Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Für eine geraume Zeit saß Malleus nur dort, lange genug, dass Tava sich unweigerlich fragen musste, wie lange er überhaupt schon dort gesessen hatte. Er war doch nicht etwa nach seiner Zeremonie direkt hierhergekommen? Und was tat er überhaupt hier? Warum saß er auf dem Boden und sah so aus, als würde er sich noch von dem Angriff eines Drachen erholen?
      Schließlich bewegte er sich aber und setzte sich ein Stück auf. Schwarze Krümel fielen aus seinem Haar, die Tava sofort als Asche identifizierte. Mit einem Mal schien ihr der Gedanke mit dem Drachen doch nicht mehr so abwegig.
      "Es geht mir..."
      Seine Stimme war scharf und ungehalten, die Weichheit von der Feier gänzlich verblasst. Unmittelbar fühlte Tava sich ans Arbeitszimmer zurückerinnert und bekam sogleich ein schlechtes Gewissen. Es war doch in Ordnung, dass sie gekommen war, oder? Es war doch nicht verboten? Sie hatte doch nichts falsch gemacht?
      Aber Malleus beendete seinen Satz nicht, sondern schüttelte nur den Kopf. Seine nächsten Worte sprach er mit einer Reue aus, die Tava niemals verstehen könnte.
      "Nein, ist es nicht."
      Ja, das konnte sie sehen, oder zumindest erahnen. Er sah nicht gut aus, aber nicht auf eine körperliche Art, obwohl seine schiefe Haltung auch das glauben machen konnte. Nein, es musste etwas damit zu tun haben, dass er ganz alleine hier auf dem Boden saß, während seine ganzen Anhänger draußen feierten. Das schien nicht Malleus' Art zu sein.
      Vorsichtig setzte Tava sich vor ihm zurecht. Er schien nicht den Eindruck zu erwecken, als würde er so bald hier verschwinden wollen und so beschloss sie, dass für sie das gleiche galt. Wenn er die nächsten Stunden hier verbringen würde, dann würde sie das auch tun.
      "... aber das wird es wieder", schloss er leise und hob an diesem Abend vermutlich zum ersten Mal den Blick, um Tava in die Augen zu sehen. Aber so sehr sie sich darüber freute, dass er sie wieder richtig wahrzunehmen schien, war sein Blick doch nicht, was sie sich erhofft hatte. Er wirkte glasig und abweisend, nicht warm und freundlich, so wie sie es von ihm gewohnt war.
      "Warum bist du hier, Tava?"
      Tava neigte den Kopf auf die andere Seite.
      "Ich habe dich gesucht. Nach dem... hm."
      Sie ließ den Blick über die Wand hinter ihm schweifen. Jetzt, wo sie ihn hier so vorgefunden hatte, schien ihr die Sache kleinlich zu sein. Malleus hatte sicherlich einen Grund für seine Taten... oder?
      "Das war etwas... überraschend. Warum hast du das gemacht?"
    • Tava hatte ihn gesucht. Ihn. Bevor Malleus einen Gedanken daran verschwenden konnte, neigte er das Kinn ein wenig herunter und schließlich den Kopf leicht zur Seite. Es war so einfach, beinahe das natürlichste Welt, diese kleine Geste zu erwidern und darin einen zarten Hauch von Verbundenheit zu suchen. Die Hoffnung ein winziges Bisschen ihres Verständnis und der Zuneigung, die er vielleicht durch seine Tat nicht vollständig verloren hatte, war gefährlich. Malleus senkte den Blick, als Tava die Wand hinter ihm fixierte. Da war er, der Haken. Augenblicklich stellte sich das Gefühl der Leere wieder ein. Malleus fühlte sich hohl, geradezu ausgebrannt. Tava würde ihn kaum quer durch den Raum schleudern können, aber er erwartete auch keinen weiteren körperlichen Übergriff.
      "Das war etwas...überraschend." Malleus blinzelte. "Warum hast du das gemacht?"
      Malleus wartete und die verstreichenden Sekunden entwickelten sich zu einer wahren Zerreißprobe. War das schon alles? Als er realisierte, dass Tava ihrer Frage nichts mehr hinzufügen würde, sackten seine Schultern ein winziges Stückchen herunter. Die harten Linien um seine Augen wurden weicher. Er konnte mit all seinen Worten nicht beschreiben, was gerade in ihm vorging, aber er brauchte gerade alle Worte, die er zusammen klauben konnte, für eine Antwort.
      "Dieses Mal war es ein dummer Jungenstreich und die Konsequenz mag dir sehr...drakonisch erscheinen, aber eines Tages ist ein Mutprobe unter Neulingen vielleicht nicht mehr genug. Eines Tages wird dem obersten Epsisimos eine solche Nichtigkeit als Demonstration seiner Macht nicht mehr reichen. Nächstes Mal schon könnte Blut fließen", raunte Malleus. "Die Anhänger des Einen versuchen bereits seit Jahren uns aus Oratis zu vertreiben. Ich streite nicht ab, dass wir ein ähnliches Ziel anstreben. Es liegt eine lange, blutige Geschichte zwischen unseren Gemeinschaften und ich möchte, dass diese Geschichte dort bleibt - in der Vergangenheit."
      Ein dunkler Schatten huschte über Malleus' Gesicht und die flackernden Schatten, die durch das Licht der Fackeln an Wänden und Boden tanzten, schienen sich weiter auszubreiten.
      "Es musste ein Exempel statuiert werden", fuhr Malleus im Schutze des Heiligtums fort. "Ich habe unaussprechliche Dinge getan, um dort zu sein, wo ich heute bin. Balian...hat heute nicht nur den Preis für seine Dummheit bezahlt sondern auch dafür, damit es so bleibt. Ich darf nicht...schwach erscheinen."
      Nie. Für keine Sekunde.
      Er war sich der Ironie seiner momentanen Lage durchaus bewusst.
      Verletzte Eitelkeit erschien Malleus keine gute Begründung für sein Handeln zu sein, weshalb er darüber schwieg. Dennoch waren seine vorherigen Worte nicht gelogen. Es waren nur die besseren, plausibleren Argumente. Malleus lehnte sich schließlich etwas zurück, drückte seine Rücken durch und die Bewegung löste etwas in seinem Brustkorb. Der Mann schnappte mit einem Laut zwischen Qual und Erleichterung nach Luft, als das Stechen in seinen Lungen für einen Moment nachließ.
      "Ich habe nie behauptet ein guter Mann zu sein, Tava", fügte er gepresst hinzu, als könnte er damit alles erklären.
      Trotzdem folgte den Worten eine für Malleus eher untypische Regung.
      Er schüttelte ungläubig, obgleich der Situation oder den Reaktionen der Cervidia den Kopf.
      "Warum bist du ruhig?", fragte er und es kostete ihn sichtbare Überwindung um eine Antwort zu bitten, aber es war diese Ruhe, die Tava an den Tag legte, die wohl seine Zunge lockerte.
      "Versteh mich nicht falsch, ich weiß es zu schätzen, dass du nicht gleich nach deiner Ankunft hier mit deinen Hörnern auf mich losgegangen bist. Ich glaube er hat mir eine Rippe gebrochen..."
      Ebenso zögerlich wie seine Frage hob Malleus eine Hand in Richtung Tava, hielt auf dem halben Weg inne nur um einen zweiten Versuch zu starten.
      "Kannst...kannst du mir hochhelfen?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Als hätte Tavas Frage die Luft aus Malleus' Körper gelassen, sackte der Mann zusammen. Jetzt wirkte er noch viel weniger wie der hochaufragende Anführer, den er vor einer Stunde noch verkörpert hatte, sondern nur wie ein einfacher, ausgelaugter Mann. Tavas Sorge stieg dabei ins Unermessliche, denn sie hatte nicht erwartet, dass eine so einfache Frage ihm so zusetzen könnte.
      "Die Anhänger des Einen versuchen bereits seit Jahren uns aus Oratis zu vertreiben. Ich streite nicht ab, dass wir ein ähnliches Ziel anstreben. Es liegt eine lange, blutige Geschichte zwischen unseren Gemeinschaften und ich möchte, dass diese Geschichte dort bleibt - in der Vergangenheit."
      Tava lauschte gebannt, ohne sich zu rühren. Dass dort mehr dahinter steckte, als nur einem Jungen ein Mal aufzubrennen, hatte sie auch begriffen, aber die Dimension des ganzen erschloss sich ihr noch nicht.
      "Es musste ein Exempel statuiert werden."
      Seine Stimme nahm einen Ausdruck an, die Tava eine Gänsehaut bescherte - aber nicht auf die gute Art. Jetzt mehr denn je suchte sie in seinen Augen nach den Anzeichen des Mannes, den sie kannte und der sie so verzaubert hatte. Am größten war jetzt die Angst, ihn an den Mann verloren zu haben, der den Jungen gebranntmarkt hatte.
      "Ich habe unaussprechliche Dinge getan, um dort zu sein, wo ich heute bin. Balian...hat heute nicht nur den Preis für seine Dummheit bezahlt sondern auch dafür, damit es so bleibt. Ich darf nicht...schwach erscheinen."
      Tava neigte den Kopf auf die andere Seite. Da lag noch viel mehr in seinen Worten, so viel unausgesprochene Hintergründe, die Tava gar nicht erahnen konnte. Devon hätte es mit seinem Scharfsinn vielleicht durchblicken können, aber Tava hatte einfach nur Mitleid mit Malleus. Wie musste sich ein Leben anfühlen, in dem man nicht schwach erscheinen durfte? In dem man immer Stärke zeigen musste? In dem man so etwas wie heute tun musste, um damit ein größeres Wohl zu fördern?
      Malleus' Geräusch riss sie aus ihren Gedanken und sie rutschte noch ein Stück näher, als er sich ein wenig aufrichtete. Über Malleus' Gesichtszüge huschte Schmerz, dann war es auch schon wieder verschwunden. Nicht schwach erscheinen. Nicht einmal vor ihr? Nicht einmal, wenn sie alleine in dieser Halle waren?
      "Ich habe nie behauptet ein guter Mann zu sein, Tava."
      Es hörte sich wie ein Geständnis an, dabei war es so nichtssagend. Nein, er hatte es nie behauptet, aber Tava wusste es besser. Sie wusste es von dem warmen Gefühl, das seine sanfte Stimme in ihr auslöste und seinem weichen Blick, den sie so gern mochte. Sie wusste es von seinen Worten, mit denen er sie umschmeichelte und seinem Lob, das er für sie aussprach. Er hatte es noch nie behauptet, aber Tava wusste es eben trotzdem.
      Oder tat sie das? War da ein weicher Blick gewesen, als er dem Jungen das Eisen gegen die Wange gedrückt hatte? War das seine sanfte Stimme gewesen, als er von Verrätern gesprochen und den Jungen vorführen gelassen hatte? Waren es schöne Worte gewesen, als er den Kopf des Jungen zurückzog?
      "Warum bist du ruhig?"
      Ihr Blick klärte sich und über das entstandene Bild der Zeremonie legte sich wieder Malleus, zusammengesunken, erschöpft. Tava blinzelte ihn an.
      "Versteh mich nicht falsch, ich weiß es zu schätzen, dass du nicht gleich nach deiner Ankunft hier mit deinen Hörnern auf mich losgegangen bist. Ich glaube er hat mir eine Rippe gebrochen..."
      Ah - nun, das beantwortete gleich zwei Fragen auf einmal. Aber Tava schüttelte den Kopf.
      "Das ist es nicht. Ich denke nur..."
      Sie sah nach oben zu den Flammen in der Feuerschale hin. Dachte daran, wie er ihr nicht in die Augen gesehen hatte, als er ihr die Fackel überreicht hatte.
      "... Es ist nicht leicht, ein Anführer zu sein, oder? Für alle Entscheidungen gibt es immer Konsequenzen und irgendjemand ist immer unzufrieden. Und es ist zwar nicht gut, was du gemacht hast, aber..."
      Sie sah ihm wieder in die Augen. Dunkel und voller unerklärlicher Emotionen.
      "Ich vertraue dir. Du hast bestimmt das richtige gemacht. Aber ich will nicht, dass du jemand anderes dadurch wirst. Du sollst noch immer der Malleus sein, den ich kenne, und dann ist das schon in Ordnung. Du hattest deine Gründe dafür. Wenn du Malleus bleibst."
      Sein Blick veränderte sich, aber anstatt ihr gleich zu antworten, streckte er ihr stattdessen die Hand entgegen. Tava starrte sie nur an, als er hinzufügte:
      "Kannst...kannst du mir hochhelfen?"
      Und das kam so gänzlich unerwartet von Malleus, gleichzeitig der Kontakt und die Frage, nach dem, was er ihr gerade erzählt hatte, dass Tavas Gehirn für einen Augenblick nur im Kreis lief, bis es erst schaltete. Dann rutschte sie aber noch näher und weil sie nicht wusste, wie viel Devon angerichtet hatte - Devon? War es wirklich Devon gewesen? - zog sie sich seinen Arm um den Nacken. Sie hielt ihn nur dort fest, weil er sonstige Berührungen nicht mochte, und ließ ihn sich auf sie stützen. Sie kamen etwas wackelig auf die Beine.
      "Die Bank, da."
      Sie zog ihn einfach mit sich, bis er sich ordentlich hinsetzen konnte. Dann musterte sie ihn noch einmal prüfend.
      "Was ist eigentlich passiert? Hat Devon das gemacht? Was hat er denn getan?"
    • 'Ich vertraue dir.' Malleus suchte nach der Lüge in ihren Worten. Er suchte nach dem tiefen Sinn darin, der ihm zum Verhängnis werden sollte. Mit rasenden Gedanken zerlegte Malleus die Silben in ihre Einzelteile um die versteckte Bedeutung hinter der sanften und verständnisvollen Stimme zu finden, aber er fand nichts außer naiver Ehrlichkeit. Noch während sein Verstand sich bei der Suche überschlug, abwog und neu auslotete, stemmte Tava ihn mühevoll auf die Beine. Malleus achtete darauf, nicht sein volles Gewicht auf ihre Schultern zu legen obwohl der nachlassende Druck auf seinen Brustkorb eine echte Wohltat war. Die Atemzüge stachen nicht länger zwischen seinen Rippen und so wagte er es darauf zu vertrauen, dass Tava ihn nicht einfach fallen ließ sobald die Last zu groß wurde.
      'Du sollst noch immer der Malleus sein, den ich kenne, und dann ist das schon in Ordnung...' Die Worte schmerzten auf ganz eigenartige Weise mehr als ein gebrochener Knochen.
      'Wenn du Malleus bleibst.' Wusste Tava denn überhaupt, wer dieser Malleus war?
      Er hatte der Frau, die ihn in diesem Augenblick mitfühlend betrachtete, lediglich den Mann gezeigt, den sie sehen wollte. Den sie, seiner Meinung nach, sehen musste. Er hatte sie umgarnt und sie mit Lob überschüttet um sich ihrer Talente zu bedienen. Ohne es zu wissen, war Tava zu Komplizin in seinem Spiel geworden. Eine Figur, die er ganz nach seinem Belieben hin und her schob. Malleus hatte sie manipuliert und benutzt, dennoch war auch Tava ihm unweigerlich unter die Haut gegangen während er die Distanz zwischen ihnen kontinuierlich verringert hatte. Aber konnte ein Körnchen der Wahrheit, ein winziger Funken Aufrichtigkeit wirklich all die Lügen und Manipulationen aufwiegen?
      "Danke, Tava. Für deine Freundlichkeit, die ich mir in diesem Leben nicht mehr verdienen kann", raunte Malleus mit hängendem Kopf nah an ihrem Ohr, darauf bedacht nicht gegen ihre Hörner zu stoßen. Bei dem Gedanken gewann der Eisbrocken in seiner Magengegend erneut an Größe dazu während Tava ihn entschlossen und tapfer in Richtung der Bank hievte.
      Malleus fühlte sich nicht länger leer und ausgehöhlt. Was danach kam, fühlte sich tausendmal schlimmer an. Von der schieren Gewalt an Emotionen, die völlig unerwünscht in ihm wüteten, ließ Malleus nichts nach Außen dringen. Zumindest glaubte er das, doch sobald er Tava ins Gesicht sah, zweifelte er an seinen Maskierungskünsten. Es war das erste Mal, dass er den Eindruck bekam, dass auch Tava geradewegs durch seine Maske hindurchsah.
      "Was ist eigentlich passiert? Hat Devon das gemacht? Was hat er denn getan?"
      "Devon ist mir ins Heiligtum gefolgt, um mich zur Rede zu stellen. Nur hat er mir zum Reden keine Möglichkeit gelassen", antwortete Malleus langsam, träge. Er rief sich den enttäuschten Gesichtsausdruck des Lacerta in Erinnerung und wusste, dass auch Devon ihm bereits unter die Haut ging. Malleus traf die unerwartete Erkenntnis, dass Devon ihn mit seinen Worten tatsächlich verletzt hatte. Es war nicht länger eine bloße Theorie, eines seiner Gedankenspiele und das Ganze nahm eine aberwitzige Wendung, dass ein völlig deplatziertes Lächeln um seine Mundwinkel zuckte. Er wusste, dass er aussah, als verliere er in diesem Augenblick den Verstand.
      "Ich wusste, dass er ein durchaus leidenschaftlicher Mann sein kann. Nun weiß ich, dass er auch ein sehr, sehr zorniger Mann ist", fuhr er fort, erzählte Tava welche hässlichen Worte gefallen waren und begegnete dabei ihrem Blick. "Er hat mich durch den Raum geworfen, bevor ich ein Wort sagen konnte...hat wahrscheinlich Schlimmeres verhindert, jetzt, wo ich darüber nachdenken kann. Devon ist gegangen, Tava."
      Bevor Tava auch nur einen Gedanken daran verschwenden konnte, ob sie vielleicht Devon folgen sollte - Malleus ahnte, dass er im Moment nicht danach aussah, als würde er bald das Weite suchen - schnellte seine Hand hervor und seine langen, verhüllten Finger legten sich um ihren Ellbogen. Die Berührung war zurückhaltend und federleicht. Tava war keiner seiner Anhänger, für die er einen Schein wahrte und beherzter zugegriffen hätte, obwohl sich sein Geist dagegen stäubte. Er wehrte sich auch jetzt während Malleus ganze Existenz wie ein blanker Nerv offen lag. Aber Tava wusste um sein Problem. Es war befreiend und beängstigend.
      Malleus konnte sich beinahe selbst davon überzeugen, dass seine nächsten Worte durchaus nobler Natur waren, aber dahinter steckte auch blanker, hässlicher Egoismus. Er brauchte Tava, denn ihre Anwesenheit beruhigte ihn, gab ihm andere Impulse außer den Sturm in seinem Kopf.
      "Er wird in der Zwischenzeit bereits eines der Stadttore erreicht haben. Bei den Feierlichkeiten und der Dunkelheit vor Oratis wirst du seine Spuren niemals finden. Und ich bezweifle, dass du ihn einholst, wenn er nicht gefunden werden will. Bleib. Du hast seine Wut und seine Enttäuschung nicht verdient. Das ist meine Bürde. Bleib, Tava."

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava hatte Malleus gerade erst zur Bank gebracht, da raunte er etwas, das sich in ihren Ohren anhörte wie die Worte eines Sterbenden:
      "Danke, Tava. Für deine Freundlichkeit, die ich mir in diesem Leben nicht mehr verdienen kann."
      Dabei wusste sie nicht, was er damit meinte. Er hatte sie sich doch schon verdient, mehr als das sogar, mit jedem einzelnen Wort, jedem Lächeln, jeder Schmeichelei, die er ihr entgegen gebracht hatte. Tava übte sich ja schon in Abstinenz, was ihre spontanen Feuerausbrüche betraf, und das nur wegen ihm. Für ihn. Er hatte sich schon jetzt viel mehr verdient als nur ihre Freundlichkeit.
      Aber sie widersprach ihm nicht, während sie sich etwas ungelenk setzten. Es war deutlich erkennbar, dass Malleus Schmerzen hatte und Tava wollte seine Kraft nicht mit unnötigen Diskussionen verschwenden.
      "Devon ist mir ins Heiligtum gefolgt, um mich zur Rede zu stellen. Nur hat er mir zum Reden keine Möglichkeit gelassen."
      Seinen Worten folgte eine Pause, in denen Tava sich vorzustellen versuchte, wie Devon in diese Halle schritt. Zum Reden? Wie hätte das denn bei so etwas enden können?
      "Ich wusste, dass er ein durchaus leidenschaftlicher Mann sein kann. Nun weiß ich, dass er auch ein sehr, sehr zorniger Mann ist."
      Tava überkam eine Gänsehaut, während sie ihm weiter lauschte. Es schien fast unmöglich zu sein, dass Devon zu Gewalt bereit war. Der große Lacerta und Gewalt? Zu Drachen ja, aber zu Menschen? Zu einem Freund? Wenn dem so war, dann musste der Grund etwas gewesen sein, was Devon gänzlich aus der Fassung gebracht hatte. Und irgendwie war das bei dem Mann, der selbst in größter Gefahr noch gänzlich kontrolliert reagierte, irgendwie schwer vorstellbar.
      Aber Malleus war der lebende Beweis dafür und so wurden Tavas Augen nur noch größer, ihre Miene nur noch ungläubiger, als er einen ganz grässlichen Schluss zog:
      "Devon ist gegangen, Tava."
      Gegangen? Gegangen? Wie, gegangen? Es war doch nicht das, was sie gerade in diese Worte hinein interpretierte, oder? Es war doch nicht g e g a n g e n?
      Sie öffnete den Mund, da legte Malleus die Hand auf ihren Ellbogen. Diese zweite, unverhoffte Berührung in so kurzer Zeit überraschte sie genauso wie die erste und sie klappte unvermittelt den Mund wieder zu, ohne weiter darüber nachzudenken. Ihre aufkeimenden Gedanken machten höchst bereitwillig Platz für den Fokus auf Malleus.
      "Er wird in der Zwischenzeit bereits eines der Stadttore erreicht haben."
      Ihr Herz schlug schneller. G e g a n g e n?
      "Bei den Feierlichkeiten und der Dunkelheit vor Oratis wirst du seine Spuren niemals finden."
      Devon war g e g a n g e n?
      "Und ich bezweifle, dass du ihn einholst, wenn er nicht gefunden werden will."
      Für einen Moment setzte Tavas Atmung aus.
      "Bleib. Du hast seine Wut und seine Enttäuschung nicht verdient. Das ist meine Bürde. Bleib, Tava."
      Sie sah zwischen seinen dunklen Augen hin und her, betrachtete die verhüllten Emotionen, die sich dahinter versteckten und sich ihr doch nie ganz erschlossen. Es war deutlich erkennbar, dass es mehr eine Bitte als ein Befehl war und wie könnte Tava ihm denn schon je eine Bitte ausschlagen? Wie könnte sie sich denn gegen die Hand auf ihrem Arm wehren, gegen den wenigen Kontakt, den er ihr gewährte? Gegen diese Intimität?
      "Ich..."
      Aber in ihrem Hinterkopf drängte ein Gedanke, der so schrecklich war, dass sie ihn nicht zurückhalten konnte. Sie dachte daran, dass Devon ging, dass er auseinanderriss, was sie gehabt hatten, dass das Trio kein Trio mehr sein würde. Ein Duo vielleicht, aber ohne Devon? Ohne den großen Jäger, der ihnen sagte, was sie zu tun hatten, wenn sie es selbst nicht konnte? Ohne den Lacerta, der in kühler Stille über sie wachte? Das schien unvorstellbar, auch wenn Tava krampfhaft versuchte, es sich anders einzureden. Wann war sie denn schon in den Genuss gleich zweier Mitreisende gekommen, die sie auch noch für so lange Zeit tolerierten? Sollte da nicht einer auch längst genug sein?
      Aber trotzdem nagte es mit solcher Intensität an ihr, dass sie es einfach nicht herunterreden konnte. Ohne Devon war es einfach anders, unvollständig. Die Angst davor, Devon zu verlieren, war genauso groß wie die Angst, die ganze Gruppe zu verlieren, und das konnte Tava nicht ertragen. Nicht nochmal. Nicht, nachdem sie gedacht hatte, es könnte mit den beiden so gut laufen. Nicht, nachdem es schon so gut gelaufen war.
      "Ich..."
      Sie stammelte, sah zwischen Malleus Augen hin und her. Bleib, Tava. Aber Devon ist gegangen. Bei den Feierlichkeiten und der Dunkelheit vor Oratis wirst du seine Spuren niemals finden. Genau deswegen musste sie es doch versuchen. Sie musste. Wenn er erst die Tore passiert hatte, würde er gar nicht mehr auffindbar sein.
      So entzog Tava sich langsam Malleus' Griff. Es schmerzte sie, mehr noch, als sie hätte in Worte fassen können, dieses Vertrauen von ihm zu brechen. Aber der Gedanke daran, dass diese Gruppe sich auflösen konnte, war noch viel schlimmer als das.
      "Lass mich nur... Ich muss ihn finden, Malleus. Er darf nicht gehen. Ihr könnt bestimmt darüber reden, er darf nicht gehen."
      Sie stand auf. Malleus bewegte sich nicht, es lag aber nicht daran, dass er Schmerzen hatte. Sein Blick war umwölkt und Tava fühlte sich gänzlich entzwei gerissen, während sie so vor ihm stand, einen Schritt davon entfernt zu gehen, einen davon entfernt sich wieder zu setzen. Aber wenn Devon wirklich ging... wenn Devon wirklich ging...
      "Ich komme wieder. Ich versprech's dir, ich komme wieder, aber lass mich nur ganz kurz. Ich werde ihn finden. Ich muss. Das wird sich schon irgendwie aufklären."
      Damit wandte sie sich ab und riss sich von Malleus' Anblick los. Mit schnellen Schritten, die immer hastiger und hastiger wurden, eilte sie aus dem Heiligtum hinaus.

