Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Alles, was Devon in seinem derzeitigen Zustand tun konnte, war warten. Er hatte gehofft, dass die Worte stärker zu Malleus durchdrangen, aber er wurde enttäuscht. Sein Körper stellte sich bereits auf den Moment ein, in dem sich der Druck an seiner Kehle weiter erhöhen würde und er sich genötigt sah, sich doch zu bewegen.
      Tava kam ihm zuvor. Sie schob sich aus dem Augenwinkel nicht nur in Malleus‘, sondern auch in Devons Blickfeld. Sie fing an, auf Malleus einzureden, der noch immer fixiert auf den Hals des Jägers war. Devon indes hörte nur zwei Herzschläge, die wie im Eifer um die Führung zu kämpfen schienen, und das machte ihn wahnsinnig. Auch die anderen Finger seiner Hand gruben sich in den Boden, der letzte Anker, bevor er dumme Dinge tun würde.
      Dann zuckte Devon, als sich etwas an seinem Hals heran tastete. Er biss die Zähne zusammen, als sein Zucken noch mehr Blut zum fließen brachte. Den darauf folgenden Schauer hätte er sich am liebsten auch direkt verkniffen, als Tavas Hand über seine Haut strich und dann scheinbar beim Dolch ankam. Der Druck auf seiner Kehle erhöhte sich, er musste ein Würgen unterdrücken. Was machte die Ziege da? Es bläute ihm erst etwas später, dass sie versuchte, ihre Hand zwischen seiner Haut und der kalten Klinge zu schieben. Doch auch hier schwieg Devon. Er unterbrach das Mantra nicht, mit dem Tava versuchte, Malleus aus seiner persönlichen Hölle zu ziehen.
      Tava schaffte es, die Schneide von Devons Hals abzuschirmen und ihn damit in seine eigene Hölle zu schicken. Zu den rasanten Herzschlägen gesellte sich nun eine warme Spur, die seinen Hals hinablief und der eindeutige Geruch von Eisen, der gegen seinen Willen seine Nase flutete. Alles in ihm ging auf Revolte, weshalb er notgedrungen die Augen schließen und hoffen musste, dass es sich in den nächsten Sekunden geben würde. Wenn nicht, hätten sie das nächste Unheil am Halse.
      Der Druck an seiner Kehle verschwand. Die Hand auf seiner Haut verschwand. Die Wärme und Nässe blieben jedoch, ebenso wie das Gewicht auf ihm. Der Lacerta schlug die Augen wieder auf und sah einen Mann an, dessen dunkler Hautton eine andere Nuance bekam und von ihm abrückte. Devon wartete gerade solange, dass Malleus auch von seinen Stiefeln fort war, um sich auf die Seite zu rollen und auf die Knie zu setzen. Seine rechte Hand ging sofort an seinen Hals und befühlte den Schnitt, der kaum der Rede wert war. Allerdings war seine gesamte Handfläche in Rot getaucht.
      Hinter ihm übergab sich Malleus geräuschvoll und wenig erhaben. Während der Mann mit seiner Fassung rang, suchte der Lacerta nach der Cervidia – und fand sie gut zwei Armlängen von sich entfernt. Devon rappelte sich auf seine Beine auf und ging zu seinem Sack, aus dem er seinen Schlauchschal zog und zu Tava zurückkehrte. Vor ihr ließ er sich wieder nieder, fasste so sanft wie noch nie ihre Hand und begutachtete den Schaden. Er konnte nur grobschlächtig Verletzungen behandeln, aber die Alchemistin verfügte mit Sicherheit über bessere Mittel. Deswegen beschränkte er sich darauf, seinen Schal um ihre Hand und Finger zu wickeln, um der Blutung wenigstens ein bisschen Herr zu werden.
      „In unserer Kultur ist das eigene Blutvergießen für einen Anderen ein großer Akt“, sagte Devon leise, weil es Worte waren, die nur für Tava bestimmt waren. Er mied ihren Blick, weil er nicht wollte, dass sie noch mehr Dinge in seinen Augen las, die er nicht hineingeschrieben hatte. „Das war ehrwürdig. Danke. Verzeih, wenn ich dir keine Wundsorge anbiete, aber da bist du besser drin bewandert als ich. Das nächste Mal versuch einfach, nicht zu flüchten, nachdem du mir die Stirn geboten hast. Das ist… eine Einladung.“
      Er gab ihre Hand frei und nahm in einem Schwung die Schnapsflasche, die vergessen neben Tava auf dem Boden lag. Damit bewaffnet schlenderte Devon zu Malleus herüber, der sich mittlerweile aufgesetzt hatte, und warf ihm die Flasche in den Schoß.
      „Der Kristall verstärkt die Sinne in exponentiellem Maße. Ich hör, seit ich am Feuer bin, eure Herzschläge. In einer Tour. Ich hab Fieberschübe, weil der Körper mit der Energie nicht anders klarkommt, die in dem Kristall steckt. Das vergeht allerdings mit der Zeit, denke ich. Wäre das Feuer nicht, wäre ich schon eher auf eure Pheromone angesprungen, aber die nehmen alle Lacerta wahr.“ So viel Erklärung war er dem Mann wenigstens geschuldet.
      Er drehte sich dem Feuer mehr zu. Der Schweißfilm auf seiner Stirn war noch eine Spur prominenter geworden und er würde zusehen müssen, in einem der Flüsse seinen Hals gleich abzuwaschen. Das Blut wurde schon krustig auf seiner Haut und spannte.
      „Man hat dich also gebrandmarkt. Haben diejenigen dich als fanatisch angesehen, weil du Adrastus huldigst, oder was ist es gewesen? Muss schon länger her sein, wenn ich mich an die Narbe recht entsinne.“
      Devon ging nicht darauf ein, dass Malleus die ganze Zeit über eine versteckte Waffe mit sich geführt hatte. Sie alle besaßen offensichtliche und weniger offensichtliche Waffen. Ihm das anzukreiden war in der aktuellen Situation nicht gerechtfertigt. Selbst Menschen mussten etwas besitzen, mit dem sie sich zur Wehr setzen konnten, sollten Worte irgendwann nicht mehr ausreichen. Außerdem lenkten die Worte den Jäger selbst ab, der sich dabei ertappte, wie er Tava wieder eingehend beobachtet hatte und seinen Blick lieber wieder auf das Feuer richtete.
      „Die Flasche gehört ganz dir. Fürchte, Alkohol und Energie vertragen sich nicht. Oder, weil ich einfach nichts vertrage…“
    • Malleus sah nicht gut aus. In den wenigen Sekunden, die Tava versuchte zu ihm durchzudringen, und die sich anfühlten wie Minuten, flackerten Ausdrücke über Malleus’ Gesicht, die nicht das waren, was Tava sich von ihnen erhofft hätte. Da war noch immer Zweifel, Angst, Abscheu, Schrecken, jetzt aber auch Verwirrung, Unsicherheit. Er wirkte verloren, so wie er dort auf Devon saß, als gehöre er dort nicht hin, als habe ihn jemand anderes dort hingesetzt. Aus der Nähe konnte sie sehen, dass nicht nur seine Hand, sondern sein ganzer Arm zitterte. Er hyperventilierte auch, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als er endlich im Einklang mit ihr atmete. Da konnte sie zum ersten Mal sehen, wie ein gewisser Fokus zurück in seine Augen trat. Da schien er sie zum ersten Mal wirklich zu sehen.
      “Tava…”
      Ja, Tava.
      Sie lächelte. Dabei war es etwas starr, weil ihr das Messer in die Finger schnitt.
      Du hast mir bei meinem Gift geholfen für den See, weißt du noch?
      Nach und nach stieg Erkenntnis in Malleus’ Miene auf und er riss den Dolch weg, als wäre er selbst davon betroffen gewesen. Da musste auch Tava ihre Hand nicht mehr hinhalten und zog sie zurück. Die Schnitte brannten und pochten auf ihrer Oberfläche und sie schüttelte die Hand ein wenig, als ob das Linderung verschaffen könnte. Stattdessen spritzte sie nur mit ein paar Blutstropfen herum.
      Au…
      Malleus krabbelte nach hinten fort, ruckartig und schnell, als wäre ihm diese ganze Situation mit einem Schlag zu viel geworden, und auch Tava setzte sich zurück, damit der Lacerta aufstehen konnte. Sein Hals war rot vor Blut und für einen entsetzlichen Augenblick dachte Tava wirklich, sie wäre doch zu spät gekommen und der Schnitt wäre irgendwie zu tief gewesen. Dann richtete sich Devon aber auf und zog zu seinem Sack hinüber.
      Im Hintergrund, weit genug entfernt, dass die Flammen des Feuers ihn nicht ganz erfassten, übergab sich Malleus geräuschvoll. Der Mann war nur ein Schemen, so wie er sich vornüber beugte und sein Körper rhythmisch seinen Mageninhalt heraus würgte, aber Tava konnte es doch deutlicher sehen, als ihr recht gewesen wäre. Sie verzog angeekelt das Gesicht und sah weg.
      Da kam Devon geradewegs wieder auf sie zu, aber von der vorherigen gefährlichen Haltung war keine Spur mehr. Gezielt hockte er sich vor ihr auf den Boden, aber Tava neigte sich doch ein wenig vor ihm weg. Sie war es nicht gewöhnt, den Lacerta so nahe zu haben und um Malleus’ Willen nicht sofort reißaus zu nehmen.
      “In unserer Kultur ist das eigene Blutvergießen für einen Anderen ein großer Akt”, sagte er leise zu ihr und ergatterte sich damit doch die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Cervidia. Die betrachtete ihn mit einer gewissen Skepsis, denn mit so etwas hatte sie sicher nicht gerechnet.
      “Das war ehrwürdig. Danke.”
      Die Skepsis wandelte sich schnell in Unglauben, weil Devon sich doch tatsächlich dafür bei ihr bedankte. Dabei waren es doch nur ein paar Schnitte gewesen! Oberflächliche auch nur, obwohl sie dafür umso stärker brannten. Wollte Devon ihr wirklich weismachen, dass diese paar Schnitte Gewicht genug hatten, dass er sich ihr jetzt fast friedfertig näherte? Kritisch betrachtete er die Art und Weise, wie er ihre Hand umwickelte.
      “Das nächste Mal versuch einfach, nicht zu flüchten, nachdem du mir die Stirn geboten hast. Das ist… eine Einladung.”
      Eine Einladung?
      Eine Einladung für was? Was sollte denn dem folgen, wenn Devon ihr das nächste Mal gegenübertrat und Tava es allen ernstes riskierte, dass er sie wieder an ihren Hörnern hochhob? Was für eine Einladung?
      Aber der Lacerta gab nicht mehr von sich preis, nichtmal durch seine Augen, die er leicht nach unten gerichtet hatte. Er beendete seine Arbeit an ihrer Hand und richtete sich dann auf, während Tava damit zurückblieb, über diese Einladung nachzudenken. Einladung. War das etwas genauso merkwürdiges wie diese Blutvergießen-Sache? Dann war sie sich nicht sicher, ob sie diese Einladung jemals annehmen sollte.
      Devon drehte ab und nachdem Tava noch einen Moment versucht hatte, dieses Rätsel zu entschlüsseln, erhob auch sie sich und ging zu ihrem Rucksack zurück. Sie würde ihre Hand in Desinfektionsmittel tauchen und dann noch einmal verbinden. Das war nicht ihr erstes Rodeo mit verletzten Händen.
      “Der Kristall verstärkt die Sinne in exponentiellem Maße. Ich hör, seit ich am Feuer bin, eure Herzschläge. In einer Tour. Ich hab Fieberschübe, weil der Körper mit der Energie nicht anders klarkommt, die in dem Kristall steckt. Das vergeht allerdings mit der Zeit, denke ich. Wäre das Feuer nicht, wäre ich schon eher auf eure Pheromone angesprungen, aber die nehmen alle Lacerta wahr.”
      Dem ganzen hörte Tava mit einem Ohr zu, während sie sich um ihre Schnitte kümmerte. Das war komisch - aber was davon genau? Was der Kristall mit Devon anstellte, oder dass er ihre Pheromone wahrnehmen konnte? Was war das denn jetzt wieder für eine Lacerta-Sache? Tava entschied, dass sie quasi gar nichts über diese Rasse wusste. Natürlich hatte sie ein paar Eckdaten mitbekommen, ein paar Gerüchte, die sich jeder über das Echsenvolk erzählte, aber faktisch gesehen wusste sie gar nichts. Was denn jetzt für eine Einladung?!
      Als sie wieder näher kam, richteten sich die geschlitzten Pupillen wieder auf sie. Rein aus Reflex zeigte sie ihm ein bisschen ihre Hörner, aber nicht genug, um zu provozieren.
      “Man hat dich also gebrandmarkt. Haben diejenigen dich als fanatisch angesehen, weil du Adrastus huldigst, oder was ist es gewesen? Muss schon länger her sein, wenn ich mich an die Narbe recht entsinne.”
      Das war nun etwas, was Tava auch unbedingt wissen wollte. Nach dieser Aktion wollte sie so einiges von Malleus wissen - allem voran, was es denn damit jetzt auf sich gehabt hatte. Sie hatte zwar kein Problem damit gehabt, den Lacerta vor dem sicheren Tod zu bewahren, aber wenn der Mensch noch einmal überschnappte und sich das nächste Mal Tava vorknöpfte… Nun, Tava könnte sicher nicht so ruhig unter einem Messer an ihrem Hals liegen. Sie würde auch nicht einfach nur die Hände auf dem Boden liegen lassen, sondern Malleus sehr eindrücklich zeigen, dass seine Kleidung nicht gerade feuerfest war. Und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass eine solche Situation nur zu mehr Unheil führen könnte.
      “Die Flasche gehört ganz dir. Fürchte, Alkohol und Energie vertragen sich nicht. Oder, weil ich einfach nichts vertrage…”
      Nein. Spül dir den Mund damit aus, bevor du trinkst, und dann will ich sie wiederhaben.
      Sie könnte zwar einen neuen Schnaps brennen, aber so lange konnte sie jetzt bei bestem Willen nicht warten. Sie brauchte das Brennen auch in ihrem Hals, nicht nur auf ihrer Hand.
