Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Als man Devon unter die Erde brachte hatte er sich bereits von der Sonne verabschiedet. Als man ihn über staubigen Boden schleifte spürte er die Erde kaum noch unter sich. Als man ihn in eine Zelle brachte und warnte, keine Dummheiten anzustellen, waren ihm Worte und Taten längst ausgegangen. Als man ihm schwere Eisenfesseln anlegte und seinen Kopf niederzwang hatte er mit seinem Schicksal bereits abgerechnet.
      Er hing mehr als dass er stand. Das Metall brannte eiskalt auf seiner Haut und die kühle Temperatur lähmte seine ohnehin strapazierten Muskeln. Als man ihm die Speere aus dem Leib zog, war der Schmerz so groß, dass er zwischenzeitlich das Bewusstsein verloren haben musste, denn als er wieder zu sich kam, standen zwei Blaumäntel mit ihm im Raum.
      „Das ist total abartig. Meinst du, alle Lacerta sehen so aus wie er?“
      „Keine Ahnung. Vielleicht will der Epsisimos ihn deswegen haben.“
      „Wenn ich den hier so sehe bin ich mir auch sicher, dass die was mit diesen scheiß Drachen zu tun haben müssen. Vielleicht haben die Viecher ja mal Weiber gefickt und da sind diese Missgeburten draus entstanden.“
      „…“
      „Guck dir das mal an, man… Die wachsen ernsthaft aus seiner Haut.“
      Devon spürte, wie der Kerl seinen Rücken befühlte. Behandschuhte Finger rieben über seine Schuppen und am liebsten hätte er sich geschüttelt. Aber er brachte die Kraft dafür nicht mehr auf. Sie hatten sowieso schon all das gesehen, was er zu verheimlichen versucht hatte. Sie würden tunlichst darauf achten, dass er nicht mehr zu Kräften käme, um sich ernsthaft wehren zu können.
      Aber das war okay. Dann würde er eben dieses letzte Stück auch noch gehen und abschließen. Die wenigen Werte, die er gehabt hatte, waren verpufft. Er hatte mehr verloren als gewonnen und die Erkenntnis, dass er einiges davon sogar eigenhändig aufgegeben hatte, schlug den letzten Sargnagel ein.
      Er bereute, Tava und Malleus abgewiesen zu haben.
      Er bereute sogar so weit zurück, jemals das Dorf verlassen zu haben für eine lächerliche Fantasie.
      Er bereute nicht, dass sein letztes Aufbegehren dem Tod seiner Leute, seines Freundes, gegolten hatte.
      „Kein Wunder, dass man die hier Monster nennt.“
      Und dann brach eine Unruhe aus, die Devon nicht einmal dazu brachte, den Kopf zu heben. Vielleicht bedeutete dies, dass sein Ende doch eher kam. Vielleicht bedeuteten das Gurgeln und das Scheppern, dass man mit ihm gleich verfahren würde. Doch so sehr er sich das einreden wollte – sein geschultes Gehör wusste es besser. Das hier war ein Angriff gegen diejenigen, die ihn gerade hier festhielten. Das Gurgeln stammte von jemanden, der gerade am eigenen Blut oder was auch immer erstickte. Ganz sachte hob Devon den Blick und sah am Rande, wie ein silberblauer Haufen auf dem Boden zusammengesackt war, eine rote Lache bildete sich unter ihm.
      Ein drittes Schuhpaar tauchte auf. Devons Hals war mit Ketten am Boden gebunden, sodass er dem Ritter nicht einmal ins Gesicht hätte sehen können, sofern er es gewollt hätte. Alles, was er mitbekam, war ein roter Regen, den er in seinem Leben allzu oft gesehen und erlebt hatte. Der Geruch von Eisen füllte die Luft und ließ ihm sogar die Übelkeit aufsteigen. Wieder gurgelte es, dann schepperte es erneut und vor Devons Augen zuckte der zweite Ritter seine letzten Bewegungen aus.
      Wer hatte noch gehört, dass ein Lacerta hier unten war? Wer war noch scharf darauf, ein Stück von ihm abzubekommen? Würde man ihn genauso häuten wie seinen Freund und die Augen rausschneiden?
      Devon wollte denjenigen nicht sehen, nicht hören. Er starrte einfach weiterhin ins Nichts und bewegte sich nicht. Wie eine obszöne Statue.
      Dann sank jemand auf die Knie. Sicherlich, um das Gesicht des Lacertas zu mustern. Auch darauf reagierte Devon nicht. Jedenfalls bis er wirklich erkannte, wer hinter der Stimme steckte.
      „Wir holen dich hier raus.“
      Devons Augenbrauen zuckten. Das war ein schlechter Witz. Jetzt halluzinierte er schon. Hatte wohl zu viel Blut verloren oder die Speere waren vergiftet. Es war einfach zu unerträglich, ausgerechnet ihn jetzt noch zu sehen. Das Schicksal meinte es wirklich nicht gut mit ihm.
      „Ich weiß, du traust mir nicht, aber lass mich dir helfen. Lass uns helfen.“
      Devons Finger zuckten. Jetzt konnte er doch nicht anders. Er musste sich davon überzeugen, dass diese Halluzination perfekt war. Langsam drehte er den Kopf und sein Atem stockte, als er in Malleus‘ dunkles Gesicht blickte. Eines, das mit Blut gezeichnet war und ein Ausdruck im Gesicht, den er bei dem Mann noch nie zuvor gesehen hatte. Das erste Mal seit Stunden löste sich Devons angespannter Kiefer, doch sein Mund war ausgetrocknet und konnte keine Silben formen. Eine Hand legte sich an seinen Nacken und führte seine Stirn an eine viel zu angespannte Schulter.
      Er halluzinierte. Er verwechselte hier jemanden.
      Aber da war dieser einzigartige Geruch nach Kohle und Balsam. Es gab nur eine Person, die so gerochen hatte und Halluzinationen konnten das niemals kopieren.
      Irgendetwas regte sich in Devon, aber er konnte es nicht greifen. Es war ein Gefühl, so grundlegend und doch so fremd, dass ihm der Name dafür fehlte. Es machte ihm das Atmen schwer und ließ ihn zeitgleich seltsam schwerelos fühlen. Vielleicht stand er ja kurz vor dem Tod?
      „Devon!“
      Der Lacerta blinzelte und sah große, runde Augen ihn anstarren. Er sah die Panik und hörte sie aus ihrer Stimme und dann roch er auch ihren unverkennbaren Geruch, gut verborgen unter irgendwelchen Tinkturen, die sie benutzt hatte. Jetzt regte sich sein Rücken ein kleines bisschen, aber die zahllosen Einstichstellen waren noch zu frisch. Er ließ sich wieder hängen und die Zeit geschehen. Er träumte. Ganz sicher.
      Was in den nächsten Minuten passierte, entglitt Devon mehr oder weniger. Er roch eine Säure und realisierte, wie sich die Ketten lösten und auch die Halsschelle abfiel. Irgendwo zwischendrin nahm jemand auch seine Hand in eine kleine, warme Hand. Eine ohne Handschuhe. Wirklich viel mehr bekam er nicht wirklich mit.
      „Fertig. Steh auf, steh auf.“
      Devon regte sich nicht. Die Arme waren an seine Seite gefallen, aber seine Pose war fast noch die gleiche wie zuvor. Er hatte den Kopf weiterhin gesenkt und machte keine Anstalten, dies zu ändern. Eine weitere Aufforderung brachte ihn dazu, wenigstens seinen Rücken zu bewegen, aber die Beine bekam er nicht ordentlich unter seinen eigenen Körper. Am Ende stützte man ihn und bugsierte ihn heraus aus der Zelle und durch die unterirdischen Gänge hindurch. Wortlos ließ sich Devon mitschleifen – anders konnte man es nicht nennen. Seine Kraft war aufgebraucht und eigenständig laufen war ein Unding.
      Alles weitere entzog sich Devons Erinnerung. Er sah nur noch Gänge und hörte so viel Krach, dass er nichts davon recht zuordnen konnte. Er bekam nicht einmal recht mit, wie sich der Himmel über ihm öffnete und Nachtluft seine Lungen füllte. Zwischenzeitlich war er wohl auch einmal geklettert, daran erinnern konnte er sich aber nicht mehr.

      Erst die vollkommene Stille und die erträglichere Temperatur ließ sein Bewusstsein wieder anspringen. Nach mehreren Anläufen registrierte Devon, dass sie in einem fremden Zimmer waren. Der Boden war vollgestellt mit Zeug und es sah so aus, als wäre man hier mit höchster Eile zu Werke gewesen. Seine Glieder waren von der Kälte und den Wunden noch immer steif, aber er konnte seinen Kopf soweit heben, dass er nicht mehr nur den Boden anstarrte.
      „Devon? Geht’s dir gut?“, fragte Tava, die vor ihm in die Knie gegangen war und seine Hand ergriffen hatte.
      Devon reagierte nicht umgehend darauf. Stattdessen nutzte er diesen Augenblick, um Tava eingehend zu mustern. Er hatte sie doch zu Malleus geschickt. Wieso zum Teufel war sie jetzt hier? Wieso hatte sie ihn aus dem Verließ geholt? Statt zu sprechen schüttelte er nur träge den Kopf. Nein, es ging ihm nicht gut. Er hatte Unmengen an Blut verloren, war für seine Verhältnisse unterkühlt und seelisch alles andere als in Ordnung.
      Hinter Tava bewegte sich ein weiterer Schemen. Im Halbdunkel brauchte der Lacerta einen Moment ehe er auch Malleus als solchen erkannte. Spätestens jetzt wurden seine Augen etwas klarer, als ihm bewusstwurde, dass es weder ein Traum noch eine Halluzination sein konnte.
      „…W… Wieso?“, war alles, was Devon sich geben konnte. Seine Stimme war ein Schleifen, so trocken waren seine Stimmbänder geworden.
      Mehrmals sah er von Tava zu Malleus und wieder zurück. Die eine hatte er wissentlich abgewiesen, den anderen hatte er für sich als erledigt abgetan. Und nun waren beide wieder hier und hatten ihn rausgeholt. Sie mussten gesehen haben, was er auf dem Marktplatz veranstaltet hatte. Wie er alles verloren hatte, was ihn ausgemacht hatte.
      In diesem Augenblick kam die Erinnerung wieder lebhaft zurück. Er sah die Haut wieder ausgerollt vor sich, fühlte das Leder und die Verzweiflung in seiner Hand und sich selbst. Tava und Malleus waren gekommen. Es war viel zu viel auf einmal.
      Mit seiner freien Hand bedeckte Devon seine Augen, als sie abermals zu brennen begannen. Noch immer schüttelte er wie einem Mantra gleich den Kopf, als er sich leicht krümmte und sein Körper zu beben begann. Während seine linke Hand heiß von seinen Tränen wurde, war seine Rechte sicher und geborgen in Tavas Hand gebettet.
    • Devon reagierte nicht sofort, aber zumindest wanderten seine Augen ein wenig über Tavas Gesicht. Es war mehr als in der Zelle, vermutlich hatte die kühle Nachtluft seinen Kopf etwas geklärt. Aber egal, wie sehr Tava sich auch anstrengte, sie konnte nicht erraten, woran er denken mochte. Sie konnte nicht die Antwort auf ihre Frage erwarten.
      Langsam schüttelte er dann doch den Kopf und Tava wusste nicht, ob sie erleichtert oder besorgt darüber sein sollte. Gut, dass er einschätzen konnte, wie es ihm ging, schlecht, weil er erkannte, dass es nicht gut war? Aufmunternd drückte sie seine Hand und neigte den Kopf auf die andere Seite.
      "Okay. Nicht schlimm, gar nicht schlimm. Wir päppeln dich wieder auf, okay? Es wird schon."
      Eine Bewegung hinter Tava ließ Devon ein Stück mehr aufschauen und sein Blick wanderte jetzt auch über Malleus' Gestalt, die sich hinter ihr leise raschelnd bewegte. Seine Pupillen waren dünn und seine Augen ganz glasig, während er den anderen Mann beobachtete. Die hellen Streifen auf seinen Wangen ließen ihn plötzlich traurig aussehen.
      "…W… Wieso?"
      Das war das erste Wort, das er überhaupt zu ihnen gesagt hatte, das erste Wort seit der Zelle und seitdem er sie in Oratis verlassen hatte. Tava spürte einen Funken Hoffnung, dass er seine Stimme gefunden hatte. Das war doch gut, oder? Er wollte mit ihnen reden?
      "Wieso? Weil wir uns um dich kümmern wollen. Wir helfen dir. Wir sind doch ein Team, oder? Wir haben dich, du musst nicht alleine sein."
      Reglos wanderte sein Blick zwischen Tava und Malleus hin und her. Hinter seinen Augen arbeitete es und sie wusste einfach nicht, was es war.
      Doch dann sank ihr Herz schlagartig zu Boden, als Devon sich endlich rührte und die freie Hand über seine Augen schob. Sie sah das Glitzern, bevor er es ganz verdecken konnte, und es traf sie wie der Schlag. Wieder schüttelte er den Kopf und als er sich nach vorne lehnte, um sich auf seinen Ellbogen zu stützen, zuckten seine Schultern. Der große, gekrümmte Körper fiel mit einem Mal in sich zusammen.
      "Oh, nein..."
      Bestürzt nahm Tava seine Hand fester und schob sich weiter vor, in dem Versuch, ihm wieder in die Augen sehen zu können. Aber er presste sich die Hand dagegen und schüttelte nur weiter vehement den Kopf, als wolle er das alles von sich abschütteln.
      Verzweifelt sah Tava zu Malleus, dann wieder zu Devon zurück. Sie wollte Devon nicht weinen sehen. Es zerriss ihr das Herz.
      "Nicht doch... Devon..."
      Langsam, aber bestimmt schob sie sich nach oben und auf seine Knie. Sie hielt seine Hand mit einer Hand fest, den anderen Arm legte sie ihm leicht über den Nacken und zog seinen starren Körper vorsichtig zu sich.
      "Nicht..."
      Sein blutverschmiertes Haupt legte sich an ihre Schulter, wo sie ihn weiter zu sich zog, bis sie ihn an ihrem Hals hatte. Zärtlich streichelte sie über eine unversehrte Stelle an seinem Rücken und senkte den Kopf, bis ihr Kinn auf seinem Kopf auflag. Etwas fester drückte sie ihn an sich.
      "Devon..."
      Sie begegnete Malleus' Blick und ließ ihren Blick vielsagend zur Decke schweifen. Devon war eiskalt.
    • Malleus ächzte unter dem Gewicht des Lacerta. Mit jedem Meter, den sie zurücklegten, drückte es schwerer und schwerer auf seine Schultern. Wenn Devon jetzt das Bewusstsein verlor, hatten sie ein gewaltiges Problem. Deshalb drängte er Tava zur Eile und trotzdem kamen sie Malleus nicht schnell genug voran. Der Schweiß perlte ihm über die Stirn und die Schläfen. Immer wieder geriert er auf dem unebenen Untergrund der Straßen von Touvanen ins Straucheln. Seine schmerzenden Rippen protestierten unter dem zusätzlichen Gewicht und Malleus war sich überdeutlich jeden Zentimeter von Devons Körper bewusst, der sich mangels eigener Kraft in seine Seite presste.
      Es war erstaunlich, dass sie es tatsächlich unentdeckt bis zum Gasthaus schafften. Hinter jeder Häuserecke und an jeder Kreuzung erwartete Malleus auf Widerstand zu treffen. Sie kamen nicht sonderlich schnell voran und waren somit leichte Beute für ihre potenziellen Verfolger. Die einzige Erklärung für ihn war, dass sich der Großteil der Soldaten noch im Tiefschlaf befand oder damit beschäftigt war, das Feuer im Herrschaftshaus in Schach zu halten. Egal, was es war, Malleus würde den Teufel tun und sich darüber beschweren. Am Gasthaus angekommen, biss sich Malleus auf die Zunge, als Tava hineinschlich um als Ablenkung ein weiteres Feuer zu legen. Der Zufall war einfach zu groß, dass nur wenige Minuten nach dem Brand im Herrschaftshaus an einer anderen Stelle in Touvanen ebenfalls ein Feuer ausbrach. Devons flache Atmung an seinem Ohr erinnerte ihn daran, dass sie für solche Bedenken keine Zeit hatten.
      Tava hatte ganze Arbeit geleistet und ihnen den Weg bereitet ohne dabei das ganze Gebäude abzufackeln. Die Treppe war die letzte Hürde, die es zu überwinden galt. Tava und Malleus zogen und schoben mit vereinten Kräften, bis sie den schwer verletzten Lacerta endlich in das gemietete Zimmer bugsiert hatten. Während Tava sich bereits ganz Devon widmete und sich vergewisserte, dass es dem Mann den Umständen entsprechend gut ging, versperrte Malleus gewissenhaft die Tür. Mit eiligen Schritten durchquerte er den Raum und verschloss auch alle Fenster. Prüfend rüttelte er an den Griffen und es raschelte leise, als er die Vorhänge zuzog, bis er die Lichtquellen der Straßenbeleuchtung völlig ausgesperrt hatte.
      "Okay. Nicht schlimm, gar nicht schlimm. Wir päppeln dich wieder auf, okay? Es wird schon."
      Malleus spähte ein letztes Mal durch einen kleinen Spalt in den Vorhängen und hielt unwillkürlich den Atem an, als er die aufgeregt plappernde Menschenmenge vor dem Gasthaus beäugte. Leises Murmeln drang vom Bett zu ihm herüber, doch er war darauf konzentriert etwas Verdächtiges auszumachen, dass ihnen gefährlich werden konnte. Eine im Fackelschein glänzende Silberrüstung, erhobene Speere und gezückte Klingen…
      "Wieso? Weil wir uns um dich kümmern wollen. Wir helfen dir. Wir sind doch ein Team, oder? Wir haben dich, du musst nicht alleine sein."
      Es gab nur einen einzigen Weg nach draußen, den sie mit Devon im Schlepptau überhaupt in Erwägung ziehen konnte, und dieser Fluchtweg konnte sich gleichzeitig als Todesfalle herausstellen: Die Treppe. Tava und Malleus hätten vielleicht ein Fenster nutzen können, vielleicht auch das Dach der gegenüberliegenden Scheune, aber Devon…? Sie saßen in der Falle, eingepfercht wie die Lämmer zur Schlachtba...
      "Oh, nein..."
      Der bestürzte Ton in Tavas Stimme wirkte wie ein Weckruf. Malleus‘ Blick schnappte von der Straße zurück zum Bett. Beim Anblick des Lacerta, der zusammengesunken wie ein Häufchen Elend auf dem Bett saß, spürte er einen eisigen Knoten hinter seinen pochenden Rippen. Dennoch blieb er wie angewurzelte stehen, als Tavas langsam, behutsam in den Schoß des zitternden Mannes kroch und ihn tröstend an ihren Leib zog. Beinahe zärtlich schloss sie Devon in ihre Arme, während dieser noch erfolglos versuchte seine Tränen zu verbergen. Malleus fühlte sich fürchterlich nutzlos bis er Tavas verzweifelten und traurigen Blick auffing.
      Die Decke. Natürlich. Die steifen Gliedmaßen, der Blutverlust, die Schmerzen, die Kälte…Malleus Gedanken überschlugen sich. Devon musste frieren nach den quälend langen Stunden in einem kalten, modrigen und feuchten Kellerverließ. Er ging zum Bett herüber und zog die Decke zu sich herüber. Mit einem sanften Rascheln schüttelte er etwas Staub aus der Wolle und hielt kurz inne. Seine Handschuhe hatten kleine, blutige Abdrücke darauf hinterlassen. Erst da wurde sich Malleus des unangenehmen Gefühls von verkrustetem Blut in seinem Gesicht und an seinem Hals bewusst. Es klebte in seinen Haaren, an seiner Kleidung...Das Blut von Soldaten, von Blaumänteln...von Devon.
