Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Devon stutzte kurz. Es war das erste Mal, dass er so lapidar davon sprach, wie alt er eigentlich war und was er bis dato erlebt hatte. Jetzt ohne Ablenkung stürzte sich der Kultist selbstverständlich auf dieses Wissen, das wohl zu den weniger gefährlichen zählt. „Wir haben eine höhere Lebenserwartung als ihr Menschen. Dreißig Jahre sind in unserer Rechnung schon eine geraume Weile, aber kein halbes Leben wie bei euch. Stimmt aber; in der Zeit kann viel passieren und ich war wirklich lange nicht mehr da.“ Devon blinzelte, selbst verwundert darüber, wie locker seine Zunge jetzt gerade war. „Ich bin 74 Jahre alt.“
      Devon beobachtete Malleus dabei, wie er seinen Handschuh wusch. Was eigentlich sehr beiläufig und unauffällig wirkte, wurde plötzlich zum roten Tuch für den Lacerta. Er hatte nur einen winzigen Blick erhaschen können, aber das hatte ausgereicht, um zu verstehen, dass Malleus das Leder nicht nur wegen Tava reinigte. Da verfiel er in bodenloses Schweigen, sein Gesicht in Fassungslosigkeit verzogen.
      Hatte der Mann etwa während Devon und Tava zugange waren…?
      Irgendwas an Devons Starren musste Malleus getriggert haben. Seine Hand wanderte von selbst zu einem der Abdrücke, ehe sich der Kultist umdrehte und sich dem Jäger nun direkt zuwandte. „Es tat weh… aber Schmerz ist kein Fremder für mich.“
      Das sorgte dafür, dass sich in Devons Mund eine Bitterkeit niederlegte. Sie rührte einzig und allein von dem Wissen, was dieser Mann wohl schon alles erlebt hatte. Dass er nicht nur die Zeichen auf seiner Haut mit einem einschneidenden Erlebnis verband, sondern auch der Schmerz damit unwiderruflich verbunden war. Es gab keinen Weg, wie Devon den Schmerz in etwas hätte umwandeln können, was nicht an diesen Erinnerungen gerüttelt hätte. Das war es gewesen, was er unter all den Pheromonen bei Malleus gerochen hat. Das Echo der Angst aus vergangener Zeit.
      „Ein Bekannter ist nicht zwangsläufig ein guter Bekannter“, wand der Jäger schließlich rau ein. „Du hast nicht bewusst mit Instinkten gespielt. Sie haben dich übermannt. Überrascht. Wie kannst du mit etwas spielen, was du nicht kennst?“
      Gar nicht, lautete die Antwort. Die ersten Menschen spielten mit dem Feuer ehe sie sich daran verbrannten und für Zerstörung sorgten. Trotz dieses Wissens blieb es eine unberechenbare Macht, die schnell außer Kontrolle geraten konnte. Instinkte, die so tief in Devon verankert waren, waren nicht viel anders. Sicher, Malleus konnte es nicht besser wissen, aber der Lacerta war es am Ende gewesen, der sich nicht am Riemen gerissen hatte.
      „Es ist schwer dich einzuschätzen, Devon. Das ist neu für mich.“
      Devon hob den Blick von Malleus‘ Hals. Da war schon wieder kein Vorwurf in der Stimme und auch keine Scheu. Wüsste er es nicht besser, hätte er es als Faszination eingestuft.
      „Nichts hiervon war geplant, weil ich offen gestanden, nicht mit Tava gerechnet habe und danach konnte ich einfach nicht widerstehen.“
      „Mit dem Feuerteufel hat keiner gerechnet“, murrte Devon zustimmend. Nur in dem Punkt des Widerstehens stimmte er dem Mann nicht zu. Hätte Malleus wahrlich nicht widerstehen können, hätte er sich selbst an Tava vergangen oder anderweitig den Kontakt gesucht. So hatte er sich nur aus der Szene gezogen und… selbst Hand angelegt? Machte man sowas überhaupt? Wo war da der Sinn?
      Dann seufzte Malleus plötzlich und gab ein bisschen mehr von seiner Gedankenwelt preis, die Devon alles andere als kalt ließ. Ein Teil von Devon war nicht abgeneigt… Ja, das musste er wohl oder übel zugeben. Nur empfand es Devon als erstaunlich, dass Malleus ausgerechnet jetzt Schwierigkeiten hatte, zu bestimmen, auf welcher Natur dieses Interesse beruhte. Dabei war die Antwort doch so schmerzhaft offensichtlich.
      Devon zuckte mit den Schultern und trat den Rückzug an. Er löste sich von der Wand und öffnete die Tür, durch die sein Blick direkt auf das Bett mit der schlafenden Tava fiel. Dass sie da seelig zu ruhen schien, war ihm völlig entfallen und stellte nun ein neues Problem dar.
      Er würde ganz sicher nicht im Bett schlafen und riskieren, dass sie ihn am nächsten Morgen direkt erdrosselte. „Ich kann da nicht schlafen.“
      Devon machte auf dem Absatz kehrt und zog die Tür doch wieder zu. Lieber mit Malleus über Dinge sinnieren, über die er nicht nachdenken wollte. Das dachte er zumindest, als er sich den fragend hochgezogenen Augenbrauen stellte und seine Wahl tunlichst wieder überdachte.
      „Doch. Geht doch.“
      Er drehte wieder um und verließ dieses Mal wirklich das angrenzende Zimmer. Nein, es wäre definitiv leichter, sich einfach neben das Bett auf den Boden zu setzen und sich in eine Decke einzuwickeln. Dann war er weit genug von Tava weg, damit sie nicht drangsalieren konnte, aber nah genug, damit sie nicht dachte, er wäre getürmt. So konnte sich Tava auch nicht an ihn kuscheln. Das war ein Plan. Ein guter Plan. Also ließ sich Devon neben dem Bettgestell auf den Boden und wickelte die Decke um sich, die er zu sich hatte ziehen können. Ein behelfsmäßiges Lager, aber besser als keines.
      Ein besserer Plan, als Malleus erklären zu müssen, worauf dieses Interesse ihm gegenüber wirklich gefußt hatte. Devon kannte die Antwort, weiter darüber nachdenken wollte er nicht. Das war eine einmalige Sache. Sie würde sich nicht wiederholen.
      Das hier war nur ein Ausrutscher wegen der alkoholisierten Tava gewesen. Mehr nicht.
    • Eine Reihe unterschiedlichster Emotionen spiegelten sich während dieses merkwürdigen aber nicht unwillkommenen Momentes ab. Es fühlte sich seltsam persönlich an in der sonst vorherrschenden Stille des kleines Raumes. Malleus erkannte Fassungslosigkeit, Unverständnis, Reue und einen Hauch von Verwirrung. Ein mildes Lächeln huschte über seine Lippen, als sein Blick ein letztes Mal zu dem Handschuh im Waschbecken glitt und zurück zu Devon. Die Gedanken standen dem Lacerta förmlich ins Gesicht geschrieben, dafür benötigte es kein besonders aufmerksames Auge. Es war das erste Mal, dass Malleus den Blick willentlich niederschlug um den roten Reptilienaugen zu entgehen.
      "Ich erwarte nicht, dass du es verstehst", murmelte er schlicht.
      Dabei fehlte seiner Stimme jegliche Böswilligkeit oder gar Hohn, denn die simple Wahrheit war, dass die Meisten seine Beweggründe nicht verstanden. Malleus konnte es auch niemandem zum Vorwurf machen. Es war nicht so, dass er beim Tee darüber zu philosophieren pflegte und seine Vorlieben für alle offen legte.
      „Ein Bekannter ist nicht zwangsläufig ein guter Bekannter“, wand der Jäger schließlich rau ein. „Du hast nicht bewusst mit Instinkten gespielt. Sie haben dich übermannt. Überrascht. Wie kannst du mit etwas spielen, was du nicht kennst?“
      Wieder rumpelte es in Malleus' Brust.
      "Wahre Worte...", antwortete er. "Eine gute Gesellschaft ist er wirklich nicht, dafür beständig. Und du hast Recht, kann ich nicht. Aber ich habe gewartet und zugesehen wie weit ich die Regeln beugen kann und ich behaupte, das ist auch eine Art zu spielen."
      Malleus' Lachen war beinahe genauso still und subtil wie es seine Stimme im Moment des Höhepunktes gewesen war. Wenn man nicht genau hinhörte, war es leicht, es einfach zu verpassen. Beides war selten genug um selbst in seinen eigenen Ohren befremdlich zu klingen.
      „Mit dem Feuerteufel hat keiner gerechnet."
      "Noch etwas, dass wir gemeinsam haben."
      Entweder erreichte das Gespräch allmählich ein Level, das Devon nicht länger behagte, oder die Müdigkeit gewann nun doch die Oberhand. Auf Malleus wirkte der Lacerta allerdings noch hellwach, doch dieser trat den Rückzug an. Etwas im Blick des Jägers ließ ihn den Kopf in stummer Frage schief legen. Es war das kaum merkliche Zucken seiner Augenwinkel. Die Augen, die sich ein winziges Bisschen in Erstaunen geweitet hatten. Malleus legte den Kopf in stummer Frage etwas zur Seite, als wartete er auf eine Erwiderung - irgendeine Erklärung, die er letztendlich doch nicht bekam.
      Da hatte Devon bereits die Tür geöffnet, doch blieb wie angewurzelt stehen.
      „Ich kann da nicht schlafen.“
      Nun war es Malleus, der die Zurückhaltung nicht deuten konnte. Der Lacerta hatte in den vergangenen Minuten nicht den Eindruck erweckt, dass ihn der Gedanke neben Tava zu liegen, abschreckte. Die Tür fiel wieder ins Schloss und Devon sah ihn kurz an. Malleus hob die Augenbrauen. Wartete.
      „Doch. Geht doch.“
      Ah.
      Anscheinend war die Aussicht darauf, dass Gespräch weiter zu vertiefen, noch unzumutbarer. Devon machte zum zweiten Mal auf dem Absatz kehrt und verließ das Bad nach reichlicher Überlegung endgültig. Malleus lauschte dem Geraschel, das durch die geöffnete Tür drang, und als er endlich ins Nebenzimmer zurückkehrte, hatte Devon den harten Dielenboden ein notdürftiges Nachtlager auserkoren.
      Stumm durchquerte Malleus den Raum und streifte sich beiläufig die Tunika über den Kopf.
      Wieder mit freien Händen hob der den Stuhl an und trug ihn möglichst leise um das Bett herum, auf der anderen Seite, die Devon nicht in Beschlag genommen hatte. Es würde eine ungemütliche Nacht werden. Für alle...außer Tava.
      Malleus ließ sich mit einem ungesehenen Schmunzeln nieder, nahm sich die Freiheit die Stiefel abzustreifen und legte die Füße auf der Bettkante ab. Er sank etwas tiefer gegen die unbequeme Rückenlehnte und kämpfte damit, das feuchte Leder über seine Finger zu ziehen. Danach verschränkte er die Arme vor der Brust und sein Blick heftete sich auf die geschlossene Zimmertür, die er von seinem Platz wunderbar im Auge behalten konnte.
      Und das tat er genauso so lange, bis ihm in den frühen Morgenstunden - der schwarze Nachthimmel nahm bereits eine sanfte, bläuliche Färbung an, die das Ende der Nacht ankündigte - die Augen zu fielen und sein Kinn auf die Brust sank.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava wachte auf, als die Morgendämmerung gerade eingesetzt hatte, pünktlich wie eine Uhr, obwohl ihr Körper da noch hinterher hinkte. Ihr Kopf fühlte sich dick und neblig an und ihre Gliedmaßen taten ihr weh - aber nicht die Art von Schmerz, die sie hatte, wenn sie zu lange nach Pilzen suchend auf dem Boden herumgekrochen war, sondern ein anderer Schmerz. Ein süßer Schmerz. Einer, der Tava leicht grinsen ließ, als sie sich nach und nach entfaltete und den Kopf drehte, um sich zu strecken. Ihre Hörner verfingen sich dabei in den Laken und das war es doch, was das Leben schön machte. Gute Getränke, einen noch besseren Orgasmus und ein sehr bequemes Bett. Was wollte man mehr haben?
