wie fühlst du dich?"
      Santiago beantwortete die Frage, indem er aufzustehen versuchte. Diesmal klappte es auch halbwegs, auch wenn er dabei gefährlich wankte und Lewis ihm gleich unter die Arme greifen wollte. Er blieb aber auf den Beinen und schlurfte schwerfällig zu einem der Regale hinüber, aus dem er ein Sweatshirt zog. Lewis half ihm beim Anziehen.
      "Hast du Hunger? Ich kann ein paar Blocks runtergehen und eine Pizza holen. Das hilft doch bestimmt mit deinem Blut... Zeug."
    • Zwei Stunden also. Mit den ungefähr zwei Stunden, die er bewusstlos gewesen war kam er also auf eine ordentliche Mütze Schlaf für seine Verhältnisse. Na immerhin.
      "Hast du Hunger? Ich kann ein paar Blocks runtergehen und eine Pizza holen. Das hilft doch bestimmt mit deinem Blut... Zeug."
      "Wir haben alles hier," meinte Santi und nickte zu einem anderen Regal, in dem ein ganzer Haufen unterschiedlicher Konserven lagerte. "Wir werden mindestens zwei Tage hier ausharren. Ich kann das Auto nicht loswerden und wir haben immer noch unseren Gast, um den wir uns kümmern müssen. Zwei Tage sind knapp bemessen, jetzt, wo wir uns nicht nur vor Apollo verstecken müssen, sondern auch vor den Cops."
      Er fuhr sich mit der guten Hand durch die Haare und seufzte. So hatte er sich seine Woche nicht unbedingt vorgestellt.
      Sein Blick viel auf Lewis' gerötete Hand und er musste lächeln.
      "Wie ich sehe hast du dich schon ein bisschen um unseren Gast gekümmert. Zeig mal her."
      Er ergriff Lewis' Hand uns betastete die geröteten Knöchel. Es war nichts gebrochen, aber Lewis war eindeutig nicht für Faustkämpfe gemacht.
      "Da drüben ist ein Kühlschrank mit Icepacks drin. Kühl die Knöchel, damit du morgen keinen Boxhandschuh aus Blutergüssen hast."
      Bevor Lewis sich besagte Kühlakkus holen konnte, sah sich Santi auch die Nase des Streuners an. Sie war ein bisschen schief und dem Blut nach zu urteilen, das immer noch hier und da in seinem Gesicht klebte, war die wohl auch gebrochen. Nichts lebensgefährliches, aber sie sollten es richten.
      Santi rückte Lewis so lange auf die Pelle, bis dieser mit dem Hintern gegen den Tisch stieß.
      "Halt dich an der Tischkante fest und schließ die Augen," forderte er. "Das wird jetzt richtig wehtun, aber nur kurz. Danach ist es ein unangenehmes Pochen, dass du in zwei Stunden schon wieder vergessen hast."
      Er gab Lewis einen Moment sich darauf vorzubereiten. Sobald der Streuner sich festhielt und die Augen geschlossen hatte, packte Santi den gebrochenen Teil der Nase und rückte ihn mit einem schnellen Ruck wieder zurecht. Es knackte leise und ein kurzes Betasten verriet Santi, dass alles da war, wo es hingehörte. Er reichte Lewis ein Taschentuch für den Schnodder, der sich jetzt unweigerlich lösen würde. Seine Arbeit fixierte er - wenn auch etwas umständlich, weil er nur eine Hand zur Verfügung hatte - mit ein bisschen Tape von oben.
      "So. Jetzt bist du wieder hübsch," scherzte er.
      Er lehnte sich neben Lewis an den Tisch.
      "Wofür hast du ihn geschlagen?" fragte er leise und strich über Lewis' wütende Knöchel. "Ich nehme an, mindestens ein Schlag war für meine Schusswunde?"


    • Konserven, widerlich. Lewis war zwar kein Gourmet, aber bei Konserven zog er irgendwie die Grenze. Fast Food war doch in Ordnung und es war nur ein paar Blocks entfernt - er wäre in einer Stunde wieder hier. Bewaffnet mit genug Pizza für die restliche Woche.
      Aber Santiago überließ seiner Paranoia die Führung und da half auch keine Argumentation, so gut sie auch sein mochte. Lewis musste sich grummelnd fügen.
      Santiagos Blick fiel auf seine Hand und er lächelte.
      "Wie ich sehe hast du dich schon ein bisschen um unseren Gast gekümmert. Zeig mal her."
      "Ihm war langweilig, da hab ich ihn unterhalten."
      Lewis hielt ihm seine Hand hin und verzog das Gesicht, als Santiago nur mit dem Daumen darüber strich. Jetzt, wo er nicht mehr so wütend auf den Kerl war, tat das alles viel mehr weh. Wie tat Santiago das nur?
      "Da drüben ist ein Kühlschrank mit Icepacks drin. Kühl die Knöchel, damit du morgen keinen Boxhandschuh aus Blutergüssen hast."