      Es gab unzählige Wunden zu versorgen, doch während er mit einer befremdlichen Schwere in der Brust den stockenden und zittrigen Atemzügen des Lacertas und dem sanften Flüstern von Tava lauschte, beschloss er, dass sie noch einen Moment erübrigen konnten. Behutsam legte er die Wolldecke um Devons Schulter, immer mit Rücksicht auf die Speerwunden in seinem Rücken. Sie würden die Decke durch das ganze Blut ruinieren. Ein geringer Preis um dem trauernden Mann etwas Trost und Wärme zu spenden. Die Trauer, die schwer in der Luft lag, ging tiefer als körperlicher Schmerz oder die Qual der Erniedrigung.
      Malleus berührte Devon unendlich vorsichtig mit seinen verhüllten Fingerspitzen an der Schulter, legte seine Hand erst vollends darauf ab, als der Lacerta ihn nicht sofort abwies. Ein trauernder Devon schien ihm ebenso die Sprache zu verschlangen wie ein zorniger Devon. Für Tava hatte er mühevoll Worte hervorgeholt, um sie zu trösten, weil er ihre Tränen nicht ertragen hatte, doch Devon...? Der Lacerta wollte seine Worte nicht, was konnte er also tun? Malleus hatte nicht die Muße des gequälten Gesichtsausdruck zu kaschieren, nicht in diesem Moment. Was nützte ihm seine größte Gabe, wenn sie nicht gewollt war?
      Also blieb er dort stehen, etwas zu steif und ungewohnt unbeholfen, während seine Hand auf Devons bebender Schulter ruhte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Wir sind ein Team.

      Devon hatte nicht mehr die Beherrschung, sich zusammenzureißen. Tränen quollen zwischen seinen Fingern hindurch. Wie kam Tava nur auf die Idee, sie noch als Team zu bezeichnen? Er hatte ihr Gemeinheiten an den Kopf geworfen und sie weggeschickt. Und Malleus hatte nur Glück gehabt, dass Devon nicht mehr von seinem Zorn an ihm ausgelassen hatte. Es gab logisch betrachtet keinen einzigen sinnvollen Grund, wieso beide ihm gefolgt waren.
      Ohne eine Spur oder einen Hinweis.
      „Nicht doch… Devon…“
      Er wehrte sich nicht dagegen, als sich Tava ihm weiter entgegenschob. Noch immer hielt sie seine Hand eisern fest, ein Anker der Verlässlichkeit, den er nie verlieren können würde. Seine Gestalt rückte ein wenig nach hinten, um Tava Platz zu ermöglichen. Ihr Gewicht auf seinem Bein wäre ihm sonst wohl kaum aufgefallen, jetzt war er froh darüber, dass er stabil auf dem Boden aufgestellt war. Entgegen seiner sonst so reservierten Haltung ließ er sich jetzt sogar an Tava heranziehen.
      „Nicht…“
      Devons Kopf fand eine Schulter. Er wusste nicht, wann sich solch ein Körperkontakt jemals so angefühlt hatte. Nebst der erdrückenden Trauer fühlte er sich schuldig. Stand ihm nach der Aktion in Oratis das hier überhaupt noch zu?
      „Devon…“
      Seine Hand vor seinen Augen kam in Kontakt mit etwas Warmen und Weichem. Seine Finger zuckten, als der Geruch von Verbranntem und Tinkturen ihm in die Nase stieg. Die Hand, die dann zärtlich seinen Rücken streichelte und wie magisch bestimmt sämtliche Wunden der Speere ausließ, war so real wie das unkontrollierte Schnappen nach Luft von ihm.
      Devon hatte nicht gewusst, dass das hier gleichsam heilend und vernichtend auf ihn wirkte. Er spürte die Erleichterung aus dem Verließ befreit worden zu sein, eine gar tonnenschwere Last fiel von seinen Schultern, aber zeitgleich fühlte es sich an, als entrisse man ihm jegliche Kontrolle über sich selbst. Er fühlte sich unangenehm verletzbar, war es körperlich ja bereits, doch nun fühlte er sich bar seiner Seele. Aber ihm fehlte die Kraft, seinen Gefühlsausbruch zu verbergen. Er schaffte es einfach nicht mehr.
      Es raschelte und Schritte ertönten. Und dann wurde ihm eine Decke über den Rücken geworfen. Diese leichte Last genügte, damit der Lacerta vor Schmerz kurz zusammenzuckte und er die Hand von den Augen nehmen konnte. Dabei wischte er sich über das Gesicht und verschmierte die krustigen Spuren zu einer fremdartigen Maske. Der kurze Schock ließ die Tränen versiegen, aber die lähmende Kälte blieb. Eine Kälte, die auch nicht durch das kaum spürbare Gewicht einer behandschuhten Hand vertrieben werden konnte. Im Gegensatz zu Tava war Malleus ungewohnt still. Verräterisch still. Seine Stimme war nur im Verließ hörbar gewesen und die darin vergrabene kalte Wut hatte etwas in Devon berührt. Jetzt verlor der Mann keine einzige Silbe und dem Lacerta wurde schmerzhaft bewusst, dass er der Grund dafür war. Er, der dem Mann im Heiligtum eine falsche Zunge vorgeworfen hatte.
      Devon neigte den Kopf, damit sein Mund nicht von Tava blockiert wurde. Dabei traf seine Stirn auf ihre siedend heiße Haut. „Die J… Jäger sollten mich richten, nicht d-dich“, brachte er bruchstückhaft hervor und schluckte trocken, um seinen Hals zu befeuchten. „Ihr habt keinen Grund, hier zu sein.“
      Jedenfalls nicht nach dem, was er veranstaltet hatte. Sowohl Tava als auch Malleus mussten ihn am Stand gesehen haben. Andernfalls hätten sie kaum einen Hinweis darauf haben können, dass er in ein Verließ verschleppt worden war. Der erschütternde Gedanke daran wie er auf die beiden gewirkt haben musste, verschlimmerte das alles nur noch weiter. Fast geistesabwesend hob Devon seine freie Hand und legte sie blind auf die von Malleus, die hilflos auf der Schulter des Jägers ruhte. Dabei zog er gar nicht in Betracht, dass der Mann dies gar nicht wollen könnte. Es war einfach… natürlich.
      „Es waren Augen. Der Felitas hatte echte Augen eingelegt…“ Er schüttelte sich kurz bei der Erinnerung an die toten Augen, die ihn anklagend angesehen hatten. „Augen wie meine. Und im Wagen…“
      Die Finger auf Malleus Hand krümmten sich klauenartig.
      „Ich muss das Leder haben. Egal wie. Ich muss zurück und es holen. Ich kann nicht… Es geht nicht…“
      Er brach ab, als sich die nächste Erinnerung wie Säure durch seine Gedärme fraß. Wie absurd sich die Haut seines Freundes in seinen Fingern angefühlt hatte. Wie die ehemalige Person nur noch auf seine Haut reduziert worden war. Es machte Devon krank und fahrlässig.
    • Devon beruhigte sich nicht. Seine Schultern zuckten und er fuhr sogar zusammen, als Malleus ihm die Decke über die Schultern legte. Tavas Hilflosigkeit schmerzte sie dabei schon fast. Noch nie hatte sie Devon so erlebt und niemals wollte sie ihn wieder so erleben. Die breiten Schultern waren nicht dafür gemacht, so schwach zu beben.
      So drückte sie ihn einfach nur noch fester an sich und hob den Kopf genug, dass er sich an ihren Hals schmiegen konnte. Da regte Devon sich leicht, neigte den Kopf und presste einige stockende Worte hervor.
      „Die J… Jäger sollten mich richten, nicht d-dich.“
      Tava sah zu Malleus und ihre Blicke begegneten sich.
      „Ihr habt keinen Grund, hier zu sein.“
      Da sah sie wieder auf Devon hinab.
      "Du bist doch Grund genug."
      Er reagierte darauf nicht, aber ihm entkam ein zittriger Atemzug. Tava zog seine Hand in ihren Schoß, wo es warm war.
      „Es waren Augen. Der Felitas hatte echte Augen eingelegt…“
      Zuerst wusste Tava nicht ganz, was er meinte. Doch als Devon schon weitersprach, weiteten sich ihre Augen.
      „Augen wie meine. Und im Wagen…“
      Augen wie seine. Und im Wagen - was im Wagen? Was konnte dort so schlimmes verborgen sein, dass Devon den Satz nicht zu Ende brachte? Dass er sich brüllend auf die Soldaten gestürzt hatte, das Gesicht zu einer Grimasse verzogen?
      „Ich muss das Leder haben. Egal wie. Ich muss zurück und es holen. Ich kann nicht… Es geht nicht…“
      Ein weiteres Beben fuhr durch seinen Körper und Tava streichelte ihn beruhigend. Er wollte ein Leder haben, okay. Das schien ihm wichtig zu sein und deswegen würde es auch für Tava sein, aber vorher hatten sie andere Probleme.
      "Das können wir, aber nicht jetzt. Wenn wir da rausgehen, dann finden sie dich nur. Die sind jetzt völlig aufgebracht, weil irgendjemand ihr Verlies gesprengt hat."
      Ihr Versuch an Humor scheiterte, denn Devon rührte sich einfach gar nicht. Zumindest versuchte er aber auch nicht, sich von ihr zu lösen, was Tava zur Veranlassung nahm, ihn vorsichtig nach hinten zu drücken.
      "Leg dich erst hin, Devon. Du warst den ganzen Tag in dieser Zelle, du bist verletzt, du bist voll mit Blut und stinken tust du auch. Leg dich hin."
      Er ließ es zu, dass sie ihn aufs Bett dirigierte und die Decke mit sich zog, damit er sie nicht verlor. Er ließ zu, dass Tava seine Beine einsammelte, bis er wirklich lag, auch wenn das Bett etwas zu klein für seinen langen Körper war. Sie setzte sich zu ihm und suchte Malleus' Blick, der merkwürdig betroffen aussah, nachdem sie das Blut erwähnt hatte. Auch er hatte so einiges abbekommen und sah fast genauso schlimm aus wie Devon - aber Malleus war nicht verletzt. Er würde warten müssen, bis er sich von dem Blut bereinigen konnte.
      "Malleus, gib mir die Flasche am Fenster, das ist Schmerzmittel."
      Sie sah wieder zu Devon hinab.
      "Das trinkst du und dann mach ich dich sauber. Okay? Ich bin zwar kein Arzt, aber das krieg ich schon hin. Und dann schläfst du, ja? Wir holen das Leder, aber nicht heute. Ganz sicher nicht jetzt."
      Sie ließ sich von Malleus die Flasche geben und nötigte Devon dazu, ein paar Schlucke zu nehmen. Als sich seine Gesichtsmuskeln merklich entspannten, stand sie erst auf und ging ihren Alkohol suchen. Dabei begegnete sie Malleus, der so verloren aussah, als wüsse er nicht wohin mit sich.
      "Malleus."
      Er sah sie an.
      "... Wasser? Für das Blut?"
      Da reagierte er endlich und bewegte sich. Tava eilte zu Devon zurück und kletterte auf ihn.
      "Ich zieh dir das aus, okay?"
      Sie griff nach dem losen Fetzen, der sich einmal seine Tunika genannt hatte. Durchlöchert von Speeren, zerrissen von den Angriffen. Als sie den Stoff über seine Schultern streifte, zuckte er trotz des Schmerzmittels zusammen und seine Eisenschellen klapperten.
      "Malleus, die Fesseln."
      Zusammen befreiten sie Devon von sämtlichen Fesseln und Kleidungsstücken. Die Bewegungen ließen neue und alte Wunden aufreißen und befleckten das Laken und die Decke mit Blut. Tava verdonnerte Malleus dazu, frisches Blut wegzuwischen, während sie sich daran machte, Devon von dem alten, getrockneten Blut zu befreien. Der Wasserlappen war eiskalt und der arme Lacerta zuckte jedes Mal, während er die Wärme der Decke suchte.
      "'Tschuldigung. Dauert nicht mehr lang, ich hab's gleich."
      Eine Stunde lang war sie dabei, Devon aufwendig zu waschen und ihn schließlich mit dem Alkohol zu desinfizieren. Malleus reichte ihr die Verbände und sie brachte eine ganz gute Arbeit damit zustande, Devon darin einzuwickeln. Als sie erst fertig war, war er so erschöpft von der Tortur, dass er kaum mehr den Kopf heben konnte. Tava zog ihm mitfühlend die Decke zurecht und quetschte sich auf den engen Platz neben ihn, damit sie ihn in die Arme nehmen und an ihren Hals ziehen konnte. Dabei rollte sie sich um ihn herum zusammen, wie sie es immer tat, nur, dass es jetzt einen Mittelpunkt in ihrem Kreis gab: Devon.
      "Ruh dich aus. Wir holen schon noch das Leder. Wenn es draußen sicher ist."
    • „Die J…Jäger sollten mich richte, nicht d-dich.
      Devons brüchige Stimme, nicht mehr als ein leises Flüstern, wäre Malleus beinahe entgangen. Er fing Tavas Blick auf, die wohl für den Moment genauso wenig mit diesen Worten anfangen konnte, wie Malleus selbst. Da berührte etwas seine Hand mit eigenartiger Selbstverständlichkeit und seine Finger zuckten auf der Schulter des Lacerta. Devon hatte seine Hand genommen. Durch das dünne Leder sickerte die eisige Kälte der größeren Hand und Malleus unterdrückte den vertrauten Impuls, seine Hand fortzuziehen. Er hatte diese Hürde für Tava überwinden können, er würde es auch für Devon tun können. Die auf den ersten Blick unscheinbare Berührung stand dabei in solchem Kontrast zu den eher harschen und fordernden Berührungen, den Bissen und der beinahe rohen Gewalt, die zwischen ihnen stattgefunden hatte, dass Malleus‘ Augen sich von der überraschenden Geste weiteten. Seine Mundwinkel zuckten zu einem wehmütigen Lächeln und seine beinahe tiefschwarzen Augen schimmerten, als er endlich verstand, was Devon versuchte ihm zusagen. Er wusste nun um die Bedeutung der hasserfüllten Worte, die Devon ihm mit solcher Abscheu entgegen geschmettert hatte. Zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr in dieses winzige Zimmer durchbrach Malleus‘ Stimme die Stille zwischen Tavas und Devons Worten.
      „Nicht. Ich bin sicher, ich habe alles getan, um es zu verdienen“, antwortete Malleus mit gesenkter Stimme. Sie war ein weiches, dunkles und - vor allem anderen - versöhnliches Flüstern, als könnte eine einzige falsche Nuance in den Silben weiteren, irreparablen Schaden anrichten. Mit größer Vorsicht drücken sich seine Fingerspitzen in die versteifte Schulter des Lacerta, immer mit Bedacht auf seine Wunden. Es war ein stilles Friedensangebot, für das er keine Worte fand. Vergeben und vergessen.
      Die Bruchstücke, die Tava und Malleus nun durch ihren geretteten Gefährten erfuhren, eröffneten lediglich ein lächerlich winziges Ausmaß der Grausamkeit, die um Touvanen herrschte. Malleus‘ Finger krümmten sich um Devons, als er davon berichtete und sich die eisigen Finger klauenartig an seine Hand klammerten. Es war der einzige Trost, mit dem der Kultis dienen konnte. Wäre der Moment nicht unpassender gewesen, hätte Malleus beinahe darüber gelacht, wie nutzlos seine Stimme geworden war. Wenn Amentia und seine Anhänger ihn so sehen könnten…
      „Ich muss das Leder haben. Egal wie. Ich muss zurück und es holen. Ich kann nicht… Es geht nicht…“
      Malleus‘ Miene verdunkelte sich, während Tava beruhigend mit Devon sprach und zwar begriff, dass etwas an diesem Leder unsagbar wichtig für Devon war, aber in Malleus‘ Augen die eigentliche Bedeutung dahinter nicht verstand. Und fürs Erste, war das gut so, denn die Fürsorge der Cervidia schien Devon nicht nur einfach gut zu tun. Sie schenkte ihm einen unbezahlbaren Halt, der mit keinem Gold der Welt aufzuwiegen war. Währenddessen flüsterten Malleus’ Gedanken unaufhörlich, drehten sich und blieben niemals still. Die Augäpfel spiegelten nur einen kleinen Teil des Horrors wieder. Das Leder, die Haut eines Lacertas, hatte sich der profitgierige Händler für ganz besondere Kundschaft aufgehoben. Nur hatte er an diesem Tag nicht mit Devon gerechnet. Malleus zweifelte keine Sekunde daran, dass seine Vermutung der Wahrheit entsprach. Ganz von allein wurde sein Griff um Devons Hand fester.

      Die Stunde, die danach folgte, war geprägt von Tavas sanfter Stimme, den schweren Atemzügen von Devon und dem erstickenden und allgegenwärtigen Geruch von Blut. Immer wieder riss Tava ihn aus seinen Gedanken, die einfach keine Ruhe geben wollten. Wann immer sein Blick zu den Fenstern abschweifte, er scheinbar abwesend auf eine drohende Gefahr lauschte, holte die Cervidia ihn zurück. Malleus konzentrierte sich auf die Fesseln, während Tava den Verletzten auszog und sich um die Wunden kümmerte. Vorsichtig setzte er sich auf die schmale Bettkante und legte nacheinander Devons Hände in seinen Schoß. Mit ausreichendem Licht machte er mit den Schlössern kurzen Prozess. Nachdem er die gelösten Fesseln ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen auf dem Boden ablegte, drückte er seine Fingerspitzen behutsam in die kühlen Handflächen, rieb über schmutzige Finger, steife Muskeln und Knochen, um den Blutfluss anzuregen und Wärme zurück in seine eiskalten Finger zu bekommen. Malleus nahm auch Devons Handgelenke in Augenschein. Sie waren gerötet, die Haut gereizt von den Abschürfungen verursacht durch unnachgiebiges, kaltes Eisen. Im Vergleich zu seinem Rücken war es nicht der Rede wert, doch Malleus schenkte den Schürfungen die gleiche Sorgfalt wie Tava den Speerwunden. Er reinigte sie unter Tavas Anleitung und wickelte ein hauchdünnes Stück der Verbände darum. Als er die Knoten an den Handgelenken behutsam festzog und von Tava ein Tuch in die Hand gedrückt bekam, um frisches Blut fortzuwischen, war es endlich still in seinem Kopf.
      Malleus stellte die Schüssel mit schmutzigen Wasser und blutgetränkten Verbänden fort, als Tava ihr Werk vollendet hatte. Sie hatte ganze Arbeit geleistet. Ohne die Tava wäre nichts von all dem möglich gewesen. Niemals wären sie soweit in die Verliese vorgedrungen. Niemals hätte er Devon alleine bis hierherschleppen können, ohne, dass Tava den Weg dafür bereitete. Sie hatte Devon das Leben gerettet auf mehr als nur eine Weise. Und sie hatte Malleus gerettet, bereits Tag zuvor. Vor den Schatten in Oratis gerettet, die sich über ihn gelegt hätte, wäre er dortgeblieben. Ein warmes und für Malleus schwer greifbares Gefühl breitete sich in seiner Brust aus, als Tava sich schützend um Devons großen und gebeutelten Körper krümmte, als könnte sie ihn damit von der Welt da draußen abschirmen. Eine ganze Weile beobachtete Malleus sie, Tava und Devon, auf dem viel zu kleinen Bett, dass kaum für einen Lacerta dieser Größe ausreichte. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass Malleus lächelte. Ein kleines, aber erleichtertes Lächeln. Er ignorierte das lästige Brennen in seinen Augen, als er sich umwandte und mit einer Schale frischem Wasser endlich das Blut aus seinem Gesicht, seinen Haaren und seinem Hals wusch. Einen Finger nach dem anderen zupfte er die Handschuhe von seinen Fingern und tauchte auch seine Hände in das eiskalte Wasser. Er achtete darauf selbst den kleinsten Blutspritzer zwischen den Fingern sogar unter den Nägeln, der einen Weg unter das Leder gefunden hatte, zu entfernen. Danach reinigte er in gewohnter Manier die Lederhandschuhe. Als er das blutbesudelte Hemd achtlos zu Boden fallen ließ und sich ein neues überstreifte, war auf seinem Körper ein Tröpfchen Blut mehr zu finden.