      Dass es dabei gerade Devon gewesen war - von allen Leuten gerade Devon - ließ sie sich wieder ein wenig zusammenrollen. Sie wusste noch nicht ganz, was sie davon halten sollte. Sie konnte sich den Mann kaum nicht bedrohlich vorstellen und doch hatte sie für ein paar Stunden erfahren, dass er auch ganz anders konnte. Außerdem waren da noch die Schuppen. Tava hatte es noch nie mit einem Lacerta getrieben und das war wohl ein Spektakel an sich.
      Malleus auf der anderen Seite...
      Da grinste sie doch wieder und wühlte sich aus dem Chaos heraus, das ihre Hörner veranstaltet hatten. Sie rieb ihre Augen gegen das dämmrige Licht, das ins Zimmer fiel, und entdeckte da eine Gestalt zusammengesunken auf einem Stuhl sitzen. Malleus.
      "Was machst du denn?", nuschelte sie. Beim Klang ihrer Stimme regte sich der Mann und bewahrte sich davor, nicht vom Stuhl zu fallen. Gut, wenn sie ehrlich war, hätte sie wissen können, dass Malleus nicht im Bett schlafen würde. Aber auf einem Stuhl zu sitzen? Die ganze Nacht lang? Das schien ihr dann doch etwas drastisch.
      Sie rollte sich auf die Seite, damit sie gegenüber aus dem Bett kam, da stutzte sie. Dort lag nicht nur ein Kleiderhaufen auf dem Boden, wie sie im ersten Moment gedacht hatte, der Kleiderhaufen hatte sogar noch einen Träger. Devon.
      "Was machst du denn?", fragte sie auch ihn unnötigerweise. Und dann dämmerte es nach und nach ihrem hinkenden Verstand.
      Das Bett war leer bis auf Tava. Nein, nicht nur leer, sondern unbenutzt. Die Kissen lagen auch noch an ihren Plätzen, bis auf das, was Tava benutzt hatte. Und was die beiden Männer betraf...
      Sie hatten einen Holzstuhl und einen Fußboden vorgezogen, anstatt mit Tava in einem Bett zu schlafen. Einen Holzstuhl. Einen Fußboden. Anstatt... was? Neben ihr zu liegen? Ein Bett mit ihr zu teilen? Warum, war es so schlimm, bei ihr zu liegen? Wegen ihren Hörnern? Aber sie wussten doch, dass Tavas Kopf in der Nacht kaum regte, wenn sie sich auf eine Position festgelegt hatte. Außerdem hatte sie sich extra an den Rand gelegt, damit die Hörner nach draußen zeigten!
      Warum dann, weil sie nackt war? Weil sie stank - stank sie? Weil sie betrunken war? Weil sie müde war?
      ... Weil sie Tava war?
      Da setzte sich der Zorn erst richtig fest. Aber es war eigentlich gar kein Zorn, es war...
      Auch egal.
      "Wirklich?"
      Sie setzte sich auf. Ihre Hörner klimperten ganz spärlich und jämmerlich. Das Geräusch reizte sie nur umso mehr.
      "Ist das wirklich euer ernst? Ihr schlaft lieber auf...", sie machte vage Bewegungen zu Malleus und Devon, "... überall anstatt im Bett? Wirklich? Wieso, weil ich hier bin? Gestern hattet ihr noch kein Problem damit, dass ich da bin, aber jetzt plötzlich? Ihr könnt mich doch mal. Alle beide!"
      Sie kroch aus dem Bett, auf der einzigen Seite, die jetzt nicht von zwei Idioten belagert war, und zog dabei die Bettdecke mit sich. Sie schlang sie sich um den nackten Körper, dann stapfte sie zum Nebenzimmer und knallte die Tür hinter sich zu.
      Ungestüm trat sie vor den Spiegel und begann, an dem Hornschmuck zu ziehen und zu reißen. Er war von guter Qualität, weshalb er nicht zerriss, sondern sich einfach nur mehr verhedderte und ihr das Leben schwer machte. Tava zog noch einmal feste daran, dann ließ sie ihn mit einem frustrierten Laut sein.
      Und blinzelte ihr Spiegelbild an. Die Tava ihr gegenüber hatte die unordentlichen Hörner gesenkt und wies eine gesunde Röte auf ihren Wangen auf. Die Röte kündigte es bereits an, als Tavas Augen verschwammen.
      Es war doch immer dasselbe, jedes verdammte Mal. Jedes Mal. Sie fand eine Gruppe, sie fand Leute, denen sie sich anschließen konnte, die freundlich zu ihr waren, und dann fing es an. Wenn es nicht schon an den Hörnern scheiterte, scheiterte es am Feuer. Und wenn es am Feuer nicht scheiterte... naja, eigentlich war es bisher immer am Feuer gescheitert, aber wenn es das nicht tat, dann eben an Zeug wie diesem. Irgendwann scheiterte es immer.
      Und dabei hatte sie gerade Gefallen daran gefunden, mit Devon und Malleus zu reisen. Sie waren beide gewöhnungsbedürftig, aber Tava war es eben auch. Und so viele Monate der gemeinsamen Reise war eine beträchtliche Zeit für sie.
      Sie schniefte und rieb sich die Augen. Schniefte noch einmal. Holte tief Luft und zwang dann die aufkommenden Tränen nieder. Nicht weinen, nicht weinen, nicht weinen. Dann drehte sie sich um.
      Handtücher, zwei. Groß und klein. Die Bettdecke natürlich, bestehend aus Laken und eigentliche Decke. Lauter Federn darin. Der Boden, die Wände, die Decke aus Holz. Die Tür aus Holz. Der Zuber aus Holz.
      Aber sie hatte ihren Ring nicht da. Sie hatte gar nichts da, denn sie hatte ihren Rucksack natürlich bei den Signa Ignius gelassen. Nur ihre Kleidung und ihren blöden, verfluchten, dummen Hornschmuck.
      Sie schniefte noch einmal, dann nahm sie sich zusammen, senkte den Kopf und stürmte wieder nach draußen. Diesmal sah sie niemanden an, sondern präsentierte nur dem Raum ihre Hörner, sammelte ihre Kleider auf und schlüpfte fahrig hinein. Das ganze dauerte nur wenige Sekunden.
      "Ich geh was anzünden."
      Und damit rauschte sie zur Tür.
    • Devon fühlte sich steif. Erstarrt. Gerädert.
      Das Bett in seinem Rücken bewegte sich, es knarzte, Wäsche wurde umher bewegt. Schwerfällig öffnete Devon seine Augen einen Spalt breit und entdeckte Malleus, der sich ebenfalls langsam regte und die lang ausgestreckten Beine testweise anwinkelte. Wieder bewegte sich das Bett und dann hörte er Tava ihm eine Frage stellen, die er mit seinem trägen Mundwerk noch nicht beantworten konnte. Er schob Wache. Sozusagen. Sah man das denn nicht?
      „Wirklich?“
      Vorwurf und Fassungslosigkeit lagen in ihrer Stimme, das hörte selbst er in seinem Delirium heraus. Unendlich langsam wühlte sich Devon aus dem Deckenkokon hervor, oder zumindest seine Arme, und kniff die Augen mehrfach zusammen, in der Hoffnung, die Lider pappten gleich nicht mehr aneinander. Dass es schon dämmerte war ihm nicht aufgefallen, aber das sachte Licht verpasste dem Raum etwas mehr Lebhaftigkeit als noch zuvor. Wenigstens waren hier keine Kleider verstreut.
      Devons Blick fiel auf einen kleinen Haufen am Ende des Bettes. Nun… fast keine Kleider verstreut.
      Es klimperte und das hohe Geräusch bemächtigte sich sofort Devons vollständiger Aufmerksamkeit. Er wandte seinen Kopf zu Tava, die sich aufgesetzt hatte, Lichtstrahlen umspielten ihren Körper und setzten ihre Rundungen in Szene. „Ist das wirklich euer Ernst? Ihr schlaft lieber auf… überall anstatt im Bett?“
      Devon blinzelte. Wieso schien sie das denn jetzt so zu erregen? Sie beide hatten Tava das bessere Nachtlager überlassen und dann auch noch Ruhe mit dazu. Wollte sie etwa, dass es direkt so weiterging wie in der Nacht zuvor?
      „Wieso, weil ich hier bin= Gestern hattet ihr noch kein Problem damit, dass ich da bin, aber jetzt plötzlich? Ihr könnt mich doch mal. Alle beide!“
      Verdutzt und schweigend sah er der Cervidia dabei zu, wie sie sich die Decke um den Körper schlang und aus dem Bett kraxelte. Sie stapfte sofort in das Nebenzimmer, wo sich gestern auch Devon und Malleus kurz befunden hatten. Mit einem Knall warf sie die Tür hinter sich zu.
      Erneut blinzelte Devon und sah dann zu Malleus, der dem Seufzen wohl nah war und seine Füße mittlerweile immerhin auf dem Boden aufgesetzt hatte. Er streckte sich – offensichtlich war eine Nacht auf einem Stuhl in seinem Alter auch nicht mehr sonderlich gut für den Körper.
      „Was ist ihr Problem?“, fragte Devon, nachdem er sich geräuspert hatte, und die Decke vollkommen von sich gelöst hatte. Er warf sie über seine Schulter auf das Bett und zog sich dann erstaunlich schwerfällig an dem Gestellt hoch. Mürrisch grunzte er, als er sich auf die Bettkante gesetzt hatte und seine Schultern bewegte, um sie warm zu bekommen.
      Großartig eine Antwort seitens Malleus bekam er nicht, da flog die Tür schon wieder auf und Tava fegte durch den Raum. Sie sammelte ihre Sachen auf und schlüpfte in beachtlichem Tempo hinein. Während Devon ihr dabei zusah, glitt sein Blick über Tavas Gesicht. Er stutzte. Ihre gesamte Augenpartie war gerötet. Sie war nicht nur wütend; sie war am Boden zerstört. Seine Augen wurden größer als ihm das böse Gefühl heimsuchte, dass sie es entweder bereute oder gar Schmerzen hatte. Oder sonst irgendwas hatte.
      „Ich geh was anzünden“, verkündete sie und machte Anstalten, einfach zu verschwinden. Malleus war schon dabei, aufzustehen und etwas zu sagen, da hatte sich Devon vom Bett hochgewuchtet und mit drei Schritten so nah an Tava gebracht, dass er ihren Oberarm greifen und sie zu sich ziehen konnte. „Wirst du nicht.“
      Er zog sie unwirsch mit sich zurück zum Bett, wo er sich steif wieder setzte und Tava eiskalt auf seinen Schoß nötigte. Er drückte sie mit dem Rücken an seine Brust, die Wärme drang langsam durch die Stoffschichten bis zu seinem Körper hindurch. Er legte ihr einen Arm um den Bauch, damit sie nicht umgehend wieder aufsprang, und seinen Kopf an ihre Schulter, um der Schädelwumme aus dem Weg zu gehen. Er umfing sie praktisch mit seinem ganzen Körper und verfiel in eine Starre, aus der sie sich nicht so einfach lösen können würde. Seine Hände waren eiskalte Abdrücke auf ihrem Körper, eigentlich wirkte er komplett sogar unterkühlt.
      „Wag es nicht, diejenige zu sein, die einfach abhaut“, ermahnte er sie dumpf, wobei seine Worte von ihrer Schulter gedämpft wurden. „Das hier bedarf… Klärung.“
      Jedenfalls von seiner Seite aus. Devon graute es vor genau diesem Augenblick und die Tatsache, dass Tava einfach abgehauen wäre, traf ihn unvermittelt hart. Wäre sie ihm nun noch mit Verachtung oder Anwidern begegnet, hätte er sich vermutlich sofort von der Gruppe gelöst. Er hatte sich mitreißen lassen und ertrug es nicht, wenn die Konsequenz daraus eine derart schlechte wäre. Also mussten sie wohl oder übel einmal klären, wie sie nun weiterverfahren sollten.
