Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • Die Anspannung fiel ein wenig von ihren Schultern ab. Chester schien sich mehr für die Menschen auf dem Bild zu interessieren, als für die seltsame Botschaft auf der Rückseite. Irgendwie hatte Tessa erwartet, dass Chester bei dem Namen Theresa wenigstens eine kleine Reaktion zeigte. Wenn er sich doch an alle auf der Fotografie so gut erinnerte, warum dann nicht an die Verfasserin der Notiz? Andererseits war sie auch erleichtert darüber dieses Thema noch für ein Weilchen umschiffen zu können. Nicht, dass sie wirklich geglaubt hatte, dass Chester es unmittelbar beim Frühstück aufgriff. An einem Ort, wo ihn jeder dabei beobachten konnte.
      "Sicher. Ich vergesse vielleicht viel, aber euch werde ich nie vergessen."
      Ja, das hatte er ihr gesagt. Trotzdem schien es ihn nicht zu berühren diesen Namen zu lesen.
      Tessa legte ein Lächeln auf, während sich alle ganz fasziniert um Chester versammelten um einen Blick auf ihre Vorgänger zu werfen.
      Sie war nicht ganz bei der Sache.
      Gedanklich hing Tessa noch auf der Tatsache fest, dass es sich um den Wagen der vorherigen Wahrsagerin handelte.
      Es machte Sinn. Die Erwähnung der Glaskugel in der herausgetrennten Seite...Tessa hatte die ganze Nacht darüber nachgedacht. Sie hatte nicht gezählt wie oft sie das alte Papier herumgedreht und von allen Seiten betrachtet hatte. Behutsam war sie mit dem Zeigefinger immer wieder über den flaumigen, roten Rand gefahren. Bis auf dieses Detail war die Seite ganz und gar unauffällig. Es fühlte sich beinahe ein wenig wie Samt an und erinnerte Tessa an die gefärbten Buchschnitte teurer und alter Bücher. Tessa ärgerte sich ein bisschen darüber, dass sie sich nicht daran erinnern konnte, ob die Tagebücher in Chesters Truhe einen ähnlichen Buchschnitt besessen hatten. Aber diese Notiz stammte auch von dieser Theresa und nicht von Chester. Es war zum verrückt werden. Egal, was in diesem Zirkus passierte, in allem versteckte sich ein Mysterium. Nichts verlief in einer einfachen, geraden Linie.
      "Hey, hast du das schon gesehen? Das kommt von deiner Namensvetterin."
      "Hm? Jaja", kicherte Tessa. "Hab ich doch gerade gesagt."
      Wenn sie so recht darüber nachdachte, war ihr der aufgeregte und strahlende Chester doch lieber, als der Chester, der sich beim Anblick des Fotos und der Botschaft an die traurigen und schlimmen Dinge erinnerte. Es tröstete Tessa etwas darüber hinweg, dass sie hinter seinem Rücken in der Vergangenheit des Zirkus Magica herumschnüffelte.
      Der Knoten in ihrem Magen löste sich langsam und endlich bekam sie auch ein paar Bisschen herunter ohne dabei das Gefühl zuhaben, dass ihr der Brocken im Hals stecken blieb. Sie leckte sich mit einem zufriedenen Brummen etwas Marmeladen vom Daumen.
      "Chester?"
      Liam sah ihn fragend an und auch erst jetzt fiel Tessa auf, dass es für einen Moment zu lang sehr still am Tisch gewesen war.
      Ihr Blick huschte zu Chesters Gesicht, dessen glückliches Strahlen sich nicht ein winziges Bisschen verändert hatte. Trotzdem wirkte seine Mimik irgendwie eingefroren. Es schien niemandem aufzufallen und es wäre auch Tessa nicht verdächtig vorgekommen, wären da nicht die wenigen vertrauten Augenblickte gewesen, in denen Chester ihr einen klitzekleinen Blick hinter die Kulissen gewährt hatte. Was seine Stille in die Länge zog...das sollte ein Rätsel bleiben.
      "Das ist ein tolles Bild, das wird Ella sicher sehr gefallen, Theresa."
      Tessa senkte die Gabel mit Rührei zurück auf ihren Teller und zog die Fotografie möglichst nicht zu hastig zu sich zurück. Sie musste Chester ein wenig zu lange, ein wenig zu eindringlich angesehen haben, weil Owl ihr einen fragenden Blick zu warf. Tessa griff nach ihrer Tasse um den eigenartigen Moment zu überspielen.
      "Hoffentlich. Ich habe dafür kopfüber in eurem alten Krempel gehangen hatte danach mehr Spinnenweben in den Haaren als in Owls Zelt wenn er mal 2 Monate nicht mehr saubergemacht hat", kicherte Tessa und bekam davon von Owl ein pikiertes Hey! zugeworfen. Kurz konnte sich Tessa einbilden, dass ihr Mentor nicht mehr sauer auf sie war, aber sie wusste, dass der Schein trügen konnte. Sie sah es in Falten auf seiner Stirn und den gestrafften Schultern.
