Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • "...Das bleibt nicht. Ich bin betrunken, gehe schlafen und bin es dann nicht mehr. Keine bösen Nebeneffekte."
      "Ist nicht wahr!?", platzte es Tessa am Ende des Satzes heraus.
      Allerding...wenn sie ganz genau darüber nachdachte, was sie eigentlich gerade nicht wollte und es trotzdem tat, machte es sogar ziemlich viel Sinn. Wenn Chesters Körper sich von den schrecklichsten Erfrierungen erholte, als wäre nichts gewesen, war eine beginnende Alkoholvergiftung sicherlich ein Kinderspiel. Ein bisschen zu viel Whisky im Blut war doch nichts im Vergleich zu...
      Tessa griff nach ihrem Krug und nahm einen gefährlich großen Schluck um den Gedanken rigoros zu unterbrechen - ihn quasi wegzuspülen. Mit einem dumpfen 'Klong' stellte sie das Gefäß wieder ab und atmete langsam und konzentriert durch die Nase ein, damit das Teufelszeug auch unten blieb. Den brennenden Alkohol nicht geradewegs wieder in den Krug zu spucken, war schon eine Meisterleistung. Aber je länger Tessa wartete umso schöner wurde die Wärme in ihrer Magengrube. Alles fühlte sich ein wenig weicher an, sah ein wenig weicher aus, als hätte jemand einen Filter über Augen gelegt.
      "Hmm... Ich glaube... Ah - da fällt mir etwas ein."
      Sofort schnappte ihr Blick zurück zu Chester, als die Stuhlbeine hörber wieder festen Boden berührten. Tessa blinzelte, sie hatte nicht ganz zugehört. Hatte sie viel verpasst? Nein, das hörte sich nach dem Anfang der Geschichte an. Gut. Das war gut. Sobald Chester anfing zu erzählen, ließ sich das Grinsen nicht mehr von ihrem Gesicht vertreiben. Eigentlich hatte sie heute Abend schon so viel gelacht und gegrinst, dass ihr schon die Wangen wehtaten.
      "Wir hatten in unserer Show mal eine langsame Nummer, das Mondpaar. Das war eine Spezialnummer, die nur an Vollmond durchzuführen war und das auch nur, wenn der Mond wirklich exakt über dem Zelt steht, damit das Licht reinkommt. Da gehen dann nämlich alle anderen Lichter aus und zwei Tänzer haben die ganze Manege für sich, mit Mondrequisiten und ausfallenden Kostümen und allem."
      "Klingt unnötig kompliziert und theatralisch - Die Nummer hast Du geschrieben, oder?", triezte Tessa, doch Chester ließ sich nicht beirren, und stützte ihr Kinn in einer Hand ab.
      "Als die Nummer aber noch gelaufen ist, weiß ich noch ganz genau, dass ich betrunken war und mir gedacht habe: Ich zeig's ihnen jetzt! Denn ich hatte zwei Tänzer und sie haben das Stück auch schon getanzt, aber sie haben es einfach nicht richtig... wie soll ich sagen... der Funke ist nicht übergesprungen, verstehst du?"
      "Nicht ein Bisschen", kicherte Tessa.
      "Es war alles noch ein bisschen zu zaghaft und da bin ich ins Kostümzelt marschiert, habe mir ihre Kostüme genommen - beide, ja sicher, es wird noch besser - und habe sie mir angezogen."
      Tessa neigte das Kinn tiefer in ihre Handfläche um das immer breiter werdende Grinsen zu verstecken. Dass ihr Schultern dabei verräterisch zuckten und ihre laienhafte Maskerade sabotierten, daran dachte sie nicht.
      "Was auch sonst", versuchte sie es mit etwas Ernst.
      Wenige Augenblicke lachte Tessa so hart, dass keine Luft mehr bekam. Allein sich das Bild von Chester mit beiden Kostümen, der versuchte zwei Parts gleichzeitig zu spielen und sich dabei geradezu Arme und Beine verknotete...das hielt die Diebin nicht aus. Sie drückte sich eine Hand gegen den Bauch, der bereits schmerzte und wischte sich immer wieder über das Gesicht um die Lachtränen fortzuwischen.
      "Das hast du doch nur gefragt, um dich über mich lustig zu machen! Siehst du? Siehst du? Du lachst mich ja aus! Als ob du noch keinen Unsinn angestellt hast, wenn du betrunken warst!"
      "Ich kann nicht mehr...", murmelte Tessa brüchig und schnappte nach Luft.
      Sie nahm ein paar wohlverdiente Atemzüge, wischte sich ein letztes Mal mit dem Zeigefinger unter den vom Lachen verheulten Augen entlang und ruinierte damit das letzte Bisschen Wimperntusche, die sie extra für Ellas Geburtstag benutzt hatte. Sonst machte sie sowas nicht.
      "Oh, das gibts jeder Menge", kicherte Tessa. "Ich bin vielleicht nicht der geborene Bühnenstar, aber fürs Mist bauen, hats immer gereicht. Also, hör zu. Jake, Rosie und ich haben einmal ganz fiesen, billigen Fusel bei einem Bruch mitgehen lassen. Das Zeug war grauenhaft und roch wie Putzmittel. Irgendein ein selbstgebrannter Schnaps. Ich dachte nach dem ersten Schluck, ich werd' blind. Wir saßen da auf diesem Dach und ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber plötzlich haben Jake und ich diese bescheuerte Wette vom Zaun gebrochen."
      Tessa gluckste und nahm noch einen Schluck.
      "Zwischen zwei Dächern war dieser Holzbalken. Wackelig, morsch, rutschig, super gefährlich...Und Jake meinte, dass ich mich nicht traue, darüber zu gehen. Tja, was soll ich sagen. Ich bin aufgestanden und über dieses dämliche Brett balanciert."
      Mit einem Ruck schob Tessa ihren Stuhl zurück, stellte sich in die Mitte des Wagens uns streckte die Arme lang zu beiden Seiten aus. Der Wagen war so schmal, dass sie mit ein wenig mehr Mühe bestimmt die Schränke an den Seiten mit den Fingerspitzen berühren konnte. Dann setzte sie einen Fuß exakt vor den anderen, was selbst ohne wackeligen Balken keine leichte Angelegenheit mehr war.
      "Immer schön einen Fuß vor den anderen während ich mich mit Jake stritt. Rosie hat sich fast vor Angst in die Hose gemacht."
      Konzentriert streckte Tessa die Zunge heraus und als sie noch einen Schritt nach vorn machte, musste Chester sich unter ihrem ausgestreckten Arm wegducken um nicht getroffen zu werden.
      "Ich hatte das Ziel vor Augen und dachte mir: Dem Idioten zeig ich's. Und dann...ist das Brett unter mir durchgebrochen."
      Mit ausgstreckten Armen drehte sich Tessa herum und Chester musste noch einmal den Kopf einziehen.
      Erst dann ließ sie die Arme wieder sinken. Sie sah Chester mit einem schiefen Grinsen an und ihre Augenwinkel zuckten amüsiert, weil sie bereits wusste, was als nächstes passierte.
      "Jake hat später behauptet, ich hätte mir die Seele aus dem Leib geschrien. Eine unverschämte Lüge, natürlich", kicherte Tessa. "Jedenfalls, als ich die Augen wieder aufgemachte und feststellte, dass noch alle Knochen heil waren, stieg mir dieser strenge Geruch in die Nase."
      Tessa verzog leicht das Gesicht.
      "Ich bin direkt in einem riesigen Misthaufen gelandet. Den Gestank habe ich wochenlang nicht aus meiner Kleidung bekommen. Wir Holzköpfe hatte uns das Dach der Ställe im Westviertel ausgesucht um uns zu betrinken. Ich hatte Mist in meinen Haaren und unter meinen Nägel. Unter den Nägeln! Hast du eine Vorstellung davon, wie schwer es ist, ohne vernünftige Nagelfeile da dran zukommen? Welcher Obdachlose hat eine Nagelfeile bei sich?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Grinsend sah Chester zu, wie Tessa vor Lachen geradezu nach Luft schnappte. Eigentlich war es ihm ganz egal, ob sie ihn auslachte oder nicht; wenn er sie so zum Lachen bringen konnte, dann würde er sich höchst bereitwillig zum Affen machen.
      "Ich bin vielleicht nicht der geborene Bühnenstar", kicherte sie, "Aber fürs Mist bauen, hats immer gereicht. Also, hör zu. Jake, Rosie und ich haben einmal ganz fiesen, billigen Fusel bei einem Bruch mitgehen lassen."
      Chester hatte zwar keine Ahnung wer Jake und Rosie waren, aber vermutlich die Freunde, die mit Tessa auf der Straße gelebt hatten. Außerdem fand er den Ausdruck Fusel schon lustig genug um zu grinsen. Was für ein komischer Ausdruck.
      "Das Zeug war grauenhaft und roch wie Putzmittel. Irgendein ein selbstgebrannter Schnaps. Ich dachte nach dem ersten Schluck, ich werd' blind."
      "Blind!", wiederholte er und kicherte. Das hörte sich nach einem Jahrhunderts-Schnaps an!
      "Wir saßen da auf diesem Dach und ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber plötzlich haben Jake und ich diese bescheuerte Wette vom Zaun gebrochen. Zwischen zwei Dächern war dieser Holzbalken. Wackelig, morsch, rutschig, super gefährlich...Und Jake meinte, dass ich mich nicht traue, darüber zu gehen."
      "Oh nein", sagte Chester und machte ein halbes wehleidiges Gesicht, was von dem Grinsen wieder völlig außer Kraft gesetzt wurde. "Ich glaube, ich sehe schon, wohin das läuft. Das ist aber eine ziemlich dumme Wette."
      "Tja, was soll ich sagen", sagte Tessa schmunzelnd. "Ich bin aufgestanden und über dieses dämliche Brett balanciert."
      In gespielter Theatralik schlug Chester sich die Hand vor die Stirn.
      "Bist du nicht."
      Aber Tessa sprang auf, streckte beide Arme zur Seite und tat dann so, als würde sie auf diesem Brett balancieren. Der Anblick alleine war schon komisch genug, aber mit der Vorstellung, dass das auf einem tatsächlichen Balken geschah, in einer beachtlichen Höhe, brachte Chester zum Lachen. So eine dumme Wette!
      "Immer schön einen Fuß vor den anderen während ich mich mit Jake stritt. Rosie hat sich fast vor Angst in die Hose gemacht."
      "Ja das hätte ich auch!", lachte er und klatschte Beifall, als Tessa den nächsten Schritt wagte. Ihre Hand erwischte ihn fast an der Wange, aber er brachte sich gerade noch rechtzeitig in Sicherheit.
      "Ich hatte das Ziel vor Augen und dachte mir: Dem Idioten zeig ich's. Und dann..."
      Chester machte wartende, große Augen.
      "...ist das Brett unter mir durchgebrochen."
      "Nein!"
      Tessa wirbelte herum und Chester duckte sich noch einmal, wobei er fast vom Stuhl fiel. Kichernd hielt er sich selbst, den Stuhl und den Tisch fest.
      "Jake hat später behauptet, ich hätte mir die Seele aus dem Leib geschrien. Eine unverschämte Lüge, natürlich."
      "Du bist runtergefallen?!"
      "Jedenfalls, als ich die Augen wieder aufgemachte und feststellte, dass noch alle Knochen heil waren, stieg mir dieser strenge Geruch in die Nase."
      Tessa hatte wirklich ein Händchen dafür, ihre Geschichten zu erzählen. Chester musste sich mit einem breiten Grinsen schon wieder zurückhalten, den nächsten Teil erraten zu wollen. Sie machte es so spannend!
      "Ich bin direkt in einem riesigen Misthaufen gelandet."
      In einem Misthaufen! Jetzt brach Chester in lautes Gelächter aus. Ein Misthaufen!
      "Den Gestank habe ich wochenlang nicht aus meiner Kleidung bekommen. Wir Holzköpfe hatte uns das Dach der Ställe im Westviertel ausgesucht um uns zu betrinken. Ich hatte Mist in meinen Haaren und unter meinen Nägel. Unter den Nägeln!"
      Er lachte noch viel lauter und warf sich auf seinem Stuhl nach hinten.
      "Hast du eine Vorstellung davon, wie schwer es ist, ohne vernünftige Nagelfeile da dran zukommen? Welcher Obdachlose hat eine Nagelfeile bei sich?"
      "Oh ja, das hab ich, das hab ich! Mist unter den Nägeln! Wie komisch!"
      Begeistert lachte er noch immer und schrie dann kurz auf, als der kippelnde Stuhl nach hinten wegzufallen drohte. Schnell fing er sich wieder und wischte sich dann Lachtränen aus den Augen.
