In your debt [Kiba x Yumia]

    • Ich wusste nicht, ob es eine gute Idee gewesen war, ihm überhaupt Gegenfragen zu stellen. Normalerweise tat ich so etwas nicht. Zumindest nicht bei Menschen wie ihm. Trotzdem hatte ich es getan und hoffte nun still, dass er mir deswegen nicht böse war.
      Umso überraschter war ich, wie ehrlich und direkt er mir antwortete.
      Während ich ihm zuhörte, blieb mein Blick ruhig auf ihm liegen. Dass er nicht gerne viel über sich preisgab, hatte ich bereits vermutet. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, ihm jede Information mühsam aus der Nase ziehen zu müssen.
      Doch dass er glaubte, ich würde ihn wie ein offenes Buch lesen können, verstand ich nicht ganz.
      Vielmehr empfand ich das genaue Gegenteil. Ich stellte ihm so viele Fragen, gerade weil ich ihn eben nicht lesen konnte. Weil ich oft nicht wusste, was wirklich in ihm vorging. Ich wusste nicht recht, ob seine Worte als Kompliment gemeint waren oder eher als Warnung.
      Leicht senkte ich den Blick.
      Es war nicht so, dass ich absichtlich wenig über mich erzählte. Ich hatte nur nie das Bedürfnis verspürt, andere mit meinen Gedanken oder meiner Vergangenheit zu belasten. Vieles davon erschien mir schlicht zu belanglos.
      Aufmerksam hörte ich weiter zu, bis er schließlich von seinem Kindheitswunsch sprach.
      Ein Freizeitpark. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Für einen kurzen Moment war ich still. Ich selbst war noch nie in einem gewesen. Nicht, weil ich nie gewollt hätte, sondern weil es immer wichtigere Dinge gegeben hatte, für die das Geld gebraucht wurde.
      Ich sah zu, wie Edward aufstand und sich streckte. Offenbar wollte er das Gespräch beenden und wieder hineingehen.
      Doch bevor ich darüber nachdenken konnte, öffnete ich bereits den Mund.
      „Wir könnten an einem Wochenende in einen gehen“, sagte ich ruhig und hob den Blick zu ihm. „Ich war auch noch nie in einem.“
      Erst nachdem ich die Worte ausgesprochen hatte, wurde mir bewusst, wie spontan das gewesen war.
      „Und… dein Wunsch klingt nicht unmöglich“, fügte ich etwas leiser hinzu. „Du arbeitest ohnehin ständig. Ein freier Tag würde die Firma wahrscheinlich nicht zum Einsturz bringen.“
      Ein kleines, kaum merkliches Lächeln erschien auf meinen Lippen.
      „Außerdem klingt es nicht nach Kinderkram, wenn man etwas einfach mal erleben möchte.“
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    • Ich wollte gerade los gehen, um wieder nach drinnen zu gehen, denn ich wollte noch einige Erledigungen machen, als mich Castiels Worte aufhielten. Ich blieb stehen und drehte mich erst Sekunden später um, um ihn anzusehen. Er wollte mit mir in einen dieser Parks? Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Ich konnte mir, weiß Gott, nicht vorstellen, als erwachsener Mann, meiner Statur und Alters, in so einen Freizeitpark zu gehen, der für Kinder gedacht war. Trotzdem fand ich ihn und seine Idee reizend. Es war schon niedlich, dass er mir helfen wollte.
      "Du klingst, als wären wir seit zig Jahren verheiratet. Ich scheine etwas verpasst zu haben.", scherzte ich und lachte kurz.
      "Willst du mir damit sagen, dass ich zu viel arbeite und zu kontrollsüchtig bin?", fragte ich und ging zu ihm zurück, nur um direkt vor ihm stehen zu bleiben. Ich parkte meine Hände in den Hosentaschen und legte den Kopf schief.
      "Ich verrate dir was, was wohl nichts Neues für dich sein wird: Ich bin kontrollsüchtig.", sagte ich dann und beugte mich zu ihm runter, so dass ich direkt vor seinem Gesicht war. Es war eine Schwäche meinerseits, was auch einer der Gründe war, weshalb ich so viel arbeitete. Ich wusste nicht, ob ich mich darauf verlassen könnte, dass meine Mitarbeiter die Firma nicht bankrott machten. Auch wenn es bei einem Tag nicht möglich war. Hoffte ich jedenfalls.
      Mein Blick traf seinen und zum ersten Mal stellte ich fest, wie schön seine Augen eigentlich waren. Sie zogen einen in den Bann und machten mir es kaum möglich, mich zu bewegen. Wenn er den passenden Blick noch aufsetzen würde, könnte er ..... naja. Lieber nicht drüber nachdenken. Gezwungen riss ich mich von seinen Augen los und räusperte mich.
      "Ich... geh dir einen Tee machen. Du kannst ruhig noch hier bleiben, wenn du möchtest. Aber dann wär es besser, wenn du dir noch was überziehst. Dein Körper ist geschwächt und wird sich kaum selbst warmhalten können. Ich bin gleich wieder da.", sagte ich kurz und ging rein. Am Jackenhaken blieb ich stehen, schloss meine Augen und seufzte laut. Verdammt nochmal. Ich sollte wohl besser aufpassen, sonst endete das alles hier noch in einem Chaos. Meine Eltern werden sich bedanken.
    • Für einen kurzen Moment war ich unsicher, ob ich etwas Falsches gesagt hatte. Edward war bereits dabei gewesen hineinzugehen und erst meine Worte hatten ihn dazu gebracht stehen zu bleiben. Ich beobachtete, wie er sich erst Sekunden später wieder zu mir umdrehte und mich ansah. Umso überraschter war ich, als er plötzlich scherzte. Mein Kopf schien für einen Moment vollkommen leer zu sein. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Noch weniger damit, ihn lachen zu sehen. Dieses kurze Schmunzeln und das leise Lachen standen ihm deutlich besser als seine sonst so ernste Miene. Es ließ ihn… leichter wirken. Zugänglicher.
      Auf seine nächste Frage hin hob ich leicht die Augenbrauen. Edward hatte recht. Er arbeitete zu viel und war kontrollsüchtig. Das wusste vermutlich jeder, der länger als ein paar Tage mit ihm verbrachte. Doch bevor ich überhaupt antworten konnte, kam er wieder näher. Viel näher.
      Als er sich zu mir herunterbeugte und kaum noch Abstand zwischen uns ließ, fror ich regelrecht ein. Mein Körper wusste nicht mehr, wie er reagieren sollte. Diese plötzliche Nähe war ich nicht gewohnt und mein Kopf schien vollkommen auf Durchzug zu schalten. Alles, was ich in diesem Moment noch wahrnahm, waren seine sturmgrauen Augen. Ich bemerkte nicht einmal, dass ich unbewusst die Luft angehalten hatte, bis Edward sich wieder zurückzog und sich von mir entfernte.
      Erst da holte mich die Realität langsam wieder ein. Mein Herz schlug schneller als zuvor und ich brauchte einen Moment, um mich wieder zu sammeln. Leicht räusperte ich mich und blickte kurz zur Seite.