    • Mit Mühe hievte sich Malleus in eine halbwegs aufrechte Position. Der faulige, säuerliche Nachgeschmack von Galle und Magensäften klebte an seiner Zunge. Ein prüfender Blick glitt hinüber zu Devon, der seiner Lebensretterin ungewöhnlich sanft die blutigen Finger verband. Zumindest schien er sich dabei im Rahmen seiner Kenntnisse reichlich Mühe zu geben.
      Lebensretterin…Dem Gedanken haftete keinerlei Hohn an. Tava hatte mit ihrem beherzten Eingreifen mindestens einem der Männer das Leben gerettet. Es war lediglich eine Frage der Zeit gewesen, bis Malleus‘ Hand sich aller Kontrolle entzogen oder Devon beschlossen hätte, dass er sein Leben nicht länger allein von Geduld und Glück abhängig machen wollte.
      Malleus sah, dass sich ihre Lippen bewegten, doch er verstand kein Wort. Es würde ihn nicht verwundern, wenn gerade ein darüber Kriegsrat abgehalten wurde, ob sie ihn zurücklassen sollten.
      Seufzend blickte er auf die Handschuhe, die eine ekelerregende Note aus Blut und Erbrochenem verströmten. Ein neuer Schwall an Galle drohte seine Kehle aufzusteigen, da ihm der beißende Geruch den widerlichen Geschmack in seinem Mund zurück in Erinnerung rief. Er brauchte Wasser. Es war das einzige Paar, das er bei sich trug. Lieblos landete die halbleere Flasche in seinem Schoß. Unwirsch riss er die besudelten Handschuhe von seinen Händen bevor er auch nur daran dachte, damit die Flasche anzufassen.
      Der Anfall trübte seinen Geist. Träge und zäh glitten die Gedanken durch seinen Verstand, während er Devons Worten so viel Aufmerksamkeit schenkte, wie seine Verfassung es zuließ. Schweigend nahm er einen großzügigen Schluck aus der Flasche, um den ekelhaften Geschmack zu mildern. Er spuckte die Mischung aus Galle, Mageninhalt und scharfem Alkohol angewidert ins Gras.
      „Hm, eine ähnliche Vermutung habe ich bereits seit Celestia“, murmelte er mit kratziger Stimme, gerade laut genug um seine brennende Kehle zu schonen. „Ich musste deinen Fokus auf etwas Anderes ausrichten, weg von Tava. Mit einer Berührung hättest du unmöglich gerechnet, nicht von mir. Ich hätte es besser wissen müssen.“
      Malleus würgte ein halbherziges Lachen, das in einem heftigen Husten unterging, hervor.
      „…andererseits hat’s doch ganz wunderbar funktioniert.“
      Im Feuerschein suchten seine glasigen Augen nach Devon. Malleus wusste nicht, ob die letzten Überbleibsel der erneut durch lebten Erinnerungen an einen wehrlosen, kleinen Jungen oder der Alkohol ihm die folgenden Worte in den Mund legte.
      „Es tut mir leid, dass ich diese Linie überschritten und dich mit meiner Arroganz in diese Lage gebracht habe. Das war leichtsinnig, überheblich und gefährlich“, sprach Malleus und tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Kehle. „…und das tut mir auch leid.“
      Als Nächstes sah er zu Tava, verkorkte die Flasche nachdem er die mit den Fetzen seines ruinierten Ärmels gesäubert hatte und rollte den Schnapps zurück zu seiner eigentlichen Besitzern. Er blieb lieber auf Abstand. Malleus platzierte die Hand in einer Geste der Dankbarkeit und Anerkennung über seinem immer noch viel zu schnellen Herzschlag.
      „Bei dir muss ich mich Bedanken. Du hast mindestens einem von uns heute Nacht das Leben gerettet. Das war sehr mutig.“
      Er wusste, dass er Devon und Tava noch eine Erklärung schuldig war.
      Obwohl er ihnen unmöglich die vollständige Wahrheit sagen konnte, schuldete er ihnen zumindestes einen Teil davon. Malleus schlug die Ärmelfetzen zur Seite und fuhr mit dem Daumen über das erste Brandzeichen.
      "Du glaubst, man hat mich für meinen Glauben gefoltert? Nein, es sollte keine Bestrafung sein. Sie sagten, es sei eine Prüfung...ein Geschenk. Für ein Kind ist es allerdings die Hölle. Erinnert ihr euch an die Geschichte, die ich euch in unserer ersten Nacht hier draußen in der Wildnis erzählt habe? Ich bin der einzige Überlebende der letzten Feuersbrunst, die Adrastus in den Graslanden verursachte. Meine Familie war arm und niemand kümmerte sich um ausgelöschte Bauerndörfer, bis ein Kind aus den Trümmern kroch."
      Malleus hob zittrige Finger an die Schnüre an seinem Hemdkragen.
      Es dauerte quälende Sekunden bis er eine Lücke geschaffen hatte, die groß genug war, dass er den Leinenstoff über die linke Seite seiner Brust schieben konnte. Im flackernden Lichtschein durften selbst aus der Distanz die willkürlich verteilten Brandzeichen auf seiner dunklen Haut gut zu sehen sein. Alle sahen aus wie das Symbol auf seinem Arm. Malleus sah niemanden direkt an. Dieses Mal wollte er nicht wissen, was in den Köpfen der anderen vor sich ging.
      "Die Geschichte war kein Ammenmärchen", fuhr er fort. Niemand hatte damals auf den Namen des Kultes reagiert. "Die Signa Ignius glauben an die Auferstehung aus verbrannter Erde. Ich glaube daran, dass das Feuer uns eine neue Welt schenken wird, aber ich habe nie daran geglaubt, dass es uns unverwundbar macht. Sie haben das geglaubt. Alte und weise Männer, die ein traumatisiertes Kind quälten um ihre Thesen zu untermauern."
      Er deutete auf die wulstige Brandnarbe direkt über seinem Herzen.
      "Adrastus suche ich, um die Wahrheit zu finden. Ich weigere mich zu glauben, dass das hier keinem höheren Zweck diente."
      Die Zerstörung eines kindlichen Geistes und die Ausslöschung der Unschuld waren so grausame Akte, dass Malleus Verstand sich dagegen sperrte, dass alles davon der Eitelkeit alter Männer diente. Malleus warf einen bedeutungsvollen Blick zu Devon.
      "Ich habe dir gesagt, dass ich weiß, wie wahre Monster aussehen, Devon."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Malleus schien wieder ganz der alte zu sein, wenn auch etwas lädiert. Natürlich käme es nur ihm in den Sinn, sich bei Devon dafür zu entschuldigen, dass er ihn angefasst hatte.
      „Bei dir muss ich mich Bedanken. Du hast mindestens einem von uns heute Nacht das Leben gerettet. Das war sehr mutig.“
      Tavas Brust schwellte bei dem Kompliment ein wenig an, sie konnte es gar nicht verhindern. Es war mutig gewesen, sehr richtig! Und vielleicht auch ein wenig gerissen. Sie würde sich zwar nicht auf eine Stufe mit dem Jäger stellen, aber... er hätte es sicher nicht besser gemacht. Und das von Malleus zu hören, das hatte eine gänzlich andere Wirkung auf sie. So, wie der Mann sie mittlerweile mit seinem herrischen Tonfall befehligen konnte - wer würde dieser dunklen Stimme auch nicht folgen, wenn sie so geschärft wie vorhin durch die Luft schnitt - schien er auch so einen ganz eigenen Effekt auf sie zu erzielen. Tava hob dafür den Kopf ein wenig an, aber nur in seine Richtung.
      "Nicht der Rede wert."
      In Wahrheit hätte sie am liebsten breit gegrinst.
      Sie bückte sich nach der anrollenden Flasche, hob sie auf und nahm einen Schluck, während Malleus fortfuhr zu erklären.
      Natürlich erinnerte sie sich noch gut an die Geschichte des Wunderkindes, das aus den Flammen unversehrt hervorgestiegen sein mochte. Schon damals hatte Tava an der ganzen Sache gezweifelt, denn wirklich; ein Kind, das von Adrastus' Flammen unversehrt blieb? Als ob. Von einem anderen, kleineren Drachen, der Feuerspucken konnte, vielleicht. Aber von Adrastus selbst? Von dem Ungetüm, das den ganzen Himmel in einem Flammenmeer aufgehen ließ, das den Quell des Feuers selbst aus seinem Schlund beschwor, um ihn in mächtigen Wellen durch die Luft zu schicken? Davon blieb niemand unversehrt. Überhaupt konnte man wohl von Glück reden, dabei überhaupt noch am Leben zu bleiben.
      Aber diese ganze Geschichte, die Tava damals schon mit großer Skepsis gehört hatte, bekam sofort einen gänzlich anderen Unterton, als Malleus die Brandmale enthüllte, die wohl auf seinem Körper prangten. Unleserliche, eigensinnige Zeichen, die mittels brennendem Eisen auf seine Haut gedrückt sein mussten. Und weshalb?
      "Die Signa Ignius glauben an die Auferstehung aus verbrannter Erde. Ich glaube daran, dass das Feuer uns eine neue Welt schenken wird, aber ich habe nie daran geglaubt, dass es uns unverwundbar macht. Sie haben das geglaubt. Alte und weise Männer, die ein traumatisiertes Kind quälten um ihre Thesen zu untermauern."
      Man hatte Malleus damals nicht nur gefunden, man hatte ihn regelrecht als Zeichen gewertet, aber nicht für die Auferstehung, für die Unverwundbarkeit. Und danach hatte man wohl den direkten Beweis gefordert - und das mehrfach. Malleus trug nicht nur ein Brandmal, so wie es den Anschein hatte, war sein ganzer Körper davon gespickt.
      Tava wusste nicht, was sie davon fühlen sollte. Sie war sich der Zerstörung und der Qual von Feuer durchaus bewusst, auch wenn sie es selbst ständig und überall zum Leben erweckte. Es war ihr klar, dass die Berührung von Flammen kein federleichtes Streicheln war, sondern dass Flammen hungrig waren und fraßen, was auch immer ihnen in den Weg kamen. Aber bisher war Tava noch nie in die Lage geraten, auf der Seite der Opfer zu stehen, wenn es um Flammen ging. Immerhin war jeder selbst schuld, wenn er sich von ihnen fressen ließ. Feuer war zähmbar und lenkbar und wer nicht genug Mut besaß, sich diese Eigenschaften zunutze zu machen, der hatte es nunmal nicht anders verdient, von den Flammen gegessen zu werden.
      Aber bei Malleus war das irgendwie anders. Tava dachte nicht, dass der Mann selbst daran Schuld war, vom Feuer verglüht zu werden, wenn es ihn schon einmal unberührt gelassen hatte - wie auch immer er das geschafft haben mochte. Hier waren andere am Werk gewesen und Tava hatte schon fast das Bedürfnis, Mitleid mit ihm zu haben. Mitleid mit einem Opfer von Flammen.
      Das war schon eine ziemlich merkwürdige Tatsache, derer sie sich noch nicht ganz so sicher war. Immerhin ergab für sie jetzt einen Sinn, wie der Mann ständig auf Feuer zu reagieren schien. Eine ziemlich traurige Sache, wie sie fand.
      "Wohin sollte das führen? Was hat man davon, ein Kind den Flammen auszusetzen? Das Feuer, das dich verbrannt hat, wird doch sicher nicht Adrastus' Feuer gewesen sein, also was hat das für einen Zweck?"
      Kurzerhand entschied sie, die Flasche doch wieder an Malleus zurückzugeben. Er brauchte sie jetzt wohl dringender.
    • „Ich glaube, keiner von uns Beiden hat damit gerechnet, dass du plötzlich jemanden anfasst.“
      Devon sah auf den Kultisten hinab, der sich die Handschuhe wieder von den Händen riss. Was ihm vorher so unheimlich viel Kraft gekostet haben mochte, war jetzt angesichts der Situation schnell erledigt. Es wäre gelogen, wenn Devon behauptete, dass ihm die Säure des Mageninhalts nicht unangenehm in der Nase zwickte. Trotzdem hatte der Jäger für den Mann nur einen fragenden Blick übrig.
      „Arroganz? Wo war da in den letzten Minuten auch nur ein Funken Arroganz? Wenn überhaupt, dann war ich fahrlässig, weil ich mich überhaupt erst wieder zu euch gesetzt hab. UND den Schnaps angenommen habe“, murrte Devon und fuhr sich unbewusst mit einer Hand über seine Kehle, wobei er Malleus‘ Geste spiegelte.
      Bei der folgenden Erklärung auf seine Frage hin war sich der Lacerta nicht ganz sicher, was er dazu sagen sollte. Sicher, die Umstände waren nicht die Besten gewesen, aber auch in ihrem Volk wurden Kinder nicht zimperlich behandelt. Niemand von ihnen kam mit diesen Ohren zur Welt, die wurden einem in jungen Jahren kupiert. Und viele von ihnen trugen ähnliche Zeichen auf ihrer Haut, wobei die Lacerta eher auf Scarring zurückgriffen als auf Feuer.
      Vage erinnerte sich Devon an die Erzählung von dem völlig verbrannten Dorf. Und auch, dass es nur eine Person herausgeschafft hatte. Dass es sich dabei um Malleus handelte, löste in Devon weder Mitleid noch sonderliches Mitgefühl aus. Er war als Junge allein gelassen, die Familie verbrannt und das Heim völlig zerstört worden. Es war unglückliche Fügung, dass er in die Hände von Fanatikern geraten und scheinbar am Ende ihnen treu geblieben war. Trotzdem konnte Devon den Blick nicht abwenden, als Malleus sich mit zittrigen Händen die Schnüre an der Brust öffnete und einen Teil seiner Brust offenbarte. Das, was sich da wie ein Schlachtfeld über das Stück Haut verteilte, würde sich über den gesamten Körper erstrecken.
      Und das war etwas, das Devon nicht mehr ganz kalt ließ.