      "Was für ein Erlebnis! Wie aus einem Bilderbuch! Das ist ja so dumm!"
      Hechelnd und kichernd nahm er sein Glas wieder, um Tessa zuzuprosten. Er trank einen Schluck, dann stellte er es wieder ab.
      "Okay okay, ich glaube du hast mich da an was erinnert. Dafür musst du erstmal wissen, dass Hectors Vorgänger Friedrich hieß - und Friedrich konnte große Haufen setzen. Ich meine wirklich, wirklich große Haufen! Jetzt wirst du mir bestimmt nicht glauben, was ich mal mit so einem Haufen angestellt habe."
      Chester erzählte seine Geschichte und als sie hinterher lachten und kreischten und sich an den Armen hielten, damit sie vor Lachen nicht von den Stühlen fielen, leerten sie auch ihre Gläser und schenkten wieder nach, leerten sie und schenkten nach während wieder Tessa erzählte und dann wieder Chester, Tessa und wieder Chester. Die Stunden vergingen wie im Flug, wobei sie nicht einmal bemerkten, wie spät es wurde. Und für Chester fühlte es sich sogar an, als würde die Zeit stehen bleiben. Er lachte und er trank und er hatte sich vermutlich in hundert Jahren nicht mehr so gut amüsiert wie mit Tessa in diesen Mitternachtsstunden.
    • Tessa und Chester füllten die Nacht mit Geschichten. Die Meisten davon, brachten sie zum Lachen. Andere entlockten Tessa ein wehmütiges Seufzen. Der Ausdruck um ihre Augen wurde dann ganz weich und ihr Blick richtete sich durch die kleinen Wagenfenster in Richtung Horizont, der durch die Dächer der anderen Wohnwagen, Zelten und dem ausladenden Aufführungszelt verdeckt wurde. Wo sie hinsah, gab es nur noch den Zirkus Magica. Die Welt außerhalb des Zirkus war nur einen Steinwurf entfernt und doch so unendlich weit weg. Wann immer ihre Augen diesen sehnsüchtigen Schimmer bekamen, entlockte ihr Chester kurz darauf wieder ein hemmungsloses Lachen, das Tessa die Tränen in die Augen trieb.
      Irgendwann war es schon so spät geworden, dass selbst das flackernde Leuchten des Lagerfeuers, das zwischen den Zelten hindurchschimmerte, längst verloschen. Wären Chester und Tessa auch nur für eine Sekunde ganz leise gewesen, hätten sie gemerkt, wie still es geworden war.
      „Oh!“, erklang es ungefähr in Schulterhöhe, wo der braune Haarschopf von Tessa an der Schulter des Zirkusdirektors ruhte.
      Sie hatte einen Arm irgendwann durch seinen Ellenbogen gefädelt, damit sie nicht vom Stuhl rutschte und hatte ihn danach nicht mehr weggenommen. Wann sie mit dem Stuhl um den Tisch herumgerutscht war, um neben ihm zu sitzen, hatte sie längst vergessen. Alles fühlte sich warm und leicht an – Bis auf ihren Kopf, der lag schwer an einer Schulter, die sich in ihrem einlullenden Rhythmus hob und senkte.
      Mit der anderen Hand drehte Tessa gerade die Whiskyflasche auf den Kopf. Bis auf ein paar letzte Tröpfchen kam nichts mehr in ihren Gläsern an. Seufzend stellte sie die Flasche ab, die erst bedrohlich schwankte, bevor sie zum Stillstand kam.
      Tessas Augen waren halbgeschlossen während sie auf einen leeren Punkt der Wand sah ohne wirklich hinzusehen.
      „Ich hab‘ mir Sorgen gemacht, weißt du? Eine gaaaanze Weile lang“, nuschelte sie. Tessa wurde ein kleines Bisschen leiser als die weitersprach. „…nach dem Vorfall im Winter. Weiß du eigentlich, dass du das erste Mal seitdem in meinem Wagen sitzt. Darauf sitzen zählt nicht! Ich hatte irgendwie gehofft, dass du zurückkommst und mit mir sprichst, nachdem Liam uns unterbrochen hat. Erst dachte ich, du bist mir vielleicht doch böse, weil ich dich einfach in meinen Wagen geschleift habe obwohl du eigentlich gar nicht wolltest. Aber dann warst du wie immer so…so…“
      Sie wedelte in einer undefinierbaren Geste mit der Hand.
      „So…Du, eben.“
      Ganz leicht neigte Tessa den Kopf bis sie unterem ihrem Ohr ein kräftiges Pochen fühlte. Etwas beschleunigt durch den Whisky und das viele atemlose Lachen, aber herrlich lebendig.
      „Manchmal denke ich an den Morgen“, murmelte sie mit einer trägen Zunge. „Es war irgendwie schön, aufzuwachen und jemand ist da…bis du versucht hast dich davonzuschleichen.“
      Sie kannte seine Gründe. Die Erklärung hatte sie schließlich prompt bekommen, nachdem sie ihn mit einer unbedachten Aussage beinahe aus dem Wagen getrieben hätte. Jetzt knuffte sie Chester leicht in die Seite um ihn zu necken, aber schon wenige Sekunden später folgte ein leises Seufzen. Tessa sank noch tiefer in seine Schulter, presste ihr Ohr gegen seine Brust.
      „Hat mich an eine Zeit erinnert, in der ich noch geträumt hab‘.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • So tief in der Nacht, vollkommen abgefüllt von einem sehr fragwürdigen Whiskey, den Owl da angeschleppt hatte, besaß Chester keinerlei Gefühl mehr für irgendwas. Seine Welt hatte sich von dem großen weiten Zirkus zusammengeschrumpft auf das Innere dieses Wohnwagens und auf Tessa, die lachte und lachte bis ihr die Tränen kam, nur um dann weiterzulachen und Chester unmittelbar mitzureißen. Er bekam schon gar keine Luft mehr in dem stickigen, warmen Innenraum, und dennoch lag das Zentrum seines Universums in diesem Moment auf der Frau ihm gegenüber, die sich prustend gegen seine Schulter lehnte. Das Ticken seiner Uhr war in den überhörbaren Hintergrund gerückt und sein Gesicht schmerzte vor lauter Lachen. So viel hatte er in seinem Leben noch nie gelacht. In seinem Leben.
      "Oh!", kam es unter den dunklen Haaren herauf und Chester kicherte unvermittelt, mittlerweile schon aus reinem Reflex heraus, während er den Arm um Tessas Schulter hielt. Ihm war schwindelig, selbst im Sitzen - deswegen musste er Tessa auch festhalten - und Tessa sah auch nicht viel besser aus, so wie sie schwankte - deswegen musste er Tessa auch festhalten. Er wusste schon gar nicht mehr, worüber sie gerade gesprochen hatten; alles drehte sich, ihm war furchtbar heiß und in seinem Kopf steckte so viel Watte, dass gar keine Gedanken mehr hinein passten. Aber er war zufrieden, er war glücklich und wenn es eine Sache gab, die er an seinem neuen, kleinen Universum auszusetzen hatte, dann der Mangel an frischer Luft. Und an Keksen, oh ja. Fast hätte er die Kekse vergessen. Darüber musste er nochmal kichern.
      „Ich hab‘ mir Sorgen gemacht, weißt du?", nuschelte Tessa in sein Hemd hinein. Chester wollte ihr den Kopf streicheln und tatschte unkoordiniert darauf herum.
      "Eine gaaaanze Weile lang."
      "Has' du?", fragte er und ließ seine Streicheleinheiten wieder sein - sein Arm war zu schwer. Er ließ ihn fallen und wäre davon beinahe zur Seite gestürzt, wenn er sich nicht an Tessa festgehalten hätte. Darüber kicherte er ein bisschen. Doofer Arm.
      „…nach dem Vorfall im Winter", sagte Tessa weiter und Chester hatte für einen Moment ganz große Schwierigkeiten, den Begriff Winter in seinem Watte-Gehirn einzuordnen. Winter hieß kalt, ja, das war richtig. Winter hieß auch keine Show, ja, das war traurig, aber auch richtig. Winter hieß... hm... wie passte Winter mit Vorfall zusammen?
      "Weiß du eigentlich, dass du das erste Mal seitdem in meinem Wagen sitzt."
      In meinem Wa - ah! Jetzt wusste er wieder, wo er war und auch von welchem Wintervorfall Tessa da sprach. Sein Universum breitete sich für einen Moment wieder aus, um ihn von außen einen Blick auf seine jetzige kleine Welt werfen zu lassen, bevor es wieder zusammenschrumpfte. Eine ganz schön wackelige Angelegenheit; von dem ganzen hin und her Geschiebe wäre er fast wieder vom Stuhl gefallen. Doofes Universum.
      "Aber - hab' ich nich' -"
      "Darauf sitzen zählt nicht!
      Chester bemühte sich um einen Gedanken. Dann nickte er ernst.
      "Oh ja. Auf und in sin' swei verschidene Wörder. Mh-hm. Desweg'n sählt das nich'."
      Das war so komisch, darüber musste er wieder kichern. Wie gerne er jetzt einen Keks gehabt hätte.
      "Ich hatte irgendwie gehofft, dass du zurückkommst und mit mir sprichst, nachdem Liam uns unterbrochen hat", sagte Tessa weiter und Chester ruderte zurück. Das Thema war doch wichtiger als gedacht, er bemühte sich um Aufmerksamkeit.
      "Erst dachte ich, du bist mir vielleicht doch böse, weil ich dich einfach in meinen Wagen geschleift habe obwohl du eigentlich gar nicht wolltest."
      "Neee. Nenene. Ich bin kein Böser."
      "Aber dann warst du wie immer so…so…“
      Sie wedelte mit der Hand in der Luft herum, was für einen Moment im perfekten Einklang mit dem drehenden Raum stand. Chester starrte fasziniert.
      „So…Du, eben.“
      "So ich eben? Wer bin denn ich?", fragte er zurück und kicherte. Aber Tessa lachte nicht mit und so verstummte er schnell wieder.
      „Manchmal denke ich an den Morgen. Es war irgendwie schön, aufzuwachen und jemand ist da…bis du versucht hast dich davonzuschleichen.“
      "Das hab' ich gemachd?", fragte er zurück und kicherte wieder. "Ja. Das klingd nach mir."
      „Hat mich an eine Zeit erinnert, in der ich noch geträumt hab‘.“
      Dem folgte ein tiefes Seufzen, das Tessa aus der Seele zu kommen schien, und Chester sagte:
      "Träumen is' schön. Den gansen Tag, tagein, tagaus. Wieso has' du aufgehört damit? Ich hab mal geträumd, das weiß ich noch - war ein schöner Traum. Da ging's um... hmmm... lass mich überlegen..."
      Er rutschte ein bisschen auf dem Stuhl herum. Fast wünschte er sich, dass er diese heißen Kleider loswerden könnte. Es war so warm hier drin.
      "Um... 'S war eigendlich en komischer Traum. Geseh'n hab' ich nich's, aber eine Stimme war da. Deine war's, ja, das weiß ich!"
      Er strahlte auf Tessas Haarschopf hinunter. Er erinnerte sich an etwas, wie toll.
      "Deine Stimme war's un' du has' mir irgendeinen Schwachsinn erzählt. Ich weiß nich' mehr - von einem Jake un' wie du in deiner Kindheit durch die Straßen - un' von einer Rosie, ja. Das weiß ich, gans sicher. Das war eigentlich auch schon alles."
      Er rutschte nochmal herum und zog Tessa fest an sich. Das Gewicht war schön, wäre da nur nicht diese Hitze gewesen.
      "Keine Ahnung, wieso das so 'n schöner Traum gewesen war, aber er war's. Ein toller Traum, der besde überhaupt. Deswegen - deswegen darfs' du nich' aufhören zu träumen. Versteh's du? Sons' träumst du sowas nich' und da würdest du echt was verpassen. Träume wie diese sin' unschlagbar."
    • Tessa verstand nur die Hälfte von dem, was Chester sagte. Davon noch einmal die Hälfte abgezogen, war dann der Teil, der übrig blieb und für die betrunkene Diebin noch ein kleines Bisschen Sinn ergab.
      "Um... 'S war eigendlich en komischer Traum. Geseh'n hab' ich nich's, aber eine Stimme war da. Deine war's, ja, das weiß ich!"
      Unbemerkt stahl sich ein verträumtes Lächeln auf ihre Lippen. Hundertprozentig hätte Owl sie mit diesem dümmlichen Gesichtsausdruck aufgezogen. Für die großen, glasigen Augen, die sich nun auf Chester richteten als hätte der Mann höchstpersönlich den Mond an den Himmel gehängt. Für Tessa war eines gerade ganz, ganz wichtig: Chester erinnerte sich. Für ihn war die Erinnerung zwar ein Traum, aber letztendlich war das doch auch nur eine andere Art, sich zu erinnern. Die haarkleinen Unterschieden konnten Tessa gerade den Buckel herunterrutschen, weil Chester sich erinnerte. Irgendwie, jedenfalls.
