Maledictio Draconis [CodAsuWin]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Es war Devon, der Tava zuerst antwortete. Er schien aus seiner Starre erwacht zu sein und Tava war froh darum, dass er nicht das nächste Holzscheit ergriff, um es nach ihr zu werfen. Trotzdem verunsicherte er sie mit seiner plötzlichen Bewegung.
      „Wieso willst du es verkaufen? Wenn du es verkaufst, kann der Käufer es als seins ausgeben. Wie soll jemand nachweisen können, dass es von dir stammt?“
      "Na gar nicht", gab sie zurück. Sie blinzelte, als sie die ehrliche Verwunderung in Devons Stimme hörte. Dachte er, sie wüsste das nicht? Aber vermutlich dachte er selbst nicht so weit; wie könnte er auch, wenn er selbst kein Alchemist war.
      "Es gleich zu verkaufen wäre sicherer. Der Alchemistenkreis bezahlt nichts für ausgeschriebene Rezepte und wenn es sich nicht gut verbreitet", denn ehrlich, wer wollte denn heutzutage schon feuerresistent sein bis auf Tava, "kriege ich vielleicht auch nichts. Wenn ich es gleich verkaufe, habe ich das Geld, egal was passiert."
      „Du willst die Anerkennung dafür", stellte Devon fest. "Wir haben beide gesehen, wie euphorisch du gewesen bist. Und wenn ich mich schon bei vollem Bewusstsein grillen lasse, dann nicht, um die Erkenntnis nur zu verkaufen.“
      Unsicher lächelte Tava wegen dem Part mit dem verbrennen. Sie musste sich wirklich um seinen Arm kümmern, aber er hatte ihr vorhin gesagt, dass sie bleiben wollte, und so rührte sie sich noch nicht.
      "Ich habe in Flammen gestanden - das war toll. Überall nur Feuer zu sehen, als wäre der ganze Himmel voll davon."
      Ihr Herz machte von der Erinnerung einen kleinen Sprung. Es war natürlich nicht wie Adrastus' Feuer gewesen, aber es war dem nahe gewesen. Sehr nahe. Ein Schritt näher, so wie sie gesagt hatte.
      "Aber Anerkennung möchte ich dafür nicht. Nicht von Leuten, die ich doch gar nicht kenne."
      Bei diesen Worten kippte sie ein wenig den Kopf nach hinten und schaute von Devon zu Malleus und wieder zurück. Vielleicht noch von Fremden, aber von den beiden Männern wollte sie durchaus Anerkennung bekommen. Natürlich wollte sie von ihnen hören, dass sie es gut gemacht hatte.
      „Spätestens dafür sollten sie dir dein neues… Stempel oder wie das hieß, geben. Du hast dein Altes doch verloren und wenn du ihnen das vorlegst können sie gar nicht anders.“
      "Ähm... ja."
      Nervös senkte Tava wieder den Kopf und nestelte an der Decke herum. In der auftretenden Stille hoffte sie darauf, dass das Thema versickern würde, aber die Männer schienen zu merken, dass sie noch etwas zu sagen hatte. Das Schweigen breitete sich aus und Tava wurde mit jeder weiteren verstreichenden Sekunde unruhiger.
      "... Also, was das angeht..."
      Sie starrte den Boden vor sich an. Ihre nackten Füße waren auf dem Holz ganz kalt, aber sie traute sich nicht, näher ans Feuer zu gehen. Die Versuchung wäre zu groß, die Hand in die Flammen zu stecken.
      "... Vielleicht wisst ihr, dass der Alchemistenkreis seinen Sitz in Marraketh hat... und da war doch... vor ein paar Jahren..."
      Geschäftig fummelte sie an ihrer Decke herum, ohne irgendjemanden anzusehen. Das war vielleicht schlimm, es jetzt zu erzählen, aber wenn die beiden eh schon sauer auf sie waren, dann konnte sie ja vielleicht alles auspacken und sie gleich... ganz auf sie sauer sein lassen. Und dann wäre es ja vielleicht auch alles wieder schneller vorbei.
      "Denen sind doch... die Labore sind ihnen doch explodiert und die... ähm..."
      Sie wurde ein Stück leiser.
      "Die Kathedrale ist abgebrannt und... äh... der Vorplatz... die Ställe, das Wachhaus, die Anlage von dem..."
      Ihre Stimme verlor sich ein bisschen und sie räusperte sich.
      "Jedenfalls... wäre es wohl besser, wenn ich mich dort nicht mehr blicken lasse. Für die nächsten... hm... 50 Jahre. ...Vielleichtfürimmer."
    • Devon sprach aus, was Malleus bereits durch den Kopf ging. Sie wollte die Anerkennung für ihre Leistung einfach verscherbeln? Malleus schüttelte entschieden den Kopf, als er aufmerksam beobachtete wie Tava das Buch an ihre Brust drückte. Das kam gar nicht in Frage. Ehrlich gesagt, war da noch ein gänzliches anderes Problem, das Malleus tatsächlich Sorgen bereitete.
      "Aber Anerkennung möchte ich dafür nicht. Nicht von Leuten, die ich doch gar nicht kenne", fuhr Tava fort und Malleus runzelte die Stirn.
      Er verstand nicht, wie jemand für eine außerordentliche Leistung keine Aufmerksamkeit haben wollte. Wenn sie es richtig anstellte, verdiente sie mit der Rezeptur genug Geld und Bewunderung um in kürzester Zeit eine gemachte Frau zu sein. Sie würde sich vor Angeboten kaum retten können. Der kleine Ausblick in die Zukunft und dem vorsichtigen Was-wäre-wenn? wurde nur von dem leisen, hässlichen Stimmchen in seinen Gedanken übertönt.
      "Ich halte es für keine gute Idee das Rezept einfach zu verkaufen", sprach er ruhig aber ernst. "Nicht auszudenken, was passiert, sollte es in die falschen Hände geraten. Der Missbrauch, der damit betrieben werden könnte, ist nicht ausgeschlossen."
      Sagte der Mann, der einen fanatischen Kult lauter verblendeter und feuerverehrender Anhänger führte. Malleus' Miene verdunkelte sich ein wenig, doch die wirren, dicken Strähnen seines Haarschopfes und die tanzenden Schatten, die das Feuer auf sein Gesicht warf, verbargen es gut.
      "Überall herrschen Unruhen. Selbst in den großen Städten, die sich mit ihrer Zivilisiertheit brüsten, brodelt es. Die Anwesenheit der Drachenplage macht die Leute unruhig und unberechenbar. Stell dir vor, was militärische Ambitionen damit anrichten könnten? Soldaten, die das Feuer nicht fürchten müssen? Sie könnten ganz Provinzen niederbrennen ohne die winzigste Brandblase davonzutragen. Brennende Städte am Horizont und die Sieger schreiten durch die Asche, unverletzt und unbesiegbar."
      Vor langer, langer Zeit hatte er davon geträumt.
      Aber jetzt nicht mehr.
      Malleus verfiel in nachdenkliches Schweigen und fuhr sich dabei mit den Fingern über das mittlerweile stoppelige Kinn, während Devon erneut das Wort ergriff.
      „Spätestens dafür sollten sie dir dein neues… Stempel oder wie das hieß, geben. Du hast dein Altes doch verloren und wenn du ihnen das vorlegst können sie gar nicht anders.“
      "Ähm... ja."
      Er neigte interessiert den Kopf.
      Etwas an dem Ton in Tavas Stimme weckte ihn aus seiner düsteren Grübelei. Malleus warf einen flüchtigen Blick zu Devon, dessen Aufmerksamkeit ebenfalls ganz und gar auf der Cervidia ruhte, die offensichtlich nach den richtigen Worten suchte. Er ahnte, was kommen würde, denn zu seinem Bedauern war das Lächeln wieder aus ihrem hübschen Gesicht verschwunden.
      "... Also, was das angeht..."
      Malleus zog abwartend eine Augenbraue in die Höhe.
      Ja?, schien er damit sagen zu wollen.
      "... Vielleicht wisst ihr, dass der Alchemistenkreis seinen Sitz in Marraketh hat... und da war doch... vor ein paar Jahren..."
      Oh.
      Das wurde nun wirklich interessant.
      "Denen sind doch... die Labore sind ihnen doch explodiert und die... ähm..."
      Er richtete sich etwas auf, auch wenn seine Rippen protestierten.
      Devon war mit seinem Arm was den Schmerzgrad betraf momentan schlimmer dran, also verkniff sich Malleus sein Unbehagen zu zeigen. Brandwunden waren eine sehr lästige, sehr schmerzhafte Angelegenheit. Aus Sympathie schienen die alten Brandmale auf seine Haut mit dem Echo seiner Erinnerungen aufzuflammen.
      "Die Kathedrale ist abgebrannt und... äh... der Vorplatz... die Ställe, das Wachhaus, die Anlage von dem..."
      Wenn es nicht sehr still im Haus gewesen wäre, hätte er sichtlich Mühe gehabt, ihre Worte noch zu verstehen.
      "Jedenfalls... wäre es wohl besser, wenn ich mich dort nicht mehr blicken lasse. Für die nächsten... hm... 50 Jahre."
      Malleus seufzte leiser, aber klang dabei nicht enttäuscht oder sah Tava vorwurfsvoll an.
      Es war eher die Art von Seufzen, die er hören ließ, wenn eine seiner Theorien endlich bestätigt wurde.
      "...vieleichtfürimmer..."
      Die letzten Worte nuschelte Tava nur.
      "Du hast nie ein Siegel bekommen, richtig? Der Alchemistenkreis hat dich nie anerkannt", sagte Malleus, aber lächelte, was seinen Worten jegliche Schärfe nahm. Er zuckte leicht mit den Achseln und nahm keine Sekunde lang den Blick von Tava. "Und ich bin der Sohn eines Bauern, Tava. Wer wir waren, definiert nicht, wer wir unser Leben lang sein müssen. Der Kreis von Marraketh wird dich für diese Entdeckung anhören müssen, solltest du eine Audienz verlangen, und wenn sie es nicht tun...nun ja, dann ist dein Talent diese senilen Kleingeister ohnehin verschwendet. Gib ihnen nicht die Genugtuung, deine Lorbeeren einzustreichen."
      Es rumpelte leise in seiner Brust.
      "Du hast wirklich die Kathedrale von Marraketh abgebrannt?"
      Der Gedanke schien Malleus sehr zu amüsieren.
      Um Tava zu beruhigen, dass er sie nicht wegen eines fehlenden Alchemistensiegels hinauswarf, fügte er hinzu:
      "Es ist mir gleich, ob du ein Siegel besitzt oder nicht."
      Schließlich besann er sich, dass es gerade ein dringlicheres Problem ihre Aufmerksamkeit verdiente.
      Devons Arm.
      "Tava?", setzte er an. "Denkst du, du findest hier in der Nähe alles, was du brauchst um eine Brandsalbe oder Ähnliches herzustellen. Beschleunigte Heilung oder nicht, wir sollten den Arm nicht unbehandelt lassen."
      Er sah Devon an.
      "Sind die Schmerzen noch erträglich?"
      Malleus sah Devon eindringlicher en.
      "Ich weiß, dass es schmerzt...und wir sind unter uns. Kein Grund den Starken zu spielen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Fragend beobachtete der Jäger die Cervidia, wie sie erklärte, warum sie womöglich gar kein Siegel zu Beginn an besaß. Die Art, wie Tava dabei den Boden anstarrte, um den Blicken beider Männer auszuweichen, ließ darauf schließen, dass das, was sie erzählte, voller Scham für sie war. Als sie die Stadt Marraketh erwähnte, sagte Devon dies nichts. Auch nicht, dass es dort Explosionen und entsprechend wohl auch Tote gegeben haben musste. Oder dass eine ganze Kathedrale in Schutt und Asche gelegt worden war. Zu dem Zeitpunkt hatte sich der Jäger wer weiß wo auf der Erde aufgehalten. Dafür regte sich Malleus in Devons Augenwinkel, der mit dieser Information offenbar mehr anfangen konnte als er selbst.
      Dann konnte er währenddessen wenigstens damit beginnen, sich mühsam die nassen Beinkleider abzustreifen. Das mit einer Hand zu tun war schon anstrengend genug. Schnell wurde es Devon zu blöd und er streckte auch seinen verbrannten Arm aus, nur um mit einem Grummeln festzustellen, dass verbrannte Haut Strecken nicht unbedingt befürwortete. Also strampelte sich der groß gewachsene Mann eher aus seinen triefenden Beinkleidern als allem anderen.
      „Keine Ahnung, ob man so ein Siegel überhaupt braucht“, murrte Devon beiläufig und wrang seine Hose halbherzig mit einer Hand aus. „Du hast auch ohne Siegel einen Durchbruch erreicht, Tava.“
      Offensichtlich teilte Malleus mehr oder weniger Devons Meinung. Der Mann wirkte zwar überaus interessiert und teilweise auch amüsiert über die Offenbarung, weshalb Devon es nicht als eine schwerwiegende Information einordnete. Im Endeffekt wusste keiner vom jeweils anderen, wie er in seinen jüngeren Jahren gewesen war. Nicht nur Tava hatte dumme Fehler begangen. Devon hatte auch welche und würde sich dem größten von ihnen demnächst stellen müssen.
      „Sind die Schmerzen noch erträglich?“ Malleus suchte den Blick des Lacertas, der ihn absichtlich mied und so tat, als müsse er den Rest seines Oberkörpers auch noch auf Verbrennungen untersuchen. „Ich weiß, dass es schmerzt… und wir sind unter uns. Kein Grund den Starken zu spielen.“
      „Ich spiele hier gar nichts. Schon mal auf die Idee gekommen, dass mein Schmerzempfinden ein anderes ist als euers?“, erwiderte Devon. Allein die Aktion auf dem Markt in Touvanen hätte jeden Menschen in die Bewusstlosigkeit getrieben. Doch der Jäger hatte etliche Speere ausgehalten ehe er in die Knie gegangen war. Mittlerweile würde er einfach behaupten, tatsächlich eine höhere Schmerzgrenze aufweisen zu können.
      Allerdings beantwortete das nicht Malleus‘ Frage, der mit vielsagendem Blick den Lacerta ansah. Schließlich seufzte Devon. „Wenn es ganz schlimm wäre, würde ich mich gar nicht mehr bewegen oder reden. Oder teilnahmslos wirken.“ Ein flüchtiger Blick ging zu Tava, die glücklicherweise nicht mehr betreten den Boden anstarrte, sondern eher über Malleus‘ Aufgabe nachzudenken schien. „Es ist wirklich nicht toll. Wärme macht es schlimmer, aber richtig übel wird es vermutlich erst morgen sein. Es… stinkt.“ Er rümpfte angewidert die Nase.
