"Tut mir leid", würgte noch einmal Tessa betreten hervor. Jude sah fürchterlich bleich aus. Es war nicht ihre Absicht gewesen, die alte Frau dermaßen zu schrecken. Damit sich die Wahrsagerin sich nicht noch mehr sorgte, ließ sich Tessa wieder auf dem Stuhl nieder, nachdem sie ihn mit zitternden Händen aufgestellt hatte. Beim Kratzen der Stuhlbeine über den Boden zuckte die Diebin leicht zusammen. Irgendwie erschien ihr alles zu laut und zu hell, nachdem sie eine gefühlte Ewigkeit im Nebel der Kugel gewandelte war. Tessa konnte noch immer das drohende Flüstern hören. Jude sprach, aber ihre Stimme ging zu leicht im Wispern unter, sobald Tessa aufhörte, sich zu konzentrieren. Nur ganz langsam verstummte das unheimliche Flüstern und endlich nickte Tessa.
"Ich verstehe...", murmelte sie und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht, wischte Haarsträhnen und die Illusion des verbliebenen Nebels aus ihren Augen. "Ich...Ich hab daran gedacht, wie skeptisch Rosie und Jake gewesen waren, dass ich hier her zurückwollte. Sie waren nicht glücklich, dass ich unsere Beute einfach zurückgegeben habe, weil wir sie wirklich dringend gebraucht hätten. Aber Chester..."Tessa senkte den Blick auf die Glaskugel, doch das vertraute Gesicht war verschwunden.
Es hatte sich erschreckend real angefühlt, als hätte er direkt vor ihr gestanden und genau gesehen, was sie hinter seinem Rücken versuchte.
"...naja, du weißt wie er ist. Er ist...sehr überzeugend", fügte Tessa leise hinzu.Es hatte sich erschreckend real angefühlt, als hätte er direkt vor ihr gestanden und genau gesehen, was sie hinter seinem Rücken versuchte.
Etwas hilflos sah sie Jude an.
"Ich kann dir auch nicht sagen, wann die Kugel etwas gutes und wann etwas schlechtes zeigt. Das kann niemand sagen, sie funktioniert einfach so, wie sie funktioniert. Geht es dir denn gut? Möchtest du noch einen Tee?""Ja", antwortete sie. "Ja, Tee klingt gut."
Etwas Gutes. Etwas Schlechtes.
Tessa bebte noch immer erschüttert, aber darunter mischte sich aber etwas Neues. Etwas, das ein aufgeregtes Kribbeln in ihrem Bauch hinterließ.
Die Kugel hatte ihr keine Version der Zukunft gezeigt.
Nein. Tessa hatte einen kleinen Blick in die Vergangenheit erhascht.Die Kugel hatte ihr keine Version der Zukunft gezeigt.
Sie war sich sicher, dass eine Wahrsagerei, ob echt oder unecht, so nicht funktionierte.
Das hatte Theresa in ihren Aufzeichnungen gemeint.
Die Frau war mit Artefakten hergekommen um Antworten zu finden. Sie hatte genau an dieser Stelle gesessen. Tessa dachte an die schrecklichen Geschichten über Hungertod und das Verdursten in einem viel zu kleinen Käfig nach. Theresa hatte genau wie sie vor der Glaskugel gesessen.
Und danach war nichts mehr so wie es einmal gewesen war.
Tessa fühlte sich leichter, als sie den Wagen der alten Frau verließ. Die Notlüge hatte dazu geführt, dass sie Jude ihr Herz ausgeschüttet hatte. Über Rosie. Über Jake. Über Chesters Täuschungen und darüber, dass sie ihr Gewissen plagte, weil sie das Gefühl hatte, Chester zu schnell verziehen zu haben. Den Rest aber behielt Tessa für sich. Danach nahm sie sich Zeit. Die verkürzten Proben ließen ihr genügend Möglichkeiten, wie sie den Nachmittag verbringen konnte. Bei einem kurzen Abstecher zu Jamie lieferte sie etwas von Judes Tee ab, der angeblich gegen die Beschwerden half. Tessa glaubte nicht daran, bei all den teuren Medikamenten, die er schlucken musste, aber der Gedanke zählte. Den Rest des Nachmittags nutzte sie um den fehlenden Schlaf nachzuholen.
Erst am Abend kroch Tessa wieder aus dem Bett. Ein Bad war angebracht. Tessa rümpfte die Nase, als sie an sich selbst schnupperte. Ja, definitiv. Bevor sie ihr kleines Quartier verließ, streifte sie das Perlenarmband von ihrem Handgelenk und den Schlüssel von ihrem Hals. Sie würde beides heute nicht mehr brauchen. Tessa hockte sich auf den Boden und stemmte mit ihrem alten Taschenmesser eine der Dielen auf. Zum Vorschein kam eine kleine Holzschatulle. Als sie den Deckel zurückklappte, war das Kästchen nicht leer. Darin lag bereit die Notiz von Theresa. Behutsam legte sie die Schmuckstücke dazu und verstaute alles wieder gut verschlossen unter der Holzdiele.Das hatte Theresa in ihren Aufzeichnungen gemeint.
Die Frau war mit Artefakten hergekommen um Antworten zu finden. Sie hatte genau an dieser Stelle gesessen. Tessa dachte an die schrecklichen Geschichten über Hungertod und das Verdursten in einem viel zu kleinen Käfig nach. Theresa hatte genau wie sie vor der Glaskugel gesessen.
Und danach war nichts mehr so wie es einmal gewesen war.