      "Sag mal, Chester. Hast du eine Idee, wo ich noch einen Rahmen dafür finden könnte? Oder...", sagte Tessa lächelnd. "...hmm, ich könnte Jude fragen. Ihr Wagen in noch vollgestopfter mit Krimskrams als Ellas. Im Notfall kann sie vielleicht ihre komische Glaskugel benutzen um einen zu finden. Oder eine Wünschelrute. Funktionieren die Dinger eigentlich wirklich? Ansonsten verbringe ich die nächsten Tage wieder kopfüber in irgendwelchen Kisten."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Theresa nahm das Bild zurück in ihre Obhut und Chester konnte die kurze Erleichterung nicht ignorieren, die ihn dabei überkam. Er mochte Bilder - also, Bilder - als kleine Fenster in die Vergangenheit, aber ja vielleicht nicht alle. Vielleicht mochte er nur die, die ihm schöne Vergangenheiten zeigten. Gab es sowas überhaupt? Bestimmt.
      "Hoffentlich. Ich habe dafür kopfüber in eurem alten Krempel gehangen hatte danach mehr Spinnenweben in den Haaren als in Owls Zelt wenn er mal 2 Monate nicht mehr saubergemacht hat", sagte Theresa mit einem Kichern und das brachte nun wieder den ganzen Tisch zum Lachen. Ganz besonders Chester, der sich sehr wohl vorstellen konnte, wie sich die Spinnweben in den nicht häufig benutzten Ecken von Owls Zelt ansammelten. Das hieß eigentlich alle Ecken, wo keine Zielscheiben aufgebaut waren.
      Danach ging alles wieder ein bisschen besser. Das Lachen hatte Chester von dem Zwang befreit, sein Lächeln aufrecht zu erhalten, denn jetzt war es wieder echt. Er aß sein Frühstück mit einem Grinsen, während er Owl bei dem Versuch beobachtete, sich für die Spinnweben zu verteidigen.
      "Sag mal, Chester", sagte da Theresa und er sah wieder zu ihr hinüber. "Hast du eine Idee, wo ich noch einen Rahmen dafür finden könnte?"
      "Oh - ja. Gute Idee eigentlich. Ein Rahmen... huff. Wo haben wir hier denn Rahmen?"
      Hilfesuchend sah er sich nach Liam um, der ganz demonstrativ die Schultern anhob.
      "Dir gehört doch der ganze Krempel, du müsstest wissen, ob wir Rahmen haben."
      Aber auf die Schnelle fiel Chester nichts ein. Wieso sollte ein Zirkus auch Bilderrahmen haben? Bestimmt besorgte die jeder privat, wahrscheinlich hatte Chester niemals veranlasst, einen Schwung davon einzuhandeln.
      "Oder... hm", fuhr Theresa fort, "ich könnte Jude fragen."
      Jude? Chester blinzelte. Wie kam sie denn auf Jude?
      "Ihr Wagen ist noch vollgestopfter mit Krimskrams als Ellas. Im Notfall kann sie vielleicht ihre komische Glaskugel benutzen um einen zu finden. Oder eine Wünschelrute. Funktionieren die Dinger eigentlich wirklich? Ansonsten verbringe ich die nächsten Tage wieder kopfüber in irgendwelchen Kisten."
      "Ja, wahrscheinlich. Frag sie mal, das ist gut. Oder vielleicht hatte Toby noch alte Bilderrahmen? Weiß das jemand?"
      Wieder sah er zurück zu Liam, aber diesmal machte sich ein dumpfes, merkwürdiges Bauchgefühl bemerkbar. Chester blinzelte, dann sah er zurück zu Theresa, einem reinen Instinkt folgend, über den er gar nicht so richtig nachdachte. Theresa lächelte ihn ahnungslos an und neben Chester sagte Liam seine Meinung dazu, aber Chester hörte gar nicht richtig hin. Chester hatte gelernt, seinem Bauchgefühl zu folgen, und das hier, das hier war ein Bauchgefühl. Aber woher? Sein Kopf schien ihm weismachen zu wollen, dass er hier mit Theresa sprach, aber natürlich tat er das. Hatte er schon die ganze Zeit. Wieso sollte ihm das erst jetzt auffallen? Er sprach mit Theresa, mit Theresa. Und irgendetwas begleitete diesen Gedanken, ein fernes Etwas, das darauf ansprang, seine Alarmglocken läuten zu lassen. War es wegen dem Rahmen? War es wegen dem Krimskrams? Es gab in diesem Zirkus durchaus Dinge, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren und von Chester sehr penibel gehütet wurden, aber er hatte keine Sorge darum, dass Theresa sie finden könnte - auch nicht, nachdem Theresa nun von seinen Geheimgängen wusste. Was war es dann also, das ihm diese ferne Sorge bereitete, dieses Gefühl, achtsam sein zu müssen? Dieses Gefühl, dass hier bald die Stimmung sehr drastisch kippen könnte?
      "Ist sie nicht hier irgendwo? Ich glaube, ich habe sie vorhin noch gesehen", sagte Liam gerade und verrenkte sich den Hals, um über die Tische zu spähen. Chester blinzelte wieder und zwinkerte Theresa dann zu. Vielleicht würde es ihm später einfallen. Sicher war nichts schlimmes im Gange, wenn sie hier nur saßen und über Ellas Geburtstagsgeschenk sprachen.
      "Ah, da vorne ist sie."
      Liam zeigte drei Tische weiter, wo sich Jude mit einem Clown, einem Standverkäufer und einem Maskenbildner den sonst leeren Tisch teilte.
      "Wieso hängst du dich nicht an sie ran, dann kann sie dich gleich mit zum Wagen nehmen. Solange dein Vorgesetzter nichts dagegen hat."
      Owl bekundete seine Zustimmung.
      "Oder der Herr Direktor."