    • "Du hast nie ein Siegel bekommen, richtig? Der Alchemistenkreis hat dich nie anerkannt", sagte Malleus und unter seinem Blick wurde Tava rot. Sie wusste nicht wohin mit ihrem Kopf und für einen Moment blieb sie in einem merkwürdigen Halbzustand stecken, der gar nichts wirklich befriedigte. Dann merkte sie aber, dass Malleus dabei lächelte. Er meinte es nicht so... Jedenfalls nicht, wie Tava erwartet hatte. Er stellte es lediglich fest.
      "Und ich bin der Sohn eines Bauern, Tava. Wer wir waren, definiert nicht, wer wir unser Leben lang sein müssen. Der Kreis von Marraketh wird dich für diese Entdeckung anhören müssen, solltest du eine Audienz verlangen, und wenn sie es nicht tun...nun ja, dann ist dein Talent diese senilen Kleingeister ohnehin verschwendet. Gib ihnen nicht die Genugtuung, deine Lorbeeren einzustreichen."
      Das erleichterte sie ungemein und mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen richtete sie sich wieder ein wenig auf.
      „Keine Ahnung, ob man so ein Siegel überhaupt braucht. Du hast auch ohne Siegel einen Durchbruch erreicht, Tava", setzte Devon obendrauf, der sich in der Zwischenzeit aus seinen Hosen gestrampelt hatte. Das hatte ziemlich komisch ausgesehen, aber Tava hatte nicht unbedingt das Bedürfnis zu lachen, wenn sie daran dachte, weshalb er das tat.
      "Ja also - ich muss nicht. Ich brauch sie nicht. Richtig?"
      Sie schaute mit einem lebendigeren Ausdruck im Gesicht zwischen beiden umher.
      "Aber gut wäre es. Mit Siegel habe ich Zugang zu allen möglichen Büchereien und Archiven, weil alchemistische Forschung überall gefördert wird."
      Sie sah dabei zu Malleus mit dem Gedanken an die unglaublich vielen Schriftrollen, die sie in seinem Sitz beinahe alle verkohlt hätte. Und so, wie sie gedacht hatte, schien der Mann gefallen an der Tatsache zu finden, dass ein Siegel ihnen neue Türen öffnen könnte.
      "Und Stadtwachen machen auch keine Kontrollen mit Siegel."
      Sie sah zu Devon.
      "Man vertraut dem Alchemistenkreis, dass er, ähm, ehrbare Bürger zu Alchemisten befördert. Und ich bin durchaus ehrbar! Mit Siegel könnte ich aber die Torwachen umgehen, ich könnte günstiger einkaufen, ich könnte meine Tränke verkaufen, ich habe sogar Vorrechte bei Versteigerungen. Oh, und man wird es wohl kaum wagen, einen Alchemisten in den Kerker zu sperren. Außer natürlich dieser Alchemist wird vom Kreis rausgeworfen, das ist dann etwas anderes. Aber dann ist auch das Siegel wieder verwirkt. Also denke ich... Ich denke, ein Siegel würde uns allen weiterhelfen. Vermutlich."
      Das mussten sich nun beide Männer sichtlich durch den Kopf gehen lassen. Schließlich gab Malleus aber ein Geräusch von sich, das Tava als tiefes Lachen erkannte.
      "Du hast wirklich die Kathedrale von Marraketh abgebrannt?"
      Die Frage war so fröhlich gestellt, Tava konnte nicht anders als ein bisschen mehr zu lächeln und den Kopf zu heben.
      "Ja. Das ist spiralförmig nach oben gegangen. Ich habe gehört, dass es drei Tage gebrannt haben soll, bis es eingestürzt ist. Da war ich dann aber schon weg."
      Flüchtig sah sie dabei zu Devon, aber der Mann schien ihre zusätzliche Bemerkung zu ignorieren. Gut für sie, sie wollte sich ja schließlich ändern. Keine abfackelnden Kathedralen mehr.
      Obwohl es durchaus ein schönes Feuer gewesen war.
      "Sind die Schmerzen noch erträglich?", fragte Malleus Devon und lenkte damit ihrer aller Aufmerksamkeit wieder auf das Hier und Jetzt. Devon antwortete mit seiner typischen Schroffheit.
      „Ich spiele hier gar nichts. Schon mal auf die Idee gekommen, dass mein Schmerzempfinden ein anderes ist als euers?“
      Nein, darauf waren sie wohl nicht gekommen, aber sein roter, verletzter Arm sah alles andere als bequem aus.
      Die Blicke auf seiner Verletzung spürend seufzte Devon.
      „Wenn es ganz schlimm wäre, würde ich mich gar nicht mehr bewegen oder reden. Oder teilnahmslos wirken. Es ist wirklich nicht toll. Wärme macht es schlimmer, aber richtig übel wird es vermutlich erst morgen sein. Es… stinkt.“
      Tava nickte langsam, dann wurde ihr schlagartig bewusst, dass Malleus ihr aufgetragen hatte, das zu behandeln. Und es war auch ihre Aufgabe, denn sie war schließlich verantwortlich für das alles hier.
      "Ich mach was. Mir fällt bestimmt was ein, ich mach was für dich."
      Wobei das zur Hälfte gelogen war, denn Tava sauste in die Küche, warf zuerst die Decke ab, zog sich dann ihre alten Klamotten wieder an und sammelte auf dem Esstisch, was sie alles an Zutaten dabei hatte. Viel war es nämlich nicht und erst recht nichts, mit dem sich Brandwunden behandeln ließ, geschweige denn auf so etwas hindeuten könnte. Tava hatte hier eine Menge Zeug, mit dem sie Flammen erst richtig erhitzen konnte, aber um abzukühlen, das hatte sie nicht.
      Zum Glück waren sie aber in einem Bauernhaus in der wilden Natur. Tava würde ihr eigenes Buch fressen, wenn sie nicht in der Lage sein sollte, in dieser Gegend ein paar Varelio aufzutreiben. Sie schnappte sich ihren Gürtel, schnallte ihn sich um und sprang in ihre Schuhe.
      "Ich bin gleich wieder da!"
      Und dann rannte sie nach draußen.
      In ihrer gehetzten Suche im Gebüsch landete Tava nach geraumer Zeit an einer Straße - eine Straße, die parallel zum Bach verlief, an dem das Haus lag. In ihrer Hand hielt sie bereits ein Dutzend Varelio-Stängel und an ihrem Gürtel waren noch Sloti-Blumen und Hengabeeren befestigt. Sie erblickte die Straße, aber noch ehe sie nahe genug hätte herankommen können, hörte sie es: Das Getrappel von Pferdehufen, mehrere an der Zahl, genug um in ihren Ohren zu einem einzigen Lärm zu verwischen. Von einer plötzlichen Wachsamkeit ergriffen drehte Tava um und schlich auf Zehenspitzen zurück durch das Unterholz, hielt sich mit ihren Hörnern aufrecht. Erst, als sie in sicherer Distanz war, drehte sie sich um.
      Es war eine Patrouille aus Touvanen, die auf der Straße vorbeiritt. Sechs berittene Soldaten und sie waren langsam genug, um im Vorbeiziehen die Köpfe in alle Richtungen zu schwenken. Tava duckte sich noch tiefer und schlich dann langsam rückwärts. So weit draußen hatte sie mit Touvanens Leuten nicht gerechnet, aber der Stadtherr musste sich von Devons Ausbruch tief genug in seiner Würde verletzt fühlen, um ihnen selbst bis hier draußen noch seine Männer nachzuschicken. Tava befand, dass es eine bessere Idee war, genau jetzt heimzugehen und nicht mehr weiterzusuchen. Sie sollten wohl alle nicht länger bleiben als unbedingt nötig war.

      Wieder in der Küche mischte sie zusammen, was sie konnte, und musste dabei zugeben, dass es keine besonders vielversprechende Mischung war. Aber es sollte kühlen und als sie das ganze mit Herit untermalte, befand sie, dass es für den Moment ausreichend war. Mit ihrer Salbe bewaffnet, kam sie zurück ins Wohnzimmer, wo Devon sich noch immer am Feuer wärmte.
      "Ich habe Soldaten von Touvanen gesehen", sagte sie so beiläufig, wie es nur ging, und setzte sich an seine Seite. Devon ließ sie seinen Arm eintupfen, obwohl er ganz offensichtlich kein großer Fürsprecher davon war.
      "Wir sollten, ähm, nicht zu lange hier bleiben, schätze ich mal."
    • Malleus sah Tava nach bis sie zur Tür hinaus verschwunden war. Natürlich hatte sie Recht. Ein offizielles Siegel der Alchimisten konnte Türen öffnen, die für andere fest verschlossen blieben. Sicherlich ließ sich einiges mit den richtigen Argumenten regeln, wobei Malleus diese Bezeichnung großzügig verwendete. Was er eigentlich meinte, aber hübsch verpackte, waren Erpressung und Bestechung. Jeder besaß einen Druckpunkt, der mit dem richtigen Hebel nachgab. Leider stieß auch Malleus‘ Einfluss irgendwann auf Grenzen. Nicht in jeder Stadt oder Provinz lebten Sympathisanten, die für ein wenig Zuwendung der Signa Ignius Tür und Tor öffneten und so lange niemand wusste, welche Folgen seine Begegnung mit Rykard hatte, war es vermutlich klüger sich bedeckt zu halten.


      Ein Geklapper aus der Küche ließ Malleus die Augen aufschlagen. Am Fuß der kleinen Stiege im Erdgeschoss des Bauernhauses hörte er flinke Schritte und das dezente Klirren von Glas. Tava musste zurück sein und hantierte nun mit Phiolen und Tiegeln herum. Schwerfällig setzte Malleus sich im Bett auf und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Er hatte sich zurückgezogen nachdem die Cervidia sich auf die Suche nach den benötigten Heilpflanzen gemacht hatte. Die Ruhe hatte er bitter nötig gehabt. Als er die Beine aus dem Bett schwang und langsam aufstand, erinnerte ihn seine Rippen daran, dass er noch wesentlich mehr Ruhe brauchte. Vielleicht konnte ihm Tava aus den verbliebenen Zutaten etwas zusammenmischen. Das Stechen war mittlerweile so penetrant, dass er auch auf die Tropfen zurückgreifen würde, die Devon und ihm einen friedlichen Schlaf in der Ruine der alten Mühle beschert hatte obwohl er für gewöhnlich alles tunlichst mied, was die Sinne trübte.
      Die Stufen knarzten unter seinen nackten Füßen, als er die Treppenstufen hinab steig. Am Ende angekommen, fiel sein Blick sofort auf Devon und Tava, die zusammen vor dem Feuer saßen. Von seinem Standpunkt aus konnte er zwar nichts riechen, aber der Gesichtsausdruck des Lacerta sprach Bände. Welche Mixtur Tava ihm auch auf den Arm tupfte, musste einen ziemlich strengen Geruch haben – zumindest für Devons feine Nase.
      "Ich habe Soldaten von Touvanen gesehen", ließ Tava ihre Begleiter wissen. "Wir sollten, ähm, nicht zu lange hierbleiben, schätze ich mal."
      Malleus zog skeptisch die Augenbrauen hoch.
      Die Aussicht sich in kürzester Zeit wieder auf den Rücken eines Pferdes zu schwingen, bereitete ihm allein als Gedanke schon neue Schmerzen.
      „Soldaten? Hier?“, hakte er nach und beobachtete wie Tava nickte. Nachdenklich rieb er sich über das stoppelige Kinn. „So weit weg von Touvanen hatte ich nicht mit Patrouillen gerechnet. Das ist ein Problem, aber so lange wir uns ruhig verhalten, sollten unsere Anwesenheit hier keinen Verdacht erregen. Ich werde die Pferde gleich im Stall verstecken…“
      Während er sich näherte, wanderten seine Fingerspitzen beiläufig über das spärlich bestückte Regal und die wenigen Buchrücken darin. Mit einem seichten Klopfen tanzen sie über die schmucklosen Einbände, bis er scheinbar eines davon willkürlich hervorzog. Er schlug es auf, pustete den Staub von den Seiten und blätterte darin mit zusammengezogenen Augenbrauen. Unter seinen halbgesenkten Augenlidern glitt sein Blick über Devons nackten Rücken, über die nun endgültig ruinierten Kleidungsstücke, die unverändert am Boden verstreut waren und…zurück zu Devons geschuppten Rücken und den ausgeprägten Schulterblättern. Malleus stieß ein Seufzen aus und klappte das Buch mit einer Hand zu. Staub wirbelte erneut durch die Luft.
      „So sehr ich eine gute Aussicht auch genieße, aber wir brauchen dringend neue Kleidung für Devon. Ich bezweifle, dass du nackt auf einem Pferd reisen möchtest“, sagte Malleus. Ein schiefes Lächeln zupfte an seinen Mundwinkel, das er in Gegenwart von Devon und Tava nicht länger verstecken musste. Es hellte seine Mimik auf und erweichte fast die ständig angespannten Gesichtszüge. Fast. Er deutete mit einem flüchtigen Blick auf die angestaubten Vorhänge vor den Fenstern. „Ich bin ein Mann mit vielen Talenten, aber Nähen ist keines davon.“
      Noch etwas steif vom Liegen ließ sich Malleus in den Sessel am Kamin sinken, das Buch in seinem Schoß gebettet. Mit dem Zeigefinger tippte er auf den Buchdeckel.
      „Die Bewohner dieses Hofes haben Tauschhandel betrieben. Das heißt, es muss zumindest ein Dorf in der Nähe geben. Touvanen schließe ich als Möglichkeit aus. Der Hof ist zu klein und wird selbst mit der besten Ernte nicht genug abgeworfen haben, um den Weg auf sich zu nehmen. Wir brauchen Proviant und neue Kleidung, am besten gleich für alle von uns. Ich habe genug aus meinen persönlichen Vermögen mitgenommen, um solche Ausgaben zu decken, aber…“
      Vorsichtig lehnte sich Malleus vor, stützte die Ellbogen auf den Knien ab und das Kinn auf seinen gefalteten Händen.
      „…wir alle sind nicht gerade unauffällig. Vor allem nicht als Gruppe. Mit der richtigen Aufmachung gehe ich am Ehesten als Bauer durch. Ein Lacerta und eine Cervidia sind zu auffällig. Gerüchte verbreiten sich schnell, mittlerweile wird sich die Nachricht über das Chaos in Touvanen bereits weit genug verbreitet haben."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Beide Männer hatten Tava hinterher gesehen, als sie sich aus dem Staub gemacht hatte, um ihren Worten Taten folgen zu lassen. Ein Augenblick der Stille machte sich zwischen ihnen breit, unterbrochen vom Knistern des Feuers. Schließlich warf Devon Malleus einen eindringlichen Blick zu. Der Mann sollte sich wieder ins Schlafzimmer verziehen, wo er sich weiter erholen konnte. Nachdem publik geworden war, dass Malleus‘ Rippen noch immer angeknackst waren, ließ der Lacerta hier keinen Diskussionsspielraum mehr zu. Er hörte erst auf zu starren, als sich der andere Mann in Bewegung setzte und dem eindringlichen Rat des Jägers nachkam.