    • Tava schaffte es gar nicht erst bis zur Tür. Bevor sie auch nur in Reichweite gekommen wäre, legte sich bereits eine kräftige Hand um ihren Oberarm. Eine, die sie bereits gut kennengelernt hatte.
      "Wirst du nicht", brummte Devon hinter ihr.
      "Werde ich wohl! Lass mich -"
      Er ließ sie gar nicht, sondern tat das Gegenteil; Devon zog, bis Tava von der Tür zurückstolperte und in seine Arme fiel. Auch das war kein allzu unbekanntes Gefühl mehr, aber in dem Augenblick, in dem Tava noch immer mit einem schwammigen Sichtfeld kämpfte, mehr als unwillkommen.
      Dann hatte Devon sie sogar in seinen Schoß gezogen, als würden sie gerade da weitermachen, wo sie gestern aufgehört hatten. Unnachgiebige Arme schlangen sich um ihren Körper, die Tava aufzuhalten versuchte.
      "Lass mich los oder ich hau dir den Schädel ein!"
      Tatsächlich waren das diesmal aber nur leere Worte. Nur weil Tava Devon erwischen konnte, hieß das nicht, dass sie es auch wollte. Und diesmal hielt sie die Hörner sogar weg, als er den Kopf an ihre Schulter legte. Sie war ihm immerhin nicht böse, sie war nur... was anderes eben.
      "Wag es nicht, diejenige zu sein, die einfach abhaut. Das hier bedarf… Klärung."
      "Da gibt's keinen Klärungsbedarf", gab sie schnippisch zurück und gab es auf, weiter gegen den unmöglich starken Griff anzukämpfen. Stattdessen ging sie in die Defensive und verschränkte die Arme vor der Brust.
      "Gestern habt ihr mich noch angefasst und jetzt wollt ihr nichtmal im gleichen Bett schlafen. Ich bin nicht dumm, ich merk das doch, wenn ich nicht mehr erwünscht bin. Aber dann sagt mir das wenigstens ins Gesicht und zieht nicht so-", sie musste schlucken, "sowas ab."
      Sie konnte sich gerade noch davon abhalten zu schniefen. Das wäre dann zu auffällig gewesen.
      Nicht weinen. Nicht. Weinen.
      "Wir müssen ja nicht... kuscheln oder so'n scheiß. Aber wenigstens einer von euch hätte noch locker ins Bett gepasst."
    • Ein dumpfes Klopfen, rhythmisch und äußerst nervtötend, erfüllte seinen Schädel und steigerte sich noch weiter, als Malleus aus seinem Dämmerschlaf erwachte. Es knackte leise in seinem Genick, als er den Kopf zurücklegte und damit seine versteifte Haltung aufgab. Die Nacht auf einem alten Holzstuhl zu verbringen, gehörte eindeutig nicht zu seinen besten Ideen. Nur waren die Möglichkeiten leider sehr begrenzt gewesen. Pürfen zog er die Beine etwas an und verzog mit geschlossenen Augen das Gesicht, als auch die Kniegelenke dezent knirschten. Er rutschte auf dem Stuhl hin und her, bis er eine neue Position gefunden hatte, in der er die Füße fest auf dem Boden abstellte und sein Rücken aufhörte zu protestieren.
      Malleus blinzelte gegen das fahle Licht der Morgendämmerung und rieb sich den schmerzenden Nacken, während Schritte eilig den Raum durchquerten. Nach einer Schimpftirade wurde Tür zu dem schäbigen Bad mit mehr Wucht als nötig zugeworfen. Für so viel Lärm war es eindeutig zu früh und das Brummen in seinem Schädel zu laut. Malleus rieb sich in kreisenden Bewegungen mit Zeige- und Mittelfinger über die Schläfen. Es hatte sich am Vorabend im Eifer des Gefechts nicht so angefühlt, aber das letzte Glas des schweren Weines hatte seine Spuren hinterlassen.
      „Was ist ihr Problem?“, hörte er Devon brummen.
      Kurz hielt Malleus inne, schien über die Antwort eingehend nachzudenken, bevor er die massierenden Bewegungen wieder aufnahm.
      Er brauchte ein ordentliches Bad und ein vernünftiges Bett.
      "Sie ist gekränkt, Devon", antwortete er und fügte murmelnd hinzu: "Es ist zu früh für sowas..."
      Er mochte kein Experte für überschwängliche Gefühlsausbrüche sein, zumindest nicht freiwillig, aber er hatte gelernt die Stimmung in einem Raum zu lesen. Es war unerlässlich, sobald man mit großen Menschenmengen konfrontiert war. Ein falsches Wort, eine falsche Geste und Stimmung kippte.
      Tava stürmte zurück ins Zimmer, die Augen leuchteten rötlich, als hätte sie krampfhaft versucht, sich vom Weinen abzuhalten. Sie strahlte etwas Wütendes aus, aber unmittelbar unter der Oberfläche brodelte etwas anderes: Sie war verletzt.
      „Ich geh was anzünden“, verkündete sie.
      Malleus öffnete den Mund und verlagerte sein Gewicht nach vorne um sich zu erheben, da war Devon schon mehrere Schritte weiter. Trotz der ungelenken und steifen Art seiner Bewegungen war er schneller auf den Beinen als der Kultist. Er wusste, dass es die Kälte war, die Devon zu schaffen machte. Eine Eigenschaft, die ihm bereits auf ihrer Reise aufgefallen war. Er hatte sich morgens förmlich in den ersten Sonnenstrahlen gebadet. Dabei war es um diese Jahreszeit auch nachts recht mild in Oratis. Für den Lacerta war es wohl nicht warm genug.
      Also lehnte sich Malleus zurück und beobachtete die Szene mit Argusaugen.
      Dabei merkte recht bald, dass eine Intervention seinerseits gar nicht benötigt wurde. Devon blieb trotz der rüden Weck-Aktion auffällig ruhig, wenn auch etwas mürrisch, und Tava protestierte, lautstark, machte aber keine Anstalten ihre Hörner gegen Devon einzusetzen. Der Eindruck wuchs weiter, als der Lacerta die Frau auf seinen Schoß zog und geradezu umschlang. Die Körperwärme musste ein angenehmer Nebeneffekt für den Jäger sein.
      "...Das hier bedarf… Klärung."
      Malleus verwarf die kleine Ansprache, die er gedanklich bereits vorbereitete, seit Devon in Richtung derTür geeilt war um Tava vom Boden aufzupflücken. Die beinahe schwarzen Augen funkelten mit einem flüchtigen Ausdruck von Anerkennung.
      "Da gibt's keinen Klärungsbedarf. Gestern habt ihr mich noch angefasst und jetzt wollt ihr nichtmal imgleichen Bett schlafen. Ich bin nicht dumm, ich merk das doch, wenn ich nicht mehr erwünscht bin. Aber dann sagt mir das wenigstens ins Gesicht und zieht nicht so-sowas ab."
      Aus der Nähe war die Röte ihrer Augen noch deutlicher zu erkennen. Sie verschränkte die Arme und fühlte sich offenbar ganz und gar nicht wohl in ihrer Haut.
      "Wir müssen ja nicht... kuscheln oder so'n scheiß. Aber wenigstens einer von euch hätte noch locker ins Bett gepasst."
      Ganz Unrecht hatte Tava nicht.
      "Ich verstehe", murmelte Malleus.
      Es wäre genug Platz gewesen.
      Einer von ihnen hätte sich zu ihr legen können.
      Aber das war nicht so einfach.
      "Wir werden jetzt etwas tun, in dem wir alle Drei nicht wirklich gut sind: Miteinander sprechen."
      Das war es nie.
      "Niemand wollte, dass du dich unerwünscht fühlst, Tava. Das war nicht unsere Absicht. Ich glaube, ich spreche da nicht nur für mich sondern auch für Devon", sprach Malleus mit dieser weichen Nuance in seiner Stimme, die so kurz nach dem Erwachen von einem rauen Kratzen begleitet war. Malleus beugte sich leicht vor und stützte die Ellenbogen auf seinen Knien ab. "Du weißt, warum ich mich nicht zu dir gelegt habe, Tava. Ich schlafe nie direkt neben einer anderen Person. Ich kann nicht riskieren jemand anderen nachts im Schlaf anzugreifen, weil er ohne Einfluss darauf zu haben etwas zu nah an mich herangerutscht ist."
      Mit einer Hand fuhr sich Malleus durch das Gesicht.
      "Ich hätte dich verletzen können." Er sah auf seine Hand und dachte an die Nacht am Lagerfeuer. "Dafür brauche ich keinen Dolch."
      Sein Blick wanderte von seiner Hand zu Tava.
      "Und ich bleibe danach nie die ganze Nacht. Nie.", gestand er. "Trotzdem bin ich noch hier. Also glaub nicht, dass deine... eure Gesellschaft unerwünscht ist. Erwartet nur nicht von mir, dass eine Nacht Jahrezehnte von Erfahrungen und Konditionierung ausradiert."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava schnaubte unwillig. Aus ihrer Sicht gab es nichts zu besprechen oder zu klären. Die Sache war eindeutig: Die beiden Männer hatten genug von ihr. Woran es jetzt genau liegen konnte, das konnte sie nicht sicher bestimmen, aber das musste sie auch nicht. Sie hatte genug Erfahrung in derlei Hinsicht gemacht, um sich dessen sicher zu sein.
      "Niemand wollte, dass du dich unerwünscht fühlst, Tava. Das war nicht unsere Absicht. Ich glaube, ich spreche da nicht nur für mich sondern auch für Devon."
      Klar. Und Feuer war kalt.
      "Du weißt, warum ich mich nicht zu dir gelegt habe, Tava. Ich schlafe nie direkt neben einer anderen Person. Ich kann nicht riskieren jemand anderen nachts im Schlaf anzugreifen, weil er ohne Einfluss darauf zu haben etwas zu nah an mich herangerutscht ist."
      Tava sah zur Seite weg, damit Devon keinen Blick auf ihr Gesicht erhaschte. Sie hatte es sich tatsächlich denken können, besonders nachdem sie beim Lagerfeuer erfahren hatte, wie solche Dinge mit Malleus durchgehen konnten. Zumindest das entsprach der Wahrheit, das wusste sie. Das war verständlich.
      "Und ich bleibe danach nie die ganze Nacht. Nie."
      Das war nun aber etwas neues und auch etwas überraschendes. War Malleus nicht die Art von Mann, die sich die Gesellschaft von Leuten gefallen ließ? Natürlich seine eigenen Leute ausgeschlossen, die immerhin eine beträchtliche Schuld daran trugen, dass er nicht in einem Bett mit anderen schlafen konnte.
      "Trotzdem bin ich noch hier. Also glaub nicht, dass deine... eure Gesellschaft unerwünscht ist. Erwartet nur nicht von mir, dass eine Nacht Jahrezehnte von Erfahrungen und Konditionierung ausradiert."
      Das ließ sie sich nun für einen Augenblick durch den Kopf gehen. Er hatte ja recht und es wäre unfair, von dem Mann etwas zu verlangen, was er ihnen niemals geben können würde. Abgesehen davon waren sie sich noch lange nicht so nahe gekommen, um derart anmaßend zu sein. Tava wusste nicht einmal, ob die letzte Nacht etwas in ihrem merkwürdigen Gefüge verändern würde.
      "... Okay. Aber, Devon hätte es tun können."
      Devon war immerhin auch derjenige gewesen, der bereits beträchtlichen Körperkontakt mit Tava gehabt hatte. Er konnte nichts dagegen haben, neben ihrem nackten Körper zu schlafen. Und er hatte keine Ausrede wie Malleus.
      "Ihr hättet es wenigstens vorher sagen können", sagte sie jetzt kleinlaut und blinzelte immernoch zur Seite weg. "Ich dachte... ihr wollt mich meiden oder so..."