      Es zeugten keine Spuren mehr von dem Mann, der in dieser Nacht kaltblütig zwei Männer ermodet hatte.
      Aus einem der Schhränke, löchrig durch hungrige Holzwürmer, zog Malleus eine zweite Decke und ließ den Blick anschließende durch den Raum gleiten. Kein Stuhl, kein zweites Bett. Nur der harte Dielenboden zu seinen Füßen. Malleus sah zum Bett herüber und fasste den Entschluss, dass Tava und Devon eine zweite Decke mehr nötig hatten als ein Mann, der kaum mehr als drei oder vier Stunden schlief. Er ging auf das Bett zu und warf die Decke über die beiden engumschlungenen Gestalten und von dieser Deck bekam auch Tava etwas ab. Bevor er sich gänzlich weider aufrichtete, legte er eine Hand an Tavas Gesicht, ließ den Daumen sanft über ihre Wange streicheln.
      Malleus beugte sich noch weiter vor, stützte sich mit der freien Hand am Kopfgestell des Bettes ab und drückte seine Stirn in einer vertrauten Berühung an Tavas, so nah, dass sie dieselbe Luft atmeten. Es war ein Balanceakt, ein zermürbender Kampf gegen Instinkte, Erfahrung und einem Muskelgedächtnis, dass jederzeit drohte sofort in den Fluchtmodus zuschalten.
      "Du hast ihn gerettet. Ohne dich hätte das niemand geschafft", murmelte er.
      Und während seine Hand immernoch an Tavas Wange ruhte, bestätigend und sanft, neigte er den Kopf zu Devon bis er die kühle, klamme Stirn unter seiner, Braue an Braue, und die erschöpften Atemzüge spürte, die seine Wange streifte. Seine Augen waren halbgeschlossen, der Griff seiner Finger um das Bettgestell verkrampft.
      "Es tut mir leid."

      Dein Verlust. Dein Schmerz. Weil wir nicht schnell genug waren.
      Weil ich der Grund für dein Weggehen war. Weil ich ohne Tava niemals
      diesen Weg gegangen wäre. Weil ich ein Feigling bin.
      Weil du jetzt tot sein könntest...oder Schlimmeres.
      Weil ich einen Fehler gemacht habe.


      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Devon hatte gerade keinen wirklichen Sinn mehr für Richtig oder Falsch, abgebracht oder völlig sinnlos. So viele Zusammenhänge rannen ihm durch die Finger oder entzogen sich seines Verständnisses, sodass er wirklich nach draußen marschiert wäre, sobald es ihm besser ging, um das Leder zu beschaffen. Dass die Stadt in Aufruhr war und vor dem Gasthaus sich schon Ansammlungen bildeten, reichte gar nicht bis zu seinen Gedanken. Alles, was seine Gedanken prägte, waren die Augen, die Haut, die Wärme, die Worte.
      Seine Gedanken wurden auch nicht weiter angetrieben, als sich Tava von ihm löste und die Wärme gleich mit sich nahm. Er fühlte sich genötigt, der Wärme folgen zu wollen, aber sie legte ihre Hände an seine Schultern und drückte ihn zurück. Hätte sie nicht eine Erklärung hinter ihrer Tat gesprochen, hätte Devon es als direkte Ablehnung aufgefasst. Ein Teil von ihm tat es auch, aber er befolgte die Aufforderung und ließ sich schwerfällig nach hinten sinken. Das Bett ächzte unter seinem Gewicht, als er sich so legte, dass nur noch seine Füße über die Matratze hinausragten. Sein ganzer Körper schmerzte und brannte und wog schwer in diesem viel zu kleinen Bett. Die Kälte des Lakens fraß sich durch seinen Rücken und er begann aufs Neue zu zittern.
      „Das trinkst du und dann mach ich dich sauber. Okay? Ich bin zwar kein Arzt, aber das krieg ich schon hin“, sagte Tava und Devon gab ihr lediglich ein schwaches Nicken. Mehr bekam er nicht in seinem aktuellen Zustand zusammen. „Und dann schläfst du, ja? Wir holen das Leder, aber nicht heute. Ganz sicher nicht heute.“
      Du solltest mich nicht säubern müssen. Lass das. Gib mir einfach das Mittel und die Decke und das reicht. Wirklich… Mehr muss es nicht sein…
      Da befiel Devon neben all den Schmerzen eine neue Form der Sorge. Seine Augen weiteten sich marginal, als Malleus die besagte Flasche organisierte. Er sollte schlafen? Das ging nicht. Er hatte in der Zelle auch ständig dagegen angekämpft, einzuschlafen. Mit diesen Wunden und der Kälte einzuschlafen bedeutete nur, dem Tod schneller in die geöffneten Arme zu laufen. Nein, wenn er starb, dann nicht im Schlaf. Wenn er es jetzt machte, dann würde er einfach übertreten, dessen war er sich sicher. Seine Finger zuckten unkontrolliert, als er nach etwas von Tava suchte, um sich festzuhalten. Er zog das Kinn an in dem Versuch, sich doch wieder aufzurichten, aber da war Malleus mit dem Mittel schon da.
      Der Blickaustausch zwischen Devon und Tava war nur von kurzer Dauer. Schnell ließ er sich etwas von der bitteren Medizin geben, doch es bedurfte Tavas bestimmter Hände, damit er sich nicht erneut aufzurichten versuchte. Seine müden Augen hatten sich auf die Cervidia geheftet, so als traute er sich nicht, sie aus den Augen zu lassen. Als wäre das alles schon längst der Traum des Überganges, während er noch immer in der Zelle hing und sein Herz die letzten Schläge tat.
      Schließlich wurden Devons Lider schwer. Der Schmerz, der allgegenwärtig war, verflog mit jeder Sekunde, die das Mittel bekam, um seine Wirkung zu entfalten. Eine bleierne Schwere ergriff seinen gesamten Körper, lähmte Glieder und Geist gleichermaßen. Er konnte Tava nicht davon abhalten, aufzustehen, obzwar sein Herz einen erschrockenen Sprung machte.
      Kurz darauf war sie aber wieder zurück. „Ich zieh dir das aus, okay?“, fragte sie den Lacerta, der nur eine kaum wahrnehmbare Bestätigung von sich geben konnte.
      Lass es einfach, wo es ist… Das sieht alles sicherlich schrecklich aus. Viel zu viel… Fleisch.
      Während Tava sich Mühe gab, die Fetzen möglichst sanft von dem geschundenen Körper zu ziehen, war Devon gar nicht mehr bewusst gewesen, dass er seine Fesseln noch trug. Die Kälte des Eisens war nahezu identisch mit jener an seinen Händen. Umso drastischer fiel ihm die Berührung auf, als Malleus sich zu ihm gesetzt und seine Hand ergriffen hatte. Selbst die Handschuhe fühlten sich wärmer als seine eigene Haut an, aber es waren die Beine, auf die seine Hand gebettet wurden, die sich unsagbar warm und weich anfühlten. Tausendmal besser als das Bett, in dem er gerade lag. Die Lider sanken bis auf einen winzigen Spalt zusammen, während Malleus ihm die Schellen abnahm und Tava Wundversorgung betrieb. Wie lange das alles dauerte, konnte er nicht bestimmen.
      Er hat das schon einmal so sanft getan. Unten, in der Zelle. Er war so… eiskalt und sanft zugleich. Genau darin liegt doch Schönheit…
      Irgendwann bemerkte Devon eine Veränderung, nämlich als die kalten Lappen nicht mehr kamen und sich keine zwei Handpaare mehr über seinen Körper hermachten. Es umfing ihn eine trügerische Ruhe, geschuldet durch die Schmerzmittel, die noch immer das Pulsieren der Wunden an seinem Rücken unterdrückten. Wärme und Beweglichkeit waren in seine Hände zurückgekehrt, sodass er eigenmächtig die Decke ein winziges Stückchen zurechtziehen konnte. Und dann wackelte das Bett erneut, nur damit ein paar Sekunden später Wärme an seinem Körper explodierte. Er erstarrte zunächst, kaum merklich, weil er sich sowieso kaum noch bewegt hatte. Aber er wagte es nicht, Tavas Entscheidung auch nur im Geringsten zu gefährden. Stattdessen wurde Devon zum ersten Mal wirklich weich, als sich Tava um ihn rollte und leise flüsterte: „Ruh dich aus. Wir holen schon noch das Leder. Wenn es draußen sicher ist.“
      …Wir holen seine Haut. Okay. Wir gehen nicht ohne. Wir holen ihn. Dieses Mal werde ich nicht allein gehen.
      Wenn es draußen sicher ist? Es gab keinen solchen Moment. Draußen war man niemals sicher. Nicht, wenn man ein Lacerta war. Jeder Schritt, jedes Wort und jeder Blick waren ein Risiko, dass man einging. Da gab es keinen Akutfall, jedenfalls nicht in Devons eingeschränkter Wahrnehmung. Schwerfällig bewegte er seine Hände bis seine Finger auf einen Körper trafen, der nicht der seine war. Fingerspitzen drückten sich sanft hinein in dem Versuch, etwas Zuneigung aufzubringen. Aber seine Muskelkraft war zu erschöpft. Trotzdem sank die Wärme, die Tava mitbrachte, tief in den Körper des Lacertas ein. Sie ergoss sich förmlich über Haut, in Muskeln und Knochen bis zu seiner geschundenen Seele. Dies war eine Art der Wärme, die weder künstlich erzeugbar noch greifbar war.
      Es war genau die Art von Wärme, die Devon spüren ließ, dass er genau hier gerade angekommen war.
      Durch seine einen Spalt weit geöffneten Augen spähte er auf Tavas Kopf hinunter. Dieses Mal verspürte er nicht den Drang, sie von sich zu weisen oder sich gar unwohl zu fühlen. Jedoch blinzelte er, als sich eine Gestalt hinabbeugte und er einen Moment benötigte, ehe er Malleus in die Gleichung einfügte. Nicht, dass er ihn vergessen hatte, aber der Mann war noch immer derart außen vor gewesen, dass sein Erscheinen noch immer erstaunlich auf den Jäger wirkte.
      Ja, wirklich… Erstaunlich.
      „Du hast ihn gerettet. Ohne dich hätte das niemand geschafft“, hörte Devon Malleus flüstern und war dankbar für seine unglaublich scharfen Sinne. Malleus musste sich auf das beziehen, was im Verließ geschehen war. Eine großartige Tat, die im Duft nach Feuer und Asche resultiert hatte.
      Und dann war da eine glühend heiße Stirn an seiner eigenen und Devons Atemzüge wurden unregelmäßig. Mit aller Macht hob Devon seine Lider ein kleines Stückchen mehr, doch alles was er zu sehen bekam, war ein dunkler Wimpernkranz, der fast nahtlos in die umgebende Haut überging.
      „Es tut mir leid.“
      Devons Kiefermuskeln verspannten sich und die ohnehin schon unregelmäßigen Atemzüge wurden kürzer. Eine einzige Frage kreiselte immer und immer wieder in seinem Kopf. Ein kleines Wort mit viel zu vielen Antwortmöglichkeiten: Was?
      Aber Devon schaffte es nicht, die Frage zu verbalisieren. Die Kraft, mit der er seine Augen offen gehalten hatte, versiegte und die allumfängliche Dunkelheit kam immer näher, umhüllte ihn, schluckte ihn. Bis er am Ende den Kampf gegen sie verlor und in die Bewusstlosigkeit abdriftete.


      Als ich meine Augen öffne sehe ich nur Grün vor mir.
      Ich verharrte nah am dunklen Boden, der bedeckt von Wuchs und Laub ist. Der typische, modrige Geruch von zerfallendem Laub steigt mir in die Nase, während ich konzentriert weiter geradeaus starre. Die Temperatur und die Luftfeuchte sind so hoch, dass meine Haut ganz klamm ist und Kondenswasser von meiner Nasenspitze tropft. Überall um mich herum knackt es, rauscht es, lebt es. Über mir schließen die Kronen von riesigen Bäumen den Himmel aus und das Licht hier unten ist fleckig. Aber das Klima sind wir gewohnt. Unsere Aufgabe jedoch nicht.
      Ich packe meinen Speer fester, als es einige Meter vor meiner rechten zu knacken beginnt. Dann kommt ein Stampfen, der Boden erzittert unter meinen Füßen. Er ist nah, das weiß ich. Ich fühle ihn. Meine Anspannung steigt, mein Puls will rasen, aber ich zwinge mich, ruhig zu atmen. So, wie wir es gelernt haben.
      Meine Augen springen zur Seite. Zwischen den kräftigen Baumstämmen schiebt sich etwas hindurch. Groß wie ein Elefant und massig. Auf allen Vieren bewegte sich das Wesen durch den Wald, von Kopf bis Krallen geschuppt. Das Grün der Schuppen leuchtete in zahllosen Nuancen, zum Bauch hin wurden sie cremefarbend und weicher. Es ist das erste Mal, dass ich einen echten Drachen sehe. Einen ohne Flügel oder Flammen. Er sieht aus wie eine zu groß geratene Echse, ein Krokodil, das sich langsam auf Stummelbeinen durch den Wald schleppt. Ein eigentlich harmloser Walddrache. Immer wieder schnellt seine Zunge hervor und mir bricht der Schweiß aus. Schmeckt er etwas? Ahnt er etwas?
      Dann ist der Drache an mir vorbei und ich kann den kurzen Schwanz sehen, der in einer todbringenden Spitze mündet. Ich starrte ihn an. Fasziniert. Abgeschreckt. Nervös.
      Und dann höre ich einen Zischlaut, der nicht vom Drachen stammt. Mein Körper reagiert wie von selbst, antwortet nur dem einen Signal, das wir uns fest eingebläut haben. Ich packe den Speer fester und springe aus meinem Versteck. Der Drache hat es auch gehört und fährt herum, sieht mich. Unsere Blicke treffen sich.
      Augen wie meine.
      Oder nicht?
      Der Drache schnappt nach mir. Hastig werfe ich mich zur Seite, ungalant, unerprobt. Ich pralle gegen einen Baum und robbe sofort weg, obwohl ich Sternchen sehe. Es kracht, als der Baum durch eine Klaue zersplittert. Mit aufgerissenen Augen starre ich die Krallen an, die sich in den Holzstamm graben. Da, wo ich hätte sein können.
      Das war eine furchtbare Idee. Wir sind nicht bereit. Ich bin es nicht. Ich kann das nicht. Ich bin zu jung. Ich muss mehr –
      Der Drache kreischt auf und ich halte mir vor Schreck die Ohren zu. Mein Speer fällt mir aus den Händen. Mein Blick hebt sich. Da. Am Nacken des Drachen. Da...
      „ᎷᏗፈᏂ ᏕፈᏂᎧᏁ!“
      Er reißt mich aus meiner Starre. Blitzschnell greife ich nach dem Speer am Boden, während sich der Drache windet, um den Gegner in seinem Nacken zu bezwingen. Ich stelle mich auf, visiere mein Ziel an. Ich warte den Moment ab, als der Drache seinen Gegner halb abschüttelt und seinen Hals streckt. Als der Drache nach seinem Peiniger schnappt, stoße ich vor. Ich weiß, wohin ich zielen muss. Ich weiß, wie viel Kraft ich nehmen soll. Also lege ich alles was ich habe in diesen Stoß und treibe die Speerspitze tief in seine Kinnunterseite. Mit dem Aufschreien seines Peinigers kreischt auch der Drache und entreißt mir den Speer. Ich taumele nach vorn, während mein Partner auf dem Waldboden aufschlägt. Der Drache schüttelt sich, erkort sein neues Ziel aus: Mich.
      Wieder schießt der Drachenkopf vorwärts, sein Maul aufgerissen, dutzende unterarmlange Zähne strahlten mich an. Ich reiße die Arme hoch, versuche, rückwärts zu fliehen. Und dann schießt ein Schmerz durch meine Schulter, als ich in die Knie und in den Boden gedrückt werde. Hitze schlägt mir entgegen, ich kneife die Augen zusammen. Rechne mit dem Ende.
      ….
      Das nicht kommt.
      Mein linker Arm wird ganz warm. Ich zittere, als ich meine Augen öffne und nur Dunkelheit sehe. Es ist heiß um mich herum und stinkt brutal. An meinen Knien stößt etwas Heißes und Weiches an. Ich senke meinen Blick, schwer atmend, und halte ein. Das ist eine Zunge. Eine echte, weiche Zunge. Ganz langsam schaue ich mich um.
      Ich bin eingeklemmt zwischen Zähnen und dem Boden. Der Drache wollte mich fressen und hat es nicht. Seine Zähne graben sich in den Waldboden und als ich nach vorn sehe, entdecke ich meinen Speer, der durch die Maulhöhle das Gaumendach perforiert hatte. Der Drache hat sich den Speer selbst durch den Schädel gerammt.
      „เรђเɭเՇ, ɭє๒รՇ ๔ย, ๓єเภ ๒гย๔єг?!“
      Als ich ihn draußen höre, sacke ich ein Stück weiter in mich zusammen. Ich versuche, meinen linken Arm zu heben und zucke zusammen. Dann hebe ich den rechten und versuche, das Maul irgendwie zu bewegen. Zusammen mit der Hilfe von Draußen schaffen wir einen Spalt, durch den ich mich nach draußen quetschen kann.
      Kaum kann ich frische, feuchte Luft atmen, wird mir anders zumute. Ich falle auf die Knie und rolle mich herum, um den Drachen anzusehen. Ein so einfacher Speer hat ausgereicht, damit er stirbt. So schnell geht es also. So schnell kann man etwas töten, das so viel größer und mächtiger als man selbst ist.
      Neben mir lässt sich єรςђ๏ɭ๏ภ nieder. Mit großen Augen sehe ich ihn an, dann seinen linken Arm. Der Drache hat ihn am Arm erwischt. Seine Haut ist aufgerissen und sein Arm blutüberströmt. Aber er ist noch dran. Er hat es geschafft. Wir haben es geschafft.
      „๔єเภ รςђยɭՇєг. คɭɭєร เภ ๏г๔ภยภﻮ?“, fragte er und ich nickte abgehackt.
      Ich fühle mich schlecht. Ich fühle mich gut. Ich bin aufgekratzt und enttäuscht zugleich. Ich habe nichts getan, er war es. Ich konnte den ersten Schritt nicht tun. Ich war ihm gefolgt. So, wie er immer die Führung übernahm.
      Also nickte ich als er mit seiner blutigen Hand und mit schmerzverzerrtem Gesicht genau auf die Wunde meiner Schulter packt. Ich zucke zusammen, weigere mich aber, zu weichen. Das hier war eine Ehre. Wir beide haben Wunden erlitten. Kampfesspuren. Selbst, wenn ich den Kampf nicht geleitet habe. Es ist mein Speer, der im Rachen des Drachen steckt. Wir haben das zusammen geschafft.
      Also berappe ich mich zu einem Lächeln. Einem zuversichtlichen Lächeln.