      Als Tava zurückkam, saß Devon noch immer am Feuer. Er hatte seine Beinkleider ausgebreitet und ausgewrungen, damit das Wasser aus dem Fluss verdampfen konnte. Das Feuer strahlte angenehm warm auf seinen Rücken, nachdem er sich so positioniert hatte, dass sein Arm und seine Brust möglichst wenig betroffen waren. Mit geschlossenen Augen lauschte er dem Klimpern in der Küche, wo Tava ihr Zauberhandwerk vollführte. Irgendwann war sie fertig und kam zu Devon, der daraufhin seine Augen öffnete.
      „Ich habe Soldaten in Touvanen gesehen“, sagte sie und Devon versteifte sich unweigerlich. Tava setzte sich zu ihm und fing an, seinen Arm zu betupfen. Doch der Jäger starrte sie einfach nur an. „Wir sollten, ähm, nicht zu lange hier bleiben, schätze ich mal.“
      Tiefe Falten erschienen zwischen Devons Augenbrauen. Teilweise, weil die Tinktur bestialisch stank, teilweise wegen der Brisanz dieser Information. Wenn sich die Soldaten schon hierher verirrt hatten, dann ließ dieser Rykard nach ihnen im großen Stil fahnden. Wieso saßen sie dann noch hier und waren nicht schon längst im Wald verschwunden?! „Wie weit weg?“
      Das Knarzen von Treppenstufen erregte seine Aufmerksamkeit. Malleus hatte sich aus dem Bett geschält und hatte wohl gerade noch die Ausläufer von Tavas Information mitbekommen. Dass auch er nicht erwartet hatte, hier so schnell auf Soldaten zu treffen, ließ die Falten zu Furchen werden.
      „Das ist ein Problem, aber so lange wir uns ruhig verhalten, sollte unsere Anwesenheit hier keinen Verdacht erregen. Ich werde die Pferde gleich im Stall verstecken…“, sagte Malleus nach einer nachdenklichen Pause, aber Devon stimmte ihm nicht zu.
      „Wenn Soldaten patrouillieren werden sie nicht auf den Straßen bleiben. Sie werden auch abgelegenere Orte absuchen, weil wir wohl kaum auf offener Straße bleiben. Wir sollten direkt alles mitnehmen und weiterziehen.“ Alles andere würde ihm vorerst keine Ruhe lassen. Fast schon paranoid reckte er den Kopf in der Annahme, leises Getrappel von Hufen hören zu können. In diesem Zustand wäre er gegen ein paar Soldaten vielleicht noch hilfreich, gegen ausgebildete Kreuzritter hätte er vermutlich weniger Chancen. Devon war schon drauf und dran, Tava beiseite zu wischen und aufzustehen, da spürte er Blicke in seinem Rücken. Außerdem herrschte Tava ihn an, weil sie noch nicht fertig war. Zähneknirschend setzte er sich wieder richtig und ließ die Alchemistin weiter seinen Arm einreiben. Dann hörte er sich eben an, was Malleus in seinem Köpfchen so plagte.
      „In Touvanen wird man auch nicht alles kaufen können. Es gibt eine weitere Siedlung, die damals wie ein Umschlagplatz fungiert hat. Da würdest du mehr Erfolg haben. Ohne uns.“ Ihm gefiel jedoch die Vorstellung nicht, einen angeknacksten Malleus mit schweren Säcken loszuschicken. Sie hatten weder Karren noch konnte man auf Pferderücken viel transportieren. Es würde wohl nur das Nötigste werden. „Du müsstest allein gehen. Bald. So schnell wie möglich. Ich glaube Tavas Sichtung, traue aber nicht den Soldaten. Die kennen die Umgebung. Vielleicht auch dieses Gehöft und zählen Eins und Eins zusammen.“
    • Mit einer hochgezogenen Augenbraue und ein wenig zu amüsiert für die Gefahr, die sich bedrohlich ihrer Türschwelle näherte, sah Malleus den sichtlich beunruhigten Devon an. Mischte sich da etwa ein Anflug von Besorgnis in die Gesichtsausdruck des Lacerta? Es juckte ihn in den Fingern, aber er ließ davon ab, Devon dafür ein wenig aufzuziehen. Der Jäger sah nicht danach aus, als wäre er zu Scherzen aufgelegt. Geduldig blieb Malleus sitzen bis Devon ihre Optionen für sich abgewogen hatte. Am Ende musste er dem Kultisten doch Recht geben, was nicht bedeutete, dass es ihm auch gefiel. Malleus nickte, stemmte die Hände auf seine Knie und erhob sich langsam. Der kleine Ausflug in die nächstgelegene Siedlung duldete keinen weiteren Aufschub. Da stimmte er Devon zu. Sie waren gerade erst an einem Stück ihren Häschern entkommen. Malleus hatte nicht vor, sie alle in kürzester Zeit in einer Zelle zu sehen. Getrennt. Nach Allem, was sie in Touvanen angestellt hatte, würde kein vernunftbegabter Mensch das Trio zusammen lassen.
      "Am Besten mache ich mich sofort auf den Weg. Wenn du mir die ungefähre Richtung zur Siedlung nennst, erspart mir das die lange Sucherei", sagte Malleus und hörte aufmerksam zu, während Devon seine Erinnerung an die Siedlung mit ihnen teilte. "Wollen wir hoffen, dass sich in den Jahren nicht allzu viel verändert hat."

      Malleus hatte eines der Pferde genommen. Mehr tragen konnte er deswegen nicht, aber es würde die Reise beschleunigen. Der Weg, dem nach Devons Beschreibung verfolgte, blieb erstaunlich ruhig. Lediglich zweimal kam ihm ein Ochsengespann entgegen. Die schweren Karren waren beladen mit Heu und Getreidesäcken, zweifellos für das Vieh im heimischen Stall oder die neu errichtete Mühle, die er vor knapp einer Stunde passiert hatte. Die Gegend wirkte überwiegend friedlich bis auf einen Schwarm von Krähen, der durch etwas im Feld aufgeschreckt wurde. Vermutlich ein Fuchs oder ein anderer Räuber, dachte Malleus. Jedenfalls gab es nicht, dass ihn über Gebühr beunruhigte.
      Die Siedlung war in der tat kleiner als erwartet. Eine beschauliche Ansammlung von Häusern, die schon einmal bessere Tage gesehen hatten aber dennoch liebevoll gepflegt wurden. Die Bewohner hier lebten von den Reisenden und dem umliegenden Bauern sowie Viehzüchtern. Es war eine bescheidene aber belebte Siedlung. An einem windschiefen Zaun in Höhe eines Gemischtwarenhändlers stieg Malleus aus dem Sattel. Die Erschütterung, als er am Boden aufkam, zuckte unangenehm durch seine Rippen. Die Leute um ihn herum grüßten den Neuankömmling mit einem Nicken, einem flüchtigen Lächeln oder tippten sich an die Hutkrempe. Sie waren Reisende gewöhnt und ein neues Gesicht war kaum etwas besonderes. Vor allem, da der Mann mit dem dunklen Teint gekleidet war, wie sie alle: Schlicht und zweckmäßig. Malleus hatte die seidigen, schwarzen Stoffe und weiches Leder gegen raues Leinen getauscht. Das Hemd, das vor langer Zeit einmal weiß gewesen war, hatte jetzt einen dreckigen Beigeton. Er hatte es in der Truhe im Schlafzimmer gefunden. Die Hose aus grobem, gegerbten Leder, vermutlich Wild, war etwas steif und ihm mindestens ein paar Zentimeter zu groß. Zumindest um die Hüften. Malleus würde sogar behaupten, dass er während ihrer Reise an Gewicht verloren hatte. Es war kein Wunder, wenn der Luxus und die Bequemlichkeit einer Stadtresidenz fehlten.
      Als erstes verschwand Malleus in dem kleinen Gemischtwarenladen. Die Auswahl war dürftig und bestand lediglich aus dem absolut Lebensnotwendigem. Getrocknetes Fleisch, Trockenobst, Graubrot, ein paar Kräuter und Zündschnüre für Tavas Vorrat und ein kleines Fläschchen Waffenöl für ihre Klingen - falls die Malachitklinge eine Pflege dieser Art überhaupt nötig hatte. Gerade Zündschnüre und Waffenöl waren ein kleiner Luxus. Die Dinge waren praktisch veranlagt und nicht die Art von Geschenk, die Malleus gewöhnlich auswählen würde, aber die Auswahl war begrenzt und für ihr Vorhaben waren diese Dinge sicherlich wertvoller als Schmuck und Geschmeide.
      Sein zweites Ziel war das Geschäft eines Schneiders, der augenscheinlich seinen Tagesverdienst mit Flickarbeiten einnahm. Malleus rümpfte die Nase über die groben Stoffen unterbreitete dem alten Mann mit dem kurzen Ziegenbart aber ein Angebot, dass er nicht ablehnen konnte und wofür er die nächsten Stunden seine Ladentür schloss. Das Misstrauen war mit einer großzügigen Gabe an Münzen schnell vergessen. Es kam so gut nie vor, dass ein Fremder gleich mehrere Stücke in verschiedenen Ausführungen auswählte, darunter auch für eine Frau und alles auf Maß anpassen ließ. Frau und Töchter des Schneiders packten mit an um alles in kürzester Zeit zu erledigen. Das Klimpern von Malleus' Münzbeutel spornte sie wohl genügend an.
      Der Tag neigte sich bereits dem Ende zu, als Malleus alle verschnürten Bündel so gut es ging am Sattel befestigte.
      "Schlimm, sag ich dir! Der Himmel hat gebrannt!"
      Unauffällig schielte Malleus unter der Krempe seines Hutes, die kaum die üppige Haarmähne fassen konnte, hervor.
      "Touvanen ist ein einziges Chaos. Ich hab gehört sie verlangen jetzt Passierscheine für die Haupttore. Ganze Händlerkarawanen lagern vor der Stadt und kommen nicht hinein."
      Zwei Frauen unterhielten sich angeregt mit vollen Weidenkörben vor dem Gemischtwarenladen.
      "Sie richten überall auf den Straßen Kontrollen ein. Es wimmert von Soldaten und, du wirst es nicht glauben, Ordensrittern!"
      "Nein!"
      "Doch, wenn ich es dir doch sage!"
      Das war nicht gut.
      Gar nicht gut.
      Malleus' Gedanken rasten.
      Sie würden die Hauptwege umgehen müssen. Durch die Wälder vielleicht, ohne Pferde.
      Darüber mussten sie beratschlagen.
      "Wenn es stimmt, was man sich erzählt, ist den Wachen eine echte Bestie entkommen. Mehrere Soldaten soll er getötet haben."
      "Feuer soll er gespuckt haben!"
      "Das war eine Explosion, Kind", schaltete sich jetzt der Händler ein.
      "Was weißt du schon, alter Mann! Wenn ich es dir doch sage! Das ganze Haupthaus soll dieses Monster abgefackelt haben."
      Interessant.
      Hier am äußersten Rand der Gerüchteküche wurde aus dem Trio ein einziges Ungetüm.
      Rasend vor Wut, herzlos gegenüber den Opfern und mit Feuer als Verbündetem.
      Es war das erste Mal, dass Malleus sich fragte, wie weit er gehen würde, um zu halten, was er durch Tava und Devon gewonnen hatte.
      Er dachte an die eingeschlossenen Menschen im Feuer, die Toten, den verbrannten Hauptmann, das Blut auf den Straßen von Touvanen und fragte sich, wie weit sie alle gehen würden um es nicht zu verlieren.
      Ohne einen Blick zurück trieb Malleus das Pferd aus der Stadt.
      Die Dämmerung neigte sich schon fast dem Ende, als er das Bauernhaus erreichte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nachdem Malleus von seiner Tour zurückgekehrt war, sichteten sie zu Dritt seine Ausbeute. Devon kategorisierte sofort die erworbenen Güter ein und gab eine grobe Zahl an Tagen durch, die sie mit dem Proviant wohl überstehen dürften. Wasser füllten sie sich aus dem nahegelegenen Bach ab, das sie vorher abgekocht hatten. Besonders dankbar war er jedoch für das Hemd, das überraschend gut passte. Nach einem flüchtigen Blick zu Malleus hinterfragte der Lacerta es jedoch nicht mehr. Zu gut erinnerte er sich an das kleine, unauffällige Notizbuch, das der Kultist stets mit sich führte. Darin waren Zeichnungen von Lebewesen oder Dingen, die er nur ein einziges Mal gesehen haben durfte und trotzdem erstaunlich gut getroffen hatte. Nachdem sie alle genug Zeit gehabt hatten, die Körper des jeweils anderen zu inspizieren, wunderte es ihn nicht mehr, dass Malleus genau die rechten Größen getroffen hatte. Für Devon war es eine echte Wohltat, endlich nicht mehr in Fetzen oder blutverschmierten Lumpen herumwandern zu müssen. Die Dankbarkeit darüber zeigte er mit einem wohlwollenden Nicken gen Kultist, der diesen Wink auch ohne Worte verstand.

      Nicht viel länger hielt es Devon an ihrem lauschigen Versteck. Seit der Nachricht, dass Tava Soldaten hat patrouillieren sehen, fand der Lacerta keine Ruhe mehr. Jedes ungewohnte Geräusch ließ ihn hellhörig werden, immer häufiger sah er aus den Fenstern oder hielt sich nahe den Bäumen auf, um etwaige Soldaten früh genug herannahen zu sehen. Schließlich trieb er Malleus und Tava dazu an, ihre Sachen zu packen und mit den Pferden weiterzureisen. Zunächst wollte er ohne sie gehen, aber dann hatten sie ihn bereits abgefangen mit gesattelten Pferden und seine Einwände erstickt. Malleus wollte er dabei stetig auf einem Pferd sehen, Tava ließ sich weniger leicht lenken. Sie bestand darauf, immer wieder mit Devon zu tauschen, der zwar schon sichtlich besser aussah, aber in ihrem Verständnis noch lange nicht fit war. Er selbst sah und vor allem spürte das anders, sagte dazu aber nichts. Solange sie hier fortkamen, war ihm die Diskussion egal.

      Ihre Reise führte die Gruppe weiter in den Süden. Das Klima begann sich zunehmend zu verändern, aus den teilweise trockenen und gemäßigten Breiten wurde zunehmen ein subtropisches Klima. Bald wurde die Luft schwüler und warme Regenschauer setzten ein, die ihnen die Kleider an die Leiber klebten. Die Vegetation nahm langsam neue Ausmaße an mit üppigen Böschungen, Bäumen und vereinzelten Farnen. Noch waren sie nicht im Tropenwald angekommen, er würde allerdings bald in Sichtweite kommen. Je weiter sie in den Süden reisten, umso karger wurde Devon. Das Gewicht in seinem Rucksack wurde mit jedem Schritt schwerer, der ihn zurück in seine Heimat führte. Noch hatte sich das Thema mit dem Verbleib von Malleus und Tava nicht geklärt. Vor dieser Diskussion konnte sich der Lacerta dieses Mal nicht flüchten.
