Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • Wieder einmal zeigte Lewis ihm, was er so alles mit seinem Mund anstellen konnte, und Santi war sprachlos. Er lehnte sich zurück und genoss diese sehr speziellen Talente mehr denn je und stieß leises Knurren und Stöhnen aus, wann immer Lewis ihn schluckte.
      "Heilige Scheiße. Du liebst das, nicht wahr?"
      Lewis antwortete, indem er es bis zum Ansatz schluckte, und stöhnte: „Mmmmh.“
      Santi schloss die Augen wieder, spürte Lewis' Lippen und Zunge um sich und hörte ihm beim Schmatzen und Gurgeln zu. Die Freude, die Lewis bei dieser nicht ganz so kleinen Demonstration zeigte, ließ sein Blut in Wallung geraten. Santi entspannte sich und genoss, was passierte. Der süße Schmerz des Beinahe, des Vielleicht, des Noch-Nicht, war genau das, wonach sich sein Körper sehnte.
      Irgendwann wurde sein Griff um Lewis‘ Haare fester und er zog ihn hoch zu sich. Der Drang, den Streuner zu küssen, überkam ihn. Er schmeckte sich selbst auf Lewis' Lippen und ein Adrenalinstoß schoss durch ihn und ließ ihn erschauern.
      "Du bist viel zu gut in sowas," flüsterte Santi, bevor er Lewis direkt wieder zurückzog und seinen Mund verschlang.
      So nah, wie sie sich jetzt gerade waren - und das nicht nur körperlich - sah er vielleicht zum ersten Mal diese klaren hellbraunen Augen, und den Blick, mit dem Lewis ihn ansah. Da war etwas, das fast wie Sehnsucht wirkte. Aber nur fast.
      "Fuck," murmelte er voller Bewunderung.
      Dass er jemals eine solche Wirkung auf jemanden haben könnte, hatte Santi bislang immer für unmöglich gehalten. Doch hier war er, der Beweis, dass es doch ging.
      Er schob Lewis ein Stück zurück, bevor er selbst aufstand und ihn gleich wieder in einen wilden Kuss verwickelte. Sie tasteten sich zum Sofa direkt neben ihnen, die Arme verschlungen, während er versuchte, seinen Mund auf Lewis‘ zu halten, ohne gegen irgendetwas zu stoßen. So erregt er auch war, die gesamte horizontale Verlagerung fühlte sich ein wenig unbeholfen an, aber sie schaffen es.
      Als sie nackt auf dem Sofa lagen, die Beine nun ähnlich verschlungen wie der ganze Rest von ihnen, ihre harten Schwänze aneinander reibend, übernahm Santis Körper die Kontrolle und er rieb sich eine Sekunde lang an Lewis, bevor er sich stoppen konnte. Er knurrte sich leise selbst an, weil er fast die Kontrolle verloren hatte, nur weil ihn ein sehr attraktiver Streuner in der letzten halben Stunde fast in den Wahnsinn getrieben hatte.
      Also nahm er Lewis‘ Gesicht in seine Hand und sah ihn an. Der Eifer in dessen Gesicht war noch immer so stark wie zu Beginn dieses kleinen Tanzes. Santi lachte leise.
      "So eifrig," säuselte er. "Dabei hat der Arzt doch Nein gesagt."
      Er änderte ihre Position noch ein weiteres Mal, sodass er wieder unter Lewis lag. Dann griff er zwischen sie beide und packte sie beide im Schritt. Sein Griff war fest, aber nicht unangenehm. Und seine Hand war groß genug, um sie beide perfekt zu umschließen. Er küsste Lewis noch einmal, dann nickte er dem Streuner zu.
      "Du willst, dass ich komme? Wegen dir? Dann leg los," keuchte er.
      Lewis, motiviert, wie er war, brauchte keine weitere Aufforderung. Und Santi, so geduldig er auch war, ließ sich gehen. Er würde sich dieses Mal nicht zurückhalten. Er würde sich von seiner Lust mitreißen lassen - sofern Lewis es ihm erlaubte.


    • Und wie Lewis es liebte. Er mochte es wirklich, zwischen den Beinen dieses Mannes zu sitzen und zu spüren, wie er in seinem Mund zuckte und zu hören, wie er seine leisen Flüche ausstieß. Und wie Lewis es liebte, die ausgeprägten Bauchmuskeln zucken zu sehen und zu fühlen, wie sich die starken Schenkel unter seinen Fingern anspannten. Er mochte es wirklich, mehr als bei allen anderen. Mehr als bei Bryce.
      Wie könnte er auch nicht, wenn der Mann ihn auf solche Weise belohnte? Wenn er keine Reaktion seines Körpers ausfallen ließ und Lewis ganz genau zeigte, was der mit ihm anstellte? Wenn er den Blowjob eigenhändig unterbrach, nur um ihn zu küssen und das wieder und wieder? Wenn in seinen Bernsteinaugen eine solche Intensität lag, dass es Lewis warm den Rücken runterlief?
      Oh, er war so scharf, er hielt es nicht mehr aus. Den Kampf würde er doch verlieren. Er drohte wirklich noch zu platzen.
      Santiago ließ ihn nicht wieder zurück auf den Boden, stattdessen drängte er ihn rückwärts, bis sie mit Ach und Krach auf das Sofa gefunden hatten. Dort schien mit dem Mann für einen Moment etwas durchzugehen; er reibte sich an Lewis, der sich ihm gleich mit dem ganzen Körper entgegen bog, um den Druck zu erhöhen. Da entschlüpfte dem anderen ein so tiefes Geräusch, dass es direkt in Lewis' Lenden zog. Seine Hüfte zuckte und er stöhnte, fast schon wie zur Antwort.
      Sie wechselten die Position. Santiago streckte sich unter ihm lang, während Lewis wieder Platz auf seinem Schoß fand. Wo er vorhin aber noch beide Hände hatte benutzen müssen, konnte der Kerl eine einzige verwenden, um sie beide gleich zu umfassen. Lewis keuchte auf.
      "Du willst, dass ich komme? Wegen dir? Dann leg los."
      "Fuck ja. Shit."
      Er ließ sich nach vorne fallen, bis gerade noch so viel Platz zwischen ihnen übrig war, dass Santiago sie beide noch festhalten konnte. Dann zog er die Hüfte ein Stück zurück, stieß wieder nach vorne und rieb sich an Santiago, rieb den Mann an ihm, rieb sie beide. Wieder und wieder.
      Es war unordentlich und unkoordiniert. Es hatte eher etwas von einem jugendlichen Herummachen, so wie sie sich aneinander rieben und dabei keuchten, beide schon viel zu weit fortgeschritten, um richtig ordentlich zu denken. Sie jagten dem Gefühl nach, einzig und allein auf die Laute des anderen konzentriert und wie er zuckte, wie ihre Körper aneinander pressten. Kurzzeitig trieb Lewis der Gedanke durch den Kopf, wie es wohl wäre, wenn er einmal oben sein würde, wenn Santiago für ihn die Beine spreizte, wenn er in ihn eindringen würde, aber die Vorstellung war zu weit weg, als dass sie Fuß fassen würde. Er jagte lieber dem Hier und Jetzt nach, dem Gefühl von Schweiß, der zwischen ihnen klebte, von Santiagos Atem an seinem Ohr. Fuck, er konnte nicht mehr lange. Er hielt es wirklich nicht mehr lange aus.
      Ein Stück richtete er sich wieder auf, griff zwischen sie beide und legte die Hand über Santiagos. Den Blick auf den Mann gerichtet, begann er die Hand zu bewegen, im Takt seiner zuckenden Hüften. Nur ein bisschen, mehr brauchte es nicht. Nur ein bisschen und er konnte sehen, wie der Mann sich unter ihm versteifte.
      Rechtzeitig richtete er sich auf. Rechtzeitig wurde er schneller und fester und sah zwischen sie beide, um noch rechtzeitig zu sehen, wie Santiagos Schwanz zu pulsieren begann. Er wandte nicht den Blick ab, während Santiago sich zwischen ihnen beiden entlud, begleitet von einem Keuchen und Stöhnen, das Lewis gerne in seine feuchten Träume begleitete. Da war es auch um ihn geschehen; er fluchte und erzitterte, als der Höhepunkt über ihn hinweg schwappte. Dabei turnte es ihn nur umso mehr an, dass sie sich gerade zwischen ihnen beiden zu einer einzigen Masse vermischten.
      Als es vorüber war, konnte er sich gerade noch rechtzeitig nach hinten lehnen, bevor er sich in die Sauerei auf Santiagos Bauch und Brust hinein gelegt hätte. Dabei blickte er mit einem aufkeimenden Grinsen zu ihm hinab, weil fuck, der Kerl sah schon richtig gut aus, so zerrauft, wie er dort auf der Couch lag, auf seinem Oberkörper die Zeichen ihres gemeinsamen Höhepunkts. Lewis' Glied zuckte davon ein bisschen, als hätte es nicht schon genug bekommen.
      "Bleib liegen."
      Er stand auf wackelige Beine auf und verzog sich in die Wohnung zurück, wo er sich selbst knapp säuberte und dann mit einem Tuch zurückkehrte. Er machte Santiago selbst sauber, weil der das immer bei ihm tat und Lewis es auch einmal machen wollte. Dann gab er ihm gar keine Gelegenheit aufzustehen, sondern setzte sich seitlich zurück auf seinen Schoß und schnappte sich eine von Santiagos Zigaretten.
      "Fuck, war das gut."
      Er zündete sie sich an, nahm einen langen Zug davon und hielt die Zigarette dann Santiago hin.
    • Das Küssen und Stoßen und die Hitze ihrer im Rhythmus tanzenden Körper wurden intensiver und Santis Atem wurde kurz und abgehackt. Lewis war sich der Veränderung offensichtlich bewusst, setzte sich auf und legte seine eigene Hand auch noch um ihre verbundenen Schwänze und drückte sie beide.
      Santi zuckte beim ersten Stoß und bald wurde Lewis schneller, um sich dem Rhythmus ihrer Hüften anzupassen. Santi vergrub eine Hand in Lewis‘ Haaren, zog ihn näher und küsste seinen Nacken. Mit seiner freien Hand griff er nach der Rückenlehne des Sofas, als könnte ihn das irgendwie in der Wirklichkeit verankern – aber dafür war es schon zu spät.
      "Scheiße," flucht er atemlos. "Fuck, Lewis, ich bin kurz davor-"
      Er explodierte geradezu zwischen ihnen und verteilte seine Lust über ihre Hände, seinen Bauch und seine Brust. Er kam hart, sein Orgasmus riss ihn gnadenlos mit sich, setzte jedes einzelne Nervenende in Brand. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Sterne vor Santis Augen wieder verschwanden und er sich dem hübschen, völlig fertigen Gesicht des Streuners gegenübersah.
      "Bleib liegen," raunte Lewis und Santi erhob keinen Einspruch.
      Er ließ die Rückenlehne los, and die er sich so hilfesuchend geklammert hatte, und verschränkte die Arme stattdessen hinter dem Kopf. Er war sehr zu frieden mit seinem Tagewerk.
      Santi nahm die Zigarette von Lewis entgegen und nahm einen tiefen Zug. Er reichte ihm die Kippe zurück, dann stieß er den Rauch in kleinen Ringen aus. Er schaffte es sogar, einen Ring durch einen anderen zu pusten.
      "Das war es allerdings," stimmte er Lewis zu. "Das sollten wir wiederholen, sobald ich dich wieder vögeln darf. Vorausgesetzt, du möchtest das natürlich."
      Er legte eine Hand auf Lewis Oberschenkel, streichelte ihn sanft mit dem Daumen. Er wusste, dass der Frieden, den er gerade empfand, nur von kurzer Dauer sein würde. Er spürte seine Müdigkeit jetzt schon und heute Nacht würde er nicht darum herumkommen, ein Nickerchen machen zu müssen. Er hatte letzte Nacht nicht geschlafen und heute hatte er sich erst mit seiner Paranoia herumschlagen müssen, bevor er jemanden vermöbelt hatte, um sich danach verdammt guten Sex gefallen zu lassen. Er war fertig auf eine Art, die er nicht verneinen konnte. Was im Umkehrschluss bedeutete, dass er heute Nacht den vereinten Alptraum eines Line Cooks und eines Möchtegern-Drogenbarons erdulden musste. Keine schöne Aussicht. Also genoss er dieses kleine Stückchen des Paradieses, das er hier gefunden hatte.