      Der Vorschlag, gemeinsam in einen Freizeitpark zu gehen, war eigentlich vollkommen unschuldig gemeint gewesen. Doch gerade fühlte es sich plötzlich so an, als hätte ich damit etwas ausgelöst, das ich selbst nicht ganz verstand.
      Ich sah ihm nach, wie er im Haus verschwand, und strich mir langsam durch die Haare. Die kühle Luft half nur bedingt dabei, meine Gedanken zu ordnen. Vielleicht hätte ich den Vorschlag einfach für mich behalten sollen. Ich blieb noch einen Moment draußen sitzen und versuchte meine Gedanken irgendwie zu ordnen. Doch egal, woran ich denken wollte, mein Kopf kehrte immer wieder zu dem Moment von vorhin zurück.
      Zu seiner Nähe. Zu seinem Blick.
      Und zu diesem kurzen Augenblick, in dem ich vollkommen vergessen hatte, wie man normal atmete.
      Leicht presste ich die Lippen aufeinander und ließ den Blick durch den Garten wandern. Das war lächerlich. Es war doch nichts passiert. Edward hatte sich lediglich zu mir heruntergebeugt und trotzdem reagierte mein Körper darauf, als wäre es etwas Bedeutendes gewesen. Vielleicht wäre es besser, wenn ich mich einfach wie immer verhielt, sobald er zurückkam. So, als wäre nichts geschehen. Denn wahrscheinlich hatte dieser Moment ohnehin nur für mich eine seltsame Wirkung gehabt. Für Edward war es vermutlich nichts weiter gewesen als eine normale Unterhaltung.
      Ich atmete langsam aus und strich mir über den Nacken.
      Außerdem wollte ich nochmals klarstellen, dass mein Vorschlag wirklich nur gut gemeint gewesen war. Ich hatte ihn zu nichts drängen wollen. Wenn er nicht in einen Freizeitpark wollte, dann war das eben so. Natürlich konnte ich Edward zu nichts zwingen. Vor allem nicht zu etwas, das er selbst als kindisch ansah. Trotzdem blieb ein kleiner Teil von mir an seinen Worten hängen. Daran, dass er diesen Wunsch offensichtlich nie vergessen hatte. Unbewusst musste ich leicht lächeln. Vielleicht stand ihm dieses unbeschwerte Lachen viel mehr zu, als er selbst glaubte.
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    • Ich schloss die Augen und seufzte leise, als ich in der Küche stand und darauf wartete, dass der Wasserkocher fertig war. Mir ging dieser Satz von Castiel einfach nicht aus den Kopf. Ich würde ohnehin zu viel arbeiten und dass wir da gemeinsam hinfahren könnten. Das Problem war leider, dass es mir auch noch gefiel, wie er mit mir redete. Niemand sonst redete so mit mir. Außer meine Schwester natürlich. Aber das war was vollkommen anderes. Ich mochte es, wie dickköpfig er auf etwas bestand und seine Art und Weise, dieses auch durchzusetzen. Dabei würde er das nicht mal zugeben. Ich hatte mich an seine Anwesenheit ganz schön gewöhnt... fahrig fuhr ich mir durch das Gesicht. Ich musste mich ablenken. Vielleicht ging ich doch nochmal ins Büro. Schließlich war da immernoch der Bericht. Und der machte sich nicht von allein.
      Das Klicken des Wasserkochers riss mich aus den Gedanken. Ich zuckte kurz, ehe ich eine Tasse mit einem Teebeutel darin nahm und das heiße Wasser hinein goss. Mit Decke und Tee bewaffnet ging ich wieder nach draußen zu Castiel.
      "Hier ist dein Tee. Vorsicht heiß.", murmelte ich und stellte sie neben ihm auf die Bank. Die Decke legte ich um seine Schultern. Ich konnte gut drauf verzichten, dass er wieder krank wurde, nur weil er zu lange draußen war.
      "Ich gehe trotzdem nochmal ins Büro. Mir ist eingefallen, dass noch ein Bericht gelesen und berichtigt werden will, bevor er Montag weiter gereicht wird. Trink den Tee, solange er noch warm ist. Das hilft am besten. Und bleib nicht zu lang draußen. Wenn du Hilfe brauchst, kannst du zu mir kommen. Ich sah ihn an. Ich wusste nicht wieso, aber aus irgendeinen Grund hatte ich ein schlechtes Gefühl, ihn hier zu lassen. Still atmete ich durch und legte die Hände in meine Hosentaschen.
      "Kannst du mir einen Gefallen tun? Würdest du bitte rein kommen? Ich habe ein besseres Gefühl, wenn ich weiß, dass du im Haus bist."
    • Ich versuchte in meinem Kopf einen passenden Satz zusammenzureimen und vergaß dabei völlig die vergangene Zeit. Erst als ich plötzlich Edwards Stimme direkt neben mir hörte, zuckte ich leicht zusammen und sah überrascht zur Seite.
      Mein Blick blieb sofort an der Tasse hängen, die er auf die Bank neben mir stellte. Offenbar war sie zu heiß, um sie einfach mit beiden Händen anzunehmen. Noch bevor ich etwas sagen konnte, spürte ich, wie er mir etwas um die Schultern legte.
      Meine Augen weiteten sich minimal. Damit hatte ich nicht gerechnet. Viel eher hatte ich erwartet, dass er mir sagen würde, ich solle nicht zu lange draußen sitzen. Doch stattdessen legte er mir eine Decke um die Schultern.
      Ein unbekanntes Gefühl regte sich in mir. So unscheinbar, dass ich es im ersten Moment kaum bemerkte. Doch gerade weil es so leise war, bekam es plötzlich meine volle Aufmerksamkeit. Allerdings ließ Edward mir kaum Zeit, mich damit zu beschäftigen. Im nächsten Moment erklärte er bereits, dass er noch einmal ins Büro gehen würde. Gleichzeitig richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf meine Gesundheit. Sehr besorgt. Sehr kümmernd. Etwas, womit wohl kaum jemand gerechnet hätte, der ihn nur aus dem Arbeitsalltag kannte. Besonders seine Mitarbeiter wahrscheinlich nicht. Doch diese Seite von ihm war überraschend angenehm. Ehrlich. Ruhig. Und vermutlich würden seine Mitarbeiter sie ebenso schätzen, wenn sie sie je zu sehen bekämen. Doch ich wusste genau, dass das wohl nie passieren würde. Vielleicht war ich die einzige Ausnahme. Allein dieser Gedanke ließ, ohne dass es mir bewusst wurde, ein kleines Lächeln auf meine Lippen treten.
      Ich nickte ihm zu. „Ja, kein Ding.“ Vielleicht war es am Ende wirklich besser so. Vorsichtig nahm ich die Tasse und hielt mit der anderen Hand die Decke um mich fest. Gemeinsam gingen wir zurück ins Haus. Drinnen angekommen, kurz bevor sich unsere Wege trennten, blieb ich stehen.