      "Nein nein. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst, Ellas Geburtstag muss gebührend vorbereitet werden."
      Chester lächelte Theresa an, obwohl das Gefühl immernoch nicht weg war. Komisch.
    • Während die Meisten am Tisch über ihre Worte schmunzelten, vielleicht sogar ein kleines Bisschen kicherten, weil die Vorstellung wie Tessa mit einer Wünschelrute im Zirkus auf Bilderrahmen-Suche ging, sie amüsierte, passte Chester nicht ganz in Bild. Es war nicht so, dass sein Lächeln nicht wie sonst wirkte. Chester lächelte wie immer, zwinkerte ihr zu wie immer. Trotzdem bekam Tessa das ungute Gefühl, es gerade so über sehr dünnes Eis geschafft zu haben. Vielleicht war ihre Erwähnung von Jude und der Glaskugel zu forsch gewesen und hatte ein paar Zahnräder vergessener Erinnerungen in Chesters Kopf in Gang geworfen. Etwas an seinem Blick stimmte nicht. Er blinzelte. Zu oft, wie jemand, der etwas sah und gleichzeitig in Frage stellte, ob es wirklich da war.
      "Nein, nein. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst, Ellas Geburtstag muss gebührend vorbereitet werden."
      Tessa klatschte vergnügt in die Hände. Die Aussicht auf eine weitere Schatzsuche und Kuriositätenjagd gefiel ihr. Es erinnerte Tessa ein bisschen daran, wie es war durch fremde Häuser und Wohnungen zu streifen ohne genau zu wissen, wonach man suchte und was man finden würde. Am Ende hatte es ihr nur Ärger und Kummer eingebracht, doch der Nervenkitzel ließ sich nicht von der Hand weisen. Etwas Ähnliches spürte sie, wenn sie mit Owl in die Manege ging oder versuchte das Rätsel zu lösen, das sie gerade über den Tisch hinweg anlächelte. Dabei ging es bei Chester nicht nur um den Fluch oder um die verdammte Uhr. Sie mochte es immer wieder eine neue Seite an dem Mann zu sehen, der unendliche Gesichter besaß. Zumindest wenn es sich dabei nicht um den Chester handelte, der grausam zu ihr war. Sie konnte es verkraften, wenn er laut wurde, aber die Kälte und Ignoranz, als wäre sie nichts weiter als nur ein winziges Rädchen in der Maschinerie des Fluchs, waren unglaublich schmerzhaft.
      Über die Kleinigkeit schien Tessa überglücklich zu sein. Und das war sie auch. Sie konnte Ella endlich etwas von der Freundlichkeit zurückgeben, die die alte Frau ihr in den ersten Monaten geschenkt hatte. Sie verstand, warum Ella für viele im Zirkus Magica wie eine Mutter, Großmutter oder Schwester war. Es gab einfach niemanden, der dieser liebenswürdigen Frau etwas Böses nachsagte.
      Tessa sah Chester an, als sie bereits vom Stuhl aufstand und nach ihrem Tablett griff. Chester hatte Ella aufwachsen sehen, er hatte sie praktisch großgezogen. Ganz entschieden schob die Vorstellung weg, was passieren würde, wenn Ella eines Tages…
      Sie schüttelte den Kopf.
      Mit einem beherzten Winken machte sie Jude auf sich aufmerksam, die sie anscheinend über die seltene Aufmerksamkeit des Neulings freute. Vielleicht hatte sich Jude schon Sorgen gemacht, dass sie Tessa bei ihrem letzten Besuch verschreckt hatte und wenn die ehemalige Diebin ehrlich war, ein wenig stimmte das auch.
      „Danke, Chester. Die Proben werde ich deswegen nicht vernachlässigen. Versprochen. Ich weiß, wie wichtig dir das ist“, versicherte sie und drückte im Vorbeigehen federleicht seine Schulter ehe sie zu Jude aufschloss.

      __________________________________________________

      „Danke, dass du mir hilfst.“
      Judes Wagen war noch genauso wie Tessa ihn in Erinnerung hatte. Es klimperte, klirrte und klingelte in allen Ecken sobald sie den Fuß etwas zu fest aufsetzte. Wenn sei die schreckliche Vision vergaß, war Judes kleines Reich sogar sehr gemütlich. Etwas kurios, aber heimelig. Es duftete nach Räucherwerk. Das war ihr letztes Mal gar nicht aufgefallen. Tessa war so nervös gewesen, weil das Thema tatsächlich existierender Magie ihr noch so befremdlich gewesen war. Mittlerweile kam es ihr weniger seltsam vor, dass Zauber und Flüche wirklich existierten. Sie umgaben Tessa jeden Tag seit ihrer Ankunft im Zirkus Magica.
      „Ähm, Jude?“, fragte Tessa etwas kleinlaut und sah verlegen auf ihre Schuhe. „Ich wollte mich auch noch dafür entschuldigen, dass ich dir aus dem Weg gegangen bin. Was ich da in der Kugel gesehen habe, hat mir Angst gemacht. Eigentlich weiß ich nicht mal genau, was ich da eigentlich gesehen habe. War das wirklich meine Zukunft?“
      Besagte Glaskugel konnte Tessa übrigens nirgends entdecken. Judes musste das seltene Artefakt irgendwo gesondert aufbewahren. Es machte Sinn, wenn Theresa in ihren Notizen nicht log, konnte diese Kugel viel mehr als nur in die Zukunft sehen. Sie war der Schlüssel zu…Ehrlich gesagt, hatte Tessa keine Ahnung.