      Irgendwann (Santi konnte nicht genau sagen wann) fanden sie ihren Weg zurück in sein Schlafzimmer. Santis Bett war noch nie so bequem gewesen wie in dieser Nacht. Und genau das war das Problem.
      Lewis kuschelte sich an ihn, wie er es sonst immer tat. Die Wärme des schlanken Körpers, der sich da an seine Seite presste, zusammen mit dem bequemen Bett, lullten Santi sehr schnell ein. Den Rest übernahm die Tatsache, dass er seit zwei Tagen nicht mehr richtig geschlafen hatte. Er gab Lewis den Beweis, dass er sehr wohl schlief.

      Er stand in einem dunklen, verlassenen Lagerhaus, die Wände waren feucht und von Graffiti bedeckt. Das einzige Licht kam von einer flackernden Neonröhre, die an der Decke hing und die Szenerie in ein gespenstisches Licht tauchte. Santiago spürte eine kalte Angst in sich aufsteigen, als er sich umsah. Überall lagen Päckchen mit Drogen und Bündel von Geldscheinen, doch das brachte ihm keinen Trost. Im Gegenteil, es erinnerte ihn an seine ausweglose Situation.
      Plötzlich hörte er Schritte, die auf ihn zukamen, das Echo hallte bedrohlich von den Wänden wider. Er drehte sich um und sah eine Gruppe von Männern auf sich zukommen. Angeführt wurden sie von El Jefe, dem gefürchteten Anführer des Kartells. Santiago kannte seinen Namen nicht und hatte auch keine Ahnung von dem Wirkungsbereich des Kartells - diese Details waren vollkommen unwichtig für diesen Traum. El Jefes kalter Blick ließ Santiago erschaudern. Hinter ihm trugen zwei seiner Schläger lange, schwere Ketten. Ihre Gesichter existierten nicht; sie hatten einfach keine.
      "Santi," sagte El Jefe mit einer Stimme, die vor Kälte triefte, "wir hatten eine Abmachung."
      Santiago versuchte zu sprechen, seine Stimme versagte ihm jedoch. Er wusste, dass er seine Schulden nicht begleichen konnte - welche Schulden das auch immer sein mochten. Panik ergriff ihn, als die Männer näher kamen. Die Ketten klirrten laut, und das Geräusch bohrte sich wie ein Nagel in Santiagos Verstand.
      "Du weißt, was mit denen passiert, die uns nicht bezahlen können," fuhr El Jefe fort und ein unheimliches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
      Die Schläger packten Santiago und zwangen ihn auf die Knie. Er konnte den kalten Metallgeruch der Ketten riechen, die sie ihm um die Handgelenke legten. Die Fesseln schnitten schmerzhaft in seine Haut, und er konnte nicht entkommen. El Jefe zog ein Messer aus seinem Gürtel, die Klinge glitzerte im flackernden Licht.
      "Es gibt immer einen Preis zu zahlen," sagte er leise und fuhr mit der Klinge über Santiagos Gesicht, ohne ihn jedoch zu verletzen.
      In diesem Moment wurde die Welt um Santiago herum unscharf. Das Lachen der Männer hallte in seinem Kopf wider, und das Bild von El Jefe, der sich über ihn beugte, verblasste langsam. Doch der Schrecken blieb. Er fühlte, wie sich die Ketten um ihn enger zogen, als ob sie ihm die Luft abschnürten. Ein erstickendes Gefühl überkam ihn, und er rang verzweifelt nach Atem.

      Mit einem erstickten Keuchen wachte Santiago auf, schweißgebadet und mit wild klopfendem Herzen. Die Dunkelheit seines Schlafzimmers bot kaum Trost; er konnte die Ketten um seinen Hals noch immer spüren.
      "Ich bin okay," sagte er sich und zwang sich dazu, einen tiefen Atemzug zu nehmen.
      Dann noch einen.
      "Ich bin okay," wiederholte er leise und legte einen Arm über seine Augen.
      Er hatte völlig vergessen, dass er nicht allein war.