      "Ich weiß echt nicht, wie du das machst. Ich hab dich noch nie mit Icepacks."
      Santiago hielt ihn aber noch zurück, bevor er sich um seine Hand kümmern konnte, und besah sich seine Nase. Die tat auch ziemlich weh und atmen tat Lewis sowieso seit Stunden aus dem Mund, das würde aber sicher von selbst vorbeigehen. Nur ließ Santiago einfach nicht locker, bis Lewis irgendwann an dem Tisch lehnte.
      "Halt dich an der Tischkante fest und schließ die Augen. Das wird jetzt richtig wehtun, aber nur kurz. Danach ist es ein unangenehmes Pochen, dass du in zwei Stunden schon wieder vergessen hast."
      "Ich mag's, wenn's wehtut, das weißt du doch", versuchte Lewis sich an einem Scherz, der über seine Nervosität hinwegtäuschen sollte. Er brauchte dennoch einen Moment, bis er sich dazu durchringen konnte, die Augen zu schließen, und sich dann darauf gefasst zu machen -
      Knack.
      "AU! FUCKING - FUCK! AU!"
      Das hatte mindestens zehnmal so viel wehgetan wie der eigentliche Faustschlag und Lewis beugte sich vornüber, kaum befreite Santiago ihn von der Tortur. Roter Schnodder tropfte auf den Boden und er entriss Santiago das Taschentuch, um es sich gegen die Oberlippe zu pressen - bloß nicht gegen die Nase. Wobei die tatsächlich schon weniger schmerzte.
      "So. Jetzt bist du wieder hübsch."
      "Gott. Du kannst mich mal."
      Lewis blinzelte die Schmerzenstränen in seinen Augen weg und richtete sich wieder auf. Santiago streichelte zärtlich seine Hand.
      "Wofür hast du ihn geschlagen? Ich nehme an, mindestens ein Schlag war für meine Schusswunde?"
      "Zwei waren's. Einer, weil er "fick dich" zu mir gestottert hat. Und ein paar Mal, weil mir seine Hackfresse nicht gefallen hat. Au."
      Er nahm das Taschentuch weg, versuchte durch die Nase zu atmen und verzog das Gesicht. Lieber noch nicht.
      "Ich hab ihm gesagt, wenn deine Schulter nicht in Ordnung kommt, schneid ich ihm die Eier ab. Wie lange wird das dauern? Behalten wir ihn solange hier?"
    • "Zwei waren's. Einer, weil er "fick dich" zu mir gestottert hat. Und ein paar Mal, weil mir seine Hackfresse nicht gefallen hat. Au."
      "Sehr verdiente Schläge also."
      "Ich hab ihm gesagt, wenn deine Schulter nicht in Ordnung kommt, schneid ich ihm die Eier ab. Wie lange wird das dauern? Behalten wir ihn solange hier?"
      "Na hoffentlich nicht. Zeitlich gesehen ist die Schusswunde ein ordentliches Problem."
      Santi seufzte. Ab jetzt würde er in Zeitlupe arbeiten. Wäre die Situation, in der sie sich befanden, ein Job, würde er jetzt einfach abbrechen, nach Hause gehen, und sich auskurieren. Leider war das keine Option.
      "Ich hatte Glück im Unglück: kein Nervenschaden, kein arterieller Schaden. Keine Ahnung, wie meine Knochen aussehen, aber da die Kugel nicht durchgegangen ist und ich noch alles bewegen kann, ist es zumindest kein kompletter Bruch oder Schaden am eigentlichen Gelenk. Trotzdem werd ich mich damit ein paar Monate rumschlagen. Länger als normal, wahrscheinlich, da ich nicht besonders viel Zeit haben werde, die Schulter ruhig zu halten und ausheilen zu lassen. Ich werd deine Hände brauchen, also überlass das Schlagen anderer Leute mir, okay?"
      Er hob Lewis' Finger an seine Lippen und küsste sie sanft. Dass er den Typen wirklich geschlagen hatte, weil er Santi wehgetan hatte, rührte ihn irgendwie. Zumindest interpretierte er das warme Kribbeln in seinem Nacken als das.
      "Kühlakku," schickte Santi Lewis dann.
      Während sich der Streuner davon einen holte, trat Santi an den Fremden heran. Lewis hatte ihn gut erwischt: ihm blutete die Nase und an der Augenbraue hatte er eine Platzwunde. In ein paar Stunden könnte ihm das Auge zuschwellen.
      Santiago riss dem Mann das Klebeband von den Lippen.
      "Klappe halten," befahl er sofort. "Ich will drei Sachen von dir wissen. Danach können wir ein ordentliches Gespräch führen. Erstens: Dein Name. Zweitens: Deine Beziehung zu Apollo. Drittens: Warum willst du ihn so unbedingt finden?"
