Facies Duplicata [kiwi & Zenik]

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    • Bereits als der Dunkelhaarige erklärte, weshalb sie sich ihrer Kleidung entledigen sollte, ging sie seiner Bitte ohne zu zögern nach. Khareena zog sich langsam bis auf ihre Unterwäsche vor ihm aus und betrachtete dabei selbst ihren Körper genauestens, um Tighnaris Arbeit zu erleichtern. Doch obwohl sie dem Tod anscheinend gerade so entkommen war, gab es keinerlei Anzeichen dafür. Ihre Haut war - neben den bereits vorhandenen Narben - makellos, nicht einmal die kleinsten Kratzer oder Prellungen waren zu sehen. Zwar war dies kein schlechtes Zeichen, aber laut den Erzählungen der anderen Mitreisenden wunderte sie sich sehr über ihren derzeitigen Zustand. Sie konnte kaum glauben, dass ihr Körper so unverletzt geblieben war, nachdem sie solch eine gefährliche Situation überlebt hatte.

      Ein wohlig warmes Gefühl machte sich in ihrem Körper breit, als der Dunkelhaarige seine Arbeit fortsetzte. Plötzlich wurde sie immer nervöser, und sie wusste nicht wirklich, wohin mit ihren Gefühlen. Was ist, wenn sich hiernach ihre Wege wieder trennen würden? Der Gedanke, ihn wieder jahrelang nicht zu sehen oder ihn gar zu verlieren, jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken.
      "Nari...?", fing sie zögerlich an und schaute schnell auf den Boden, als er aus seinem tranceartigen Zustand erwachte und Blickkontakt zu ihr aufnahm. Ihre Worte blieben ihr auf einmal im Hals stecken; sie war unfähig, ihre Bedenken auszudrücken, die in ihrem Inneren tobte. Was war das denn? Warum konnte sie plötzlich nicht mehr mit der Sprache rausrücken?
      Auf einmal befand er sich genau vor ihr, sein Gesicht so nah, dass sie seinen Atem auf ihrer Haut spüren konnte. Seinem Blick zu entfliehen war beinahe unmöglich, die Intensität seiner Augen hielt sie wie in einem Bann gefangen. Khareenas Herz fing an, immer schneller zu schlagen, als er ihr tief in die Augen schaute, als ob er bis in ihre Seele blicken könnte; es fühlte sich an, als wäre die Zeit um sie herum stehen geblieben. Was war nur mit ihr los? Sie fühlte sich, als ob sie jeden Moment auseinanderbrechen könnte, verwirrt von der Flut an Emotionen, die in ihr hochkochte. Ihre Nervosität wuchs, je länger er sie ansah und sie fragte sich, ob er ihre Unsicherheit bemerken konnte.

      Auf ihren Wangen zierte sich ein rosa Schimmer; die Vastaya hatte das Gefühl, ihr Herz würde ihr aus der Brust springen und sie war fest davon überzeugt, dass man ihren Herzschlag bis nach Mondstadt hören konnte.
      "Du bist mir unendlich wichtig,"



      ---



      "Danke," sagte der Samurai und nickte Caleb zu, als dieser ihm ein neues Getränk brachte und den Platz neben ihm einnahm. Sie saßen zusammen mit einigen anderen der Truppe vor einem knisternden Lagerfeuer und lauschten den Geschichten und Theorien, die Kassandra erzählte. Ihre Worte hallten in der Nachtluft wider, und die Spannung, die von ihrer Theorie ausging, war beinahe greifbar. Selbst der sonst eher abweisend wirkende Alhaitham beteiligte sich rege an der Diskussion.
      "Du glaubst also, dass das ein ganz bestimmtes Sigel war?", fragte einer der Piraten die Brünette interessiert, "was glaubst du, was wir nun tun sollten? Ist die Kleine jetzt vielleicht sogar verflucht?"
      Die Gruppe verstummte, jeder hing an Kassandras Lippen, gespannt auf ihre Antwort. Das Knistern des Feuers und das leise Rascheln der Blätter im Wind waren die einzigen Geräusche, die die Stille durchbrachen. Die Möglichkeit eines Fluchs hing schwer in der Luft und die Ungewissheit über das, was als nächstes kommen würde, lastete auf allen Anwesenden.

      Der Samurai hörte der Diskussion aufrichtig zu, seine Aufmerksamkeit auf jedes Wort gerichtet, das Kassandra sprach. Doch im nächsten Moment bemerkte er, dass Nuriya nicht wirklich begeistert von Kassandras Erkenntnissen zu sein schien. Man könnte meinen, dass die Rosahaarige vielleicht sogar mehr wusste, als sie zugab oder es lag einfach an der subtilen Rivalität, die zwischen den beiden Frauen im Raum stand.
      "Ich glaube, deine Zeichnung könnte ein fehlendes Puzzleteil für den Fall hier sein," flüsterte er ihr zu, während er auf Kassandras Blatt Papier starrte, das sie gerade hochhielt.
    • Kaum hatte Khareena sich ihrer Kleidung entledigt, schaltete sich in Tighnari automatisch ein Schalter um. Eine recht bemerkenswerte Eigenschaft von dem jungen Forstwart war, dass er Arbeit und Privates bestens zu trennen wusste. Sein analysierender Blick streifte über Khareenas Haut, auf der Suche nach irgendeiner Auffälligkeit, die ihm aufzeigen würde, dass sie eventuell nicht ganz so glimpflich davon gekommen war wie sie vielleicht dachte.

      "Nari...?"

      Er hörte sie nicht; zu sehr war er in seine Suche vertieft. In wenigen Schritten stand er direkt vor ihr, seine Hände legten sich behutsam auf ihre Hüften und begannen damit zu überprüfen, ob sie sich etwas verrenkt oder gar verstaucht haben könnte. Dieser Kazuha hatte sie immerhin erst kurz vorm Aufprall auffangen können, was bedeutete, dass er sie nicht gerade behutsam zu fassen bekommen hatte. "Wenn du einen Schmerz verspürst, gib mir bitte Bescheid." Da sie heute mehr als genug durchgemacht hatte, ersparte er ihr ausnahmsweise die üblichen Fragen zu ihren Narben, welche einen Großteil ihres Körpers zierten. Es war nicht das erste Mal, dass er diese zu Gesicht bekam und bis heute fragte er sich, was genau es damit auf sich hatte. Leider, blieb die Grünhaarige stur und flüchtete sich stets in Ausreden, die entweder keinen Sinn ergaben oder mied das Thema gänzlich.

      "Nari...?"

      Während Khareenas Nervosität mit jeder Sekunde zu wachsen schien, versank Tighnari immer weiter in seine eigenen Gedanken. Ihm schien es nicht mal ansatzweise aufzufallen wie aufgewühlt sein Gegenüber war. Sein Blick heftete sich an sie, prüfend, observierend und besorgt. Wäre er vor Ort gewesen, dann hätte er gar nicht erst zugelassen, dass sie in diese Situation geraten wäre. Es war unfair Jemandem die Schuld geben zu wollen, wenn doch Niemand etwas dafür konnte, dass das Seil gerissen war und trotzdem wollte er sich einreden, dass er es besser gemacht hätte.

      "Du bist mir unendlich wichtig."

      Gerade eben wollte er ansetzten und sie darum bitten den Arm zu heben, damit er untersuchen konnte, ob sie sich eventuell die Schulter ausgekugelt haben könnte, doch ihre Worte trafen ihn so plötzlich wie ein Pfeil, der dazu bestimmt war sein Ziel zu treffen. Anstatt Wörter, brachte er nur einen gestotterten Laut aus seiner Kehle heraus. Anstatt die Hand vorsichtig auf ihren Arm zu legen, verkrampften seine Finger sich zur Faust, welche er nun vor seinen Mund hielt. Ein erneutes Räuspern erklang, während seine länglichen Ohren einknickten und ein dezent rötlicher Schimmer auf seinen Wangen erblühte. Nun war es wirklich eine Herausforderung Blickkontakt zu halten oder aber überhaupt einen Blick auf sie zu werfen.

      "Dir ist schon bewusst wie das gerade klingt?"

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      Es war wesentlich angenehmer am Lagerfeuer zu sitzen, mit einem Becher Wein in der Hand, der einen, für zumindest einen kleinen Moment, vergessen lassen konnte in welcher Situation man sich derzeit befand.


      Als Alhaitham sie vorhin so abrupt zur Seite zog, wusste sie gleich, dass es sich dabei um nichts Gutes handeln konnte. Um fair zu bleiben, war sie zum einen überrascht und zum anderen empört. Khareena würde höchstwahrscheinlich mehr als gerührt über die Tatsache sein, dass der Grauhaarige sich um ihr Wohlbefinden sorgte, auch wenn er ihr, der 'Unzuverlässigkeit in Person', dabei mehr als deutlich zu verstehen gab, dass er ihr nicht zutraute, dass sie auf die Vastaya Acht geben konnte, verdammter Klugscheißer.
      Danach folgte allerdings eine Ansprache mit der sie eigentlich nicht gerechnet hatte.
      Leider war Alhaitham Niemand von dem man erwarten konnte, dass ihm kleine Dinge nicht mit der Zeit auffallen würden. Es täte ihm wirklich gut nicht immer so penibel und ausführlich bei seinen Nachforschungen zu sein; denn ihm war, selbstverständlich, nicht entgangen, wie akribisch Kassandra ihren Theorien zum Riss der Felswand nachging und natürlich, anstatt sich zurückzulehnen und daran zu erfreuen, dass er solch ein helles Köpfchen für seine Reise ausgesucht hatte, welche ihm obendrein nun auch versicherte, dass sie vorerst nichts weiter zu bedenken hatten, zweifelte er an der Idee, dass Kassandra selbstständig auf den Gedanken gekommen war.
      Ganz gleich was man auch plante, früher oder später würde der Akademiker es doch aufdecken und sie ins Verhör nehmen, was unglaublich mühselig war.

      "Eine Sache noch", der erbarmungslose Unterton schwand mit einem Mal und brachte die Rosahaarige automatisch dazu zu stoppen, "Khareena war nicht alleine auf dem Vorsprung. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Niemand außer uns vor Ort war. Kannst du dir darauf einen Reim machen?"

      "Wie du schon sagtest... es war Niemand außer uns dort. Vermutlich haben dir deine Augen einfach einen Streich gespielt."

      "...ich hatte das Gefühl, dass sie nicht gefallen wäre, wenn diese fremde Person nicht dort gewesen wäre. Sie hat Khareena gestoßen."

      "Khareena hätte bei dem Sturz umkommen können. Manchmal bilden wir uns Dinge ein, um Situationen besser verkraften zu können, da sie uns ansonsten ein Leben lang verfolgen würden. Wäre Khareena gestoßen wurden, dann hätten wir an dieser Situation so oder so nichts ändern können. Aber vielleicht konzentrierst du dich lieber darauf, dass das Schlimmste verhindert werden konnte, anstatt darüber nachzudenken, was ansonsten gewesen wäre."


      Sie nahm einen weiteren Schluck, erstaunlich wie schnell sich solch ein Becher doch leeren konnte; das Feuer vor ihnen prasselte angenehm, während die Flammen immer wieder gen Himmel aufloderten. Natürlich, wusste sie, dass es kein gutes Zeichen war Dinge zu sehen, die nicht da sein sollten, vor allem wenn es sich bei dieser Person um Jemanden handelte, der sonst recht observierend und skeptisch gegenüber allem war. Alhaitham hätte das Ganze gar nicht erst angesprochen, wenn es ihm nicht Ernst gewesen wäre, denn diese Blöße würde er sich bewusst niemals vor ihr geben, was also wiederum bedeutete, dass definitiv Jemand auf dem Vorsprung mit Khareena gewesen war.

      "Ich glaube, deine Zeichnung könnte ein fehlendes Puzzleteil für den Fall hier sein."

      Urplötzlich aus ihren Gedanken gerissen, zuckte sie zusammen, wodurch ihr der Becher geradewegs aus der Hand fiel. Ungewollt lenkte sie damit Aufmerksamkeit auf sich, die sie absolut nicht gebrauchen konnte; selbst Kassandra hatte nun ihren Vortrag unterbrochen, um ihr einen garstigen Blick zu zuwerfen. "Wolltest du eventuell etwas 'bereicherndes' dazu beitragen, Nuriya?"
      Alle Augen waren nun auf sie gerichtet, während sie eigentlich nur versuchte auszumachen, wo genau ihr Becher hin gerollt war, um irgendeine Form der Ausrede zu haben, aber es war vergebens. Dann musste eben der Samurai herhalten, immerhin hatte er sie auch in diese Lage gebracht.

      "Ach, Kazuha hat mir nur was erotisches ins Ohr geflüstert," mit einem amüsierten Lachen rutschte sie augenblicklich näher an ihn heran, ihre Schulter stieß sanft gegen seine, "Du könntest damit auch warten, bis wir später alleine si-"

      "Hat er ganz sicher nicht", Calebs Stimme übertönte die Rosahaarige um einiges, während er seinen Arm nun um Kazuhas Schulter legte und ihn mit einem Ruck wieder zu sich zurück zog, "So langsam geht mir deine Aufmerksamkeitsmasche wirklich auf den Senkel. Du hast weder Anstand noch Scham. Wenn du schon so aufdringlich sein musst, dann zieh Andere nicht mit dir runter."

      Stille. Es kam wohl durchaus selten vor, dass der freundlich gesinnte und offenherzige Caleb diesen Ton anschlug. Aber mittlerweile hatte er sich wohl genug Mut angetrunken, um seine ehrliche Meinung kundzutun. "...schuldig", abwehrend hob sie nun die Hände und rückte demonstrativ weiter von den beiden weg, "Vor Gericht hätte ich mit Sicherheit keine Chance gegen dich." Calebs Griff um Kazuha wurde fester, anscheinend hatte sie ihn mit diesen Worten getroffen und am liebsten hätte er etwas daraufhin erwidert, aber letzten Endes entschied er sich doch dazu zu schweigen.

      Kassandra räusperte sich, ungeduldig, da diese Unterbrechung für ihren Geschmack bereits viel zu viel Zeit in Anspruch nahm. Sie setzte dort an, wo sie zuvor geendet hatte und nach einigen Minuten schienen die Meisten wieder vergessen zu haben, welches Drama sich eben noch in ihrem Umkreis abgespielt hatte.

      "Tut mir Leid. Ich hab mich einfach eingemischt und es nur noch Schlimmer gemacht." Der Braunhaarige schüttelte schuldbewusst den Kopf, anscheinend machte ihm das Ganze mehr zu schaffen als es anfangs den Anschein machte. Konfrontation lag ihm schon immer recht schwer im Magen, weshalb er sich häufiger in der Rolle des Streitschlichters vorfand, nicht andersherum. "Ich... ich besorge uns noch was zu trinken." Diese abwehrende Haltung ließ darauf schließen, dass er womöglich glaubte, dass seine Aktion durchaus Konsequenzen mit sich bringen würde, die er doch bereits seit Anfang der Reise versucht hatte zu vermeiden.

      Selbst als Caleb sich auf den Weg machte, um ihnen mehr Wein zu besorgen machte Nuriya keine Anstalten Kazuha näher zukommen. Sie hatte wirklich ihr Bestes gegeben und Kassandras angesammeltem Wissen zu Siegeln, welches sie ganz klar nur aus Lehrbüchern und alten Aufzeichnungen, welche mit der Zeit immer wieder neu übersetzt werden mussten und ihre eigentliche Bedeutung irgendwann ab der Hälfte der verstrichenen Zeit anscheinend verloren zu haben schienen, gelauscht; zumindest so lange wie es eben möglich war, weil das ganze unsinnige Gerede schlimmer war als eine endlose Diskussion am Gerichtshof von Fontaine. Ihr schwirrte mittlerweile der Kopf, wobei sie sich nicht gänzlich sicher war, ob es nur an Kassandra oder auch am Wein lag.

      Sie konnte spüren, dass Jemand sich neben sie setzte, was ihr allerdings deutlich missfiel. Vermutlich lockerte der Wein ihre Zunge, denn mit leiser Stimme begann sie plötzlich zu sprechen: "...und? Wer erzählt Kassandra jetzt, dass sie sich nicht selber beibringen kann wie man Siegel beschwört?" Es war einfach unvorstellbar für sie, wie bescheiden und selbstverständlich, die Studenten der Akademie dieser Zeit die Dinge angingen. "Ob man euch etwas sagt oder nicht, hat denselben Effekt, nämlich gar keinen."
      "Genieß deine 5 Minuten Ruhm
      und pass auf, dass es nicht 6 werden."
    • Schon seit einer Weile entfernte sich die Vastaya von dem Rest der Gruppe, welche sich vor dem Lagerfeuer niedergelassen hatte, um über die heutigen Geschehnisse zu diskutieren. Seitdem jemand in die Runde geworfen hatte, dass sie vielleicht sogar einen Fluch angehängt bekommen haben könnte, hatte sie das Gefühl, dass ein paar Mitreisende sie anders behandeln würden. Diese Vermutung verstärkte sich, als sie die verstohlenen Blicke und das Flüstern hinter ihrem Rücken bemerkte.
      Sei es bloß Mitleid oder Angst: Khareena war das alles viel zu unangenehm. Sie spürte, wie die Atmosphäre sich um sie herum veränderte und das ertrug sie auf die Dauer nicht. Das Knistern des Feuers und das leise Murmeln der Gespräche in der Ferne schienen sie nicht mehr zu erreichen, während sie immer weiter in Gedanken verlor.

      "Dir ist schon bewusst wie das gerade klingt?"

      Wenn man schon von unangenehm sprach. Zwar war sie froh, dass Tighnari sie zuvor untersuchte doch ab dem Zeitpunkt, an dem sie aufgrund eines plötzlichen Gefühlsausbruchs ihre Klappe nicht halten konnte, war sie zu nichts mehr als Scham fähig. Ihre Wangen glühten noch immer vor Verlegenheit und ihre Gedanken drehten sich unaufhörlich um das Geschehene.
      Ihre Intention war eine andere - sie wollte ihren besten Freund nicht noch einmal verlieren; all diese Gedanken machten sie so kirre, dass sie nicht mehr klar denken konnte. Als Tighnari ihr seine Interpretation ihrer Worte mitteilte, erkannte sie, wie ihre Aussage - ganz ohne Kontext - eigentlich rüberkam. Sie konnte es nicht einmal richtigstellen, so sehr hatte sie der Moment aus der Fassung gebracht.

      Doch je mehr sie an den Moment von heute Nachmittag zurückdachte, desto mehr fragte sie sich, ob ihre plötzlich aufkommenden Gefühle echt waren oder ob sie ihn über die Zeit einfach sehr vermisste und froh war, ihn wiederzusehen. Der Gedanke daran, dass sie seine Nähe so sehr genoss, ließ sie an ihrer eigenen Klarheit zweifeln. Aber für letzteres tat ihr seine Nähe viel zu gut; man könnte meinen, dass die Gefühlslage beinahe mit der zu vergleichen war, die sie für Alhaitham empfand. Vielleicht drehte sie aber auch durch; verübeln konnte man es ihr aber nicht, schließlich war sie bis vor ein paar Stunden gerade noch mit ihrem Leben davongekommen, auch wenn ihr nichts passiert zu sein schien.
      Sie nahm einen letzten Schluck aus ihrem Glas, der bittere Nachgeschmack des Alkohols brannte in ihrem Hals. Es war lange her, seitdem sie das letzte Mal Alkohol zu sich genommen hatte – das war nämlich lediglich bei TCG-Abenden der Fall.

      Mit einem tiefen Seufzer legte sie ihre Arme auf den Tisch und vergrub ihren Kopf darin, versuchend, die wirren Gedanken und Gefühle zu ordnen, die in ihrem Inneren tobten.
      Plötzlich wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, als sich jemand neben sie setzte und einen Arm um sie legte.


