Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • Der Nebel verfolgte Tessa, war ihr dicht auf den Fersen. Blind stolperte sie voran und wagte keinen Blick zurück. Zu groß war die Angst, wieder eines der Gesichter im Nebel zu sehen. Tessa stolperte durch vertraute Pfade und vorbei am Lichtschein der Laternen, der vom dichten Nebel beinahe völlig verschluckt wurde. Sie stürzte an Zelten und Personen vorbei, ohne sich dabei umzusehen.
      Das Herz in ihrer Brust drohte zu explodieren, so schnell hämmerte es gegen die Rippenbögen. Tessa traute sich nicht, lange genug stehen zu bleiben um Luft zu holen. Sobald sie ruhte und sei es nur für eine winzige Sekunde, würde der Nebel und alles Dunkle, das sich darin verbarg, sie packen.
      Tessa realisierte erst, dass sie das Haupttor erreicht hatte, als ein heftiger Ruck ihre Flucth stoppte. Der magische Zug des Zirkus Magica war stärker als jemals zuvor. Sie bekam kaum einen Fuß über die Grenze, die das Tor markierte, bevor ein unsichtbares Seil die verängstigte Diebin zurückriss. Tessa stürzte und das ohrenbetäubende Gemurmel erhob sich.
      Verschwommene Schattengestalten umringten sie, zogen den Kreis enger und enger bis sie die grotesken Gesichter mit ihren leeren, schwarzen Augenhöhlen erkennen konnte. Sie stieß einen spitzen Schrei aus. Auf allen vieren kroch Tessa weg von den Gestalten, deren Geflüster alles übetönte.
      Sie schaffte es auf die Beine, das Messer fest umklammert und rannte zurück in des Labyrinth des Zirkus Magica.
      Ein beherzter Griff um die Hüfte stoppte aus heiterem Himmel die Diebin mitten im Lauf. Tessa fühlte sich, als wäre sie gegen eine Mauer gelaufen. Der Ruck drückte ihr die Luft aus den Lungen. Nachdem der erste Schock verebbte, begann sie um sich zu treten. Schimpfend und zappelnd wehrte sich Tessa gegen den Angreifer aus dem Nebel. Sie kratzte, trat um sich und stieß mit dem Ellbogen zu.
      "Geh weg! Lass mich!"
      "Tessa! Um Himmels Willen...Was...?...beruhig Dich...!"
      "Lass mich los!"
      "...Hauptplatz...Leute beruhigen...Holt Chester. Sofort!"
      "...bitte."
      "Jetzt reicht es, Tessa. Halt...still! Was ist...gefahren...!? AH!"
      Der erbarmungslose Griff, in dem Tessa hing, erschlaffte. Etwas Warmes floss über ihre Hand, über ihren Unterarm bis zum Ellbogen. Ein weiteres Mal ging Tessa zu Boden. Sie robbte zurück, bis etwas Hartes im Rücken ihren Weg stoppte. Rau und spröde wie Holz. Ein Kiste, vielleicht. Sie saß in der Falle. Tessa zog die Beine an den Körper und verbarg das Gesicht an ihren Knien, presste die Augen zusammen bis Sterne in der Dunkelheit tanzten.
      ...und während Tessa wimmernd das blutige Messer umklammerte und kaum genügend Luft bekam, presste Owl die Hand auf die blutende Wunde in seinem Oberschenkel.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Jude war die erste, die Chester erreichte. Gehetzt und außer Atem kam sie beim Lagerzelt an; sie hatte ihn erst in seinem Zelt gesucht.
      "Chester! Du musst mitkommen... die Kugel!"
      Überrascht drehte Chester sich zu ihr um, zu der alten Frau, die japsend nach Luft schnappte. Ihr Anblick besorgte ihn; aber ihre Worte versetzten ihn in schiere Aufregung. Wenn etwas mit der Kugel war, konnte das schlimm werden, sehr schlimm sogar.
      Er warf die Kostüme auf den Tisch, die er bis dahin untersucht hatte.
      "Was ist mit der Kugel?"
      Noch während er sprach, lief er bereits selbst los und Jude klebte sich hechelnd an seine Fersen.
      "Sie hat... da war... Rauch und... Nebel... aus dem Glas... der ganz dunkel und so... so..."
      Chester musste gar nicht mehr hören, um selbst in schiere Panik zu verfallen. Dunkler Nebel... verdammt noch eins! Er hätte dieses verfluchte Ding zerstören müssen, als er noch die Gelegenheit dazu gehabt hatte.
      "Hast du ihn eingeatmet? Ist er zu dir gekommen?"
      Chester rannte jetzt selbst, so schnell er konnte, und ließ Jude damit hinter sich. Keuchend kam sie ihm nach, doch als er langsamer wurde, um ihre Antwort zu hören, rief jemand anderes seinen Namen.
      "Chester! Chester!"
      Russell kam herangelaufen, bleich im Gesicht und mit riesigen Augen. Chester wollte ihn ignorieren, aber er lief ihm genau in den Weg.
      "Nicht jetzt, Russell!"
      "Aber es ist wichtig! Tessa hat -"
      "Nicht jetzt sag ich!!"
      Russell zuckte vor ihm zurück, da erreichte Jude sie.
      "Ich hab ihn... nicht... eingeatmet... aber - Chester!"
      Er war schon wieder losgelaufen, hatte genug gehört. Jude folgte ihm diesmal nicht, war zu sehr außer Atem, sondern rief nur:
      "Tessa hat es!"
      Chester blieb schlitternd wieder stehen. Er wirbelte herum.
      "Was?"
      "Tessa hat... die Kugel... benutzt und... es ist... schiefgegangen."
      Schiefgegangen. Dunkler Nebel. Verdammte Scheiße.
      Eine Eiseskälte legte sich auf Chesters Knochen ab. Russell sah ihn mit panischen Augen an. Tessa.
      Noch schneller kam er zurückgelaufen.
      "Geh zu deinem Wagen, mach die Tür zu! Geh nicht rein, unter keinen Umständen, egal, was du hörst - egal was, verstanden? Schließ die Tür ab und läute die Glocke. In dieser Reihenfolge!!"
      Jude nickte nur und setzte sich wieder in Bewegung. Chester herrschte Russell als nächstes an und gemeinsam rannten sie den Weg zurück, aus dem der Junge gekommen war.
      Zu seinem größten Entsetzen, hatten sich bereits einige Leute versammelt und standen jetzt unsicher um etwas auf dem Boden herum. Chester machte nicht Halt vor ihnen, sondern stieß sie unsanft zur Seite. Tessa.
      "Ins Kantinenzelt! Alle ins Kantinenzelt! Jetzt sofort! Das ist keine Übung!"
      Auf das Kommando zogen die meisten ab und gaben den Blick letztlich auf Tessa frei. Tessa!
      Chester stürzte zu ihr auf den Boden. Bei seinem Anblick wurde sie wild, ihr Arm schnellte nach oben, ein Messer blitzte in der Dunkelheit. Chester riss die Hand nach oben und packte ihr Handgelenk - aber sie war stärker als er. Unmenschlich stark. Ihre geballte Faust traf ihn immernoch am Arm und das Messer riss ihm mit einer Leichtigkeit die Haut auf. Chester grunzte und konnte sich nur vor einer Enthauptung schützen, indem er die Gegenwehr aufgab und sich stattdessen wegduckte. Tessa war schon viel zu lange dem Nebel ausgesetzt gewesen.
      Sein Blick fiel auf Owl, der wie angewurzelt noch dastand.
      "Owl! Bring mir -"
      Chesters Blick fiel auf das dunkle Rot, das seine Hose besudelte.
      "Geh ins Kantinenzelt! Lass dich verarzten; Russell!"
      Der Junge zuckte so heftig zusammen, dass er davon hüpfte.
      "Bring mir Ketten! Schnell!"
      Sein Gesicht wurde noch viel weißer und er sah aus, als müsse er sich gleich übergeben, aber Chester ignorierte ihn. Sein Blick sprang zurück zu Tessa, die sich furchtsam wieder an der Kiste kauerte. Sie sah ihn nicht an und zitterte am ganzen Leib.
      "Tessa - ich bin hier. Wir sind alleine und du bist im Zirkus. Hier ist niemand außer uns. Alles wird gut. Hör nicht darauf, was sie dir sagen. Leg das Messer weg - das Messer."
      Tessa hörte ihn nicht, oder vielleicht hörte sie ihn sehr wohl. Ihr Blick traf ihn wieder und Chester erschauderte; ihre Pupillen waren fast weiß. Sie waren beinahe verschwunden.
      Nicht mehr lange und er würde sie endgültig verloren haben - verloren an den Nebel.
      "Tessa", sagte er diesmal mit deutlicherem Nachdruck und rutschte vorsichtig näher heran. "Leg das Messer weg. Leg es weg. Ich kann dir helfen, du musst mich nur lassen. Alles wird in Ordnung gehen, aber leg das Messer weg."
    • Ohne Zögern holte Tessa mit dem Messer aus, zerschnitt Nebel und Geflüster. Eine Schlinge legte sich um ihr Handgelenk, deren Anblick der Nebel vor ihr verbarg. Eine unsichtbare und unheimliche Kraft, die ihr das Einzige entreißen wollte, was sie beschützte. Ihre einzige Waffe. Wild und knurrend schlug das Mädchen die Schatten zurück.
      "Tessa - ich bin hier."
      Ein heftiger Ruck ging durch Tessa, die diese Stimme wohl unter Tausenden wiedererkannt hätte. Chester. Eine Welle der Erleichterung bemächtigte sich ihrer zitternden Gestalt, die trotz aller Frucht langsam den Kopf hob. Ein erstickter Schrei blieb ihr in der Kehle stecken. Wenige Meter vor ihr hockte nicht Chester. Es war die Fratze, die auf dem Kopf stand und träge auf der Stelle auf und ab schwebte. Leere, tiefschwarze Augen starrte sie an. Verstört betrachtete Tessa das umgekehrte Lächeln, doch je mehr sie den Kopf verrenkte und das Gesicht in die richtige Position brachte, umso deutlich wurden die heruntergezogenen Mundwinkel. Tessa wurde speiübel, als sich frostiges Eis in ihre Eingeweide fraß.
      "Leg das Messer weg - das Messer.", verlangte die Stimme, die plötzlich gar nicht mehr nach Chester klang und doch ihren Klang mit erschreckender Perfektion imitierte. Die Worte begleitete ein stetiges Rauschen, dass Tessa als das furchteinflößende Gemurmel erkannte. Das Messer zitterte bedrohlich zwischen unsteten, bleichen und eiskalten Fingern.
      "Nein, nein, nein. Das ist ein Trick. Er ist nicht hier. Niemand ist hier, nur...", wimmerte Tessa und kugelte sich noch mehr zusammen.
      "Leg das Messer weg. Leg es weg. Ich kann dir helfen, du musst mich nur lassen."
      "Chester...", wisperte Tessa. Sie flehte, dass es kein Hirngespinst war.
      "Er kann dir nicht helfen. Niemand kann dir helfen. Du bist allein."
      Der schemenhafte Umriss einer Frau mittleren Alters löste sich aus der Nebelfront. Sie war blass, farblos und ihre Augen kalt und leer. Tessa erinnerte sich nicht daran, dass Isadora Penhallow ihre Tochter jemals anders angesehen hatte.
      "Alles wird in Ordnung gehen."
      "Nichts ist Ordnung, wenn du deine Freunde vergisst. Du hast immer geglaubt, du bist etwas Besseres als wir."
      Rechts von ihr schälte sich ein Junge aus dem Nebel. Das Haar stand ihm wirr vom Kopf ab, mehr grau als braun wie es eigentlich sein sollte.
      "Nein, nein. Das ist nicht wahr."
      "Wie ist mein Name, Tess? Sag ihn. Sag ihn. SAG IHN!"
      Tessa presste ihren Rücken fest gegen die Wand, aber es gab kein Entkommen.
      "Du hast mich sterben lassen."
      Neben dem Jungen löste sich Rosie aus dem Nebel. Die Traurigkeit in ihrer Stimme war das grausame Echo unzähliger Albträume.
      "Ich dachte wir wären Freundinnen."
      "...aber leg das Messer weg."
      "Sei still. Du bist nicht echt!"
      Das Flüstern schwoll an, verwandelte sich in einen Chor gefüllt mit Gelächter und boshaftem Zischen.
      "Verräterin."
      "Feigling."
      "Lügnerin."
      "Seid still. Bitte seid still..."
      "Mörderin."
      "NEIN! Das ist nicht wahr! SEID STILL!"