      „Du hast damals gesagt, die Dinge können sich verändern. Denkst du…ich könnte es irgendwann noch einmal probieren?“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Ach, gar kein Problemchen doch", sagte Jude ganz vergnügt, als Tessa hinter ihr in den Wohnwagen kam. Sie war ganz begeistert gewesen, als Tessa auf sie zugekommen war, auch sichtlich erleichtert darüber, dass die Erfahrung mit der Wahrheitskugel die neue Frau nicht verschreckt hatte. Es machten zwar fast alle die Erfahrung mit der Kugel, aber der Zirkus war eine begrenzte Welt, in der jeder mit jedem irgendwie auskommen musste. Und Jude schien nicht die Art von Mensch zu sein, die es vertrug, sich mit anderen Leuten zu verkrachen.
      "Setz dich nur, ich räume noch ein paar Sachen beiseite. Das wollte ich nachher sowieso noch machen."
      "Ähm, Jude?", fragte Tessa zögerlich und die ältere Frau richtete sich gleich wieder auf.
      "Ja?"
      „Ich wollte mich auch noch dafür entschuldigen, dass ich dir aus dem Weg gegangen bin. Was ich da in der Kugel gesehen habe, hat mir Angst gemacht. Eigentlich weiß ich nicht mal genau, was ich da eigentlich gesehen habe. War das wirklich meine Zukunft?“
      "Oh, kein Grund zur Sorge", sagte Jude sofort, die ihre Erleichterung dennoch nicht ganz überspielen konnte. "Das verschreckt viele, was man dort zu Gesicht bekommt. Ob das aber wirklich deine Zukunft ist, das kann ich dir nicht mit Sicherheit sagen. Manche Sachen treten ein, aber manche ändern sich auch - und manche kann man nicht einmal genau deuten. Meine Vorgängerin meinte zu mir, dass man sieht, was in seinem Leben möglich wäre. Das bedeutet nicht, dass es eintreffen muss, aber das kann es. Ich persönlich glaube daran, dass die Kugel dir etwas relevantes zeigen will, das eintreffen kann. Das muss es nicht, aber vielleicht verhindert es das Geschehen, genau indem es sich dir offenbart, verstehst du?"
      Sie lächelte, noch immer ganz verzaubert von Tessas Besuch, dann gestikulierte sie zu dem Stuhl, auf dem Tessa schon beim ersten Mal gesessen hatte.
      "Nun setz dich schon, hier beißt nichts. Möchtest du einen Tee? Saft?"
      Sie drehte sich wieder um und breitete mit einer routinierten Bewegung eine Tagesdecke über ihr ordentlich gemachtes Bett aus. Sofort bekam der Wagen mehr den Eindruck von Geschäftsmäßigkeit als von Heimlichkeit.
      „Du hast damals gesagt, die Dinge können sich verändern. Denkst du…ich könnte es irgendwann noch einmal probieren?“
      "Noch einmal in die Kugel schauen, meinst du?", fragte Jude über die Schulter. "Aber natürlich. Die Kugel darf jeder benutzen - über mich natürlich, mitgeben darf ich sie dir leider nicht. Wir wollen doch nicht, dass uns dieses schöne Artefakt verloren geht, oder?"
      Sie lächelte Tessa an, dann beugte sie sich zu der Kommode neben ihrem Bett und holte die Kugel aus einer Schublade hervor, aus der sie sie schon beim ersten Mal geholt hatte. Ohne großes Aufsehen stellte sie sie auf den Tisch und wiederholte die Routine vom letzten Mal: Die Kerzen, die zugezogenen Vorhänge.
      "Du zweifelst aber nicht noch immer daran, ob es in unserem schönen Zirkus Magie gibt, oder?", fragte sie und kicherte daraufhin gleich. Dann stellte sie ihnen zwei Tassen auf den Tisch und ließ sich auf dem Stuhl gegenüber von Tessa nieder. Fordernd streckte sie ihre Hände aus und Tessa legte ihre obendrauf.
      "Erinnerst du dich noch an die drei Fragen? Du musst alle wahrheitsgemäß beantworten, sonst funktioniert es nicht richtig. Bereit? Glaubst du an das Schicksal? Wonach verlangt es dir in deinem Leben? Was ist der Sinn deines Lebens?"
      Tessa beantwortete sie und Jude lächelte aufmunternd. Die Atmosphäre war um einiges entspannter wie beim ersten Mal, jetzt da alle sich darüber einig waren, dass durchaus Magie mit ihm Spiel war.
      "Jetzt schaust du in die Kugel und nicht mehr weg."
      Sie legte Tessa die Hände auf die Kugel.
      "Nicht wegschauen, lass es einfach zu und warte ab. Sieh in den Nebel und sieh in dich selbst, die Kugel ist, was dein ist, und dein ist, was die Kugel ist. Vide in nihilum - nihil videt in te."
      Jude legte ihre Hände über Tessas und damit besiegelte sie die Aktivierung des Artefakts.
    • Tessa konnte einfach nicht anders. Das Lächeln breitete sich von ganz allein auf ihrem Gesicht aus. Judes herzliche Art zauberte die bedrückte Stimmung, die bis zu diesem Augenblick durch ein schlechtes Gewissen verspürt hatte, einfach weg.
