Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • "Tut mir leid", würgte noch einmal Tessa betreten hervor. Jude sah fürchterlich bleich aus. Es war nicht ihre Absicht gewesen, die alte Frau dermaßen zu schrecken. Damit sich die Wahrsagerin sich nicht noch mehr sorgte, ließ sich Tessa wieder auf dem Stuhl nieder, nachdem sie ihn mit zitternden Händen aufgestellt hatte. Beim Kratzen der Stuhlbeine über den Boden zuckte die Diebin leicht zusammen. Irgendwie erschien ihr alles zu laut und zu hell, nachdem sie eine gefühlte Ewigkeit im Nebel der Kugel gewandelte war. Tessa konnte noch immer das drohende Flüstern hören. Jude sprach, aber ihre Stimme ging zu leicht im Wispern unter, sobald Tessa aufhörte, sich zu konzentrieren. Nur ganz langsam verstummte das unheimliche Flüstern und endlich nickte Tessa.
      "Ich verstehe...", murmelte sie und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht, wischte Haarsträhnen und die Illusion des verbliebenen Nebels aus ihren Augen. "Ich...Ich hab daran gedacht, wie skeptisch Rosie und Jake gewesen waren, dass ich hier her zurückwollte. Sie waren nicht glücklich, dass ich unsere Beute einfach zurückgegeben habe, weil wir sie wirklich dringend gebraucht hätten. Aber Chester..."
      Tessa senkte den Blick auf die Glaskugel, doch das vertraute Gesicht war verschwunden.
      Es hatte sich erschreckend real angefühlt, als hätte er direkt vor ihr gestanden und genau gesehen, was sie hinter seinem Rücken versuchte.
      "...naja, du weißt wie er ist. Er ist...sehr überzeugend", fügte Tessa leise hinzu.
      Etwas hilflos sah sie Jude an.
      "Ich kann dir auch nicht sagen, wann die Kugel etwas gutes und wann etwas schlechtes zeigt. Das kann niemand sagen, sie funktioniert einfach so, wie sie funktioniert. Geht es dir denn gut? Möchtest du noch einen Tee?"
      "Ja", antwortete sie. "Ja, Tee klingt gut."
      Etwas Gutes. Etwas Schlechtes.
      Tessa bebte noch immer erschüttert, aber darunter mischte sich aber etwas Neues. Etwas, das ein aufgeregtes Kribbeln in ihrem Bauch hinterließ.
      Die Kugel hatte ihr keine Version der Zukunft gezeigt.
      Nein. Tessa hatte einen kleinen Blick in die Vergangenheit erhascht.
      Sie war sich sicher, dass eine Wahrsagerei, ob echt oder unecht, so nicht funktionierte.
      Das hatte Theresa in ihren Aufzeichnungen gemeint.
      Die Frau war mit Artefakten hergekommen um Antworten zu finden. Sie hatte genau an dieser Stelle gesessen. Tessa dachte an die schrecklichen Geschichten über Hungertod und das Verdursten in einem viel zu kleinen Käfig nach. Theresa hatte genau wie sie vor der Glaskugel gesessen.
      Und danach war nichts mehr so wie es einmal gewesen war.

      Tessa fühlte sich leichter, als sie den Wagen der alten Frau verließ. Die Notlüge hatte dazu geführt, dass sie Jude ihr Herz ausgeschüttet hatte. Über Rosie. Über Jake. Über Chesters Täuschungen und darüber, dass sie ihr Gewissen plagte, weil sie das Gefühl hatte, Chester zu schnell verziehen zu haben. Den Rest aber behielt Tessa für sich. Danach nahm sie sich Zeit. Die verkürzten Proben ließen ihr genügend Möglichkeiten, wie sie den Nachmittag verbringen konnte. Bei einem kurzen Abstecher zu Jamie lieferte sie etwas von Judes Tee ab, der angeblich gegen die Beschwerden half. Tessa glaubte nicht daran, bei all den teuren Medikamenten, die er schlucken musste, aber der Gedanke zählte. Den Rest des Nachmittags nutzte sie um den fehlenden Schlaf nachzuholen.
      Erst am Abend kroch Tessa wieder aus dem Bett. Ein Bad war angebracht. Tessa rümpfte die Nase, als sie an sich selbst schnupperte. Ja, definitiv. Bevor sie ihr kleines Quartier verließ, streifte sie das Perlenarmband von ihrem Handgelenk und den Schlüssel von ihrem Hals. Sie würde beides heute nicht mehr brauchen. Tessa hockte sich auf den Boden und stemmte mit ihrem alten Taschenmesser eine der Dielen auf. Zum Vorschein kam eine kleine Holzschatulle. Als sie den Deckel zurückklappte, war das Kästchen nicht leer. Darin lag bereit die Notiz von Theresa. Behutsam legte sie die Schmuckstücke dazu und verstaute alles wieder gut verschlossen unter der Holzdiele.
      Mit frischer Kleidung steuerte Tessa im Anschluss das Badezelt an. Sie suchte sich eine der Wannen in der hintersten Ecke aus, zog die dünnen Vorhänge zu und genoss für ein Weilchen das warme Wasser. Das Zelt war ein kleines Wunderwerk. Die Wannen waren immer gefüllt, immer warm. Ein Luxus, den Tessa nach Jahren der Obdachlosigkeit wirklich zu schätzen wusste. Sauber und ein wenig schläfrig, obwohl sie fast den ganzen Nachmittag verschlafen hatte, kletterte Tessa aus der Wanne und zog sich an.
      Sie stutzte.
      In ihren Händen hielt sie den kuscheligen Wollpullover. Chesters Pullover. Sie hatte sich vergriffen.
      Da sie nicht einfach halbnackt durch den Zirkus stiefeln konnte, schlüpfte sie einfach hinein und versank in dem viel zu großen Kleidungsstück. Glucksend schüttelte sie den Kopf und krempelte die Ärmel zurück. Heimlich sah sie sich zu allen Seiten um ehe sie den Kragen des Pullovers über ihre Nase zog und daran roch.
      Auf halbem Weg zurück zu ihrem Wagen machte Tessa dann doch kehrt.
      Wie für Tessa üblich, die es Zeit ihres Lebens gewöhnt war, unauffällig und ohne Anklopfen in Räume zu schlüpfen, stoppte sie auch nicht am Eingang von Chesters Zelt. Mit einem leisen Rascheln schloss sich der Vorhang wieder hinter ihr. Tessa spitzte die Ohren. Es war sehr ruhig.
      "Hm."
      Sie hatte das Zelt schon unzählige Male betreten, aber heute kam es ihr ganz besonders vertraut vor, weil sie erst wenige Stunden zuvor schon einmal hier gewesen war ohne wirklich einen Fuß hineinzusetzen. Tessa rieb sich über die Oberarme, denn obwohl ihr in dem Pullover herrlich warm war, kroch eine Gänsehaut über ihre Arme. Leise näherte sie sich den Vitrinen und stoppte als sie Geräusche aus einem der angrenzenden Räume hörte. Chester war also doch da. Sie riss ihren Blick von den ausgestellten Objekten los. Eigentlich war sie nämlich aus einem anderen Grund hergekommen. Mit einem Lächeln folgte Tessa den gedämpften Lauten.
      "Chester?", kündigte sie sich mit reichlich Verspätung an. "Bist du da? Ich will gar nicht lange stören. Eigentlich wollte ich mich nur bedan...Heilige Scheiße! Oh, Gott! Tut mir leid! Tut mir leid!"
      Vielleicht sollte sie sich doch das Anklopfen angewöhnen.
      Kaum hatte sie wie selbstverständlich einen Schritt in Chesters Schlafzimmer gesetzt, fiel ihr Blick auf einen nassen Haarschopf, der über den Rand einer Wanne hervorlugte. Die Laute, die sie gehört hatte, war das Plätschern von Badewasser gewesen. Tessa lief augenblicklich knallrot an und drehte sich um. Jedoch nicht ohne einen flüchtigen Blick auf helle Haut, definierte Schultern und Arme zu werfen. Tessa hatte mit ihm in einem Bett geschlafen und sich ungeniert an ihn geschmiegt. Sie hatte ihn geküsst, verdammt nochmal, auch wenn das eine Ewigkeit her schien. Aber das hier war eine ganz andere Nummer.
      Chester saß in einer Badewanne.
      Nackt
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester beendete seine Tage mit baden - das ging gar nicht anders. Er hatte Liam aus dem Grund eingestellt, sich besser auf die Proben konzentrieren zu können - immerhin war er der einzige, der wirklich Ahnung hatte - und deswegen leitete er auch so viele Proben an wie nur möglich. Manche Darsteller konnte er für sich alleine lassen, Owl und Roy zum Beispiel. Die Künstler waren so gut ausgebildet, wie sie es nur sein konnten, und ihre Leidenschaft ermöglichte es ihnen, sich selbst weiterzubilden. Aber die Akrobaten etwa und die Tänzer, die Hochseil-Artisten und die Dompteure, die konnte Chester nicht alleine lassen, nein, keinesfalls. Eine Gruppe an Menschen verursachte in der Manege immer mehr Probleme als eine Einzelperson. Nein, sie konnte er wahrlich nicht alleine lassen.
      Dementsprechend war er nach den Proben immer verschwitzt. Immer. Wenn er nicht selbst mitmachte, wie sollte er dann die anderen richtig unterrichten? Aber im Gegensatz zu den anderen musste er nicht das Badezelt nutzen.
      Zufrieden ließ er sich in seiner Wanne tiefer sinken. Den abgetrennten Badebereich hatte er irgendwann mal, vor ein paar Jahrhunderten wahrscheinlich, seinem Zelt hinzugefügt und erfreute sich seitdem daran. Irgendein berühmter Konstrukteur - er hatte wohl sonst gerne Häuser gebaut - hatte ihm einen kleinen Wasserturm hingestellt, in dem das Wasser für den Gebrauch aufgehitzt werden konnte. Das war ein Fortschritt, den Chester selbst nicht ganz fassen konnte, den er aber mit Freuden nutzte. Warmes, fließendes Wasser; das war etwas hochmodernes. In welcher Welt sie doch heutzutage lebten.
      Entspannt rieb er sich mit seiner Seife ein. Seine Muskeln waren angespannt, aber nicht überstrapaziert. Seit er selbst nicht mehr in jeder Shownummer dabei war und nur die Übungen anleitete, hatte er viel weniger zu schuften und sein Körper veränderte sich sowieso nicht schnell. All die alten Muskeln, die er sich über die Jahrzehnte des Showbusiness antrainiert hatte, waren noch immer geschmeidig und wohldefiniert. Es würde wohl viel benötigen, bis er wieder einen ordentlichen Muskelkater bekommen würde. Die meisten bekam er nur, wenn er starb.
      Er tauchte den Kopf unter Wasser, um sich die Haare nass zu machen, und tauchte wieder auf. Dieselbe Seife, mit der er seinen Körper eingeseift hatte, nutzte er jetzt auch, um seine Haare zu shampoonieren.
      "Chester? Bist du da? Ich will gar nicht lange stören -"
      Die Stimme kam so plötzlich und so nahe aus seinem Zelt, dass Chester sich mit einem Ruck aufsetzte. Badewasser schwappte über den Rand, als er den Kopf herumriss.
      "Eigentlich wollte ich mich nur bedan..."
      Tessa tauchte auf, im Durchgang zum Wohnzimmer. Ihre Blicke trafen sich. Für eine Sekunde schien die Zeit still zu stehen.
      Dann sprang Chester auf und verteilte Wasser auf dem Boden.
      "Heilige Scheiße!"
      "Tessa!"
      "Oh, Gott!"
      "Was machst -"
      "Tut mir leid!"
      "- du hier?!"
      "Tut mir leid!!"
      Tessa wirbelte auf der Stelle herum und Chester sprang aus dem Zuber, was rückblickend betrachtet wohl gänzlich die falsche Entscheidung gewesen war. Panik durchfuhr ihn, als die kalte Luft seinen nackten Körper traf und er sah gehetzt nach seinem Handtuch umsah. Wo war dieses vermaledeites Ding?! Und wieso hatte Tessa nicht gerufen?!
      Im Regal entdeckte er es und mit einem Hechtsprung beförderte er sich dorthin, um es zu greifen und um seinen Körper zu wickeln. Chester konnte ja viel durchgehen lassen, konnte ja tendenziell auch ertragen, nackt gesehen zu werden. Aber in seinen eigenen vier Wänden!
      Schlampig trocknete er sich ab, da stand Tessa noch immer da wie festgefroren. Was sie vermutlich auch war, aber darauf konnte er im Augenblick keine Rücksicht nehmen.
      "Raus! Raus!!"
      Sie lief, wie von der Tarantel gestochen, zurück in den Wohnraum und von dort - von dort vermutlich nach draußen. So ein Mist. Er wollte sie doch nicht verjagen!
      "Tessa! Grundgütiger!"
      Die Haare ließ er aus, stattdessen strampelte er sich in Hose und Hemd gleichzeitig hinein. Alles war feucht, alles war unangenehm. Wieso hatte er ihr noch immer nicht sagen können, dass sie gefälligst vorne rufen sollte, bis er ihr antwortete!
      Genauso eilig lief er ihr nach. Er erwischte sie auch noch, bevor sie auf und davon gewesen wäre.
      "Tessa, du meine Güte!"