      Tessa warf sich wie ein verwundetes Tier nach vorn, das Messer im Anschlag.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Zuerst dachte Chester mit Erleichterung, dass Tessa ihn erkannte - aber die Freude hielt nicht lange an. Mit fast pupillenlosen Augen starrte sie an ihm vorbei und mit jeder weiteren Sekunde vertieften sich die Falten in ihrem Gesicht.
      Sie sprachen mit ihr. Sie, die aus dem Nebel kamen, und Tessa war schon zu weit weg, um sie zu ignorieren. Sie war genau in ihrer Mitte.
      "Tessa", sagte Chester und dann noch einmal, dringlicher. Wieder rutschte er näher heran, befand sich fast in Griffweite. Da rief sie plötzlich:
      "Sei still. Du bist nicht echt!"
      "Ich bin echt. Ich bin hier, ich bin bei dir. Du bist nicht alleine. Hör mir nur zu, Tessa, hör meine Stimme. Folge ihr."
      Tessa erzitterte. Sie rollte mit den Augen, die Panik stand ihr tief ins Gesicht geschrieben. Jetzt schien sie ihn gar nicht mehr zu sehen. Scheiße.
      "Seid still. Bitte seid still..."
      "Hör mir zu, Tessa. Alles wird in Ordnung kommen. Es ist okay, sie sind gar nicht da. Glaub nicht, was sie dir sagen."
      Chester streckte die Hand nach ihr aus. Da ging plötzlich ein Ruck durch ihren Körper und mit einem Schrei warf sie sich nach vorne.
      "NEIN! Das ist nicht wahr! SEID STILL!"
      Chester schreckte zurück. Sie prallte gegen ihn mit einer Wucht, die ihm die Luft aus den Lungen trieb. Er prallte zurück und Tessa fiel auf ihn, jagte das Messer auf ihn hinab. Die Klinge blitzte durch die Luft und Chester war für einen Moment gewillt, den Tod einfach anzunehmen. Das wäre viel einfacher, jetzt zu sterben und in ein paar Stunden wieder aufzustehen, als sich dieser unkontrollierbaren Kraft zu stellen.
      Aber nein. Er durfte nicht sterben. Nicht mit einer potentiell geöffneten Kugel und mit Tessa, die kurz davor stand, überzutreten. Er durfte sie nicht im Stich lassen, nicht für ein paar Stunden - nichtmal für ein paar Minuten; er musste ihr helfen.
      Mit rasendem Herzen warf er sich herum und die Klinge schnitt haarscharf an seinem Ohr vorbei. Sie grub sich in die Erde und jetzt erkannte er auch, dass es kein gewöhnliches Messer war; es war Owls Messer. So scharf, dass es durch alles schneiden konnte, auch durch Erde. Der Untergrund bot ihm keinen Widerstand und so schnell, wie Tessa zugeschlagen hatte, steckte ihre Hand plötzlich bis zum Handgelenk in der Erde drin.
      Chester handelte sofort. Er nutzte den glücklichen Moment aus, um sich unter ihr hervorzudrehen und sie an den Schultern zurückzureißen. Das Knacken ihres Handgelenks bedeutete nichts gutes, aber Knochenbrüche ließen sich heilen. Der Nebel ließ sich nicht heilen, wenn er einen einmal gepackt hatte.
      Tessa geriet unter dem Übergriff in Rage. Sie riss den Arm herum und erwischte Chester an der Schulter, warf ihn damit zu Boden. Chester keuchte auf und wirbelte herum, wich damit ihrem nächsten Schlag gerade so noch aus. Das Messer hatte sie in der Erde stecken gelassen, wo es auch erstmal bleiben sollte. Ohne war Tessa eine genauso große Gefahr.
      Sie rangen miteinander, auf der kühlen Zirkuserde. Tessa schlug wie wild um sich und Chester versuchte sie festzuhalten, versuchte ihre Arme einzufangen und sich dabei nicht treffen zu lassen. Immer wieder rief er ihren Namen, aber es war alles nutzlos. Schon viel zu spät. Ich werde dich nicht verlieren, Tessa!
      "Chester!"
      Russell war wiedergekommen, in der Hand eine Zugkette. Unschlüssig stand er jetzt da, gut einen Meter von ihnen entfernt, und schaute verzweifelt auf das Geknäuel von Gliedmaßen und die wütenden und verängstigten Schreie, die Tessa von sich gab, hinab.
      "Wirf sie her!"
      Russell gehorchte. Chester konnte sich gerade lang genug von Tessa lösen, um die Kette blind aufzufangen, dann hatte sie ihn bereits wieder und schlug mit Fäusten nach ihm. Mittlerweile hatte sie ihn schon mehrfach getroffen und überall dort flammte der Schmerz auf. Chester biss die Zähne zusammen und hielt ihr entgegen. Ich werde dich nicht verlieren!
      Mit einem Aufschrei warf er sich gegen sie. Trotz ihrer Kraft war Chester noch immer schwerer und er riss Tessa mit sich zu Boden. Im Gegenzug donnerte ihre Faust gegen seinen Kopf; ein brachialer Schmerz explodierte in seinem Gehirn und für einen Moment konnte er gar nichts sehen. Doch er ließ sie nicht los, klammerte sich mit seinem ganzen Körper an sie und bekam es schließlich, halb blind und orientierungslos, zustande, ihr die Kette um den Leib zu schlingen. So fesselte er ihre Arme an den Körper, was Tessa nicht davon abhielt, ihn weiter anzuschreien. Doch die Kette hielt ihrem Aufstand entgegen.
      "Ist gut. Ist gut", sagte er schwer keuchend und richtete sich taumelnd auf. Russell stand noch immer dabei und sah mit großen Augen zu.
      "Alles gut. Komm her. Schhh."
      Er beugte sich zu Tessa hinab, hob sie hoch und warf sie sich über die Schulter. Sie rammte ihr Knie in seinen Bauch und er knickte ächzend ein. Diesmal war Russell aber zur Stelle und bot vorsichtig seine Hilfe an.
      "Schon... gut..."
      Japsend richtete er sich wieder auf.
      "Ins Zelt. Schnell."
      Sie gingen, die wütende Tessa zwischen sich, und tauchten bald in das hell erleuchtete Kantinenzelt ein. Dort herrschte bereits helle Aufregung; der ganze Zirkus hatte sich eingefunden. Ein paar Leute gaben verängstigte Kommentare ab, als sie Tessa sahen.
      "Es geht ihr gut. Macht Platz, es geht ihr gut."
      Chester scheuchte die Leute beiseite und legte Tessa auf einem der Tische ab. Liam kam zu ihm, bleich und verängstigt im Gesicht.
      "Besorgt mir Kerzen, wir leuchten sie aus. So viele Kerzen wie nur möglich. Niemand verlässt dieses Zelt!"
      Er drehte sich um, während Liam nach den Kerzen rannte.
      "Egal, was ihr draußen zu hören denkt: Niemand verlässt das Zelt!"
      Liam kam wieder und sie stellten die Kerzen um Tessa herum auf, bis es keinen Zentimeter Schatten mehr um sie gab. Dann hielt Chester sie fest und beugte sich nervös über sie.
      "Tessa? Tessa, Kleine? Kannst du mich hören?"
    • In dem Moment, in dem Tessa sich brüllend gegen die bleichen Nebelgeister warf, stürzte sich der flüsternde Nebel wie ein hungriges Wolfsrudel auf sie. Anstatt vor der schieren Wucht der Attacke zu weichen, prallte Tessa gegen eine unüberwindbare Mauer. Der Aufprall stahl ihr den Atem, ließ die verängstigte Diebin nach Luft schnappen und eine weitere Flut aus nebligen Schwaden füllte ihre Lungen. Ziellos schoss die blitzende Klinge in ihrer Hand gen Boden und versank darin, weil das Erdreich dem Artefakt keinen Widerstand bot. Die dunkle Furchte verschluckte Messer und Hand gleichermaßen. Tessa gab ein animalisches, verzweifeltes Grunzen von sich und zerrte am Heft des Messers, doch die aufgewühlte Erde schloss sich wie ein klaffendes Maul um ihre Handgelenk.
      "Niemand schert sich einen Dreck um dich."
      Unsichtbare Hände im Nebel rissen sie herum. Flüsternde Stimmen kicherten höhnisch, als ihr Handgelenk unter der Gewalt nachgab und Tessa vor Schmerz aufheulte. Der Schmerz brachte die Klarheit nicht zurück. Er machte Tessa noch wilder in ihrer Verzweiflung den Fratzen, dem Gelächter und den Geistern des Nebels zu entkommen. Tessa ließ nicht locker. Sie schlug, kratzte und trat mit aller Macht um sich bis sie auf Widerstand traf.
      "Ich würde noch leben, wärst du nicht gewesen."
      Ein Grollen ließ den Nebel erzittern. Die schwarzen, lippenlosen Münder von ein Dutzend unheimlicher Fratzen öffneten sich zu einem stummen Schrei. Tessa wollte sich die Hände auf die Ohren pressen, doch da zerschnitt etwas plötzlich den Nebel. Ein wütender Aufschrei schrillte in ihren Ohren und Tessa erstarrte, weil sie ganz genau wusste, dass sie die Stimme kannte. Fahrig glitt ihr Blick durch den dichten Nebel, in dem sie kaum noch die eigene Hand vor Augen sehen konnte.
      "Sag meinen Namen, Tess."
      Was im nächsten Augenblick gegen sie prallte und Tessa zu Boden riss, fühlte sich wie ein Körper an. Fest, greifbar und warm im eisigen Griff des Nebels. Der panischen Frau stimmte in den Schrei mit ein, als sie die verletzte Hand in den Wirrungen unsichtbarer Gliedmaßen unter sich begrub. Tränen schossen ihr in die Augen.
      "Sag ihn!"
      "Ich kann nicht!", heulte Tessa und holte ein letztes Mal aus.
      Ihr Körper ächzte vor Erschöpfung und trotzdem trieben Frucht und Wahn sie an bis sie ihre Arme nicht mehr bewegen konnte. Egal, wie sehr Tessa sich abmühte und die Muskeln spannte, ihr Körper versagte ihr den Dienst.
      "Verschwindet! Lasst mich in Ruhe! Geht weg!"
      Die Welt drehte sich bis Tessa den Boden unter den Fußen verlor. Sofort lechzte der Nebel nach der Stelle im Gras, an der sie zuvor noch gelegen hatte. Tessa verlor die Orientierung. Wo war Oben und Unten? Wo waren die Zelte? Die Laternen? Was sie trug, schien sie tiefer in den Nebel schleppen zu wollen um ihr den letzten Funken Verstand zu rauben...wenn sie ihn nicht schon längst verloren hatte. Da ihre Beine ihr noch gehorchten, trat sie zu so fest sie konnte. Der Gang der...der Kreatur geriet ins Stocken. Ein Ächzen erklang unweit von ihrem Ohr entfernt und Tessa lachte hysterisch auf über den lächerlichen Triumph, der ihr letztendlich auch nicht half.
      Schnaubend sackte Tessa in sich zusammen, aber das hielt sie nicht davon ab, wüste Beschimpfungen in den Nebel zu schleudern. Sie verstummte erst, als ein fahler Lichtschein durch den Nebel drang. Zarte, kleine Flämmchen, die das triste Grau erleuchteten. Die Flammen schienen soweit weg und doch bildete sich Tessa ein etwas von ihrer flackernden Wärme zu spüren.
      Das Mädchen schluchzte laut.
      "Tessa? Tessa, Kleine?"
      "Ich kann nichts sehen..."
      "...Kannst du mich hören?"
      "Das Flüstern ist so laut...Ich kann nicht...kaum. Chester? Sie wollen mich nicht...in Ruhe lassen..."
      Ihre Stimme klang so schrecklich dünn und zögerlich, als könnte sie ihren Ohren nicht trauen.
      "Ich kann nicht...sehen. Lass mich...ich muss...Lass mich los. Sie kommen, ich kann sie hören. Sie sind so laut, so böse..."
      Tessa begann sich zu winden, doch es gab kein Entkommen.
      "Er weiß, was du getan hast. Glaubst du wirklich, er würde dir noch helfen? Dich lieben? Er hasst dich."
      "Nein, nein...Das ist ein Trick...!", schluchzte Tessa und begann leise, manisch vor sich hin zu murmeln. "Du bist nicht hier. Was ich getan habe...wenn du...Nein, du bist nicht hier..."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Ich kann nichts sehen... Das Flüstern ist so laut...Ich kann nicht...kaum. Chester? Sie wollen mich nicht...in Ruhe lassen..."