    • Malleus blieb nie die ganze Nacht? Das verstand Devon nicht recht. Irgendwie hätte er den Mann nicht als solchen eingeschätzt, der sich nach einer Stunde Zweisamkeit direkt aus dem Staub machte. Dass er auf Abstand ging – ja, selbstredend. Aber nicht, dass er dann in der Nacht verschwand und niemand wusste, wohin er ging.
      Es gab genug Gründe, warum Malleus nicht im Bett geschlafen hatte. Der beste Beweis war jener am Lagerfeuer gewesen oder schlichtweg der Fakt, dass Malleus Tava trotz all seiner Geilheit nicht so hatte anfassen können, wie der Lacerta es getan hatte. Und genau hier lag der Knackpunkt. Während Malleus ganz deutlich gezeigt hatte, wieso er Kontakt mied und es nicht ratsam war, ihn dazu zu zwingen, war es bei Devon viel verstrickter. Er hatte nie offen kommuniziert, wo er seine Grenzen zog oder allgemein: Wieso er handelte, wie er handelte.
      Devon spürte, wie Tava ihren Kopf bewegte und von ihm weg drehte. Er selbst hielt sein Gesicht an ihrer Halsbeuge, sehen musste er schließlich nichts. „… Okay. Aber, Devon hätte es tun können.“
      Er verzog ungesehen das Gesicht. Natürlich, in ihrer Wahrnehmung hätte er es tun können. In ihrer Wahrnehmung war er einfach ein Kerl gewesen, der mit ihr geschlafen hatte und sich anschließend zu schön war, auch danach die Nähe zu suchen. Natürlich konnte Tava Devons Entschluss nicht verstehen, wenn er es ihr nicht klar kommunizierte.
      „Ihr hättet es wenigstens vorher sagen können. Ich dachte… ihr wollt mich meiden oder so…“
      Pah. Jetzt versuchte sie auch noch seinen eigenen Punkt zu missbrauchen.
      Mit einem unglücklichen Brummen rutschte Devon ein wenig hin und her, wobei er Tava auf seinem Schoß bewegte. Seinen Arm ließ er schon dort, wo er war, ebenso wie sein Gesicht. Jetzt noch zu riskieren, dass Malleus sein Gesicht bei den folgenden Worten sah, brach ihm dann doch einen Zacken aus seiner Krone raus.
      „Du hast mich bis jetzt immer mit Argwohn behandelt. Mir mit deinen Hörnern gedroht. Klar gemacht, dass du mich duldest, aber nicht leiden kannst. Du warst scharf auf Malleus, nicht richtig auf mich, und betrunken. Was, wenn du jetzt aufgewacht wärst und merkst, dass das ne ganz schlechte Idee war?“, fragte er gedämpft. „Wenn du mich angewidert angesehen hättest?“
      Für ihn war im Eifer des Gefechts kein Zweifel in den Worten der Beiden gelegen. Sowohl Malleus als auch Tava hatten ihn in der Nacht gewollt, aber jetzt, am helllichten Tag, war alles anders. Der Suff war vorüber, der Kopf wieder etwas klarer und die Lust vergangen.
      Vermutlich läge da gerade ein angenehmer rötlicher Schimmer auf seinen Wangen, als er weitersprach und genau deswegen weiter den Kopf gesenkt hielt: „Wir… machen das meistens nur der Fortpflanzung wegen… Mir ist später erst eingefallen, dass es ja sein kann, dass du… hm… ich weiß nicht, wie das… rassenübergreifend ist mit… du weißt schon…“
      Devon igelte sich noch weiter ein, sodass Tava spätestens jetzt nicht mehr aus seinen Fängen entkommen konnte. Er fühlte sich unangenehm berührt durch diese Offenheit, die von ihm verlangt wurde, damit dieses Gefüge so bestehen blieb, wie es war. Dass er sich damit ernsthaft beschäftigte bewies ihm, dass er wohl oder übel damit angefangen hatte, dieses Gespann zu wertschätzen. Dass er vielleicht doch nicht als einsamer Jäger weiterziehen musste, sobald er die Hürde mit seiner Herkunft und die Vorurteile beseitigt hatte. Vor ihm lag nun die Möglichkeit, das erste Mal seit über dreißig Jahren nicht allein durch die Welt zu streifen, sondern mit Begleitung. So seltsam sie auch sein mochte.
    • Devon bewegte sich unter Tava. Für einen Moment fürchtete sie fast, er würde sie loslassen - was sie anfangs selbst noch gewollt hatte - um sie richtig ansehen zu können. Wenn das so gewesen wäre, wäre sie vermutlich doch noch getürmt. Es war so schon grenzwertig gefährlich, dass die ersten Tränen rollen würden.
      Aber er sah sie nicht an; als er weitersprach, redete er weiter in ihre Schulter hinein.
      "Du hast mich bis jetzt immer mit Argwohn behandelt. Mir mit deinen Hörnern gedroht. Klar gemacht, dass du mich duldest, aber nicht leiden kannst."
      "Du hast mich in Celestia an den Hörnern hochgehoben!", protestiert sie gleich halblaut. "Soll ich das etwa einfach so vergessen? Entschuldigt hast du dich auch nie!"
      "Du warst scharf auf Malleus, nicht richtig auf mich, und betrunken. Was, wenn du jetzt aufgewacht wärst und merkst, dass das ne ganz schlechte Idee war?"
      Das war ein guter Punkt, sogar einer, an den Tava unterbewusst auch schon gedacht hatte. Wenn sie mit Malleus geschlafen hätte, wäre das anders ausgesehen. Das lag aber auch ganz allein daran, dass Malleus sie noch nie an den Hörnern hochgehoben hatte und ganz allgemein immer freundlich zu ihr gewesen war.
      War es denn eine schlechte Idee gewesen? Tava rutschte auf Devons Oberschenkel herum.
      „Wenn du mich angewidert angesehen hättest?“, fügte er da noch hinzu, irgendwie leiser. Vorsichtiger. Da stutzte Tava.
      Wie kam Devon jetzt auf sowas? Tava hatte ja wohl noch nie zum Ausdruck gebracht, dass Devon sie anwiderte. Was genau sollte sie auch anwidern, seine Größe? Sein Geschlecht? Dass sein Kopf weich und verletzlich und ohne Hörner war? Seine Ohren? Seine Augen? Seine Schuppen?
      Aber da begriff sie es plötzlich, als sie darüber nachdachte, was er nun damit gemeint haben könnte: Devon dachte, Tava könnte die Nacht bereuen, weil sie abgestoßen von ihm war - weswegen auch immer. Er hatte sich nicht zu ihr legen wollen, damit sie - was? Aufwachte, ihn sah und das Gesicht verzog? Dass sie ihm sagte, er solle sie bloß nicht anfassen, weil sie sich so abgestoßen fühlte? Dass sie ihm vielleicht auch vorwarf, was auch immer sie an ihm nicht mochte?
      Dabei hatte Tava sich die ganze Zeit nur auf das Innere konzentriert. Es war ihr ganz egal, wie Devon aussehen könnte, wenn er sie trotzdem an den Hörnern hochhob. Wäre ihr das nicht egal, wäre sie ja wohl kaum hier, denn keiner der beiden Männer hatte Hörner. Und Tava stand nunmal auf große, starke Hörner.
      Noch etwas gedämpfter fuhr er fort.
      "Wir… machen das meistens nur der Fortpflanzung wegen… Mir ist später erst eingefallen, dass es ja sein kann, dass du… hm… ich weiß nicht, wie das… rassenübergreifend ist mit… du weißt schon…"
      Tava blinzelte. Wurde Devon da gerade unsicher? Der große, furchtlose Jäger wurde doch etwa nicht verlegen, oder?
      Mit einer Hand rieb sie sich über die Augen, dann versuchte sie sich umzudrehen. Aber ganz anscheinend hatte der Lacerta nicht vor, dass sie ihm jetzt ins Gesicht blickte.
      "Wovon hätte ich denn angewidert sein sollen? Nein, warte, beantworte das nicht, das war eine blöde Frage."
      Genauso wie die Frage blöd gewesen wäre, warum man Tava meiden sollte.
      "Es gibt nichts, wovon ich hätte angewidert sein sollen. Und ich weiß nicht, was du mit rassenübergreifend... ich will keine Kinder haben, wenn du das meinst. Ich dachte, das wäre irgendwie klar gewesen, aber wenn ihr das mit Fortpflanzung so ernst meint... Kinder gibt's trotzdem nicht. Aber das liegt nicht daran, dass du kein Cervidia bist."
      Devon rührte sich nicht. Tava versuchte es noch einmal, aber aus seinem Griff gab es kein Entkommen.
      "Ich hatte gestern Spaß, ich bin gekommen. Du bist auch gekommen und zwar reichlich. Malleus hatte seinen Spaß. Ich bereue es nicht, auch wenn ich wieder nüchtern bin. Es stört mich auch nicht, dass ihr keine Hörner habt, ich will nur nicht... weggeworfen werden. Wie soll das denn rassenübergreifend sein? Bereust du es etwa?"
    • „Wovon hätte ich denn angewidert sein sollen? Nein, warte, beantworte das nicht, das war eine blöde Frage.“
      Devon, der sich unweigerlich noch weiter angespannt hatte und eigentlich keine Gründe liefern wollte, die Tava aufgreifen konnte, entspannte sich wieder. Ganz offensichtlich waren ihr die Dinge selbst schon aufgefallen und sie bedurfte keine weiteren Anhaltspunkte.
      „Es gibt nichts, wovon ich hätte angewidert sein sollen“, fuhr sie schließlich fort und Devon hob seinen Kopf ein kleines bisschen von ihrer Schulter hoch. Noch nie hatte ihm jemand das so offen gesagt, der kein Lacerta gewesen war. Es jetzt ausgerechnet aus Tavas Mund zu hören, war wie Balsam auf seiner Seele. Dabei sagte sie es in ihrer typischen Art, schnell und unüberlegt, weshalb er ihr gar nicht unterstellen konnte, zu lügen.
      "Ich will auch keine Kinder“, murrte er. Das ließ sich weder mit seinem Plan noch damit verbinden, wie es um seine Gesundheit aussah.
      „Ich hatte gestern Saß, ich bin gekommen. Du bist auch gekommen und zwar reichlich.“ Devon verzog das Gesicht. So genau wollte er das nicht hören. „Mallesu hatte seinen Spaß. Ich bereue es nicht, auch wenn ich wieder nüchtern bin. Es stört mich auch nicht, dass ihr keine Hörner habt, ich will nur nicht… weggeworfen werden. Wie soll das denn rassenübergreifend sein? Bereust du es etwa?“
      Die Antwort darauf war tatsächlich Ja, aber aus einem anderen Aspekt heraus. Einen, den Devon schlecht verbalisieren konnte und vielleicht irgendwann einmal klar werden würden, wenn je der Moment kam, in dem sie sich besser verstünden als nur diese kurzfristige Bekanntschaft. Aber das konnte er jetzt nicht so sagen. Nicht, nachdem sich gerade Wogen zu glätten begonnen hatten.
      „Nein“, antwortete er also umgehend und entschied die Zeit für gekommen, sich aus seiner eingeigelten Haltung zu lösen. Er richtete sich auf, hielt Tava jedoch noch immer mit einem Arm um die Taille fest. Dann schob er ihr den anderen Arm unter die Kniekehlen und stand einfach mit ihr auf. Er trug sie weder ruppig noch riss sie herum, sondern setzte sie ganz sorgsam auf das Bett ab, damit er sich strecken und die Gelenke bewegen konnte. Dann betrachtete er Tava von oben herab mit ihrem noch immer derangierten Hornschmuck.