      Schließlich befand Devon ihre Nähe zum Tropenwald als nah genug, um die Gruppe zum Aufschlagen des Lagers zu bewegen. Wege gab es hier schon längst keine mehr, weshalb sie einfach an einer der wohl letzten Lichtungen ihr Lager aufschlagen konnte. Er riet den Beiden, die Nachtlager nah den Bäumen aufzuschlagen, um vom Regen nicht komplett durchnässt zu werden. Außerdem zeigte er Tava, wie er aus den umliegenden Blättern der Kropakbäume ein Dach bilden konnte, damit das darunter liegende Feuer nicht vom Regen gelöscht wurde. Malleus wurde dazu verdammt, auf die Pferde aufzupassen. Körperliche Arbeit wurde ihm strengstens untersagt.
      Am späten Nachmittag waren sie mit den Vorbereitungen soweit fertig, dass Devon zufrieden war. Zwar knackte es überall und kleine Tiere huschten durchs Unterholz, aber der Lacerta wirkte nicht mehr so stark alarmiert wie noch in den Bauernhäusern. Er erklärte es damit, dass er sich hier bestens auskannte und nur völlige Idioten sich so nahe an den Waldrand herantrauten. Die Gerüchte, dass sich ein Dorf der Lacerta dort hielt, waren hartnäckig. Berichte über die wenigen Überlebenden von Angriffen waren alle einschlägig gewesen und wenn es kein Lacerta gewesen war, dann hatte einer der zahllosen Drachen, die zwischen den Bäumen hausten, ihnen ein Ende bereitet.
      Malleus saß am Feuer, betraut mit der Aufgabe, es am Brennen zu halten, während Tava heimische Kräuter inspizierte, die Devon ihr herangetragen und deren Wirkung, soweit er sie denn kannte, erklärt hatte. Die wichtigen Utensilien, die er mit ins Dorf nehmen würde, hatte er bereits bei Seite gelegt. Ob er in dieser Nacht schon ginge oder erst am Folgetag hatte für ihn keine Bewandtnis. Es grauste ihn ohnehin schon davor, zurückzukehren. Aber zunächst galt es andere Dinge zu klären.
      „Hier ist die absolute Grenze für euch beiden erreicht. Wenn ich den Tropenwald betrete, folgt ihr mir nicht. Da gibt es so viele Drachen, vor denen ich euch nicht auch noch schützen kann. Selbst wenn ich es wollte. Und wenn es nicht die Drachen sind, dann womöglich meine Leute. Sie sind auf mich nicht besonders gut zu sprechen und auf Menschen leider gar nicht. Wenn ich ihnen Escholon bringe und berichte, was passiert ist, wird der Stamm erzürnt sein.“
      Devons Miene war todesernst. Er würde nicht akzeptieren, dass sie ihm folgten.
      „Wie gesagt. Wartet nach meinem Aufbruch gerne zwei, drei Tage. Aber wenn ich dann nicht wieder hier sein sollte, zieht weiter. Betretet nicht den Wald. Das ist euer Todesurteil. Ich verspreche, dass ich euch aus freien Stücken nicht verlassen werde. Ich versuche alles in meiner Macht Stehende, um wieder zurückzukehren. Aber ich kann nichts anderes versprechen. Der Stamm der Lacerta ist unerbittlich – selbst den eigenen Leuten gegenüber.“
      Erst recht ihm gegenüber. Weder Tava noch Malleus kannten die Geschichte, weshalb er vom Stamm ausgeschlossen wurde. Wieso er einige seiner Geschichten gestrichen hatte. Alles, was hinter der Linie aus dicken Baumstämmen und dichten Farnen lag, war Neuland für den Menschen und die Cervidia. Nichts davon war etwas, das Devon gewillt war, die Beiden sehen zu lassen. Dieser Teil seiner Herkunft und Geschichte war blutig und grausam. So völlig anders wie es die Beiden aus ihren Kulturen kannten.
      Bei diesen Gedanken musste Devon einen schweren Seufzer ausstoßen. „Ich will nicht für euren Tod verantwortlich sein. Nicht, wenn ich ihn verhindern kann, aber das geht nur, wenn ihr mir nicht folgt. Versteht ihr das?“, fragte er sanfter und suchte zunächst Tavas und anschließend Malleus‘ Blick auf.
    • Malleus hüllte sich in Stille. Beinahe andächtig lauschte er dem Regen der sanft auf die Kropakblätter prasselte. Er erinnerte sich nicht daran, wann er sich das letzte Mal die Zeit genommen hatte, der Melodie der Wildnis zu lauschen. Am Ziel ihres Weges, hier, am Rand des Dschungels zog ihn das Lied des Regens in seinen Bann. Es ließ ihn vergessen, wie die klammer Kleidung unangenehm an seiner Haut klebte und es ihn trotz der schwülen Temperaturen im Angesicht der Dämmerung fröstelte. Malleus sog die Stimmung auf und auf seinem Gesicht ruhte ein Ausdruck, der gleichzeitig ernst und überraschend entspannt wirkte obgleich eine Trennung drohte - Eine Trennung auf Zeit, wenn das Glück auf ihrer Seite war.
      Träge glitt sein Blick zu Devon, der die Stille brach. Malleus blieb vollkommen ruhig während der Lacerta seine Gefährten vor vollendete Tatsachen stellte. Ein sanftes Zucken umspielte seine Mundwinkel, doch das Lächeln schaffte es nie ans Tageslicht. Er nahm Devon ernst und wollte dessen Sorge nicht untergraben. Der Moment war sehr zerbrechlich. Er verstand, was Devon ihnen sagte, aber das bedeutete nicht, dass er die Worte als endgültig akzeptierte. Der Jäger wollte nicht gehen, wollte sie nicht verlassen, aber er konnte die Last auf seinem Rücken nicht ewig schultern. Malleus nickte bedächtig. Er verstand und bei allem Egoismus hätte er diesen Preis nie von Devon verlangt, nur um zu behalten was sie sich mit Blut, Schweiß und Tränen erkämpft hatten. Wofür sie durch Feuer gegangen waren. Buchstäblich.
      "Drei Tage", bestätigte Malleus. Beschwichtigend und ohne den Blick von Devon zu nehmen, suchte er Tavas Hand. "Wenn du in drei Tagen nicht zurück bist, werden wir dir folgen. Wir haben dich nicht aus Touvanen befreit um dich jetzt an den Dschungel zu verlieren."
      Behutsam führte er Tavas Hand zu seinen Lippen um einen zarten Kuss gegen ihre Fingerspitzen zu hauchen. Die Berührung war zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Sie würden warten. Drei Tage. So viel konnte er Devon zugestehen und Tava abverlangen. Malleus gab die Cervidia frei und stemmte die Hände in die Knie, als er sich vom Feuer erhob. Gebückt schlich er unter dem niedrigen Blätterdach um das Feuer herum. Sein Blick fixierte den Beginn des tieferen Dschungels und die Schatten zwischen den von Schlingpflanzen umwundenen Bäumen, die sich in der abendlichen Dämmerung auftaten wie schwarze und seelenlose Schlunde.
      Vorsichtig und um die heilenden Rippenbrüche bemüht, ließ sich Malleus wieder ins feuchte Gras sinken. Die Augen auf den Dschungel gerichtet und mit dem Rücken zu Devon. Ganz langsam lehnte sich der Kultist zurück bis er die seichte Wärme und die angespannten Muskeln des Lacertas in seinem Rücken spürte.
      "Wunderschön, nicht wahr?", sprach er leise während Regentropfen von den Blättern perlte und sein Blick über das feuchte, sattgrüne Blattwerk des Dschungels wanderte. Das Licht der untergehenden Sonne brach sich im Regen auf den Blättern und ließ es aussehen als stünden sie in Flammen. "Wild, rau und ungezähmt. Tödlich und schön zur gleichen Zeit. Unberührt von der Gier und der Dummheit der Menschen."
      Malleus verlagerte behutsam sein Gewicht, ließ sich noch ein wenig tiefer gegen den breiten Rücken des Lacerta sinken. Die wenige Wärme, die Devon ausstrahlte, sickerte durch die feuchte Kleidung in die vernarbte Haut, die sich über seinen Rücken spannte. Er suchte nicht nach Streit, nach keiner hitzigen Diskussion über das Für und Wider. Nicht jetzt.
      "Ich habe auf dem Weg viel nachgedacht", gestand er, die Stimme stets ruhig und besonnen als wollte er das Lied des Regens nicht stören. "Ich habe mich gefragt, wenn alles getan ist und nichts mehr übrig ist, ob ich zurückgehe. Zu dem kleinen, verlassenen Hof im Nirgendwo und meine restlichen Tage in Frieden verbringe bis das Ende aller Tage eintritt. Bis mein Schicksal und alles, woran ich glaube sich erfüllt und die Welt in Feuer endet."
      Er lauschte in die Stille und schloss die Augen.
      Das Bild, das Malleus ohne Papier und Kohle malte, war noch nicht vollständig, aber er hatte jede einzelne Linie vor Augen.
      Drei Tage.
      "Wenn das hier meine letzte Chance ist, möchte ich dir eine Frage stellen, Devon. Es lässt mich seit Oratis nicht los. Damals habe ich dir eine Frage gestellt. Du hast sie mir nie beantwortet", fuhr Malleus fort. So bedeutungsschwanger die Worte seine Frage ankündigten, so leicht war doch Malleus' Tonfall. Tava und Devon konnten es nicht sehen, aber sie mussten das Lächeln in seinen Worten hören. Er ließ das Schweigen noch einen Augenblick lang für dich wirken.
      "Ich habe dich damals in Oratis gefragt, ob du mich küssen willst. Erinnerst du dich? Ich habe deine Blicke bemerkt. Jedes Mal, wenn ich Tava küsste. Du siehst hin, aber du hast es nie versucht."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Je weiter sie in den Süden kamen, desto mehr änderte sich die Stimmung und das Klima. Devon wurde zunehmend schweigsamer und Tava entdeckte in den zunehmend feuchten Gebieten Pflanzen, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Ihre Begeisterung stand im direkten Kontrast zu der steinernen Miene des Lacerta, der sich sichtlich Mühe gab, nicht über die baldige Ankunft in Tel'Aquera nachzudenken. Wo Devon scheiterte, war Tava schon mehr erfolgreich. An manchen Tagen dachte sie schon drei Stunden lang am Stück nicht über Feuer nach oder ihren Ring, den der Lacerta noch immer hatte.
      Als sie ihr Lager nahe der größer werdenden Bäume aufschlugen, konnte Tava sich mit aller Begeisterung ihren kleinen Experimenten widmen, die sie mit den ganzen Pflanzen und Kräutern veranstaltete, welche sie auf dem Weg hierher aufgesammelt hatte. Leise summend zerlegte sie Stängel, Blätter und Blüten in ihre Einzelteile, tauchte sie in präparierte Phiolen, ließ diverse Flüssigkeiten auf sie tropfen, verätzte sie und verbrannte sie und vergiftete sie und schrieb sich alles in ihr Buch. Es war eine Arbeit, die sie schon lange nicht mehr getan hatte. In solchen Momenten merkte sie, wie sehr sie sie vermisst hatte.

      Malleus war mit den Pferden fertig und hatte sich zu ihnen gesetzt, als Devon die Stimme hob.
      „Hier ist die absolute Grenze für euch beiden erreicht. Wenn ich den Tropenwald betrete, folgt ihr mir nicht."
      Tava sah auf um mitzuerleben, wie Devon endlich wieder über sein Schweigen hinwegkam. Dabei legte sich ganz natürlich der erste Widerspruch auf ihre Lippen. Devon alleine gehen lassen? Nie und nimmer.
      „Wie gesagt. Wartet nach meinem Aufbruch gerne zwei, drei Tage. Aber wenn ich dann nicht wieder hier sein sollte, zieht weiter. Ich will nicht für euren Tod verantwortlich sein."
      Alle Gründe sprachen dagegen: Sie hatten bisher immer alles zusammen getan, Malleus und Tava konnten gut auf sich selbst aufpassen, Devon brauchte ganz sicher Unterstützung um Escholon zu übergeben, sie würden ihn nach Touvanen nicht wieder allein lassen. Nur ein Grund sprach dafür und das waren die Drachen, oder eher die anderen Lacertas. Ein schlechter Ausgleich, wie Tava fand. Natürlich würden sie ihn nicht -
      "Drei Tage", bestätigte Malleus und Tava riss ihren Kopf zu ihm herum. So schnell hatte er aufgegeben?! Sie hatten es doch nichtmal ausdiskutiert!
      Aber gegen beide Männer würde Tava nicht ankommen und so seufzte sie geschlagen.
      "Drei Tage."
      Wie zur Bestätigung ergriff Malleus ihre Hand und hauchte einen feinen, federleichten Kuss auf ihren Rücken. Ein leichtes Kribbeln breitete sich unter ihrer Haut aus und sie starrte auf seine dunklen Lippen an ihrer blassen Haut. Okay, vielleicht waren drei Tage auch in Ordnung. Drei Tage schienen ihr sehr fair zu sein.
      Malleus stand auf und Tava widmete sich wieder ihren Pflanzen. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass der Mann sich zu Devon setzte und dann hörte sie auch schon seine leise Stimme. Schweigend zupfte sie an den Blättern, während sie etwas lauschte, was sich zu intim anhörte, um von anderen Ohren mitgehört zu werden. Doch als er von einer Frage sprach, wurde auch Tava aufmerksam und hob den Kopf.
      "Ich habe dich damals in Oratis gefragt, ob du mich küssen willst. Erinnerst du dich? Ich habe deine Blicke bemerkt. Jedes Mal, wenn ich Tava küsste. Du siehst hin, aber du hast es nie versucht."
      Ihr Blick begegnete Devons und sie hörte für einen Moment auf, an ihren Pflanzen zu friemeln. Über so etwas hatte sie noch gar nicht nachgedacht, aber jetzt, wo sie es tat, fiel auch ihr auf, dass die beiden Männer sich noch nie geküsst hatten. Nicht vor ihr. Und wenn sie ehrlich war, dann wollte sie die Antwort auf diese Frage genauso sehr wissen wie Malleus. Sacht lächelte sie den Lacerta an, nicht sicher, auf welche Antwort sie genau hoffte.
    • Devon fiel ein Findling vom Herzen, als Malleus so einfach die drei Tage bestätigte. Er hatte ja daraufgesetzt, dass wenigstens der Kultist den Ernst der Lage richtig einzuschätzen vermochte. Die impulsive Tava war da schwieriger zu handeln, sodass er gezwungen war, sie über Malleus unter Kontrolle zu bekommen. Seine Schultern entspannten sich und er wagte es sogar, einen langsamen Atemzug auszustoßen. Allerdings geschah das, BEVOR Malleus weitersprechen konnte. Denn als die restliche Information kam, dass er ihm DOCH folgen würde, war all die Entspannung zunichte gemacht. Devons Mundpartie verhärtete sich.