      ---


      "Das war zu viel", sagte er bedacht und entfernte sich schleunigst von der Rosahaarigen, ohne ihr die Möglichkeit zu geben sich zu erklären. Es war eine Sache, dass er ihr aushalf – schließlich sprang für ihn einiges an nützlichen Informationen heraus, für die er sicherlich Jahre gebraucht hätte, um an sie zu kommen – aber es war keineswegs die Rede davon, dass sie ihn dafür vor versammelter Mannschaft blamieren musste, nur um in einer für sie unangenehmen Situation besser dazustehen.
      Der Weißhaarige war schlichtweg enttäuscht von ihr. Das Gefühl der Erniedrigung brannte in seiner Brust und obwohl er wusste, dass dies ein massiver Rückschlag für ihn bedeutete, konnte er keineswegs zulassen, dass er alles mit sich machen ließ und damit gleichzeitig permanent seine Ehre gefährdete.

      "Danke", sagte der Samurai und legte seine Hand auf Calebs Schulter, der gerade dabei war, zwei neue Gläser mit Wein zu befüllen. Man sah dem Braunhaarigen deutlich an, dass ihn all das, was vorhin passiert war, belastete - verübeln konnte man ihm das aber nicht. Die beiden kannten sich schon so lange, dass es Kazuha keiner Worte bedurfte, um zu wissen was im Inneren seines Freundes ablief.
      "Du machst dir wieder zu viele Gedanken, Caleb", sagte Kazuha sanft und hob das Kinn seines Gegenübers an, sodass ihre Blicke sich trafen. Er schenkte ihm ein warmes, beruhigendes Lächeln. "Kopf hoch, du hast richtig gehandelt."


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      "Ob man euch etwas sagt oder nicht, hat denselben Effekt, nämlich gar keinen."

      "Ziemlich große Töne, die du von dir gibst. Ich wünschte, ich würde davon auch etwas verstehen", sagte der Brünette lächelnd und piekste ihr spielerisch in die Seite. Selbst wenn sie versuchen würde es ihm zu erklären, würde es ihn so wenig interessieren, dass er es nicht mal verstehen würde, wenn sie es ihm so einfach wie möglich erklärte.
      Aabid hatte am Lagerfeuer nur halb zugehört – irgendwann wurde es schließlich zu plump und langweilig, aber er genoss die Gemeinschaft, weshalb er sich nicht von der Gruppe entfernte. Er schätzte die Wärme des Feuers und die Gesellschaft der anderen, auch wenn das Thema ihn nicht sonderlich fesselte. Erst als Nuriya die komplette Aufmerksamkeit auf sich zog, wurde er wieder hellhörig und beobachtete das Spektakel zwischen ihr und dem Samurai noch eine Weile.
      "Ich komme direkt zur Sache. Mal im Ernst: Du kannst dich doch nicht an eine vergebene Person ranmachen, die nicht einmal auf Frauen steht", flüsterte er Nuriya zu und nickte in Richtung des Samurais, der gerade das Kinn seines brünetten Begleiters anhob. "Ich weiß nicht, was du vorhast, aber du solltest das das nächste Mal genauer durchdenken."

      Ein wenig amüsiert war Aabid schon über die Sache, wenn man bedachte, dass er nur an der Expedition teilnahm, um nicht aus der Akademie geschmissen zu werden. Dafür waren seine Noten viel zu schlecht und seine Arbeiten viel zu katastrophal. Man könnte meinen, dass die ganzen Streber in allem besser wären, aber da hatte man sich wohl sehr getäuscht. Aber dadurch, dass die beiden ihre Fehler zusammen ausgleichen könnten, wäre da sicherlich einiges dabei, was für ihn zum Vorteil rausspringen könnte. Der Brünette beugte sich nun näher zu Nuriya und flüsterte in ihr Ohr.
      "Ich weiß nicht, was du vorhast, aber ich hätte einen Deal. Ich bin dein neuer Freund, das ist wesentlich glaubwürdiger. Und im Gegenzug", er konnte sich sein Grinsen nicht verkneifen, "will ich deine Notizen."

      Als er sich wieder von ihr entfernte, blickte er in ein völlig entgeistertes Gesicht, woraufhin er anfing zu lachen. "Wir sind im gleichen Darshan, und ich will nicht endgültig von der Akademie fliegen. Die Ladies brauchen mich. Also", er grinste sie breit an, "eine Hand wäscht die andere, unser Deal ist besiegelt."
      Zugegebenermaßen war es unfair, den Deal einfach so abzuschließen, ohne auf ihre Zustimmung zu warten, aber wenn er ehrlich war, sah er keinen anderen Ausweg, außer zu lernen. Und das kam für ihn nicht in Frage. Er schlug ihr ein paar Mal herzlich auf den Rücken und lachte dabei. "Ich wette, wir werden sicherlich richtig dicke Freunde."
    • "Endlich!~"

      Ein Arm legte sich um Khareena, gefolgt von einem angeheitertem Lachen. Blondes Haar streifte sie als Kaveh seine Wange liebevoll an ihre schmiegte. "Ich habe dich überall gesucht Khareenalein!~ Weißt du eigentlich wie schwierig es war dich ausfindig zu machen?"
      Ganz klar hatte Kaveh es sich in der Taverne reichlich gut gehen lassen, vermutlich sogar ein wenig zu gut. Ohne Aufsicht verfiel der Architekt relativ schnell dem Rausch; besonders schwierig wurde es, wenn er Niemanden finden konnte, der gemeinsam mit ihm becherte. Oftmals würde er den Leuten so lange in den Ohren liegen, ihnen teilweise sogar nachjagen, bis diese sich erbarmten und noch einen letzten Drink zu sich nahmen; Khareena würde darüber bestens Bescheid wissen.

      "Aber nun erzähl doch mal, wie geht es dir? Und ich meine das wirklich Ernst."

      Den halbgefüllten Becher, den er zuvor noch in der Hand amüsiert hin und her geschwenkt hatte, stellte er nun auf dem Tisch ab, vermutlich um seiner Ernsthaftigkeit Nachdruck zu verleihen. "...ich sehe dich vor meinem inneren Auge immer noch fallen. Wenn man mal bedenkt, dass ich dir zuvor noch gesagt hatte, dass dir garantiert nichts widerfahren wird..."

      Er wurde still. Anscheinend hatte ihn sein schlechtes Gewissen schon die ganze Zeit über geplagt, aber erst jetzt, wo sie endlich unter sich waren, konnte er dies offen und ehrlich zugeben.

      "...ich kann doch nicht noch Jemanden an die Wüste verlieren, der mir wichtig ist."

      Er konnte ihr nicht einmal in die Augen sehen, während er diese Worte sprach. Zu sehr schmerzte ihn der Gedanke, dass sie ihn missverstehen oder schlimmer noch, es ihm durchaus übel nehmen könnte. Wer hätte auch ahnen können, dass das Seil mit einem Mal nachgeben würde.
      Hinzu kam, dass einige der Piraten mit ihrem unnötigen Getue diesbezüglich Aberglaube und sonstigem Hokuspokus anfingen. Als wäre die Situation, dass sie Jemanden gleich zu Beginn der Reise hätten verlieren können nicht schon schlimm genug. Das war wirklich das Letzte was Khareena gebrauchen konnte. Inständig hoffte er, dass sie davon vorerst nichts mitbekommen hatte, was bei näherer Betrachtung wohl doch eher unwahrscheinlich erschien.

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      "Du machst dir wieder zu viele Gedanken, Caleb."

      Tat er das? Mit einem schwachen Lachen schenkte er ihnen beiden nach. Ob das wohl eine gute Idee war? Ohne den Alkohol wäre ihm eventuell eine etwas galantere Methode eingefallen Nuriya in ihre Schranken zu weisen. Wenn er ehrlich sein sollte, dann störte ihn die Rosahaarige bereits seit Beginn der Reise. Er hätte das Ganze wesentlich besser verkraftet, wenn Nuriya ihre Annäherungsversuche nicht derart zur Show gestellt hätte oder aber wenn die Zuneigung zumindest auf Gegenseitigkeit beruhen würde.
      Aber Jemanden wie Kazuha, der nicht nur herzensgut sondern auch ungemein geduldig mit seinen Mitmenschen war, derart an den Pranger zu stellen, war nicht nur unverschämt sondern auch unglaublich selbstsüchtig. Er konnte nur hoffen, dass sie von nun an bedachter vorgehen oder bestenfalls eingeschnappt genug wäre, um ihre Verhaltensweise schleunigst zu überdenken.
      "Ich sollte versuchen Frieden mit ihr zu schließen. Du weißt ja, Gemeinschaften zerbrechen an den lächerlichsten Dingen. Das sollten wir nicht riskieren." Gerade als er ihm den Becher reichen wollte spürte er eine sanfte Berührung an seinem Kinn. Im nächsten Moment blickte er in die tiefroten Augen des Samurais. Er schluckte.

      "Kopf hoch, du hast richtig gehandelt."

      "...bedeutet sie dir eigentlich was?"

      Er wollte ihm diese Frage eigentlich nicht stellen. Irgendetwas musste in genau diesem Moment über ihn gekommen sein. Dem Alkohol würde er vermutlich in nächster Zeit abdanken, denn immerhin benebelt dieser ihm derart die Sinne, dass er gar nicht mehr über seine Worte nachzudenken schien. Hoffentlich würde Kazuha nicht allzu viel in diese Frage hinein interpretieren.

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      Spätestens Morgen würde sie wohl mehr als dankbar über die Tatsache sein, dass sich Jemand wie Aabid neben ihr niedergelassen hatte, der vermutlich reichlich getrunken hatte, um sich keinerlei Gedanken über ihre unüberlegten Aussagen zu machen oder dem es einfach schlichtweg gleichgültig war, da er nicht gerade zu den großen Denkern zählte. Der spielerische Piekser in die Seite schleuderte sie nicht nur augenblicklich zurück in die Realität, sondern sorgte auch fast dafür, dass sie vor Schreck beinahe von der Bank flog, auf der sie beide saßen. Sie schoss ihm einen genervten Blick zu, während sie sich die Seite hielt; er sollte bloß nicht auf die Idee kommen, das Ganze ein zweites Mal auszuprobieren. "Ich dachte du seist jemand anderes..."

      Kurz stockte sie, da ihr erst jetzt richtig bewusst wurde, wie sehr sie sich bereits an den Samurai gewöhnt hatte. Seit Beginn der Reise hatten sie immer wieder Momente in denen sie beide zueinander fanden und das obwohl sie sich nicht einmal lange kannten. Wenn sie es in Worte fassen musste, dann würde sie sogar so weit gehen und behaupten, dass sie seine Gesellschaft durchaus zu schätzen wusste, zumindest mehr als die der Anderen.

      "Ich komme direkt zur Sache. Mal im Ernst: Du kannst dich doch nicht an eine vergebene Person ranmachen, die nicht einmal auf Frauen steht".

      Sie verbat sich nach dem Weißhaarigen Ausschau halten zu wollen, denn nach ihrer vorherigen Aktion, konnte sie ihm eigentlich nicht verübeln, dass er es Leid war sich in ihrer Gegenwart aufzuhalten. Sogar Caleb hatte sich diesmal eingemischt und ihr zu verstehen gegeben, dass ihre Art und Weise hier unerwünscht war. Den Bogen hatte sie dieses Mal wohl erfolgreich überspannt.

      "...ich weiß nicht wovon du sprichst. Ich kenne Kazuha noch nicht sonderlich lange, aber wenn er glücklich vergeben wäre, dann hätte er das bereits angesprochen. Leute wie er... sind loyal gegenüber ihren Prinzipien und demnach auch ehrlich, wenn diese zur Ansprache kommen."

      Sie trank einen großzügigen Schluck von ihrem neuen Becher, ohne den Brünetten auch nur eines Blickes zu würdigen. Sie war einfach nicht in der Stimmung gegen akribische Naivität anzugehen. Er gab Dinge von sich und schien mit Absicht nicht auf ihre Antworten eingehen zu wollen, vermutlich um Recht zu behalten, wie überaus erwachsen von ihm. Wenn sie nur lang genug schweigen würde, dann würde er es sicherlich aufgeben und von selbst das Weite suchen.

      "Ich weiß nicht, was du vorhast, aber ich hätte einen Deal. Ich bin dein neuer Freund, das ist wesentlich glaubwürdiger. Und im Gegenzug will ich deine Notizen."

      "Wie kommst du darauf, dass das mein Problem lösen würde?" So langsam ging ihr dieser Trottel wirklich auf die Nerven. Er wirkte wie ein zu groß geratenes Kind, dass sich stolz damit brüstete, dass es für seinen ersten Milchzahn eine Mora Münze unterm Kopfkissen gefunden hatte.

      "Wir sind im gleichen Darshan, und ich will nicht endgültig von der Akademie fliegen. Die Ladies brauchen mich. Also eine Hand wäscht die andere, unser Deal ist besiegelt."

      Zuvor war die Erinnerung noch vage, aber nun bestand kein Zweifel mehr daran, dass dieser Proll ihr bereits in der Akademie über den Weg gelaufen war. Bekannt war er durchaus dafür, dass er nicht der Hellste war, da er seine Nase lieber in die Angelegenheiten Anderer steckte, anstatt in ein Lehrbuch. "...ich enttäusche dich ja wirklich nur ungern, aber so schließt man keine Deals ab. Ich sehe absolut keinen Vorteil darin einen Deal mit dir abzuschlie-"

      Er fing damit an ihr ein paar Mal ausgiebig auf den Rücken zu klopfen, ganz so als wolle er mit Nachdruck unter Beweis stellen wie Ernst ihm das Ganze war. Nach dem dritten Klopfen versuchte sie mit einem Husten und verzweifelten Heben ihrer Hand ihn zum stoppen zu bringen. "Ist ja gut! Ist ja gut! Ich lasse es mir durch den Kopf gehen, verdammt!"
      Ostara Beauchéne, ehemalige Anwältin am Court von Fontaine, gesegnet von Lady Furina, der Justiz in Person und achtes Mitglied der Étoiler Abenteurergilde, ausgezeichnet mit Kassiopeia, welche ihr Ziel niemals verfehlt, fühlte sich vermutlich noch nie so sehr in ihrem Leben erniedrigt, wie jetzt gerade.
      "Genieß deine 5 Minuten Ruhm
      und pass auf, dass es nicht 6 werden."

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    • Khareena erschrak, als sie plötzlich in den Arrm geschlossen wurde und sich jemand mit der Wange an sie rieb. Sie brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, dass es sich bei der Person um Kaveh handelte, so sehr saß der Schock noch tief. Er hatte wohl mal wieder alleine getrunken, was nie ein gutes Zeichen war - er wusste schließlich nie, wann es zu viel des Guten war.

      "...ich sehe dich vor meinem inneren Auge immer noch fallen. Wenn man mal bedenkt, dass ich dir zuvor noch gesagt hatte, dass dir garantiert nichts widerfahren wird..."

      Sofort bemerkte sie den Stimmungswandel in der Luft, welche sie gleich noch mehr runterzog. Irgendwie machte sie sich nun selbst Vorwürfe. Hätte sie niemals eine Unterschrift auf den Papieren für die Expedition gesetzt, würde sie einigen anderen nicht den Schock ihres Lebens verpasst haben. Oder eben ein Schlechtes Gewissen, welches der Architekt sich nun machte. "Kaveh-"

      "...ich kann doch nicht noch Jemanden an die Wüste verlieren, der mir wichtig ist."

      Khareena schluckte. Das Thema war ihr sichtlich unangenehm und sie hatte Bedenken, dass sie in ein Fettnäpfchen treten würde, wenn sie großartig draufeingehen würde. Sie legte ihre Hand auf seine und sah ihn mit glasigen Augen an, "du bist mir auch wichtig. Sehr sogar."
      In der Hoffnung, dass er nicht wieder auf die vorherige Thematik zurückgreifen würde, umarmte sie ihn so fest es ging. Zwar konnte sie keine Tränen oder negative Stimmunegn gerade gebrauchen, aber gleichzeitig fühlte sie sich schlecht, dass sie ihn - zum x-ten mal - gerade keinen Raum ließ, über seinen Vater zu sprechen.
      "Hier", sie schenkte ihnen einen Schluck Wein ein, "wir können so zwar nicht anstoßen, aber wir stellen es uns einfach vor", Khareena schob ihr Glas zu ihm, "lass uns das Erlebnis von heute hinter uns lassen". Es war zwar keine gute Idee, ihn mit Alkohol ruhig stellen zu wollen, aber was sollte schon schief gehen bei solch einer geringen Menge?

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      Lachend lagen sich die Vastaya und der Architekt in den Armen, während sie zum zehnten Mal darüber sprachen, wie sie kurz zuvor beinahe eine Palme hatten mitgehen lassen, als sie sich torkelnd auf den Weg in Kavehs und Alhaithams Zimmer machten. Ihre gemeinsame Kraft reichte lediglich aus, den Baum samt Blumentopf umkippen zu lassen, was sich unabsichtlicherweise als perfektes Ablenkungsmanöver herausstellte, um ein paar Snacks von der Bar zu stibitzen. Diese verzehrten sie nun lachend und fütterten sich damit gegenseitig immer wieder.

      Plötzlich öffnete sich die Zimmertür. Im Türrahmen stand Alhaitham, der sofort begann mit Kaveh zu diskutieren als er den Anblick verarbeitete. Die Vastaya war viel zu überfordert von der Situation, um der Diskussion folgen zu können, doch als sie mitbekam, dass der Gelehrte Khareena in ihr Zimmer bringen würde, mischte sie sich panisch ein.
      "Lass mich bidde bidde hia schlafn...! Das wird ganss lusdig!", ein kleiner Schluckauf mischte sich unter ihre Worte, "wia könn' alle susammn in Kavehs Bett schlafn, das is' sooooo schön weich. Guck mal!"Zur Demonstration piekste sie mit ihrem Zeigefinger in die Matratze und begann leise zu kichern. Viel zu lachen gab es allerdings nicht mehr, als sie plötzlich bemerkte, dass etwas fehlte. Etwas Entscheidendes sogar – sie spürte nichts mehr unter sich. Hatte die Vastaya es tatsächlich geschafft, die Matratze wegzuzaubern? Oder konnte sie gar schweben?!
      Die Grünhaarige zweifelte an sich selbst, bis sie feststellte, dass Alhaitham sie in seinen Armen trug. Für einen Moment war sie sich sicher, dass sie entweder gestorben oder schlagartig wieder nüchtern geworden war, denn dies konnte entweder nur ein Traum sein oder die Person, die sie trug war ein Begleiter der sie ins nächste Lebe trug und die Gestalt des Scribes angenommen hatte, um sie nicht zu erschrecken. Es gab nur einen Weg, um ihre Vermutung zu bestätigen. Vorsichtig hob sie ihre Hand und führte sie an die lange, abstehende Strähne des Silberhaarigen. Es war echt. Das passierte gerade wirklich.
      Mit voller Freude und Begeisterung in ihren Augen stupste Khareena die Strähne mehrfach an, sodass sie hin und her sprang, während der Scribe sie davontrug.

      ---

      "Warde...! Ich will nich! Da bin ich gansss alleine, lass mich nich-", quengelnd flehte Khareena Alhaitham an, sie nicht alleine in ihrem Zimmer übernachten zu lassen. Doch plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Der Silberhaarige würde sie niemals allein lassen – schon gar nicht in diesem Zustand, das wäre absolut unverantwortlich von ihm. Nein, er hatte wohl etwas ganz anderes im Sinn - etwas, was in Khareena pure Vorfreude auslöste. Wäre er nicht gerade dabei sie zu tragen, würde sie wahrscheinlich vor Aufregung durch die Luft springen, um den Überfluss ihrer Gefühle zu regulieren.
      "Du... willsss bei mir im Bett schlafen...?!", fragte sie mit weit aufgerissenen Augen, während ihr Schweif heftig wedelte und ihr Herz wie wild zu pochen begann – man könnte meinen, es würde sich selbst bis nach Inazuma katapultieren. "AAAAAH, du bist SOOOOOO toll!", sie schmiegte ihre Wange an seine; so sicher und glücklich wie jetzt fühlte sie sich noch nie zuvor.