      "...Meine Vorgängerin meinte zu mir, dass man sieht, was in seinem Leben möglich wäre. Das bedeutet nicht, dass es eintreffen muss, aber das kann es. Ich persönlich glaube daran, dass die Kugel dir etwas relevantes zeigen will, das eintreffen kann. Das muss es nicht, aber vielleicht verhindert es das Geschehen, genau indem es sich dir offenbart, verstehst du?"
      "Hmhm," murmelte Tessa. "...ich denke schon. Wie eine Warnung?"
      Sichtlich erleichtert ließ sich Tessa auf den angebotenen Stuhl sinken und lauschte der Wahrsagerin, die gerade noch ein wenig Ordnung in ihre Habseligkeiten brachte. Die Unordnung störte die Diebin nicht. Irgendwie war es sogar ganz gemütlich. Sie kam sich dann mit ihrem eigenen chaotischen Leben nicht ganz so deplaziert vor. Sie ließ sich Judes Worte noch einmal durch den Kopf gehen und fuhr dabei mit den Fingerspitzen genau über die Stelle an ihrem Pullover, unter der sich der Schlüssel an seiner Kette abzeichnete. Damals hatte die Wahrsagerin sie nach dem Schlüssel gefragt und Tessa fiel auf, dass sie sich nie Gedanken darum gemacht hatte, ob Jude tatsächlich dieselbe Vision gesehen hatte, während Tessa die Horrorvorstellung der Glaskugel verfolgt hatte. Vielleicht sollte sie aufhören den Schlüssel leichtfertig zu benutzen.
      "Nun setz dich schon, hier beißt nichts. Möchtest du einen Tee? Saft?"
      "Tee, bitte", antwortete Tessa lächelnd.
      "Noch einmal in die Kugel schauen, meinst du? Aber natürlich. Die Kugel darf jeder benutzen - über mich natürlich, mitgeben darf ich sie dir leider nicht. Wir wollen doch nicht, dass uns dieses schöne Artefakt verloren geht, oder?"
      Tessa legte die kühlen Finger gegen ihre Lippen und lachte leise.
      "Das würde ich Chester nun wirklich nicht erklären wollen", gluckste sie. "Als ehemalige Diebin hätte ich da bestimmt auch ganz schlechte Karten."
      Demonstrativ wackelte sie mit ihren Fingern.
      'Verdammte Langfinger...' echoete es in ihren Gedanken.
      Der Duft des Tees war genauso intensiv wie die Duftnoten der Räucherstäbchen, aber er beruhigte sie ungemein. Ihre eiskalten Finger fühlten sich endlich wieder warm an, nachdem sie sie sich ganz nervös in ihrem Schoß geknetet hatte, wenn sie an ihre Frage dachte. Eigentlich wusste Tessa gar nicht, ob sie das wirklich wollte. Noch einmal in die Kugel sehen, die nun wieder ganz präsent vor ihr auf dem Tisch lag.
      "Du zweifelst aber nicht noch immer daran, ob es in unserem schönen Zirkus Magie gibt, oder?", fragte Jude.
      Tessa schüttelte den Kopf.
      Nicht ganz so zurückhaltend wie beim ersten Mal legte sie ihre Hände in Judes.
      "Nach der beeindruckenden Vorstellung, die Chester mit der Taschenuhr abgezogen hat? Nein. Wenn es im Zirkus Magica eines gibt, dann sind es Magie und Geheimnisse", sagte sie sanft.
      "Erinnerst du dich noch an die drei Fragen? Du musst alle wahrheitsgemäß beantworten, sonst funktioniert es nicht richtig. Bereit? Glaubst du an das Schicksal? Wonach verlangt es dir in deinem Leben? Was ist der Sinn deines Lebens?"
      Wieder nickte Tessa.
      Glaubst du an das Schicksal?
      "Ja."
      Wonach verlangt es dir in deinem Leben?
      "Die Wahrheit."
      Was ist der Sinn deines Lebens?
      "Ich weiß es nicht."
      Der Sog des Nebels fühlte sich an wie ein alter Vertrauter. Weniger nervös fühlte sich die Magie der Kugel gar nicht bedrohlich an. Es war ein sanftes Flüstern, ein Ruf der Tessa lockte. Noch während Judes ihre Formel wiesperte, begann der Nebel seine Bewegungslosigkeit hinter sich zu lassen. Er begann, kleine Kreise zu ziehen und lichtete sich endgültig als Judes ihre Hände auf Tessas legte.
      Es war wie beim letzten Mal. Die Kugel schickte Tessas Geist an einen anderen, fremden Ort.

      Sie fühlte ein Kribbeln in ihrem Bauch. Fingerspitzen wanderten federleicht über ihre nackten Oberarme und obwohl Tessa erwartete zu frösteln, bildete sich die Gänsehaut aus einem ganz anderen Grund. Der Winter war lange vorbei und obwohl die späten Abendstunden bereits angebrochen waren, war es immernoch angenehm warm. Vom Ende der kleinen Gasse her drang beschwingte Musik und wenn sie genau hinsah, erkannte sie die wirbelnden Schatten tanzender Menschen. Irgendwo musste ein Feuer brennen. Es roch nach frischem Holz, gegrilltem Fleisch und süßem Honig. Ein Fest, aber sie kannte den Ort nicht. Die Häuser, die sie umgaben waren kleiner, gemütlicher und ragten nicht so hoch in den Himmel wie in der Stadt. Als sie an sich herabsah, erkannte Tessa, dass sie ein Kleid trug. Ein schlichtes Kleid mit einem Blütenmuster in zarten Pastelltönen. Sie trug nie Kleider, aber das hier war eben ein ganz besonderer Tag. Ein Finger hakte sich unter den dünnen Träger des Kleides und schob ihn leicht zur Seite. Warmer Atem kitzelte auf ihrer entblößten Schulter, wanderte bis zu ihrem Hals. Tessas Finger gruben sich in den dünnen, teuren Seidenstoff eines Hemdes. Ein Seufzen verließ ihre Lippen...