      Mit knirschenden Zähnen brach Devon den Blickkontakt ab und beschäftigte sich wieder mit den Sachen in seinem Schoß. In ein Gefängnis einzubrechen, das untertage lag, war eine Sache. Sich in einem unbekannten Wald nicht nur Drachen, sondern auch noch Lacertas zu stellen, eine völlig andere. Sie schätzten die Gefahr völlig falsch ein und er hatte nichts, um es ihnen zu verdeutlichen. Seine Art, seine Erscheinung genügte nicht mehr. So in Gedanken versunken reagierte er zunächst nicht auf den Mann, der sich um ihn herum bewegte und in seinem Rücken niedergelassen hatte. Erst, als Malleus‘ Rücken an seinem anstieß, riss es den Lacerta aus den Gedanken. Mit gespitzten Ohren lauschte er auf die Worte in seinem Rücken, die den Dschungel genau so beschrieben, wie er augenscheinlich war. Dabei war er noch so viel schöner gewesen. An den äußeren Rändern wie hier wagten es Dumme immer wieder, Hölzer zu schlagen und Pflanzen zu rauben. Wirklich unverfälscht war der Wald nur im Inneren – dort, wo die Drachen lebten.
      „Ich habe auf dem Weg viel nachgedacht.“
      Ja, Devon auch. Wie er die Beiden am besten dazu bekam, ihm nicht zu folgen. Wie er den Ältesten dazu kriegen konnte, die Haut erst abzugeben und bei der Beisetzung dabei zu sein, bevor man ihm den Kopf abschlug. Ob er sich da wehren sollte und seine Brüder und Schwestern dabei verletzten sollte. Ob sie überhaupt noch seine Brüder und Schwestern waren.
      „… Bis mein Schicksal und alles, woran ich glaube, sich erfüllt und die Welt in Feuer endet“, schloss Malleus seine Gedanken, aber Devon schwieg nur. Für ihn fühlte sich das hier alles erschreckend final an. Er würde sich nicht einfach so den Kopf abschlagen lassen, aber die Chance, wirklich wieder zu gehen, war gering. Sehr gering. Seine Taten damals und die durchgekreuzten Geschichten auf seinem Körper bezeugten, dass er nicht mehr hierhergehörte. Die Strafe für seine Rückkehr war der Tod.
      „Wenn das hier meine letzte Chance ist, möchte ich dir eine Frage stellen, Devon. Es lässt mich seit Oratis nicht los.“
      Devons Blick hob sich abrupt. Er fiel auf die Cervidia ihm gegenüber, die ihn mit ihren großen, neugierigen Augen ansah. Die Pflanzen in und auf ihren Händen schienen vergessen, als sie mit ihrem viel zu feinen Gehör für seinen Geschmack über den leichten Regen hinweg dem zuhörte, was bei Devon nur einen Klumpen in seinem Magen beschwor.
      „Damals habe ich dir eine Frage gestellt. Du hast sie mir nie beantwortet.“
      Und das aus sehr gutem Grund. Da half auch nicht, dass Malleus‘ Stimme leichtfertig klang. Unbeschwert. Fast schon beiläufig. Denn mit jeder verstrichenen Sekunde versteinerte sich das Gesicht des Lacertas weiter. Er hatte nicht mehr über diese Frage nachgedacht. Sie aus seinem Gedächtnis ausradiert. Und erst recht nicht geplant, eine spitzfindige Tava mit einzubeziehen. Früher hätte er dem Kultisten bei seinem Tonfall Spott oder Häme vorgeworfen, doch mittlerweile kannte er seine Nuancen zu gut.
      „Ich habe dich damals in Oratis gefragt, ob du mich küssen willst. Erinnerst du dich?“
      „Hm.“ Devons Augenbrauen zuckten zusammen. Der Kloß wurde noch schwerer, während er beobachtete, wie sich Tavas Miene weiter aufhellte und ihre Augen zu funkeln begannen. Er mochte das nicht. Er fühlte sich wie auf dem Präsentierteller.
      „Ich habe deine Blicke bemerkt. Jedes Mal, wenn ich Tava küsste. Du siehst hin, aber du hast es nie versucht.“
      Dummer Fehler. Deswegen hatte er es nicht so mit längerfristigen Beziehungen. Oder mehrere Personen auf einmal. Vielleicht hatte er sich wirklich gefragt, wie sich Malleus‘ Lippen anfühlten. Wie er schmeckte. Der eigentliche Grund dahinter war wesentlich banaler, roher. Etwas, das weder er noch Tava verstehen würden. Sie beide reagierten auf andere Dinge als er und deshalb erklärte er es nicht. Wollte sich nicht erklären.
      Würde es aber tun müssen.
      Devon verlagerte sein Gewicht und seine Position. Dabei rutschte Malleus an seinem Rücken herum und erinnerte ihn an all die Narben, die zwar verheilt, aber immer noch da waren. Tava hätte er am liebsten angewiesen, woanders hinzusehen. Den Blick zu ihr brach er ab und richtete ihn irgendwo hin in den Wald.
      Als Devon die Stimme hob, war sie kratzig und nicht viel lauter als der Regen, der auf die umliegenden Blätter fiel. „… Ich habe deine Grenzen stärker respektiert als Tava.“
      Das stimmte teilweise und er wusste es selbst. Die Vorstellung, einen anderen Mann zu küssen, zu berühren, gar zu begehren… Unlängst hatte er sich damit abgefunden, dass er so fühlte. Aber was er fühlte und was er offen kommunizierte, waren zwei verschiedene Paar Schuhe. Wäre er noch jünger oder bei seinem Stamm geblieben, dann wäre er als krank denunziert worden.
      „Es ist… uh… nicht üblich“, brachte der Jäger schließlich hervor, wobei seine Finger auf seinem Knie trommelten. „Mit einem… Mann. Als Mann. Es ist schon komisch, wenn man keine andere Lacerta nimmt, aber ein Mann…“
      Devon stieß einen scharfen Atemzug aus ehe er sich mit der Hand durch die feuchten, kurzen Haare fuhr. Seine Augen schienen den Wald nach etwas abzusuchen, streiften dabei immer wieder Tava, die ihn noch immer mit großen Augen ansah. Er rümpfte die Nase. Dann drehte er den Kopf halb ein, damit er nicht mehr primär zu Tava gerichtet sprach.
      „Ich bin… war… eifersüchtig. Weil ich mich ständig zusammenreiße, damit meine Instinkte nicht übernehmen. Und Tava bekommt so leicht alles von dir. Worte. Finger. Lippen. Alles.“
      Zum Glück war es so warm, dass sein Gesicht ohnehin schon Farbe bekommen hatte. Bestimmt war er das schwüle Klima nicht mehr gewohnt. Bestimmt war ihm deswegen so heiß und unruhig zumute. Das musste es sein.
    • Malleus hielt ganz still. Der Moment fühlte sich unendlich zerbrechlich an. Er lauschte der Melodie des Regens, dem Knistern des Feuers und den Atemzügen des Mannes, der nach den richtigen Worten suchte. Eine ganze Weile herrschte Stille unter dem Blätterdach ihres Unterschlupfes. Malleus akzeptierte das Schweigen, das kein Ende nehmen wollte, bis Devon sich letztendlich doch zu einer leisen Antwort durchrang. "...ich habe deine Grenzen stärker respektiert als Tava."
      Ein Kopfnicken, dann ein zustimmendes Brummen tief in Malleus' Brust, als er sich daran erinnerte, dass Devon das Nicken aus seiner Position nicht sehen konnte. Die Worte wärmten ihn auf eine Weise wie es kein Feuer vermochte. Sie sprachen von tiefem Respekt und einem Verständnis, dass er dem schweigsamen Lacerta anfänglich nicht zugetraut hätte. Malleus hatte sich in vielen Punkten geirrt, seit er sich in Celestia ihrer kleinen Gruppe angeschlossen hatte. Was zunächst als Mittel zum Zweck begann, hatte tiefe Wurzeln in Malleus geschlagen.
      Zeit seines Lebens war er kein Mann des Friedens gewesen. Im Gegenteil, die Ruhe hatte ihn, so lange er zurückdenken konnte, nur noch rastloser gemacht. Zufrieden...dieser Zustand hatte für Malleus nicht existiert. Intrigen und Mord hatten ihm seine Machtposition erkauft, Misstrauen sie gesichert und Lügen war seine zweite Muttersprache geworden.
      ...aber sollte Devons Prophezeiung sich bewahrheiten und ihr gemeinsamer Weg im Schatten des Dschungels enden, hatte dieser Malleus keinen Platz in ihrer Mitte und er würde die letzten Stunden nicht mit der Verbitterung trüben, die sein Herz zu einem armseligen, kleinen und schwarzen Klumpen verkrüppelt hatte. Er würde sie nicht mit Zorn und Bedauern vergeuden.
      "Und dafür bin ich dankbar", antwortete Malleus mit gesenkter Stimme. Fließend, als hätte er sein Leben nie etwas anderes getan, passte sich der Kultist der leisen Tonlage an, die kaum mehr war als ein sanftes Flüstern.
      „Es ist… uh… nicht üblich. Mit einem… Mann. Als Mann. Es ist schon komisch, wenn man keine andere Lacerta nimmt, aber ein Mann…“, kämpfte Devon mit den Worten. Es brauchte keine gesteigerte Menschenkenntnis um herauszuhören, mit wie viel Mühe sich der Jäger jeder einzelne Silbe abrang. Malleus senkte leicht das Kinn, als das Gefühl in seiner Brust anschwoll. Es war ein steiniger Weg bis zu diesem Punkt gewesen, an dem sie solche Gespräche führen konnten. Illusionen machte sich der Kultist nicht. Ein wenig holprig würde es immer sein.
      "Mhmh...", brummte Malleus und entspannte sich an Devons Rücken in der Hoffnung, dass sich die Ruhe übertrug. Weder Tava noch der Kultist selbst würden ihn für das Gesagte verurteilen. Er achtete darauf, die Leichtigkeit in seiner Stimme zu halten. "Ja, ich erinnere mich. Du hast dich damals darüber gewundert, dass ich kein Problem damit habe, einem Mann nahe zu sein. Nun ja, so nahe, wie es eben geht."
      Devon stieß einen scharfen Atemzug aus und ganz von allein drehte Malleus den Kopf ein wenig zur Seite. Ein Glück, denn so erhaschte er einen flüchtigen Blick auf einen kleinen Teil von Devons Gesicht. Es hatte etwas Farbe angenommen, was Malleus unkommentiert ließ.
      „Ich bin… war… eifersüchtig. Weil ich mich ständig zusammenreiße, damit meine Instinkte nicht übernehmen. Und Tava bekommt so leicht alles von dir. Worte. Finger. Lippen. Alles.“
      Malleus kippte seinen Kopf nach hinten, bis sein Hinterkopf an der breiten Schulter zur Ruhe kam. Ein Schmunzeln umspielte seine Mundwinkel. Ungesehen blieb der schelmische Ausdruck einer Version von Malleus, die dem Kultisten selbst fremd geworden war. Allein die Bewegung der Muskeln fühlte sich fremd an.
      "Du hättest mich ganz nett darum bitten können, Devon", sagte Malleus. Es rummelte leicht in seiner Brust und die Vibrationen übertrugen sich bis in seinen Rücken. Hätte die Cervidia ihm statt Devon gegenüber gesessen, hätte er sich vermutlich dazu verleiten lassen, ihr zuzuzwinkern. "Tava wäre sicherlich eine gute Lehrmeisterin. Sie ist gut darin, von mir zu bekommen, was sie will."
      Als Malleus weitersprach, war sein Ton wieder ernster, aber nicht weniger sanft. Er war weich und warm und einladend.
      "Ich dachte, ich hätte bereits deutlich gemacht, dass ich mich nicht fürchte. Nicht vor dir. Nicht vor deinen Instinkten. Es gab einen Punkt, an dem ich dir alles gewährt hätte. Ich wäre das Risiko eingegangen. Du hättest mich nur fragen müssen. Ich bin kein Lacerta, Devon. Ich bin ein egoistischer und gieriger Mensch und ich deshalb werde dich nie für etwas verurteilen, das du begehrst."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Du hättest mich ganz nett darum bitten können, Devon“, brummte Malleus amüsiert, denn das verhaltene Lachen rumorte in Devons Rücken und ließ ihn die Augen ein wenig verengen.
      Das hätte er nicht gekonnt. In den Momenten, in denen er auch nur eine Sekunde mit dem Gedanken gespielt hatte, Malleus zu küssen, waren Nettigkeit und Bitten Dinge, die er nicht gekonnt hatte. Er bat nicht, er nahm es sich. Er war nicht nett, er war fordernd und wild. Das war es gewesen, was er schon immer versucht hatte zu kommunizieren. Die Male, die sie drei zusammen mit Intimitäten verbracht hatten, waren für ihn ein Balanceakt gewesen. Es war nach den Vorlieben der anderen gelaufen. Malleus hätte er wesentlich eher und ungestümer angefasst, Tava wäre viel härter von ihm genommen worden. Aber er hatte sich zusammengerissen. Sich an Regeln der anderen gehalten, aus Scham und Sorge gleichermaßen. Tava würde er vermutlich nie gänzlich nach seinen Vorstellungen nehmen können, aber Malleus… Ja, Malleus hatte gänzlich andere Vorlieben im Lacerta berührt und auch gezeigt, dass er es hätte ausprobieren wollen. Zu dumm, dass er nun vermutlich keine Gelegenheit mehr dazu bekommen würde.
      „Ich dachte, ich hätte bereits deutlich gemacht, dass ich mich nicht fürchte. Nicht vor dir. Nicht vor deinen Instinkten.“
      Da war die Bestätigung für seine Gedanken.
      „Es gab einen Punkt, an dem ich dir alles gewährt hätte. Ich wäre das Risiko eingegangen. Du hättest mich nur fragen müssen. Ich bin kein Lacerta, Devon. Ich bin ein egoistischer und gieriger Mensch und ich werde dich deshalb nie für etwas verurteilen, das du begehrst“, schloss Malleus und Devon ballte die Fäuste auf seinen Beinen.
      Es ging teilweise um den Aspekt des Fürchtens. Vielmehr ging es jedoch darum, dass er keinen von beiden verletzen wollte. Wie Malleus schon sagte – er war kein Lacerta und hielt dadurch auch andere Dinge aus. Trotz dieses Wissens fühlte sich der Jäger zerworfen in seinem Denken und seinen Gefühlen. Das, was er für Tava und Malleus empfand, war keine Liebe. Er kannte das Gefühl nicht einmal. Für ihn war es wichtig, dass ihnen nichts zustieß. Also sorgte er sich ja um sie. Er trieb es gern mit ihnen, aber machte das allein schon Liebe aus? Konnte man überhaupt mehr als eine andere Person lieben?