      Ich räusperte mich kurz. „Wegen vorhin…“ begann ich zögerlich und schielte zu ihm herüber. „Es war nur ein Vorschlag. Ich wollte dich zu nichts zwingen oder so.“ Unsicher beobachtete ich seine Reaktion. „Ich hoffe, du hast es nicht falsch verstanden… aber ich habe es ernst gemeint.“ Im Nachhinein wurde es mir doch etwas peinlich, das ausgesprochen zu haben. Schnell räusperte ich mich noch einmal, murmelte hastig: „Danke für die Tasse und die Decke“, und eilte dann mit der Tasse in mein Zimmer.
      Leise schloss ich die Tür hinter mir. Ich würde ohnehin keine große Hilfe bei seiner Arbeit sein. Also war es wahrscheinlich wirklich klüger, mich auf meine eigene Genesung zu konzentrieren. Ich stellte die Tasse auf den Nachttisch und setzte mich auf das Bett. Die Decke zog ich enger um mich, während ich für einen Moment aus dem Fenster schaute. Danach griff ich nach meinem Handy. Auch wenn wir heute nur einen Film angeschaut hatten, hatte ich trotzdem das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Ich hoffte nur, dass Edward heute nicht zu lange im Büro bleiben würde. Ich würde nun einfach meine Zeit mit meinem Handy überbrücken und hoffen, dass ich wieder schnellstmöglich zur Arbeit kommen kann.
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    • Meine Hand lag schon auf der Türklinke, als ich nochmal Castiels Stimme hörte. Ich hielt inne und sah zu ihm zurück, als er nochmal das mit dem Park erwähnte. Ich musste zugeben, dass ich schon etwas überrascht war, dass er mir so komplett anstandslos ins Haus folgte. Ich dachte ehrlich, er würde es zumindest noch ein paar Minuten hinauszögern. Hätte ich auch noch irgendwie akzeptiert. Doch einfach so mitzukommen.... Tat er das, weil ich sein Arbeitgeber war? Und nun folgte auch gleich dieser Vorschlag. Er wollte mit mir dahin? Er bestand drauf, dass es bei einem Vorschlag blieb. Doch irgendwie hörte es sich insgeheim so an, als wollte er dahin. Einen Tag.... vielleicht kann ich....
      Ich öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, als er sich räusperte und mit einem kleinen Danke in sein Zimmer verzog. Ich hob eine Augenbraue und sah ihm nach. Ich war mir jetzt nicht sicher, ob es ihm besser ging. Vielleicht sollte er sich wirklich noch etwas ausruhen.
      Ich zögerte noch kurz, ehe ich endlich ins Büro ging, um mich mit der Arbeit zu beschäftigen. Ich hatte den Bericht vor mir liegen, doch hatte ich Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Immerwieder verschwammen die Buchstaben auf dem Papier und hervor kamen diese hellen bernsteinfarbenen Augen. Ich blinzelte und schüttelte den Kopf, um mich wieder auf das Wichtigste zu konzentrieren. Doch auch das hielt nicht lange an. Ich seufzte langgezogen und lehnte mich zurück. So ein Mist.
      Etwas müde fuhr ich mir durch das Gesicht und sah auf meine Uhr. Ich war schon eine Weile hier drin. Doch habe ich nicht viel geschafft.
      Ich hatte jetzt schon mehrere Versuche gestartet, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und jedes Mal scheiterten sie wieder. Ich gab es auf. Es ging heute einfach nicht.
      Ich klappte alles zusammen und räumte auf, ehe ich das Büro verließ und mir einen Kaffee machte. Ob Castiel noch etwas zu trinken brauchte? Ich sah in die Richtung des Flurs, wo auch sein Zimmer war und entschied mich dann doch, nochmal zu ihm zu gehen. Vorsichtig klopfte ich an.
      "Castiel? Ich habe unten Kaffee gemacht. Brauchst du noch einen Tee oder irgendwas anderes?", sagte ich durch die geschlossene Tür hindurch, in der Hoffnung, dass er nicht geschlafen hat und ich ihn somit geweckt hätte.
    • Ich hatte völlig die Zeit aus den Augen verloren. Mein Handy hatte mich mehr abgelenkt, als ich ursprünglich beabsichtigt hatte, und so war eine Weile vergangen, ohne dass ich wirklich darauf geachtet hatte. Erst als mein Blick eher zufällig auf die Uhr fiel, wurde mir bewusst, wie spät es mittlerweile geworden war. Der Tee neben mir war längst ausgetrunken und die Wärme, die zuvor noch angenehm durch meinen Körper gezogen war, hatte inzwischen ihren Zweck erfüllt. Zumindest fror ich nicht mehr.
      Ich richtete mich langsam auf und schob die Decke von meinen Beinen. In genau diesem Moment klopfte es an der Tür. Ich hörte Edwards Stimme und seine Frage, wollte jedoch nicht unhöflich sein und mit ihm durch die geschlossene Tür sprechen. Also schälte ich mich vollständig aus der Decke, stellte die Füße auf den Boden und überquerte das Zimmer. Kurz darauf öffnete ich die Tür.
      „Ein Tee wäre gut“, beantwortete ich seine Frage und fuhr mir dabei kurz durch die Haare. Mein Blick wanderte für einen Moment über den Flur, ehe ich wieder zu Edward sah. Eigentlich wollte ich mich ohnehin etwas bewegen. So lange still im Bett zu liegen und nichts zu tun, war ich nicht gewohnt. Außerdem fühlte es sich zunehmend unangenehm an, während Edward unten arbeitete und ich mich einfach ausruhte.
      „Ein bisschen die Füße zu vertreten, würde mir auch guttun.“
      Damit wollte ich ihm gleichzeitig zu verstehen geben, dass ich ihn begleiten würde. Ich wollte nicht einfach wieder ins Bett zurückkehren und ihn seine Arbeit machen lassen, während ich hier untätig herumlag. Zwar wusste ich, dass er vermutlich nichts dagegen hätte, doch allein der Gedanke daran fühlte sich für mich falsch an.
      Gemeinsam machten wir uns auf den Weg in die Küche. Dort setzte ich mich auf einen der Hocker und beobachtete Edward dabei, wie er sich um den Tee kümmerte. Für einen Moment sagte ich nichts. Ich wusste nicht recht, worüber ich mit ihm sprechen sollte, und eigentlich war mir auch klar, dass es ihm vermutlich nichts ausmachen würde, wenn wir einfach schweigend nebeneinander saßen. Dennoch wollte ich nicht den Eindruck erwecken, als würde ich seine Gesellschaft nicht schätzen.
      Mein Blick wanderte kurz durch die Küche, bevor ich schließlich doch das erstbeste Thema aufgriff, das mir in den Sinn kam.
      „Hast du viel geschafft?“, fragte ich und sah wieder zu ihm.
      Es war vermutlich keine besonders einfallsreiche Frage, aber mir fiel auf die Schnelle nichts Besseres ein. Gleichzeitig interessierte mich die Antwort tatsächlich. Schließlich hatte ich ihn vorhin aus seiner Arbeit gerissen, und irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen dabei.