      „Wohin sollte das führen? Was hat man davon, ein Kind den Flammen auszusetzen? Das Feuer, das dich verbrannt hat, wird doch sicher nicht Adrastus‘ Feuer gewesen sein, also was hat das für einen Zweck?“
      Die Flasche wanderte wieder zurück zu Malleus. Es war Devon, der für den Mann antwortete: „Ich fürchte, das ist eine Kultursache, die wir nicht ganz nachvollziehen können, Tava. Menschen sind ein Volk, die etwas brauchen, an das sie glauben können. Wenn ihnen das fehlt, schaffen sie eigene Dinge. Diese Dinge übersteigen das, was gut für die eigene Natur ist. Ich hörte, dass in längst vergangener Zeit Kriege zwischen den Menschen ausbrachen, weil sie an unterschiedliche Götter glaubten oder weil nur ein Mann das Schicksal eines ganzen Landes in der Hand hielt.“
      Der Jäger näherte sich wieder dem Feuer und hockte sich davor. Er wollte nicht riskieren, dass ihn erneut so plötzliche Anwandlungen überkamen, obwohl diese überhaupt nicht angebracht waren. Außerdem konnte er den Umstand nutzen und ein wenig mehr in sich hinein hören. Die Herzschläge waren noch immer nicht verklungen und auch die Wärme war noch immer da. Das Jucken seiner Haut teilte sich ein Gefühl, das ein Vibrieren seiner Haut auslöste. Als gäbe es etwas im Umkreis, das ihn in Schwingung versetzte.
      „Ich schätze, ein Kind war der perfekte Vorwand, um perverse Fantasien auszuleben. Mehr nicht.“
    • "Meine Arroganz bestand in dem Irrglauben irgendeine Form der Kontrolle über dich ausüben zu können", antwortete Malleus mit schwerer Zunge und griff damit einen fast verlorenen Gedanken auf. "Du konntest es nicht wissen. Ich kann andere berühren und berührt werden, wenn ich es will. Allerdings bevorzuge ich, es nicht zu tun. Es ist...unangenehm. Nur, greif nicht noch einmal auf diese Art nach mir, wenn ich es nicht erwarte. Das nächste Mal ist Tava vielleicht nicht in der Nähe um uns aus der Klemme zu helfen."
      Malleus wischte sich den kalten Schweiß von den Augenbrauen. Unangenehm war eine hübsche Umschreibung für die gewaltige Ablehnung, für den Ekel und die Eiseskälte die er dabei am ganzen Leib empfand. Er hob den Blick erst wieder, als die Schnapsflasche gegen seinen Stiefel stieß. Vorsichtig tasteten seine nackten Finger nach dem glatten, kalten Glas. Das Zittern hatte allmählich nachgelassen, doch er wollte Tavas Bemühungen nicht verschwenden.
      Ein unerwartetes Gefühl von Dankbarkeit ergriff ihn, als Devon das Wort ergriff, um an seiner Stelle der Cervidia zu antworten.
      "Wir alle glauben an etwas, Devon, auch Tava und du. An Götter, an Bestimmung, an uns selbst...wo wären wir ohne diesen Funken, der uns antreibt? Ich weiß, wo ich wäre. In einem namenlosen, kalten Loch, das andere ein Grab nennen würden. Ein Niemand und tot... und in einem hast du Recht: Die Menschen sind im Namen ihren Glaubens zu unvorstellbaren Gräueltaten fähig."
      Beinahe zurückhaltend nippte Malleus nun an dem potenten Gebräu und nahm sich die Mahnung des Jägers scheinbar zu Herzen.
      Richtig, Alkohol vertrug sich nicht mit seinem dünnen und überreizten Nervenkostüm. Malleus verabscheute es, auf diese Weise zu empfinden. Der Nebel, der seine Sinne betäubte, brachte allerdings nicht nur Abscheu mit sich sondern auch eine herrliche Ruhe in seinem Kopf. Er erinnerte sich wieder, weshalb er gewöhnlich von trinkfreudiger Gesellschaft vorsorglich Abstand nahm. Der Alkoholgenuss machte ihn fahrig und unvorsichtig. In diesem Augenblick aber war ihm dieser Zustand ein willkommener Gast.
      Eigentlich, so dachte Malleus weiter, hütete nur eine noch lebende Person das Wissen um seinen mit Narben übersäten Körper.
      Es war die Person, die ihm unter großer Überwindung und mehreren Zusammenbrüchen die Handrücken und Finger mit tiefschwarzer Tinte verziert hatte. Obwohl Malleus sie selbst darum gebeten hatte, hatten es mehrere Anläufe und Unterbrechungen gebraucht. Es war das letzte Mal gewesen, dass Malleus sich fast bis zur Besinnungslosigkeit betrunken hatte. Und nun hatte er dieses Geheimnis Devon und Tava offenbart und fand nicht die Kraft dieses Entscheidung zu bereuen. Die nächsten Tage würden zeigen, ob er einen gewaltigen Fehler gemacht hatte. Daran ändern, konnte er jetzt sowieso nichts mehr.
      "Ich schätze, ein Kind war der perfekte Vorwand, um perverse Fantasien auszuleben. Mehr nicht", hörte er Devon sagen.
      Malleus' Blick verdunkelte sich und entrückte für einen Moment der Realität.
      "Dafür mussten sie büßen. Jeder Einzelne von ihnen. Sie sind lange fort...", murmelte Malleus mehr zu sich selbst. "...wie Asche im Wind."
      Ächzend hievte sich Malleus erst auf die Knie und schließlich zurück auf die Füße. Dabei machte er sich nicht die Mühe seine Hemd zu schließen, schwankte ein wenig und fing sich wieder. Er blieb am äußeren Rand des Leichtscheins. Sein Blick glitt in die Nacht während er die besudelten Handschuhe hielt und augenscheinlich nach etwas suchte. Sein Messer, sauberes Wasser, seinen Verstand...Die Liste wurde immer länger.
      "Wir brauchen Wasser...", ließ Malleus verlauten. Er spürte bereits den unerträglichen Durst, den Alkohol zwangsläufig mit sich brachte und ihnen am kommenden Morgen reichlich Kopfschmerzen bescheren würde. "Gebt mir eure Wasserschläuche- und Flaschen."
      Es war seine Art zu sagen: Gebt mir eine Minute.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Devon nahm die Flasche Schnaps von Malleus an sich und reichte sie an Tava zurück. Keiner von ihnen hielt den Kultisten davon ab, sich mit den Schläuchen zum Fluss zu begeben und dabei im Dunkel der Dämmerung zu verschwinden. Nur Devon blickte dem Mann länger als üblich hinterher. Wie er bereits vermutet hatte, sah er den Umriss des Mannes selbst in diesen schlechten Lichtverhältnissen noch außergewöhnlich deutlich. Und wenn er sich noch mehr darauf konzentrierte, dann sah es sogar so aus, als würde ein gewisser Lichtschimmer den Mann umgeben.
      Devon rieb sich müde die Augen. „Wir halten damit fest, dass du in Zukunft den Schnaps brennst, wenn wir den brauchen. Der taugt wirklich was.“
      Nur was genau – das erklärte Devon nicht mehr, als sich zu seinem Lagerplatz begab und sich für die Nacht rüstete.

      Am nächsten Morgen hatte er auf typische Devon-Art sich bei Tava nach ihren Schnitten erkundigt. Er war wortkarg zu ihr hingegangen, hatte sich ihre Hand geschnappt und sie so gut es ging untersucht. Als er damit zufrieden war und sie wieder losgelassen hatte, verstaute er ihre Säcke wieder auf dem Handkarren, den sie brav wieder nach Arbora zurückbringen würden.
      Vorher stattete Devon dem See noch einen Besuch ab, eine Verabschiedung vom Ort auf seine Weise. Am Ufer hockte er sich hin und ließ eine Hand in das Wasser gleiten. Außer der Kälte spürte er kein Kribbeln, kein Brennen, nichts. Er betrachtete seine Hand und ihm fiel auf, dass das Wasser weniger trüb als noch am Tag zuvor war. Nicht nur ausgelöst durch das Gift, das Tava hineingemengt hatte. Auch das Brummen, das eindrückliche Gefühl, waren verschwunden und weiter hinten konnte er sogar noch erkennen, dass einige Fische den Angriff überlebt hatten.
      Scheinbar hatten sie hier doch nicht alles getötet, wie zunächst angenommen. Damit konnte der Lacerta leben, als er sich wieder aufrichtete und zurück zu Tava und Melleus schlenderte. Die Hitze war verschwunden, das Fieber gewichen und die Herzschläge waren nur noch zu hören, wenn er sich in unmittelbarer Nähe einem von Beiden befand.

      Den Karren gaben sie in Arbora zurück und stockten ihre Vorräte für die weitere Reise auf. Ihr Ziel war es, weiter in Richtung Osten zu reisen, um den Spuren von Adrastus zu folgen. Dabei würden sie als nächste große Stadt in Oratis Halt machen – so ziemlich der Inbegriff einer Stadt, die ein Lacerta um alles in der Welt meiden wollte. Er selbst war noch nie dort gewesen, hatte immer einen großen Bogen um die Stadt der Gläubigen und Gelehrten gemacht, um nicht selbst als Experiment oder sonstiges der Fakultäten zu enden. Jetzt aber führte wohl kein Weg mehr drum herum und sie mussten dort einen Halt machen.
      Gerade Malleus war von der Idee erstaunlich angetan. So richtig wollte er mit der Sprache nicht rausrücken, doch während ihrer fortgesetzten Reise musste er sich irgendwann Tavas Sticheleien geschlagen geben, die sich nicht so einfach hatte beiseiteschieben lassen wie ein gewisser Jäger. Erneut fiel der Name der Signa Ignius, sodass Devon am zweiten Tag ihrer Reise mitten auf dem Pilgerweg stehen blieb, wo glücklicherweise aktuell niemand ihnen entgegenkam.
      „Ich hab anfangs gedacht, du hast einfach nur Beziehungen. Dir einen Hausstand aufgebaut, meinetwegen durch Geld oder Bestechung. In Celestia hast du von deinen Leuten geredet, aber wenn ich jetzt so recht darüber nachdenke schätze ich, ich hab da was ganz Großes übersehen“, sagte Devon, verschränkte die Arme und starrte den kleineren Malleus nieder. „Die Feuerzeichen. Die Kutte. Der … Einfluss. Du gehörst zu den Reihen der Signa Ignius. Wir haben das bloß nie hinterfragt.“
      Er schoss einen Blick zu Tava, die Malleus scheinbar auch noch nicht danach gefragt hatte. Der Kult war Devon ein Begriff, einfach nur wegen des Einflusses, den er in verschiedenen Städten der Welt ausübte. Deswegen war Malleus auch so fanatisch hinter Adrastus her. Er wollte ja seinen Sinn und alles mit dem Drachen erklären. Dass sich der Kult aber auf Adrastus fußte, wusste Devon nicht. Es hatte ihn auch nie sonderlich interessiert.
    • Die Rückkehr nach Arbora verlief überraschend friedlich. Malleus konnte nicht von der Hand weisen, dass die dramatischen Ereignisse in den Ruinen von Lacuna ihre Spuren hinterlassen hatten. Ein vorsichtiges aber brüchiges Verständnis war zwischen den ungleichen Reisegefährten erstanden. Niemand sprach es aus, aber Malleus sah es in den subtilen Veränderungen im Umgang miteinander. Die Sticheleien der Cervidia hatten nicht an Biss verloren, aber Tava schien allmählich ein Augenmerk dafür zu entwickeln, wann sie eine empfindliche Grenze erreichte. Malleus hielt sich entgegen seiner Gewohnheit mit ausschweifenden Predigten zurück. Er blieb auf Distanz aber hin und wieder ließ er sich zu einer kleinen Geschichte oder Anekdote aus der Zeit hinreißen, in der das Feuer sein Leben noch nicht in Asche verwandelt hatte. Und Devon...war immer noch ganz Devon. Vielleicht ein wenig redseliger, allerdings sah er Malleus nicht länger an, als würde der Mann ihnen bei der nächstbesten Gelegenheit in den Rücken fallen.
      Bei ihrer Ankunft in Arbora begrüßten die Bewohner die Rückkehrer herzlich und mit einem Lächeln. Den Verlust des zwielichtigen Alchemisten schien Niemand sonderlich so betrauern. Der Mann hatte sich in der Vergangenheit nicht viele Freunde gemacht und schenkten sie den Gerüchten glauben, war der Scharlatan bei einem seiner Experimente ums Leben gekommen. Ein Unfall, heißt es, er habe sich versehentlich selbst vergiftet. Deshalb rümpfte auch Niemand die Nase, als Malleus gemeinsam mit Tava das Kellerlabor nach nützlichen Zutaten durchsuchten. Ohne den Karren war nur leichtes Gepäck möglich, aber wenn seine Nachricht bereits Celestia erreicht hatte, würde ohnehin ein Vertrauter des Kultes in wenigen Tagen mit einem offiziellen Schriftstück in Arbora eintreffen.
      Bei der Erwähnung von Oratis leuchteten Malleus' dunkle Augen mit zurückhaltender Begeisterung auf. Die Stadt der Gläubigen und Gelehrten war ein wahrhaftiges Mekka für alle, die danach strebten ihren Horizont zu erweitern. Bibliotheken gefüllt mit dem Wissen aus der ganzen noch existierenden Welt füllte die größten, steinernen Hallen, die Malleus jemals gesehen hatten. In exklusiven Räumlichkeiten türmten sich die Artefakte aus der alten Welt für die Augen aller, die genug Einfluss und Vermögen besaßen. Tempel und Kultstätten reihten sich aneinander wie die Perlen auf einer Schnur. Oratis war ebenso strahlend wie blutig umkämpft. In den Prachtstraßen des Stadtzentrums kollidierten die einflussreichste Religionen miteinander. Kleine Glaubensgemeinschaften kämpften um die übrig gelassenen Krümel und im Schatten dieser Disskussionen um den einzige wahren Glauben und die klügsten Thesen lauerten versprengte Kulte auf ihre Chance.
      Die unangefochtenen Herrscher über die Schattenwelt von Oratis waren die Signa Ignius. Malleus' Blut sang erwartungsvoll bei der Vorstellung nach langer Zeit wieder in diese Welt einzutauchen und eine ganze Weile schaffte er es, das Thema erfolgreich zu schiffen. Bis Devon beschloss, dass der Zeitpunkt für Antworten gekommen war. Mitten auf dem Pilgerweg nach Oratis blieb der Lacerta plötzlich stehen.