      Devon streckte seine Hand nach Tavas Hörnern aus. Wie immer ließ sie ihren Kopf ein wenig weiter nach vorn fallen – das konnte sie wohl einfach nicht anders. Er strich über das Horn hinweg bis er am ersten verhedderten Teil ihres verbliebenen Hornschmuckes ankam. Dann begann er, ihr nach und nach den Schmuck zu entwirren. Malleus bekam einen kurzen, intensiven Seitenblick des Lacertas ab. „Hilfst du mal?“
      Zusammen machten sie sich daran, Tava von dem Chaos an ihren Hörnern zu befreien. So konnte sie das Zimmer immerhin schlecht verlassen, denn dann wirkte sie eher derangiert als alles andere. „Wusste nicht, dass man euch nicht einfach hochheben soll“, sagte Devon irgendwann in das Geklimpere hinein, ohne dabei jedoch Tavas Blick zu suchen. „War Affekt. Hab’s ja auch kein zweites Mal getan, oder?“
    • Malleus stützte schweigend das Kinn in die Hand, wobei seine Finger einen Großteil seines Mundes verdeckten.
      Vor allem den Teil, der sich gerade zu einem zufriedenen Schmunzeln verzog. Still beobachtete er Tava und Devon, die sich der schwierigen Hürde stellten und nach Erklärungen für ihr Verhalten suchten. Nein, nicht nach den Gründen, nach den richtigen Worte, die wohl nicht oft von ihnen verlangt wurden. Es war stockend und unbeholfen, aber vor allem ehrlich. Gerade Devon, der sein Gesicht geschickt vor Tava und Malleus verbarg, hatte so seine Schwierigkeiten. Es war ein eigenartig intimer Moment, von dem er gerade Zeuge wurde und erfüllte ihn mit einem sehr befremdlichen Gefühl. Malleus fühlte einen seltsamen Hauch von Frieden, hier, in der kleinen Dachkammer in den ersten Stunden des neuen Tages. Er musste sich eingestehen, dass er diesen kurzen Augenblick genoss.
      Devon krümmte sich enger um Tava um die Wärme ihres Körpers nicht zu verlieren. Gleichzeitig hielt er die Cervidia davon ab doch aus dem Zimmer zu stürmen und irgendwelchen Blödsinn anzustellen. Sein Blick richtete sich auf Tava, die in ihrer ganz speziellen Art die Last etwas von Devons Schultern hob. Malleus war zuvor nicht bewusst gewesen, wie sehr die Angst vor Ablehnung in seinen Begleitern verankert war. Er erinnerte sich an Tavas große und schimmernde Augen, als er sie wegen des Brandes harsch zurechtgewiesen hatte. Einen Bruchteil davon hatte er auch an diesem Morgen in ihrem Blick gesehen.
      Malleus rührte sich auch nicht, als Devon sich erhob und sich mehr schlecht als recht an dem verhedderten Hornschmuck versuchte. Die filigranen Goldkettchen- und Plättchen klimperten unaufhörlich dabei. Erst als er den Blick des Lacerta auf sich spürte, löste sich seine Aufmerksamkeit von den Händen des Jägers. Mit beinahe erwartungsvoller Nüchternheit sah er Devon an und ein unangenehmes Kribbeln breitete sich in seinem Nacken aus. Nun war es bestimmt an ihm, Fragen zu beantworten.
      „Hilfst du mal?“
      Er blinzelte und nickte.
      Den Protest seiner knirschenden Gelenke ignorierte Malleus als er sich langsam erhob und sich zu Devon gesellte. Während der Lacerta sich einem Horn widmtete, tat es Malleus ihm auf der anderen Seite gleich. Die Fingerspitzen glitten über die Hornbasis und Stückchen für Stückchen weiter nach oben. Mit geschickten Fingern entwirrte er verfangene Haarsträhnen aus zarten, goldenen Ösen und ließ die Strähnen durch seine Finger gleiten. Sie waren bestimmt so weich, wie sie aussahen.
      „Wusste nicht, dass man euch nicht einfach hochheben soll."
      Malleus' Kehle verließ eine eigenartige Mischung aus verschlucktem Lachen und Schnauben. Er war wohl von allen Anwesenden am meisten über diesen Laut verwundert. Sein Blick heftete sich ganz beharrlich auf die Tätigkeit seiner Finger.
      "Ich denke es ist nie eine gute Idee jemanden ungefragt hochzuheben...", räusperte er sich.
      „War Affekt. Hab’s ja auch kein zweites Mal getan, oder?“
      Ein kleines Bisschen senkte er das Kinn ab damit niemand das Schmunzeln auf seinem Gesicht bemerkte.
      Lange blieb es nicht, denn je heller das Licht im Raum wurde umso näher rückte das Unvermeidliche.
      "Ich muss euch um etwas bitten", begann Malleus und schob eine entknotete Haarsträhne hinter Tavas Ohr. "Wenn wir zurückkehren, würde ich es vorziehen, dass wir uns etwas...bedeckt halten. In Oratis gibt es zu viele neugierige Augen und Ohren."
      Er musste nicht aufsehen um zu spüren, wie sich Blicke in ihn bohrten.
      "Ich schäme mich nicht für euch.", schob er äußerst ernst hinterher.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Auch Devon bereute die Nacht nicht und das war so ziemlich die beste Übereinkunft, zu der sie kommen konnten. Tava war unglaublich verschlossen darüber gewesen, allzu viel zu erklären, aus der Angst, vor den Männern in Tränen auszubrechen, und Devon schien selbst nichtmal wirklich redewillig zu sein, was sie auch gar nicht verwunderte. So gesehen hatten sie sowieso schon viel mehr gesagt, als sie sonst getan hätten.
      Devon regte sich und machte Anstalten aufzustehen. Daraufhin wollte Tava von seinem Schoß rutschen, wurde aber festgehalten. Er stand auf, aber vorher schob er den Arm unter ihre Beine, als wäre sie irgendeine Art von Prinzessin. Tava machte einen überraschten Laut, als er sie hochhob, dann schlang sie die Arme um seinen Nacken. Das ging jetzt besser nach letzter Nacht. Das dumpfe Gefühl der Schuppen unter ihren Händen kam ihr bekannt vor.
      Er setzte sie ungewöhnlich sanft auf dem Bett ab, dann richtete er sich zu voller Größe auf und streckte sich lang. Tava nutzte die Ablenkung, um sich noch einmal über die Augen zu fahren und dann verstohlen seinen Schoß zu betrachten. Sie hatten es wirklich letzte Nacht getrieben, was? Wer hätte schon denken können, dass der Besuch in Oratis so ausgehen würde.
      Sie sah weg, bevor es ihm noch auffallen konnte, da streckte er die Hand nach ihr aus. Es war mittlerweile schon reiner Reflex, dass sie für ihn den Kopf senkte, worüber sie sich jetzt ärgerte. Hätte sie nur eher herausgefunden, dass hinter dem harten Lacerta auch etwas anderes steckte, hätte sie diese Gewohnheiten gar nicht erst aufbauen müssen. So versuchte sie es aber jetzt, indem sie den Kopf zumindest wieder hob.
      Er zog und bastelte ein wenig an dem Hornschmuck, als auch Tava begriff, was sein Ziel war. Sehr viel mehr Erfolg als sie hatte er aber auch nicht.
      "Hilfst du mal?"
      Hinter ihr knarzte der Stuhl, als Malleus sich aufrichtete und dann in ihr Blickfeld trat. Der Mann sah ziemlich schlimm aus mit den noch dunkleren Augenringen. Er hatte ja auch allen ernstes eine ganze Nacht auf einem Stuhl verbracht.
      Gemeinsam begannen sie, an dem Schmuck zu arbeiten. Tava ließ sich machen; sie hätte sich darüber echauffieren können, dass sie beide so an ihr herum werkelten, aber sie hatte es selbst nicht besser hinbekommen. Außerdem hatte vielleicht Malleus eine Ahnung von diesem Zeug, wenn es schon von den Signa Ignius stammte.
      Devon durchbrach irgendwann die Stille.
      "Wusste nicht, dass man euch nicht einfach hochheben soll."
      "Das kannst du bei jemandem machen, dem sowas gefällt", murrte Tava und Malleus fügte unter Räuspern hinzu:
      "Ich denke es ist nie eine gute Idee, jemanden ungefragt hochzuheben..."
      Jetzt musste auch Tava schmunzeln. Zumindest sah einer von ihnen die Situation etwas lockerer und das konnte ansteckend sein.
      "War Affekt. Hab’s ja auch kein zweites Mal getan, oder?"
      "Ich hab's auch gar nicht erst ein zweites Mal dazu kommen lassen."
      Das blieb nun unkommentiert, aber Tava konnte unter ihren Hörnern hindurch einen Blick auf Devons Gesicht erhaschen, das so hart war wie immer. Also war auch wieder alles beim alten. Nun, nicht ganz beim alten, aber nah genug.
      Zusammen schafften die beiden Männer es, die Hörner von dem Schmuck zu entwirren. Malleus reichte das Knäuel an Tava weiter, die es sofort in ihrer Tasche verschwinden ließ, unwillens, es zurückzulassen. Vielleicht hatten die Signa Ignius es schon vergessen und sie könnte es mitnehmen. Nicht, dass sie besonders viele Gelegenheiten hätte sich hübsch zu machen, aber... sie mochte es. Das konnte doch Grund genug sein.
      "Ich muss euch um etwas bitten", sagte Malleus und gewann Tavas Aufmerksamkeit schon alleine davon, wie er ihr sachte eine Haarsträhne hinter die Ohren schob. Als könnte sie etwas ganz wertvolles für ihn sein.
      "Wenn wir zurückkehren, würde ich es vorziehen, dass wir uns etwas...bedeckt halten. In Oratis gibt es zu viele neugierige Augen und Ohren."
      "Was heißt bedeckt halten?"
      Tavas Hörner waren nicht für Unauffälligkeit geschaffen. Allerdings waren auch viele andere Cervidia in der Stadt unterwegs.
      "Ich schäme mich nicht für euch", schob er da ganz ernsthaft hinterher und Tava glaubte zu verstehen, was er mit bedeckt gemeint hatte. Was er genau gemeint hatte. Tava war aber sowas eh nicht gerade wichtig, daher nickte sie nur. Niemand sollte sich dazu genötigt fühlen darüber nachzudenken, wo oder wie das Trio die Nacht verbracht hatte.
      "Kann ich trotzdem noch was anzünden gehen?"
      Immerhin fragte sie jetzt ganz brav, was sie sicher nicht immer tun würde, aber zugegeben war das nicht unbedingt die Unauffälligkeit, die sich Malleus erhofft hatte. Es überraschte sie daher gar nicht, dass er es ihr verbot, aber enttäuscht war sie trotzdem.

      So verließen sie das Zimmer ohne Flammen und mit einem halbwegs ordentlichen Bett. Damit waren sie vermutlich sogar sauberer gewesen als die meisten anderen Leute, die vom Fest kamen. Nicht, dass es den Wirt bei dem guten Geld sonderlich gekümmert hätte.
      Tagsüber waren die Straßen nun nicht mehr allzu sehr verstopft und die vielen großen Menschenmassen, die sich um die Musik scharrten, hatten sich auch aufgelöst. Ihr Rückweg zum Hauptsitz des Kultes ging ohne Vorfälle vonstatten und dabei ließ Tava auch ein wenig ihres Trübsals fallen. Wenn sie sich einmal damit abgefunden hatte, dass die beiden sie nicht einfach hatten wegwerfen wollen, schien die Welt sogar eigentlich ganz schön zu sein. Jetzt hatte sie eine Nacht Sex hinter sich, einen Orgasmus, und dabei war sie noch immer mit den beiden unterwegs! Besser konnte es ja eigentlich kaum laufen.
    • „Ich muss euch um etwas bitten. Wenn wir zurückkehren, würde ich es vorziehen, dass wir uns etwas… bedeckt halten.“
      Bei dem Wortlaut blickte Devon unweigerlich auf. Was hatte Malleus denn erwartet? Dass Tava und er fröhlich herum posaunten, dass sie den großartigen Kultistenführer bei ihrer Liebesnacht dabeigehabt hatten? Darüber konnte Devon nur müde den Kopf schütteln. Das wohl offensichtlichste Problem lag eindeutig an Malleus‘ Halsseite und das lag dann in seinem Ermessen zu kaschieren. Ergo erwiderte Devon darauf nichts.