      Vorsichtig versuchte Alhaitham, sie auf ihr Bett abzulegen, doch die Vastaya machte es ihm nicht gerade leicht. Viel zu sehr wollte sie weiterhin mit ihm kuscheln; kichernd ließ sie jedoch schließlich von ihm ab, nachdem er sie überredet hatte.
      Khareena beruhigte sich schnell wieder, als der Silberhaarige sie plötzlich aus nächster Nähe betrachtete. Sie starrte ihn für einige Sekunden mit leicht geöffnetem Mund an und schien wie verzaubert von ihm zu sein. Vorsichtig nahm er ihre Brille ab und platzierte sie behutsam auf dem Nachttisch. "Alhaitham...?", sprach sie leise und wartete, bis er sich wieder ihr widmete. "Warum küssen wir uns nicht einfach jetzt?"



      ---



      "...bedeutet sie dir eigentlich was?"

      Dem eigentlich gut gefassten Samurai stand die Verwirrung ins Gesicht geschrieben. Er wusste nicht ganz, wie er diese Frage einordnen sollte, geschweige denn, wie er darauf antworten konnte. Der Weißhaarige überlegte ein wenig länger als üblich, bevor er zu sprechen begann: "Ich würde nicht sagen, dass sie mir unwichtig ist. Nuriya ist ein Teil dieser Expedition und wir sind auch für ihre Sicherheit verantwortlich. Sie sollte mir also nicht egal sein."
      Er hoffte, dass er Caleb damit einigermaßen zufriedenstellen konnte. Eine richtige Antwort auf seine Frage gab es nun mal nicht. Wäre die Rosahaarige ihm völlig egal, würde er wohl keine Probleme damit haben, sie in der Wüste sterben zu lassen, wenn es darauf ankommen würde. Aber so war es nun mal nicht.Zumal sie eine Art Sonderstellung bei ihm hatte, wenn man bedachte, wie weit Nuriya ihn in seiner Forschung für Tomos Vision gebracht hatte.



      ---



      In dem Dorf, in dem sie übernachteten, war eine Nachtwache nicht unbedingt erforderlich, aber eine so große Gruppe hinterließ zwangsläufig Spuren. In der Wüste von Sumeru konnte man nicht vorsichtig genug sein, da es mehrere Banditenlager gab, die nur darauf warteten, ihre nächste Beute zu überfallen. Irgendjemand von ihnen würde sicherlich etwas Wertvolles dabei haben, für das es sich lohnte, sie anzugreifen.
      Der Samurai erklärte sich bereit, die erste Schicht der Wache zu übernehmen, während einige Piraten und Studenten sich betranken und noch etwas feierten. Im Hintergrund konnte er die ausgelassene Partystimmung mitverfolgen, doch daran hatte er kein Interesse. Er war so konzentriert auf seine Aufgabe, dass es beinahe einer Meditation glich. Entspannt atmete er aus und schloss für einen Moment die Augen.

      Dank des Windes spürte er aus der Ferne, wie sich ihm zögerlich eine Person näherte. Es dauerte eine Weile, bis sie schließlich hinter ihm stand. Gerade als sie ansetzen wollte zu reden, unterbrach er sie: "Ich hätte nicht gedacht, dass du mir Gesellschaft leisten würdest."
    • "Was treibt ihr beide hier?"

      Alhaitham stand mit verschränkten Armen im Türrahmen und schien nicht sonderlich begeistert über das Bild, welches sich vor ihm bot. Ausgerechnet heute musste der Architekt sich volllaufen lassen und zu allem Überfluss hatte er Khareena gleich dazu angestiftet sich ihm anzuschließen. Reichte es denn nicht, dass sie dem Tode, erst heute, mit Glück, knapp entronnen war? Nun saßen die beiden auf seinem Bett, gackerten wie Hühner und schienen nicht mehr in der Lage zu sein rechts von links unterscheiden zu können.

      "...es wird Zeit schlafen zu gehen. Ihr habt für heute genug getrunken." Mit diesen Worten knöpfte er Kaveh die Flasche ab und stellte sie vorerst außer Reichweite.

      "G E G E N F R A G E. Hab'n wir tsu vjiel getrunken oder has' duuu vielleicht einfach tsu, hmmmm, wenich getrunken?"

      Das Gequengel des Blonden blendete er gekonnt aus, bevor er sich bemühte zu verstehen was genau Khareena daraufhin von sich gab. Sie lallte ungemein beim Sprechen, hin und wieder mischte sich sogar der ein oder andere Hickser mit ein; kurz gesagt, Alhaitham hatte keinen blassen Schimmer wovon sie eigentlich sprach.

      Mit einem tiefen Seufzer hob er die Grünhaarige kurzerhand hoch, es wurde Zeit, dass sie endlich aufhörte sich an sein Bett zu klammern, denn immerhin hatte sie extra ein eigenes Zimmer, in welchem sie die Nacht verbringen sollte. Kaum hielt er sie in den Armen erstummte die Vastaya augenblicklich, zu Alhaithams großer Verwunderung. Wenn es weiter nichts brauchte, dann hätte er sich die vorherige Diskussion durchaus erspart und wäre gleich zur Tat geschritten. In wenigen Schritten war er mit ihr aus dem Zimmer und warf Kaveh einen letzten ermahnenden Blick zu, als dieser versuchte sich hinterrücks wieder die Flasche zu holen, welche er ihm zuvor noch entwendet hatte.

      Kaum setzte der Grauhaarige sich wieder in Bewegung bemerkte er, wie der Trunkenbold in seinen Armen, immer wieder gegen eine seiner Haarsträhnen stupste. Die Begeisterung blitzte regelrecht in den Augen der Vastaya auf, anscheinend hatte sie Gefallen an dieser albernen Spielerei gefunden. Ein tiefer Seufzer entsprang seiner Kehle. "Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du das unterbinden könntest."

      "Warde...! Ich will nich! Da bin ich gansss alleine, lass mich nich-"

      Schon wieder dieses unverständliche Genuschel ihrerseits, so langsam fragte Alhaitham sich, ob sie überhaupt noch in der Lage war zu verstehen, was er ihr sagte. "Du solltest dich ausruhen und deine Energien lieber in den morgigen Tag stecken." Sie gehörte definitiv ins Bett. Mit dem Ellenbogen öffnete er die Tür zu ihrem Zimmer, welche kurz danach, direkt hinter ihnen beiden, wieder ins Schloss fiel.

      "Du... willsss bei mir im Bett schlafen...?!"

      "Das steht nicht zur Debatte-"

      "AAAAAH, du bist SOOOOOO toll!"

      Überschwänglich klammerte sich die Vastaya nun an ihn, ihr Haar streifte dabei zart seine Wange, während ein zufriedenes Kichern ihre Lippen verließ. So nah waren sie sich bis jetzt noch nie gewesen. Obwohl sie sich bereits länger kannten, wurde Alhaitham genau in diesem Moment erst bewusst, dass immer ein gewisser Abstand zwischen ihnen beiden herrschte. Vermutlich lag es allein daran, dass Khareena kein überaus kontaktfreudiger Mensch war, ganz anders als Kaveh, welcher, selbst wenn er nicht sturzbetrunken war, immer die Gelegenheit nutze, um ihn beispielsweise auf den Rücken zu klopfen oder aber mit den Ellenbogen in die Seite zu stoßen.
      Khareena war das komplette Gegenteil; manchmal hatte er schon Sorge, dass sie ihm in Ohnmacht fallen könnte, wenn er plötzlich hinter ihr stand, um ihr eine Frage zu stellen. Die Tatsache, dass sie sich nun voller Euphorie an ihn schmiegte, während ihr Schweif dabei aufgeregt hin und her wedelte, machte ihn durchaus stutzig.

      Als er sie auf dem Bett ablegte quengelte die Grünhaarige erneut vor sich hin, beinahe so als würde ihr tatsächlich missfallen, dass sie hier nun alleine schlafen sollte. Ein erneuter Seufzer machte sich in ihm breit, bevor er nun sachte mit der Hand über ihren Kopf strich und dabei achtete, dass er ihre Ohren außer Acht ließ. Kurz kehrte wieder Stille zwischen ihnen beiden ein und Alhaitham befürchtete für einen Moment, dass er sich mit dieser Aktion vielleicht doch zu viel erlaubt hatte. Doch dann begann Khareena zu lächeln, ein sanftes, einfühlsames Lächeln.

      "Alhaitham...?"

      Er nahm ihr behutsam die Brille von der Nase. Für einen kurzen Augenblick konnte er beobachten wie sich dabei ihre Augen langsam schlossen und er versank in dem Moment des Geschehens, ohne es großartig zu bemerken.

      "Warum küssen wir uns nicht einfach jetzt?"

      Er stockte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sprach der reine Alkohol aus ihr heraus, wie sollte es auch anders sein? Trotzdem hatte diese Frage einen größeren Effekt auf ihn, als ihm lieb war. Er verharrte in seiner Position, über sie gebeugt, den Blick fest auf sie gerichtet. Es fiel ihm schwer Abstand zu halten, wenn sie mit leiser Stimme und halb geschlossenen Augen diese Bitte an ihn richtete.
      Dann fiel ihm plötzlich wieder ein, wie sie beide an der Klippe gestanden hatten, wie viel Angst sie in diesem Moment verspürt hatte und wie er alles daran gesetzt hatte sie zu beruhigen und dennoch war er machtlos dagegen gewesen, als das Seil plötzlich nachgab und sie letztendlich vor seinen Augen in die Tiefe stürzte. Vielleicht war es einfach nur eine Ausrede, um sich einreden zu können, dass er ihr durchaus näher kommen durfte, da er ihr nach alledem immer noch etwas schuldig war. Warum sollte er der Bitte also nicht nachkommen?

      Sein Körper setzte sich in Bewegung, die Distanz zwischen ihnen nahm immer mehr ab. Er konnte Khareenas warmen Atem auf seinem Gesicht spüren mit jedem Zentimeter, den er ihr näher kam. Kurz vor ihren Lippen hielt er allerdings inne. Die Vastaya hatte ihre Augen bereits so sehr zugekniffen, dass sie vermutlich nicht ansatzweise erahnen konnte, wie es nun weitergehen würde. Leise ertönte seine Stimme aufmal an ihrem Ohr.

      "Frag mich das, wenn du wieder bei klarem Verstand bist."

      ---

      "Nuriya ist ein Teil dieser Expedition und wir sind auch für ihre Sicherheit verantwortlich. Sie sollte mir also nicht egal sein."

      Ein leichtes Lachen entsprang Calebs Kehle, als er sich mit der Hand durchs braune Haar fuhr. Irgendwie tat es gut zu wissen, dass der Samurai für alles immer eine passende Antwort parat zu haben schien. Er war sich sogar ziemlich sicher, dass Kazuha durchaus verstanden hatte, was er mit seiner Frage eigentlich gemeint hatte und dennoch entschied dieser sich dazu sachlich und angemessen zu antworten.
      "...ich wünschte ich könnte mehr wie du sein." Er nahm einen kräftigen Schluck. "Du bist... wie die Helden der Étoiler Gilde. Stark, mutig und voller Güte. Das ist beneidenswert." Vermutlich sollte er langsam aber sicher die Hände vom Alkohol lassen. Immer wenn Caleb trank, und das war allen aus der Piratenbande durchaus bekannt, wurde irgendwann der Punkt erreicht indem er etwas sentimentaler wurde und begann über die heldenhaften Mitglieder der Étoiler zu philosophieren. Dieser Abend würde wohl keine Ausnahme darstellen.

      ---

      Es stellte sich doch tatsächlich als eine große Herausforderung heraus Aabids Fängen zu entkommen; denn wenn dieser Kerl neben Tratschen in einer weiteren Sache durchaus erprobt war, dann war es darauf zu achten, dass keiner seinem Umfeld so leicht entwischen konnte. Immer dann, wenn sie aufstehen wollte, um sich Wein nachzuschenken, hatte er gefühlt den bereits nächsten vollen Becher für sie parat. Wenn sie andeuten wollte, dass sie müde sei und ins Bett gehörte schlang sich sein kräftiger Arm um sie und zog sie wieder an seine Seite. Das Ganze war doch langsam wirklich lachhaft.
      Früher hatte sie Männer vor Gericht dazu gebracht ihre Missetaten zu gestehen; mit Tränen in den Augen und auf Knien bettelnd hatten sie sich auf der Bühne des Operetten-Gerichtssaals ihrer Schuld bekannt. Dies war unter anderem einer der Hauptgründe, weshalb ausgerechnet Estelle auf sie aufmerksam geworden war und sie kurzerhand dazu überreden konnte einer der besten Gilden des Jahrhunderts beizutreten. Nun erleben zu müssen, wie sie einem großgewachsenem Kerl nicht entkommen konnte, in dessen Kopf vermutlich mehr Freiraum herrschte als auf einer offenen Wiesenlandschaft, war ein deutlicher Rückschlag und verletzte sie doch arg in ihrem Stolz.

      Letzten Endes war es ausgerechnet Caleb, welcher ihr zur Flucht verhalf, zwar unbewusst, aber immerhin brabbelte er lang genug über die Étoiler, was zu ihrer Überraschung die Meisten um sie herum ansteckte, dass sie sich ungesehen aus den Staub machen konnte. Mittlerweile war es wirklich an der Zeit sich mit Khareena auszutauschen; wenn die Rosahaarige sich Recht entsann, dann hatte ihre Freundin sogar ein Zimmer in der Taverne, in welchem sie mit Sicherheit ebenfalls ein Plätzchen zum Schlafen finden würde. Ihre Verkleidung als Nuriya hatte sie vermutlich noch nie so lange tragen müssen und langsam aber sicher wurde sie den zarten Rosastich, welcher ihr immer wieder ins Auge fiel, auch Leid. Leicht torkelnd begann sie damit ihre Frisur hinten zu lockern, immerhin war sie der festen Überzeugung, dass sie weit genug weg vom Geschehen war; es würde also Niemandem schaden, wenn sie für einen kurzen Moment als Ostara durch die Gegend schlendern würde.

      "Ich hätte nicht gedacht, dass du mir Gesellschaft leisten würdest."

      Ihr Herz setzte für einen Moment aus. Ihre Finger, immer noch beschäftigt damit die Frisur weiter zu lösen, um die Gerätschaft am Hinterkopf zu fassen zu bekommen, hielten abrupt inne. So langsam verfluchte sie das Schicksal dafür, dass dieser Samurai ihr immer in den ungelegensten Momenten begegnen musste. Was hatte er hier draußen überhaupt zu suchen? Glaubte er tatsächlich, dass er unter diesen Umständen Wache halten müsse? Schließlich war die Wüste Sumerus wesentlich sicherer als die, in der sie damals, zu ihrer Zeit, unterwegs gewesen war. In der Nähe eines Dorfes hatten sie womöglich so gut wie gar nichts zu befürchten und wenn sie es doch täten, dann wären sie bei der Lautstärke heute Abend vermutlich bereits zweimal übermannt wurden.

      "I-Ich wollte dich sehen..."

      Stille. Stimmt, er hielt ja seit kurzem nichts mehr von ihr, da war ja was. Sie könnte einfach weitergehen, so tun als würde sie sein Schweigen akzeptieren. Das wäre vermutlich das Einfachste. Dieser Samurai würde früher oder später auch damit anfangen Fragen zu stellen, Fragen, die ihn absolut nichts angingen. Dann hätte sie schon zwei Leute, die ihr das Leben unnötig schwer machen würden. Nein, wenn sie könnte, dann sollte sie vermutlich hier und jetzt einen Schlussstrich ziehen, bevor sie etwas ins Rollen brachte, was sie später bereuen würde.

      "...war gelogen. Ich wollte dich schon sehen, aber ich hatte nicht spezifisch nach dir gesucht. Aber jetzt, wo wir schon mal beide hier sind, fernab, von allen Anderen, kann ich es dir ja auch gleich sagen."

      Sie nahm neben ihm Platz, mit entsprechendem Abstand, um ihn nicht zu Nahe zu treten. Die Haare legte sie sich über die Schulter und zog die Knie zu sich heran. Es war kühler als sonst in der Wüste Sumerus und das machte sie unruhig.

      "Es tut mir Leid, dass ich dir dein Leben schwerer mache als es sein müsste. Ich brauchte einen guten Vorwand um mitkommen zu dürfen, da ich genau wusste, dass Alhaitham mich auf dieser Expedition nicht dabei haben wollen würde. Ich dachte, dass du mein Grund werden könntest. Aber leider, ist es ganz gleich was ich mache. Alhaitham behält mich im Auge, damit er in Notfallsituationen mit dem Finger auf mich zeigen kann und du...", sie hielt kurz Inne, ließ ihn unbewusst auf ihre Aussage warten, "Du bist viel zu gut für mich."

      Wäre sie ihm unter anderen Umständen begegnet, als Jemand, der nicht all dieses Grauen hätte durchleben müssen, Jemand, der nicht darauf aus war, in der Zeit zurückzureisen, um bereits Geschehenes ungeschehen zu machen, dann hätte sie ihrem Herzen vermutlich erlaubt dieser bloßen Vorstellung von ihnen beiden nachzujagen. Aber dies war nun mal nicht der Fall und würde es auch niemals sein.
      "Genieß deine 5 Minuten Ruhm
      und pass auf, dass es nicht 6 werden."

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    • Passierte das gerade wirklich?! Sie konnte den warmen Hauch seines Atems auf ihren Lippen spüren und war sich dennoch nicht sicher, ob dieser Moment tatsächlich Realität war oder ob sie ihn sich nur in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hatte. Solche Augenblicke hatten sie sich in der Vergangenheit nur in ihren Tagträumen erhofft, mit denen sie sich bisher begnügen musste, da sie es kaum für möglich gehalten hatte, dass so etwas Wirklichkeit werden könnte. Sie konnte sich nicht erinnern, wie oft sie sich diesen speziellen Moment in ihren Gedanken herbeigewünscht hatte, während sie innerlich längst damit abgeschlossen hatte, dass zwischen ihr und Alhaitham nicht mehr als eine oberflächliche Freundschaft entstehen würde – wenn man das, was sie hatten, überhaupt so nennen konnte. Er war meistens nur bei Aktivitäten anwesend, wenn sie sich mit Kaveh und Tighnari traf, doch die tatsächlichen Interaktionen zwischen ihnen waren rar und oberflächlich, da er meist zu beschäftigt war, um sich intensiver mit ihr zu beschäftigen. Trotzdem hatte sie es unerklärlicherweise geschafft sich in ihn zu verlieben und suchte immer wieder seine Nähe, obwohl es ihr nicht leichtfiel, dies offen zu zeigen – es sei denn, Alkohol war im Spiel der ihr half ihre Hemmungen zu überwinden.

      Khareena war sich sicher, dass sie auf der Stelle in Ohnmacht fallen wurde, sollten sich ihre Lippen treffen, doch irgendwie wäre es ihr wert das zu riskieren. Sie schloss ihre Augen fest und betete inständig, dass sie sich in einem realen Senario befand und nicht nur von ihren eigenen Fantasien getäuscht wurde. In diesem Augenblick wusste sie, dass sie den entscheidenden Moment - auf den sie jahrelang wartete - durch ihren aktuellen Zustand vermasselt hatte, als er sie mit den Worten konfrontierte: "Frag mich das, wenn du wieder bei klarem Verstand bist."
      Einerseits brach es ihr das Herz diese Worte zu hören, andererseits war sie erleichtert, dass sie nicht ins Aus katapultiert wurde und dass er ihre momentane Verwirrung nicht ausnutzte, um seine eigenen Bedürfnisse zu
      befriedigen. Doch die Erleichterung wahrte nur kurz, denn die Traurigkeit überwog immer mehr, je bewusster ihr wurde, dass das, was er ihr in Aussicht stellte, aufgrund ihrer Unsicherheit wahrscheinlich niemals Realitat werden würde.