      Mit den Kerzen war Tessa ruhiger geworden und als sie seinen Namen aussprach, erlaubte Chester sich einen ehrlichen Hoffnungsschimmer. Sofort beugte er sich zu ihr hinab und legte die Hände an ihre Wangen.
      "Ich bin hier, ich bin hier. Ich weiß, hör nicht auf sie. Hör auf niemanden, alles wird gut werden. Alles wird gut werden."
      "Warum ist sie so? Was ist mit ihr?", fragte Liam erschrocken von der Seite und die Frage ging durch all die anderen, die sich schaulustig um den Tisch gesammelt hatten.
      "Ich kann nicht...sehen", sagte Tessa voller Grauen.
      "Sie wird in Ordnung kommen. Tessa, alles wird -"
      "Lass mich..."
      "- gut, du bist in Sicherheit."
      "Ich muss...Lass mich los."
      "Hab keine Angst. Du musst dich nicht fürchten, dir wird nichts passieren."
      "Was passiert dort draußen, Chester?", fragte Jasmin panisch. "Müssen wir sterben?"
      "Sie kommen, ich kann sie hören. Sie sind so laut, so böse..."
      Tessa bewegte sich wieder und die Ketten kratzten hörbar über den Tisch. Ein paar wichen vor ihrem grausigen Anblick zurück, zutiefst getroffen. Chester musste sich wieder darauf konzentrieren sie festzuhalten, denn obwohl sie nicht mehr ausschlagen konnte, drohte sie jetzt, sich vom Tisch zu winden.
      "Schhh, hör nicht hin. Hör nicht hin, Tessa. Niemand hört hin - egal, was ihr dort draußen hört! Liam, zähl durch - niemand geht nach draußen. Macht alles Licht an, das ihr finden könnt."
      "Nein, nein...Das ist ein Trick...!"
      Tessa fing jetzt an zu weinen. Ihre nicht-sehenden Augen rollten unaufhörlich und sie verfiel in einen Wortschwall, der nicht aufhören wollte.
      "Du bist nicht hier. Was ich getan habe...wenn du...Nein, du bist nicht hier..."
      Chesters Herz sackte ihm in die Hose. Nicht Tessa!
      "Liam! Liam!"
      "Ja?!" Der Mann kam zurück zu ihm gelaufen, panisch und noch immer ängstlich. Er hielt Abstand zu Tessa, die sich wieder mehr wand.
      "Geh in die Küche, wir räuchern sie aus. Es wird die Geister vertreiben, bevor sie -"
      "Geister?!", kam die allgemein panische Reaktion all der anderen Darsteller, die sich noch immer nahe bei ihnen tummelten.
      "- sie rüberziehen. Es geht nicht anders. Setz Wasser auf bis es dampft, dann wirfst du Ringelblume rein, Ringelblume mit... mit..."
      Chester fror ein.
      "Chester?", fragte Liam nach einem Moment, nachdem Tessa den Kopf wieder herumwarf und den Tisch zum Wackeln brachte. Roy war zur Stelle, um ihn festzuhalten, nachdem Chester nur bewegungslos starrte. Nach einem Moment sagte er:
      "Ich... Ich weiß es nicht mehr."
      "Du weißt es nicht mehr?!", fragte Liam schrill.
      "Es gibt ein Rezept, aber ich weiß es nicht mehr. Es ist so lange nicht mehr passiert und ich dachte... aber..."
      Tessa murmelte wieder, zuckte. Liam packte Chester an den Schultern, grob für den sonst ruhigen Mann, und schüttelte ihn.
      "Dann erinnere dich! Erinner dich an das Rezept!"
      "Ich weiß es nicht mehr! Es war Ringelblume und -"
      "Wie viel? Wie viel davon?"
      "Keine Ahnung! Es musste irgendwas... es waren nicht nur Kräuter, es musste irgendwas sein, um die Geister... wegen der Kugel..."
      Er fasste sich an den Kopf. Seine Gedanken rasten, aber das Rezept brachten sie nicht hervor. Alles holten sie hervor, Chester wusste so viel, aber ein Rezept, das wusste er nicht. Es bereitete ihm Kopfschmerzen.
      "Ich weiß es nicht."
      Alle starrten sie Tessa an, die sich auf dem Tisch herumwarf. Roy hielt sie jetzt fest und nach einem Moment war auch Chester wieder da, tat zumindest die eine Sache, zu der er hier fähig war. Während er sie hielt, ließ er sich neben ihr auf eine Bank sinken.
      "Dann wird sie sterben?", fragte Liam leise, aber laut genug, dass es in dem jetzt totenstillen Zelt überall gehört werden konnte. Chester starrte in die entsetzten Gesichter, wohlwissend, dass er wieder versagt hatte.
      "Nicht, wenn sie bis zum Sonnenaufgang nicht übergetreten ist. Dann schließt sich die Kugel von selbst, sie verträgt kein Tageslicht."
      Es ist nur ein Mensch, ein Mensch von vielen, versuchte er sich einzureden, aber es gelang ihm nicht. Nicht, wenn er dabei auf Tessa hinabsah - gerade Tessa, die ihn bereits vor sich selbst gerettet hatte. Nein, auch sie würde keiner von vielen sein, genauso wenig wie Toby es gewesen war. Chester brachte es einfach nicht übers Herz.
    • Nach dem Nebel kam die Dunkelheit. Tessa war allein, umgeben von schwarzem Nichts. Die Stimmen waren verstummt, der Schmerz verebbt, das Licht verblasst und die Angst eine ferne Erinnerung. Sie fühlte sich schwerelos, beinahe friedlich in der Schwärze, die alles verschluckte. Die Zeit hatte an Bedeutung verloren. Stunden, Tage, Wochen oder gar Monate; Es spielte keine Rolle mehr. Tessa wollte bleiben. In dieser allgegenwärtigen Dunkelheit, in der Nichts mehr von Bedeutung war. Weder ihre Lügen, ihre Albträume noch ihre Angst. Wovor hatte sie sich noch gefürchtet? Sie hatte es vergessen.
      "...das ist meine Schuld. Ich hätte ihr das Messer nicht geben dürfen."
      Die Stimme drangen durch die Stille. Dumpf und weit entfernt, als kämpften sie sich durch unzähligen Schichten von Glas. Tessa verzog das Gesicht, denn mit der Stimme kam der Schmerz zurück. Ein gleißendes Brennen pochte in ihrem Handgelenk. Es wurde nur schlimmer, als sie versuchte ihre Finger zu krümmen. Es raschelte zur ihrer Linken. Zumindest glaubte Tessa das. In der Dunkelheit und ohne jegliche Orientierung war das schwer zu sagen. Tessa presste die Augenlider festzusammen. Sie wollte nicht zu dem Schmerz zurück, der tiefer ging als das brennende Puckern in ihrem Handgelenk.
      "...dann ist es auch meine Schuld. Niemand von uns konnte wissen, dass..."
      Die Stimme gehörte eine Frau. Sie war rau, brüchig und träge vom Alter. Tessa spürte eine Welle der Behaglichkeit, die über sie hinweg schwappte. Warm und vertraut. Ein Klang, der ihr Trost spendete. Sie fühlte sich besser an, als die Stimme des Mannes zuvor, die voller Reue und Sorge gewesen war.
      Irgendwo raschelte es. Sie kannte das Geräusch. Es war der Wind, der an den Zeltwänden zerrte. Tessa erschauderte. Kälte drängte sich durch die Dunkelheit, nagte an ihren Fingerspitzen und legte sich auf ihr Gesicht. Der Kälte folgte ein schwacher Lichtschimmer, der trotzdem hell genug war um sie durch die geschlossenen Augenlider in den Augen zu stechen. Die Schwerelosigkeit wich einem harten Untergrund, in den sich ihre Schulterblätter bohrten, und einem bleichschweren Gewicht, dass auf ihre Brust drückte. Tessa schnappte im Grau ihrer Welt nach Luft. Ein metallischen Klirren, viel zu laut für Ohren, die sich bereits an die vollkommene Stille gewöhnt hatten, erklang. Etwas hielt sie, drückte sie auf den harten Boden.
      "...es ist schon hell. Sollte sie nicht langsam..."
      Wieder die Stimme des Mannes, schwer und belegt.
      "...warte! Hast du das gesehen? Die Finger!"
      Finger?
      Tessa konnte nicht folgen. Sie war damit beschäftigt den Kopf zur Seite abzuwenden, um dem immer helleren Licht zu entkommen. Es knarzte und klapperte um sie herum. Schwere Schritte näherten sich, schlugen dumpf auf hölzernem Boden auf.
      "Sie haben sich bewegt! Chester, schau!"
      Getuschel erhob sich wie ein Summen. Viel zu Laut, viel zu nah.
      Tessa wollte sich wegdrehen, doch das Gewicht auf ihrem Körper hielt sie fest. Ein scharfer Schmerz schoss durch ihre Hand.
      "Au...", wimmerte Tessa mit brüchiger Stimme, die sie kaum wiedererkannte.
      "Ich glaub' sie wird wach."
      Die Männerstimme.
      "...natürlich w-werde ich wach...wenn..."
      Tessa fuhr sich mit der Zungenspitze über die trockenen, rissigen Lippen. Ihr Mund war wie ausgetrocknet, die Zunge schwer wie Blei.
      "...w-wenn ihr hier so r-rumschreit..."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nach dem ersten Schock wurde alles ein bisschen ruhiger. Leute setzten sich, auf die Bänke oder den Boden, und für die alten und schwachen wurde in der Küche eine kleine Liege-Insel errichtet. Man versuchte sich zu entspannen, oder wenigstens nicht daran zu denken, was dort draußen lauern könnte und wie es mit Tessa weitergehen würde - viele Blicke waren ängstlich auf sie gerichtet, während ihre Besitzer darauf hofften, dass sie es schaffen würde. Man hatte Tessa lieb gewonnen, durch ihre neugierige Art und ihr herzliches Lachen, und man wollte sie nicht verlieren. Der Tod sollte im Zirkus Magica ein bekannter Gefährte sein, aber leicht war es deswegen trotzdem nicht. Ganz besonders nicht, wenn man praktisch dabei zusehen konnte.
      Chester verblieb bei ihr, achtete auf die Warnzeichen und darauf, dass die Ketten nicht scheuerten. Er hielt die Kerzen am Brennen und versuchte sich mit Liam zu unterhalten, versuchte das Chaos zu regeln und den morgigen Tag zu planen. Sie würden den Zirkus schließen müssen, ganz sicher, und sobald Chester konnte, würde er zur Kugel gehen und sie sich anschauen müssen. Wenn sie wirklich offen war, hätten sie ein großes Problem - einen verfluchten Zirkusboden konnte man nicht so einfach richten. Das würde ihn sein gesamtes Vermögen kosten und dazu auch noch die Seelen einiger Unschuldiger. Es könnte sein Ruin werden und Chester wollte sich nicht vorstellen, was er mit leeren Zirkus anfangen würde. Nicht schon wieder.
      Im besten Fall war nur ein bisschen übergetreten, aber auch das würde er reinigen müssen. Das waren aber alles Probleme, mit denen er sich erst beschäftigen konnte, wenn er die Kugel gesehen hatte.
      Irgendwann wagte Owl sich zu ihm durch. Der Mann war verarztet worden und sah mit offener Betroffenheit auf das bleiche Mädchen hinab. Chester ergriff Tessas gesunde Hand und drückte sie leicht. Dein Lehrer ist bei dir.
      Er erkundigte sich zaghaft danach, wie es ihr ging, und dann:
      "Das ist meine Schuld. Ich hätte ihr das Messer nicht geben dürfen."
      Chester schüttelte den Kopf.
      "Niemand konnte es wissen. Du hast ihr mit dem Messer vertraut und das war alles gut so. Mach dir keine Vorwürfe."
      Wer sich am meisten Vorwürfe machte, ließ Owl nicht alleine dort stehen. Jude saß die ganze Zeit schon auf der anderen Seite von Tessa und sah miserabel aus.
      "Dann ist es auch meine Schuld. Niemand von uns konnte wissen, dass die Kugel spinnen würde. Ich hätte aufpassen müssen."
      "Ich vertraue dir, dass du alles so gemacht hast, wie ich es dir gesagt habe, Jude", sagte Chester mit einer Sanftheit, die er eigens für sie in seine Stimme legte. "Artefakte sind unberechenbar, selbst wenn sie richtig genutzt werden. Du hast alles richtig gemacht - ihr alle habt alles richtig gemacht."