    • Irgendwann in der Nacht wachte Lewis auf. Er wusste nicht woher; es war dunkel in der Wohnung und absolut still. Ihm war angenehm warm und das Bett war gemütlich weich. Er hatte keine Ahnung, was ihn aufgeweckt hatte; Lewis konnte schlafen wie ein Toter.
      Er räkelte sich, streckte sich lang und rollte sich dann auf die andere Seite herum. Neben ihm war es dunkel - normalerweise leuchtete das Licht von Santiagos Handy in die Dunkelheit und normalerweise kam auch spätestens jetzt eine Hand aus dem Nichts, um durch Lewis’ Haare zu kraulen. Es war schon merkwürdig, wie er sich so schnell an so unwichtige Dinge gewöhnt hatte, aber so war es nunmal. Lewis rechnete mit der Hand und den sanften Fingern, die ihm durch die Haare strichen.
      Aber jetzt war es dunkel und niemand rührte sich. Santiago schlief. Wenn Lewis den Atem anhielt, konnte er den anderen atmen hören, ruhig und gleichmäßig.
      Er hatte ihn noch nie schlafen gesehen, wie Lewis in dem Moment auffiel. In all den Wochen ihrer Bekanntschaft hatte Santiago noch kein einziges Mal geschlafen, wenn man von seinen wenigen Powernaps einmal absah. Er war immer wach gewesen, im Bett und auch überall sonst, und wenn Lewis nachts doch aufgewacht war, hatte der Mann ihm gleich wieder seine Brust als Schlafplatz angeboten. Jetzt rührte er sich nicht.
      Lewis starrte ihn für einen Moment an, genoss diese Ungewöhnlichkeit der Situation, robbte dann zu ihm heran und schmiegte sich an seinen Rücken, einen Arm über seine Hüfte. Das war auch angenehm. Das war sogar sehr angenehm. Wohlig döste er wieder ein.
      “Hmm.”
      Lewis schlug die Augen wieder auf. War Santiago doch wach? Hatte er was gesagt?
      Hm?
      Der Mann rührte sich nicht. Ein paar Sekunden vergingen, dann schloss Lewis doch wieder die Augen.
      Santiago zuckte. Es war so wenig, so minimal, dass Lewis es gar nicht bemerkt hätte, wenn er sich nicht an seinen Rücken gekuschelt hätte. Santiago zuckte und dann gab er ein Geräusch von sich.
      Es hörte sich an wie “nicht”, aber wenn es nach Lewis ginge, hätte es auch etwas völlig unverständliches sein können, denn es ging gar nicht um das Wort selbst. Es ging darum, wie Santiago es aussprach, ganz leise und kraftlos, fast wie ein Flehen. Das war es, was Lewis plötzlich einen kalten, alarmierenden Schauer einflößte.
      Sofort war er hellwach und setzte sich auf, gerade genug, dass er sich vorsichtig über den Mann beugen konnte. Der zuckte erneut, diesmal stärker. Sein Körper arbeitete im Schlaf.
      Die Albträume. Lewis hatte gar nicht daran gedacht, aber jetzt fiel es ihm mit einem Schlag wieder ein. Er hatte seine Magie bei Bryce verwendet, jetzt musste er von der Angst träumen. Wieso hatte Lewis nicht früher daran gedacht? Hätte es überhaupt etwas ändern können?
      Santiago zuckte wieder und murmelte etwas in sich hinein. In seinem Gesicht arbeitete es, seine Augenbrauen zogen sich zusammen und sein Kiefer malmte. Lewis fühlte eine ungewohnte Besorgnis in sich aufsteigen, während er den Mann bei seinem Albtraum beobachtete.
      Santiago?
      Er reagierte nicht. Lewis wusste noch nicht einmal, ob das etwas bringen würde. Er hatte gesagt, dass er seine Albträume bis zum Ende sehen musste; konnte er also überhaupt aufgeweckt werden? Oder würde es das alles nur noch schlimmer machen? Lewis hatte ich nie näher danach erkundigt und das bereute er jetzt. Er hatte sich so sehr daran gewöhnt, dass Santiago einfach gar nicht schlief, dass er nicht weitergedacht hatte.
      Vorsichtig setzte er sich jetzt auf. Neben ihm wurde Santiago von Sekunde zu Sekunde unruhiger, sein Gesicht verbissen, auf seiner Stirn stand ein dünner Schweißfilm. Lewis wollte ihm die Haare von der Stirn streichen, aber kaum, als er ihn berührte, zuckte Santiago vor ihm weg. Die ausgeprägten Muskeln arbeiteten unter der Decke.
      Lewis war hilflos, er hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Während Santiago immer unruhiger zuckte und vor sich hin murmelte, blieb Lewis sitzen und beobachtete ihn. Konnte er ihn überhaupt aufhalten, wenn er aus dem Bett zu fallen drohte? War das überhaupt schonmal vorgekommen? Er hatte keine Ahnung.
      Es wurde schlimmer und schlimmer und dann konnte Lewis in der Dunkelheit plötzlich den Zeitpunkt absehen, an dem der Mann aufwachen würde. Wie er aufwachen würde. Und tatsächlich, keine Sekunde zu spät, riss Santiago die Augen auf und sein ganzer Körper versteifte sich. Er nahm einen abgehackten Atemzug und stieß ihn hastig und fahrig wieder aus, die Augen weit geöffnet.
      “Ich bin okay.”
      Lewis starrte den Mann an, den kräftigen, furchteinflößenden Mann, der jetzt den Arm über die Augen legte und tiefe Atemzüge nahm, während er noch einmal zu sich sprach. Den Mann, der am Vorabend noch Bryce so sehr zugesetzt hatte und jetzt schwitzend im Bett lag.
      Der Preis seiner Magie war furchtbar, das wurde Lewis erst jetzt bewusst. Damit zu leben war viel, viel schlimmer, als er gedacht hatte. Er wollte nicht in seiner Haut stecken, sicher nicht.
      Vorsichtig machte er auf sich aufmerksam, ganz langsam, um Santiago nicht zu verschrecken, indem er sich erst bewegte, und Santiago dann am Arm berührte. Ganz anscheinend hatte der vergessen, dass Lewis überhaupt da war.
      Hey man, alles in Ordnung? Bist du… brauchst du irgendwas?
    • Santiago riss sich den Arm von den Augen und starrte in die gähnende Dunkelheit, als er eine Bewegung wahrnahm, mit der er nicht gerechnet hatte. War das der Moment, in dem er tatsächlich von einem Auftragskiller umgebracht wurde? Jetzt, wo seine Paranoia ihn einmal nicht dazu zwang, nach einem Ausschau zu halten?
      Dann legte sich eine warme Hand vorsichtig auf seinen Arm und mit einem Mal erinnerte er sich. Er war nicht allein. Lewis war bei ihm. In seiner Wohnung. In seinem Bett.
      "Hey man, alles in Ordnung? Bist du... brauchst du irgendwas?" fragte Lewis.
      "Was? Nein. Ja. Ich äh..."
      Santi atmete tief durch und fuhr sich mit den Händen über das verschwitzte Gesicht. Ohne ein weiteres Wort stand er auf und ging ins Badezimmer. Das Licht blendete ihn für einen Moment, aber das kümmerte ihn nicht. Er spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, als könne er damit das Gefühl der Ketten um seinen Hals und seine Handgelenke wegspülen. Er drehte das Wasser ab und lehnte sich über das Waschbecken. Er konzentrierte sich auf seinen Atem, zählte seine Herzschläge, bis sich sein Körper wieder beruhigt hatte. Dieses Ritual hatte er über Jahre hinweg perfektioniert. Nur war er normalerweise allein.
      Santi ging zurück zu seinem Bett und ließ sich neben Lewis ins Bett fallen. Er seufzte schwer. Er konnte das Messer noch immer an seiner Wange spüren.
      "Entschuldige," meinte er schließlich und rieb sich noch einmal über die Augen. "Ich... ich bin's nicht gewöhnt, neben jemandem einzuschlafen."
      Er sah zu Lewis auf, der ernsthaft besorgt aussah. Das berührte etwas tief in ihm drin, von dem er nicht gewusst hatte, dass es da war. Jemand sorgte sich um ihn. Jemand, der nicht seine mamá war. Jemand, der nicht an seine regelmäßigen Alpträume und nächtlichen Panikattacken gewöhnt war.
      "Ich bin okay," wiederholte er und zwang sich zu einem kleinen Lächeln. "Leg dich wieder hin. Schlaf weiter. Es gibt keinen Grund, dass wir beide aussehen wie Waschbären."