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    • Castiel öffnete mir die Tür und antwortete, dass er noch einen Tee nehmen würde. Mein Blick folgte seiner Hand, wie sie mit Leichtigkeit durch sein weiches Haar fuhr. Ich sah wohl etwas zu lange dahin, denn ich kam erst wieder zu mir, als er mich erneut ansprach. Castiel war kein fauler Mensch. Das rechnete ich ihm hoch an. Doch ich war mir noch nicht sicher, ob das für seine Gesundheit so gut war, dass er ständig rumlief. Vielleicht sollte ich mich doch nochmal mit ihm aufs Sofa setzen.
      Erstmal gingen wir zusammen in die Küche und ich machte uns beiden einen Tee fertig. Ich holte zwei Tassen aus dem Schrank und stellte sie samt Teebeutel auf die Theke, ehe ich zum Wasserkocher griff. Einen Moment später lief das Wasser in die Kanne, als mich mein Mitbewohner erneut ansprach. Ich hielt kurz inne und verzog die Lippen, was er ja nicht sehen konnte, da ich ihm den Rücken zukehrte.
      "Äh.... ja, ich meine nein.", meine Gedanken, die ich erfolgreich verdrängt hatte, kehrten blöderweise zurück. Und das missfiel mir sehr.
      "Ich war während meiner Arbeit etwas abgelenkt. Daher hab ich es dann früher beendet, als ich eigentlich wollte. Aber das ist schon okay. Ich arbeite einfach ein anderes Mal dran.", antwortete ich ihm, während ich den Wasserkocher auf seine Station stellte, die Gradzahl eingab und ihn dann anmachte. Ich sollte mich umdrehen und ihn wenigstens ansehen, wenn er mit mir sprach. Doch irgendwie fühlte sich mein Körper etwas wie versteinert an.
      "Hauptsache du konntest dich etwas ausruhen. Wenn du noch möchtest.... könnten wir uns diese Filmreihe weiter ansehen. Im Moment schaffe ich es wohl sowieso nicht, noch zu arbeiten.", bot ich an. Mir war wirklich wichtig, dass er schnell wieder fit war. Ich fühlte mich sowieso schon schlecht, weil ich scheinbar überarbeitet habe. Ich hatte ihn überschätzt und das tat mir sehr leid. Wirklich niemand sollte wegen mir so viel arbeiten, dass er deswegen krank wurde. Ich arbeitete viel. Das wusste ich selber. Doch ich wurde deswegen ja nicht krank.
      Als der Tee dann endlich fertig war, drehte ich mich endlich zu Castiel um, um ihm die Tasse zu überreichen.
      "Vorsicht. Sie ist noch heiß."
    • Ich starrte einen Moment lang auf Edwards Rücken, während er sich am Wasserkocher zu schaffen machte. Erst jetzt fiel mir auf, wie breit seine Schultern tatsächlich waren. Es war mir bisher nie wirklich bewusst gewesen, vielleicht auch deshalb, weil ich selten die Gelegenheit gehabt hatte, ihn aus einer solchen Perspektive zu betrachten. Ich störte mich jedenfalls nicht daran, dass er mir den Rücken zugewandt hatte. Im Gegenteil. Irgendwie war es beinahe faszinierend, ihn einmal aus einer anderen Sicht zu beobachten, ohne dass er es vermutlich bemerkte.
      Wenn man ihn nur von außen betrachtete, wirkte Edward wie jemand, der sein gesamtes Leben unter Kontrolle hatte. Seine Arbeit, sein Auftreten, seine Fitness. Alles schien durchdacht und gepflegt zu sein. Makel waren kaum zu erkennen. Natürlich spielte dabei auch eine gewisse genetische Begabung eine Rolle. Sein Aussehen hatte er sich schließlich nicht selbst ausgesucht. Doch ein nicht unerheblicher Teil davon musste auch auf seine eigene Disziplin zurückzuführen sein.
      Er hatte die Firma in jungen Jahren übernommen und trug seitdem eine Verantwortung, die vermutlich die meisten Menschen in seinem Alter überfordert hätte. Trotzdem schien er sich nie darüber zu beklagen. Er arbeitete hart, war penibel und unglaublich pflichtbewusst. Gleichzeitig hatte ich in den letzten Tagen Seiten an ihm entdeckt, die nicht ganz zu diesem Bild passten. Er war aufmerksamer und vielleicht sogar sensibler, als er selbst zugeben wollte.
      Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger verstand ich, wie er überhaupt noch Zeit für sich selbst fand. Wann schlief er? Wann traf er Freunde? Wann lernte er überhaupt jemanden kennen? Wir hatten dieses Thema bereits einmal angeschnitten, doch mein Kopf schien die Umstände noch immer nicht vollständig miteinander vereinbaren zu können.
      „Ja, gerne.“
      Meine eigene Stimme holte mich gerade noch rechtzeitig aus meinen Gedanken zurück. Ich blinzelte kurz und konzentrierte mich wieder auf das Hier und Jetzt. Was genau Edward zuvor beschäftigt hatte, wusste ich nicht. Ich wollte nicht nachfragen, da ich nicht als zu neugierig herüber kommen wollte. Viel wichtiger war ohnehin, dass er sich tatsächlich dazu entschieden hatte, eine Pause einzulegen. Auch wenn es ihm vermutlich nicht besonders gefiel, freute ich mich insgeheim darüber. Er hatte diese Auszeit dringend nötig. Vielleicht würde er das selbst irgendwann erkennen, auch wenn ich nicht davon ausging, dass er freiwillig zugeben würde, dass er überarbeitet war.
      Als Edward sich schließlich umdrehte und mir die Tasse hinstellte, nahm ich sie dankbar entgegen. Ich wollte gerade einen Schluck nehmen, hielt jedoch inne, als meine Finger versehentlich die Seite der Tasse berührten. Die Hitze ließ mich reflexartig zurückzucken.
      Ich verzog leicht das Gesicht und wechselte die Hand, bevor ich die Tasse schließlich am Henkel nahm. Vorsichtshalber wartete ich noch einen Moment, ehe ich damit zum Sofa ging. Ich ließ mich wieder auf den Platz sinken, den ich bereits zuvor eingenommen hatte.
      Es war ohnehin ungewöhnlich, dass wir hier gemeinsam saßen und einen Film anschauten. Wahrscheinlich war es der erste Film seit Monaten, den Edward sah. Vielleicht war genau das aber auch einmal nötig. Eine kurze Zeit, in der er nicht über die Firma nachdenken musste. Eine Zeit, in der er einfach nur dasaß und etwas anderes betrachtete als irgendwelche Dokumente, Zahlen oder Geschäftsberichte. Ich hoffte zumindest, dass es ihm dabei helfen würde, ein wenig abzuschalten.
      Allzu lange konnten wir allerdings nicht mehr aufbleiben. Morgen würde wieder ein neuer Tag beginnen und spätestens dann würde uns die Realität erneut einholen. Besonders ich sollte darauf achten, genügend Schlaf zu bekommen, wenn ich nächste Woche wieder normal zur Arbeit gehen wollte.