      Ganz so sehr glaubte er seinen eigenen Worten selbst nicht - dass die Kugel überlief, konnte nicht durch Zufall geschehen sein, dafür hatte Chester gesorgt. Es musste etwas gewesen sein, was Tessa gesehen hatte, oder eine Art, wie sie die Fragen beantwortet hatte. Irgendetwas musste schief gelaufen sein und er würde herausfinden, was - nur nicht jetzt. Erst hatten die Menschen Vorrang und dann, dann konnte er sich mit dem Problem befassen.
      Außerhalb des Zeltes ging langsam die Sonne auf. Die Lichtstrahlen drangen durch kleine Unebenheiten der Plane und erhellte ihre Außenseite. Chester wurde etwas nervös, als er auf Tessa hinab sah und sie sich noch immer nicht rührte, das Gesicht totenbleich, der Körper ganz erstarrt. Verdeckt tastete er nach ihrem Puls und war nur wenig erleichtert, ihn flach aber beständig zu finden. Tessa war noch nicht über das Risiko hinaus. Was, wenn sie noch sterben würde?
      "Es ist schon hell", sagte Owl rau. Traurig sah er auf Tessa hinab. "Sollte sie nicht langsam... warte!"
      Ein kurzer Adrenalinstoß zuckte durch Chesters Körper und er sah auf.
      "Was?"
      "Hast du das gesehen? Die Finger!"
      Chester war sofort hellwach. Er sprang auf und sah auf die leblose Tessa hinab, beobachtete beide ihrer Hände.
      "Sie haben sich bewegt! Chester, schau!"
      Da - tatsächlich! Ihr Zeigefinger zuckte, dann krümmte er sich mit dem Mittelfinger zusammen. Chester rief sofort nach Liam.
      Das Zelt verfiel in wilde Aufregung, die Menschen drängten heran, um einen Blick auf Tessa zu werfen. Liam suchte nach dem Schlüssel für die Ketten und derweil wurde Tessa immer wacher, zuckte mit dem Kopf, verzog das Gesicht. Ihr Mund öffnete sich und ein kleiner Leidensausdruck floss ihr über die Lippen.
      Chester war sofort bei ihr. Er tätschelte ihre Wange und beugte sich über sie, damit der Großteil des Zeltes von ihm abgeschirmt war.
      "Ich glaub' sie wird wach."
      "...natürlich w-werde ich wach... wenn...", sagte Tessa in einem zittrigen Stimmchen, das nur einen Hauch sie selbst war. Chester lächelte trotzdem begeistert - sie hatte es geschafft. "...w-wenn ihr hier so r-rumschreit..."
      "Schhh, sch sch sch. Spar dir die Kraft, dann sind wir ganz still", gurrte er, wobei er darauf vertraute, dass Liam sein Wort schon irgendwie durchsetzen würde. Immerhin hörte das aufgeregte Geplapper auf.
      Zärtlich strich er ihr über die Wangen, über die Stirn, über den Hals, versuchte sie zu erden. Das schlimmste war überstanden, jetzt musste sie sich nur noch erholen.
      "Sieh mich an, Tessa. Mach die Augen auf. Komm zu mir, meine Kleine, dann werd ich dich auch nicht weiter nerven. Komm, mach die Augen auf. Sieh mich an, Tessa."
      Im Hintergrund schloss Liam die Ketten auf und zog sie möglichst leise von Tessas Körper. Er achtete dabei darauf, ihr Handgelenk nicht zu berühren, dass nur behelfsmäßig gebunden war. Sie würden es schienen müssen, im Krankenzelt.
      Chester redete weiter sanft auf Tessa ein, bis sie schließlich die Augen aufzwang und ihr Blick sich nach und nach auf ihn fokussierte. Chester hätte vor Erleichterung gerne laut geseufzt: Ihre grünen Augen waren zurück, mit Pupillen. Zwar etwas milchig und die Pupillen waren etwas zu groß, aber die Farbe war zurück. Chester strahlte.
      "Guten Morgen, du Sonnenschein."
      Er schob die Hand unter ihren Kopf, damit sie etwas weicher lag, und schickte Liam nach Wasser. Dann war er zurück dabei, über ihre Haare zu streichen.
      "Wie fühlst du dich? Hmm?"
    • "Chester?", flüsterte Tessa.
      Sie zitterte trotz der warmen und sanften Hände, die ihr Gesicht streichelten. Die Kälte des Nebels hatte sich bis tief in ihre Knochen gefressen. Das Gewicht verschwand von ihrem Brustkorb und Tessa nahm einen tiefen, zittrigen Atemzug.
      Der Sog des Schlafes klammerte sich an ihr Bewusstsein, doch Chesters liebevolles Flüstern zog sie behutsam aber eindringlich zurück in die Welt der Lebenden. Tessa wollte ihm wirklich den Wunsch erfüllen, die Augen zu öffnen. Mühevoll schlug Tessa die vom Schlaf verklebten Augen auf und drehte augenblicklich den Kopf weg, als das Licht sie blendete. Tessa scheute vor der Helligkeit zurück, doch die Hände an ihren Wangen hielten sie fest.
      "Guten Morgen, du Sonnenschein."
      Die Worte schwebten über ihr und endlich hob sich der Schleier über ihren Augen. Chester schob sich in ihr Blickfeld, ein strahlendes Lächeln auf den Lippen. Heller als das Sonnenlicht, das langsam in das Zelt kroch. Er sah müde aus, besorgt. Bei dem Anblick wurde ihr Herz ganz schwer, aber sie verstand nicht warum.
      "...was ist passiert?", murmelte sie bis ihre Augenlieder flatterten und ihr Kopf in seinen Händen erschöpft zur Seite rollte.
      Eine Hand schob sich unter ihren Kopf, gab ihr Halt während das Gefühl in ihre Glieder zurückkehrte.
      "Wie fühlst du dich? Hmm?"
      "Als wäre Hector auf ihr herumgetrampelt..."
      Tessa erschauderte.
      "Mir ist kalt."
      Owl humpelte für eine Sekunde weg und kehrte mit einer Decke zurück, die er Chester hinhielt. Keiner wagte es, Tessa anzufassen. Eine bunte Mischung aus Besorgnis, Verwirrung und Angst zeichnete sich auf den unzähligen Gesichtern ab. Bei Owl überwog die Schuld. Er stand still daneben während Chester das Häufchen Elend, das Tessa gerade war, vorsichtig in die Decke wickelte.
      Augenblicklich fühlte sich Tessa ein wenig besser.
      Erleichtert beobachtete Owl wie langsam Farbe auf ihre Wangen zurückkehrte. Der regungslose Gesichtsausdruck und die aschfahle Haut hatte dem hochgewachsenen Mann einen gehörigen Schrecken eingejagt.
      Tessas Blick zuckte zu ihrem bandagierten Handgelenk. Verwirrt zog sie die Augenbrauen zusammen und hob ächzend den Arm an.
      "Was ist...m-mit meiner Hand passiert?"
      Plötzlich zuckten verschwommene Bilder durch ihre Erinnerung.
      Nebel, die Gesichter und die Stimme. Ihre Hand und das Messer.
      "Nein, nein, nein...was hab ich gemacht? Was hab ich getan?", murmelte sie panisch. Blut. So viel Blut. "Hab ich jemanden verletzt? Das wollte ich nicht! Ich...ich...Oh Gott, Chester! Es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass das passiert. Davon stand nichts in...Ich...Es tut mir so leid. Das musst Du mir glauben!"
      Kraftlos schlossen sie die Finger ihrer unverletzten Hand um seinen Ellenbogen.
      Tränen schossen ihr in die Augen.
      "Ich wollte doch bloß..."
      "Chester.", sagte Owl leise und blickte sich um. Die Crew des Zirkus Magica rückte wieder näher, spitzte die Ohren.
      Tessa drückte zu.
      Federleicht, als wäre ihre Hand gar nicht da. Als wäre sie noch im Nebel und Chester könnte sich in Luft auflösen.
      "Es tut mir so, so leid."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Als wäre Hector auf mir herumgetrampelt...", murmelte Tessa undeutlich und Chester kicherte, als wäre nie etwas gewesen. Für den Augenblick schuf er die Illusion, dass sie beide nur ihren verschlafenen Gedanken nachhingen.
      "Das sag ich ihm, das wird ihm bestimmt nicht gefallen."
      "Mir ist kalt."
      Das kurze Geraschel, das ihren Worten folgte, löste Chesters Illusion wieder auf. Sie waren nicht alleine und sie hatten auch keine normale Nacht erlebt, sie waren im Kantinenzelt und hinter den Planen verging gerade der Schrecken der Nacht. Dasselbe Unheil, das Tessa zu dieser Kälte erst gebracht hatte.
      Chester lächelte traurig und richtete sich auf, damit Owl Tessa in die Decke hüllen konnte. Aber der große Messerwerfer rührte sich gar nicht, sondern hielt sie ihm nur hin, als sei er unsicher darüber, was er selbst damit anstellen sollte. Alle der Anwesenden standen herum, als wüssten sie nicht, wohin mit sich. Chester musste es ignorieren, indem er die Decke entgegennahm und sie vorsichtig über Tessa ausbreitete. Er nahm sich die Zeit, sie ordentlich darin einzuwickeln, damit auch keine Lücke entstand. Um sie herum herrschte Stille.
      "Gleich wird's besser, versprochen."
      "Was ist..."
      Tessa zuckte ein wenig. Auf ihrem Gesicht breiteten sich Sorgenfalten aus und ihr Arm rührte sich, als sie die Bandage bemerkte - oder auch den Schmerz, der dahinter verborgen lag. Chester war sofort zurück bei ihr.
      "...m-mit meiner Hand passiert?"
      "Ein Unfall", sagte er so sanft und heuchlerisch, dass einige der anderen die Blicke abwandten. Sie konnten Tessa nicht in die Augen sehen, doch Chester hielt ihrem Blick stand, selbst dann noch, als ihre Pupillen sich verengten, als sie unruhig wurde. Ihre Schultern verkrampften sich, ihr Blick wurde unstet.
      "Nein -"
      "Doch."
      "- nein, nein...was hab ich gemacht?"
      Was sie gemacht hatte? Das war eine Spur zu direkt, eine Spur zu viel. Daran sollte sie sich nicht erinnern und Chester war schnell dabei, es auch zu verhindern. Erfolglos.
      "Was hab ich getan? Hab ich jemanden verletzt?"
      Im Hintergrund rückte Owl ab, wie um seine Bandage zu verstecken. Chester hätte den dummen Mann schlagen können, blieb aber wo er war, ein sanftes Lächeln im Gesicht, während er Tessa zu beruhigen versuchte.
      "Es ist alles in Ordnung, Tessa. Nichts ist passiert, du musst dir keine Sorgen machen. Alles ist gut."
      Aber Tessa wurde panisch. Die Erinnerung kam wieder und ihr Kopf war der einzige Ort, den Chester in diesem Zirkus nicht besuchen konnte.
      "Das wollte ich nicht! Ich...ich..."
      "Es ist alles -"
      "Oh Gott, Chester! Es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass das passiert. Davon stand nichts in...Ich..."
      Moment, was?
      "Es tut mir so leid. Das musst Du mir glauben!"
      Chester zog die Augenbrauen zusammen, dann umfasste Tessa seinen Ellenbogen. Er blinzelte.
      Egal.
      "Ich wollte doch bloß..."
      "Chester."
      Chester sah auf. Owls Blick zuckte zu den Umstehenden Leuten, die Tessas Ausbruch betreten beobachteten. Das hier war kein Ort, um über den Vorfall zu reden und damit die Panik nur noch weiter zu schüren. Sie hatten die Nacht überstanden, jetzt mussten sie weiter nach vorne blicken. Alles andere musste nicht an die Öffentlichkeit dringen.
      "Es tut mir so, so leid."
      Chester sah wieder zurück auf eine weinende Tessa und streichelte ihr liebevoll über die Wange.
      "Nichts muss dir leid tun. Es geht dir gut und das ist das wichtigste."
      Schließlich konnte sie nichts dafür, dass die Kugel kaputt war. Oder was auch immer damit geschehen sein mochte.
      Chester beugte sich wieder zu ihr hinab.
      "Ruh dich erstmal aus, du hast die Nacht kaum geschlafen. Komm mal her."
      Er schob die Arme unter sie und hob sie vorsichtig vom Tisch auf seinen Schoß, wo er ihren kalten Körper an sich drücken konnte. Die Decke schlang er erneut um ihre Gliedmaßen und richtete sich auf der Bank ein.
      "Ich will noch warten, zwanzig Minuten, bis die Sonne heller ist. Dann können wir alle nach draußen - und dann bring ich dich zuerst zum Arzt. Bis dahin ruh dich aus, Tessa. Ich bin hier und dir wird nichts passieren."