      Barfüßig blieb er stehen und wischte sich die nassen Haare zurück. Sie tropften ihm auf die Schultern und auf den Boden.
      Tessa stand vor ihm, rot im Gesicht wie eine Tomate und gekleidet in einen Pullover, der ihm ziemlich vertraut vorkam. War das etwa sein Pullover? Wann hatte er ihn ihr gegeben?
      Die Hände stemmte er in die Hüften. Er war nicht sauer, aber -
      "Was machst du hier?!"
    • "Was machst du hier?!", dröhnte Chesters Stimme in ihrem Rücken.
      Mit hochrotem Kopf und aus purem Reflex heraus drehte Tessa sich herum. Ganz, ganz dumme Idee...Die Diebin blinzelte hektisch als ihre unbedachte Tat mit dem Anblick eines sehr nassen, sehr splitterfasernackten Chester belohnt wurde. Wasser perlte von seiner Haut, floss an seinem nackten Körper herab und verteilte sich in großzügigen Pfützen am Boden. Wie angewurzelte blieb Tessa stehen. Es war nicht so, dass sie noch nie in ihrem Leben einen nackten Mann gesehen hatte. Auf engstem Raum in einer Gruppe zu leben, ließ nur wenig Raum für Privatsphäre. Unter anderen Umständen hätte Tessa herzhaft gelacht, weil es nüchtern betrachtet urkomisch aussah, wie er gehetzt aufs nächste Handtuch zusprach, aber das hier war Chester und...
      "Raus! Raus!!"
      Ein blamables Quietschen löste sich aus ihrer Kehle und Tessa schlug die Hände vors Gesicht. Das musste Chester nun wirklich nicht zweimal sagen. Auf dem Absatz wirbelte Tessa herum und sprintete regelrecht zurück ins angrenzende Wohnzimmer. Da war sie einfach hineingeplatzt während er in Ruhe ein Bad nehmen wollte. Peinlich.
      "Tut mir leid. Tut mir leid", murmelte sie peinlich berührt wie ein Mantra und klang dabei vermutlich wie eine leiernde Spieluhr.
      "Tessa, du meine Güte!"
      Sie würde auf der Stelle verschwinden. Jetzt, sofort. Vielleicht hatte sie die Blamage in ein paar Tagen überwunden und konnte einen neuen Versuch starten, sich bei Chester zu bedanken. Plötzlich kam seine Stimme nicht mehr von nebenan, sondern war wieder direkt hinter ihr. Tessa wäre beinahe vor Schreck direkte an die Zeltdecke gesprungen. Alles, was sie aus dem Augenwinkel sah, waren nackte Füße.
      "Tut mir..."
      "Was machst du hier?!"
      Chester hörte sich nicht böse an, aber glücklich darüber war er auch nicht. Vorsichtig drehte Tessa sich herum, nur den Oberkörper. Füße und Beine zeigte sicherheitshalber weiterhin in Fluchtrichtung. Ein hektische Bewegung und die Dieben wäre schneller durch den Zelteingang gehuscht als Chester Zirkus Magica sagen konnte. Prüfend spähte Tessa durch die gespreizten Finger.
      "Ich..."
      Tessa hörte sich an als wäre sie völlig aus der Puste. Ganz langsam senkte sie ihre Hände und versuchte zu ignorieren, wie schnell und schwer der Atem über ihre Lippen glitt. Das musste der Schock sein. Eindeutig.
      "Also, ich...", versuchte sie es noch einmal.
      Die Kleidung, die Chester eilig übergeworfen hatte, klebte feucht an seiner Haut. Das war sogar irgendwie noch...schlimmer als ein nackter Chester. Tessa schluckte den ominösen Kloß in ihrem Hals herunter.
      "Ich...wollte mich eigentlich bei dir bedanken! Für gestern Abend, für den Tanz und die Geschichten. Das hat Spaß gemacht. U-und auch für heute Morgen, weil du dich um mich gekümmert hast. Dafür, dass du extra diese Tabletten für mich geholt hast, obwohl du meinetwegen zu spät zu den Proben gekommen bist, weil ich dich genötigt habe in meinem Bett zu schlafen. Und...und..."
      Ja, es half ungemein, dass sie jetzt auch noch darüber nachdachte, wie sie sich ganz ungeniert an Chester geschmiegt hatte.
      Jetzt wusste sie auch noch wie alles aussah, an das sie sich gekuschelt hatte.
      "...ich wollte dir sagen, dass ich das gerne nochmal machen würde. Also, Tanzen! Das Tanzen, meinte ich. Ich d-dachte du kannst mir vielleicht noch ein p-paar Tanzschritte zeigen. Also, ohne den Whisky natürlich und vielleicht nicht heute, weil...weil... Ich wollte dich nicht beim Baden - oh, Gott - stören. Am besten geh ich jetzt. Ja. Ja, das ist eine gute Idee."
      Die Wörter stolperten unfassbar schnell über ihre Lippen. Es war ein Wunder, dass sie zwischen den einzelnen Silben überhaupt noch Luft holen konnte. Ihr Gesicht wollte einfach nicht aufhören zu glühen.
      "Ich werde mir irgendwo ein lauschiges Plätzchen suchen, wo ich ganz in Ruhe vor Scham im Boden versinken kann."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa stammelte erstmal herum. Die arme Frau schien völlig durch den Wind zu sein und...
      Moment, was hieß hier arme Frau - sie war doch in sein Zelt hereingeplatzt!
      "Also, ich... Ich...wollte mich eigentlich bei dir bedanken!"
      Die Worte purzelten ihr so schnell von den Lippen, dass Chester sie im ersten Moment gar nicht begriff.
      "Für gestern Abend, für den Tanz und die Geschichten. Das hat Spaß gemacht. U-und auch für heute Morgen, weil du dich um mich gekümmert hast."
      - Bedanken? Wofür bedanken? Für gestern Abend bedanken?
      "Dafür, dass du extra diese Tabletten für mich geholt hast, obwohl du meinetwegen zu spät zu den Proben gekommen bist, weil ich dich genötigt habe in meinem Bett zu schlafen. Und...und..."
      Bedanken für - weil er sich um sie gekümmert hatte? Tessa sprach so schnell, als würde ihr Leben davon abhängen, dass Chester mit den Gedanken gar nicht mitkam.
      "...ich wollte dir sagen, dass ich das gerne nochmal machen würde. Also, Tanzen!"
      Moment, weil sie ihn genötigt hatte in ihrem Bett zu... was hatte das denn damit zu tun?
      "Das Tanzen, meinte ich."
      Tanzen?!
      "Ich d-dachte du kannst mir vielleicht noch ein p-paar Tanzschritte zeigen. Also, ohne den Whisky natürlich und vielleicht nicht heute, weil...weil... Ich wollte dich nicht beim Baden - oh, Gott - stören."
      Tanzen also - sie wollte tanzen. Ja, das konnte Chester tun, er konnte ihr ein paar Tanzschritte beibringen. Aber wieso wollte sie ihn das gerade so spät fragen!
      "Am besten geh ich jetzt. Ja. Ja, das ist eine gute Idee. Ich werde mir irgendwo ein lauschiges Plätzchen suchen, wo ich ganz in Ruhe vor Scham im Boden versinken kann."
      "Okay, aber - Moment. Momentmomentmoment."
      Er hielt sie an der Schulter fest, weil Tessa jetzt wirklich die Flucht anzutreten versuchte. Nur hatte Chester sich sicher nicht so beeilt, dass sie ihm jetzt doch davonlaufen konnte! Und wahrhaft blieb sie wieder stehen, aber nur widerwillig.
      "Das kannst du machen, aber bevor ich eine neue Assistentin für Owl suchen muss, bleibst du noch kurz da, bis ich mich ordentlich angezogen habe, dann können wir anständig reden. In Ordnung?"
      Er sah Tessa eindringlich an, bis sie ihm ihr Einverständnis lieferte, dann begann er zu lachen.
      "Du lieber Himmel! So sehr habe ich mich nicht mehr erschrocken, seit die Kutsche in den Zaun gebrettert ist!"
      Er drehte um und ging zurück ins Schlafzimmer, wobei er zu niemandem speziellen sagte:
      "Kann denn ein Mann keine Privatsphäre haben?"
      Das Zelt war schon immer so ein Problem gewesen, solange er nur denken konnte. Feueranfällig, gerne mal winddurchlässig und natürlich nicht abschließbar, außer er nutzte diese dämliche Kordel am Eingang. Deswegen gab es ja auch die Regel, niemals reinzukommen, ohne vorher zu rufen - außer natürlich, es war ein absoluter Notfall. Das sollte er Tessa mal wirklich sagen. Hatte er jetzt wieder nicht, oder? Würde er gleich tun.
      Er klaubte sich sein Handtuch zusammen und ein paar mehr noch dazu, um das ganze Wasser aufzuwischen und sich abzutrocknen. Dann wechselte er die Kleidung nochmal und zog sich zumindest Socken an.
      Als er wieder herauskam, war Tessa noch immer im Wohnzimmer, aber an ihrem hochroten Kopf konnte er ablesen, dass sie sich noch immer nicht beruhigt hatte. Wie viel hatte sie eigentlich gesehen? Innerlich schmunzelte er.
      "Also, jetzt nochmal langsam. Du willst tanzen lernen? Was genau? Es gibt so viele Tanzarten, die man lernen kann."
      Er umrundete das Sofa und setzte sich, zog ein Bein an und ließ das andere baumeln.
      "Das gestern war immerhin kein richtiges Tanzen, das war nur ein bisschen Rumgehüpfe. Aber es gibt auch richtige Tänze, zu langsamer Musik und zu schneller Musik. Möchtest du den Mondtanz lernen?"
      Bei dem Gedanken blitzten Chesters Augen auf. Ein Mondpärchen hatte er schon lange nicht mehr gehabt, vielleicht ließe sich ja so etwas konstruieren.
    • Im Erdboden zu versinken, schien in diesem Moment der perfekte Plan zu sein.
      Tessa verfluchte sich innerlich für ihre Unbeholfenheit und ihr absurd schlechtes Timing. Solche Dinge passierten nicht im echten Leben. Die ganze Szene hätte aus einem dieser schlechten Groschenromane stammen können, die Rosie bei Kerzenlicht immer verschlungen hatte. Mit leuchtenden Augen hatte sie versucht, Tessa diesen furchtbaren Kitsch schmackhaft zu machen. Erfolglos. Trotzdem stand sie genau in diesem Augenblick vor Chester, stammelte wie ein Kleinkind und tänzelte plötzlich nervös durch ihren ganz persönlichen, kitschigen Groschenroman-Moment. Das war doch verrückt!
      Warme Hände legten sich auf ihre Schultern und stoppten ihre Flucht noch bevor sie richtig angefangen hatte.
      "Okay, aber - Moment. Momentmomentmoment."
      Verwundert sah Tessa zu Chester auf.
      "Das kannst du machen, aber bevor ich eine neue Assistentin für Owl suchen muss, bleibst du noch kurz da, bis ich mich ordentlich angezogen habe, dann können wir anständig reden."
      Er setzte sie nicht vor die Tür, pardon, vor das Zelt?
      Obwohl ihr die Möglichkeit im Erdboden zu verschwinden immer noch sehr verlockend vorkam, konnte sich Tessa nicht von Chester lösen. Ein paar Wassertropfen perlten über seinen Hals bevor sie sich in den Hemdkragen verirrten und hinterließen dabei glänzende Spuren auf seine Haut. Das Hemd selbst schmiegte sich dunkel und durchnässt um seine Schultern, weil das Wasser stetig aus seinen Haaren tropfte. Glitzerten da etwas ein paar Tröpfchen in seinen Wimpern?
      "In Ordnung?"
      "Äh..."
      Chester sah sie eindringlich an.
      "Ja, in O-ordnung."
      Er lachte und ein paar Tröpfchen lösten sich dabei aus seinen Wimpern, als er blinzelte.
      "Du lieber Himmel! So sehr habe ich mich nicht mehr erschrocken, seit die Kutsche in den Zaun gebrettert ist!"
      "Was soll ich denn sagen...", murmelte Tessa leise.
      "Kann denn ein Mann keine Privatsphäre haben?"
      So lange sich Tessa nicht angewöhnte, anzuklopfen oder sich wenigstens räusperte sobald sie ein Zelt betrag, wohl nicht.
      Der Dampf musste ihr schon zu den Ohren herauskommen, so heiß fühlte sich ihr Kopf an.
      Tessa nahm ihren Stammplatz auf der Couch ein und wartete.
      "Also, jetzt nochmal langsam. Du willst tanzen lernen? Was genau? Es gibt so viele Tanzarten, die man lernen kann."
      Als Chester sich niederließ, in trockener Kleidung und halbwegs trockenen Haaren, setzte sich Tessa ein wenig gerade hin.
      "Nein. Also, ja", sie rieb sich über das Gesicht. "Eigentlich..."
      Eigentlich ging es nicht nur ums Tanzen.
      "Das gestern war immerhin kein richtiges Tanzen, das war nur ein bisschen Rumgehüpfe. Aber es gibt auch richtige Tänze, zu langsamer Musik und zu schneller Musik. Möchtest du den Mondtanz lernen?"
      Irgendetwas in Tessas Gehirn setzte aus.
      Der Mondtanz.
      Sie hatte nicht vergessen, was Chester ihr darüber erzählt hatte. Worauf es ankam. Was wichtig für diesen Tanz war. In ihrem mit Whisky vernebelten Kopf hatte seine Erklärung ein sehr romantisches Bild gezeichnet.