      "Deine Stimme war's un' du has' mir irgendeinen Schwachsinn erzählt. Ich weiß nich' mehr - von einem Jake un' wie du in deiner Kindheit durch die Straßen - un' von einer Rosie, ja. Das weiß ich, gans sicher. Das war eigentlich auch schon alles."
      Ah, stimmt, geisterte es durch den Nebel in ihrem Kopf, der immer dichter und dichter wurde. Diese Mal korrigierte sie Chester nicht. Sie versuchte nicht ihm zwischen Schluckauf und Halbschlaf zu erklären, wer die Menschen waren, die er schon längst wieder vergessen hatte. An den kleinen, verräterischen Stich in ihrer Brust würde sie sich ohnehin morgen nicht mehr erinnern. Die leere Whiskyfalsche würde schon dafür sorgen. Außerdem konnte sie Chester sowieso kaum noch folgen und ihr Kopf sank immer schwerer gegen seine Brust. Der Herzschlag pochte einlullend an ihrem Ohr.
      "Keine Ahnung, wieso das so 'n schöner Traum gewesen war, aber er war's. Ein toller Traum, der besde überhaupt. Deswegen - deswegen darfs' du nich' aufhören zu träumen. Versteh's du? Sons' träumst du sowas nich' und da würdest du echt was verpassen. Träume wie diese sin' unschlagbar."
      "Du weißt...w-weißt doch gar nicht...hicks...was du geträumt has'. Woher willst...hicks, t'schuldige...du dann wissen, dass er schön war?"
      Tessa versuchte die Augen zu öffnen, aber die waren schon zu schwer.
      "Hmhm...Ich...hicks...hab für dich gesungen...", nuschelte sie.
      Na ja, gesummt. Aber das war fast das Gleiche.
      Ruckartig setzte Tessa sich auf, bevor der trunkene Schlaf sie komplett übermannte. Kurz kam ihr der Gedanke, dass ein Stuhl kein guter Ort war um zu schlafen. Sie könnte herunterfallen und dann musste sie eh aufstehen, also warum es nicht sofort hinter sich bringen? Ja, das war eine ganz fantastische Idee. Träge blinzelnd sah sie sich um.
      "Ich glaub'...ich m...muss ins Bett..."
      Tessa quälte sich auf die Füße. Besagtes Bett übte plötzlich eine ungemeine Anziehungskraft auf sie aus, aber sobald sie stand, verzog sie das Gesicht. Ihre Wange fühlte sich plötzlich kalt an, genau wie die ganze Körperhälfte, vom Knie bis zur Schulter. Das war nicht schön. Tessa fröstelte obwohl ihr Wangen vor Hitze glühten. Aber da fehlte noch etwas anderes. Etwas unheimlich Wichtiges...Tessa schwankte und musste sich auf Chesters Schulter abstützen. Unter ihren Finger fühlte er sich herrlich warm an. Ah! Das war es gewesen.
      "Und du auch!", bestimmte Tessa. "Als deine offizielle Beauf...auftragte zur Beseitigung geheimer Schnaps...Schnapsvorräte, ist es meine Pflicht dafür zu sorgen, dass der Herr Direktor morgen für die Proben ausgeschlafen is...hicks...Außerdem ist mir kalt und du bist schön warm."
      Schwankend und wankend zerrte sie Chester auf die Füße. Ganz, ganz kurz wunderte sich der noch funktionierende Teil ihres Gehirns darüber, dass sie plötzlich zusammen mit Chester auf dem Bett saß. Allerdings forderten nun die Schnürsenkel ihrer Stiefel, ihre volle Aufmerksamkeit. Ihre Zungenspitze lugte zwischen den Lippen hervor, als sie auf die dünnen Schnürsenkel zwischen ihren Fingern schielte.
      "Das war doch heute morg'n noch nich so schwer..."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Du weißt...w-weißt doch gar nicht...hicks...was du geträumt has'. Woher willst...hicks, t'schuldige...du dann wissen, dass er schön war?", fragte Tessa mit einem Nuscheln zurück und Chester antwortete das erste, was für ihn Sinn machte:
      "Weil ich's im Gefühl hab. Da weiß ich das." Und er tippte sich neben Tessas Kopf gegen die Brust.
      "Hmhm...Ich...hicks...hab für dich gesungen..."
      Chesters Augen wurden ein Stück größer und er grinste bei der Erinnerung.
      "Ohh - ja. Ja, has' du. Aber nich' mit Worten, mh-mh. Nur mit Melodie."
      Ja, das war ein sehr schöner Traum gewesen. Chester erinnerte sich ja eigentlich nicht an Träume, aber an den hier, den hatte er sich irgendwie merken können. Eine schöne Sache war das gewesen, ganz sicher.
      Ruckartig setzte Tessa sich plötzlich auf und brachte Chester damit zum Wanken. Zum Glück nahm sie einen Teil der ganzen Hitze mit sich, die sich um ihn gesammelt hatte, wobei jetzt eine merkwürdige Kälte nachzog. Wenn Chester es sich so recht überlegte, wäre ihm die Hitze eigentlich lieber gewesen. Er runzelte die Stirn, während er beobachtete, wie Tessa sich in ihrem kleinen Universum umsah.
      "Ich glaub'...ich m...muss ins Bett..."
      "Ja... ja muss' du. Schau dich doch mal an." Er grinste und deutete auf sie. "Du bis' ja völlig... völlig... betrunken."
      Tessa kam auf die Füße und schwankte, was nicht sehr verwunderlich war, nachdem der ganze Raum ständig wackelte und sich drehte. Chester war sogar sicher, nichtmal halb so weit zu kommen, ohne auf dem Boden zu landen. Insofern tat Tessa sich sogar ziemlich gut.
      "Und du auch!", rief sie plötzlich, woraufhin Chester heftig den Kopf schüttelte. Schlechte Idee. Ihm wurde übel von der vielen Bewegung.
      "Neee. Ich bin vielleicht höchstens... öh... angetüdlt. Mh-hm. Mir geht's... supa."
      "Als deine offizielle Beauf...auftragte zur Beseitigung geheimer Schnaps...Schnapsvorräte, ist es meine Pflicht dafür zu sorgen, dass der Herr Direktor morgen für die Proben ausgeschlafen is...hicks..."
      "Oh."
      Ja, das machte schon Sinn. Wenn Chester sich das so durch den Kopf gehen ließ, machte das schon Sinn.
      "Außerdem ist mir kalt und du bist schön warm."
      "Oh."
      Er sah an sich selbst herab. Eigentlich fühlte er sich jetzt nicht mehr ganz so warm, aber was sollte man da schon machen.
      "Ja, das - huch."
      Tessa zerrte ihn schon auf die Füße und Chester stolperte in sie hinein. Gedämpft hörte er den Stuhl hinter sich über den Boden kratzen, aber zu viel passierte, als dass er sich darum hätte kümmern können. Der Raum drehte sich, ihm war ganz schwindelig, ein bisschen übel war ihm auch und außerdem ließ Tessa sie beide auf das Bett fallen. Chester ließ den Kopf und die Arme hängen, die Gravitation mit einem Mal zu schwer, um sich ihr zu entziehen. Sehnsüchtig blickte er auf den Boden; wie bequem es jetzt sein musste, sich dort unten hinzulegen und die Augen zuzumachen...
      "Das war doch heute morg'n noch nich so schwer...", nuschelte Tessa neben ihm und Chester drehte den Kopf um zu sehen, dass sie mit ihren Schuhen beschäftigt war. Kritisch musterte er sie dabei, wie sie mit den Fingern die Schnürsenkel zu fassen versuchte.
      "Nee... Das geht so nich', das weiß ich. Glaub ich."
      Er ließ sich auf den Boden fallen, was plötzlich ziemlich wehtat, und griff nach Tessas Schuh. Die Schnürsenkel ignorierte er, stattdessen nahm er nur die Lasche und zog daran.
      "So - und jetz, jetz raus. Zieh. Ne, wir beide zieh'n, ja. Zieh'n!"
      Mit einiger Anstrengung zog Chester ihr den Schuh vom Fuß, den kam der andere dran. Seine eigenen mussten auch noch dran glauben, das wusste er, aber sie gingen einfacher als Tessas. Kurz darauf kletterte er schon zu ihr ins Bett. Darüber dachte er gar nicht nach, es war doch ganz selbstverständlich, dass er das einzige Bett in diesem kleinen Universum nutzte. Dafür musste er sich eng mit Tessa zusammenkuscheln, damit sein Hintern nicht über die Bettkante ragte.
      "Wir brauch'n ein größeres... größeres..."
      Wo war er denn eigentlich? Seine Gedanken drifteten schon ab, kaum hatte er die Augen halb geschlossen. In seinem Kopf drehte sich alles und er hielt sich an Tessa fest, damit er nicht fortgespült wurde.
      Ah. Jetzt wusste er wieder, wo er war.
      "Einen größeren Zirkus brauchen wir. Viiiel größer."
      Wenn Tessa noch antwortete, hörte er es schon gar nicht mehr. Er vergrub sein Gesicht in weiche Haare und schlief auf der Stelle ein.

      Als er das nächste Mal aufwachte, fühlte er sich schmutzig und ungewaschen. In seinem Mund war ein unangenehmer Geschmack und er war sich gleich des strengen Geruchs im Wagen bewusst. Im Wagen, ja. Er war nicht in seinem Bett, denn sein Bett war groß und breit und weich und das hier war klein und schmal und hart. Und heiß. Und belegt.
      Er öffnete die Augen zu einem dunklen Innenraum, der nur seicht von Tageslicht durch die Vorhänge erhellt wurde. Er erkannte gleich die typische Einrichtung, die jeder Wagen in seinem Zirkus vorwies, das kleine Regal, die Truhe, die Feuerstelle, der Tisch und die zwei Stühle. Der Whiskey.
      Achso. Ja. Stimmt ja. Chester erinnerte sich und seufzte innerlich. Er hätte es wirklich nicht gebraucht, die letzte Nacht so durchzudrehen, denn jetzt hatte er sicherlich verschlafen. Von seinem Rausch war nichts mehr übrig geblieben, nur ein leichter Druck in seinem Kopf, wie als Erinnerung daran, dass seine Unsterblichkeit für ihn gearbeitet hatte. Vielen Dank auch. Es war ja nicht so, dass Chester ernsthaft wusste, wie sich ein Kater anfühlte. Das hier war für ihn schon der Kater.
      Daraufhin wollte er aufstehen, um die Überreste der nächtlichen Feier aufräumen zu gehen - und bemerkte, dass er es nicht konnte. Etwas hielt ihn fest. Er sah zum Ursprung der Wärmequelle hinüber.
      Tessa. Sie lag neben ihm, seinen Arm an ihren Körper gepresst, ihr Kopf auf seiner Schulter. Sie schlief, das Gesicht so entspannt, wie es nur sein konnte, der Mund leicht geöffnet, die Haare zerzaust und wirr auf dem Kissen. Für einen Moment fühlte er Wärme in sich aufsteigen bei der Realisierung, dass er bequem genug für sie war, um sie in den tiefsten Schlaf zu schicken. Im nächsten Moment übernahm das Pflichtgefühl gegenüber seines Zirkusses die Führung und begann, sich ihr vorsichtig zu entziehen. Er musste aufräumen und nach dem rechten sehen. Außerdem musste er dringend baden.
    • Tessa erinnerte sich nicht daran, wie sie ins Bett gekommen war. Woran sie sich aber erinnerte war das peinliche Genuschel, mit dem sie Chester in den Ohren gelegen hatte. Wenn sie die Augen noch ein wenig länger geschlossen hielt, konnte sie soch noch ein Weilchen vor dieser Peinlichkeit drücken. Außerdem war es noch viel zu früh. Es war noch fast dunkel draußen, als Tessa das erste Mal die Augen einen Spalt breit öffnete. Also drehte sich Tessa todmüde und Unverständliches murmelnd auf die andere Seite, um sich noch ein bisschen tiefer in der Wärme zu vergraben. Leider drehte sich nun alles und es dauerte eine Weile, bis sie wieder zur Ruhe kam und das Bett aufhörte sich zu drehen.