      Er dirigierte ihren Kopf an seine Schulter, dann strich er mit den Fingern durch ihre Haarsträhnen. Langsam verliefen sich auch die anderen, nachdem selbst der letzte sich vergewissert hatte, dass Tessa wieder bei Bewusstsein war.
      Erst später, als Chesters Rücken ihm schon wehtat, seine Beine eingeschlafen waren und er selbst kurz davor war, über Tessa einzuschlafen, hob er sie langsam von seinem Schoß auf die Bank und stand dann auf. Um sie herum regte es sich und die Leute schauten neugierig, während Chester zum Eingang ging. Einmal sah er sich um, betrachtete die Menschen, die sich verhalten hinter ihm sammelten, dann lichtete er die Plane und ging nach draußen.
      Die letzte Kälte der Nacht verpuffte schon langsam unter einer hellen Sonne. Der Zirkus lag friedlich und verlassen vor ihm, die Trampelpfade verwaist und erdig, die Zelte unangetastet und vollständig. Aus dem Kantinenzelt drang das leise Gemurmel der Menschen heraus, aber von draußen ertönten keine Stimmen. Irgendwo zwitscherten die Vögel.
      Chester sah sich prüfend um und wartete ein paar Sekunden ab. Hätte er etwas vernommen, auch nur den leisesten Nachhall eines stimmenartigen Geräuschs, er wäre sofort wieder hineingegangen. Aber nichts geschah und so rief er nach einem Moment.
      "Es ist alles sicher."
      Damit öffnete er die Planen vollständig und ließ die Leute austreten, während er zurückging, um Tessa zu holen. Er trug sie auf den Armen und ließ Liam die Arbeit des Geschäfts übernehmen, um Tessa zum Arzt zu bringen. Dort setzte er sie ab und mit ein paar geschmeichelten Versprechungen, ließ er sie alleine dort zurück.
      Denn Chester hatte eine Kugel zu schließen. Oder sich zu überlegen, wie er seinen Zirkus vor dem Untergang bewahren sollte.
      Mit schweren Schritten ging er danach weiter zu Judes Wagen hindurch. Die Müdigkeit zog an ihm und machte seine Knochen schwer, aber er plagte sich dennoch durch. 12 Stunden verblieben ihm, um die Kugel zu schließen. Er sollte nicht noch mehr davon vergeuden, als er eh schon getan hatte.
      Jude stand schon bei ihrem Wagen, nervös und ganz offensichtlich unsicher, was sie sonst tun sollte. Auch sie war sichtlich erschöpft, aber sie kam gleich zu Chester, als sie ihn entdeckte.
      "Ich bin nicht hinein gegangen, wie du es gesagt hast. Aber hier ist auch kein... Nebel mehr. Ist das ein gutes Zeichen? Ist es vorbei?"
      "Das muss ich mit eigenen Augen sehen", sagte Chester und ging einmal um den Wagen herum. Die Fenster waren geschlossen - so wie aufgetragen - und die Tür auch. Das Holz sah normal aus, wodurch man zumindest ausschließen konnte, dass die Kugel noch auslief. Doch sonst konnte Chester nichts erkennen und Chester war längst kein Experte für Artefakte. Wenn er etwas übersehen würde...
      Naja. Deswegen ging er immerhin alleine rein.
      Vor der Tür blieb er stehen und lächelte Jude an.
      "Geh und leg dich hin. Ich mach die Kugel zu und dann kannst du deinen Wagen wieder beziehen, aber bis dahin dauert es ein paar Stunden. Wenn ich nicht zurück bin, bis die Sonne untergeht, dann sei so gut und lass alle wieder im Kantinenzelt übernachten. Nur zur Sicherheit."
      "Und wenn du morgen nicht zurück bist?"
      Das war eine Frage, die Chester nicht beantworten konnte. Deswegen tat er das, was er in solchen Situationen immer tat.
      "Bis heute Abend hab ich es sicher gereinigt. Mach dir keine Sorgen."
      Damit verabschiedete er sich von Jude und öffnete die Tür ihres Wagens. Drinnen war es dunkel und ein feiner, gräulicher Dunst trat ins Tageslicht heraus, wo er sofort wieder verblasste. Chester ging hinein und schloss die Tür hinter sich.
    • Tessa starrte auf die Tür von Judes Wohnwagen, als könnte sie diese allein durch pure Willenskraft dazu bewegen, sich endlich zu öffnen. Die Sonne würde bald hinter dem großen Zirkuszelt untergehen und bisher fehlte von Chester jede Spur.
      Seit mehreren Stunden saß Tessa auf der Holzkiste in sicherem Abstand zum Wagen der Wahrsagerin und wartete vergeblich auf ein Lebenzeichen. Sie hatte versucht, sich an die Ereignisse der Nacht und des Tages zu erinnern, den roten Faden in ihren Erinnerungen zu finden, doch alles war zu einem undurchsichtigen, nebligen Fleck verschmolzen als betrachtete sie die Geschehnisse durch dickes Milchglas. Hin und wieder klarte das Bild auf, gab den Blick frei auf die verzerrten Fratzen im Nebel, die Geister der Vergangenheit und Chesters besorgtes Gesicht.
      Nur war das nicht das Schlimmste.
      Selbst ein Bilder hätte bemerkt, dass die Zirkusleute einen Bogen um sie machten. Niemand schaute ihr ins Gesicht. Sie hatte etwas Schreckliches getan und dabei war Owls verletztes Bein lediglich die Spitze des Eisberges. Irgendwann war der Messerwerfer unter dem Betteln seines Schützlings eingeknickt. Tessa fühlte sich schlecht, aber zumindest hatte sie ein wenig Klarheit bekommen. In ihrem Wahn hatte sie tatschlich jemanden verletzt und das würde sich die Diebin nie verzeihen. Wie vieles andere auch nicht, dass in den letzten Tagen und Wochen geschehen und in einer Katastrophe gegipfelt war.
      Fröstelnd zog sie die schwere Wolldecke enger um ihre Schultern und drückte das geschiente Handgelenk an ihre Brust. Das Handgelenk war gebrochen. Damit lag ihre Karriere, die gerade erst begonnen hatte, vorerst auf Eis. Kein Messerwerfen, keine Tanz und keine abenteuerlichen Klettereien mit Chester mehr. Trotz der Decke und mehreren Schichten warmer Kleidung, die für die milden Frühlingstemperaturen übertrieben wirkten, fror Tessa. Die Kälte des Nebels hielt sich hartnäckig.
      "Die Sonne geht gleich unter", murmelte Owl leise.
      Neben der Kiste stand Owl und trug die aschfahle Ella trotz seines verletzten Beines auf den Armen. Die Kartenverkäuferin wog kaum etwas und war ohnehin noch schlechter zu Fuß unterwegs als Owl. Heute war es ganz besonders schlimm.
      Ella machte sich große Sorgen.
      "Wir sollten...", flüsterte Ella in die unheimliche Stille, die den Zirkus Magica gefangen hielt, und sah sich zu Jude um.
      "Ein paar Minuten noch", sagte Tessa leise.
      Mehr als ein Flüstern traute sich niemand in der Nähe des Wagens.
      "Tessa..."
      Sie hasste wie dünn Owls Stimme klang.
      "Nein."
      "Du solltest nicht so nah am Wagen sein, wir wissen nicht..."
      Ella.
      Tessa zuckte zusammen, weil die Angst, die sich in die Stimme der alten Frau schlich möglicherweise nicht der Kugel allein galt. Eigentlich wollte sie so weit wie möglich von der Kugel weg sein. Es graute ihr davor, was hinter der Tür lauerte, aber sie war es Chester schuldig. Das Mindeste, das sie tun konnte, war auszuharren, während er ihr Chaos beseitigte.
      "...der ganze Schlamassel ist meine Schuld. Ich sollte da drin sein und ihm..."
      "Um was zu tun? Ihm helfen?"
      Tessa zuckte unter dem harschen Tonfall des Messerwerfers zusammen. Sie musste nicht hinsehen, um zu wissen, wie Owl gequält das Gesicht verzog.
      "Sorry..."
      "Nein. Nein. Du hast Recht. Ich hab genug Schaden angerichtet", murmelte Tessa ganz kleinlaut.
      Während sie leise flüsternd sprachen, wandte sie nicht eine Sekunde lang den Blick von der Tür ab. Ja, sie traute sich nicht einmal zu blinzeln. Am Ende war der Anblick der geschlossenen Tür leichter zu ertragen, als die nackte Furcht in den Gesichtern ihre Freunde - Falls sie das noch waren.
      "Komm schon, Chester. Bitte."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Drinnen im Wagen war es stockdunkel und so stolperte Chester ein wenig herum. Zu seinem Glück waren die Wagen alle gleich aufgebaut und er fand schnell das Bett und die relevante Kommode daneben, aus dem er ein Streichholz zog und entzündete. Die Vorhänge ließ er geschlossen und entzündete nur die Kerzen daneben, um den Raum bald in ein warmes, fahles Licht zu tauchen. Die Möbel warfen dunkle Schatten und Chester erschauderte unmittelbar, als er sie in dem unsteten Licht der Kerzen leicht bewegen sah. Sein Nacken kribbelte und er sah sich um, aber der Wagen blieb still. Die Schatten blieben leblos, die Kerzen blieben ruhig. Dennoch konnte er das Gefühl nicht loswerden, dass Augenpaare auf ihm ruhten.
      Komm schon”, sagte er leise, mehr zu sich selbst als zu allem anderen. Chester mochte nicht sterben können, aber das hieß nicht, dass ihm so manches nicht unangenehm werden konnte. Und die Kugel, die war ihm verdammt unangenehm.
      Unscheinbar stand sie auf dem Tisch, umringt von einem Teeservice, das Jude wohl extra für Tessa aufgestellt hatte. Der Nebel im Inneren bewegte sich ganz leicht, so wie er es immer tat, und die Oberfläche sah glatt und ungebrochen aus. Chester starrte ihn einen Augenblick lang an, dann fiel sein Blick auf eine tiefe Kerbe im Holzboden, die zuvor noch nicht da gewesen war. Nachdenklich runzelte er die Stirn und musste unwillkürlich an Tessas Messer denken. Hatte sie es fallen gelassen? Warum? Wieso sollte sie es aus ihrer Tasche ziehen?
      Einen Augenblick lang dachte Chester darüber nach, dann musste er sich willentlich davon losreißen. Er war müde und ließ sich leicht ablenken; die Kugel war wichtiger. Da konnte er noch so lange über Tessas Messer nachdenken, der Kugel musste er sich so oder so widmen.
      Mit einem schweren Seufzen setzte er sich auf Judes Stuhl. Er zog die Kugel zu sich heran und legte die Hände auf die kühle Oberfläche. Keine Fragen, keine Gedanken - nur Chester und der Nebel in der Kugel, der friedlich vor sich hin waberte. Die Müdigkeit half dabei, seine Gedanken treiben zu lassen. Nur ein paar Sekunden vergingen, dann machte es der Anblick des Nebels schwierig, sich davon zu lösen. Chesters Gedanken wurden schwer und er verlor das Gefühl für seine Umgebung. Das Licht der Kerzen schien zu schrumpfen und die Schatten sich auszudehnen, alles wurde verzerrt und lang und dunkel und irgendwie neblig, durchzogen von dem Schleier, der in der Kugel noch immer wogte und Chester in seinen Bann schlug. Bald setzte das Geflüster ein.
      Hineinzugelangen war nicht schwierig. Chester musste nach getaner Arbeit nur wieder den Ausgang finden.
      Das Geflüster schwoll an zu Gesprächen und Geräuschen, die Schemen des Wagens verflüchtigten sich unter einem rauchigen Schleier. Chester vergaß, dass er auf einem Stuhl saß - und dann kamen sie. Die anderen.
      Augen, die sich aus dem Rauch bildeten, Münder, die sich aufrissen, Gesichtsformen, die wie unter einer Decke hervorstachen. Ausdrucksvolle Grimassen, stimmlose Schreie, Geräusche, die zu einer Kakofonie anschwollen. Chester musste sich willentlich zusammenreißen, um unter dem ansteigendem Druck in seinem Kopf nicht dem Wahnsinn zu verfallen. Er zog den Kopf ein - sofern es ihm ohne Kopf möglich war, denn seinen richtigen Körper spürte er schon nicht mehr -, dann machte er sich auf den Weg. Auf die Suche nach der Öffnung.
