Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Regungslos folgten Malleus' Augen den Schwertarm, der träge in die Höhe gehoben wurde als hänge eine tonnenschwere Last an ihm, als wäre die schimmernde Klinge in der Hand des Jägers plötzlich unendlich schwer geworden. Die Malachitklinge glühte im Licht der sich senkenden Sonne am Horizont. Vielleicht wäre ein weniger willensstarker Mensch bei dem bedrohlichen Anblick zurückgezuckt, doch Malleus Haltung blieb unverändert. Tatsächlich schenkte er dem Schwert einen flüchtigen beinahe desinteressierten Blick bevor seine Aufmerksamkeit zurück zu Devons Gesicht glitt, das weiterhin für seine Augen verborgen hinter der Maske und zähem Blut lag. Malleus wich nicht zurück, sondern sah dem Jäger unbewegt entgegen. Er strahlte weder Furcht noch Misstrauen im Angesicht der tödlichen Klinge aus.
      Devon riss sein Schwert mit einer ruckartigen Bewegung empor und Malleus blinzelte gegen die Reflektion des Lichts, das durch den unglücklichen Winkel seine Sicht blendete. Für einen Augenblick sah er nichts, sondern hörte lediglich wie geschliffener Stahl durch die Luft zischte. Der Klang des unmittelbar bevorstehenden Todes und das letzte Geräusch, das man hörten, bevor die Dunkelheit die Arme ausbreitete. Blutige Visionen schob sich vor Malleus' geistiges Auge. Er stellte sich vor wie das Schwert Haut durchstieß, Sehnen durchtrennte und Knochen zerschmetterte. Seine silberne Zunge nützte ihm nichts mehr, sobald Devon das Haupt mit einem wuchtigen Hieb von seinen Schultern trennte. All seine Gaben wären nutzlos, wenn von seiner Kehle nicht mehr übrig war als eine klaffende Wunde, aus der das Leben floss.
      Die Gewissheit, dass sein Schicksal im ein gänzlich anderes Ende prophezeite, ließ Malleus zu keinem Zeitpunkt wanken. Sein Leben gehörte den Flammen. Als er die Augen öffnete und zusah, wie Devon sich gewaltsam durch den verkohlten Kadaver kämpfte, blieb nichts zurück außer der ungebrochenen Zuversicht. Daran hielt er fest. Er musste. All die Dinge, die er getan und erduldet hatte, durften nicht umsonst gewesen sein. Es würde ihn das letzte bisschen seiner Menschlichkeit kosten.
      Der Lacerta löste sich von dem Leichnam der Kreatur, die augenblich zu zischen begann, als hätte Malleus sie persönlich mit einer großen Menge von Alcidorum überschüttet. Nach und nach viel der Körper in sich zusammen, wie es der Felsendrachen in Celestia getan hatte. Dieses Mal blieb kein Mahnmal aus verwaisten Felsen zurück, der Drache aus dem See löste sich buchstäblich in Luft auf. Malleus blieb nicht lang genug, um das Schauspiel genauer in Augenschein zu nehmen. Seine Aufmerksamkeit galt weiter dem Mann, der nicht der Stolz über eine erfolgreiche Jagd ausstrahlte. Die versteinerte Miene ließ wenig vermuten, doch die Hand, die er fest um den Kristall schloss.

      Malleus bedeutete Tava zu warten ehe er Devon mit etwas Abstand folgte. Er bezweifelte, dass der Lacerta gerade in der richtigen Stimmung für eine überschwängliche Fragestunde war. Also passte er sich der allgegenwärtigen Stille an. Wo Malleus sich noch mit raschelndem Laub und brechenden Zweigen durch das Unterholz bewegt hatte, waren seine Schritte nun nicht mehr zu hören. Er blieb auf Distanz und wurde zum Schatten des Jägers, der sich von dem zischenden und dampfenden Kadaver entfernte.
      Er beobachtete, wie Devon sich hastig aus dem Schutzanzug schälte und tat es ihm gleich. Während der Lacerta ruppig vorging bis Malleus den Protest der Nähte vernahm, blieben seine eigenen Handgriffe ruhig und präzise. Systematisch streifte er zunächst den Anzug von seinen Armen, rollte ihn bis zu den Hüften hinab und stieg schließlich aus den Beinen heraus. Er stoppte bei den zu großen, unförmigen Schutzhandschuhen.
      Ein prüfender Blick glitt herüber zu Devon, der bereits am Ufer saß und den Kristall umklammerte, als hinge sein Leben davon ab. Als der Jäger keinerlei Anstalten machte ihn wegzuschicken oder von seiner Anwesenheit überhaupt Notiz zu nehmen, näherte sich Malleus. Ein Stein knirschte unter seinem Stiefel als er nah in Devons Rücken stand, diesen halb umrundete und neben ihm am Ufer stehen blieb. Er setzte sich nicht.
      „Ich habe dich noch nie zögern sehen, Devon“, raunte Malleus, den Blick auf den See gerichtet und seine Stimme frei von jeder Wertung. Der Ton war vollkommen neutral. Kein Spott. Kein Vorwurf. „Nicht, dass ich bisher oft die Gelegenheit dazu hatte, aber das hier war anders als der Vorfall in Celestia.“
      Malleus zupfte an den verhüllten Fingerspitzen seiner rechten Hand. Die weichen, maßgeschneiderten Lederhandschuhe befanden sich im Karren und der stand noch immer außer Reichweite am nicht verbrannten Teil des Waldrandes. Seine Möglichkeiten abwägend schielte Malleus aus dem Augenwinkel zu Devon hinab, dessen Knöchel sich in dem unnachgiebigen Klammergriff um den Kristall weiß unter der Haut abhoben. Dann ging der hochgewachsene Mann in die Hocke.
      „Wir alle haben etwas, für das wir alles riskieren.“
      Er sah wieder über die spiegelglatte Oberfläche des Sees, in dem nun kein Leben mehr existierte. In ihren Bestrebungen hatten sie ein ganzes Gebiet zerstört und teils unbewohnbar gemacht.
      „Glaube.“
      Malleus zog an dem kratzigen Handschuh bis die pechschwarzen Linien auf seinem Handrücken sichtbar wurden.
      „Wissen.“
      Der rechte Handschuh fiel Boden und Malleus gehockte Körperhaltung nahm an Anspannung zu. Wenige Augenblicke später folgte auch der linke Handschuh. Träge beugte und streckte die entblößten Finger, die gemeinsam mit der Hand eine winzige Nuance blasser waren, als Rest seines dunklen und warmen Teints.
      „Was ist es, dass du bereit bist dein Leben dafür aufs Spiel zusetzen?“
      Mit geschickten Fingern löste Malleus die Trinkflasche von seinem Gürtel. Angesichts von Devons Reaktion bevor er den tödlichen Schlag ausgeführt hatte, hätte der Kultist ihm lieber etwas Stärkeres als Wasser angeboten. So musste klares, sauberes Wasser gegen den Geschmack von Blut, Tod und Asche helfen. Er reichte dem Lacerta die Flasche mit entblößten, nackten Fingern. Es war ein Risiko und Devon würde nicht entgehen, dass sein Arm zitterte und die Muskeln unter der Haut angespannt zuckten. Der Lacerta hatte bereits in Celestia aufgeschnappt, dass Malleus etwas verheimlichte und Berührungen vermied, wenn es die Situation erlaubte.
      Die Weichheit in seiner Stimme war anders als bei Tava. Er versuchte nicht den Lacerta mit gezielten Worten zu umschmeicheln. Malleus sah ihn an und suchte dieses Mal den direkten Blickkontakt. Er konnte nicht verhindern, dass sich seine Gesichtszüge anspannten. Diese kleine, unscheinbare Geste unter dem Deckmantel der Höflichkeit wog schwerer, als jedes Wort, das sich sein Verstand ausdenken konnte.
      „Wer war es?“, raunte er. ‚Wer schimpfte dich ein Monster und gab diesem Wort Macht über dich?‘
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Man konnte die Aussicht schon als gespenstisch bezeichnen. Der See lag nun spiegelglatt vor ihnen, gesäumt mit Fischbäuchen und einer Trübung, die Devon erst jetzt so richtig aufgefallen war. An seine Erinnerungen von früher, dem glasklaren See und dem florierenden Fischerdorf, reichte diese Aussicht nie wieder heran. Hier war die Zeit weitergegangen, hatte ihren eigenen Pfad gewählt und das hier war nun das Ergebnis.
      Eigentlich hätte Devon Malleus niemals einfach so seinen Rücken zu wenden wollen. Diese seltsame Aussicht jedoch gepaart mit dem Kristall in seinen Händen stimmte ihn beinahe arglos. Er konnte seinen Finger nicht darauf legen, aber ihn beschlich nicht das Gefühl der Gefahr, das ihm sonst so deutlich in den Ohren lag. Mit diesem Kristall in seinen Händen und diesem Ausblick fühlte er kaum mehr als eine bodenlose Ruhe, die ihn bis in seine Zehen hin erfüllte. So griff er nicht nach seinem Schwert, als Malleus in seinem Rücken erschien, dann jedoch um ihn herum ging und beinahe den Fehler begangen hätte, sich an ihn anzuschleichen.
      Ich habe dich noch nie zögern gesehen.
      Natürlich nicht. Devon war souverän, mehr als das, denn diese Jagden waren das, worin er brillierte. Diese Jagden waren es, die seine Natur bestimmt. Was er sich selbst als Ziel auserkoren hatte. Nur wegen diesen Kristallen, von denen er nun einen weiteren in Händen hielt. Aber das hier war anders gewesen, da stimmte er dem Kultisten zu. Des Öfteren hatte Devon Drachen armselig beim Sterben zugesehen, nur war dieser Drache einfach… anders. Er fühlte sich anders an, hörte sich anders an. Fast so, als würden die hochrangigen Drachen gar eigene Persönlichkeiten entwickeln. Um darüber zu urteilen hatte der Jäger allerdings zu wenig Drachen der höheren Kasten zur Strecke bringen können. Dafür war er nicht imstande gewesen, doch nun… Nun war es anders. Nun war er nicht mehr allein und die Tatsache, dass Einsamkeit eine Schwäche war, wurmte ihn.
      Stoisch hielt Devon an dem Kristall und seinem Blick auf den See fest. Ein säuerlicher Geruch stieg vom Wasser auf, was zweifellos das Gift sein musste. Er rümpfte die Nase. Kein Wunder, dass Tiere den See nun mieden. Dann ging Malleus neben ihm in die Hocke und Devon konnte das leichte Schieflegen seines Kopfes nicht verhindern. Wenn er schon nicht hinsah, dann hörte er wenigstens in die Richtung. Es gab immer etwas, was Menschen dazu bewegte, alles für eine Sache zu opfern. Es gab immer dieses eine Ding, diesen einen Wert, den sie über sie sich selbst stellten. Devon hatte sich diese Frage nie wirklich gestellt. Er hatte keine Familie, zu denen er besondere Bezüge pflegte, keinen Gott, an den er glaubte und auch keine Ziele, die seinen Tod forderten. Wenn er die Wahl hätte, ob er sein Ziel erreichen würde und dafür sein Leben ließe, oder ob er unbehelligt leben könnte, sein Ziel aber nie erreichen würde… dann würde er sein Leben als verwirkt betrachten. In seinen über 70 Jahren auf der Erde gab es nichts, was sein Leben in seinen Augen lebenswert machte. Sollte er gezwungen sein, die Jagd aufzugeben, dann galt das ebenso für sein Leben.
      Und das akzeptierte der Lacerta genau so.
      Das Geräusch von fallendem Stoff auf den Boden erregte schließlich doch seine Aufmerksamkeit. Er spähte mittels eines Seitenblicks zu Malleus herüber, der das erste Mal aus freien Stücken seinen Handschuh abgelegt hatte. Zeitgleich dazu veränderte sich etwas in der Körpersprache des Kultisten, was unweigerlich mit seiner nackten Hand einhergehen musste. Das letzte Beweis dafür, dass der Mann offensichtlich Probleme hatte. Vielseitiger Natur offenbar.
      „Was ist es, dass du bereit bist dein Leben aufs Spiel zu setzen?“
      Gerade noch so unterdrückte Devon ein ungehaltenes Zischen. Malleus war verdammt nah an seinen eigenen Gedanken dran gewesen und das gefiel Devon überhaupt nicht. Doch er tat es als Zufallstreffer ab und mühte sich ab, nicht so empfindlich darauf zu regieren.
      „Lieber eine Aufgabe als Sinn des Lebens als ein Leben ohne Sinn“, antwortete der Jäger in ungewohnt lyrischer Art und Weise. Es gab nichts anderes, für das er sein Leben geben würde. Nichts, was in dieser Welt in seinen Augen von Belang war. Die Menschen waren größtenteils verdorben und wälzten es auf ihre Umwelt ab.
      Trotz allem schien sich etwas in diesem Gefüge zu verändern. Es war das erste Mal, dass Devon Malleus ohne Argwohn, Misstrauen oder Unterstellungen ansah, als dieser ihm nicht nur die Flasche reichte, sondern dabei auch die Hand ohne Handschuh benutzte. Devon konnte nicht verhindern, dass Erstaunen sich in seine geschlitzten Augen zwängte, als er nicht die Flasche, sondern die Finger und die Hand anstarrte. Eine Hand, deren Farbe etwas heller war als die des restlichen Körpers, geschuldet dem ständigen Tragen von Handschuhen. Die dunklen Linien, die sich dort noch prominenter auf dem Handrücken abzeichneten und zweifellos zu Malleus‘ Identität gehörten, selbst wenn Devon ihre Bedeutung nicht verstand. Er sah die Vibrationen, die den Arm erschütterten und wie viel Anstrengung es kostete, diese kleine, leichte Flasche mit der bloßen Hand anzubieten. Devons Blick hob sich und traf auf den des Mannes ihm gegenüber.
      Steif lösten sich die Finger einer Hand von dem blauen Kristall und streckten sich nach der angebotenen Flasche aus. Entgegen der Annahme, er würde sie einfach so greifen, kehrte er die Innenfläche seiner Hand nach oben und ließ die Flasche darin Platz finden, sodass Malleus sie einfach nur noch loslassen musste.
      „So nennen mich mehr Menschen als du denkst“, erwiderte er nach einem Augenblick und schraubte die Flasche auf. Auch dabei ließ er den Kristall nicht los. „Irgendwann stumpfst du ab, aber das erste Mal bleibt dir in Erinnerung. Gerade, wenn du weißt, dass du nichts getan hast, das diese Bezeichnung rechtfertigt. Das war in St. Bell, einem kleinen Bauerndorf. Wurde von einem Lindwurm angegriffen, ich habe Kinder der Bauern verteidigt und als die Eltern mich gesehen haben, war das das erste, was sie mir an den Kopf warfen, ihre Kinder im Haus verbarrikadierten und mit allem, was sie hatten, auf mich losgegangen sind. Einfach nur, weil ich sie an etwas erinnere, das nicht menschlich ist. Seitdem trage ich bevorzugt den Schal. Hält Ärgernisse ab.“
      Er nahm einen Schluck und stellte die Flasche in Malleus‘ Nähe wieder ab. Nicht nur deswegen hatte man ihn so bezeichnet. Sein Aussehen war natürlich am Einfachsten anzugreifen. Nur hatte bislang einer gesehen, was er mit diesen Kristallen anstellte und dann dasselbe Wort für ihn gewählt. Manchmal reichte sogar seine Sprache aus, damit Menschen ihn so nannten. Wenn sie jetzt auch noch seinen Rücken sahen, wäre das Urteil wohl unterschrieben.
      „So hast du dir deine Drachen nicht vorgestellt, was?“

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      St. Bells war vor gut 50 Jahren ein Bauerndorf. Jetzt ist es eine Kleinstadt, die größtenteils noch dem Glauben an den einen Gott verschrieben ist. Das sind Fantiker, wenn man so will, und werden von der Kirche subventioniert. Würde mich nicht wundern, wenn die Signa Ignius auch da einen nicht ganz geringen Sitz haben, aber das würde ich Steffi jetzt künstlerisch frei lassen. Wenn ja, dann könnte Malleus wissen, dass Devon scheinbar nicht so jung ist, wie er aussieht. Wenn nicht, dann eben nicht :D
    • Die Tatsache, das Devon durchaus mit Worten umzugehen wusste, wenn er sich einmal dazu durchrang, erstaunte Malleus immer wieder auf Neue. Der Gedanke war nicht abfälliger Natur. Der Kultist war mehr...angenehm überrascht. Malleus' Mundwinkel zuckten in der vertrauten Art und Weise, wie sie es immer taten, wenn er mit einer Antwort zufrieden war. Die Vorstellung in einem ruhigen Moment am Feuer mit Devon über den Sinn und Unsinn des Lebens zu sinnieren, wirkte plötzlich weniger abwegig als er zu Beginn der Reise angenommen hatte. Dieser Zukunftsvision schenkte Malleus bedauerlicherweise weniger Beachtung, als ihm lieb gewesen wäre, denn sein Fokus lag allein auf der Hand, die sich in diesem Augenblick der angebotenen Flasche näherte.