      Das zweite Mal, als Tessa die Augen öffnete, stöhnte sie beinahe genervt auf. Mit dem entspannten Schlaf war es nun endgültig vorbei. Jetzt war es eindeutig hell und die Sonne stach ihr ganz fies in den Augen. Dazu gesellte sich ein dröhnender Kopfschmerz und Tessa wollte nichts mehr, als sich die verdammte Decke über den Kopf zu ziehen. Schmatzend und blinzelnd versuchte sich die Diebin zu orientieren. Sie hatte einen furchtbaren Geschmack im Mund - als wäre etwas darin gestorben und verwest. Tessa spürte wie ihr Magen gluckerte und rumorte. Nein, sie wollte noch nicht aufstehen. Noch eine Stunde und es würde ihr bestimmt schon viel besser gehen.
      Als Tessa das dritte Mal aufwachte, bewegte sich das gemütliche Kissen unter ihrer Wange. Die junge Frau murrte unzufrieden und vergrub die Finger tief im Kissenbezug. Die gleichmäßige Atmung und der vertraute Herzschlag an ihrem Ohr hätten sie beinahe wieder in den Schlaf gelullt - aber nur fast.
      Der Geburtstag. Der Tanz. Der Whisky. Chester.
      Chester!
      Tessa kniff die Augen etwas zusammen, allerdings ließ sich nun kaum noch leugnen, dass sie wach war. Sie konnte nicht dagegen tun, als sich ihre Mundwinkel in einem schüchternen Lächeln anhoben und eine sanfte Röte auf ihren Wangen glühte, die dieses Mal rein gar nichts mit dem Whisky zu tun hatte.
      "Wie spät ist es?", murmelte sie und machte immer noch keine Anstalten Chester freizugeben. "Ist auch egal. Noch 5 Minuten. Bitte? Bleib noch 5 Minuten liegen. Ich weiß, wie wichtig es dir ist, dass alles läuft. Wirklich. Aber wenn du eh schon zu spät bist, was sind da noch 5 Minuten?"
      Sie sah Chester nicht an.
      Was waren 5 Minuten für einen Mann, der die Ewigkeit vor sich hatte? Vielleicht hätte sie ihn wirklich einfach gehen lassen sollen. Tessa hatte schon einmal den Fehler gemacht, ihn davon abzuhalten und vielleicht sollte sie sich wenigstens ein klitzeklines Bisschen dafür schämen, dass sie sich in ihrem verkaterten Zustand förmlich an ihn klammerte. Andererseits würde er sich sowieso nicht mehr daran erinnern. Er würde diesen Morgen genauso vergessen, wie den Morgen davor.
      "Ich kann heute nicht zu den Proben. Völlig ausgeschlossen...", nuschelte Tessa an seine Schulter.
      Chester roch nach Lagerfeuer, Rauch, Whisky und einem Hauch des Waschmittels, dass der Zirkus für seine Wäsche benutzte. Tessa seufzte. Die darunter liegende Note von Schweiß, störte Tessa nicht. Sie hatte in ihrem Leben schon viel schlimmere Dinge gerochen. Gerade war genau diese Kombiantion ihr die Liebste auf der Welt.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa gab ein leises Geräusch von sich und Chester verharrte sofort wieder. Er wollte gehen, natürlich, aber er wollte die junge Frau auch nicht aufwecken. Sie hatten in der Nacht eine ganze Whiskeyflasche getrunken und wenn er davon noch leichte Kopfschmerzen davongetragen hatte, musste es Tessa wirklich schlecht gehen. Sie konnte sich ruhig noch eine Weile ausruhen.
      Grummelnd grub sie ihre Finger in seinen Arm und Chester verharrte ganz still. Vielleicht hatte er ja Glück. Vielleicht würde sie nicht -
      "Wie spät ist es?"
      Doch. Sie würde.
      Chester betrachtete die sanfte Röte in ihrem Gesicht und das kleine Lächeln und musste unweigerlich zurücklächeln. Es war ein schöner Anblick, so unberührt. So unschuldig.
      Er griff in seine Hosentasche, zog seine Uhr heraus und klappte sie auf. Das Ticken schien sofort den Raum zu erfüllen.
      "Es ist jetzt Viertel -"
      "Ist auch egal. Noch 5 Minuten. Bitte? Bleib noch 5 Minuten liegen."
      Fünf Minuten? Das war eine lange Zeit für einen Tag, der nicht einmal mehr 24 Stunden zur Verfügung hatte.
      "Aber -"
      "Ich weiß, wie wichtig es dir ist, dass alles läuft. Wirklich. Aber wenn du eh schon zu spät bist, was sind da noch 5 Minuten?"
      Das war eine Logik, der er eine ganze Menge entgegen bringen konnte, da er mit sich selbst diese Diskussion sicher schon eintausend Mal geführt hatte. Aber eine Aufführung gab es heute nicht, die Proben starteten am Nachmittag und für alles andere - wortwörtlich alles andere - hatte er doch genau Liam eingestellt, eben für solche Fälle. Naja, nicht für den Fall, dass er länger schlafen wollte, aber für den Fall, dass er unpässlich wurde. Und was war das hier schon anderes als unpässlich zu sein? Er konnte diese Bitte doch wohl kaum ausschlagen, nicht mit diesem süßen Lächeln, das dahinter steckte.
      "Nagut", willigte er daher schließlich ein und entspannte sich wieder. Tessa gab an seiner Seite auch merklich nach und drückte sich näher an ihn. Ihre Hitze verglühte seinen Arm, aber er ließ sie, für die niedliche Röte in ihrem Gesicht und das hübsche Lächeln. Chester hatte eine Schwäche für lächelnde Menschen.
      "Ich kann heute nicht zu den Proben. Völlig ausgeschlossen...", nuschelte sie und Chester kicherte. Den perfektionistischen Teil in ihm, der sich darüber beschweren wollte, ignorierte er gekonnt.
      "Das musst du wohl mit deinem Ausbilder ausmachen. Genau genommen ist er ja selbst Schuld daran. Hätte er sich mal bloß an die Regeln gehalten, die den Alkohol betreffen."
      Chester legte keinen sonderlichen Wert darauf, alle nüchtern zu halten, aber er hatte entschieden, dass es Alkohol nur vom Kantinenzelt aus gab, das ihn wiederum auch nur verschenkte, wenn Chester es anordnete. Ansonsten wurden Proben nicht eingehalten - wie Tessa gerade bewies - und Zeitpläne wurden durcheinander gebracht. Im Grunde genommen hatte Owl sich das also wirklich selbst eingebrockt.
      Aber das war ein Problem für später. Fünf Minuten hatte Tessa gesagt und so gab Chester sich fünf Minuten. Es machte ja wirklich keinen allzu großen Unterschied.
      "Schlaf weiter", sagte er leise, erkannte aber schon an Tessas Atmung, das sie auf bestem Weg dorthin war. Eine Weile lang sah er ihr zu bei ihrem friedlichen Schlaf, wie sie so entspannt neben ihm lag, frei von allen schlechten Gefühlen, zufrieden mit der Welt, weil sie es bequem hatte. Um nichts und niemand würde er ihr das kaputt machen, also ließ er auch locker, damit sie es weich hatte. Von der Position schmerzte ihm bereits der Rücken und er rutschte vorsichtig ein bisschen herum, bis er sich auf die Seite legte und sich ihr zuwandte. Tessa war schon längst wieder eingeschlafen, ihr Atem gleichmäßig, ihre Miene entspannt. Er sah sie für einen Moment lang an, bewunderte die Sorglosigkeit, die so ein Schlaf bei normalen Menschen mitbringen konnte, dann schloss er die Augen. Fünf Minuten noch, nur fünf Minuten. Dann würde er wirklich gehen.
      Schließlich döste er doch wieder ein.
    • Ein unverständliches Grummeln ging im leisen Geraschel der Bettdecke unter. Tessa rutschte ein wenig umher, bis sie eine neue, bequeme Position gefunden hatte und schamlos das Gesicht tiefer und seufzend an der Schulter vergrub, die ihr als Kopfkissen diente. Die Müdigkeit, gefangen im schwerelosen Zustand zwischen Traum und Wachsein, ließ Tessa die Zurückhaltung einfach vergessen.
      „Hmhm“, brummte sie leise an seiner Schulter und schien sich nicht allzu große Sorgen um Owl zu machen, dem ganz bestimmt noch eine wenig angenehme Unterhaltung mit Chester bevorstand. Sie schmunzelte im Halbschlaf, weil Roy sicherlich gerade genauso litt wie sein messerliebender Freund. Von Liam wollte sie gar nicht anfangen. Zwischen Owl und Roy hatte er als Leichtgewicht keine Chance gehabt.
      Aber all das verschwand schnell im nebligen Hintergrund ihres halbwachen Verstandes. Gerade zählte nur der die Wärme an ihrer Wange und die gleichmäßigen Herzschläge an ihrem Ohr.
      „Schlaf weiter.“
      Das klang nach einer wirklich guten Idee. Tessa hätte sich auch gar nicht gegen den verlockenden Sog des Schlafes wehren können, selbst wenn sie gewollt hätte. Chester machte es ihr nicht besonders schwer. Sie lächelte selig als sich der Mann wieder tiefer in die Kissen sinken ließ, der sich noch Augenblicke vorher danach angefühlt hatte, als würde er zum Sprung aus dem Bett ansetzen. Tessa schlief ein und als sie die Augen von ganz allein wieder aufschlug, sah sie in das friedliche Gesicht von Chester.
      Für einen Moment setzte ihr Herz aus, als eine Erinnerung sich durch die dröhnen Kopfschmerzen schob. Nur war das hier ein vollkommen anderer Ausdruck von Friedlichkeit. Seine Wangen hatte eine gesunde Farbe, die Augen bewegten sich leicht unter den geschlossenen Lidern und wenn sie die Luft anhielt, konnte sie den entspannten Atemzügen lauschen.
      Trotzdem streckte sie die Hand aus, ganz sachte und ganz vorsichtig als würde sie etwas Verbotenes tun. Unter ihren Fingern fühlte sich seine Haut glatt und warm an. Keine Bartstoppeln kitzelten ihre Fingerspitzen, als sie die entspannte Kieferlinie entlangwanderten. Sein Gesicht war so nah, dass sie die einzelnen Wimpern hätte zählen können. Der Atem, der sich zwischen ihnen sammelte, war sicherlich nicht der angenehmste, aber Tessa ließ die Hand wieder sinken, bevor Chester die Augen öffnete. Statt sie ganz fort zu ziehen, legte sie die Hand flach über sein schlagendes Herz. Sie schloss ein letztes Mal die Augen und spürte nun das zarte Flattern eines Herzens an ihren Fingerspitzen, selbst durch sein Hemd, nahm sie das sanfte Pochen beinahe überdeutlich war. Es fühlte sich lebendig und warm unter ihrer Hand an. Tessa zwang sie die Augen wieder zu öffnen und prägte sich sein Gesicht in diesem gelösten Zustand ein.
      Die Lücken in Chesters Erinnerungen würden auch diesen Morgen verschlucken. Im Vergleich mit der Ewigkeit waren ein paar Minuten lächerlich kurz, aber für Tessa, waren zählten sie zu den schönsten und wichtigsten Minuten, die ihr kurzes Leben ausmachten. Sie gesellten sich zu den Erinnerungen einer lachenden Rosie, der Süße stibitzter Kekse, dem beruhigenden Duft von Tee in pastelligen und winzigen Teetassen, an einen Tanz gefüllt mit Musik und Lachen. Zu den Erinnerungen einen Kuss, die sie schmerzte und gleichzeitig wärmte. Zu all den schönen Dingen, die sie nicht missen wollte, obwohl sie manchmal weh taten.
      Die 5 Minuten mussten schon lange um sein und sie würde ihr Wort nicht brechen, nachdem Chester ihr dieses kleine Zugeständnis gemacht hatte. 5 Minuten. Das war abgemacht gewesen.
      „Chester…“, flüsterte sie leise und schweren Herzens. "Aufwachen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Chester... Aufwachen."
      Die Stimme drang ganz sanft zu ihm durch und Chester merkte, dass er ihr intuitiv folgte. Wie könnte er auch nicht? Sein Unterbewusstsein schien zu wissen, dass diese Stimme gutes bedeutete und als er die Augen blinzelnd öffnete, konnte er das bestätigen. Er lag mit Tessa in ihrem Bett in ihrem Wagen.
      Er musste wohl wieder eingeschlafen sein.
      Gähnend lächelte er sie kurz an, dann streckte er sich. Auch die letzten Kopfschmerzen waren verflogen und er fühlte sich schon wieder wie sonst. Ein bisschen zu überschlafen, wie er fand, aber sonst wie immer.
      Nur Tessa sah nicht aus wie sonst, mit ihrem zerrauftem Haar und den müden Augen.
      "Guten Morgen", sagte er leise zurück und ließ den Blick über ihr Gesicht gleiten. Sie sah krank aus und nur die Tatsache, dass er ihr mit eigenen Augen beim Trinken zugesehen hatte, versicherte ihn darum, dass sie nicht krank war. Nur verkatert. Da gab es einen Unterschied, den Chester schon lange nicht mehr greifen konnte.