      Es dauerte nicht lange, bis die ersten richtigen Wörter sich aus dem allgemeinen Lärm heraus kristallisierten. Ein geflüstertes Chester hier, ein gestöhntes Chester dort. Wortfetzen, Gespräche, Bitten und Flehen.
      “Chester, hilf mir! Hilf mir, Chester, du musst mir helfen!”
      “Du denkst immer nur an dich selbst. Die ganze Zeit. Chester, Chester, Chester. Es ist, als wären wir gar nicht da.”
      “Was ist nur in dich gefahren, Chester? Warum bist du so? Was ist passiert, das dich so werden lässt?”
      “Du darfst ihr nicht wehtun, Chester! Du darfst es nicht! Nein - bleib weg von mir! Bleib weg, sag ich!”
      “Ich liebe dich, Chester. Für immer und ewig.”
      Chester machte sich gar nicht erst die Mühe, den Stimmen irgendetwas entgegenzusetzen. Sie waren nicht wirklich real, es waren nur Geister der verfluchten Kugel, die ihn zu manipulieren versuchten. Nichts hiervon war real. Er ignorierte sie und schob sich weiter durch undefinierbare graue Massen, aber zu ignorieren war schwierig, wenn es nichts gab außer die Stimmen. Die Stimmen und das Grau, das sich bis in die Unendlichkeit zog. Wo war nur die Öffnung?
      “Es wäre besser, wenn du den Zirkus schließen lässt, Chester. Mach ihn zu und sorge dafür, dass kein Mensch mehr mit der Uhr in Berührung kommt.”
      “Chester, bitte! Ich habe so Angst - bitte hilf mir! Lass mich nicht alleine!”
      “Du hast mich umgebracht! Umgebracht hast du mich - wie einen räudigen Köter!”
      Chester erschauderte. Ihm fiel der Name der Stimme ein, die er gerade herausgehört hatte, und das, obwohl er krampfhaft versuchte, sie zu ignorieren. Deswegen hörte er besser nicht zu, was hier gesprochen wurde. Er konnte sich an jeden einzelnen von ihnen erinnern.
      “Ich habe dir vertraut, Chester. Du hast mich benutzt und weggeworfen wie eine Requisite. Fühlst du dich immernoch schuldig? Tust du das?”
      “Ich hasse dich, Chester! Ich wünschte, ich wäre dir nie begegnet!”
      “Denkst du manchmal noch an mich? An das, was du mir angetan hast? Träumst du davon? Ich hoffe es.”
      “Chester, ich flehe dich an! Chester -”
      “Der Zirkus ist nicht mein Zuhause. Er wird es nie sein.”
      “Fahr zur Hölle, Chester!”
      Chester biss die Zähne zusammen. Wo ist nur die verdammte Öffnung?
      “Ich bin so alleine…”
      “Ohne dich wäre der Zirkus viel besser.”
      “... und habe so viel Angst…”
      “Du hast mich geliebt und jetzt sieh, wohin es mich gebracht hat!”
      “... ich möchte nachhause. Bitte, Chester, ich möchte nachhause.”
      Chester blieb plötzlich stehen. In dem dichten Nebel riss er die Augen weit auf und drehte sich um, sah die Grimassen um sich gezielt an. Diese Stimme… er hatte sie erkannt.
      ... Elizabeth? Bist du das?
      “Ja - ja!”
      “Gib mir die Uhr, Chester. Vertrau mir. Ich weiß, was zu tun ist, vertrau mir.”
      “Ich bin es! Hol mich hier raus Chester, ich will nachhause!”
      Chester wurde eiskalt. Das Herz raste ihm in der Brust und seine Nackenhaare stellten sich auf, als er weiter auf die wirbelnden Gesichter starrte, die ihn umgaben. Er glaubte, sie dort sehen zu können und doch… es sollte unmöglich sein. Aber war es unmöglich? Wusste er wirklich genug über die Kugel, um es ausschließen zu können?
      Elizabeth…
      “Ich würde es wieder tun! Dich umbringen, jeden Tag, jede Sekunde, die ich zur Verfügung habe! Ich würde dich so oft umbringen, bis du nichts anderes kennst als Schmerzen!”
      Chester zuckte zurück. Er wünschte, er hätte sich die Ohren zuhalten können, doch das konnte er nicht. Er durfte nicht so lange hier drin bleiben, irgendwann würde es ihn wahnsinnig machen. Noch mehr, als er eh schon war.
      Elizabeth -
      “Bitte Chester!”
      Ich kann dich nicht rausholen. Ich weiß nicht wie.
      “Du hast gesagt es wäre sicher! Du hast gesagt, wir können nach draußen!”
      Aber es war nicht so - es war nicht so und das tut mir leid, okay? Aber ich kann es nicht rückgängig machen. Ich weiß nicht wie!
      “Du musst! Chester bitte, du musst! Ich will nachhause, ich -”
      “Küss mich, Chester. Küss mich, als wäre es unser erstes Mal. Lass es uns unser letztes Mal sein…”
      “- halte es hier nicht aus! All die Stimmen, die ganze Zeit, sie lassen mich nicht in Ruhe! Ich will nachhause, ich will wieder einen Körper haben! Ich will leben!”
      Ich weiß nicht wie - lass mich in Ruhe! Tut mir leid, aber ich kann nicht! Lass mich!
      “Du kannst mich nicht im Stich lassen! Es ist deine Schuld, Chester, du kannst mich nicht alleine lassen! Lass mich nicht alleine! Bitte! Hilf mir!”
      Ich kann nicht! Ich kann nicht!
      Chester stob durch die Gesichter hindurch, doch sie formten sich sofort neu, folgten ihm auf seinem unbestimmten Pfad durch die Kugel. Die Stimmen begleiteten ihn, laut und eindringlich, fordernd. Elizabeths Stimme vermischte sich mit anderen und zum Teil war Chester froh, dass er sie nicht mehr so deutlich hören konnte. Zum Teil verfolgte sie ihn damit umso mehr.
      Er hatte keine Ahnung, wie lange er durch das Nichts eilte. Er hatte keine Ahnung, wo die Öffnung war, keine Ahnung, wie er hier irgendetwas finden sollte. So war die Kugel, unberechenbar, unvorhersehbar, und er hatte bisher noch niemanden finden können, der ihm damit weiterhelfen konnte. Wenn er die Öffnung nicht fand, wann sollte er anfangen, nach dem Ausgang zu suchen? Und wenn er ihn auch nicht fand… Würde es so mit ihm zu Ende gehen? Gefangen in einem Nichts, dazu verdammt, ewig als Gesicht herumzuschweben?
      Fast hätte er schon darüber lachen können. Als ob die Realität so viel besser aussehen würde.
      Doch dann entdeckte er etwas, eine Anomalie in dem sonstigen Rauch. Die Stimmen verstärkten sich und da wusste Chester, dass er es gefunden hatte. Schnell eilte er darauf zu.
      Die Öffnung schien wie das verzerrte Bild eines Traumes. Die Farben waren verwaschen und die Formen stimmten nicht ganz, aber Chester konnte es eindeutig erkennen: Das Innere von Judes Wagen, aus dem Blickwinkel der Kugel. Und er selbst, wie er dort am Tisch saß, die Augen nach hinten gerollt, der Mund geöffnet. Er sah bleich aus, ausgezehrt, mit dunklen Augenringen. Irgendwie tot. Für einen Moment starrte Chester nur; er hatte sich selbst noch nie tot gesehen. Er glaubte nicht, dass er sich jemals tot sehen wollte.
      Der Moment hielt genau so lange an, wie er die Stimmen ignorieren konnte. Dann prasselte alles wieder auf ihn ein und Chester bemühte sich schnell, die Öffnung zu schließen. Er dachte an die Fragen, die gestellt werden mussten, er dachte an die Antworten, die gegeben werden mussten. Der Nebel um ihn herum vibrierte zur Antwort und Chester konzentrierte sich ganz darauf, die Öffnung zu schließen. Die Kugel gehorchte.
      “C h e s t e r.”
      Eine einzelne Stimme donnerte plötzlich durch das Gewirr der anderen und Chester schrie auf, ohne einen Ton von sich zu geben. Er wirbelte herum und - dort war sie, auch ohne, dass sie sich von den anderen Grimassen unterschied. Sie. Mit leeren Augen starrte sie ihn an und unter ihrem Blick schrumpfte Chester unmittelbar in sich zusammen. Er ließ von der Öffnung ab und kauerte sich defensiv zusammen.
      “W a s t u s t d u d a?”
      Sie war nicht hier. Sie war nicht hier! Chester wusste das, er wusste es mit absoluter Sicherheit. Sie ist nicht hier!
      “A n t w o r t e!”
      Ich schließe die Kugel! Ich schließe nur die Kugel!
      Sie war nicht hier. Das war nur ein Trick, wie alle anderen Stimmen, wie Elizabeth. Niemand war hier drinnen, nicht körperlich zumindest. Niemand konnte hineinsehen, außer er berührte die Kugel, und das tat gerade niemand. Niemand außer Chester.
      Dennoch konnte er sich nicht dazu bringen, das Gesicht anzusehen, geschweige denn die Kugel wieder zu befehligen. Er kauerte auf einem Boden, der gar nicht existierte, und versuchte, vor dem Blick zu verschwinden. Vergeblich.
      “L a s s s i e, w i e s i e i s t.”
      Die Kugel ist verflucht - sie funktioniert nicht richtig. Sie ist gefährlich. Wenn ich sie offen lasse, wird sie -”
      “L A S S S I E!”, donnerte die Stimme und Chester jaulte auf. Er kroch vor dem Gesicht fort, aber das Gesicht folgte ihm, ließ ihn nicht in Ruhe. Keines der Gesichter gab ihm seinen Frieden, alle redeten sie auf ihn ein. Chester fing an zu weinen.
      “L a s s d i e K u g e l w i e s i e i s t.”
      Ich kann nicht, die Kugel muss geschlossen werden, bitte -
      “I c h b e f e h l e e s d i r!”
      Chester weinte und verbarg den Kopf in den Armen. Er hatte ihr noch nie widersprechen können. Er konnte einfach nicht.
      Er wusste nicht, wie lange er so in dem Lärm aus Stimmen lag, einem versteckten Wahnsinn so nahe, dass er schon greifbar wurde. Zur Hälfte hatte er sich schon damit abgefunden, die Ewigkeit hier zu verbringen, denn wirklich, wo bestand der Unterschied? Ob im Zirkus oder hier, wo war der Unterschied? Konnte er dann nicht genauso gut bleiben und den Stimmen zumindest geben, was sie haben wollten, damit sie ihn in Ruhe ließen? Damit er endlich seinen Frieden haben konnte?
      Aber während er so darüber nachdachte, über die vielen Fürs, die ihm dazu einfielen, einfach zu bleiben, kam ihm irgendwann ein einziges Wider in den Sinn: Die Erinnerung an Tessa. Die Vorstellung von Tessa in seinen Armen, was ihm jetzt wie vor einer halben Ewigkeit schien. Tessa - und natürlich die anderen. All die Leute, für die er sich im Zirkus verantwortlich gemacht hatte.
      Chester erschauderte; er wollte nicht. Es war ihm alles zu viel, aber nach und nach, ganz vorsichtig, dachte er wieder an die Fragen und an die Antworten. Und er befahl der Kugel, sich zu schließen.
      “C h e s t e r!”
      Er schrie. Er weinte. Er hatte Ängste, wie sie vermutlich nur jemand verspüren konnte, der auch zu sterben vermochte. Er wollte verschwinden und von den Stimmen fort und er wollte alles vergessen, was ihm jemals zugestoßen war, er wollte, dass ihn nichts mehr berührte, nichts mehr! Aber vor allem, vor allem anderen wollte er, dass die Stimme ihn nicht mehr anschrie. Er wollte, dass sie zufrieden mit ihm war, was sie niemals sein würde, nicht nur, weil sie nicht wirklich hier in der Kugel war. Vor allem anderen wollte er Frieden vor ihr.
      Die Öffnung schloss sich. Der Chester in der Realität, dem eine Träne über die Wange rollte, verschwand nach und nach. Irgendwann gab es nichts anderes mehr als Grau und Nebel und Stimmen und als Chester ein paar Schritte in alle Richtungen stolperte, hatte er sich vergewissert, dass auch nichts übrig geblieben war. Die Kugel war zu, jetzt musste er nur noch den Ausgang finden. Mit schmerzender Brust stolperte er weiter durch den Nebel und die Gesichter, die ihn anschrien. Weiter. Nur immer weiter.