      Kurz bevor die Fingerspitzen des Jägers die Flasche überhaupt annähernd berührten, senkte Devon die Hand ein kleines Stückchen hinab. Malleus beobachtete die bedächtige Rotation des Handgelenks, ließ den Blick über die arbeitenden Sehnen und Muskeln gleiten. Für ihn dehnte sich der Fluss der Zeit zu einer Ewigkeit aus bis Devon die geöffnete Handfläche unter der Flasche platzierte. Gekrümmte Finger warteten geduldig ab. Kein Muskel im Arm des Jägers zuckte vor Anspannung oder erweckte den Anschein im nächsten Augenblick flink mit der Hand nach oben zu schießen und nach Malleus zu packen. Devon strahlte trotz der vorangegangen Situation körperlich eine endlose Ruhe aus. Vorsichtig senkte er die Flasche in der Hand des Jägers ab. Kaum schlossen sich dessen Finger darum, hatte Malleus seine Hand bereit zurückgezogen. Der Rückzug aus der freundlichen Geste erschien ein wenig zu ruckartig, zu ungelenk und zu steif für die kontrollierte Art, die der Kultist gewöhnlich an den Tag legte. Der Unterschied war nur für jene zu erkennen, die wussten, wonach sie Ausschau halten mussten. Malleus atmete langsam und kontrolliert aus, als das Brennen und der Druck in seinen Lungen sich in sein Bewusstsein drängte. Die ganze Zeit über hatte seine Gesichtszüge nichts von ihrer Neutralität verloren.
      "Die Menschen neigen dazu etwas ganz Essentielles zu vergessen, sobald sie mit ihren Urängsten konfrontiert werden", raunte er verstehend und er verstand wirklich, was Devon gerade sagte. "Die meisten Monster, denen wir in unserem Leben begegnen, sehen nicht wie Monster aus. Ich bin vielen schlechten Menschen in der Vergangenheit begegnet. Korrupte Politiker und Stadtregierungen, gierige und selbstgerechte Individuen, die willentlich die Augen vor der Verderbtheit ihrer eigenen Leute verschließen. Männer und Frauen, die billigend ein Bauernopfer akzeptiere um ihren eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen."
      Malleus erhob sich aus der Hocke und nahm die Wasserflasche wieder an sich.
      "Glaub mir diese eine Sache, Devon. Ich weiß hinter welchen Masken sie sich verbergen. Ich weiß, wie wahre Monster aussehen und du siehst nicht wie Eines aus."
      Aus dem Augenwinkel sah Malleus zu dem Lacerta herab.
      Der ernste Gesichtsausdruck verflüchtigte sich etwas und verlieh dem hochgewachsenen Mann mit den dunklen, immer wachsamen Augen etwas ganze und gar Jugendliches. Es war ein kleines Ausblick auf den Mann, der Malleus hätte sein können, wäre sein Leben anders verlaufen.
      "St. Bell, hm?", hakte er nach, wobei die leicht gehobenen Mundwinkel weiter nach oben wanderten. Es war ein kleines, kaum merkliches Lächeln. Malleus hatte zuvor in der Gegenwart seiner Begleiter gelächelt, aber dieses unscheinbare Zucken seines Mundes war ein ehrliches, unverfälschtes Schmunzeln.
      "Die Lacerta müssen wirklich gute Gene besitzen", fuhr er fort. "Es ist lange her, das St. Bell als kleines Bauerndorf bezeichnet wurde. Sehr lange. Ich empfehle dir in Zukunft um St. Bell einen großen Bogen zu machen. Die Stadt quillt über von religiösen Fanatikern", warnte er und begegnete Devons vielsagendem Blick zu seiner Wortwahl mit einer hochgezogenen Augenbraue. Die Ironie in seiner Erzählung war ihm durchaus bewusst, obwohl es ihm missfiel mit diesen stumpfsinnigen Altarverehrern auf eine Stufe gesetzt zu werden."...die dem einen Großen huldigen. Ein Vögelchen hat mir vor einiger Zeit zu gezwitschert, dass es kein guter Ort ist um eine andere Meinung zu haben."
      Malleus kannte St. Bell...und machte in der Regel einen großen Bogen um die Stadt, in der er trotzdem versteckte Augen und Ohren besaß. Die religiöse Führung war den Signa Ignius nicht wohlgesonnen. Manche Dinge brauchten Zeit und Geduld. St. Bell brauchte Tonnen von beidem.
      Devons letzte Frage ließ das flüchtige Lächeln verblassen.
      "Ich gestehe, es hat mich überrascht", gab Malleus zu. "Er war erschreckend wehrlos. Ich habe Drachen ganze Landstriche verwüsten sehen, während ganze Horden von Jägern und schweren Ballisten getrotzt haben. Adrastus allein hat mit einem Feuerstoß eine ganze Kolonie bis auf den letzten Grashalm niedergebrannt. Es war...bemitleidenswert."
      Mit einem knappen Nicken deutete Malleus auf den Kristall.
      "Wirst du uns verraten, was es damit auf sich hat?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Malleus’ Stimme war es erst, die Tava etwas beruhigte und sicherstellte, dass sie Devon nicht härter anging. Denn das hätte sie getan; der Jäger stand einfach nur reglos inmitten des ganzen Blutes und Tava musste daran denken, dass der Drache in Celestia sich irgendwann in Luft aufgelöst hatte. Was, wenn das jetzt ebenso geschah und die ganze Beute dahin wäre, einfach nur, weil der Jäger sich dazu entschlossen hatte, ein bisschen stehen und zu gaffen? Das konnte Tava schließlich nicht guten Gewissens geschehen lassen.
      Aber bei Malleus' warmer, sanfter Stimme, wandte sie ihre Aufmerksamkeit augenblicklich von dem Jäger ab und zu dem Kultisten hin, der sie mit einem ganz leichten Lächeln bedachte. Tava fühlte sich sofort davon überzeugt, dass seine Idee die richtige war. Ja, sie würde erstmal ihre Proben sammeln. Alles weitere ließ sich ja auch hinterher noch regeln, wenn sie sich ihren Vorrat aufgefüllt hatte.
      Sie grinste ihn an und das nicht nur wegen der Erwähnung all der Tölpel, die sie für unzulänglich gehalten hatten und denen die Augen aus dem Kopf fallen würden, wenn sie erführen, dass Tava mit den Substanzen eines Drachen mischte. Nein, nicht nur deswegen grinste sie so.
      "Sammle doch erstmal alles ein, was uns nützlich sein könnte. Eine Chance so viele, seltene Proben an einem Tag zu sammeln, bekommt nicht jeder Alchemist."
      Das ist eine hervorragende Idee.
      Gleich wandte sie sich von ihm ab und begann mit ihrer Aufgabe.
      Obwohl Tava abgelenkt war, entging ihr doch nicht, was hinter ihr vor sich ging. Ihr entging nicht die Stille, die sich über sie alle senkte, als Devon und Malleus gegenüber standen, beide von etwas ergriffen, was sich Tavas Wahrnehmung entzog. Ihr entging nicht, wie der Jäger sein Schwert bewegte, ganz so, als würde er es gleich gegen Malleus richten wollen, nur um sich dann doch umzudrehen und es in das tote Fleisch des Drachen zu treiben. Ihr entging nicht, dass er sich durch den Kadaver wühlte, bevor er wieder daraus hervor stieg. So konnte Tava sich auch im richtigen Moment aufrichten, um ihre Trophäe entgegen zu nehmen.
      Ihr entging auch nicht, dass er auch noch was anderes in der anderen Hand dabei hatte. Etwas, das wesentlich wertvoller aussah als alles Drachenfleisch der Welt.
      Eigentlich war das ein Moment, den man feiern müsste. Der erfolgreiche Sieg über einen Drachen, nicht nur zum zweiten Mal, sondern auch noch durchgeplant und ohne Verluste! Tava fühlte sich jedenfalls richtig in der Stimmung zum feiern - aber Devon war selbst für Devon unglaublich schweigsam, als er an ihr vorbei marschierte, und Malleus warf ihr nur einen Blick zu, der vieles bedeutete, nur nicht “komm mit, lass uns diesen Sieg feiern”. Tava starrte den beiden Männern daher nach, als sie sich von dem auflösenden Leichnam entfernten, nur um zu dem Schluss zu gelangen, dass sie nur machen sollten. Tava würde die Gelegenheit noch ergreifen und so viel aus dem Drachen holen, wie es ihr möglich war.
      Sie arbeitete und schuftete und scheute keine Mühe, um so viel wie möglich von dem gefallenen Drachen noch einzusammeln und aufzubewahren. Durch den ersten hatte sie bereits gelernt, dass sich das meiste Zeug sowieso auflösen würde, aber vielleicht schaffte sie es ja diesmal, sich so schnell zu bedienen, dass die Sachen wie die Haut auch einfach bleiben würden. Mit viel mehr Elan als sonst machte sie sich damit ans Werk.
      In der Entfernung konnte sie sehen, dass die beiden Männer sich am Ufer niedergelassen hatten und sich jetzt leise miteinander unterhielten. Die Aufmerksamkeit für den Drachen war vorüber, anscheinend war er nur einen Blick wert, als er noch am Leben gewesen war. Tava sah das ganz und gar nicht so, weshalb sie es auch nicht schlimm fand, alleine dort zurückgelassen zu werden. Dann stand ihr wenigstens niemand im Weg rum.
      Sie war eine ganze Weile lang damit beschäftigt, den ganzen Umkreis nach sämtlichen verwendbaren Proben abzusuchen, bevor sie sich damit glücklich geben konnte. Ihren Anzug hatte sie ja auch noch und die der anderen beiden würde sie auch noch einsammeln. Alles in allem hatte sie mit ihrer Trophäe hier eine ganz ordentliche Beute gemacht.
      Ihr nächster Weg galt allerdings nicht den beiden Männern, um sich etwa zu ihnen zu setzen, sondern zu ihrem Rucksack, in dem sie zum einen die Sachen verstaute, zum anderen aber auch einen ledernen Beutel herausholte. Mit dem bewaffnet kam sie dann auch ans Ufer, öffnete ihn und ließ ein feines, gelbliches Pulver entweichen, dessen einzelne Partikel so leicht waren, dass sie selbst ohne Wind davonschwebten und sich langsam niederließen. Das Wasser bedeckte sich um ihren Fleck am Ufer herum langsam mit dem gelblichen Zeug, was dann aber auch gleich unter der Oberfläche verschwand. Tava war zufrieden damit. Sie hatte es geschafft, einen ganzen See mit einer Eigenkreation zu vergiften, sie würde es auch schaffen, ihn von demselben Gift auch wieder zu befreien. Manch einer hätte dafür einen Damm bauen müssen, das Flussbett leerlegen müssen, den Boden reinigen und alles wieder mit Wasser auffüllen müssen, aber Tava war eine Alchemistin, eine verdammt gute noch dazu. Sie ließ nur ihr Pulver frei und damit war es dann getan.
      Sie stieß zu den anderen beiden Männern, als Malleus gerade eine höchst interessante Frage stellte, die sie auch gleich beantwortet haben wollte.
      "Ja, das würde ich auch gerne wissen. Ein Kristall ist das jedenfalls nicht, das kommt nämlich aus einem Lebewesen."
      Das sich mittlerweile zwar in Luft aufgelöst hatte, als hätte es gar nie existiert, aber trotzdem.
      "Warum zieht ihr überhaupt solche Gesichter? Wir haben einen Drachen erlegt! Einen ganzen, fetten Drachen!"
      Tava strahlte übers ganze Gesicht - natürlich zum größten Teil auch, weil sie ihre Proben hatte.
      "Das ist ein Grund zum feiern, wenn ihr mich fragt!"
    • „Die Lacerta müssen gute Gene besitzen.“
      In dem kurzen Austausch mit Malleus war Devon entfallen, dass die Menschen fast gar nichts über das sogenannte Echsenvolk wussten. Weder ihre Traditionen noch ihre Gebärden waren ihnen bekannt. Deswegen wusste Devon, dass sie auch nicht davon wussten, wie lange Lacerta eigentlich lebten. Ihr Biorhythmus war auf eine längere Lebensspanne als die der Menschen ausgerichtet und mit seinen 74 Jahren sah er nicht viel älter als Anfang dreißig aus. Schnell hatte er zu fürchten gelernt, dass, wenn die Menschen um ihre Vitalität Bescheid wussten, sie vielleicht auch aus diesem Grund Jagd auf sie machten. Seitdem die Menschen zurück an die Oberfläche gekommen waren und festgestellt hatten, dass es noch andere Völker neben ihnen gab, machten sie sich daran, aus diesen Völkern ihre eigenen Vorteile zu schlagen. Einen Lacerta zur Ader zu lassen, um sich selbst das Blut einzuverleiben war nichts anderes, als seltsame Teile von Tieren zu essen in der Annahme, sie fördere die Libido oder Standhaftigkeit.
      „Ich schätze, die Menschen von damals sind die Grundpfeiler von jenen heutzutage“, kommentierte Devon nur trocken. Auch hier hätte er sichtlich mehr angefressen sein müssen, dass er Malleus wieder ein Stück mehr von sich und seinem Volk preisgegeben hatte. Doch jetzt fühlte er sich nicht unbedingt danach. Was sollte der Mann, der einem Drachen huldigte, schon mit einer halbgaren Echse anfangen?
      Als bemitleidenswert würde Devon den Drachen nicht unbedingt bezeichnen. Er verstieß so ziemlich gegen alle Prinzipien, die man den Drachen zuschrieb. Natürlich gab es die offensiven wie die Feuerdrachen und die defensiven wie Felsendrachen, aber einer mit solch einer Größe und Gefahr dürfte keine Flucht ergreifen müssen. Sowieso war dieser Drache ein völlig anderer gewesen, was Devon langsam daran glauben ließ, dass sich diese Wesen ebenfalls weiterentwickelten. Immerhin mussten sie sich ja nun auch immer häufiger gegen Jäger wie Devon verteidigen.
      „Wirst du uns verraten, was es damit auf sich hat?“
      Devons Blick senkte sich auf den Kristall in seiner Hand. Den sprichwörtliche Elefanten im Raum. Wenn er darüber nicht hätte sprechen wollen, so hätte er ihn einfach besser verstecken müssen. So wie in Celestia, wo ihn niemand danach gefragt hatte und der Kristall so klein gewesen war, dass er sich einfach schlucken ließ. Doch dieser hier war größer, mächtiger und schien allein in seinen Fingern verlockend zu pulsieren. Wenn sich der Lacerta nur auf den Kristall konzentrierte, meinte er, einen gleichmäßigen Rhythmus aus ihm heraushören zu können. So wie ein Herzschlag.
      Tava machte sich durch ihren typischen Gang bemerkbar noch bevor sie ihr Interesse an dem blauen Kristall äußerte. Devons Blick hob und richtete sich auf die Cervidia, die offensichtlich bester Laune war. „Warum sollte es kein Kristall sein? Ein Kristall ist nichts anderes als ein Stein, und selbst Menschen können Steine in ihren Nieren bilden.“
      Nur schien das bei Tava gar nicht richtig anzukommen. Sie legte sogleich nach und ließ sie alle an ihrer Freude teilhaben. Das Grinsen untermalte nur, was für ein hübsches Gesicht sie eigentlich hatte, aber alles, was Devon sehen konnte, war eine Kreatur, die das Ableben einer anderen feierte. All die Ruhe, die Malleus in dem Jäger gesät hatte, verpuffte beinahe schlagartig und die Spannung kehrte in seine Glieder zurück. Anstatt etwas darauf zu antworten, was er auf Malleus‘ Nachfrage sogar getan hätte, stand er auf und spielte es voll aus, dass er mit Abstand der Größte von ihnen war. In dem Licht der späten Sonne wirkten seine Augen noch dunkler, als wären sie selbst vom Blut hunderter Menschen getränkt.