      "Erwischt", schmunzelte Malleus in einer Art und Weise, die nichts damit zu tun hatte, dass er sich gerade über Devons Feststellung amüsierte. "Ja, ich bin ein Gezeichneter. Mit diesem Namen betiteln sich die Anhänger der Signa Ignius. Sobald wir in Oratis ankommen, werdet ihr verstehen, warum."
      Malleus nutzt die unerwartete Pause um sich einen Schluck aus seiner Trinkflasche zu genehmigen. Es war warm geworden auf dem Weg nach Oratis und seine lange Kleidung half nicht dabei wirklich kühl zu bleiben.
      "Du fragst dich, warum ich geblieben bin, nicht?", schlussfolgerte Malleus und wischte sich beiläufig ein paar Schweißperlen von der Schläfe. Er lächelte, doch ein Hauch von Verbitterung trübte das Lächeln. "Einen Teil wisst ihr bereits, ich suche Adrastus und wo sollte ich besser an Informationen über die große Feuergeißel kommen, wenn nicht im Zentrum des Kultes, der ihm huldigt? In Oratis existiert eine Kultstätte für Adrastus, die meinen Leuten als Pilgerstätte dient."
      Er konnte sehen, dass die Antwort seine Reisegefährten nicht befriedigte.
      Die Logik wich einer weniger rationalen und dennoch kryptischen Antwort.
      "Sie haben mir mein Leben gestohlen, also habe ich beschlossen, mir dafür etwas zurückzuholen", antwortete er schlicht und wusste genau genau, dass er damit Tava und Devon auch keine eindeutige Antwort lieferte.
      Ja, ich habe mit etwas dafür genommen, dachte Malleus. Alles.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die kleine Versammlung löste sich kurz darauf schon auf und Tava verblieb der letzte Rest des Schnapses, den sie ohne Hemmungen noch runterkippte. Dabei war sie froh, dass Malleus noch an Wasser dachte, denn ohne hätte sie sicher nichts mehr normales getrunken und am nächsten Tag diese Entscheidung bitter eingebüßt. Zwar hatte sie am Morgen trotzdem ein Brummen im Kopf und einen etwas wankelmütigen Magen, aber sie fühlte sich fit genug für die bevorstehende Wanderschaft.
      Dafür überraschte Devon sie auf nicht gerade angenehme Weise, als er zielgerichtet auf sie zugeschlichen kam, einfach ihre Hand packte, als Tava nicht rechtzeitig zurück wich, und die Schnitte begutachtete. Sie ließ ihn machen, teilweise, weil sie sich an seine Worte vom Abend erinnerte, teilweise aber auch, weil sie es vermeiden wollte, den gestrigen Abend noch einmal zu wiederholen. Sie hatte mit den Nachwirkungen des Schnapses schon genug Sorgen, um gut auf einen anpirschenden Lacerta verzichten zu können.
      Ihr Lager beendeten sie schon sehr bald und brachten den Karren nach Arbora zurück, wo sie ihren Proviant auffüllten und Tava die einzigartige Gelegenheit bekam, sich kostenlos in einem Labor zu bedienen. Dabei ließ sie mitgehen, was nicht niet- und nagelfest war und in ihren Rucksack passte und was sich außerdem auf die Schnelle nicht anderweitig besorgen ließ. Ganz anscheinend war dieser Falk der einzige Alchemist in Arbora gewesen, denn sonst war noch niemand auf die Idee gekommen, etwa das kostbare Gerbis-Kraut mitzunehmen. Nun, besser für Tava.
      Sie ließen Arbora hinter sich und legten als nächstes Ziel Oratis fest, was eine besondere Anziehungskraft auf Malleus auszuüben schien - gerade Malleus. Devon wurde leicht mit Drachen angelockt, Tava wurde leicht mit Alchemie angelockt und Malleus wurde wohl leicht von Oratis angelockt. Es brauchte aber einiges an Nachfragen, bis er endlich mit der Sprache herausrückte.
      Er gehörte zu den Signa Ignius, gerade jenen, die Celestia schon eingenommen hatten. Eigentlich hätte es auf der Hand liegen müssen, so selbstverständlich, wie Malleus dort durch die Stadt gegangen war, als gehöre sie ihm, aber jetzt kam es wohl erst offiziell heraus. Malleus war ein Gezeichneter und in Oratis gab es für Adrastus sogar eine ganze Kultstätte. Das war für Tava nun doch ein wenig interessant, auch wenn sie nichts für die ganze Kult- und Heiligensache abgewinnen konnte. Menschliche Religionen und Glaubensrichtungen hatten nur sehr selten etwas mit Hörnern zu tun und daher fühlte Tava sich so gut wie nie mit einbezogen.
      Allerdings konnte es sich als nützlich erweisen, wenn sie in Oratis ein Mitglied der dort herrschenden Gruppierungen bei sich hatten. Tava schätzte ihre Chancen zumindest besser, als wenn sie ohne Malleus gegangen wären: Ein Lacerta und eine Cervidia bei ihm. Nein, ohne Malleus würden sie vermutlich einen großen Bogen um Oratis machen.
      So freute sie sich aber fast schon auf die Stadt und auf die Händler, die ihr sicher einzigartige Gegenstände verkaufen konnte. Vielleicht würden sie dort auch wirklich auf mehr Spuren von Adrastus stoßen.
    • Wer würde sich nicht fragen, wieso ein malträtiertes Kind auch noch im Erwachsenenalter bei den manischen Peinigern blieb? Entweder, weil das Kind aus Angst oder Erziehung so reagierte, oder weil es sich in eine Position gemausert hatte, wo es nicht mehr ständig die Schläge bezog, sondern sie austeilte. Und nach dem, was Devon in Celestia gesehen hatte, traf bei Malleus Letzteres zu.
      „Sicher. Folg der Bestie, die deine Leute und dein Heim pulverisiert hat. Da könnte man ja fast meinen, es war Fügung, dass diese Männer dich fanden“, meinte Devon, der den kleinen Zwischenstopp aufgegeben und den Weg wieder aufgenommen hatte. Dass Malleus sich wieder in kryptischen Antworten verfing, belohnte Devon dieses Mal nicht. Er hatte sich auf ein delikates Seil von Diskretion und Verständnis mit dem Mann eingelassen, eine ganz und gar willkommene Abwechslung zu dem Chaos, das eine gewisse Cervidia mit sich brachte.
      „Ich hab um Oratis immer einen recht großen Bogen gemacht. Gerade wegen den Fanatikern und allem. Da verirrt sich kein Lacerta hin. Ich hab allerdings gehört, dass in bestimmten Winkeln von Oratis auch als Cervidia auf seine Hörner aufpassen muss“, gab Devon sein spärliches Wissen an Tava weiter, von der er erwartete, auch noch nicht in der Stadt der Gläubigen gewesen zu sein. „Unser Feuerteufel sollte sich wohl ein bisschen mehr als üblich zusammenreißen.“
      Sein Mundwinkel zuckte in einem flüchtigen Lächeln, das ihm beinahe über die Lippen gekommen wäre.

      Der Weg zu Oratis war eher eine Art Pilgerfahrt. Die Gruppe um Devon reiste auf dem direkten Weg zu der Stadt, was bedeutete, dass sie zu Fuß der Hauptverkehrsstrecke folgten. Dabei kamen ihm alle möglichen Leute und Rassen entgegen. Jägertruppen, Händlerkarawanen, Flüchtlinge aus Krisengebieten, gewöhnliche Bürger, Mönche und so weiter. Je näher sie Oratis kamen, desto mehr Händler machten die Reisenden aus und ungewöhnlich viele Cervidia mischten sich darunter. Bis auf die Hauptstädte der Cervidia konnte sich der Lacerta nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal so viele von ihnen in so kurzer Zeit gesehen hatte. Es wirkte so, als zögen sie alle mit einem Ziel nach Oratis, und das bestätigte die Stadt, als sie nach gut zwei Wochen Laufmarsch ihr Ziel erreichten.
      Oratis war eine der bedeutsamsten Städte in diesem Teil des Landes. Wenngleich Celestia wie eine Hauptstadt fungierte, war es doch Oratis, die ihr diesen Umstand erst ermöglichte. Als einzige Stadt war sie direkt an dem größten Fluss des Kontinents gelegen, dem Vennola Kanal. Sämtlicher Handel über den Schiffsweg startete und endete in Oratis, wo man Güter erwerben konnte, die es sonst nirgends im Land gab. Folglich war hier die Dichte an wohlhabenden Menschen besonders groß, ebenso wie der Schatten des zwielichtigen Gesindels. Gut die Hälfte von Oratis Erscheinung war geprägt durch Kranbauten, Seilzüge und hohen Lagerstätten. Die andere Hälfte machten Gebäude aus, denen noch der Neogothik anzusehen war. Kirchen, Glaubensstätte, Forschungsinstitute – die Stadt war breit aufgestellt mit ihren Einrichtungen. Besonders die Gläubigen und Gelehrten, die ihre Statuen und Wissensstätten in der gesamten Stadt errichtet hatten, bildeten mit dem Umschlagsort den Kernpunkt von Oratis. Dass es einen Kommandoposten der Signa Ignius im Zentrum gab, wusste Devon nicht. Er hatte schließlich nie einen Fuß hinter die befestigten Mauern der Stadt gesetzt. Er hatte nur die Anbetungsstätte von Adrastus einst von Weitem gesehen; ein abgesonderter Bereich nebst der Stadt, die wie ein Steinkreis aufgebaut war. Man hatte dort wohl einen Abdruck des Monsters gefunden und zur Kultstätte erkoren. Interessieren tat dies Devon herzlichst wenig.
      Spannender war allerdings, dass die Mauern allesamt mit festlicher Dekoration abgehängt waren. Bahnen an Stoff – definitiv nicht die günstige Sorte – wallten von den Wänden hinab und tauchten das graue Mauerwerk in Pastelltöne. Die Tore waren mit Kränzen und Gestecken dekoriert und bereits von Weitem wehte ihnen nicht nur der Geruch von Wasser und Schiffsfahrt entgegen, sondern auch Gebratenem und Räucherwerk. Allem Anschein ging hier gerade ein Fest von Statten, was Devon nur noch griesgrämiger wirken ließ.
      „Ich werde vor den Mauern mein Lager aufbauen. Wenn die mich in der Stadt sehen, könnte es schwierig werden“, sagte er, nachdem er sich den Schal so hoch wie möglich ins Gesicht zog und auch seine Ohren wieder bedeckte. Gegen seine Größe konnte er nichts unternehmen und er wagte es zu bezweifeln, dass sein Gesichtsschutz gewisses, findiges Volk davon abhalten würde zu erkennen, was er war. Als eine noch recht unerforschte Spezies in eine Stadt der Gelehrten und Schriftführer zu gehen, glich in dem Fall dem freiwilligen Hinlegen auf einem Seziertisch.
      „Tut, was auch immer ihr da tun wollt. Wenn ihr soweit seid, ziehen wir weiter.“
    • Im Gegensatz zu Devon, der gar nicht begeistert darüber schien, Oratis aufzusuchen - auf der anderen Seite: Konnte der Lacerta überhaupt wegen irgendwas begeistert sein? - freute sich Tava auf die Stadt, auf die Händler, auf die Gegend. Auf die Kontakte, die Malleus ihnen einbringen konnte und die sich schon in Arbora als überaus nützlich erwiesen hatten. Auf Adrastus.
      Nur wurde die ganze Aufregung von der Tatsache beschränkt, dass nun nicht mehr Tava die Führung übernommen hatten, sondern sie einfach stumpf einer Straße folgten, die sie auf direktem Weg zur Stadt brachten. Zwar war der ebenerdige Steinweg ein Segen für Füße, die sich über weicher Erde, unregelmäßigen Erhöhungen und Wurzeln wund gelaufen hatten, aber ein Fluch für das, was das Leben erst lebenswert machte. Die Straße war zwar durch eine blühende Wildnis gezogen worden, aber auf der Straße selbst bekam man von dieser Wildnis nichts mit; alles war kahl, unbewachsen, zur Seite gedrängt. Das ärgerte sowohl Tava die Alchemistin, die sonst immer in alle möglichen Himmelsrichtungen vom Weg abschwirrte, um nach Pflanzen und Pilzen suchen, als auch Tava die Pyromanin, die nichtmal eben so einen Strauch oder einen Ast abbrennen konnte. Es gab dort gar nichts zu sehen und zu entdecken. Nichts bis auf andere Reisende und ordentlich viel Insekten - nichts, womit man etwas anfangen könnte.
      Entsprechend war sie die meiste Zeit ihrer Reise mies gelaunt und murrte und schimpfte viel. Abends konnte sie nicht einmal in die Wildnis auswandern, denn wo es Händler gab, gab es auch Banditen und daher schrieb Devon ihnen vor, dass sie alle zusammen bleiben sollten. Sie musste sich damit begnügen, mit ihrem Ring herumzuspielen, was höchst unbefriedigend war. Ein Grund mehr zu schimpfen.
      Viele der Reisende waren Cervidia, was Tava hätte aufmuntern können, weil sie momentan in einem Teil des Landes unterwegs waren, in dem das behörnte Volk nicht allzu häufig anzutreffen war; aber Tava war gegen Aufmunterung vollkommen resistent. Im Gegenteil: Anstatt ihre Landsleute zu begrüßen oder auch einfach zu ignorieren, senkte sie die Hörner schlagartig ab, wenn sie ihr in den Blick kamen. Und die anderen Cervidia, die nunmal auch Cervidia waren, taten es ihr sofort gleich. Manch einer schimpfte sie sogar im Vorbeigehen an und eine Cervidia mit gekreuzten Hörnern beleidigte Tava sogar schon aus der Entfernung und strebte fast zielgerichtet auf sie zu. Malleus trieb Tava mit eindringlichen, aber strengen Worten weiter und bei der anderen Gruppe, in der die Cervidia ebenfalls die einzige ihrer Art war, packte sie ein großer Mann am Arm und zog sie unerbittlich weiter. Die beiden Cervidia verrenkten ihre Köpfe, um sich noch so lange es ging ihre Hörner zu präsentieren.