    • Ohne eine klare Antwort stand Santiago auf und verschwand im Bad. Er lehnte nur die Tür an, wodurch Lewis das fließende Wasser hören konnte. Einige Sekunden lang blieb er dort, dann kam er wieder.
      Lewis hob überrascht die Augenbrauen. So wie er nicht darüber nachgedacht hatte, dass der Mann ja mal schlafen musste, war ihm auch nicht in den Sinn gekommen, dass er das noch nie mit jemand anderem getan hatte. Alle seine Bekanntschaften mussten so abgelaufen sein wie mit Lewis: Sie trafen sich, sie hingen irgendwo ab, sie hatten vielleicht Sex und wenn sie nachts zusammen blieben, schlief Santiago einfach nicht.
      Aber dass das hier trotzdem eine Premiere war, das überraschte Lewis trotzdem. Santiago war immerhin bestimmt schon 30, er musste doch irgendwann mal eine Beziehung geführt haben, die tief genug gegangen war, um nebeneinander zu schlafen.
      War ihre Beziehung deswegen etwa tief? Nein, ganz bestimmt nicht. Santiago hatte nur jemanden verprügelt, wegen dem Lewis überhaupt hier war, und musste deswegen jetzt mit seiner Magie auskommen.
      “Ich bin okay”, wiederholte Santiago.
      Das glaube ich dir irgendwie nicht. Hast du dich mal selbst gehört? Das sah aus, als ob du im Traum erstochen werden würdest.
      Dass er damit genau ins Schwarze traf, das wusste Lewis nicht. Immerhin handelte es sich um Bryces Ängste und er konnte sich kaum vorstellen, dass die irgendwie schlimmer sein konnten, als einen Tag lang mal keinen Spielgefährten im Zimmer zu haben.
      Aber der Mann war völlig überzeugt davon, dass zumindest Lewis einfach weiterschlafen sollte. Damit sie nicht beide darunter zu leiden hatten. Das traf auf völliges Unverständnis bei Lewis, nachdem der schließlich auch Santiago mitten in der Nacht angerufen und sich von ihm helfen gelassen hatte. Was der auch getan hatte, obwohl es eine Überwindung gewesen sein musste, Lewis in die Wohnung zu lassen.
      Von wegen schlafen. Einen Teufel würde er tun.
      Komm mal her.
      Er ließ sich ein Stück runtersinken, bis er halb lag und sich halb gegen das Kopfende lehnte und breitete die Arme aus.
      Stell dich nicht so an und komm her. Du machst das ständig bei mir, jetzt bist du mal dran.
      Santiago kam und ließ sich in Lewis’ Arme schließen. Der mühte sich damit ab, die Decke über sie beide zu ziehen und verhakte ihre Beine miteinander, bis es bequem war. Dann ließ er die Finger durch Santiagos Haare gleiten und begann, ihn langsam und gleichmäßig zu kraulen und über den Kopf zu streichen.
      ... Willst du mir davon erzählen? Das hilft vielleicht.”
    • "Erdrosselt," murmelte Santi mit einem Schulterzucken, ging aber nicht näher darauf ein.
      Er beobachtete, wie sich Lewis an das Kopfende setzte. Und dann staunte er, als der Streuner ihn dazu einlud, sich an ihn zu kuscheln. Das war doch eigentlich sein Job.
      "Stell dich nicht so an und komm her," forderte Lewis.
      Santiago war zu mitgenommen, um sich zu beschweren oder gar zu wehren. Also krabbelte er zu dem Streuner rüber und kuschelte sich an ihn. Er bettete seinen Kopf auf Lewis' Oberschenkel. Der fing gleich darauf an, ihm durch die Haare zu kraulen.
      Über seine Alpträume zu reden hatte für ihn nie wirklich einen Unterschied gemacht. Er hatte immer nur beobachten können, wie die Sorge in den Gesichtern seiner Eltern anwuchs. Irgendwann hatte er einfach aufgehört, ihnen von den Schrecken seiner Nächte zu erzählen, um diesen Blick nicht mehr sehen zu müssen. Sie waren machtlos gegen seine Magie und es brach ihnen das Herz, ihnen Jungen so leiden zu sehen.
      Aber als Lewis jetzt fragte, ob er von seinem Traum erzählen wollte, da tat er es einfach.
      "Rückblickend war es ein schlechter Mafia-Film," gestand er. "Ich war in irgendeinem Lagerhaus, glaube ich. Viel Platz, dunkel. Ich wusste, dass irgendwas passieren würde. Ich wusste nicht warum, oder was, nur dass was passieren würde. Dann war da dieser Don, und der hatte ein paar gesichtslose Schläger dabei. Wirklich gesichtslos. Die hatten nicht mal Haare. Aber sie hatten... sie hatten Ketten dabei. Schwere, welche, die man im Baumarkt kauft, nicht irgendwelche Deko-Teile. Sie äh... sie haben mich geschlagen, gefesselt. Und der Don... ich glaube, der musste für irgendwas kompensieren, so wie der mit seinem Messer gespielt hat. Bowie Messer, so groß wie dein Unterarm. Der hat irgendwas von unbezahlten Schulden gelabert. Ich wusste, dass ich das Geld nicht habe. Ich wusste, dass der Don das überhaupt nicht mag."
      Er schüttelte den Kopf. Seine Träume gaben ihm nur selten genug Kontext, um die Ängste zu verstehen, die er da erlebte.
      "Ich weiß nicht genau, ob er mich töten wollte. Ich glaube nicht. Aber wenn dir jemand eine Kette um den Hals legt und zuzieht, dann ist das eigentlich auch ziemlich egal."
      Der Traum war schwachsinnig gewesen. Santiago hatte keine Angst davon, auf eine solche Weise angegriffen zu werden. Er wusste, wie man sich aus solchen Situationen befreite. Er hatte es sogar schon getan. Er hatte auch schon auf der anderen Seite dieser Szene gestanden. Er war schon derjenige gewesen, der die Ketten zugezogen hatte. Aber der Traum war nicht seine Angst gewesen, er hatte es nur zu seiner Angst gemacht. In der Sekunde, in der er aufgewacht war, hatte sich der Grund für diese Angst verflüchtigt und es waren nur noch die Symptome geblieben.
      Santi seufzte und schloss die Augen. Lewis Streicheleinheiten verfehlten ihren Zweck nicht. Sie beruhigten ihn, schneller als er das selbst hinbekommen hätte. Er berührte seine Handgelenke, um sich zu vergewissern, dass da wirklich keine Ketten mehr waren. Nicht, dass da jemals welche gewesen wären.


    • Lewis lauschte Santiagos Erzählung aufmerksam. An und für sich war es wirklich keine sehr aufregende Sache, er konnte sich diesen schlecht gemachten Film geradezu vorstellen, konnte sich ausmalen, wie ein gesichtsloser Typ auf einen zukam mit seinen Schlägertypen im Hintergrund. Aber es war eben kein schlecht gemachter Film, sondern ein Traum, bei dem man nicht darüber nachdenken konnte, ob es Wirklichkeit war oder nicht. Und als wäre das nicht schon genug, konnte Santiago nicht früher aufwachen und durfte jedes Mal, wenn er seine Magie verwendete, einen solchen Traum erleben.
      Vor einigen Tagen hatte er erzählt, wie oft er schon von Spinnen geträumt hatte, die wie ein Tsunami über einen herfielen. Das hier war etwas völlig anderes; der Mann hatte regelrecht Todesängste mitmachen müssen. Es war ja fast kein Wunder, dass er an Paranoia litt, wenn er in seinen Träumen mit Ketten erdrosselt wurde.
      Ob Bryce wohl vor seinem eigenen Zulieferer solche Ängste pflegte? Vielleicht. Die Castro-Brüder hatten mit ihrem fast unwichtigen Transport-Unternehmen nicht das Vergnügen gehabt, mit dem Chef selbst in Kontakt zu kommen. Womöglich war das auch gar nicht so schlimm, wenn Lewis den Traum bedachte.
      Unaufhörlich streichelte er Santiago weiter, fuhr ihm auch zum Nacken hinunter und massierte ihn ein bisschen. Das war wieder eins von diesen typischen Dingen, die einfach nicht zu Lewis passten, die er aber irgendwie trotzdem bei dem Mann machen wollte.
      "Und du kannst nicht aufwachen? Nicht bis zum Schluss? Was passiert, wenn ich dich trotzdem aufwecken würde?"
    • Santi brummte zufrieden, als Lewis anfing, seinen Nacken und seine Schultern z massieren. Er hatte gar nicht bemerkt, wie verspannt die schon wieder waren. Naja, nach einer Woche ohne auch nur eine Sekunde Frieden und dann so ein Traum... er konnte es seinen Muskeln nicht verübeln, genauso angespannt zu sein wie Santis Nerven es oft waren.
      "Wenn du mich aufwecken würdest, würde das den Traum nicht beenden. Kann ziemlich gefährlich sein. Dein Körper schaltet sich zu großen Teilen einfach aus, wenn du schläfst. Viel Bewegung ist da einfach nicht drin. Wenn du mich aber aufweckst und ich in meinem Traum stecken bleibe, dann ist mein Körper eingeschaltet. Hat ein bisschen was von jemandem, der sich zu viel in einem VR Headset bewegt. Anstatt in meinem Traum durch die Gegend zu rennen, mache ich das dann tatsächlich. Best Case Scenario: ich renn in eine Wand. Worst Case Scenario: ich wehre mich gegen was auch immer ich sehe und attackiere dabei jemanden außerhalb meiner verdrehten Traumwelt. Pavor Nocturnus nennen das die Experten. Nachtangst. Das ist natürlich nicht das, was ich habe, allein schon, weil ich kein Kind zwischen vier und zwölf bin, aber das kommt der Sache am nächsten."
      Santi verließ den Komfort von Lewis und rollte sich auf den Bauch. Er schob die Arme unter ein Kopfkissen und sah zu Lewis hoch.
      "Es ist besser, mich einfach schlafen zu lassen, wenn ich denn man schlafe," meinte er. "Entweder, weil ich es brauche, oder weil es gesünder für alle Anwesenden ist."
      Er rollte seine Schultern kurz, die sich bereits viel lockerer anfühlten, auch wenn Lewis nur ein bisschen an ihnen herumgeknetet hatte. Santi sollte sich mal wieder eine Massage gönnen, wenn er die Gelegenheit dazu fand.
      "Was ist mir dir? Wie hast du geschlafen, bevor ich dich so unsanft geweckt habe?"


    • Es hätte ja auch so einfach sein können, Santiago aus seinem Traum wecken und das war es dann schon. Aber Lewis hatte schon fast befürchtet, dass es nicht so einfach sein würde. Andernfalls hätte der Mann sicher schon selbst eine Methode entwickelt, sich aufzuwecken. Außerdem hatte er wohl recht, wenn Santiago schon schlief, was sowieso nicht oft vorkam, sollte man ihn wohl schlafen lassen.
      Trotzdem war das unbefriedigend. So unruhig, wie Santiago vor ein paar Minuten noch im Bett gezuckt hatte, sollte er nie wieder sein. Das passte nicht zu dem Mann, der er war, wenn er wach war und seine Magie gespeist hatte.
      "Das ist trotzdem scheiße", murrte er.
      Santiago sah fast unschuldig zu ihm hoch, als wäre er nicht vor ein paar Minuten noch aufgesprungen und im Bad verschwunden, um sich den Schweiß vom Gesicht zu waschen. Lewis rutschte jetzt auch runter, um sich wieder hinzulegen.
      "Bei dir schlafe ich immer wie ein Baby. Muss daran liegen, dass du mich so verwöhnst."
      Er grinste kurz und rollte sich herum, um Santiago direkt anzusehen. Den Kopf stützte er auf seiner Hand ab, dann wurde er ernst.
      "Hast du mal, äh... Ich meine, du kennst es ja nicht anders, mit deinen Albträumen dein ganzes Leben lang, aber hast du mal darüber nachgedacht, ob du es... beenden sollst? Endgültig, meine ich?"
    • Santiago lächelte selbstsicher, als Lewis ihm das kleine Kompliment aussprach. Der Streuner fühlte sich also so sicher bei ihm, dass er so tief und entspannt schlafen konnte? Dann machte Santi ja alles richtig.
      "Themenwechsel kannst du, hm?" scherzte er.
      Doch dann wurde auch er ernst. Seine Magie machte sein Leben ziemlich anstrengend, ja. Und auch sonst gab es so einige Faktoren, einige Entscheidungen, die er getroffen hatte, die einen solchen Gedankengang in den Bereich des Möglichen rückten. Die Antwort auf Lewis' Frage war einfach.
      "Nein. Zumindest nicht mit Absicht. Ich denke regelmäßig darüber nach, dass mich jemand umbringen könnte - und nicht alles davon wurzelt in meiner Paranoia oder in meinen Alpträumen - aber selbst wollte ich es noch nie. Das ist nicht mein Stil, weißt du? Ich war schon immer eher der Typ, der eine Lösung für ein Problem findet - im Zweifelsfall auch gern mit Gewalt. Mein Leben hat auch gute Seiten, weißt du? Ziemlich viele sogar. Die wiegen mein furchtbares Nachtleben auf. Und jetzt hab ich 1.5 Milliarden Gründe mehr, also warum sollte ich."
      Er lachte leise. Diese Nummer würde wohl nie nicht wahnsinnig sein.
      "Und du? Muss doch auch anstrengend sein, ständig alle möglichen Möglichkeiten zu sehen und nichts tun zu können. Nicht immer jedenfalls. Ich kann mir vorstellen, dass das Gefühl der Machtlosigkeit ziemlich niederschmetternd sein kann."
      Sie quatschten die ganze Zeit über ihn und die Päckchen, die er zu tragen hatte. Dabei war Lewis doch auch kein unbeschriebenes Blatt. Gerade nach der Sache mit Bryce...