      „Es ist ein Grund zum Feiern, wenn du einen Drachen erlegst, der Siedlungen oder ganze Städte bedroht. Hier war nichts mehr, was er hätte bedrohen können und wie wir alle sahen wäre er auch nie einfach so aus diesem See gekommen. Er hätte in aller Ruhe existieren können, wenn man einen Bogen um ihn gemacht hätte.“ Ein leises Stimmchen in Devons Kopf hallte nach, als er sich selbst fragte, seit wann er die Existenz von Drachen in Schutz nahm. Das war neu. Das war anders. Da war wieder diese Sympathie, die zuvor nicht da gewesen war. Seine Pupillen verengten sich minimal, während er auf Tava hinabstarrte, aber zunächst regungslos wie eine Statue blieb. „Du hast dich darüber gefreut, wie eine Kreatur unter Qualen gebrannt hat. Hast du überhaupt den Hauch einer Ahnung davon, wie es ist, bei lebendigem Leibe zu verbrennen?“
      Ungewollt schoss er einen Blick zu Malleus. Er unterstellte diesen Fakt dem Mann zwar nicht, aber irgendwie fühlte es sich gerade richtig an.
      „Das hier“, sagte er schließlich mit einem gut hörbaren Zischlaut auf den scharfen Silben und legte den Kristall vor sich zwischen etwas Geröll ab, damit er nicht wegrollte, „fasst die Macht eines Drachen zusammen. Schneidet man das Herz eines Drachen heraus und auf, so findet man darin diesen Herzkristall. Entferne ihn und der ganze Drache löst sich auf, so als hättet ihr ihm sämtlich Energie entzogen. Das mache ich in der Regel als Erstes, damit Leute wie du diese Drachen nicht auch noch ausschlachten wie Vieh.“
      Er zog sein Malachitschwert, das wieder unter den Strahlen funkelte. Er packte es mit beiden Händen am Griff und richtete die Spitze auf den Kristall. „Normale Waffen brechen diese Kristalle nicht und bisher kam auch noch keiner auf die Idee, das Herz eines Drachen zu inspizieren. Deshalb dürfte kaum einer wissen, dass sie existieren.“
      Jetzt kam der wirklich interessante Teil. Unter aufgerissenen Augen der Cervidia und einem doch eher interessierten Blick des Menschen ließ Devon sein Schwert auf den Kristall niedergehen, dessen Spitze den Kristall in vier Teile von der Größe einer Walnuss zersplittern ließ. Anschließend steckte er das Schwert wieder in seine Scheide, bückte sich und hob die Teile auf.
      „Und ich denke, noch weniger kommen auf die Idee, das zu machen“, kündigte Devon an und ließ sich vor versammelter Menge ein Bruchstück in den Mund fallen, auf das er biss und dass sich knisternd in ganz viele kleine Fragmente auflöste. Er kaute, schluckte und wiederholte es mit dem zweiten Bruchstück.
      „Deswegen jage ich die Drachen und nicht wegen des Profits. Wir bauen jetzt das Lager auf. Zurück kommen wir heute sowieso nicht mehr.“ Mit diesen Worten kehrte Devon Tava und Malleus den Rücken zu und machte sich auf den Weg zum Wagen. Während des Weges verschlang er noch die letzten Teile des Kristalles. Er wollte nicht riskieren, dass die beiden ins Kreuzfeuer gerieten, denn so seltsam dieser Drache auch gewesen war… Es würde vermutlich nicht bei seinem Herzkristall enden.
    • Malleus konnte Devon ein gesundes Maß an Skepsis nicht verübeln. Das untrügliche Gefühl eine sehr persönliche Frage gestellt zu haben, beschlich ihn. Letzten Endes war Malleus ein Fremder und bisher hatte er dem Lacerta wenig vernünftige Gründe geliefert, um ins Vertrauen gezogen zu werden. Verständnis für das angebrachte Misstrauen stellte sich ein, denn auch der Kultist gehörte nicht zu den Menschen, die ihre Geheimnisse lautstark in die ganze, verdammte Welt hinaustrugen. Es war dieses brüchige Verständnis für die sensiblen Grenzen, auf das Malleus aufbaute. Aufmerksam beobachtete er, wie Devon den Kopf neigte und wie hypnotisiert den schillernden Kristall in seinen Händen betrachtete als könnte er keine Sekunde länger den Blick davon lassen. Geduldig und gleichzeitig erwartungsvoll wartete der Kultist auf eine Antwort. Gerade als Malleus den Eindruck gewann, dass der Lacerta ihn wirklich mit einer Antwort ehren wollte, näherten sich Schritte dem Seeufer.
      Freudestrahlend erreichte Tava die kleine Zuflucht zwischen verkohltem Schilf und verbrannter Erde. Malleus löste widerstrebend den Blick von Devon, um die Cervidia mit einem Nicken zu begrüßen. Die Veränderung der Stimmung passierte schleichend bis die Blase letztendlich platzte. Tava, überglücklich mit ihrer Beute, machte keinen Hehl aus ihrem Missmut über die ernsten Mienen der Männer. Sie vergaß die Stimmung zu lesen, die wenige Sekunden später ins Bodenlose kippte. Offenbar hatte sie zielsicher einen empfindlichen Nerv getroffen. Einen Nerv, den gewöhnliche Jäger wohl nicht besaßen, denn Devon verbarg nur schlecht oder gar nicht seine Sympathie für die verendete Kreatur, von der nichts mehr übrig war.
      Für den Augenblick begnügte sich Malleus mit der Position des stillen Beobachters. Er sah zu, wie Devon sich zu seiner vollen Größe aufrichtete und Tava zur Rede stellte. Vor allem entging ihm der flüchtige Seitenblick nicht, mit dem der Lacerta ihn bedachte. Malleus hielt dem Blickscheinbar gelassen und mit völliger Ruhe stand während er seine nackten Händen beiläufig hinter den Rücken führte. En Muskel zuckte kaum merklich in seinem Kiefer. Erst als Devon wieder Tava seine Aufmerksamkeit schenkte, senkte der Kultis kurzzeitig den Blick. Als er den Kopf wieder hob, war das schmale Lächeln und jegliche Offenheit, die er mit Devon geteilt hatte, hinter einer Maske der Neutralität verschwunden.
      Der stille Beobachter wurde ebenfalls zum aufmerksamen Zuhörer.
      Das Wissen, das Devon ihnen nun preisgab, war für Malleus von unschätzbarem Wert. Der Markt für Jagdtrophäen florierte vor allem in den dichter besiedelten Ländereien. Auf den üppigen Marktplätzen großer Städte wie Celestia gab es ein reiches Angebot an Artefakten und Talismanen. Aus Reißzähnen, Knochen, Schuppen und Krallen stellten allerlei Handwerke kunstvolle und natürlich kostspielige Raritäten her. Der Aberglaube brachte die Kassen allerorts zum klingeln. Für Malleus war der Handel ein zweischneidiges Schwert, weshalb er Devons Vorhaben mit gemischten Emotionen beäugte. Die Klinge schimmerte als der Drachenjäger die tödliche Spitze am Kristall ansetzte.
      Der Kristall, das Herz eines göttlichen Geschöpfes, zersplitterte durch die Malachitklinge.
      Malleus neigte den Körper leicht vorn, als versuchte er einen besseren Blick auf die Bruchstücke zu erhaschen. Da hatte Devon die Einzelteile bereits vom Boden aufgeklaubt um sie eingehend zu betrachten. Spannung lag in der Luft und der Kultist spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten.
      'Und ich denke, noch weniger kommen auf die Idee, das zu machen.'
      Da verschlang Devon eines der wallnussgroßen Bruchstücke des Herzkristalls.
      Das kam nun wirklich unerwartet.
      Wenn er darüber schockiert war, ließ Malleus sich nichts davon anmerken.
      Damit hatte auch Tava offensichtlich nicht gerechnet, die den Jäger mit großen Augen ungläubig anstarrte. Geistesgegenwärtig löste sich Malleus aus seiner Starre und schob sich zwischen Devon und Tava. Die aufgeladene Stimmung war kurz davor eine neue Spitze zu erreichen. Die Situation in Celestia war brenzlig genug gewesen, dass Malleus nicht erpicht darauf war, das Schauspiel zu wiederholen. Der Blick, den er Tava nun schenkte, war beinahe weich und am ehestens als milde Warnung zu interpretieren. Es war die beinahe perfekte Imitation eines aufkeimenden Beschützerinstinktes.
      Obwohl er die Cervidia ansah, richtete sich seine Worte an Devon, der bereits auf dem Absatz kehrt machte und in Richtung Wald davon ging. Malleus ließ zu, dass Tava beobachten konnte, wie er nachdenklich die Stirn in Falten legte. So schnell er sie mit Informationen überschüttet hatte, so abrupt und erneut verschlossen stapfte der Lacerta davon. Hinter Malleus Stirn schien es zu arbeiten.
      "Gut, wir kümmern uns um ein Nachtlager", stimmte er zu. Laut genug, für das ausgeprägte Gehör des Lacerta. "Bring unsere Sachen mit, wenn du zurückkommst." Er machte eine Pause. "Bitte."
      Dann wandte er sich direkt an Tava.
      "Lass ihn. Er kommt schon wieder. Ich denke es ist besser, wenn wir mit unseren Fragen noch ein bisschen warten", murmelte er und setzte ein schmales Lächeln auf. "Es wird bald dunkel und wir könnten eines von deinen wunderbaren Feuern gebrauchen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Je mehr Devon sprach, desto weniger wurde das strahlende Grinsen, das sich auf Tavas Gesicht eingespielt hatte. Sie hatte schon gemerkt, dass die beiden Männer nicht ganz so gut gelaunt waren wie sie es war, aber Devon hatte trotzdem ein außerordentliches Talent dafür, selbst den einfachsten Grund zur Freude zunichte zu machen. Hatte der Mann etwa kein Bedürfnis danach, diesen hart errungenen Sieg zu feiern? Warum nicht, was würde es ihm denn schaden? Stattdessen hatte er sich wohl vom Jäger zum Beschützer gewandelt, denn mit einem Mal bestand er darauf, dass der Drache auch in Frieden hätte weiterleben können. Als ob das jemals eine Option gewesen wäre! Den Unsinn konnte er sich einfallen lassen, sobald er eine Möglichkeit gefunden hatte, Drachenzunge, Drachenhaut und Drachenblut zu substituieren. Ja, dann würde auch Tava sich auf so ein Gespräch einlassen.
      So neigte sie nur den Kopf in seine Richtung, ein bisschen nur, damit er ihren Unmut ablesen konnte. Dabei blieb sie aber einen Sicherheitsabstand entfernt von ihm.
      Im Anschluss legte er den Kristall vor ihnen allen auf den Boden. Er kam wohl aus dem Herzen eines Drachen, das alleine hätte schon genügt, um Tavas vollständigen Forscherdrang zu entfachen. Sie hielt sich aber zurück, weil sie mit einem Mal viel zu interessiert daran war, was Devon mit seinem Schwert vorhatte, um sich einzumischen.
      Er hob das Schwert an, stieß in einer präzisen Bewegung nach vorne und spaltete den Kristall. Tava lehnte sich gleich vor, um einen Blick auf das Innere zu erhaschen, das aber nichts in seinem Kern für sie verborgen hielt. Am liebsten hätte sie sich auch ein Stück genommen, aber Devons hochaufragende Gestalt hielt sie davon ab.
      Er richtete sich auf, ließ eine Vorwarnung fallen, die Tava in dem Moment gar nicht als solche realisierte -
      und warf sich das Stück in den Mund. Ein Viertel des Kristalls, verschwunden zwischen seinen Zähnen und kurz darauf begleitet von einem leisen Knacken und Knirschen, als seine spitzen Zähne den Kristall in viele kleinere Kristalle zerteilten. Und noch kleinere. So lange, bis er schluckte und alles verschwunden war.
      Fassungslos starrte Tava den Mann an, der gerade einen Kristall gegessen hatte. Einen Kristall gegessen hatte. Und als wäre das noch nicht das absurdeste an der ganzen Tatsache, war es auch noch ein Kristall, der aus dem Herz eines Drachen entsprungen war. Ein Kristall der aus dem Herz eines Drachen entsprungen war. Und Devon aß ihn auf. Devon steckte ihn sich zwischen die Zähne und schluckte ihn.
      Tava war völlig sprachlos und als ob das nicht schon genug war, blieb Malleus von der ganzen Sache scheins völlig unbeeindruckt. Er hatte es aber auch gerade gesehen, nicht wahr?! Tava drehte nicht plötzlich am Rad?!
      Sie starrte noch immer völlig perplex den langen Lacerta an, der sich schon umdrehte und mit den restlichen drei Stücken des Kristalls davon ging, da schob sich Malleus vor ihr Gesichtsfeld. Sie konnte trotzdem noch sehen, wie Devons Arm eine Bewegung machte, als würde er sich das nächste Stück reinschieben.
      "Lass ihn. Er kommt schon wieder. Ich denke es ist besser, wenn wir mit unseren Fragen noch ein bisschen warten."
      Tava sah jetzt Malleus völlig entgeistert an. Sie drehte doch nicht am Rad, oder?!
      "Was - bei allen - vier Feuern - war das?!"
      Wie konnte sie hier die einzige sein, die so geschockt darüber war?! War es etwa normal, dass Lacertas Drachenherzkristalle aßen?! Drachenherzkristalle?!
      Aber als hätte Malleus schon geahnt, dass Tava mit ihrem ganz eigenen Feuer über Devon herfallen würde, bis sie zufrieden mit dem war, was er ihr an Antworten lieferte, hielt er sie davon ab, dem Lacerta zu folgen. Der entfernte sich immer weiter und weiter, bis irgendwann nur noch Malleus übrig blieb, dem sie ihre Hörner zeigen konnte.
      "Er hat's gegessen! Er hat's wirklich gegessen!"
      Irgendwie schaffte es der Kultist, ihre Aufmerksamkeit von dem Kristall weg und auf ein Feuer hinzulenken. Sobald Tava einmal mit sowas angefangen hatte, war es viel einfacher, den ganzen Rest in den Hintergrund zu schieben. Sie dachte natürlich noch immer daran, aber es war beruhigend und fast meditativ, ein Lagerfeuer zu schaffen, das den ganzen restlichen Tag und die Nacht über leben würde. Eine Kleinigkeit für die Pyromanin.
      Sie ließen sich nicht weit vom See entfernt nieder, nachdem die Gegend noch immer wie verlassen war. Devon brachte ihr ganzes Gepäck zu ihnen zurück, war aber so schweigsam wie eh und je und verweigerte sämtlichen Blickkontakt zur Cervidia, der ihm ganz sicher eine weitere Erklärung herauszupressen versucht hätte. Zum Glück war aber auch Malleus da, der irgendwie ein Händchen dafür zu entwickeln schien, den Lacerta und die Cervidia auseinanderzuhalten.
      Devon setzte das Essen auf. Tava kramte in ihrem Rucksack, fand nicht das, wonach sie Ausschau gehalten hatte, und setzte dafür ihre Instrumente auf. Sie hatte zwar nicht immer Schnaps vorrätig, aber das Handwerk der Schnapsbrennerei lernte jeder Alchemist irgendwann auf der Straße. Außerdem war der Alkohol, den sie dafür verwendete, ganz fantastisch brennbar und somit grundlegender Bestandteil ihrer Ausrüstung.
      Sie verwendete ihr Trinkwasser, um den Gewürzschnaps zu mixen, während sie gleichzeitig den Alkohol destillierte. Während sie an ihrem gekochten Fleisch knabberte, füllte sie die Behälter um, kippte eine neue Mischung nach und ließ beides ziehen. Der ganze Vorgang dauerte nicht länger als eine halbe Stunde, dann hatte Tava einen halben Liter hochprozentigen Gewürzschnaps parat.
      Probeweise versuchte sie einen Schluck davon, spürte das scharfe Brennen in ihrer Kehle, schüttelte sich und grinste schließlich triumphierend.
      "Auf einen Drachen weniger und auf die Ausbeute, die er uns gebracht hat!"
      Es war Malleus, an den sie ihre Flasche weiterreichte.
    • Keiner von ihnen verstand was es bedeutete, wenn nach den Teilen des eigenen Körpers getrachtet wurde. Keiner von ihnen würde verstehen, wie es ist, wenn man nur durch Äußerlichkeiten diesen Kreaturen, die sie Drachen nannten, zugeordnet wurde. Keiner von ihnen war sich bewusst, welche Lebewesen hinter dem Fleisch standen, welches sie verspeisten. Aber Devon war sich bewusst, dass die scharfen Kanten der Bruchstücke in seinem Mund die Haut zerschnitten und Blut, sein Blut, alles war, was er schmeckte. Er war sich bewusst, dass der nicht nur ein Teil eines Nutztieres, sondern den Kern einer schier übermächtigen Kreatur in sich aufnahm. Er war sich bewusst, dass es Auswirkungen auf ihn hatte und wie sie aussehen konnten. Er war sich bewusst, dass weder Tava noch Malleus ihn wie ein humanoides Wesen betrachten würden, sobald er zu dem Lager zurückkehrte.