      „Nur weil du etwas gewährst, heißt das nicht, dass du es nachher nicht bereust“, raunte Devon und warf einen vielsagenden Blick zu Tava hinüber. Lange Zeit war er sich sicher, dass sie es bereut hatte, von ihm bestiegen worden zu sein. Noch viel länger hatte er die Meinung vertreten, dass sie ihn einfach nur als Bespaßung nutzte und nichts weiter. Das hatte sich spätestens seit Touvanen geändert, aber dadurch schwand der Zweifel nicht so schnell, wie er sollte. „Aber heißt das, der Punkt ist jetzt verstrichen?“
      Langsam lehnte sich der Lacerta nach vorn und löste damit den bestehenden Kontakt zu Malleus auf. Kurz strichen seine roten Augen über die Cervidia. Es war ein kurzer, aber bedeutungsschwangerer Blick, der viele Gedanken enthielt, die sie nicht erahnen können würde. Dann entwirrte er seine Beine, um sich auf seiner Position umzudrehen. Malleus, dem die Stütze im Rücken genommen worden war, hatte sich halbseitig umgesetzt. Er wurde fast vollkommen von Devons großrahmiger Erscheinung verschluckt, sodass Tava den Mann hinter dem Lacerta kaum noch ausmachen konnte.
      Der Jäger schwieg, das Gesicht in eine nachdrückliche Maske gehüllt. Aufmerksam wie eh und je musterten die geschlitzten Augen das Gesicht des Kultisten, dem man ebenso wenig an der Mimik ablesen konnte wie ihm selbst. Ganz kurz blieben seine Augen an den vollen Lippen hängen bis sie sich wieder auf die dunklen Augen konzentrierten.
      „Ich bin ein Lacerta“, stellte er klar. „Wir fragen nicht, wenn wir etwas wollen.“
      Nicht, wenn es um solche Belange ging. Als Devon also seine rechte Hand zwischen die schweren Braids von Malleus schob und ihm damit die Fluchtmöglichkeit nahm, war da kein Zögern. Wenn er ohnehin schon so weit abgedriftet war von dem Stamm, dem er entsprang, warum dann nicht gleich noch mehr? Wieso nicht ausprobieren, ob sich Männer wie Frauen anfühlten? Seine Stammesleute verurteilten ihn sowieso schon wegen anderer Dinge und dieses hier würden sie niemals erfahren. Fingerspitzen streiften über Kopfhaut, der einzige Kontakt bis jetzt. Ganz von selbst stellte sich Devon darauf ein, einen Faustschlag zu kassieren. Eine Klatsche. Ein Schubser, ganz egal. Das war die unmissverständliche Sprache, der er verstand. Die er kannte. Ohne Umschweife lehnte er sich vor und zog den Kultisten gleichermaßen zu sich. Im Sekundenbruchteil dachte Devon, er würde Abneigung in Malleus‘ Augen aufblitzen sehen. Härte, die in seine Gesichtszüge einzog. Aber da waren Devons Augen bereits geschlossen, als er die Lippen auf seine legte. Es war nur ganz kurz, ein oder zwei Sekunden lang. Da war keine Zunge, die um Einlass kämpfte. Keine Hitze und kein Nachdruck, wie es bei Tava der Fall war. Es war ein Test, als er spürte, wie weich sich Malleus‘ Lippen an seinen bewegten. Wie er selbst nicht ganz wusste, was er tun sollte. Außerhalb von Sex hatte Devon noch nie eine andere Person geküsst. Weshalb auch?
      Also zog er sich wieder zurück, leckte sich über die Lippen und stellte eine nachdenkliche Miene zur Schau. Das war erträglich. Das ließ seine Instinkte nicht überschnappen. Aber zeitgleich… fehlte etwas und er wusste es nicht zu benennen.
    • "Nur weil du etwas gewährst, heißt das nicht, dass du es nachher nicht bereust", erklang die Antwort in seinem Rücken.
      Mit der Andeutung eines wissenden Lächelns senkte Malleus den Blick auf seine Hände, gekleidet in die schwarzen Lederhandschuhe, die unwiderruflich mit seiner Persona verknüpft waren. Er krümmte und streckte die Finger, spürte wie das Leder sich um seiner Fingerglieder schmiegte wie eine zweite Haut. Das Gefühl bedeutete Sicherheit. Es gab Malleus die Kontrolle zurück, die eine Verkettung unglücklicher Ereignisse und alternde Fanatiker ihm entrissen hatten. Kaum verständlich für das menschliche Ohr, als hätte Malleus nie beabsichtig die Worte überhaupt laut auszusprechen, erklang ein nachdenkliches Flüstern hinter Devon. "Das ist das Risiko, nicht?"
      „Aber heißt das, der Punkt ist jetzt verstrichen?“
      Devon zog sich zurück bevor Malleus ihm eine Antwort geben konnte. Der Halt und die Wärme in seinem Rücken verschwanden. Ein Windzug, zwar schwül und erstickend warm, streifte seinen Rücken und kroch unter die feuchte Kleidung. Er fühlte sich kälter an, als er sollte. Bedächtig drehte Malleus sich zu Devon um, der ihn aus roten Augen eingehende musterte.
      Die Mimik des Lacerta spiegelte seine eigene Regungslosigkeit. Die Männer musterten einander mit unbewegten Mienen und einer anhaltenden Stille, als bliebe ihnen alle Zeit der Welt. Nach ein paar Sekunden zeichnete sich ein kaum merkliches Funkeln in den beinahe schwarzen Augen des Kultisten ab.
      "Das habe ich nicht gesagt", raunte Malleus.
      "Ich bin ein Lacerta. Wir fragen nicht, wenn wir etwas wollen", sagte Devon mit fester Stimme, die entschieden zu viele Dinge mit Malleus anstellte. Die Bedeutung hatte einen vielfältigen Klang. Es war eine Warnung, eine Drohung und zugleich ein Versprechen. Hatte Devon noch zuvor herum gedruckst, führte er seine Hand nun mit souveräner Bestimmtheit. Malleus rührte keinen Muskel, als sich starke und raue Finger mit seinen Haaren verwoben. Ein mildes Schaudern zuckte durch seine Schultern, als er probeweise das Kinn neigte aber der Zug an seinem Haarschopf ihn daran hinderte. Mit flatternden Augenlidern und angehaltenem Atem begrüßte Malleus die Fingerspitzen, die sachte über seine Kopfhaupt streiften.
      Entgegen seiner anfänglichen Entspannung und Leichtigkeit, ballten sich die Hände auf seinen Oberschenkeln zu losen Fäusten. Der Impuls nach den kräftigen Schultern des Lacertas zu greifen um ihn heranzuziehen, war groß. Trotzdem verblieb Malleus in derselben Position wie zur Salzsäule erstarrt. Es gab Nichts, das er gegen den Reflex tun konnte.
      Die Berührung an seinen Lippen war das Echo eines Kusses, federleicht und flüchtig. Malleus war zu steif und Devon trotz seiner Worte weniger nachdrücklich, als der Kultist erwartet hatte. Sie küssten sich ruhig, zurückhaltend und beinahe sanft. Keine Eigenschaften, die Malleus bis zu diesem Punkt mit der unbestreitbaren Verbindung zwischen ihnen zugestanden hätte. Was zwischen ihnen existierte, war roh und wild. Es war schmerzhaft und auf erschütternde Weise ehrlich. Begierde log nicht. Schmerz konnte nicht lügen.
      Malleus sah Devon aus halbgeschlossenen Augen an. Der Lacerta neigte sich zurück, blieb aber nah genug, das sein Atem über Malleus' Lippen und Kinn streichelte. Ganz von selbst zuckte der Blick des Kultisten zu der gespaltenen Zunge, die sich hervorwagte.
      Ein gedehnter Atemzug löste sich aus der Kehle des Kultisten. Er zwang die Spannung aus seinen Schultern und seinem Nacken, der sich unter dem Zug des Lacertas verkrampft hatte. Es war nicht ideal, doch bevor Devon von ihm ablassen konnte, hob Malleus die Hand. Mit Nachdruck versenkte er seine Finger im Hemd über der Schulter des Jägers und hielt ihn dort fest. Es gab viele Dinge, die er hätte tun können. Er hätte Devon aufziehen oder es dabei belassen können.
      Stattdessen schüttelte er im Griff des Lacertas ganz sachte den Kopf und zog mit dem Daumen kleine Kreise über Devons Schlüsselbein.
      "Das bist nicht du. Küss mich wie der Mann, der gedroht hat mich, zu Boden zu ringen und mir die Kleider vom Leib zu reißen. Komm schon, Devon. Das ist vielleicht die letzte Chance, die du bekommst."
      Es war nicht fair, aber Malleus spielte nicht fair und er hatte Devon gewarnt. Er war egoistisch, gierig und ganz tief darunter, gut versteckt und begraben, sehr wütend über die verpassten Chancen.
      Das Leben hatte ihm unzählige davon geraubt und nun forderte es noch Devon von Tava und Malleus.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Devon hatte es gewusst. Der Blick, den Malleus auf seinen Mund gerichtet hatte. Der tiefe Atemzug, den er ausstieß, kaum hatte sich der Jäger zurückgezogen. Die steifen Schultern, die sich erst wieder senkten, als sich seine Hand aus der dunklen Haarmähne gelöst hatte. So aus dem Nichts hatte der Mann nichts für einen Lacerta übrig, wenn es nicht im Eifer des körperlichen Gefechts war. Ohne Sex, ohne das magische Zusammenspiel zwischen seinem und Tavas Körper, war der Zauber der Anziehung für den Lacerta verflogen. Genau das hatte er befürchtet. Genau deshalb fühlte es sich so an, würde etwas fehlen.
      Ernüchterung machte sich in Devon breit, als er sich dran machte, von Malleus abzurücken. Da hob Malleus unerwartet die Hand und krallte sich regelrecht in Devons Hemd. Überraschung erschien auf seinem Gesicht. Mit vielem hatte er gerechnet, damit allerdings nicht. Ein warmer Schauer, der nicht am Klima lag, wusch über ihn hinweg, als Malleus kleine Kreise über seinem Schlüsselbein beschrieb. Sofort sprang sein Blick wieder zum Gesicht des Kultisten, das nicht länger ausdruckslos, sondern eindringlich war.
      „Das bist nicht du.“
      Etwas in ihm zog sich bei diesem Satz zusammen. Das stimmte nicht. Das war sogar mehr er gewesen als üblich. Jetzt war er nicht von irgendwelchen Instinkten und Hormonen manipuliert. Nicht im Eifer des Gefechts. Das hier war seine echte Persona gewesen, die versuchte einzuordnen, ob das, was er von Malleus wollte, über rein primitive Natur hinausging.
      „Küss mich wie der Mann, der gedroht hat, mich zu Boden zu ringen und mir die kleider vom Leib zu reißen. Komm schon, Devon. Das ist vielleicht die letzte Chance, die du bekommst“, setzte der Kultist nach und trieb den Dolch, den er symbolisch Devon auf die Brust gesetzt hatte, mit einem geschmeidigen Zug ins Fleisch hinein.
      Devons Gesicht entgleiste. In rapider Abfolge blitzte Schmerz, Wut, Frust, Verzweiflung und Resignation in seinen Augen auf, ehe er mit einem Schnauben kurz zur Seite blickte. Wieder einmal wurde ihm bewusst, wie sehr er Worte hasste. Wie sehr er es hasste, wenn Malleus sie als Waffe benutzte. Denn das hatte er gerade voller Absicht nach getan. Auf der einen Seite war er froh, dass Tava nicht dazwischenstand. Auf der anderen Seite spürte er ihren Blick in seinem Rücken und wusste, dass sie etwas zu sehen bekam, was ihr eigentlich vorenthalten sein sollte.
      Der stechende Blick aus blutroten Augen richtete sich erneut auf den Kultisten. Zu sehr gereizt durch die vorangegangenen Worte spielte Devon Malleus eiskalt in die Karten und akzeptierte es. Mit einer Hand ergriff er Malleus‘ Handgelenk und löste die Finger von seinem Hemd. Die andere Hand stieß er gegen die Schulter des anderen Mannes, wodurch er das Gleichgewicht nach hinten hin verlor. Sofort folgte der Jäger mit seinem Körper, kniete breitbeinig über dem am Boden liegenden Kultisten und fing auch noch die zweite Hand ein. Wie festgenagelt hielt er sie am Boden und setzte sich auf Malleus‘ Oberschenkel, was ihm noch mehr Freiheit nahm. Ein tiefes Grollen schwoll in der Brust des Lacertas an. In der nächsten Sekunde prallte sein Mund gegen den des anderen Mannes.
      Malleus hatte gesagt, er wäre sich der Risiken bewusst. Devon hatte ihn im Vorfeld gewarnt. Wenn er unbedingt wollte, dass sich Devon das nahm, was er wollte, dann konnte er es haben. Seine Worte trugen Wahrheit in sich, als er sagte, es könnte das letzte Mal sein. Wenn dem so war, dann wollte der Jäger wenigstens einen Teil dieses Drucks befriedigen. Auch wenn er ihn nie so jagen konnte, wie er es gewollt hätte, das hier war das Einzige, was er bekommen konnte.
      Er musste sich nicht wie bei Tava zurückhalten. Wild verschlang er Malleus‘ Lippen, knurrte, als er mit seiner Zunge in den Spalt zwischen den Lippen eindrang und sich Einlass verschaffte. Unter ihm versteifte sich Malleus, was Devon dazu nötigte, die Handgelenke nur noch fester zu packen. Das hier war schon eher, was seine Gefühle ankurbelte. Hier musste er sich keine Gedanken machen, wie er sich gab oder was er tat. Malleus wollte es so. Wie ein Mantra hielt er sich das immer wieder vor Augen.
      Als er unverwandt in Malleus‘ Unterlippe biss und den Geschmack von Eisen wahrnahm, keuchte Devon auf und riss sich von den Lippen des Mannes los. Er erhob sich schwer atmend und senkte den brennenden Blick auf die leicht geöffneten Lippen, die im Licht feucht glänzten.
      „Besser?“, fragte er mit rauer Stimme. „Sei froh, dass ich dir nicht sage, dass du laufen sollst.“
      Ihm war klar, dass Malleus mit diesen Worten vermutlich nichts anfangen konnte. Sie purzelten ihm einfach so über die Lippen, so, wie es in seinen Kreisen üblich war. Wenn es ein andermal geben sollte, würde er ihm das schon erklären.
      Wenn…
    • Malleus benötige nicht mehr als einen flüchtigen Augenblick um das zarte Flämmchen, das der zurückhaltende Kuss ausgelöst hatte, im Keim zu ersticken. Keines seiner Worte verfehlte das vorherbestimmte Ziel. Jede Silbe traf Devon genau dort, wo er es beabsichtigte. Malleus pflückte die Wärme direkt aus seiner Brust und zertrampelte die befremdliche Vertrautheit, die ihm durch Mark und Bein ging. Damit hatte der Kultist nicht gerechnet, deshalb blieb ihm auch keine andere Wahl. Andenfalls hätte er Devon niemals gehen lassen können.