      Die beiden Kultisten am Eingang hatten sich nicht gerührt, beachteten Tava jetzt aber auch nicht, als sie nach draußen brach. Sie wandte sich an den linken der beiden.
      "Wohin? Wohin ist er gegangen?"
      Er sah sie verständnislos an. Die Sekunde, die niemand etwas sagte, zerrte mit höllischer Gewalt an ihren Nerven.
      "Der große Mann von vorhin!"
      Da deutete er endlich eine Richtung an und Tava fing an zu laufen.
      Sie wusste nicht, woher diese Angst gekommen war, die sich jetzt durch ihre Glieder fraß, mehr und mehr, je schneller sie rannte. Es war völlig unsinnig, gänzlich irrational, eine solche Angst zu empfinden, als wäre ihr Leben in Gefahr. Tava wusste das. Aber je öfter ihre Gedanken auch nur ein Stück in die Richtung gingen, dass Devon ging und die Gruppe sich auflösen könnte, je öfter sie auch nur das Gefühl davon bekam, desto mehr spürte sie diese Kälte, die sich in ihrem Magen ansammelte. Sie wollte das nicht. Sie wollte nicht verlieren, was sie in den letzten Wochen gekostet hatte, mit keiner Faser ihres Körpers. Es war ein ganz schreckliches Gefühl, das sich wie eine Klaue in ihre Eingeweide krallte.
      Die Straßen waren überfüllt von Feiernden und Lärmenden und Tava hatte selbst mit ihrem anfänglichen Sprint ein Problem, ordentlich durchzukommen. Überall rotteten sich Gruppen zusammen, überall tanzten die Leute, überall standen sie, um zu gaffen oder zu reden. Zwar konnte Tava über die Masse hinweg ziemlich gut nach einem hochgewachsenen, schlanken Mann Ausschau halten, aber das half ihr nichts, wenn sie nicht schneller vorankam. Mittlerweile war Devon sicher beim Tor selbst.
      Ihre Geduld schwand, ihre Angst stieg und ihre Muskeln begannen zu schmerzen. Nach dem fünften Pärchen, an dem Tava sich vorbei drängeln musste, warf sie ihre Vorsicht über den Haufen und ging in Angriffsmodus über: Kopf gesenkt, Schultern hochgezogen und Beine breit. In dieser Situation waren ihr die gebogenen Hörner sogar von Vorteil, denn sie wollte die Leute nicht verletzen, sie wollte sie nur beherzt aus dem Weg stoßen - und das tat sie auch. Sehr schnell bahnte sie sich einen Weg hindurch und hinterließ eine Schneise wütender, schimpfender Feiernder. Der Trubel interessierte sie allerdings kaum; hätte sie die Zeit für ein Feuer gehabt, hätte sie sich ganz anders beholfen.
      Aber Tava mochte noch so schnell laufen, irgendwann ging ihr die Puste aus. Ihre Lunge brannte, ihre Beine pochten schmerzhaft und sie konnte einfach nicht schneller, dabei hatte sie noch kaum das Tor erreicht. Sie war eben Alchemistin, keine Jägerin und erst recht keine Lacerta mit meterlangen Beinen; sie war eine Cervidia, ausgestattet mit einem fantastischen Gleichgewichtssinn und mit dem Hang dazu, ständig und überall zu sitzen. Sie keuchte und japste und versuchte, ihre brennende Lunge im Zaum zu halten. Ein Sprint durch die halbe Stadt war selbst für einen Reisenden, der zu Fuß durch die Wildnis marschierte, dann doch zu viel.
      Zu allem Überfluss konnte sie auch Devon nirgends entdecken, bis sie das Tor endlich erreicht hatte. Hier war noch viel mehr los als auf den Straßen und auf beiden Seiten standen die Leute Schlange, um hinein oder hinaus zu gelangen, und Tava verlor bereits den Mut. Wenn Devon schon passiert hätte, wäre es aus. Bis sie dort draußen war, würde er schon über alle Berge sein.
      Dann allerdings erspähte sie eine Gestalt, groß aber geduckt, den Buckel ein wenig gekrümmt, um sich der Menge um ihn herum anzupassen. Tava hätte ihn überall erkannt, den Schal um seinen Kopf, die typische Lederrüstung. Hätte sie die Luft gehabt, hätte sie vor Erleichterung gelacht. Oder auch geweint.
      "Devon! Devon!"
      Das letzte Stück erwies sich als überaus hartnäckig, denn so dicht vor dem Tor wollte ihr niemand Platz machen, Hörner hin oder her. Dafür saß Devon aber genauso fest, denn die Menge bewegte sich nur sehr träge voran. Tava rammte jemandem die Hörner in die Schulter und entschuldigte sich halbherzig, als jemand anderes ihre Hornspitze ins Gesicht bekam. Dann hatte sie ihn erreicht und blieb nach Luft schnappend neben ihm stehen.
      "Devon... Du kannst... nicht... nicht einfach so... gehen!"
      Sie sah ihm in die Augen. Flehend, wie sie hoffte.
      "Malleus hat es... doch nicht... nicht so... du kannst nicht gehen!"
    • Devon hielt es keine Sekunde länger in oder nahe Oratis aus. Die lärmenden Leute und die Feier waren ihm zu laut, die zahlreichen Gerüche irritierten ihn und so verdammt viele Farben und Geflackere. Die Wut und Enttäuschung loderten in seinem Inneren wie die große brennbare Figur zu seiner rechten, die das Zentrum des Festes bildete. Aber von Freude und Ausgelassenheit fehlte jegliche Spur. Er spürte noch deutlich das Gewicht von Malleus in seiner Hand und ballte die Faust umso stärker um den Griff seines Schwertes.
      Seine jähe Flucht wurde von der lästigen Schlange am letzten Tor unterbrochen. Er war bei weitem nicht außer Atem, aber die Entrüstung über sich, über Malleus und selbst Tava hielt sein Blut am Kochen. Er musste nur durch die paar Leute und dann war er frei. Dann konnte er einfach weiter seiner Wege gehen und dieses Kapitel als abgeschlossen sehen. Am Ende hätte er auf sein Misstrauen hören und die Einsamkeit präferieren sollen. Am Ende ging Malleus mit einem Gewinn aus der Angelegenheit heraus, nämlich wertvollem Wissen und natürlich Tava.
      „Devon! Devon!“
      Ganz automatisch ging der Lacerta den nächsten Schritt nicht weiter, sondern hielt inne und hätte sich beinahe umgedreht. Rein aus Reflex, weil er die Stimme so gut kannte und auch das Entsetzen daraus erkennen konnte. Hilfesignale, wenn er es nicht besser wusste.
      Aber er biss die Zähne zusammen und bekämpfte den Impuls. Er setzte den Fuß voran und folgte der Schlange weiter, die ihn Richtung Freiheit brachte. Er war sich absolut sicher, dass sie nicht ihm als Erstes gefolgt war, sondern ins Heiligtum gegangen war. Zu Malleus. Und zweifellos gesehen hatte, was er mit dem Menschen angestellt hatte. Spätestens das würde ihr Weltbild von ihm kippen. Jetzt noch Klage von ihr hören zu müssen, schaffte sein Wille nicht mehr.
      „Devon… Du kannst… nicht… nicht einfach so… gehen!“, kam es dann direkt von seiner Seite und die Schlange vor ihm stoppte abermals.
      Mit einem sehr ungehaltenen Zischlaut neigte Devon widerwillig den Kopf und blickte auf Tava hinab. Die ihn, zu seiner Überraschung, flehentlich ansah. Versuchte Malleus noch alles zu kitten? Hatte er ihr aufgetragen, ihm zu folgen und ihr dafür die passenden Worte mitgegeben?
      „Malleus hat es… doch nicht… nicht so… du kannst nicht gehen!“
      „Ich kann“, würgte er sie harsch ab, die Enttäuschung lag schwer in seinen Augen, bevor er seinen Blick wieder nach vorne richtete. Er würde sich nicht anhören, wie Malleus sie bearbeitet hatte, damit er schließlich doch blieb.
      Bevor Tava etwas weiteres sagen konnte, schaltete Devon einfach um. Er richtete sich auf, wohlwissend um seine schiere Größe, und wischte die Menschen vor sich grob zur Seite. Er schlug einen Pfad durch die sich lautstark beschwerenden Menschen, in seinem Schatten und mit gesenktem Kopf folgte die Cervidia. Die Stadtwache bekam einen vernichtenden Blick von dem Jäger, die daraufhin einfach nur froh waren, so einen Kerl aus ihrer Stadt zu wissen. Und damit war er endlich aus dieser beschissenen Stadt raus und mit einigen eiligen Schritten auch raus aus der Menschenmenge und auf der nächsten Straße.
      In seinem Augenwinkel tauchte abermals Tava auf. Offensichtlich hatte das die prustende Cervidia auch nicht abhalten können, ihm zu folgen. Sein ohnehin schon strapazierter Geduldsfaden begann gefährlich zu spannen. Abrupt blieb er stehen, sodass Tava noch ein paar Schritte weiter machte, weil sie damit rechnete, er ginge auch weiter.
      „Wann bist du ihm hinterher gegangen, hm?“, fragte Devon unverwandt von oben herab. Er wusste genau, wie es aussah, aber er brachte es noch nicht über sich, anders zu handeln. „Nachdem du lang genug dabei zugesehen hast, wie diese beschissene Figur da brennt oder sogar schon direkt nach dem Anstecken?“
      Natürlich wusste er die Antwort bereits. Er sah, wie Tava um Worte rang und nicht wusste, wie genau sie darauf antworten sollte, um ihn nicht noch weiter zu erzürnen. Er spürte, wie sie fürchtete, den Draht zu ihm zu verlieren, den er selbst nur vage wahrgenommen und angezweifelt hatte. Und das war etwas, was ihn schließlich dazu bewog, doch mit der Wahrheit rauszurücken.
      „Was ist dir durch den Kopf gegangen, als er dieses Kind gebranntmarkt hat? Hast du noch im Kopf was er damals am Feuer erzählt hat? Wie er aussieht? Wie er reagiert? Wie kann er sowas auch nur einem anderen Lebewesen antun, geschweige denn einem Kind? Einem wehrlosen, womöglich fehlgeleitetem Kind, Tava?“
      Er atmete tief durch ehe er seine Hand vom Griff seines Schwertes löste und es so aussah, als greife er nach Tava. Tatsächlich steuerte er ihre Hörner an, doch bevor seine Finger das Horn berührten, sank seine Hand und legte sich schwer auf ihre schmale Schulter. Seine gesamte Erscheinung beugte sich zu ihr herab, bis sie beinahe auf Augenhöhe waren. Wo Zorn Devons Stimme vorhin noch gefärbt hatte, war sie nun von einer deutlichen Enttäuschung befleckt. „Er hat dich manipuliert. Du bist ihm hörig. Du bist nur darauf aus, sein Lob und seine Anerkennung zu bekommen. Dazu siehst du sogar darüber hinweg, wie er sich selbst widerspricht und Unrecht tut. Du hättest ihn davon abhalten können, diesem Kind das anzutun. Hast du aber nicht. Eigentlich sollte ich dir das genau wie ihm klarmachen, aber du hast ein Blutopfer für mich gebracht. Also kann ich es nicht. Sieh es damit als beglichen.“
      Damit richtete sich der Lacerta wieder auf und strich an der Cervidia vorbei. „Geh zurück zu ihm, Tava. Denn da willst du eigentlich hin.“
      Damit ließ Devon Tava einfach stehen und folgte der Straße ins Dunkel der Nacht, die weiter gen Osten führte.

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    • "Ich kann", kam die schroffe Antwort, die Tavas Entsetzen nur noch steigerte. Devon konnte wirklich und das wussten sie wohl beide. Was konnte Tava schon sagen, um ihn aufzuhalten? Wie sollte sie ihn denn zum Bleiben bewegen?
      Ihre Gedanken rasten, aber bevor sie etwas brauchbares hätte produzieren können, richtete Devon sich plötzlich auf. Der Buckel verschwand und zwei Meter purer Lacerta erhoben sich über die Menschenmenge. Er achtete nicht weiter auf sie, sondern schob seine Vorgänger mit einer unwirschen Bewegung zur Seite. Um ihn herum teilte sich die Menge entsetzt im Angesicht der großen Gestalt.
      "Devon!"
      Dreimal so schnell wie vorhin setzte er sich nun wieder in Bewegung und Tava musste wohl oder übel wieder zu ihm aufholen. Dabei hielt sie den Kopf gesenkt, damit die Menge sich nicht gleich wieder um sie schloss.
      "Devon! Bleib! Stehen!"
      Er schaffte sich so einen Weg in Rekordzeit zum Tor, wo die Wachen sogleich beiseite wichen, um dem riesigen Mann zu entgehen. Tava schlüpfte einfach hinter ihm nach draußen.
      "Devon! Bleib doch... endlich... stehen!"
      Mittlerweile hatten sie es selbst von dem Gedränge hinter dem Tor weggeschaft und um sie herum gab es nur noch die Straße und Wildnis. Umso erstaunter war Tava dann, als Devon tatsächlich unmittelbar stehen blieb. Der abrupte Wandel ließ sie auch innehalten.
      „Wann bist du ihm hinterher gegangen, hm?“
      Tava sah schwer atmend zu ihm auf. Sie hielt ihre Hörner diesmal aus ihrem Gesicht, sodass sie genau sehen konnte, wie Devon sie mit scharfem Blick fixierte.
      „Nachdem du lang genug dabei zugesehen hast, wie diese beschissene Figur da brennt oder sogar schon direkt nach dem Anstecken?“
      Bei diesen Worten zuckte sie unmerklich. Zuerst hatte sie gedacht es ginge ihm darum, wen von beiden sie zuerst gesucht hatte, und darauf hätte sie eine legitime Antwort parat gehabt - Malleus hatte sie gefunden, Devon nicht. Aber ging es ihm darum, dass sie noch beim Fest geblieben war? Trotz der... Zeremonie?
      "Ich... habe nur... weil... das Feuer und..."
      Panik machte sich in ihr breit. Sie hatte nie gute Ausreden parat, wenn es ums Feuer ging, die andere auch verstehen konnten. Sie wusste nicht, was sie zu ihrer Verteidigung sagen sollte.
      „Was ist dir durch den Kopf gegangen, als er dieses Kind gebranntmarkt hat?"
      Sie starrte ihn mit großen Augen an.
      "Ich..."
      "Hast du noch im Kopf was er damals am Feuer erzählt hat?"
      "Ja, aber..."
      "Wie er aussieht? Wie er reagiert?"
      "Ja, ab-"
      "Wie kann er sowas auch nur einem anderen Lebewesen antun, geschweige denn einem Kind? Einem wehrlosen, womöglich fehlgeleitetem Kind, Tava?“
      Darauf wusste sie nun zum ersten Mal keine Antwort. Malleus' Rechtfertigung kam ihr in den Kopf, seine Erklärung von dem großen ganzen, von dem Exempel, das statuiert werden musste. Aber wenn Devon es so formulierte, hörte sich das alles unsinnig an. Wie konnte ein Kind schon ein Exempel sein? Aber es hatte so viel Sinn gemacht, als Malleus es ihr erklärt hatte.
      Devon musste ihr Zögern bemerkt haben, denn jetzt rührte er sich. Und so sehr Tava sich dafür hasste, so stark, wie der Hass ihr durch den Körper brannte, zuckte doch ihr Kopf, als er anstalten machte, ihre Hörner zu berühren. Sie war doch längst darüber hinaus, nicht? Trotzdem hinterging ihr Körper sie und Devon sah es. Natürlich sah er es. Seine Hand legte sich stattdessen auf ihrer Schulter ab, schwer und steif. Tava bereute sogleich ihren Ausfall und blieb dafür unbewegt stehen, als er sich zu ihr herunter beugte. Seine Pupillen waren aus der Nähe ganz schmal und sein Blick war durchsetzt von etwas, das in Tava nur noch mehr das Bedürfnis regte, ihn zum Bleiben zu bewegen. Wieso hätte der heutige Tag nicht anders verlaufen können?
      "Er hat dich manipuliert. Du bist ihm hörig. Du bist nur darauf aus, sein Lob und seine Anerkennung zu bekommen."
      Kurzzeitige Irritation flackerte in ihr empor. Sie hob zu einem Widerspruch an.
      "Das stimmt -"
      "Dazu siehst du sogar darüber hinweg, wie er sich selbst widerspricht und Unrecht tut."
      Ihr Widerspruch erstickte ihr im Keim. Sie tat es nicht - aber wie konnte sie das wissen? Konnte sie das wirklich wissen? Und durfte sie überhaupt zweifeln? War Malleus nicht ihr Freund? Sie durfte doch nicht... konnte doch nicht...
      "Du hättest ihn davon abhalten können, diesem Kind das anzutun. Hast du aber nicht.
      "Das..."
      Sie hätte. Sie hätte. Aber sie hätte wirklich, oder? Sie hätte ihn davon abhalten können. Sie hätte etwas reinrufen können, hätte zu ihm gehen können, hätte sogar irgendwas anzünden können, nur um ihn davon abzulenken. Sie hätte. Und es war ein furchtbares Gefühl, dass sich das indirekte Kompliment mit dem aufkeimendem Schuldgefühl in ihrem Inneren mischte.
      "Eigentlich sollte ich dir das genau wie ihm klarmachen, aber du hast ein Blutopfer für mich gebracht. Also kann ich es nicht. Sieh es damit als beglichen."
      So nüchtern diese Worte auch waren, sie ließen in Tavas Augen die Tränen aufsteigen. Beglichen? Sie sollte es damit als beglichen sehen?
      "Aber... aber..."
      Devon richtete sich wieder auf. Tava wollten die Worte nicht einfallen, so sehr sie sich auch anstrengte, so sehr sie sie zu bilden versuchte, die ganze Zeit schon. Aber das Gefühl nach Abschied machte sich in ihr breit und damit bodenlose Panik. Was konnte sie nur sagen, um Devon zum Bleiben zu bewegen? Was konnte sie nur tun, um ihn zu überzeugen? Um das hier aufzuhalten?
      "Geh zurück zu ihm, Tava."
      Er strich an ihr vorbei, als er wegging.
      "Denn da willst du eigentlich hin."
      "Aber...!"
      Das stimmte gar nicht. Das stimmte schon, aber nicht ohne Devon. Sie hatte nichts davon, alleine zu Malleus zurückzugehen, denn sie waren doch ein Team. Zu dritt. Die ganze Zeit schon zu dritt gewesen. Devon würde sie doch nicht alleine lassen!
      Und doch konnte Tava sehr genau beobachten, wie die große Gestalt des Lacertas weiter die Straße hinauf marschierte. Sie verschwamm leicht, als sich ihre Augen mit den Tränen füllten.
      "Aber ich will nicht, dass du gehst!"
      Sie stand erstarrt auf der weiten Straße, unfähig einen weiteren Schritt in Richtung Devon zu machen, ohne dabei unweigerlich zurück zu Malleus zu wollen und unfähig einen Schritt zurück zu machen, ohne dabei unweigerlich Devon einholen zu wollen. Sie konnte nicht beides gleichzeitig. Sie war dazu verdammt, nur auf der Straße zu stehen, während die Tränen aus ihren Augen quollen. Devon sah nicht wieder zurück, er ging unverwandt weiter in die Nacht hinein. Allein. Ließ sie und Malleus alleine zurück.
      "Ich will nicht, dass du gehst."
      Seine verschwommene Gestalt wurde kleiner und schließlich verschwand sie in den Schatten. Aber selbst dann konnte Tava sich noch nicht rühren. In ihrem Inneren tobte eine gewaltige Zerrissenheit.
      Sie weinte jetzt wirklich und mit ihren Tränen konnte sie das Gefühl von Hoffnungslosigkeit nicht aufhalten. Devon ging und sie konnte nichts daran ändern. Sie hatte ihn nicht aufhalten können, obwohl sie ihn sogar noch abgefangen hatte. Er hatte sich einfach von ihr abgewandt und war gegangen.
      Es war nicht recht. Es war nicht fair. Die ganze Zeit schon hatte sie es für selbstverständlich gehalten, dass sie drei so lange miteinander reisten, ohne sich darüber bewusst zu sein, was für ein Glück sie eigentlich hatte. Nur jetzt, als einer von ihnen weg war, schien es ihr wie Schuppen von den Augen zu fallen. Jetzt, nachdem es zu spät war.
      Am Boden zerstört drehte Tava sich zur hell erleuchteten Stadt um und zu den Menschenmassen, die sich um das Tor scharrten. In ihr tobten die Emotionen, verursachten einen Wirbelsturm, der ihr Magenschmerzen bereitete und ihre Tränen nur noch weiter anfeuerte.
      Und es gab nur eine Sache, die dem Abhilfe schaffen konnte. Sie betätigte ihren Ring und eine kleine Flamme erwachte zum Leben, als sie langsam zurück zum Tor schlich.

      Tava hatte dieselbe Mühe, sich durch die Masse zu schieben, wie schon zuvor auch, aber jetzt war sie erschöpft, müde, alle Muskeln taten ihr weh und ihre Augen brannten vom Weinen. Sie war gänzlich niedergeschlagen. Sie hielt den Kopf gesenkt und schob sich mühsam vorwärts, um Feiernde aus dem Weg zu drängen. Feuerlöscher hasteten an ihr vorbei. Der Feuerschein in ihrem Rücken hatte sich ein wenig ausgebreitet, sodass jetzt auch Menschen davon betroffen waren. Aber anstatt sich über das Spektakel zu freuen, hatte Tava jetzt permanent Malleus' Stimme im Kopf, wie er sie dafür zurechtwies. Sie hatte ein schlechtes Gewissen davon und das machte sie nur noch niedergeschlagener.
      Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sie es durch den Trubel zurück geschafft hatte, nur um dann herauszufinden, dass Malleus gar nicht mehr im Heiligtum war - die beiden Kultisten waren verschwunden. Für einen Moment keimte die nächste Panik in ihr auf, dass auch Malleus sich von der Gruppe abgewandt hatte, aber dann fiel ihr ein, dass sie eine ganze Weile lang weg gewesen sein musste. Vielleicht war er nur in seinen Sitz zurückgekehrt.
      So schleifte sie sich zurück zum Haupthaus der Signa Ignius, wo sie versuchte, sich relativ bedeckt zu halten, als sie eintrat. Auch hier herrschte noch immer viel Trubel wegen dem Fest und so musste sie sich ein zweites Mal durchschlagen, bis sie es zur rettenden Treppe geschafft hatte. Dort nahm sie erst die Abzweigung zu Malleus' Arbeitszimmer, wo er sich nach einem kurzen Check nicht befand, bevor sie weiter die verbotene Treppe des Gebäudes nahm. Angst machte sich in ihr breit, dass er doch verschwunden sein könnte. Sie schniefte und wischte sich die Augen.
      Aber als sie an seinem Zimmer anklopfte, drang eine weiche, vertraute Stimme zu ihr heraus, die ihr gleich einen Teil ihrer Sorgen vom Herz nahm. Malleus war noch da und er wies sie nicht ab. Sie öffnete die Tür und schlüpfte in den Raum.
      Malleus war alleine und betrachtete sie mit einer Überraschung, die Tava in diesem Augenblick nicht verkraftete. Sie hätte ihm am liebsten die Hörner gezeigt, aber doch nicht Malleus, wodurch sich nur wieder andere Emotionen bemerkbar machten. Sie rieb sich die Nase und besah sich den Stoff des Teppichs.
      "Er ist gegangen."
      Ihre Schultern sackten ein, als sie es einmal ausgesprochen hatte. Es fühlte sich scheußlich an.
      "Er hat gesagt... ähm..."
      Sie fummelte an ihrem Ring herum.
      "... Er ist dir böse. So in etwa. Mir auch, glaube ich."
    • Ein verhärtete und gequälte Zug umspielte die Mundwinkel des Mannes, den Malleus seit einer Ewigkeit nicht aus den Augen ließ. Sein Blick glitt über die tiefen Furchen, die sich in seine Stirn gruben, und den nicht minder gequälten Ausdruck der beinahe schwarzen Augen. Ein notdürftiger Verband war um die Rippen des Mannes geschlungen, als hätte ihm beim Anlegen ein paar Hände gefehlt, und jedes Mal wenn sich der Brustkorb des Fremden hob, verspürte Malleus einen stechenden Schmerz in seiner Seite. Die eingesunken Schultern zeugten von einer niederschmetternden Erkenntnis und einer schweren Last, deren Gewicht er nicht benennen konnte. Obwohl ihm die Narben auf dem Brustkorb, den Armen und dem Bauch mehr als vertraut waren, er zur jeder Einzelnen die Geschichte in und auswendig kannte, war ihm der Mann dennoch seltsam fremd. Der Mann, sein Spiegelbild, war zu einem Fremden geworden.
      Tava war gegangen.
      Sie war fort und bereits mit dem letzten Schritt, der sie aus dem Heiligtum geführt hatte, für ihn unerreichbar geworden. Sie war gegangen, obwohl er sie gebeten hatte zu bleiben. Gebeten...Er konnte sich nicht daran erinnern, dass Wort Bitte in den Mund genommen zu haben. Hatte er sie wirklich darum gebeten oder wie üblich danach verlangt? Vielleicht war es die Tatsache, dass er nicht über seinen Schatten springen konnte, dass Tava in diesem Moment beschlossen hatte, dass er ihrer nicht mehr würdig war.
      Ihrer würdig...
      Malleus stutzte.
      Schleichend, ganz und gar unbemerkt, waren ihm die Fäden seines umsichtig gesponnenen Netzes durch die Finger geglitten. Es hatte angefangen ihm zu gefallen, wie Tava ihn angesehen hatte. Mit Vertrauen und einer vorsichtigen Zuneigung in den großen Augen hatte sie zu ihm aufgeblickt. Sie hatte irgendetwas in ihm gesehen und trotzdem war sie gegangen. Es war nicht genug gewesen.
      Malleus unterdrückte ein Seufzen und fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht, dass er von jeglicher Farbe und auch den letzten Spuren von Gold befreit hatte. Durch seine gespreizten Finger betrachtete er die Brandzeichen auf seiner Haut, das Mahnmal seiner eigenen Unfähigkeit jemals genug zu sein. Egal wie viel Reichtum, Gläubiger, Macht und Ansehen er anhäufte, diese Hülle würde nie genug sein. Diese nutzlosen Hände würden nie genug sein. Er würde nie genug sein.
      Da klopfte es unerwartet an der Tür.
      Malleus schlüpfte zurück in seine Tunika, machte sich jedoch nicht die Mühe das Kleidungsstück zu schließen. Außer Amentia wagte sich niemand in seiner Privatgemächer und vor ihr musste er sich nicht verstecken. Der Anblick des Verbandes würde keine Begeisterungsstürme auslösen, aber ihm war gerade alles lieber als die einsame Stille. Merkwürdig, wie ihm seine heißgeliebte Ruhe plötzlich unerträglich erschien.
      "Komm herein", raunte er. "Wir müssen über...Tava?"
      Er gefror mitten in der Bewegung.
      Tava war zurückgekommen...
      "Du bist zurückgekommen."
      ...und sie hatte geweint, bitterlich. Selbst im sanften Licht des Raumes erkannte er ihre geröteten Augen. Auch ihre Wangen glühten rötlich, als hätte sie vehement versucht ihre Tränen am Fallen zu hindern. Als hätte sie sich immer und immer wieder mit den Fingern über die Wangen gestrichen. Tava sah todunglücklich aus. Malleus machte bereits einen Schritt in ihre Richtung, hielt inne und ging zurück zum Bett, drehte sich wieder herum und überbrückte mit großen, schnellen Schritten die Distanz zu Tava. Mehr Zeit brauchte er nicht um die Lederhandschuhe über seine Finger zu streifen.
      "Du bist wirklich zurückgekommen."
      "Er ist gegangen."
      Malleus zuckte kaum merklich.
      "Er hat gesagt...ähm...Er ist böse auf dich. So in etwa. Mir auch, glaube ich."
      "Das habe ich befürchtet."
      Vorsichtig legte er einen gekrümmten Zeigefinger unter ihr Kinn, um es anzuheben. Er hatte den Ausdruck ehrlicher Verwunderung nicht aus seinem Gesicht verbannen können. Tava war zurückgekommen. Er schob den verbitterten Gedanken zurück, dass sie nur wieder hier war, weil Devon sie abgelehnt hatte und es in ganz Oratis keinen anderen Ort gab, an den sie hätte gehen können.
      "Du hast geweint."
      Nun verzog er das Gesicht über das Erstaunen in seiner eigenen Stimme. Die Traurigkeit in ihren Augen war nur schwer zu ertragen. Er wollte etwas tun und das erste Mal seit lange Zeit nicht für sich sondern für jemand anderen.
      Malleus' Körper versteifte sich, als er mit dem Knöchel seines Zeigefingers über gerötete Wange strich. Eine Welle der Übelkeit überrollte ihn, als er die Hand betrachtete, die zu unbeschreiblicher Grausamkeit fähig war. Die Hand, die ein Kind fürs Leben auf schrecklichste Art gezeichnet hatte und nun beinahe zärtlich unter Tavas wilden Haarschopf schob. Malleus streckte seine fast verkrampften und gekrümmten Finger bis sie die weichen Härchen in ihrem Nacken berührten. Mit einem kaum spürbaren Druck zog er Tava zu sich, bis ihre Stirn an seiner Schulter lehnte. Die kleine Geste reichte bereits aus, um seine Atmung zu beschleunigen, obwohl er sie mit keinem anderen Punkt seines Körper berührte. Malleus wagte es das Kinn zu neigen und ganz, ganz sachte seine Schläfe gegen Tavas Haupt zu legen, immer mit Bedacht auf ihre Hörner. Tava roch nach Feuer, schwelender Glut und Rauch. Ein Geruch, der gleichzeitig schlafende Dämonen wecken und Balsam sein konnte.
      "Ich finde ihn für dich."
      Seine Worten waren nicht mehr als ein leises, verbissenes Flüstern.
      "Gib mir ein paar Tage um die Dinge hier in Oratis zu regeln. Das hier ist meine Schuld und wenn es das ist, was du wirklich willst, finde ich ihn für dich."