      "Du siehst aus, als könntest du noch ein bisschen Schlaf brauchen", sagte er und lächelte dann. Ohne groß darüber nachzudenken hob er die Hand und strich ihr eine wirre Strähne aus der Stirn. Je schneller es ihr wieder gut gehen würde, desto besser. Er mochte sie lieber, wenn sie munter und fröhlich war.
      "Wie lang haben wir eigentlich..."
      Er kramte nach seiner Uhr und warf einen Blick darauf. Kurz vor zwölf.
      Mist.
      Mit einem Ruck setzte er sich auf.
      "Wir haben den halben Tag verschlafen! Jetzt muss ich aber wirklich gehen. Kein Aufschieben mehr."
      Er musste nach den Aufräumarbeiten sehen, er musste zur Kostümprobe, er musste zu den Proben, er musste Liam finden. Ein Tag hatte nicht genug Stunden, dass er sie alle verschlafen könnte!
      Mit gewohnter Leichtfüßigkeit kam er auf die Beine, merkte, dass er sowieso schon angezogen war und ergänzte seine Liste um den wichtigsten Punkt unter allen: Umziehen und duschen. Und dann ergänzte er ihn noch einmal, als er sich zurück nach Tessa umsah.
      Erstmal Tessa.
      "Ich bringe dir ein Wasser. Das wirst du schön austrinken, okay? Und danach schauen wir mal, wie es deinem Kopf geht."
      Er lächelte, dann drehte er ohne weiteres um und flitzte nach draußen. Erstmal Tessa.
    • „Guten Morgen“, flüsterte Tessa zurück.
      Es war wirklich, wirklich unfair.
      "Du siehst aus, als könntest du noch ein bisschen Schlaf brauchen."
      Chester sah frisch und unverschämt erholt aus wie er sie so verschlafen anlächelte. Tessa selber fühlte sich als wäre sie unter einen trampelnden Hektor, der über ihre eine Stepptanz-Nummer aufführte, geraten. Obwohl das Tageslicht unangenehm in ihren müden Augen stach, wollte sie keine Sekunde, die Chester noch da war, verpassen.
      "Hmhm. Mindestens eine Woche."
      Seufzend schmiegte Tessa die Wange tiefer in das weiche Kissen. Beinahe hätte sie der Verlockung, die Augen wenigstens noch für ein paar Minuten zu schließen, doch nachgegeben weil ihre Augenlider mindestens eine Tonne wogen. Da strich Chester ihr die zerzausten Haare aus der Stirn als wäre es das Normalste auf der Welt. Als hätte er es in der Vergangenheit schon tausendmal gemacht. Seine Fingerspitzen waren warm und sanft. Tessa lehnte sich in die Berührung, bevor sie darüber nachdenken konnte. Für diesen kurzen Augenblick hatte sie ihre Kopfschmerzen komplett vergessen. Es fühlte sich gut an. Sie würde sich später dafür schämen, wie groß die Sehnsucht nach seiner Berührung war und dass diese eigenartige Anziehung einfach nicht verschwinden wollte, obwohl er ihr das Herz gebrochen hatte.
      "Wie lang haben wir eigentlich..."
      "Nicht lange genug...", murmelte Tessa.
      Endlich konnte sich die Diebin davon überzeugen, die Hand von seiner Brust zu nehmen und drehte sich langsam auf den Rücken, damit Chester in Ruhe nach seiner Uhr kramen konnte. Dabei warf sie sich einen Unterarm über die Augen und seufzte wieder. Plötzlich erzitterte unter ihr das Bett und es fiel Tessa schwer, das Grinsen zu stoppen, dass sich trotz hämmernder Kopfschmerzen auf ihrem Gesicht ausbreitete. Sie konnte sich Chesters entsetzten Gesichtsausdruck bildlich vorstellen.
      "Wir haben den halben Tag verschlafen! Jetzt muss ich aber wirklich gehen. Kein Aufschieben mehr."
      Die Schwere, die sie beim Anblick dieses sanften Lächelns empfunden hatte, wich der Leichtigkeit, die alles so viel einfacher machte wenn man sie zuließ. Sie nahm das erdrückende Gewicht von Tessas Herz und lockerte die Beklemmung, die ihr das Atmen schwer machte. Sie ließ Tessa vergessen, dass die Risse auf ihrem Herzen immer noch da waren...
      "...wenn dich das nächste Mal jemand einen Sklaventreiber nennt, werde ich nicht mehr widersprechen."
      ...und das sie eigentlich daran arbeitete, eines Tages dem Zirkus Magica und Chesters kleiner, wunderlicher Welt zu entfliehen.
      Tessa protestierte mit einem Murren, als das Bett erneut wackelte und ihren angeschlagenen Magen munter von Links nach Rechts schunkelte.
      "Ich bringe dir ein Wasser."
      Ihr Magen gluckerte, als wäre noch mehr Flüssigkeit eine ganz furchtbare Idee.
      "Das wirst du schön austrinken, okay? Und danach schauen wir mal, wie es deinem Kopf geht."
      "Okay..."
      Chester verschwand schneller aus dem Wagen, als Tessa 'Zirkus Magica' sagen konnte. In der Zwischenzeit bemühte sich die verkaterte Diebin darum, wenigstens zu sitzen sobald Chester wiederkam. Sie strich sich die wirren und verknoteten Strähnen zurück. Ganz allein war der gemütliche Duft eines Lagerfeuers nur noch der penetrante Gestank von kaltem Rauch, der sich in ihren Klamotten und Haaren festgesetzt hatte. Mist, sie würde das ganze Bett neu beziehen müssen.
      Als Chester mit dem versprochenen Glas wieder den Wagen betrat, nahm sie es brav entgegen und trank langsam unter seinen wachsamen Augen ein paar Schlucke. Sie sah ihn an, legte den Kopf schief und wackelte fragend mit den Augenbrauen.
      "Was?", fragte sie.
      Irgendwie...konnte es sein, dass Chester besorgt aussah?
      "Mir geht's gut. Na ja, so gut wie es mir nach einer halben Flasche Whisky gehen kann. Eine Dusche, Frühstück...Moment, eher Mittagessen, oder?...und ich bin so gut wie neu."
      Tessa gluckste leise und verzog gleichzeitig das Gesicht.
      "...aber im Ernst. Die Kopfschmerzen sind Hölle."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester lief zuerst eine ganze Kanne Wasser holen, dann schaute er auch noch bei der zirkuseigenen Ärztin vorbei, ob sie irgendwelche Medikamente gegen Kopfschmerzen dahatte. Das hatte sie und ohne sich darum zu kümmern, welche es genau waren - Chester hätte sie ja so oder so nicht verstanden - lief er auch schon wieder zurück. Dabei war es ihm ganz egal, dass er herumlief wie aus der Erde gekrochen. Tessa hatte für ihn einfach Priorität.
      Er überreichte ihr feierlich das Wasser und sah dann sehr genau zu, dass sie ihr Glas auch austrank. Mittlerweile hatte sie sich aufgesetzt, aber sie sah immernoch krank aus. Er konnte den Unterschied einfach nicht erkennen.
      "Was?"
      Aufmerksam beobachtete sie ihn dabei, wie er sie beobachtete. Ihr entging wohl gar nichts und daher lächelte Chester.
      "Du siehst so kränklich aus. Ich mache mir nur Sorgen um dich."
      "Mir geht's gut", beteuerte sie und das konnte Chester wohl glauben. Leute, denen es wirklich schlecht ging, sagten normalerweise nicht, dass es ihnen gut ging.
      "Na ja, so gut wie es mir nach einer halben Flasche Whisky gehen kann. Eine Dusche, Frühstück...Moment, eher Mittagessen, oder?
      "Ja", bestätigte er schmunzelnd.
      "...und ich bin so gut wie neu."
      Dabei würde er sie beim Wort nehmen. Wenn es ihr heute Abend nicht besser ging, würde er sie mit eigenen Händen zur Ärztin schleifen.
      "...aber im Ernst. Die Kopfschmerzen sind Hölle."
      "Ich habe dir was mitgebracht. Medikamente in Kapselform."
      Chester hatte den Übergang von Salben und Tees zu diesen weißen Pillen nie ganz verstanden, aber er vertraute seinen eingestellten Ärzten, dass sie denselben Effekt hatten. Chester selbst war an eine Zeit gewöhnt, wo man die Kräuter noch selbst gesammelt und dann gestampft hatte.
      "Du kannst es in Wasser auflösen, glaube ich. Und dann alles austrinken. Wenn es dir heute Abend immernoch schlecht geht, lasse ich dich verarzten!"
      Er lächelte gutmütig, meinte es aber ernst. So eine Krankheit konnte schnell gefährlich werden und das wollte er so bald wie möglich verhindern.
      Einen Blick durch den Wagen schweifen lassend, ergriff er die leere Whiskeyflasche.
      "Ich schaue jetzt mal, wo der Kater sich noch alles ausbreitet. Vergiss dein Mittagessen nicht! Und morgen herrscht hier wieder Normalbetrieb. So ein Geburtstag wird mir nicht den Zirkus lahmlegen."
      Er zwinkerte Tessa zu, dann ging er auch schon wieder nach draußen. Sie konnte den Rest des Tages im Bett bleiben, aber Chester würde das nicht tun. So lange hatte er schon verschlafen, jetzt musste er zusehen, dass er seine Aufgaben noch in den Rest des Tages quetschen konnte. Wie wenig Stunden so ein Tag doch übrig haben konnte.
    • Mit hochgezogenen Augenbrauen nahm Tessa die Tabletten entgegen. Neugierig drehte sie Pillendose und stieß einen überraschten Pfiff aus. Den schrillen Ton bereute sie sofort, als ein stechender Schmerz durch ihre Stirn schoss.
      "Wo habt ihr sowas her? Das Zeug ist verdammt teuer", meinte Tessa.
      Fast ehrfürchtig und mit spitzen Fingern drehte sie den kleinen Schraubverschluss auf und ließ sich eine der Tabletten auf die Hand fallen. Es war das Neuste vom Neuen. Eigentlich kannte Tessa die weißen Tabletten nur aus der Auslage der ansässigen Apotheker, erschwinglich für alle die das nötige Kleingeld besaßen und nicht länger auf Althergebrachtes zurückgreifen mussten.
      "...Wenn es dir heute Abend immer noch schlecht geht, lasse ich dich verarzten!"
      Tessa verdreht halbherzig die Augen.
      Trotzdem schenkte sie Chester ein Lächeln. Er machte sich Sorgen. Irgendwie fühlte sich das gut an.
      "Ich bin verkatert nicht krank, Chester", erinnerte sie ihn.
      Es klang nicht wie ein Vorwurf, eher amüsiert und eigentlich hatte sie sich nie Gedanken darüber gemacht, wie schnell Chester manche Dinge vergaß. Fing es schon an?
      "Hey...", murmelte sie etwas leiser und zupfte an seinem Ärmel. "Danke."
      Sie hielt ihn nicht lang fest.
      Als Tessa die Hand zurückzog, streifte sie ganz kurz seine Finger um noch ein bisschen seiner Wärme mitzunehmen.
      "Ich schaue jetzt mal, wo der Kater sich noch alles ausbreitet. Vergiss dein Mittagessen nicht! Und morgen herrscht hier wieder Normalbetrieb. So ein Geburtstag wird mir nicht den Zirkus lahmlegen."
      "Ach, du solltest vielleicht als Erstes bei Liam vorbei. Er sah gestern nicht gut aus. Warte."
      Ganz flink drehte sie die Pillendose wieder zu, nachdem sie sich eine kleine Reserve herausgenommen hatte.
      "Fang."
      Sie warf Chester die Medikamente zu.
      "So wie Liam gestern Abend aussah, wird er die brauchen", grinste Tessa. "Er kann nichts dafür. Ich glaube Owl und Roy haben ihn abgefüllt. Sei nicht so streng mit den beiden Kindsköpfen. Du weißt, dass die beiden zusammen nur Blödsinn im Kopf haben."
      Tessa winkte Chester hinterher, als er ihren Wagen verließ.
      Seufzend ließ sie sich nach hinten fallen. Mit einem verstohlenen Blick, obwohl sie ganz allein war, sah sich Tessa um und vergrub dann die Nase in ihrem Kopfkissen. Der Geruch von Rauch und Feuer füllte ihre Nase und darunter, ganz leicht als wäre alles ein Traum gewesen, roch es nach Chester.

      Tessa war vielleicht stolzer als sie sein sollte, als sie sich endlich aus dem Bett gekämpft und eine Dusche genommen hatte.