      "Ähm...ist der nicht zu schwierig für eine Anfängerin?", fragte Tessa vorsichtig. "Nachdem, was du gestern erzählt hast, ist der Tanz sehr...anspruchsvoll."
      Tessa hob den Blick und sah vor Begeisterung glitzernde Augen.
      Ach, herrje.
      "...ich kann es versuchen."
      Bevor Chester aufspringen konnte, das hätte ihm nämlich ähnlich gesehen, streckte Tessa die Hand aus und hielt ihn am Arm fest.
      "Bleib bitte mal kurz sitzen, okay?", bat Tessa. "Mir geht es nicht nur um Tanzstunden. Ich...verbringe gerne Zeit mit dir, weil ich jedes Mal danach das Gefühl habe, dich ein kleines Bisschen besser zu kennen. Du hast mir all diese Dinge von dir erzählt und...hm, also, ich würde gerne öfters Zeit mit dir verbringen. Nicht bei den Proben. So wie gestern. Ich will mich nicht aufdrängen, oder so...Also...Ich mag, was wir..."
      Tessa verzog das Gesicht, weil ihr Worte zu finden nicht so leicht fiel wie Chester.
      Mit einer eindeutigen Handbewegungen deutete sie zwischen ihm und sich selbst hin und her.
      "Ich mag das hier."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Ähm...ist der nicht zu schwierig für eine Anfängerin? Nachdem, was du gestern erzählt hast, ist der Tanz sehr...anspruchsvoll."
      "Oh ja, ganz bestimmt." Chester nickte bekräftigend. "Das ist hohe Kunst, ein Ausdruck von Gefühlen mittels Bewegungen. Aber wir können darauf hinarbeiten. Das könnte unser Ziel werden."
      Chester hatte schon lange kein Mondpaar mehr gehabt. Für viele Nummern, die er sich einst ausgedacht hatte, hatte er längst nicht mehr die richtige Besatzung und das Mondpaar war eine davon. Die Aussicht jetzt, ihn potenziell wieder zum Leben zu erwecken, war richtig erfrischend.
      "...ich kann es versuchen."
      Chester strahlte auf.
      "Wunderbar! Das freut mich aber, das glaubst du mir gar nicht. Ich werde gleich mal überlegen, wie wir das angehen können. Ich werde -"
      "Bleib bitte mal kurz sitzen, okay?"
      Tessa legte die Hand auf seinen Unterarm und Chester verharrte in seiner Bewegung - ihm war gar nicht aufgefallen, dass er drauf und dran gewesen war, aufzuspringen. Mit einem Blick in ihr Gesicht ließ er sich aber wieder sinken.
      "Mir geht es nicht nur um Tanzstunden."
      "Nicht?"
      "Ich...verbringe gerne Zeit mit dir, weil ich jedes Mal danach das Gefühl habe, dich ein kleines Bisschen besser zu kennen."
      Chester legte den Kopf ein bisschen auf die Seite. Mit so etwas hatte er nun nicht gerechnet.
      "Du hast mir all diese Dinge von dir erzählt und..."
      Und?
      "...hm, also, ich würde gerne öfters Zeit mit dir verbringen. Nicht bei den Proben. So wie gestern. Ich will mich nicht aufdrängen, oder so...Also..."
      Sie stammelte ein bisschen. Das machte sie oft, wenn sie noch nicht ganz dazu bereit war, etwas zu sagen.
      "Ich mag, was wir... Ich mag das hier."
      Chester blinzelte. Das war nun... ja, das war überraschend. Er hatte natürlich mitbekommen, dass Tessa sich von ihrem Schock erholt und sich so langsam im Zirkus eingefunden hatte - sie hatte ihm schließlich ihren Spitznamen wieder angeboten, worum er noch heute glücklich war - aber das hier stieg noch darüber hinaus. Das hier hörte sich an wie aufrichtige Freundschaft. Sie mochte es hier und sie wollte auch noch Zeit mit ihm verbringen. Sie wollte ihn kennenlernen. Ihn! Bei dem Gedanken durchströmte ihn ein warmes Gefühl und er grinste unmittelbar seine Freude heraus.
      "Ich mag das auch, ich mag das sehr. Wir können gerne mehr Zeit verbringen, auch ohne Tanzstunden. Tanzen willst du aber trotzdem lernen, oder? Oder?"
      Tessa musste ihm zustimmen, um dieses Zelt jemals wieder heil verlassen zu können, und Chester kicherte. Dann sagte er mit einem Leuchten in den Augen:
      "Mir hat das auch Spaß gemacht, gestern. Mir macht alles Spaß, bei dem du lachen musst. Wir brauchen ja keinen Geburtstag, um Zeit miteinander zu verbringen, oder Tanzstunden. Wir können auch so etwas machen - wie in den guten alten Zeiten?"
      Er kicherte noch einmal, dann breitete er die Arme aus.
      "Komm her, lass dich drücken. Du kleine, freche Diebin."
      Er umarmte sie und drückte sie dabei an sich. Jetzt war Chester wirklich glücklich. Er freute sich, gemocht zu werden und beidseitige Freundschaften zu haben - welche, bei denen er niemanden manipulieren musste. Das freute ihn manchmal mehr als die besten Nummern in der Manege.
    • Okay. Das ging vielleicht nicht ganz in die Richtung, an die Tessa gedacht hatte.
      "Komm her, lass dich drücken. Du kleine, freche Diebin."
      Glücklich lächelte sie trotzdem und ließ sich an Chesters Brust ziehen, nachdem er ihr das Versprechen für zukünftige Tanzstunden abgeknöpft hatte. Niemand auf der Welt hätte wohl in diesem Moment Nein zu Chester sagen können. Nicht, wenn er Tessa so dabei ansah.
      Sie schmiegte die Wange gegen seine Brust. Er war noch ganz warm vom Bad. Das fühlte sie selbst durch sein Oberteil, das weich über ihre Wange streichelte. Langsam, aber bei Weitem nicht mehr ganz so zurückhaltend, schlang Tessa die Arme um Chester. Die zierlichen, geschickten Hände einer Diebin, wie Chester ganz richtig betonte, stahlen sich federleicht über seine Seiten davon bis sie die Hände auf seinem Rücken ablegen konnte. Sie lachte leise, weil es Chester glücklich machte und sie glücklich war, als sie ihren Kopf unter sein Kinn schmiegte. Tessa versuchte nicht darüber nachzudenken, dass sie bei der ganzen Aktion und in dem Gewirr aus Armen und Beinen halb auf seinen Schoß gekraxelt war.
      Irgendwann wurde es stiller und das Lachen verklang mit einem erleichterten Seufzer. Vielleicht war das hier für den Anfang erstmal gar nicht so schlecht. Über ihr Herumgedruckse ärgerte sich Tessa trotzdem. Ein Bisschen hatte sie auf Chester gehofft, der flink Eins und Eins zusammenzählte. Dabei hatte er es schon ganz am Anfang von einfach Allem nicht begriffen. Erst, als sie ihn geküsst hatte. Und ganz vielleicht musste sich Tessa damit abfinden, dass ihre Zuneigung eine Schwärmerei bleiben würde. Sie wäre sicherlich nicht die Erste…und wie sie dank seiner Unsterblichkeit wusste, auch nicht die Letzte. Es sei denn, sie löste das Rätsel und ob Chester sie danach überhaupt noch ansehen würde, stand auf einem ganz anderen Blattpapier.
      „Okay, okay! Das reicht auch! Genug geknuddelt“, kicherte Tessa und gönnte sich noch für ein paar Sekunden den Luxus, ihr rotes Gesicht an seinem Hals zu verstecken.
      Mit möglich viel Würde, zumindest dem Rest, der nach dem Bad-Desaster noch übrig war, rutschte Tessa von der Couch und von Chesters‘ Schoß herunter. Sie rieb sich mit einem schiefen Lächeln über die Wangen. Dümmlich, hatte Jakob sicherlich gesagt, wenn er da gewesen wäre. Bis über beide Ohren verknallt, wisperte das Echo von Rosie in ihre Ohren.
      Der Groll auf Chester war schon lange verraucht.
      Jetzt wollte Tessa helfen. Ella wusste das.
      Deswegen hatte sie ihr das Perlenarmband gegeben, ohne dabei zu viel zu verraten.
      Mit einem musternden Blick stemmte sie die Hände in die Hüften und sah Chester abwartend an.
      Bevor er etwas sagen konnte, griff sie nach seinen Händen und zog den Mann auf die Beine.
      "Dann zeig mir mal, was du drauf hast. Vorsicht, mit über einem Jahrhunder Tanzerfahrung sind die Erwartungen hoch, Maestro", grinste Tessa.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Einen Moment lang umarmten sie sich einfach nur und Chester war glücklich darüber. Er war es sogar sehr, denn Tessa war von sich aus zu ihm gekommen, sie umarmte ihn freiwillig und er hatte nichts dazu beigetragen, dass sie jetzt hier war. Oder? Hatte er doch nicht. Nein, hatte er nicht, und trotzdem war Tessa jetzt hier und umarmte ihn. Das war eines der schönsten Gefühle, die Chester sich vorstellen konnte. Das hatte nichts mit seiner Manipulation zu tun, nichts mit dem Zweck, die Uhr zu befriedigen oder gar den Zirkus am Laufen zu halten. Es war einfach nur... menschliche Nähe, und die mochte Chester. Weil sie von jemand anderem kam.
      „Okay, okay! Das reicht auch! Genug geknuddelt“
      "Einverstanden."
      Sie kicherten beide, als sich keiner von ihnen rührte, und dann rückte Tessa wieder ein Stück ab. Sie nahm ihre Körperwärme mit sich, aber die richtige Wärme blieb Chester erhalten. Tief in seiner Brust. Sie verstärkte sich auch noch, weil Tessa irgendwie süß aussah, so wie sie sich schämte. Ob es nun von ihrem Reinplatzen kam oder von der Umarmung, das war ganz egal. Der Anblick war entzückend.
      Jetzt stemmte sie allerdings die Hände in die Hüften und sah Chester abwartend an. Bevor er jedoch fragen konnte, was ihr jetzt durch den schlauen Kopf ging, ergriff sie seine Hände und zog ihn hoch.
      "Dann zeig mir mal, was du drauf hast. Vorsicht, mit über einem Jahrhundert Tanzerfahrung sind die Erwartungen hoch, Maestro."
      "Oh - du möchtest eine Show haben? Eine ganz private Show?"
      Er grinste ein breites Grinsen, zur Hälfte schauspielerische Übertreibung, zur Hälfte ehrliches Vergnügen.
      "Da würden viele Leute vermutlich viel Geld dafür zahlen. Den Great Chester of the Circus in einer privaten Show zu haben."
      Chester bemerkte gar nicht die Zweideutigkeit hinter seiner Aussage, denn er zog sich schon geschäftig die Socken aus und warf sie auf die Couch.
      "Dann lass mich mal überlegen. Ich kenne einen Haufen Tänze; Einzel, Paar und Gruppen. Wir fangen mit etwas einfachem an: Den Walzer. Der ist sehr einfach. Ich zeig dir das."
      Chester nahm Haltung an, ganz so, als würde er eine andere Person halten, und dann bewegte er sich wie ein Kreisel über die begrenzte Fläche hinter der Couch. Seine Haltung war perfekt, sein Kopf aufrecht und gerade, jeder Schritt ganz so, als würde er eigentlich schweben. Der Walzer war nunmal wirklich einfach.
      "Aber das ist nichts für die Manege. Unseren Tänzern bringe ich gerne den Pfeiler bei, den hast du bestimmt schonmal gesehen. Das ist ein Formationstanz, da musst du dir eigentlich ganz viele Leute denken, die tanzen."
      Chester gab seine Haltung auf und änderte die Richtung. Seine Ausstrahlung veränderte sich, als er die neue Position einnahm, von ernstem Stolz zu überschwänglicher Erhabenheit. Sogar sein Gesicht strahlte jetzt von ganz allein, die Macht der Gewohnheit. Dann schwang er das Bein in einem perfekten Winkel nach oben und drehte sich in den nächsten Sprung hinein. Alles in einem kleineren Format, damit er nicht in die Möbel tanzte.
      "Hier ist das Geheimnis eigentlich nur das... Springen", erklärte er unter dem Takt - dem Takt der Uhr, immer nur die Uhr - und machte eine ausladende Geste mit den Armen, bevor er wieder das Bein schwang. Jede Bewegung saß perfekt mit einstudierter Präzision.
      "Gut, und... die Ausdauer vielleicht."
      Er machte noch einen dieser Sprünge, dann hielt er an und nahm einen Atemzug. Die Haare, die er sich jetzt nicht gelen konnte, hingen ihm ins Gesicht und er strich sie zurück.
      "Der schwierigste Tanz, den ich dir unter den "nicht ausgebildeten" bieten kann, ist aber tatsächlich der Tanz der Clowns. Das glaubst du mir jetzt nicht oder?" Er grinste belustigt. "Es stimmt aber. Der Clown ist die schwierigste Position hier im Zirkus. Sehr stark zu vergleichen mit den Akrobaten. Ich zeig's dir."