      Allein der Gedanke daran erinnerte mich an den Stapel Unterlagen, den mein Kollege mir aufgetragen hatte. Ich hatte zwar bereits einen Teil davon durchgesehen, doch bei einigen Dokumenten war ich nicht einmal sicher gewesen, ob mir nicht vielleicht Seiten fehlten. Einige Zusammenhänge ergaben für mich überhaupt keinen Sinn. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass ich mich mit dem Thema noch nicht gut genug auskannte.
      Ich sah einen Moment auf meine Tasse hinab und seufzte leise. Eigentlich sollte ich mir das Material heute Abend noch einmal ansehen. Vielleicht würde ich beim zweiten Durchgang mehr verstehen. Zumindest wollte ich nicht am Ende mit einem völlig unbrauchbaren Bericht dastehen und mich damit vor meinem Kollegen blamieren. Gleichzeitig wollte ich die wenigen ruhigen Stunden, die mir noch blieben, nicht schon wieder mit Arbeit verbringen.
      Mein Blick wanderte kurz zu Edward. Vielleicht sollte ich ausnahmsweise einfach einmal nicht an morgen denken. Ich lehnte mich etwas tiefer in das Sofa zurück und nahm vorsichtig einen Schluck von meinem Tee. Die Wärme breitete sich angenehm in meinem Körper aus. Für diesen Moment musste ich schließlich nicht alles planen. Nicht die Arbeit. Nicht die Unterlagen. Nicht die nächste Woche. Und schon gar nicht die Fragen, die mir seit einiger Zeit durch den Kopf gingen. Zumindest für diesen Abend konnte ich einfach hier sitzen und den Film ansehen.
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    • Die Zeit verging und Castiel erholte sich zum Glück recht schnell wieder. Durch das viele Ausruhen und den Tee kam er schnell wieder zu Kräften und das Fieber sank wieder. Jedoch machte ich mir etwas Sorgen, dass sein Körper nicht zu sehr an seiner Energie gezerrt hatte. Sein Körper war sehr schmal. Er musste aufpassen, dass er nicht zu dünn werden würde. Die Suppe, die er die ganze Zeit gegessen hatte, war nicht unbedingt kalorienreich. Ich entschied mich, es auf der Arbeit nicht allzuschnell angehen zu lassen. Trotzdem wollte ich ihm das Gefühl geben, dass er wieder voll einsatzbereit war. Ich hielt inne. Ich musste doch völlig von Sinnen sein, dass ich sowas dachte. Nie hatte ich mir Gedanken gemacht, wie es anderen ging. Entweder sie waren noch krank oder eben wieder gesund und konnten normal arbeiten. Wieso also bei Castiel nicht? Nagte an mir das schlechte Gewissen? War es wegen meiner Vergangenheit? Oder was ganz anderes? Aber was? Mir fiel nichts ein. Ich wusste nur, dass mir mein Kopf schwirrte.
      Am nächsten Arbeitstag saß ich wieder in meinem Büro in der Firma und sah auf meine Rolex am rechten Handgelenk. Es war bald Zeit für das Meeting. Immerhin hatte ich ein paar Aufgaben verteilt und war jetzt gespannt auf die Ergebnisse. Genug Zeit war ja da gewesen. Hoffentlich war wenigstens ein bisschen Brauchbares dabei. Nur leider dachte hier scheinbar jeder anders.
      Als ich in den Konferenzraum trat, waren bereits alle Mitarbeiter aus dem Team anwesend und saßen startklar am Tisch, um zu beginnen. Sie sahen alle nicht gerade motiviert aus. Mir war klar, dass ich ein strenger Mensch war, doch hatte ich ja auch die Verantwortung für alles und konnte nicht mit amateurischen Ergebnissen bei den Kunden ankommen.
      Ich startete erstmal mit den üblichen Dingen, die wichtig waren, um einen Einstieg zu ermöglichen. Ich gab gewisse Termine preis und präsentierte die Anfragen unserer Kunden, worum es die nächsten Tage ging. Als ich mit allem fertig war, kamen jetzt die Ergebnisse meiner Mitarbeiter. Doch dieses gestaltete sich offenbar schwieriger als gedacht. Er kam ins Stauchen.
      "Ich verstehe nicht, worin das Problem liegt, Mister Andrews. Es gab genug Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Wo ist der Bericht? Was ist mit den Diagrammen?", fragte ich und verschränkte die Arme. Ich würde zu gern wissen, was vorgefallen war.
    • Dank Edwards Fürsorglichkeit erholte ich mich schneller, als ich erwartet hatte, auch wenn Edward das vermutlich abstreiten würde. Ich hatte viel Tee getrunken, mich ausgiebig ausgeruht und vor allem meine Ruhe gehabt. Die kleine Erkältung war dadurch schnell bekämpft, und ehe ich mich versah, war ich wieder bei der Arbeit. Dass ich während meiner Krankheit trotzdem weiter an der Aufgabe gearbeitet hatte, mit der mein Kollege an mich herangetreten war, hatte ich Edward allerdings verschwiegen. Ich konnte mir gut vorstellen, was er dazu gesagt hätte, und auf eine Standpauke konnte ich gut verzichten.
      Am nächsten Morgen begrüßte ich die anderen Mitarbeiter und setzte mich anschließend an meinen Schreibtisch. Meine Nase war noch ein wenig verstopft, ansonsten fühlte ich mich aber wieder deutlich besser. Über das Wochenende waren offenbar einige E-Mails eingegangen, weshalb ich mich zunächst daranmachte, mein Postfach zu sortieren. Dabei stellte ich fest, dass doch einiges zusammengekommen war. Kurz darauf kam auch der Mitarbeiter, der mir die Aufgabe übertragen hatte, zu meinem Schreibtisch und erkundigte sich nach meinem Teil. Ich überreichte ihm die Unterlagen, woraufhin er sich sichtlich erleichtert bei mir bedankte.
      „Ich hoffe, der Teil ist so richtig. Bei ein paar Abschnitten war ich mir nicht ganz sicher, weil ich nicht genau verstanden habe, worauf du hinauswolltest.“
      Dass ihm einige Blätter fehlten, die für die Aufgabe eigentlich wichtig gewesen wären, wussten zu diesem Zeitpunkt weder er noch ich. Trotzdem nahm er meine Unterlagen entgegen und bedankte sich noch einmal, bevor er sich auf das anstehende Meeting vorbereitete.
      Als das Meeting schließlich begann, gesellte ich mich zu den anderen in den Konferenzraum und nahm aufmerksam Platz. Ich hörte meinem Kollegen zu, während er die Ergebnisse präsentierte. Da ich selbst nicht sonderlich viel über das gesamte Thema wusste, konnte ich nur wenige Einzelheiten wirklich nachvollziehen, trotzdem versuchte ich, alles so aufmerksam wie möglich mitzuverfolgen.
      Je länger das Meeting dauerte, desto angespannter wurde ich allerdings. Edward schien mit den bisherigen Ergebnissen alles andere als zufrieden zu sein. Als er schließlich nach dem Bericht und den Diagrammen fragte, setzte mein Herz für einen Moment aus. Bezogen sich seine Worte etwa auf meinen Teil?