      Wie Chester gesagt hatte, ließ sich die Tablette in Wasser auflösen. Ein paar Klümpchen blieben zurück und schwammen hartnäckig an der Oberfläche. Ganz perfekt waren die neuen Medikamente dann wohl doch nicht. Solange davon die Kopfschmerzen verschwanden, war der Diebin alles recht. Sie kippte die klumpige Suppe in einem Zug herunter und schüttelte sich. Es war schrecklich bitter, aber als die Wirkung einsetzte, hätte sie die Tabletten auch lächelnd am Stück runtergeschluckt.
      Beim Kantinenzelt fischte sie ein frisches Brötchen aus der Auslage. Eins von den weichen und süßen, die wie Butter auf der Zunge zergingen und stopfte es sich in den Mund um die Hände freizuhaben. Sie packte noch zwei für Ella in eine kleine Tüte. Sie würde erst bei der alten Frau vorbeisehen und sich dann den Proben anschließen.
      Ella grinste wie ein Honigkuchenpferd, als sie Tessa und die Brötchen entdeckte. Die Kartenverkäuferin saß unter einem kleinen Schirm vor ihrem Wagen und häkelte an einem neuen Sockenpaar.
      "Meine Kleine!", begrüßte sie die Diebin und winkte sie heran, damit sie sich neben Ella auf die Bank setzte.
      "Hallo Ella. Wie fühlt man sich mit einem Jahr älter?", fragte Tessa ganz unverblümt.
      "Kein bisschen klüger, das kann ich dir sagen", lachte sie. "...aber wohin seit ihr zwei Hübschen eigentlich gestern verschwunden?"
      Tessa rutschte ein bisschen peinlich berührt auf der Bank hin und her.
      "Es ist nicht so wie du denkst."
      "Nicht? Jetzt bin ich fast ein bisschen enttäuscht."
      "Ella!"
      Die Frauen lachten und unterhielten sich eine Weile, ehe Ella etwas aus der Tasche ihrer Schürze zog.
      "Das hätte ich fast vergessen."
      Ella hielt einen kleinen, blauen Samtbeutel hoch. Sie öffnete die dünnen Schnüre und ließ den Inhalt in ihre knorrige, von Altersflecken übersäte Hand fallen. Es war ein Perlenarmband. Keines aus Gold, Silber oder teuren Perlen, die vom Meeresboden geholt wurden. Die Perlen waren aus Holz geschnitzt, bemalt und lasiert worden. Jede Perle schimmerte in einem anderen Blauton.
      "Streck die Hand aus."
      "Das kann ich nicht annehmen."
      "Kannst du. Wirst du."
      Tessa streckte die Hand aus und ließ sich von der alten Frau das Armband ums Handgelenk legen.
      "Du weißt doch über die Artefakte Bescheid, ja? Das Armband ist ein bisschen wie Judes Glaskugel oder Chesters Uhr. Nun, seine Besonderheit ist vielleicht nicht ganz so aufregend, aber dafür praktisch. Die Perlen vibrieren kurz bevor es regnet. Damit bekommst du nie wieder ungewollt nasse Füße."
      "Aber..."
      "Es ist ein Geschenk, Tessa. Was sagt man da?"
      Ella lächelte siegessicher, als das Mädchen Kleinbei gab.
      "Danke", murmelte die Diebin und ließ sich von der Kartenverkäuferin eine großmütterliche Umarmung ziehen.
      Mühevoll blinzelte sie das Brennen aus ihren Augen, als Ella sich zurücklehnte und ihre hageren Finger um ihr Gesicht legte.
      "Ich hatte nie Enkelkinder und ich möchte, dass du es bekommst. Versuch glücklich zu werden, kleine Tessa. Das Leben ist zu kurz und zu kostbar. Sei glücklich, egal was du tust und wohin du gehst", sagte Ella sanft. In ihren blaugrauen Augen lag ein wissender Ausdruck. "Der Zirkus ist mein Zuhause. Er hat mir das Leben gerettet. Ich wollte nie irgendwo anders sein. Die Welt da draußen ist so viel größer, so viel gefährlicher und doch so wunderschön. Lass diesen Ort nicht zu einem Gefängnis werden. Lass ihn dich nicht bitter machen, Kind. Niemand ist immer glücklich, aber ich würde es mir wünschen. Für jeden von Euch. Ganz besonders für Chester. Gott weiß, der Mann hat mehr ertragen, als ein Mensch sollte und ich mache mir Sorgen."
      Sie seufzte.
      "Dieser Zirkus ist mein Zuhause", wiederholte Ella noch einmal. "Und ich fürchte, dass die Geschichte sich wiederholt. Es hat bereits begonnen. Aber alles muss einmal enden, nicht wahr?"
      Tessa schluckte und obwohl sie nicht alles davon verstand, fühlte sie sich seltsam ertappt.
      "Bist du glücklich, Ella?"
      Die alte Frau lächelte selig.
      "Ja. Bin ich und war es immer."

      Ein paar Stunden später stand Tessa fertig für die Proben im großen Zirkuszelt. Neben ihr stand ein bedröppelter Owl, ein sehr blasser Roy und etwas weiter hinten erkannte sie Liam, der noch etwas gräulich im Gesicht war und aussah, als müsste er sich jeden Moment in den nächsten Kübel übergeben. Tessa lächelte, obwohl sie todmüde war. Sie berührte nachdenklich die glatten Holzperlen an ihrem Handgelenk und schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. Ein bedrückendes und nagendes Gefühl hatte sich in ihrem Bauch festgesetzt.
      Das Gespräch mit Ella hatte sich wie ein Abschied angefühlt.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester folgte Tessas Rat und klopfte direkt im Anschluss an Liams Wagen, der ihn mit einem Brummen einließ. Liam war ganz bleich um die Nase, hatte rote Augen und verkroch sich sofort unter der Bettdecke, kaum als Chester die Vorhänge beiseite zog. Der Kater hatte ihn wirklich erwischt und das mit voller Wucht. Tessas Unwohlsein schien wie ein leichter Schnupfen dagegen.
      Auch Liam versorgte er und als er im Anschluss auf dem Weg zu seinem Zelt war, um sich endlich frisch zu machen, hörte er aus dem nächsten Wagen würgende Geräusche. Es war Roy, der in seinem Kater schon einen Schritt weiter war und sich sein vorsichtig eingenommenes Frühstück wieder entledigte. Also machte Chester einen weiteren Zwischenstopp, saß neben Roy auf dem Boden, klopfte ihm auf den Rücken und versuchte sich von dem Geruch nach Erbrochenem nicht mitreißen zu lassen. Roy sah wirklich furchtbar aus. Nach ein paar abgehackten Wörtern gab er Chester zu verstehen, dass er das alles nur Owl zu verdanken hatte.
      Entsprechend machte Chester einen weiteren Umweg über Owl, der schließlich wohl auch einen Notfallbestand vorrätig hatte, den Chester konfiszieren müsste. Müsste, denn nachdem er sah, wie auch Owl im Bett lungerte, tat der Mann ihm schon wieder ein bisschen leid. Es war noch nie vorgekommen, dass er betrunken zu seinen Proben erschien und so entschied Chester in dem Moment, dass er ihm den Vorrat lassen sollte. Wieso auch nicht. Owl hatte eine schwierige Vergangenheit hinter sich, er brauchte manchmal vermutlich die Ablenkung, die der Alkohol ihm gewährleistete.
      Also stand er auch ihm beiseite und nach einer genuschelten Erwähnung auch Malia. Und dann Yasmin. Und dann Frederic. Es artete in einem richtigen Rundgang aus, bei dem Chester sich gefühlt durch den ganzen Zirkus arbeitete, bis er endlich bei seinem Zelt ankam. Endlich.
      Nur um herauszufinden, dass er zu spät zu den Proben sein würde.
      Abgehetzt und eilig warf er sich in Schale und war keine zehn Minuten später in der Manege, wo sich die anderen bereits eingefunden hatten. Es freute ihn zu sehen, dass alle, die er aufgepäppelt hatte, es auch geschafft hatten. Das machte es leichter, sein eigenes Unwohlsein zu unterdrücken.
      "Auf die Plätze mit euch! Wer gestern noch tanzen konnte, kann heute zumindest so tun!"
      Er grinste breit und zwinkerte Tessa in der Masse zu.
      "Wenn ihr mir versprecht, dass ihr euch morgen wieder anstrengt, machen wir heute nur halb so lange. Abgemacht?"
      Dafür erntete er zumindest euphorische Rufe, die er glücklich entgegennahm. Abgemacht. Mit so einem Hintergedanken liefen die Proben doch gleich viel entspannter ab.
    • Chester hielt sein Versprechen und die Proben endeten an diesem Tag frühzeitig. Die Gelegenheit nahmen viele blasse Gesichter, die an Tessa vorbei zogen, dankbar an. Eine zusätzliche Mütze Schlaf konnten alle gut gebrauchen. Tessa blieb noch einen Augenblick länger und sah zu wie sich das große Zelt langsam leerte. Mit ein bisschen mehr Schlaf hätte sie auch kein Problem, aber der Diebin schwebte für den späten Nachmittag etwas anderes vor. Außerdem halfen die Tabletten dabei, die Kopfschmerzen in Schach zu halten. Als eine der Letzten schlüpfte Tessa aus dem Zelt, zupfte ihren Ärmel über dem Perlenarmband zurecht und schlug einen ganz bestimmten Pfad ein. Sie unternahm noch einen kleinen Abstecher ins Kantinenzelt, um eine unscheinbare Pappschachtel, die sie sich anschließend unter den Arm klemmte, zu holen. Summend kehrte sie um und steuerte geradewegs auf Judes Wagen zu.
      Behutsam klopfte sie mit den Fingerknöcheln gegen die Holztür und trat lächelnd ein, als die Wahrsagerin sie hereinbat.
      "Hallo Jude", begrüßte sie die Frau und rümpfte etwas die Nase.
      Der Duft von Räucherwerk war ein wenig zu viel für ihren empfindlichen Magen. Mit zufriedener Miene platzierte sie die Pappschachtel auf dem Tisch und öffnete den Deckel um Jude die mitgebrachten Küchlein zu präsentieren. Die Schachtel war sogar noch ein bisschen warm. Die kleinen Stücke waren mit weißem Zuckerguss verziert und der Koch hatte dazu noch kunterbunte Zuckerperlen darüber gestreute. Tessa bekam vom Anblick allein schon Zahnschmerzen. Aber den Backkünsten des Kochs konnte sie trotzdem niemand widerstehen.
      "Frisch aus dem Ofen", verkündete Tessa. "Mein Magen ist noch ein bisschen durch den Wind und ich habe mir gedacht 'Jude hat bestimmt den perfekten Tee dafür!'. Ich tausche gegen ein Stück. Vielleicht auch zwei, wenn ich es übers Herz bringe."
      Tessa lachte leise und rieb sich grübelnd mit dem Zeigefinger über den Nasenrücken.
      "Ich hätte da noch eine Bitte", fügte sie hinzu und senkte verlegen den Blick.
      Nervös spielte Tessa mit ihren Fingern und sah Jude mit einem zögerlichen Lächeln an.
      "Hm, ich würde gerne versuchen ein kleines Geheimnis zu lüften."
      Das Herz schlug ihr bis zum Hals und das Gewicht des Armbandes an ihrem Handgelenk nahm sekündlich zu. Sie hatte darauf geachtet, dass es nicht unter dem Ärmel ihres Pullovers hervorlugte.
      "Denkst du...ähm, dass deine Glaskugel mir helfen kann herauszufinden, wer der mysteriöse Typ aus meiner Vision ist?"
      Die Röte in ihrem Gesicht hatte weniger mit der verlegenen Schwärmerei um einen möglichen Verehrer zu tun, als mit der Tatsache, dass sie gerade Jude anlog. Sie hatte keine Ahnung, ob es funktionieren würde. Tessa war nicht Chester. Lügen ging ihr nicht so leicht von der Hand.
      "Albern, ich weiß...", schob sie murmelnd hinterher, als käme ihr die ganze Idee plötzlich ziemlich dumm vor. "Ich werde ihn wahrscheinlich sowieso nie treffen, wenn ich hier festsitze..."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Jude war so glücklich wie immer Tessa zu sehen und öffnete ihr mit einem strahlenden Lächeln die Tür.
      "Hallo Jude."
      "Tessa! Was für eine Überraschung. Komm nur herein, ich habe für heute schon Feierabend."
      Sie ließ die junge Frau eintreten und bemerkte sofort die mitgebrachte Schachtel.
      "Was hast du denn da mitgebracht?"
      "Frisch aus dem Ofen", verkündete Tessa und offenbarte ihr die kleinen Küchlein. Jude war sofort hellauf begeistert und kicherte wie das junge Mädchen, das sie schon lange nicht mehr war.