    • Zugegeben, Santiago wirkte nicht wie der Typ Mann, der den "einfachen" Ausweg wählte. Auf der anderen Seite veränderten sich Leute aber auch und wer seine Lebtage entweder mit Schlaflosigkeit oder Paranoia zu kämpfen hatte, der musste sicher auch einmal rausgefunden haben, wo seine Grenzen lagen. Nur war diese Erkenntnis sicherlich auch mit einem gewissen Preis verbunden gewesen.
      Umso mehr Respekt verspürte Lewis für diesen Mann, der trotzdem sein Leben mit einer Selbstverständlichkeit eines Nichtmagiers lebte. Lewis wusste nicht, ob er es an seiner Stelle geschafft hätte. Er hätte vielleicht schon viel, viel früher aufgegeben.
      "Ne, ich wollt's noch nie beenden. Aber ich wollte mir mal Bleach in die Augen kippen."
      Er lächelte, weil das nach so vielen Jahren durchaus eine Sache war, die man ruhig belächeln konnte.
      "Da war ich 14 oder so und konnte meine Magie schon eine Weile lang nicht mehr einfach abschalten. Am Anfang waren die Kopfschmerzen immer lästig, weil ich nie bis zum Abend durchgehalten habe, bis ich völlig fertig war. Aber dann hab ich eine Stecherei mitgekriegt, oder eher den Anfang davon. Das war so eine kleine Gruppe vor dem Club, die angefangen hat zu streiten. Also dachte ich mir, bevor das so blutig wird wie ich es sehe, halte ich die einfach auf. Ich bin also hin und wurde einmal richtig ordentlich und gründlich verprügelt - aber die Stecherei habe ich aufgehalten."
      Er blickte fast verträumt drein.
      "Da wollt' ich nicht mehr, ganz global nicht. Hab mich zum nächsten Supermarkt geschleift und hatte die scheiß Flasche schon in der Hand, hab sie aufgemacht und alles. Es wäre so einfach gewesen, einmal übers Gesicht schütten, die Augen dabei auflassen und es wäre vorbei, nie wieder Magie verwenden. Ich hätt's durchgezogen. Weißt du, warum ich es nicht getan hab? Weil genau in dem Moment mein Bruder angerufen hat. Der war damals 10, aber schon das Wunderkind der Familie und schlau wie sonst was. Er hat mich übers Telefon davon abgehalten und ist dann gekommen, um mich zu unserem Dad zu bringen. Hat einfach ein Taxi genommen, dieser Winzling. Dabei hat er niemals ein Sterbenswörtchen darüber verloren, was ich ihm da im Laden am Telefon erzählt habe, nicht ein Wort davon."
    • Santi fragte sich, ob es funktioniert hätte. Ob der Verlust der Sehkraft Lewis seiner Magie beraubt hätte. Oder ob sie andere Wege gefunden hätte, sich ihm aufzudrängen. Er selbst hatte so eine option nicht. Seine Magie funktionierte über seine gesamte Haut. Sobald er jemanden berührte, konnte er sein Ding durchziehen. Das konnte er nicht einfach rausschneiden.
      "Warte mal. Dein Bruder ist jünger als du?"
      Santi kicherte.
      "So wie ihr immer miteinander telefoniert hab ich die ganze Zeit gedacht, du wärst das Nesthäkchen."
      Er rollte sich auf die Seite, um Lewis besser ansehen zu können.
      "Dein Bruder ist also ein Wunderkind und du bist ein Magier. Deine Eltern müssen ja ordentlich die Hände voll gehabt haben. Was ist eigentlich mit deiner Mutter? Du meintest mal, dein Vater weile nicht mehr unter uns, aber du hast noch nie von deiner Mutter geredet."
      Wann waren sie denn bitte dazu übergegangen, über ihre Familien zu sprechen? Santi wurde gerade zum ersten Mal bewusst, dass sie das in den letzten Wochen, die sie miteinander verbracht hatten, ständig taten. Für einfache Kollegen mit Vorzügen war das schon ziemlich privat. Andererseits... Santi sah Lewis eigentlich schon lange nicht mehr als bloßen Kollegen an. Spätestens nach der Aktion vom Vorabend konnte man mit Fug und Recht behaupten, dass sie Freunde waren. Wie auch immer das passiert war.


    • Lewis grinste, nicht ohne ein wenig Stolz. Andere Geschwister hätten sich vermutlich schon längst um die Gunst ihrer Eltern gestritten, aber Jay und Lewis hatten beide ihren eigenen Platz in der Familie gefunden. So hatte Jay kein Problem damit, der Jüngste zu sein und Lewis keins, nicht der Klügere von beiden zu sein. Es war alles schon gut, so wie es war.
      Mein Bruder ist jünger und auch noch mein Chef. Ich kann mich nämlich weder mit Unternehmenssachen herumschlagen, noch hab ich die Geduld dazu. Das macht alles nur mein Bruder.
      Meine Mom hat es zu ihrer Lebtage mal fast zu einem Monopol für Koks in ganz Brooklyn geschafft. Das hätte sie fast zu einem eigenen Bürgermeister gemacht, kannst du dir das vorstellen? Aber wie in so einer richtig schlechten Romanze hat sie stattdessen meinen Dad kennengelernt, hat sich verliebt und wenn man im 7. Monat schwanger ist, kann man einfach so ein Monopol nicht richtig leiten. Sie hat ihre Stelle abgetreten, weil die Alternative gewesen wäre, dass sie sich hinterrücks hätte ermorden lassen. Und mein Dad war zwar klug, aber so ein Genie war er dann auch nicht. Sie hat sich also gewissermaßen niedergelassen und als mein Alter dann gestorben ist - Kugel ins Hirn, aber nicht ganz; er ist noch eine Minute mit offener Schädeldecke herumgelaufen - da hat sie versucht, ihre alte Gang zurückzubekommen. Das hätte auch funktioniert, wenn ein alter Kumpel sich nicht dazu entschieden hätte, ihr lieber ein Messer in die Brust zu jagen, um sie am Aufsteigen zu hindern. Das war vielleicht kein schöner Tag, als wir das mitbekommen haben. Jay hat gleich ein paar Geldreserven zusammengekratzt und jemanden angeheuert, damit der Kerl keine weiteren Entscheidungen in seinem Leben mehr treffen würde. Wir hatten die Firma damals schon so ziemlich von unserem Dad übernommen, deswegen hat's uns auch nicht in den Ruin getrieben. Ehrlich gesagt fand ich es auch nicht so schlimm, dass unsere Mom abgekratzt ist. Bei unserem Dad, da war das schlimmer, der war ein guter Mann. Aber unsere Mom?"
      Er zuckte mit den Schultern.
      "Die war eher eine Geschäftsfrau, würde ich sagen. Sie hat auch meine Magie gefördert, als sie sie entdeckt hat; hat sie gleich sinnvoll eingesetzt. Der jüngste Steuerberater in der Geschichte der Menschheit, mit gerade mal fünf Jahren."
      Er grinste, dieser Titel war nämlich auch das einzige, was er von diesem Erfolg davongetragen hatte. Alles andere hatte damit geendet, dass er nicht Auto fahren konnte und sich versuchte, Bleach in die Augen zu schütten.
      "Das ist aber schon ein paar Jahre her. Wir haben uns und das ist alles, was wir brauchen. Was ist mit dir? Du hast noch gar nichts von deiner Familie erzählt. Hast du vielleicht Brüder, die genauso scharf sind wie du?"
    • So lapidar wie Lewis über seine Eltern und deren Ableben sprach, musste sich Santi doch tatsächlich auf die Zunge beißen. Da war überhaupt keine Liebe in den Worten des Streuners, nur bloße Fakten. Santiago war bewusst, dass jeder einen solchen Verlust anders verarbeitete, aber er selbst konnte sich nicht vorstellen, so uninteressiert über seine Eltern zu berichten, sollten sie eines Tages nicht mehr sein. Erst recht nicht, wenn sie ein so gewalttätiges Ende fanden. Santi betete, dass seine Eltern noch lange lebten und eines Tages in der fernen Zukunft friedlich einschliefen.
      "Ich muss dich leider enttäuschen: mich gibt's nur einmal. Ich bin das verwöhnte Einzelkind argentinischer Einwanderer," antwortete Santi, ohne zu zögern. "Technisch gesehen bin ich selbst ein argentinischer Einwanderer. Ich war fünf Jahre alt, als wir hergezogen sind. Vielmehr gibt's da eigentlich auch gar nicht zu erzählen. Meine mamá war schon immer Hausfrau, und mein papito hat sich mit Handwerkerjobs sein Geld verdient. Ich hatte meinen ersten Job mich sechzehn, nachdem ich beschlossen hab, doch aufs College zu gehen. Ich wusste nie wirklich wohin mit mir. Bis ich jemandem mal die Fresse poliert habe, weil er der Meinung war, mit auf den Sack gehen zu müssen. Du weißt schon, typischer weißer Amerikaner, der denkt alle Leute, die Spanisch sprechen seien illegale Einwanderer aus Mexiko. Der Mist. Der Typ hat sich einen schlechten Tag ausgesucht, um mich anzupöbeln, also hat er die nächsten Wochen durch einen Strohhalm gegessen. Hab ihm den Kiefer an zwei Stellen gebrochen. Und das Jochbein. Handgelenk. Ausgekugelte Schulter. Das war das erste Mal, dass ich gut in was war. Von da aus hab ich mir mein Geld nicht mehr als Einräumer im Supermarkt verdient, sondern als Türsteher, Rausschmeißer, später Prügelknabe und so weiter. Davon wissen meine Eltern aber nichts - und so soll es auch bleiben. Die haben sich noch nicht einmal einen Strafzettel eingefangen, da will ich ihnen nicht alle meine Schandtaten vorsetzen."
      Er hatte noch nie jemandem von seinen Eltern erzählt. Seine Freundin vom College zählte er nicht, die war genauso normal gewesen wie seine Eltern. Natürlich war sie das ein oder andere Mal zum Essen mitgekommen, aber sie hatte Santi genauso von seinem Lebenswandel ferngehalten, wie seine Eltern. Er nahm diese ganze Work-Life-Balance-Sache ziemlich ernst. Musste er, wenn er nicht wollte, dass seine Eltern so endeten wie Lewis'. Es war durchaus möglich, dass ihnen sogar noch schlimmeres widerfahren könnte, sollten die wirklich falschen Leute rausfinden, wer sie waren. Das konnte Santi nicht zu lassen.
      Er rollte sic zurück auf den Rücken und zog die Decke bis zu seiner Hüfte herunter. Über dem rechten Hüftknochen trug er ein Tattoo einer Rose und einer weiteren Blume, beide umrankt von einer Art Farn. Nur dass der Farn gar kein Farn war.
      Er deutete auf das Tattoo und erklärte: "Das ist eine Rose, die steht für meine mamá, wegen ihrem Namen. Und das ist eine Canelo... äh... Winterrinde. Die steht für meinen papito. Und diese Ranken hier, das ist argentinische Minze."
      Santi lachte leise, als ihm bewusst wurde, wie kitschig das hier gerade war. Er zeigte dem Typen, mit dem er immer mal wieder schlief seine Tattoos und erklärte ihm die Bedeutung? Und dann fing er auch noch mit den Tattoos an, die er sich zu Ehren seiner Eltern hatte machen lassen?
      Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
      "Klinge ich schon wie der Protagonist einer spanischen Telenovela?" fragte er grinsend.