      Nervös verschränkte ich meine Finger ineinander und senkte den Blick auf meine Hände. Doch welche Diagramme meinte er überhaupt? In meinem Abschnitt hatte es weder Zahlen noch irgendwelche anderen Angaben gegeben, bei denen ich hätte wissen können, dass ein Diagramm dazugehört hätte. Mir wurde plötzlich unangenehm heiß. Ich wagte es nicht, zu meinem Kollegen nach vorne zu sehen. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Gleichzeitig versuchte ich verzweifelt, mich daran zu erinnern, ob ich vielleicht doch etwas übersehen hatte.
      Herr Andrews schien Edwards Frage ebenfalls nicht beantworten zu können. Ich sah nur aus dem Augenwinkel, wie sich seine Ohren langsam röteten. Da wurde mir endgültig klar, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Ich schluckte und hielt meine Hände noch etwas fester zusammen. Hoffentlich würde Edward nicht ausgerechnet jetzt nach meinem Teil fragen. Denn ich wusste beim besten Willen nicht, was ich hätte anders machen sollen. Vor allem wollte ich nicht vor der ganzen Mannschaft preisgeben, dass ich womöglich Schuld dran war, da ich ihm geholfen hatte. Das würde vor allen wohl viel mehr negativ auf ihn wirken, als dass ich ihm jetzt helfen könnte.
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    • Andrews stammelte verlegen. Ich verschränkte meine Arme vor der Brust. Es war keine besonders schwere Aufgabe gewesen. Und mit etwas Disziplin sich selbst gegenüber hätte er das auch alles geschafft. Die Frage war also, warum es dabei Schwierigkeiten gegeben hat und deshalb kein vernünftiges Ergebnis vorliegt. Und auch Castiel benahm sich äußerst merkwürdig. Dafür, dass es nicht seine Aufgabe war, wirkte er sehr nervös. Er starrte seine Hände an, wagte es nicht, hochzusehen und vorallem spannte sich auch sein Körper an. Ich ahnte etwas. Doch das musste ich in Ruhe besprechen. Nicht jetzt vor versammelter Mannschaft. Bin ja nicht herzlos.
      Ich seufzte laut und fuhr mir durch das Gesicht.
      "Mister Andrews, Sie können sich setzen.", wies ich ihn an und ließ das Meeting so weiter gehen, ohne nochmal das Thema anzusprechen. Hatte eh keinen Zweck. Auch wenn ich mit den Diagrammen gerne weiter gearbeitet hätte, um zu einer guten Lösung zu kommen. Daraus wurde ja dann wohl nichts.
      Am Ende des Meetings schrieb ich einen kleinen Zettel auf dem Stand 'In 30 Minuten in mein Büro' und schob ihn Castiel zu. Unauffällig. Niemand sah es, weil alle mit aufräumen beschäftigt sind. Ich sah nochmal kurz in sein Gesicht, ehe ich alles was meins war, mitnahm und den Raum verließ.
      Ich holte mir noch einen Kaffee, ehe ich wieder in mein Büro ging und mich erschöpft in den Stuhl fallen ließ. Ich hatte gehofft, mit einem Ergebnis wieder hier rein zukommen. Aber ich hatte mich offenbar geirrt. Und dann wunderten sich Leute, weshalb ich alles selbst machte. Um eben nicht blöd dazustehen und vorallem um weiter zukommen. Und dann beauftragte er auch noch Castiel mit diesen Aufgaben, der nicht wissen konnte, um was es ging. Er hat sich damit überarbeitet und sein Körper hat kapituliert. Kein Wunder, dass er krank war. Und ich Vollidiot gab auch noch mir die Schuld dafür. Überlegte, wo ich es übertrieben haben könnte. Und dann war das der Grund. Trotzdem habe ich nicht gut genug aufgepasst und versagt.... Das darf mir nicht nochmal passieren. Nachdenklich nippte ich an meinem Kaffee. Ich muss mich beim nächsten Mal klarer ausdrücken. Das nächste Meeting wird wohl wieder reine Zeitverschwendung. Ich dachte noch ein wenig länger daran, als ein Klopfen an der Bürotür meine Aufmerksamkeit erregte.
      "Komm herein, Castiel."
    • Über das Meeting hinweg konnte ich mich nicht entspannen, verunsichert ließ ich meinen Blick nicht mehr zu Edward herüberwandern. Angst davor, dass er mit einem Blick erkennen konnte, dass eigentlich ich derjenige gewesen bin, der die Präsentation ruiniert hatte. Aufgrund dessen konnte ich mich über das Meeting hinweg nicht konzentrieren und konnte mir somit keine Notizen machen. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis ich erlöst wurde. Auch die anderen Mitarbeiter schienen nicht sonderlich in guter Stimmung zu sein, was nicht sonderlich verwunderlich war, wenn man bedachte, dass die Wahrscheinlichkeit hoch war, dass man von Edward höchstwahrscheinlich kritisiert wird. Das nun an eigenem Leib zu erfahren, ließ mich nicht gut fühlen.
      Als es endlich vorbei war, atmete ich erleichtert aus und wartete bis die meisten den Raum verlassen haben. Ich bemerkte erst viel zu spät, dass Edward mir einen kleinen Zettel reichte. Als ich mir sicher war, dass keiner zu mir sah, ließ ich mir den Zettel durch. Ich solle in 30 Minuten in sein Büro kommen. Mein Herz sank zum Boden. Ich befürchtete das Schlimmste und ich merkte wie aufgewühlt es sich in meinem Magen anfühlte. Am liebsten würde ich mich ins Bad zurückziehen, doch ich wusste ich konnte nicht davon weglaufen. Ich atmete tief durch und verließ als Letzter den Raum. Ohne mir etwas anmerken zu lassen, kehrte ihc zu meinemn Platz zurück und versuchte meine Arbeit forzusetzen. Doch egal wie sehr ich versuchte mich zu abzulenken, doch vergebens. Mit einem Seufzer schielte ich immer wieder zurück zur Uhr und als die Qual endlich ihr Ende nahm, stand ich auf und klopfte zögerlich an seiner Tür. Als ich seine Stimme auf der anderen Seite der Tür hörte, öffnete ich vorsichtig die Tür und betrat sein Büro. Ich schloss die Tür hinter mir, räusperte mich und setzte mich auf eins der freien Stühle. Ich wusste nicht wieso, doch ich ahnte, dass er mich wegen dem Meeting fragen wird. Vielleicht bildete ich es mir auch nur ein, doch das timing war zu offensichtlich, als dass es als Zufall abgestempelt werden konnte.
      "Du wolltest mich sprechen?", fragte ich ihn, ohne ihn direkt anzusehen. Ich hielt mich an dem Stoff meiner Hose fest.
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    • Da saß er nun. Wie ein Häufchen Elend. Ein Hund, der weggelaufen war und nun im Regen wieder nach Hause gekommen war. Voller Angst, gescholten zu werden. Ich war sauer. Doch wusste ich nicht so recht, ob er wirklich den Grund wusste. Beim Meeting hatte er schon so da gesessen. Nicht in der Lage, sich zu konzentrieren oder zuzuhören. Er sah immer nur nach unten. Ich seufzte innerlich. Doch nach außen hin musste ich hart bleiben.