      Deswegen reagierte er nicht auf seine Mitstreiter, als er sich zum Karren begab und dort ihre mitgebrachten Sachen in die dazugehörigen Säcke stopfte. Er richtete sich auf und spuckte aus – dunkelroter Schleim war das Ergebnis. Nur fühlte Devon, als er mit seiner Zunge über Gaumen und Zahnfleisch strich, dass die Schnitte sich bereits wieder schlossen. Schneller, als es bei den anderen Kristallen der Fall gewesen war. Ein Stirnrunzeln folgte. Vielleicht sollte er doch einen Moment länger warten ehe er zum Feuer zurückging, das Tava unterdessen entfacht hatte.
      Dieser Gedanke kam keine Sekunde zu früh. Schon in der Vergangenheit hatte Devon die Erfahrung gemacht, dass Herzkristalle etwas mit dem Körper anstellten. Er wusste nicht genau, wie oder warum, vielleicht waren sie ja verstrahlt, aber jedes Mal reagierte sein Körper mit einem Anstieg der Körpertemperatur. Was sonst etwa ein Grad gewesen war, waren nun schon zwei Grad, mit Tendenz nach oben. Auf seiner Stirn brach ein dünner Schweißfilm aus und er krallte eine Hand an den Rand des Karrens. Unter seinen Fingern ächzte das Holz – auch das kannte Devon. Sein ganzer Körper schien von einem Juckreiz befallen zu sein, während er sich unbehaglich bewegte in der Hoffnung, die wenige Reibung seiner Kleidung würde Abhilfe schaffen. Innerhalb der nächsten Minute war seine Temperatur noch weiter gestiegen, so sehr, dass der Rand seines Blickfelds bereits schwummrig wurde. Er beschloss, sich zwischen die Säcke zu setzen und abzuwarten, bis die erste Ausbruch vorüber war. Das war immer so. Es waren immer nur ein paar Minuten.
      Nur ein paar Minuten, dann wäre der Spuk vorbei.

      Aus den paar Minuten wurde mehr als eine halbe Stunde, in der glücklicherweise niemand zu ihm kam, um nach ihm zu sehen. So konnte Devon seinen Fieberwahn, der sich in Halluzinationen mit Ton äußerte, allein für sich ausmachen. Er konnte abwarten, bis der Juckreiz verschwunden und seine Temperatur nicht mehr aberwitzige Ausmaße angenommen hatte, um dann mit den Säcken zum Lagerfeuer einzukehren. Der Schweiß stand ihm mitnichten noch immer auf der Stirn, das spürte er, aber dass seine Augen eine Nuance heller geworden waren, konnte er selbst nicht sehen und das Feuer verschluckte viel vom Zauber. Aber er fühlte sich noch immer furchtbar heiß an. So heiß, dass er sich nicht so nah an das Feuer setzte wie üblich. Er brannte, sowohl außer- als auch innerhalb, und er musste schleunigst was dagegen unternehmen.
      Devons Blick fiel auf die Flasche, die Tava an Malleus weiterreichte. Sie schwebte zwischen ihr und dem Kultist, und Devon konnte schwören, das sie ihm gerade verlockende Botschaften zuflüsterte. Es war ein reiner Impuls, der ihn dazu bewegte, den Arm auszustrecken und Tava die Flasche zu entwenden, noch bevor Malleus seine Hand überhaupt gehoben hatte. Mit seiner Beute ging er wieder auf Abstand und setzte die Flasche an seine Lippen. Er roch den markanten Geruch von Gewürz und das Brennen des Alkohols, als er seinen Mund mit dem Schnaps flutete. Er war angewidert von dem Geschmack und zeitgleich erleichtert über die Flüssigkeit, die seine Kehle hinabrann. Als wäre es gewöhnliches Wasser nahm Devon etliche Züge, ehe er die Flasche wieder senkte, mit dem Ärmel über die Öffnung strich und sie dann doch zu Malleus hielt.
      „Der Feuerteufel kann also auch Brennen“, stellte Devon mit kratziger Stimme fest. Er ahnte bereits, dass es ein Fehler sein mochte, zu trinken. Aber seine Stimmung war anders wie sonst, wenn auch nur erhitzt durch den Verzehr des Kristalles. Er spürte alles überdeutlich, die Hitze, die Nähe, die Luft, einfach alles. Das hier kam einem Trip schon am nächsten und dieses Mal für er sich nicht dafür schellen, sich frei zu fühlen.
    • Augenscheinlich ruhig und völlig entspannt hockte Malleus am Feuer. Mit scheinbar perfektem Gleichgewichtssinn balancierte der hochgewachsene Mann sein Gewicht auf den Fersen aus und ließ seine Unterarme auf den Knien ruhen während seine entblößten Hände mit gekrümmten Fingern dazwischen ruhten. Er spürte die Hitze des Feuers brennend auf seiner Haut. Die Haltung sah an dem Kultisten absolut mühelos aus und kein Lüftchen konnte ihn ins Wanken bringen. Dabei war Malleus alles andere als die Ruhe selbst. Hinter seiner Stirn arbeitete es unaufhörlich während er in die heißen Flammen starrte. Die Enthüllung des Lacerta hatte gänzlich neue Gedanken in Gang gesetzt, die er kaum zum Schweigen bringen konnte.
      Devon verzehrte Drachenherzen. Er verleibte sich die Quelle der Macht dieser göttlichen Bestien ein um...um was?
      Die ursprünglichen Lehren der Gründerväter der Signa Ignius verboten die Dreistigkeit nach der Macht der Götter zu sterben. Die geheuchelte Demut alter Männer, die im verborgenen ein scheinbar unverwundbares Kind quälten und sich mit den enttäuschenden Ergebnissen nicht zufrieden gaben. Die Erinnerung entlockte Malleus unwillkürlich ein verächtliches Schnauben. Allein bei der Vorstellung, das Herz einer dieser verehrten und heiligen Kreaturen zu verspeisen, drehten sich seine alten Meister gerade vor Grauen in ihren feuchten Gräbern um. Malleus verspürte keinerlei Abscheu. Ihn beschäftigte die Frage nach dem Warum.
      Devons Rückkehr dauerte länger als angenommen, was eine weitere und brennende Frage für den Kultisten aufwarf. Welche Auswirkungen mochte der Verzehr einer solchen Energiequelle haben? Bilder von Schuppen eingebettet in menschliche Haut und deformierten Schulterblättern blitzten vor seinem inneren Auge auf. Das konnte kein Zufall sein.
      Malleus sah erst von den Flammen auf, als Devon sich näherte. Bis zu diesem Moment hatte Tava sich ungewohnt schweigsam ihrem Feuer und ein paar seltsamen Instrumenten gewidmet. Eine verkleinerte Version einer Schnapsbrennerei, denn bald waberte der vertraute Geruch von starkem Alkohol durch die langsam auskühlende Nachtluft. So langsam überraschte Malleus nichts mehr, dass Tava aus den unergründlichen Tiefen ihres Reisegepäcks hervorzauberte.
      Aufmerksam beobachtete Malleus den Lacerta ohne dabei auffällig den Kopf in die Höhe zu reißen und griff beiläufig nach seinem Gepäck um die vermissten Lederhandschuhe über seine Hände zu streifen. Er unterdrückte das erleichterte Aufatmen. Auf den ersten Blick gab es nicht viel Auffälliges, das dem Kultisten an Devon ins Auge stach, wäre da nicht der dünne Schweißfilm auf der Stirn des Mannes. Der Lacerta wirkte beinahe fiebrig.
      Malleus bildete sich im Feuerschein ein, dass selbst die reptilienartigen Augen mit den geschlitzten Pupillen heller schimmerten als zuvor. Vielleicht versuchte er auch schlicht und ergreifend einen handfesten Beweis für die Theorie zu finden, die sich langsam formte.
      "Auf einen Drachen weniger und auf die Ausbeute, die er uns gebracht hat!"
      Ah, er hatte die Cervidia und ihre kleine Brennerei beinahe vergessen.
      Etwas skeptisch beäugte Malleus die Flasche und beschloss, dass ein kleiner Schluck nicht schaden konnte. Er hatte noch nicht einmal die Hand erhoben, da hatte Devon das selbstgebrannte Gebräu bereits entwendet. Sichtlich verwundert sah der Kultist zu, wie sich der Lacerta die Eigenkreation des Feuerteufels in großzügigen Schlücken einverleibte und dann die Flasche weiterreichte.
      Das Zeug schmeckte wie es roch, scharf und würzig. Die Flüssigkeit brannte den gesamten Weg die Speiseröhre hinab. Es hinderte ihn nicht daran, noch einen Schluck zunehmen und dieselbe Feststellung noch einmal zu machen. Malleus pfiff anerkennend durch die Zähne und sah erstaunt auf, als Devon endlich nach langem Schweigen sprach.
      "Das gibt's doch nicht", murmelte Malleus und setzte sich bequem hin während eine angenehme Wärme sich in seinem Magen ausbreitete. Das Grinsen auf seinen Lippen wirkte ehrlich amüsiert. "Hast du etwa gerade einen Witz gemacht, Devon?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Noch bevor Malleus hätte zugreifen können, war die Statue mit dem Namen Devon zurück zum Leben erwacht und nahm die Flasche an sich. Tava warf ihm nur einen halb so intensiven Blick zu, wie sie es sonst getan hätte, und ließ die Flasche gleich los, bevor sie noch die raue Hand des Lacerta berührt hätte. Er war merkwürdig, seitdem er zurückgekehrt war - merkwürdiger als sonst. Ganz still saß er auf seinem Platz und wenn das Feuer richtig flackerte, glitzerte seine Stirn ein wenig. Tava wollte ihn meiden wie eine Krankheit.
      Sie hielt es für eine Lacerta-Sache und wenn sie damit falsch lag, dann war es vermutlich die Tatsache, dass er ein ganzes verdammtes Drachenherz geschluckt hatte. Sicher würde sie an seiner Stelle auch etwas neben der Spur sein.
      Er trank, wischte die Öffnung ab, als sei das, was er hatte, wirklich ansteckend, und reichte es dann erst an Malleus weiter.
      “Der Feuerteufel kann also auch brennen.”
      Malleus tat es ihm gleich und beiden Männern war anzusehen, wie der Schnaps seine Wirkung entfaltete. Es war ein durchaus befriedigender Anblick.
      “Das gibt's doch nicht. Hast du etwa gerade einen Witz gemacht, Devon?”
      Das soll ein Witz gewesen sein? Dieses Herz hat dir eher die Gehirnzellen zerschnitten.
      Sie machte eine ungeduldige Geste zu Malleus hin, der ihre wortlose Ansage verstand und die Flasche zurückreichte. Tava trank einen zweiten Schluck, schüttelte sich wieder und wartete darauf, dass das Brennen sich absetzen würde. Ja, Tava konnte brennen. Der Gedanke ließ sie schon ein wenig grinsen - wenn nicht sie, wer dann?
      Wenn wir jetzt also fertig damit sind, erraten zu wollen, was es damit auf sich gehabt hat - wirst du es uns endlich verraten? Oder zumindest, wie du darauf kommst, ein ganzes Drachenherz essen zu wollen? Es muss doch mal irgendwo angefangen haben und ich möchte wetten, dass dieses Ding selbst für jemanden wie dich nicht appetitlich genug aussieht, um einfach mal abzubeißen.
      Sie wollte die Flasche wieder an Malleus übergeben, reichte sie dann aber doch widerstrebend an den Lacerta weiter.
    • Devons Augen hefteten sich an Tavas Gesicht. Oh, wie schön es wäre, wenn sie damit nur Recht behalten würde und der Herzkristall ihm wahrlich das Gehirn frittierte. Dann würde er sich über all diesen Kram und den Sinn seiner Aufgabe keinerlei Gedanken mehr machen. Wie schön wäre es, wenn so eine einfache Sache ausreichen würde, um das alles hinter sich zu lassen.
      Nur war der Lacerta in seinem Inneren nicht so gestrickt. Er wusste es besser und spürte, wie der Kristall seine Arbeit tat, schon ab dem Moment, als er das erste Bruchstück geschluckt hatte. Die Hitze war noch immer nicht verschwunden und das Brennen, das in seinem Magen lag, rührte nicht nur von dem Alkohol her, der zweifellos ordentlich Umdrehungen hatte. Zur Hölle, er konnte sich nicht einmal sonderlich lange auf einen einzigen Punkt konzentrieren. Auch das lag nicht am Schnaps.
      „Was? Ihr habt doch gesehen, woher er entspringt und was er tut“, versuchte Devon wieder abzulenken, hob aber seine Augenbrauen als er sah, dass Tava ihm freiwillig die Flasche wieder anreichte. „Du willst wissen, was das soll und ich hab wenig Lust drauf, dass du mich ansiehst als hätte ich die Pest. Stell das ein.“
      Etwas unwirsch nahm er ihr die Flasche ab und nahm sich einen Schluck. Er zog die Oberlippe kurz hoch, als es wieder in seiner Kehle brannte, die Schnitte in seinem Mund allerdings schon völlig verschwunden waren. Er spürte, wie die Spannung aus seinen Schultern wich und sich zwei asynchrone rhythmische Schläge leise aus dem Hintergrund schälten.
      „Ich hab durch Zufall herausgefunden, dass Drachen verschwinden, wenn man ihnen den Kristall entwendet. Unser Dorf ist klein und abgelegen, wurde aber auch nicht von den Drachen verschont. Wir wehrten uns und töteten die kleinen Drachen, aber es entspricht nicht unserer Kultur, den Kadaver offen liegen zu lassen. Also zerkleinerten wir sie bevor wir sie der Erde zurückführen, so wie wir es mit allen Kadavern tun.“
      Es war ein offenes Geheimnis, dass die Lacerta in ihrer Abgeschiedenheit sehr naturverbunden lebten. Sie hegten eine andere Beziehung zu den Lebewesen und obwohl sie als Kriegernatur Eindruck schindeten, setzten sie selten Gewalt gegen andere Arten ein.
      „Ein Lindwurm griff einst unser Dorf an und hat einige Mitglieder meines Stammes getötet. Ich war mit bei den Verteidigern, als wir den Drachen zu Fall gebracht haben und ihn der Erde zurückführen wollten. Damals war ich noch sehr jung und naiv. Der Drache nahm uns Brüder und Schwestern, wieso sollte dieses unnatürliche Wesen zurückgeführt werden? Es ergab keinen Sinn. Also entnahm ich ihm sein Herz und teilte es als Sinnbild für mein eigenes Gebrochenes. Ich fand den Kristall darin und während sich alle Anderen darüber wunderten, wie der Lindwurm sich im Nichts auflösen konnte, steckte ich ihn ein und behielt ihn ungesehen.“
      Er nahm einen weiteren Schluck und reichte die Flasche an Malleus weiter. Sein Verantwortungsgefühl meldete sich leise und entfernt in ihm, riet ihm dazu, nicht noch mehr zu erzählen. Doch die Worte waren unklar, verschwommen und weit weg dank des Kristalls und des Schnapses.
      „Jahre vergingen. Ich lernte am eigenen Leib kennen, welche Vorurteile man uns entgegenbrachte. Einfach, weil wir Merkmale der Drachen teilten, obwohl wir nur ein Echsenvolk sind. In mir wuchs der Zorn über diese Vorwürfe und ich empfand alles als nicht gerechtfertigt. Warum werden wir so behandelt und leben wir deshalb so abgeschottet? Wir waren hier draußen, als die Drachen über die Erde fielen und die Menschen sich in die Erde flüchteten. Es fühlte sich nicht richtig an. Unser ganzes Volk scheint nicht ganz richtig zu sein.“
      Devon hob die Hand vor das Feuer und ballte sie zur Faust. Er erinnerte sich noch gut daran, wie er damals den Kristall des Lindwurmes so in Händen gehalten und ihn zertrümmert hatte.
      „An jenem Abend brach ich den Kristall des Lindwurms und schluckte ihn. Teilweise in der Annahme, dass es mich töten würde und teilweise, dass das der Quell der Kraft sein könnte, der uns fehlte. Der uns komplett machte. Immerhin glichen wir den Drachen laut den Menschen ja ohnehin schon.“
      Er zog ein Gesicht. Die Erinnerungen an die Nacht waren vage und schemenhaft, aber er erinnerte sich noch sehr gut an die Nachwehen, an die Worte, an die Reaktionen. In diesem Augenblick, am Feuer mit Tava und Malleus, entschied Devon, von der Wahrheit abzuweichen. Die kannte sowieso nur sein Stamm.