    • Lewis grinste breit und musste sich ein Kichern verkneifen. Mamà und papito, das war irgendwie ulkig. Lewis nannte seine Eltern Mom und Dad wie jeder normale Ami, aber Santiago mit seiner argentinischen Herkunft ließ die elterlichen Kosenamen irgendwie niedlich klingen. Papito. Wie eine Stoffpuppe.
      Lewis ließ sich sehr die Vorstellung eines jüngeren, naiveren Santiagos gefallen, der Gefallen daran fand, jemanden zu verprügeln. Wobei, Gefallen war es eigentlich nicht, viel eher ein sich-selbst-finden. Als ob der Mann sowas jemals nötig gehabt hätte. Dabei musste Lewis aber ernsthaft stutzen.
      Du bist aufs College gegangen? Ohne scheiß jetzt? Man, wieso hast du nichts vernünftiges gemacht? Anwalt oder… was man halt mit dem College so anstellt?
      Irgendwas normales, das man machen konnte, wenn die Eltern keine Verwendung für die eigene Magie fanden? Lewis konnte zwar nicht sagen, dass er neidisch auf Santiagos Familie wäre, aber neugierig war er trotzdem. In seiner Familie war es undenkbar, dass die eigenen Fähigkeiten nicht für das Gemeinwohl eingesetzt wurden. Wie es wohl gewesen wäre, wenn Lewis’ Magie nicht so praktisch für seine Eltern gewesen wäre? Ob er es auch aufs College geschafft hätte? Das bezweifelte er dann aber doch recht stark.
      Santiago zog kurz darauf die Decke herab und offenbarte die Tattoos an seiner Seite. Lewis hatte sie für einfachen Schmuck gehalten oder allenfalls für irgendwelche Gang-Symbole - aber nichts dergleichen. Santiagos mamà hatte eine Rose bekommen, sein papito eine Winterrinde. Und seine Herkunft hatte er auch verewigt.
      Ich dachte, das soll einfach nur cool aussehen. Was ist mit dem hier, bedeutet das auch was?
      Er deutete auf Santiagos Arm und ließ sich auch gleich das an seiner Schulter erklären. Und am anderen Arm. Wenn es Santiago störte, dann ließ er es sich nicht anmerken, sondern erzählte mit aller Ruhe, was hinter seinen Tattoos steckte. Lewis hörte ihm zu und auch, wenn er immernoch nicht viel mehr in den Tattoos sah als bloßen Körperschmuck, mochte er es doch, Santiago reden zu hören. Er mochte es, wenn sein Gesicht dabei ganz entspannt und gelassen war und der vormals noch so verkniffene Ausdruck verschwunden war. Er machte sich nichtmal über seine spanische Ausdrucksweise lustig - naja, vielleicht ein bisschen schon.
      Sag mal was auf spanisch, komm schon. Sag: Ich liebe meine Mami und meinen Papi.
      Dabei grinste er ganz breit auf eine freche, neckende Art.
    • "Wer sagt denn, dass ich einen Abschluss gemacht habe?" gab Santi gespielt empört zurück. "Nach der Sache mit der Prügelei - und noch ein paar anderen - bin ich vom College geflogen. Ich hab meine Magie genutzt, um die Anzeigen wegen Körperverletzung verschwinden zu lassen, um meinen Eltern keinen Herzinfarkt zu verpassen und das war's dann. Ich wüsste auch gar nicht, was ich mit einem Abschluss in Geschichte hätte machen sollen. Mich in ein Museum stellen? Da brech ich doch lieber ein."
      Santi grinste. Er hatte sich in seinen unzähligen schlaflosen Nächten wahrscheinlich mehr angelesen, als er jemals im College hätte lernen können. Zumal er sowieso meistens im Unterricht eingeschlafen war. Das war schlimmer als die Highschool gewesen und er bereute es kein bisschen, das College geschmissen zu haben.
      "Naja, ein paar sind nur da, um die Löcher zwischen den anderen zu füllen, aber ein paar haben schon Bedeutung, ja."
      Lewis deutete auf das Tattoo auf der Innenseite seines rechten Armes. Es bestand aus einer Ansammlung von geometrischen Formen, hauptsächlich Dreiecken, und einer Mondsichel, die ein hübsches Muster ergaben.
      "Jedes der Dreiecke steht für einen Diebstahl von über einem gewissen Wert. Keine 1,5 Milliarden, aber jeder von denen hat mir dabei geholfen, meinen Ruf aufzubauen. Zugegeben, die meisten dieser Aktionen waren Teil meiner Rückführungsangebote und ich habe Zeug zurückgestohlen, aber wenn ich dafür die Publicity in den richtigen Kreisen bekomme, dann zählt das auch."
      Lewis deutete auf das auf seiner Schulter.
      "Das ist eine traditionelle, wenn auch stilisierte Darstellung von Gynechen. Das ist die Schöpfergottheit der Mapuche, einem indigenen Volk aus Patagonien. Ich bin Halb-Mapuche und wollte ein bisschen Tinte haben."
      Er zuckte mit den Schultern. Lewis deutete auf ein ähnliches Tattoo auf seiner anderen Schulter.
      "Das ist ein Huecuvus, ein böser Geist, der zum Beispiel als Wirbelwind erscheint und Krankheiten bringt. Schien mir irgendwie passend."
      Er ließ die Erklärung für die kleinen schwarzen Punkte unter diesem speziellen Tattoo gekonnt aus. Viel lieber erklärte er Lewis die anderen Pflanzen auf seiner Haut und zeigte ihm die Tattoos, die keine Bedeutung hinter ihrem Design hatten. Er hatte mehr argentinische Minze auf seinem linken Arm, die sich als Ranke um seinen Arm und die anderen Tattoos darauf schlängelte und sich schließlich um seinen Hals zu wickeln schien. Diese Ranke war das einzige seiner Tattoos, das bis auf seine Hand ging - sie endete zwischen seinem Daumen und seinem Zeigefinger. Er hatte auch noch ein paar weitere traditionellere Tattoos: auf seinem Rücken gab es eine kleine Darstellung eines Pferdes, weil die den Mapuche heilig waren, und er hatte sich ein paar Schutzsymbole gegen böse Winde stechen lassen.
      "Sag mal was auf spanisch, komm schon. Sag: Ich liebe meine Mami und meinen Papi."
      Santi schüttelte lachend den Kopf.
      "No soy un loro entrenado. Pero bien. Amo mucho a mi mamá y a mi papito. Y tu, callejero, eres un idiota*."
      Er rollte sich auf Lewis, drückte ihn grinsend unter sich in die Kissen.
      "Gracias por la distracción. Necesitaba esto**," raunte er, dann beugte er sich zu Lewis runter und küsste ihn sanft. "Pero ahora deberías dormir un poco. Al despertar también hay desayuno. Con huevos duros, por supuesto***."
      Santi rollte sich wieder von Lewis herunter, zog ihn aber direkt an seine Brust und schob seine Hand in Lewis' Haare, wie er es immer tat.
      "Schlaf," übersetzte er. "Du hast mir genug Gesellschaft geleistet."