      Dann war es soweit und Oratis tauchte hinter den Hügeln auf, eine Stadt in der prachtvollen Blüte geistiger Entwicklung. Hohe Bauten sprossen aus dem Boden, geprägt von einzigartiger Architektur, verschont von der Zerstörung eines vorbeiziehenden Drachen. Das hier war eine Stadt der Intellektuellen und Geistigen, eine Stadt der Wissenschaft und des Handels, ein Ort, wo Gold und nicht das Schwert diktierte. Der Reichtum stand der Stadt quasi auf den Palisaden geschrieben.
      Devon hatte seine Gesichtsbedeckung wieder hochgezogen, kaum als sie nahe genug gekommen waren, und verließ jetzt die Straße, um sich einen geeigneten Lagerplatz zu suchen zwischen einem Haufen anderer Leute, denen der Eintritt größtenteils verwehrt war. Malleus und Tava reihten sich dafür in die Schlange ein, die sich vor dem Tor schon gebildet hatte.
      Man fragte sie beide nach ihrem Anliegen und Tava gab sich als private Händlerin aus, nicht etwa als Alchemistin, da sie schließlich kein Siegel mit sich führte. Malleus musste nicht lügen und so wurden sie beide eingelassen.
      Hinter dem Tor schlug die Stimmung fast sofort um. Während die Reisenden vor dem Tor noch mit der Last ihres Gepäcks dahin schlurften, schien dahinter eine ausgelassene Leichtigkeit zu herrschen. Männer und Frauen in prachtvollen Gewändern zogen fröhlich plaudernd am Torplatz vorüber, ihre Kleider und Gesichter geschmückt mit roter Farbe. Karren fuhren durch die Stadt, nicht weniger geschmückt mit festlichen Bändern und rotem, reflektierendem Glas. Ferne Musik wehte über den Lärm von Pferdehufen und polternden Rädern ganz leicht durch die Luft herüber.
      Ganz anscheinend war hier irgendeine Festlichkeit im Gange.
      "Was ist hier denn?", fragte Tava Malleus, von dem sie irgendwie dachte, dass er mit seinen Verbindungen immer und alles wissen konnte. Aber in diesem Fall hatte man ihn wohl außenvor gelassen.
      Sie entschieden sich dazu, dem offensichtlichsten Strom ein wenig zu folgen, um zu sehen, wie weit sich die Festlichkeiten durch die Stadt ausbreiteten und ob ihr Vorhaben dadurch behindert sein würde. Dafür bogen sie gerade um eine Ecke, die das Sonnenlicht durch die hohen Häuser hindurch die Straße erhellen ließ, da erblickte Tava eine Bewegung am Himmel, hob den Kopf und -
      Adrastus war da. Der größte Feuerdrache mit dem gigantischen Maul, mit einer Zunge, die so lange wie eine Kutsche war, mit dem Feuer in sich, das das Licht der Sonne übertrumpfen konnte, mit den Augen, die kein Lebewesen je erblickt und dabei überlebt hatte. Adrastus, sein mächtiger Kopf, der im Himmel zwischen den Häusern hing und dem ein gewaltiger Körper folgte, langsam wie eine sanfte Strömung im Wasser, der seinen mächtigen Kopf drehte und Tava direkt anzusehen schien.
      Lauthals schnappte sie nach Luft, blieb stehen und riss Malleus an seinem Arm, wie um ihn davon abzuhalten, noch näher hinzugehen. In ihrem Bauch tobten Erwartung, Vorfreude und furchtbare Angst, während sie damit rechnete, dass der Drache gleich sein Maul öffnen würde und Feuer, so viel wie ein ganzes Meer, über den ganzen Himmel erstreckt, weit genug um die Sterne zu ergreifen, heiß genug, um die Erde zu schmelzen. Sie war überzeugt davon, dass die Welt gleich ihren tragischen, aber glorreichen Untergang finden würde.
      "Malleus!"
    • Notgedrungen musste Malleus den Wunsch des Drachenjägers, vor der Toren von Oratis zu warten, respektieren. Weder die imposante Stadt selbst noch deren Umland war ein sicheres Pflaster für Alleinreisende. Obwohl sich Oratis und seine Einwohner unter dem Deckmantel der Bildung und des friedlichen Lernens präsentierten und aller Orts mit Akzeptanz warben, brodelte es hinter verschlossenen Türen. Einzig allein die Tatsache, dass Devon weder arglos noch wehrlos war, hielt seinen Protest zurück. Die Straßen von Oratis waren wohl für niemanden gefährlicher, als einen Mann, der die Merkmale der Drachen am Leib trug. Also blieb Malleus nichts anderes übrig, als zu nicken und mit Tava durch das Stadttor zu treten.
      Mit zusammengezogenen Augenbrauen ließ Malleus den Blick über die lachende und feiernde Menge schweifen. Oratis hielt sich nicht zurück, sobald es um religiöse Festivitäten ging. Vielleicht war die treibende Kraft auch nicht Oratis selbst, sondern die zahlreichen Glaubens- und Religionsgemeinschaften. Früher hatten Veranstaltungen dieser Art in Malleus den Eindruck erweckte, dass die einzelnen Gruppierungen sich bei solcher Gelegenheit stets übertrumpfen versuchten. Aufmerksamkeit bedeutete neue Jünger und nirgendwo sonst wechselten die Wankelmütigen schneller die Lager als in Oratis. Blumige Versprechungen, Gold, Wein und Weib vermochten einen schwachen Geist leicht zu bezirzen.
      "Was ist hier denn?", fragte Tava, doch Malleus Aufmerksamkeit klebte förmlich an den prunkvollen Gewändern der Feiernden, den Masken und Gesichtsbemalungen.
      Die Straßen und Häuser waren mit Dekoration geradezu überschüttet worden. Egal wohin er sah, dominierte eine Farbe sein Blickfeld: Rot. Überall leuchtete die Farbe in all ihren verfügbaren Facetten. Rot wie das Blut. Rot wie das Feuer. Rot wie der Mohn, der im Frühjahr vor den Stadttoren in voller Blüte stand. Hatten die pastellfarbeigen Banner und Blüten an den Stadtmauern auf ein Fest zur Begrüßung des Frühlings hingedeutet, zeigte sich das Innere von Oratis in der Farbe des Blutes.
      "Tava...ich habe nicht die geringste Ahnung", gab Malleus zähneknirschend zu. "Es ist Jahre her, dass ich einige Zeit in Oratis verbracht habe und ein solches Fest ist mir nicht..."
      Sie Bogen mit einem Strom maskierter Menschen um die nächste Ecke, da schnappte die Cervidia erschrocken nach Luft. Eine Hand schloss sich aus dem Nichts um seinen Arm und veranlasste Malleus dazu, seinen Ellbogen ruckartig an den eigenen Körper zu ziehen. Ein schlangengleiches Zischen verließ seine Lippen, als er mit einer plötzlichen Drehung herumwirbelte und bereits Anstalten machte aus reinem Reflex nach Tavas Kragen zu greifen. Die Art, wie sie seinen Namen aussprach, ließ Malleus inne halten.
      Seine Finger zuckten und ballten sich zu Fäusten, als er ihrem Blick gen Himmel folgte und zum ersten Mal den gewaltigen Schatten über ihren Köpfen bemerkte. Ein Drache schwebte über die Besucher und Bewohner von Oratis hinweg. Er öffnete das Maul um sein Feuer über die Menschheit niedergehen zu lassen, das Fleisch und Knochen in Sekunden zu Asche verbrannte.
      Doch aus dem mächtigen Kiefer strömte lediglich Rauch...und die Menge jubelte.
      Ein Abbild von Adrastus, aus meterweise edlen Stoffen, die über ein Holzgerippe gespannt waren, glitt durch die Luft. Malleus konnte nicht erkennen, ob er von Menschenhand getragen oder durch einen ausgeklügelten Mechanismus in der Luft gehalten wurde. Selbst die imposanten Schwingen und der Schweif neigten sich auf und ab, sehr zur Freude der Schaulustigen. Tanzende Männer und Frauen bewegten sich rhythmischen Trommeln zu Füßen des riesigen Korpus.
      Die Anspannung über die unerwartete Berührung durch Tava machte einem ganz anderen Gefühl schnell Platz.
      Malleus war über alle Maßen über dieses Schauspiel empört.
      "Was im Namen der großen Feuergeißel ist das?", murmelte er.
      Er trat gemeinsam mit Tava ein Stückchen zurück, wobei er die erstarrte Cervidia mit ein wenig Nachdruck bugsieren musste.
      "Sieh genau hin...", flüsterte er und neigte sich ein wenig zu Tava herunter, nah an ihr Ohr, damit sie ihn über den Lärm und die Musik auch hören könnte. "Das ist nur eine große Puppe. Schau. Stoff, Holz und kalter Rauch. Ich befürchte, wir müssen Devon warten lassen und einen kleinen Umweg nehmen. Irgendjemand schuldet mir eine Erklärung für diesen anmaßenden Unsinn."

      Malleus führte Tava durch die verwinkelten Straßen von Oratis.
      Allmählich entfernen sie sich vom Zentrum der Festivitäten und die Musik verwandelte sich ein stetiges Hintergrundrauschen. Die Straßen verloren sich in einem Irrgarten aus engstehenden Häuserfassaden, winzigen Gärten und Hinterhöfen. Die Bürger von Oratis nutzten alle Gelegenheiten auch den kargsten Winkel mit ein wenig Farbe zum Leben zu erwecken. Blumenkästen zierten die Fensterbänke und in den Fenstern glitzerten Windspiele aus bunten Glasscherben. Tava und Malleus erreichten einen kleine, offenen Hof, in dessen Mitte ein schlichter Springbrunnen friedlich plätscherte. Der Platz war umsäumt von niedrigen Bäumen mit zierlichen, dünnen Stämmen und ausladenden Baumkronen mit sattgrünen Blättern. Alles war frische geschnitten, säuberlich gepflegt und erweckte den Eindruck von Ordnung aber Bescheidenheit. Das einzig Besondere war die zweiflüglige Eingangstür des dreistöckigen Gebäudes mit dem Mauerwerk aus hellem Sandstein, zu der Malleus sie führte. In das Holz war ein detaillierter Drachenkopf geätzt umgeben von einem Kranz aus Flammen. Malleus legte beide Hände gegen die Tür...und trat mit einem Ruck ein ohne anzuklopfen.
      Welche Gespräche auch immer hinter verschlossenen Türen stattgefunden hatten, brachen augenblicklich ab, als sich die Aufmerksamkeit zum Eingang des Hauses verlagerte. Der Raum war großzügig geschnitten und beherbergte hauptsächlich Sitzgelegenheiten aus einfachen Tischen und Stühlen. An manchen wurde gegessen, an anderen steckten Männer und Frauen die Nase in alte Bücher und wieder an anderen wurde bis vor wenigen Sekunden angeregt diskutiert. Sie alle trugen Gewänder aus hellem Leinen, hochwertig aber schlicht. Die Zierde dieser Gewänder war nicht der Leinenstoff sondern die kleinen Verzierungen aus Gold, Obsidian und roten Glassteinen. Sie fanden sie in den Knöpfen, den Kordeln, Säumen und Schmuckbänden wieder.
      "Meister Malleus!", schnappte eine junge Frau an einem der Vorderen Tische.
      Der Name ging wie ein Raunen durch die Reihen und auch der letzte erhob sich vom Tisch.
      "Was für eine Ehre..."
      "Wiedergeborener..."
      "Haben sie nicht gesagt, er sei in Celestia...?"
      "Kam denn kein Bote?"
      "Meister Malleus..."
      Binnen weniger Sekunden waren Tava und Malleus von eine Traube von Menschen umringt und sie alle berührten den hochgewachsenen Mann ehrfürchtig mit den Fingerspitzen. Die Verwirrung stand der Cervidia ins Gesicht geschrieben und Malleus schenkte ihre einen vielsagenden Blick, damit sie kein Wort über das kleine, persönliche Gespräch am Feuer verlor. Er sah zurück zu den Menschen, die sie umringten und stählte sich für das Unvermeidliche. Ein paar der Anwesenden hatten sich verneigt und das Haare aus ihrem Nacken gestrichen, in dem dasselbe Brandzeichen prangte, dass Malleus überall an seinem Leib trug. Ein warmes Lächeln zierte seine Lippen als er die Hände hob und die Gesichter der Menschen berührte, die ihm am nächsten ständen. Er verzog keine Miene, als die Wärme der Haut durch das weiche Leder drang.
      "Was für ein herzlicher Empfang, meine Brüder und Schwestern...", wisperte er mit weicher, sanfter Stimme...und unterdrücktem Ärger. "Es ist zu lange her, dass ich Oratis meine Heimat nennen durfte. Ich muss zu lange fort gewesen. Bitte nehmt auch meine Freundin mit der selben Herzlichkeit in eure Mitte auf. Ihr Name ist Tava und ich verlasse mich darauf, dass sie als mein Gast mit Respekt und Freundlichkeit behandelt wird."
      Fragende und befremdliche Blicke schossen zu der Cervidia und natürlich zu ihren Hörnern, doch ein Widerwort blieb aus. Alle neigten hörig und zustimmend die Häupter. Nur wenige schienen etwas hinter der verständnisvollen Maske von Malleus zu bemerken, denn sie hielten die Köpfe gesenkte und schienen sich beinahe vor seinem Blick wegducken zu wollen.
      "Willkommen im Haus der Signa Ignius in Oratis, Tava", raunte Malleus.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Das Entsetzen über Adrastus’ Anwesenheit hielt für viele Sekunden weiter an. Tava war sich nicht sicher, in welche Richtung ihre Beine sie getrieben hätten, wenn sie jetzt losgelaufen wäre - ob weiter hin oder weiter weg. Aber das Gefühl verflüchtigte sich sowieso, als Malleus sie eindringlicher auf die Gestalt aufmerksam machte. Eine Puppe? Aber… das konnte doch nicht sein, so hoch wie er sich bewegte, so realistisch. Nur - war es wirklich realistisch, wie sein großer Kopf zur anderen Seite schwenkte und dort zu einem abrupten Halt kam? War es wirklich so realistisch, wie langsam er flog, auch wenn seine Flügel sich beständig bewegten? Dass nicht Feuer, aber Rauch aus seinem aufgesperrten Maul trat? Nach und nach erkannte auch Tava die Nachbildung und dem anfänglichen Zorn, dass das mächtige Wesen so lächerlich gemacht wurde, folgte ganz schnell ein anderer, viel besserer Gedanke: Wie gut würde die Konstruktion wohl brennen? Wie hoch würden die Flammen schlagen? Wie heiß würde es werden, wenn der ganze Drache in einem Flammeninferno aufging? Und da hatte es in Tava mit einem Schlag Klick gemacht. Plötzlich wusste sie ganz genau, was sie hier in Oratis tun wollte.