      "Alhaitham...?", begann sie zögerlich, unsicher darüber, wie sie ihre Gedanken in Worte fassen sollte. Der Gedanke, ihm zu sagen 'küss mich jetzt, bevor ich nie wieder die Chance auf solch einen Moment habe' erschien ihr gleichzeitig verlockend als auch beängstigend. Die Stille zwischen ihnen wurde zunehmend erdrückend. Die Grünhaarige wollte klarstellen, dass sie nicht einfach nur unzusammenhängend redete, wie es viele Betrunkene taten; sie wollte ihm unmissverständlich klar machen, dass ihre Worte ernst gemeint waren. Sie wünschte sich, dass er verstand, dass das, was gerade aus ihr herausströmte, nicht bloß der Nebeneffekt von Alkohol war, sondern die unterdrückten Gefühle, die sie lange Zeit zurückgehalten hatte und die nun unkontrollierbar ans Licht traten. Khareena kniff ihre Augen zu und umklammerte fest den Stoff an ihrer Hose; sie nahm all ihren Mut zusammen, ein roter Schimmer bildete sich auf ihren Wangen als sie die folgenden Worte aussprach: "ich hab' dich schon immer gemocht."


      ---


      Zu seiner Verwunderung schien sich die Rosahaarige tatsächlich aufrichtig für ihre Taten bei ihm zu entschuldigen. Nach der Aktion von vor ein paar Stunden hätte er schwören können, dass es zwischen ihnen nicht mehr Interaktion als das allernötigste geben würde, um die Expedition weiter voranzubringen. Ein kleines Schmunzeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab. Nuriya steckte nach wie vor voller Überraschungen.
      'Ich brauchte einen guten Vorwand, um mitkommen zu dürfen.' Es ging ihn nichts an, was ihre Beweggründe waren, weshalb sie an der Expedition teilnahm, aber er würde lügen, wenn er sagen würde, dass es ihn nicht interessierte. Gerade weil er sie als jemanden einschätzte, der lieber in der Akademie blieb, als sein Leben unnötigerweise zu riskieren. Vermutlich war es eine rein persönliche Angelegenheit, die sie nicht bereit war, mit ihm zu teilen oder es war eine gewisse Hingabe zu ihrem Darshan vorhanden, weshalb sie sich durch die Reise mehr Antworten erhoffte als das bloße Wissen, welches sie sich aus diversen Büchern zusammenreimen musste. Er entschied sich, nicht weiter nachzubohren und wollte das Thema wechseln, da fügte sie plötzlich etwas hinzu, womit er nicht rechnete.

      "Du bist viel zu gut für mich."

      Sein Lächeln wandelte sich in ein kurzes, leises Kichern, als er diese Worte vernahm. Nichts, was er für sie getan hatte, war der Rede wert, aber für die Rosahaarige schien es anders zu sein. Der Samurai würdigte sie wieder eines Blickes; irgendwo in ihr war sie ein liebevoller und herzensguter Mensch, das konnte man ihr genau in diesem Moment ansehen. Es schien fast so, als würde sie ihm ihr wahres Ich offenbaren.
      "Ich weiß deine Ehrlichkeit sehr zu schätzen. Hoffentlich zeigst du dich in Zukunft mehr von dieser Seite", sagte er mit einem warmen Lächeln. Der Weißhaarige bemerkte, dass ihr die kühle Luft bald zu schaffen machen würde, woraufhin er vorsichtig den schwarzen Überwurf seines Kimonos löste und näher an Nuriya heranrücket, um das Kleidungsstück über ihre Schultern zu legen. Auch wenn es nicht besonders viel war, sollte seine Restwärme dafür sorgen, dass sie sich ein wenig aufwärmen konnte. Kazuha konnte nicht anders, als für ein paar Sekunden innezuhalten, den Augenblick zu genießen und sich in diesem zu verlieren. Die Nähe zu ihr und die sanfte Berührung ihrer Schultern, als er das Kleidungsstück um sie legte, formten ein wohliges Gefühl in ihm. Es war beinahe so, als wären all seine Sorgen um Tomos Vision mit einem Male verschwunden.

      Ein zufriedener Seufzer entglitt seiner Kehle, woraufhin ein ehrliches Lächeln folgte. "Das kannst du mir morgen wieder zurückgeben," sagte der Samurai, während er sich von ihr löste. Er nutzte die Gelegenheit der darauffolgenden Stille, um das Thema zu wechseln, denn er bemerkte, dass die Rosahaarige sich sehr den Kopf darüber zerbrach, dass Alhaitham sie nachträglich von der Exkursion ausschließen könnte.
      "Alhaitham kann dich nicht einfach zurückschicken, das wäre zu riskant. Selbst wenn wir jemanden als Geleitschutz für dich entbehren würden, könnte es Tage dauern, bis man einen sicheren Weg zurück findet. Die Wand, die wir hinuntergeklettert sind, stellt ein viel zu hohes Risiko dar", vor seinem inneren Auge sah er das Vastayamädchen immer noch in seinen Händen, als er an die Rettungsaktion von heute Mittag zurückdachte, "obwohl das, was heute passiert ist, schrecklich war, hat es dennoch etwas Positives für dich mit sich gebracht. Du bist quasi bei uns gefangen," fügte er mit einem Schmunzeln hinzu. Behutsam legte er seine Hand auf ihre Schulter, um ihr zu signalisieren, dass alles gut werden würde.

      "Wenn du möchtest, darfst du mir weiterhin Gesellschaft leisten," sagte er, während ein sanfter Windzug aufkam und Nuriyas Haare ein wenig durcheinanderbrachte. Der Weißhaarige hob behutsam seine Hand von ihrer Schulter und strich ihr eine lose Strähne aus dem Gesicht, "aber falls du es bevorzugst dich zurückzuziehen, begleite ich dich auch gerne zurück," fügte er hinzu.


      ---


      Langsam öffnete Khareena ihre Augen, setzte sich im Bett auf und streckte sich ausgiebig, um den Schlaf aus ihren Gliedern zu vertreiben. In den ersten Momenten des Erwachens hoffte sie verzweifelt, dass der vergangene Tag nur ein fieberhafter Albtraum gewesen war. Doch als sie die Umgebung um sich herum betrachtete und erkannte, dass sie sich nicht in ihrem eigenen Zimmer befand wurde ihr endgültig klar, dass die Ereignisse der letzten Nacht tatsächlich Realität gewesen waren. Zudem fiel ihr auf, dass Nuriya anwesend war; höchstwahrscheinlich hatte sie sich in ihr Zimmer geschlichen und es sich bequem gemacht, anstatt wie die meisten anderen für ein Zimmer zu bezahlen oder in einem Zelt zu schlafen. Mit einem frustrierenden Grummeln drehte sich die Grünhaarige wieder mit dem Gesicht zum Kissen und ließ sich erneut ins Bett fallen, unfähig, sich vollständig von dem Unbehagen des Vorabends zu befreien.

      "Ich kann das alles nicht mehr", murmelte Khareena verzweifelt ins Kissen, während sie versuchte, ihre Gefühle zu verbergen. Die Interaktion mit Alhaitham war ihr einfach zu viel. Die Rosahaarige reagierte prompt und fragte was los sei. Plötzlich richteten sich die Nackenhaare der Vastaya auf, als sie sich vorsichtig aufsetzte und das Kissen fest vor ihre Brust drückte. "Ich sagte..." begann sie, ihre Stimme zunächst ruhig und beinahe gefasst. Doch als ihre Augen sich röteten und die Emotionen zu überwältigend wurden, schrie sie plötzlich: "ICH KANN DAS ALLES NICHT MEHR!", in einem Moment der puren Wut schleuderte sie das Kissen, das sie vor Kurzem noch festgehalten hatte, direkt in Nuriyas Gesicht, während sie sich kurz darauf wieder beruhigte. Ein Glück handelte es sich nicht um einen Notfall, in dem die Rosahaarige zum Koffer schnellen musste.

      Im nächsten Moment kamen wieder ihre Zweifel auf. Die Interaktion mit Alhaitham setzte ihr stark zu; wäre sie nicht alkoholisiert gewesen, wäre die Vastaya zwar immer noch überwältigt, aber es hätte dennoch mehr Klarheit für sie gegeben. Sie wusste, dass sie mit jemandem darüber sprechen musste oder irgendetwas unternehmen sollte, bevor sie innerlich zerbrach. Doch ob Nuriya ihr überhaupt helfen konnte, war eine andere Frage. Sie hatte Bedenken, ihre Sorgen mit ihr zu teilen; gleichzeitig wusste nicht, wie sie sich nun ihm gegenüber verhalten sollte - Khareena brauchte dringend Hilfe was das anging.
      "Ich weiß nicht, was ich machen soll...", stammelte sie, die Traurigkeit war deutlich in ihrer Stimme zu hören. "Ich... ich...", sie fand kaum die richtigen Worte, während sie hin und her überlegte, wie sie ihre Gedanken ordnen sollte, "ich bin ver-... ver-...", sie kniff die Augen zu und redete so schnell wie sie konnte, als ob die Worte sonst nicht aus ihr herauskämen, "verliebt in Alhaitham und wir haben uns gestern fast geküsst."

      Es war nun ausgesprochen. Nuriya musste wirklich schockiert von dieser überraschenden Offenbarung sein, und Khareena konnte nur hoffen, dass sie eine hilfreiche Reaktion zeigen würde. "Was mach ich jetzt?", fragte sie die Rosahaarige verzweifelt, nachdem diese noch keine Antwort gab.
    • Ein dumpfes Geräusch erklang aus der Kehle der Rosahaarigen als das Kissen sie Mitten im Gesicht traf. Sie war gerade dabei gewesen sich ihre übliche Frisur hinten zu binden, weshalb sie kaum eine Chance hatte als das Kissen urplötzlich auf sie zugeflogen kam. Mit einem starren Gesichtsausdruck saß sie nun auf dem Stuhl und beobachtete wie ihr Gegenüber langsam aber sicher wieder zu Ruhe kam; zum Glück, denn die andere Version ihrer grünhaarigen Freundin, war ein durch und durch wahrgewordener Alptraum.

      "Ich weiß nicht, was ich machen soll..."


      Mit einem tiefen Seufzer lehnte sich Nuriya nun im Stuhl zurück. Für einen kurzen Moment erlaubte sie sich an dem Zweifel der Vastaya teilzuhaben, denn seit gestern Abend, hatte sie ein überwiegend ähnliches Problem entwickelt. Der Überwurf von Kazuhas Kimono lag ordentlich zusammengefaltet auf einem kleinen Beistelltisch, damit sie nicht vergessen würde ihn seinem eigentlichen Träger wiederzugeben. Es war wirklich ein Wunder, dass der Samurai überhaupt in der Lage gewesen war, sie dazu zu überreden den Überwurf anzubehalten, nein, er bestand sogar regelrecht darauf. "Wenn du möchtest, darfst du mir weiterhin Gesellschaft leisten, aber falls du es bevorzugst dich zurückzuziehen, begleite ich dich auch gerne zurück." Selbst jetzt konnte sie noch immer seine seichte Berührung auf ihrer Wange verspüren, als er ihr die lose Strähne aus dem Gesicht streichen musste. Jedes seiner Wörter hallte in ihrem Innern wider und sorgte für ein wohliges Gefühl der Zugehörigkeit, wie sie es schon viel zu lange nicht mehr verspürt hatte. Das Ganze musste dringend ein Ende finden, bevor es drohte sie in den Ruin zu stürzen.

      "Ich bin ver... ver... ver... verliebt in Alhaitham und wir haben uns gestern fast geküsst."

      Für einen Moment schien es so als würde die Zeitreisende keinerlei Reaktion auf das so eben Gesagte verspüren. Ihr starrer Blick schien Khareena nahezu herauszufordern, ganz so, als würde sie derlei Information nicht so schnell in die Knie zwängen. Die Tatsache, dass sie Gefühle für den akribisch vermessenen Gelehrten entwickelt hatte, war in der Tat keine unerwartete Erkenntnis und was den Rest betraf, so benötigte sie schlichtweg ein bisschen mehr Zeit um das Gesagte zu verarbeiten.

      "...nur fast?", unbewusst hob sie eine Augenbraue, ihr beinahe schon salopper Unterton, gab zu Bedenken, ob man die Aussage nicht eventuell etwas ausführlicher gestalten sollte, "Wie küsst man Jemanden denn bitte nur fast?! Hat er es sich mittendrin etwa anders überlegt und dich stehen gelassen?" Der Zorn, welcher in ihren Augen aufblitzte, war unverkennbar.

      ---

      "Gnade..."

      Mit dem Kopf auf dem Tisch hob Kaveh vollkommen verkatert die Hand in die Höhe. Das gestrige 'Volllaufen lassen' schien sich nun erfolgreich an ihm zu rächen, da er kaum in der Lage gewesen war die Treppen anständig hinunter zu laufen, um sich zu den Anderen an den Tisch zu gesellen.

      "Ich habe kein Mitleid mit dir." Unbekümmert griff Alhaitham sich einen Becher mit klarem Wasser vom Tablett aus der Mitte und nahm ein paar ordentliche Schlucke. Die Tatsache, dass der Blonde gestern ausgerechnet auch noch die junge Vastaya dazu anstiften musste mit ihm zu trinken, missfiel ihm anscheinend immer noch. Aus dem Augenwinkel konnte er beobachten wie Cyno nun dabei war Kaveh einen Becher mit Wasser vorsichtig zuzuschieben, woraufhin er dem Mahamatra nun einen bösen Blick zuwarf.

      ---

      Tighnaris Ohren wippten ein wenig, während er, tief in Gedanken versunken, am Ende des Treppengeländers lehnte, welches hinauf zu den übrigen Zimmern führte. Er wusste genau in welchem sich Khareena befinden würde, aber einfach so in das Zimmer einer Frau zu platzen, würde ihm im Traum nicht einfallen. Nein, er würde geduldig sein und darauf warten sie hier unten, in aller Ruhe, abzufangen. Aus dem Augenwinkel bemerkte er wie sich der Umriss einer Person auf ihn zubewegte und zu seiner Überraschung ergab sich somit nun auch endlich eine weitere Gelegenheit, auf welche er gepocht hatte.

      "Oh. Kazuha, oder?", mit einem höflichen Lächeln nickte er dem Samurai nun zu, bevor dieser einfach an ihm vorbei marschieren konnte, "Ich hoffe ich halte dich nicht von etwas Wichtigem ab. Aber ich befürchte wir wurden einander noch nicht richtig vorgestellt. Mein Name ist Tighnari. Mir kam zu Ohren, dass du Khareena, i-ich meine, die Vastaya Studentin der Akademie, gerettet hast. Dafür... wollte ich dir unbedingt noch meinen Dank aussprechen."

      Jedes Wort, welches er an den Weißhaarigen richtete wirkte nicht nur sorgfältig überlegt, sondern auch aufrichtig. Eventuell würde man ihm dennoch deutlich ansehen können, dass Khareena ihm unwahrscheinlich wichtig war und er es deshalb als eine Notwendigkeit betrachtete, dem Retter in der Not zu danken. "Wenn ihr etwas passieren würde auf dieser Reise, dann würde ich mir das niemals verzeihen können."

      Die Ohren des Waldläufers knickten etwas beschämt ein, während er sich große Mühe gab seinem Gegenüber nicht direkt in die Augen zu blicken. Er realisierte, leider ein wenig zu spät, dass der letzte Satz eventuell ein wenig zu ehrlich gewesen war, denn immerhin kannten sie sich beide noch nicht allzu lange. Es war dringend an der Zeit vom eigentlichen Thema so schnell wie möglich abzulenken.

      "A-Also, ich wollte dich nicht länger als nötig aufhalten. Falls du Jemanden suchst, die Meisten haben sich im Eßsaal eingefunden und weiter oben befinden sich die Zimmer der Übrigen. Suchst du nach jemand Bestimmtes?"
      "Genieß deine 5 Minuten Ruhm
      und pass auf, dass es nicht 6 werden."
    • "Gern geschehen. Ich sehe es als meine Pflicht, anderen in der Not zu helfen. Ich bin froh, dass es ihr gut geht", ein sanftes Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab als er darüber nachdachte, wie gut doch die Rettungsaktion verlaufen war, obwohl ihm in dem Moment kaum Zeit blieb. Und das alles nur dank der richtigen Vision.

      "Wenn ihr etwas passieren würde auf dieser Reise, dann würde ich mir das niemals verzeihen können."

      Dem Vastaya wurde anscheinend schnell bewusst was er da gerade von sich gab. Aber auch wenn es ihm etwas unangenehm erschien, so konnte Kazuha den Gedanken voll und ganz nachvollziehen, denn sie schien ihm besonders wichtig zu sein. Vielleicht sogar mehr als jeder andere auf der Reise.
      Verrückt, wie ein einziger Satz sein Herz berühren konnte. Der Samurai schenkte ihm ein warmes Lächeln. Er bekam mit, dass er sich bereits medizinisch um sie gekümmert hatte, aber außerhalb davon schien zwischen ihnen ein besonderes Verhältnis zu bestehen. "Ich bin mir sicher, dass sie deine Fürsorge sehr wertschätzt."
      Statt weiter großartig darauf einzugehen, wechselte der Dunkelhaarige das Thema. "Suchst du nach jemand Bestimmtes?"

      Eine kurze Stille brach zwischen ihnen ein. Er würde lügen, wenn er sagen würde, dass die letzte Nacht nichts in ihm ausgelöst hätte und er sich - wenn auch er es sich noch nicht ganz eingestehen möchte - nach Nuriyas Nähe sehnte. Ihr Gesicht, ihr weiches Haar, ihr verlegener Gesichtsausdruck als er ihr den Überwurf auf die Schultern legte... verrückt, wenn man mal bedachte, dass sie ein paar Stunden zuvor unausstehlich und dies irgendwo eine Rolle zu sein war die sie spielte - weshalb auch immer. Aber der viel zu kurze Augenblick in dem sie ihr wahres Ich zeigte, hinterließ einen bleibenden Eindruck bei Kazuha.
      Tatsächlich hatte sich der Samurai erhofft, die Rosahaarige durch 'Zufall' auf dem Gang zu treffen, da er es nicht wagen würde an ihrer Tür zu klopfen. Er wollte ihr nicht das Gefühl geben, er würde sich ihr aufdrängen.
      Wenn er die Situation aber genauer betrachtete, überlegte er, ob Tighnari sich nicht vielleicht aus dem selben Grund hier befand wie er - auch wenn es um jemand anderes ging.
      "Ja, aber ich befürchte, dass sie noch nicht wach ist", antwortete er ehrlich und lehnte sich neben ihn gegen die Wand.



      ---



      "Wie küsst man Jemanden denn bitte nur fast?! Hat er es sich mittendrin etwa anders überlegt und dich stehen gelassen?"

      "Naja... so in etwa...", murmelte sie, doch dieser Satz erwies sich als großer Fehler, da er Nuriya offensichtlich gar nicht gefiel. Die Grünhaarige fand sich nun mit dem Rücken an der Wand wieder, das Kissen fest umklammert, während sie sich den wütenden Monolog ihrer Mitbewohnerin anhören musste. Nuriyas Wutausbruch über den Gelehrten wurde einzig durch das Knurren ihres Magens unterbrochen. "Wir sollten runtergehen", schlug die Vastaya schnell vor, als noch eine kurze Stille herrschte. Glücklicherweise ließ sich ihre Freundin auf den Vorschlag ein, doch Khareena in blieb ein mulmiges Gefühl zurück. Auch wenn die Rosahaarige sich des Öfteren vor ihr über Alhaitham aufregte, hatte das hier eine Kette von Gedanken ausgelöst, die sie nicht loswerden konnte. Hatte er es sich wirklich anders überlegt? Oder spielte er gar mit ihren Gefühlen, nur um sie letztendlich abservieren zu können?