      Mit dem Schmerz konnte er Leben. Auch mit dem Schmerz, den er sich selbst dabei zufügte. Er akzeptierte die Resignation und die Enttäuschung über seine Worte. Womit er nicht leben konnte, war das erdrückende Gefühl in seiner Brust. Immer enger zogen sich die Rippenbögen um seine Lunge zusammen, sobald er an den drohenden Morgen dachte. Die Zeit rann ihm durch die Finger wie der feinkörnige Sand in einer Sanduhr.
      Als Devon den Blick mit einem gefährlichen Blitzen auf ihn richtete, löste sich der Knoten in seiner Brust. Kräftige Finger legten sich um sein Handgelenk, lösten seine gekrümmten Finger aus ihrer Umklammerung.
      Ja, so ist gut. Sei wütend, ging es Malleus durch den Kopf. Mit deiner Wut kann ich umgehen.
      Ein Stoß brachte Malleus aus dem Gleichgewicht. Ein tief verankerter Instinkt erwachte aus seinem Schlummer und bäumte sich gegen den vermeintlichen Angreifer auf. Malleus‘ freie Hand schnellte zwischen ihren Körper hervor. Lange, dunkle Finger versuchten sich um eine blasse Kehle zu legen, deren Sehnen zum Zerreißen gespannt waren – nur war der Lacerta schneller. Mit einem dumpfen Aufschlag, landete Malleus auf seinem Rücken mit beiden Handgelenken neben seinem Kopf und im eisernen Griff des Lacertas. Das Gewicht des Jägers drückte ihn nieder und Malleus zwang sich die Atmung wiederaufzunehmen. Schwerfällig zwang er Luft in seine Lungen und seinen vor Anspannung vibrierenden Körper zum Stillstand.
      Einen Moment lang stand die Welt mit ihm still. Alles, was Malleus hörte, waren die eigenen, harschen Atemzüge und das entfernte Knistern eines Lagerfeuers. Danach bestand die Welt nur noch aus Devon.
      Der Kuss war hart und unnachgiebig. Devon küsste ihn nicht, er verschlang ihn. Die explosive Mischung aus Instinkt, der ihn anschrie den Lacerta von sich zu befördern, und dem unstillbaren Verlangen Devon im Genick zu packen und festzuhalten, kollidierten miteinander. Die Wucht des Kusses war beinahe schmerzhaft und Malleus krümmte die Finger zu klauenartigen Gebilden, als eine gespaltene Zunge sich zwischen seine Lippen schob. Schweiß brach in seinem Nacken aus, während Devon mit jeder verstreichenden Sekunde über die hauchdünne Linie zwischen Realität und Trauma tänzelte, die sich durch Malleus‘ Verstand zog. Ein falscher Schritt und der Kultist würde sich in seinen Erinnerungen verlieren.
      Ein scharfer Schmerz entlockte ihm ein überraschtes und gleichzeitig erregtes Keuchen. Ganz instinktiv leckte er sich über die pochende Unterlippe und schmeckte Blut. Devon hatte ihn gebissen. Die Pupillen seiner Augen explodierten bis kaum noch etwas von dem dunklen Braun übrig war. Dennoch zeichnete sich der innere Zwiespalt deutlich auf seinem Gesicht ab, nachdem seine Maske unter Devon zerbröckelt war.
      „Besser? Sei froh, dass ich dir nicht sage, dass du laufen sollst.“
      Eine Antwort blieb er Devon fürs Erste schuldig. Er rang mit dem plötzlichen Bedürfnis dem Lacerta seine Kehle zu präsentieren. Das raue Echo seiner Stimme durchzog ihn. Dabei bekam er kaum genügend Luft und sein Herz schlug besorgniserregend schnell. Ganz langsam entspannte Malleus seine Finger, lockerte die verkrampften Handgelenke und wurde wenigstens ein kleines Bisschen weicher unter Devon. Erst da übte er wieder einen leichten Druck gegen den Halt des Lacerta aus. Ganz sachte, bis Devon eines seiner Handgelenk frei gab. Seine Hand zitterte, als er sich mit dem Daumen über die Unterlippe fuhr. Die Bisswunde brannte unter der Berührung seiner unsteten Finger und der Kultist sog scharf die Luft ein.
      Ein zweites Mal lecke er sich das stetig, tröpfelnde Blut von der Unterlippe ehe er seine befreite Hand auf Devons Brust legte. Seine Fingerspitzen zuckten bei der Berührung, obwohl er seine Handschuhe trug, als hätte er einen Schlag bekommen. Er stieß Devon nicht weg, zog ihn aber auch nicht näher.
      "Vergib mir", raunte Malleus zurück.
      Der Geschmack von Blut lag schwer auf seiner Zunge.
      "Vergib mir meine harschen Worte, aber ich musste es wissen. Wie es sein könnte, verschlungen zu werden. Von Dir."
      Malleus zog seine Hand zurück, nur um mit den Fingerspitzen federleicht über Devons Kieferpartie tanzen.
      Er würde nie wissen, ob es ein mehr gab, aber das hier, dieses kleine Bisschen konnte er haben.
      "Die Zeit ist nicht auf unserer Seite, befürchte ich."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava legte den Kopf neugierig zurück. Was sich da gerade vor ihr entfaltete, war auf eine Art intim, die sie bisher noch nicht erlebt hatten. Sie hatten Sex gehabt, sicher, aber genau betrachtet war es nur oberflächlich gewesen, ein Geben und Nehmen, um die primitivsten Bedürfnisse zu stillen, nicht aber eine Verbindung aufzubauen. Nicht auf diese Weise. Dafür waren sie zu verschieden; Malleus, der sich nicht berühren lassen wollte, Devon, der - noch immer- verklemmt war, Tava, die sich eigentlich nur wünschte, irgendwo aufgehoben zu sein. Sie hätten beim Sex niemals tiefer als das gehen können. Tava schauderte es ja schon allein beim Gedanken, dass Devon sie so beißen könnte wie Malleus.
      Aber das hier, das war etwas anderes. Das war persönlicher, obwohl die Frage nach einem simplen Kuss eigentlich ganz einfach war. Doch Tava sah es schon in Devons Antwort und wie er reagierte, dass es ihn tiefer traf als jemand anderen. Endlich offenbarte er mal etwas von sich und Tava war neugierig zu erfahren, wie viel er von sich preisgeben würde. Dabei wäre es unvorstellbar gewesen, ihn noch vor einem Monat zu fragen. Die gemeinsame Zeit zu dritt hatte es erst möglich gemacht, dass er Malleus seine Antwort lieferte.
      Und wie er sie lieferte. Tava setzte sich noch aufrechter hin, die Augen groß und gespannt, als sie Zeuge davon wurde, wie Devon Malleus zu Boden riss. Richtig zu Boden riss, denn sie konnte selbst aus der kurzen Distanz das Geräusch hören, als Malleus auf dem Rücken aufschlug. Das musste wehgetan haben, aber der Mann zeigte nur einen Hauch von Widerwillen, der sogleich auch wieder weggeblasen war, kaum war Devon auf ihm. Mit seinem ganzen Körper. Das Geräusch gepresster Atemstöße drang zu Tava heran.
      Der Anblick war aufregend. Tava hatte bisher noch nie zwei Männer zusammen zu sehen bekommen und bei Devon und Malleus entdeckte sie plötzlich, dass das ein anziehender Anblick war. Devons größere Gestalt, die sich über Malleus krümmte, Malleus, der unter ihm die Muskeln spannte. Sehr viel konnte Tava aus ihrem Blickwinkel nicht erkennen, was wirklich zwischen ihren Gesichtern vorging, aber sie konnte es sich vorstellen. Oh, und wie sie es sich vorstellen konnte. Sie hatte sie beide geküsst, sie wusste, wie sie beide schmeckten, sie wusste auch, wie sie küssten. Sie brauchte es nicht sehen, sie brauchte es sich nur vorstellen.
      Ungeniert starrte sie auf Devons Rücken und ließ den Blick tiefer wandern, wo Beine aneinander lagen, wo Hosen sich berührten. Mit einem Mal verstand sie sehr gut, wie Malleus dazu kam, sich lieber zurückzulehnen und zuzusehen. Das hier war fantastisch, eine einzigartige Aussicht. Das einzige, was jetzt noch fehlte, war... Das wusste Tava auch nicht so recht. Aber es war nahezu perfekt.
      Dann richtete Devon sich auf und beide Männer nahmen einen Atemzug. Tava spürte es kribbeln, als sie den großen Lacerta so auf dem Menschen sitzen sah. Ob er auch mal...? Nein, Devon sicher nicht. Wobei, auch nicht bei Malleus...?
      "Die Zeit ist nicht auf unserer Seite, befürchte ich."
      Malleus' Stimme riss sie aus diesen Gedanken und sie erinnerte sich an ein kleines, aber wichtiges Detail: Sie waren eigentlich gerade beim Abschied. Diese Nacht würde Devon noch bei ihnen bleiben, dann würde er gehen. Deswegen hatte Malleus schließlich auch gefragt.
      Die ganze Situation bekam einen leicht deprimierenden Unterton, den Tava schnell zu verdrängen versuchte. Devon würde ja nicht sterben, er wäre nur für ein, zwei Tage alleine. So lange, bis Tava brauchen würde, um Malleus davon zu überzeugen, dass sie ihm doch folgen konnten.
      Bis dahin sollten sie die Zeit jedoch wirklich nutzen. Mit etwas, bei dem sie nichts neues ausprobieren mussten.
      Tava bewegte sich ein bisschen, damit das Gras raschelte. Die Männer sahen sich synchron zu ihr um, als hätten sie sich jetzt erst an ihre Anwesenheit erinnert. Tava lächelte; das fand sie nett. Sie wusste auch nicht wieso, sie wurde einfach nicht sehr häufig Zeuge von intimen Momenten. In ihrer Gegenwart neigten die Leute eher dazu, sich mit Feuer beschäftigen zu müssen.
      "Wir sollten uns das aufheben für das nächste Mal, wenn wir ein Bett haben", sagte sie und grinste dann. Das Grinsen weitete sich aus, als Devon sich bewusst zu werden schien, was sie da sagte. Okay, es war ein intimer Moment gewesen, aber seine Schale hatten sie deswegen noch nicht permanent durchbrochen.
      "Wir könnten... ähm... also, wenn wir uns schon so verabschieden, könnten wir doch eine Nacht zusammen schlafen. Die letzte Nacht. Alle zusammen."
      Dabei sah sie hauptsächlich Malleus an, denn Devon hatte kein Problem damit, wenn Tava sich an ihn kuschelte. Aber Malleus. Und irgendwie war es ihr jetzt wichtiger denn je, dass sie diese letzte Nacht zusammen waren. Nach allem, was sie in den vergangenen Wochen durchgemacht hatten.
    • Die Sentimentalität des Augenblicks begann allmählich eine nervöse Unruhe zu schüren, der Malleus nicht alleine Herr wurde. Er fühlte bemerkenswert viel für einen Mann, der sich damit rühmte, seinen Emotionen keinerlei Macht einzuräumen. Ein wenig länger und er Devon darum angefleht wieder von ihm herunterzusteigen. Und das Alles, nachdem er ihn förmlich dazu provoziert hatte.
      "Wir sollten uns das aufheben für das nächste Mal, wenn wir ein Bett haben."
      Tavas Stimme, die den dichten Nebel seiner Gedanken durchdrang, ersparte ihm diese Demütigung.
      Erst beim Klang ihrer Stimme sah er die Cervidia wirklich. Zwar hatte er gemeinsam mit Devon nach der Quelle des leisen Raschelns gesucht, doch hatte er es einfach aus dem Grund getan, weil Devon es getan hatte. Endlich erfassten die dunklen Augen die Cervidia, die ganz zu Malleus' Unverständnis glücklich aussah.
      Sie grinste und die tanzenden Flammen füllten ihre Augen mit einer intensiven Wärme, die sie heller leuchten ließen als das Feuer.
      "Wir könnten... ähm... also, wenn wir uns schon so verabschieden, könnten wir doch eine Nacht zusammen schlafen. Die letzte Nacht. Alle zusammen", fügte Tava hinzu.
      Alle zusammen...Malleus war sich mehr als deutlich bewusst, noch bevor sich ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihn richtete, dass Tava vor allem seine Wenigkeit damit meinte. Es hatte ungefähr genau die gleiche Wirkung wie ein Eimer voll mit Eiswasser, dass ihm über den Kopf geschüttet wurde. Unter Devon, der völlig unverändert über ihm thronte, zuckte seine Oberschenkel als spielte sein Körper bereits mit der Möglichkeit den Rückzug anzutreten.
      Malleus blieb bei Verstand während Devon über ihm kniete, ihn am Boden festnagelte und ihr so hart in die Lippe biss, dass er blutete...aber die Vorstellung in unmittelbarer Nähe zueinander einzuschlafen, jagte ihm eine Scheißangst ein.
      'Sie kamen wenn ich schlief.'
      Unter Devon erschauderte der Kultist, was den Lacerta letztendlich dazu veranlasste, den anderen Mann freizugeben. Sie bewegten sich langsam, bedächtig und beinahe im Einklang. Zuerst löste sich der kräftige Griff um sein verbliebenes Handgelenk. Auch dieses Mal kribbelten seine Fingerspitze, so fest hatte Devon zugepackt. Malleus beugte und streckte prüfend seine Finger, drehte das Handgelenk erst in die eine dann in die andere Richtung. Die Beine waren als Nächstes dran. Die ganze Zeit über behielt er Devon im Auge und obwohl seine Gedanken bereits über eine Lösung für das Schlafproblem brüteten, war er sehr darauf bedacht, dem Lacerta nicht das Gefühl zu geben, dass er die Flucht ergriff.
      Vorsichtig berührte er seine puckernde Unterlippe. Der Blutfluss war längst versiegt, aber der Geschmack nach Kupfer war noch da. Malleus konnte nur mutmaßen, welches Bild er mit der zerbissenen Unterlippe und den verbliebenen Bissabdrücken von Devon zwischen Schulter und Hals aussah. Obwohl er wahrscheinlich aussah, als wäre er nur knapp einem Kampf entkommen, verzog Malleus die Lippen zu einem schmalen Lächeln und er begrüßte den brennenden Schmerz, den die Bewegung auslöste.
      Sein Blick glitt zu Tava.
      ...er seufzte. Lang und tief.
      "Dann pack schonmal alles aus, was wir brauchen."
      Das Strahlen in Tavas Gesicht war eine schlaflose Nacht allemal wert.