      Chester ging von seiner Position aus in einen mühelosen Handstand. Dann verlagerte er sein Gewicht, nahm einen Arm weg und mit Schwung begann er sich zu drehen. Dabei ging er tiefer, tiefer und tiefer, bis er sich mit dem einen Arm abstieß und im Spagat landete, bevor er sich rückwärts wieder auf die Beine brachte. Zum Glück hatte er nur Hosen, die reißfest waren.
      "Der ist schwierig, weil einem sehr leicht schwindelig wird. Dabei muss man doch die Balance halten."
      Er war keine zwei Sekunden auf den Beinen, dann stand er schon wieder im Handstand und machte im Takt der tickenden Uhr Figuren, die unmöglich schienen. Doch Chester fiel nicht, sondern drehte sich und hüpfte und rollte sich herum, alles mit einer Leichtfüßigkeit, die nur die Unsterblichkeit mit sich bringen konnte. Als er bald wieder in die aufrechte Position zurückkam, atmete er schon ein bisschen schwerer. Ein bisschen.
      Wieder strich er sich die Haare zurück.
      "Und dann natürlich der Mondtanz."
      Von seiner eigenen Inspiration ergriffen grinste er Tessa an und ergriff ihre Hände.
      "Komm mal hier herüber."
      Er stellte sie dorthin, wo er sie wollte, dann ging er einen Schritt zurück und ordnete sein durcheinander gerutschtes Hemd.
      "All diese anderen Tänze, die sind nur für das Auge da, etwas interessantes zum Ansehen. Aber der Mondtanz, das ist etwas für das hier." Er tippte sich verschwörerisch gegen die Stirn. "Bleib genau hier stehen. Du bist jetzt der weibliche Part; natürlich tanzt der auch, aber ich möchte, dass du den männlichen Part aus dieser Position siehst. Dann wirst du sehen, was ich meine."
      Noch einmal glättete er seine Klamotten, dann stellte Chester sich auf. Wieder war seine Ausstrahlung ganz anders als beim Walzer, beim Pfeiler und beim Clown. Diesmal haftete eine Eleganz an ihm, die nicht für diesen Zirkus gemacht schien.
      Er verbeugte sich vor Tessa, eine Bewegung, in der präzises Muskelspiel steckte, und dann begann er zu tanzen; nicht mehr chaotisch wie beim Clown, geordnet wie beim Pfeiler oder formell wie beim Walzer. Seine Bewegungen muteten langsam an, wobei sie doch im selben Takt wie die vorherigen Tänze erfolgten, doch diesmal schien jede Gliedmaße einen Zweck zu verfolgen, jeder Strich mit dem Arm und Kreisen mit dem Bein ein eigener Tanz, eine eigene Aussage, hinter der so viel mehr als die reine Bewegung steckte. Chester tanzte den Mondtanz, indem er eine Geschichte zum Ausdruck brachte, für die es keine Worte gab, lediglich den Takt, den Körper, die Miene. Er tanzte eine Geschichte, die nicht anders erzählt werden konnte.
      Natürlich konnte er nicht das Endprodukt liefern, dafür benötigte es zwei. Er ließ Figuren aus, für die er seinen Partner gebraucht hätte, doch als er im Vorbeitanzen erwähnte, dass er nun den weiblichen Part tanzen würde, schien sein Körper plötzlich Lücken zu füllen, derer man sich zuvor noch gar nicht bewusst gewesen war. Mit katzenhafter Geschmeidigkeit drehte er sich in die Luft hinein und doch war es so, als würde genau dort der männliche Part warten, der Teil der Geschichte, der noch keinen Ausdruck gefunden hatte und nun durch Chesters Bewegungen vervollständigt wurde. Seine Bewegungen spielten sich mit einer Harmonie aufeinander ein, die überirdisch wirkte. Es war viel weniger ein Tanz, als dass es ein vollendetes Kunstwerk war.
      Schließlich hörte er auf und blieb keuchend vor Tessa stehen. Der Mondtanz war anstrengender als all die anderen Tänze zuvor. Er würde sich wieder waschen müssen - aber das war es wert gewesen.
      "Und?"
      Er lächelte wieder, jetzt, wo der Mondtanz vorbei war.
      "Wurden die Erwartungen getroffen, Madame?"
    • "Oh - du möchtest eine Show haben? Eine ganz private Show?", war die prompte Antwort.
      Tessa räusperte sich, nahm die Hände hinter den Rücken und knetete dort unauffällig die Finger. Plötzlich war ihr wieder ganz warm.
      "Da würden viele Leute vermutlich viel Geld dafür zahlen. Den Great Chester of the Circus in einer privaten Show zu haben."
      Die Vorstellung fiel Tessa nicht schwer.
      Chester strahlte mit einer Anziehungskraft, die schwer zu beschreiben war. Sie hatte am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlte als trudelnder Stern in seinen Orbit zu geraten. Ein wenig zu nah und man verglühte.
      "Dann lass mich mal überlegen. Ich kenne einen Haufen Tänze; Einzel, Paar und Gruppen. Wir fangen mit etwas einfachem an: Den Walzer. Der ist sehr einfach. Ich zeig dir das."
      Tessa folgte Chester, drehte sich herum, damit sie keine Bewegung verpasste.
      "Oh! Das kenn ich. Den Tanz habe ich schon einmal gesehen."
      Manchmal, auf den großen Festen im Frühling und Sommer, hatte sie Tanzpaare auf diese Weise über die Tanzfläche schweben sehen. Ein hölzernes Podest, extra für derlei Festivitäten errichten und geschmückt mit Blumengestecken, war auf dem großen Platz aufgebaut worden, auf dem tagsüber das Markttreiben die Straßen belebte. Die Schritte waren lang, weich und elegant. Eben wie Schweben. Hin und wieder hatte sie sich dazu hinreißen lassen den hübschen Tanzpaaren zuzusehen. Wie lange Kleider aus leichtem Chiffon und Seide sich mit jeder Drehung zart durch die Luft bewegten.
      Auch den nächsten Tanz, den Chester ihr präsentierte, kannte sie. Aber erst seit Kurzem. Den hatte sie nämlich erst im Zirkus kennengelernt. Obwohl Chester sich ganz allein durch die Choreographie bewegte, tat es dem Ganzen keinen Abbruch. Im Gegenteil. Er schaffte es mit kraftvollen und stolzen Bewegungen die Stimmung ganz allein zu tragen. Die Sprünge, wenn auch weniger ausladend als in der großen Manege, waren trotzdem beeindruckend. Chester hatte sich schon immer auf eine andere Weise bewegt als Tessa. Die Menschen sahen ihn, drehten die Köpfe zu ihm um. Tessa verstand sich darauf, unauffällig zu sein. Schleichen und Klettern erforderte eine andere Form der Körperbeherrschung. Kleine, minimalistische Bewegungen und jeder Schritt wollte mit Bedacht gesetzt werden. Still wie eine Maus, flink wie ein Wiesel.
      Das hatte sich erst geändert seit sie im Zirkus - zumindest ein Bisschen.
      Tessa beobachtete Chester mit den wachsamen, aufmerksamen Augen einer Diebin. Sie folgte seiner Hand, mit der er sich durch die zerwühlten Haare fuhr und wie sich seine Brust deutlich unter der körperlichen Anstrengung abhob. Es war selten, dass sie Chester außer Atem sah. Es gefiel ihr. Diese kleine und gewöhnlichen Dinge, die ihn menschlich und nahbar machten. Die Anziehung war eine gänzlich andere, als die Rolle des Zirkusdirektors, aber nicht weniger intensiv.
      Als Chester für den Tanz der Clowns in den Handstand ging, grinste Tessa und nahm zwei Finger zwischen die Lippen. Ein begeisterter Pfiff erfüllte das Zelt und der Spagat hätte einige der Akrobaten im Zirkus vor Neid erblassen lassen. Jetzt glaubte sie wirklich, was ihr bereits zu Ohren gekommen war, dass Chester wirklich selbst mal als Akrobat in der Manege gestanden hatte. Er mochte vieles vergessen, aber sein Muskelgedächtnis war tadellos.
      "Bravo!", jubelte Tessa und lachte.
      "Und dann natürlich der Mondtanz."
      Er ergriff ihre Hände, mit denen die gerade noch geklatscht hatte.
      "Komm mal hier herüber."
      "O-okay."
      Tessas ließ sich führen und blieb, wo Chester sie haben wollte.
      "All diese anderen Tänze, die sind nur für das Auge da, etwas interessantes zum Ansehen. Aber der Mondtanz, das ist etwas für das hier."
      Sie blinzelte träge, als er seine Kleidung in Ordnung brachte.
      "Und was mach ich jetzt?"
      "Bleib genau hier stehen. Du bist jetzt der weibliche Part; natürlich tanzt der auch, aber ich möchte, dass du den männlichen Part aus dieser Position siehst. Dann wirst du sehen, was ich meine."
      Chester verneigte sich elegant und Tessa atmete zittrig ein.
      Von der ersten Sekunde an verschlug es Tessa den Atem. Weder Körperspannung noch Koordination rangen ihr die atemlose Bewunderung ab. Nein, es war die Stimmung, die sich im gesamten Zelt ausbreitete allein durch den Tanz. Jede Bewegung strahlte eine namenlose Sehnsucht aus, von der Schulter bis in die Fingerspitzen. Es war wunderschön und berührte das Herz auf eine Weise, wie es Worte nicht konnten. Ganz sachte, Tessa bemerkte es nicht mal, wog sie sich zu einer stummen Melodie, folgte einem Musikstück, das nicht mit Ohren zuhören waren.
      Ganz allein fügte Chester die Puzzleteile zusammen. Die Drehungen waren bezaubernd und selbst von einem Mann so grazil getanzt, dass es keinen Unterschied machte. Tessa ließ sich von der unvollständigen Geschichte verzaubern. Es ließ ihre Augen glitzern, wie die des jungen Mädchens, dass sie hätte sein können, wenn die Umstände anders gewesen wären. Wenn sie eine bessere Mutter gehabt hätte. Eine Familie. Sicherheit. Wenn ihre Träume von anderen Dingen, als der nächsten Mahlzeit gehandelt hätte. Die Melancholie ihrer Gedanken spiegelte sich in Chesters Gesicht wieder. Der sehnsüchtige Blick eines Suchenden. Rastlos und hoffend zugleich.
      Es war atemberaubend.
      Und es war wunderschön, weil Chester es zum Leben erweckte.
      "Und?"
      Schwere Atemzüge erfüllten das Zelt und Tessa...war sprachlos.
      "Wurden die Erwartungen getroffen, Madame?"
      "Das..."
      Tessa räusperte sich.
      "Das war wunderschön, Chester", wiederholte Tessa ihre Gedanken. "Ich glaube, ich verstehe. Der Mondtanz ist für die Vorstellungskraft. Ich glaube, wer immer ihn sieht, findet etwas von sich selbst darin. Aber..."
      Federleicht, beinahe auf Zehenspitzen, ging Tessa ein Stückchen auf Chester zu.
      "...tanzen kannst du ihn nicht ohne das hier."
      So wie Chester sich gegen die Stirn getippt hatte, tippte sich Tessa mit dem Zeigefinger gegen ihre Brust.
      Der Mondtanz musste mit Herz getanzt werden.
      "Ohne Herz. Ohne Gefühl."
      Tessa besaß keine hundert Masken.
      Die Offenheit und Verletzlichkeit in ihrem Blick war echt.
      So echt wie der Boden unter ihren Füßen, das allgegenwärtige Ticken seiner Uhr und der Himmel über ihren Köpfen, wenn das Zeltdach nicht wäre. Sie streckte Chester ihre Hände entgegen und lächelte warm. Einladend.
      "Zeigst du es mir?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Das war wunderschön, Chester", sagte Tessa als ihr endgültiges Urteil und Chester explodierte förmlich vor Freude. Sein ganzes Gesicht hellte sich auf und von der vielen Wärme spürte er gar nicht mehr sein eigenes Keuchen. Er mochte es, wenn seine Vorstellungen anderen Leuten gefielen. Er mochte es so sehr.
      "Ich wünschte, ich könnte ihn dir richtig zeigen. Ich wünschte es."
      Was natürlich nicht möglich war, denn Chester hatte derzeit kein Mondpärchen. Und in die Vergangenheit reisen konnten sie auch nicht.
      "Ich glaube, ich verstehe. Der Mondtanz ist für die Vorstellungskraft. Ich glaube, wer immer ihn sieht, findet etwas von sich selbst darin."
      Eifrig nickte er zu Tessas scharfsinnigen Worten.
      "Der Mondtanz ist der Künstler. Aber nur der eigene Kopf kann ihm sagen, welches Bild er malen soll."
      "Aber...", Tessa machte einen Schritt auf ihn zu, "...tanzen kannst du ihn nicht ohne das hier."
      Sie tippte sich gegen die Brust und wieder nickte Chester, diesmal mit einem Lächeln. Die junge Frau war beizeiten wirklich scharfsinnig.
      "Ohne Herz. Ohne Gefühl."
      "Ja. Ohne geht es nicht."
      Was auch der Grund war, weshalb Chester nicht immer ein neues Mondpärchen ausbildete. Und was auch der Grund war, weshalb er ihn nicht immer selbst tanzte, um den männlichen oder weiblichen Part zu erfüllen. Manchmal konnte auch sein Kopf dem Künstler nicht sagen, was er zu malen hatte, und dann würde das Gemälde für jeden, der darauf sah, lediglich eine weiße Leinwand bleiben.