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Malleus sah ehrlich überrascht aus, Tava auftauchen zu sehen, und irgendwie machte das im Moment nur noch alles schlimmer. Sie wusste nicht, was sie von ihm erwartet hätte oder was sie gebraucht hätte, aber das war es doch nicht gewesen. Diese dunklen Augen, die sie verblüfft musterten, als hätten sie ihre Anwesenheit nicht vorhergesehen. Dabei hatte sie doch schon Tage in diesem Haus gelebt und war noch viel länger mit ihnen gereist. Wieso war er dann so überrascht?
      "Das habe ich befürchtet."
      Er kam vor ihr zum Stehen und eine behandschuhte Hand schob sich in ihr Blickfeld, um ihr vorsichtig einen Finger unters Kinn zu legen. Ganz instinktiv folgte sie der bekannten Geste, wobei es ihr ein bisschen besser ging, jetzt, wo sie den Kopf nicht mehr gesenkt hielt. Es fühlte sich besser an ihn zu heben, vielleicht sogar ein bisschen mehr zu heben, weil es schließlich Malleus war. Es holte sie ein wenig aus dem Loch heraus.
      "Du hast geweint."
      Doch da war diese Überraschung wieder, dieses unvorhersehende, und es riss ein Loch in Tavas wackelnde Mauern, die sie auf ihrem Weg hierher aufgebaut hatte. Auf einmal war alles nur noch viel schlimmer, hundertmal, tausendmal so schlimm, Devon gegangen und sie würden ihn nie wiedersehen, nie, nie wieder finden, denn wie sollte man auch einen einzelnen Lacerta finden, wo doch sämtliche Lacertas zurückgezogen lebten? Wo sollten sie denn suchen? Ja, Tava hatte geweint und jetzt spürte Tava die Tränen wieder hochkommen, spürte sie aus sich herausbrechen, noch bevor ein Schluchzen folgte. Sie hatten Devon verloren. Wieso war es so schlimm, wenn sie noch Malleus hatte? Wenn sie nicht alleine war?
      "Ich habe nur... er h-hat... hat gesagt, dass... das Kind u-und..."
      Ihre ganze Sicht verschwamm. Sie wollte am liebsten wieder den Kopf nach vorne reißen und sich zu einer defensiven Kugel zusammen rollen, sich irgendwo hin verkriechen und alles anzünden, bis es nur noch Feuer, Feuer und Feuer gab. Genug um alle Tränen der Welt zu trocknen. Aber sie war nicht alleine und so sah sie in dunkle, weich werdende Augen, die ganz sanft für sie wurden. So spürte sie, wie Malleus seine Hand in ihren Nacken schob, etwas steif und sehr vorsichtig, und so merkte sie, wie sie dem sanften Druck nachgab. Sie lehnte sich an ihn, nahe genug, dass sie sich in seine Arme geworfen hätte, und doch weit genug entfernt, um die Distanz zu waren. Und da weinte sie wirklich. Ohne Feuer und Glut. Sie weinte in seine schöne Tunika hinein und griff blind nach dem Stoff, damit sie etwas zum festhalten hatte und jetzt nicht auch noch den Fehler beging, Malleus zu verscheuchen. Sie weinte wirklich ganz fürchterlich. Es war ein schreckliches Gefühl, das in einer anderen Situation die Quelle eines rasenden Feuers gewesen wäre.
      "Er hat gesagt, wie... wie man denn s-so... u-und dann... aber, ich - ich konnte ihn nicht - und jetzt - jetzt ist er weg. Er ist weggegangen."
      Ihre Schultern bebten. Malleus hielt ihr stand, dabei war Tava selbstsüchtig, dabei wollte sie in diesem Augenblick nichts lieber, als ihn ganz in den Arm zu nehmen. Es tat alles weh und davon die Muskeln am wenigsten.
      "Ich finde ihn für dich."
      Ihr stockender Atem setzte kurz aus, damit sie sein Flüstern hören konnte. Die Worte, leise und entschlossen gesprochen.
      "Gib mir ein paar Tage um die Dinge hier in Oratis zu regeln. Das hier ist meine Schuld und wenn es das ist, was du wirklich willst, finde ich ihn für dich."
      Tava schnappte ein paar Mal zitternd nach Luft. Sie blinzelte gegen den dunklen Fleck an, den sie auf seinem Hemd hinterlassen hatte, dann richtete sie sich soweit auf, dass sie den Kopf ganz auf die Seite legen konnte, und wischte sich fahrig über die Augen.
      "Willst... willst du ihn nicht a-auch zurückhaben?"
      Sie hatte gar nicht darüber nachgedacht, als sie zu Malleus gekommen war. Es schien ihr wie eine Selbstverständlichkeit gewesen zu sein, sie drei zusammen, sie drei ein Team, natürlich würde auch Malleus Devon zurückwollen. Aber der Mann war von Devon verletzt worden und hätte wohl - bis zu einem bestimmten Grad - das Recht dazu, ihn nie wiedersehen zu wollen. Und was dann? Würde Tava einfach bei Malleus bleiben? Im Moment war sie noch viel zu aufgewühlt dafür, überhaupt über die ganzen Konsequenzen von Devons Abreise nachzudenken.
    • Malleus' Körper versteinerte zur Salzsäule als neue Tränen flossen und Tava regelrecht durchschüttelten. Hilflosigkeit war kein angenehmes Gefühl doch gerade spülte es mit aller Macht über ihn hinweg. Ein gänzlich anderer Mensch hätte die bitterlich schluchzende Frau fest in seine Arme gezogen, doch Malleus' Leib sperrte sich gegen den Impuls. Die Muskeln in seinen Armen und Schultern zuckten einfach nutzlos, als wären sie schon längst nicht mehr Teil seines Körpers. Tavas Tränen sickerten durch das weiche, seidige Material seiner Tunika und benetzten die wulstigen Brandnarben über seiner Brust. Die Fingerspitzen an am Hinterkopf der Cervidia zuckten, unsicher, was sie überhaupt an diesem Ort suchten. Als wüssten sie plötzlich nicht mehr, wie sie dorthin gekommen waren. Malleus wurde schmerzlich bewusst, dass er nicht den blassesten Schimmer hatte, wie er eine Person richtig und aufrichtig tröstete. Alles, was er sagen konnte, all die sanften und wohlgeformten Worte klangen bereits in seinen Gedanken hohl und unbedeutend. Alles, was er kannte unterschwellige, brodelnde Wut und die willkommene, friedliche Leere. Emotionen waren wirklich fürchterlich kompliziert.
      Ein Ruck ging durch seine fahrig überworfene Tunika und er verstand, dass zitternde Finger sich haltsuchend darin vergruben. Die Wärme ihrer Finger drang durch den Stoff hindurch, brannte heißer auf seiner Haut als glühendes Eisen. Aber keine Kälte konnte den schweren Klumpen aus Eis in seiner Magengegend verdrängen. Malleus atmete kontrolliert durch die Nase ein, zählte still bis Drei und atmete durch den Mund wieder aus. Die gestammelten Worte drangen lediglich gedämpft an sein Ohr, von dort, wo Tava ihre Gesicht gegen seine Schulter und schließlich die Wange gegen seine Brust presste. Er verstand sie kaum, aber das brauchte er auch nicht um sich aus den verzweifelten Silben das ganze Ausmaß auszumalen. Zurückhaltend bewegten sich seine Fingerspitzen in sanften, hoffentlich tröstenden, kreisenden Bewegungen über ihre Kopfhaut. Er lauschte wie ihre Atmung ins Stocken geriet. Wie Tava nach Luft schnappte und sich ganz allmählich wieder aufrichtete. Das Herz in seiner Brust klopfte plötzlich schneller gegen sein Gefängnis aus Knochen, Muskeln und Fleisch. Es stolperte, setzte aus ehe der Herzschlag mit einem Ruck zurückkehrte. Er hatte etwas Falsches gesagt. Er! Malleus beschloss, dass er Zweifel und Ungewissheit noch wenig mochte als die Hilflosigkeit. Das zermürbende Gefühl löste ein Flattern in seinem Körper aus, das ihn auf aufkeimende Übelkeit erinnerte während sein Verstand zur Hochleistung auflief und jedes mögliche Szenario durchspielte.
      "Willst...willst du ihn nicht a-auch zurückhaben?"
      Tava zwang ihn unbewusst dazu das Kinn noch tiefer zu neigen, damit er ihr überhaupt in Gesicht sehen konnte. Warmer Atem streichelte über sein Kinn. Atmen. Er musste einfach nur weiter atmen. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet diese Frage über ihre Lippen stolperte und ihm die Luft aus den Lungen drückte, als hätte Devon ihm mit voller Wucht einen Hieb gegen das Brustbein versetzt.
      Die Sekunden verstrichen träge. Oder waren es bereits Minuten, als sich seine Lippen bewegten.
      "Ich..."
      Malleus hielt inne, ganz kurz.
      "Ich denke nicht, dass es eine Rolle spielt, was ich will, Tava. Wenn wir ihn finden, ist es seine Entscheidung, ob er mich...zurück.."
      Er verzog das Gesicht und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Tavas Frage ließ es so simpel anmuten, aber das war es nun einmal nicht. Das alles ergab keinen Sinn. Niemand konnte es zurückwollen, was er nie besessen hatte. Aber hatte Devon ihn nicht gewollt? Hatte er Devon nicht gewollt? Der Augenblick verlangsamte sich, schritt in Zeitlupe voran, als Malleus sein Gewicht ein wenig nach vorn verlagerte um seine Stirn federleicht an Tavas zu lehnen.
      Atmen.
      Ein und aus.
      Einfach weiter atmen.
      "Das hier ist schwer für mich. Ich bin ein selbstsüchtiger Mann, Tava, und ich bin es nicht gewöhnt, nicht zu wissen, was zu tun ist", gestand er und zwang sich damit gegenüber Tava Ehrlichkeit den Vortritt zu geben. Malleus' Körper verharrte stocksteif und die Anspannung wuchs bis ein leichtes Zittern ihn erfasste.
      "Ja...Ich will ihn zurück, aber das ist nicht meine Entscheidung und ich glaube nicht, dass er mir zuhören wird. Da war er sehr deutlich."
      Seine freie Hand fuhr über seine malträtierten Rippen. Mit sanften Nachdruck drückte er seine Stirn etwas fester gegen Tavas, ehe er sich lösen musste. Malleus trat einen Schritt zurück. Sein Blick huschte von Tava zu dem Bett am anderen Ende des Raumes.
      "Bleib heute Nacht hier. Du kannst hier schlafen."
      Als Tava sich zunächst nicht bewegte, verdeutlichte er sein Angebot mit einem Nicken. Er folgte Tava mit ein bisschen Abstand bis sie sich unschlüssig auf das Bett setzte. Malleus erinnerte sich an das Desaster dieses Morgens in der kleinen Absteige im hintersten Winkel von Oratis. Mit einem Ächzen ließ er sich vor Tava auf die Knie nieder und schüttelte sanft den Kopf bevor sie protestieren konnte. Seine Brust hob sich schwerfällig unter den stechenden Atemzügen. Die gebeugte Haltung war alles andere als bequem. Malleus griff nach einem prüfenden Blick in Tavas Gesicht nach dem ersten ihrer Stiefel und öffnete mit flinken Fingern die Schnürsenkel. Er streifte ihr nach und nach das Schuhwerk ab und stellte es ordentlich neben das Bett.
      Malleus stützte sich mit einer Hand auf dem Knie ab und kam vorsichtig zurück auf die Beine. Er war ein seltsames Gefühl...Dieses Bedürfnis, sich um Tava kümmern zu wollen und ihr auf diese Art zu versichern, dass er es ehrlich meinte. Durch seine Handlung, nicht durch seine Worte. Malleus klaubte ein Buch und Schreibutensilien von seinem kleinen Schreibtisch als er das Bett umrundete und sich bedächtig auf der anderen Seite niederließ. Er zog die Beine aufs Bett, lehnte sich ans Kopfende und legte das aufgeschlagene Buch auf seinem Schoß ab. Schlafen würde nur schwer zu ihm kommen, also konnte er auch gleich mit der nötigen Arbeit anfangen.
      "Ich verschwinde nicht. Versprochen", versicherte er ihr.

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Malleus starrte Tava wie festgefroren an, unfähig - oder vielleicht unwillens? - ihr eine Antwort zu geben. Mit jeder weiteren verstreichenden Sekunde hatte Tava mehr das Bedürfnis, gleich wieder in Tränen auszubrechen. Wieso brauchte er denn so lange für eine Antwort? War die Antwort nicht offensichtlich?
      "Ich..."
      Tavas Augen füllten sich ein zweites Mal. Malleus sah sie an und sprach schnell weiter.
      "Ich denke nicht, dass es eine Rolle spielt, was ich will, Tava. Wenn wir ihn finden, ist es seine Entscheidung, ob er mich...zurück.."
      Sein unausgesprochener Satz endete in einer Grimasse, die Tava bis in den Magen ging. Ob Devon ihn zurückwollte? Natürlich wollte er das! Das hätte sie Malleus zumindest vorgeworfen, wenn sie nicht selbst davon verunsichert war. Wollte er es wirklich? War das nun eine Frage, die diesmal Tava nicht beantworten konnte - oder gar wollte?
      Malleus fuhr sich durch die Haare, als würde er zum gleichen Entschluss kommen, und lehnte seine Stirn ganz vorsichtig gegen Tavas. Schniefend blieb sie so still, wie sie nur konnte, um die kurze, seichte Intimität zu genießen.
      "Das hier ist schwer für mich. Ich bin ein selbstsüchtiger Mann, Tava, und ich bin es nicht gewöhnt, nicht zu wissen, was zu tun ist."
      Er schien sich die Worte abzuringen und nachdem, was Tava heute gesehen und begriffen hatte, verstand sie auch wieso. Malleus hatte einen ganzen Kult, der seinem Wort folgte, egal was es war. Er war es gewohnt, dass er den nächsten Schritt wusste, da er sein Leben lang nichts anderes getan hatte. Für ihn musste nicht zu wissen, was zu tun war, eine ganz andere Hilflosigkeit darstellen wie für Tava.
      "Ja...Ich will ihn zurück, aber das ist nicht meine Entscheidung und ich glaube nicht, dass er mir zuhören wird. Da war er sehr deutlich."
      Ganz leicht nickte sie nur. Vermutlich hatte er da recht.
      "Vielleicht ändert er seine Meinung."
      Das war zwar eine dünne Aufmunterung, aber Tava versuchte es trotzdem. Jetzt, wo sie wusste, dass Malleus genauso wenig Ahnung hatte wie sie, ob sie Devon zurückbekommen konnten, hatte sie das Bedürfnis, ihn genauso zu trösten wie er sie.
      Da löste Malleus sich von ihr und sah zu seinem Bett zurück.
      "Bleib heute Nacht hier. Du kannst hier schlafen."
      Tava rieb sich über die Augen und sah ihn überrascht an. Damit hatte sie wohl nicht gerechnet.
      "Bist du sicher? Bekomme ich nicht Ärger mit..."
      Fast wollte sie Amentia sagen, fing sich dann aber noch rechtzeitig. Sie hatte das Gefühl, wenn sie ihren Namen sagte, könnte sie noch auftauchen und das wollte Tava jetzt sicher nicht. Amentia konnte gerne sehen, wie sie etwas anzündete, aber nicht, wie sie weinte.
      Aber Malleus nickte ihr nur bekräftigend zu und so zog sich Tava schniefend zum Bett zurück. Sie setzte sich, nur um dann mit einiger Überraschung zu sehen, wie Malleus vor ihr auf die Knie ging. Das war ein Anblick, der sogar verblüffend kam, wenn sie nicht gewusst hätte, dass Malleus sich sicher vor niemandem hinkniete.
      "Was -"
      Aber er schüttelte nur den Kopf und griff unverwandt nach Tavas Schnürsenkeln. Sie machte große Augen, als er wirklich damit begann, ihr die Schuhe auszuziehen.
      Die ganze Situation war wohl völlig merkwürdig, Tava in Malleus' Privatgemächern auf seinem Bett, er vor ihr, dabei, ihre Stiefel aufzuschnüren. Vielleicht war es aber auch gerade das, das Tava daran hinderte, nochmal in Tränen aufzugehen. Sie schluckte nur, schniefte manchmal und sah dabei zu, wie er sie ihr auszog, bevor er aufstand und sich ein paar Unterlagen von seinem Schreibtisch holte. Tava rutschte im Bett zurück und kroch zögernd unter die Bettdecke. Aufmerksam sah sie zu, wie Malleus sich auch ins Bett begab, wenn auch am anderen Ende und nicht unter der Bettdecke. Das war schon ein wesentlicher Fortschritt zur Nacht im Gasthaus, als er doch wahrhaftig auf einem Stuhl geschlafen hatte.
      Jetzt sah er zwar auch nicht so aus, als würde er sich auf Schlaf einstellen, aber das war in Ordnung so. Ein Fortschritt eben.
      "Ich verschwinde nicht. Versprochen."
      Tava lächelte ein bisschen. Sie drehte Malleus den Rücken zu, damit sie sich einrollen konnte und die Hörner von ihm weg zeigten.
      "Ich werd mich auch nicht bewegen. Versprochen."
      Sie machte es sich gemütlich, bevor sie in die Decke rein nuschelte:
      "Kann ich die Decke anzünden?"
      In der auftretenden totenstillen Sekunde warf sie ihm über die Schulter ein kleines Lächeln zu.
      "War nur Spaß."
      Malleus entspannte sich trotzdem sichtlich wieder. Er konnte ja auch nicht wissen, dass der Vorplatz am Tor schon daran hatte glauben müssen.
      Damit kuschelte Tava sich zusammen und schloss die Augen. Mit ihren letzten Gedanken versprach sie Malleus, dass sie Devon überreden würde. Irgendwie würde sie das schon zurecht gerückt bekommen.
    • Im Augenwinkel rollte sich Tava zu einem möglichst kleinen Ball zusammen und kehrte ihm dabei den Rücken zu. Für einen Moment hielt ihn die Bewegung in einer unsicheren Schwebe. Sie wandte sich ab. Von ihm. Erst als Tava den das Kinn an ihre Brust zog, verstand er die Geste, die dahinter steckte. Tava verhinderte damit, dass sich ihre Hörner in einer versehentlichen Drohung in seine Richtung neigten. Beruhigt zuckten seine Mundwinkel und er beschloss, dass er noch das ein oder andere zulernen hatte, was Tava und das Völkchen der Cervidia betraf. Malleus senkte den Blick bereits auf das Wirrwarr der handschriftlichen Notizen in seinem Schoß, das drang Tavas Stimme von der anderen Seite des Bettes herüber.
      "Kann ich die Decke anzünden?"
      Skeptisch schoss seine Augenbraue wie auf Kommando in die Höhe, doch die bedrückende Nuance war aus ihrer Stimme verschwunden und obwohl sich Tava bemühte ernst dabei zu klingen, hörte Malleus die aufkeimende Leichtigkeit aus ihren Silben heraus. Nun verzogen sich seine Lippen doch zu einem seltenen, dünnen Lächeln und seine Haltung entspannte sich. Ein dunkles, tatsächlich amüsiertes Rumpeln erfüllte seine Brust, als er sich dabei erwischte, wie er grinsend den Kopf schüttelte. Es ließ Malleus plötzlich um Jahre jünger aussehen und zeichnete seine Gesichtszüge mit weicheren Linien in einem ganz anderen Licht.
      "Unter der Bedingung, dass du Amentia erklärst, warum du mitten in der Nacht meine Bettdecke anzündest."
      "War nur ein Spaß."
      "Hmhm..."
      Tava war sicherlich entgangen, dass ein Feuer in Oratis nicht lange unbemerkt blieb. In der Ferne ertönte der gedämpfte aber nicht weniger energische Klang von Glockenläuten. Heute Nacht musste sich niemand im Quartier der Signa Ignius mehr darum Sorgen, dass sich seine Bettwäsche spontan entzündete. Er überschlug die Füße an den Knöcheln und sank ein wenig tiefer in das Kissen in seinem Rücken. Erst als ihre Atemzüge gleichmäßiger und leiser wurden, sah Malleus noch einmal von den Seiten auf. Er ließ den Blick über die schlafende Tava unter seiner Decke gleiten. Auf ihrem Weg nach Oratis hatten sie jede Nacht gemeinsam am Feuer gelegen, aber das hier fühlte sich dennoch völlig anders an.
      "Danke..." wisperte Malleus in die Stille.

      Malleus erwachte durch ein unangenehmes Zwicken in seinem Nacken. Auch das stetige Pochen in seiner Seite ließ sich unmöglich länger ignorieren und trieb ihm allmählich den Schlaf aus den Knochen. Blinzelnd öffnete Malleus die Augen und verzog missmutig das Gesicht, als sich die ersten Sonnenstrahlen durch die geöffneten Vorhänge schlichen. Es war ruhig im Haus. Lediglich leise Schritten im Erdgeschoss reichten bis seine Gemächer herauf. Das Licht der Morgensonne fühlte sich warm und sanft auf seinem Gesicht an, es musste noch früh am Morgen sein. Malleus fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht, rieb die Sandkörnchen aus seinen Augenwinkeln und kämpfte gegen den Wunsch seines Körpers einfach liegen zu bleiben. Da raschelte es leise an seiner Seite. Mit einem Schlag war Malleus hellwach und setzte sich auf. Die Belohnung dafür war ein scharfer Schmerz in seiner Seite. Malleus schlug die Zähne aufeinander um das Ächzen zu unterdrücken.
      Die Sekunden verstrichen bis sich Malleus daran erinnerte, dass er nicht alleine war und das, weil er es so gewünscht hatte. Tava hatte sich im Schlaf kaum bewegt und war noch immer zu einem kleinen Ball zusammengerollt. Malleus besah das durcheinander von losen Seiten neben sich auf dem Bett und kam zu dem Schluss, dass er irgendwann, in den frühen Morgenstunden vielleicht, doch gegen die Müdigkeit verloren hatte und eingeschlafen war.
      Mit Bedacht schwang er die Beine aus dem Bett und schlurfte in Richtung der Fenster um die Vorhänge ordentlich zuschließen und Tava noch ein wenig Schlaf zu erkaufen. Anstatt sich für den Tag vorzubereiten, kehrte der Mann zum Bett zurück und blieb dennoch unschlüssig davor stehen. Es dauerte eine Weile bis er sich wieder auf seinem alten Platz niederließ und wartete bis Tava sich regte.
      Als die Cervidia sich murmelnd und seufzend bewegte und langsam ihren Körper streckte, hatte Malleus die Ordnung seines Papierkrams längst beseitigt. Das Warten weckte keine Ungeduld, stattdessen stellte Malleus zu seiner Überraschung fest, dass er es genoss Tava zu beobachten. Als Tava schließlich sachte den Kopf drehte und ihn mit verschlafenen Augen anblinzelte, erschien das ungewohnte, sanfte Lächeln ganz von allein auf seinem Gesicht.
      "Guten Morgen..."