      „Kann ich trotzdem noch was anzünden gehen?“, fragte Tava, die von beiden Männern zurechtgewiesen wurde.

      Malleus hatte wohl das richtige Gasthaus ausgesucht gehabt, denn niemand sah die Drei mit fragenden Blicken an, als sie sich über die Treppe nach draußen stahlen. Tava wippte beim Laufen regelrecht und war jetzt scheinbar wieder bester Laune. Malleus wirkte ein wenig steif, aber sonst recht unbeeindruckt und Devon… Devon hatte das Gefühl, als könne jeder riechen, dass er es mit Tava getrieben und Malleus dabei zugesehen hatte. Da half auch nicht, dass er sich wieder bis zur Unkenntlichkeit vermummt hatte.
      Als sie wieder am Sitz der Signa ankamen – Tava musste immerhin die Überbleibsel des Schmucks abgeben und sie neue Hinweise zu den Manuskripten suchen – waren schon draußen Jünger, die Malleus grüßten und ihn regelrecht anbeteten. Irgendwie hatte sich der Zauber in den Augen des Lacertas verloren. Jedenfalls nach letzter Nacht.
      Ohne Umschweife betraten sie den Raum, in dem sich wieder wissbegierige Kultisten über Schriftstücke hermachten und Amentia gerade noch dabei war, das Schwert, welches Devon zurückgelassen hatte, mit langen Fingern zu inspizieren. Sie zuckte mit einer Spur Schuldbewusstsein von der Klinge zurück, als Devon plötzlich neben ihr stand und mit scharfem Blick sein Schwert wieder an sich nahm. Zur Sicherheit, natürlich.
      Von Devon aus glitt Amentias Blick über Tava, die bester Laune war und ihren Schmuck gerade auf einem benachbarten Tisch ablud. Dann erst fiel ihr Blick auf Malleus, der, der zu ihrer Verwunderung, seine Haare offen trug. „Ich hoffe, das Fest hat Gefallen gefunden?“, fragte sie mit möglichst interessierter Stimme, aber sie hatte nur Augen für den Führer der Kultisten. Schon lange hatte sie ihn nicht mehr mit seinen Haaren offen gesehen und sie war sich sicher, dass sein Gefolge es nicht wertschätzte, wie schön es mit den Goldreifen und der Zierde aussah. Es wirkte ein wenig derangiert und ihr war sein steifer Gang aufgefallen. Es war nicht viel, aber als jemand, der nahezu jeden Schritt mit Argusaugen beobachtet hatte, seit er klein war, bemerkte das winzige Stocken zu früh sofort. Sonderlich skeptisch war sie darüber nicht. Er musste woanders genächtigt haben. Immerhin war er nicht in seinem hiesigen Zimmer gewesen, dessen hatte sie spätnachts noch überprüft.
      "Mir ist da ein gewisser Zwischenfall genannt worden“, begann sie stattdessen und sprach dabei ausschließlich Malleus an, der vermutlich direkt wusste, wovon sie sprach. „Ein unleidlicher Zwischenfall. Wir haben nicht damit gerechnet, dass jemand derart dreist sein würde und es wagt, Eure Archive aufzusuchen… Es gab nur einen Augenzeugen, aber ich habe veranlasst, dass niemand weiter auf die Suche geht. Ihr wollt Euch sicher selbst ein Bild über den Tatort machen…“
      Sie war zu ihm herüber gekommen, um nicht durch den ganzen Raum schreien zu müssen. Je näher sie kam, umso mehr schien Malleus darauf erpicht zu sein, ihre Nähe zu meiden. Für einen schrecklich langen Moment fürchtete sie, ihre Anwesenheit wäre ihm zuwider geworden, und mit sorgenvollen Augen sah sie ihn an.
      Bis sie den aufgestellten Kragen sah und die Haut darunter. Die Sorge fiel augenblicklich von ihr ab und absolute und totale Fassungslosigkeit machten sich in ihr breit. Knutschflecken wären auf Malleus‘ Haut praktisch kaum zu sehen gewesen, aber DAS da war nicht nur sichtbar, sondern sogar fühlbar. Amentias Augen wurden unmöglich groß, als sie in Sekunden ermittelte, dass die betonten Eckzähne von keinem Menschen oder Cervidia stammen konnte. Die stumpfen Schneidezähne stammten nicht von Felitas. Amentia konnte nicht anders, als auf dem Absatz herumzuwirbeln und den großen Lacerta mit einem vernichtenden Blick anzustarren.
      Devon erstarrte, dann begegnete er den Blick und richtete sich noch mehr auf, dass sein Kopf der Decke gefährlich nah kam.
      Sprachlos wirbelte Amentia wieder herum, die Anklage wortlos in ihren Augen niedergeschrieben. Ihre sonst so gute Beherrschung bröckelte stark, sodass die umstehenden Jünger auch begriffen, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Sonst würde ihre Amtsvorsteherin wohl kaum so ein Gesicht machen. Ihr Mund öffnete sich, schloss sich, öffnete sich wieder. Dann leckte sie sich nervös über die Lippen und versuchte, ihr Verhalten wieder in den Griff zu kriegen.
      Devon indes wurde wieder kleiner und schnappte sich sein Schwert, um zumindest irgendwie aus der Schussbahn zu gelangen.
      „Was. Zum. Teufel?“, würgte Amentia schließlich doch hervor, ganz leise und kaum hörbar.
    • Niemand in den verschlafenen Straßen von Oratis schenkte ihnen Beachtung. Malleus zog es vor die großen Hauptstraßen zu vermeiden und einen kleinen Umweg durch die verträumten, kleinen Gassen einzuschlagen, damit er die friedliche Ruhe einen Moment länger genießen konnte. Mit jedem Schritt, den sie sich dem Quartier des Kultes näherten, veränderte sich seine gesamte Haltung. Die Entspannung verflüchtigte sich und als sie den belebten Vorplatz erreichten, umgab ihn eine allgegenwärtige Aura der Autorität. Treue Anhänger der Signa Ignius begrüßten Malleus mit respektvollen Verneigungen, baten um ein kurzes Wort und trugen bereits am frühen Morgen ihre Belangen vor. Die Geduld, die Malleus dafür aufbrachte, verdiente wirklich Anerkennung.
      Im Gemeinschaftsraum ging es zu diesen frühen Morgenstunden ein wenig disziplinierter zu. Es mochte daran liegen, dass Amentia mit erhobenem Haupt durch die Reihen schritt und schlussendlich ihr Interesse wieder auf einen glänzenden Gegenstand auf einem der Tische richtete. Die Schwertklinge schimmerte mit tödlicher Schönheit im Licht der Morgensonne und Malleus konnte seiner langjährigen Vertrauten die Faszination nicht verdenken. Malleus verzog keine Miene, als Amentia schuldbewusst zuckte, als Devon mit der Lautlosigkeit eines erfahrenen Jägers seine Waffe zurückverlangte. Sein Blick ruhte auf dem breiten Rücken des Lacerta und folgte den geschmeidigen Bewegungen des Mannes, der nicht hinter beengende Mauern gehörte. Obwohl Malleus die Annehmlichkeiten von Oratis schätze, sehnte sich ein Teil von ihm zurück in die Wildnis.
      "Mir ist da ein gewisser Zwischenfall genannt worden“, richtete Amentia das Wort an ihn. „Ein unleidlicher Zwischenfall. Wir haben nicht damit gerechnet, dass jemand derart dreist sein würde und es wagt, Eure Archive aufzusuchen… Es gab nur einen Augenzeugen, aber ich habe veranlasst, dass niemand weiter auf die Suche geht. Ihr wollt Euch sicher selbst ein Bild über den Tatort machen…“
      "Dieses kleine Ärgernis ist mir schon zu Ohren gekommen. Danke, Amentia. Du hast richtig gehandelt. Wir werden uns später genau umsehen. Sollten es tatsächlich Novizen des Einen gewesen sein, werden sie Spuren hinterlassen haben. Sie mögen kühn gewesen sein, aber sicherlich nicht besonders klug", antwortete er und hatte dabei sogar ein mildes Lächeln für die Frau übrig. Er schätzte ihre Gewissenhaftigkeit. Das würde ihnen die spätere Arbeit leichter machen.
      Offensichtlich war er nicht mit genügend Geschick vorgegangen, denn Amentia beäugte schon bald die Stellen an seinem Hals, die er notdürftig zu kaschieren versucht hatte. Er hätte wissen müssen, dass ihren scharfen Augen und ihrem wachen Verstand nichts entging. Obwohl sich rein gar nichts auf Malleus' Gesicht abspielte, überraschte es ihn dennoch, dass Amentia gezielt Devon ins Auge fasste. Hatte ihre herausragende Beobachtungsgabe den Lacerta bereits enttarnt?
      Malleus winkte einen der Kultisten heran und beauftragte ihn damit, in den Zimmern seiner Gäste und auch in seinem eigenen ein Bad zu bereiten und ebenfalls eine Mahlzeit bereits zu stellen. Es war keine ungewöhnliche Bitte.
      Er richtete sich knapp an Tava.
      "Sag ihnen, was Devon und du braucht, und es gehört euch, Tava", sprach er mit gedämpfter, aber erschreckend distanzierter Stimme. "Wenn du fertig bist, möchte ich, dass du in meine Schreibstube kommst."
      Eine dezente Unruhe breitete sich langsam im Raum aus, dass Verhalten ihrer Vorsteherin machte die anwesenden Kultisten nervös. Sie sahen sich um, sahen Devon an, aber betrachteten nicht Malleus als Auslöser für das Verhalten von Amentia.
      „Was. Zum. Teufel?“
      "Vergiss nicht wo wir uns befinden, Amentia", raunte er ohne den Blick zu senken. Es sah so aus als würde sein Blick die Schäden des Brandes überfliegen. "In meine Schreibstube. Sofort."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Devon nutzte die Vorlage umgehen. Er hängte sich an Tava, um mit ihr zusammen einem der Anhänger in das besagte Gästezimmer zu folgen. Alles war besser, als hier zwischen die Fronten zu geraten. „Ich brauch einen entsprechend großen Zuber oder sowas…“, murmelte er, während er mit Tava im hinteren Abteil durch Türen und Gänge geführt wurden, um am Ende in einem gemeinsamen Gästezimmer zu landen. Mit nur einem Bett, verstand sich.
      Tava gab dem armen Mann gefühlt eine Liste von Dingen an die Hand, der sich Haare raufend aus dem Zimmer stahl, um dem Auftrag nachzukommen. Devon hatte lediglich nach einem frischen Hemd gewünscht und ganz einfach: etwas zu essen.
      Jetzt stand er jedoch ein bisschen wie bestellt und nicht abgeholt in dem Raum. Tava inspizierte bereits sämtliche Möbel und Stoffe auf Brennbarkeit, wie es schien, aber er sah sich ein wenig unbeholfen um. Immerhin hatte er hier noch keine Erlaubnis bekommen, sich frei zu bewegen. So was Blödes aber auch.

      Amentia rauschte in Malleus‘ Schreibstube, hatte aber wenigstens noch so viel Anstand, um dem Führer des Kultes noch die Türe offen zu halten. Kaum war er mit der üblichen Ruhe eingetreten, schloss sie die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Sitzen war jetzt nicht mehr drin.
      „Malleus!“, zischte sie den Mann an, der sich als Erstes einen Stuhl heranzog und sich gelassen setzte. „Ich maße mir nicht an, über deine Bekanntschaften zu urteilen, aber das“, sie zeigte sehr energisch auf ihren eigenen Hals, „übertrifft dann doch alles bei Weitem. Hat er dich angegriffen? Zweimal?“
      Ihr Mieder knarzte schon unter der Last, so heftig atmete sie ein und aus. Es war ein Unding, dass sie ihn nicht mal berühren durfte und ein anderer ihn sogar verletzte. Sie würde eigenmächtig dafür sorgen, dass Devon Malleus nie wieder anfasste. Wie konnte es überhaupt sein, dass er dann mit ihm noch so galant umherzog? Hatte sie etwas verpasst?