      Am nächsten Morgen machte Santi seine Drohung wahr. Er stand vorsichtig auf, um Lewis nicht zu wecken, und machte ihnen beiden Frühstück - mit hartgekochten Eiern. Das hatte der Streuner davon, blöde Witze zu reißen. Das rieb er Lewis auch ordentlich unter die Nase, als der endlich aufstand.
      Lewis war gerade im Badezimmer und Santi war damit beschäftigt, ihr Frühstück auf dem Tablett zu stapeln, um gleich auf der Dachterrasse zu essen - dieses Mal ohne einen nervigen imaginären Helikopter mit Sondereinsatzkommando - da klingelte sein Telefon. Aber es war nicht sein privates. Es war sein Diensthandy, wie er es nannte.
      Er schnappte sich das Smartphone und seine Kaffeetasse. Als er es entsperrte, machte er große Augen. Er hatte keine Namen in seinem Smartphone eingespeichert; er hatte sich alle Nummern gemerkt.
      "Lewis? Check dein Telefon," rief er dem Streuner zu.
      Als der die Anweisung hinterfragte, zeigte Santi ihm den Bildschirm seines Smartphones.
      "Apollo hat mir gerade eine Nachricht geschickt. Datum, Uhrzeit, Adresse, wie beim letzten Mal."
      Er hoffte einfach mal, dass es die Adresse ihres nächsten Treffpunktes war und nicht schon wieder ein Ort, an dem er Jericho oder sonst wen abholen sollte. Vielleicht sollte er einfach aus Protest mit seinem Bike aufkreuzen. Noch wusste er gar nicht, was genau Apollo von ihm wollte. Am Ende hatte nur er eine Nachricht bekommen, weil Apollo seine Dienste brauchte. Vielleicht stellte er auch ein völlig neues Team zusammen. Santiago hatte nicht genug Daten, um das genau sagen zu können. Aber wenn Lewis die gleiche Nachricht bekommen hatte, dann konnten sie mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, dass der Sonnengott was neues plante.
      Santiago konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie hatten doch schon 1,5 Milliarden Dollar verdient. Sie waren doch schon in ein Gebäude eingebrochen, in das man nicht einbrechen konnte. Wie wollte Apollo das denn jetzt noch toppen? Santiago wollte es wissen. Und er wollte mitmachen...

      *Ich bin kein dressierter Papagei. Aber gut. Ich liebe meine Mutter und meinen Vater sehr. Und du, Streuner, bist ein Idiot.
      **Danke für die Ablenkung. Ich brauchte das.
      ***Aber jetzt solltest du etwas schlafen. Wenn du aufwachst, gibt es auch Frühstück. Natürlich mit harten (hartgekochten but we pretend for fun) Eiern.


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    • "No soy un loro entrenado. Pero bien. Amo mucho a mi mamá y a mi papito."
      "Da war's! Ich hab's doch gehört, dein papito."
      Lewis grinste breit.
      "Y tu, callejero, eres un idiota."
      "Hey, das hab ich sicher auch irgendwie verstanden. Selber Idiot, Schwachkopf!"
      Er grinste noch viel breiter, als Santiago sich auf ihn rollte und ihn überraschend sanft küsste. Dabei wurde seine Stimme raunender und die spanischen Wörter kamen irgendwie viel verführerischer hervor. Lewis biss sich grinsend auf die Lippe.
      "Das hab ich nicht verstanden, aber das war bestimmt ziemlich sexy. Du solltest häufiger im Bett spanisch reden."
      Wie zur Betonung wackelte er unter Santiago mit seiner Hüfte. Da rollte der sich aber schon wieder herum und zog Lewis an seine Brust. Er machte es sich sofort gemütlich, wie könnte er dem auch widerstehen.
      "Schlaf. Du hast mir genug Gesellschaft geleistet."
      "Mh. Du willst den Waschbären-Look für dich alleine haben, was?"
      Zugegeben, Lewis war auch müde. Er war es nicht gewohnt, die Nacht schlaflos durchzumachen wie Santiago.
      "Na schön. Der steht dir auch besser als mir."
      Lächelnd streckte er sich und vergrub sich dann in Santiagos Armen. Dort fühlte er sich immernoch am wohlsten.

      Am Morgen wurde er von dem Geruch von Kaffee und gebratenem Speck geweckt. Das war wohl der kleine Nachteil dieser Wohnung ohne Wände: Dass man auch überall die Küche riechen konnte. Aber Lewis würde das im Moment gar nicht als Nachteil betrachten. Es war wie im Urlaub; von Santiago wurde er wirklich nach Strich und Faden verwöhnt.
      Er verschwand erstmal im Bad, als ihn der Ruf erreichte: "Lewis? Check dein Telefon."
      "Huh? Wieso?"
      Er raufte sich durch die Haare, was seine Form von Kämmen war, und kam wieder heraus. Santiago präsentierte ihm seinen Bildschirm.
      "Apollo hat mir gerade eine Nachricht geschickt. Datum, Uhrzeit, Adresse, wie beim letzten Mal."
      "Was, wirklich? Schon wieder? Wir sind doch durch, etwa nicht?"
      Aber tatsächlich: Auch Lewis hatte eine Nachricht bekommen. Datum, Uhrzeit, Adresse. Das Prozedere war mittlerweile schon so vertraut, mehr benötigte es wohl nicht.
      Er kam zur Küche und ließ sich auf einen der Hocker gleiten. Seinem Hintern ging's schon besser, jedenfalls besser als gestern.
      "Will er etwa noch eine Milliarde holen? Bald weiß ich nicht mehr, wohin mit dem ganzen Geld. - Uh, Eier."
      Er schnappte sich eins von dem Tablett, das Santiago sich zur Hand nahm, hielt es sich vor den Mund und leckte es einmal langsam und so obszön von unten nach oben ab, wie das bei einem Ei nur möglich war, den Blick fest auf Santiago gerichtet. Grinsend wackelte er mit den Augenbrauen.
      "Wirst du hingehen? Ein bisschen interessiert's mich schon. Solange das eine Sache von nur einer Stunde wird, mehr pack ich nicht."
      Dabei waren sie aber gleicher Meinung: Sie würden hingehen, allein schon aus Interesse daran, was Apollo jetzt von ihnen wollte.

      Lewis verabschiedete sich an diesem Tag von Santiago; er musste mal wieder zur Arbeit und er wollte dem Mann nicht weiter auf die Nerven gehen, auch wenn der keinerlei Probleme damit hatte. Aber Lewis vermisste langsam auch wieder die Bequemlichkeit von abgetrennten Räumen und seiner Stereoanlage, die er Zuhause stehen hatte. Santiagos Bude war zwar toll, aber mit Sportgeräten konnte er in etwa genauso viel anfangen wie mit Filmen und Büchern. Da ging er lieber in den Club oder dröhnte sich Zuhause zu.
      Dafür holte ihn Santiago am betreffenden Tag pünktlich mit dem Bike ab und zusammen kreuzten sie bei einer verwahrlosten Baustelle auf. Das Grundgerüst stand zumindest noch, weshalb sie problemlos in den zweiten Stock kamen, wo Apollo dieses Mal schon auf sie wartete. Sein Gesicht zierte ein freundliches, gar warmes Lächeln, als er die beiden ankommen sah.
      "Willkommen zurück."

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    • Santiago verbrachte die nächste Woche mit seiner üblichen Routine. Seine Paranoia kam Stück für Stück zurück - diesmal mit einer neuen Geschmacksrichtung: Lewis würde ihm in den Rücken fallen, weil er ein Undercover-Cop war, weil er von der Polizei Immunität für seine Verbrechen angeboten bekam, weil er und sein Bruder für die CIA Zeug schmuggelten und die keinen extra Zeugen gebrauchen konnten (dass Santiago überhaupt nichts wusste, interessierte seinen Verstand dabei nicht). Bevor er jedoch so weit abdriftete, stattete er seinen Eltern einen weiteren Besuch ab und verbrachte einen angenehmen Nachmittag mit ihnen, frei von Angst, schlechten Träumen, und allzu viel Müdigkeit.
      Wenn es nicht seine Paranoia war, die ihn mit Fragen bombardierte, dann machte er das selbst. Es juckte ihn in den Fingern herauszufinden, was Apollo von ihm und Lewis wollte. Hin und wieder tauchte sogar die Frage in seinem Kopf auf, ob der Mann von Lewis und seiner Affäre erfahren hatte und sie jetzt in das Büro des Schulleiters bestellte. Er schrieb diese Frage seiner Paranoia zu und ignorierte sie.