      Gedankenverloren wartete sie noch einen Moment auf Nuriya und ging gemeinsam mit ihr die Treppe hinunter, wobei sie ihrer Freundin nicht einmal mehr zuhören konnte. Neben den Gedanken um Alhaitham war sie mal wieder zu sehr über ihre eigene schnelle Regenerationsfähigkeit erstaunt, als dass sie sich auf das Gespräch konzentrieren konnte.
      Dank ihres Daseins als Vastaya verarbeitete ihr Körper die meisten Einflüsse viel schneller und intensiver als die eines normalen Menschen. Diese Fähigkeit brachte zwar einige Nachteile mit sich – so war sie gestern zum Beispiel deutlich schneller betrunken gewesen – aber die Vorteile überwogen allemal. Während andere an ihrer Stelle nun mit einem heftigen Kater zu kämpfen hätten, fühlte sie sich bereits wieder vollkommen erholt und voller Energie.

      Als sie jedoch die Treppe hinunterging, bemerkte sie, dass sie wohl noch etwas wackelig auf den Beinen war. Doch das stellte für sie kein großes Hindernis dar, dafür fühlte sie sich zu gut als dass sie sich davon beirren ließ.
      Ihre Ohren zuckten leicht und hoben sich ein paar Zentimeter, als sie unten Tighnari erblickte. Ein sanftes Wedeln ihres Schweifs verriet ihre Freude und sie beschleunigte ihre Schritte die Treppe hinunter – ein Fehler, der sich schnell als fatal herausstellen sollte. Kurz vor der letzten Stufe stolperte die Vastaya und verlor das Gleichgewicht.
      Für einen kurzen Moment sah sie, wie er die Arme ausstreckte, um sie aufzufangen. Doch durch den unglücklichen Sturz verlor sie die Kontrolle und plötzlich landeten ihre Lippen direkt auf seinen.
      Vor Scham wurde ihr Gesicht augenblicklich rot, als ihr blitzschnell bewusst wurde, was gerade geschehen war. Der Schock saß so tief, dass sie sich reflexartig beide Hände vor den Mund schlug. "T-tut mir leid!", stammelte sie, während ihre Stimme vor Verlegenheit bebte.
      Sie war vollkommen überfordert und wusste nicht, wie sie nun reagieren sollte. Zu allem Überfluss hatte sich dieser peinliche Moment auch noch direkt vor den Augen von Kazuha und Nuriya ereignet, was das Ganze nur noch unangenehmer machte.

      Nur wenige Minuten zuvor hatte sie der Rosahaarigen noch ihr Herz ausgeschüttet und ihr gestanden, dass sie bis über beide Ohren in Alhaitham verliebt war. Und jetzt musste sie mit ansehen, wie sie - wenn auch nur durch ein unglückliches Missgeschick - jemand anderen küsste.
      Die Tatsache, dass sie sich nicht sicher war wie Tighnari all das empfand, machte die Situation für sie umso schwieriger zu ertragen. Schon wieder kreisten 1000 Gedanken in ihrem Kopf, in welchem das eine Szenario schlimmer war als das andere. War ihre langjährige Freundschaft vielleicht sogar vorbei?

      Nuriya wollte ihr sofort zur Seite stehen, doch die Grünhaarige war innerlich zu aufgewühlt, um zuzuhören. Sie hob lediglich ihre Hand, um Nuriya stumm zu signalisieren, dass dies nicht der richtige Moment war, um darüber zu sprechen – auch wenn sie wusste, dass sie es nur gut meinte.
      Kazuha legte sanft eine Hand auf den unteren Rücken der Rosahaarigen und sagte leise: "Wir sollten gehen." Es war offensichtlich, dass die beiden Vastayas etwas zu besprechen hatten und es schien nicht der richtige Moment zu sein, sich einzumischen. Khareena machte ohnehin nicht den Eindruck, als könnte sie jetzt ihre emotionale Unterstützung gebrauchen – sie wollte vermutlich nur ihre Ruhe und ein klärendes Gespräch.

      Als die beiden den Raum verließen, spürte die Grünhaarige, wie die Anspannung in ihr ein wenig nachließ, auch wenn der Schock noch tief in ihr saß. Sie wusste nicht recht, was sie sagen sollte und so herrschte für einen Moment eine bedrückende Stille zwischen ihnen. Schließlich brach sie diese zögernd und stammelte: "I-ich hoffe, du bist jetzt nicht sauer...", Ihre Stimme zitterte leicht vor Verlegenheit und restlichem Schock, bevor sie leise hinzufügte: "Das war mein erster Kuss...", und mit einem beschämten Blick auf den Boden starrte.
    • "Ich bin mir sicher, dass sie deine Fürsorge sehr wertschätzt."

      Selbstverständlich, war dem Samurai nicht gerade entgangen, was er mit seinen vorherigen Worten regelrecht impliziert hatte und dennoch wog dieser seine Antwort in Rücksicht und Verständnis, ein wahrlich bewundernswerter Schachzug. Cyno und Kaveh, da war Tighnari sich mehr als sicher, hätten sofort damit begonnen ihn nonstop mit Fragen, diesbezüglich seiner Wortwahl, zu löchern und das nicht gerade in einer normalen Zimmerlautstärke.

      Kaum gesellte sich Kazuha zu ihm, fühlte Tighnari sich, in seinem Beschluss, umso bestärkter. Es war keine Schande hier unten zu warten und darauf zu hoffen, dass man eine bestimmte Person als Erstes antreffen würde. Immerhin gestand ihm der Weißhaarige nun ebenfalls, dass er auf jemand Bestimmtes zu warten schien. Aus reiner Diskretion ging er, selbstverständlich, nicht weiter darauf ein, obwohl sein wedelnder Schweif, durchaus verriet, dass ihn diesbezüglich eine gewisse Neugier plagte.

      "Ich habe gehört, dass du eigentlich aus Inazuma stammst. Und auch schon viel rumgekommen bist in der Welt. Es würde mich freuen, wenn sich irgendwann die Gelegenheit bieten würde sich bei einem guten Becher Wein zu unterhalten."

      Bevor Kazuha auf sein ehrlich gemeintes Angebot eingehen konnte, vernahmen sie beide Nuriyas Stimme vom Ansatz der Treppe her; der sanfte Blick des Samurais wanderte augenblicklich nach oben. Tighnari tat es ihm gleich.
      Khareenas freudestrahlender Blick traf ihn daraufhin mitten ins Herz. Umgehend beschleunigten sich die Schritte der Grünhaarigen, als sie zu realisieren schien, dass ihr jahrelanger guter Freund bereits auf sie zu warten schien, beinahe so, als könne sie es kaum erwarten endlich wieder in seiner Nähe zu sein. Gekonnt platzierte er sich direkt vor die Treppe, mit einem schmunzelnden Gesichtsausdruck. Er war gerade dabei sie im Scherze zu schelten, dass sie doch nicht so rasen solle, als die Vastaya auch schon auf einer der letzten Stufen ausrutschte und automatisch ihr Gleichgewicht verlor. Augenblicklich streckte er die Arme nach ihr aus, bereit sie aufzufangen um Schlimmeres zu vermeiden. Sie war doch gerade erst dabei sich von dem gestrigen Schock zu erholen. Er konnte doch jetzt unmöglich zulassen, dass sie sich, kurz vor Beginn dieser Reise, doch noch eine Verletzung zuzog. Immerhin hatte er sich doch selbst geschworen, dass er, solange er in ihrer Nähe wäre, dafür Sorge leisten würde, dass sie niemals zu Schaden käme.

      Mit dem was danach folgte hätte er allerdings selbst in seinen kühnsten Träumen nicht gerechnet. Er konnte ihre Lippen deutlich auf den seinen spüren, zart und warm. Das Gewicht ihres nahezu zierlichen Körpers wurde von seiner größeren Statur abgefangen. Er konnte die losen Strähnen ihres Haares auf seinen Wangen spüren, spüren wie sie den Atem anzuhalten schien, als ihre Lippen auf seinen ruhten. Die Zeit schien wie gefroren in jenem Moment.
      Dennoch endete dieser flüchtige Moment zwischen ihnen beiden genauso schnell, wie er zuvor begonnen hatte. Khareenas panischer Blick und das sofortige Zurückschrecken schienen ihm erst gänzlich bewusst zu machen, dass es sich hierbei nicht um eine geplante Aktion, sondern um nichts weiter, als ein bloßes Missgeschick handelte. Peinlich berührt begann er damit kurz in seine Faust zu husten, vermutlich um davon abzulenken, wie schnell sich seine Wangen bereits rot gefärbt hatten. Keinesfalls ließ ihn dieser Vorfall unberührt.

      "...", er versuchte anzusetzen, aber kein gescheites Wort wollte ihm über die Lippen kommen. Die Tatsache, dass Kazuha sowie Nuriya alles genauestens beobachtet hatten, machte ihm womöglich mehr zu schaffen, als er zugeben wollte. Kazuha, ganz der Gedankenleser, taute als Erster aus der Starre auf und bevor Nuriya damit beginnen konnte das Wort gänzlich an sich zu reißen, sorgte er dafür, dass sie beide gemeinsam den Schauplatz verließen. Die Rosahaarige hatte wenig Spielraum, um großartig zu diskutieren; denn anscheinend, schien der Samurai sehr darauf bedacht zu sein, Khareena und ihm die Privatsphäre zu verschaffen, die sie gerade so dringend benötigten.

      "...beneidenswert. Ich meine die beiden", er nickte in die Richtung, in die Kazuha mit Nuriya verschwand, "Die beiden schaffen es irgendwie alles so einfach aussehen zu lassen." Eigentlich wollte er bloß vom Thema ablenken, aber gerade jetzt wurde ihm bewusst, dass er durchaus eine gewisse Eifersucht in sich verspürte. Denn auch, wenn er am liebsten aussprechen wollen würde, was genau er empfand, hielt ihn etwas, tief in seinem Inneren, davon ab. Er beneidete Jeden dafür, der in der Lage war seine Gefühle derart offen und ehrlich darzulegen.

      "I-ich hoffe, du bist jetzt nicht sauer..."

      Warum sollte er deswegen sauer sein? Etwas irritiert hob er die Augenbraue, während sein Kopf sich dabei zur Seite neigte. "Sauer?"
      Ob sie das wirklich Ernst meinte? Immerhin hatte die Vastaya durchaus einen Hang dazu, sich für alles Mögliche nahezu immer schuldig oder verantwortlich zu fühlen. Würde er nun tatsächlich aufklären müssen, dass er alles andere als unzufrieden mit diesem 'kleinen Vorfall' war?

      "Das war mein erster Kuss..."

      Seine Ohren stellten sich bei diesen Worten auf. Er wollte unbedingt vermeiden, dass sie in irgendeiner Form mitbekam, dass er sich unwahrscheinlich über diese Information zu freuen schien. Selbst in Büchern schrieben sie darüber, dass die Frauen ihrem allerersten Kuss eine hohe Bedeutung zugestanden. Sein Schweif wedelte hinter ihm pausenlos von rechts nach links, was er nun versuchte zu kaschieren, indem er die Arme vor der Brust verschränkte.

      "...verstehe. Dann... behalten wir das Ganze lieber für uns, oder?", mit einem leichten Räuspern blickte er sein Gegenüber nun direkt an, "Ich bereue das Ganze nicht, falls du darauf hinaus wolltest." Ob er es tatsächlich schaffen würde ehrlich gegenüber ihr zu sein? "Ich hatte hier sowieso eigentlich darauf gewartet dich anzutreffen. Kazuha habe ich hier unten nur rein zufällig getroffen."

      Eine dezente Röte schimmerte immer noch auf seinen Gesichtszügen, während er nun wieder ein paar Schritte auf die Grünhaarige zulief. "Ich wollte mit dir wegen Gestern sprechen... denn ich befürchte, dass du mich bereits dort falsch verstanden hattest. Ich bin auch nicht sauer... ich hoffe eher, dass du mir das Ganze nicht Übel nimmst."

      Sollte er immer noch weiterreden? Mitten im Gang, wo beinahe zu jederzeit, jedermann durch marschieren konnte? Langsam aber sicher verlor er den Mut. "Vielleicht sollten wir darüber woanders weiter sprechen..."

      ---

      Mit einem Seufzer zog sie die Zimmertür hinter sich zu. Vermutlich gewann ihre Freundin allmählich den Eindruck, dass sie sich nicht ansatzweise für sie freuen konnte. Das entsprach nicht gänzlich der Wahrheit. Denn auch, wenn sie sich nicht sonderlich gut mit dem Akademiker verstand, so gab es trotz allem eine Sache, die ihr durchaus am Herzen lag und das war ein Happy End für Khareena einzuräumen.
      Alles in dieser Zeit-Linie war ihr schlichtweg gesagt, vollkommen gleichgültig, denn immerhin gehörte sie hier letzten Endes nicht her; sie war nichts weiter als eine Anomalie, verdammt dazu, früher oder später den Preis für eine Reise durch die Zeit zu zahlen, die sie am liebsten niemals angetreten hätte. Khareena würde immer der einzige Mensch im derzeitigen Teyvat bleiben, dem sie eine Menge zu verdanken hatte und wenn man schon mal vorhatte, die Zeit umzuschreiben, um ein gutes Ende abzubekommen, dann konnte man auch genauso gut dafür sorgen, dass Andere nebenbei ebenfalls ihr Glück fanden, richtig?

      "...rede einfach mit ihm." Man konnte deutlich raushören, dass Ostara ihr diesen gut gemeinten Ratschlag gab und nicht ihre Rolle als Nuriya aus ihr heraus sprach. "Ich bin mir sicher, dass er dich Ernst nehmen würde. Außerdem zeugt es doch von recht viel Zuneigung und Respekt, wenn Jemand einen ins Bett bringt, aber nicht den Moment ausnutzt um über eben diesen Jemand herzufallen."

      Kaum stiegen sie die Treppe hinunter, bemerkte sie, wie Khareenas Schweif, mit einem Mal, vor Freude zu wedeln begann.
      Ob die Vastaya ihr zuvor überhaupt anständig zugehört hatte? In ihrer Gilde war sie nie wirklich die Person gewesen, die man bei Liebesangelegenheiten um Rat aufgesucht hatte. Trotzdem hatte sie sich Mühe gegeben, Khareena bei ihrer Problematik so gut es ging auszuhelfen.
      Langsam trottete sie nun hinterher, während Khareena ihr Tempo beschleunigte; warum auch immer sie es so eilig hatte unten anzukommen. Ein ungutes Gefühl beschlich sie in jenem Moment, als sie beobachte wie schnell ihre Freundin die Treppenstufen hinab lief. Vielleicht war es einfach immer noch der Schock, dass sie gestern beinahe eine Klippe hinunter gestürzt wäre, vielleicht war es auch die Tatsache, dass Alhaitham ihr unter vier Augen beichten musste, dass er meinte Jemanden mit Khareena auf dem Felsvorsprung gesehen zu haben, der sie anscheinend hinunter stieß, so oder so, hatte sie das Gefühl, dass sie nicht alleine waren. Instinktiv griff sie nach ihrem Ring, welchen sie unter der Kleidung an einer länglichen Kette trug und drehte sich ruckartig um, beinahe so, als würde sie erwarten irgendwen oder aber auch irgendwas am Treppenabsatz stehen zu sehen; doch, es war, weit und breit, Niemand zu entdecken.

      Als sie sich wieder zurück zu den Anderen drehte, bekam sie nur noch mit wie Khareena, ungeschickterweise, ausrutschen und mit ihren Lippen, wortwörtlich, von Tighnaris aufgefangen wurde. Gerade eben noch hatte sie das Gefühl, dass für sie eine halbe Welt zusammenbrach, weil sie Alhaitham gestern Abend fast geküsst hatte. Was würde jetzt wohl nur passieren, wo sie doch die völlig falsche Person direkt geküsst hatte?
      Bevor der Genozid ausbrechen konnte, machte sich die Rosahaarige daran einzugreifen, aber als Ostara, würde sie nun nicht mehr mit ihr sprechen können.

      "...g-gut gefangen, würde ich sagen. Tja, die letzte Nacht steckt uns allen wohl immer noch in den Knochen. Schwache Glieder, knurrende Mägen, dezentes Schwindelgefühl beim Treppenstieg." Mit einem nervösen Lachen versuchte sie der Vastaya die Hände auf die Schultern zu legen; es war an der Zeit sich aus dem Staub zu machen, aber diese blockte kurz darauf ab. Anscheinend wollte sie wohl nicht einfach Reißaus nehmen. Ob sie ihr vorhin wohl doch zugehört hatte, als sie meinte, sie solle mit den entsprechenden Personen über Geschehenes sprechen? Viel Zeit zum Überlegen blieb ihr allerdings nicht, denn eine Hand berührte sie sanft am Rücken und führte sie kurzerhand mit sich.

      "...muss ich mir eigentlich Sorgen machen? Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass die Studenten der Akademie immer zum unpassendsten Zeitpunkt anwesend sein würden, damit sie etwas haben, worüber sie sich nächtelang unterhalten können. So ganz ohne Klatsch und Tratsch kommen solche Leute eben nicht aus. Aber stattdessen, scheinst du derjenige zu sein, der alles... im Blick behält." Sie blickte ihn nicht an, während sie sprach, aber trotzdem hielt sie weiterhin mit ihm Schritt. "...hast du mich nun beobachtet oder nicht?" Auf der Treppe hatte sie sich vorhin durchaus auffällig verhalten, es würde also nahezu an ein Wunder grenzen, wenn Kazuha es nicht weiter hinterfragen würde.

      "Ich kann die Wüste nicht ausstehen. Willst du wissen warum?", behutsam legte sie ihm nun die Hand auf die Schulter, "...es gibt keinen unschöneren Platz zum sterben, als irgendwo in einem Labyrinth im Untergrund, begraben von all dem Sand der Wüste Sumerus. Ich wünschte Alhaitham hätte sich diesen Ort nicht für eine Reise ausgesucht."
      "Genieß deine 5 Minuten Ruhm
      und pass auf, dass es nicht 6 werden."
    • "Ich wollte mit dir wegen Gestern sprechen... denn ich befürchte, dass du mich bereits dort falsch verstanden hattest. Ich bin auch nicht sauer... ich hoffe eher, dass du mir das Ganze nicht Übel nimmst."

      Khareena konnte nicht ganz nachvollziehen, was er ihr mit seinen Worten sagen wollte. Das weckte nicht nur ihre Neugier, sondern auch ein Gefühl großer Unsicherheit. Er stand so nah bei ihr, dass ihr leicht rosa Schimmer auf den Wangen immer rötlicher wurde und ihr Herz beinahe aus der Brust zu springen drohte. Seine Nähe war zwar überwältigend angenehm, doch sie wusste nicht so recht, wohin mit sich. War es vielleicht möglich, dass...?

      "Vielleicht sollten wir darüber woanders weiter sprechen..."

      Mit diesen Worten wurde Khareena schlagartig bewusst, dass sie mitten im Flur standen, wo sie von jedem gesehen und gehört werden konnten. Der Einwand war also alles andere als unberechtigt. Glücklicherweise war ihr Zimmer nur die Treppe hinauf und die Vorstellung, dort mehr Privatsphäre zu haben, beruhigte sie ein wenig. Zumindest konnte so sichergestellt werden, dass niemand dazwischenfunken konnte.
      Khareena wollte auf seine Aussage antworten, aber irgendetwas hinderte sie daran, die richtigen Worte zu finden. Egal wie sehr sie sich bemühte, ihre Nervosität schien sie immer weiter in die Knie zu zwingen; als ob eine unsichtbare Kraft sie zurückhielt. Stattdessen nickte sie stumm und wandte sich der Treppe zu, um ihm zu signalisieren, dass er ihr folgen sollte. Doch je mehr Stufen sie hinaufging, desto mehr kam es ihr vor als würde die Zeit stillstehen. Zu sehr überlegte sie darauf herum, was er ihr eigentlich sagen wollte und ob es sich um etwas positives oder negatives handelte.
      Es herrschte eine seltsame Mischung aus Aufregung und Anspannung in ihr, als sie schließlich die Zimmertür erreichten. Nachdem sie den Raum betraten fiel der Grünhaarigen einerseits eine Last von den Schultern - immerhin waren sie nun ungestört - andererseits verstärkte die Ungestörtheit gleichzeitig ihre Nervosität. Einen Moment lang herrschte eine Stille zwischen ihnen und auch, wenn sie nicht ganz wusste was sie sonst sagen sollte, wollte sie nun endlich wissen, was er ihr ihr im Flur mitteilen wollte - auch wenn sie etwas Angst vor einer negativen Antwort hatte.