Tessa fühlte sich leichter, als sie den Wagen der alten Frau verließ. Die Notlüge hatte dazu geführt, dass sie Jude ihr Herz ausgeschüttet hatte. Über Rosie. Über Jake. Über Chesters Täuschungen und darüber, dass sie ihr Gewissen plagte, weil sie das Gefühl hatte, Chester zu schnell verziehen zu haben. Den Rest aber behielt Tessa für sich. Danach nahm sie sich Zeit. Die verkürzten Proben ließen ihr genügend Möglichkeiten, wie sie den Nachmittag verbringen konnte. Bei einem kurzen Abstecher zu Jamie lieferte sie etwas von Judes Tee ab, der angeblich gegen die Beschwerden half. Tessa glaubte nicht daran, bei all den teuren Medikamenten, die er schlucken musste, aber der Gedanke zählte. Den Rest des Nachmittags nutzte sie um den fehlenden Schlaf nachzuholen.
Mit frischer Kleidung steuerte Tessa im Anschluss das Badezelt an. Sie suchte sich eine der Wannen in der hintersten Ecke aus, zog die dünnen Vorhänge zu und genoss für ein Weilchen das warme Wasser. Das Zelt war ein kleines Wunderwerk. Die Wannen waren immer gefüllt, immer warm. Ein Luxus, den Tessa nach Jahren der Obdachlosigkeit wirklich zu schätzen wusste. Sauber und ein wenig schläfrig, obwohl sie fast den ganzen Nachmittag verschlafen hatte, kletterte Tessa aus der Wanne und zog sich an.
Sie stutzte.
In ihren Händen hielt sie den kuscheligen Wollpullover. Chesters Pullover. Sie hatte sich vergriffen.
Da sie nicht einfach halbnackt durch den Zirkus stiefeln konnte, schlüpfte sie einfach hinein und versank in dem viel zu großen Kleidungsstück. Glucksend schüttelte sie den Kopf und krempelte die Ärmel zurück. Heimlich sah sie sich zu allen Seiten um ehe sie den Kragen des Pullovers über ihre Nase zog und daran roch.
Auf halbem Weg zurück zu ihrem Wagen machte Tessa dann doch kehrt.Sie stutzte.
In ihren Händen hielt sie den kuscheligen Wollpullover. Chesters Pullover. Sie hatte sich vergriffen.
Da sie nicht einfach halbnackt durch den Zirkus stiefeln konnte, schlüpfte sie einfach hinein und versank in dem viel zu großen Kleidungsstück. Glucksend schüttelte sie den Kopf und krempelte die Ärmel zurück. Heimlich sah sie sich zu allen Seiten um ehe sie den Kragen des Pullovers über ihre Nase zog und daran roch.
Wie für Tessa üblich, die es Zeit ihres Lebens gewöhnt war, unauffällig und ohne Anklopfen in Räume zu schlüpfen, stoppte sie auch nicht am Eingang von Chesters Zelt. Mit einem leisen Rascheln schloss sich der Vorhang wieder hinter ihr. Tessa spitzte die Ohren. Es war sehr ruhig.
"Hm."
Sie hatte das Zelt schon unzählige Male betreten, aber heute kam es ihr ganz besonders vertraut vor, weil sie erst wenige Stunden zuvor schon einmal hier gewesen war ohne wirklich einen Fuß hineinzusetzen. Tessa rieb sich über die Oberarme, denn obwohl ihr in dem Pullover herrlich warm war, kroch eine Gänsehaut über ihre Arme. Leise näherte sie sich den Vitrinen und stoppte als sie Geräusche aus einem der angrenzenden Räume hörte. Chester war also doch da. Sie riss ihren Blick von den ausgestellten Objekten los. Eigentlich war sie nämlich aus einem anderen Grund hergekommen. Mit einem Lächeln folgte Tessa den gedämpften Lauten.
"Chester?", kündigte sie sich mit reichlich Verspätung an. "Bist du da? Ich will gar nicht lange stören. Eigentlich wollte ich mich nur bedan...Heilige Scheiße! Oh, Gott! Tut mir leid! Tut mir leid!""Hm."
Sie hatte das Zelt schon unzählige Male betreten, aber heute kam es ihr ganz besonders vertraut vor, weil sie erst wenige Stunden zuvor schon einmal hier gewesen war ohne wirklich einen Fuß hineinzusetzen. Tessa rieb sich über die Oberarme, denn obwohl ihr in dem Pullover herrlich warm war, kroch eine Gänsehaut über ihre Arme. Leise näherte sie sich den Vitrinen und stoppte als sie Geräusche aus einem der angrenzenden Räume hörte. Chester war also doch da. Sie riss ihren Blick von den ausgestellten Objekten los. Eigentlich war sie nämlich aus einem anderen Grund hergekommen. Mit einem Lächeln folgte Tessa den gedämpften Lauten.
Vielleicht sollte sie sich doch das Anklopfen angewöhnen.
Kaum hatte sie wie selbstverständlich einen Schritt in Chesters Schlafzimmer gesetzt, fiel ihr Blick auf einen nassen Haarschopf, der über den Rand einer Wanne hervorlugte. Die Laute, die sie gehört hatte, war das Plätschern von Badewasser gewesen. Tessa lief augenblicklich knallrot an und drehte sich um. Jedoch nicht ohne einen flüchtigen Blick auf helle Haut, definierte Schultern und Arme zu werfen. Tessa hatte mit ihm in einem Bett geschlafen und sich ungeniert an ihn geschmiegt. Sie hatte ihn geküsst, verdammt nochmal, auch wenn das eine Ewigkeit her schien. Aber das hier war eine ganz andere Nummer.Chester saß in einer Badewanne.
Nackt
Nackt
“We all change, when you think about it.
We’re all different people all through our lives.
And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
so long as you remember all the people that you used to be.”
We’re all different people all through our lives.
And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
so long as you remember all the people that you used to be.”