      Denn jetzt hatten wir es geschafft. Ab jetzt dürfen wir uns auch Jäger nennen.

      "ᎷᏗፈᏂ ᏋᏕ ᏝᏗᏁᎶᏕᏗᎷ. ᏁᎥፈᏂᏖ ᏕᎧ ᏕፈᏂᏁᏋᏝᏝ. ᎴᏬ ፚᎥᏖᏖᏋᏒᏕᏖ ᏉᎥᏋᏝ ፚᏬ ᏉᎥᏋᏝ!"
      Unter meinen Fingern zuckt sein Körper. Seine Haut glitzert vor Schweiß und Blut verkrustet seinen Arm abwärts. Das Feuer, das wir entzündet haben, brennt zu meiner Seite, als ich die Haut oberhalb seines Schlüsselbeins straff ziehe. Die Spitze des Messers glüht leicht rot, als ich es abermals ansetze und nur eine Linie schaffe bevor er scharf einatmet und ich aufhören muss. So geht das seit einigen Minuten.
      "ᎥፈᏂ ᏂᏗᏰᏋ ᎴᏗᏕ ᏁᎧፈᏂ ᏁᎥᏋ ᎶᏋᎷᏗፈᏂᏖ. ᏇᏗᏕ ᏋᏒᏇᏗᏒᏖᏋᏕᏖ ᎴᏬ ᏉᎧᏁ ᎷᎥᏒ?", frage ich ihn und schüttle meine Hand mit dem Messer aus.
      Er sieht mich an, sein Gesicht kreideweiß. Aber in seinen roten Augen brennt das Feuer. Der Stolz und der Schmerz. Unser Volk. Auf seiner Haut stehen genauso wenig Geschichten geschrieben wie auf meiner. Seine nachtschwarzen Haare verschwimmen mit dem Hintergrund, wodurch seine roten Augen noch eindrucksvoller wirken. Ich hätte auch gern so dunkle Haare gehabt. Er ballt eine Faust und schlägt sie sich gegen das Herz. Ich beiße die Zähne zusammen und imitiere ihn. "ᏁᎧፈᏂ ᏋᎥᏁᏋ ᏝᎥᏁᎥᏋ. ᎴᏗᏁᏁ ᎥፈᏂ."
      Wir sind allein. Nur das Feuer, die Nacht und der Schmerz begleiten uns. Ich setze die letzte Linie und begutachte mein Werk. Der Speer ist viel zu zittrig und nicht sauber. Die Haken darum nicht geradlinig. Aber man erkennt es. Und es wird ewig auf seiner Haut stehen.
      Ein bisschen stolz reiche ich ihm das Messer und setze mich aufrecht hin. Ich verschränke die Finger in meinem Schoß während er die Klinge im Feuer erneut erhitzt. Damit die Geschichte auch nicht ausbleichen wird. Immerhin sind wir jetzt Jäger. Wir haben die Prüfung bestanden. Er und ich, wir sind jetzt Brüder, bis dass die drei Jäger uns erlegen würden.
      "ᏰᏋᏒᏋᎥᏖ?"
      "ᏠᏗ."
      Ich halte die Luft an, als er die glühende Klinge aus dem Feuer zieht und seine Finger an meine Brust legt. Ich halte die Luft an, als er sich bereitmacht.
      Trotzdem schreie ich, als die Klinge in meine Haut schneidet und er beginnt, die Geschichte zu erzählen.


      Ein Keuchen entfuhr Devon, als er plötzlich aus seinem Traum aufschreckte. Seine Augen sprangen fahrig umher, während sich sein Geist langsam daran erinnerte, wo er und was geschehen war. Seine Atmung war flach und hektisch. Fahrig ging seine Hand zu seiner Brust, wo er nur Verbände spürte. Aufgewühlt suchte er oberhalb seines Herzens nach dieser einen Stelle, die er nicht finden würde. Nicht unter den Verbänden und nicht unter seinen Fingern. Dafür hatte er schließlich selbst gesorgt.
      Ihm war warm, viel wärmer als noch vor Stunden. Aber der Raum war noch dunkel, durch die Vorhänge drang ein schwach violettes Licht. Sonnenaufgang, wie er befand und er spürte, wie sein Verstand sich aus der Starre des gestrigen Tages zu lösen begann.
      Womöglich lag das auch an Tava, die noch immer um ihn herum eingerollt lag und sich scheinbar kaum bewegt hatte. Devon hob marginal den Kopf und entdeckte die Hörner, die zu ihr gehörten. Seine andere Hand lag noch immer an ihrem Rücken und er konnte sich nicht davon abhalten, die Finger zu krümmen und ihren Rücken leicht zu streicheln. Als Reaktion darauf igelte sie sich noch ein wenig weiter ein.
      „Du bist paranoid“, flüsterte Devon dann unverwandt in die Dunkelheit hinein. Er musste sich weder umsehen noch infrage stellen, ob Malleus schlief. Er tat es nicht. Dafür war seine Atmung, die der Lacerta leise hören konnte, nicht gleichmäßig und entspannt genug.
      Die Schwere hatte sich tief in seinem Magen abgesetzt und nahm ihm jeglichen Appetit. Überdeutlich spürte er, wie entkräftet sein Körper war und doch fühlte er sich besser als gestern. Wahrscheinlich wirkte Tavas Mittel einfach immer noch nach.
      Er ließ den Kopf wieder in das Kissen sinken und schloss die Augen. Seine Erinnerungen an den Vortag waren lückenhaft, aber die Fetzen, an die er sich erinnerte, waren scharf abgebildet. So wie beispielsweise Malleus‘ Gesicht, das mit dunklen Sprenklern übersäht gewesen war. Von denen Devon wusste, dass es Blut war. Er hatte die Todesgeräusche noch immer präsent und die Lache vor den Augen. All der Tod ließ ihn erschreckend kalt, angesichts der Tatsache, dass er seinen Freund in einer Hand gehalten hatte. Malleus hatte in der Zelle lediglich Devons Wunsch ausgelebt, mehr nicht. Und dabei beschlich den Jäger ein seltsamer Anflug von Stolz.
      „Ich versteh dich nicht. Wenn meine Worte in Oratis gestimmt hätten, wärst du dort geblieben. Wenn sie falsch gewesen wären, wärst du dort geblieben. Stattdessen bist du hier“, fügte er leise hinzu und versuchte darauf zu achten, Tava nicht zu wecken. Tava hatte es ihm gesagt, gezeigt. Sie hatte ihm schon damals in Oratis deutlich gemacht, dass sie wirklich an ihm hing. Dass seine Skepsis und Misstrauen nicht mehr angebracht waren. Obwohl er dies insgeheim gewusst hatte, hatte er es willentlich ignoriert und sie verletzt. Das fiel ihm jetzt als schwerwiegender Fehler auf. Aber Malleus? Malleus hatte maßgeblich beigetragen, Devon zu befreien. Nicht ein einziges Wort hatte der Mann dahingehend verloren. Die Frage nach dem Wieso blieb und warf in dem Jäger ungewohnte Emotionen auf. Unruhe. Ratlosigkeit. Unsicherheit.
      „Ich habe dir eine falsche Zunge vorgeworfen. Du setzt deine mächtigste Waffe nicht ein. Du kannst mich nicht wie Tava anfassen. Also setz das ein, was du am Besten kannst, Malleus“, murmelte Devon, seine Brust rumpelte bei den tiefen Tönen. Wo sein Körper vor Stunden noch angespannt war und gezitterte hatte, war er nun weitestgehend entspannt. Auch die Finger oberhalb seines Herzens waren zur Ruhe gekommen und lagen still auf seiner noch immer pochenden Brust.
    • Malleus bezeugte die Geburt eines neuen Tages als stummer Beobachter. Zu seinen Füßen erwachte Touvanen nach einer unruhigen Nacht zum Leben. Über den Dächern der Häuser stiegen in der Ferne noch die letzten Überbleibsel dünner Rauchsäulen empor. Ein gelöschtes Feuer, dessen Glut gerade sein Leben aushauchte. Das Feuer im Keller konnte nicht ausgereicht haben, um das Herrschaftshaus bis auf die Grundpfeiler niederzubrennen, aber es hatte zweifellos seine Spuren hinterlassen. Ein Glück im Unglück, wenn sie wirklich noch einmal dorthin zurückkehren wollten. Ein schwieriges Unterfangen, nun, da sämtliche Blaumäntel und Soldaten in ganz Touvanen auf der Lauer lagen. Ein paar Mal in den vergangenen Stunden hatte Malleus bewaffnete Männer durch die Straßen ziehen sehen. Die Rüstungen und Speerspitzen hatten im Fackelschein förmlich geglüht und der Anblick hatte ihm keine Ruhe gelassen. Der Orden des Einen nahm keine Narren in seine Reihen auf und damit war es gewiss, dass der Hauptmann der Ordensritter wusste, dass sein Gefangener und dessen Befreier noch in der Stadt sein mussten. Es war nur eine Frage der Zeit bis sie ihr Versteck aufgeben mussten.
      Vorsichtig schob Malleus den Vorhang ein Stückchen zur Seite und spähte hinaus auf die verwaisten Straßen. Bis auf eine streunende Katze zeigte sich keine Menschenseele in dieser Herrgottsfrühe. Bald schon würde sich das ändern und die ersten Händler würden zum Markt ziehen, die Unruhe von gestern abstreifen und ihren Geschäften nachgehen. Im Gasthaus selbst herrschte eine friedliche Ruhe. Es sollte noch eine Weile dauern bis ihre Gastgeber die morgentlichen Pflichten aufnahmen und die ersten Kunden verschlafen aus ihren Betten krochen. Bis dahin genoss er die Stille, die ihnen noch etwas mehr Zeit schenkte.
      Malleus spürte die bleierne Müdigkeit bis in die Knochen. Unter seinen Augen zeichneten sich dunkele Schatten ab, die selbst sein dunkler Teint nicht zu kaschieren vermochte. Ein wenig Schlaf war ihm vergönnt gewesen, bis die Unruhe zurückkehrte. Es war gerade genug gewesen, um sich auf den Beinen zu halten. Zu wenig, um sein Gemüt zu beschwichtigen, gar seine Gedanken zum Schweigen zu bringen. Die wohltuende Stille in seinem Kopf war verschwunden, als die Atemzüge aus Richtung des Bettes immer entspannter und leiser geworden waren. Nun stand er bereits seit ein paar Stunden am Fenster, mit der Schulter an am Fensterrahmen abgestützt und beobachtete wie sich die Sonne langsam die Herrschaft über den Horizont zurückeroberte. Geistesabwesend ruhte eine Hand auf seiner Seite über der verheilenden Rippe, die ihn mit einem rhythmischen Pochen quälte und ihn daran erinnerte, dass die lange Reise zu Pferd und die Ereignisse der gestrigen Nacht, ihren Tribut forderten.
      "Du bist paranoid."
      Für einen Moment glaubte Malleus an eine Einbildung. Er hielt den Atem an und entließ diesen erst aus seinen brennenden Lungen, als Devons Stimme zum zweiten Mal an diesem Morgen die Stille durchbrach. Seine Mundwinkel zuckten schwach, weil Devon es in seinem gegenwärtigen Zustand trotzdem fertig brachte ohne Umschweife zum Punkt zu kommen. Dabei konnte er kaum mehr als ein paar wenige Augenblicke wieder bei Bewusstsein sein. Malleus fühlte wie seine angespannten Schultern vor Erleichterung hinuntersackten.
      "Ich versteh dich nicht. Wenn meine Worte in Oratis gestimmt hätten, wärst du dort geblieben. Wenn sie falsch gewesen wären, wärst du dort geblieben. Stattdessen bist du hier."
      Er schlug den Blick nieder, zurück auf die menschenleere Straße vor dem Gasthaus.
      „Ich habe dir eine falsche Zunge vorgeworfen. Du setzt deine mächtigste Waffe nicht ein. Du kannst mich nicht wie Tava anfassen. Also setz das ein, was du am Besten kannst, Malleus."
      Jetzt schenkte er Devon doch einen flüchtigen Blick aus dem Augenwinkel. Es geschah nicht aus Desinteresse in leidglich dem Bruchteil einer Sekunde. In Malleus' Augen lag ein völlig anderer Ausdruck. Ein seltsames Gemisch aus Wachsamkeit, Neugierde und Zurückhaltung. All das in einem einzigen, kurzen Augenaufschlag, den der Lacerta nicht einmal bemerkte. Malleus lehnte den Kopf seitlich an das kühle Fensterglas und begrüßte die aufblitzende Kälte, die seinem müden Geist einen kurzen Schub verpasste. Vielleicht war es die Erschöpfung die seine Zunge an diesem Morgen lockerte, vielleicht aber auch die Tatsache, dass er an einer Hand die Augenblicke abzählen konnte, in denen Devon ihn beim Namen genannt hatte.
      "Sie kamen wenn ich schlief."
      Die Antwort, die eigentlich keine Antwort auf Forderung war, diese lächerlich wenigen Silben, brachte Malleus nur mit Mühe über seine Lippen. Die Stimme, die in Oratis eine ganze Menschenmenge zu lenken vermochte, war nicht mehr als ein Flüstern im Morgengrauen, gerade laut genug, wohlwissend, dass Devon ihn hören konnte.
      "Zuerst haben sie mir etwas ins Essen gemischt und als ich anfing die Nahrung zu verweigern, holten sie mich im Schlaf. Ich habe aufgehört zu essen, zu schlafen...bis mein Körper vor Erschöpfung und Entkräftung aufgab. Amentia hat aus Mitleid angefangen mir Essen und Wasser in meine Zelle zu schmuggeln. Einmal haben die sie dafür halbtot geprügelt. Trotzdem kam sie wieder. Es hat eine Weile gedauert, bis ich ihr vertraut habe. Weißt du, was sie damals zu mir gesagt hat? 'Du bist allein. Ich bin allein. Wenn wir zusammen allein sind, Mal, muss keiner von uns mehr allein sein.' Wir waren Kinder, Devon. Kinder, die seit Jahren kein Tageslicht mehr gesehen hatten, begraben unter Metern von Stein und Fels. Mit den Jahren lernte ich schnell, dass meine Worte Macht besitzen. Ich manipulierte Amentia, ich benutzte sie um mein Wort zu verbreiten. Trotzdem war sie alles, was ich hatte. Meine einzige Verbündete. Sie hat mich nie wieder Mal genannt, nachdem sie mich befreit hat. Danach waren wir jemand anderes. Wir haben die Kinder, die wir einst waren, in diesen Höhlen unter Celestia zurückgelassen."
      Malleus stieß ein leises Seufzen aus.
      "Meine Rache hätte mich glücklich machen sollen. Sie hätte mich befreien müssen und obwohl ich seit diesem Tag alles besaß, was ich je begehrte und Amentia nie von meiner Seite wich, konnte kein Einfluss, keine Macht und kein Reichtum die Leere füllen. Es war nie genug. Also begann ich die Lande zu bereisen und nach einem Sinn in alldem zu suchen. Die qualvollen Prüfungen, die wir durch das Feuer erfahren hatten, mussten eine Bedeutung haben und überall wohin es mich verschlug, stieß ich auf offene Ohren. Ich war umgeben von Menschen und dennoch fühlte mich mit keinem von ihnen je verbunden. Wenn sie mich ansahen, sahen sie nicht mich, sondern meine Taten und ich habe furchtbare Dinge getan weil sie getan werden mussten. Ich habe getötet, ich habe gelogen, manipuliert und verdreht. Ich war unantastbar. Diese Kluft konnte ich nie wieder überwinden, auch aufgrund meiner...Einschränkungen. Heute weiß ich, dass ich einen Käfig nur gegen den Nächsten eingetauscht habe, aber ich habe es akzeptiert und widmete mein Leben diesem einen Weg. Es erfüllte mich nicht, aber es machte die Leere erträglich, also gab ich den Menschen, was sie wollten um zu behalten, was ich mir mit Blut erkämpft hatte."
      Mit einem leisen Rascheln fiel der Vorhang zurück vor den kleinen Spalt und Malleus gab seine versteinerte Haltung auf. Obwohl Devons Gesicht an Tavas Leib verborgen blieb, er keinen Blick in seine Richtung warf, zeigte sich Malleus mit einem offenen und ungeschützten Ausdruck in einem ganz und gar müden Gesicht. Vielleicht war er gerade weil der Lacerta nicht hinsah, dazu in der Lage. Die Nacht hatte auch bei im deutliche Spuren hinterlassen, wenn auch andere als bei Devon.
      "Tava hat mir die Augen geöffnet. Ich wäre nicht hier ohne sie. Als sie dir nachging, war ich der festen Überzeugung, dass sie mit dir gehen würde, obwohl ich alles dafür getan habe, dass sie bleibt. Wenn ich euch beide nicht halten konnte, dann vielleicht wenigstens einen von euch."
      Malleus verzog das Gesicht als bereiteten ihm die Worte Schmerzen während er sie mühevoll über seine Zunge quälte.
      "Tava, die mit Verständnis vor mir stand, obwohl ich gerade ein Kind entstellt hatte. Die sich um mich sorgte, obwohl ich ihre Sorge kaum verdiente, und die versucht unter all dem hier etwas Gutes zu finden. Und du...der geradewegs durch mich hindurch sieht und all meine Worte bedeutungslos erscheinen lässt. Du siehst mich, nicht den Mann, den ich alle anderen sehen lassen will. Du hast mich in Oratis gefragt, wer ich eigentlich sein will? Die Antwort ist einfach und doch viel schwieriger, als es den Anschein hat. Ich weiß es nicht, Devon. Nur dieser ängstliche Junge, der will ich nie wieder sein. Ich habe mich irgendwo auf dem Weg zwischen dem Jungen, der das Brandeisen mehr fürchtet als den Tod, und dem Mann, der die gleichen Gräueltaten begeht wie seine Vorgänger, verloren. Es war ein notwendiges Übel. Als wir gemeinsam unterwegs waren, hatte ich das Gefühl, diesem Fremden, diesem verlorenen Mann, wieder ein Stückchen näher zu sein, weil du mich siehst."
      Er fuhr sich in einer fahrigen Geste über das Gesicht.
      Die Kontrolle entglitt ihm, einmal gelockert, ließ sie sich kaum mehr einfangen. Malleus nahm einen tiefen, hörbaren Atemzug.
      "Du und Tava...Ich habe mich sehr lange niemandem mehr verbunden gefühlt und die Vorstellung das wieder zu verlieren..."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Entgegen seiner Erwartungen hörte Devon nicht umgehend eine schnippische Antwort. Tatsächlich hörte er nichts als den Atem, während Malleus scheinbar darüber nachdachte, wie er zu antworten hatte. Mit ein paar Blinzlern öffnete Devon seine Augen, betrachtete aber weiterhin die Decke und das Lichtspiel.
      „Sie kamen wenn ich schlief.“
      Erneut blinzelte Devon. Das war keine Antwort auf irgendeine der Fragen, die er gestellt hatte. Ihm fiel auf, dass er jetzt doch ganz gern die dazugehörige Mimik gesehen hätte, aber er fürchtete, dass Bewegungen Tava wecken würden. Also blieb er still und besah sich weiterhin der Decke, während Malleus von seiner Vergangenheit berichtete. In leisen, fast geflüsterten Worten.
      So lange kennt er Amentia also wirklich schon. Kein Wunder, dass sie ihn mit diesen Augen angesehen hat. Er versteht nicht, dass sie mehr in ihm sieht. Aber wenn er in jungen Jahren sowas erleben musste, wie konnte er dann dem Jungen…
      Da seufzte Malleus und Devon zog langsam und versuchsweise ein Bein an. Die Decke raschelte, als er ohne Schwierigkeiten sein Bein anwinkeln konnte. Weder zitterten seine Muskeln noch hatte er den Eindruck, dass es ihm an Kraft fehlte. Gut, dann waren seine Beine schon einmal einsatzfähig.