      Santiago zog sich einen Stuhl heran und setzte sich außerhalb ihrer beider Reichweiten darauf. Er spielte sich nicht auf, er drohte dem Mann nicht, er ließ seine Magie nicht aufwallen. Er wollte keine Staatsgeheimnisse von diesem Typen und wenn er sich die paar Sachen, an die er sich noch erinnern konnte, richtig zusammenreimte, dann standen sie am Ende vielleicht sogar auf der gleichen Seite. Kein Grund, sich das mit unnötiger Gewalt zu versauen.


    • Lewis ging die Kühlakkus holen und der Typ funkelte Santiago derweil böse an. Er blieb wirklich still, nachdem Santiago ihm das Klebeband vom Mund gerissen hatte, spuckte aber auf den Boden aus. Seine Lippe blutete und die Spucke war rot.
      "Ich will drei Sachen von dir wissen. Danach können wir ein ordentliches Gespräch führen. Erstens: Dein Name. Zweitens: Deine Beziehung zu Apollo. Drittens: Warum willst du ihn so unbedingt finden?"
      Der Typ sah kurz zu Lewis, der mit den Kühlakkus wiederkam, und dann wieder zurück. Er setzte sich im Stuhl etwas zurecht.
      "Ihr k-könnt mich Z-Z-Z... Z-"
      "Gott, jetzt geht das wieder los."
      "Z... Zeus nennen. Das-s s-sollte alle dr-rei Fr-Fragen beantworten."
      Lewis hob die Augenbraue, dann fasste er sich ins Gesicht. Jetzt nicht auch noch so einer. Sollte er demnächst anfangen, auch noch Götternamen zu pauken für irgendwelche Männer mit Gottkomplexen?
      "Es g-gab anfangs v-vier, dann-n n-nur drei. U-Und A-Apollo hat sich n-nicht an unsere sch-sch-scheiß Abmachung gehalten. Desw-wegen halt ich m-mich an meine a-auch nicht mehr."
    • Zeus? Wow. Was auch immer hier abging, besonders kreativ waren die Eingeweihten ja nicht.
      "Zeus und Apollo," Santiago ließ sich die Namen auf der Zunge zergehen.
      Irgendwas sagte ihm, dass die Mythologie hier eigentlich scheißegal war. Zeus war Apollos Vater und so sah der Typ, den er hier vor sich hatte, nun wirklich nicht aus. Außerdem hatte dieser sehr sterbliche Zeus weder mit Blitzen um sich geworfen, noch sich in irgendein Tier verwandelt. Magie schien er trotzdem zu haben.
      "Okay," meinte Santiago dann schließlich. "Ich nehm an Nummer Vier unter mysteriösen Umständen verstorben und du verdächtigst Apollo. Oder weißt, dass er es war, mir egal. Nächste Frage: Was für eine Abmachung? Beantworte das und ich beantworte deine Frage danach, wie wir zu Apollo stehen. Spoiler: Ich bin nicht Ares und er hier ist nicht Dionysos."
      Santiago nickte zu Lewis.
      Hinter dieser ganzen Sache steckte eindeutig sehr viel mehr als nur ein stinkreicher Sack, dem sie ans Bein in der Designerhose gepinkelt hatten. Santiago hasste es, mit unvollständigen Informationen arbeiten zu müssen.


    • Zeus - Lewis hasste es, ihn so nennen zu müssen - schnaufte laut. Er wirkte erschöpft von der Aussicht auf mehr Erklärung, was nicht wirklich verwunderlich war. Jedes Wort schien ein Kampf mit seinem Mund zu sein.
      "W-Woran A-Aphrod-dite da-damals gestorben ist, w-weiß n-niemand so g-genau. A-Auch nicht A-Apollo. A-Aber i-ich werd euch n-nicht unsere g-ganze Ents-stehungsg-g-geschichte erz-zählen. S-Sicher nicht."
      Er spuckte wieder aus und streckte seine Finger. Lewis starrte ihn für einen Moment ganz genau an, aber er glaubte nicht, dass er mit seiner Magie irgendwas bewirken konnte. Wie auch immer diese ganze nicht-verfehlen-Sache funktionierte, sie konnte durch einfache Fesseln ziemlich sicher bezwungen werden.
      "W-Wir hatten e-einen Deal, d-dass a-alle T-Teile dort b-bleiben, w-wo sie s-sind. D-Das war das e-einzige, w-woran wir uns ha-halten wollten und A-Apollo h-hat ihn geb-brochen. A-Aber n-nicht mit mir!"
      Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, was mit dem Blut ziemlich hässlich aussah.
      "I-Ich h-hab es i-ihm unter der N-N-Nase weg-ges-stohlen. J-Jetzt hab i-ich es und i-ich w-werd damit A-Apollos d-dumme Visage z-zerstören!"
      Sein Kopf zuckte wieder, als würde ihn die Vorstellung ganz aufgeregt machen.