      Als Chester die Augen öffnete, wäre er fast vom Stuhl gefallen. Er spürte seinen Körper wieder und für einen Moment schien es, als wäre die Anziehungskraft der Erde so groß, dass er ihr nicht widerstehen konnte. Er ächzte und fiel mit dem Oberkörper auf die Tischplatte, warf dabei eine Tasse zu Boden. Der Nebel in der Kugel verlangsamte sich von einem Flimmern, bis er wieder träge waberte, so wie er es immer tat. Keine Stimmen mehr, keine einzige. Beruhigende, entspannende, ohrenbetäubende Stille.
      Chester musste sich erst fassen, bevor er einen Finger rühren konnte. Er hatte kein Gespür für nichts, er wusste nicht einmal, wie lange er in der Kugel gewesen war, auch wenn er es auf 80 Jahre schätzte. Er hätte etwas essen sollen, vorher - und schlafen. Schlafen hätte er sollen. Seine Augenlider fielen zu und wären um ein Haar nicht wieder aufgegangen.
      Aber dann erinnerte sich nach und nach, dass er Jude einen Zeitplan gegeben hatte und jemandem Bescheid geben sollte. Dass er wieder zurück war. Stöhnend quälte er sich vom Stuhl und auf wackelige Beine empor. Kurz wurde ihm schwindelig und er griff nach der Tischkante, hielt sich daran fest. Dann wankte er zur Tür und stieß sie auf.
      Die Welt war viel schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Farben und Formen überall, das Gefühl von Luft auf der Haut, Geräusche, die nicht nur Stimmen waren - und Menschen. Direkt vor ihm. Tessa und Owl und Ella war dabei und Jude. Sie alle standen vor dem Wagen und starrten ihn an.
      Chester starrte zurück, dann lächelte er erschöpft. Langsam und wackelig kam er die Stufen hinunter.
      Alles erledigt. Die Kugel ist zu.
      Er ging auf sie zu und hielt an - dann ging er noch einen Schritt und schloss Tessa in seine Arme. Erleichtert seufzend atmete er den Geruch ihrer Haare ein.
      Schön, wieder hier zu sein. Ich hab euch vermisst.
    • Die Tür öffnete sich mit einem kräftigen Stoß. Chester trat hinaus auf die Stufen und die Abenddämmerung tauchte sein Gesicht in warmes Licht. Tessa fiel ein Stein vom Herzen. Erschöpfung begleitete seine trägen Schritte und die Abendsonne, die ihre kühlen Wangen wärmte, zeichnete gleichzeitig tiefe Schatten auf seinem Gesicht ab. Tessa hielt den Atem an als er schwankte und rutschte von der Kiste, bevor sie richtig darüber nachdenken konnte. Sand knirschte und Gras raschelte unter ihren Stiefeln während sie ihm auf halbem Weg entgegenkam. Chester lächelte müde, aber er lächelte. Er blieb stehen, wenn auch auf wackeligen Füßen. Das musste ein gutes Zeichen sein. Oder nicht?
      Alles erledigt. Die Kugel ist zu.
      Es tat so gut seine Stimme zu hören. Ihn klar und deutlich zu sehen, ohne dass ein milchiger Nebelschleier die Welt trübte.
      Chester stoppte und Tessa tat es ihm gleich. Die winzige Sekunde, in der sich niemand rührte, fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Zögernd und angespannt spiegelte seine Haltung, wartete auf das Donnerwetter über ihren leichtsinnigen, gefährlichen Fehltritt. Stattdessen zog Chester sie in seine Arme. Tessa brachte geistesgegenwärtig ihren geschienten Arm in Sicherheit, damit er nicht zwischen ihnen eingequetscht wurde. Locker aber nutzlos ruhte er an Chesters Seite, während sie das Gesicht gegen seine Brust schmiegte und den gesunden Arm um seine Mitte schlang. Tessa spürte das Seufzen an ihrem Scheitel.
      Schön, wieder hier zu sein. Ich hab‘ euch vermisst.
      Der Arm um Chester spannte sich an und Tessa vergrub die Finger an seinem Rücken.
      Euch vermisst. Das schloss sie mit ein. Sie hatte nicht damit gerechnet, diese Worte aus seinem Mund zu hören. Dann drängte sich ihr ein ganz anderer Gedanke auf: Wie lange glaubte Chester fortgewesen zu sein? Welche Dämonen der Vergangenheit waren ihm begegnet? Hatten sie ihn gequält, wie sie Tessa gequält hatten?
      Tessa bekam nicht mit wie Owl erleichtert die Schulter seines Zirkusdirektors drückte oder wie Ella liebevoll seine Wange tätschelte. Sie hielt Chester einfach fest. Der kühle Hauch des Nebels klebte an seiner Kleidung und eine unangenehme Erinnerung ließ Tessa frösteln; bleiche, eiskalte und wächserne Haut unter ihren Fingerspitzen.
      Widerwillig löste sie sich aus der Umarmung und zog mit ihrer gesunden Hand die Wolldecke von ihren Schultern. Etwas ungeschickt, weil ihr nur eine Hand zur Verfügung stand, legte sie die Decke um seine Schultern und schloss sie mit klammen, zittrigen Fingern vor seiner Brust.
      „Du bist kalt“, murmelte sie leise, als würden die drei Worte alles erklären.
      Tessa lehnte die Stirn gegen seine Brust und atmete zittrig ein. „Wir haben uns Sorgen gemacht. Die Zeit war fast rum.“
      „Können wir etwas für Dich tun?“, fragte Owl und korrigierte seinen Griff um Ellas gebrechlichen Körper.
      „Ein warmes Bad? Heiße Schokolade?“, lächelte Tessa schwach.
      Die Worte sollten leicht klingen, doch sie blieben ein gedämpftes Murmeln an seiner Brust.
      Die Zeit rieselte wie Sand durch ihre Finger. Sie konnte nicht ewig aufschieben, dass sie Chester eine Erklärung schuldete und es würde die eine Sache sein, die Chester gewiss nicht vergaß. Tessa fühlte sich schlecht, weil sie überhaupt darüber nachdachte. Ihre Hand hielt die Decke ganz fest umklammert. Vielleicht ließ sich das Unausweichliche bis zum Morgen verschieben.
      Nur dieses eine Mal.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa löste sich zuerst aus der Umarmung, was dem Umstand geschuldet war, dass Chester gut auf ihr eingeschlafen wäre. Langsam richtete er sich auf und lächelte Ella müde an, die ihn fürsorglich betrachtete. Tessa zog sich derweil die Decke von den Schultern und legte sie Chester über. Ihm war gar nicht aufgefallen, wie kalt es hier draußen war, aber er war froh um die Wärme, die die Decke mit sich brachte.
      "Du bist kalt", sagte Tessa und meinte damit noch viel mehr als das. Chester sah sie wieder an.
      "Da drinnen ist es nicht besonders warm."
      Zur Antwort lehnte sie die Stirn an seine Brust.
      „Wir haben uns Sorgen gemacht. Die Zeit war fast rum.“
      Chester blinzelte, während er überlegte, was für eine Zeit er ihnen allen gegeben hatte, bevor er für 100 Jahre in der Kugel verschwunden war. Aber Owl kam ihm zuvor.
      „Können wir etwas für Dich tun?“
      „Ein warmes Bad? Heiße Schokolade?“ Tessa lächelte.
      "Schlafen", sagte Chester und lächelte zurück. "Mich schlafen lassen, das könnt ihr. Ich habe seit letztem Jahrhundert kein Auge mehr zugemacht. Und dann können wir alle essen, das ist nämlich der nächste Punkt auf meiner Liste. Aber erst schlafen - lange, lange schlafen."
      Er wandte sich um, erleichtert über den Anblick seines vertrauten Zirkus. Er nahm einen tiefen Atemzug, dann drehte er sich weiter zu Jude.
      "Du kannst deinen Wagen wieder beziehen. Pack die Kugel weg, bis ich einen Spezialisten kontaktiert habe. Bis dahin fällt unser Wahrsage-Dienst aus."
      Jude nickte ernst und machte sich schon auf den Weg. Chester sah zu Tessa zurück.
      "Komm mit mir, für die heutige Nacht. Wenn du etwas hörst, musst du mir versprechen, dass du es mir gleich sagst. Dann ist die Kugel nämlich noch offen oder..."
      Er dachte an Elizabeth.
      "... was anderes eben. Versprich mir das."
      Er knüpfte Tessa ihr Versprechen ab, dann machte er sich auf den elendig langen Weg durch die halbe Welt zu seinem Zelt. Die anderen begleiteten sie und nachdem Chester ihnen wiederum versprochen hatte, dass es ihnen gut ging und niemand im Kantinenzelt schlafen musste, verzogen sie sich nach und nach. Chester schlug seine Zeltplane zurück und trat ein. Obwohl er vor Müdigkeit im Stehen hätte einschlafen können, glitt sein Blick trotzdem einmal prüfend durch sein Zelt. Alles schien an seinem Platz zu sein, nichts war angerührt. Die Kiste stand auch noch da, wo er sie hingestellt hatte.
      Er seufzte ausgiebig.
      "Mach es dir gemütlich, ich heiz ein."
      Er befeuerte den Kamin mit Holz und dann wurde das Schlafzimmer in das warme, einladende Licht des Feuers getaucht. Erschöpft schlurfte er zu seinem Bett und ließ sich hinein fallen. Er machte sich gar nicht erst die Mühe, seine Klamotten auszuziehen, und kroch direkt unter die Decke.
    • Ein beklommenes Gefühl mache sich breit. Die Kälte erschien mit einem Mal unerträglich, denn Chester wandte sich ab ohne ein weiteres Wort in ihre Richtung zu verlieren. Die Decke rutschte aus ihren klammen Fingern. Tessa versuchte trotzdem zu lächeln. Besser das Pflaster mit einem schnellen Ruck abziehen, als langsam und schmerzhaft. Sie lebten alle noch. Was wollte sie also mehr?
      "Komm mit mir, für die heutige Nacht."
      Tessa spitzte sie Ohren. Von dem zertrampelten Gras zu ihren Füßen wanderte ihr Blick zu Chester, der ein paar Meter entfernt stand und offenbar auf etwas wartete. Sie musste sich verhört haben.
      "Wenn du etwas hörst, musst du mir versprechen, dass du es mir gleich sagst. Dann ist die Kugel nämlich noch offen oder ...was anderes eben. Versprich mir das."
      Sie hatte sich nicht verhört und zögerte keine Sekunde mehr. Chester musste sich nicht einmal Mühe geben, ihr dieses Versprechen abzuknüpfen. Wenn es sein musste, blieb sie auch die ganze Nacht wach um kein einziges Geräusch zu verpassen.
      Ganz wohl war ihr beim Betreten des Zeltes trotzdem nicht. Die Erinnerung an die unheimliche Begegnung in diesem Zelt, die sie beinahe Kopf und Kragen gekostet hätte, und die verzerrten Flüsterstimmen der Glaskugel waren noch zu frisch.
      "Mach es dir gemütlich, ich heiz ein."
      Wenige Minuten später war es bereits herrlich warm im gesammten Zelt. Unschlüssig stand Tessa am Eingang zum Schlafzimmer, doch als Chester sich samt getragener Kleidung ins Bett warf, schien die erste Hemmung abzufallen. Tessa stieß ein tiefes Seufzen aus. Sie schloss den dünnen Vorhang zum Wohnzimmer und ließ ihre Stiefel gleich an der nichtvorhandenen Schwelle stehen.
      "Rutsch rüber", murmelte sie und setzte sich auf die Bettkante. "Zieh wenigstens die Schuhe aus. Die sind ganz dreckig."
      Nicht das es irgendwie wichtig war, aber wenn sie daran dachte, die ganze Nacht allein ohne etwas zu tun mit ihren Gedanken verbrachte während Chester seine Erschöpfung ausschlief, wurde ihr ganz anders. Ihm die Schuhe auszuziehen, verschaffte ihr wenigstens ein paar lächerliche Minuten.
      Behutsam schlug sie die Decke zurück zog den ersten von Chesters Füßen mit ihrer gesunden Hand auf ihren Schoß. Einhändig die Schnürsenkel zu öffnen und das Schuhwerk abzustreifen, war gar nicht so leicht. Sie stellte ihn ordentlich neben das Bett und zog den zweiten Fuß zu sich. Der zweite Stiefel landete mit einem ungeschickten 'Klong' am Boden.
      "Hast du eine Kohlepfanne oder sowas? Meine Füße waren eiskalt als ich...",
      Tessa brach ab und legte die gesunde Hand über seine Fußrücken.