      "Sieh mich an, Castiel.", sagte ich bestimmt und verschränkte die Arme vor der Brust. Vielleicht war ich grade etwas zu hart zu ihm. Aber wenn ich will, dass das nie wieder passiert, muss er daraus lernen.
      "Ich schätze, ich habe allen Grund zur Annahme, dass du am Scheitern des letzten Meetings beteiligt bist. Das war eine Aufgabe von Mister Andrews, der die Präsentation ja dann auch durchgeführt hat. Diese kann allerdings nicht vollendet werden, wenn man krank im Bett liegt und deshalb keine Kraft für die Arbeit hat. Dummerweise wohnst du bei deinem Boss im Haus, weshalb du auch nicht heimlich weiter dran arbeiten konntest. Zumindest am Anfang nicht. Es sei denn, du hast ohne mein Wissen deinen Vorgesetzten geändert. Denn ich kann mich nicht erinnern, dir gesagt zu haben, dass du tun sollst, was Andrews sagt.", erklärte ich ihm und machte eine kurze Pause. Ich wollte ihm die Möglichkeit geben, darüber nachzudenken oder sich zu verteidigen.
      "Ich möchte, dass du nur die Dinge tust, die ich dir auftrage. Du arbeitest nicht für die Firma, sondern für mich. Alles andere ist die Aufgabe der Mitarbeiter hier. Ich denke mir was dabei, wenn ich ihnen bestimme Projekte zuteile. Sie kennen die Zahlen und Informationen, die sie brauchen. Du kannst sie noch gar nicht kennen. Du musstest sie dir erst aneignen, bevor du überhaupt anfangen konntest. Das war deinem Körper zu viel und hat kapituliert. Kein Wunder also, dass du Fieber bekommen hast und nebenbei auch noch gesagt, auf der Gala fast zusammen gebrochen bist."
      Wieder eine Pause. Und irgendwie hatte ich nicht das Gefühl, dass er verstand, was ich ihm eigentlich damit sagen wollte. Ich fuhr mir durch das Gesicht. Mir ist er in der ganzen Zeit ein wenig ans Herz gewachsen. Er war immer aufrichtig und zuverlässig. Wäre er das nicht, hätte ich ihm mit einem ganz anderen Gefühl aus dem Büro entlassen. Ich seufzte ergeben.
      "Castiel... Ich habe mir auf der Gala, sowie auch Zuhause Sorgen gemacht. Ich hatte Angst, dass ich dir zu viel aufgebürdet habe und du dem Druck nicht standhalten konntest. Du hast da auf meiner Couch gesessen, eingewickelt in einer Decke mit einer Tasse Tee in der Hand. Und das alles war nur, weil du dich wirklich überarbeitet hast mit Dingen, die nicht in deinem Arbeitsbereich sind, weil jemand anderes nicht in der Lage war, sich damit zu beschäftigen. Was glaubst du, wie es dir an meiner Stelle ergangen wäre? Gerade, weil du davon sprichst, ich würde zu viel arbeiten. Mit dem Unterschied, dass mein Körper das aushält, weil ich es gewohnt bin. Bitte denk darüber nach."

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Kiba ()

    • Ich traute mich kaum, zu Edward hochzusehen, als er mich aufforderte, ihn anzusehen. Ich befürchtete das Schlimmste und fühlte mich ohnehin schon schuldig wegen des gescheiterten Meetings. Und genau das sprach Edward mehr oder weniger an. Er hatte offenbar herausgefunden, dass ein Teil des Problems auf mich zurückzuführen war.
      Kurz fragte ich mich, woher er davon wusste. Hatte mein Kollege es ihm erzählt? Oder hatte Edward die Unterlagen bei mir gefunden? Vielleicht hatte er auch einfach selbst bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Doch mein Mund blieb geschlossen. Ich traute mich nicht, ihm diese Fragen zu stellen. Am Ende spielte es ohnehin keine Rolle. Edward wusste nun davon, und das war alles, was zählte.
      Ich hörte mir still seine mehr oder weniger deutliche Standpauke an und nickte hin und wieder vor mich hin. Er hatte recht. Ich hatte mir zu viel zugetraut und eine Aufgabe angenommen, in der ich geglaubt hatte, sie irgendwie bewältigen zu können. Viel zu naiv war ich an die Sache herangegangen. Ich hatte tatsächlich gedacht, dass ich meine Wissenslücken allein durch Lesen und etwas Eigeninitiative innerhalb so kurzer Zeit überbrücken konnte. Dabei hätte ich einfach sagen sollen, dass ich die Aufgabe nicht verstand.
      Als Edward schließlich meinen Namen sagte, blickte ich vorsichtig zu ihm auf. Er hatte recht. Ich hatte nicht über die Konsequenzen nachgedacht und auch nicht darüber, wie die Situation auf ihn wirken würde. Ich hatte nur eines vor Augen gehabt: helfen zu wollen, meine Nützlichkeit zu beweisen und Edward irgendwie zu unterstützen. Dass das Ganze nach hinten losgehen könnte, hatte ich nicht bedacht.
      Wie hätte ich seine Bitte am Ende auch ausschlagen können? Für mich hatte es sich falsch angefühlt, einfach zu sagen, dass ich etwas nicht konnte, wenn ich zumindest versuchen konnte, mich hineinzulesen. Ich schluckte schwer, räusperte mich und verschränkte meine Finger hinter meinem Rücken miteinander. „Tut mir leid. Du hast recht.“ Ich meinte es tatsächlich so. Ich verstand, was er mir sagen wollte. Ich hatte nur Schwierigkeiten damit, mich zurückzuhalten, wenn ich das Gefühl hatte, jemandem helfen zu können. Doch nachdem ich ihm nun offensichtlich mehr Ärger als etwas Gutes eingebracht hatte, musste ich wohl besser darauf achten.
      „Ich ... ich wollte nur helfen“, murmelte ich leise. Ich senkte den Blick wieder und betrachtete einen Moment lang den Boden. Mir war bewusst, dass Edward mich verstand. Trotzdem erwartete er vermutlich von mir, dass ich solche Situationen in Zukunft vermied.
      Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Nicht, weil ich wütend auf ihn war. Vielmehr ärgerte ich mich über mich selbst.
      „Ich hätte dich vorher fragen sollen“, fügte ich nach einem kurzen Moment hinzu. „Oder einfach sagen müssen, dass ich es nicht kann.“
      Meine Stimme war leise, aber diesmal zwang ich mich, den Blick wieder zu heben. Ich wollte nicht, dass Edward dachte, ich würde nur nicken, weil ich Angst vor seiner Reaktion hatte. Ich hatte verstanden, was er mir sagen wollte.
      „Es wird nicht noch einmal passieren.“ Zumindest würde ich mir Mühe geben, dass es nicht noch einmal passierte. Ich atmete langsam aus und löste meine ineinander verschränkten Finger wieder voneinander. Die Anspannung ließ trotzdem nicht vollständig nach. Ich wusste nicht, ob das Gespräch damit beendet war oder ob Edward noch etwas zu sagen hatte. Ob Edward mit meiner Entschuldigung abtun würde?