      „Er ist ein Lacerta!“, zischte sie noch leiser und es klang aus ihrem Mund beinahe so, als hätte Malleus die Todsünde selbst aus den Gräben gezogen. „Ich bin doch nicht blind! Seine Größe, das Schwert, die Augen! Ich weiß ganz genau, von wem diese Abdrücke ganz bestimmt nicht stammen können!“
      Sie hatte ihre Hände flach gegen das Holz der Tür gedrückt, um sich mit der Rauheit des Holzes abzulenken. Aber es half nicht viel, sie war immer noch bodenlos bestürzt. Bestürzt und fasziniert und verletzt. Eine sehr, sehr seltsame Kombination.
      „Ich habe noch nie zuvor einen Lacerta getroffen und du auch nicht, das weiß ich. Dass du ihn als dein Gefolge hältst wegen der Informationen und der Dinge, die du aus ihm gewinnen kannst, ist auch verständlich. Aber wie hat er sich bitte das Recht erarbeitet, dich berühren zu dürfen?“
      Ihr Ausdruck erweichte sich, etwas Flehentliches schlich sich ein und ihre Schulter sackten endlich wieder nach unten. Als sie wieder sprach, war die größte Aufregung verschwunden und hatte etwas Anderem Platz gemacht: „Ist es, weil er ein Mann ist? Ich bin so lange an deiner Seite, kenne dich besser als alle Anderen und dennoch war es nur das eine Mal, wo ich dich anfassen durfte, und das waren deine Hände…“
    • Malleus betrat seine Schreibstube wohlwissend, dass sich in seinem Rücken gerade ein Unwetter zusammenbraute. Dass Amentia die Fassung verlor, war ein seltener Anblick. Dafür hatte sie sich zu viel von ihrem Lehrmeister abgeschaut. Die Tür schloss sich mit einem leisen 'Klick' und schirmte damit neugierige Augen und Ohren von der Szenerie ab. Er blickte nicht über die Schulter zurück, als er seinen Namen in eine ungewöhnlich harschen Tonfall vernahm, der ihm gar nicht gefiel. Mit aller Seelenruhe umrundete er den wuchtigen Schreibtisch und zog den Stuhl ein wenig zurück. Die Müdigkeit ließ er sich keine Sekunde lang anmerken, als er sich zurücklehnte und mit erprobter Gelassenheit ein Bein über das andere schlug.
      "Reiß dich zusammen, Amentia. Er hat mich nicht angegriffen. Denkst du allen Ernstes, er würde dann noch unter diesem Dach verweilen?", wies er die Frau zurecht und unterband gleichzeitig alle falschen Verdächtigungen. Ein Gerücht dieser Art konnte den Jäger in Schwierigkeiten bringen, die selbst Malleus nur mit Müh und Not gerade biegen konnte, wenn er dabei sein Gesicht nicht verlieren wollte. Nicht vor den folgsamen Schäfchen, die zu ihm aufblickten. Er trommelte mit den Fingerspitzen auf seinem Knie, während er Amentia zuhörte, die natürlich bemerkt hatte, dass Devon kein gewöhnlicher Mann war.
      Er ist ein Lacerta!
      Der abfällige Tonfall gefiel ihm noch weniger als der Erste.
      "...Aber wie hat er sich bitte das Recht erarbeitet, dich berühren zu dürfen?"
      Malleus beobachtete schweigend wie Amentia sich durch ihren Unmut kämpfte und langsam die Spannung aus ihrem Körper wich, als sich der Schock über die Entdeckung in etwas gänzlich Anderes verwandelte. Die harten Züge schmolzen ein wenig und sie sprach nun mit einer Ratlosigkeit, die Malleus nicht erwartet hatte.
      "Ist es, weil er ein Mann ist?"
      Das war es also....Er hatte nie etwas getan, um diesen unausgesprochenen Wünschen einen fruchtbaren Nährboden zugeben. Selbst wenn es möglich gewesen wäre, hätte er sich nie dazu verleiten lassen. Gefühle waren ein schlechter Verbündeter und hatte gehofft, dass sich diese jugendliche Schwärmerei mit den Jahren verlor. Vier Jahre des Abstandes hätten ihren Teil dazu beitragen sollen. Oratis bot so viele Verlockungen, doch Amentia war keiner von ihnen erlegen. Darüber empfand er Stolz und gleichzeitig Bedauern. Er wünschte sich selten aus reinster Nächstenliebe etwas Glück für einen Menschen, aber nach all den Jahren der Entbehrungen, hätte er es dieser Frau gewünscht, die treu an seiner Seite stand.
      "...Ich bin so lange an deiner Seite, kenne dich besser als alle Anderen und dennoch war es nur das eine Mal, wo ich dich anfassen durfte, und das waren deine Hände..."
      "Wann sind wir an dem Punkt angekommen, dass du eine Rechtfertigung von mir einfordern kannst?", antwortete Malleus und setzte sich dabei aufrechter hin während seine dunklen Augen sich in Amentias bohrten. "Ich vertraute dir, Amentia. Du hütest meine Geheimnisse, seit wir die Ketten von unseren Händen gestreift haben, aber ich will dich nun daran erinnern, dass meine persönlichen Belange in dieser Form, außerhalb deiner Befugnis liegen. Devon ist der fähigste Drachenjäger..."
      Malleus hob die Hand bevor Amentias Unmut neue Fahrt aufnahm. Ein Jäger in der Mitte der Signa Ignius war ein Skandal.
      "...der mir je begegnet ist. Ich lege viel Hoffnung darin, dass er neue Spuren unseres großen Adrastus findet. Sieh mich nicht so schockiert an...er wird mit seinem Schwert nie nah genug an die mächtige Feuergeißel herankommen um überhaupt Schaden anzurichten. Aber sein Verständnis für die Drachen ist faszinierend und äußerst nützlich. Tava ist wissbegierig und eine talentierte Alchemistin. Ein roher Diamant, der mit der richtigen Führung Großes vollbringen kann. Sie hat ihre gutes Gespür mehr als einmal unter Beweis gestellt. Wir träumten unser ganzes Leben lang davon Adrastus gegenüber zu treten, willst du das nicht mehr, Amentia? Deshalb sind wir hier. Deshalb brauchen wir diese Manuskripte. Du hast meine Entscheidungen und Gewohnheiten nie in Frage gestellt, also, warum jetzt?"


      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Reiß dich zusammen, Amentia. Er hat mich nicht angegriffen. Denkst du allen Ernstes, er würde dann noch unter diesem Dach verweilen?“, war der erste scharfe Schuss des Kultistenführers, der Amentia aber nicht den Wind aus den Segeln nehmen konnte.
      Natürlich wusste sie, dass Devon wenigstens von der Erdoberfläche verschwunden wäre, hätte er sich tätlich gegenüber Malleus verhalten. Der Mann ging dabei mit solch einer Rationalität vor, dass es schlichtweg keine andere Lösung dafür gegeben hätte. Alles, was ihm irgendwie gefährlich werden konnte oder gar wurde, wurde ausgesiebt. Auf die eine, oder die andere Art und Weise. Aber dieser winzige Funken Hoffnung, dass die Abdrücke an seinem Hals doch von einem Übergriff stammten und nicht von dem, was sie insgeheim befürchtete, hatte sie diese hinfällige Frage stellen lassen.
      Also ging es nicht anders, als ein winziges Bisschen von dem preiszugeben, wie es mit ihrer Gefühlswelt wirklich aussah. Nur ein kleiner Wermutstropfen der Wahrheit, damit Malleus verstand, wieso sie so reagierte, wie sie es tat. Nicht nur, dass sie eifersüchtig und verletzt war, sondern tatsächlich auch besorgt um Malleus. Allein der Punkt, dass Devon ein Lacerta war, konnte ihm mehr schaden als alles andere. Wenn dann noch rauskäme, dass die beiden Männer mehr als nur Freundschaft miteinander teilten, dann…
      „Wann sind wir an dem Punkt angekommen, dass du eine Rechtfertigung von mir einfordern kannst?“ Malleus richtete sich auf seinem Stuhl gerade auf und nahm mit seiner Präsenz mit Leichtigkeit den ganzen Raum ein.
      Auch Amentia richtete sich passend mit ihm auf. „Ich habe nicht nach einer Rechtfertigung verlangt“, erwiderte sie knapp, fühlte sich aber durch diesen kleinen Satz schon wieder zurückgesetzt.
      Malleus fuhr fort, machte ihr klar, dass sie zwar seine Vergangenheit mit kannte, aber sich nie das Recht herausnehmen durfte, mehr für ihn zu wollen als er selbst. Sie wusste, dass er ihr vertraute, mehr noch als allen anderen Anhängern des Kultes. Aber diese zwei – Tava und Devon – schienen sie selbst in diesem einen einzigen Spitzenbereich abzulösen. Sie verlor ihr Alleinstellungsmerkmal, das, was sie behaupten konnte, als Einzige über ihn zu wissen. Ob er ihnen schon gesagt hatte, woher all die Male an seinem Körper stammten?...
      „Devon ist der fähigste Drachenjäger…“
      Sämtliche Zweifel gingen sofort über Bord. Amentia riss die Augen auf, holte schon tief Luft, ihr Mieder spannte sich – „… der mir je begegnet ist.“
      Amentia klappte den Mund zu, einzig und allein als er seine Hand hob. Sie zwang sich dazu, in Stille seiner Predigt zu lauschen und ja, sie bezweifelte es tatsächlich, an die Feuergeißel heranzukommen. Nicht den Drachen, die Geißel des Himmels. Sondern ihre persönliche, die, die auf Erden wandelte.
      „Wir träumen unser ganzes Leben lang davon, Adrastus gegenüber zu treten, willst du das nicht mehr, Amentia?“
      Sie schweig und kniff die Lippen zusammen. Wenn sie dafür Malleus bekommen könnte…
      „Deshalb sind wir hier. Deshalb brauchen wir die Manuskripte. Du hast meine Entscheidungen und Gewohnheiten nie in Frage gestellt, also, warum jetzt?“
      Er fragte es so… kühl. So desinteressiert. Als würde diese ganze Unterhaltung ihn nur Zeit kosten und ihr Ausbruch nur noch Nerven dazu. Sie hielt seinem Blick noch immer stand, dunkle Augen, die bis auf den Grund ihrer Seele zu schauen schienen, und sich doch bewusst für das Schweigen entschieden. Schweigen, welches auch Amentia fast ihr gesamtes Leben über bewahrt hatte.
      „Weil ich dich noch nie mit Zeichen anderer gesehen habe. Seit dem Abend, wo wir deine Hände gezeichnet haben“, sagte sie schließlich nach einer Weile und machte das, was sie am Besten konnte: Ihren Lehrmeister nachahmen. „Du verlangst nach Diskretion, die bekommst du. Möchtest du die Archive heute noch besichtigen oder lieber erst morgen? Ich kann dir gerne den Zeugen herholen lassen, der dich zu den Archiven begleitet und dir erzählt, was du wissen musst.“
      Fort war die niedergeschlagene Amentia. Wie weggewischt war die Frau, die sich von ihren Emotionen hatte übermannen lassen und gehofft hatte, ein einziges Mal Anklang dafür zu finden. Dieser kurze Wortwechsel hatte ihr klargemacht, auf welcher Stufe sie immer stehen würde und damit verdiente er sich auch nur genau das von ihr, und nicht mehr.
    • „Weil ich dich noch nie mit Zeichen anderer gesehen habe. Seit dem Abend, wo wir deine Hände gezeichnet haben“, antwortete Amentia und klang dabei beinahe...niedergeschlagen. Malleus ließ sich zurück in den Stuhl sinken. Die ernsten Fältchen zwischen seinen Augenbrauen glätteten sich und der harte Zug um seine Augen erweichte für den Bruchteil einer Sekunde.