      "Nari...", setzte sie an, doch er stand plötzlich erneut wieder so nahe an ihr, dass seine bloße Anwesenheit und die Nähe ihren Atem stocken ließen. Sein Gesicht war so dicht an ihrem, dass ihr Herz sofort anfing schneller zu schlagen - es war, als hätte er die Fähigkeit, sie völlig aus dem Konzept zu bringen. Obwohl sie sich wirklich anstrengen wollte ihn zu fragen, was es mit seinen Aussagen auf sich hatte, brachte sie einfach keinen klaren Gedanken zustande.
      Ein kurzer Blick fiel auf seine Lippen und plötzlich überkam sie der Wunsch, den Kuss, den sie zuvor geteilt hatten, noch einmal zu erleben - diesmal aber richtig. Könnte es sein... dass sie sich in den Dunkelhaarigen verliebt hat und es ihr jetzt bewusst wurde?


      ---


      Kassandra hatte Fleur am Abend zuvor anvertraut, dass sie Alhaitham und Khareena zusammen gesehen hatte. Alhaitham hatte die Vastaya auf den Armen getragen und zu ihrem Zimmer gebracht - was an sich schon verdächtig genug war. Aber das eigentlich Interessante? Er kam eine ganze Weile nicht wieder heraus. Das ließ bei Fleur sofort die Alarmglocken läuten. War es nur ein Akt der Freundlichkeit oder lief da etwas Tieferes zwischen den beiden? Sie hätte es nicht für möglich gehalten, dass ihrer Freundin auf der Expedition etwas in ihrem Liebesleben in die Quere kommen könnte, aber es musste doch ein Notfallplan her, um Schlimmeres zu vermeiden.
      Sollte sich wirklich etwas zwischen dem Silberhaarigen und der Vastaya anbahnen war es an der Zeit dem Ganzen einen Riegel vorzuschieben. Für Kassandra sollte der Weg zu Alhaitham frei sein, ganz ohne Konkurrenz. Die Schwarzhaarige musste also aktiv werden und dafür sorgen, dass niemand auf dumme Ideen kam.

      "Sag mal, Kaveh", begann Fleur beiläufig, während Cyno immer noch tief in seine Karten vertieft schien, "läuft da eigentlich etwas zwischen dir und Khareena? Ich habe euch gestern zusammen gesehen. Ihr würdet echt ein süßes Paar abgeben." Sie warf Kaveh ein unschuldiges Lächeln zu, doch innerlich wartete sie gespannt auf Alhaithams Reaktion. Entweder würde er das Gespräch kalt ignorieren - was seine übliche Art war - oder er würde hellhörig werden. So oder so - Fleur musste dafür sorgen, dass die Botschaft klar war: Khareena war vom Markt, auch wenn sie es nur so aussehen ließ. Wenn Kassandra eine Chance haben sollte, musste Khareena aus dem Spiel genommen werden und Fleur war bereit, dafür die nötigen Fäden zu ziehen.
      Kaveh sah sie einen Moment lang verwirrt an, als ob er nicht genau wüsste, was er darauf sagen sollte. Doch bevor er überhaupt die Chance hatte eine Antwort zu formulieren, erkannte sie seine Unsicherheit und nutzte die Gelegenheit geschickt. Mit einem schelmischen Grinsen auf den Lippen fuhr sie nun fort: "Nein, ehrlich?!", sie holte tief Luft, "du stehst auch auf sie?! Mir ist aufgefallen, dass sie schon länger ein Auge auf dich geworfen hat. Ich würde es euch sooo gönnen! Du solltest sie unbedingt ansprechen. Die Arme ist doch so schüchtern, aber ihr wärt echt ein tolles Paar."


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      "...hast du mich nun beobachtet oder nicht?"

      Kazuhas ruhigem Blick konnte man eine Art Verwirrtheit ansehen, als er die Rosahaarige einen Augenblick lang anstarrte. Ihm war aufgefallen, dass - als sie die Treppe hinunterlief - etwas mit ihr nicht zu stimmen schien. Vermutlich wäre es kaum jemandem aufgefallen, besonders wenn man sie nicht fest im Blick behielt, aber es gab einen kurzen Moment, in dem sie sich sehr merkwürdig verhielt. Fast schon so, als würde sie sich in einer Art Trance befinden und all das Drumherum nicht wirklich wahrzunehmen. Hatte es damit mehr auf sich oder handelte es sich bloß um einen Moment, in dem sie abgelenkt war?
      Die Worte, die sie wählte, brachten ihn etwas aus dem Konzept. Er kannte sie zwar nicht lange, aber diese Art schien nicht ganz zu ihr zu passen. Oder machte sie sich lediglich Sorgen, dass er ihr etwas antun würde oder dass sie bei ihm unter besonderer Beobachtung stünde?
      "Tatsächlich habe ich hier unten auf dich gewartet. Dabei bin ich Tighnari begegnet", gab er zu, "ich bin natürlich hier, um dich und die anderen in allererster Linie zu beschützen. Deshalb muss ich selbstverständlicherweise ein Auge auf dich werfen", fuhr er fort und fasste sich nun leicht verlegen an den Hinterkopf. Er wusste nicht recht, ob er den nächsten Satz überhaupt sagen sollte, allerdings schien es wohl das Beste zu sein, um ihr nicht unnötig Angst einzujagen oder ihr das Gefühl zu geben, dass er sie auf eine spezielle Beobachtungsliste setzte. "Aber um ehrlich zu sein, wollte ich dich wiedersehen."
      Sein Blick fiel auf ihren Unterarm, auf dem sich das Kleidungsstück befand, welches er ihr den Abend zuvor geliehen hatte. "Außerdem wollte ich mir meinen Umhang abholen", sagte er und lächelte sie an.

      "Ich kann die Wüste nicht ausstehen. Willst du wissen warum? ... Es gibt keinen unschöneren Platz zum sterben, als irgendwo in einem Labyrinth im Untergrund, begraben von all dem Sand der Wüste Sumerus. Ich wünschte Alhaitham hätte sich diesen Ort nicht für eine Reise ausgesucht."


      Schon wieder etwas, mit dem er nicht rechnete. Dem Weißhaarigen überkam eine Mischung aus Neugier und Sorge, während er überlegte, was in ihrem Kopf vor sich ging. Konnte es sein, dass sie plötzlich Zweifel an all dem hier hegte? Verübeln konnte er es ihr nicht; es brauchte ein gewisses Maß an Mut und Ausdauer, um bei solch einer langen Reise durchhalten zu können.
      "Wenn du nicht mehr an der Expedition teilhaben möchtest, finden wir sicher einen Weg, dich wieder nach Sumeru zu begleiten. Immerhin befinden wir uns noch am Anfang der Reise", bot er ihr an, obwohl er innerlich hoffte, dass sie nicht wieder zurück wollte, denn seine Kräfte waren bei einer solch großen Gruppe an Menschen unentbehrlich als dass er sie zurück zur Akademie begleiten könnte.
    • "Sag mal, Kaveh, läuft da eigentlich etwas zwischen dir und Khareena?"

      Der Blondhaarige schaute für einen kurzen Moment von seinem schlechten Kartenblatt auf. Cyno war gerade dabei ihn gnadenlos in Grund und Boden zu stampfen; höchstwahrscheinlich würde selbst die beste Karte seines Decks nicht mehr im Stande sein, ihm in dieser Runde, noch zum Sieg zu verhelfen. Es war demnach eine willkommene Abwechslung, als die aufgeweckte Akademikerin ihn plötzlich von der Seite ansprach. Nur leider konnte er auf die Schnelle nicht gerade mit einer entsprechenden Antwort dienen, was allerdings auch nicht weiter tragisch zu sein schien, denn Fleur hatte anscheinend ein großes Talent die Konversation einfach im Alleingang fortzuführen.

      "Nein, ehrlich?! Du stehst auch auf sie?! Mir ist aufgefallen, dass sie schon länger ein Auge auf dich geworfen hat. Ich würde es euch sooo gönnen! Du solltest sie unbedingt ansprechen. Die Arme ist doch so schüchtern, aber ihr wärt echt ein tolles Paar."

      Die Verwirrung stand Kaveh regelrecht ins Gesicht geschrieben. Kurz hob er die Faust, um sich zu räuspern, bevor er sich nun vollkommen seiner überaus neugierigen Sitznachbarin widmete. Würde er das Ganze nicht bald stoppen, würde man demnächst wohl schon damit anfangen müssen Karten für eine anstehende Verlobung auszuteilen. Die Kleine hatte wirklich eine lebhafte Fantasie und noch dazu redete sie ununterbrochen, wie ein Wasserfall.

      "...ich denke du hast da was missverstanden. Ich meine, ja, natürlich, verstehen wir uns gut und selbstverständlich verbringen wir gerne Zeit miteinander. Wir sind quasi ein Herz und eine Seele", kurz schien er in Gedanken versunken, es folgte eine längere Pause, bevor er an Fleurs verschmitzten Lächeln erahnen konnte, dass er ein wenig zu ehrlich war, was das Ganze anging, "Aber das heißt noch lange nicht, dass da etwas zwischen uns läuft. Da ist nichts! Absolut gar nichts!"

      Alhaitham rückte mit einem Mal seinen Stuhl auffällig laut nach hinten, bevor er sich erhob. Er sprach kein Wort als er den Tisch verließ, aber es hatte beinahe den Anschein als hätte etwas im Raum seine Aufmerksamkeit geweckt. Kaveh blickte dem Grauhaarigen nun vollkommen irritiert hinterher, jegliche Scham und Frustration waren wie weggeblasen.

      ...

      Wenig später setzte sich Kassandra auf den frei gewordenen Platz am Tisch, ihrer besten Freundin verpasste sie einen leichten Stupser mit den Ellenbogen. "Ganz gleich was du gemacht hast, es hat wahre Wunder vollbracht. Kannst du dich noch an diesen schrägen Vogel von heute früh erinnern, in den wir fast reingerannt wären? Scheint kein normaler Typ zu sein und Alhaitham hat mich gerade zu ihm ausgequetscht. Ich habe ihm daraufhin gefragt, ob ich mir Sorgen machen müsste und er meinte daraufhin nur, dass er ein Auge auf mich haben würde." Mit einem zufriedenem Nicken schenkte sich die Brünette ein Glas Wasser aus einer der gefüllten Karaffen ein, während Fleur ihr beglückwünschend auf die Schulter klopfte. Khareena war damit wohl vorerst abgeschrieben.

      ---

      Khareena war schon früher nie in der Lage gewesen ihren Charme unter Kontrolle zu halten; wenn es nach ihr ginge, dann würde sie vermutlich sogar behaupten, dass sie gar keinen habe oder es ihr nicht großartig auffallen würde. Tighnari wusste genau worauf er sich einließ, als sie ihm anbot, dass sie ihre Konversation vorerst in ihrem Zimmer fortführen könnten. Dies hier war eine Chance, eine Möglichkeit den Augen der Umstehenden zu entfliehen und sich endlich in aller Ruhe näher zu kommen.

      Erneut befanden sie sich beide wieder in einer recht heiklen Situation, als die Tür schlussendlich hinter ihm ins Schloss fiel und die Vastaya ihm nun obendrein diesen nahezu unschuldigen Blick zuwarf. Erst das plötzliche Geständnis vom Vortag, dann der vermeintlich versehentliche Kuss auf der Treppe vorhin, so langsam, fragte sich der Wildhüter wie viele Anzeichen er eigentlich noch ignorieren wollte, bis er es sich endlich eingestehen konnte.

      In wenigen Schritten stand er vor ihr, sein kalkulierender Blick, sonst so kühl und unberechenbar, wirkte diesmal wesentlich weicher und verlangender. Entsprechend fiel die Reaktion seines Gegenübers aus. Er konnte deutlich spüren wie ihr der Atem stockte, ihre leuchtenden Augen strahlten eine Verwunderung aus, welche ihn schmunzeln ließ. Diese Seite an ihm, welcher er ihr nun jeden Moment offenbaren würde, kannte sie noch nicht.

      "Vielleicht könnten wir diesmal Taten anstatt Worte für uns sprechen lassen?"

      Er wollte es nicht überstürzen, solche Angelegenheiten ging man am besten behutsam und langsam an. Sollte er das Ganze wegen eines übereilten Gedankens ruinieren, würde er sich das sicherlich niemals verzeihen können. Doch Khareenas Blick haftete sich an seine Lippen, ein leichtes Schlucken, die leichte Röte, die sich immer noch auf ihren Wangen abzeichnete, waren genug Indizien dafür, dass er sich wohl nicht länger zurückhalten musste.

      "...du bist wie ein offenes Buch für mich, weißt du das eigentlich?"

      Bevor sie auf die Idee kommen konnte darauf zu reagieren schnellte er vor, um ihre Lippen für sich zu beanspruchen. Er wollte nicht, dass es nichts weiter als bloßer Zufall war. Seine Hand umschloss die ihrige, ihre Finger ineinander verschlungen. Der Kuss zwischen ihnen war diesmal wesentlich intensiver, ein Verlangen, entfacht durch den Wunsch, noch intimer miteinander zu werden.

      "Wir können uns Zeit lassen... wir müssen nicht zu den Anderen, um den Schein zu wahren", seine Stimme klang rauh, während seine Lippen ihren Hals streiften, "Das hier ist alles was ich brauche."

      Er wollte nicht länger warten, nicht wenn sie ihn so bittend und erwartungsvoll anblickte. Es dürstete ihn regelrecht nach mehr. In wenigen Schritten beförderte er sie in Richtung Bett, bevor er sie auch schon in die Matratze unter sich drückte. Ein leichtes Lächeln zierte seine Lippen, bevor er ihr sanft über die Wange strich, während sein Schweif nun behutsam an ihre Seite schwenkte. Sie würde ihm gehören. Er würde alles daran setzen, dass sie sich nie wieder alleine fühlen würde.

      ---

      "Aber um ehrlich zu sein, wollte ich dich wiedersehen."

      ...wollte dich Wiedersehen.

      ...dich Wiedersehen.

      ...Wiedersehen.

      Sie starrte den Samurai für eine Weile sprachlos an. Ostara war Jemand, der Worte abzuwägen wusste, weshalb sie in ihrer Rolle als Nuriya häufig auf diese durchaus nützliche Eigenschaft verzichtete und direkt sowie spontan auf das Gesagte ihres Umfeldes einging, ohne großartig darüber nachzudenken. Je weniger sie nachdachte, desto unbeschwerter würde sie auf alle Anwesenden hier wirken. Es sollte eigentlich kein Problem darstellen mit einem kecken Spruch zu kontern oder einen überspitzten Flirt einzuleiten, denn damit würde sie womöglich eine erneute erfolgreiche Distanz zwischen ihnen beiden schaffen.

      "Mich Wiedersehen, so, so", ihre Stimme klang ungewollt nervös, während sie sprach, "Darf ich mir also Hoffnungen machen? Oder muss ich auch erst versehentlich auf der Treppe stolpern, in der Hoffnung, dass du mich 'auffängst'?"

      Es war von Sekunde zu Sekunde schwieriger die richtigen Worte in seiner Gegenwart zu finden. Als er nun anmerkte, dass er auch hier war um, unter anderem, sein Kleidungsstück von gestern Abend abzuholen, schien sie erst wieder zu realisieren, dass sie den Überwurf des Kimonos immer noch in den Armen hielt.
      Augenblicklich reichte sie es ihm, ihre Wangen wiesen dabei eine etwas beschämende Röte auf, während ihr Blick nun schnurstracks nach unten wanderte. Innerlich wünschte sie sich, dass es ihm nicht weiter auffiel, aber irgendwie schien er sich diesmal Zeit zu lassen, ganz so, als würde er diesen raren Moment ausnutzen wollen. Sie konnte spüren wie er nach dem Stoff griff, seine Hand streifte dabei in einem schrecklich langsamen Tempo über ihren Arm. Wollte er sie gerade länger berühren als es in solch einer Situation normalerweise üblich war?
      Sie schluckte leicht, bevor sie den Blick nach einer Weile wieder hob, um festzustellen, dass er wohl nur auf ihre Reaktion gewartet hatte, bevor er das Kleidungsstück nun wieder mit einem Lächeln zu sich nahm. Sie hasste die Tatsache, dass es ihr gefiel und sie solch einer banalen Spielerei verfallen konnte.

      "Wenn du nicht mehr an der Expedition teilhaben möchtest, finden wir sicher einen Weg, dich wieder nach Sumeru zu begleiten. Immerhin befinden wir uns noch am Anfang der Reise."

      "...gibt es bei dir eigentlich für alles eine Lösung?"

      Sie schmunzelte leicht, seine Worte verfehlten eben doch nie ihre Wirkung. Sie wusste genau, dass sie an diese Reise gebunden war, ob sie nun wollte oder nicht; eine Tatsache, welche sie Kazuha niemals gestehen konnte. Khareena konnte sie auch nicht so mir nichts dir nichts im Stich lassen, geschweige denn, dass dieser verfluchte Dottore vermutlich ein Leben lang nach ihr Ausschau halten würde, wenn sie sich dazu entschied ihm nicht mehr länger treu zu bleiben. Es gab kein Entkommen. Sie konnte nur Vorangehen.

      "Ist schon gut. Ich habe einfach ein wenig übertrieben, das tut mir Leid", ein Lachen, welches nicht ganz ihre Augen erreichte, entsprang ihrer Kehle, "Ich denke, dass ich mir einfach zu viele Sorgen mache. Niemand ist auch nur ansatzweise bereit für das was vor uns liegt, also wie sollen wir diese Expedition eigentlich unbeschadet überstehen? Du kannst uns immerhin nicht alle gleichzeitig retten." Eine überaus unfaire Frage, aber sie war keinesfalls leichtfertig überlegt. Früher oder später würde die Wüste ihn unbarmherzig vor die Wahl stellen, denn der größte Teil ihrer Truppe bestand nun mal aus Denkern und Selbstüberschätzern und nicht aus erfahrenen Kämpfern und Entdeckern.

      "Sag jetzt nichts..." Sie konnte ihm deutlich ansehen, dass er ihr widersprechen wollte. Er hatte etwas an sich, was selbst Jemanden wie sie, welche wortwörtlich am Gerichtshof von Fontaine aufgewachsen war, zum Schweigen bringen konnte.

      "Und wenn du es doch tust...", mit wenigen Schritten stand sie vor ihm, ihr Gesicht vergrub sie in seiner Schulter, "...dann lass dir wenigstens Zeit damit. Ich würde gerne eine Weile so verharren."

      ...

      Die Schritte, welche erst nach einer Weile hinter ihnen beiden zu hören waren blendete sie so gut es ging aus. Sie wollte über nichts anderes in jenem Moment nachdenken, als über die Tatsache, dass sie sich vollkommen in Kazuhas Armen verloren hatte.

      "Beauchêne! Hier hast du dich also versteckt. Wie unanständig von dir, ich hatte bereits überall nach dir gesucht."

      Sie zuckte zusammen, ihre Hände verkrampften sich automatisch zu Fäusten. Sie hasste die Tatsache, dass ausgerechnet diese menschlich gewordene Form der Pest sie als Einziges mit ihrem ehrenvollen Familiennamen ansprach.

      "Willst du mich deinem kleinen Freund denn gar nicht vorstellen?", sein stechender Blick schien Kazuha nun regelrecht zu durchbohren. Dottore hielt so gut wie gar nichts von zwischenmenschlichen Beziehungen. Eventuell käme es ihm gelegen wenn Ostara sich einen überflüssigen Grund anlachte, um nicht gänzlich das Interesse an dieser Zeitlinie zu verlieren, andererseits könnte es doch ziemlich heikel für ihn werden, falls dieser 'überflüssige Grund' im Nachhinein auf dumme Gedanken kommen würde und ihm somit seine Zeitreisende entwenden würde; wie hieß es so schön, wer es zuerst findet darf es auch behalten.