      Aber Tessa war nicht so wie er, sie war eine sterbliche, junge Frau mit reellen Gefühlen, die sich nicht über die Zeit hinweg vermischten und schließlich ausbrannten. Tessa mochte vielleicht nicht tanzen können, was eigentlich eine Voraussetzung sein sollte, aber sie hatte sonst alles, was für den Mondtanz nötig war. Den Kopf, das Herz. Und das war es wohl, was Chester in diesem Moment dazu brachte, ihre Hände entgegen zu nehmen und es für sich zu beschließen. Er würde ihr den Mondtanz beibringen.

      Für den Rest des Abends tat er genau das, aber vom ersten Schritt angefangen. Tessa musste tanzen lernen und dann musste sie noch lernen, wie sie mit ihrem Körper ein Bild gestaltete und das war nichts, was Chester ihr an einem Abend, geschweige denn in einer Woche oder gar einem Monat beibringen konnte. Doch Tessa war jung, sie würde noch viele Jahre vor sich haben, bis sie den Zirkus verließ, und bis dahin wollte Chester sie in den Mondtanz einweisen. Weshalb er ihr an diesem Abend mit größter Geduld die ersten Tanzschritte lehrte und dann, wie man einen Walzer tanzte. Es dauerte nur eine Stunde, dann flogen sie schon im Walzer durch sein Wohnzimmer, wo er die Couch und den Tisch extra beiseite geschoben hatte. Es gab keine Musik, nur den Takt der Uhr, aber manchmal summte Chester irgendetwas dahin und meistens waren sie sowieso am Lachen und am Kichern. So hatte er sich seinen Abend sicher nicht vorgestellt, aber als sie schwitzend und außer Atem schließlich auf das Sofa sanken, war er glücklich darüber, genau das erlebt zu haben. Von solcher Nähe konnte er nie genug haben.
      "Das war gut! Für den Anfang", sagte er und lachte dann, bevor er sich zurücklehnte und den Kopf an der Vitrine hinter sich anstieß. Grummelnd rieb er sich den Kopf.
      "Wenn das so weitergeht, wirst du ihn mir nichts dir nichts gelernt haben. In so, vielleicht, zehn, zwanzig Jahren."
      Tessa riss die Augen geschockt auf und Chester überdachte nochmal, was er soeben gesagt hatte.
      "Nein, moment... eher so... zwei Winter vielleicht, oder drei. Ich habe es nicht so mit der Zeit, wie du weißt. Aber lange wirst du nicht dafür brauchen."
      Er lächelte sie an.
      "Sofern du ihn natürlich noch lernen willst. Ich schlage vor, dass du dafür mindestens einmal die Woche zu mir kommst, am besten am Abend, so wie heute. Dann tanzen wir ein bisschen und dann war es das auch schon. Aber Wiederholung ist hier der Schlüssel."
    • Erschöpft aber glücklich sank Tessa auf das Sofa. Tanzen war anstrengender als sie gedacht hatte. Die Albernheiten des gestrigen Abends hatten sie atemlos zurückgelassen, aber nun fühlte sie eine bleierne Schwere in den Gliedern. Von den vielen Wiederholungen der Grundschritte schmerzten ihre Füße und die Muskeln in ihren Armen und Schultern protestierten, weil Chester unermüdlich ihre Haltung korrigiert hatte. Den Arm etwas höher, gerader und mit mehr Spannung halten. Die Beine und Füße voll in den einzelnen Figuren durchstrecken. Die Körperspannung zu halten und gleichzeitig alles leicht und elegant aussehen zu lassen, war Schwerstarbeit. Tessa war sich ziemlich sicher, dass sie die meiste Zeit wie ein nasser Kartoffelsack in seinem Arm gehangen hatte. Sie warf einen flüchtigen Blick zu Chester, der bis über beide Ohren grinste und offensichtlich sehr zufrieden mit seiner Schülerin war.
      "Das war gut! Für den Anfang."
      Klonk. Sein Hinterkopf kollidierte mit dem Glas der Vitrine und Tessa verzog mitfühlend das Gesicht.
      "Oh, Vorsicht!", lachte sie.
      Bevor sie darüber nachdenken konnte, streckte Tessa die Hand aus und schob sie an seinen Hinterkopf. Mit den Fingerspitzen befühlte sie Stelle, die unsanft Bekanntschaft mit der Vitrine gemacht hatte. Sie störte sich nicht an dem leicht verschwitzten Haarschopf. Die eigenen Haare klebten ihr genauso im Nacken. Sie waren gerade wieder lange genug, dass Tessa sie zu einem kurzen Stummel zusammenbinden konnte. Durch das Zelt gewirbelt zu werden, hatte ein paar Strähnen gelöst, die nun ihr Gesicht einrahmten und sie an der Wange kitzelten.
      "Wenn das so weitergeht, wirst du ihn mir nichts dir nichts gelernt haben. In so, vielleicht, zehn, zwanzig Jahren."
      "Zwanzig Jahre!?"
      "Nein, Moment... eher so... zwei Winter vielleicht, oder drei. Ich habe es nicht so mit der Zeit, wie du weißt."
      "Schon okay."
      Chester lächelte und Tessa nickte verstehend.
      Sie hatte die Tatsache, dass Chester kein Zeitgefühl mehr besaß schnell als ein Teil von ihm akzeptiert.
      "Aber lange wirst du nicht dafür brauchen."
      "Denkst du?"
      "Sofern du ihn natürlich noch lernen willst. Ich schlage vor, dass du dafür mindestens einmal die Woche zu mir kommst, am besten am Abend, so wie heute. Dann tanzen wir ein bisschen und dann war es das auch schon. Aber Wiederholung ist hier der Schlüssel."
      Tessa nickte eifrig.
      Ihr sollte erst später bewusst werden, welche Möglichkeiten sich dadurch eröffneten. Jetzt, in diesem Moment, war sie nur glücklich darüber, dass Chester diese Zeit mit ihr verbringen wollte. Tessa wurde ganz warm ums Herz. Sie mochte diesen Chester. Lächelnd, atemlos und voller Begeisterung, die bis in seine Augen reichte.
      Dabei wusste Tessa gar nicht, ob sie in zwei oder drei Jahren noch hier war und ob es den Zirkus Magica dann überhaupt noch gab.
      "Klingt gut...und das nächste Mal klopf ich an. Oh, Moment. Dafür müsste das Zelt eine Tür haben. Vielleicht solltest du dir ein Glöckchen an den Eingang hängen, damit es keine bösen Überraschungen mehr gibt", scherzte Tessa und rieb sich mit der freien Hand über den Nasenrücken.
      Richtig. Die Andere lag noch immer an seinem Hinterkopf, wo ihre Finger ein Eigenleben entwickelt hatten und sanft über seine Kopfhaut kreisten. Tessas Blick zuckte flüchtig zu seinen Lippen und ganz schnell wieder zurück zu seinen Augen.
      "Oh, sorry. Ich...Ähm..."
      Langsam senkte Tessa die Hand und vermisste sofort das Gefühl unter ihren Fingerspitzen.
      Die Hand landete auf seine Schulter, als Tessa die Beine auf das Sofa zog und auf die Knie hochkam, um schräg an Chesters Kopf vorbei in die Vitrine zu sehen.
      "Ich habe mich schon immer gefragt, was du eigentlich da drin hast", sagte sie und zuckte dabei leicht mit einer Schulter. "Die sind mir schon beim ersten Mal, als ich in diesem Zelt war, aufgefallen."
      Sie legte grinsend den Kopf schief.
      "Berufliche Neugier."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es war schön zu sehen, dass Tessa sich mindestens genauso sehr über diese Aussicht freute wie Chester. Wer weiß, vielleicht konnte er in ein paar... Wintern wirklich wieder ein Mondpärchen in die Manege bringen. Das hatte er immer sehr gern getan.
      "Klingt gut...und das nächste Mal klopf ich an."
      Stimmt ja - nur mit dem Klopfen dürfte das beim Zelt schwierig werden. Chester öffnete schon den Mund, um sie zu korrigieren, da sagte Tessa selbst:
      "Oh, Moment. Dafür müsste das Zelt eine Tür haben."
      Wissend nickte er.
      "Vielleicht solltest du dir ein Glöckchen an den Eingang hängen, damit es keine bösen Überraschungen mehr gibt."
      Darüber musste er dann doch lachen.
      "Nein - das mag ich nicht. Dann komme ich mir ja vor wie ein Hund, den man rufen will. Nein, alle, die hier reinwollen, rufen immer vorher. Das höre ich schon und wenn ich keine Antwort gebe, bin ich nicht da. Dann darf man übrigens auch nicht reinkommen."
      Er zwinkerte ihr verschmitzt zu. Immerhin hatte er es mit einer kleinen Ex-Diebin zu tun, da sollte er sowas vielleicht noch einmal erwähnt haben. In ihren Wagen würde er ohne Einladung schließlich auch nicht marschieren.
      Tessa hielt die Hand noch immer an seinen Hinterkopf, wo er sich angestoßen hatte und sie ihn mit langsamen Bewegungen streichelte. Das war ein schönes Gefühl, über das Chester sich nicht beschweren würde, doch in der kurzen Stille, die zwischen ihnen entstand, schien Tessa einen Gedanken zu haben. Ihr Blick sprang hinab zu Chesters Lippen, ihr Gesicht nicht allzu weit von seinem entfernt, ihre Augen groß und fast träumerisch. Chester wusste den Blick nicht ganz zu deuten, denn was er glaubte, was er bedeutete, konnte ja wohl kaum der Wahrheit entsprechen, und da sah sie sowieso wieder in seine Augen hoch. Vielleicht hatte er noch einen Fleck am Mund, das musste es gewesen sein. Alles andere wäre ja völlig irrsinnig.
      "Oh, sorry. Ich...Ähm..."
      Sie zog ihre Hand wieder zurück, was Chester ein wenig bedauerte. Ihm hatte die ungezwungene Nähe gefallen, die sie zu ihm aufgebaut hatte und die sie jetzt wieder von ihm nahm. Aber was nicht sein sollte, sollte nunmal nicht sein.
      "Ich habe mich schon immer gefragt, was du eigentlich da drin hast", sagte sie in einem offensichtlichen Versuch, das Thema zu wechseln, und sah an Chester vorbei zu seiner Vitrine. "Die sind mir schon beim ersten Mal, als ich in diesem Zelt war, aufgefallen. Berufliche Neugier."
      Sie grinste ihn an, ein Grinsen, das Chester teilte. Manchmal konnte sie wirklich die kleine, freche Diebin von damals sein.
      "Habe ich dir das nicht erzählt?"
      Er drehte sich selbst und ließ den Blick über die Gegenstände in der deckenhohe Vitrine schweifen, die fast eine gesamte Wand seines Zeltes vereinnahmte. Es gab darin keine erkennbare Ordnung; eine Schere lag neben einer Kette, die wiederum neben einer schwarzen Box und die neben einem Hut und so weiter. Auch Chester hatte darin keine Ordnung, außer vielleicht die Ordnung der Gewohnheit. Er hatte die Sachen einfach irgendwann mal an den jeweiligen Platz gelegt und sie dann nicht mehr weggenommen.
      "Das sind meine Artefakte. Die, die ich nicht im Zirkusbetrieb einsetze."
      Er stand auf und drehte sich, sodass er die ganze Vitrine im Blick hatte. Einige der Artefakte waren für ihn völlig nutzlos, andere verband er mit Gefühlen, die Aufschluss darüber gaben, was er wohl mit ihnen erlebt hatte. Nur sehr wenige vermittelten ihm ein gutes Gefühl, bei den meisten hatte er einen mulmigen Knoten im Magen, bei dem er froh war, so vergesslich zu sein.
      "Sie sind ein bisschen meine... hm, wie soll ich das nennen... meine Absicherung vielleicht. Manche kann ich benutzen, hin und wieder, und wenn nicht, dann könnte ich sie in schlechten Zeiten sicher verkaufen. Das ist zum Glück noch nie vorgekommen, aber man weiß ja nie. Ein Zirkus ist ein unsicheres Geschäft, wie du dir vorstellen kannst."
      Er lächelte Tessa an, dann sah er wieder die Artefakte entlang.
      "Aber sie sind unspektakulär. Der Gehstock da unten, mit dem tanze ich manchmal. Aber er kann wirklich nicht mehr, als dir Balance zu geben. Das ist schon etwas langweilig, wenn du mich fragst."
    • "Habe ich dir das nicht erzählt?"
      "Mhmh", machte Tessa und schüttelte den Kopf. Erwartungsvoll sah sie Chester an, obwohl sie eigentlich ganz genau wusste, was er sicher hinter Glas aufbewahrte. Es fühlte sich nicht gut an, ihm etwas vorzuspielen. Tessa ließ den Blick über die verschiedenen Gegenstände wandern, die willkürlich verstreut in den Vitrinen lagen. Als er antwortete, hatte sie endlich Gewissheit.
      "Das sind meine Artefakte. Die, die ich nicht im Zirkusbetrieb einsetze."
      "Alle?", fragte sie und war überraschend wie Überzeugend die Verblüffung in ihrer Stimme klang.