      Kaum schlug Tessa die Augen auf, wusste sie, dass ihre Wangen glühten.
      Was bitte war das gewesen? Hatte sie etwa wirklich geseufzt? Hier und jetzt? Dieses Seufzen? Vor Jude?
      Tessa blinzelte ein paar Mal ehe sie tief Luft holte, die Hände vorsichtig unter Judes hervor zog und sich über die Wangen rieb. Das Schlimme war, dass sie das Kribbeln noch immer auf ihrer Haut spüren konnte. Ganz vorsichtig sah sie über ihre Finger hinweg zu Jude. Ja, entweder hatte sie alles mitverfolgt oder Tessa hatte wirklich dieses...Geräusch gemacht.
      "Also das...das war irgendwie, ähm, anders", druckste Tessa herum und widerstand dem Drang ihren Hals zu berühren oder sich über die Oberarme zu fahren. "Und auch genau wie beim ersten Mal. Ich war gleichzeitig dort und...hier."
      Sie wusste nicht warum, aber plötzlich musste Tessa lächeln.
      Das eigenartige, flaue Gefühl in ihrem Bauch fühlte sich gar nicht so schlecht an.
      "Das war...gar nicht so schlimm."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Als Tessa die Augen aufschlug, trug Jude ein amüsiertes Funkeln in den Augen. Es erreichte zwar nicht ihre Lippen, aber sie schien kurz davor, doch zu lächeln, als Tessas Gesichtsfarbe nur noch prominenter wurde. Sie hielt sich allerdings zurück mit der Kontrolle einer Frau, die sicher schon viele peinliche Augenblicke erlebt hatte, wenn jemand die Kugel nutzte.
      Zögernd trennte Tessa sich von ihr und Jude nahm sich ihre Teetasse, um ihr langsam durchbrechendes Schmunzeln dahinter zu verstecken. Das schien Tessa dafür nur noch mehr aufzufallen.
      "Also das...das war irgendwie, ähm, anders. Und auch genau wie beim ersten Mal. Ich war gleichzeitig dort und...hier."
      "Mhhh-hm", machte Jude und nahm einen kleinen Schluck. Tessa fing an zu lächeln, plötzlich selbst davon angesteckt, was auch immer sie gesehen hatte. Jude war sich sicher, dass es eine schöne Sache gewesen sein musste.
      "Das war...gar nicht so schlimm."
      "Das möchte ich aber glauben. Letztes Mal warst du steif wie ein Brett, jetzt dachte ich schon fast, du würdest in der Kugel verschwinden und nie wieder auftauchen."
      Sie kicherte kurz, dann stellte sie ihre Tasse doch wieder ab und lehnte sich nach vorne. Mit gesenkter Stimme, als würden sie beide gleich ein Geheimnis teilen, sagte sie:
      "Weißt du, manchmal, da gibt dir die Kugel vielleicht auch einen Hinweis darauf, wie du ganz sicher erreichen kannst, was du siehst. Das möchte ich jedenfalls glauben, denn manchmal gibt es Orte und Geschehnisse, die sind einfach unverwechselbar. Du musst nur... aufmerksam sein."
      Jetzt grinste sie, was sie gleich wieder zehn Jahre jünger aussehen ließ, und lehnte sich wieder zurück. Die Hände schloss sie um ihre Tasse.
      "Wirst du mir erzählen, wer der glückliche ist? Ich werde es auch nicht weitersagen, versprochen. Das ist ein Geheimnis, das unter uns bleibt."
    • "Hm...", grübelte Tessa und nickte zögerlich.
      Wenn die Glaskugel ihr einen möglichen Ausblick in die Zukunft gewährte, bedeutete die neuste Vision der Kugel, dass sie den Zirkus eines Tages verließ. Der Gedanke löste gemischte Gefühle in der Diebin aus. Weder die Musik noch die Häuser kamen ihr bekannt vor. Es musste ein Ort sein, an dem sie noch nie gewesen war. Etwas, das tatsächlich Sinn ergab. Ein Zirkus blieb nie lange an ein und demselben Ort. Nun ja, bis auf die Winterpause, die der Zirkus Magica bald hinter sich hatte. Die andere Seite der Medaille war, dass sie dem Zirkus gar nicht entkommen musste, um an diesen unbekannten Ort zu gelangen. Sie wusste, dass einige Personen aus dem Zirkus über eine größere Bewegungsfreiheit verfügten. Tessa hatte nur noch nicht herausgefunden, welchen Bedingungen diese Spaziergänge unterlagen. Brauchten sie Chesters Erlaubnis? war es eine Frage des Trainings?
      Tessa rieb sich mit dem Handballen über die Stirn, als bereitete ihr die Grübelei auch noch Kopfschmerzen. Anstatt ihr eine Frage zu beantworten, hatte der Blick in die Glaskugel nur noch mehr Fragen aufgeworfen. Mittlerweile trug Tessa einen beindruckenden Haufen fehlender Antworten mit sich herum. Jedes Mal, wenn sie glaubte, der Antwort ein Stückchen näher zu kommen, öffneten sich dutzende neue ungeklärte Fragen. Es war zum verrückt werden. Vielleicht stellten deshalb nur noch wenige Angestellte überhaupt Fragen. Es schien ganz und gar aussichtslos.