      "Amentia...", setzte der Mann zu einer Erwiderung an. Die Art und Weise wie er ihren Namen formte, erinnerte an ein leises Seufzen. Es war die Art von Seufzen, das eine Erkenntnis begleitete und einem letztendlich doch vor Augen führte, dass einem die Hände gebunden waren. Malleus sah zu wie die Gesichtszüge der Frau, die Hüterin all seiner Geheimnisse und seiner Vergangenheit war, die so viel Macht in ihren Händen hielt und doch nie davon Gebrauch gemacht hatte, verhärteten. Er hatte diesen Ausdruck noch nie in ihrem Gesicht gesehen: Er hatte ihre Gefühle verletzt.
      Der Moment flog vorbei und nahm alles mit sich, das Malleus hätte erwidern können. Es war besser auf diese Weise. Ihre Geschichten waren zu eng miteinander verknüpft und er hätte ihr nie geben können, was sie sich wünschte.
      Ebenso wenig konnte Malleus vorraussehen, ob sich die Ereignisse der vergangenen Nacht jemals wiederholten noch ob er dazu in der Lage war, die Grenzen noch einmal so weit auszudehnen, bis seine Vergangenheit ihn gnadenlos einholte. Vielleicht war es derWein gewesen. Vielleicht hatte er für eine Nacht einfach Glück gehabt. Der Gedanke hinterließ einen bitteren Beigeschmack auf seiner Zunge, der defenitiv nicht von dem Wein stammte, den er getrunken hatte.
      „Du verlangst nach Diskretion, die bekommst du."
      Er besaß genug Taktgefühl um das 'Danke' herunterzuschlucken.
      "Möchtest du die Archive heute noch besichtigen oder lieber erst morgen? Ich kann dir gerne den Zeugen herholen lassen, der dich zu den Archiven begleitet und dir erzählt, was du wissen musst.“
      Malleus beugte sich vor und wie Amantia, verschloss sich der Ausdruck auf seinem Gesicht wieder. Die gewohnte Neutralität, die es unmöglich machte zu erkennen, was hinter den dunklen Augen vor sich ging, nahm ihren angestammten Platz ein. Es war eine Form der Professionalität und Autorität, die er diesem Moment sogar ein wenig verabscheute. Amentia hatte diese Behandlung nicht verdient, schon gar nicht von ihm.
      Aber es war besser so.
      "Wir werden keinen weiteren Tag verlieren und uns zum Gespött von Oratis machen, während die Diener des Einen sich auf unsere Kosten amüsieren. Ich werde mir die Archive noch heute ansehen. Lass auch den Zeugen herbringen. Er soll sich bereithalten", antwortete Malleus und erhob sich wieder. Auf ihn wartete ein Bad und frische Kleidung. Das Hungergefühl hatte sich während des Gespräches verloren.
      "Das wäre alles für den Moment, Amentia."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sie konnten Amentia quasi gar nicht ausweichen, als sie zurück in die Kultstätte kamen. Für Tava hatte es den Eindruck, als hätte die Frau in dem Saal abgewartet, bis sie wiederkommen würden. Dass sie dabei mit einem Vorfall in den Archiven kam, war für Tava nur eine Ausrede. Das sah sie darin bestätigt, wie plötzlich fixiert die Frau auf Malleus’ neue Bissspuren waren.
      Devon und Tava wurden sehr freundlich, aber eindeutig aufgefordert, sich in ihre Zimmer zurückzuziehen. Das ließ Devon sich nicht zweimal sagen und auch Tava war froh darum, Amentia aus dem Weg zu gehen. Wobei sie den Hornschmuck nur sehr widerwillig zurückließ.
      Sie zogen sich in eins der Zimmer zurück, wo der Mann, der sie geführt hatte, sicher gleich bereute, dafür abgestellt worden zu sein. Devon war bescheiden wie immer in seinen Wünschen, aber Tava nutzte die Gelegenheit gleich, um ihre Vorräte auffüllen zu lassen. Dafür musste sie dann später nicht selbst in die Stadt gehen und sich mit unwilligen Verkäufern herumschlagen.
      Der gute Mann bekam also eine ganze Liste mit, gefüllt mit - für Tava - ganz gewöhnlichen Dingen wie getrocknete Spinnen, gereifter Sonnenblumen-Nektar und blauen Löwenzahn. Dazu noch der Wunsch von ihnen beiden nach etwas zu essen.
      Der Mann zog unzufrieden ab und überließ den beiden Gästen sich selbst. Bis zu seiner Rückkehr versuchte Tava sich davon abzulenken, dass es wohl irgendwo irgendein Archiv gab, in dem wohl richtig viele und richtig alte Bücher standen, die richtig gut brennen würden. Sie wurde schon ganz aufgeregt, wenn sie nur daran dachte, aber das konnte sie sich nach gestern nicht erlauben. Besonders nicht, nachdem Malleus sich trotzdem noch auf eine solche Nacht eingelassen hatte.
      Als ihr Essen schließlich kam und der Mann auch mit Tavas Zutaten zurückkehrte, machte sie sich daran, auf dem Boden ein kleines Labor aufzustellen. Devon erklärte sie auf seine Frage hin nur, dass sie sich schon darauf geeinigt hatten, keine Kinder zu wollen. Zwanzig Minuten später trank sie eine grünliche Flüssigkeit aus einem Schnapsglas und jagte dann gleich eine andere, rötliche Flüssigkeit hinterher. Sie wusste nicht, was schlechter schmeckte, und schüttelte sich schließlich von beidem.
      Sie brachten einen Zuber, um sich zu waschen, aber der größte Zuber im ganzen Haus war noch immer nicht groß genug für den riesigen Lacerta. Devon hätte sich hineinzwängen müssen und Tava überließ ihn hier seinem Schicksal. Er wollte derweil sicher nicht beobachtet werden, auch wenn sie ihn bereits nackt gesehen hatte. Das konnte Tava sogar nachempfinden.
      Also machte sie sich nur kurz frisch und ging dann Malleus in seiner Schreibstube finden. Den Weg kannte sie noch, leider, und das unangenehme Gefühl ihres gestrigen Vergehens überkam sie, aber sie versuchte positiv zu bleiben. Sicher wäre er anders mit ihr umgegangen, wenn es wieder etwas auszusetzen gegeben hätte.
      So kam sie an, klopfte an die große Tür und trat kurzerhand ein.
      Malleus saß hinter seinem wuchtigen Schreibtisch, belagert von Papieren und Unterlagen. Er saß vornüber gebeugt, der Rücken ein wenig krumm, und schien sich gerade durch einen undefinierbaren Haufen zu wühlen. Neben ihm stand ein rundes Tablett mit allerlei Köstlichkeiten, die unberührt schienen. Tava sah aber hauptsächlich das viele, tolle, glatte, höchst brennbare Papier. Nicht, dass sie in Versuchung gekommen wäre, aber… man konnte ja träumen.
      Unweigerlich hob sie den Kopf ein wenig mehr an und trat ein.
      Heey.
      Sie kam näher, blieb dann unschlüssig stehen und setzte sich erst, als Malleus es ihr anbot. Ihr Blick glitt knapp über den dicken Holztisch und richtete sich wieder auf Malleus.
      Amentia ist doch nicht sauer wegen… hm…
      Sie tippte sich selbst an den Hals.
      Oder?
    • Malleus‘ Schreibtisch war über und über mit geöffneten Büchern übersät. Beinahe Nichts war von der dunklen Tischplatte zu sehen. Es hatte viele helfende Hände benötigt um alle Bücher und Manuskripte in seine Schreibstube zu schaffen, damit Malleus sich einen Überblick über die letzten Jahre verschaffen konnte. Die Aufzeichnungen erwiesen sich als lückenlos und sehr gewissenhaft. Akribisch waren allen Veränderung notiert und datiert. Trotz der dekadenten Feierlichkeiten, die bei Malleus keine Begeisterungsstürme auslösten, erfreute sich das Quartier in Oratis an einem nicht unerheblichen Vermögen. Trotzdem herrschte Disziplin und Ordnung hinter den schlichten Mauern dieses Hauses, wo sich die Gläubigen dem Studium und der Gebete widmeten. Es hat hatte nur zwei versuchte Übergriffe auf das Heiligtum gegeben. In vier Jahren! An Sicherheit, um das Herzstück ihrer Gemeinschaft zu schützen, wurde also auch nicht gespart. Er fühlte sich darin bestätigt, Amentia für diese Aufgabe ausgewählt zu haben. Niemand hätte es besser
      machen können.
      Ein leises Klopfen an der Tür ließ Malleus den Kopf heben. Erwartungsvoll sah er zur Tür, richtete sich leicht auf und drückte den Rücken durch. Die gekrümmte Haltung war unangenehm, nachdem er die Nacht auf einem unbequemen Stuhl verbracht hatte. Unschlüssig betrat Tava, wie verlangt, seine Schreibstube und näherte sich unschlüssig seinem Schreibtisch. Er verfolgte ihren Blick, der über Bücher, Papiere und die Möbel selbst glitt.
      „Tava“, begrüßte er sie. „Bitte setz dich doch.“
      Malleus deutete auf den Stuhl vor dem Tisch und widmete sich daraufhin wieder dem Manuskript in seiner Hand um die letzten Teilen zu überfliegen.
      Amentia ist doch nicht sauer wegen… hm…
      Sein Blick schnappte nach oben, weil er erwartete, dass es um das brennende Missgeschick ging. Aufmerksam verfolgte er ihren Finger, mit dem sich Tava gegen den Hals tippte.
      Oder?
      „Sauer trifft es nicht ganz, fürchte ich...“, antwortete Malleus mit einem Seufzen. „…aber das soll nicht deine Sorge sein, Tava. Ich habe dich auch nicht hergebeten, um mit dir über Amentia zu sprechen.“
      Malleus neigte sich leicht zur Seite, öffnete eine der Schubladen um offensichtlich etwas hervorzuholen. Einen Augenblick später legte er ihren Ring auf den Einband eines geschlossenen Buches, das zwischen ihnen lag. Er sah die Cervidia lange an, beobachtete wie sich ihre Miene aufhellte beim bloßen Anblick des Ringes. Niemand könnte übersehen, wie sehr Tava sich ihr Schmuckstück zurückwünschte und sich doch nicht traute, einfach danach zu greifen.
      Er wartete, geduldig, und als Malleus beschloss, dass Tava lange genug still ausgeharrt hatte, nahm er den Ring wieder an sich. Die Veränderung im Gesicht der Alchemistin war unübersehbar. Vermutlich dachte sie gerade daran, wie grausam es war, dass er ihr den Ring zeigte und dann doch wieder in die Schublade verbannte.
      „Komm her“, forderte er mit einem versöhnlichen Unterton und wartete bis Tava den Tisch umrundete. Malleus blieb sitzen, hatte sich der besorgten Cervidia aber zugewandt. Einladend streckte er seine Hand aus, damit sie ihrerseits die Hand hineinlegen konnte. Das Gewicht und die zarte Form ihrer Hand fühlte sich noch immer befremdlich aber mittlerweile seltsam vertraut an. Er spürte ein Echo der Wärme ihrer Haut durch das Leder.
      „Ich bin nicht glücklich über die verbrannten Manuskripte…“, begann Malleus und drehte den Ring zwischen den Fingern seiner anderen Hand. Er würde sie nicht um Verzeihung bitten. Die Worte kamen ihm einfach nicht über die Lippen. „…aber ich hatte kein Recht ihn dir wegzunehmen. Ich war verärgert.“
      Dann legte Malleus den Ring in ihre geöffnete Handfläche bevor er mit sanften Druck ihre Finger darum schloss.
      Wie nervös und zappelig Tava bei der Rückkehr von Devon und ihm gewesen war. Wie bestürzt, verletzt und missverstanden sie ihn angesehen hatte, als er ihr den Ring abgenommen hatte. So verletzt und gleichzeitig wütend hatte sie die Männer auch heute Morgen angefunkelt, bis ihr erster Impuls etwas anzünden zu wollen, hervorgebrochen war.
      „Willst du mir nicht erzählen, was gestern passiert ist?“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”