      Rache macht niemanden glücklich. Es hat mich nicht glücklich gemacht, diesen Felitas zu erwürgen. Nichts davon wiegt seinen Tod auf. Nichts davon stimmt mich zufrieden, sondern nur… leer. Das verstehe ich jetzt auch.
      Devon, der aus freien Stücken sein Dorf verlassen hatte, kannte wenig vom Verlust. Seine besten Begleiter waren die Einsamkeit und Verachtung gewesen, mit denen er sich wunderbar arrangiert hatte. Die Blicke, die Reaktionen, das sich ständig verhüllen müssen war ihm ins Blut übergegangen. Aber als er sich für den Tod seines Freundes revanchiert hatte, machte es rein gar nichts wieder gut. Malleus war durch die Persona, die er entwickelt hatte, unantastbar geworden. Devon war es, weil er ein Niemand geworden war. Bis jetzt hatte Devon keine einzige Antwort auf eine seiner Fragen bekommen und sein Kopf brummte. Vielleicht hatte er ja doch falsch gelegen und auch das hier war ein perfides Spiel des Mannes. Er nutzte die aktuelle Schwäche des Lacertas aus, um sich weiter zu etablieren. Am liebsten hätte er jetzt mit den Zähnen geknirscht, ließ es aber bleiben.
      „Tava hat mir die Augen geöffnet. Ich wäre nicht hier ohne sie. Als sie dir nachging, war ich der festen Überzeugung, dass sie mit dir gehen würde, obwohl ich alles dafür getan habe, dass sie bleibt. Wenn ich euch beide nicht halten konnte, dann vielleicht wenigstens einen von euch.“
      Ungewohnt heftig zog sich Devons Magen zusammen. Das war mit Sicherheit nicht das gewesen, was er hatte hören wollen. Das hier war genau die Bestätigung von all dem, was er sich tief in seinem Inneren schon ausgemalt hat. Es ging nicht um ihn, es ging darum, was Tava gewollt hatte. Malleus hatte sie beide haben wollen, aber da er Devon nicht halten konnte, setzte er alles auf Tava. Und das jetzt so zu hören ließ den Jäger in ein neues Loch der Enttäuschung fallen.
      Jedes weitere Wort war wie Salz in der Wunde. Devon hielt an sich, damit er gleichmäßig und möglichst ruhig weiter atmete. Bis Malleus‘ Worte sich nicht mehr um Tava, sondern um ihn drehten. Natürlich war er derjenige, der Malleus entwaffnen konnte. Von Anfang an hatte der Lacerta seine Wälle hochgefahren, um es dem Menschen so schwer wie nur möglich zu machen. Und je länger sie zusammen gereist waren, desto mehr hatte Devon hinter die Maske blicken können, ob er es nun gewollt hatte oder nicht. Das war es doch gewesen, weshalb er überhaupt in dessen Nähe geblieben war? Weil er geahnt hatte, wer unter der verkohlten Maske wirklich steckte.
      Endlich kam dann der Augenblick, auf den Devon gewartet hatte. Eine seiner berechtigten Fragen wurde aufgegriffen, wenn auch nicht die des heutigen Morgens. Sie reichte weiter zurück, Tage sogar, und waren den wenigen Worten zugehörig, ehe er aus Oratis verschwunden war.
      „Ich weiß es nicht, Devon.“
      Dem konnte der Lacerta ohne Umschweife zustimmen. Spätestens jetzt konnte er dem nichts entgegensetzen. Allein die Tatsache, dass Malleus an Tava festhielt und sogar dafür hergekommen war, um Soldaten zu meucheln, nur damit Devon wieder das Tageslicht erblicken konnte, sprach Bände. Die Persona, die Malleus sein sollte, wäre nicht mehr aus Oratis fortgereist. Sie wäre dort geblieben und hätte sich gesammelt, um dann an den nächstgewinnbringenden Ort zu begeben. Aber ganz bestimmt nicht nach Touvanen.
      „Du und Tava… Ich habe mich sehr lange niemandem mehr verbunden gefühlt und die Vorstellung das wieder zu verlieren…“
      „Macht einen das Atmen und den Körper schwer“, beendete Devon unvermittelt Malleus‘ Satz. „Als wenn man von jetzt auf gleich mit verbundenen Augen weitergehen muss.“
      Devon konnte auch diesen Punkt nachvollziehen. Während seines Zuges gen Osten hatte er mehr als genug Zeit gehabt, um sich darüber Gedanken zu machen. Ebenso, als er im Verließ gehangen und mit allem abgeschlossen hatte.
      Seine Finger auf seiner Brust krümmten sich wieder, so als versuchten sie sich durch den Verband unterhalb seines Schlüsselbeines zu graben. „Unten in der Zelle habe ich gedacht, ich halluziniere. Ich dachte, du bleibst mit ihr in Oratis. Ich habe sie zu dir zurückgeschickt. Ihr gesagt, sie soll bei dir bleiben.“
      Nun musste er sich wirklich beherrschen und bewusst tiefe Atemzüge machen. Seine Halsmuskulatur trat schon leicht hervor. Auch ihm fiel dieses Gespräch alles andere als leicht.
      „Da unten habe ich angefangen zu bereuen. Dass ich gegangen bin. Nicht, dass ich diesem schmierigen Kratzvieh den Hals umgedreht habe. Seit ich aus dem Dorf gegangen bin hatte ich keine Gefährten mehr. Ich wusste nicht mehr, wie das ist.“ Seine Finger verkrampften und der Verband knirschte gefährlich unter seinem Griff. „Und dann habe ich feststellen müssen, dass ich den Letzten, bei dem es so war, nie wieder sehen werde.“
      Mit seiner anderen Hand suchte Devon nach Tavas Knie, das sich eng an seine Schulter gedrückt hatte. Mit etwas Nachdruck schob er es von sich weg, wodurch sie sich zu bewegen begann und von ihm offensichtlich geweckt worden war. Sehr langsam und mit einem dazu passenden Ächzen richtete sich Devon auf. Er wusste, dass die paar Stunden nicht ausreichend waren, um seine Wunden soweit zu verschließen, um sich direkt auf das Herrenhaus zu stürzen. Das Fleisch um die Wunden spannte sich auch so schon zur Genüge und ließ ihn das Gesicht verziehen.
      Aber nichts davon hielt ihn davon ab, Malleus im Halbdunkel zu suchen.
      Devon fand ihm am Fenstersims gelehnt stehen. Es war das erste Mal, dass der Jäger den Mann bar jeder Maske sah. Damals am Feuer war es Kalkül gewesen. In Oratis hatte er aufrichtigen Frust und auch bodenlose Fassungslosigkeit gesehen. Aber nichts davon hatte ausgereicht, um die Maske vollkommen zu zerschmettern.
      Der heutige Tag war dazu in der Lage gewesen.
      Devon lehnte sich vor, um mit einem Arm sein aufgestelltes Knie zu umfassen und sein Kinn auf seinem Unterarm abzustützen. Seine volle Aufmerksamkeit lag auf Malleus, obzwar die Atmung wieder kürzer und flacher ausfiel als zuvor.
      „Sag’s mir direkt. Bist du nur gekommen, weil ich dir einen Weg aufzeige, dich zu finden? Oder bist du wie Tava gekommen, weil sie mich will?“, fragte Devon Malleus ruhig und ohne weitere Umschweife. Seine freie Hand glitt geistesabwesend zu Tavas Bein, als sie sich aus ihrer eingerollten Haltung streckte, und legte sie in einer beinahe besitzergreifenden Geste auf ihrer Wade ab. Dabei hielt er ungebrochen den Blick auf Malleus gerichtet, der im Vordergrund der aufgehenden Sonne wie ein flüchtiger Schatten erschien.
    • Devon füllte unvermittelt die Stille, als Malleus' Worte sich verloren. Nahtlos fügten sich die Silben ineinander und beschrieben das bedrückende Gefühl, das Malleus die Luft zum Atmen raubte. Einsamkeit. Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, die Rechtfertigung lag bereits brennend auf seine Zunge, da verdammte Devon ihn erneut zum Stillschweigen. Malleus horchte auf und das erdrückende Gewicht auf seine Brust wurde leicht angehoben. Das fahle Licht der aufgehenden Sonne gab wenig Preis und ließ ihn lediglich die Silhouetten erahnen, die sich eng umschlungen hielten, doch er hörte wie Devon sich durch die Worte quälte.
      "Unten in der Zelle habe ich gedacht, ich halluziniere. Ich dachte, du bleibst mit ihr in Oratis. Ich habe sie zu dir zurückgeschickt. Ihr gesagt, sie soll bei dir bleiben."
      Deshalb hielt Malleus' Schweigen an.
      Er fürchtete, dass eine falsche Äußerung zerstörte, was sich mit Beginn eines neuen Tages zu offenbaren versuchte.
      "Da unten habe ich angefangen zu bereuen. Dass ich gegangen bin. Nicht, dass ich diesem schmierigen Kratzvieh den Hals umgedreht habe. Seit ich aus dem Dorf gegangen bin hatte ich keine Gefährten mehr. Ich wusste nicht mehr, wie das ist. Und dann habe ich feststellen müssen, dass ich den Letzten, bei dem es so war, nie wieder sehen werde."
      Er registrierte, dass sich seine nächtliche Vermutung bestätigte, doch mit der Erkenntnis stellte sich kein Gefühl des Triumphes ein,. Keinerlei Befriedung, nach der sein Verstand für gewöhnlich lechzte. Bei dem Leder handelte es sich um die Haut eines Lacertas und diese Person war von unermesslichem Wert für Devon gewesen. Ein Freund und Gefährte...Familie.
      Mit angehaltenem Atem beobachtete Malleus wie die Gestalt des Lacertas sich ganz langsam in Bewegung setzte. Stückchen für Stücken und mit unverkennbarer Mühe brachte sich Devon in eine sitzende Position. Malleus' Finger zuckten nutzlos an seiner Seite und er schluckte die Mahnung herunter, dass der Jäger sich schonen musste, dass die Wunden zu frisch und zu schwer dafür waren.
      Als sich ihre Augen im Halbdunkeln des winzigen Zimmers fanden, wandte Malleus den Blick nicht ab. Er ließ zu, dass Devon in Augenschein nahm, was er sorgfältig vor der Welt versteckte. Gänzlich ungeschützt fühlte er sich zurückversetzt in den Moment tief im Herzen der Signa Ignius, zurück in die Nacht im Heiligtum. Malleus blickte in die roten Augen, deren Aufmerksamkeit allein ihm galt.
      Er lauschte den flachen, beschleunigten Atemzügen, die gleichermaßen von Schmerz und Anspannung zeugten. Niemandem ging dieses Gespräch leicht über die Lippen, doch war es lange überfällig gewesen und nun versetzte Devon ihm den Todesstoß. Die Direktheit war entwaffnend und seine Geduld mit Malleus offensichtlich aufgebraucht.
      "Sag’s mir direkt. Bist du nur gekommen, weil ich dir einen Weg aufzeige, dich zu finden? Oder bist du wie Tava gekommen, weil sie mich will?“"
      Er widerstand dem Drang den Blick zu senken. Er verbat es sich.
      Malleus' Hand glitt zu seinem Hals, glitt über angespannte Sehnen und berührte geistesabwesend mit den Fingerspitzen die dunkle Haut. Obwohl er Tava gegenüber bereits ein Geständnis abgelegt hatte, war sein Mund nun staubtrocken und seine Zunge klebte nutzlos am Gaumen fest. Er verspürte das schmerzliche und befremdliche Sehnen Tava zu berühren. Ihren Handrücken, ihren Arm...selbst mit einem Finger hätte er sich zufrieden gegeben um seine überreizten Nerven zu besänftigen. Wann hatte es begonnen, dass er aus seiner größten Schwäche, Stärke bezog?
      Als seine Zunge Malleus endlich gehorchte, erkannte der Mann seine eigene Stimme nicht, die rau und brüchig in seiner Kehle kratzte.
      "...ja."
      Seine eigenen Fingernägel, kurz und stumpf, drückten sich in seine Haut am Hals.
      "Ich will dich. Du könntest mir die Kehle mit deinen Zähen aufreißen, mir alle Rippen im Leib brechen, mich dazu bringen an der Wahrheit meiner eigenen Lügen zu ersticken und ich würde dich immer noch wollen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava wachte zu der leisen, rauen Stimme eines Mannes auf, der ihr so sehr ans Herz gewachsen war, dass sie für ihn Länder durchquert und Brennstoff unangetastet gelassen hätte. Ihr war warm und sie blieb noch unbewegt liegen, um sich der Hypnose hinzugeben, die seine Stimme auf sie wirkte, selbst an diesem frühen Morgen. Es waren aber keine schönen Worte, die er dort sprach, und das anfangs angenehme Gefühl wandelte sich schnell in leider gewohnte Sorge um.
      "Meine Rache hätte mich glücklich machen sollen. Sie hätte mich befreien müssen und obwohl ich seit diesem Tag alles besaß, was ich je begehrte und Amentia nie von meiner Seite wich, konnte kein Einfluss, keine Macht und kein Reichtum die Leere füllen."
      Vor ihren Augen erhob sich ein Bild, ein Malleus in jüngeren Jahren, deutlich gezeichnet von den Schicksalen, die er hatte durchleben müssen, und nur auf der Suche nach Besserung. In eine Geschichte verpackt hörte sich das alles so einfach und nachvollziehbar an, aber Tava wusste, dass das nicht der Wahrheit entsprach. Sein Weg muss steinig gewesen sein, voller Hürden und Probleme, voller unausgesprochenen Schmerz, den er auch in alle Worte der Welt nicht hätte verpacken können. So auch jetzt nicht. Man konnte sich nur einen Ansatz dessen vorstellen, einen winzigen Ausblick, wenn seine rau werdende Stimme ihn gewährte oder sein Blick sich wie im Feuer des Lagers verlor. Aber alles andere ging darüber hinaus.
      Umso mehr musste es ihm wohl angerechnet werden, dass er es trotzdem in Worte zu verpacken versuchte. Dass er sagte, was er sagen konnte, wo es doch so viel gab, was er niemals aussprechen können würde.
      "Tava hat mir die Augen geöffnet. Ich wäre nicht hier ohne sie."
      Jetzt hielt Tava die Luft an, als Malleus so direkt auf sie zu sprechen kam. Dabei waren es mal ausnahmsweise nicht seine Worte, denen sie mit aller Aufmerksamkeit nachhing, sondern Devon neben ihr, der bislang nur schweigend dagelegen hatte. Er rührte sich zwar nicht, aber als Malleus weitersprach, spürte sie eine Anspannung in seinen Körper einsickern. Ganz vorsichtig rollte sie sich ein wenig enger um ihn. Waren das keine guten Nachrichten? Würde Devon sich jetzt auch gegen sie stellen, weil sie Malleus für die Zeremonie verziehen hatte? Würde er? Und das, obwohl sie so viel Mühe darin gesteckt hatten, ihn zu suchen und zu befreien?
      Eine Pause entstand, in denen keiner von beiden etwas sagte. Tava konnte die Anspannung im Raum regelrecht fühlen, als ein leichtes Kleiderrascheln verriet, dass Malleus sich bewegte.
      "Du und Tava...Ich habe mich sehr lange niemandem mehr verbunden gefühlt und die Vorstellung das wieder zu verlieren..."
      "Macht einen das Atmen und den Körper schwer. Als wenn man von jetzt auf gleich mit verbundenen Augen weitergehen muss", beendete Devon den Satz. Tavas Herz machte einen Sprung und sie schlug die Augen auf.
      Da waren sie nun, gemeinsam in einem Raum, einsam und doch nicht mehr einsam, verbunden durch ein simples Gefühl, das sie alle teilen konnten. Du bist allein. Ich bin allein. Wenn wir zusammen allein sind, muss keiner von uns mehr allein sein, hatte Amentia gesagt und auch, wenn Tava von der Frau nichts hielt, konnte sie doch mit vollem Herzen zustimmen. Keiner von ihnen musste mehr allein sein. Sie waren alle drei Außenseiter, gezeichnet von Einsamkeit auf die eine oder andere Weise, aber nicht mehr, wenn sie zusammen waren. Wirklich zusammen. Es zählte nicht, wenn nur Tava und Malleus übrig blieben, denn sie würden nicht zusammen sein. Zusammen. Sie würden nicht mehr haben, was sie sich teilten, denn das war das einzige, was sie wirklich erlösen konnte.
      "Unten in der Zelle habe ich gedacht, ich halluziniere", murmelte Devon jetzt. Tava hob den Arm, um tröstend durch seine Haare zu streichen. Devon hatte mit ihrem Auftauchen nicht gerechnet, aber was noch viel schlimmer war, er hatte es bereut, gegangen zu sein. Vielleicht war seine Reue sogar so groß, um die Zeremonie hinter sich lassen zu können. Vielleicht vermisste er die einzigartige Verbundenheit, die sie drei hatten.
      Vorsichtig löste er sich von ihr und setzte sich auf. Tava folgte seinem Beispiel.
      "Sag’s mir direkt. Bist du nur gekommen, weil ich dir einen Weg aufzeige, dich zu finden? Oder bist du wie Tava gekommen, weil sie mich will?"
      Aus Tavas Sicht war das eine Frage, die gleichwertig war. Etwas schwang in Devons Unterton mit, was sie nicht ganz greifen konnte, für Malleus dafür umso offensichtlicher war.
      "Ich will dich. Du könntest mir die Kehle mit deinen Zähen aufreißen, mir alle Rippen im Leib brechen, mich dazu bringen an der Wahrheit meiner eigenen Lügen zu ersticken und ich würde dich immer noch wollen."
      Tava blieb selbst die Luft weg, als Malleus eine solche Antwort aussprach. Ein Kribbeln zog durch ihren Körper, als hätten die Worte an sie gerichtet sein können. Dabei war es Devon, der wie erstarrt auf dem Bett neben ihr saß und den anderen Mann unverwandt anstarrte. Zu gern hätte Tava den Blick gesehen, der nur Malleus bestimmt war.
      "Ich will dich auch", fügte sie an und legte den Arm um Devons verbundenen Rücken. "Wir wollen dich beide. Genug, dass wir dir bis nach Touvanen hinterherreisen und in ein Mayorhaus einbrechen. Genug, dass wir töten, um dich da rauszuholen."
      Ihr Blick ging dabei kurz zu Malleus und sie legte den Kopf schief.
      "Das war nicht meine Idee. Malleus würde sich vielleicht von dir aufreißen lassen, aber er würde es auch anderen antun, die dich verletzen."
      Sie stellte sicher, dass sie ihre nächsten Worte mit einem gewissen Nachdruck aussprach.
      "So sehr will er dich, Devon. Selbst nach Oratis."
    • Noch immer pochte und stach Devons Rücken. Wie eine Erinnerung fühlte er den Schmerz in seinem Rücken, seinem Inneren. Er hätte schwören können, dass manche der Speere viel zu tief gegangen waren. Warum er noch lebte, grenzte eigentlich an ein Wunder.
      Ein Wunder wie jenes, das sich gerade vor seinem scharfen Blick ereignete. Eine sehr, sehr lange Zeit lang geschah nichts und Devon vermutete bereits, dass Malleus den Kopf schütteln und gehen würde. Doch als er genauer hinsah, fiel ihm der innere Kampf des Mannes auf. Während Devon Malleus so einfach mittels eines Blickes bannte, kämpfte sein Gegenüber mit seiner Fassung. Nur dank seiner Beobachtungsgabe bemerkte der Jäger, wie die Lippen des Menschen zuckten, gewillt, etwas zu sagen und doch nicht fähig. Er sah, wie die Sehnen am dunklen Hals hier und da hervortraten. Und er sah die zahllosen kleinen Regungen rund um diese dunklen Augen, die das Licht zu schlucken vermochten.