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    • Ich hörte mir an, was er zu sagen hatte. Doch er gab nur klein bei und gab mir recht. Er konnte mich nicht ansehen und saß da wie ein Schuljunge vorm Direktor, der gerade Ärger bekam, weil er beim Rauchen auf dem Schulgelände erwischt wurde. War ich zu hart zu ihm? Warum kamen diese Gedanken überhaupt in mein Hirn? Er war ein Angestellter. Der bei mir wohnte.... und mir das Gefühl gab, dass auch er sich um mich kümmerte... Was er ja auch tat. Zu sehr, dafür dass ich eigentlich sein Chef war.
      Ich seufzte lang. Was soll ich nur mit ihm machen?
      "Castiel, ich halte dich nicht für dumm. Und es ist auch nicht vorgesehen, dass du jegliche Fragen deiner Kollegen ablehnst, weil sie Hilfe brauchen. Mich ärgert, dass Andrews eine Aufgabe von mir erhalten hat und selbst beschlossen hat, eine Partnerarbeit daraus zu machen und dann ausgerechnet dich gefragt hat, nur damit er gut da steht. Du hast deine eigenen Aufgaben und würdest dein Hirn völlig überarbeiten, wenn du noch die Aufgaben der anderen übernimmst. Sie machen sich derweil nen schönen Nachmittag bei Kaffee und Kuchen. Und Faulheit kann ich absolut nicht leiden.", erklärte ich in einem sanfteren Ton und sah ihn an. Erneut seufzte ich.
      "Wenn du nichts weiter zu sagen hast, darfst du jetzt wieder an deine Arbeit gehen.", sagte ich leise und stand auf. Denn ich hatte vor, mir noch einen vorzuknöpfen. Auch Andrews kam sicherlich nicht blindlings davon. Vorallem, wenn er Unschuldige mit reinzog.
      Nachdem Castiel nun wieder aus dem Büro getreten war, ging ich ebenfalls durch die Tür und trat nach einem Klopfen ins nächste Büro.
      Man konnte schon den wissenden Blick in seinen Augen sehen. Allerdings sah er auch ängstlich aus. Um Himmels Willen, ich riss hier doch keinem dem Kopf ab. Sah ich wirklich so furchteinflößend aus? Er hatte nunmal Mist gebaut. Und das konnte ich ja schlecht durchgehen lassen.
    • Das schlechte Gefühl in meinem Magen ließ mich auch in den nächsten Minuten nicht los. Ich versuchte, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, doch meine Gedanken schweiften immer wieder ab. Jedes Mal, wenn ich auf den Bildschirm sah, musste ich mich dazu zwingen, die Zeilen erneut zu lesen, weil ich kaum etwas davon aufgenommen hatte. Es ärgerte mich, dass mich das Gespräch so sehr aus der Bahn geworfen hatte. Schließlich war Kritik nichts Ungewöhnliches, und ich wusste, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Trotzdem fiel es mir schwer, die Sache einfach hinter mir zu lassen. Ich hatte niemandem schaden wollen. Im Gegenteil, ich hatte helfen wollen, und gerade deshalb fühlte sich das Ganze so bitter an.
      Nach einer Weile stand ich auf, um mir etwas zu trinken zu holen. In der kleinen Küche füllte ich ein Glas mit Wasser und lehnte mich für einen Moment gegen die Arbeitsplatte. Dabei fiel mein Blick auf den Kalender an der Wand. Zwischen den zahlreichen Terminen und Notizen entdeckte ich einen kleinen Aushang, der mir bisher nie wirklich aufgefallen war. Ein örtliches Tierheim suchte freiwillige Helfer für das kommende Wochenende. Gesucht wurden Menschen, die bei der Versorgung der Tiere halfen, mit den Hunden spazieren gingen oder einfach etwas Zeit mit ihnen verbrachten.
      Unwillkürlich blieb mein Blick daran hängen.
      Ein kleines Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Das war etwas, das ich wirklich gern machen würde. Die Arbeit im Büro war wichtig, und ich wollte meine Aufgaben ordentlich erledigen, doch manchmal vermisste ich etwas, das sich nicht in Zahlen, Berichten oder Terminen messen ließ. Tiere stellten keine komplizierten Fragen. Sie interessierten sich nicht dafür, ob man einen Fehler gemacht hatte oder ob man den Erwartungen anderer gerecht wurde. Man musste sich nur ein wenig Zeit nehmen und ihnen Aufmerksamkeit schenken.
      Mit meinem Glas kehrte ich an meinen Arbeitsplatz zurück. Diesmal fiel es mir leichter, mich wieder auf die kleinen Aufgaben zu konzentrieren. Ich begann damit, einige Unterlagen zu sortieren, beantwortete zwei weniger dringende E-Mails und überprüfte die Ablage. Nichts davon war besonders anspruchsvoll, aber es gab mir das Gefühl, wenigstens wieder etwas unter Kontrolle zu haben. Ich arbeitete langsam, dafür sorgfältig, und kontrollierte jede erledigte Aufgabe noch einmal, bevor ich sie abschloss. Nach dem Vorfall wollte ich mir keine weitere Unachtsamkeit erlauben.
      Als ich später eine kurze Pause machte, öffnete ich auf meinem Handy die Internetseite des Tierheims. Einige Bilder der dort lebenden Hunde erschienen auf dem Bildschirm. Besonders ein älterer, brauner Hund fiel mir auf. Er hatte eine leicht ergraute Schnauze und sah auf dem Foto ein wenig mürrisch aus, während seine Augen beinahe traurig wirkten. In der Beschreibung stand, dass er schon länger auf ein neues Zuhause wartete und fremden Menschen gegenüber zunächst zurückhaltend war.
      Ich betrachtete das Bild etwas länger. Irgendwie konnte ich mich in diesem vorsichtigen Blick wiederfinden. Natürlich war das ein seltsamer Gedanke, aber ich fragte mich, wie es wohl sein musste, ständig darauf zu warten, dass jemand einem eine Chance gab.
      Schließlich legte ich das Handy beiseite und atmete tief durch. Ich konnte den Vormittag nicht rückgängig machen, und es brachte nichts, mich immer wieder für denselben Fehler zu bestrafen. Was ich daraus lernen konnte, war, künftig genauer hinzusehen, meine eigenen Grenzen zu erkennen und rechtzeitig nachzufragen, wenn mir etwas unklar war. Helfen zu wollen war nichts Schlechtes, solange ich dabei nicht vergaß, welche Verantwortung mit meiner Arbeit verbunden war.

      Mit diesem Gedanken wandte ich mich wieder meinem Bildschirm zu. Das Schuldgefühl war noch nicht verschwunden, aber es nahm langsam weniger Raum ein. Vielleicht würde ich heute nicht mehr besonders viel schaffen, doch zumindest konnte ich versuchen, den restlichen Arbeitstag ordentlich zu Ende zu bringen.
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