      Sie drehte sich zu Chester herum. Wie immer war es kaum möglich in seinem Gesicht abzulesen, was ihm durch den Kopf ging. Tessa rutschte mit der Behändigkeit einer Diebin vom Sofa und zeigte dabei mehr Grazie als beim Tanzen. Bei Dingen, die ihr in Fleisch und Blut übergegangen waren, fühlte sie sich sicher. Schleichen, klettern und offensichtlich auch aufzustehen ohne sich dabei die Beine zu verknoten. Aufmerksam hörte sie zu, sog die Worte wissbegierig auf wie ein Schwamm. Ihr geschultes Auge hatte die Schlösser längst begutachtet. Dafür brauchte sie nicht lange. Sie hätte es möglicherweise geschafft, sie mit Dietrichen zu öffnen. Nur hatte sie keine Dietriche mehr zur Hand und mit dem Schlüssel brauchte sie auch wesentlich weniger Zeit. Blieb nur die Frage, wie sie ein Artefakt unauffällig entwenden und zurückbringen konnte, bevor Chester etwas merkte.
      "Aber sie sind unspektakulär. Der Gehstock da unten, mit dem tanze ich manchmal. Aber er kann wirklich nicht mehr, als dir Balance zu geben. Das ist schon etwas langweilig, wenn du mich fragst."
      Tessa stellte sich neben Chester. Die Hände hinter den Rücken gelegt, wippte sie grübelnd auf den Fußballen. Etwas, dass Chester gesagt hatte, schien sie ungewöhnlich lange zu beschäftigen. Die beinahe ernste Miene weichte schließlich auf und verwandelte sich in amüsiertes Schmunzeln. Wenige Sekunden später grinste Tessa wie ein Honigkuchenpferd.
      "Bis ich Dich getroffen habe, wusste ich nicht einmal dass es Magie überhaupt gibt."
      Die heimliche Amateur-Verschwörung mal beiseite geschoben, konnte Tessa sich immer noch von dem Wunder mitreißen lassen, dass dieser Zirkus im Herzen trug. Die Magie, die Chester in ihr Leben gebracht hatte. Gut, er hatte ihr auch ein gebrochenes Herz beschert, aber sie hatte auch gelernt zu heilen. Der Zirkus hatte ihr eine neue Familie beschert, ihr Trost gespendet und auch Kummer bereitet. Sie war daran gewachsen und letztendlich auch über sich hinaus. Sie war aus dem Schatten getreten, und ohne Chester wäre nichts davon möglich gewesen.
      Tessa drehte sich herum und sah Chester von der Seite an. Wieder lag etwas Nachdenkliches in ihrem Blick. Es war leicht an den an den gekräuselten Falten zu erkennen, die sich zwischen ihren Augenbrauen bildeten.
      "Schließ die Augen. Tu mir den Gefallen, bitte", bat sie ihn.
      Was Chester dazu brachte, ihrer unschuldigen Bitte zu folgen, konnte sie nicht sagen. Vielleicht war es das Lächeln, dass er so gerne sah. Ganz still glitt ihr Blick über seine Gesichtszüge, die ihr mittlerweile genauso vertraut waren, wie ihr eigenes Spiegelbild. Sie nahm allen Mut zusammen, fasste Chester behutsam am Hemdkragen und zog ihn zu sich herunter.
      Ein zarter Kuss landete auf seine Wange. Ein wenig zu tief und nicht flüchtig genug um vollkommen unschuldig zu sein, warm und mit sanftem Nachdruck. Als Chester die Augen aufschlug und sie ansah, war Tessa immer noch ganz nah. So nah, dass ihr Blick zwischen seinen Augen hin und her sprang.
      "Nichts, das mit Dir zu tun hat, könnte jemals langweilig sein. Wenn du mich fragt."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa trat neben ihn und betrachtete mit Chester seine Vitrine. Es war eine eigentlich eine ziemlich hübsche Vitrine, eine nette Sammlung. Manchmal konnte Chester auch durchaus stolz darauf sein.
      "Bis ich Dich getroffen habe, wusste ich nicht einmal dass es Magie überhaupt gibt."
      "Und das ist sogar die wahre Magie dahinter", sagte Chester und grinste spitzbübisch. Immerhin war der Zirkus Magica zwar als Zirkus Magica bekannt, aber dass dahinter wahre Magie steckte, das war ein wohl gehütetes Geheimnis, auf das Chester sehr wohl stolz war. Niemand verdächtigte den erfolgreichen Zirkus der Magie und das war wohl die wahre Meisterleistung.
      Tessa drehte sich zu ihm um und Chester sah sie an. In ihrer Miene glaubte er wieder dieses Etwas zu erkennen, dieser Ausdruck von Verträumtheit, der unter ihrer Nachdenklichkeit steckte. Irgendetwas ging ihr durch den Kopf und er konnte einfach nicht ganz den Drang ignorieren, es herausfinden zu wollen.
      "Schließ die Augen. Tu mir den Gefallen, bitte", sagte sie unverhofft. Chester zog die Augenbrauen hoch. Was sollte das nun bedeuten? Aber er tat wie geheißen, denn wirklich, eine so einfache, harmlose Bitte würde er nicht so einfach ausschlagen.
      Er schloss die Augen und für ein paar Sekunden lang geschah gar nichts. Er hörte und spürte nichts, konnte nur seinem eigenen Atem folgen und dem Ticken der Uhr, das auch jetzt nicht aufgehört hatte. Hätte Tessa sich bewegt, dann hätte er es gehört, dessen war er sich sicher. Doch Tessa bewegte sich nicht.
      Dann knisterte der Stoff seines Hemdes, er fühlte einen Zug an seinem Hemdkragen und er folgte ihm, die Augen immernoch geschlossen. Er fühlte sich ganz ruhig, so wie er sich da nach vorne neigte, doch als er dann eine Berührung an seiner Wange spürte, setzte sein Herz für einen Schlag aus. Hatte Tessa ihn da gerade geküsst? Hatte sie ihn geküsst? Auf die Wange? Der Gedanke schien ihm so absurd, er schlug sofort wieder die Augen auf, doch da sah er sie noch immer vor sich, nahe genug für den Kuss, den er als Nachhall noch immer spürte. Der Anblick war ihm bekannt, so wie damals auf der Anhöhe, als er sie geküsst hatte und dann gekitzelt hatte und dann nochmal küsste. Es war ihm sehr bekannt, aber damals, das war ein Mittel zum Zweck gewesen. Ein sehr dreckiges Mittel, wofür Chester sich an dunklen Tagen durchaus schämte, aber dafür ein erfolgreiches - immerhin waren sie jetzt hier. Doch hätte er nicht damit gerechnet, dass sowas daraus entstehen könnte. Manipulierte er Tessa etwa immernoch, ohne es zu wissen? Oder hatte er es niemals rückgängig gemacht? Aber sie war doch so sauer auf ihn gewesen und dann, dann hatte sie sich langsam mit seinem wahren Ich angefreundet. Oder etwa nicht?
      "Nichts, das mit Dir zu tun hat, könnte jemals langweilig sein. Wenn du mich fragt."
      Sie lächelte zwar nicht, aber Chester konnte das Lächeln aus ihrer Stimme raushören. Das machte die ganze Sache in seinen Augen noch viel merkwürdiger.
      "Tessa..."
      Er neigte leicht den Kopf. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt in so eine Situation geraten wäre.
      "Magst du mich etwa?"
    • Nervös zuckten die Finger an seinem Hemdkragen. Nervös und erwartungsvoll. Ein Schwarm sehr euphorischer Schmetterlinge nistete sich in ihrem Bauch ein. Tessa wurde ganz flau, weil Chester sie ansah, ohne dabei ein einziges Wort zu verlieren. An einem anderen Tag hätte Tessa ihm vorgeworfen, dass er sie mit Absicht auf die Folter spannte, doch Chester sah ehrlich verwundert aus. Sie hatte ihn überrascht. Die Tatsache zauberte ihr ein vergnügliches Funkeln in die Augen und entschädigte sie für die Saltos, die ihr Magen schlug. Konnte er bitte endlich etwas sagen?
      "Tessa..."
      Die Diebin atmete erleichtert aus. Gut, Chester war also nicht ganz spontan verstummt und zur Salzsäule erstarrt. Trotzdem hang das Ticken der goldenen Taschenuhr schwer zwischen ihnen in der Luft. Jedes Mal, sobald sich Tessa auf den hypnotischen Rhythmus konzentrierte, klang er beruhigend und bedrohlich zugleich. Wie etwas, das über ihren Köpfen schwebte, bereit, irgendwann über ihnen einzustürzen. In diesem Moment bekam das Ticken eine weitere Bedeutung für Tessa. Es bedeutete kostbare Zeit. Einen zweiten Moment wie diesen wrüde es nie wieder geben. Vielleicht einen Ähnliches, etwas Vergleichbares, aber nie wieder genau diesen hier.
      Chester bewegte sich und Tessa hielt die Luft an.
      "Magst du mich etwa?"
      Die Frage war ernst gemeint.
      Es fehlte der verspielte Unterton, die sie von Chester gewöhnt war, sobald er versuchte eine Situation aufzulockern. Tessa entließ einen zittrigen Atemzug und stellte sich auf die Zehenspitzen. Warmer Atem streichelte über ihr Gesicht als sich ihre Nasenspitzen sanft berührten. 'Sag Du es mir. Du bist der Experte für Menschen', hatte sie sagen wollen, doch Chester umgab eine beinahe rohe Ehrlichkeit und die hatte eine ehrliche Antwort verdient.
      "Hab niemals damit aufgehört", flüsterte Tessa sanft. "Hab mich lange schlecht deswegen gefühlt."
      Tessa grub die Finger fester in den ohnehin zerknitterten Hemdkragen.
      "Ich hab so viel Zeit damit verschwendet. Zeit, die ich nicht habe."
      Irgendwie bekam Tessa das Gefühl, dass Chester nicht weiter gehen würde. Er suchte etwas in ihrem Blick, vielleicht Gewissheit, Wahrheit oder Lüge. Tessa beschloss den Sprung für sie Beide zu wagen. Bevor sie der Mut verließ, überbrückte die letzten Millimeter zu und küsste Chester. Nicht auf die Wange, sondern auf den Mund. Der Kuss war kurz, aber voller Wärme. Kaum genug, um das Gefühl richtig auszukosten und schmeckte nach 'Mehr'. Er vereinte in einem Wimpernschlag alle Wünsche, Ängste und Hoffnungen.
      Sie lächelte unsicher.
      "Also, wenn du mich nicht magst, dann sag es mir besser gleich."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Tessa atmete wackelig aus und in diesem Moment bekam Chester es mit der Angst zu tun. Denn was würde denn geschehen, wenn Tessa ihn mochte? Wenn sie ihn mochte? Und wenn sie herausfinden würde, dass er ihr niemals das geben könnte, was sie von einem richtigen Mann brauchte?
      "Hab niemals damit aufgehört", flüsterte sie ihm zu, fast wie ein Geheimnis, und Chester bekam eine Gänsehaut davon. Sie war zum Teil gut und zum Teil schlecht und er suchte in Tessas Gesicht unaufhörlich nach einem Anzeichen, auf welche diese beiden Seiten er sich einlassen sollte. Das hier konnte schief gehen. Wenn Chester nicht aufpasste, konnte das hier so sehr schief gehen, dass es kein Zurück mehr gab.
      "Hab mich lange schlecht deswegen gefühlt."
      Er starrte auf ihre Lippen und spürte dann, wie sie ihren Griff an seinem Kragen verstärkte. Sein Herz beschleunigte sich und es fühlte sich gut an, es fühlte sich schlecht an. Er wollte das hier tun. Er sollte das hier nicht tun. Er sollte dem ein Ende setzen, bevor noch genug Schaden angerichtet wurde. Hierüber hatte er keine Kontrolle, Tessas Gefühle entstammten nicht seiner eigenen Manipulation. Sie waren ganz frei und selbstständig - und gefährlich.
      "Ich hab so viel Zeit damit verschwendet. Zeit, die ich nicht habe."
      Zeit, die niemand hatte. Niemand außer Chester.
      Tessa lehnte sich nach vorne. Es war nur ein kleines Stück, das sie beide noch voneinander trennte, doch Chester konnte ihre Absicht quasi vorhersehen in der kleinen Bewegung, die ihr durch den Körper zog. Er hätte sie aufhalten müssen. Er hätte irgendetwas sagen müssen, denn das würde sicher der erste Fehler von vielen werden und Chester verstand es sich, seine Worte so zu legen, dass ihnen Glauben geschenkt wurde. Er hätte sie abweisen müssen.
      Er tat es nicht und so drückte Tessa ihre Lippen auf seine, ganz zaghaft, aber nachdrücklich. Sie küsste ihn und das war ein Gefühl, das ihm definitiv gefiel, auch wenn es mit furchtbaren Konsequenzen einherkommen würde.
      Du wirst nachlässig.
      Blinzelnd verharrte er dort, wo er war, und sah Tessa an, die sich gleich wieder löste. Auf seine Reglosigkeit breitete sich ein unsicheres Lächeln in ihrem Gesicht aus.
      "Also, wenn du mich nicht magst, dann sag es mir besser gleich."
      Er sah auf ihre Lippen hinab. Nicht mögen? Das hatte sich gut angefühlt, der Kuss, auch wenn er schon viele davon in seinem Leben gehabt hatte. Es hatte sich gut angefühlt, weil Tessa ihn von sich aus gegeben hatte. War Chester jetzt egoistisch? Das würde ihn schon nicht mehr überraschen.