      Obwohl wenige Stunden später das Quartier des Kultes zum Leben erwachte, blieb es im ganzen Gebäude erstaunlich ruhig. Niemand mochte es zugeben wollen, aber die Meisten hatten den Höhepunkt der Feierlichkeiten ein letztes Mal ausgiebig genutzt. So reduzierten sich die Gespräche auf Flüsterlautstärke, wenn überhaupt gesprochen wurde. Malleus' Anwesenheit wurde nach der gestrigen Vorstellung dennoch entsprechend von allen gewürdigt. Sobald er den Raum betrat, erhoben sich die Menschen. Sie neigten die Köpfe, wisperten ehrfurchtsvolle Begrüßungen und zogen sich respektvoll wieder zurück. An seiner Seite folgte Tava ihm durch die verzweigten Räumlichkeiten des Haupthauses bis der Weg sie zurück in das Heiligtum führte.
      Dort hielt Malleus inne.
      Seine Augen suchten den Boden nach seinen Habseligkeiten ab, doch das Chaos von verstreutem Schmuck und einer zerknitterten Robe war bereits beseitigt. Selbst die Feuerschale war penibel und auf den Millimeter genau zurück an Ort und Stelle geschoben worden. Amentia musste ein wachsames Auge auf ihn gehabt haben, anders konnte sich Malleus nicht erklären, wie seine Habseligkeiten wie von Geisterhand verschwunden waren. Er führte Tava an den erleuchteten Altar heran und verschränkte die Hände in seinem Rücken.
      "Es ist eine Täuschung", begann er unvermittelt. "Devon hat es sofort bemerkt, natürlich. Es hat nur einen Blick benötigt und er hatte den Trick durchschaut. Natürlich ist es eine Drachenklaue, aber sie gehörte niemals zu Adrastus."
      Malleus beobachtete Tava aus dem Augenwinkel.
      "Dieses Heiligtum fußt auf einer Lüge, einer Augenwischerei. Aber...", fuhr er mit fester Stimme fort. "...es ist nicht das Symbol, das wichtig ist, sondern die Bedeutung, die es für den Einzelnen hat. Es kommt die Zeit, in der Glaube auf die Probe gestellt wird. Eine Zeit, in der Worte an Macht verlieren. Also habe ich den Menschen das gegeben, wonach sie verlangt haben: Einen Beweis, den sie anfassen können. Etwas, das nahbar und mit den Augen zu begreifen ist."
      Eine kurze Pause entstand, in der sich Malleus zu Tava umwandte und sie mit bedeutungsschwerer Miene ansah.
      "Also gab ich Ihnen diese Drachenklaue genauso wie ich ihnen Malleus gab."

      _________________________________________________

      Die Tage vergingen und als der Zeitpunkt des Aufbruchs kam, hatten sich die Mitglieder der Signa Ignius aus ganz Oratis im Hof versammelt um Malleus zu verabschieden. Alle trugen förmliche Roben, schmückten sich mit dem Drachenkopf des Kultes in Form von Broschen, Anhängern und Stickereien. Die zwei gesattelten Pferde, gewöhnliche braune Stuten mit schwarzen Mähnen, scharrten angesichts des Trubels nervös mit den Hufen. Die Satteltaschen waren sorgfältig mit allem bestückt, das die Reisenden für den Weg benötigten. Proviant, Vorräte für Tava, Kleidung und genügend Münzen um ihnen Quartiere und Besorgungen zu gewährleisten. Für seine folgsamen Anhänger hatte Malleus kurze, aber anerkennende und wohlwollende Abschiedsworte. Sie hingen an den Lippen des Mannes, der für kurze Zeit das Zentrum allen Handelns in Oratis gewesen war, obwohl der Großteil von ihnen Malleus nie zuvor begegnen waren. Legenden und Geschichten hatten den Mann längst überholt, der nun in Fleisch und Blut vor ihnen stand.
      Zum Schluss wandte sich Malleus der Frau zu, die geduldig in der Nähe der Pferde wartete und dabei ein Buch gegen ihre Brust drückte. Das Verhältnis zu Amentia war angespannt geblieben. Malleus ahnte, dass seine harschen Worte und Tavas ständige Anwesenheit in seiner Nähe die Stimmung nicht verbessert hatten. Mit respektvoller aber kühler Distanz war sie allen seinen Forderungen nachgekommen, hatte sie in der wenige Zeit nie beklagt oder einen weiteren Versuch unternommen, eine Erklärung aus ihm heraus zu bekommen und Malleus hatte sich nicht dazu bringen können über seinen Schatten zu springen. Die Menschen in Oratis, die hoffnungsvollen Gesichter in der Menge, brauchten Amentia. Sie brauchten Malleus nicht. Sie brauchten die Frau, die sie all die Jahre geführt hatte.
      Jetzt, am Scheideweg ihres Wiedersehens, lag ein schmales Lächeln auf Malleus' Lippen. Ungesehen von den Massen und allein für Amentia bestimmt. Sie überreichte ihm das Buch, dass sie bis zu diesem Moment wie einen Schatz gehütet hatte. Es war nicht größer als ein kleines Notizbuch, schlank und aus weichem Leder, das perfekt in eine Innentasche passte. Bevor sie ihre Hand vom Buchdeckel zurückziehen konnte, legte Malleus eine behandschuhte Hand über ihre Hand, während er mit der anderen das Buch von unten festhielt.
      "Danke. Für alles, das du für uns getan hast", sprach er mit gesenkter Stimme die Worte, die nur für Amentias Ohren bestimmt waren. "Eigentlich wollte ich dich darum bitten gut für mich auf Oratis achtzugeben, aber wir beide wissen zu gut, dass Oratis nie meine Stadt gewesen ist. Sie ist deine und das seit Jahren. Die Menschen hier verlassen sich auf deine Führung und sehen zu dir auf. Ich könnte nicht stolzer sein."
      Der Druck, mit dem Malleus ihre Finger nun umschloss, war federleicht.
      "Lass dein Herz nicht bitter werden, Amentia. Nicht für mich. Du verdienst mehr."
      Langsam löste er ihre Hände und das Buch aus ihrem Griff, um es mit einem Nicken in die Innentasche seiner Reisemontur zu stecken.
      Etwas Versöhnliches lag in seiner Miene, ob sie es als das annahm, lag nicht in seiner Macht.
      "Ich versuche nicht wieder vier oder fünf Jahre ins Land gehen zu lassen, um dich zu besuchen."

      Die Straßen von Oratis zeigten sich an diesem Morgen von einer friedlichen Seite. Die Feierlichkeiten des Kultes waren vorbei und die Schaulustigen in ihre Heimat zurückgekehrt. Jetzt bildeten lediglich die großen Märkte den Höhepunkt des Tages. Am Hafen legten neue Schiffe mit Reisenden, Händlern und vollbeladen mit den begehrenswertesten Gütern an. Vor den Toren war von der großen Holzstatue nicht einmal mehr ein Häufchen aus Asche übrig geblieben. Das allgegenwärtige Rot, das die Straßen geschmückt hatte war längst verschwunden. Die Kundschaft der Händler, vorbeieilende Boten und Tagelöhner machten den Reitern sofort Platz um nicht unter die Hufen der schnaubenden Pferde zu kommen. Trotz der Fülle kamen sie gut voran. Immer wieder warf Malleus einen Blick zurück zu Tava, die hinter ihm auf ihrer eigenen Stute folgte.
      "Er ist durch das Osttor verschwunden, richtig?", versicherte sich Malleus.
      Als Tava nickte, lenkte er sein Pferd am nächsten offenen Platz in Richtung Osten. Eine Horde lachender Kinder eilte vor ihnen über das holprige Kopfsteinpflaster und ließ sein Pferd zurückscheuen. Beruhigend tätschelte er den Hals des Tieres und beugte sich dabei sachte über den zitternden, angespannten Hals. Wie die Gläubigen des großen Drachen galt nun auch die ganze Aufmerksamkeit der erschreckten Stute ihrem Reiter. Lauschen drehte sie die gespitzten Ohren in Richtung seiner weichen Stimme.
      "Verschwinde, du nichtsnutziger Bengel! Hast wohl geglaubt ich merke nicht, wie du heimlich den Apfel eingesteckt hast. Dieben schneide ich die gierigen Finger ab!", dröhnte es von der Seite.
      Es war ein Reflex, dass sein Blick der Unruhe folgte, als eine kleine und arg gekrümmte Gestalt an ihnen vorbei huschte. Ein Kind. Waise vermutlich. Der vermeintliche Dieb stürzte und ein Apfel rollte aus seinem zerlumpten Umhang. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, blickte er sich gehetzt zu allen Seiten um und klaubte den Apfel vom Boden. Da sah Malleus sein Gesicht und das rötlich schimmernde, vernarbte Kreuz auf seiner Wange. Balian. Der Junge schenkte den Reitern keine Beachtung sondern nahm die Beine in die Hand um den wütenden Händler zu entkommen, der ihm bereits nachsetzte. Malleus konnte den Blick nicht abwenden bis Balian und sein Verfolger in der Menge verschwunden waren. Er hatte den Befehl gegeben, den Jungen nach dem Vorfall auf den Stufen der Blaumäntel abzulegen. Offensichtlich hatten sie Balian keine Zuflucht gewährt. Jetzt war schmächtige Junge mittellos, ohne Dach über dem Kopf und dem Gesetzt der Straßen von Oratis ausgeliefert.
      Malleus stellte sich im Stillen die Frage, ob ihrer beider Schicksal unwiderruflich miteinander verknüpft hatte. Vielleicht, in ein paar Jahren wenn Balian zu einem Mann herangewachsen war, würde er Malleus aufsuchen. Vielleicht würde er denselben Weg gehen, den auch Malleus einst gewählt hatte und sich das Leben zurückholen, das ihm einst genommen wurde.
      Blaumäntel säumten den Marktplatz, als sie ihren Weg fortsetzten.
      Der Epsisimos ließ vermutlich sicherstellen, dass die Gerüchte stimmten und der Gebranntmarkte die Stadt auch wirklich verließ. Die Ritter in ihren glänzenden Rüstungen ruhten wie Mahnmale an ihren Positionen. Statuen, deren Augen ihnen folgten bis sie außer Sichtweite verschwunden waren.
      Tava und Malleus ließen den Lärm und den Trubel von Oratis hinter sich und als sie endlich das Osttor passierten, schenkte Malleus seiner Gefährtin ein sanften Lächeln. Er konnte sich immer noch nicht daran gewöhnen, wie natürlich diese kleine Regung zu ihm kam. Die Tage in Oratis waren Fluch aber auch Segen gewesen. Sie hatten das Schrecklichste aber auch Verlorenes hervorgebracht. Jetzt lag wieder die Freiheit der offenen Straße und weitläufige Wildnis vor ihnen.
      Osten...das war nicht viel, aber ein Anfang.
      Malleus nickte Tava zu.
      "Bereit?"

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava war für die Abreise gänzlich vorbereitet. Sie hatte ihren Vorrat an Tränken wieder aufgefüllt, nachdem sie in den Genuss des hauseigenen Labors gekommen war - natürlich ganz und gar auf rechtem Weg und nicht etwa, wenn sie sich sicher gewesen war, dass Amentia und Malleus sicher schliefen. Nein, natürlich nicht. Da hätte sie ja sonst die Tür präparieren müssen, damit man die Geräusche des Labors draußen am Gang nicht gut hören konnte. Natürlich nicht...
      Außerdem hatte sie ihre Zutaten auf dem Festmarkt aufgefüllt, teilweise erkauft, teilweise ertauscht. Es hatte sie viel gekostet, weil Oratis eine große Stadt war und die Preise zum Fest nur höher gegangen waren, aber dafür war es das auch Wert gewesen. Jetzt fühlte sie sich wieder auf alles vorbereitet, egal ob Drache oder Devon.
      Malleus leitete den Abschied an, indem er sich von seinen Anhängern ein letztes Mal anstarren und bewundern ließ. Tava stand dabei im Hintergrund bei den Pferden, beobachtete ihn dabei und dachte darüber nach, was er ihr im Heiligtum gesagt hatte. Also gab ich Ihnen diese Drachenklaue genauso wie ich ihnen Malleus gab. Irgendwie konnte sie es sehen, in diesem Moment, während Malleus für seine Anhänger lächelte und sich sorglos gab. Er hatte ihnen einen Malleus gegeben, den sie haben wollten, so wie er ihnen auch die Klaue gegeben hatten, nach denen sie verlangt hatten. Insofern war es aber doch ein Symbol, entgegen Malleus' Behauptung. Nur war dieses Symbol etwas gänzlich anderes, als er es sich vermutlich vorgestellt hätte.
      Während Malleus sich abschließend an Amentia wandte, drehte sich Tava ihrer Stute zu. Das Pferd beäugte sich misstrauisch und scharrte mit dem Huf. Tava starrte zurück und senkte den Kopf ein wenig. Im Angesicht ihrer Hörner legte das Tier die Ohren an. Darauf senkte Tava den Kopf nur noch mehr und die Stute schnaubte irritiert. Dann schnappte sie nach ihr.
      Nein, sie beide würden wohl keine Freunde werden. Es gab einen guten Grund, weshalb Tava meist zu Fuß unterwegs war, oder wenn überhaupt in einem Wagen. Pferde und Sättel hatte sie noch nie wirklich gemocht und das war ein beidseitiges Verhältnis.
      Sie drehte sich wieder um, gerade rechtzeitig um zu sehen, wie Amentia Malleus ein Buch überreichte. Trotz der Öffentlichkeit ihres Abschieds lag dort eine Intimität in den zueinander geflüsterten Worten, die Tava aufhorchen ließ. Bislang hatte sie sich keine Gedanken darüber gemacht, was es für Malleus überhaupt bedeuten mochte, Oratis wieder den Rücken zu kehren. Was bedeutete es überhaupt für ihn, den Mann suchen zu gehen, der ihn so verletzt hatte? Wo er doch hier seine ganzen Anhänger hatte und Amentia, die ihn mit Augen ansah, in denen selbst Tava die Zuneigung herauslesen konnte?
      Doch trotz ihrer Überlegungen löste Malleus sich nach einem Moment von selbst, drehte sich um und kam auf die Pferde zu. Amentia blickte ihr nach und Tava sah dafür Amentia an. Als die Frau ihrem Blick begegnete, kippte Tava den Kopf in ihre Richtung. Sie konnte ihre Reaktion darauf nicht sehen, weil sie sich dann auch ihrem Pferd zuwandte.
      Gemeinsam verließen sie den Platz, auf dem sich alle zum Abschied versammelt hatten. Malleus sah nicht noch einmal zurück und das beantwortete Tava zumindest eine Frage: Es war nicht sein erster Abschied und auch nicht sein letzter. Malleus war das Weggehen gewöhnt.
      Sie ritten durch die Straßen, in denen das Hoch des Fests langsam abflaute. Die Menschen gingen langsam wieder in ihren Alltag zurück, der Tava von Oratis gar nicht bekannt war. Sie entdeckte aber den Unterschied, als ein Taschendieb auf offener Straße zurecht gewiesen wurde. Während dem Fest war alles so laut und voll gewesen, dass man so einen Ruf niemals hätte hören können, aber jetzt scheuchte er gleich die ganze Gegend auf. Es war eine jung wirkende Gestalt, die einen harmlosen Apfel stahl und bei dem Versuch wegzukommen, der Länge nach auf den Boden fiel. Als er sich aufrappelte, erhaschte Tava einen Blick auf eine glühende, geschwollene Kreuznarbe. Das war doch der Junge von der Zeremonie! Sie richtete sich gleich aufmerksam auf, aber bevor sie einen besseren Blick hätte erhaschen können, war der Junge schon wieder weiter geflogen. Der Händler versuchte ihm nachzukommen.
      Wie gut, dass sie ihn gesehen hatte, dann lebte er also noch. Sie würde es Devon sagen, damit die ganze Sache vielleicht nur halb so schlimm war. Vielleicht sollte sie es Malleus sagen? Aber der Mann ritt weiter voran und nach einem Moment entschloss Tava sich dagegen. Vielleicht war es ja ganz gut, wenn Malleus nichts davon wusste.
      Sie passierten das Tor und ritten im Tageslicht in die freie Wildnis hinaus. Malleus ließ Tava ein Lächeln zukommen, das ihr Herz beflügelte und sie ihren Kopf gleich heben ließ. Wären sie nicht auf dem Weg gewesen Devon zurückzuholen, hätte sie den Moment beinahe genießen können, so frei und unbeschwert, wie er ihr schien. Aber Malleus richtete ihre Aufmerksamkeit schon aufs Wesentliche.
      "Bereit?"
      "Ja."
      Er wartete, bis ihre Stute neben seine getreten war, dann zogen sie los. Gemeinsam.
      Tava hätte die Richtung, in die Devon verschwunden war, auch mit verbundenen Augen wiedergefunden.

      Sofern sie es entschlüsseln konnten, gab es kein erkenntliches Ziel, das Devon angestrebt hatte. In östlicher Richtung lagen nur einige Dörfer und vereinzelte Ortschaften, die nächste größere Stadt war eher nördlich zu finden. An einem Abend überlegte sie laut, ob Devon vielleicht auf dem Heimweg war und sie nun unbewusst in die Richtung der Lacerta zogen, aber Malleus hielt das für unwahrscheinlich. Zum einen wirkte das hier nicht unbedingt Lacerta-Gebiet, zum anderen wirkte Devon nicht wie jemand, der in großer Not nachhause ging. Oder überhaupt nachhause ging. Das musste auch Tava einsehen und so verwarf sie den Gedanken wieder.
      Allerdings dachte sie noch öfter an Devon, mehr, als ihr vermutlich klar war. Sie vermisste ihn, wenn sie abends das Lagerfeuer schürte und über die Möglichkeit nachdachte, dass sie jetzt, nach der Nacht im Gasthaus, vielleicht ein wenig näher zu Devon hätte schlafen können. Sie vermisste ihn, wenn Malleus ein fleischloses Abendessen bereitete, weil sie beide nicht das nötige Geschick hatten, um sich ihr Abendessen zu jagen. Und sie vermisste ihn, wenn sie daran dachte, was sie wohl tun würden, wenn sie beide einem Drachen über den Weg liefen. Schreien und weglaufen? Angreifen und sterben? Ohne Devon kam ihr alles irgendwie sinnlos vor. Er war ein Teil ihrer Gruppe und wenn er nicht da war, dann konnten sie es spüren.
      Dafür leistete Malleus ihr umso besser Gesellschaft. Er hatte sich schon immer mehr dafür interessiert, was Tava mit ihren Tränken anstellte, und auch an diesen Tagen sah er ihr aufmerksam zu, wenn sie ihre Forschungen anstellte. Dafür war Tava umso eifriger dabei, ihm Prozesse und Zutaten zu erklären, damit sie sich von seiner samtig weichen Stimme ein Lob für ihre fleißige Arbeit erschleichen konnte. Dabei war sie mit solchen Dingen so sehr beschäftigt, dass sie sogar vergaß, aus ihrem Frust wegen Devon die Bäume und Büsche auf ihrem Weg anzuzünden.
      Vermutlich lag das genau in Malleus' Absicht, aber darüber wollte sie lieber nicht weiter nachdenken. Sein Lächeln wirkte echt und seine Worte waren immer freundlich zu ihr. Du bist nur darauf aus, sein Lob und seine Anerkennung zu bekommen. Tava wünschte sich, sie hätte einen Devon mit schöneren Worten als diesen im Kopf.

      Die östliche Gegend war nicht sehr dicht besiedelt, aber weil sie nicht wussten, wohin Devon genau unterwegs war, mussten sie ein paar Umwege einlegen, um sich bei den umliegenden Dörfern zu informieren. 'Ist hier ein großer, schlanker Jäger vorbeigekommen?' 'Vor drei Monaten war mal einer da'. 'Ist hier in den letzten Tagen ein großer Mann vorbeigekommen?' 'Nein. Woher? Nein'. 'Hat in den letzten Tagen ein Jäger bei Euch gehalten? Ziemlich groß, eher schlank?' 'Ein Jäger? Was soll er denn jagen, Hühner?'. Malleus motivierte sie letzten Endes, weiterzuziehen. Und wenn schon, dann war Devon vielleicht durchmarschiert, er konnte sich schließlich selbst versorgen. Das musste noch gar nichts heißen, auch wenn ihrer beider Zuversicht abnahm. Vielleicht hatten sie seine Spur schon längst verloren und waren jetzt auf dem Weg nach Nirgendwo.
      Als sie allerdings eines Tages bei einem Bauernhof rasten wollten und dem Bauern dieselbe Frage stellten, antwortete er nicht gleich. Er starrte sie beide abwechselnd an, machte Kaubewegungen und spuckte dann aus.
      "Hmm. Jemand war da. Hat den alten Lindwurm zerlegt, draußen bei den Kartoffeln. War erst vor kurzem."
      "Wirklich?"
      Tava war sofort hellwach.
      "Könnt Ihr ihn beschreiben?"
      Der Bauer starrte sie ausdruckslos an.
      "Wortkarg."
      Tava blinzelte ihn an. Was für eine Beschreibung war das denn? Sie war drauf und dran, dem Kerl ihre Hörner zu zeigen, da klinkte Malleus sich mit geübter Leichtfertigkeit ein und übernahm das Gespräch. Mit geschickt geschmeichelten Worten entlockte er dem Bauern ein bisschen mehr und dazu auch noch die Aussage, dass der Jäger weiter Richtung Touvanen gezogen sei. Das war endlich mal eine Aussage, die ihnen weiterhalf. Selbst wenn es nicht Devon gewesen war, es würde wohl nicht schaden, es bei Touvanen als nächstes zu versuchen.
      "Aber vorher sehen wir uns den Lindwurm an."
      Malleus war darüber nicht so begeistert, aber der Bauer sah sie nur verständnislos an.
      "Was willste dir da anschauen? Da gibt's nichts zum Anschauen."
      Den Kommentar verstand Tava nur sehr viel später, als die beiden auf dem Feld standen, die Münder offen und auf das blickten, was mal ein Lindwurm gewesen war. Was mal ein Lindwurm gewesen war. Vom Körper war nicht viel übrig als unförmige Fetzen und verweste Klumpen, an denen die Fliegen schwärmten. In den letzten Tagen hatte es nicht geregnet, deswegen war der Boden noch dunkel von dem ganzen Blut. Und es war überall. Der Lindwurm schien zwar groß gewesen zu sein, aber die Ausmaße der Verwüstung schien überdimensional gewesen zu sein. Selbst Tava musste dabei säuerlich aufstoßen.
      "Und das soll ein einziger gewesen sein?"
      Sie sah Malleus an und er begegnete ihrem Blick. Dabei teilten sie sich wohl ein und denselben Gedanken: Sie kannten durchaus jemanden, der zu so etwas fähig sein könnte. Die Frage war nur, warum. Und das in mehrdeutiger Hinsicht.

      Nach diesem Tag war die Stimmung irgendwie bedrückter. Sie zogen das Tempo an, ohne es miteinander direkt abzusprechen, direkt auf Touvanen zu. Sie mussten Devon finden. Irgendwie war dieses Bedürfnis zu einer Dringlichkeit gewachsen.
      Die nächsten Ortschaften, die sie durchquerten, hatten wieder keinen Jäger bei sich aufgenommen, aber trotzdem verfestigte sich so langsam das Gefühl einer Spur. In Touvanen würden sie schon etwas herausfinden, soviel stand fest. Sie mussten nur einfach schnell genug sein - schneller als... das wussten sie selbst nicht so genau. Vielleicht sogar schneller als Devon selbst.
      Dann kam die Stadt in Sicht und Tava gab ihrer motzenden Stute die Sporen. Am Tor verlor sie die Geduld und hätte beinahe ihren Ring benutzt, hätte Malleus sie nicht noch zurückgehalten und eindrücklich auf die Torwache eingeredet. Sie ließen sie passieren. Sie gaben ihre Pferde in einem Stall ab und sahen sich in einer ihnen fremden Stadt um. Auf eine unsichtbare Übereinkunft hin strebten sie den Marktplatz an, wo Tava den Blick über einen Kopf schweifen ließ, der größer als alle anderen war, und in ihrer Aufregung nach Malleus' Arm schnappte. Devon. Devon! Sie deutete auf die Gestalt und rief voller Zuversicht:
      "Devon!"