      Statt einer wörtlichen Antwort bekam Devon eine Geste, eine unbewusste obendrein. Als sich Malleus‘ Hand bewegte, löste Devon den Blickkontakt und seine roten Augen fixierten eben jene Finger, die sich viel zu langsam emporschoben und die empfindsame Haut an seinem Hals streiften. Sofort spannte sich wieder alles in dem Jäger an und sein Puls beschleunigte sich. Es war eine so einfache Geste, so simpel, und trotzdem griff sie seine Instinkte auf dem grundlegendsten Level an. Denn dort, wo die Finger über die dunkle Haut glitten, hatten seine Abdrücke geprangt.
      „… ja.“
      Devons Augen zuckten von den Fingern zu Malleus‘ Augen zurück.
      „Ich will dich.“
      Seine Augen ruhten wieder auf den Fingern, die sich in die Haut am Hals drückten.
      „Du könntest mir die Kehle mit deinen Zähnen aufreißen, mir alle Rippen im Leib brechen, mich dazu bringen an der Wahrheit meiner eigenen Lügen zu ersticken und ich würde dich immer noch wollen.“
      Ein Schauer rollte durch Devons Körper. Wäre er nicht so geschunden gewesen, wäre sein Instinkt wohl zu stark gewesen. So stark, dass es ihn nicht mehr auf dem Bett gehalten hätte. Aber mit dem Schmerz als Erdungsmittel riss er sich zusammen, wenngleich seine Pupillen so schmal waren wie sonst selten. An seiner Seite hörte er Tavas Atem versagen und auch ihr lief es warm über.
      „Ich will dich auch“, fügte die Cervidia plötzlich hinzu und ein Arm legte sich um seinen Rücken. Unweigerlich richtet sich der Jäger dadurch etwas auf, als das Pochen zu seichten Stichen wuchs. „Wir wollen dich beide. Genug, dass wir dir bis nach Touvanen hinterherreisen und in ein Mayorhaus einbrechen. Genug, dass wir töten, um dich da rauszuholen.“
      Bei Tava glaubte Devon es. Bei ihr war er sich spätestens jetzt zu einhundert Prozent sicher. Deswegen bedachte er sie mit einem kurzen Blick ehe er den Kopf kaum merklich zur Seite neigte. Nur für sie und niemanden sonst.
      „Ich hab’s gesehen“, raunte er und drückte ihre Wade fester, wobei er noch immer Malleus anstarrte. Fast wie ein Getriebener. Er brauchte jetzt keine weiteren Worte von dem Mann. Er konnte seine Waffen ablegen, zumal sie ihm gerade eh zu rosten schienen. Aber nach dem, was am Vortag passiert war, fühlte sich Devon nicht mehr so gefestigt wie vorher. Er fühlte sich auch durch den Traum wieder stark an Tel’Aquera erinnert. An seine Leute. Seine Kultur. All das bereute er nämlich auch.
      „Dann soll er es zeigen.“
      Devons Stimme war rau wie Schmirgelpapier. Sie rieb an allen Anwesenden und zehrte an ihnen. Mühsam brachte er seine Beine vom Bett, um seine Füße auf den Boden zu stellen und sich an die Bettkante zu setzen.
      „Es gibt bei unserer Kultur verschiedene Dinge, um… Zugehörigkeiten auszudrücken. Damals am Feuer hat Tava ein Blutopfer gebracht. Sie hat ihr eigenes Blut für mich vergossen. Eine andere Sache hatte ich damals schon gesagt. In Celestia.“ Devon ließ den Blick provokant vor seine Füße fallen ehe er seine Augen wieder auf Malleus richtete. „Wir knien freiwillig nur vor ausgewählten Personen. Zeigen nur ausgewählten Personen unsere Kehlen, weil uns das angreifbar macht. Das ist einer der größten Zölle von Respekt bei uns. Vielleicht sollte ich damit anfangen, euch etwas von meiner Kultur zu erzählen.“
      Von ihrer Position aus sah Tava nicht, wie sich Devons Gesicht für einen winzigen Augenblick verfinsterte. Er musste es ihnen erzählen. Sonst würden sie nicht verstehen, wieso er die Haut brauchte und wieso er die Beiden noch einmal zurücklassen müsste. Denn dort, wo er hingehen muss, würde er die Beiden nicht mitnehmen. Zu groß war die Gefahr für die Außenstehenden, Kopf und Kragen zu riskieren. Wenn selbst er als Lacerta um sein Wohlergehen fürchten musste, wie sollte er dann Tava und Malleus mit nach Tel’Aquera nehmen?
    • Malleus' Gemüt glich einem blanken Nerv während Augen, deren Blick unglaublich durchdringend und doch gebannt, wie hypnotisiert, seinen Fingerspitzen folgte. Er fühlte diese Augen über seine Kehle gleiten, über angespannte und zuckende Sehnen und über dunkle Haut, die sich das Gefühl spitzer Zähne in Erinnerung rief. Die Spuren waren längst verschwunden, aber das Echo war nie verklungen. Die Hand an seinem Hals zuckte, als er sich seiner eigenen Tat und der Erkenntnis in den Augen des anderen Mannes bewusst wurde. Malleus konnte lediglich die schwache Reflektion der roten Iris ausmachen, doch er ließ sich für einen Moment von der Vorstellung tragen, dass ihre Gedanken dieselbe Erinnerung teilten.
      Die Stille dehnte sich aus und drohte ins Unerträgliche abzurutschen. Ganz langsam ließ Malleus die Hand sinken und vielleicht wäre es ratsamer gewesen, um ihrer aller Willen, wenn er den Raum für eine Weile verließ. Ein unangenehmer, kühler Schauer strich über seine Kehle, als vermisste seine Haut bereits die Wärme und Vertrautheit des weichen Leders. Vielleicht war es auch nur das rissige Fensterglas, das die Kälte eines frühen Morgens hineinließ. Da kam ihm Tava zu Hilfe.
      "Wir wollen dich beide. Genug, dass wir dir bis nach Touvanen hinterherreisen und in ein Mayorhaus einbrechen. Genug, dass wir töten, um dich da rauszuholen. Das war nicht meine Idee. Malleus würde sich vielleicht von dir aufreißen lassen, aber er würde es auch anderen antun, die dich verletzen."
      Obwohl Malleus große Dankbarkeit verspürte, traf ein ein schmerzlicher Gedanke völlig unvorbereitet. Alles wichtigen Momente, die Devon und ihn verbanden, endeten entweder mit Schmerz, in Blut oder mit einem weiteren Zerwürfnis. Da war nichts Weiches. Nichts, das eine Leichtigkeit im Herzen hervorrief. Trotzdem stand er nun hier, gab mehr von sich Preis, als gut für ihn war und wartete mit angehaltenem Atem auf...irgendetwas, dass Devon gewillt war ihm zu geben. Denn Malleus war der festen Überzeugung, nicht mehr geben zu können, als das hier.
      "Dann soll er es zeigen."
      Offensichtlich war Devon an diesem Punkt anderer Meinung. Malleus war sich den mühevollen Bewegungen des Lacerta überdeutlich bewusst. Wachsamkeit schlich sich in seinen Gesichtsausdruck und für einen irrsinnigen Moment glaubte Malleus, dass Devon bereits das Bett verlassen wollte. Stattdessen fiel sein Blick zu Boden, unmittelbar und zu pointiert um blanker Zufall zu sein, geradewegs vor seine eigenen Füße.
      „Wir knien freiwillig nur vor ausgewählten Personen. Zeigen nur ausgewählten Personen unsere Kehlen, weil uns das angreifbar macht. Das ist einer der größten Zölle von Respekt bei uns. Vielleicht sollte ich damit anfangen, euch etwas von meiner Kultur zu erzählen.“
      Der Druck auf seine Brust kehrte zurück.
      Unter anderen Umständen hätte er den Raum, der ihm unlängst zu klein vorkam, verlassen. Er war sich der abwartenden Blicke bewusst, die kein Zucken und keine Regung verpassen wollten. Wieder dehnten sich Sekunden zu einer Ewigkeit aus, ehe Malleus sich langsam in Bewegung setzte. Die alten Holzdielen knirschten unter seinen schweren Stiefeln als er die lächerliche Distanz zu Tava und Devon überbrückte. Jeder Schritt war mit Bedacht gesetzt, nicht zu schnell, nicht zu zögerlich. Als er direkte vor Devon zum stehen kam, senkte er den Blick in rötlich schimmernde Augen. Er suchte kurz Tavas Blick, hoffte etwas Zuversicht darin zu finden, ehe er wieder Devon ansah. Wieder herrschte Stillstand. Es war eine quälende, schleichende Prozedur.
      Er hatte es bereits für Tava getan, nur waren die Umstände gänzlich anders gewesen.
      Er hatte schon einmal vor Devon gekniet, doch nicht für ihn. Im Heiligtum.
      Er hatte Devon bereits seine Kehle offen gelegt, hatte sich dem Jäger präsentiert.
      Dennoch fühlte es sich nicht nach einem Kampf um Dominanz oder gar einem Spiel an. Das hier war ein Vertrauensbeweis und Malleus musste - wollte - ihn erbringen. Er hielt des Blick des Lacerta, als er sich in den Nacken griff und den dichten, schwarzen Haarschopf zu einem Knoten an seinem Hinterkopf bändigte. Die lange Kurve seines Halses lag nun völlig schutzlos da nachdem er alle dichten Haarsträhnen sorgfältig von seinem Hals gestrichen hatte. Devon musste den fliegenden Puls an seiner Kehle deutlich hören können. Bevor er seine Hände wieder ganz gesenkt hatte, hatten sich seine Pupillen soweit ausgedehnt, dass sie die dunkle Iris seiner Augen fast vollständig verschluckten.
      Ganz langsam beugte Malleus die Knie bis er darunter nur noch die harten Dielen spürte.
      Die Haltung zwang ihn dazu, dass Kinn leicht anzuheben damit er den Blickkontakt aufrecht erhalten konnte. Ein wenig zu ruckartig zuckte es noch ein Stückchen weiter nach oben in Devons Richtung und ließ die Sehnen an seinem Hals hervortreten. Unwillkürlich zuckte sein Blick zu Devons Händen und wieder zurück in das Gesicht des Lacerta. Die eigenen Hände bettete Malleus auf seinen Oberschenkeln, wo sich die Finger unentwegte leicht krümmten und wieder streckten. Sein ganzer Körper war gespannt wie eine Bogensehne und mit bebenden Nasenflügeln sog er die Luft in seine verkrampften Lungen.
      Wenn sie in Malleus Sprache einander nicht verstanden, dann vielleicht in Devons.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Bisher hatte Devon Malleus als einen durchaus stolzen Menschen kennengelernt. Einer, der sich aufgrund seiner Hintergrundgeschichte niemals einem Anderen beugen würde, außer er konnte es heucheln und es nutzte seinem Ziel. Es war hier und jetzt ein Leichtes, sich einfach umzudrehen und zu gehen. Oder die perfekte Maske aufzusetzen, sodass man ihm alles abkaufte, was er ihnen vorspielte.
      Aber als Malleus sich beinahe schleppend in Bewegung setzte, war es allein schon seine Körpersprache, die klarmachte, wie schwer es ihm gerade fiel. Da war keine Rückwärtsbewegung, keine Anzeichen von einer Flucht in seinem Gang. Eher ein Zögern, eine Unsicherheit, die der Jäger dem Menschen nicht zugeschrieben hätte. Dafür fehlte dem Gesicht jegliche perfektionierte Maske. Es fehlte die Entspanntheit, wenn er sich in Situationen bewegte, die er zu kontrollieren vermochte. Auch forsche Neugier suchte Devon vergeblich in den dunklen Augen, die ganz kurz nur zu Tava huschten. Warum wusste Devon nicht.
      Stattdessen wusste Devon, dass ihn eine seltsame Befriedigung erfasste. Ein einfacher Blick hatte ausgereicht, um Malleus so vor sich zu lenken. Er müsste nicht einmal den Arm vollends ausstrecken, um den Mann zu berühren. Doch Devon regte sich nicht, blickte lediglich zu Malleus auf, als dieser abermals in eine Starre verfiel. Leise Atemzüge waren das Einzige, was man hören konnte. Sofern man nicht Devon war, der die Herzschläge von Tava und Malleus vernahm. Besagter Puls beschleunigte sich ein weiteres Mal, als Malleus sich endlich bewegte. Er nahm seine Haare zurück und hielt dabei den Blickkontakt zu Devon, dem das alles hier plötzlich viel zu intim vorkam. Aber er war wie gebannt von dem Anblick und konnte sich nicht losreißen. Wofür er einen Moment später auch dankbar war, denn vor ihm ging Malleus tatsächlich und ganz langsam in die Knie.
      Es war das erste Mal, dass Devon Malleus nicht mit von Instinkten getriebenen Augen in solch einem Moment ansah. Sie waren etwas mehr geweitet als üblich, eine Spur Überraschung lag in ihnen versteckt. Der Jagdtrieb oder Hunger, mit dem er ihn damals in Oratis in der Taverne angesehen hatte, fehlte komplett. Das hier war Devon als Person und nichts tiefergreifendes. Kein Instinkt, keine Rasse und keine Regeln bestimmten ihn, als er seinen Blick von Malleus‘ Gesicht brach und ausgiebig über seine Erscheinung gleiten ließ. Über die markante Kieferlinie hinunter zum Hals, wo sich die Sehnen deutlich abzeichneten und er vergeblich nach verblichenen Rückständen seiner Zahnabdrücke suchte. Weiter abwärts über die Brust, die sich hinter einem dünnen Hemd versteckte bis hinunter auf seine Oberschenkel, wo seine Hände unruhige Bewegungen beschrieben. Ein Blinder hätte sehen können, dass das hier alles andere als entspannt war.
      Vielleicht war es genau deswegen, dass Devon sich umso weniger angespannt fühlte.
      „Dein Kinn ist ein bisschen zu überspannt“, murmelte Devon, was verdächtig nach einer Prise Belustigung klang. Seine roten Augen hingegen waren alles andere als amüsiert, sondern hoch fokussiert, als er seinen Blick hob.
      Als fähigen Jäger war ihm Malleus‘ kurzer Abstecher mit dessen Augen nicht entgangen. Ohne darüber nachzudenken nahm der Lacerta dies als Einladung, als Spiegelung seiner eigenen Handlung, wahr. Er hob die Hand von Tavas Wade und legte seine Finger an Malleus‘ Kinn. Zu beiden Seiten ließ er Daumen und Finger dem Kiefer folgen und registrierte jede Anspannung der Muskeln, als Malleus die Zähne zusammenbiss. Devons Berührung war ungewohnt seicht und sanft, als er die Hand weiter wandern ließ. Bis seine massige Hand Malleus‘ Kehle fast zu Gänze umfasste. Erst dort hielt Devon inne und gewährte sich, den Puls und die Wärme unter seinen Fingern zu fühlen. Ein seltsames Hoch durchflutete ihn, angesichts der Tatsache, dass sich Malleus so sehr am Riemen riss, um nicht zurückzuweichen oder gar nach ihm zu schlagen. Das rechnete der Lacerta dem Menschen so hoch an, dass er mit einem sanften Streichen seiner Fingerkuppen seine Hand vom gestressten Kultisten zurückzog und auf sein eigenes Knie ablegte.
      „เςђ รєђє ยภ๔ гєรקєкՇเєгє єร. Ich sehe und respektiere es“, sagte Devon einmal in seiner Stammessprache, wie es sich gehörte, und dann noch einmal in der gemeinen Zunge. „Danke für die Rettung.“ Er warf einen Seitenblick zu Tava. „Danke für deinen Einsatz, Tava.“
    • Die Regungslosigkeit verlangte ihm alles ab. Sie wog schwer auf seinen Schultern. Malleus, der sich aus freien Stücken dem intensiven Blick des Lacerta auslieferte, fühlte sich sämtlicher Masken und Mauern beraubt. Schutzlos und entblößt auf einer Ebene, die für Außenstehende kaum greifbar war. Nicht die Kontrolle über seine Situation zu besitzen, befand sich weit außerhalb seiner Komfortzone. Dennoch kniete er vor Devon in einer ehrerbietenden und demütigen Haltung, die für gewöhnlich nur den Götzenbildern der Signa Ignius vorbehalten war.
      Malleus behielt den Blickkontakt solange aufrecht, bis Devon ihn als Erster brach. Darin lag kein Zeichen von Schwäche, ganz im Gegenteil. Der Lacerta senkte seinen Blick, glitt damit über seine ungeschützte Kehle, über die dünne und verletzliche Haut seines Halses. Dort stoppte er nicht sondern musterte den knienden Mann weiterhin. Über seine Brust, in der seine Herz deutlich hörbar für die feinen Sinne des Lacertas stolperte und sich verausgabte, führte sein Pfad bis er die rastlosen Hände erreichte. Der unterdrückte Fluchtinstinkt musste Devon förmlich auf der Zunge liegen.
      „Dein Kinn ist ein bisschen zu überspannt“, murmelte Devon schließlich.
      Als Malleus daraufhin ein-, zwei-, dreimal schnell hintereinander blinzelte, fiel ihm erst auf, die angespannt die zuckenden Muskeln um seine Augenwinkel waren, weil er seit einigen Augenblicken nicht einmal zu Blinzeln gewagt hatte. Der Gesichtsausdruck von Devon hatte sich nicht verändert, doch seine Stimme trug eine andere Botschaft zu Malleus herüber, in einer Sprache, die der Kultist sehr gut verstand. Die gesprochenen Silben veränderten sich lediglich in einer hauchfeinen Nuance. Obwohl die Worte zunächst anderes vermuten ließen, lag kein Spott darin. Die milde Belustigung gestand Malleus ihm zu. Er ließ sogar zu, dass diese winzige Veränderung ihm einen Teil seiner Anspannung nahm. Augenblicklich ließ es sich leichter Atmen. Malleus wusste nicht, wie er reagierte hätte, wenn Devon in in diesem Moment tatsächlich verhöhnt hätte. Die Demütigung wäre unerträglich gewesen.
      All das kehrte mit voller Wucht zurück, als Devon der stillen Einladung folgend, seine Hand hob und sein Gesicht ins Visier nahm. Um sein eigenes Angebot nicht Lügen zu strafen, hielt Malleus vollkommen still. Devons Fingerspitzen berührten sein Kinn, rau und kühl. Malleus erschauderte unter der Berührung, weil seine Körper und sein Geist nicht recht wussten, ob sie sich der Hand entziehen oder entgegendrücken sollten. Der Zwiespalt flackerte über seine versteinerten Gesichtszüge. Also hielt Malleus einfach weiterhin still. Es war nicht das erste Mal, dass er sich nach etwas sehnte, das den größten Teil seines Lebens nichts als Argwohn und tiefgreifende Ablehnung in ihm hervorgerufen hatte. Devon und Tava hatten diesen inneren Konflikt bereits öfter hervorgerufen, als er zugeben würde.