      Ah… oh… das ist… enttäuschend”, murmelte sie abwesend, während sie das Maskottchen mit nun viel größeren Augen ansah. In der Realität flog der falsche Drache durch den Himmel, aber in Tavas Vorstellung prangte ein Feuerball dort, wo die Sonne hätte sein müssen. Groß und gewaltig und zerstörerisch.
      Vielleicht war Oratis ja doch gar nicht so schlecht. Tava glaubte sogar, dass sie an dieser Stadt Gefallen finden könnte.

      Kurz nach dem Spektakel führte Malleus sie wesentlich zielgerichteter durch die Straßen. Er hatte nicht näher spezifiziert, wer dieser irgendjemand war, der ihm Auskunft geben sollte, aber Tava hatte so ihre Vermutungen, als sie bei einem mehrstöckigen Gebäude ankamen, an dessen Eingang ein künstlerischer Drachenkopf eingefasst war. Und wenn sie ehrlich war, freute sie sich schon ein wenig auf die Signa Ignius. Der Kopf erinnerte sie nämlich an das höchst brennbare Gegenstück und das beflügelte sie auf ganz eigene Weise.
      Ohne weitere Umschweife legte Malleus die Hände auf die Pforte, drückte sie auf und verschaffte ihnen Zutritt zu dem Sitz seiner Leute.
      Der Innenraum sah ein wenig aus wie ein gehobener, wenn auch langweiliger Schankraum. Kleine Grüppchen von Leuten saßen hier zusammen, die sich entweder gedämpft unterhielten oder gar nichts redeten, weil ihre Nasen in Büchern steckten. Womit auch immer sie sich bis dahin beschäftigt hatten, fand aber ein jähes Ende, als sich die Masse zu den Neuankömmlingen umdrehte und Malleus erblickte, der dort im Türrahmen stand. Tava konnte beobachten, wie Augen groß wurden und Rücken sich strafften. Sie konnte mit fast lächerlich guter Klarheit erkennen, wie Erkennen in den Gesichtern aufflackerte und dann Überraschung. Ganz eindeutig war Malleus unter all diesen Leuten bekannt und seine Ankunft bei weitem nicht vorhergesehen.
      Es folgte ein aufsteigendes Geflüster und Gemurmel, als die Leute sich erhoben, als wäre eine Gottheit in den Raum getreten, und auf die Tür zu strömten. Binnen Sekunden waren sie schon von der Masse ergriffen und es wurde noch mehr; ganz anscheinend machte Malleus’ Ankunft die Runde wie ein Lauffeuer. Mit geweiteten Augen voller Wunder drängten sie sich heran und streckten ehrfürchtige Hände nach Malleus aus - und der ließ es geschehen. Der Mann ließ zu, dass die Menschen ihn berührten und sich heran drängten, nach allem, was er Tava und Devon am Feuer erzählt hatte. Mehr noch, er schien sie alle sogar zu empfangen, schien sich darauf zu freuen, dass sie ihm eine solche Ehrerbietung zukommen ließen. Hätte Tava nicht die Wahrheit gewusst, so hätte sie einfach nur vermutet, was alle anderen hier wohl dachten: Dass Malleus eben der geborene Anführer war, derjenige, der sie alle in die Zukunft führen konnte. Aber Tava wusste es besser. Was die Menschen wohl sagen würden, hätten sie gesehen, wie Malleus beim See nahe Arbora auf dem Boden zusammengesackt war, wie er gezittert hatte, wie er sich übergeben hatte? Wie schnell würde sich ihr Bild ändern, wenn sie begriffen, dass Malleus einfach nur ein Mann wie sie war? Dass es keine Unantastbarkeit bei ihm gab, die ihn erst würdig machte?
      Tava beobachtete das ganze Geschehen mit Fragen wie diesen, die sich in ihrem Kopf überschlugen, während sie sich darum bemühte, diese ganze Versammlung nicht platzen zu lassen. Diese ganzen Leute kamen ihr nämlich auch definitiv zu nahe und sie musste dem Drang widerstehen, ihre Hörner auf die nächstbeste Hand einschlagen zu lassen und sie zu brechen. Der schlimmste Teil kam aber dann, als alle diese fanatischen Anhänger ihre Köpfe vor Malleus neigten und Tava in einem Schwall aufkommenden Zorns, den diese Provokation hervorrief, ihren eigenen Kopf herunterriss. Menschen waren einfach so einfältig in dieser Hinsicht. Warum bewegten sie auch ihre Köpfe mit solcher Gedankenlosigkeit?!
      “Willkommen im Haus der Signa Ignius in Oratis, Tava”, raunte Malleus ihr zu.
      Sehr willkommen fühle ich mich hier nicht gerade”, knurrte Tava mit zusammengebissenen Zähnen zurück, während sie versuchte, ihre Emotionen mit Verstand niederzuzwingen. Menschen wussten es einfach nicht besser. Tava sollte einfach versuchen, es an ihr vorbeiziehen zu lassen, was ihr offenkundig nicht sehr gut gelang.
    • „Meister Malleus!“
      „Was für eine Ehre…“
      „Wiedergeborener…“
      „Haben sie nicht gesagt, er sei in Celestia…?“
      „Kam denn kein Bote?“
      „Meister Malleus…“


      Unwirsch wurde in einer angrenzenden Kammer eine Feder auf den schweren Holztisch gepfeffert. Diese Kammer war für ein bisschen Konzentration und Privatsphäre gedacht und nicht jeder der Anhänger der Signa Ignius durften einfach so ungefragt in diese Kammern treten.
      Doch der Tumult im Hauptraum war nicht zu überhören. Fast schlagartig war die angenehme Stille gewichen, Stühle kratzten, Füße trampelten, Stimmen wurden laut. Es reichte die Erwähnung von nur einem einzigen Namen und schon wurde alles stehen und liegen gelassen, als sich die ortsansässige Archon von ihrem sekludierten Studierplatz erhob und die alte Schrift achtlos zurückließ. Wie ein Derwisch fegte sie durch die Kammer, riss die gebeizte Eichentür auf und erblickte: Kutten.
      Ganz viele, helle Kutten.
      Viele, hochgewachsene Kutten.
      Die Archon verzog das Gesicht. Kurz, ungehalten, ehe sie ihre Züge glättete und die professionelle Maske aufsetzte, die sie von dem einzigen Mann gelehrt bekommen hatte, den sie jemals wertgeschätzt hatte. Wie immer musste sie sich der Tatsache stellen, dass sie mit ihren anderthalb Metern Größe praktisch unter allen anderen Mitgliedern des Kultes versank. Da half es auch nicht, dass ihre Masse sie breiter machte. Außer, um weniger leicht weggeschubst zu werden. Nur hatte Amentia weder Schönheit noch Geld gehabt, um sich ihren Posten zu erkämpfen. Nein, Amentia hatte Glück und Grips benutzt, um sich dorthin zu arbeiten, wo sie nun war.
      „Seid wann blockiert ihr den Weg der Archon?“, fragte sie schroff den ersten Kultisten, den sie berühren konnte, und funkelte ihn von unten hinauf an. Der zuckte betroffen zurück und löste damit eine Kette aus von Menschen, die sich wie das Meer zu beiden Seiten teilten und einer kleinen, korpulenten Frau Platz machten, die hoch erhobenen Hauptes auf die Neuankömmlinge zukam. Im Gegensatz zu den anderen Kultisten trug Amentia keine helle Kutte, sondern eine dunkelblaue. Bei ihr fehlten sogar die güldenen Akzente, die roten Steinbesätze und sonstiges Geschmeide. Einzig die schweren Rubinohrringe teilten das Farbspiel und waren Schmuckbesatz in ihrem Besitz. Die Kutte war offensichtlich nicht unbedingt für Menschen mit ihrem Umfang gedacht gewesen, sodass ihr Ausschnitt schon beinahe gewagt bezeichnet werden konnte. Dass er dabei aber den Blick auf das Zeichen der Signa Ignius freigab, was sie knapp zwischen ihren Brüsten eingebrannt hatte, war die eheste Erklärung dazu. Mit ihren 32 Jahren zählte Amentia zu den Frauen, die Kohlestifte für sich entdeckt hatten und damit die Augen betonten, damit sie von den etlichen Muttermalen in ihrem Gesicht ablenken sollten. Meistens nur mit mindermäßigem Erfolg und manch einer paarte ihr Gesicht mit ihrer Korpulenz um zu erklären, warum Amentia weder Mann noch Kind in ihrem Alter hatte.
      Nur wollte Amentia nicht diesen Weg einschlagen. Es gab für sie nur einen einzigen Mann in ihrem Leben und der war außerhalb ihrer Reichweite.
      „Was für ein herzlicher Empfang, meine Brüder und Schwestern…“ Amentia brauchte nur eine Silbe der Stimme zu vernehmen, damit es ihr wohlig über den Rücken lief. Zeitgleich hörte sie den Ärger heraus, den jeder andere Geblendete einfach überhörte. „Es ist zu lange her, dass ich Oratis meine Heimat nennen durfte. Ich muss ZU lange fort gewesen sein. Bitte nehmt auch meine Freundin mit derselben Herzlichkeit in eure Mitte auf. Ihr Name ist Tava und ich verlasse mich darauf, dass sie als mein Gast mit Respekt und Freundlichkeit behandelt wird.“
      Amentias Augen fielen auf Malleus, dann auf Tava zu seiner Seite. Er hatte sich zu ihr gebeugt und ihr etwas zugeflüstert, was unterschwelligen Zorn in der Frau schürte. Er hatte keine Frau neben sich, er hatte eine Cervidia neben sich. Eine junge, hübsche, sehr hübsche Cervidia, die niemals ohne Grund an Malleus‘ Seite wäre. Aber das tat jetzt nichts zur Seite. Das Ärgernis erstreckte sich nämlich auf die Umstehenden, die viel zu nah an Malleus standen und ihn noch immer gar überall zu berühren versuchten.
      „Wer hat euch allen erlaubt, den Gezeichneten zu berühren? Womit habt ihr euch diese Ehre überhaupt verdient?“, fuhr sie mit einer Stimme, die spielend leicht den gesamten Raum ausfüllte, die Mitglieder des Kultes an, die wie geschockt von Malleus wichen. Die Hierarchie war in der Signa eindeutig geklärt.
      Im Gegensatz zu den Anderen hielt Amentia in einem gebührenden Abstand vor Malleus inne. Sie musste den Kopf ein wenig in den Nacken legen, um dem Mann in sein Gesicht sehen und das verdeckte Ärgernis erkennen zu können. Auch ohne Worte wusste sie, was ihm die Laune gehörig verhagelt hatte. „Willkommen zurück, Malleus.“ Sie gehörte zu den wenigen, die sich den Titel sparen durften. „Euer unangekündigtes Erscheinen ruft Aufruhr hervor, wie Ihr sehen könnt. Verzeiht es ihnen, einige von ihnen sehen Euch heute das erste Mal. Wir haben viele neue Jünger in letzter Zeit zu verzeichnen.“ Nicht ganz wenig ihr zu verdanken.
      Ihre Aufmerksamkeit glitt zu Tava, der Grund, weshalb sich Amentia nicht einfach verneigt hatte wie die anderen Kultisten zuvor. Sie war schlichtweg zu belesen und hatte zu viel von ihrem Meister gelernt, als dass sie diesen Fehler begehen würde. Stattdessen zuckte Amentias Kopf kurz in den Nacken, so als würde sie Tava aufrecht zunicken. „Selbstverständlich heiße ich auch Euch willkommen, Tava.“ Den Namen hatte man eben schließlich auch vernehmen können.
      Amentia breitete den Arm auf und deutete auf die offene Tür der Kammer, aus der sie gerade heraus gerauscht war. „Ich würde vorschlagen, wir ziehen uns vorerst einmal zurück. Ihr seid bestimmt eine geraume Strecke gereist und wollt Euch erst einmal einfinden. Dann erkläre ich auch was es mit dieser Festlichkeit auf sich hat.“
      Sie schoss einen Blick zu den restlichen Kultisten.
      „Ungestört und mit der zu erbringenden Diskretion, natürlich.“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Sei nachsichtig, Tava", murmelte beschwichtigend. "Sie wissen es nicht besser."
      Das aufgeregte Stimmengewirr verstummte schlagartig. Mit schuldbewussten Mienen und erbleichten Gesichtern fuhren die Köpfe der neugierigen Jünger der Signa Ignius herum. Die Euphorie über die Anwesenheit des Gezeichneten in ihrer Mitte wich einer greifbaren Anspannung, die Malleus' Mundwinkel kaum merklich zucken ließ. Eine vertraute Stimme, harsch und bestimmend, die er seit geschlagenen vier Jahren nicht vernommen hatte, erfüllte den Raum bis in den hintersten Winkel. Die Menschen traten ertappt und mit beschämt gesenkten Blicken von Malleus zurück und baten murmelnd für die vermeintliche Respektlosigkeit um Verzeihung. Ein Frau bahnte sich ihren Weg durch die Menge, die sich anstandslos für sie teilte. Der Anblick erfüllte Malleus mit einem seltenen Anflug von Stolz. Die Frau, die ihm mit erhobenem Haupt entgegen trat, hatte nichts mehr mit dem dürren und eingeschüchterten Mädchen gemein, dem er vor so vielen Jahren zum ersten Mal begegnet war. Amentia, weder mit außerordentlicher Größe noch klassischer Schönheit gesegnet, eilte dennoch ihrem Ruf voraus. Allein ihre Anwesenheit rang allen Anwesenden den wohl verdienten Respekt ab.