      Sie fühlten sich kalt an. Selbst durch die Socken. Oder waren es ihre Finger? Mit gerunzelter Stirn wanderten ihre Fingerspitzen zu seinem Knöchel, wo sich ihre Finger unter die Socke stahlen und sanft zudrückten. Nein, fühlte sich normal an. Sogar ein bisschen warm. Greifbar. Kein Nebel, der sich zwischen ihren Händen in Nichts auflöste.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa brauchte einen Augenblick länger, ehe sie hinein kam. Als sie sich setzte, hatte Chester schon längst die Augen geschlossen.
      "Rutsch rüber."
      "Mh."
      Das Bett war groß genug für sie beide, fast so breit wie Tessas ganzer Wagen, aber er rutschte trotzdem. Müde zwang er seine Augen wieder auf, um sie anzusehen.
      "Zieh wenigstens die Schuhe aus. Die sind ganz dreckig."
      "Mhhh. 'S kann man waschen."
      Dreck - sowas blödes. Als würde Chester jetzt noch seine Gedanken mit sowas verschwenden.
      Seine Augen fielen wieder zu und er zwang sie wieder auf. Tessa war vom Bett gerutscht und zog jetzt an seinem Fuß. Nein, sie versuchte ihm den Stiefel auszuziehen. Einhändig.
      "Tessa", murmelte Chester unzufrieden, da fiel der erste Schuh schon zu Boden. Als sie den zweiten anging, wälzte er sich zumindest herum, damit sie sich leichter tat. Der zweite Schuh fiel auch.
      "Hast du eine Kohlepfanne oder sowas? Meine Füße waren eiskalt als ich..."
      Vergeblich wartete Chester auf den Rest des Satzes, der niemals kam. Er spürte eine federleichte Berührung an seinem Fuß und lauschte der Stille, die ihn sekündlich einlullte. Träge blinzelte er und drehte den Kopf.
      "Tessa."
      Diesmal sprach er gezielter und Tessa sah auf. Er öffnete die Bettdeckte und hielt sie für sie auf.
      "Komm her. Komm her. Ich sterbe nicht und wenn doch, dann mach ich zumindest keine Sauerei. Also komm her."
      Sie gehorchte, wenn auch zögerlich, und kletterte zu ihm. Chester schloss gleich die Arme um sie und wickelte sie beide in die Decke ein. Ein bisschen kalt war es schon, aber er zweifelte nicht daran, dass es mit dem Feuer bald wärmer werden würde. Entspannt seufzte er, Tessas beruhigendes Gewicht in den Armen.
      "Lass meine Füße in Ruhe und schlaf. Wenn du etwas hörst, wird es dich wecken und dann kannst du mich wecken. Bis dahin kannst du schlafen."
      Schläfrig schloss er die Augen wieder und steckte die Nase in Tessas Haar. Tief atmete er ihren Geruch ein und wieder aus.
      "Ich werd dich nicht an die Kugel verlieren. Versprochen."
      Er dachte an Elizabeth und die Panik in ihrer Stimme, weil Chester sie nicht herausholen konnte. Hoffentlich war sie wirklich nicht dort drin gewesen.
      "Versprochen."
    • "Komm her. Komm her."
      Ein leises Rascheln und Tessa hob den Blick. Das Gesicht halb in das Kissen gedrückt, musterte Chester sie träge mit halbgeschlossenen Augen. Die zurückgeschlagene Decke hätte seine Worte nicht besser unterstreichen können. Trotzdem zögerte Tessa.
      "Ich sterbe nicht und wenn doch, dann mach ich zumindest keine Sauerei. Also komm her."
      "Nicht witzig", murmelte Tessa.
      Vorsichtig schlüpfte sie unter Decke, das verletzte Handgelenk behutsam an seiner Brust gebettet. Tessa seufzte gleichzeitig leise mit Chester, der sie in der warmen und weichen Decke einhüllte. In seinen Armen fühlte sich Tessa augenblicklich geborgen. Kaum berührte ihre Wange seine Schulter, fiel die Anspannung des Tages von ihr ab.
      "Lass meine Füße in Ruhe und schlaf. Wenn du etwas hörst, wird es dich wecken und dann kannst du mich wecken. Bis dahin kannst du schlafen."
      "Und wenn nicht?", wisperte sie an seine Schulter.
      "Ich werd dich nicht an die Kugel verlieren. Versprochen."
      Tessa nickte und drückte die eiskalte Nasenspitze an seinen warmen Hals.
      Im Augenblick hatte sie mehr Angst davor, Chester an den Nebel zu verlieren, als sich selbst den Dämonen der Kugel noch einmal stellen zu müssen. Dabei stand ihr das Schlimmste noch bevor. Morgen.
      "Versprochen."
      "Hm-hm."
      Ein wenig klang es danach, als müsste Chester sich selbst davon überzeugen.
      Besorgt zog Tessa die Augenbrauen zusammen und legte ihren Arm um seinen Körper, der sich um ihren krümmten. Liebevoll malte sie kleine Kreise auf seinen Rücken bis die Bewegung in eine träge, sanfte Auf- und Abbewegung überging. Tessa war vertraut mit dem Gefühl, Chester berühren zu wollen. Umarmungen und kleine, gestohlene Gesten, wenn die Zeit im Trubel des Zirkus knapp war, aber noch nie war der Drang so groß gewesen wie in diesem Moment. Sie musste sich versichern, dass er wirklich da war.
      Tessa lauschte den tiefen, gleichmäßigen Atemzügen an ihrem Scheitel und ganz langsam fand ihre Hand den Weg seinen Rücken hinunter bis zum Saum seines Oberteils. Behutsam stahlen sich ihre Fingerspitzen unter die Schichten an Kleidungsstücken bis sie nackte, warme Haut fanden. Ein zittriger Atemzug verließ ihre Lippen, als sie die ganze Hand gegen seine Haut drückte und die Wärme darunter spürte.
      Das Knistern des Feuers, die Wärme und Chesters sanfter Herzschlag lullten sie langsam in den Schlaf.
      Endlich schloss Tessa die Augen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester schlief schließlich ein, entgegen aller Bemühungen. Er konnte einfach nicht anders, er war so unfassbar müde und Tessa wärmte ihn schneller auf, als die Decke es tat. Er schlief ein und schlief tief und traumlos.
      Als er am Morgen aufwachte - zumindest glaubte er, dass es der Morgen war - blieb nur noch der Hunger übrig. Gereinigt von dem nächtlichen Schlaf, der ihm schon so manche Wunden geläutert hatte, war die Müdigkeit und Erschöpfung des Vortages verschwunden. 24 Stunden wach sein und dann nochmal 80 Jahre in der Kugel verbringen - alles weg. Chester seufzte und drückte sein Kuscheltier an sich.
      Nein, sein Kuschelmensch. Tessa war immernoch da, hatte sich in der ganzen Nacht nicht bewegt, hatte ihn kein einziges Mal aufgeweckt. Sie schlief in seinen Armen, genauso friedlich, wie er sich gerade fühlte. Mit einem seichten Lächeln blickte er auf sie hinab; wann hatte sie wohl zuletzt hier geschlafen, hier mit ihm? Wann hatten sie überhaupt einmal miteinander geschlafen, ohne, dass Chester am Morgen gleich abgehauen wäre? Wahrscheinlich noch nie; eine friedliche Beziehung zu führen, wie es all die Leute außerhalb des Zirkus taten, das war mit Chester quasi unmöglich. Aber das wusste Tessa auch und schmiegte sich jetzt trotzdem an ihn, als wäre er der Kernpunkt ihrer Welt.
      Chester lächelte breiter. Dann beugte er sich über sie und küsste ihre Wange. Einmal, zweimal. Dreimal. Die andere Wange, ihre Stirn. Ihren Mund und ihr Kinn, ihren Kiefer und ihren Hals. Küsse sie federleicht, bis Tessa sich unter ihm zu regen begann und er seine morgendliche - oder mittagliche - Attacke intensivierte. Vor ihm gab es kein Entkommen, nicht heute.
    • Tessa murrte im Schlaf. Etwas kitzelte sie ihm Gesicht, dann am Kinn und schließlich am Hals.
      Langsam begann sie sich in den Armen zu winden, doch es war zwecklos. Sie flüchtete sich in die warme Halsbeuge, schmiegte ihre Wange gegen die warme Haut. Anstatt, das das Kitzeln nachließ, wurden die federleichten Berührungen nachdrücklicher. Flatternd öffneten sich ihre Augenlider und sanftes Licht begrüßte sie. Das Feuer musste fast ausgegangen sein. Der warme Schein glimmender Kohlen erfüllte das ansonsten dunkle Zelt. Bis auf das leise Rascheln der Decke hörte sie nichts. Keine Stimmen und Schritte vor dem Zelt, kein Vogelgezwitscher, nur den seichten Wind der über das Zeltdach strich.
      Sie seufzte, weil sich warme Lippen fester gegen ihren Hals drückten und das machte sie allmählich ein wenig wacher.
      "Hm-hm", murmelte sie. "Chester. Was...wie spät ist...?"
      Egal.
      Tessa verschluckte sich an der letzten Silbe, weil ein Atem knapp unter ihrem Ohr über ihre Haut streichelte. Ihre Finger auf Chesters rücken zuckten verräterisch. Plötzlich war ihr ganz warm und das lag nicht an der dicken Daunendecke. Die verspielten Küsse waren Tessa vertraut. Liebevoll und leicht, aber nie verbindlich und niemals mehr versprechend als Chester gewillt war zu geben. Sie konnte sich an keinen Morgen erinnern, an dem Chester sie so geweckt hatte.
      Je wacher Tessa wurde, desto schneller begann ihr Herz zu schlagen. Ihr Atem geriet ins Stocken.
      Vorsichtig krümmte sich die Finger ihrer geschienten Hand und vergruben sich mit dem bisschen Kraft, die ihnen zur Verfügung stand an Chesters Brust. Mit einem verschlafenen Lächeln drehte sie den Kopf, wagte sich aus dem Schutz seiner seiner Halsbeuge bis ihre Wangen einander streiften. Seine Wange fühlte sich gut auf ihrer erhitzten Haut an.
      Die Hand auf seinem Rücken verließ ihren Platz, blieb unter dem Stoff, wo sich die Wärme staute, bis sie den ersten Rippenbogen ertasten konnte. Aus dem Augenwinkel erhaschte sie einen kurzen Blick auf sein Gesicht. Entspannt. Erholt.
      Sie war ein wenig neidisch. Wäre sie Chester, dann hätte sich das Thema mit ihrem gebrochenen Handgelenk bereits von selbst erledigt. Tessa drehte den Kopf noch ein wenig mehr und hauchte einen Kuss auf den Mundwinkel, der sich gerade zu einem Lächeln hob.
      "...morgen", brummelte Tessa.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Zuerst versuchte Tessa sich in Chesters Halsbeuge zu verstecken, dann seufzte sie leise. Es war so ein friedlich, süßes Geräusch, dass Chester ihr dafür gleich noch drei Küsse aufdrücken musste.
      "Hm-hm. Chester. Was...wie spät ist...?"
      "Keine Ahnung", murmelte er. "Ist doch egal. Wach auf du Süße."
      Nach und nach regte Tessa sich und schmiegte sich an ihn. Es war befreiend, ihr dabei zuzusehen, wie sie so friedlich aus ihrem Schlummer zu erwachen versuchte. Chester kicherte ein wenig und küsste sie sachte genug, dass es kitzelte. Sie zuckte, presste sich aber nur noch fester an ihn. Durch ihre Kleidung konnte er die Kontur ihres Körpers erspüren.
      Dann endlich war sie wach genug, um ihn auch zurückzuküssen. Ein scheuer Druck ihrer Lippen auf seinen Mundwinkel und sie sah ihn mit schläfrigen Augen an.
      "...morgen."
      "Morgen, Sonnenschein."
      Chester strahlte und suchte ihr Gesicht nach den Anzeichen von Erschöpfung ab, die er dort erwartete. Die ganze Situation hatte deutliche Spuren an Tessa hinterlassen, ganz unabhängig von der geschienten Hand, die sich an seinen Rücken klammerte. Ihre Haut war noch immer blass und ihre Augenringe dunkel, aber ihr Blick war lebendig und ihre Züge entspannt. Chester mochte soweit gehen zu behaupten, dass alles überstanden war.
      "Wie geht es dir?"
      Er ließ sich wieder neben sie sinken, auf der Seite, um sein Gewicht nicht auf ihr abzuladen. Mit einer Hand stützte er seinen Kopf auf, mit der anderen zupfte er die Decke um sie herum zurecht.
      "Nichts gehört in der Nacht? Was macht die Hand?"