      Und dann war es endlich soweit. Santiago hatte sich am Tag vor dem Treffen einen Alptraum besorgt, weil er keine Lust hatte, sich konstant mit seinem eigenen Kopf auseinanderzusetzen, während er sich mit Apollo und dessen verrückten Plänen befassen musste. Entsprechend müde war er.
      Zusammen mit Lewis hatte er die Entscheidung getroffen, sein Motorrad zu nehmen und keinen dämlichen Mietwagen. Diese Technik war sowieso nur dafür da, um seine paranoiden Wahnvorstellungen zu besänftigen. Da er keine hatte, konnte er auch mit seinem Motorrad ankommen. Und Lewis mitzunehmen, würde ihn von sämtlichen Taxipflichten befreien. Jericho war clever genug, um selbst einen Weg zu finden.
      Die Baustelle lag still unter dem typisch sternenlosen Himmel New Yorks. Eine Briese pfiff durch die Skelettstruktur der unvollendeten Gebäude, ließ die alten Plastikplanen rascheln und verlieh dem Ort eine geradezu lebendige, aber unheimliche Atmosphäre. Santi war sich sicher, dass er schon das ein oder andere Mal von so einem Ort geträumt hatte. Rostige Bauzäune klapperten gelegentlich in der Brise, als wollten sie davor warnen, dass hier etwas nicht stimmte. Schutt und Schrott lagen verstreut auf dem Boden, alte, verlassene Baumaschinen standen in der Gegend rum, ihre Oberflächen sind mit einer dünnen Schicht Rost bedeckt. Scheinbar war hier nicht nur der Auftraggeber pleite gegangen, sondern gleich die ganze Baufirma. Jenseits der Baustelle konnte man die gedämpften Geräusche der Stadt hören, die sich wie ein ferner, träger Pulsschlag anhörten. Aber hier, auf dieser Baustelle, herrscht eine gespenstige Stille.
      Santi ignorierte das Knarzen von altem Metall und die verräterisch unidentifizierbaren Geräusche einer Rattenpopulation, während er mit Lewis zu dem alten, halbfertigen Gebäude ging, das in der Mitte der Baustelle aufragte. Dieser Ort wäre ein gefundenes Fressen für seine Paranoia - gut, dass er sich vorher einen Alptraum besorgt hatte.
      Apollo wartete im zweiten Stock auf sie. Der Mann wirkte wie ein Bösewicht aus einem Bond-Streifen, so wie er da stand mit seinem geradezu harmlosen Lächeln. Santiago wollte ihm ins Gesicht schlagen. Das wollte er eigentlich immer, wenn Apollo einen auf Papabär machte.
      "Willkommen zurück," grüßte der Mann.
      Santiago nickte ihm bloß zu. Er ging zu einem Stapel alter Holzplatten, setzte sich darauf, und lehnte sich gegen den Stahlbetonpfeiler, neben dem der Stapel stand. Er verschränkte die Arme und hinter seiner Sonnenbrille schloss er die Augen. Er ging einfach davon aus, dass Apollo auch den Rest der Crew eingeladen hatte.
      Und tatsächlich. Eine Viertelstunde später tauchte dann auch Jericho endlich auf, sichtlich angefressen.
      "Du Arsch," beschwerte dey sich in Santiagos Richtung. "Wegen dir musste ich mir einen Uber besorgen! Der hat die ganze Zeit irgendwelchen Country-Scheiß gespielt. Und mitgesungen! Und nicht einen Ton getroffen! Dafür schuldest du mir was!"
      "Ich schulde dir gar nichts, Knirps. Ich hab dich oft genug durch die Gegend gefahren. Du bist erwachsen und hast das Kleingeld für ein richtiges Taxi, also tu mal nicht so, als hättest du einen Knoten in der Unterhose."
      Jericho funkelte Santiago wütend an, doch der ignorierte den Hacker. Sobald Jericho merkte, dass das Starren nichts brachte, stapfte das Computergenie zum nächstbesten Tisch und begann, alle technischen Geräte aus der Umhängetasche zu ziehen und einen kleinen Stapel zu bauen. Santiago grinste hinter deren Rücken in sich hinein.


    • Santiago setzte sich gleich für einen Powernap auf einem herumstehenden Holzstapel ab - Lewis kannte mittlerweile die Anzeichen für einen Powernap, wenn der Mann die Arme verschränkte und sich gar nicht mehr rührte - und Lewis zückte seinen präventiven Joint. Es war eigentlich fast wie beim ersten Mal und das machte es irgendwie unterhaltsam. Bald kam auch Jeticho dazu und beschwerte sich gleich über deren sehr furchtbaren Uber.
      Was für ein Pech. Meiner war eigentlich ganz cool, hat die ganze Fahrt über nichts gesagt.
      Dabei grinste er und blies seinen Rauch in den offenen Raum. Von Apollo fing er sich dafür einen angesäuerten Blick ein, erinnerte sich an die alte Regel und hatte zumindest den Anstand, sich zum unfertigen Fenster zu drehen.
      Skye ließ auch nicht lange auf sich warten und kam bald mit erhobenem Kopf herein stolziert. Sie grüßte die Runde mit einem Grinsen im Gesicht.
      “Das ist fast wie ein déja vu. Jetzt fehlt nur noch die zweite Milliarde - deswegen sind wir doch hier, oder?”
      Apollo lächelte milde.
      “Eine Milliarde kann ich diesmal nicht versprechen, aber es soll sich lohnen.”
      Skye ging zu Jerichos Tisch und setzte sich auf eine unbelegte Stelle, Lewis blieb beim Fenster. Santiago regte sich nicht, aber es war klar, dass er aufmerksam lauschte.
      “Zuerst möchte ich aber wissen, ob die bisherige Bezahlung zu eurer Zufriedenheit eintrifft. Immerhin habe ich mit diesem weiteren Treffen nun die Gelegenheit dazu.”
      Einstimmige Zustimmung erhob sich.
      “Ausgezeichnet. Dann lasst mich euch verraten, weshalb wir uns heute hier versammeln.”
      Sein Lächeln wuchs an.
      “Wie immer bestehe ich auf die Regeln vom letzten Mal. Keine Magie, wenn wir hier zusammen sind. Keine Rauschgifte, egal in welcher Form.”
      Hier hörte er auf und sah demonstrativ Lewis an, der mit seinem halben Joint am Fenster stand. Lewis starrte zurück und zog die Stirn in Falten.
      Ernsthaft jetzt?
      “Wenn ihr keine so einfachen Regeln befolgen könnt, wie kann ich dann von euch erwarten, einem ganzen Plan zu folgen?”
      “Mach den scheiß Joint aus, ich will wissen, was er für uns hat”, fuhr Skye ihn an und Lewis schnickte schließlich seinen halben Joint aus dem Fenster raus. Dann verschränkte er die Arme und schmollte.
      “Keinerlei persönliche Informationen. Wer auch immer aussteigen will, hat jetzt die letzte Chance dazu und dann nicht mehr.”
      “Ja ja ja, sag schon, was du hast.”
      Apollo ließ sich zwar nicht drängen, aber legte dann trotzdem los. Wie beim letzten Mal rollte er einen altmodischen Plan aus.
      “Unser nächstes Ziel soll das größte Museum in ganz New York sein: Das Metropolitan Museum of Art. Wir haben die größte Auswahl an Wertgegenständen wie nirgendwo sonst in der Stadt. Über 174 europäische Gemälde, Steinsarkophage, iranische Töpferei von 3000 v. Chr., alt-ägyptischer Schmuck. Die Ausstellung der Metropolitan ist, wie ihr euch vorstellen könnt, unbezahlbar.
      Deswegen möchte ich auch gar nicht erst versuchen, die Glasvitrinen aufzubrechen oder den Alarm zu umgehen - auch, wenn das sicher ein geringes Problem ist.”
      Ein anerkennender Blick ging zu Jericho.
      “Nein, wir überlassen die Sicherheitsvorkehrungen der Ausstellungsräume sich selbst. Was wir uns ansehen werden, ist der Lagerraum und dort drin all die Ausstellungsstücke, die dafür vorgesehen sind, in ein anderes Museum transportiert zu werden.”
      Sein Grinsen wurde breit und einvernehmlich.
      “Ihr erkennt die Parallele? Wir besorgen uns nichts, was wir transportieren wollen, aber wir besorgen uns den Transport. Das darf natürlich keinen Steinsarkophag beinhalten oder eine Statue von über zwei Metern, aber Gemälde lassen sich gut weiterverkaufen und ganz besonders historischer Schmuck. Hier ist allerdings der Knackpunkt: Es gibt keinen festen Preis, mit dem ich euch verführen kann. Der Preis ist abhängig vom Lagerbestand und davon, welchen Transport wir wohin abzweigen. Ich halte es daher auch nicht für gerecht, jedem einen Lieferwagen zukommen zu lassen. Dieses Mal müssen wir es leicht anders handhaben; wir eignen uns den Besitz erst an und teilen die geschätzte Summe hinterher durch fünf. Wenn jemand Einspruch dagegen erheben will, so möge er es jetzt tun.”