      Malleus ließ seinen Blick aufmerksam über ihre Gesichtszüge wandern. Die weichen, rundlichen Konturen könnten über die Härte, mit der das Leben sie gezeichnet hatte, nicht kaschieren. Die dunklen Kohlelinien um ihre Augen waren eine Neuheit, die ihrer Ausdrucksstärke schmeichelten und mehr Intensität verliehen. Mit Stolz trug Amentia das Siegel der Signa Ignius zur Schau und ein schwächerer Mann hätte sich der einladenden Aussicht nicht entziehen können. Malleus würdigte den Anblick nicht mit der Gier eines schwachen Mannes, sondern mit einer unbestreitbaren Anerkennung. Amentia versteckte sich nicht und sie würde sich nie wieder in ihrem Leben verstecken oder gar wegducken müssen. Das hatte er ihr vor langer Zeit versprochen.
      "Amentia", grüßte Malleus mit honigweicher Stimme. "Es ist eine wahre Freude ein vertrautes Gesicht in Oratis zu sehen. Wie ich sehe, kommst Du ganz hervorragend zurecht. Ich habe nichts Geringeres von Dir erwartet."
      Die Archon von Oratis mochte vom Meister gelernt hatte, doch war es gerade dieser Umstand, der Malleus einen kurzen Blick hinter die Maske der Frau werfen ließ. Der flüchtige Argwohn, mit dem Amentia die Cervidia an seiner Seite bedachte, verschwand ebenso schnell wie er gekommen war. Malleus wusste um die tiefe Ergebenheit, aber er hatte die Gefühle dahinter nie genährt. Er hatte Amentia alles gegeben, was ihr Herz begehrte, nur das eine nicht.
      Amentia wusste bereits aus den wenigen Worten, warum er unangekündigt das Quartier der Signa Ignius aufgesucht hatte. Sie wusste sein Gesicht zu lesen, wie niemand anders, und zeigte ihre Verbundenheit in der respektvollen Distanz nicht mit unvorsichtigen Händen und großen Augen. Klugheit und eine hervorragende Beobachtungsgabe zeigte sich in der adäquaten Begrüßung der Cervidia. Malleus verbarg seine Zufriedenheit darüber geschickt hinter seiner Maske.
      Der Tumult um seine Anwesenheit löste sich langsam auf und er fragte sich, wann Tava den finalen Schluss zog, dass er nicht nur ein hoch geachtetes Mitglied dieses Kultes war. Es war keine leere Phrase gewesen, als er im Flammenschein erwähnt hatte, das er sich Alles genommen hatte. Er meinte Alles.
      "Die Reise war in der Tat ermüdend. Ich danke Dir, Amentia. Ein wenig Ruhe wird uns sicherlich gut tun. Nicht wahr, Tava?"
      Mit dem Versprechen den neuen Jüngern aus Oratis am Abend sein Gehör zu schenken, verließen sie den überfüllten Hauptraum und folgten Amentia in das anliegende Schreibzimmer. Malleus schloss die Tür hinter sich und sperrte damit neugierige Augen und Ohren aus.
      "Du warst nicht untätig, Amentia", begann er. Kurzzeitig schien ein dezentes Funkeln seine dunklen Augen zu erhellen. "Bei meinem letzten Besuch war dieses Haut beinahe leer und nun tragen die Menschen ein Abbild des mächtigen Adrastus mitten durch die Straßen von Oratis. Vor einiger Zeit hätte der große Rat uns für diese Dreistigkeit mit Schimpf und Schande aus der Stadt gejagt."
      Malleus zog einen Stuhl an den Schreibtisch im Raum, setzte sich und bedeutete Tava das Gleiche zu tun.
      "Du hast in deinen Briefen nie etwas von derlei Festlichkeiten erwähnt", fuhr er fort, wobei seine Stimme an Schärfe zurückgewann. "Also?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Mit Nachsicht konnte Tava nicht viel anfangen, nicht, wenn eine ganze Schar von Menschen heran drängten und ihre Köpfe präsentierten. Wie konnte Malleus das nur aushalten? Wurde er etwa immer so empfangen?
      Aus dem ganzen Aufruhr kristallisierte sich bald eine einzelne Stimme heraus, die die Macht dazu besaß, die ganzen Fanatiker wie Schafe vor sich her zu leiten. Schnell wichen Menschen beiseite und Tava hob den Kopf ein Stück an, um zu sehen, wer sich hier der Versammlung näherte. Ob Malleus auch eine solche Macht über seine Anhänger besaß? Wenn ja, wieso nutzte er sie dann nicht, um hier etwas Ordnung entstehen zu lassen? Wieso sagte er ihnen nicht, dass sie gefälligst die Finger von ihm lassen sollten?
      Die Menge teilte sich weiter und heraus kam schließlich eine Frau, die es Tava unheimlich schwer machte, auch ihr die Hörner zu präsentieren. Sie musste den Kopf weiter nach unten neigen, damit auch die Neue nicht auf falsche Gedanken kommen würde. Dadurch fühlte sie sich schon dazu bereit, den ersten Menschen zu rammen.
      Die Neue hieß Amentia und genoss wohl eine gewisse Gunst bei Malleus, wenn man bedachte, wie weich seine Stimme mit einem Mal wurde. Tava beäugte sie misstrauisch; sie hatte noch nicht ganz verstanden, wie die Signa Ignius aufgebaut waren, und bis soeben gedacht, dass alle ausschließlich Malleus hörig waren. Das war wohl nicht der Fall und entsprechend musste sie nun überlegen, was sie davon halten sollte.
      Da wandte Amentia ihr den Blick zu und zu Tavas größter Überraschung, zuckte ihr Kopf bei der Begrüßung nach oben. Das war unerwartet; in diesem ganzen Meer von gedankenloser Unhöflichkeit eine einzige freundliche Geste zu erblicken, war seltsam erleichternd. Mit einem Schlag sah Tava die Neue in einem ganz anderen Licht, auf das sie sich viel lieber konzentrieren wollte.
      „Selbstverständlich heiße ich auch Euch willkommen, Tava.“
      Hallo.”
      Tava nickte zurück. Es war eine fast unmerkliche Geste, kaum mehr als ein Zucken erkennbar, aber sie war da. Jetzt bezog sich Tavas Ärger ausschließlich nur noch auf die dutzend anderen Idioten.
      Zu ihrem Glück leitete Amentia sie gleich weiter, damit sie nicht länger in dieser Masse bleiben mussten. Malleus setzte sich zuerst in Bewegung und Tava folgte dichtauf.
      "Die Reise war in der Tat ermüdend. Ich danke Dir, Amentia. Ein wenig Ruhe wird uns sicherlich gut tun. Nicht wahr, Tava?”
      Sicher. Und was brennbares”, fügte sie leiser hinzu. Malleus wusste von ihrem Hobby, Amentia musste davon nichts wissen. Die Reise hatte sie aber wirklich vernachlässigt und sie wollte nichts lieber tun, als irgendwas anzufackeln.
      Sie kamen in ein angrenzendes Büro, das hauptsächlich von einem schweren Schreibtisch dominiert wurde. Eiche, das konnte Tava auf einen Blick erkennen. Gesunde Eiche, sehr gut brennbar. In den Schubladen lagen sicher Papierstapel. Der Teppich auf dem Boden schien auch dick genug, aber sie fand keine Gelegenheit, das Gewebe zu befühlen. Amentia setzte sich bereits und die beiden taten es ihr nach.
      Wenigstens kam Malleus gleich auf das zu sprechen, was sie wirklich interessierte: Der höchst entflammbare Adrastus dort draußen.
    • Es war diese Sekunde zu lang, die Amentia Malleus ins Gesicht sah, kaum hatte er ihren Namen ausgesprochen. Es war diese Sekunde zu lang, bevor sie sich in Bewegung setzte und allen voran zurück zur Kammer schritt, unter den gesenkten Blicken aller. Den meisten Menschen fiel diese Sekunde zu lang nicht auf, aber Malleus würde es. Das wusste Amentia zweifellos, denn er bemerkte nahezu alles.
      „Die Reise war in der Tat ermüdend. Ich danke dir, Amentia.“
      „Stets zu Diensten.“
      „Ein wenig Ruhe wird uns sicherlich gut tun. Nicht wahr, Tava?“
      Malleus sprach den Namen der Cervidia mit ungewohnt zugänglichem Unterton an. Er kannte sie also nicht nur seit Kurzem, aber war ihre Beziehung tiefergehend als das? Hätte er dann nicht noch mehr in seine Stimme gelegt, wenn er schon keinen Arm um sie legen konnte? Was genau war überhaupt die Aufgabe Tavas? Wieso durfte sie sich seines Schutzes ergötzen?
      Amentias Miene war eine entspannte Maske, die vermutlich Risse bekommen hätte, wäre sie nur eine Sekunde zu lang innegehalten und hätte gesehen, wie Tava Malleus etwas zu tuschelte. Doch das tat sie nicht, schob sich durch die geöffnete Tür und wollte die Tür schließen, doch Malleus kam ihr zuvor. Sie senkte die Hand, schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln und nahm dann wieder auf ihrem kräftigen Stuhl vor dem Tisch Platz.
      „Du warst nicht untätig, Amentia“, sagte Malleus und sah sie mit diesen wunderbar dunklen, tiefgründigen Augen an, die vor ach so langer Zeit einen gänzlich anderen Ausdruck getragen hatten.
      „Natürlich nicht. Nirgends lässt es sich besser Mitglieder rekrutieren als an einem Ort des Zeugnisses. Mit ihnen lasse ich unsere Augen und Ohren ausbreiten und selbst die entlegensten Orte besiedeln. Um herauszufinden, wo sich Adrastus befindet, brauchen wir Mitglieder.“
      Oratis war dafür wie geschaffen. Es kamen zahlreiche Pilgernde hierher, und sei es nur, um die Schiffe zu besteigen und zu anderen Häfen zu reisen. Hier war die Fluktuation an Menschen dermaßen hoch, dass sie mittlerweile nicht nur Menschen, sondern auch Cervidia und Felitas unter ihren Anhängern wusste.
      Sorgsam rollte Amentia eine Schriftrolle zusammen, um etwas mehr Platz zu schaffen, als Malleus auf den Grund seiner Verärgerung zu sprechen kam. „Du hast in deinen Briefen nie etwas von derlei Feierlichkeiten erwähnt. Also?“
      Die kräftige Frau schlug ihren Blick nicht nieder, sondern auf zu dem Führer des Kultes. Sie war nicht mehr das kleine Mädchen, das den Kopf einzog und Befehlen folgte. Nicht mehr. „Es ist relativ schnell bekannt geworden, dass wir hier einen Sitz etabliert haben. Aus den Schatten agieren wir hier nicht mehr, mittlerweile unterstellt man jedem, der Granat oder Rubin an Kutte und Mantel trägt, eine Zugehörigkeit. Aber ohne die richtige Motivation suchen uns die Leute nicht auf. Deswegen sollte neben der heiligen Stätte etwas anderes geschaffen werden, das die Aufmerksamkeit zu uns lenkt.“
      Amentia lehnte sich nach hinten zu einem Regal hinter ihr, das vor Bücher und Schriften überzuquellen schien. Sie zog ein in Leder gebundenes und geprägtes Buch hervor, breitete es auf dem Tisch aus und schob es zu Malleus.
      "Das sind die Zuwächse der Mitglieder des letzten Jahres, ausgehend von Oratis. Wir haben das Fest letztes Jahr das erste Mal gehalten und es hat einiges an Mundpropaganda erfahren, wie es scheint. Wir haben die besten Holz- und Eisenwerker sowie Näher für die Figuren bekommen. Sowas hat man landesweit noch nie gesehen! Nicht nur bringt es uns mehr Kunde, weil wir das Fest immerhin ausrichten, sondern erhöht zeitgleich den Handelswert innerhalb der Stadt sowie die Gerüchte um Sichtungen von Drachen. Außerdem… wünschten sich die Menschen hier etwas mehr Freiheit. Ihr versteht?“
      Amentias Blick driftete zu Tava ab. Sie hatte sich anfangs viel umgesehen, jetzt fokussierte sie mit beeindruckender Intensität den Tisch. Wirklich den Tisch und nicht die Aufzeichnungen, wie Amentia bemerkte. Sie runzelte die Stirn, fragend, und sah zu Malleus.
    • In ganz Oratis, vielleicht sogar auf dem gesamten Kontinent, war Amentia wohl die einzige Frau, die seine Verärgerung nicht fürchtete. Eine selbstsichere Gelassenheit ging von Amentia aus, die seiner beinahe ebenbürtig war. Sie schlug nicht beschämt den Blick nieder sondern hielt seinem Blick mühelos stand. Amentia wusste ganz genau, was sie tat und Malleus konnte ihr nicht absprechen, dass ihr Vorgehen zweifellos von Erfolg gekrönt war. Ein Blick in das geöffnete Buch war Beweis genug dafür. Prüfend überflog er die beeindruckend lückenlosen Aufzeichnungen, die einen Zuwachs an neuen Anhängern verzeichneten, den es seit vielen Jahren in den Kreisen der Signa Ignius nicht mehr gegeben hatte. Binnen kürzester Zeit hatte sich die Zahl der gläubigen Kultisten verdoppelt und die Neulinge stammten nicht ausschließlich aus den verwinkelten Straßen von Oratis. Aus allen Ecken des Kontinentes waren die Suchenden in die Stadt der Gelehrten geströmt um den Segen des gefürchteten und verehrten Adrastus zu erbitten. Trotz seines anfänglichen Unmuts verließ kein Tadel seiner Lippen. Wie konnte er auch, wenn Amentia nur ihre Lektionen befolgte: Gib den Menschen was sie begehren und sie werden dir aus den Händen fressen. Reichtümer, Status, Freiheit,...die Liste war schier endlos. Dennoch waren Malleus die stetig wachsenden Ansprüche der so treuen Gefolgsleute allmählich ein Dorn im Auge, denn war es nicht die unermessliche Gier gewesen, die den Kult einst vor vielen Jahren in den Ruin gestürzt hatte.
      Er hatte sie auf den richtigen Weg zurückgeführt.
      Er hatte sie von diesen alten Narren befreit.
      Malleus lehnte sich zurück und seine verhüllte Finger krümmte sich um die Stuhllehne. Das weiche Leder knirschte dezent auf dem geölten Holz. Er wartete geduldig bis sie ihre Ausführungen beendet hatte und tippte sich schließlich mit dem Zeigefinger gegen das Kinn. Ein kaum flüchtiges Zucken umspielte seine Mundwinkel.