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    • „Aber ich will nicht, dass du gehst!“
      Devons Schritte waren gleichmäßig, unbetroffen von der brutalen Offenheit, mit der Tava ihn zum Bleiben bat. Stetig verschwand er ein Stückchen weiter in der Dunkelheit, der Boden knirschte unter seinen Stiefeln und zucken tat der große, breite Rücken nicht ein einziges Mal.
      Doch Devon war dankbar, dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Jenes Gesicht, das schuldbewusst die Augen zusammenkniff und die Zähne aufeinanderbiss, bis es schmerzte. Bei diesen Worten wusste er haargenau, dass aus ihnen nicht Malleus sprach. Das war die pure Tava, die wahrlich darum fürchtete, dass er ging. Mit seinem gesamten Willen zwang er sich dazu, weiterzugehen und sich nicht umzudrehen. Nicht für sie anzuhalten und zurückzukehren, denn wer wusste schon, wie er bei einem zweiten Aufeinandertreffen mit Malleus reagieren würde? Devon wollte nicht der Keil sein, der sich mit seiner puren Anwesenheit dann zwischen Tava und Malleus trieb. Das würde er Tava nicht antun können, denn er hatte gesehen, wie viel ihr an Malleus lag.
      „Ich will nicht, dass du gehst.“
      Dafür hörte er, wie viel ihr auch an ihm gelegen war. Während er längst aus der Hörweite eines Menschen verschwunden war, konnte er ihre Worte dank seines geschärften Gehörs noch immer verstehen. Irgendwann wiederholten sich die Worte immer und immer wieder in seinen Ohren, sodass der Wind ihm einen üblen Streich spielen musste. Nur schlugen diese Worte ihre Krallen tief in sein Herz und machten selbst der Enttäuschung Konkurrenz.
      Erst als er sich absolut sicher war, dass er weit genug weg war, wurden seine Schritte steifer bis er schließlich anhielt. Hinter ihm war der dunkle Himmel in Rot und Gelb getaucht, wo die Figur noch immer brennen musste. Noch immer hörte Devon Tavas letzte Worte in seinen Ohren und er ließ endlich zu, dass sich seine eigenen in seinem Kopf dazu gesellten: Ich auch nicht, Tava. Ich auch nicht.

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      Devon hangelte sich von den kleinsten Siedlungen zur nächsten, indem er kleine Arbeiten erledigte und sich somit wieder etwas mehr Proviant zulegen konnte. Er war schon lange nicht mehr so weit im Osten gewesen. Diese Region hatte er größtenteils gemieden, aber nun führte ihn die Spur von Adrastus immer tiefer hinein. Die karge Landschaft wurde immer wärmer und die Vegetation veränderte sich bereits und Devon wusste, dass sich ein ganzes Stück weiter im Süden ein Regenwald erstreckte. Jener, den er schon seit sehr, sehr langer Zeit mied.
      Dieses Wissen trug nicht unbedingt zur Besserung seines Gemüts bei. In der ersten Nacht seit seiner Flucht war ihm aufgefallen, wie still es um ihn herum eigentlich war. Stundenlang hatte er wachgelegen und der Welt um sich herum zuhört, so, wie er es eigentlich schon immer getan hatte. Aber nun fehlten dort diese beiden anderen Herztöne, der eine schlüpfriger, der andere träge. Die Atemzüge kamen nur noch von Devon selbst, ebenso wie das Geraschel von Kleidung. Das alles war auf einmal fort und die Ruhe, die der Jäger sonst so schätzte, war plötzlich so aufdringlich laut in seinem Kopf.
      Auch danach rang er immer wieder um Fassung, die er schließlich bei einem kleineren Jagdauftrag verlor. Der Lindwurm, den er niederstreckte, damit er die Felder einer Siedlung nicht ständig umgrub, glich einem Massaker. Da fehlte die übliche Präzision in seiner Arbeit. Das taktische Vorgehen. Die Vorbereitung. Was am Ende von dem Drachen überblieb, war ein Haufen Fleisch, der eher danach aussah, mit Krallen zerrissen worden zu sein als mit einem Schwert. Mit einem geballten und für ihn ungewohnten Ausbruch von Gefühlen drosch er auf den kleinen Drachen ein, bis der Jäger am Ende schwer atmend dagestanden hatte und sich Taubheit in seinem Inneren breitmachte. Devon entnahm nicht einmal das Herz, nachdem er den Drachen regelrecht zerfetzt hatte, sondern kehrte ihm einfach nur den Rücken. Auch das war nicht fair gewesen. Wie so vieles andere auch, was er getan hatte.

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      Touvanen war die erste, größere Stadt, die auf Devons Weg lag. Sie war bei weitem nicht mit einer Größe und Baulichkeit wie Oratis zu vergleichen, aber hier schlugen die meisten Händler ihre Lager auf, ehe sie weiterreisten. Als ehemals nur locker befestigte Siedlung besaß Touvanen keine Stadtmauern, sondern einen befestigten Wall mit Graben herum. Zahlreiche Wege führten in die Stadt hinein und Wachen suchte man an den Eingängen vergeblich. Dafür fielen Devon hier und da Blaumäntel auf, die durch die Gassen streiften. Meist ohne wirkliches Ziel, wie es schien.
      Im Zentrum der Stadt befand sich ein großer Marktplatz, wo das meiste Treiben stattfand. Devon hatte sich wieder vollkommen maskiert, während er durch die engen Wege streifte und nach dem Üblichen Ausschau hielt, um seine Vorräte wieder aufzustocken. Erst hier begegneten ihm Männer in leichten Rüstungen und Speeren, die scheinbar eine Art Wache darstellten. Wegen der Nähe zu den Wäldern zog man Speere vor, die man auch gegen wilde Tiere besser einzusetzen vermochte.
      Ansonsten war Touvanen mit seinem zentralistischen Markt eher unspektakulär. Das Herrschaftsgebäude hier war das ehemalige Haupthaus des Dorfoberhauptes, welches man umstrukturiert und niedriger als die restlichen Gebäude in eine Art Senke verlegt hatte. Das war das einzige Alleinstellungsmerkmal dieser Stadt. Jedoch wusste Devon, dass bei seinem letzten Besuch von vor über dreißig Jahren noch keine Blaumäntel hier gewesen waren.
      Mit gemächlichen Schritten ging Devon an den Ständen entlang und ließ seinen Blick schweifen. Lebensmittel, Räucherware, Leder und Ketten, Tücher und Gebinde. Das Sortiment war breit aufgestellt und wesentlich weniger reißerisch als es noch in Oratis der Fall war. Hier ging es sich vielmehr um Waren, die wirklich einen Gebrauch hatten und nicht nur Kleinschank für extra Goldmünzen waren.
      Noch während der Jäger seinen scharfen Blick über ausgestellte Poliermittel und Öle wandern ließ, blitzte etwas in seinem Augenwinkel auf und beanspruchte seine Aufmerksamkeit. Der nächste Stand war sehr klein und auf Holztischen erbaut. Ein Tuch war nicht darüber gespannt worden, damit die Sonne ungehindert auf die ausgestellte Ware fallen konnte. Hinter dem Stand befand sich ein größerer Karren, den man komplett verschließen konnte und der eher wie ein Multifunktionsgefährt aussah. Die dazugehörigen Felitas waren alle etwas jüngerer Abstammung und nicht besonders groß. Ihre Ohren und Schwänze waren sandfarben und geschäftig zuckten die schwarz getüpfelten Spitzen umher, wann immer sich ein Interessent um ihre Waren bemühte.
      Devon runzelte die Stirn. Seine Aufmerksamkeit hatten Kristalle geweckt, die Einschlüsse aufwiesen. Genau solche Stücke hatte er in Oratis auch schon gesehen. Offensichtlich musste das ein Trend aktuell sein, der auch vor Touvanen keinen Halt machte. Gerade ging Devon an dem Stand vorbei und wollte schon zum nächsten übergehen, da hielt er doch inne. Die angeblichen echten Augen von Drachen und deren Krallen waren in Oratis für den Kundigen ganz leicht als Täuschung zu entlarven gewesen. Doch diese hier…
      Devons Augen verschmälerten sich, als er eine Hand nach einem Kristall ausstreckte und ihn zwischen die Finger nahm. Prüfend hielt er ihn gegen das Licht und drehte das vermeintliche Drachenauge hin und her. Irgendetwas sorgte dafür, dass er sich nicht so sicher war, ob das wirklich Fälschungen waren. Er konnte natürlich falsch liegen und sich irren. Dann waren das sehr gut gemachte Fälschungen, aber… Etwas ließ ihn hier nicht los und ließ eine gewisse Skepsis in ihm aufsteigen.
      Er griff nach einem weiteren Kristall und legte den anderen zurück. Auch diesen drehte er im Licht und betrachtete das Auge, dessen Pupille geschlitzt und die Iris in einem hellen Rot, fast braun, gefärbt war. Auf dem Tisch lagen gerade einmal 16 Kristalle mit diesen Augen. Alles andere als eine Massenproduktion, aber passend für ein ausgeklügeltes Kunsthandwerk.
      „Herr, Ihnen sind die Drachenaugen aufgefallen? Sie sind ungewöhnlich schön, nicht wahr?“, fragte der Felitas mit frohlockendem Tonfall Devon gegenüber, als der sich gerade einen weiteren Kristall und dann noch einen nahm.
      „Woher stammen die?“, erkundigte sich Devon plötzlich monoton und nahm sich einen Kristall von weiter hinten. Dieses Auge war deutlich größer als die anderen und die Farbe war sichtlich kräftiger rot als alle anderen. Es gab nur zwei Kristalle mit so großen Augen. Ein Paar also?
      Der Felitas rieb sich die Hände. „Allesamt gesammelt von draußen! Mühsam haben wir uns auf die Jagd nach kleinen Drachen gemacht und sie gesammelt, nachdem wir einen Weg gefunden haben, sie haltbar zu machen. Eine lokale Sonderbarkeit.“
      „Ihr habt Jagd auf sie gemacht?“ Devon hatte in beiden Händen je einen Kristall. Einen mit einem großen Auge und einen mit einem kleinen. Ein weiteres Mal sah er sich die beiden Kristalle und die darin enthaltenen Augen genau an. Und dann ergab alles einen Sinn. Die unterschiedlichen Größen. Die Farben. Das Gefühl, das Devon beim Betrachten dieser Augen verspürte.
      Betont langsam legte Devon einen Kristall zurück auf den Tisch. In seiner Bewegung sprach eine ganz eigenartige Ehrerbietung eine Sprache, die wohl niemand verstehen würde. Dann lehnte er sich nach vorn, dem grinsenden Felitas entgegen, und hob den einen Kristall auf Höhe des Spaltes zwischen seinen Tüchern. Genau an seine Schläfe.
      „Jagd?“, wiederholte Devon und dieses Mal hörte man seine gepresste Stimme, als dem Felitas das Grinsen aus dem Gesicht fiel, kaum stellte er fest, dass der potenzielle Kunde vor ihm genau die gleichen Augen hatte wie jene in seinen Kristallen.
      Oh, und wie gern hätte Devon nicht die Erkenntnis in den findigen Augen des Katzenmenschen gesehen.
      Wie gern hätte er es einfach geleugnet, doch der Schaden war bereits angerichtet. Für die nun durchbrechenden Gefühle hatte Devon kein Maß mehr. Alle Enttäuschung und die Wut, die er aus Oratis mitgenommen hatte, waren nichts im Gegensatz zu der abgrundtiefen Abscheu und Zorn, der nun in ihm losbrach. Die Zügel, mit denen er sich am Riemen riss, lösten sich buchstäblich auf und konnten nicht verhindern, was der Jäger als nächstes tun würde.
      Devon schlug mit seinem Unterarm mit solch einer Macht auf den Ausstellertisch, dass die Bretter einbrachen. Gegenstände wurden in die Luft geschleudert, etliche Augenpaare schwirrten durch die Luft und schienen allesamt den Felitas anzuklagen. Die Menschen um sie herum schrien erschrocken auf und stoben auseinander, als Devon mit einem gutturalen Laut die Überreste des Tisches beiseitetrat und nach dem Felitas griff. Dieser wich dem Lacerta immer wieder aus, die Reflexe der Katze waren einfach besser. Immer und immer wieder griff Devon ins Leere, zertrat Artikel unter seinen Stiefeln und warf sich dem Händler praktisch hinterher. Bis er schließlich seine Erfahrung im Kampf ausnutzte und eine Richtung andeutete, nur um mit seinem viel größeren Körper sich in die entgegensetzte Richtung zu beugen. Der Felitas war dem Griff nach seinem Arm nach links ausgewichen, doch als sein Fuß den Boden fand, war Devons Hand schon da. Schraubstockartig legten sich die Finger des Jägers um den Knöchel des Händlers und mit einem kräftigen Ruck riss er ihn von seinen Füßen. Er fauchte, die Leute um sie herum schrien und die ersten Wachen näherten sich, um für Ruhe zu sorgen.
      Nur war Devon fast blind vor Zorn. Auf dem Boden verstreut lagen die Kristalle mit den Augen, mit den winzig, kleinen Augen, und er konnte einfach nicht das Gefühl abschütteln, dass sie auch ihn anklagend ansahen. Wie konnte es soweit kommen? Wieso mussten sie einen solchen Tod sterben? Warum war niemand, warum war Devon nicht dagewesen?
      Der Felitas bäumte sich auf und schlug mit seinen Pfoten nach Devons Gesicht, als sich dieser näherte. Er erwischte den Lacerta, der nicht einmal mit der Wimper zuckte, als das Tuch von seinem Gesicht rutschte und mehr preisgab als üblich. Die tiefen Kratzer über seinen Nasenrücken und die Wange füllten sich mit dunklem Blut und quollen über, doch auch das ließ ihn gänzlich kalt.
      „Wie viele waren es?“, fragte er mit mühsamer Kontrolle in seiner Stimme, damit er nicht in seine Stammessprache abrutschte.
      Der Felitas fauchte und schlug weiter nach ihm. Grob schüttelte Devon den Händler und stellte seine Frage erneut. „Nur die! Es war eine kleine Gruppe!“, schrie der Felitas, während seine zwei Komplizen zum Wagen rannten und ihn zu lösen versuchten.
      Eine kleine Gruppe? Das waren acht Augenpaare gewesen. Acht. Und jedes einzelne war eines zu viel. Die Vorstellung, was diese widerlichen Händler mit ihnen angestellt haben mochten, versetzte Devon das wahre Grauen. Unweigerlich drückte er fester zu und der Felitas begann laut zu kreischen, als der Knöchel dem Druck nicht mehr standhielt und knackend zerbarst.
      „War das alles?“ Er ließ den Felitas fallen und blickte auf ihn herab. Seine Finger zuckten. Wie bei dem Lindwurm verspürte er den Drang, diesen Händler mit bloßen Händen zu erwürgen. Ihn und seine gesamte Truppe. Er würde Rache üben für das, was man den Acht angetan hatte. „Was habt ihr mit dem Rest gemacht, huh?“
      Der Felitas am Boden krümmte sich, schwieg aber weiterhin. Hinter Devon polterte es und er drehte sich um, nur um festzustellen, dass die anderen Beiden den Wagen schon gelöst hatten. Vor Devon wühlten sich gerade schon Soldaten durch das Chaos, weiter hinten blitzte es Blau in der Menge an flüchtenden Menschen.
      Wenn die Händler gedacht hatten, sie kämen fort, hatten sie nicht mit der Schnelligkeit eines Lacertas gerechnet. Devon hechte regelrecht auf den Wagen zu und warf sich ohne weitere Umschweife gegen die hölzerne Seitentür des Wagens. Wieder krachte es, als die Tür nachgab und Devon den Wagen allein mit seinem Schwung und Masse zur Seite umwarf. Die Erde kippte für einen kurzen Moment, als Devon mit dem Wagen zur Seite fiel und es Holzsplitter regnete. Draußen kreischten die Katzenmenschen, aber Devon ließ sich davon nicht ablenken. In dem winzigen Wagen kam er halbwegs auf die Beine und sah sich eilig um. Niemals hatte dieser Abfall von Lebewesen nur die Augen mitgenommen. So weit sinken konnte man doch nicht für ein bisschen extra Gold. Niemals würde man soweit…
      Sein Blick fiel auf eine Kiste. Das Schloss brach er mit einem gezielten Fußtritt auf, um an den Inhalt zu kommen.
      „Steig aus dem Wagen!“, brüllte draußen jemand. „Stell dich friedlich!“
      Devons Finger streckten sich nach dem Deckel aus. Mit einem Ruck klappte er den Deckel zurück und enthüllte eine Rolle Leder, wie es schien. Er runzelte die Stirn, als ihm der Geruch von Gerbstoff in die Nase stieg und er das Gesicht angewidert verzog. Das war noch nicht sonderlich lange gegerbt worden.
      „Wir warnen dich ein letztes Mal! Komm raus oder wir wenden Gewalt an!“
      Fingerspitzen wanderten über die Rolle, die sich als Leder herausstellte. Hellbraunes, fast beigefarbenes Leder. Weich und recht dünn… Er packte das Leder an einer Seite und zog es zu sich. Die Rolle wickelte sich ab, das Leder breitete sich auf dem Boden des Wagens aus und Devon verging schon im nächsten Augenblick jeglicher Atemzug. Er brauchte nur einen einzigen Blick auf das Leder, das nicht von einem Tier stammte. Dafür fehlte dieser Haut das Fell und statt Haaren schmückten zahllose dunkle Linien und kunstvolle Narben die Oberfläche. Als er sie komplett entrollte hatte, lag vor ihm die in seiner Gänze abgezogene Haut eines… eines…
      Devon sackte auf die Knie. Übelkeit stieg ihm siedend heiß auf, verschluckte den Zorn und die Entrüstung. Sein gesamter Körper begann zu beben, als seine Hände wie magisch angezogen über die Haut fuhren und Geschichten aus den Narben lasen, die nur seinem Volk vorbehalten waren. Jemand hatte diese Haut abgezogen, weil sie sich als Schmuck für Sammler verkaufen ließ. Das hier war das Stück, das zu dem einen großen Augenpaar in den Kristallen gehörte.
      Die Felitas hatten sieben Kinder und einen Erwachsenen töten lassen. Sie selbst wären dazu niemals im Stande gewesen.
      Devons vor Schock geweitete Augen fielen auf die Hautpartie, die auf der Höhe des rechten Schlüsselbeines gewesen war. Dort war ein sonderbares Zeichen mit schwarzer Tinte gestochen worden, eine Art Speer mit vielen kleinen drum herum und Verzierungen.
      Jenen Verzierungen, die er einst selbst bei seinem besten Freund gestochen hatte.
      In diesem Moment zerbrach irgendetwas Tiefliegendes in Devons Innerem. Er hörte es splittern, fühlte die Millionen Stiche. Als würde er einen Teil von sich selbst verlieren. Es rann ihm durch die Finger wie Wasser, dieser Teil von ihm selbst, der auf Menschlichkeit beruhte. Er spürte, wie ihm brennend heiß im Gesicht wurde. Seine sonst so scharfen Augen wurden verschwommen und Hitze rann über seine Wangen, als er blinzelte. Für einen Moment verließ ihn alle Kraft, sämtliche Sinne bis auf diesen unendlichen Schmerz, der sich tonnenschwer auf ihn legte. Vor ihm, unter seinen Händen, hatte er die sterblichen Überreste seines besten Freundes aus Tel’Aquera. Sieben Kinder waren in seinem Schutz gewesen, als man sie angegriffen hatte. Acht Lacerta waren getötet worden wegen ihrer Augen und der Haut.
      „Du hast es so gewollt!“, tönte es von draußen und dann erschien ein Soldat im Rahmen des Wagens, genau in Devons Rücken.

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      Bewohner von Touvanen sowie Reisende und Händler bildeten in weitem Abstand einen Kreis um das Geschehen, das sich am ehemaligen Stand der Felicitas ereignet hatte. Fünf Soldaten standen um den Wagen herum, einer von ihnen direkt im Rahmen des Wagens. Man wollte den Mann herausholen, der hier solch ein Chaos veranstaltet hatte.
      „Du hast es so gewollt!“, tönte der Mann, doch schon einen Augenblick später flog er rücklings durch die Luft und krachte in die Trümmer des Standes. Dort blieb er benommen liegen. Die umstehenden Soldaten machten ihre Speere bereit, als sich eine Gestalt aus dem Wagen schälte. Devon entstieg dem Wagen, an seine Brust gedrückt hielt er eine Rolle, die aussah wie Leder. Als die Männer sein Gesicht und Größe erkannten, zuckten einige von ihnen leicht zurück. Ein Raunen ging durch die Menge, als man ihn als Lacerta identifizierte. Dabei kümmerte sich niemand um die Spuren, die sich über seine Wangen zogen und rostige Schlieren von den Kratzern in seinem Gesicht zu seinem Kinn zogen. In diesem Gesicht lag nichts menschliches mehr, es war bar von vergleichbaren Zügen. Alles, was man in dem verzerrten Gesicht lesen konnte, war ein nicht nachzuvollziehender Verlust und ein Zorn, die eher an manische Wildheit grenzte.
      Und dann ging Devon ohne Vorwarnung auf alles los, was sich bewegte.
      Der Lacerta war nur noch ein Tier, wie er durch die Soldaten pflügte und sie einfach zu den Seiten warf. Dabei hielt er konsequent an der Rolle fest, an die er auch niemanden heranließ. Nichts und niemand würde diesen unbezahlbaren Schatz auch nur berühren. Stattdessen schrie Devon das erste Mal in seiner Zeit seines Exils aus tiefstem Herzen und voller Pein, während er Menschen und Gegenstände einerlei aus seinem Blickfeld fegte. Mit Tritten und seiner rechten Hand zerschlug er Holzbalken, Tische, zustechende Speere, Rüstungen. Nichts gab es mehr, was Halt vor diesem Ungetüm machte und die geifernden Zuschauer realisierten, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte.
      Von der Eleganz, mit der Devon üblicherweise kämpfte, war nichts mehr übriggeblieben. Er war so roh wie noch nie in seinem Leben zuvor, als ihn Speere streiften und seine Kleidung zerrissen. Immer mehr von ihm wurde freigelegt, doch er reagierte nicht darauf. In seinen Schreien, die eher ein Wehklagen sein mussten, lag eine Gewalt, die nicht greifbar war.
      Mittlerweile waren auch zwei Kreuzritter des Einen hinzugestoßen und drängten die Soldaten ab. Mit ihren gezückten Schwertern hatten sie bei Devon leichtes Spiel, seine Lederrüstung zu durchtrennen und Fleisch zu zerschneiden. In den wilden Bewegungen, in denen Devon nach den Rittern schlug und trat, versprühte er sein rotes Blut über den Boden, über die Trümmer, über die Ritter. Aber sein Kampf ebbte nicht ab. Stattdessen schien er nur noch wilder zu werden und immer mehr Soldaten versammelten sich mit gezückten Speeren in dem Versuch, diesem Ungetüm Einhalt zu gebieten. Dabei entdeckte Devon den Händler, der noch immer am Boden lag, und warf sich regelrecht auf ihn. Mit seiner rechten Hand packte er den Mann an der Kehle und drückte zu. Mit geweiteten Augen sah er dabei zu, wie der Felitas um Luft kämpfte und langsam und qualvoll erstickte. Dass die umstehenden Soldaten dabei weiter auf Devon einhackten schien ihn nicht zu stören. Immer weiter drückte er zu, immer größer wurden die Augen des Händlers und sein Gesicht lief blau an. Selbst als er das Bewusstsein verlor, drückte Devon noch weiter zu. Er musste sichergehen, dass dieser Mann von der Erdoberfläche für immer verschwunden war.
      Es vergingen grausige Minuten, in denen immer klarer wurde, dass Devon die Kraft verließ. Etliche Soldaten hatte er aus dem Weg geräumt, aber die Ritter waren dank ihrer Plattenrüstung unbeschadet geblieben. Mittlerweile steckten einige Speere in Devons Körper und ragten in grotesken Winkeln aus ihrem heraus. Er ließ seinen Rücken ungedeckt, wann immer er nach vorn auf einen Kämpfer losging. Jedes Mal fing er sich dabei einen neuen Speer ein und schließlich wurde er langsamer. Immer langsamer, bis er schließlich in die Knie ging und man ihm einen weiteren Speer in den Rücken jagte. Er ächzte nicht einmal, sondern hielt noch immer die Rolle fest an sich gedrückt, während das Blut über seine Haut und Schuppen lief, die nun für alle Zuschauer sichtbar waren.
      Endlich hatte Devon aufgegeben. Er konnte nicht mehr. Er wollte nicht mehr. Wofür hatte er all die Jahre gekämpft, nur um am Ende die Haut seines Freundes in den Armen zu halten? Wieso schützte er andere Kinder, wenn er die seines Stammes nicht retten konnte? Wieso setzte er sich all diesen Blicken aus, wenn er sein Ende doch viel eher selbst hätte wählen können?
      Die Wut erlosch. Die Trauer verließ ihn. Alles, was er fühlte, schien sich gerade aus ihm zu lösen und von der Sonne weggebrannt zu werden. Was übrig blieb war eine angenehme Leere in seinem Herzen und seinem Kopf. Mehr als das hatte er doch nie gewollt. War das zu viel gewollt?
      Drei Soldaten stellten sich an Devons Seite auf, dessen Kopf nach vorn auf die Brust gesackt war. Sie hoben ihre Speere an in der eindeutigen Absicht, diesem Ungetüm ein Ende zu setzen. Schließlich war das Monster für einige Tode und Chaos verantwortlich.
      „Stopp!“
      Die Männer hielten ein und drehten sich zu einem Blaumantel um, der mit weiten Schritten näherkam. Auf seinem Kopf wippte eine prächtige Helmzier – ein Mitglied eines höheren Ranges. „Nicht töten. Wir führen ihn ab. Nach ihm wird höchstpersönlich vom Epsisimos gefahndet. Wir sichern ihn.“
      Damit bedeutete er den beiden Kreuzrittern zu übernehmen. Sie salutierten und schoben die Soldaten fort, um Devon an den Oberarmen zu packen. Dabei verlor er die Rolle an seiner Brust, als ihm die Kraft fehlte, sie weiter an sich zu pressen. Ohne Widerwehr ließ er sich an den Armen rückwärts über den harten Boden schleifen, weg vom Ort des Geschehens. Dabei hinterließ er eine leuchtende Spur aus Blut, die im starken Kontrast zum Blau der Kreuzritter stand.
      Der Oberritter bückte sich nach der Rolle und steckte sie unter seinem Mantel weg. Anschließend bedeutete er den Soldaten, sich hier um das Chaos zu kümmern und die Menge aufzulösen. Schließlich habe er nun Wichtigeres zu tun. Dann folgte er der Blutspur, wobei er tunlichst darauf achtete, nicht mit seinen glänzenden Stiefeln in sie hinein zu treten.