      "Wirst du mir erzählen, wer der Glückliche ist? Ich werde es auch nicht weitersagen, versprochen. Das ist ein Geheimnis, das unter uns bleibt", fragte Jude. Das Grinsen auf ihrem Gesicht sprach Bände.
      "Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen", murmelte Tessa und rutschte ein wenig unbehaglich auf dem Stuhl herum. "Aber es hat sich vertraut angefühlt, als müsste ich ihn kennen. Er war größer als ich."
      Tessa zuckte mit den Achseln. Das traf so gut wie auf jeden Mann zu, dem sie in ihrem Leben bisher begegnet war. Also, eine Sackgasse. Sie seufzte leise und nippte an ihrem Tee. Der heimelige Geruch der Teemischung beruhigte Tessa und ihre rasenden Gedanken.
      "Ehrlich gesagt, wüsste ich schon gerne, wer das war...", nuschelte sie hinter dem Rand ihrer Tasse.
      Ihr Kopf wollte einfach nicht aufhören zu glühen und es wurde noch schlimmer, als ihre Gedanken zu Chester abschweiften.
      Stopp.
      "Ähm, Jude?"
      Sie hatte beinahe ganz vergessen, weswegen sie eigentlich hier war. Naja, weswegen sie vorgegeben hatte, in den Wagen von Jude zu wollen. Jetzt wusste sie haargenau, wo die Kugel sich befand. Sollte die Magie der Glaskugel aber an Jude gebunden sein, eröffnete sich gerade ein ganz neues Problem. Was hatte Theresa geschrieben? Sie hatte es mit Gegenständen probiert? Wie sollte sie das anstellen, ohne dass Jude etwas davon mitbekam? Sie würde sich etwas einfallen lassen. Mittlerweile hatte sie das Gefühl ein ganz furchtbarer Mensch zu sein. Die Gutmütigkeit der Wahrsagerin auszunutzen, krönte für heute den Gipfel ihres schlechten Gewissens.
      "Kann ich dich noch etwas fragen?"
      Als die alte Frau nickte, sprach sich Tessa still Mut zu.
      "Kannst du noch schauen, ob du nicht doch noch irgendwo einen Bilderrahmen versteckt hast? Chester und Liam waren mir keine großen Hilfe und Ella kann ich nicht fragen. Es ist doch für ihren Geburtstag", sagte sie. "Ich habe dieses Bild von ihr im Lager gefunden. Hier."
      Sie zuckte die Fotografie aus ihrer Jackentasche und schob sie Jude herüber.
      "In der Größe?"
      Die nächste Frage stellte sie, bevor sie es sich noch anders überlegen konnte.
      "Sag mal, weißt du etwas über diese Theresa? Von der Widmung? Ich...bin schon ein paar Mal über diesen Namen gestolpert. Witziger Zufall, dass schon einmal eine Theresa hier gelebt hat, oder? Eigentlich weiß ich noch so wenig über den Zirkus Magica, obwohl ich schon seit Monaten hier bin."
      Das war immerhin nicht ganz gelogen und wie Liam bereits sagte: Chester war nicht immer die zuverlässigste Quelle.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Jude schmunzelte wieder, dann legte sie einen dürren Finger an ihr Kinn und tippte in gespielter Nachdenklichkeit dagegen.
      "Also ein Mann, der größer ist als du und der sich vertraut anfühlt. Da würden mir auf die Schnelle sogar ein paar Männer einfallen. Gibt es hier im Zirkus überhaupt einen Mann, der kleiner ist als du?"
      Sie betrachtete sie lächelnd über ihre Tasse hinweg.
      "Ich glaube ja nicht. Das macht die Suche ein bisschen schwierig, wenn du mich fragst. Sogar ziemlich schwierig."
      "Ehrlich gesagt, wüsste ich schon gerne, wer das war...", murmelte Tessa in ihre Tasse hinein und Jude kicherte angeregt. Gute Visionen waren immernoch die besten Erlebnisse. Viel besser als zu sehen zu bekommen, wie es einem geliebten Menschen schlecht ging oder etwa einem selbst, eine Tatsache, die häufiger vorkam, als man glauben mochte. Doch Jude bekam es immer mit, schließlich funktionierte die Kugel nur mit ihr.
      "Ähm, Jude?"
      "Ja?"
      "Kann ich dich noch etwas fragen?"
      "Aber natürlich", sagte Jude fröhlich.
      "Kannst du noch schauen, ob du nicht doch noch irgendwo einen Bilderrahmen versteckt hast? Chester und Liam waren mir keine großen Hilfe und Ella kann ich nicht fragen. Es ist doch für ihren Geburtstag. Ich habe dieses Bild von ihr im Lager gefunden. Hier."
      "Ein Bild? Da bin ich aber gespannt. Von denen gibt's hier nicht so viele, denke ich."
      Neugierig lehnte sie sich vor, dann nahm sie die Fotografie entgegen, die Tessa ihr überreichte. Judes Augen wurden voller Wunder ein Stück größer und sie betrachtete es voller unverhohlener Neugier.
      "Wie hübsch! Da ist Chester. Ja, natürlich, wieso auch nicht. Und wo ist Ella? Welche davon ist Ella?"