      „In dieser Nacht ging ich allein auf die Jagd und brachte einen Drachen zur Strecke. Schafft ein Lacerta so eine Tat im Alleingang, hat er sich damit das Recht erkauft, den Stamm zu verlassen. Ich wollte mehr, ich wollte sehen, wie lange es dauert, bis ich beweisen kann, dass wir für etwas Größeres bestimmt sind.“
      Monster Monster MonsterMonster
      Mit beiden Händen fuhr sich Devon durch sein Gesicht und wischte sie sich an seiner Hose ab. Er musste noch ein Stück weiter weg vom Feuer rücken, da er sich anfühlte, als würde er gleich selbst in Flammen stehen. Das Pochen war deutlicher zu hören geworden, eines schneller als das andere, und er runzelte die Stirn darüber.
      „Und nein, die Kristalle schmecken scheiße und zerschneiden dir dein Maul“, fügte er lapidar hinzu und gestikulierte mit der Hand, um sich die Flasche wieder zurückzuholen. „Aber was erzähl ich dir schon von Versuchen. Du gaffst mich immer an und ich wird das Gefühl nicht los, dass du mich irgendwann umbringst, nur um mich sezieren zu können.“ Er schüttelte sich. Ja, das war eine Vorstellung, die ihm wahrlich nicht gefiel. Dann neigte er den Kopf in Malleus‘ Richtung. „Was ist das eigentlich da mit dir? Kriegst kalte Hände, oder was?“
    • Unwillkürlich lehnte Malleus sich ein wenig nach vorn. Die gleichmäßige Hitze des Lagerfeuers streichelte ihm lockend über die Wangen und das Spiel der Flammen ließ seine beinahe schwarzen Augen aufglühen. Sein gesamter Fokus schrumpfte ein weiteres Mal auf den Mann zusammen, der ihm fast unmittelbar gegenübersaß. Lediglich die lodernden, heißen Flammen bildeten eine symbolische Linie zwischen Malleus und dem Lacerta. Feuer…es war immer Feuer, das sich als Dreh- und Angelpunkt in seinem Leben fest verankerte. Hellhörig wurde der Kultist ganz besonders, als Devon tatsächlich entgegen aller Erwartungen so etwas wie eine ernst gemeinte Antwort von sich gab.
      Obwohl der Lacerta sich großzügige Schlucke des selbstgebrannten Teufelszeugs genehmigte, glaubte Malleus nicht, dass der glasige Schleier über den echsenähnlichen Augen vom Alkohol stammte. Der Flammenschein verstärkte den Effekt und Malleus meinte erneut zu bemerkten, dass die geschlitzten Pupillen trotz des flackernden Lichts ungewöhnlich schmal erschienen. Der Alkohol, egal wie stark Tava ihn gebrannt hatte, konnte unmöglich so schnell seine Wirkung entfalten und doch wirkte Devon wie in einem Rauschzustand. Jedenfalls würde das erklären, warum seine Zunge plötzlich - und für Malleus sehr erfreulich – derart locker saß.
      Deshalb nahm er die Flasche ungewöhnlich schweigsam entgegen und nickte dem Jäger einerseits dankbar, andererseits ermutigend zu. Dahinter steckte kein eiskaltes Kalkül. Genauso wenig hatte er Devon am Ufers des Sees täuschen wollen. In seinen Worten hatte keine Lüge gesteckt. Malleus spürte den aufrichtigen Wunsch, die Beweggründe des Jägers zu verstehen und wagte es daher nicht, Devon in seiner Erzählung zu unterbrechen. Eine falsche Frage oder Anmerkung und der Lacerta könnte sich wieder in Schweigen hüllen. Es war schwierig abzuschätzen, wie lange sie in den Genuss eines entspannten Devons kamen. Malleus’ Blick tanzte und flackerte über die breiten Schultern hinweg, die mit jeder Silbe ein kleines Stückchen tiefer sanken.
      Die Geschichte, die Devon preisgab, war geprägt von Verlust, Ungerechtigkeit und Verbundenheit zum eigenen Volk. Malleus verstand nur ein Gefühl davon ohne jeglichen Zweifel. Er folgte der zu Faust geballten Hand, die sich um etwas schloss, das in diesem Augenblick nur in Devons Erinnerung existierte. Die kleinen Muskeln in Malleus‘ Augenwinkeln zuckten. Ah, da war es. Das höhere Ziel, für das Devon alles riskierte und nach dem der Kultist gefragt hatte. Etwas in diesem Abschnitt der Vergangenheit hinterließ einen ungewohnt bitteren Beigeschmack auf seiner Zunge und ein befremdliches Gefühl von Enge in seiner Brust.
      ‚…teilweise in der Annahme, dass es mich töten würde.‘
      Malleus blinzelte, als Tava ihm die Schnapsfalsche wedelnd vor die Nase hielt und ihn damit effektiv aus dem Gedanken zurückholte.
      "Ich bedauere deinen Verlust."
      Er nahm einen großen Schluck, der fürchterlich in seiner Kehle brannte und er musste unweigerlich husten. Der Nebel des Alkohols verschluckte die schrillen Alarmglocken in seinem Kopf. Er legte den Kopf in den Nacken und sog die kristallklare, kühlere Nachtluft in seine Lungen bevor die Wärme des Feuers erneut sein Gesicht küsste.
      Devon war ein Stückchen nach hinten gerutscht und wischte sich den Schweiß aus dem glühenden Gesicht. Es war der Moment, in dem der Erzählton eine andere Nuance bekam. Der Lacerta schüttelte die Erinnerung an die Vergangenheit ab und ging in die Offensive. Demonstrativ stützt Malleus das Kinn in dem weichen, warmen Leder, das seine Handinnenfläche bedeckte, ab.
      „Würdest du mir glauben, wenn ich mit Ja antworte?“, schmunzelte Malleus und erkaufte sich damit eine Chance, dass der Lacerta aus Frust über die ausweichende Antwort, das Thema einfach fallen ließ. Er wirkte augenblicklich fahrig genug dafür.
      „Also verzehrst du die Herzen der Drachen, um das fehlende Stück zu ergänzen, das deinem Volk deiner Ansicht nach fehlt?“, hakte Malleus nach, der nicht gewillt war dieses Thema fallen zu lassen. In seinen Worten lag weder Abscheu noch verurteilte er Devon dafür. Er strahlte nichts als ehrliches Interesse aus. „Du suchst nachdem fehlenden Puzzleteil, dass dich...komplettiert? Stärker macht? Du verleibst dir die Energie ein, die den Drachen ihr Leben verleiht…Menschen sind schon für weniger aufgeknüpft worden. Es gibt genug Kleingeister, die den Gedanken, sich mit göttlichen Kreaturen auf eine Stufe stellen zu wollen, als Hybris bezeichnen würden.“
      Noch immer fehlte die Anklage in Malleus‘ Stimme, aber er gehörte auch nicht zu den weisen, alten Männern, die er als Kleingeister betitelte.
      „Die Schuppen und alles…das sind die Auswirkungen, nicht wahr? Du veränderst dich.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Würdest du mir glauben, wenn ich mit Ja antworte?“
      Devon beobachtete Malleus durch die Flammen hindurch. Der Mann schien im Kontrast der hellen Flammen mit seinem Hintergrund zu verschwimmen, wie ein Schatten, der sich in die Nacht einfügte. Das gefiel Devon nicht.
      „Natürlich nicht. Dann wären es Stoffhandschuhe und kein Leder, die zusätzlichen Schutz darstellen“, schoss Devon umgehend hinterher, bevor Malleus auch nur eine Silbe eines anderen Themas hatte anschlagen können.
      Der Kultist tat es trotzdem und entlockte Devon damit einen ungehaltenen Zischlaut. Selbst in seinem trüben Zustand konnte er aus der Stimme hören, dass dort nicht dieser abwertende Tonfall mitschwang. Viele Teile dieser Geschichten hatte der Jäger höchstens eigenen Leuten mitgeteilt oder der Handvoll an Personen, die wirklich sein Vertrauen genossen. Aber nicht dieser… Kultist und die Ziege. Sie waren nur ein zusammengeworfenes Konstrukt, das in dieselbe Richtung pilgerte. Mehr nicht.
      „Erweck ich den Eindruck, als wolle ich mich auf die Stufe der Drachen stellen? Auf jene Stufe, die von den Völkern dieser Erde als Krankheit und Missgeburten bezeichnet werden?“ Da war wieder ein Teil seiner Rationalität, allerdings ging sein Gemüt ein wenig mit ihm durch und unterstrich seine Worte mit mehr Schneid, als beabsichtigt. Als Tava ihm erneut die Flasche geben wollte, verneinte er. Das war schon genug Alkohol für sein Empfinden gewesen.
      „Warum esse ich also Kristalle. Gute Frage. Vielleicht, weil ich nach dem suche, der mich wirklich am Ende tötet? Damit ich explodiere, weil der Körper die Macht nicht fassen kann? Ich bin mir sicher, dass der Kristall von Adrastus dazu in der Lage wär.“
      Sein Gesicht verzog sich und es dauerte einen Moment, damit man durch den Schattenwurf des Feuers das animalische Grinsen erkennen konnte und keine wirre Fratze. Er zog ein Bein an und deutete mit seinem Zeigefinger auf Malleus.
      „Wenn du dir die Handschuhe nicht ausgezogen hättest, könnten wir dir auch alles Mögliche als Haut darunter andichten. Hast du also schon mal einen anderen Lacerta nackt gesehen? Woher willst du wissen, dass die Schuppen und alles von den Kristallen stammen? Wir sind ein Echsenvolk, ein abgeschottetes noch dazu. Vergiss das nicht.“
      Schon wieder veränderte er ein wenig seinen Sitz. Zu dem brennenden Gefühl der Hitze gesellte sich der Juckreiz, auf den er eigentlich nur gewartet hatte. Das Hemd war nicht grob genug, um dem Herr zu werden, aber er tat, was in seiner Macht lag. Die zwei Trommeln waren mittlerweile so prominent in seinem Ohr, dass er sich deutlich mehr auf die Worte der Anderen konzentrieren musste, um ihnen zu folgen.
      Devons Blick zuckte zu Tava herüber, die gerade dabei war, Malleus die Flasche wieder anzudrehen. Im Gegensatz zu Malleus hatte er sie wesentlich besser im Blick. Ihre Hörner lockten ihn regelrecht mit dem Versprechen, unter seinem Griff nicht so leicht zu brechen, wenn er sie ein wenig härter anfassen würde. Ob sie wohl laufen würde, wenn er jetzt so auf sie zu käme? „Ich hab vorhin ganz genau gesehen, wie du mich angegafft hast, als ich den Kristall verschluckt hab. Du wolltest auch ein Stück davon, aber das wird’s nicht geben. Jetzt wartest du doch eigentlich nur auf die Gelegenheit, dass ich sterbe. Damit du etwas noch nie dagewesenes untersuchen kannst. Die bahnbrechenden Erkenntnisse der Alchemistin Tava – das klingt doch eher nach deinem Geschmack, was?“
    • Tava war, gelinde gesagt, schrecklich enttäuscht von der einzigartigen Enthüllung. In Tavas Vorstellung waren sie hier einem Geheimnis nahe, das nur dem Lacerta vorbehalten war, die in ihrer abgeschiedenen Lebensweise ein solches Geheimnis sehr gut unter sich verstecken konnten. In Tavas Vorstellung offenbarte Devon ihnen, dass es viel mehr mit dem Drachenherzen auf sich hatte, als ein schlichtes Organ zu sein. In ihrer Vorstellung verbarg sich darin das Geheimnis der Welt, der Natur, für Tava das Geheimnis der Alchemie, irgendeine Offenbarung, die ihre Welt verändern könnte. Wer kam denn auch auf die Idee, das Herz eines Drachen zu schlucken? Und wer beschäftigte sich denn nicht auch mit der Frage, warum es ihn nicht umbrachte?
      Aber es lag nur ein riesiger Zufall dahinter, kein Geheimnis, das von einer Generation an Lacerta an die nächste weitergetragen worden war. Devon hatte das Herz als Racheakt herausgeschnitten und dann aus Gier, aus Neugier, aus Besessenheit den darin enthaltenen Kristall behalten. Und dann? Dann war erst einmal viele Jahre gar nichts passiert, bis Devon in einem Versuch, das eigene Leben zu beenden, den Kristall geschluckt hatte. Wie man nur auf so eine Idee kommen konnte, war Tava gänzlich unverständlich, die einen solchen Kristall vermutlich mit ihrem Leben beschützt hätte.
      Vor allem aber erklärte es eine ganz entscheidende Frage nicht: Was bewirkte denn jetzt dieser Kristall? Was hatte es damit auf sich, dass Devon ganz eindeutig die Drachen wegen ihren Herzen jagte, um diese dann zu verspeisen? Schließlich hatte der Bergdrache in Celestia sich auch aufgelöst - das ließ immerhin nur eine einzige Schlussfolgerung zu, die die ganze Frage nur noch bekräftigte. Was hatte Devon davon, einen Kristall zu essen?
      "Aber was erzähl ich dir schon von Versuchen. Du gaffst mich immer an und ich werd das Gefühl nicht los, dass du mich irgendwann umbringst, nur um mich sezieren zu können."
      "Nein, das würde ich niemals", entgegnete sie ernst und ließ den Blick an seinem langen Oberkörper zu seinem Bauch hinab schweifen. "Ich würde nur deinen Bauch aufschneiden und sehen, was dein Magen mit dem Kristall anstellt. Danach würde ich dich wieder zumachen."
      Darauf präsentierte sie ihm auch ein breites, freches Grinsen.
      Die Flasche wanderte weiter an Malleus, der nicht gewillt zu sein schien, die Sache mit dem Kristall einfach auf sich beruhen zu lassen - genauso wenig wie Tava, die sich selbst einen Einwurf ersparte, nachdem der andere bereits die wirklich interessanten Fragen stellte. Ja, genau das wollte sie jetzt auch wissen - er suchte nach dem fehlenden Teil, das ihn komplettierte? Die Schuppen waren Auswirkungen davon? Und der Lacerta würde wohl nicht darum herum kommen, ihnen Rede und Antwort zu stehen.
      "Warum esse ich also Kristalle. Gute Frage. Vielleicht, weil ich nach dem suche, der mich wirklich am Ende tötet? Damit ich explodiere, weil der Körper die Macht nicht fassen kann? Ich bin mir sicher, dass der Kristall von Adrastus dazu in der Lage wär."
      Das war ein sehr interessanter Punkt, den Tava so nur unterschreiben könnte, weil das Herz von Adrastus sicher mächtig genug war, selbst für den an Drachenherzen gewöhnten Lacerta zu viel zu sein. Vielleicht würde es wirklich zu viel für ihn werden und wenngleich sein Magen es vielleicht verdauen könnte, würde...
      "Wenn du dir die Handschuhe nicht ausgezogen hättest, könnten wir dir auch alles Mögliche als Haut darunter andichten. Hast du also schon mal einen anderen Lacerta nackt gesehen? Woher willst du wissen, dass die Schuppen und alles von den Kristallen stammen? Wir sind ein Echsenvolk, ein abgeschottetes noch dazu. Vergiss das nicht."
      Moment - er tat es doch schon wieder, nicht wahr? Er wechselte schon wieder das Thema, er wich den Fragen schon wieder aus und das mit der gleichen Schnelligkeit, die er auch bei der Jagd an den Tag legte. Tavas Miene verfinsterte sich gleich; jetzt war schon die wesentliche Frage gestellt worden und der Lacerta hatte es doch irgendwie auf die Reihe gebracht, ihr aus dem Weg zu gehen. Aber so leicht sollte er ihr nicht davon kommen.
      "Ich hab vorhin ganz genau gesehen, wie du mich angegafft hast, als ich den Kristall verschluckt hab", richtete er das Wort an Tava direkt, die mit zusammengekniffenen Augen zurückstarrte. "Du wolltest auch ein Stück davon, aber das wird’s nicht geben. Jetzt wartest du doch eigentlich nur auf die Gelegenheit, dass ich sterbe. Damit du etwas noch nie dagewesenes untersuchen kannst. Die bahnbrechenden Erkenntnisse der Alchemistin Tava – das klingt doch eher nach deinem Geschmack, was?"