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      Man brachte Devon in das unterirdische Verließ des ehemaligen Haupthauses. Um sicherzugehen, dass er nicht ausbrach oder eine Gefahr darstellte, legte man ihm Ketten an. Schwere Eisenglieder schlossen sich um seine Knöchel und hielten ihn nah an der Wand. Seine Oberarme bekamen ebenfalls Schellen, die an der Wand oberhalb seines Kopfes befestigt waren. Damit er sich jedoch nie ganz aufrichten konnte, verpasste man ihm noch ein eisernes Halsband, welches mit einer Kette am Boden zwischen seinen Beinen gesichert worden war.
      Und so ließ man Devon einfach im Halbdunkel des Verlieses hängen, seiner Klinge und Ausrüstung beraubt. Man kümmerte sich nicht um seine Wunden oder um seinen Zustand. Man überließ ihn einfach sich selbst und sah zu, ob er sich fangen würde. Oder bis der Oberritter Zeit für ihn erübrigen konnte.
      Nichts davon spielte für Devon eine Rolle. Er war im Delirium, nur noch halb bewusst, und spürte die Ketten, die in sein Fleisch schnitten, nahezu nicht mehr. Er war vollkommen abgestumpft, taub und kalt. Das erste Zeichen seiner Kultur waren tote Kinder und die Überreste seines besten Freundes. Wäre er doch nur in Oratis geblieben und hätte weiter in der Fata Morgana gelebt, die Tava und Malleus um ihn herum aufgebaut hatten. Sein Leben hätte anders aussehen können und er hätte nie von diesem Verlust erfahren. Er würde nicht in einem Verließ auf seine Exekution warten und er hätte nicht so viel Blut an seinen Händen gehabt. Wo war in diesem Schicksal der Sinn? Wie grausam mussten die drei großen Jäger sein, ihm so ein Ende zuzuführen? War es wirklich so schlimm gewesen, ein übergeordnetes Ziel für seinen Stamm, seine eigene Existenz, zu finden? Hatte das die drei Jäger dermaßen verstimmt, dass sie ihn auf diese Art und Weise richteten?
      Welch Ironie es am Ende doch war.
      Er hatte Malleus gewünscht, dass ihn die drei Jäger richten mögen.
      Nur um am Ende selbst gerichtet zu werden.
    • "Tava, nicht", warnte Malleus beunruhigt und blockierte den Weg der Cervidia mit seinem Arm.
      Auf das Unverständnis in ihrem Blick und die Verzweiflung darüber, warum er sie so kurz vor dem Ziel zurückhielt, konnte er keine Rücksicht nehmen. Etwas stimmte nicht. Die Menge war schon bei ihrer Ankunft unruhig gewesen, doch nun bahnte sich langsam das gesamte Ausmaß der Katastrophe an. Malleus wusste eine Menschenmenge zu lesen und wenn das beherzte Fauchen aus der Ferne und das Krachen von splitterndem Holz nicht Anzeichen genug waren, dann waren es spätestens die ersten Marktbesucher, die eilig vom Schauplatz des Geschehens flüchteten und dabei Worte wie verrückt und Monster in den Mund nahmen. Er bedeutete Tava ihm still zu folgen, während er sich mit angespannten Schultern durch die davoneilenden Menschen schob. Eine geschützte Deckung fand er hinter dem Markkarren eines Tuchhändlers, dessen aufgespannte Ware sanft im Wind wog und ihre Anwesenheit ausreichend verschleierte ohne ihnen vollständig die Sicht zu nehmen.
      Als die aufgeregte Menge sich soweit lichtete, dass Malleus und Tava endlich einen freien Blick auf den zerstörten Marktstand des Felitas werfen konnte, war Devon bereits aus ihrem Blickfeld verschwunden. Sichtlich irritiert nahm Malleus den winselnden Felitas in Augenschein, ließ seinen Blick über die bewaffneten Soldaten gleiten. Ein abfälliges Zischen löste sich aus seiner Kehle, als er zwischen all den bedrohlichen Speeren und glänzenden Rüstungen den vertrauten Anblick blaugefärbter Mäntel entdeckte. Malleus griff sich geschwind in den Nacken und zog die dünne, dunkelgraue Kapuze seines unscheinbaren Reiseumhangs tief in sein Gesicht. Vermutlich war es anmaßend zu glauben, dass jeder Blaumantel sein Gesicht erkannte, aber Vorsicht war in diesem Fall besser als Nachsicht.
      "Blaumäntel...", murmelte. "Was beim großen Drachen suchen Blaumäntel in Touvanen? Kannst du Devon irgendwo entdecken? War es wirklich Devon? Bist du dir sicher?"
      Ein lautstarkes Scheppern und weitere erschrockene Aufschreie spalteten die Menge und gaben kurz den Blick auf einen zerstörten Karren frei, um den sich eine Scharr fauchender Felitas tummelte. Vier Soldaten wichen vor der hochgewachsenen Gestalt zurück während wohl das fünfte Mitglied ihrer Einheit in einem benachbarten Stand lag und kaum mehr fertig brachte als ein armseliges Zucken. Malleus folgte den Schleifspuren auf dem Boden und betete, dass er nicht in Devons Gesicht sehen würde, sobald er den Blick anhob. Den Wunsch erfüllten ihm weder der große Feuerdrache noch alle existieren Götter dieser Welt. Alles Menschliche war aus den vertrauten Gesichtszügen verschwunden. Malleus erkannte Wut, natürlich, aber auch eine allumfassende Trauer, die nur ein schwerwiegender Verlust mit sich brachte. Was Devon auch in die Rage versetzte, es war unwiederbringlich verloren. Der Lacerta drückte etwas gegen seine Brust, dass Malleus nicht erkennen konnte und seine Gedanken fanden eh ein jähes Ende, als sich Devon wie eine tollwütige Bestie auf alles stürzte, dass sich bewegte. Da war keine Differenzierung zwischen potenzieller Gefahr, Schaulustigen oder bewaffneten Männern. Blinde Wut führte den Mann und die Brutalität weckte sogar in Malleus einen respektvollen und angebrachten Funken der Furcht. Der Ausbruch im Heiligtum war nichts im Vergleich zu dieser Zerstörungswut.
      Aber das Schlimmste war der markerschütternde Schrei.
      Es war ein Reflex, als seine Hand hervorschoss und Tava am Oberarm packte, bevor sie überhaupt daran denken konnte, sich doch noch zu bewegen. Die Ohnmacht purer Hilflosigkeit spiegelte sich nicht nur im Gesicht der Cervidia wieder, Malleus' Augen funkelten zornig im Schatten seiner Kapuze. Behutsam aber mit Nachdruck glitt seine Hand an Tavas Arm herab, bis er ihre Finger umschließen konnte. Die Konturen ihres Ringes drückten sich dabei in seine Handfläche, doch sein Blick verweilte ungebrochen auf Devon. Er zwang sie zusehen, wie die blutigen Schnitten preisgaben, was nicht für andere Augen bestimmt waren. Er zwang sich hinzusehen, wie Speer um Speer den Leib des Lacerta spickte und er dennoch einfach nicht aufgab.
      Malleus hatte Menschen bei lebendigem Leib zu glühenden Kohlen verbrennen sehen bis nichts mehr von ihnen übrig gewesen war als Asche und Knochen. Doch Zeuge zu sein wie Devon langsam die Kräfte verließen, der Blutverlust und die unzähligen Speere in seinem Körper ihren Tribut forderten, war kaum zu ertragen.
      Nicht so, dachte Malleus, so sollte es nicht sein. So sollte es nicht enden. Es musste doch irgendetwas geben...
      Mit eisernem Griff hielt er Tava zurück. Er würde sie davon zerren, wenn es sein musste. Er konnte sie nicht auch noch verlieren...
      Nicht so.
      Nicht jetzt.
      "Stopp!"
      Malleus' Kopf fuhr herum.
      Ein Blaumantel, hochrangig noch dazu. Ein Wort genügte um die tödlichen Speerstöße zu unterbinden und die aufgebrachte Menge zu beruhigen. Malleus atmete auf. Die Welle der Erleichterung, die über ihn hinweg spülte, machte ihn beinahe schwindelig. Devon hatte eine Schonfrist bekommen, doch dem Schwindel folgte bittere Realität im Angesicht der Kreuzritter.
      „Nicht töten. Wir führen ihn ab. Nach ihm wird höchstpersönlich vom Epsisimos gefahndet. Wir sichern ihn.“
      Malleus stieß ein abfälliges Zischen aus.
      Mit Argusaugen beobachtete er wie sich die Szenerie auflöste und wie der Hauptmann der Blaumäntel, den Gegenstand - es sah beinahe aus wie eine Pergamentrolle -, den Devon mit seinem Leben verteidigt hatte in seinem Besitz verschwinden ließ. Die Blaumäntel und der Epsisimos wären nicht an Devon interessiert, hätte er den Mann nicht nach Oratis gebracht. Andererseits rettete diese unglückliche Umstand dem Lacerta fürs erste das Leben. Nur...welches Interesse hatte der alte Epsisimos an ihm?
      "Es gibt nichts, dass wir gerade für ihn tun können, Tava. Er lebt. Das muss uns für den Moment genug sein", flüsterte er und würgte die Silben mühselig hervor. Er würde nichts lieber tun, als Tava die Freiheit zu gewähren, den gesamten Markplatz in Flammen aufgehen zu lassen. "Wir sind ihm keine Hilfe, wenn wir uns jetzt gefangenen nehmen lassen, weil wir uns blind hineinstürzen. Heute Nacht...Wir warten bis heute Nacht, keine Stunde länger."
      Er sah dem wehenden, blauen Mantel nach, der ihm die Sicht auf Devons blutigen Rücken versperrte.
      "Sie werden dafür bezahlen, Tava."

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tavas Aufregung verwandelte sich in schlimme Ungeduld, als Malleus sie davon abhielt, direkt auf Devon zuzulaufen. Warum? Hatte er ihn etwa nicht gesehen? Er war doch direkt da vorne, am anderen Ende des Platzes, so nahe. Wenn sie jetzt nicht schnell waren, würden sie ihn vielleicht wieder verlieren und müssten die Stadt nach ihm absuchen!
      Aber Malleus' Ernsthaftigkeit hielt sie davon ab, sich gegen seinen Willen zu stellen. Devon verschwand und mit einem Geräusch der Ungeduld fixierte Tava den Punkt, wo sie ihn zuletzt gesehen hatte. Sie würde diese Richtung, nicht vergessen. Sie würde es nicht vergessen.
      Malleus setzte sich in Bewegung und Tava folgte ihm dichtauf. Die Menschen um sie herum schienen unruhig und drängten und schubsten, was Tava wiederum dazu veranlasste, ihre Hörner zu senken. Ein ganz leichter Sog schien auf sie einzuwirken und sie von der Mitte des Marktes wegzutragen, wie eine Anziehung von außerhalb, die auch alle anderen zu ergreifen schien. Normalerweise hätte Tava sich dem auch hingegeben, wenn es nicht um Feuer ging, da sie nicht zwingend konfliktfreudig war, aber der Gedanke von Devon hielt sie davon ab. Sie hatte ihn gesehen, sie wollte ihn auch erreichen. Sie pflügte sich durch die Menge, alles andere um sich herum ausblendend. Devon war für sie im Moment das wichtigste. Er übte eine größere Anziehung auf sie aus, wie ein Leuchtfeuer in der Nacht.
      Sie fanden einen Tuchkarren, den sie als einsame Insel gegen den Trubel nutzen konnten und hinter den sie sich kauerten. Tava ließ sich kurz von den Möglichkeiten dieser unbewachten Stoffe ablenken, als Malleus ein abfälliges Zischen von sich gab. Sofort sah sie wieder auf und sah sich erneut nach Devon um, erfolglos. Etwas anderes hatte Malleus' Aufmerksamkeit erregt.
      "Blaumäntel..."
      Jetzt sah Tava sie auch, die Gestalten in Blau, die überall in der Menge zugegen zu sein schienen. Ein Blick zu Malleus zeigte ihr, dass auch er nicht damit gerechnet hatte, als er sich die Kapuze ins Gesicht zog. Sollten Blaumäntel hier anwesend sein? War das als ein schlechtes Zeichen zu werten?
      "Was beim großen Drachen suchen Blaumäntel in Touvanen? Kannst du Devon irgendwo entdecken?"
      Sie schüttelte den Kopf. Dabei durchsuchte sie die Menge mit dem scharfen Blick einer Pyromanin, die sich nach etwas Brennstoff umsah. Wenn er noch hier gewesen wäre, wäre er ihr nicht entgangen.
      "War es wirklich Devon? Bist du dir sicher?"
      "Ja doch", gab sie ungeduldig zurück. Die Unruhe der Masse steckte mittlerweile auch sie an. "Ich erkenne doch Devon, wenn ich ihn sehe. Das war er, ganz sicher. Ganz, ganz sicher."
      So sicher war sie sich in Wahrheit gar nicht, aber das wollte sie nicht offen zugeben. Malleus vertraute ihr und sie würde ihn nicht enttäuschen.
      Ein lautes, hörbares Knallen ließ sie beide zusammenzucken, während zeitgleich die Menge auseinanderstob. Leute schrien, Soldaten hatten ihre Speere gezückt. Ein gekenterter Wagen lag auf der Seite - Holz, Eiche, alt - und bildete mit einem Mal das Zentrum ihrer aller Aufmerksamkeit. So auch Tavas. Damit konnte sie beobachten, wie er dem Inneren entstieg.
      Sein Schal war verschwunden und die Haut in seinem Gesicht war zerkratzt. Seine Haare waren zerrauft und die Schlitze in seinen Augen waren so dünn, dass sie kaum mehr sichtbar waren. An seiner Brust umklammerte er eine Lederrolle, seine andere Hand war zur Faust geballt. Helle Striemen zogen von seinen Augen seine Wangen hinab wie eine grausige Kriegsbemalung. Sämtliche Muskeln in seinem Gesicht waren zu einer einzigen Maske verzerrt.
      Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und das alleine war schon genug, um Angst im tiefsten Unterbewusstsein auszulösen. Eine Spezies, die sich vor der Welt versteckte und in ihren Schatten lebte, richtete sich nicht einfach so zu ihrer vollen Größe auf. Es war genug, um die sowieso schon völlig verängstigten Menschen gänzlich durchdrehen zu lassen.
      Und dann griff er auch noch an.
      Tavas Herz hatte vor Aufregung zu rasen begonnen, als sie ihren Freund erblickt hatte, und sie hatte ungewollt nach Malleus' Arm gegriffen, um ihn daran teilhaben zu lassen. Sie hatten ihn gefunden. Sie hatten ihn wirklich gefunden! Aber ihre Begeisterung wandelte sich so schnell in Entsetzen um, dass es ihr kalt durch den ganzen Körper lief. Es war zwar Devon, ja, aber es sah nicht mehr aus wie Devon. Stattdessen sah sie eine Maske an ihm, die sie völlig entsetzte. Sie hatte mitbekommen, wie Devon aussah, wenn er entspannt war und auch, wie er aussah, wenn er in den Kampf mit Drachen trat. Aber das hier war so viele Welten von dem ihr bekannten Devon entfernt, dass es ihr Grauen bereitete. So sollte er nicht aussehen. Ihr rasendes Herz sprang entzwei, als ihr klar wurde, dass etwas ihn dazu gebracht hatte, so rohe Gefühle zum Ausdruck zu bringen.
      Und dann schrie er auch noch, als er sich auf die bewaffneten Männer stürzte, und der Schrei drang Tava bis ins Knochenmark. Am liebsten hätte sie sich die Hände auf die Ohren geschlagen. Es war das fürchterlichste Geräusch, das sie jemals von einem Lebewesen gehört hatte.
      Unfähig sich zu rühren, starrte sie wie gebannt auf das grausame Gemetzel, das sich vor ihren Augen entfaltete. Es floss nicht viel Blut, doch es war ein Gemetzel, so wie Devon ohne jede Form und Verstand auf die uniformierten Männer einprügelte. Tava hatte ihn kämpfen gesehen und sie hatte seine offensichtliche Expertise gesehen, mit der er eine Waffe schwang, doch so, wie auch die Grimasse Welten von dem ihr bekannten Devon entfernt war, war es auch der Kampfstil, den er jetzt zu Tage förderte. Keine Waffe konnte ihn bremsen, kein Angriff ihn aufhalten, Devon warf sich ihnen mit einer selbstzerstörerischen Wut entgegen, die tief in Tavas Innerem schmerzte. Jedes Mal, wenn eine Speerspitze ihn streifte, zuckte sie zusammen. Jedes Mal, wenn er getroffen wurde, verkrampfte sie sich mehr. Und natürlich wurde es immer mehr als immer weniger, denn Devon war letzten Endes auch nur sterblich und seine Kraft endlich. Er wurde langsamer, während sich seine Widersacher immer weiter vermehrten.
      "Wir müssen ihm helfen!"
      Tava war jetzt schon soweit, sich selbst ins Getümmel stürzen zu wollen. Sie trug ihren Gürtel und dort hatte sie, wie immer, einen Sack Schwarzpulver, und vor ihrem geistigen Auge sah sie schon den ganzen Marktplatz in Flammen aufgehen. Sie hätte alles gemacht, um Devon zu helfen, hätte sich sogar mit Hörnern und Händen vorgekämpft, wenn das nur etwas gebracht hätte.
      Aber Malleus rührte sich nicht. Er reagierte nicht.
      Sie wirbelte zu ihm herum.
      "Malleus! Wir müssen ihm helfen!"
      Ein weiterer Speer drang durch Devons Körper. Der große Mann ging schließlich in die Knie und es war wohl der schlimmste Anblick, den Tava jemals hatte ertragen müssen.
      Sie packte Malleus am Arm.
      "Malleus!"
      "Stopp!"
      Der Ruf ließ sie beide herumfahren. Tava spürte Tränen aufsteigen, als sie über die kauernde Gestalt von Devon hinwegsah, um dem Neuankömmling entgegen zu blicken. Auch ein Blaumantel. Sie griff nach ihrem Gürtel.
      „Nicht töten. Wir führen ihn ab. Nach ihm wird höchstpersönlich vom Epsisimos gefahndet. Wir sichern ihn.“
      Sichern? Sichern?! Tava hätte am liebsten geschrien. Sie hätte am liebsten diesem Kerl, dem jetzt alle ihre Aufmerksamkeit schenkten, höchstpersönlich eine Ladung Schwarzpulver in den Mund gestopft und angezündet. Sie hätte am liebsten seine Kleidung in Flammen aufgehen lassen, jede einzelne Faser, damit jeder einzelne seiner Nerven darunter zu leiden hatte. Sie hätte ihn am liebsten Kopf voran in einen brennenden Scheiterhaufen geworfen.
      Aber Malleus hielt sie auf. Malleus stoppte alle ihre Ideen, ihre Träume, und zwang sie dazu, sitzen zu bleiben und ruhig zu sein, während die Soldaten Devon an den Oberarmen packten. Er wehrte sich nicht mehr. Sein ganzer Kampfeswille schien mit dem Blut aus seinem Körper geflossen zu sein und jetzt hing er nur noch schlaff in ihren Armen, während sie ihn wegzogen. Nicht mehr, als eine Puppe. Nicht mehr, als eine Leiche.
      Tava fühlte sich von der Hilflosigkeit erschlagen, die sich über sie legte. Ihre Augen tränten wieder und sie konnte es kaum aushalten, während sie Devon vom Platz schleiften. Seine große Gestalt verschwand und das Leuchtfeuer, das von ihm für sie übrig geblieben war, war wie ein riesiges Denkmal. Tava wollte nicht, dass es so war. Sie hatten ihn doch gerade erst gefunden!!
      "Es gibt nichts, dass wir gerade für ihn tun können, Tava. Er lebt. Das muss uns für den Moment genug sein", flüsterte Malleus neben ihr. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass sie zu weinen angefangen hatte, aber jetzt schniefte sie erbärmlich. Malleus hörte sich nicht so überzeugt an wie sonst und das beruhigte sie kein bisschen.
      "Wir sind ihm keine Hilfe, wenn wir uns jetzt gefangenen nehmen lassen, weil wir uns blind hineinstürzen. Heute Nacht...Wir warten bis heute Nacht, keine Stunde länger."
      Verstört nickte sie nur. Heute Nacht, ja, heute Nacht. Heute Nacht war gut. Oder? Das war gut.
      "Sie werden dafür bezahlen, Tava."
      "Das werden sie", stimmte sie mit vollster Überzeugung zu.

      Nachdem der ganze Trubel verschwunden war, kamen noch mehr Uniformierte heran, um Ordnung in das hergestellte Chaos zu bringen. Malleus und Tava mussten sich zurückziehen, wenn sie nicht die Aufmerksamkeit der Soldaten erhaschen wollten, und verließen daher den Marktplatz. Tava bestand darauf, dass sie die Richtung nehmen sollten, wohin man Devon gebracht hatte und herausfinden sollten, wo man ihn hinschleifte, aber Malleus war dagegen. Es würde ihnen nichts bringen, jetzt dort aufzutauchen und ihnen die Gelegenheit zu geben, sich ihre Gesichter zu merken. Sie mussten jetzt unaufällig sein und sie mussten sich genau überlegen, wie sie Devon dort herausholen sollten. Alles andere würde nur in einer Katastrophe enden.
      Sie nahmen sich ein Zimmer in einem nahegelegenen Gasthaus und zogen sich dorthin zurück, um ihre Gedanken zu sammeln. Tava hatte sich mittlerweile wieder soweit beruhigt, dass ihre Wut wieder aufschäumen und in voller Gewalt aus ihr herausbrechen konnte. Sie ließ ihren Ring klacken, auf und wieder zu, auf und wieder zu, und stürmte dabei durchs Zimmer. Die Vorhänge gerieten schon gefährlich in ihr Visier.
      "Wir werden es abbrennen, das ganze Gebäude abbrennen! Alles davon! Wir werden es explodieren lassen und dann hol ich Devon da raus! Ich geh da rein und hol ihn raus! Sollen sie doch nur versuchen, mich abzuhalten, ich werde sie alle abfackeln lassen! Alle! Ich werde ganz Touvanen in Flammen aufgehen lassen, wenn sie auch nur versuchen, mich aufzuhalten! Wir brennen es nieder!"
    • Die Warterei entwickelte sich zu einer belastenden Geduldsprobe. Für Tava war es die reinste Hölle. Die Cervidia kam nicht zur Ruhe und stampfte aufgebracht durch das kleine Zimmer, dass sie angemietet hatten. Malleus stützte das Kinn auf seine gefalteten Hände während er seinen Wut damit bewältigte gedanklich alle ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu überdenken. Seine Gesichtszüge waren zu einer unbewegten und kalkulierenden Maske erstarrt. Hin und wieder zog er die Augenbrauen grimmig zusammen, wenn er wieder im Stillen einen Ansatz verwarf, der ihnen allen möglicherweise den Kopf kostete. Egal aus welchem Blickwinkel er ihre Lage betrachtete, wie Malleus es auch drehte und wendete, ließ das Risiko nie vollständig ausschließen. Nicht bei der wenigen Zeit, die ihnen blieb. Sie konnten es sich nicht leisten über Tage einen ausgeklügelten Plan zu schmieden, nur damit Malleus' Verstand endlich Ruhe gab. Das stetige und energische Klicken von Tavas heißgeliebten Ring wurde für Malleus zu einem Symbol der Dringlichkeit und Ungeduld. Es malträtierte seine Nerven und seine Konzentration und gerade fiel es ihm schwer, Tava nicht scharf zurechtzuweisen, dass sie endlich stehen bleiben und ruhig sein sollte. Er konnte so nicht denken.
      "Wie willst du ihn herausholen, wenn er unter Trümmern verschüttet ist, Tava?", bohrte er angespannt von seiner Position auf dem schmalen Bett nach. "Bei Adrastus. Setz dich hin."
      Malleus klopfte neben sich auf das schmale Bett und tolerierte in diesem Moment keinerlei Einspruch. Trotz der Impulsivität seiner Worte schenkte er Tava einen versöhnlichen Blick. Er hoffte, dass sie unter der Anspannung dieselbe Wut entdeckte, von der auch die Cervidia angetrieben wurde.
      "Ich muss nachdenken...", schob er sanfter hinterher. "Es sind zu viele Unbekannte, Tava. Wie viele Soldaten bewachen ihn? Wie viele bewaffnete Männer sind in diesem Haus stationiert? Gibt es mehrere Ein- und Ausgänge? Sind alle bewacht? Wir wissen praktisch nichts über diesen Ort, an dem sie Devon festhalten. Das macht es mehr als nur gefährlich, das ist lebensmüde, Tava."
      Ein Zucken ging durch seine Schultern, als er begriff, wie sich seine Worte anhörten.
      "Wir werden ihn nicht zurücklassen, aber wir müssen mit Bedacht vorgehen."