      "Ich mag dich", sagte er, vollster Überzeugung, setzte aber schnell hinzu: "Aber Tessa -"
      Er griff nach ihren Händen für den Kontakt zwischen ihnen. Für einen grauenvollen Augenblick war er sich nicht sicher, was seine Miene ausdrücken sollte, und dann lächelte er ein schüchternes Lächeln.
      "Ich fühle mich geehrt. Wirklich. Ich glaube nur... ich bin nicht der richtige für dich. In der Hinsicht."
      Vorsichtig sein - vorsichtig. Das hier wurde zu einem Balanceakt und Chester traute sich nicht, hinabzusehen um zu schauen, was auf ihn wartete, wenn er fiel. Es war gefährlich. Das hier... er hatte irgendwo einen Fehler gemacht. Das war passiert.
      "Ich denke nicht, dass das eine... gute Idee wäre."
    • Die Stille und Regungslosigkeit trieb Tessa beinahe in den Wahnsinn. Plötzlich wieder ganz nervös versuchte sie die Falten aus seinem Hemdkragen zu streichen während Chester offensichtlich einen inneren Kampf führte. Tessa erkannte es natürlich nicht an seinem Gesicht. Es war auffällig genug, dass sich der Mann, der nie stillzustehen schien, keinen Muskel rührte.
      "Ich mag dich", sagte Chester und sie glaubte ihm sofort. "Aber Tessa-"
      Da kam es um die Ecke, das große Aber. Tessa hatte damit gerechnet und sich gleichzeitig davor gefürchtet. Die Courage bröckelte, doch Tessa behielt das Kinn oben und wurde dafür mit einem schüchternen Lächeln belohnt.
      "Ich fühle mich geehrt. Wirklich. Ich glaube nur... ich bin nicht der richtige für dich. In der Hinsicht", fuhr er fort.
      Tessa hatte Chester selten verunsichert erlebt. Eigentlich war das noch nie vorgekommen und sie konnte nur leise hoffen, dass seine Vorsicht und all die behutsamen Worte kein Teil eines perfekten Schauspiel waren. Sie hatte sich an seine Masken gewöhnt. Wer ewig lebte, musste sich auf dem Weg irgendwo selbst verlieren. Es war völlig unvermeidbar. Insgeheim fragte sie sich, ob Chester nach ihren Händen gegriffen hatte, damit sie nicht vor ihm davon lief. Wieder. Sanft drückte sie seine Finger um ihn zu ermutigen dem Fünkchen Wahrheit, das sich anbahnte, eine Chance zu geben.
      "Ich denke nicht, dass das eine... gute Idee wäre."
      Es war kein Nein, aber ein riesiger Haufen aus Zweifeln und Abers. Chester musste es nicht einmal aussprechen, Tessa spürte es.
      Tessa zuckte mit den Achseln.
      "Ich bin nicht berühmt für meine guten Ideen, sonst wäre ich nicht hier", antwortete sie ruhig.
      Gleich darauf verzog sie leicht das Gesicht. Es klang harscher, als sie gewollt hatte.
      "Aber ich bin hier", fügte sie wieder sanfter.
      Sie ließ den Blick durch das Zelt schweifen und wieder zurück zu Chester, dem sie ein kleines Lächeln schenkte.
      "Ich bin hier, weil ich es möchte. Nicht, weil es eine gute Idee ist."
      Das schien Chester nicht zu überzeugen. Kurz sah sie herunter auf ihre ineinander verschlungenen Hände. Seinen Hemdkragen hatte sie längst losgelassen, da gab es eh nichts mehr zu retten.
      Tessa betrachtete ihr kleinen Hände, die sicher und fest von seinen viel größeren Händen gehalten wurden.
      "Wenn Du das hier nicht willst...", begann Tessa. "...dann sag mir, dass ich gehen soll. Ich verspreche, dass ich trotzdem herkomme um den Mondtanz zu lernen. Wir werden trotzdem noch zusammen am Tisch sitzen, gemeinsam essen und lachen. Aber wenn es einen kleinen Teil von Dir gibt, der möchte, dass ich bleibe..."
      Sie drückte noch einmal seine Hände.
      "Gehe ich nirgendwo hin."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Ich bin nicht berühmt für meine guten Ideen, sonst wäre ich nicht hier", antwortete Tessa in einer erstaunlich leichten Art. Chester hatte sich ihre Reaktion anders vorgestellt, er musste unweigerlich an die Tessa denken, die ganz rot geworden war, als er sie geküsst hatte. Es war schon erstaunlich, wie schnell sich der Mensch ändern konnte.
      "Aber ich bin hier", fügte sie hinzu und Chester schluckte. Er wollte es. Er... wusste nicht, was er wollte, aber das war sicher etwas, was er wollen sollte. Was er irgendwo auch wollte, irgendwo in seiner Erinnerung daran, wie es sich anfühlte, einen Menschen zu lieben. Er wollte... sich daran erinnern, wie es war zu lieben.
      Aber er konnte es nicht, denn Chester war ein sehr, sehr alter Mann.
      "Ich bin hier, weil ich es möchte. Nicht, weil es eine gute Idee ist."
      Er lächelte ein ganz klein wenig, eine Belohnung an Tessa, an den Mut, den sie hier aufbrachte. Und den er wohl erschlagen musste, denn... nun, war es nicht offensichtlich?
      "Wenn Du das hier nicht willst...", sagte sie in seine feige Stille hinein, "...dann sag mir, dass ich gehen soll."
      Sein Herz sackte gleich ein Stück ab. Er wäre wieder am Anfang gelandet mit Tessa. Er hätte sich vielleicht alles wieder verbaut.
      "Ich verspreche, dass ich trotzdem herkomme um den Mondtanz zu lernen", fügte sie hinzu, als hätte sie seine Gedanken gelesen. "Wir werden trotzdem noch zusammen am Tisch sitzen, gemeinsam essen und lachen."
      Erleichterung machte sich in ihm breit und diesmal lächelte er ehrlich. Das war ihm wichtig, darauf wollte er nicht verzichten. Für sowas wollte er nichts aufs Spiel setzen.
      "Aber wenn es einen kleinen Teil von Dir gibt, der möchte, dass ich bleibe..."
      Sie drückte seine Hände. Chester konnte sich von ihrem Blick nicht lösen, von der Bedeutung, die ihm der Händedruck verlieh.
      "Gehe ich nirgendwo hin."
      Das war ein schöner Gedanke. Ein wirklich schöner Gedanke. Chester fühlte vielleicht nicht das, was ein Mann an seiner Stelle fühlen sollte, aber er wollte doch Tessa da haben. Wer würde dem schon ausschlagen? Wer würde diesem hübschen Gesicht Nein sagen?
      Chester würde Nein sagen.
      "Ich habe dich gerne hier. Bei mir", sagte er langsam und lächelte. Vorsichtig, er musste so vorsichtig sein. "Nur solltest du... nicht zu lange bleiben. Du solltest in deinem eigenen Bett schlafen und ich schlafe in meinem und bald kommst du wieder zu mir. Aber vorerst - vorerst solltest du gehen."
      Er versuchte es so zahm wie nur möglich zu formulieren, doch zum Schluss erwartete er immernoch ängstlich eine Reaktion, die ihm zeigte, dass alles vorüber war. Tessa war so jung, so verletzlich, und Chester konnte gerade nichts anderes tun, als sie von sich zu stoßen. Doch was war denn seine Alternative? Wie lange sollte er Tessa geben, bis sie von selbst herausfand, dass er wahrlich nicht das hatte, was sie von ihm brauchte?
      "Gute Nacht, Tessa. Es hat mir sehr gut gefallen. Ich hoffe du schläfst gut."
      Er lächelte sie mit dem besten Lächeln an, das er in dieser Situation aufbringen konnte, und dann ließ er sie los. Vielleicht sollte er das nicht tun. Vielleicht sollte er nicht wegwerfen, was Tessa ihm gerade zu schenken versuchte - aber was anderes konnte er schon tun?
      "Komm bald wieder."
      Tessa nahm wohl alle ihre Würde zusammen, die sie noch aufkratzen konnte, und ging, das schwere Gefühl mit sich nehmend. Chester vermied es, ihr ins Gesicht zu sehen, sondern beschäftigte sich mit dem Anblick seiner Vitrine und dann, als sie gegangen war, damit, die Couch zurück an ihren Ort zu schieben. Doch er konnte Tessa nicht loslassen, natürlich konnte er das nicht. Oh, das war schlecht. Das war sehr, sehr schlecht.

      Am Tag darauf wachte Chester in aller Herrgottsfrühe auf und sprintete regelrecht zu seinen Aufgaben. Der Zirkus schlief noch, während Chester seine Liste abhakte, wie ein Besessener, der von hier nach dort flitzte und wieder zurück, bloß um schnell fertig zu sein. So schnell wie möglich. Das Frühstück verschlang er in seinem Zelt und das Mittagessen nahm er sich für unterwegs mit. Denn zur Mittagspause, wenn der Zirkus noch nicht geöffnet hatte und die Vorbereitungen für die Abendaufführung abgeschlossen waren, ging er zum Eingang des Zirkusses und hielt einen Ticketstand davon ab, seine Tickets aufzufüllen.
      "Ella, meine Kleine! Wir wollten doch sicher heute einen Tee zusammen trinken, nein? Wollten wir nicht? Doch doch, jetzt schon! Auf geht's!"
      Er bot ihr seinen Arm an und gemeinsam gingen sie zu Ellas Wagen hinüber, wo die alte Frau sich auf ihr Bett niederließ, während Chester alles für den Tee vorbereitete. Dabei hielt er keinen Moment still, denn natürlich, natürlich war er nicht zum Tee hergekommen und außerdem hatte er eine ziemlich kurze Nacht gehabt. Selbst Unsterbliche konnten zu kurze Nächte spüren.
      "Ella - ich habe ein Problem."
      Er schenkte ihnen beiden Tee ein, dann hörte er endlich auf herumzulaufen. Als er sich zum ersten Mal der alten Frau wahrlich widmete, spürte er alles wiederkommen, all die Gefühle, die ihn letzte Nacht durchströmt hatten. Und er wusste gleich, dass er sie nicht ignorieren konnte. Dass er Tessa nicht einfach... abschieben konnte.
      "Tessa hat... Sie hat mir..."
      Er seufzte tief, dann setzte er sich auf einen der Stühle und strich sich über die Haare. Die ganze Nacht hatte er gebrütet und war doch auf kein Ergebnis gekommen. Das war für ihn, der bislang zu allem eine Entscheidung gefällt hatte, unfassbar frustrierend.
      "Tessa hat mir gesagt, dass sie mich mag. Sie mag mich. Und ich mag sie auch, aber..."
      Er fuhr sich über das Gesicht, dann verzog er es. Leiser sagte er:
      "Ich weiß nicht, wie das geht. Ich kann das nicht, ich hab's vergessen. Wie liebt man, Ella? Was ist Liebe?"
    • Ella summte fröhlich und füllte dabei die Kasse mit Kleingeld auf. Gewissenhaft sortierte sie die silbernen und kupfernen Geldstücke, wobei sie ununterbrochen lächelte. Alles sollte bereit sein für die Abendvorstellung. Der alten Dame bereitete es gerade im letzten Drittel ihres Lebens eine ungemeine Freude das Leuchten in großen Kinderaugen zu sehen.
      "Ella, meine Kleine!“
      Der Ticketverkäufern wäre vor Schreck fast die Münzen aus den Fingern gefallen.
      „Meine Güte, Chester!“
      Ella fasste sich theatralisch ans Herz. Eine Geste, die sie sich eindeutig von einem gewissen Zirkusdirektor abgeschaut haben musste.
      Es war noch viel zu früh für seine Kontrollrunde.
      "Wir wollten doch sicher heute einen Tee zusammen trinken, nein? Wollten wir nicht? Doch, doch, jetzt schon!“
      „Aber die Tickets…“
      "Auf geht's!"

      Grübelnd beobachtete Ella den Mann wenige Minuten später von ihrem Bett aus. Etwas stimmte mit Chester nicht. Er war viel zu aufgekratzt und das hatte nichts mit der üblichen Hektik kurz vor dem Beginn einer Vorstellung zu tun. Ella wartete geduldig bis Chester von alleine mit dem Problem, das sich ganz und gar nicht als Problem herausstellte, anfing.
      "Tessa hat... Sie hat mir..."
      Das Schmunzeln verbarg sie geschickt hinter der Teetasse, an der sich ganz vorsichtig nippte.
      "Tessa hat mir gesagt, dass sie mich mag. Sie mag mich. Und ich mag sie auch, aber..."
      Chester machte es ihr wirklich schwer. Sie hätte ihn am liebsten ein wenig aufgezogen, wenn er nicht so unfassbar frustriert und ratlos ausgesehen hätte. Da bekam sie doch ein bisschen Mitleid mit ihrem langjährigen Begleiter und Freund.
      "Ich weiß nicht, wie das geht. Ich kann das nicht, ich hab's vergessen. Wie liebt man, Ella? Was ist Liebe?"
      Ella stellte den Tee ab, faltete die dürren Finger und legte das Kinn mit einem langen, sehr langen Seufzen darauf ab. Verständnisvoll und mit nichts Anderen als tiefer Zuneigung sah sie Chester an.
      „Ach, mein Junge. Es gibt Tage, an denen möchte ich dich so lange schütteln bis alles in deinem Kopf wieder an der richtigen Stelle ist“, seufzte sie.