      Malleus schluckte mühevoll unter der großen Hand, die seine Kehle beinahe zur Gänze umschloss. Der Druck war nicht groß genug, um ihm die Luft abzudrücken, aber für den Knienden dennoch deutlich spürbar. Obwohl die Hand fast sanft an seiner Kehle ruhte und er lediglich den sanften Druck der Fingerspitzen fühlte, die nach seinem rasenden Puls suchten, durchfuhr seine Wirbelsäule ein heiße und wirklich deplatzierter Welle. Er schluckte ein weiteres Mal und sein Verstand hatte gerade begonnen die ungewohnt zarte Berührung zu verarbeiten, da zog Devon seine Hand zurück. Jedoch nicht ohne den gesamten Rückweg vollständig auszukosten. Malleus' Kinn zuckte kaum merklich nach vorn als die letzte Berührung verklang und als Echo nur das Kribbeln abertausender Ameisen auf seiner Haut zurückließ. Die Erschöpfung folgte der abfallenden Spannung und Malleus war sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst gewesen, wie sehr Verstand gegen die Müdigkeit ankämpfte.
      "Ich sehe und respektiere es. Danke für die Rettung. Danke für deinen Einsatz, Tava."
      Ganz leicht senkte Malleus sein Kinn ab.
      "Ich hatte einen Fehler wieder gut zu machen", gestand er und Malleus gab nicht oft zu einen Fehler zu machen.
      Jetzt glitt sein Blick auf zu Tava, die die Szenerie bis zu diesem Zeitpunkt gebannt verfolgt hatte.
      Er hatte Tava bereits in der Nacht seine Gedanken offenbart, doch nun erschien Malleus sein eigenes Handeln als unzureichend. Es war ein Armutszeugnis im Vergleich zu der Überwindung, die er für Devon gerade auf sich genommen hatte. Obwohl Tava ihm unerschütterlich und trotz ihrer Trauer über den möglichen Verlust des Lacerta beigestanden hatte, verwehrte er ein Zugeständnis. Seit der hitzigen Nacht in Oratis, hatte er jegliche Berührung kontrolliert und initiiert. Das Meiste davon hatte er für seine eigenen Zwecke getan um das Band zwischen ihnen enger zu schmieden. Er hatte es Devon gegenüber indirekt zugegeben. Er hatte alles getan, damit Tava blieb. Malleus hatte sie manipuliert bis daraus schließlich ein aufrichtiger Wunsch erwachsen war.
      Im fahlen Morgenlicht suchte er Tavas Blick und hielt ihn fest, als er ihn endlich gefunden hatte. Ganz sachte legte Malleus den Kopf etwas zurück, leicht geneigt in einer vorsichtigen Geste der Zuneigung. Endlich war er sich seinen eigenen Händen auf seinen Oberschenkeln wieder bewusst und hob eine davon auffordernd in Tavas Richtung. Er ging soweit, das stetige Zittern seiner Finger nicht unterdrücken zu wollen. Nicht nachdem, was gerade passiert war. Geduldig wartete er, bis Tava seiner Einladung folgte.
      Ohne seine Augen abzuwenden, führte er Tavas Hand an sein Gesicht, drückte ihre warme Handfläche nachdrücklich gegen seine Wange und ihre Fingerspitzen gegen seine Schläfe. Einen zittrigen Atemzug später, ließ er ihre Hand los und gewährte ihr damit die Freiheit ihn zu berühren, wie es ihr beliebte und soweit es ihr gestreckter Arm erlaubte. Er vertraute darauf, dass keiner seiner Gefährten die neu gesteckten Grenzen kaltblütig und in böser Absicht ausnutzte. Er vertraute...Ein seltsamer Gedanke. Erschöpft, körperlich und geistig, senkten sich seine Augenlider. Aber es ging nicht um ihn.
      Als er die Augen wieder aufschlug, war er weit entfernt davon völlig entspannt zu sein. Nur seine Augen wirkten etwas wacher, weicher und funkelten beinahe im Angesicht der kommenden Mission. Es war eine willkommene Ablenkung für seinen Verstand. Das Pläne- und Ränkeschmieden. Das Ausloten ihrer Chancen und Möglichkeiten.
      "Es wird nicht leicht noch einmal in das Herrschaftshaus zurückzukehren Also...Wie wollen wir vorgehen?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Wie auch Devon war Tava mit einem Schlag fixiert auf Malleus. Devon hatte schon einmal das mit der Blutschuld erwähnt und es dann in Oratis als beglichen angesehen, aber das hier war auch etwas anderes. Vor jemand anderem zu knien schien schon viel zu banal, um dem irgendeinen Wert zuzuschreiben - aber auf der anderen Seite würden die Menschen sicher das gleiche davon sagen, dass Cervidia ihre Köpfe hoben oder senkten. Manchmal waren es eben die einfachen Dinge, die erst wichtig wurden. Und in Malleus' Fall musste die Einfachheit ihm sogar noch von Nutzen sein.
      Allerdings konnte Tava sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Mann vor irgendjemandem knien würde. Malleus war einfach nicht der Typ dafür, genauso wenig wie er der Typ war, um sich von irgendwem etwas sagen zu lassen. Daher war sie so sehr auf ihn fixiert, als er sich vorsichtig Devon und dem Bett näherte.
      Die Anspannung war ihm förmlich anzusehen. Eine geraume Zeit schien er noch mit sich selbst zu kämpfen, mit der Geste, die ihm mehr abverlangte, als all die Worte davor. Wie einfach es für ihn hätte sein können, seine Worte so zu stricken, dass sie Devon genauso leicht überzeugten wie Tava. Wie einfach für ihn, nur weiterzusprechen, um die Beziehung zu retten.
      Aber Devon wollte das nicht. Und wenn Malleus nicht bereit war, ihm entgegen zu kommen - was sonst hätte sie zusammenhalten können?
      Tava stockte aber der Atem, als der Mann wirklich langsam vor Devon auf die Knie sank. Er ging langsam, seine Muskeln zu verspannt, um sich locker knien zu können, sein Hals zuckte. Tava konnte den Blick nicht abwenden, konnte nicht einmal blinzeln. Sie bemaß die Geste zwar nicht mit so viel Gewicht, aber den Mann so auf den Knien vor ihr zu sehen, erweckte selbst in ihr ein Kribbeln. Und wie würde es da erst Devon gehen?
      Vorsichtig sah sie zur Seite, um einen Blick auf seine Miene erhaschen zu können. Seine Augen waren geweitet und ihm schien auch der Atem wegzubleiben, oder er atmete so flach, dass sie es nicht sehen konnte. Sein Blick glitt über Malleus' Gestalt, schien alles in ihm aufzusaugen. Tava hätte nur zu gern gewusst, was in seinem Kopf vorging.
      "Dein Kinn ist ein bisschen zu überspannt."
      Ihr Blick sprang zurück zu Malleus, der darauf kaum reagierte. Zu sehr schien er Devons Reaktion abzuwarten, wie auch Tava jetzt. Sie beide starrten die Hand an, die die Cervidia verließ und sich dann langsam um Malleus' Hals legte. Das angenehme, neugierige Kribbeln in ihrem Bauch wandelte sich schnell in Unbehagen, während sie zusah, als er Malleus' ganzen Hals umfasste, was der Mann mit Fassung zu ertragen versuchte. So schön der Ausblick auch gewesen war, jetzt gefiel es Tava nicht mehr so gut. Das wäre ihr zu weit gegangen. Zu knien? Kein Problem. Den Hals zeigen? Naja, eines Tages vielleicht mal. Aber ihn so anfassen lassen? Tava schauderte es. Das würde sie nicht tun, nie im Leben. Da sollte Devon noch so viel Respekt von ihr verlangen wollen, Tava würde es nicht machen. Sie könnte ihm so viel Blut geben wie er wollte, aber das hier ging zu weit.
      Umso höher rechnete sie es Malleus an, dass er es sich einfach gefallen ließ. Es musste doch auch für den Menschen unerträglich sein, Hörner hin oder her, nicht? Er saß da aber einfach nur und ließ zu, dass Devon ihn für einen Moment umfasst hielt.
      Dann zog er sich zurück. Malleus stieß den Atem aus und auch Tava entspannte sich wieder etwas. Auf keinen Fall würde sie ihren Hals für sowas zeigen.
      "Ich sehe und respektiere es. Danke für die Rettung. Danke für deinen Einsatz, Tava."
      Flüchtig lächelte sie ihn an. Es war ihr immernoch unangenehm.
      "Ich hatte einen Fehler wieder gut zu machen", gab Malleus zurück. Dann wanderte sein Blick zu Tava rüber.
      Für sie begann er den Kopf ein wenig zu heben. Der Winkel stimmte nicht ganz, aber Tava hatte eine solch lange Zeit unter Menschen verbracht, um die Geste als die solche anzuerkennen, die sie sein sollte. Das unangenehme Gefühl in ihrem Magen machte einer gewissen Erleichterung Platz und dann einer vorsichtigen Befriedigung. Sie kopierte seine Haltung. Als Antwort streckte er ihr seine Hand entgegen und sie ergriff sie.
      Ohne den Blick von ihr zu lösen, führte er ihre Hand an seine Wange und an seine warme Haut. Tavas Augen weiteten sich ein bisschen, als sie ihn unter ihren Finger spüren konnte, eine ähnlich vertraute Geste wie schon für Devon zuvor. Sie hatte Malleus vermutlich noch niemals angefasst, nicht ohne seine Handschuhe. Und jetzt legte er ihre Hand geradewegs auf seine Wange.
      Ihr Herz klopfte in ihrer Brust, als er ihre Hand losließ und sie ganz vorsichtig mit den Fingerspitzen über seine weiche Haut glitt. Er war wirklich unsagbar weich und die Wärme, die von ihm ausging, spürte sie selbst noch in ihrer Brust. Das hier war etwas ganz besonderes. Nicht einmal Amentia hatte ihn vermutlich jemals so berührt.
      Sie kostete den Moment aus, erlebte einfach, dass sie ihn so berühren konnte. Devon sah ihr mit geweiteten Pupillen zu. Etwas verband sie untereinander in diesem Augenblick und es fühlte sich stärker an als im Gasthaus in Oratis. Stärker, als sie es jemals anders hingekriegt hätten.
      Nur langsam nahm sie ihre Hand wieder zurück. Sie vermisste ihn jetzt schon, aber Malleus hatte eindeutig Schwierigkeiten bei so viel Berührungen und sie wollte ihn auch nicht überfordern. Völlig fasziniert nahm sie einen Atemzug.
      "Es wird nicht leicht noch einmal in das Herrschaftshaus zurückzukehren. Also...Wie wollen wir vorgehen?"
      "Ich hätte da eine Idee. Aber Devon bleibt hier."

      Sie mussten warten, bis sich die Lage in der Stadt wieder etwas beruhigt hatte. In ein Mayorhaus einzubrechen war schon schlimm genug, aber dabei Wachen zu überwältigen, zu töten, ein Feuer zu legen und einen Gefangenen zu befreien, ging wohl ein bisschen über die Toleranzgrenze der Stadt hinaus. Alles war in Aufruhr. Steckbriefe wurden ausgehängt: Devon, Malleus und Tava.
      "So seh ich gar nicht aus!", beschwerte sich Tava lauthals, als sie die drei Zettel in ihr Zimmer brachte. Ihre eigene Zeichnung hielt sie neben ihr Gesicht. "Oder?!"
      Ganz eindeutig gab es keinen Cervidia unter der Stadtwache oder gar unter den Soldaten, der Tava gesehen hatte. Ganz eindeutig war viel Aufwand in die Zeichnung ihrer Hörner betrieben worden, sodass das Gesicht völlig verkehrt ausfiel. Außerdem waren die Hörner auch nicht richtig. Zu geschwungen und zu lang. Die Tava auf dem Bild mit dem grimmigen Gesicht ähnelte kein bisschen der echten Tava mit dem grimmigen Gesicht.
      "Sie hätten sich ja ein wenig Mühe geben können."
      Devon sah auch eher aus wie die Karikatur eines Albtraums. Seine Augen waren geschlitzt wie die einer Ziege und sein Gesicht war zu einer furchteinflößenden Grimasse verzerrt. Es war kaum sein eigenes Gesicht. Allerdings hatte Devon trotzdem ein Problem: Es gab ganz sicher keinen anderen freilaufenden Lacerta in Touvanen und seine Augen konnte er nicht verdecken. Cervidia waren überall anwesend, Tava würde einigermaßen sicher sein. Aber Devon nicht.
      Malleus sah ähnlich furchtbar drein und die Zeichnung war dadurch ruiniert, dass man versucht hatte, seine dunkle Haut darzustellen. Irgendwie sah er aus wie ein Priester und das für die falsche Seite. Seine geflochtene Frisur ähnelte eher weibischen Zöpfen. Tava musste darüber lachen, als sie das Bild neben ihn hielt; es sah wirklich komisch aus.
      Trotzdem mussten sie vorsichtig sein. Sie hatten nur einen Versuch und Malleus war sicher aus Oratis bekannt. Wenn einer ihn entdeckte, könnte es schwierig für sie ausgehen.
      Aber sie hatten einen Plan und als Tava als erstes nach draußen schlüpfte, sah es sogar so aus, als würde es auch funktionieren.
    • Obwohl Devon wenig Begeisterung darüber zeigte, dass Tava und Malleus im Alleingang noch einmal in das Herrschaftshaus zurückkehren wollten, hielt der angeschlagene Jäger notgedrungen die Füße still. Mit seinem Verletzungen wäre kaum eine Hilfe gewesen und seine ganze Erscheinung war zu auffällig für das riskante Vorhaben. Sämtliche Blaumäntel und Soldaten hätten den Lacerta bereits aus weiter Entfernung erkannt und da sie sich nicht ewig in ihrem Versteck verkriechen konnte, bis sich Devon genügend erholt hatte, trafen alle Argumente bei Tava und Malleus auf taube Ohren. Vor allem Malleus sah in jedem Tag, den sie länger in Touvanen verweilten, die größte Gefahr. Die Steckbriefe, die wohl ein Kind mit Fingerfarben besser hinbekommen hätte als die offiziellen Zeichner, bereiteten ihm zusätzliche Kopfschmerzen. Zwar standen auch keine Namen darunter, aber die Ritter des Ordens waren keineswegs einfältig. Sie würden schnell Eins und Eins zusammenzählen können. Malleus war ihnen zweifellos bekannt. Er hatte sich für Tava ein halbherziges Lächeln abgerungen, weil sie offensichtlich sehr amüsiert über die verhunzten Portraits gewesen war. Seine Stimmung hatte es trotzdem nicht heben können, denn jetzt würde herumsprechen, dass Malleus in Touvanen gesehen worden war. Die Gerüchte würden sich schneller verbreiten als ihm lieb war. Über die Stadtgrenzen hinaus bis Oratis, daran zweifelte Malleus durch die Anwesenheit der Ordensritter nicht. Deshalb war der Mann auch mehr als angespannt, als sie das Gasthaus hinter sich ließen.
      In den Straßen von Touvanen wimmelte es vor alarmierten Soldaten, die selbst nicht davor zurückschrecken Neuankömmlingen grob die Kapuzen vom Kopf zu reißen, um einen Blick darunter zu werfen. Während sie Zuflucht an einer weniger gut einzusehenden Häuserecke suchten, um einen Trupp von Soldaten vorbeiziehen zu lassen, beobachtete Malleus mit zusammengezogenen Augenbrauen, wie selbst die Karren und Wagen abreisender Händler gründlich durchsucht wurden. Eine Flucht bei Tag gestaltete sich langsam als immer schwieriger und obwohl sie noch nicht einmal am Ziel angekommen waren, spielte Malleus gedanklich bereits durch wie sie möglichst schnell und unbeschadet zu ihren Pferden gelangen wollten.
      Malleus ergriff die erste Chance in unmittelbarer Nähe des Herrschaftshauses, als ein augenscheinlicher Haufen aus Lumpen seine Aufmerksamkeit erregte. Das Feuer im Keller des Hauses musste einigen Schaden angerichtet haben und hatte auch das Gepäck von Blaumänteln und Akolythen nicht verschont. Es war ein glücklicher Zufall, dass er aus dem Haufen nach Rauch und Asche stinkender Kleidung eine Robe der Akolythen fischen konnte. Das Kleidungsstück war am Saum zwar etwas angesengt, aber solange ihm niemand auf die Füße sah, fiel es kaum auf. Flink schlüpfte er im Schutz eines verwaisten Karrens in die Robe. Sie war ihm etwas zu kurz an den Ärmeln und ließ seine Handschuhe unbedeckt, also steckte er seine Hände in die weiten Taschen, die an der Robe angenäht waren. Die Kapuze zog er sich tief und demütig in die Stirn, um sein Gesicht wenigstens etwas zu kaschieren. Solange er den Kopf gesengt hielt, sollte auch das ausreichen. Es musste reiche, eine zweite Chance würden sie nämlich nicht bekommen.
      "Warte auf mein Zeichen...", raunte er Tava zu und drückte kurz zuversichtlich ihren Ellbogen.
      Sie konnte ihn nicht begleiten ohne sofort dabei aufzufallen. Schlecht gezeichnete Hörner hin und her, es war ein zu spezielles Merkmal um keine Beachtung zu finden. Er verstaute die kleine Phiole, die Tava ihm zuvor ausgehändigt hatte, in der Tasche der gestohlenen Robe. Dieses kleine Ding war die einzige Möglichkeit der Cervidia das nötige Signal zugeben und ihm im Notfall ein paar Sekunden zusätzliche Zeit zu erkaufen.
      "Sei vorsichtig", flüsterte Malleus eindringlich und seine Finger glitten von ihrem Arm.

      ______________________________________________________________

      Mit gesenktem Haupt mischte Malleus sich unter die Menschen, die durch das Tor zum Herrschaftshaus hinein und hinaus strömten. Einfache Arbeiter, die gerufen worden waren, um mit Eimern und Karren den Schutt aus dem Keller zu bergen. Zerstörte Möbelstücke, verkohlte und verbrannte Vorräte wurden eifrig hinausgetragen, damit das ganze Ausmaß des Schadens begutachtet werden konnte. Inmitten der Arbeiter huschten die Akolythen hin und her. Die sonst so stillen Schriftgelehrten gestikulierten aufgeregt über angesengten und kohlschwarzen Manuskripten, Schriftrollen und anderem Kleinod, den sie als Symbole ihrer Gesinnung mit sich trugen. Malleus wich den größeren Gruppen aus. Überall waren Ritter in ihren glänzenden Rüstungen positioniert. Sie überließen es also den Soldaten in der Stadt zu patrouillieren und konzentrierten sich selbst auf den kleinen Radius um das Haupthaus. Nicht zu schnell, nicht zu langsam ging er über den Platz. Niemals den direkten Weg, sondern mit einem wachsamen Augenmerk darauf, sich so natürlich wie möglich innerhalb des bunten und aufgeregten Treibens zu bewegen. Ein falscher Schritt könnte sein Schicksal besiegeln...und das seiner Gefährten.
      "Du!", ertönte es ruppig neben ihm.
      Malleus gefror mitten in der Bewegung und neigte den Kopf etwas tiefer. Was respektvoll anmutete, sollte sein Gesicht tiefer in die Schatten der Kapuze eintauchen lassen.
      "Hörst du schlecht? Wieso trägst du noch diesen stinkenden Fetzen? Wir repräsentieren den persönlichen Abgeordneten unseres Ehrenwerten Epsisimos. Das ist inakzeptabel."
      Ein Ordensritter schritt in gerade Linie auf ihn zu und griff nach dem Ärmel der Robe, aus dem sofort der Ruß rieselte. Aus dem Augenwinkel sah er in das augenlose, schmale Visier des Ritters.
      "Ich b-bitte um Vergebung...", hauchte Malleus ein paar Oktaven höher als gewöhnt. "..a-aber die Manuskripte..."
      "Sind auch gleich noch mehr Asche als Papier...", herrschte ihn der Ritter an. "Lass dir vom Quartiermeister neue Kleidung geben. Wenn der Hauptmann diesen Fetzen sieht, dann gnade dir der allmächtige Eine."