      "Du hast doch keine Ahnung, was mein Geschmack ist", gab sie schnippisch zurück und neigte rein instinktiv die Hörner in seine Richtung. "Um Die bahnbrechenden Erkenntnisse der Alchemistin Tava veröffentlichen zu können, muss ich sie auch erstmal erhalten. Und du", sie deutete anklagend mit dem Finger auf ihn, "wirst sie mir endlich gewähren. Keine Spielchen mehr und auch keine Ausflüchte. Du redest die ganze Zeit um den heißen Brei und versuchst damit abzulenken, dass er seine tollen Feuer-Glyphen verstecken will." Malleus bekam einen Blick ab. "Du bestätigst nicht, dass die Schuppen vom Kristall kommen, du streitest es aber auch nicht ab. Du sagst, du willst dich nicht auf eine Stufe mit den Drachen stellen, aber gleichzeitig isst du ihr Herz, was dir irgendetwas einbringt, was die Drachen auch haben müssen. Wenn du es uns nicht sagen willst, dann wundere dich nicht, wenn ich in der Nacht den Kristall aus dir herausbrenne."
      Sie hielt ihre Flasche an ihrem Körper fest.
      "Und bis du es uns nicht gesagt hast, bekommst du keinen Schnaps mehr - nie wieder! Also raus mit der Sprache: Warum isst du Kristalle? Was hast du davon? Und keine Ausflüchte!"
    • „Nein, das würde ich niemals.“
      Bei jedem anderen hätte Devon diese Aussage wohl geglaubt. Jeder andere hätte die Option, ihn anzugreifen, auch niemals in Erwägung gezogen. Aber Tava... Tja, Tava war eine ganz andere Nummer. Unberechenbar, nicht vorausschauend, impulsiv... Als müsste sie das auch noch unterstreichen, ließ sie ihren Blick von seinem Gesicht abwärts über seine Brust und Bauch gleiten. Ganz bestimmt nicht wollte Devon ausschließlich auf diesen Blick allein schon reagieren, aber Kristall und Alkohol entfalteten eine ganz eigene Dynamik. Er atmete tief und langsam ein, doch es war nur das Feuer, das er roch. Dennoch drifteten seine Gedanken woanders hin ab, bis Tava ihn selbst wieder auf den Boden zurückholte.
      „Ich würde nur deinen Bauch aufschneiden und sehen, was dein Magen mit dem Kristall anstellt. Danach würde ich dich wieder zumachen.“
      Devon verlor für einen Augenblick die Fassung. Er bewegte sich so schnell nach vorn, dass ich selbst zu spät auffiel, dass er sich fast schon durch das Feuer hindurch auf die Cervidia geworfen hätte. Er machte ein klickendes Geräusch, als er kurz hüstelte und sich wieder nach hinten lehnte, weg von dem Feuer und weg von Tava.
      „Ich weiß nicht, was dein Geschmack ist?“ Devon zeigte das erste Mal etwas, das annähernd an ein zweideutiges Lächeln erinnerte. „Ich glaube, du fändest es richtig toll, wenn du mal flachgelegt werden würdest.“ Er redete einfach über Tava hinweg, die ihren Finger auf ihn gerichtet hatte und plötzlich über andere, interessante Dinge sprach. „Warte. Das sind Feuer-Glyphen?“
      Die Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf den Menschen in ihrem Kreise, und das mit einer Intensität, die er eigentlich gerade für Tava übrig gehabt hatte. Von solchen Glyphen hatte er auf seiner Reise lediglich mal gehört. Es seien Fanatiker gewesen, die nicht nur Gegenstände, sondern auch die Haut von Menschen als Leinwände für diese Zeichen missbrauchten. Dann war das kein Gerücht und die Fanatiker hatten Malleus in ihrer Gewalt gehabt. Wie kam es, dass der Mann dabei unversehrt... Nein. Malleus war nicht unversehrt. Daher rührten unter anderem wohl die Handschuhe und auch die Art, warum er lieber auf Distanz blieb.
      Im Hintergrund faselte Tava einfach weiter und schien sich immer weiter zu echauffieren, je weniger Devon ihr Beachtung schenkte. Jedenfalls, bis sie fataler Weise die zweite Drohung innerhalb zwei Minuten aussprach.
      „Wenn du es uns nicht sagen willst, dann wundere dich nicht, wenn ich in der Nacht den Kristall aus dir heraus brenne.“
      Gott, diese Trommeln waren einfach so laut... Devon schwenkte einmal den Kopf in der Hoffnung, dass es aufhörte, doch das tat es nicht. „Ah.... Du bist dir also sicher, dass ich nicht auch feuerfest bin, hm?“
      Er hätte den Schnaps besser nicht angefasst. Seine übliche Beherrschung war ihm entglitten, als er sich aufrappelte und Tava über das Feuer hinweg musterte. Gemächlich schlenderte er um das Feuer herum, mit jedem Schritt der Cervidia ein bisschen näher. „Weißt du, Informationen haben in der Regel einen Preis, wenn Fremde sie haben wollen.“ Dass er dabei unwissentlich genau Malleus' Metier traf, beachtete er nicht. „Traust du dir echt zu, mich in der Nacht zu überfallen? Ich kann dir schon mal versichern, dass meine Sicht besser sein wird als deine.“
      Er hielt vor ihr an, bevor er sich ebenso langsam in die Hocke begab. Noch immer war er größer als sie, seine ganze Gestalt deckte ihre mit Leichtigkeit ab. Seine Stimme wurde leiser und beachtlich samtig, bedachte man die Worte, die er sprach: „Vielleicht esse ich die Kristalle, weil ich ja doch ein Monster bin? Vielleicht verehre ich die Drachen doch? Oder ich esse sie, weil ich denke, dass das der Weg ist zu beweisen, dass unsere Art besser ist als die Wesen, mit denen wir verglichen werden. Spürst du nicht, dass sich etwas verändert hat, seitdem ich den Kristall geschluckt hab?“
      Er legte den Kopf etwas schief und musterte das hübsche Gesicht der Cervidia. Wenn sie nicht so unberechenbar und vorlaut wäre, hätte sie bestimmt eine gute Beute abgegeben. Jetzt aber besah er sich sie mit einem anderen Licht, als ihm aufging, dass die eine Trommel sich plötzlich beschleunigt hatte und er begriff, dass er die Herzschläge von Malleus und Tava hören konnte. Er konnte, verdammt nochmal, ihre Herzschläge hören.
      „Traust du dich dafür zu bezahlen, damit du sehen kannst, was der Kristall mit meinem Körper anstellt? Oder eher nicht?“, fragte er mit einem dunklen Unterton, bei dem er wusste, dass er den meisten Damen direkt bis ins Mark ging, und hielt zeitgleich eine Hand geöffnet, falls Tava ihm die Flasche lieber zurückgeben wollte.
    • Devons Bewegung war schnell genug, dass Tava sie nur als reinen Schemen wahrnehmen konnte - aber sie war da, ein ganzkörperliches Zucken, mit dem er sich schneller voranbewegt hätte, als Tava schauen konnte. Einzig und allein die Tatsache, dass er aus irgendeinem Grund doch am Platz blieb, ersparte Tava den albtraumhaften Anblick des riesigen Lacertas und wie er auf sie zugesprungen kam.
      Denn albtraumhaft war es wirklich, dieser eine, kurze Moment, bei dem Tavas sämtliche Alarmglocken schrillten und sie mit einem Ruck nach hinten zuckte, während ihre Hörner nach vorne gingen. Ihr Puls schoss in die Höhe und sie sah sich schon unter dem Lacerta begraben, noch ehe sie sich ganz aufgerichtet hätte. Das war nun wirklich nichts, was Tava provozieren wollte.
      Doch dann war es auch schon wieder vorbei und als wäre nichts gewesen, richtete sich Devon wieder auf. Tava tat es ihm gleich, aber von ihr bekam er nur noch die Hörner zu sehen.
      "Ich glaube, du fändest es richtig toll, wenn du mal flachgelegt werden würdest."
      "WAS?!"
      Mit einem Schlag war es vorbei mit dem albtraumhaften Lacerta, jetzt war es Tava, die aufsprang, und das ganz. Diesmal präsentierte sie ihm auch nicht nur ihre Hörner, diesmal nahm sie regelrecht eine geduckte Haltung ein, stellte einen Fuß zurück und verschaffte sich einen festen Stand. Sie wusste, dass es eine fatale Idee wäre, den Lacerta mit ihren Hörnern rammen, aber was hatte er da gesagt?!
      "Untersteh dich, sowas zu mir zu sagen, Rieseneidechse! Oder willst du herausfinden, wie ich dich höchstpersönlich flachlegen kann?!"
      Die ungünstige Wortwahl fiel ihr dabei gar nicht auf. Vor ihrem inneren Auge kalkulierte sie wirklich, wo sie den Mann am besten treffen konnte, um ihn wie einen Baum zu fällen. Tava hätte es gemacht, Tava hätte es wirklich getan.
      Nur ging sie mit ihrer weiteren Provokation vermutlich zu weit. Devon hatte unlängst die Aufmerksamkeit wieder auf Malleus gelenkt, was wie ein Friedensangebot wirkte, eine letzte Chance für Tava, nicht weiter darauf einzugehen, aber bei dem Feuer in ihrem Inneren, hatte sie natürlich nicht darauf geachtet. Diese schmalen, selbst für den Lacerta viel zu engen Pupillen richteten sich wieder auf Tava, die ihn unter ihren Hörnern hervor anfunkelte. Ein kalter Schauer durchfuhr sie bei dem Blick, der sie fixierte.
      "Ah.... Du bist dir also sicher, dass ich nicht auch feuerfest bin, hm?"
      In normaler Geschwindigkeit stand Devon auf und in genauso normaler Geschwindigkeit kam er auch um das Feuer herum und auf Tava zu. Die hielt ihre Stellung, doch je näher er kam, je sicherer es wurde, dass er wirklich auf sie zuhielt, desto unsicherer wurde sie sich in ihrer Position. Nicht etwa wegen dem Lacerta selbst - Tava konnte noch nicht einmal ein Drache verunsichern - sondern die Erinnerung daran, wie er sie bei den Hörnern gepackt und hochgehoben hatte. Sie hatte es noch immer nicht vergessen können und jetzt stahl sich die Verunsicherung bis in ihre Knochen hinab.
      Gemächlich kam er näher. Tava schlich unauffällig ein paar Schritte nach hinten weg.
      "Traust du dir echt zu, mich in der Nacht zu überfallen? Ich kann dir schon mal versichern, dass meine Sicht besser sein wird als deine."
      So ernst hatte Tava das gar nicht gemeint, aber jetzt fühlte sie sich irgendwie dazu verpflichtet, zu ihrem Wort zu stehen.
      "Irgendwann musst auch du schlafen, da bringt dir deine Sicht gar nichts."
      Er kam näher und weil Tava nicht endlos zurückweichen konnte, bis es nicht auffallen würde, blieb er irgendwann vor ihr stehen. Sie duckte sich noch tiefer, starrte lieber auf seine Hände, wartete auf eine Bewegung darin. Wenn er wieder nach ihren Hörnern greifen würde - diesmal wäre Tava vorbereitet. Diesmal würde sie ihm die Hand beim Versuch brechen.
      "Vielleicht esse ich die Kristalle, weil ich ja doch ein Monster bin? Vielleicht verehre ich die Drachen doch? Oder ich esse sie, weil ich denke, dass das der Weg ist zu beweisen, dass unsere Art besser ist als die Wesen, mit denen wir verglichen werden. Spürst du nicht, dass sich etwas verändert hat, seitdem ich den Kristall geschluckt hab?"
      Seine Stimme war abartig ruhig, gefasst. Er brachte sie damit tatsächlich dazu, Devon zumindest ein wenig genauer zu betrachten.
      Ja, natürlich waren auch ihr die Feinheiten in seinem Verhalten aufgefallen, wie er nicht mehr so dicht am Feuer saß, wie unnormal seine Augen wirkten, wie er sich ständig ins Gesicht gefasst hatte. Aber das alles hatte keinen Mehrwert; wenn Tava nicht wusste, was der Kristall ihm brachte, was sollte sie dann mit den Symptomen anfangen?
      Devon legte den Kopf leicht schief und Tava tat es ihm sofort gleich, eine rein instinktive Sache. Die Flasche presste sie sich dabei an den Bauch, als könne sie sie irgendwie vor dem Lacerta retten.
      "Traust du dich dafür zu bezahlen, damit du sehen kannst, was der Kristall mit meinem Körper anstellt? Oder eher nicht?"
      Die dunkle Stimme drang ihr bis in die Knochen herab, ein Prickeln, bei dem sich ihre Nackenhaare aufstellten. Tava mochte das nicht. Tava mochte nicht, dass sie das Gefühl bekam, lieber die Hörner ein Stück zu heben, anstatt sie noch weiter zu senken. Sie mochte nicht, dass sie gewillt dazu war, ihm diese verfluchte Flasche in die offene Hand zu geben.
      Sie könnte sie ihm brechen. Auf die Entfernung schätzte sie ihre Chancen gut, dass sie ihm die Hand brechen könnte. Zwar war Devon unfassbar schnell und wendig, aber er war auch nur ein Lacerta; mit dem richtigen Glück könnte sie ihre Hörner nach vorne stoßen, noch bevor er richtig reagiert hätte. Vielleicht könnte sie ihm nicht die ganze Hand brechen, aber zumindest die Finger.
      ... Aber dann? Was dann? Riskieren, dass er mit der anderen, gesunden Hand ihre Hörner ergriff? Dass er sie noch umschmeißen würde? Nie im Leben. Tava war vielleicht ein Hitzkopf, aber ein Dummkopf war sie nicht.
      Wortlos starrte sie seine Hand an - dann rammte sie unvermittelt doch nach vorne. Aber Devon war nicht ihr Ziel; es war das Feuer, das versetzt hinter ihm lag, in das sie sich regelrecht hinein warf und auf der anderen Seite Funken regnend wieder heraus brach. Die temporär glühende Hitze machte ihr nichts aus, viel zu sehr war sie auf die Präsenz in ihrem Rücken konzentriert. Sie spürte schon die Phantomfinger von Devon, wie er ihre Hörner, ihre Schulter, ihr Gewand zu packen bekam, aber sie schaffte es zur anderen Seite, vom Feuer gänzlich unberührt, und rauschte schlitternd an Malleus vorbei. Erst hinter dem Mann, der nun zwischen Devon und Tava stand, kam sie zum Stehen und wirbelte herum, darauf gefasst, den Lacerta auf sich zuspringen zu sehen. Aber Malleus war im Weg und Tava nutzte ihn schamlos als menschliches Schutzschild, um sich hinter ihm wieder zu ducken und Devon die Hörner zu zeigen.
      "Vergiss es!"
      Unwirsch drückte sie Malleus die Flasche in die Hand.
      "Du kannst für nichts zahlen, was du uns schuldig bist! Wir haben dir bei zwei Drachen geholfen, wir haben ein Recht darauf, dein tolles Geheimnis zu erfahren!"
    • Das Letzte, das Malleus sah, bevor er schützend den Arm vor das Gesicht riss um dem glühenden Funkenregen zu entgehen, war eine panische Cervidia, die sich geradewegs in die Flammen warf. Hitze schlug ihm entgegen, als das Feuer kurzzeitig hoch in den Nachthimmel stob als wollte es Tava mit Haut und Haaren verschlingen. Der vertraute Gestank von geschwärztem Fleisch und verkohlten Haaren blieb jedoch aus. Stattdessen spürte Malleus eine hektische Bewegung unmittelbar neben sich. Tava zischte flink an ihm vorbei und zog dabei die letzten Überbleibsel des Funkenregens hinter sich her. Die schrillen und aufgebrachten Worte der Cervidia klingelten regelrecht in seinen Ohren und er musste den Hals nicht verrenken um zu wissen, dass sich Tava in seinem Rücken versteckte. Unter anderem Umständen hätte es Malleus mit tiefster Zufriedenheit erfüllt, dass Tava ihm genug zugetan war, um Schutz in seiner Präsenz zu suchen. Allerdings beschlich ihn gerade das ungute Gefühl, dass diese Wahl wenig mit Vertrauen gemein hatte. Tava benutzte ihn ohne Gewissensbisse als lebendiges Schutzschild um die gewaltige Brandung abzufangen, die sich in Form eines sehr erregten und sehr bedrohlichen Lacerta näherte.
      „Sei still!“, zischte er über die Schulter zu Tava. Die pure Autorität vibrierte unnachgiebig in den wenigen Worten. Aus den versteinerten Gesichtszügen war das amüsierte Schmunzeln, der Hauch von Charme und Freundlichkeit, lange verschwunden.