      ________________________________________________________

      Die Abenddämmerung legte sich über Touvanen und läutete damit den Beginn einer verzweifelten Rettungsmission ein. Malleus hatte alle seine Mittel ausgeschöpft. Die vergangenen Stunden hatte er damit verbracht, so viele Eventualitäten wie möglich auszuschließen.
      Ein redseliger Lebensmittelhändler, der zum Abend hin seinen Ware zurück auf einen Karren lud, hatte sich als sehr redselig erwiesen. Es war ihm eine unheimliche Freude gewesen über die Gerüchte in Touvanen zu plaudern. Malleus hatte das Geschwätz mit gespielt interessierter Miene ertragen, weil der Mann am Anfang des Gespräches erwähnt hatte, dass er die Küche des Herrschaftshauses mit Getreide und Feldfrüchten belieferte. Am Ende der lästigen Plauderei wusste Malleus, dass es nur einen zentralen Eingang, durch den die Versorgungskarren, Bittsteller und Soldaten ein und aus gingen.
      In dem kleinen Gasthaus hatte Malleus zu späterer Stunde einen der Soldaten ausmachen können, der das zweifelhafte Vergnügen besessen hatte, Devon persönlich begegnet zu sein. Sein Arm steckte in einer strammen Schlinge, die um seinen Hals befestigt war. Angesichts der heftigen Schmerzen hatte er sich nicht sonderlich dagegen gesträubt, als Malleus ihm einen Krug nach dem anderen spendiert hatte. Der hochprozentige Alkohol - und vielleicht auch die unscheinbare, klare Substanz, die er dem Soldaten heimlich in die Krüge träufelte - lockerten seine Zunge erfreulich schnell. Der verwundete Soldat, ein Jungspund und noch grün hinter den Ohren, beschwerte sich unverblümt über den eitlen Gockel mit seinem lächerlichen Helmchen, der sich mit seinem Haufen selbstverliebter Blechkasper, im Herrschaftshaus eingenistet hatte und sich aufspielte als gehörte Touvanen den Kreuzrittern. Insgesamt ein Dutzend der Blaumäntel und eine Handvoll Akolythen hielten sich in Touvanen auf. Die Redseligkeit des Soldaten hatte längst sämtliche Hemmungen verloren. Nachdem der Kopf des Soldaten leblos auf den Tisch gesunken war, wusste Malleus wie viele Menschen sich in dem Gebäude gewöhnlich aufhielte, dass der Hauptmann sich dazu erdreistet hatte eines der besten Zimmer im Obergeschoss zu wählen und dass Devon im Kellergeschoss im einem verzweigten Labyrinth aus Gängen und Zellen eingesperrt war. Der Soldat würde sich kaum an das Gespräch erinnern, falls er aufwachte. Malleus musste gestehen, dass die Ungeduld ihn dazu veranlasst hatte, etwas zu großzügig mit dem Mittelchen umgegangen zu sein.
      Malleus riss sich selbst aus seinen Gedanken und warf einen Blick zu Tava.
      Die Cervidia spähte ebenso wie er um die Ecke aus ihrem kleinen Versteck hinter einer der Hauswände, verborgen im Schatten und vor dem Lichtschein der Fackeln auf dem Weg geschützt. Ihre Miene zeigte wilde Entschlossenheit und hoffte, dass sie mit ihrem großen Feuerwerk wartete, bis sie Devon gefunden hatten. Die Ungeduld war ihr anzusehen.
      "Noch nicht...", murmelte er beschwichtigend und nickte dann in Richtung des Haupttoren, an dem zwei Soldaten mit gelangweilten Mienen ihren Dienst verrichteten. "Schau, unserer Unterstützung ist angekommen."
      Ein Frau näherte sich den zwei Soldaten. Sie trug die Kleidung einer Dienstmagd, doch die tiefrote Farbe auf ihren Lippen und die Kohle um ihre Augen schrie geradezu nach Dirne. Eine überzeugendere Darstellerin hatte er in der kurzen Zeit nicht auftreiben können, doch für genügend Münzen hatte sich die Dame ohne weitere Fragen auf den Handel eingelassen. Für sie war es leicht verdientes Geld und verschaffte ihr eine ruhige Nacht befreit von aufdringlicher Kundschaft. Aus der Distanz beobachtete Malleus wie die Männer seinen Köder schluckten und beim Anblick der für eine Magd unerhört weitaufgeknöpften Bluse über jegliche Ungereimtheit hinwegsahen. Die vermeintliche Magd brauchte nur wenige Minuten um einen der Soldaten dazu zu überreden seinen Posten zu verlassen und drückte dem vorerst verschmähten zweiten Mann versöhnlich eine Schnapsphiole in die Hand. Natürlich mit dem Versprechen für ihn zurückzukommen. Dankbar klopfte der glückliche Auserwählte seinem Partner auf die Schulter, der mit einem bellenden Lachen den Inhalt der Phiole herunterkippte. Malleus konnte nicht hören, worüber sie sprachen, aber offenbar waren sie sich schnell einig geworden.
      Malleus nutzte die verbliebene Zeit um den Sitz seiner Ausrüstung zu kontrollieren: Die Dolche in seinen Stiefeln, die Messer, die er in den Ärmeln versteckte, die Dietriche, die er zuvor in den Kragen seines Hemdes eingenäht hatte damit er sie in einem möglichen Krampfgetümmel nicht verlor. Unter dem weiten Umhang war Malleus in eng anliegende, schwarze Kleidungsstücke geschlüpft, um sich alle Bewegungsfreiheit zu sichern, die er brauchte. Die Kapuze lag wieder tief in seinem Gesicht, dass zur Hälfte mit einem schwarzen Tuch bedeckt war, das er sich über Mund und Nase gezogen hatte. Nur seine stechenden Augen lagen noch frei. Die Haare hatte er schon zuvor in einem dicken, festen Knoten in seinem Nacken zusammen gebunden. Er wusste, dass Tava sich ebenfalls mit allem ausgerüstet hatte, dass ihr Arsenal hergab.
      "Gleich...", wisperte er.
      Da begann die zurückgelassene Wache zu schwanken.
      "Jetzt."
      Er löste sich aus dem Schatten und gefolgt von Tava näherte er sich dem Soldaten mit eiligen Schritten. Rechtzeitig streckte Malleus den Arm aus bevor der Mann stöhnend zusammenbrechen konnte. Nun war Eile geboten. Mit zusammengebissenen Zähnen und tatkräftiger Hilfe von Tava schleiften sie den Mann ein Stückchen vom Tor weg um ihn an einem verwaisten Karren auf den Boden sinken zu lassen. Malleus schlüpfte aus seinem Reiseumhang und hüllte den Bewusstlosen darin ein. Von Weitem konnte der Mann leicht mit einem Bettler oder Betrunkenen verwechselt werden, der seinen Rausch ausschlief. Flink huschten zwei Gestalten durch das verwaiste Eingangstor.
      Malleus sparte sich die energische Ansprache, dass Tava flüchten sollte, wenn sich die Lage ins Aussichtslose verschlimmerte. Sie würde dieses Gebäude nicht ohne die beiden Männer verlassen. Malleus würde nicht ohne Tava und Devon gehen. Entweder verließen sie das Gefängnis zusammen oder gar nicht. Es war verzwickt und auf makabere Art berührend.
      "Beeilen wir uns."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Während Malleus sich unter die Menschen mischte, blieb Tava in ihrem gemeinsamen Zimmer zurück. Sie war zu aufgewühlt, um mit anderen Menschen umzugehen, und zu aufgekratzt um zu garantieren, dass dabei nichts Feuer fangen könnte. Der Gedanke an Devon und wie sie ihn weggeschleift hatten, tat noch zu weh, als dass sie sich hätte normal verhalten können. Sie hielt noch immer an der Überzeugung fest, dass es das beste wäre, die ganze Einrichtung in die Luft zu jagen, aber Malleus hatte deutlich gemacht, wie wichtig ihr neuer Plan war, und so hatte sie sich gefügt. Dann ging sie also nicht nach draußen.
      Stattdessen hatte sie sich auf dem Boden, dem einsamen Tisch, den beiden Stühlen, dem Bett und dem Fensterbrett ausgebreitet, hatte ihre Kolben aufgestellt, die Schläuche fixiert, eine Kochstelle eingerichtet und die Zutaten aufgeteilt. Die Fenster standen offen, um den gräulichen Dunst herauszulassen, der aus einem der offenen Kolben quoll und von dem richtigen Wirkstoff zeugte. Im Labor von Oratis hätte sie die ganze Angelegenheit sicher viel schneller und bequemer lösen können, aber sie hatte nur ihre Reise-Ausrüstung dabei und so musste sie sich damit behelfen. Nicht, dass sie das aufgehalten hätte. Nicht, dass sie irgendetwas aufgehalten hätte.
      Sie spielte noch immer mit ihrem Ring herum, während sie zu den einzelnen Stationen huschte. In einem abgedeckten Topf zog Eneasol vor sich hin, eine Säure, die sich durch Eisen fraß. Den Einfall hatte nicht Tava gehabt, sondern Malleus hatte ihr vom Marktplatz ein Buch besorgen können, indem sie es gefunden hatte. Sie hatte sich auch nicht ganz an das Rezept gehalten, denn laut Angabe sollte es Eisen nur schwächen und nicht gleich aufbrechen - Tava wollte das Eisen aber ganz durchbrechen lassen. Immerhin ging Malleus fest davon aus, dass die Zelle, in der sie Devon halten würden, mit Eisen verschlossen sein würde. Zur Not hatte Tava aber immernoch einen Sprengsatz dabei, den sie sich in der Zwischenzeit gebastelt hatte, mit dem sie Stein wegsprengen könnte. Alles andere würde wohl sowieso keine Behinderung darstellen.
      In dem Kolben daneben stellte sie Doxivax her, ein Gift, dass die Sauerstoff-Zufuhr zum Gehirn angriff. Auch das hatte sie aus dem Buch und auch das hatte sie nicht eins zu eins übernommen. Doxivax war eigentlich ein seichtes Schlafmittel, das beim Einschlafen helfen sollte, aber Tava hatte sich zwei Stunden lang hingesetzt und bei offenem Fenster ihre Versuche durchgeführt, bis sie die Mischung zu ihren Wünschen angepasst und daraus ein Gift gemacht hatte. Die schlafende Ratte daneben, die sie aus dem Hinterhof gefangen hatte, war der lebende Beweis, das es funktionierte. Dieses Gift löste sie in der nächsten Station auf, um es als Gas einfangen zu können. Dort füllte sich bereits die dritte Phiole langsam mit dem bläulichen Dunst, der aus dem Schlauch daneben drang. Auch das hatte sie aus keinem Buch, Tava wusste einfach die Zusammensetzung.
      In der letzten Station experimentierte sie mit allem, was ihr noch einfallen konnte. Bis jetzt hatte sie hauptsächlich Schmerzmittel für Devon hergestellt, weil sie gesehen hatte, wie viele Speere ihn getroffen hatten - es fröstelte ihr bei dem Gedanken noch immer - und momentan wartete sie darauf, dass sich das Herit noch verfestigte. Es war eine cremige Mischung, die eigentlich als Bindung herreichte, aber Tava hatte herausgefunden, dass man es sich ganz fein auch auf die Schuhsohlen schmieren und damit Schritte dämpfen konnte. Das hatte sie auch schon früher genutzt, wenn es ihr wichtig gewesen war, unbemerkt ein Feuer zu legen. Nach eigener Erfahrung funktionierte es ganz ausgezeichnet und hatte sogar noch einige andere Funktionsweisen.
      Die Sonne ging schon unter und bald würde Malleus sie abholen kommen. Tava stellte alles in Windeseile zusammen, packte es sich in den Gürtel und schlüpfte nach draußen. Explosion oder nicht, sie würde Devon da rausholen.

      Wenig später saßen sie an einer dunklen Ecke, den Blick auf das Tor vor ihnen gerichtet. Zwei uniformierte standen davor und wirkten gänzlich gelangweilt. Tava war hibbelig, weil sie nicht verstehen konnte, wieso sie die beiden nicht mit einer Phiole Doxivax aus dem Weg räumen konnte. Es könnte doch alles so schnell und einfach sein.
      "Noch nicht", meinte Malleus wieder beschwichtigend. Das sagte er nicht zum ersten Mal an diesem Tag.
      "Schau, unsere Unterstützung ist angekommen."
      Tava sah auf, als sich eine Dirne den beiden Männern näherte. Das ging dann wohl auf Malleus' Kappe und zugegbenerweise war es wohl genauso effektiv wie es ihr Doxivax hätte sein können. Der eine ging mit der Dirne, der andere trank von der angegebenen Phiole. Tava zählte die Sekunden, bis sich etwas tat und der Mann zu schwanken begann. 12 Sekunden - vielleicht Amatarin?
      "Jetzt."
      Tava setzte sich sogleich in Bewegung, dem dunklen Schatten vor ihr folgend. Der Mann bewegte sich wirklich, als stünde er unter Amatarin, und bevor er hinfallen konnte, hatte Malleus ihn unter den Armen gepackt. Den Soldat verließ sämtliche seiner Kräfte und Tava nahm sich die Beine, damit sie ihn zur Seite schleifen konnten. Solange sich hier niemand um Obdachlose oder Bettler kümmerte, hatten sie wohl ein ausreichend großes Zeitfenster. Wenn nicht, würde die nächste Patrouille Alarm schlagen.
      Tava begegnete Malleus' Blick und vielleicht dachten sie in diesem Moment dasselbe, als sie einander zunickten. Es würde schon schiefgehen.
      "Beeilen wir uns."

      Hinter dem Tor mussten sie zunächst panisch aus dem Licht der Laternen hechten, die den kurzen Weg von Tor zu Tür beleuchteten. Wäre man vorsichtig gewesen und hätte drinnen auch nochmal Wachposten positioniert, wären sie jetzt wohl aufgeflogen. Aber kein Alarm erscholl und in den Fenstern regte sich auch nichts. Einige davon waren noch beleuchtet, besonders im Obergeschoss.
      Malleus und Tava umschlichen mit von Herit lautlosen Sohlen das Gebäude auf der Suche nach einem passenden Einstieg. Tavas Herz klopfte wie wild, als sie ein Fenster erreichten, hinter dem sich ein ganz geräumiger Speisesaal befand, offenbar mit Blick auf ein paar der Blumenbüsche im Garten. Wer würde um diese Uhrzeit noch etwas essen? Niemand, hoffentlich. Geduckt schlichen sie unter den Fensterrand und Malleus schielte darüber, während Tava sich an ihrem Herit bediente. Großzügig schmierte sie eine faustgroße Fläche der Scheibe damit ein, dann nahm sie den Griff ihres Jagdmessers zur Hand. Einmal sah sie zu Malleus, der ihr bestätigend zunickte, dann rammte sie den Griff dagegen. Der Schlag war zwar hörbar, aber dumpf, und die Scheibe sprang auch nicht ganz auseinander. Das Herit verteilte den Schlag gleichmäßig und ließ einen faustgroßen Kreis herausbrechen. Es klirrte leise und viel weniger als ohne dem Herit.
      Sie beide verharrten einen Moment in Abwartung eines weiteren Geräuschs, dann streckte Tava den Arm hinein. Sie bekam den Griff des Fensters zu packen und drückte es auf. In Windeseile waren sie beide drinnen und schlossen das Fenster wieder hinter sich.
      Vom Speisesaal aus musste sich in der Nähe irgendwo die Küche befinden, und wo die Küche war, konnte das Lager auch nicht weit sein. Und wo ein Lager war, war ein Keller. Und wo ein Keller war, war Devon.
      Geduckt schlichen sie zur Tür und legten die Ohren an das Holz. Gedämpfte Stimmen drangen zu ihnen hinein, unmöglich auszumachen, wie weit sie weg waren, nachdem sie nicht wussten, wie dick das Holz war. Ein dünner Lichtschein drang unter der Tür zu ihnen hinein. Malleus bedeutete Tava still zu sein und lugte vorsichtig nach draußen. Die Stimmen wurden lauter und dann wieder leiser. Neue Stimmen kamen aus einer anderen Richtung. Jemand hatte es eilig und lief genau auf sie zu. Tava stockte der Atem, während Malleus die Tür so leise wieder schloss, wie er sie geöffnet hatte. Im Dunkeln sahen sie sich gegenseitig an. Tava umklammerte ihr Messer, Malleus hatte die Hand nach der Tür ausgestreckt. Die Schritte kamen näher.
      Dann wurden sie wieder leiser und entfernten sich in der gleichen Geschwindigkeit. Tava atmete aus. Malleus öffnete noch einmal die Tür und schlüpfte nach draußen, Tava direkt hinterher. Vorsichtig sah sie sich um.
      Es gab verschiedene Richtungen und keine Aussicht auf eine Treppe. Vielleicht gelangte man durch die Küche runter. Vielleicht lag sie hinter einer Tür verborgen. Vielleicht dort vorne um die Ecke. Tava war ratlos und sah Malleus abwartend an. Der Mann sah sich um, dann schlug er eine Richtung mit erkennbarem Selbstbewusstsein an. Vielleicht hatte er es in der Stadt erfahren, vielleicht kannte er auch nur diese Art von Häuser; Tava folgte ihm, ohne sich zu beschweren.
      Ihre Schritte waren leise, das Haus war es nicht. Ein gedämpftes Gespräch drang aus einem der Zimmer, ein Poltern im nächsten ließ Tava zusammenfahren. Ihre Nerven lagen blank. Es drängte sie dazu, eine der Türen in Brand zu stecken, nur um sich etwas zu beruhigen. Wäre Malleus nicht dagewesen, hätte sie es schon längst getan.
      Malleus lugte um die Ecke des Ganges, während Tava sich nach hinten umsah. Schritte ertönten wieder, mehrere Stimmen. Am anderen Ende des Ganges ging eine Tür auf. Bei den vier Feuern, sie mussten sich bewegen, und zwar jetzt. Tava stieß Malleus an, der zögerte noch einen Moment, dann huschte er um die Ecke. Tava folgte ihm dichtauf.
      Zu ihrem größten Entsetzen kamen sie beim Foyer vorbei. Ein Mann stand bei der Tür, hatte aber die Augen geschlossen. Ihre Schritte waren vollständig lautlos. Er rührte sich nicht. Tava deutete energisch auf eine Treppe auf der anderen Seite des Foyers - eine Treppe, die nach unten führte. Malleus nickte und fing an zu laufen. Seine Schuhe gaben einen schwachen Ton von sich, der in dem Geräusch des entfernten Gesprächs unterging. Tava folgte ihm. Sie erreichten die Treppe und hechteten sie hinab, als der Wachposten an der Tür geräuschvoll die Nase hochzog. Es ging gerademal zwei Treppenabsätze nach unten, dann standen sie vor einer geschlossenen Tür. Von drinnen erklang eine Stimme, kurz darauf eine zweite, die der ersten antwortete. Malleus spähte durchs Schlüsselloch und gab ihr das Handzeichen: Zwei Wachposten. Beide im Raum dahinter.
      Tava löste zwei Phiolen Doxivax von ihrem Gürtel und drückte Malleus eine in die Hand. Sie sah ihm kurz aufmerksam in die Augen und tippte sich gegen die untere Nase. Doxivax wirkte zu langsam, um es einfach in den Raum zu werfen; sie mussten es ihnen unter die Nasen halten, aber bloß nicht unter die eigene. Malleus nickte dafür, dass er verstanden hatte. Sein Blick war konzentriert und entschlossen. Er würde alles tun, um Devon hier herauszuholen.
      Er legte die Hand auf die Klinke und drückte sie herunter. Tava schlüpfte in den Raum dahinter, der recht klein gehalten war und ganz eindeutig als Wachposten für das Verlies genutzt wurde. An der Seite stand ein Tisch mit einer Gefangenenliste, an der Wand hingen ein paar Blaumäntel, auf der anderen Seite stand eine Truhe. Zwei uniformierte verharrten in ihrem Gespräch, als sie Tava erblickten.
      "Wer -"
      Tava schoss mit gesenktem Kopf auf sie zu. Der eine gab einen Alarmruf von sich, im selben Moment, als Malleus hinter Tava die Tür schloss, um die Geräusche abzudämpfen. Der vor dem Tisch wich zurück, der andere war kaum aufgestanden, da warf sich Tava schon Hörner voran über den Tisch. Sie traf ihn in die Brust und er ging brüllend zu Boden. Vielleicht hörte sie dort auch einen Knochen knacken, aber das interessierte sie nicht. Sie öffnete die Phiole und drückte ihm die Öffnung an die Nase.
      Hinter ihr kümmerte Malleus sich um den zweiten von ihnen. Es wurde gerangelt, aber die Überraschung war auf ihrer Seite. Der Mann war nicht schnell genug seine Waffe zu ziehen, da zwängte Malleus ihm schon den bläulichen Dunst in die Nase. Es dauerte nur zwei Sekunden, dann wurden die Augenlider des Mannes schwer. Er wehrte sich bis zur letzten Sekunde, dann sank auch er auf den Boden.
      Das war laut gewesen. Viel zu laut gewesen. Malleus und Tava tauschten einen Blick, dann gruben sie eilig nach den Schlüsseln. Sie fanden einen Bund und Tava sauste zur Tür hinter ihnen, um sie abzusperren und den Schlüssel stecken zu lassen. Sollten sie nicht diesen Weg nach draußen nehmen können, würden sie sicher einen anderen finden. Jetzt mussten sie erstmal die Verstärkung davon abhalten reinzubrechen, wenn sie den Ruf gehört hatten.
      Danach wandten sie sich der anderen Seite des Raumes zu. Eine Treppe führte nach unten, schmal und nicht beleuchtet. Malleus nahm eine Fackel von der Halterung und leitete den Weg nach unten an.
    • Eilig durchwühlte Malleus die Taschen des Mannes nach etwas Brauchbarem. Er hoffte auf einen Schlüsselbund oder niedergeschriebene Anweisungen, die ihnen irgendeinen nützlichen Hinweis lieferten. Das erlösende Klimpern ertönte vom anderen Ende des kleinen Vorzimmers und triumphierend hielt Tava einen üppigen Schlüsselbund in den Händen. Daran mussten sich Schlüssel für alle Türen im Herrschaftshaus befinden, denn sie unterschieden sich in Größe, Form, Material und Alter. Von filigranen Silberschlüsselchen bis zum massiven Eisenschlüssel, den bereits die ersten Rostflecken zierten, war einfach alles dabei. Malleus schloss daraus, dass das Herrschaftshaus in den letzten Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten, mehrfach Umbaumaßnahmen unterzogen worden war um es seinem neuen Verwendungszweck anzupassen. Nachdem Tava die Tür zusperrte, schob Malleus zur Sicherheit noch eine der alten Holzkommoden davor. Er bezweifelte, dass sie durch denselben Weg entkommen konnten wie sie hineingekommen waren. Der Lärm musste alle Soldaten und Bediensteten im Herrenhaus aufgeschreckt haben. Sie würden sich einen anderen Weg suchen müssen, sobald sie Devon gefunden hatten.
      Malleus nahm die Fackel entgegen und warf einen Blick zurück über die Schulter. Eingehend beäugte er die schlummernden Soldaten, die ganz hilflos dort lagen. Es wäre so einfach ihnen eine Messer an die Kehle zulegen. Sollten die Männer aufwachen, bevor Tava und Malleus einen Fluchtweg gefunden hatten, hatten sie zwei Probleme mehr am Hals. An all die anderen Bewusstlosen versuchte er nicht zu denken. Wenn es nach Malleus gegangen wäre, hätte er öfters Gebrauch von seinen Messern gemacht.
      Ein ungeduldiges Zupfen an seinem Ärmel holte Malleus zurück in das Hier und Jetzt. Tava nickte ruppig in Richtung der Treppe, die hinunter in die Dunkelheit der Kellergewölbe führte. Von da an, befand sich Malleus im Blindflug. Die Beschreibungen des Soldaten aus dem Gasthof hatten keine Informationen über die Beschaffenheit des Kellers verraten. Vermutlich hatte der Soldat es selbst nicht besser gewusst. Wachsam schlichen sie die alten beinahe morschen Stufen der Holztreppe herunter. Malleus fühlte, wie sich die Dielen unter seinen Stiefel leicht durchbogen. Der Weg nach Unten zog sich in die Länge, da er es gründlich vermied auf eine knarzende Stelle, die sie verraten konnte, zu treten. Immerhin wussten sie nicht, was sie am Fuß der Stiege erwartete.
      Kurz vor dem Ende blieb Malleus mit dem Rücken zur Wand stehen. Feuchtigkeit drückte sich durch den porösen Stein des Gewölbes und verwandelte die Atemluft in eine modrige und stickige Angelegenheit. In kompletter Stille legte Malleus einen Finger an seine Lippen und deutete mit einem leichten Ruck seines Kinns nach unten. Am Ende der Stiege saß ein Soldat auf einem Schemel, die Beine weit von sich gestreckt und offenbar ein Nickerchen haltend. Gerade als Malleus am liebsten über die unerwartete Nachlässigkeit laut aufgelacht hätte, weil der Lärm die Wache nicht alarmiert hatte, trat ein Ordensritter in sein Sichtfeld. Er drängte Tava ein Stückchen zurück und drückte die Fackel zurück in ihre Hand, weit genug weg um ihr Versteck nicht durch den Lichtschein zu verraten. Grob stieß der Ritter mit der Eisenspitze seines Stiefels gegen das Schienbein des Schlafenden, der erschrocken und japsend auf die Beine sprang. Der Blaumantel packte rangniederen Soldaten am Kragen und las ihm zweifellos die Leviten. Malleus sah ihre einmalige Chance gekommen, als die Männer ihnen endlich den Rücken zu drehten.