      Malleus atmete erst auf, als der Ritter, übelgelaunt und sicherlich bereits Opfer des Umuts ihres Hauptmannes geworden, davon stapfte. Er war einen Blick zurück und stellte mit einem eisigen Klumpen im Magen fest, dass allein die Robe der Akolythen ihn davor bewahrt hatte, dass ihm ebenfalls die Kapuze vom Kopf gezogen wurden. Am Tor verfuhren die Soldaten mit allen auf dieselbe Weise. Nur die Angehörigen des Einen ließen sie respektvoll in Ruhe.
      Wenige Minuten später betrat Malleus das Haus geradewegs durch die Vordertür und begegnete auch hier mehr Menschen, als er im Augenblick gebrauchen konnte. Er ließ den Blick kurz durch die Eingangshalle wandern und bemerkte die Arbeiter, die in großen Holzkübel und mit Eimern verrußten Schutt aus Richtung des Kellers schleppte. Beiläufig klaubte er einen vergessenen Eimer neben der Tür auf, um den Anschein zu erwecken, ebenfalls seinen Beitrag leisten zu wollen. In dem Gewusel bog er an der Treppe ab und huschte hinauf in den ersten Stock des Gebäudes. Den Eimer tauschet er gegen einen Stapel Papiere, die wohl jemand in dem Durcheinander auf einer Anrichte hatte liegen lassen. Mit den Dokumenten sah er aus, als hätte er diese gerade aus dem Schutt gerettet und war nun auf dem Weg sie auch in Sicherheit zu bringen. Es gereichte ihm zu Vorteil, dass die Ritter im Haus den eigenen Akolythen wenig Beachtung schenkten.
      Es dauerte einen Moment, viel zu lange für seinen Geschmack, um das Zimmer ausfindig zu machen, in dem der Hauptmann residierte.
      Das geräumige Gästezimmer war penibel aufgeräumt und im Gegensatz zum Rest des Hauses völlig unberührt von der Unruhe. Malleus' Blick sprang über die Kommoden, Schränke, die große Truhe am Bett, Reisegepäck...Zu viele Schubladen, Schranktüren und potenzielle Verstecke für das Objekt ihrer Begierde. Malleus lehnte die Tür hinter sich an, ließ aber einen kleinen Spalt offen um weiterhin lauschen zu können, ob sich Schritte näherten. Eilig umrundete er den einzigen Schreibtisch im Raum. Darauf fand sich nichts von Wert, also zog er eine Schublade nach der anderen auf. Als er dort nicht fündig wurde, ging er als Nächstes zu den Kommoden herüber. Viele davon waren komplett leer, vermutlich seit langem unbenutzt da Touvanen nur wenig hohen Besuch empfing.
      Mit jeder Schublade, die kein Ergebnis zu Tag förderte, wuchs seine Frustration. Malleus fehlte nun seine gewohnte Ruhe, der Moment mit Tava und Devon hatte ihn mehr aufgewühlt als angenommen. Er würde nicht zulassen, dass einer von ihnen nochmal in die Hände der Ritter fiel. Und dafür musste er die Haut finden. Ohne sie würde Devon Touvanen nie verlassen.

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Mehr als nur wenig begeistert war Devon allein im Zimmer des Gasthauses zurückgeblieben und saß nun mit einem Stuhl vor dem Fenster, dessen Vorhänge er halb zugezogen hatte. Sogar recht lautstark hatte er gegen Malleus lamentiert, dass sie warten müssen, bis es ihm wenigstens halbwegs wieder gut ginge. Er musste mitgehen, die Vorhut sein. Eigenmächtig die Haut seines Freundes und sein Schwert wiederholen, so wie es sich laut Kodex gehörte.
      Am Ende siegte doch das offensichtlichste Argument: Ein Lacerta stach so oder so aus der Menge heraus und dann hätte er sich gleich offen stellen können. Auch wenn er sich schon wesentlich besser als am Vortage fühlte, wäre er noch lange nicht in der Lage, seine gewohnte Kampfkraft aufzubringen. Gegen einen der Blaumäntel, die bis oben hin in Rüstung steckten, hätte er ohne Waffe erhebliche Schwierigkeiten.
      Also blieb Devon zähneknirschend zurück. Von seinem Platz aus hatte er auf die Straße gestarrt, bis er Tavas und Malleus‘ Gestalten um die nächste Ecke hin aus den Augen verlor. Erst dann hatte er den Vorhang komplett zugezogen und sich für einen Moment einfach nur dem Knacken des Feuers in der Feuerstelle gelauscht. Dann erhob er sich schwerfällig und durchsuchte die zurückgebliebenen Taschen von Malleus und Tava. Nach einigen Momenten fand er in einem kleinen Beutel das, wonach er suchte. Schwerfällig ließ er sich am Feuer auf den Boden sinken und begrüßte die Hitze, die ihm ins Gesicht schlug. Er fror nicht mehr, die Kälte war mittlerweile endgültig aus seinen Gliedern gewichen. Trotzdem bewegte er sich verhältnismäßig langsam, als er begann, sich die Bahnen an Bandagen vom Oberkörper zu wickeln. Er verzog das Gesicht, als blutige Bahnen sich vor ihm sammelten, Hautfetzen am Stoff klebten und sogar hier und da eine seiner Schuppen. Nachdenklich nahm er eine von ihnen zwischen die Finger und inspizierte ihren Schimmer vor dem Feuer. Wenn man nicht wusste, dass sie auf seinem Körper gewachsen waren, konnte man sie durchaus als schön bezeichnen.
      So wie manche auch die Augen der Lacerta als schön bezeichnen würden, solange sie nicht im Kopf eines jenen steckten.
      Devon verzog das Gesicht und wickelte weiter ab. Solange, bis er seine Brust freigelegt hatte. Die Reihen um seinen Bauch und Lendenbereich ließ er bestehen, dort gab es keine Knochen, die den weichen Innenraum schützen konnten. Dann nahm sich Devon das Messer, das er aus dem Beutel geholt hatte, zog die Scheide ab und legte die Klinge ins Feuer.
      Mit seiner Hand betastete er vorsichtig seinen Rücken. Noch immer konnte er die Löcher fühlen, wo die Speere in sein Fleisch getrieben worden waren. Aber sie waren unlängst nicht mehr so tief wie vorher. Bluten taten sie auch nicht mehr. Das bestätigte seinen Verdacht. Er besaß definitiv eine erhöhte Regeneration seitdem er den Drachen aus Lacuna gelegt hatte. Nur inwiefern diese reichte, konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht wissen.
      In den nächsten Minuten beobachtete er einfach nur, wie das Feuer die Klinge immer weiter erhitzte. Es war schon lange her, dass er diese Tradition gelebt hat und er würde sich wohl nie an den Schmerz gewöhnen. Gerade, wenn man es selbst machte. Aber es war der Abschluss für einen Weg, den er schon lange nicht mehr gegangen war. Der Beweis dafür lag oberhalb seines Schlüsselbeines, wo eine Reihe von geraden Narben eine alte Geschichte unkenntlich gemacht hatte. Das hatte er gemacht, kurz nachdem er aus Tel’Aquera fortgegangen war. Er war nicht mehr würdig gewesen, diese Geschichte zu erzählen.
      Als Devon jetzt nach dem Messer griff und mit der anderen Hand die Haut straffzog, biss er die Zähne zusammen. Seine Handschrift war nicht so schön wie die von єรςђ๏ɭ๏ภ, aber das war dann eben so. Mit zittrigem Griff setzte Devon den ersten Schnitt und kämpfte mit sich, keinen Laut von sich zu geben. In den nächsten Minuten schrieb er die Geschichte eines gebrochenen Speers nieder, wobei ihm die Tränen es wahnsinnig schwer machten.


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      Das ganze Chaos machte den Hauptmann krank. Er liebte seine Ordnung und die Geradlinigkeit, die er diesen Ort unterworfen hatte. Aber seit diesem Anschlag vom Abend zuvor rasten die Leute hier durch das Gemäuer wie die Wahnsinnigen. Er selbst hatte den Akolythen verboten auch nur einen Fuß in sein Zimmer zu setzen. Da die Eindringlinge so einfach ins Herrenhaus eingedrungen waren, traute er kaum noch jemanden über den Weg. Denn diejenigen konnten seine Kreuzritter mit einer Leichtigkeit aus dem Weg räumen, die nicht normal war. Er hatte die Leiche unten im Verließ gesehen und das war kein zufälliger Schnitt gewesen. Man hatte den Mann gezielt ausbluten lassen und das machte den Hauptmann mindestens genauso wütend.
      Er hatte sich den Tatort genauer angesehen, nachdem aufgeräumt worden war. Sein Visier trug er offen und seine Rüstung penibel akkurat, während er sich auch das Loch hatte zeigen lassen, wo sich die Eindringlinge herausgesprengt hatten. Umgehend hatte er veranlasst, dass es wieder gemauert und dieses Mal auch verstärkt werden sollte.
      Erst danach ging er wieder zurück ins Haus und in die oberen Stockwerke. Er war so paranoid geworden, dass er die wichtigsten Gegenstände in seinem Besitz immer nah am Mann und unter der Rüstung trug. Reine Sicherheitsmaßnahmen. Die er auch bestätigt finden sollte, als er schon von Weitem sah, dass die Tür zu seinem Zimmer nicht geschlossen war. Er beschleunigte seine Schritte, wohlwissend, dass seine gepanzerten Schuhe niemals den Vorteil von leiser Bewegung besitzen würden. Folglich wartete er auch nicht ab, als er an der Tür ankam, sondern stieß sie mit der Kappe seines Stiefels auf.
      Sein Blick fiel sofort auf eine Person an einer Kommode. Sie hatte gerade eine Schublade zugeschoben, aber es gab überhaupt keinen Grund, warum ein Akolyth auch nur einen Fuß in dieses Zimmer setzen sollte. Der Hauptmann musterte den Mann, der seinen Kopf tief hielt, und bemerkte die verkohlten Säume seiner Kutte. Da verfinsterte sich das Gesicht des Hauptmannes noch weiter und er hob die Hand, um das Visier seines Helmes herunterzuklappen.
      „Respekt für die Dreistigkeit, keine vierundzwanzig Stunden später im Tageslicht hereinzuplatzen“, sagte der Hauptmann, legte seine Hand an den Griff seines Schwertes und zog eine seltsam grün schimmernde Klinge hervor, die viel zu untypisch für einen Blaumantel war. „Das macht die Suche wesentlich leichter, mein Freund.“
    • Malleus' Kopf fuhr zur Tür herum. Über den Korridor näherten sich eilige Schritte. Dumpf schlug gepanzertes Schuhwerk auf den alten Holzdielen auf und kündigte damit unerwünschte Gesellschaft an. Es stand völlig außer Frage, dass sich ein Ordensritter nährte und schneller, als Malleus lieb war. Der Raum bot kein Versteck und keinen adäquaten Fluchtweg für einen schnellen Rückzug. Das Schicksal entschied sich einmal mehr dazu, dem Kultisten Steine in den Weg zu legen. So viel zu dem Plan unauffällig ins Gebäude einzudringen, Devons Habseligkeiten zu holen und mit einem anschließenden Feuerwerk zu verschwinden. Malleus blieb nichts anderes übrig, als sich der drohenden Konfrontation zu stellen, die er persönlich lieber vermieden hätte.
      Im nächsten Moment wurde die Tür bereits mit einem kräftigen Ruck aufgestoßen und niemand Geringeres als der Kommandant der Kreuzritter betrat mit finsterer Miene sein Quartier. Der Mann zögerte nicht, sein Visier augenblicklich zu senken und ein eindeutiger Manier sein Schwert zu ziehen. Sein Schwert? Malleus brauchte nur wenige Sekunden um die grünschimmernde Malachitklinge zu erkennen, die sich unrechtmäßig in den falschen Händen befand.
      „Respekt für die Dreistigkeit, keine vierundzwanzig Stunden später im Tageslicht hereinzuplatzen. Das macht die Suche wesentlich leichter, mein Freund", ertönte es mit eindeutiger Verärgerung hinter dem verschlossenen Helm.
      Malleus hielt den Kopf gesengt, neigte das Haupt lediglich ein wenig zur Seite, um trotz Kapuze seinen Gegenüber genauer unter die Lupe nehmen zu können. Die Rüstung ebenso wie der Radius des Schwertes konnte auf engem Raum für den Ritter zum Problem werden. Malleus war in einer direkten Konfrontation mit seinen Dolchen wendiger und flinker, deren Gewicht er überdeutlich an seinem Leib spürte. Es juckte ihn in den Fingern dabei zu zusehen, wie der Anhänger des Einen Gottes langsam und qualvoll an dem Gift erstickte, mit dem Malleus seine Klingen überzog.
      "Zeit ist kostbar, mein Freund", raunte Malleus.
      Lautlos glitt ein Dolch in seine rechte Hand, verborgen durch den weiten Ärmel der Akolythen-Robe. Die Zeit drängte und trotzdem übte sich Malleus in lang erprobter Geduld. Jeder besaß einen Druckpunkt, auch die Anhänger des Einen Gottes. Er musste ihn nur schnell genug ausfindig machen. Langsam löste er sich aus der gebeugten Haltung, mit der er seine Größe etwas kaschiert hatte, und straffte die Schultern. Mit einer einzigen, fließenden Bewegung wischte er die Kapuze vom Kopf und offenbarte damit seine Identität. Malleus ging davon aus, dass ein Ritter von solch hohem Rang wusste, mit wem er es zu tun hatte.
      "...und du bist im Besitz von etwas, das dir nicht gehört. Ich habe lediglich das ehrenvolle Ansinnen es seinem rechtmäßigem Besitzer zurückzubringen und dein Gewissen zu erleichtern. Stehlen ist doch eine Sünde in den Augen eures geliebten Gottes, nicht?"
      Sein Gesichtsausdruck blieb völlig ruhig, während er gedanklich seine Möglichkeiten abwog, Verzweigungen wahrscheinlicher Szenarien verfolgte und wieder verwarf. Malleus musterte seinen Gegenüber mit dem durchdringenden und furchtlosen Blick eines Mannes, der sehr wohl wusste, wie Macht und Einfluss schmeckte.
      "Mein aufrichtiges Beileid zum Verlust deiner Männer", schnurrte Malleus beinahe. "Wobei...ein wirklicher Verlust waren sie eigentlich nicht. Die Disziplin der Kreuzritter lässt dieser Zeit zu wünschen übrig. Es ist nichts Ehrenvolles und Heiliges daran einen Gegner zu verspotten, der sich nicht mehr wehren kann."
      Malleus' Augen schienen sich zu verdunkeln, als er die nächsten Worte aussprach.
      "Der große Adrastus und euer Gott haben eines Gemeinsamkeit: Beide sehen nicht wohlwollend auf die Sünder dieser Welt herab. Doch mir wird die große Feuergeißel es sicherlich nachsehen, dass ich mich der Sünde schuldig mache wenn ich damit einem seiner gesegneten Kinder einen Dienst erweise. Du hast sie doch gesehen,...die Schuppen. Nicht wahr?"
      Er ging sogar soweit den Schreibtisch zu umrunden und davor Stellung zu beziehen.
      "Ich wünsche nicht, das Feuer des Drachen ein weiteres Mal über dieses Haus zu bringen, aber ich werde es, wenn du mich dazu zwingst. Gib mir, was ich suche und verhindere weitere Verluste an Unschuldigen und deinen eigenen Männern."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Hinter dem Visier ließ sich die Miene des Hauptmannes nicht mehr ablesen und auch seine Haltung änderte sich nicht sonderlich, als Malleus seine gebeugte Haltung aufgab und sich aufrichtete. Nun war er praktisch gleichgroß mit dem Hauptmann, der wie eine unüberwindbare Mauer im Türrahmen stand. Erst als Malleus sich die Kapuze vom Kopf wischte, reagierte der Blaumantel. Er trat mehr in den Raum herein und schob die Tür mit seiner Ferse zu, bis sie hinter ihm ins Schloss fiel. Nun waren sie beide vorerst im Raum eingeschlossen.
      „Rechtmäßiger Besitzer? Dieser Lacerta? Woher wollt Ihr wissen, ob das Schwert nicht selbst Diebesgut ist? Als ob so eine Kreatur wie er an solch eine Waffe kommen kann“, schnaubte der Hauptmann, der sich das Schwert eingesteckt hatte, weil er um die besonderen Eigenschaften eben solcher Steinschwerter wusste.
      „Mein aufrichtiges Beileid zum Verlust deiner Männer“, fuhr der Kultist in einer Tonlage fort, die dem Blaumantel alles andere als gefiel. „Wobei… ein wirklicher Verlust waren sie eigentlich nicht. Die Disziplin der Kreuzritter lässt dieser Zeit zu wünschen übrig. Es ist nichts Ehrenvolles und Heiliges daran, einen Gegner zu verspotten, der sich nicht mehr wehren kann.“
      Der Hauptmann ließ die förmliche Anrede nun ebenfalls bleiben. „Meine Leute sind wenigstens kein einfältiges Pack, die einer mordenden Kreatur der Hölle huldigen. Oder ein Weib an die Spitze der Führung einer Stadt stellen.“
      Dank den gepanzerten Handschuhen fiel nicht auf, wie er das Schwert am Griff fester packte. So herablassend manche seiner Leute auch waren, jeder einzelne Toter unter ihnen war einer zu viel. So führte er seine Staffel nicht, ohne Rücksicht auf Verluste.
      Dann verdunkelte sich Malleus‘ Blick und er wagte es, um den Schreibtisch herum zu treten, was den Hauptmann zwei Schritte weiter in seine Richtung nötigte. „Du hast sie doch gesehen… die Schuppen. Nicht wahr?“
      Oh ja, das hatte er. Noch nie zuvor war ihm so ein Wesen untergekommen. Wie viele andere hatte er die Geschichten um diesen Stamm, tief verborgen in irgendwelchen Tropenwäldern, gehört. Aber kein einziger Bericht hatte beschrieben, dass Lacertas wirklich die Abkömmlinge von Drachen waren. Dass sie Schuppen trugen wie ihre monströsen Eltern.
      „Du bestätigst also hiermit, dass diese Rasse von Drachen abstammen und nicht anders behandelt werden sollten“, raunte er und eine tiefe Entschlossenheit setzte ein. Der Kultführer hatte einen Fehler begangen. Mit seinem Zugeständnis gegenüber einem hohen Hauptmann des Einen war sein Wort als verbindlich gekennzeichnet. Wenn er das Wort nun an den Epsisimos weitertrug, würde offiziell gemacht werden, dass Lacertas Abkömmlinge von Drachen und darüber hinaus der Signa Ignius zugehörig waren. Das wäre nicht nur ein einfacher Skandal.
      „Ich wünsche nicht, das Feuer des Drachen ein weiteres Mal über dieses Haus zu bringen, aber ich werde es, wenn du mich dazu zwingst. Gib mir, was ich suche und verhindere weitere Verluste an Unschuldigen und deinen eigenen Männern“, verlangte Malleus, doch der Hauptmann war nicht mehr für Verhandlungen bereit.
      Ohne eine Andeutung rauschte der Blaumantel in einem Aufwärtshieb nach vorn. Malleus drehte sich seitlich weg, flink wie der feige Kultist, der er war. Aus der Bewegung heraus ließ der Hauptmann das Schwert wieder niedersausen, doch abermals warf sich Malleus rechtzeitig aus dem Weg. Mit einem Krachen schlug das Schwert in den Tisch ein und spaltete das Holz mühelos.
      „Soweit ich weiß brennt das Feuer dieser Monster ganze Dörfer und nicht nur Verliese nieder. Schwächelt eure Missgeburt etwa?“, spottete der Hauptmann, zog das Schwert auf Schulterhöhe und setzte zu einem Stich auf den Kultisten an.
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