      Skeptisch beäugte Malleus das, was Tava als ihr gemeinsames Nachtlager auserkoren hatte. Nest, traf es wohl eher. Schlafsäcke, zusätzliche Decke und sogar die Pferdecken hatten die Cervidia solange neu gerollt und gefalltet bis sie irgendwann zufreiden gewesen war. Es sah...gemütlich aus, ließ aber nicht sehr viel Spielraum für Malleus. Er war sich ziemlich sicher, dass Devon und Tava seine Grenzen respektierten. Jedenfalls genug, um ein Nein hinzunehmen. Mit Protest und Gegrummel, aber er könnte seinen Willen durchsetzen.
      Tava und Devon saßen bereits umringt von geknüllten Decken am Feuer. Niemand würde heute Nacht davon eine brauchen um sich zuzudecken. Dafür war es in dieser Region selbst nachts viel zu warm und die Kleidungstücke klebten ihnen eh schon klamm am Leib. Die Beiden schienen es ihm leicht machen zu wollen, denn sie kuschelten sich bereits zusammen, was den seinen angestammten Platz in Devons Rücken frei ließ. Soweit so gut. Es war nicht anders als in den Nächten zuvor nur...wesentlich beengter in dem Kreis, den Tava gezogen hatte.
      Als Malleus sich endlich niederließ, lag er steif wie ein Brett hinter Devon. Auch das war nichts Neues. Er hatte die Augen geschlossen, doch dem Geraschel nach zu urteilen, konnte er sich bildlich vorstellen, wie Tava sich über Devons breite Form beugte und den Kultisten mit zusammengekniffenen Augenbrauen betrachtete.
      Ein Muskel in Malleus' Augenwinkel zuckte und ganz, ganz langsam drehte er sich auf seine gesunde Seite herum. Er bettete seinen Kopf auf dem angewinkelten Arm und starrte geradewegs zwischen Devons' breite Schultern. Wieder raschelte es leise, dieses Mal von Malleus Seite. Nur eine Sekunde später war Malleus so nah, dass er seine Stirn gegen den Rücken des Lacerta lehnen konnte. Nah genug, dass er eine Hand gequem über Devons Rippen platzieren konnte, wo sein Daumen erneut kleine Kreise zogen. Die Rippenbögen pressten sich bei jedem Atemzug in seine Handfläche.
      Malleus wusste, dass sein Herzschlag viel zu schnell war. Wohlmöglich konnte Devon den verräterischen Geruch seine Anspannung wittern, aber das ließ sich leider nicht verhindern. Wenn er sich auch nur ein kleines Bisschen bewegte, streiften seine Beine unweigerlich Devon und der unebende Untergrund ließ ihn immer näher gegen den Rücken des Jägers sinken. Mal schauderte er, mal zuckte er leicht bei einer unerwarteten Berührung. Das hier war ganz anders, als sich im Eifer des Gefechts zu berühren.
      Eine Weile lang harrte Malleus aus, bis er leise in die Dunkelheit und das Knistern des Feuers flüsterte.
      "Das hat keinen Sinn", murrte er. "Ich raub' euch Beiden nur den Schlaf."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Malleus stimmte zu - Devon hatte von vornherein kaum eine Wahl - und damit stand Tava wohl eine der schönsten Nächte überhaupt bevor. Sie war ganz aufgeregt, dabei war das noch harmlos im Vergleich zu all den Dingen, die sie zu dritt bereits getan hatten. Trotzdem, diese Nacht würde eine besondere werden. Es würde ihre etablierte Gemeinschaft nur noch stärken.
      Mit feuerfestem Eifer hatte sie zusammengesucht, was sie finden konnte, um ihnen dreien ein Bett auf dem harten Boden zu bauen, das ihnen würdig war. Die Männer hatten größtenteils nur zugesehen, nicht von demselben Enthusiasmus gepackt wie Tava, aber das war ihr egal. Sie würden zu dritt schlafen und kuscheln. Komme in den nächsten Tagen was wolle, aber sie würden es zumindest soweit geschafft haben, dass sie miteinander schliefen und nicht mehr getrennt. Tava freute sich so sehr darauf. Die ganze Zeit strahlte sie die beiden an und hielt ihren Kopf so weit oben, wie es ihr während der Arbeit möglich war.
      Dann war es soweit und sie beorderte Devon heran, damit er sich zuerst einen Platz suchte. Der Lacerta ließ sich zwischen all den Kleidern und Decken nieder und Tava passte das Bett ein wenig an, um seiner Größe gerecht zu werden. Als nächstes kroch sie selbst hinein und schmiegte sich an Devons Brust, so wie die beiden es schon häufiger getan hatten. Weil ihre Hörner so groß waren, musste sie sich aber außen halten. Ziemlich schade, eigentlich.
      "Kopf hoch, Devon. Kopf hoch."
      Der Lacerta hatte nicht dieselben Instinkte wie die Cervidia, aber er ließ sich das Kinn hochdrücken, bis Tava sich mit einer befriedigenden Wärme an seinen Hals drückte. Dort fühlte sie sich wohl, sie fühlte sich sicher, und außerdem waren ihre Hörner jetzt nicht mehr allzusehr im Weg.
      Und zum Schluss kam Malleus.
      Bei ihm raschelte das Konstrukt nur kurz und dann war es totenstill. Tava verlagerte das Gewicht ein wenig und schaffte es, über Devons Schulter hinaus zu lugen, um zu sehen, ob Malleus auch tat, was sie von ihm wollte: Kuscheln. Und natürlich tat er es nicht, er lag nur auf dem Rücken und starrte den Himmel an.
      Dann bewegte er sich aber und rutschte ein Stück näher. Befriedigt zog Tava sich wieder zurück und schmiegte sich mit einem stummen Kichern wieder an Devons Hals. Das war so schön - so schön war es! Bei den Männern fühlte sie sich aufgehoben wie noch nie zuvor.
      "Gute Nacht ihr beiden", murmelte sie an Devons Hals und grinste. So ließ es sich doch leben.
      Eine ganze Weile lang lagen sie so zusammen in ihrem Nest, aneinander geschmiegt, wo es für alle nur möglich war, bis Malleus sich wieder meldete.
      "Das hat keinen Sinn. Ich raub' euch Beiden nur den Schlaf."
      "Dann schlafen wir eben nicht", murmelte Tava vergnügt zurück. Sie wusste gar nicht, was er hatte; sie fühlte sich prächtig, Schlaf hin oder her. Für so eine gemeinsame Nacht würde sie für eine ganze Woche auf Schlaf verzichten.
      "Aber kuscheln können wir trotzdem."
    • Die Zeit ist nicht auf unserer Seite.
      Das waren Worte, die Devon verfolgen würden. Nach diesem fatalen Kuss, den Malleus aus ihm herausgepresst hatte, waren seine Gedanken wieder gänzlich woanders. Zu keiner Zeit hatte er seinen Entschluss angezweifelt, die Haut von Escholon zurück zu seinem Stamm zu bringen und damit verbunden auch die Konsequenzen für seine Rückkehr zu tragen. Darin lag seine Essenz begründet, seine Natur. Nur damals, als er gegangen war, hatte er egoistisch gegenüber seiner Herkunft gehandelt. Doch nun… Nun sprangen seine Augen zwischen den dunklen Abgründen von Malleus‘ eigenen hin und her, völlig verstummt, dafür aber um jeden ruhigen Atemzug bemüht. Seine Finger drückten die Handgelenke in seinem Griff noch eine Spur fester. Bis Malleus an einer Hand leicht zog und sich die kräftigen Finger lösten, damit die Hand frei war. Regungslos gewährte er dem Kultisten, seine Kieferlinie zu berühren. Die angespannten Muskeln in seinem Gesicht entspannten sich.
      Es raschelte zu ihrer Seite. Simultan drehten Malleus und Devon ihre Köpfe, um Tava zu erblicken, die sich vorsichtig ihnen genähert hatte. „Wir sollten uns das aufheben für das nächste Mal, wenn wir ein Bett haben.“ Sie lächelte ein warmes Lächeln, welches zäh wie Honig in Devons Verstand tröpfelte.
      Dann verarbeitete er die Worte und seine Augen wurden größer. Ein bisschen zu schnell gab er Maleus frei und machte sich daran, von dem Mann abzusteigen. So hatte er das doch gar nicht gemeint. Malleus hatte ihn gereizt, das war alles gewesen. Keine Hintergedanken, ganz sicherlich nicht. „Ja. Stimmt“, sagte er mit belegter Stimme und zupfte an seinem klammen Hemd herum.
      „Wir könnten… ähm… also, wenn wir uns schon so verabschieden, könnten wir doch eine Nacht zusammen schlafen. Die letzte Nacht. Alle zusammen.“
      Dunkelrote Augen fixierten die Cervidia mit einer Intensität, die Devons Jagdtrieb in keiner Weise nachkam. Er schluckte einmal, die Augenbrauen dichter zusammengezogen. Dann wandte er den Kopf ab und erhob sich wortlos, um eine Stelle auf dem Boden, nahe des Feuers, vom losen Laub und Ästen zu befreien. Der Gedanke daran, dass es wirklich die letzte Nacht sein konnte, passte einfach nicht in seinen Kopf. Seine Gefühlswelt. Es wirkte nicht echt, nicht, wenn er jetzt gerade die Beiden noch in greifbarer Nähe hatte. Es wirkte… falsch zu denken, er würde ohne sie sein. Sie würden ohne ihn sein.

      Problemlos hatte Devon das Reich, das man eher als ein Nest bezeichnen konnte, akzeptiert. Er hatte sich sogar von Tava so schieben und legen lassen, wie es ihr passte, damit sie alle drei mehr oder weniger zusammenliegen konnten. Dass er dabei Tava an seine Brust nahm und sie davon abhielt, sich wieder um seinen Kopf zu wickeln, hatte mehrere Gründe. Zum einen wollte er sie wirklich festhalten und zum anderen musste er allzeit bereit sein, aufzuspringen. Der Wald war gnadenlos, selbst am Rande. Irgendwann kam ihm wieder in den Sinn, dass Malleus des Nachts als Kind überfallen worden war. Diese Erfahrung wollte er nicht wiederholen, war hier allerdings nicht ganz unwahrscheinlich. Das erzählte er den Beiden jedoch nicht.
      Tava hatte irgendwann ihren angestammten Platz gefunden. Doch Malleus… ja, Malleus hatte wieder seine typischen Schwierigkeiten. Devon hatte ihm extra seinen Rücken zugedreht, um dem anderen Mann so viele Optionen wie nur möglich zu bieten. Dass er irgendwann seine Stirn gegen den Rücken des Jägers lehnte und auch die Hand auf seinen Brustkorb legte, war ein wahnsinniges Zugeständnis. Bei den kreisenden Bewegungen von Malleus‘ Daumen schlossen sich Devons Lider, die er vorher stets offen gehalten hatte. Nur für den Fall, damit ihm nichts entging. Ein leises Summen löste sich aus seinem Brustkorb bei der Berührung, die nur flüchtig gewesen war. Es fühlte sich leer und verlassen an, kaum war die Hand wieder verschwunden und Malleus sich abgewendet hatte. So kannte Devon den Kultisten. So fühlte sich seine Anspannung an, der typische Duft, der ihm herb in der Nase lag.
      „Das hat keinen Sinn. Ich raub‘ euch Beiden nur den Schlaf“, grummelte der Mann schließlich und Devon stieß einen lautlosen Seufzer aus.
      Tava löste sich leicht aus seinem Griff. „Dann schlafen wir eben nicht.“ Sie klang viel zu glücklich dafür, dass sie lediglich in den Armen des Lacertas lag und Malleus nicht einmal sehen konnte. „Aber kuscheln können wir trotzdem.“
      „… Eigentlich kuscheln gerade nur wir beide“, flüsterte er Tava ins Ohr ehe er sie freigab und sich auf den Rücken drehte.
      Jetzt konnte Tava über seine Brust hinweg den Kultisten ansehen, der abgerückt ebenfalls auf dem Rücken lag. Devon drehte den Kopf zur Seite und betrachtete den Mann, dessen Gesicht im Schein des Feuers lange Schatten warf. Für die Cervidia streckte er einen Arm lang von sich, den anderen behielt er an seiner Seite.
      „Wir können auch einfach nur so liegen. Das reicht mir“, sagte Devon schließlich an Malleus gewandt und damit war das Thema für ihn erledigt.

      Die Sonne brach früh über die grünen Dächer des Waldes herein. Das Feuer war längst heruntergebrannt und hatte auch nicht ausgereicht, um ihre Kleidungen zu trocknen. Devon wachte irgendwann auf, als die Sonne hoch genug stand. Er war eingeschlafen, obwohl Malleus sich stets weiter gerollt hatte. Der Lacerta war dafür einfach viel zu einfach gestrickt, als sich davon wachhalten zu lassen.
      Schweigsam hatte er sich daran gemacht, alles, was er benötigte, in seinen Beutel zusammenzupacken. Praktisch, damit es ihn im Wald nicht behinderte und notwendig für all das Zeug, das er mit sich nehmen wollte. Darunter war auch Tavas Ring – er wollte sein Versprechen halten und ihn ihr irgendwann wieder zurückgeben. Als alles verstaut war, zog er sich sein Hemd vom Leib und steckte es ein. Die Narben auf seinem Rücken waren kaum noch zu sehen.
      „Sie müssen von Weitem schon sehen, dass ich mit Geschichten zurückkomme. Ein unmissverständliches Zeichen, dass ich einmal zum Stamm gehört habe“, hatte er bei Tavas neugierigem Blick erklärt. Die Hose ließ er an, ebenso wie seinen Waffengürtel, mit dem er sich das Schwert nun über den Rücken schnallte. Seine intensiv grünlichen Schuppen leuchteten im Sonnenlicht und ließen ihn teilweise mit seiner Umgebung verschmelzen. Die perfekte Tarnung, wenn die Schuppen seinen Körper ganz eingenommen hätten.
      Schließlich war die Zeit gekommen. Für Tava hob er das Kinn extra an bevor er ihr den Kopf tätschelte und ihr ein Schmunzeln schenkte. Für Malleus hatte er einen kräftigen Händedruck übrig und einen entschlossenen Blick.
      „Ich gebe mein Bestes. Denkt an die drei Tage. Geht, wenn ich bis dahin nicht wieder da sein sollte. Hinterlasst Spuren, ich werde euch schon finden“, erinnerte er den Kultisten.
      Dann nickte er Malleus zu und wandte sich dem Wald zu. Die ersten Schritte des Jägers wirkten langsam, fast schon zögerlich. Sein Kopf drehte sich leicht zur Seite, nur für einen kurzen Moment lang. Nach seinem fünften Schritt war sein Gang ungebrochen und wieder der des geübten Lacertas, der in seine Heimat zurückkehrte. Es dauerte nicht lange, da hatte der dichte Regenwald Devons Gestalt vollkommen verschluckt und Malleus und Tava allein zurückgelassen.
    • Benutzer online 2

      2 Besucher