      Devon starte Tava mit durchdringendem Blick an und ähnelte damit einem ausgehungerten Jäger, der seine erwählte Beute fixierte. Malleus hatte die Bedrohung binnen weniger Augenblicke erfasst und das Bedauern und die Verärgerung über das missglückte Gespräch rückte schlagartig in den Hintergrund. Er konnte sich später, wenn der Schlaf auf sich warten ließ, mit den Details auseinandersetzen und die Silben in ihre Einzelteile zerlegen. Ein ähnliches Verhalten hatte er bereits in wesentlich subtilerer Form in Celestia beobachten dürfen, doch da hatte ein für Malleus bisher unbekannter Faktor einen Sinneswandel bei Devon bewirkt. Dieses Mal würde ihnen der glückliche Zufall nicht in die Karten spielen.
      Bedächtig verlagerte Malleus sein Gewicht. Erst zog er ein Bein dann das zweite Bein unter den Körper bis er sich langsam in die Hocke drücken konnte. Mit dem gleichen Maß an Ruhe erhob sich der Kultist und ließ dabei Devon keine Sekunde aus den Augen. Vor seinem inneren Auge spielten sich die verschiedensten Ausgänge dieses Szenarios ab, doch Malleus hatte nicht genügend Zeit um seine Möglichkeiten eingehender abzuwägen. Über die lodernden Flammen hinweg sah er zu wie Devon bereits sich zielstrebig in Bewegung setzte. Malleus‘ Atmung beschleunigte sich, als er sich für die unvermeidliche Variante entschied, die allein in der Theorie seiner Gedanken ein nicht unerhebliches Unbehagen in ihm auslöste. Er erlaubte sich genau drei tiefe Atemzüge um das lästige Gefühl aufkeimender Übelkeit aus seinem Leib zu verbannen und stellte sich Devon in den Weg.
      „Es reicht, Devon.“
      Seine Stimme, eisig und hart wie der kalte Stahl einer Klinge, schnitt durch die erhitzte Atmosphäre. Als Devon sich davon nicht beeindrucken ließ, ging Malleus einen gewagten Schritt weiter. Er hatte nicht genügend Zeit gehabt, sich auf die Intensität dieses Manövers vorzubereiten und seinen Geist zu stählen, aber ihm drohte die Kontrolle über die Situation komplett zu entgleiten. Seine Finger zuckten. Zum zweiten Mal an diesem Tag ging Malleus ein Risiko ein und reizte damit sein Glück vollständig aus.
      Malleus‘ Hand drückte sich flach gegen Devons Brust.
      Für den Bruchteil einer Sekunde zentrierte sich seine gesamte Wahrnehmung auf den stockenden Atemzug, der das kräftige Brustbein gegen seine Handfläche drückte. Devon trat überrumpelt einen Schritt zurück und Malleus‘ Herzschlag setzte beinahe euphorisch im Angesicht des schnellen Triumphes über die niederen Instinkte des Lacerta aus...bis ein urplötzlicher Schmerz ihm den Boden unter seinen Füßen wegzog.
      Ein gezielter Tritt in die Kniekehlen brachte Malleus zu Fall, der hart auf dem Rücken landete. Der Aufprall presste ihm sämtliche Luft aus den Lungen, was sein Verstand instinktiv mit einem Impuls reinster Panik flutete. Erst als er endlich nach Luft schnappen konnte, verschwanden die tanzenden Sterne vor seinen Augen. Statt des Nachthimmels erblickte Malleus den Lacerta unmittelbar über sich. Da wurde er sich des Gewichts, das seinen Körper zu Boden drückte, bewusst.
      Haltet ihn fest!
      Er spürte die Hände, die sich in Höhe der unteren Rippenbögen in sein Hemd bohrten, und die Schwere auf Beinen und Hüften, die es völlig unmöglich machte, sich zu bewegen.
      Hör auf zu zappeln!
      Das beklemmende Gefühl der Hilflosigkeit schnürte ihm die Kehle zu. Er drohte erneut zu ersticken. Die ganze Welt schrumpfte auf diesen winzigen, scheinbar unbedeutenden Augenblick zusammen, in dem Malleus mit weit aufgerissenen Augen in Devons verblüfftes Gesicht sah...und doch durch ihn hindurch.
      Es ist gleich vorbei...
      Seine Atmung wurde zu flach, zu schnell.
      Er bekam keine Luft.
      Haltet ihn fest, verdammt nochmal, er ist nur ein Junge!
      Zuerst stieg ihm der Gestank von verbrannter Haut in die Nase, dann kam die gleißende Hitze, die ihn wie eine Welle überrollte und die Welt vor seinen Augen mit einem glühenden Schleier überzog. Das Herz in seiner Brust verlor jeglichen Rhythmus und stolperte mit viel zu hartem Pochen seiner viel zu schnellen Atmung hinterher. Devon war längst aus seinem Blickfeld verschwunden und Malleus starrte in die verzerrten Fratzen aus seinen Albräumen. Er hatte den Ort am Lagerfeuer verlassen und war in die Hallen aus Stein, die kein Sonnenstrahl berührte, zurückgekehrt. Es zischte und brannte überall auf seiner Haut, als hätte ihn jemand in die Flammen geworfen. Das Bedürfnis sich die glühende Haut vom Körper zu schälen, pochte hinter seiner Stirn. Er begann sich gegen die unzähligen Hände zu wehren, die seinen schmächtigen Leib auf kalten, harten Stein drückten. Weißglühender und heißer Stahl schwebte vor seinem Gesicht und sein Brustkorb bäumte sich mit letzter Kraft auf.
      Es ist gleich vorbei...
      NEIN.
      In einem puren Akt der Verzweiflung riss Malleus den verborgenen Dolch aus dem Versteck an seinem linken Unterarm. Silbriger Stahl glühte im Feuerschein und das unverkennbaren Sirren kalten Metalls ging beinahe im Knistern und Prasseln der Flammen unter. Eine wahnwitzige Leichtigkeit erfüllte seinen Verstand, als der Anblick der scharfen Klinge, die albtraumhaften und flirrenden Schemen zurücktrieben. Malleus nutzt die Chance und befreite sein Bein, hakte es in die ungeschützte Kniekehle und warf den Körper, der ihm die Luft zum Atmen raubte, herum.
      "Du bist tot. Also warum kannst du mich nicht in Frieden lassen...?"
      Eine abartige Befriedung erfüllte Malleus während er über dem anderen Mann thronte, das Adrenalin seine Adern flutete und er die schimmernde Klinge seines Dolches an der entblösten Kehle betrachtete. Obwohl sein gesamter Körper unter Spannung wie zu Stein erstarrt war, zitterten seine Finger um den Griff der Waffe.
      Tu, was man dir sagt, Malleus.
      "Nein. Du bist tot. Du kannst mir keine Befehle mehr erteilen", murmelte Malleus geistesabwesend.
      Mach dich nicht lächerlich, Junge. Sieh dir deinen Arm an.
      Malleus' Blick driftete zu seinem Unterarm. Den Ärmel seines Hemdes hatte er bei dem ruppigen Mannöver wohl zerschnitten, denn der leinenfarbene Stoff klaffte weit zu beiden Seiten auf. Seine Pupillen kontraktierten unstet, als in das aufgerissene Maul eines stilisierten Drachen starrte. Die kreisförmige Brandnarbe war nicht größer als eine gewöhnliche Goldmünze und trug die das sehr vereinfachte Profil eines Drachenschädels. Malleus' Hand begann stärker zu zittern, als das Brandzeichen direkt vor seinen Augen zu glühen begann. Sein ganzer Arm flammte auf, denn er war über und über mit diesem verdammten Symbol übersät.
      Spürst du das?
      "Halt den Mund..."
      Der Schmerz wird dich reinigen.
      "Sei still. Du bist tot. Ihr seid alle schon seit langer Zeit tot...."
      Malleus übte ein wenig mehr Druck aus bis er die pulsiernde Halsschlagader unter der Klinge deutlich sehen konnte.
      Es ist gleich vorbei...
      "Sei still, bitte..."
      Ein winziger Schnitt und wäre vorbei. Mehr brauchte es nicht um ein Leben zu beenden, doch etwas hielt Malleus davon ab. Der Körper unter ihm rührte sich nicht. Die Hände, die ihn gepackt hatten, waren fort und er nahm die weit zu beiden Seiten ausgestreckten Arme wahr.
      Der Mann, der seine Dämonen nicht abschütteln konnte, wurde ganz ruhig und ein gedämpftes Lachen erklang direkt an seinem linken Ohr.
      Guter Junge.
      "ICH SAGTE: HALT DEN MUND!"
      Malleus fühlte wie Zorn und dieses widerwärtige Hilflosigkeit neu aufloderten.
      Nie wieder.
      "Nie wieder. Nie wieder. Nie wieder..."
      Ein erster Blutstropfen perlte über silberschimmernde Schneide.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava behauptete, ein RECHT darauf zu haben, es zu erfahren? Weil sie ihm bei EINEM Drachen geholfen hatte? Devon hätte es mit einem Lachen abgetan, aber dafür musterte er gerade keinen Ton. Seine Aufmerksamkeit war der Cervidia gefolgt, die durch das Feuer sprang, um ihm zu entrinnen. Zuerst hatte sie ihm die Stirn bieten wollen und hatte dann die Flucht ergriffen.
      Es war eine Einladung. Ein wortloses Versprechen, was er genau in ihren Augen gesehen hatte, als er nach der Bezahlung fragte.
      Im Gegensatz zu Tava sprang Devon nicht durch das Feuer, sondern pirschte um es herum. Alkohol und Kristall ließen ihn verstärkt instinktiv gesteuert handeln, weshalb er dafür sogar Malleus aus dem Weg räumen würde, wenn er sich ihm in den Weg stellen würde. Die kleine Trommel, die Tavas Herzschlag darstellte, überschlug sich, war sprunghaft angestiegen und Devon war sich sicher, dass er die Bestätigung seiner Gedanken an ihr hätte schmecken können.
      Die zweite Trommel nahm an Fahrt auf und bekam einen gestressten Unterton. Nur kurz glitt Devons Blick zu Malleus, der sich wieder ein Bollwerk zwischen Tava und ihm aufzubauen versuchte. Doch der Jäger wusste, dass ihm dieser Mensch kein Hindernis sein würde, wenn er es denn so wollte. Dafür reichte Malleus‘ Kraft schlichtweg nicht aus.
      „Es reicht, Devon.“
      Von einem manipulativen Menschen würde sich Devon nie etwas sagen lassen, erst recht nicht jetzt. Nicht, wenn hinter ihm eine Frau stand, die geradewegs eine Einladung ausgesprochen hatte. Dass Tava dabei gar nicht wusste, was sie mit ihrer Handlung in der Sprache der Lacerta gerade getan hatte, bedachte er nicht. Für ihn zählte es jetzt, die Frau in die Hände zu bekommen.
      Da drückte sich auf einmal eine Hand gegen seine steinharte Brust und Devons Fokus auf Tava brach. Er senkte das Kinn, sah die Hand und folgte dem Arm bis hin zu Malleus. Malleus, der freiwillig niemanden von ihnen selbst mit Handschuhen berührte, presste die Hand an Devons Brust. Malleus, der ganz offensichtlich einen guten Grund hatte, niemanden anfassen zu wollen.
      Devon wich einen Schritt zurück rein aus Respekt, aber das war nur sein Verstand, der diesen einen Schritt gewährte. Sein Körper und seine Instinkte werteten diese Berührung als Angriff und leiteten den Gegenangriff ein. Zu schnell für seinen eigenen vernebelten Zustand zwang er Malleus mit dem Rücken auf den Boden, indem er ihm mit seinen Fuß in die Kniekehlen trat. Der massige Körper des Lacerta folgte, baute sich über dem kleineren Menschen wie eine Bastion auf und nagelte ihn auf dem harten Erdboden fest.
      Was Devon erwartete, war ein Gesicht, voll von Verabscheuung und Zorn. Seine Hand drückte sich in den Stoff von Malleus‘ Hemd, seine Finger erfühlten die Knochen der Rippen. Fast hätte er noch fester zugedrückt, um seine Stellung zu verdeutlichen, doch dann besah er sich den Ausdruck auf Malleus‘ Gesicht noch einmal. Selbst durch seine triebgesteuerte Handlung hindurch erkannte er die Angst und die Panik, die im Gesicht des Menschen stand. Er nahm die Ausläufer der Pheromone wahr, die Malleus ausschwitzte und alles nur, weil Devon ihn mit Leichtigkeit zu Boden gerungen hatte. Unter dem Lacerta spielte sich ein völlig neues Drama ab, als Malleus‘ Brust ihm den Dienst verweigerte. Ruckartig entspannte sich Devons Hand an seinem Torso, mit seiner anderen Hand hob er sich ein Stück vom Mann unter ihm weg.
      Was zur Hölle veranstaltete er gerade hier?!
      Devon bemerkte zu spät, wie Malleus auf Notwehr der ganz niederen Art zurückgriff. Aus dem Augenwinkel sah der Jäger das Blitzen von Metall, aber sein Gewicht war zu ungünstig für eine Gegenwehr verteilt. Malleus bekam einen Fuß unter Devons Kniekehle geharkt und rollte mit ihm herum, weg vom Feuer und von Tava, und tauschte effektiv die Rollen. Unwillkürlich musste Devon an die Proben aus seiner Jugend denken. An die Tage, wo er sich mit Gleichaltrigen gemessen hatte, um die Ordnung festzulegen. Sie kämpften dabei ohne Waffen und nur mit ihrem Körper, weshalb Devon immer wieder einen Gegenversuch gestartet hätte. Doch Malleus setzte einen Dolch ein, wie der Lacerta feststellen musste. Und das verschob das Gleichgewicht massiv.
      Devons Arme kamen weit ausgestreckt auf dem Boden zum Liegen. Sein gesamter Körper verlor die Spannung, als Malleus ihm die Schneide seines Dolches an die Kehle hielt und plötzlich anfing, wirres Zeug zu reden. Die geschlitzten Augen folgten dem Blick des Kultisten, als jener zu seinem Unterarm schielte. Regungslos besah sich Devon die Stelle, die ein rundes und stilisiertes Brandmal zeigte, anders als die Runen, die seine Hände zierten. Das hielt der Mann also unter den zahlreichen Schichten an Kleidungen versteckt.
      „Sei still. Du bist tot. Ihr seid alle schon seit langer Zeit tot …“
      Devon wagte nur flache Atemzüge. Es schwindelte ihm ebenfalls, doch noch schwieg er und ersparte sich jeglichen Wortes. Malleus durchlebte einen Flashback, ausgelöst durch Devons Behandlung. Es war nicht der Angriff per se gewesen. Es war der Fakt, dass er ihn festgehalten hatte.
      „Nie wieder. Nie wieder. Nie wieder …“, begann Malleus gar in Trance zu wiederholen.
      Devons Finger der rechten Hand gruben sich in den erdigen Boden, als Malleus mehr Druck auf seinen Dolch ausübte und er spürte, wie sich scharfer Schmerz am Rande seines Bewusstseins meldete und langsam an Intensität zunahm. Doch seine gesamte Aufmerksamkeit lag auf dem Mann, der nun über ihm aufragte und jede einzelne Zelle in Devons Körper zum Kreischen brachte.
      „Steh auf“, sagte er leise und mit möglichst wenigen Bewegungen. „Steh auf und geh. Ich kann dich nicht halten.“
    • “Sei still!”, fuhr Malleus Tava unerwartet an und die gehorchte schlagartig, ohne weiter darüber nachzudenken. Trotzdem duckte sie sich weiter in den Schatten des Mannes, denn dort würde sie zumindest erst mit ihren Hörnern auf Devon stoßen. Was dabei mit Malleus wäre… nun, der Mann konnte selbst auf sich aufpassen.
      Aber ganz anscheinend hatte er nicht vor, es überhaupt so weit kommen zu lassen. Mit bestimmten Schritten trat er dem Lacerta in den Weg und mit noch einem viel bestimmteren “Es reicht, Devon” brachte er ihn auch zum Einhalten - oder zumindest dachte das Tava, die bei der schneidenden Stimme sogleich das Bedürfnis verspürte, selbst zu gehorchen, um nicht Malleus’ Zorn auf sich zu ziehen. Denn wenngleich der Kultist harmloserer schien als etwa der Lacerta, hatte sie doch das Gefühl, dass seine Wut besonders schlimm aussehen könnte. Und Tava wollte definitiv nicht der Empfänger dieser Wut zu sein.
      Aber Devon war das wohl egal. Er kam weiter auf sie zu gepirscht, den starren Blick auf Tava gerichtet, die Pupillen wieder ein wenig geweitet, so als sei er auf der Jagd. Tava war sogar überzeugt davon, dass er auf der Jagd war, und das Gefühl, die Beute zu sein, setzte sich als leise Panik in ihrem Unterbewusstsein ab. In diesem Moment war sie überzeugt davon, den Lacerta zu rammen, bevor sie sich noch kampflos ergeben würde.