      "Vorstellen? Damit du ihn verdirbst? Ich denke eher nicht." Sie ließ von Kazuha ab. Als sie sich umdrehte, um ihrem Gegenüber in die Augen zu blicken, bemerkte sie erst, dass es sich hierbei nicht um den echten Dottore handelte, sondern um einen seiner unzähligen Klone, welcher nicht nur von der Kleidung her, sondern auch von der Art und Weise bestens an die Umgebung angepasst schien. "Was willst du hier?"

      Behutsam schob er die Rosahaarige nun zur Seite, um einen besseren Blick auf den Samurai zu haben. Mit einem breiten Lächeln streckte er ihm die Hand entgegen. "Keine falsche Scheu. Verrat mir ruhig deinen Namen." In dem Moment, wo Kazuha seine Hand ergriff drückte er fest zu, zu keiner Sekunde verließ ihn sein amüsantes Lächeln. Er musste unbedingt herausfinden, ob der Weißhaarige ihm zukünftig Ärger machen könnte, denn falls dies der Fall sein sollte, dann würde er ihn dringlichst loswerden müssen.
      "Genieß deine 5 Minuten Ruhm
      und pass auf, dass es nicht 6 werden."
    • Seine Lippen fanden mit einem Mal erneut ihren Weg zu ihren, doch diesmal war der Kuss deutlich intensiver, beinahe überwältigend. Khareena brauchte einen Moment, um ihre Gedanken zu sortieren und die Situation zu erfassen. Zunächst war sie völlig überfordert und wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Sie hätte nicht im Traum damit gerechnet, dass es noch einmal zu einem Kuss kommen würde – geschweige denn zu einem, der so offensichtlich absichtlich war. Dieses Szenario lag meilenweit entfernt von allem, was sie sich hätte vorstellen können.

      Doch nach einem kurzen Augenblick ließ die Anspannung in ihrem Körper nach, und eine wohlige Wärme breitete sich in ihr aus. Sie entspannte sich und ließ sich auf den Kuss ein, indem sie ihn zögerlich, aber zunehmend leidenschaftlicher erwiderte. Alles um sie herum verblasste und für diesen Moment schien es, als existierten nur noch sie beide.
      Die Grünhaarige bemerkte, wie Tighnari sich plötzlich sanft gegen sie drückte, als wollte er sie vorsichtig in eine bestimmte Richtung leiten. Sie ließ es geschehen, spürte jedoch, wie ihr Herz schneller schlug, als sie schließlich rücklings auf dem Bett landete. Eine Welle von Nervosität überkam sie, die sich deutlich verstärkte als sie realisierte, dass er keine Sekunde zögerte, sich direkt über sie zu positionieren.
      Sein Gesicht war so nah, dass sie seinen Atem auf ihrer Haut spüren konnte, was ihre ohnehin flatternden Nerven endgültig zum Chaos trieb.
      Khareena war völlig außerstande, auch nur einen Laut von sich zu geben, sein tiefer, innige Blick ließ sie förmlich dahinschmelzen, als hätte er sie in seinen Bann gezogen. Je länger sie ihn aus dieser ungewohnten Perspektive betrachtete, desto mehr verlor sie sich in dem Augenblick. Ihn so nah, so intensiv sehen zu dürfen, hätte sie sich nicht einmal in ihren kühnsten Träumen ausmalen können.

      Doch plötzlich spürte sie, wie sich seine Hand vorsichtig unter ihr Oberteil schob und ihr ganzer Körper versteifte sich sofort. Sie erinnerte sich daran, wie sie in der Akademie saß und öfters die Gespräche anderer aufschnappte. Dadurch erfuhr sie, dass intime Momente oftmals weitaus schneller kommen würden, als man denkt. Damals war sie noch überzeugt, dass es bei ihr anders sein würde, dass solche Szenarien in ihrem Leben schlicht nicht passieren würden oder dass es deutlich länger dauern würde, bis es ansatzweise zu Intimitäten käme. Und doch lag sie jetzt hier, mitten in genau so einer SItuation, von denen andere immer sprachen.
      Ihr Gesicht fühlte sich mittlerweile so heiß an, dass sie sich sicher war, sich nicht mehr von einer Tomate zu unterscheiden. Zögernd hob sie eine Hand und legte sie vorsichtig auf seine, um ihn daran zu hindern, weiterzugehen. Ihre Finger zitterten leicht, doch sie hielt sie an Ort und Stelle, und wandte ihren Blick peinlich berührt ab. Die Vastaya starrte zur Seite, um Tighnaris Augenkontakt zu entgehen, der sie nur noch nervöser machte. Sie spürte, wie ihr Herz wild klopfte und ihre Gedanken durcheinander wirbelten. Wie sollte sie ihre Reaktion bloß erklären?

      Die wenigen Sekunden die darauf folgten, fühlten sich wie eine Ewigkeit an. Die Stille - so kurz sie auch war - war so unerträglich, dass die folgenden Worte schon fast panisch aus ihr herausplatzen: "Ich habe sowas noch nie gemacht." Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, doch der Satz hing spürbar im Raum.
      Dass das ganze so schnell ging, überforderte die Grünhaarige zusätzlich, auch wenn sie nicht von Intimität abgeneigt war. Es war eher, dass sie ihre eigene Unsicherheit über die fehlende Erfahrung sie von innen auffraß. Wahrscheinlich handelte es sich um eines der Dinge im Leben, die man nicht oder zumindest kaum falsch machen konnte, aber trotzdem schämte sie sich dafür und wollte ihn nicht enttäuschen.



      ---



      Nuriya hatte recht mit ihrer Aussage, dass er allein nicht in der Lage war alle zu retten. Doch das hielt ihn nicht davon ab, es zumindest zu versuchen. Es gab keinen einzigen Moment in seinem Leben, in dem er nicht alles darangesetzt hatte, jemanden aus einer misslichen Lage zu befreien – egal, wie aussichtslos die Situation auch schien. Natürlich wusste er, dass es Szenarien gab in denen es unmöglich war, alle unversehrt davonkommen zu lassen. Niemand konnte garantieren, dass jede Rettung ohne einen einzigen Kratzer vonstatten ging, aber das bedeutete nicht zwangsläufig, dass der Tod für unausweichlich war. Auch wenn er tief in sich wusste, dass es nicht immer zu verhindern war, versuchte er diese Möglichkeit so weit wie möglich aus seinem Kopf zu verdrängen. Immerhin gab es doch das ein oder andere Mal ein Wunder, auch wenn dieses dann äußerst selten war.

      Gerade wollte er ansetzen auf ihre Bedenken zu antworten, doch sie unterbrach ihn sofort und befahl ihm, nichts zu sagen. Ehe er reagieren konnte, vergrub sie ihr Gesicht in seiner Schulter.
      Kazuha war von ihrer Reaktion sichtlich überrascht – positiv, wenn auch sehr unerwartet. Er beschloss nicht weiter darüber nachzudenken und stattdessen den Moment auf sch wirken zu lassen. Behutsam lehnte er seinen Kopf leicht an ihren und schloss die Augen, während seine Hand in einer ruhigen, gleichmäßigen Bewegung über ihren Rücken strich.

      "Beauchêne! Hier hast du dich also versteckt. Wie unanständig von dir, ich hatte bereits überall nach dir gesucht."

      Von allen möglichen Momenten, in die man hätte platzen können, musste es ausgerechnet dieser sein. Es war, als hätte das Schicksal absichtlich den denkbar ungünstigsten Augenblick gewählt. Zu allem Überfluss handelte es sich bei dem Fremden offenbar um jemanden, den Nuriya nicht im Geringsten ausstehen konnte.
      Der Samurai beobachtete das kurze, aber angespannt wirkende Gespräch zwischen den beiden genau. Seine Aufmerksamkeit schärfte sich, als der Fremde einen Schritt auf Nuriya zuging und sie mit einer beinahe provozierenden Geste zur Seite schob, nur um die Frage nach seinem Namen zu stellen. Etwas an seiner Haltung und der Art wie er sprach, ließ den Samurai unruhig werden. Es war, als würde dieser Mann nicht nur an einem einfachen Namen interessiert sein, sondern an etwas Tieferem. Es wirkte fast so, als könnte er einem die Seele rauben, sobald er den Namen eines Anderen erfuhr.
      Doch so mächtig wie er sich gab, wirkte der Fremde letztlich auch wieder nicht. Kazuha blieb gelassen und ergriff ruhig die dargebotene Hand des Blauhaarigen – nur um im nächsten Moment von einem unerwartet starken Händedruck überrascht zu werden. Die Kraft dahinter hatte etwas Einschüchterndes, fast schon Psychopathisches, doch Kazuha ließ sich nichts anmerken. Trotz des unangenehmen Schmerzes behielt er sein gewohnt sorgenfreies Lächeln auf den Lippen, als hätte ihn nichts aus der Ruhe bringen können.
      Um sich nicht kleinzumachen, erwiderte er den Druck so fest, wie es ihm möglich war, um das Gleichgewicht zwischen ihnen zu wahren. "Kaedehara Kazuha", stellte er sich schließlich vor, wobei ein leichtes Zittern in seiner Stimme mitschwang. Ganz konnte er den Schmerz, der sich bis in seine Finger zog, nicht unterdrücken. Als der Fremde endlich seine Hand losließ, räusperte er sich leicht, um die Spannung von sich abzuschütteln, und wagte einen kurzen Blick zu Nuriya. Was wollte bloß so jemand wie er von der Rosahaarigen? Es war unmöglich zu ignorieren, dass da eine gemeinsame Vergangenheit im Raum stand.

      Er hatte keineswegs vor, das Gespräch mit dem Blauhaarigen weiterzuführen, doch ehe er sich darüber Gedanken machen konnte, schaltete sich Nuriya ein. Sie unterbrach jegliche Möglichkeit, dass noch weitere Fragen gestellt wurden mit einer Schnelligkeit, die fast an Dringlichkeit grenzte. Kazuha konnte nicht leugnen, dass ihm der geringe Abstand zwischen den beiden missfiel. Trotzdem hielt er sich zurück und beobachtete das Gespräch mit scharfen Augen. Jede Bewegung, jede Veränderung im Tonfall und jede Nuance in ihren Gesichtsausdrücken nahm er aufmerksam wahr. Seine gesamte Körperspannung verriet jedoch, dass er bereit war, im Bruchteil einer Sekunde einzuschreiten, sollte die Situation aus dem Ruder laufen. Auch wenn er äußerlich ruhig wirkte, war er innerlich auf Alarmbereitschaft.
    • Es war nur schwer zu ertragen, dass sich jede Minute viel zu kurz und jeder weitere Moment, in welchem er sie nun betrachtete, so vollkommen ergiebig und reizvoll, ihm zu knapp für sein offensichtliches Vorhaben erschien. Wenn er könnte, dann würde Tighnari nur zu gerne die Zeit manipulieren und dafür Sorge leisten, dass sie sich beide in aller Ruhe einander widmen könnten; ungestört und frei von den eigentlichen Verpflichtungen, welche sie an diesen nahezu verwahrlosten Ort ketteten. Die Wüste war dem Naturliebhaber noch nie recht geheuer gewesen. Sie war zu trocken und trostlos für seinen Geschmack. Nichts war in der Lage an solch einem Ort Wurzeln zu schlagen, geschweige denn zu wachsen; ein essenzielles Bedürfnis, welches gerade Tighnari überaus am Herzen lag.

      Seine Hand nutze die Gunst der Stunde, strich durch ihr langes grünschimmerndes Haar, während sein Blick nahezu lustvoll über ihren zarten Körper fuhr. Da er von seiner Angebeteten keinerlei Protest vernehmen konnte, gestattete er sich kurzerhand die Hand unter ihr Oberteil gleiten zulassen; bereit sie nach und nach von der Last ihrer Kleidung zu befreien. Blind vor Zuneigung gegenüber der Vastaya, schien er ihre Unsicherheit so gut wie gar nicht zu bemerken. Erst als sie die Stimme erhob, riss sie den Dunkelhaarigen langsam aus seinem beinahe unaufhaltsamen Wahn.

      "Ich habe sowas noch nie gemacht."

      Irgendwie hätte er mit solch einer Aussage rechnen müssen. Die Khareena, die er kannte, war so gefangen in ihrer eigenen Blase, dass es, selbst wenn man sie zumindest etwas besser kannte, dennoch schwerfiel zu glauben, dass sie in der Lage war völlig aus sich heraus zukommen. Wie konnte er dieses überaus wichtige Detail bloß außer Acht lassen? Seine Ohren zuckten etwas wirsch, während er nun fieberhaft überlegte, wie genau er diese Situation angenehmer für seine Partnerin gestalten konnte. Er wusste durchaus, was er zu tun hatte, immerhin war dies nicht die erste intime Begegnung, welche sich ihm darbot. Dennoch hatte er diesmal das Gefühl, dass soviel mehr auf dem Spiel stehen würde; ganz so, als würde auch nur ein falscher Schritt im Stande sein alles zu ruinieren.

      "...ich hätte damit rechnen sollen, ist, was du mir damit eigentlich sagen wolltest, oder? Tut mir Leid, falls ich etwas zu forsch mit dir umgegangen bin", behutsam strichen seine Finger nun ein paar Strähnen aus ihrem Gesicht, während ein verständnisvolles Lächeln seine Lippen umspielte, "Ich muss mich eben auch noch in Geduld üben, wie es aussieht."

      (censored)

      ---

      "Kaedehara, Kazuha", eine überragend gekünstelte Heiterkeit schwang in seinem Unterton, als er jede Silbe des Namens in vollen Zügen auskostete. Es war nicht das erste Mal, dass er von dem Kaedehara Clan hörte und in gewisser Weise amüsierte es ihn umso mehr, dass ausgerechnet diese beiden verlorenen Seelen zueinander finden mussten. Seine Zeitreisende war ebenso die letzte Nachfahrin eines großen Namens, ohne Familie, ohne Nachfahren. "Ziemlich unhöflich, dass du ihn mir nicht direkt vorgestellt hast. Ich habe es nicht gerne, wenn man mich im Dunkeln lässt. Das sollte dir nach all der Zeit doch bewusst geworden sein."

      Seine Worten klangen eindringlich, nahezu vorwurfsvoll, wie eine Warnung, die für nicht Eingeweihte hinter einem aufgesetztem Lächeln verborgen blieb. "Wie dem auch sei, natürlich, habe ich den weiten Weg nicht extra auf mich genommen, um ein Pläuschen zu halten", theatralisch breitete er die Arme aus, während er sich nun auf die Rosahaarige zubewegte, welche unbeeindruckt, wie ein Fels in der Brandung, immer noch an Ort und Stelle stand, "Ich bringe Geschenke."

      Stolz hob er eine eingerollte Pergamentrolle in die Höhe, bevor er sein Gegenüber urplötzlich in die Arme schloss und an sich drückte. Eine Hand hielt er dabei an ihren Hinterkopf, wo sich die Apparatur befand, welche ihre Tarnung als Nuriya aufrecht erhielt. Eine erneute Drohung, um unter Beweis zu stellen, wer von ihnen beiden wirklich am längeren Hebel saß. "Du tätest gut daran keine Zeit zu verschwenden und dafür zu sorgen, dass ihr euch an die verdammte Karte haltet. Ganz gleich wie du es auch anstellst, Beauchêne", seine Stimme war nichts weiter als ein düsteres Raunen, bestimmt dafür, von ihr und keinem anderen vernommen zu werden, "Es wird Zeit, dass du unter Beweis stellst, dass diese Tarnung keine Fehlinvestition für mich war."


      Innerlich fragte sich Nuriya währenddessen nur, ob er lange für diese schauspielerische Leistung in seinem dunklen Tunnelsystem üben musste. Khareena ging ja wenigsten noch unter Leute, aber bei diesem Größenwahnsinnigen würde es sie ehrlich gesagt nicht einmal wundern, wenn er bereits als Kind selten das Tageslicht zu Gesicht bekommen hatte.
      Die Umarmung hätte er sich wirklich sparen können, denn allein sein unangekündigtes Auftreten, würde bereits unnötige Fragen hinter sich herziehen. Man konnte nur von Glück sprechen, dass ihr bodenlos neugieriger 'Akademikerfreund' nicht auch noch jeden Moment um die Ecke bog, um das ganze Spektakel mit anzusehen.

      Kaum hatte Dottore sie aus seinem gefühlten Klammergriff entlassen, bemerkte sie erst Kazuhas intensiven Blick, welcher auf ihr ruhte. Irgendwie hatte sie nicht damit gerechnet, dass dieser Zwischenfall ihn in irgendeiner Weise stören könnte und noch weniger hatte sie damit gerechnet, dass es sie im Nachhinein tatsächlich mit Scham erfüllen würde. Sie hatte das Bedürfnis das Missverständnis umgehend aufzuklären, was sich in Anbetracht ihrer derzeitigen Lage, wirklich lachhaft anfühlte. Es wäre soviel einfacher, wenn sie damit aufhören könnte sich Gedanken darüber zu machen, was der Weißhaarige von ihr dachte. Seine fürsorgliche, liebenswürdige Seite und die Art und Weise wie er nach ihr Ausschau hielt, um sicherzugehen, dass es ihr gut ging, waren schlichtweg unerträglich für sie.

      Die Dottore-Kopie trat nun den Rückzug an, doch so schnell wollte sie ihn nicht davon kommen lassen. Immerhin war es sein Chaos, welches sie nun versuchen dürfte aufzuräumen. "Und was ist mit Khareena? Warum kommst du überhaupt zu mir damit? Dir sollte doch bewusst sein, dass-"

      "Siehe deine Schuld gegenüber mir, von jetzt an, als beglichen, solange Khareena auf dieser Reise nichts widerfährt."

      Sie stockte. Nach all den Jahren, gab es nicht ansatzweise einen Moment wie diesen, in welchem Dottore ihr ein solch großzügiges Angebot unterbreitet hatte. Zudem hatte sie doch bereits zu Beginn der Expedition zusagen müssen, dass sie auf Khareena Acht geben würde und hatte nicht ansatzweise, dass zugestanden bekommen, was er ihr nun so bereitwillig geben würde; sofern sie diese Reise überstand. Unbewusst übte sie Druck auf die eingerollte Karte in ihrer Hand aus und bevor diese letztlich noch in Flammen aufgehen konnte, riss sie eine Hand, welche sich sanft auf ihrer Schulter platzierte, zurück in die Realität. Dottore hatte sich bereits wieder in Bewegung gesetzt und bog gerade um die nächste Ecke, womit er nun offiziell verschwunden war, alles was blieb, war die hinterlassene Karte und Kazuha.

      "Ich denke ich muss dich schon wieder um etwas bitten...", sie griff nach seiner Hand, welche immer noch auf ihrer Schulter ruhte, ihr Blick immer noch starr auf das Ende des Korridors gerichtet, vermutlich für den Fall, dass Dottore es sich doch noch anders überlegte und wieder zurück getrabt kam. "Ist ja nicht so, als würde ich sowieso schon in deiner Schuld stehen." Irgendwie schaffte sie es, gedankenlos und völlig unverblümt, ihre Finger mit seinen zu verflechten, bevor sie ihn kurzerhand näher zu sich zog. "...was willst du dafür, dass du mir hilfst Alhaitham diese Karte unterzujubeln? Du kannst dafür alles haben was du willst."
      "Genieß deine 5 Minuten Ruhm
      und pass auf, dass es nicht 6 werden."
    • (censored)


      ---


      Das gesamte Szenario, das er zuvor mit dem Unbekannten beobachtet hatte, war schon seltsam genug gewesen. Jede Bewegung, jedes Wort wirkte auf ihn, als würde etwas verborgen bleiben, das ihm entging. Es wirkte gar wie ein komisches Schauspiel. Doch dann tauchte diese mysteriöse Karte auf - ein Objekt, das er nun - auf die eine oder andere Weise - Alhaitham unterjubeln sollte. Irgendetwas an der ganzen Sache stimmte nicht, das spürte er deutlich.
      Trotzdem war er insgeheim erleichtert, dass nichts aus dem Ruder gelaufen war, sodass er hätte eingreifen müssen. Der Blauhaarige hatte sich zurückgezogen und zumindest vordergründig schien die Lage wieder unter Kontrolle. Doch Kazuha ließ den Vorfall nicht ganz los, seine Gedanken kreisten unaufhörlich um dieses Thema.
      Plötzlich spürte er eine Berührung, die ihn in die Gegenwart zurückholte. Nuriya hatte ihre Hand auf seine gelegt und ehe er sich versah, verschränkte sie ihre Finger mit seinen. Der überraschende Kontakt ließ ihn für einen Moment erstarren.