      "Wie nett! Doch nicht etwa für mich?"
      "Mein Magen ist noch ein bisschen durch den Wind und ich habe mir gedacht 'Jude hat bestimmt den perfekten Tee dafür!'. Ich tausche gegen ein Stück. Vielleicht auch zwei, wenn ich es übers Herz bringe."
      Da gackerte Jude und war schon im nächsten Moment an ihrem Teeservice.
      "Das hast du dir genau richtig gedacht! Bei mir bekommst du den besten Tee - frisch aus der Stadt. Ein Stück gegen eine Tasse, so wird ein Schuh draus. Da freue ich mich jetzt aber!"
      Fröhlich und begeistert deckte sie den kleinen Tisch für sie beide, während Tessa über die Euphorie der Frau mitlachte. Jude war mit ihrer Aura der Hellseherei vielleicht etwas eigenartig, aber darunter war sie noch immer eine alte Dame, die sich über gute Gesellschaft freute. Und noch mehr über sehr guten Kuchen.
      "Ich hätte da noch eine Bitte", sagte Tessa etwas kleinlaut dazu und ließ sich von Jude an den Tisch scheuchen. Sie brachte nur noch Besteck für sie beide, dann setzte auch sie sich.
      "Jede Bitte für ein weiteres Stück", entgegnete Jude gackernd und bediente sich. "Was liegt dir denn am Herzen?"
      "Hm, ich würde gerne versuchen ein kleines Geheimnis zu lüften."
      "Ohh." Ein Lächeln schlich über ihr Gesicht. "Ein Geheimnis. Das mag ich. Damit bist du bei mir an der richtigen Stelle. Und worum geht es?"
      "Denkst du...ähm, dass deine Glaskugel mir helfen kann herauszufinden, wer der mysteriöse Typ aus meiner Vision ist?"
      Jude zögerte nicht einen Moment und ihr Lächeln weitete sich zu einem regelrechten Grinsen aus. Ein großes, entzücktes Grinsen, das ganz über Tessas feine Röte im Gesicht hinweg strahlte.
      "Das also! Ich habe mich schon gefragt, ob du deswegen wiederkommen würdest."
      "Albern, ich weiß... Ich werde ihn wahrscheinlich sowieso nie treffen, wenn ich hier festsitze..."
      "Oh, nein nein", sagte Jude schnell und gackerte wieder. "Ganz und gar nicht. Du bist nicht die erste, die wegen einer mysteriösen Person zu mir zurückkommt, Schätzchen. Was die Leute in der Kugel sehen, das können sie manchmal nicht vergessen, egal wie sehr sie es probieren. Das ist der Verkaufstrick dahinter, verstehst du? Sie sehen hier etwas und dann machen sie sich Gedanken darüber - so wie du vermutlich - und wollen irgendwann wiederkommen, um sich Bestätigung zu verschaffen. Ganz und gar nicht albern, wirklich nicht."
      Noch immer kichernd trennte sie fein säuberlich ein kleines Stück vom Küchlein ab und schob es sich genussvoll in den Mund.
      "Nur so eine Vision wie deine hatte ich schon lange nicht mehr. Wie aufregend. Hast du dich in der Zwischenzeit mal umgesehen? Wer könnte es sein, doch jemand aus dem Zirkus?"
    • Der Zuckerguss zerging auf der Zunge. Das Küchlein war so süß, dass sich ihr Magen sicherlich später darüber beschwerte. Erst der Alkohol und den ganzen Tag gab es nichts Vernünftiges, nur noch mehr Zucker. Gerade war das Tessa egal. Sie ließ sich tiefer in den Stuhl sinken und machte es sich mit dem Kuchen auf dem Schoß gemütlich.
      Bei Jude fühlte sie sich seltsam wohl. Es war ein bisschen wie mit Ella. Tessa fühlte sich von den erfahrenen Frauen verstanden und gehört. Sie hatte schon beinahe vergessen wie es sich anfühlte eine Mutterfigur im Leben zu haben und jetzt hatte sie gleich Zwei bekommen. Jude und Ella benahmen sich mehr wie eine verständnisvolle Mutter als Isadora Penhallow es je in ihrem ganzen Leben getan hatte. Genüsslich schob sich Tessa noch eine Gabel in den Mund und hörte Jude aufmerksam zu. Sie schüttelte lachend den Kopf und griff mit der freien Hand nach der dampfenden Tasse. Tessa schmunzelte und spülte den süßen Zucker, der ihr den Mund verklebte, mit etwas Tee herunter.
      „Heißt ich bin dir und deiner Glaskugel ganz vorbildlich auf den Leim gegangen, hm? Eigentlich sollte ich als Tochter einer Trickbetrügerin dagegen immun sein.“
      Fragend zog Tessa wenig später die Stirn kraus.
      "Nur so eine Vision wie deine hatte ich schon lange nicht mehr. Wie aufregend. Hast du dich in der Zwischenzeit mal umgesehen? Wer könnte es sein, doch jemand aus dem Zirkus?"
      „Eine Vision wie meine? War sie denn anders als die Anderen?“, hakte sie neugierig nach.
      Sie stellte den Teller zurück auf den Tisch und lehnte sich sogar ein bisschen zu Jude vor. Irgendwie hatte Tessa die eigenartige Ader entwickelt, dass sich in allem, was im Zirkus Magica geschah, ein tieferer Sinn verbarg. Außerhalb der Mauern wäre ihr Gedanke als milde Paranoia durchgegangen. Vielleicht wurde sie auch einfach langsam verrückt. Das ständige herumlaufen auf Zehenspitzen, der Zwiespalt und das schlechte Gewissen taten ihr nicht gut. Wegen Chester fühlte sie sich ganz besonders schlecht. Sie hatte den Eindruck, dass er ihr ein wenig mehr vertraute seit dem Winter und sie war auf dem besten Weg alles kaputt zu machen, sollte er jemals dahinter kommen. Ein Teil von Tessa konnte einfach nicht vergessen wie sich die Freiheit hinter dem Zauber des Zirkus anfühlte. Es war ein hartes und entbehrungsreiches Leben, da draußen, aber es hatte ihr gehört. Sie rief sich Toby in Erinnerung und fühlte sich bestärkt, das Richtige zu tun.
      Es durfte keinen nächsten Toby mehr geben.
      „Hm, ehrlich gesagt…“, druckste Tessa herum.„…hatte ich ein kleines Déjà-Vu. Gestern, während der Geburtstagsfeier von Ella. Oh Gott, das ist mir furchtbar peinlich.“
      Das war nicht gespielt. Es war ihr wirklich peinlich.
      „In meiner Vision hat es auch nach Lagefeuer gerochen. Die Musik war ein Bisschen anders als Chester mich zum Tanzen aufgefordert hat, aber…“
      Tessa seufzte gequält.
      „…es fühlte sich gut an…“
      Sie wäre am liebsten im Boden versunken.
      „…und ich habe mich daran erinnert, wie teuer und weich sich dieses dämliche Hemd in meiner Vision angefühlt hat…“
      Stattdessen sank sie einfach noch tiefer in den Stuhl.
      „…Chesters hat gestern ein ähnliches Hemd getragen…“
      Jetzt war die Spitze der Tischdecke plötzlich sehr interessant.
      „Ich verstehe jetzt, warum Leute von diesen Visionen verrückt werden können.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Eine Vision wie meine? War sie denn anders als die Anderen?“, fragte Tessa gleich zurück und Jude grinste sofort einvernehmlich. Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl nach vorne und gestikulierte mit der Kuchengabel in der Luft.
      "Die letzte Vision wie deine, so ähnlich jedenfalls, die war, als Leon und Holly geheiratet haben. Du kennst die beiden, die Musiker? Da ist Holly zu mir gekommen, hat sich ihre Vision angesehen, ist dann aufgesprungen und hat angefangen zu hüpfen und zu jubeln. Und dann - stell dir das nur vor - ist sie rausgelaufen und hat Leon gesagt, dass sie will. Er hatte ihr noch gar keinen Antrag gemacht, ich glaube, er hat es noch nicht einmal geplant gehabt! Aber sie hat den ganzen Zirkus zusammengeschrien, wie willst du ihr da erklären, dass es nur eine Vision war - eine mögliche Zukunft? Also hat er ihr noch am selben Tag einen Antrag gemacht und jetzt sind sie noch immer verheiratet. Ihr Leben lang."
      Entzückt kicherte Jude und nahm sich den nächsten Bissen von ihrem Kuchen.
      "Das ist aber schon ein paar Jahre wieder her. So häufig sind solche Visionen deswegen nicht. Aber umso besser, wenn du eine gehabt hast."
      Zufrieden mit ihrer Erklärung lehnte Jude sich wieder zurück.
      "Also, denkst du auch, es wird zu einer Heirat kommen?"
      „Hm, ehrlich gesagt…“, begann Tessa und druckste ein wenig herum. „…hatte ich ein kleines Déjà-Vu. Gestern, während der Geburtstagsfeier von Ella. Oh Gott, das ist mir furchtbar peinlich.“
      "Ach, nicht doch! Einen Zirkus zusammenzuschreien, obwohl dein Freund gar keinen Antrag gemacht hat, das darf dir peinlich sein. Aber doch sicher nicht, was auf Ellas Geburtstagsfeier war."
      „In meiner Vision hat es auch nach Lagefeuer gerochen. Die Musik war ein Bisschen anders als Chester mich zum Tanzen aufgefordert hat, aber…“
      Jude wurde ein Stück aufmerksamer. Sie schien einen Gedanken zu bekommen.
      "Ach. Gut, das kann auch ein Zufall gewesen sein. Was war da noch?"
      „…es fühlte sich gut an…“
      "So wie in der Vision? So hat es sich angefühlt?"
      „…und ich habe mich daran erinnert, wie teuer und weich sich dieses dämliche Hemd in meiner Vision angefühlt hat…“
      Judes Augen fingen jetzt an zu funkeln. Sie konnte sich sichtbar das Grinsen nur schwer verkneifen, das jede Sekunde auszubrechen drohte.
      "Ach."
      „…Chesters hat gestern ein ähnliches Hemd getragen…“
      Ihre Mundwinkel zuckten ganz gefährlich. Sie studierte Tessa, als würde sie sich gleich auf sie stürzen wollen. Nur mit großer Mühe brachte sie ein neutrales "Sowas kann schonmal passieren" hervor. Trotzdem schien sie sich gedanklich schon von der Wahrheit überzeugt zu haben. Zur selben Zeit sah sie Tessa in einem ganz anderen Licht.
      „Ich verstehe jetzt, warum Leute von diesen Visionen verrückt werden können.“
      "Oh ja, ganz sicher, doch. Ja. Nun, worauf warten wir noch? Lass uns die Kugel noch einmal fragen!"
      Mit einem großen, gar jugendlichen Eifer sprang sie auf. Der Kuchen schien vergessen, als sie die Kugel holte und sie zwischen dem Geschirr aufbaute. Genauso schnell huschte sie durch den Wagen und zog die Vorhänge zu, beeilte sich dabei sichtlich, damit sie zurück an den Tisch konnte. Ihre Augen funkelten noch immer mit demselben Eifer. Das Bild von Tessa und Chester zusammen schien ihr Flügel zu geben.
      "Du weißt noch die Fragen? Ja? Dann auf geht es! Ich glaube übrigens, es hilft, wenn du dich gedanklich darauf konzentrierst, was du... sehen willst. Verstehst du?"
      Sie zwinkerte Tessa zu, dann gestikulierte sie eilig nach ihren Händen und sagte ihren Spruch auf. Dann drückte sie Tessas Hände auf das kalte Glas.

      Der Nebel der Kugel verblieb, er verschwand nicht wie sonst. Das Bild, das sich im Inneren der Kugel eröffnete, wurde von ihm durchsetzt, eingeschränkt, trüb gemacht. Formen stachen hier und da aus dem Nebel hervor, aber er war allgegenwärtig und unnachgiebig. Dabei wirkte es nicht, als ob er dorthin gehörte. Es wirkte wie eine... Störung.
      Es fing an zu regnen. Ein lautes Geräusch, als dicke Regentropfen auf ein Dach prasselten - ein Zeltdach. Es rauschte beständig und laut, ein starker Regen. Ein Sommerregen.
      "Als hättest du es vorhergesagt", kam Chesters Stimme heraus, allerdings verzerrt und nur bruchstückhaft. Zwischen den Formen, die jetzt langsam das Bild eines Zeltes ausmachten, tauchte sein Gesicht auf, bevor es wieder hinter dem Nebel verschwand. Er war nicht alleine und kurz darauf antwortete Ellas Stimme; auch verzerrt, aber jugendhaft. Eine jüngere Version ihrer selbst.