      Mit einer Hand reichte sie über den Tisch und umschloss seine Hand mit ihren knorrigen Fingern. Es mache sie ganz verrückt, wenn er die ganze Zeit so herumzappelte. Manchmal erschreckte es sie, wie alt ihre Hände in seinen aussahen.
      „Ehrliche Antwort? Ich kann dir keine Bedienungsanleitung für die Liebe geben, Chester. So funktioniert Liebe nicht. Lass mich dir ein paar Fragen stellen, okay?“
      Fürsorglich schob sie ihm die Tasse zu, damit der gute Tee nicht kalt wurde.
      „Was hast du gefühlt, als Tessa das zu Dir gesagt hat?“
      Dass sie Chester damit ein wenig quälte, war Ella durchaus bewusst. Es tat ihr auch leid. Wirklich. Sie hätte ihn liebend gerne mit der einen richtigen Antwort auf den Weg geschickt, aber die gab es nun mal nicht. Sie lauschte seine Antwort.
      „Du möchtest, dass sie glücklich ist, nicht wahr?“
      Sie summte zustimmend auf seine Antwort.
      „Liebe macht nicht immer glücklich. Menschen verlieben und trennen sich jeden Tag. Manchmal passt es, manchmal nicht, aber sie ist das Risiko immer wert. Ich habe viele Lieben kommen und gehen sehen in meiner Zeit im Zirkus Magica. Ich habe keine Einzige davon jemals bereut und ich habe sie alle geliebt - auf die eine oder andere Weise. Hat es mir das Herz gebrochen? Manchmal, aber Tränen gehören zur Liebe ebenso wie das Lachen.“
      Liebevoll tätschelte sie seinen Handrücken.
      „Tessa ist jung, aber sie wird es nicht ewig sein“, fuhr sie fort. „Die harte Wahrheit ist: Sie wird altern und sie wird diesen Zirkus eines Tages verlassen wie wir alle. Du wirst sie verlieren, ob du es willst oder nicht. Das ist das Risiko, das du trägst. Tessa hat ihre Entscheidung schon getroffen. Meine alten Augen funktionieren noch ganz gut. Ich sehe doch, wie sie dich ansieht. Ich gehe davon aus, dass sie mittlerweile mit deinem Erinnerungsproblem vertraut ist. Das arme Ding hat so viel durchgemacht, seit sie hier ist und nachdem sie all diese Seiten von Dir gesehen hat, hat sie trotzdem beschlossen, dass Du das Risiko wert bist.“
      Ella erhob sich und schenkte ihnen Tee nach, obwohl Chester seine Tasse kaum angerührt hatte.
      „Also. Sie mag dich und Du magst sie. Das ist gut. Das ist sehr gut und das ist alles, was es im Moment sein muss. Rede mit Tessa. Das Mädchen ist schlauer und stärker, als viele ihr zugestehen.“
      Mütterlich legte sie ihm eine Hand auf die Schulter.
      Sie ließ ihm nicht durchgehen, dass er ihrem Blick auswich.
      „Du verdienst es, glücklich zu sein, Chester.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Ach, mein Junge. Es gibt Tage, an denen möchte ich dich so lange schütteln bis alles in deinem Kopf wieder an der richtigen Stelle ist.“
      Chester lächelte ein bisschen ob der Vorstellung, dass die winzige Ella ihre kleinen Hände zu ihm hochstreckte und ihn zu schütteln versuchte. Natürlich war Ella lange nicht mehr klein und ihre Hände waren auch größer geworden, aber manchmal hatte er sie eben noch als das kleine, lachende Kind in Erinnerung, das ihm so viel Freude bereitet hatte. Seine gute, liebe, kleine Ella.
      Über den Tisch hinweg ergriff sie seine Hand und Chester umfasste die ihre.
      „Ehrliche Antwort? Ich kann dir keine Bedienungsanleitung für die Liebe geben, Chester."
      Chester sackten unwillkürlich die Schultern ein. Natürlich wusste er, dass Liebe ein zu komplexes Gefühl war, um es einfach zu erklären - das stand zumindest in den Büchern, die er hin und wieder las - aber ein bisschen hatte er doch auf eine derartige Hilfe gehofft. Ella war alt, nach menschlichen Maßstäben, und bei ihr waren alle Gefühle noch intakt. Wenn sie Chester nicht helfen konnte, wer denn dann?
      "So funktioniert Liebe nicht. Lass mich dir ein paar Fragen stellen, okay?“
      Gequält seufzte er. Fragen waren auch nicht viel besser, aber immerhin gab er sich einverstanden.
      „Was hast du gefühlt, als Tessa das zu Dir gesagt hat?“
      Darüber musste Chester einen Augenblick nachdenken; nicht, weil er es schon vergessen hätte - so vergesslich war er dann auch nicht! - sondern weil er längst wusste, dass seine Gefühle anders waren als normal. In vielen Situationen, in denen andere Menschen sehr viel fühlten, spürte er gar nichts, und im Gegenzug glaubte er in einem Wirbel von Gefühlen zu versinken, wenn andere kaum davon betroffen waren. Und das war auch nur der Anfang davon; viele seiner Gefühle stimmten nicht mit denen überein, was andere empfanden. Chester wusste längst nicht mehr, ob die Freude, die er verspürte, dieselbe war, die auch andere als Freude empfanden.
      "Ich hatte Angst", sagte er schließlich, denn das kam ihm bei dem Wirbel von gestern am naheliegendsten vor. Dazu nickte er, damit er sich selbst davon überzeugte. "Angst davor, Tessa zu verlieren. Oh, das ist nicht die richtige Reihenfolge, nicht wahr? Man muss sich erst freuen, wenn eine Frau sowas zu einem sagt, oder? Habe ich es schon kaputt gemacht? Du lieber Himmel."
      Er rieb sich das Gesicht.
      "Ich kann das nicht. Ganz und gar nicht."
      „Du möchtest, dass sie glücklich ist, nicht wahr?“, fragte Ella gnadenlos weiter. Doch zumindest das konnte Chester beantworten, ohne darüber nachdenken zu müssen.
      "Ja - natürlich. So glücklich, wie es nur irgendwie geht. Sie soll lachen und es soll ihr gut gehen."
      Ella summte zustimmend, was Chester ihr als Bestätigung entnahm. Und das tat gut, wenigstens etwas richtig bekommen zu haben. Das hier fühlte sich wie ein Test an, der ihn ganz nervös machte, weil er genau wusste, dass er versagen würde.
      „Liebe macht nicht immer glücklich. Menschen verlieben und trennen sich jeden Tag. Manchmal passt es, manchmal nicht, aber sie ist das Risiko immer wert. Ich habe viele Lieben kommen und gehen sehen in meiner Zeit im Zirkus Magica. Ich habe keine Einzige davon jemals bereut und ich habe sie alle geliebt - auf die eine oder andere Weise. Hat es mir das Herz gebrochen? Manchmal, aber Tränen gehören zur Liebe ebenso wie das Lachen.“
      Unruhig rutschte Chester auf seinem Stuhl herum. Er wusste, wovon Ella sprach, hatte selbst mit ihr zusammen gesessen und sie getröstet, wenn sie sich von ihrem Freund getrennt hatte. Und er hatte auch mit ihr gesessen und ihr Ratschläge gegeben, wenn sie schöne Augen auf den Akrobaten geworfen hatte oder den Musiker. Und natürlich hatte er die beiden auch beglückwünscht, als sie zusammengekommen waren. Doch das half ihm nicht bei seinem Problem mit Tessa weiter, denn mit Tessa konnte er es doch gar nicht so weit kommen lassen. Er hatte doch gar nicht das Verständnis, auf ihre Annäherungen einzugehen und sie zu erwidern. Er wusste nur, wie er andere Gefühle manipulierte, nicht die eigenen.
      „Tessa ist jung, aber sie wird es nicht ewig sein. Die harte Wahrheit ist: Sie wird altern und sie wird diesen Zirkus eines Tages verlassen wie wir alle. Du wirst sie verlieren, ob du es willst oder nicht. Das ist das Risiko, das du trägst."
      Chester nickte verständnisvoll. Darüber war er sich natürlich schon sehr bewusst.
      "Ich weiß. Deswegen sollte ich sie abweisen, nicht wahr? Ja, das sollte ich."
      "Tessa hat ihre Entscheidung schon getroffen. Meine alten Augen funktionieren noch ganz gut. Ich sehe doch, wie sie dich ansieht. Ich gehe davon aus, dass sie mittlerweile mit deinem Erinnerungsproblem vertraut ist. Das arme Ding hat so viel durchgemacht, seit sie hier ist und nachdem sie all diese Seiten von Dir gesehen hat, hat sie trotzdem beschlossen, dass Du das Risiko wert bist.“
      Jetzt zögerte Chester doch wieder. Er fürchtete zu glauben, worauf Ella hinaus wollte, und das machte diese ganze Sache nicht weniger kompliziert. Er fand sich in einer Zwickmühle wieder, die ihm gar nicht gefiel - weil sie so persönlich für ihn wurde.
      „Also. Sie mag dich und Du magst sie. Das ist gut. Das ist sehr gut und das ist alles, was es im Moment sein muss. Rede mit Tessa. Das Mädchen ist schlauer und stärker, als viele ihr zugestehen.“
      "Aber ich mag sie bestimmt nicht so wie sie mich mag", jammerte er. "Ich mag Hector - Tessa wird bestimmt nicht wollen, dass ich sie so mag wie einen Elefanten!"
      „Du verdienst es, glücklich zu sein, Chester.“
      "Wird mich das wirklich glücklich machen?"
      Er seufzte. Ihn glücklich machen... was brauchte er, damit er glücklich war? Das Ticken der Uhr schob sich bei dem Gedanken gleich in den Vordergrund, aber er verdrängte es wieder. Nicht das glücklich, das andere glücklich. War er nicht schon glücklich? Oder nicht?
      Wenn er es sich recht überlegte, war er glücklicher, seit Tessa ihm wieder verziehen hatte. Ja, das hatte seiner Stimmung einen Aufschwung gegeben, wie immer, wenn er sich mit den Neuankömmlingen wieder vertrug. Aber da waren auch Dinge gewesen, die ihn nur bei Tessa glücklich machten, wie ihren Fortschritt und ihr Lächeln und ihr Lachen. Ja, das machte ihn glücklich, er wollte sie lachen sehen. Aber war es da die Tränen wert, die er mit dieser ganzen Sache riskierte? Wenn sie doch eh nur so kurz in seinem Zirkus war?
      Gequält bettete er das Gesicht in seinen Händen.
      "Wieso muss es Liebe geben? Wer hat sich sowas denn nur ausgedacht?"

      Eine Teetasse später verließ er Ella wieder, zwar noch immer nicht im Reinen mit sich selbst und der Situation, aber zumindest nicht mehr so verloren, wie er sich in der Nacht noch gefühlt hatte. Er würde mit Tessa reden müssen, ja, das war unvermeidbar, das wäre es auch ohne Ella gewesen. Er musste sich nur noch überlegen, was er zu ihr sagen wollte.
      Der Zirkus füllte sich über den Nachmittag mit dem alltäglichen Besuch und dann wurde er schnell voll, als es zur Abendaufführung ging. Chester ging Tessa den Tag über aus dem Weg, konnte aber ihr Zusammentreffen nicht vermeiden, als sich alle Darsteller im Gang hinter dem Vorhang sammelten und ihre Requisiten heranschleppten, Kostüme anzogen, sich dehnten oder warm sangen und dabei den Gang mit Geschäftigkeit füllten. Chester stand wie jedes Mal ganz vorne und leitete die richtigen Gruppen zur richtigen Zeit durch den Vorhang oder veranlasste nach den richtigen Requisiten und deren Aufstellung. Er trug sein grün schillerndes Kostüm, ein hautenger Anzug, der mit polierten Schuppen besetzt war und mit den Schulteraufsätzen des Direktors ergänzt war. Er war sich völlig darüber im Klaren, wann Owls Auftritt stattfand, weshalb er sich mental sehr gut darauf vorbereiten konnte, als Tessa vor ihm auftauchte. Ihr warmer, vertrauensvoller Blick begegnete ihm und bevor sie realisieren konnte, dass sie gerade ihn ansah, produzierte er ein bühnenreifes Lächeln.
      "Hallo Tessa."
      Sie und Owl mussten jetzt beim Vorhang warten, denn nach der jetzigen Nummer wären sie dran. Eigentlich war jetzt ein denkbar ungünstiger Moment für ein Gespräch, aber Chester hatte sie den ganzen Tag vermieden und wenn er jetzt keinen guten Eindruck machte, würde sie ihm das sicher übel nehmen. Er wollte nicht, dass sie sich über ihn ärgerte. Er wollte sie doch gerade nicht enttäuschen!
      "Der Abend gestern hat mir gefallen."
      Aus dem Augenwinkel sah er, wie Owl eine Augenbraue hochzog. Chester machte sich gar nicht erst die Mühe, ihn irgendwie aufzuklären. Gerüchte verbreiteten sich im Zirkus sowieso wie ein Lauffeuer.
      "Ich finde, wir sollten uns nochmal gemeinsam hinsetzen und die Sache durchdenken. Was meinst du?"
      War das okay - war das zu viel, zu wenig? Grundgütiger, er hätte Ella mitnehmen müssen, damit sie ihm zur Seite stand! Das hier war so kompliziert!