      Doch dazu sollte es gar nicht erst kommen, denn eine viel merkwürdigere Situation überrumpelte sie alle regelrecht. Malleus trat noch einen Schritt vor und legte dem Lacerta bestimmt die Hand auf die Brust. Das alleine war wohl noch nicht allzu merkwürdig, nur eine Berührung, die seine Worte unterstreichen sollte, aber alles, was dem folgte, schien gänzlich außer Kontrolle zu geraten. Zuerst war es nur Devon, der nur einen Schritt zurückwich und damit der Hand wieder entglitt. Sein starrer Blick hatte sich von der Cervidia gelöst und war nun auf den Menschen übergesprungen, seine Pupillen wieder ein Stück größer, nachdem seine neue Beute so nah war. Damit hätte eigentlich schon wieder alles gelöst sein können. Alles wieder in Ordnung.
      Aber nichts war gelöst, als er im nächsten Augenblick nach vorne trat, gezielt und so schnell, dass es nicht einmal Tava hatte sehen können, die weiter entfernt stand und seinen ganzen Körper im Blick hatte. Binnen einer Sekunde lag Malleus auf dem Boden und Devon saß auf ihm.
      Hey!
      Sie rechnete schon fest damit, dass Devon seine Position ausnutzen und Malleus den Garaus machen würde, wenn schon nicht mit einer Waffe, dann doch zumindest mit seinen Fäusten, aber wieder hatte sie sich geirrt. Wieder geschah etwas völlig unvorhersehbares, als Devon einfach nur den Mann anstarrte und sich gar nicht rührte.
      Diesmal konnte Tava ganz genau sehen, wie Malleus dafür reagierte, aber sie verspürte keinen besonderen Drang, den Lacerta zu warnen. Das hatte er sich wohl selbst eingebrockt mit was-auch-immer er hier gerade betrieb. Sie hielt es nur für gerecht, dass er seine eigene Waffen gegen sich zu spüren bekam.
      Womit sie nicht rechnete, war der plötzlich aufgetauchte, verzerrte Ausdruck in Malleus’ Gesicht, als er sich den oberen Platz erkämpfte. Auch seine Pupillen waren geweitet, aber aus einem anderen Grund. Seine Brust hob und senkte sich in schnellen Zügen, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen. Doch seine Atemzüge waren abgehackt, nicht vollständig. Woher kam das denn nun so plötzlich?
      “Du bist tot. Also warum kannst du mich nicht in Frieden lassen...?”
      Tava verstand nichts. Sie konnte aber einen Irren erkennen, wenn sie ihn sah, und Malleus - Malleus war völlig hinüber. Irgendwas hatte dazu geführt, dass sein Gehirn einen völligen Kurzschluss erlitten hatte.
      “Nein. Du bist tot. Du kannst mir keine Befehle mehr erteilen.”
      Devon war selbst wie zu Stein erstarrt. Das konnte durchaus an dem scharfen Messer liegen, das an seine Kehle gedrückt wurde, vielleicht war es aber auch dieselbe Art von Schockstarre, die Tava gerade fest im Griff hatte. Sie begriff einfach nicht was los war, sie sah nur, dass Malleus völlig übergeschnappt zu sein schien.
      “ICH SAGTE: HALT DEN MUND!”
      Tava zuckte in der festen Erwartung, gleich Blut spritzen zu sehen. Läge sie dort unten, hätte sie damit womöglich ihr eigenes Schicksal besiegelt; nicht so wie Devon, der davon beinah gänzlich unberührt blieb. Aber auch nur beinahe.
      “Steh auf und geh. Ich kann dich nicht halten.”
      Vielleicht waren jetzt beide übergeschnappt, das würde Tava nicht abstreiten wollen. Aber sie konnte doch sehen, dass Malleus sich kein Stück rührte. Viel mehr noch, er schien noch nicht einmal Devons Worte richtig mitgekriegt zu haben. Sein Blick lag auf Devon, aber gleichzeitig schien er etwas ganz anderes anzustarren. Das Messer an Devons Hals zitterte.
      Tava machte ein paar vorsichtige Schritte auf beide zu. Unter ihren Stiefeln knirschte leise das Gras, aber Malleus schien das nicht zu bemerken und Devon reagierte ebenso wenig. Als sie das merkte, kam sie noch ein bisschen näher und ging auf die letzte Distanz in die Hocke. Von unten her schob sie sich in Malleus’ Gesichtsfeld und hätte am liebsten Devon die Augen zugehalten, damit er nicht dachte, sie würde ihm noch ihren Hals präsentieren. Es gefiel ihr sowieso nicht, dem Lacerta nach den vergangenen Minuten so nahe zu kommen, aber für seinen Tod wollte sie auch nicht verantwortlich sein. Auch nicht indirekt.
      Malleus.”
      Tava versuchte sich an einer ähnlich strengen Stimme, wie sie auch Malleus zustande brachte, aber das schien die falsche Richtung zu sein - die gänzlich falsche Richtung. Das Messer erzitterte und ein dünner Blutsfaden rann Devon den Hals herab.
      Heeey”, gurrte sie also stattdessen, leise und versöhnlich und schob sich weiter, bis er unweigerlich nicht auf das Messer, sondern auf sie sehen musste. Sie schob sich noch ein Stück weiter, wohl darauf bedacht, ihn nicht zu berühren.
      Alle sind schon tot, Malleus. Keiner ist mehr da. Alle tot.
      Sie hatte keine Ahnung worum es ging, aber irgendwie schien es ihr am sinnvollsten, seinem sinnlosen Gequatsche nicht zu widersprechen. Da lag ein gehetzter Ausdruck in seinem Blick, der Tava Angst machte.
      Mit einer Hand tastete sie hinter sich auf dem Boden herum, bis sie Devons Hals fand. Malleus konnte es nicht sehen, wie sie an der Seite vorsichtig nach oben strich, bis sie die Klinge gefunden hatte. Sie orientierte sich an der scharfen Klinge selbst, um seine Finger nicht zu berühren.
      Niemand erteilt dir Befehle, okay? Du kannst alles selbst entscheiden. Niemand zwingt dich zu irgendwas.
      Sie versuchte, die Hand wie ein Schild zwischen Devons Hals und die Klinge zu schieben, aber das war eine dumme Idee, das erkannte sie dann, als die Klinge ihr in die Haut schnitt. Sie saß viel zu fest, viel zu steif. Tava zischte leise, versuchte sich gleich wieder mit einem Atemzug zu beruhigen und bekam davon die nächste Idee. Sie musste es nur schaffen, dass er das Messer etwas lockerte.
      Kannst du atmen, Malleus? Nur atmen. Ich mach das so - siehst du das? Siehst du, wie ich atme?
      Es war verdammt schwierig, dem Mann nicht einfach zu sagen, dass er das Messer gefälligst weglegen und sich beruhigen sollte, aber Tava hielt Befehle gerade für äußerst zweifelhaft. Jetzt musste sie darum herum tänzeln und kam sich dabei reichlich blöd vor.
      Extra übertrieben, damit er es nicht nur sehen, sondern auch hören konnte, blähte sie die Nasenflügel und sog lautstark Luft ein. Dabei legte sie den Kopf schief, so weit schief, dass es ihr fast das Genick brach, um Malleus weiter anzusehen. Aber der Mann war kein Cervidia und so sprach er auch nicht auf die Haltung an.
      Sie stieß die Luft durch den geöffneten Mund wieder aus.
      Ich glaube, das kannst du auch. Das fühlt sich richtig gut an. Willst du auch mal probieren? Ich mach’s nochmal.
      Sie tat es nochmal, zweimal, dreimal. Ihre Finger nestelten an Devons Hals herum, warteten auf den Moment, an dem das Messer hoffentlich nachgeben würde.
      Es riecht hier nach Wald, riechst du das? Hier blühen irgendwo die Sloti und das Gras ist ganz frisch. Kannst du den Schnaps noch riechen, den ich gebrannt hab? Wenn du dich ganz stark darauf konzentrierst, kannst du die Brennnesseln darin riechen. Hast du die Brennnesseln geschmeckt? Erinnerst du dich, als wir den Schnaps getrunken haben, hast du da die Brennnesseln geschmeckt? Sie schmecken fast wie der Wald riecht, findest du nicht auch?
      Demonstrativ nahm sie einen weiteren übertriebenen Atemzug und da - endlich, das Messer wurde ein bisschen schwächer. Tava erhöhte nur ganz leicht ihren Druck dagegen, um erst einen Finger, dann zwei zwischen die Schneide und Devons Hals zu zwängen. Glühender Schmerz zuckte ihr über die Finger, aber sobald sie erstmal ganz zwischen Klinge und Hals wäre, wäre Devon außer Gefahr. Ein paar Finger ab waren nicht so gefährlich wie der Hals auf.
      Ich glaube, man kann hier auch das Wasser noch riechen. Das Wasser vom See, erinnerst du dich? Dafür muss man aber wirklich tief einatmen.
      Diesmal taten sie es gemeinsam und als das Messer sich weiter ein wenig lichtete, schaffte Tava es, die ganze Hand darunter zu schieben. Jetzt lag das Messer auf ihrer Hand und zumindest würde es Devon nicht gleich umbringen.
      Riecht gut, oder?
    • „Steh auf“, drang es durch den Nebel der Erinnerung.
      „Steh auf und geh. Ich kann dich nicht halten.“
      Eine Lüge...Du weißt, dass du diesen Ort niemals verlassen kannst.
      "Lügner...", zischte Malleus, der nun das schmale Blutrinnsal wie hypnotisiert verfolgte. Der Fixpunkt half gegen den Schwindel, da er nicht genug Atemluft in seiner Lungen bekam. Nur, wusste Malleus das nicht. Für ihn füllte sich sein Brustkorb mit dichtem und erstickendem Rauch. Er konnte das verbrannte Fleisch beinahe auf der Zunge schmecken. Er könnte niemals fliehen, nicht nach allem, was er erduldet hatte. Nicht nach allem, was er danach getan hatte. Das war seine Bestimmung und all das, durfte nicht umsonst gewesen sein, weder der Schmerz noch die Toten.
      "Malleus."
      Jemand sagte seinen Namen, doch er hatte nur Augen für das rote Blut.
      "Alles sind schon tot, Malleus. Keiner ist mehr da. Alle tot."
      "Geh weg", zischte er fast trotzig. Seine Stimme klang trotz der rauchigen Natur unerwartet weich, beinahe jugendlich. "Komm nicht näher."
      "Niemand erteilt dir Befehle, okay. Du kannst alles selbst entscheiden. Niemand zwingt dich zu irgendwas."
      Du kannst niemandem vertrauen.
      Malleus stieß einen erstickten Laut aus, geboren in der verkrampften Enge seiner Brust, während die zwei, nein, drei Stimmen ihm unsagbare Kopfschmerzen bereiteten. Sein Instinkt gebot ihm, den Dolch mit tödlicher Präzision zu führen, wie er es unzählige Male trainiert hatte. Ein sauberer Schnitt und es war vorbei. Beinahe schmerzlos, hieß es. Doch die zweite Stimme, leise und sanft, begann das Echo seiner Vergangenheit zu übertönen. Die dritte Stimme, nur einmal hatte er sie vernommen, ruhig und verstehend, blieb stumm.
      "Kannst du atmen, Malleus...?"
      "Nein", würgte er hervor.
      "Nur atmen...siehst du...wie ich atme?"
      Ein neues und doch vertrautes Gesicht schob sich in sein Blickfeld. Er spürte die Präsenz eines anderen Körpers, der sich näherte, ihn aber nicht berührte. Malleus zuckte unwillkürlich und löste das Messer kurzzeitig um Haaresbreite von der entblößten Kehle. Verwirrung stand ihm ins Gesicht geschrieben, als begreife der Mann nicht, was diese Frau ihm sagen wollte. Er sollte atmen? Aber da war nicht genug Luft! Malleus zog gequält die Augenbrauen zusammen und sein Fokus wechselte zu den halbgeöffneten Lippen der Frau, die gleichmäßig ein- und ausatmete.
      "Es riecht hier nach Wald, riechst du das?..."
      Das ist ein Trick, Malleus...
      Die Stimme verblasste allmählich und als Malleus endlich den ersten, tiefen Atemzug nach gefühlten Ewigkeiten des erfolglosen Luftschnappens machte, roch er keine Asche und auch kein verglühtes Fleisch. Es roch nach taufeuchtem Gras und trockenem, brennenden Holz. Der Geruch des Rauches war dezent und weniger intensiv. Ohne es zu bemerken, erschlaffte sein eiserner Klammergriff um das Heft des Dolches. Malleus kräuselte die Nase als die scharfe Note von starkem Alkohol sich mit dem süßen Duft der Sloti-Blüten mischte. Es wurde leichter.
      “Ich glaube, man kann hier auch das Wasser noch riechen. Das Wasser vom See, erinnerst du dich? Dafür muss man aber wirklich tief einatmen.”
      Endlich fand der den richtigen Rhythmus und atmete im Einklang mit Tava, die von einem See erzählte. Malleus befeuchtete seine Lippen. Erst jetzt bemerkte er, wie staubtrocken und kratzig sich seine Kehle anfühlte. Er atmete tief ein. Tava hatte Recht. Tava.
      "Tava...", krächzte er.
      Malleus blinzelte. Nein, er roch kein frisches, klares Seeufer. Zu dem friedlich anmutenden Duft von Gräsern und Blüten gesellte sich ein metallische Nuance. Er schmeckte es, als hätte ihm jemand eine Kupfermünze auf die Zunge gelegt. Blut. Ein Schaudern durchlief ihn von den Haarspitzen über die Wirbelsäule bis in den kleinsten Zeh. Die Trägheit war aus seinem Blick verschwunden, als seine Augen den Dolch erfassten, an dessen Schneide es rötlich schimmerte. Tava hatte es geschafft die Klinge mühselig Stückchen für Stückchen vom Hals des Lacerta zunehmen, der ihn einfach nur ansah.
      Er verzog das Gesicht und zog den Dolch mit einem sehr steifen Einknicken seines Ellbogens zurück. Die Muskeln in seinem Arm zuckten und krampften von der abfallenden Anspannung. Dunkle Flecken tanzten vor seinen Augen und verschleierten kurzzeitig seinen Blick auf Devon und Tava. Mit einem plötzlichen Ruck schleuderte Malleus den Dolch in einer beinahe dramatischen Geste zur Seite, weit weg in die Dunkelheit außerhalb ihres Lagerfeuers.
      Ein dumpfes Pochen dröhnte hinter seinen Schläfen als er sich seiner Position über Devon und dem eigenen Gewicht, das schwer auf den Hüften des Lacerta lastete, bewusst. Die Art, wie sich seine Knie in dessen Flanken drückten. Malleus erbleichte und sein Gesicht nahm eine gräuliche, ungesunde Färbung an. Anstatt aufzustehen, rutschte er nach hinten bis er weit genug weg war, dass sich nicht einmal mehr ihre Stiefelspitzen berühren konnten, selbst wenn es einer von ihnen darauf angelegt hätte. Er hatte sich soweit wie möglich von Tava, Devon und dem Feuer entfernt, dass die Dunkelheit ihn fast verschluckte.
      Mit einem gedehnten Seufzen und beiden Händen fuhr sich Malleus über das Gesicht. Kalter Angstschweiß glitzerte auf dem Leder seiner Handschuhe. Ihm war kalt und unbehaglich und das verdammte Zittern seiner Hände wollte einfach nicht aufhören. Zwischen den gespreizten Fingern hindurch sah er in zwei bekannte Gesichter, deren Ausdrücke er in diesem Moment nicht deuten konnte. Dass er sich darüber nicht insgeheim ärgerte, verriet ihm selbst genug über seine bedenkliche Verfassung. Sein flackernder Blick glitt über seine Reisegefährten. Devon mit einem dünnen Schnitt gefährlich über der lebenswichtigen Schlagader. Tava mit blutigen Fingern und einer Erleichterung im Gesicht, von dessen Anblick ihm speiübel wurde.
      Malleus' Oberkörper kippte ohne Vorwarnung zur Seite und der bebende Mann übergab sich geräuschvoll, um sich damit von dem letzten Bisschen seiner Würde zur verabschieden. Er sah nicht auf, als er sich mit dem Handrücken über den Mund wischte, aber verzog das Gesicht als er seine erschreckend dünne und heisere Stimme vernahm. Ihm fehlten die Kraft und die Nerven um die zerbrochene Maske in diesem Moment wieder zusammen zu setzen. Devon und Tava hatte bereits genug gesehen, also wozu die Mühe.
      "Ich denke, jetzt könnte ich noch einen Drink vertragen..."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
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