      "Ich habe doch gesagt, ich kann auch zaubern."
      Sie beide kicherten. Es hätte ein entzückendes Geräusch sein können, aber die merkwürdige Verzerrung verwandelte es in ein abgehacktes Zischen. Der Regen war noch immer laut, er schien nicht aufzuhören. Der Nebel schuf in seiner Wanderung Gestalten und Formen, die dort nicht hingehörten. Die Schatten, die er hinterließ, waren dunkel. Sie bewegten sich.
      "Willst du einen Trick sehen?", fragte die Stimme von Chester, ohne dass sein Gesicht noch einmal auftauchte. Wieder erklang das Zischen des Gekichers, aber diesmal schienen es nicht die beiden zu sein, die das Geräusch von sich gaben.
      "Immer."
      Bis auf das Rauschen des Regens war es still. Formen und Gestalten bewegten sich, das Zelt schien zu wabern. Ein Geräusch erklang, ein Flüstern. Niemand antwortete darauf.
      Dann drang ein einzelner Lichtstrahl durch die Lücken des Nebels und Ellas bewunderndes "Oh" ertönte. Chesters Gesicht tauchte auf, kurz nur, bevor es von seiner Hand ersetzt wurde. In seiner Handfläche lag ein Medaillon an einer alten Kette, das als verzierte Sonne gegossen worden war. Und diese Sonne strahlte in einem Licht, das dem Licht der echten Sonne nur in seiner Intensität nachgestanden hätte. Es erstrahlte zu allen Seiten, aber am meisten dorthin, wohin die Oberfläche zeigte. Es war wie eine kleine Lampe.
      Der Nebel bewegte sich wieder und Ellas Gesicht tauchte auf, jünger. Sehr viel jünger. Älter als auf dem Bild, aber noch immer sehr jung.
      "Wow", sagte sie ganz hingerissen. Chester ließ die Sonne schwenken. Das Licht erhellte das Zelt, aber nicht den Nebel. Der Nebel waberte und schuf seine lebendigen Gestalten. Irgendwo flüsterte wieder jemand.
      "Schön, nicht?"
      "Wie machst du das?"
      Seine Antwort ging in der Verzerrung unter. Er drehte das Medaillon, ließ das Licht schweifen. Formen bewegten sich, der Nebel waberte. An manchen Stellen zog er sich zusammen, sodass es fast wie Gesichter aussah. Gesichter, die ihre Münder öffneten. Ein Flüstern folgte.
      "Das hier ist ungefährlich", sagte Chester abgehackt, "aber es gibt Artefakte, die es nicht sind. Deswegen darfst du niemals eins benutzen, wenn ich nicht dabei bin. Hörst du?"
      Ella sagte etwas. Der Nebel flüsterte im Hintergrund. Er flüsterte. Chesters Antwort kam nur bruchstückhaft heraus.
      "... schon, wenn... aber... nur dann. Und... nicht die Kugel."
      Dann ging plötzlich ein Zittern durch den Nebel, als würde die Kugel bewegt werden. Chesters Gesicht tauchte wieder auf und diesmal hob er den Blick.
      Er hob den Blick und starrte Tessa direkt in die Augen.
    • Tessa stürzte sich kopfüber wirbelnden Nebel der Glaskugel. Vergessen war die Belustigung auf Judes Gesicht. Vergessen war die Verlegenheit, die sie spürte, sobald sie an die gestrige Nacht zurückdachte. An die Wärme, die Chester ausgestrahlt hatte, und wie geborgen sie sich dabei gefühlt hatte. Der Sog der Glaskugel war unwiderstehlich und katapultierte Tessa prompt in den Strudel der Vergangenheit. Woher Tessa das wusste? Es war Ellas Stimme. Unglaublich jung und frei, wie es nur die Stimme eines Kindes sein konnte. Die Aufregung des Nervenkitzels endlich einen Schritt vorwärts zu machen, verlor sich schnell. Diese Vision war anders. Der neblige Schleier, der sich über das Bild legte und das unaufhörliche Geflüster machten es schwer ihr zu folgen. Manchmal sah sie nur ein Gesicht, erhaschte lediglich einen Bruchteil einer Szenerie und über allem lauerten schattenhafte Gestalten, die Tessa einen eiskalten Schauer über den Rücken jagten. Widerwille mache sich breit.
      Das untrügliche Gefühl etwas ganz und gar Verbotenes zu tun, stellte sich ein. Es war unheimlich und bedrohlich, denn das Geflüster gewann stetig mehr Raum, drücke sich in immer aufs Neue in den Vordergrund. Unwirkliche Fratzen starrten ihr entgegen, öffneten formlose Münder und dehnten ihre Schatten aus. Jemand - oder etwas - wollte nicht, dass Tessa einen Blick in die Vergangenheit warf. Denn das war es, was die Diebin zu sehen bekam. Es war ein kleines Fenster in die Zeit, die einmal gewesen war und Tessa verstand, auf welchen Weg Theresa sie führte. Der Schlüssel für die Zukunft lag in Ereignissen, die alle längst vergessen hatte. Vielleicht sogar Chester. Vielleicht auch nicht.
      Eine sanfte Wärme breitete sich über Tessa aus wie eine Decke, als das Licht des Medaillons die Vision erhellte. Sie folgte den wandernden Strahlen, die sich bis in den letzten Winkel ausbreiteten und zuckte heftig zusammen, als zahnlose und klaffende Münder darin auftauchten. Verzerrte, schemenhafte Gesichter lauerten im Nebel und schienen sie direkt anzustarren.
      Tessa hielt die Luft an, als der Nebel erneut alles verschlang.
      Krampfhaft versuchte sie festzuhalten, was sie gesehen hatte. Das Medaillon. Das Zelt, dass ihr vertraut erschien. Chesters Warnung über die Artefakte. Kaum schweiften ihre Gedanken zu Chester, tauchte sein Gesicht im Nebel auf. Klarer und deutlicher als je zuvor in den vergangenen Minuten. Gebannt sah Tessa zu, wie das Abbild des Mannes den Blick hob...
      ...und ihr direkt in die Augen schaute.
      Ein erschrockener Aufschrei entkam Tessa und das nächste, was sie hörte, war das Poltern eines Stuhls, das zu Boden fiel. Tessa blinzelte hektisch. Sie stand wieder vor dem Tisch. Der Stuhl, den sie umgeworfen hatte als sie ruckartig aufgestanden war, vibrierte noch von dem Aufprall. Mit großen Augen starrte sie die Kugel an und schließlich in das sehr, sehr überraschte Gesicht der Wahrsagerin. Sie war noch zu perplex um sofort zu einer Erklärung anzusetzen, die nicht verdächtig erschien. Allerdings...ihre heftige Reaktion sprach schon für sich.
      "Das...das war..."
      Wieso klang sie so außer Atem?
      "Nicht was ich...erwartet habe", stammelte Tessa.
      Möglichst unauffällig zupfte sie die Ärmel ihres Pullovers zurecht, damit ja keine Perle des Armbandes hervor blitzte.
      Sie hätte Judes so gerne unendlich viel Fragen dazu gestellt. Zu den Gestalten im Nebel, zum Wispern...doch das konnte sie nicht ohne sich dabei in ein verdächtiges Licht zu rücken.
      "Tut mir leid. Ich war wohl nicht ganz bei der Sache. Vielleicht habe ich nicht die richtigen Antworten gegeben. Ich hab...", zögerte Tessa, aber aus anderen Gründen, als Jude vielleicht glaubte. "...Rosie gesehen."
      Die Lüge ging ihr leichter von den Lippen als gedacht.
      Ja, die tote, beste Freundin zu sehen, konnte schon sehr erschreckend sein.
      Oh, wie schlecht sie sich fühlte, Rosie in einer Lüge zu benutzen.
      Als Jude sie fragend und besorgt ansah, wurde sich Tessa bewusst, dass vielleicht nicht alle um ihre Geschichte wussten.
      "Rosie ist...war meine Freundin bevor ich hier her kam. Sie starb einen Tag bevor Chester mir die Wahrheit erzählt hat. Ich habe ihm erst nicht geglaubt. Es war sehr...traumatisch. Ihr Tod und das Gespräch mit Chester. Ich war so, so wütend auf ihn."
      Und er hatte es einfach vergessen.
      Tessa atmete tief durch und schluckte die Wut und Enttäuschung darüber herunter.
      Chester konnte nichts dafür.
      Naja, vielleicht doch.
      Welche Gründe er auch immer für diesen Pakt mit der Uhr hatte, er hatte ein Entscheidung getroffen.
      Tessa schüttelte den Kopf und rief sich die Wärme seiner Arme in Erinnerung um die Kälte aus ihren Adern zu vertreiben.
      Egal, was sie tat. Egal, in welche Richtung sie sich drehte.
      Am Ende führten alle ihre Wege immer zu Chester.
      Natürlich. Die Erkenntnis war ernüchternd.
      Wenn alle Wege zu Chester führten, wie sollte sie auf Dauer ihre kleines Geheimnis weiter verheimlichen?
      "Tut mir leid, Jude. Ich wollte dich nicht erschrecken."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa schrie erschrocken auf und Jude erschreckte sich mindestens genauso, als hätte sie selbst in die Kugel gesehen. Mit einem Rumpeln polterte Tessas Stuhl zu Boden und die alte Frau sprang auf.
      "Tessa! Du liebe Güte!"
      Wie von der Tarantel gestochen stand Tessa vor ihr, das Gesicht so bleich, als hätte sie einen Geist gesehen. Nur sehr langsam schien sie zu begreifen, dass sie hier in Judes Wagen war und sah sie schließlich an.
      "Das...das war..."
      "Ja? Ja?!"
      "Nicht was ich...erwartet habe."
      Jude sah sie ganz perplex an. Nicht, was sie erwartet hatte?! Natürlich nicht! So wie sie aufgesprungen war, hätte sie wohl kaum mit dem, was die Kugel ihr gezeigt hatte, gerechnet.
      "Ja - das sehe ich! Geht es dir gut?"
      Jude war selbst völlig aus dem Wind. Sie sah Tessa mit riesigen Augen an, während sie sich zu sammeln versuchte.
      "Tut mir leid. Ich war wohl nicht ganz bei der Sache. Vielleicht habe ich nicht die richtigen Antworten gegeben. Ich hab...", sie zögerte, "...Rosie gesehen."
      Nachdem Jude nun endlich einen Anhaltspunkt hatte, der nicht darauf deutete, dass Tessa sich gerade nicht zu Tode erschreckt hatte, entspannte sie sich langsam wieder. Es war allerdings noch nicht genug, um sich wieder hinzusetzen.
      "Okay. Schon gut. Wer ist Rosie?"
      "Rosie ist...war meine Freundin bevor ich hier her kam. Sie starb einen Tag bevor Chester mir die Wahrheit erzählt hat. Ich habe ihm erst nicht geglaubt. Es war sehr...traumatisch. Ihr Tod und das Gespräch mit Chester. Ich war so, so wütend auf ihn."
      Langsam nickte Jude. Unter solchen Aspekten war es wohl verständlich, wie Tessa auf die Kugel reagiert hatte. Man konnte schon sehr leicht vergessen, dass die Kugel nur eine Kugel war und man in Wahrheit an einem ganz anderen Ort saß.
      Angespannt seufzte Jude, dann setzte sie sich wieder. Der schöne Kuchen und der Tee waren vergessen.
      "Es ist nicht üblich, dass die Kugel einem... vergangene Personen zeigt, aber es ist nicht unmöglich. Ich dachte nicht, dass es passieren könnte. Wir haben schließlich von... auch nicht wichtig, von etwas anderem eben gesprochen. Setz dich doch wieder, Menschenskind. Du hast mir vielleicht einen Heidenschreck eingejagt."
      Sie griff zu ihrer Tasse und nahm erstmal einen großen Schluck. Tessa kam der Aufforderung nach, hob den Stuhl wieder auf und setzte sich.
      "Tut mir leid, Jude. Ich wollte dich nicht erschrecken."
      "Ich weiß doch, ich weiß. Lass uns nur froh sein, dass niemandem etwas passiert ist."
      Sie stellte die Tasse wieder ab und rieb sich die Knöchel.
      "Jetzt siehst du zumindest, warum die Kugel nicht einfach herumgegeben darf. Immer nur unter Aufsicht, das hat Chester mir aufgetragen. Und damit hat er auch recht. Manchmal zeigt sie Dinge, die... schwer zu vertragen sind."
      Bedauernd schüttelte sie den Kopf.
      "Ich kann dir auch nicht sagen, wann die Kugel etwas gutes und wann etwas schlechtes zeigt. Das kann niemand sagen, sie funktioniert einfach so, wie sie funktioniert. Geht es dir denn gut? Möchtest du noch einen Tee?"