      Malleus näherte sich auf leise Sohlen, das Fläschchen Doxivax in der einen Hand und den Dolch aus einem seiner Stiefel in der anderen Hand. Durch die hitzige Diskussion blieb er unbemerkt bis es für die Männer bereits zu spät war. Mit voller Wucht schlug er dem ertappten Soldaten mit dem Knauf des Dolches auf den Hinterkopf. Im gleichen Atemzug schnippte er den Korken des Fläschchen fort und rammte dieses mit der Öffnung voran in durch Schlitz im Visier des Ritters. Die Flüssigkeit sickerte in den Helm und die betäubenden Dämpfe breiteten sich rasch im begrenzten Inneren aus. Innerhalb weniger Momente lagen die Männer bewusstlos am Boden. Etwas Blut tröpfelte vom Hinterkopf des Soldaten auf den Boden und zeugte damit von der schieren Brutalität, mit der Malleus ihn niedergeschlagen hatte. Das Geschepper der Rüstung hallte von den Wänden des Gemäuers wieder und als sich Schritte näherten, packte er Tava fest am Arm und zog sie mit sich erneut in den Schutz einer dunklen Ecke. Mit angehaltenem Atem warteten sie in ihrem Versteck bis sich der Gang mit weiteren Soldaten, Rittern und Akolythen füllte. Auf Malleus' Zeichen hin entkorkten sie weitere Fläschchen des Doxivax, versicherten sich, dass die Tücher fest über Mund und Nase saßen und ließen die geöffneten Glasflaschen mit Schwung in den Korridor rollen. Irritiert blickten die Männer zu Boden. Einer bückte sich, hob eines der Fläschchen vom Boden auf und betrachtete es von allen Seiten. Tava und Mal mussten nur geduldig bleiben, obwohl ihnen die Zeit im Nacken saß.
      "He...Was ist los mit dir?", hörte Malleus jemanden sagen.
      Dann folgte der erste dumpfe Aufprall, gefolgt von weiteren, als die hinzugeeilten Männer umkippten wie die Fliegen. Malleus half bei den letzten Zweien, die noch schwankend standen und halt an der Mauer suchten mit weiteren Hieben auf den Hinterkopf nach. Die Dämpfe des Doxivax schwängerten die Luft und er wusste, dass die Tücher die Wirkung nicht ewig abhielten, obwohl der Stoff doch recht dick war. Er winkte Tava zu sich und damit begannen sie sich einen Weg durch das Labyrinth aus Korridoren, Lagerräumen und leeren Zellen zu bahnen. Stießen sie auf weitere Widersacher gingen sie in ihrem mittlerweile eingespielten Muster vor. Worte waren bereits nicht mehr nötig. Einmal stoppten sie in seiner Sackgasse und Malleus, dessen Schultern sich unter schweren Atemzügen deutlich anhoben, schlug seitlich mit der Faust gegen die Wand und ließ ein frustriertes Ächzen verlauten. Malleus' Anspannung wuchs mit jeder weiteren Ecke, die sie in einen neuen Gang führte aber niemals an ihr Ziel. Sie hatten keine Zeit!
      Die Schritte wurden erst langsamer und vorsichtiger, als sich erneut Schatten am Ende eines Zellenkorridors bewegten und er ein vertrautes Geräusch vernahm: Ein höhnisches Lachen, bei dem sich seine Nackenhaare aufstellten. Er musste die Worte, die folgten nicht verstehen, um zu wissen, dass dort ein Gefangener schikaniert wurde. Die Frage war, ob es der Gefangene war, den sie so dringend suchten. Malleus und Tava schlichen dicht an der feuchten Wand entlang und lugten ganz am Ende unbemerkt in die geöffnete Zelle hinein.
      Malleus musste an sich halten um nicht augenblicklich in die Zelle zu preschen wie ein Wahnsinniger.
      Nah der Wand, angekettet wie ein wildes Tier, kniete Devon am Boden. Das Hemd hing in blutverkrusteten Fetzen von seinen Schultern, die Schuppen auf seinem Rücken zur Schau gestellt und ihr einstiger Schimmer vom getrockneten Blut der Speerwunden getrübt. Malleus' Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Die Mordlust sprühte plötzlich geradezu aus ihnen heraus. In entwürdigender Haltung war er den Männern in seiner Zelle schutzlos ausgeliefert. Es waren zwei Ordensritter, wie ein schneller Blick bestätigte. Einer, der pflichtbewusst in voller Montur etwas abseits stand und gelegentlich ein abfälliges Grunzen hinter dem geschlossenen Visier von sich gab. Der Andere, weit über Devons gekrümmten und beunruhigend stillen Körper gebeugt, die Hand auf dem Rücken des Lacerta. Er berührte Devon, betatschte die Schuppen mit seinen Fingern, verspottete ihn.
      Missgeburt. Abnormität. Monster.
      Mittlerweile vibrierte Malleus regelrecht neben Tava und ließ die beiden Messer aus den Halterungen in seinen Ärmel in die Handflächen gleiten. Er registrierte nicht, dass Tava dem Zucken seiner Finger folgte, die sich mit einem festen Griff um die Messer schlossen. So fest, dass die Knöchel sich unter der dunklen Haut abhoben. Die blutigen Striemen auf Devons Gesicht waren von getrockneten Tränenspuren durchzogen. Nun, aus der Nähe, sah er dies klar und deutlich. Malleus fixierte die Ritter und sah dabei nur zwei tote Männer, die einen fatalen Fehler begingen.
      Ohne Vorwarnung schoss Malleus aus der Deckung in die Zelle und war mit einem geschmeidigen Satz beim Ritter an der Wand angelangt. Die Klinge des Messers blitzte im Schein der Fackeln bevor er es zwischen die ungeschützte Stelle zwischen Helm und Schulterplatte rammte. Mit einem Ruck zog er es wieder heraus und sofort schoss ihm das Blut entgegen, benetzte Gesicht, Hals, Haare und seine Kleidung. Aus dem Helm drang ein geschocktes Keuchen, gefolgt von einem ekelerregenden Gurgeln, als der Ritter sich mit dem gepanzerten Handschuh völlig nutzlos an den Helm griff. Malleus wartete nicht, bis der Mann durch den raschen Blutverlust das Bewusstsein verlor und elendig an seinem eigenen Blut erstickte. Als der Körper mit einem ohrenbetäubenden Scheppern auf dem Boden aufschlug, stürzte sich Malleus bereits auf sein nächstes Ziel. Der Kreuzritter richtete sich gerade mit genervtem Blick über die Unruhe auf, da stand Malleus schon wie ein zweiter Schatten direkt hinter ihm. Mit eisernem Griff packte er nach dem Kinn des Mannes, bedeckte dessen Mund um sich eine Sekunde Zeit zu erkaufen. Der vernichtende Blick, mit dem er das Profil des Ritters bedachte, sprach Bände. Drohend legte er ihm von hinten das Messer an die Kehle, drückte die Spitze unter sein Kinn bis Blut hervorquoll. Gewaltsam riss er seinen Kopf zurück und präsentierte dem knienden Devon die Kehle seines Peinigers.
      "Das hättest du wirklich nicht tun sollen...", wisperte er mit purem Eis in seiner Stimme in das Ohr des Mannes.
      Mit einem einzigen, präzisen Schnitt durchtrennte Malleus seine Kehle.
      Erneut spritzte heißes Blut stoßweise aus dem präzisen Schnitte, floss über seine Finger, Hände und Unterarme. Im sich anbahnenden Todeskampf begann der Leib des Ritters heftig zu zucken und Malleus kostete jede Sekunde davon aus. Ein abscheuliches Gurgeln drückte sich gegen seine Handfläche während der Mann sich an die klaffende Wunde fasste und versuchte dem stetigen Blutfluss zu unterbinden. Verzweifelt kratzte er mit seinen Fingerspitzen über vom Blut glitschige Haut ohne dabei Halt zu finden. Erbärmlich... Er hatte sein Leben noch nicht gänzlich ausgehaucht, das ließ Malleus ihn achtlos zu Boden stürzen. Dieses Mal sah er zu, wie das frische Blut den Boden tränkte und von dem fauligen Stroh aufgesaugt wurde. Mit dem Unterarm wischte er sich beiläufig über das mit Blut benetzte Gesicht und verschmierte das warme Rot zu der verzerrten Version einer Kriegsbemalung, die auf seiner dunklen Haut schimmerte. Malleus atmete heftig, als wäre er gerade meilenweit gelaufen. Die gesamte Anspannung, die er seit dem Betreten des Herrschaftshauses verspürt hatte, hatte sich in einem brutalen, blutigen Akt gelöst. Klirrend fielen die besudelten Messer auf den Steinboden.
      Langsam neigte er den Kopf zu Devon, hakte den Zeigefinger unter den verhüllen Stoff und zog sich das Tuch von Nase und Mund. Die Zeit stand für einen Moment still, als er in die getrübten Augen des Lacerta sah. Angekettet, gebrochen und voller unermesslicher Trauer. Etwas in Malleus regte sich bei dem Anblick. Etwas derartig Monströses, das er Tava darum bitten wollte, das gesamte Herrschaftshaus samt Menschen darin bis auf die Grundmauern niederzubrennen, damit er ihre Knochen unter seinen Stiefeln zu Asche zermalmen konnte.
      Sie hatten ihn gefunden. Sie hatten es tatsächlich bis hier her geschafft. Der unbändigen Wut folgte eine schwindelerregende Erleichterung, die Malleus vollkommen unvorbereitet erwischte. Malleus sank vor Devon auf die Knie und ignorierte dabei den Protest seiner verheilenden Rippe, die an diesem Abend bereits genug gelitten hatte. Harsch riss er an seinem Kragen und zerriss die dünnen Nähte, hinter denen sich die Dietriche verbargen.
      "Wie holen dich hier raus", murmelte er dem Lacerta zu.
      Wo ihm das Töten keinerlei Probleme bereitet hatte, zögerte er nun seine Hand behutsam an Devons Hinterkopf zu führen.
      "Ich weiß, du traust mir nicht, aber lass mich dir helfen. Lass uns helfen."
      Er deutete mit einem Kopfnicken über seine Schulter, als Tava in die Zelle eilte und sich das Chaos besah, dass Malleus angerichtet hatte. Die Knie schrappten über den unebenen Zelleboden, durch Blut und fauliges Stroh bis er nah genug war um Devons Haupt gegen seine Schulter zu ziehen damit er Zugang zu dem Metallring um seinen Hals bekam, der schwer in den Nacken des Lacerta drückte. Vorsichtig betastete er den Verschluss während seine Hand beinahe sanft am Hinterkopf des geschundenen Jägers ruhte. Der Geruch von altem und frischem Blut schwängerte die Luft, bis selbst Malleus die kupfrige Note auf seiner Zunge schmeckte. Schwer ruhte die Stirn an seiner Schulter, als hätte Devon alle Kraft verlassen und er verharrte kurz. Er lauschte der Atmung des Lacerta, die viel flacher im Vergleich zu seiner eigenen war. Er atmete. Er lebte.
      Stoßweise atmete Malleus durch die Nase ein uns aus ehe er sich endlich an dem Schloss der Halsfessel zu schaffen machte. Das Licht war für ein solches Unterfangen denkbar schlecht und so brauchte er länger als nötig. Zu lange. Aber dieses Halsband...das konnte unmöglich bleiben. Es musste weg. Der Anblick machte ihn krank.
      "Tava", kam es knapp über seine Lippen. "Die Ketten. Spreng sie, schmelze sie. Ist mir egal. Uns läuft die Zeit davon. Um die Fesseln kümmere ich mich, wenn wir in Sicherheit sind."

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es dauerte eine schiere Ewigkeit durch diese unterirdische Gänge zu wandern, jede Patrouille außer Gefecht zu setzen und dabei nicht nur nach den Zellen zu suchen, sondern auch noch nach dem richtigen Gefangenen darin. Tava kribbelte es die ganze Zeit schon in den Fingern, das ganze Gewölbe in einer riesigen Flammenbrunst aufgehen zu lassen und ihnen dabei wertvolle Zeit zu sparen. Je länger sie hier brauchten, desto länger musste Devon auf sie warten. Und je länger er warten musste, desto schlimmer konnte es um ihn stehen, ein Gedanke, der Tavas Feuerlust nur noch mehr anstachelte. Es war ein unangenehmer Kreislauf, der sich an jeder Ecke weiter steigerte.
      Doch dann hörten sie anstatt der leisen Plaudereien der Wachen auch etwas anderes, ein höhnisches Lachen, das in seiner Grausamkeit fast schon zu gut in diese dunklen Gänge passte. Malleus warf Tava einen kurzen Blick zu und sie schlichen sich auf lautlosen Sohlen heran.
      Sie fanden Devon, aber der Anblick war so schlimm, dass Tava beinahe ein Geräusch gemacht hätte. Da war Devon, ganz sicher, aber er war an allen Gliedmaßen angekettet und als ob das nicht schon gereicht hätte, trug er auch noch einen Eisenring um den Hals. Sein Kopf hing herunter und dunkles, getrocknetes Blut ließ seine Gestalt ausgezehrt und leblos wirken. Er regte sich nicht, selbst dann nicht, als der Soldat vor ihm seine Hand ausstreckte und an Devons Rücken herumfummelte. Dabei redete er irgendwas von einer Bestie und von Hässlichkeiten, während Tava sich sicher war, dass er Devons grüne Schuppen betatschte. Eine Bestie, Abnormität! Tava würde ihm zeigen, was sie davon hielt, dass er so mit Devon umging! Sie würde ihm jeden einzelnen Finger abbrennen, nur für die Frechheit, Devon mit solchen Begriffen in Verbindung zu bringen! Sie wusste, wie Devon aussah, hatte seinen Rücken und seine wunderschönen Schuppen gesehen, die jetzt unter Augenschein genommen wurden, und es ekelte sie bis aufs Blut an, wie sie jetzt begrabscht wurden. Zur Hölle, sie würde nicht nur seine Finger, sie würde jeden einzelnen seiner Nerven in Brand stecken!
      Neben ihr ging ein Schaudern durch Malleus, als wäre ihm mit einem Mal kalt geworden, und Tava wandte sich ihm nur für einen Moment zu, um gerade noch den dunklen Blick in seinen Augen zu sehen, die Verachtung, den Hass und das Feuer, das in seinem Inneren ausbrach. Dasselbe, das auch in Tava bereits loderte. Sie wollten diese Männer beide tot sehen, soviel stand fest.
      Malleus war aber schneller als sie. Ohne weitere Zeit zu verschwenden schoss er nach vorne und an den hinteren beiden heran. Lautlos wie er war, bemerkte der Soldat ihn nicht, bis es schon zu spät war. Das Messer blitzte in Malleus' Hand auf, seine Hand zuckte und Blut sprudelte aus der klaffenden Wunde heraus. Den Kultisten interessierte das nicht, so sehr schien er von seinem Feuer ergriffen zu sein. Wie ein tödlicher Geist schoss er durch die Zelle weiter voran, bis er auch den zweiten der Männer erreicht hatte. Seine Bewegungen troffen von Präzision, in seiner wispernden Stimme lag roher Hass. Der zweite fiel langsamer als der erste. Tava hoffte mit aller Macht, dass er die schlimmsten Qualen der Welt durchlitt.
      Dann waren sie alleine und Tava schoss hervor. Ihre Stiefel platschten in verspritztem Blut, als sie zu Devon rannte und sich vor ihm auf die Knie fallen ließ, um ihm mit geneigtem Kopf in die Augen sehen zu können. Sie waren geöffnet. Sie schienen sich nicht wirklich auf sie zu fokussieren.
      "Devon!"
      Über die vorangegangene Wut legte sich jetzt tiefste Sorge, nachdem sie Devon gefunden hatten. Er lebte, ja, aber sie waren noch nicht draußen und seine Wunden sahen schlimm aus. Er musste versorgt werden und außerdem musste er aus der Stadt raus und außerdem musste er aus den Ketten raus. Ein Tränenschleier legte sich über Tavas Augen. Sie würde nicht dabei zusehen, wie er sie ein zweites Mal verließ!
      Malleus ging ebenfalls in die Knie und riss seine Dietriche hervor. Wäre diese Bewegung nicht gewesen, hätte Tava vermutlich noch eine geraume Zeit damit verbracht, sich von ihren Gefühlen überwältigen zu lassen.
      "Tava. Die Ketten. Spreng sie, schmelze sie. Ist mir egal. Uns läuft die Zeit davon. Um die Fesseln kümmere ich mich, wenn wir in Sicherheit sind."
      "Ja. Ja, ja."
      Ihr fiel ihre Säure ein und sie zog die Flasche aus ihrem Gürtel hervor. Sie behielt ihren Mundschutz auf und fummelte mit zittrigen Fingern an der Werkzeug-Schlaufe herum. Neben ihr redete Malleus leise, während er sich an die Arbeit machte. Wesentlich ruhiger als sie machte er sich an dem Halskragen zu schaffen.
      "Wir holen dich hier raus."
      Tava fand, was sie gesucht hatte, und rutschte näher heran. Die Ketten, ja, die Ketten. Ihr Herz raste wie wild und ihre Finger zitterten, als sie die Pipette durch den Flaschenverschluss rammte und auffüllte. Sie hatten Devon gefunden, aber es war noch nicht vorbei. Es war noch lange nicht vorbei.
      "Ich weiß, du traust mir nicht, aber lass mich dir helfen. Lass uns helfen."
      Sie nahm Devons Hand in ihre, damit er sich nicht bewegen würde - nicht, dass er sich überhaupt irgendwie regte - und träufelte vorsichtig ein paar Tropfen auf die Eisenkette. Laut zischte es und kaum eine Sekunde später sprang ein Glied entzwei und hätte beinahe die noch nicht eingesogene Säure verspritzt. Tava zuckte und nahm die Pipette zurück, bevor ihr noch ein Tropfen entglitt.
      "Scheiße."
      Keine zwei weitere Sekunden vergingen, dann sprang auch ein zweites Glied entzwei und die Kette löste sich von der Wand. Tava riss Devons Hand weg, während beide verbleibenden Enden zischten und rauchten. Sie hatte die Mischung zu aggressiv gemacht. Sie hatte außerdem nicht bedacht, dass an einem Ende des Eisens Haut sein würde.
      Aber das war ein Problem für später. Sie zog ihr Wundermittel Herit hervor, kleisterte es auf ein Tuch und wickelte es kurz um Devons Ende der Kette. Das Zischen verblasste dort, während die Kette an der Wand weiter verätzte, bis in wenigen Sekunden nichts mehr davon übrig war.
      Dasselbe wiederholte sie für die anderen Ketten, sorgfältiger diesmal, indem sie nur einen einzigen Tropfen verwendete. Die Fesseln selbst würden sie auch später noch entfernen können, wenn sie alleine waren. Jetzt ging es erstmal darum, so schnell wie möglich herauszukommen.
      "Fertig. Steh auf, steh auf."
      Das war eine Aufforderung, der Devon anscheinend nicht alleine nachkommen konnte. Sein Körper bewegte sich langsam und wäre Malleus nicht zur Stelle gewesen, damit er sich auf ihn stützen konnte, hätten seine Beine überhaupt nicht mitgemacht. Tava flitzte auf die andere Seite und half ihm, sich mühsam aufzurichten. Sie hatten ihn gerade erst auf die Beine gebracht, als vom Gang her Rufe ertönten. Sie hatten die Bewusstlosen in ihrer Eile nicht weggeschafft.
      Schnell zogen sie Devon an den Leichen vorbei und aus der Zelle heraus. Malleus sah sich einmal um, dann wählte er für sie die Richtung, aus der keine Rufe kamen. Wesentlich langsamer, als es ihnen lieb war, humpelten sie mit Devon dorthin.
      Die Rufe kamen näher und bald auch die Schritte. Panik machte sich unter den drei breit, weil sie noch lange nicht draußen waren und Devon nur sehr langsam humpeln konnte. Tava warf einen gehetzten Blick zurück und schlüpfte dann unter Devons Arm heraus, sodass er sich mehr auf Malleus stützen musste. Das würde er schon für einen Moment aushalten.
      "Ich brenn sie nieder! Geht weiter, ich werd sie verbrennen!"
      Malleus zog Devon alleine weiter und Tava wirbelte herum. Sie stieß mit der Hand in ihren Beutel Schwarzpulver und zog einen kleinen Klumpen heraus. Dann nahm sie sich eines ihrer Fläschchen Doxivax und schmierte das Pulver über das Glas. Vor ihr kamen die Schritte näher.
      Oh bitte, oh bitte bitte bitte...
      Sie hatte ihre Kreation von Doxivax nicht auf seine Brennbarkeit geprüft, weil sie sonst alles niedergebrannt hätte, so, wie sie sich kannte. Aber in der Regel waren alle ihrer Kreationen brennbar, wenn es nur ging. Ohne machte es einfach keinen Spaß.
      Vor ihr kam erst der Fackelschein in Sicht, dann die Gruppe Soldaten. Sie sahen sie, riefen ihr Befehle zu und rannten auf sie zu. Tava holte mit dem Fläschchen so weit aus, als würde sie den dritten Stock eines Hauses anzünden wollen, und schleuderte es nach vorne. In der letzten Sekunde betätigte sie ihren Ring.
      Das Schwarzpulver explodierte in einem kopfgroßen Feuerball, der den ganzen Gang erhellte und kurz darauf in der Luft einen brennenden Schweif hinterließ. Es sah aus, als ob die Luft brannte. Die Männer schrien auf und wichen vor dem Feuerinferno zurück, das plötzlich auf sie zugeschossen kam. Tava sah hinter den Flammen ihre Schemen, die sich vor der heranrauschenden Hitze duckten.
      "HAH! ES FUNKTIONIERT! WOLLT IHR NOCHMAL?! ICH HAB NOCH GENUG, KOMMT NUR HER!"
      Begeistert schmierte sie die nächste Phiole ein. Tatsächlich hatte sie nicht genug, sondern nach dieser nur noch eine letzte. Sie würde sie sich aufheben müssen, bis sie es nach draußen geschafft hatten.
      Diesmal hatte sie sich mit dem Schwarzpulver übernommen und die Explosion war groß genug, um beinahe den Gang auszufüllen. Tava taumelte von dem Feuerstoß zurück und war kurz davor, noch einen draufzulegen. Nur noch ein bisschen mehr, dann wäre hier alles in Flammen. Der Boden, die Wände, die Decke, alles! Aber als sie sich das letzte Fläschchen nehmen wollte, kam ihr Devon in den Sinn und weshalb sie überhaupt hier waren. Einen Moment lang musste sie gegen ihren eigenen Drang kämpfen, dann wirbelte sie herum. Devon, ja, okay. Sie konnte auch später noch mit dem Doxivax rumspielen.
      Sie raste den beiden Männern nach und holte sie ein, als ihr aus dem Augenwinkel auffiel, dass ihr Ärmel Feuer von der Explosion gefangen hatte. Hektisch schlug sie es aus und sah sich den Schaden an. Das Schwarzpulver war wohl zu früh in ihrer Hand hochgegangen. Dann sah sie sich ihre Hand an und stellte mit Erleichterung fest, dass sie unversehrt war.
      Sie humpelten mit Devon weiter, den Doxivax-Brand hinter sich lassend. Malleus lenkte sie in einen Raum rein, der keine Zelle war. Der Zentralraum für das Belüftungssystem.
      Sie warfen die Tür hinter sich zu und betrachteten dann den Weg in die Freiheit, den Kasten, der zur Decke führte. Allerdings würde man klettern müssen und Devons gebeugte Gestalt sah nicht danach aus, jetzt große körperliche Leistungen vollbringen zu können. Er hatte ja auch viel Blut verloren und saß den ganzen Tag lang unbeweglich in einer Zelle, er würde hier nicht rausklettern können. Sie mussten auf Plan B ausweichen.
      Tava platzierte ihren Sprengstoff an der Steinwand des Raumes und zündete ihn an. Dann sprang sie nach draußen zu Malleus und Devon, bevor die markerschütternde Explosion den Boden zum vibrieren brachte. Staub rieselte sanft von der Decke und in der Entfernung waren wieder Stimmen zu hören. Tava schoss als erstes wieder herein und wedelte sich durch die Staubwolke hindurch, die die Explosion verursacht hatte. Der Raum war jetzt voller Erde und sanftes Sternenlicht kam von vorne oben herein. Der Raum hatte am Rand des Kellers gelegen, direkt vor dem Garten des Hauses.
      Von hier aus mussten sie nicht mehr steil nach oben, sondern konnten über den Schutt und die Trümmer nach vorne klettern. Devon brauchte trotzdem Hilfe und so zog Tava von vorne, während Malleus ihn von hinten stützte. Stimmen wurden laut, aber nur von unten. Es wurde gegen die Tür gehämmert, die sie verriegelt hatten. Mit ein bisschen Glück hielt die Tür so lange, dass die Wachen den weiten Umweg durch das Labyrinth und über die Haustür machen mussten. Damit würde ihnen ihre eigene Konstruktion im Weg stehen.
      Sie schafften es nach draußen, keuchend und schwitzend und voller Erde und Staub. Tava musste Devons Schmerzen ignorieren, als sie ihn ungeduldig weiterzog.
      "Hier. Hierhierhier."
      Sie mussten über die Begrenzung des Grundstücks klettern, was von innen leichter ging als von außen. Mit gemeinsamen, schwindenden Kräften brachten sie den erschöpften Devon dazu, nach oben und auf die andere Seite zu klettern, ehe sie nachkletterten. Aus der Entfernung drangen noch immer Stimmen zu ihnen heraus, aber aus dem Haus heraus. Sie hatten die Tür noch immer nicht öffnen können.
      Auf der anderen Seite war es dagegen vergleichsweise ruhig. Malleus gab Devon einen Umhang, unter dem er seine Fesseln und sein Gesicht verbergen konnte, dann eilten sie schon weiter. Sie mussten beleuchtete Straßen und Patrouillen meiden, weshalb es dreimal so lange dauerte wie beim Hinweg, und zum Schluss hin war Devon so schwach, dass Malleus ihn nicht einmal mehr alleine stützen konnte. Er sprach dem Lacerta beruhigend zu, als sie das rettende Gasthaus erreichten.
      Zu den Zimmern gab es nur eine Treppe und die war nur durch den Schankraum erreichbar, der rege besucht war. Trotzdem, sie durften keine Zeugen haben, was die Sache etwas erschwerte. Es war allerdings nichts, wo nicht ein bisschen Feuer Abhilfe schaffen würde.
      Zwei Minuten, dann tauchte Tava wieder auf und sie warteten in der Dunkelheit der Ecke, bis von innen Aufruhr erklang. Sie hatte das Feuer nur in der Küche gelegt, nichts, was sie selbst betreffen würde. Als sie vorsichtig hinein lugten, war der Wirt bereits damit beschäftigt, mit seinen Gehilfen das Feuer zu löschen.
      Sie schlüpften durch den Schankraum unbemerkt nach oben. Dort brachen sie mit spürbarer Erleichterung durch die Tür. Sie hatten es geschafft, sie hatten es wirklich geschafft.
      Der Boden war noch belegt von Tavas Ausrüstung und sie schoben es grob beiseite, um Devon zum Bett zu helfen. Er ließ sich auf die Matratze fallen und sackte ein wie schon in der Zelle. Tava ergriff seine kalte Hand und ging vor ihm in die Knie, um ihn ansehen zu können.
      "Devon? Geht's dir gut?"
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