      "...was willst du dafür, dass du mir hilfst Alhaitham diese Karte unterzujubeln? Du kannst dafür alles haben was du willst."

      ... Alles was er wollte?
      Um ihn herum wurde es still, als hätte die Welt für einen Augenblick innegehalten. Sein Herz schlug schneller und es dauerte ein paar Sekunden, bis er realisierte, was Nuriya ihm mit voller Ernsthaftigkeit anbot.
      Behutsam drehte er die Rosahaarige zu sich, sein Zeigefinger hob leicht ihr Kinn an, sodass sie ihm direkt in die Augen sehen musste. Es war offensichtlich, dass es ihr unfassbar wichtig war, diese Karte so schnell wie möglich zu Alhaitham zu bringen. Sie war sicher niemand, der leichtfertig um Hilfe bat, was die Sache für ihn umso seltsamer machte.
      Natürlich würde er die Karte nicht einfach so weitergeben, ohne vorher selbst einen Blick darauf geworfen zu haben, schließlich musste der Samurai wissen, worum es ging. Wenn es sich nicht gerade um etwas Nützliches hiel, konnte es nur etwas Gefährliches sein - und das wollte er vorher herausfinden, bevor er sie jemand anderem in die Hände gab.

      "Mach dir um die Karte keine Gedanken. Ich kriege das hin", ein kleines Schmunzeln huschte über seine Lippen, während er ihr tief in die Augen sah. In Wahrheit war die Karte wohl das Letzte, worüber er sich gerade Sorgen machte. Es gab unzählige Wege, sie an Alhaitham weiterzugeben, ohne dass es auch nur im Geringsten verdächtig wirkte. Er könnte sie einfach irgendwo in der Nähe des Gelehrten platzieren, sodass dieser sie selbst 'zufällig' finden würde. Oder er könnte behaupten, sie von einem Händler oder Dorfbewohner erhalten zu haben, vielleicht als Zeichen der Dankbarkeit für irgendeine erfundene gute Tat. Eine andere Möglichkeit wäre, dass er sie angeblich beim Kartenspielen gewonnen hätte - eine harmlose Geschichte, die kaum jemand hinterfragen würde. Notfalls könnte er auch behaupten, sie zufällig auf dem Boden entdeckt zu haben oder sie unauffällig in der Tasche des Gelehrten zu platzieren.
      Die Optionen waren endlos und alle führten zu einem ähnlichen Ergebnis: Alhaitham würde keinen Grund haben, an ihm zu zweifeln. Immerhin hielt er ihn für weitaus vertrauenswürdiger als Nuriya, was ihm einen entscheidenden Vorteil verschaffte. Dieses Vertrauen konnte er schlichtweg ausnutzen.

      Was ihn jedoch weit mehr beschäftigte, war das beklemmende Gefühl, das der Wind ihm vermittelte. Es war ein vertrautes, fast untrügliches Warnsignal, das er nicht ignorieren konnte. Der Wind hatte ihn noch nie getäuscht und jetzt sagte er ihm deutlich, dass die Mission von hier an deutlich gefährlicher werden würde, als sie ohnehin schon war.
      Zusätzlich hatte der Weißhaarige bemerkt, wie einige Crewmitglieder in letzter Zeit über Nuriya gesprochen hatten. Ihre Gespräche waren beiläufig, doch das Interesse an ihr war unverkennbar. Bislang hielten sie sich zurück, doch wer konnte schon sagen, wie lange das so bleiben würde? Gefahrensituationen hatten eine Art, die Menschen einander näher zu bringen - besonders, wenn sie zusammen knapp dem Tod entkommen waren. Sollte es dazu kommen, dass ihre Wege sich für eine Zeit trennten, würde jemand die Gelegenheit nutzen, um sich ihr Vertrauen oder gar ihre Zuneigung zu erschleichen? Dieser Gedanke ließ ihm keine Ruhe. Das durfte er nicht zulassen. Dadurch, dass Nuriya ihm öfters anhand von Gesten signalisierte, dass sie Interesse an ihm hatte, ließ ihn glauben, dass er mit seiner folgenden Bitte eventuell Erfolg haben könnte. Und obwohl er normalerweise nicht der Typ war, der vorschnelle Entscheidungen traf, setzte er jetzt alles auf eine Karte.

      "Bezüglich des Gefallens", begann er leise und beugte sich langsam zu ihr hinüber; sein Gesicht war ihrem inzwischen so nah, dass sie seinen Atem spüren konnte. Seine Hände umfassten sanft ihr Gesicht und sein intensiver Blick hielt sie wie gefesselt. "Ich befürchte, es wird kaum noch eine Gelegenheit dafür geben, also würde ich sie jetzt nutzen", seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, als er sprach und während er sich weiter näherte, berührten sich ihre Lippen beinahe. Sein Atem ging flach und sein Herz hämmerte gegen seine Brust, als wollte es ausbrechen. Noch immer zögerte er, wollte sie nicht überrumpeln, sondern sicher sein, dass sie es genauso wollte. Schließlich flüsterte er, fast unhörbar: "Darf ich?"
      Er war sich der Gewagtheit dieser Aktion voll bewusst, doch er würde niemals einen Schritt weitergehen, ohne ihr Einverständnis zu haben. Ein kaum merkliches Nicken, so leicht, dass es fast übersehen werden konnte, gab ihm die Antwort, auf die er gehofft hatte.
      Sein Herz setzte für einen Moment aus, bevor er die letzte Lücke zwischen ihnen schloss. Seine Lippen fanden ihre in einem sanften, aber leidenschaftlichen Kuss und alles um sie herum schien in diesem Moment zu verblassen.
    • (censored)

      ---

      Noch immer kreisten ihre Gedanken um das Gesagte der Dottore-Kopie. Es kam so gut wie nie vor, dass er sich die Mühe machte einen seiner Klone auszusenden, schon gar nicht, aufgrund einer solch banalen Sache, wie einer Karte. Es kam ihr schon immer etwas unheimlich vor, dass er gefühlt bestens darüber Bescheid zu wissen schien, wie genau Alora ihre Zeit außerhalb des Labors zu verbringen schien; auch wenn dies nicht allzu häufig der Fall war. Diese Exkursion schien ihn ziemlich zu reizen, was mitunter der Grund für ihre Teilnahme war, aber nun schien irgendetwas vorgefallen zu sein, weshalb er sich absichern wollte, beinahe so, als wäre er in seinem Handeln eingeschränkter als sonst. Dieser Gedanke beunruhigte sie.

      Kazuhas Hilfe erneut in Anspruch zu nehmen, war mehr ein Reflex, als eine wohlüberlegte Entscheidung gewesen. Da er alles mit angesehen hatte, verfolgte sie der Gedanke, dass er unweigerlich Fragen stellen könnte, die sie nur zu ungerne beantworten wollen würde. Ihn, durch ihre Bitte, auf andere Gedanken zu bringen war zwar kein schlechter Schachzug, aber selbstverständlich, musste dieser Bezug mit einer entsprechenden Gegenleistung in Verbindung stehen, die wiederum wettmachen könnte, dass er letzten Endes doch zu neugierig werden würde. Natürlich, würde er sich dafür entscheiden mehr über Visions in Erfahrung bringen zu wollen; immerhin war dies auch der Antrieb für ihre erste Abmachung gewesen. Innerlich begann sie bereits ihre Erinnerungen anzukurbeln, um sich Kisans ellenlange Reden und Vorträge zu der Entstehung der Visions erneut hervorzurufen. Nach all der Zeit, die sie bereits hier verbracht hatte, fiel ihr heute zum ersten Mal auf, wie lange das Ganze bereits zurück lag.

      Mit einem Mal wurde ihr Kinn angehoben, das scharlachrot seiner Augen war unverkennbar, als ihre Blicke sich trafen. Wann war er ihr plötzlich so Nahe gekommen?
      "Mach dir um die Karte keine Gedanken. Ich kriege das hin." Wenn es eins gab worum sie sich garantiert gerade keine Gedanken machte, dann war es vermutlich diese Karte. Es war ihr klar, dass vermutlich jeder in ihrer buntgemischten Truppe einen besseren Eindruck auf Alhaitham machen würde als ihre Wenigkeit; solange sie nicht vor ihm auftauchte, hätte er sowieso keinen Grund das Ganze zu hinterfragen, geschweige denn abzulehnen. Bei genauerer Überlegung hätte sie eigentlich auch einfach Khareena darauf ansetzen können, weshalb sie sich etwas dümmlich vorkam.

      Die Stille, die sich zwischen ihnen beiden ausbreitete, während er ihr immer noch so Nahe war, ließ sie schlucken. War es jetzt an der Zeit etwas auf seine Worte hin zu erwidern? Ihre Stimme fühlte sich noch nicht bereit diesen Moment zwischen ihnen beiden zu unterbrechen. Ein Teil von ihr hoffte, nein, wünschte sich sogar, dass sie sich diese Spannung zwischen ihnen beiden nicht bloß einbildete.

      "Bezüglich des Gefallens..."

      Ihr Herz stockte, als sie deutlich spüren konnte, wie seine Finger behutsam ihr Gesicht umfassten, sein warmer Atem traf auf ihre Lippen. Sie hatte Schwierigkeiten ihm weiterhin in die Augen zu blicken, obwohl er direkt vor ihr stand und obwohl es mehr als offensichtlich war, um was genau er sie bitten würde. Sie versuchte sich einzureden, dass wenn sich ihre Blicke nicht treffen würden, dass sie keine andere Wahl hätte, als es geschehen zulassen; eine schlichte Ausrede, um die Tatsache zu umgehen, dass Nuriya nichts weiter als eine Illusion war, die genauso verschwinden würde, sobald Ostara ihren Weg zurück in ihre Zeit gefunden hatte.
      Kazuhas Stimme drang erneut an ihr Ohr, aber sie blendete die Worte, die er von sich gab, schlichtweg aus. Vielleicht konnte er ihren Zweifel spüren, das unsagbare Gefühlschaos, was in ihrem Inneren wütete, erfassen und auch wenn er nicht ansatzweise verstehen konnte, was in diesem Moment in ihr vorging, ging er mit einer gewissenhaften Achtsamkeit vor, welche ihr Herz augenblicklich schneller schlagen ließ.

      Das Gefühl sich fallen zulassen, in diesen Moment einzutauchen und alles andere für einen flüchtigen Moment zu vergessen; sie fragte sich aufrichtig, wann sie zuletzt so empfunden hatte. Es war erschreckend wie surreal ihr die Zeit mit einem Mal vorkam, die doch ihr stetiger Gegner zu sein schien, immer einen Schritt voraus, immer unbeugsam voranschreitend. Sie konnte nicht sagen wie lange der Kuss zwischen ihnen beiden anhielt, aber als sich ihre Lippen langsam voneinander lösten wusste sie bereits, dass sie sich nach einem Weiteren sehnte.

      "...du wolltest also nicht warten, bis ich auf der Treppe ausrutsche und versehentlich gegen deine Lippen stoße, hm?"

      Sie grinste amüsiert, ein Versuch ihre anbahnende Nervosität zu überspielen. Sie konnte kaum noch beurteilen, ob ihr Gesicht sich so heiß anfühlte, weil Kazuha immer noch seine Hände auf ihren Wangen platziert hatte oder wegen etwas anderem. Der bloße Gedanke, dass er mit Leichtigkeit einen weiteren Kuss beanspruchen könnte, brachte ihr Herz erneut zum Schlagen. Am Gerichtshof von Fontaine hätte man sie für ihre überaus ausdrucksvolle Mimik umgehend gescholten, der Gedanke allein, brachte sie kurzerhand zum Erschaudern. Wie sollte man immerhin einen Täter überführen und ein Geständnis aus ihm herauskitzeln, wenn man für die Öffentlichkeit wie ein offenes Buch war.

      "Wegen der Karte...", ihre Stimme verstummte, während sie endlich bemerkte, dass sich diese bereits nicht mehr in ihrer Hand befand. Der Samurai hatte sie bereits, pflichtbewusst wie eh und je, an sich genommen. Es gab also keinen weiteren Grund mehr ihm länger Nahe zu sein, der Austausch zwischen ihnen beiden hatte erfolgreich stattgefunden. Ein recht beklemmendes Gefühl machte sich ungewollt in ihrer Brust breit und brachte sie dazu noch nachsichtiger als sonst zu agieren. "Ich verstehe nicht wirklich, was sich zwischen uns beiden verändert hat. Oder besser gesagt, was dich dazu verleitet hat... s-so zu handeln, wie du nun mal gehandelt hast. Aber, falls es einen tieferen Hintergrund hat, dann bin ich gewillt ausführlicher darüber nachzudenken, weil-"


      "Kazuha. Hier steckst du also. Ich dachte du wolltest nur kurz was besorgen, aber wie ich sehe bist du mit deiner 'Besorgung' wohl immer noch beschäftigt, was?" Mit verschränkten Armen und einem kurzen jedoch kräftigen Lacher marschierte Beidou auf die beiden zu. Nuriyas hochroter Kopf war ein recht seltener Anblick, sie schien sich wohl bei etwas ertappt zu fühlen. Wer hätte gedacht, dass Kazuhas blumige Aura dazu beitragen würde, einen solch pompös theatralischen Charakter, wie die Rosahaarige ihn besaß, zu bändigen.
      "Der Graukopf hat sich überlegt wie es demnächst weitergehen sollen. Da wir den Tag schon verschenken mussten, will er nun zumindest den frühen Abend nutzen, um weiterzureisen. Wir müssen uns also, wohl oder übel, bereithalten. Was'n das?" Ihr Blick fiel auf die Karte in der Hand ihres Kameraden. Zwar wusste die Kapitänin, dass der Weißhaarige sich mit den Worten entschuldigt hatte, dass er noch etwas zu erledigen hatte, aber eigentlich ging sie stark davon aus, dass er damit eine Person und keine Sache meinte. "...immer wenn man glaubt, dass man dich durchschaut hat, machst du sowas. Naja, wie sagt man so schön, lass sie niemals wissen, was dein nächster Schritt sein wird, oder so ähnlich."

      ...

      Kassandra beobachte das Geschehen um sich herum aufmerksam, ihre Fingernägel trommelten auf dem hölzernen Tisch, an welchem sie mit Fleur Platz genommen hatte. "Weißt du was mich richtig anwidert? Leute, die zu bescheiden sind, um sich anständig für ihre Taten feiern zu lassen." Ihr Blick haftete sich regelrecht auf Kazuha, als dieser den Speisesaal betrat. Sie hatte genauso Einsatz bewiesen wie diese Witzfigur von Samurai, hatte sogar noch am ehesten und schnellsten reagiert als Khareena kurz davor war abzustürzen. Nur, weil er es letztendlich war, der sie mit seiner verfluchten Anemo Vision schneller zu fassen bekommen hatte und obendrein noch den guten Samariter abgab, wurde weder ein Gedanke, geschweige denn ein Lob an sie verschwendet.

      "...aber am Meisten nerven mich die Leute, die sich immer in den Mittelpunkt drängen müssen, obwohl sie ganz genau wissen, dass sie dort absolut nichts zu suchen haben!"

      Ganz Recht. Khareena war ebenfalls ein Anemo Träger, also warum konnte sie ihren Fall gefälligst nicht selbst abbremsen? Selbst Alhaitham fühlte sich für diesen Vorfall verantwortlich, dabei sollte die Vastaya doch eher froh darüber sein, dass man sie aufgrund von Stümperhaftigkeit nicht komplett der Exkursion verweist und auf direktem Wege nach Hause schickt.

      Aus dem Augenwinkel nahm sie war, dass der Weißhaarige nach Jemandem zu suchen schien, in der Hand hielt er eine zusammengerollte Pergamentrolle. Anscheinend war die Person, die er erhoffte anzutreffen, nicht hier. "Was ist los, Wunderknabe? Du siehst so suchend aus..." Mit einem Nicken deutete sie Fleur einen weiteren Stuhl an ihren Tisch zu schaffen. "Setz dich ruhig. Vielleicht können wir ja weiterhelfen."
      "Genieß deine 5 Minuten Ruhm
      und pass auf, dass es nicht 6 werden."
    • --- censored ---



      "Setz dich ruhig. Vielleicht können wir ja weiterhelfen."

      "Ich glaube nicht, dass–", bevor der Weißhaarige seinen Satz überhaupt beenden konnte spürte er plötzlich, wie Fleur ihn mit überraschender Kraft nach unten zog. Ehe er sich versah, saß er schon auf dem Stuhl zwischen den beiden Frauen und hatte gar keine Möglichkeit gehabt, sich dagegen zu wehren. Kazuha war völlig perplex und wusste im ersten Moment überhaupt nicht, wie er nun weiter vorgehen sollte.
      Er blieb reglos sitzen und versuchte seine Gedanken zu ordnen, doch ein seltsames Gefühl breitete sich bereits in seiner Brust aus. Irgendetwas stimmte mit den beiden nicht – das spürte er ganz deutlich. Doch noch bevor er die Situation analysieren konnte, begannen sie plötzlich ihn wegen der ganzen Geschichte rund um die Rettungsaktion auszufragen, wollten bis ins kleinste Detail wissen, wie er es nur geschafft hatte, Khareena so schnell zu Hilfe zu eilen.
      Der Samurai versuchte mit all seiner Kraft, seine Skepsis zu verbergen. Neugierde war in gewisser Weise verständlich, doch die beiden schienen ihn regelrecht mit Fragen zu durchlöchern, obwohl er die allermeisten Fragen mit einem einfachen 'meine Vision hat mir dabei geholfen' abtun könnte. Wieso also fragten sie so eindringlich nach? Was genau wollten sie herausfin–

      "Was läuft da eigentlich zwischen dir und Nuriya?", der Weißhaarige konnte keine Sekunde über die vorherigen Aussagen nachdenken, da wechselten sie auf einmal das Thema und sahen ihn mit funkelnden Augen an.
      All das davor war sofort vergessen und Kazuha hielt inne – nicht, dass er sich für die langsam in ihm aufkommenden Gefühle Nuriya gegenüber schämte. Ganz im Gegenteil. Aber er hatte in diesem Moment nicht im Geringsten damit gerechnet, so direkt mit diesem Thema konfrontiert zu werden und er wollte die Rosahaarige nicht in Verlegenheit bringen, weswegen er für einen Augenblick nicht wusste, wie er regieren sollte. Aber... war es denn wirklich so offensichtlich wie er zu ihr stand oder war das alleinig Nuriyas Verhalten ihm gegenüber zu verschulden?
      "Ich–… Hey!", sofort riss er sich die Karte, welche sich auf einmal in Kassandras Händen befand, wieder unter den Nagel. Das war es also, worauf es diese beiden Gören abgesehen haben.


      ---


      "Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache...". teilte Layla dem Silberhaarigen mit, welcher sie zu ihrer Meinung für den baldigen Aufbruch befragte. "Ich kenne mich nicht so gut in der Wüste aus, aber wir sollten lieber ein anderes Ziel ansteuern. Von dieser Richtung aus bekomme ich sehr schlechte Schwingungen."