      "Die Führung von Oratis kann uns unmöglich für dieses öffentliche Spektakel belangen, wenn dadurch der Handel floriert und ihnen Reisende genügend Münzen in die Kassen spülen", murmelte er. "Was ist mit den anderen Glaubensfraktionen in Oratis? Ich bezweifle, dass es viele Gönner in den anderen Häusern gibt. Die Aufmerksamkeit ist gefährlich. Für alles, dass wir uns so mühselig erkämpft und aufgebaut haben. Du hast nichts davon in deinen Briefen erwähnt, weil du wusstest, dass ich dieses Vorgehen nicht befürworte."
      Der letzte Teil war keine Frage.
      Sein Blick bohrte sich geradezu in ihren.
      "Wie viele wissen bereits, wer ich wirklich...?", schob er düsterer hinterher.
      Ein Hauch von Paranoia spiegelte sich in den dunklen, unergründlichen Augen. Er war der Gezeichnete, das Wunderkind des Kultes...aber wie viele außerhalb ihrer Ränge wussten, dass er die Fäden in den Händen hielt. Wie viele wussten, dass sich der Kopf der Schlange geradewegs in ihre Mitte begeben hatte?
      Malleus verstummte mitten in Worten und Gedanken, denn Amentias Blick richtete sich auf Tava. Er folgte ihrem Beispiel und schüttelte kaum merklich den Kopf. Stattdessen glitt seine Aufmerksamkeit von Amentia zu der Cervidia, die wie hypnotisiert den Tisch fixiert.
      "Tava."
      Die Cervidia hatte sich während ihrer Reise auf dem Pilgerweg ausgesprochen gut benommen. Er würde zu gegebener Zeit einen Weg finden Tava dafür gebührend zu belohnen. Malleus' Stimme hatte eine fordernde und gleichzeitig lockende Note bekommen. Erst als Tava ihn ansah, wirklich ansah, und nicht länger gedanklich den schweren Schreibtisch in Brand steckte, lehnte sich Malleus wieder etwas zurück.
      "Einen kleinen Moment noch."
      Immerhin wartete noch jemand auf sie vor den Stadtmauern. Die Festivitäten, die sich zunächst als Nachteil vor ihnen aufgetan hatten, konnten vielleicht doch zu ihrem Vorteil genutzt werden. In dem Tumult musste sich doch ein Schlupfloch finden lassen. Er wandte sich wieder an Amentia und seine Stimme hatte die alte Ruhe zurückgewonnen. Malleus betrachtete seine langjährige Vertraute mit erstem Gesichtsausdruck und ließ dennoch ein wenig Weichheit hineinfließen. Die angespannten Muskeln seines markanten Kiefers lockerten sich und die angespannten Fältchen über seiner Nasenwurzel verblassten ein wenig.
      "Verrate mir, Amentia, wie lange dauert dein Spektakel an? Die Leute in den Straßen machen beinahe den Eindruck als feierten sie bereits seit mehreren Tagen...und Nächten. Sie sind wirken erwartungsvoll, geradezu ekstatisch."
      Er machte eine kurze Pause.
      Malleus sah flüchtig aus dem Augenwinkel zu Tava. Wenn er jemandem innerhalb von Oratis vertraute, dann Amentia.
      "Vor den Stadttoren wartet noch jemand auf uns. Obwohl ich weiß, dass er sehr gut dazu in der Lage ist, auf sich selbst aufzupassen, würde es mir wesentlich weniger Kopfschmerzen bereiten, wenn ich ihn hinter unseren schützenden Mauern wüsste. Du wirst es verstehen, sobald du ihm gegenüber stehst."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Die Gelehrten halten sich größtenteils aus den Geschehnissen heraus, weil sie recht wenig Lust darauf haben, sich mit unsereins in öffentlichen Schriftstücken zu duellieren. Allerdings ist die Gemeinschaft des Einen nicht sonderlich… erfreut.“
      Amentia schloss das Buch mit den Niederschriften und tauschte es gegen eine wesentlich unauffällige wirkende Rolle aus. Sie war nicht einmal gesiegelt, einfach nur wie beiläufig gerollt und verstaut worden. Zum Vorschein kam Amentias geschwungene Handschrift, die Daten und Ereignisse festhielt.
      „Es sind Zwischenfälle vorgefallen, die uns in unserer Handlungsfreiheit beschneiden sollten. Erst waren es nur Kleinigkeiten, wie das Buchen von der Kirchen für Predigten oder das Aufkaufen sämtlicher Kerzen und Fackeln. Irgendwann sind sie dazu übergegangen, uns aktiv aus dem Gedächtnis der Bevölkerung zu tilgen. Mundpropaganda, Vorführungen ihres einzig echten Gottes und so weiter. Allerdings konnten sie gegen den Umzug nichts erwidern und versuchen nun, mit einem eigenen, kleinen Fest dagegen zu steuern. Für die Menschen ist es nichts Weiteres als ein großes Stadtfest“, erklärte sie weiter.
      Malleus besah sich nicht weiter die Rolle als einen kurzen Augenblick. „Du hast nichts davon in deinen Briefen erwähnt, weil du wusstest, dass ich dieses Vorgehen nicht befürworte.“
      Ihre Antwort war ein dezentes Achselzucken und ein entschuldigendes Lächeln.
      Darauf ging er jedoch nicht ein, sondern bohrte seinen Blick in ihren. „Wie viele wissen bereits, wer ich wirklich…?“
      „Nur diejenigen im engsten Kreise Oratis‘“, beschwichtigte die Archon den eigentlich Anführer des Kultes. „Alle anderen sehen mich als Teil einer Spitze an. Mich und die anderen Archone, die Ihr in den anderen großen Städten platziert habt. Es gibt hier und da besonders Belesene, die sich in Eigenregie erarbeitet haben, welchen Stellenwert Ihr einnehmt, aber sonst sind es alles unsere kleinen Lämmer.“
      Das alles beschwichtigte auch Amentias selbst, die Malleus‘ ungeteilte Aufmerksamkeit genoss. Vier Jahre lang auf ihn zu verzichten sorgte dafür, dass sie jedwede Form der Aufmerksamkeit seinerseits für sie willkommen hieß. Deswegen wurden ihre Augen auch hart, als er Tava mit einer sehr ungewöhnlichen Stimmmischung ansprach. Sie selbst war nie in den Genuss dieser Mischung gekommen, die eine gewisse Intimität andeutete. Sogleich wunderte sich Amentia, ob diese Cervidia Malleus Hände gesehen hatte. Seinen Körper gesehen hatte. Ihn vielleicht sogar… berührt… hatte?...
      „Verrate mir, Amentia.“ Sie blinzelte und löste sich aus ihren Gedanken. „Wie lange dauert dein Spektakel an? Die Leute in den Straßen machen beinahe den Eindruck als feierten sie bereits seit mehreren Tagen… und Nächten.“
      Sie nickte. „Angedacht ist der Umzug über eine Woche. Heute ist Tag 4, also ja, es zieht sich schon eine Weile. Die Figuren sind erst heute in Erscheinung getreten, deswegen reagieren die Leute so fanatisch. Wir sind permanent auf der Hut, dass die Gemeinschaft des Einen nicht auf die Idee kommt, die Figuren in Brand zu stecken. Das fehlt uns noch. Aber am Abend des siebten Tages setzen wir ein großes Holzbild um den Abdruck des großen Adrastus in Brand und darauf fiebern die Menschen hin.“
      Auch dafür gab es eine Rolle, in der die Skizze und der Ort aufgemalt waren. Zur Veranschaulichung für Malleus und – leider – auch Tava. Dann machte Malleus eine Pause. Er machte selten Pausen. Nur, wenn danach etwas Gewichtiges folgte und sofort spitzte Amentia die Ohren.
      „Für gewöhnlich habt Ihr keinerlei Schwierigkeiten, eine einzige Person unter Eurer Führung in eine Stadt zu bekommen“, sagte sie verblüfft und sah dabei noch einmal zu Tava. „Für gewöhnlich werden hier auch keine Cervidia mit offenen Armen empfangen und dennoch habt Ihr sie mit hergebracht. Was für ein Mensch macht Euren Einfluss denn zunichte? Ein Aussätziger?“
      Wie sollte sie auch ahnen, dass Malleus einen Lacerta vor den Toren der Stadt zurückgelassen hatte? Sie traute ihm einiges zu. Erst recht, wenn er Ränkeschmieden betrieb. Aber eine so seltene Rasse als Begleiter zu finden, kam selbst ihr nicht in den Sinn.
      „Manch einer ist vor den Toren tatsächlich besser aufgehoben…“ Amentia dachte laut nach und befühlte die Schlingen ihres langen Zopfes. „Angesichts des Festes laufen viele Menschen in den Straßen verkleidet oder maskiert herum. Das wäre die einzige Möglichkeit, wie Ihr ihn herein bekämt, aber ich rate dennoch davon ab. Wenn er eine Krankheit hat oder sich seltsam fortbewegt oder dergleichen, wird man trotzdem auf ihn aufmerksam werden können.“
      Nachdenklich glitt ihr Blick wieder zu Tava. „Wie habt ihr euch eigentlich getroffen? Ich nehme an, wenn Ihr eine Cervidia als Gefährtin habt“, es schüttelte sie innerlich, als sie es aussprach, „dann wird derjenige vor den Toren wohl auch besonders sein. Was trägst du der Feuergeißel bei, Tava? Wie stehst du ihm zu Diensten?“
    • Durch das Gespräch lernte Tava mehrere neue Dinge über die Signa Ignius. Zum einen hatten sie - und allen voran wohl Amentia - es geschafft, mehr Anhänger anzuwerben. Wie viel das in genauen Zahlen war, erfuhr Tava nicht, aber sie hatte eine vage Vorstellung davon, gemessen an all den Leuten, die sie hier nun in Empfang genommen hatten. Und das waren auch nur jene, die hier drinnen geblieben waren; draußen, bei Adrastus, liefen sicher noch etliche mehr herum.
      Zum anderen hatten die Signa Ignius es wohl geschafft, sich mit dem Fest einen gewissen Namen zu machen, und das landesweit. Das war natürlich eine Leistung, die selbst Tava anerkennen konnte, auch wenn sie sich nicht unbedingt vorstellen konnte, wie das nützlich sein konnte. Für sie war das ganze Fest immernoch ein riesiger Aufmarsch wegen nichts.
      Aber selbst diese ganzen neuen Informationen, die sie geradezu auf dem Silbertablett präsentiert bekam, waren nicht genug, um ihre Aufmerksamkeit zu ergattern. Denn Tava interessierte sich nicht für Religion, Handel oder Politik, wenn sie nichts zu brennen bekam. Eigentlich interessierte sie überhaupt nichts, wenn sie nicht ein paar Feuer zu Gesicht bekam. Ein paar schöne.
      “Tava.”
      Die Stimme war fordernd, aber weich. Tava dachte mittlerweile schon gar nicht mehr darüber nach; schon gleich hob sie den Kopf und sah Malleus anstatt den Tisch an. Der erweiterte den Blick und sah wieder zurück zu Amentia. Tava betrachtete die Frau nun auch.
      "Vor den Stadttoren wartet noch jemand auf uns. Obwohl ich weiß, dass er sehr gut dazu in der Lage ist, auf sich selbst aufzupassen, würde es mir wesentlich weniger Kopfschmerzen bereiten, wenn ich ihn hinter unseren schützenden Mauern wüsste. Du wirst es verstehen, sobald du ihm gegenüber stehst.”
      Das war ja eine höchst schmeichelhafte Ausdrucksweise für den höchst unschmeichelhaften Lacerta. Die Frau schien es aber nicht durchzublicken.
      „Für gewöhnlich werden hier auch keine Cervidia mit offenen Armen empfangen und dennoch habt Ihr sie mit hergebracht. Was für ein Mensch macht Euren Einfluss denn zunichte? Ein Aussätziger?“
      Tava schnaubte. Ein Aussätziger - ja klar. Wenn das mal Devon zu hören bekam, er würde die Frau sicher auch an ihrem Kopf packen und hochheben.
      Dabei schien sie aber nun ihre Aufmerksamkeit erregt zu haben, denn jetzt sah Amentia zu ihr. Tava begegnete ihrem Blick offen, schließlich fühlte sie sich gegenüber der Frau etwas unbefangener als gegenüber den anderen Fanatikern.
      „Wie habt ihr euch eigentlich getroffen? Ich nehme an, wenn Ihr eine Cervidia als Gefährtin habt”, Tava bildete sich ein, einen gewissen Unterton in Gefährtin zu hören, “dann wird derjenige vor den Toren wohl auch besonders sein. Was trägst du der Feuergeißel bei, Tava? Wie stehst du ihm zu Diensten?“
      Zu Diensten?
      Der einzige Dienst, den Tava Malleus jemals entgegen gebracht hatte, war der Verzicht, seine Wohnung in Celestia abzubrennen, wobei es wirklich einfach gewesen wäre, die Vorhänge in Brand zu stecken und zu verschwinden. Aber Dienst? Welchen Dienst sollte sie schon leisten?
      Nur schien das hier irgendwie ein Kernpunkt zu sein, den Tava gänzlich übersehen hatte. Denn Amentia sah sie immernoch erwartungsvoll an und Malleus schoss ihr jetzt auch einen kurzen Blick zu.
      Sie sah einmal zwischen beiden hin und her.
      Zu Diensten. Ja. Ich bin Alchemistin, er… die Feuergeißel kann sich auf meine vollste Unterstützung verlassen. Ich spezialisiere mich auf…
      Feuer.
      ... Wundbehandlung und augmentierende Mixturen. Ich forsche auch viel, viel mit… Lebewesen. Und sowas.
      Sie redete extra ein bisschen mehr, damit die Frau bloß von dem Siegel abgelenkt war, aber natürlich kam das Thema auf. Natürlich wollte jeder bei einem Alchemisten erstmal die Zertifizierung sehen.
      Tava senkte den Kopf wieder.
      Ich kann mich nicht erinnern, meine Alchemie für die ganze Signa Ignius bereitgestellt zu haben. Er hat's gesehen, das reicht.
      Sie nickte zu Malleus.
      Wenn andere auch meine Dienste wollen, sollten sie sich an ihn wenden.
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