      Sie ließ sich von Tessa zeigen, dass Ella nicht etwa eine der erwachsenen Frauen waren, sondern das Mädchen, das breit grinsend auf Chesters Schultern saß. Da lachte Jude auf ihre eigene, sehr gewöhnungsbedürftige Art.
      "Das ist sie, ja wirklich! Ich kann das gar nicht glauben. So ein tolles Bild; ein ganzes Leben vorbeigezogen und doch ist Ella immernoch hier. Das wird ihr sicher gefallen, der Zirkus war immerhin ihr Leben. Wortwörtlich. Sie war hier gar nicht wegzudenken, auch wenn sie nie so angestellt wurde wie wir. Hat sie dir das erzählt? Sie hat es immer abgelehnt, sich von der Uhr binden zu lassen, aber sie ist geblieben. So ein tolles Bild, wirklich."
      Sie stand auf und sah sich in ihrem Wagen um. Bei Liam standen größtenteils Ordner und Bücher in den Regalen, bei Jude standen Kuriositäten und Kleinkram herum, was auch immer sie angesammelt hatte. Alles, um das Mysterium der Wahrsagerei für die Besucher aufrecht zu erhalten.
      "Ein Bilderrahmen, ja... hm... lass mich hier mal schauen, so groß ist es ja nicht. Ich finde schon was."
      "Sag mal", sagte Tessa vorsichtig, während Jude sich herunterbeugte, um eine Kiste aus einem Regalfach zu ziehen. Sie begann, darin herumzuwühlen.
      "Weißt du etwas über diese Theresa? Von der Widmung? Ich...bin schon ein paar Mal über diesen Namen gestolpert. Witziger Zufall, dass schon einmal eine Theresa hier gelebt hat, oder? Eigentlich weiß ich noch so wenig über den Zirkus Magica, obwohl ich schon seit Monaten hier bin."
      "Das ist aber ein wirklicher Zufall", gluckste Jude. "Bei all den Leuten, die hier ständig kommen. Ich habe sie nicht mehr kennengelernt, aber die Leute hier erzählen sich, dass sie mal den Zirkus geleitet haben soll. Was Unsinn ist, wenn du mich fragst. Als ob Chester jemals jemandem den ganzen Zirkus überlassen sollte, dafür liebt er ihn doch viel zu sehr."
      Sie wurde in ihrer jetzigen Kiste nicht fündig, schob sie zurück und zog die nächste heraus.
      "Aber ob mir sonst noch was einfällt... Ich weiß, dass sie früh gestorben ist, also relativ früh. In Ellas Alter ist sie nicht mehr gekommen, obwohl Chester hier doch sichergeht, dass es allen gut geht und alle medizinisch versorgt werden. Aber alles kann er auch nicht verhindern."
      Sie verharrte einen Moment, als sie betroffen sagte:
      "Wie Toby. Wie traurig das doch war. Gott hat ihm bestimmt verziehen und in den Himmel gelassen, er muss einfach. Es war ja nicht Tobys Schuld. Chesters auch nicht, aber Tobys eben auch nicht."
      Dann wühlte sie wieder weiter und fuhr neutraler fort.
      "Aber von Theresa weiß ich sonst nichts. Lass mich mal nachdenken; wenn sie hier einen speziellen Posten gehabt hätte, dann hätte sie auch eine Nachfolgerin gehabt. So wie ich - und auch du, schätze ich mal. Du wirst auch von Owl angelernt, so wie ich meine Wahrsagerei auch von meiner Vorgängerin gelernt habe. Und so viele besondere Posten gibt es nicht, besonders nicht für Frauen. Die Feuerspucker waren schon ganz lange Männer, die Messerwerfer auch, Clowns sind eigentlich fast immer nur Männer, auch die meisten Verkäufer an den Ständen sind Männer... Vielleicht war sie Akrobatin oder Musikerin, aber das kann dir sicher jemand anderes sagen. Und ansonsten... oh, weißt du, da fällt mir ein..."
      Sie stand auf, drehte sich um, dann sah sie Tessa an und stemmte die Hände in die Hüften.
      "Jetzt, wo ich so drüber nachdenke, fällt mir auf, dass wir gar keinen Bühnenaufseher hier haben. Das macht Chester immer selbst, aber er ist doch eigentlich nicht der Typ dafür, der solche Aufgaben langfristig selbst übernimmt. Vielleicht war deine Theresa ja Bühnenaufseherin, das würde wenigstens erklären, wieso jeder nur Gerüchte über ihre Direktorschaft verbreitet, ohne wirklich behaupten zu können, dass man jemanden kennt, der jemanden kennt, der sie gekannt hat. Verstehst du? - Oh, jetzt fällt es mir ein! Natürlich habe ich einen Rahmen!"
      Belebt ging sie zu ihrem Bett, kniete sich darauf und fing an, in der Nische zwischen Bett und Wand zu angeln. Schließlich zog sie aber triumphierend einen Holzrahmen heraus.
      "Wusste ich es doch! Er ist ein bisschen zu groß, fürchte ich, aber es sollte schon passen. Hier, sieh mal ob du das Bild dort rein kriegst."
    • Tessa nickte zurückhaltend.
      "Ja, sie hat es einmal erwähnt. Ich habe mich immer gefragt, warum Chester sie nie weggeschickt hat. Also, ich bin froh, dass Ella hier ist, aber...Wir alle erfüllen einen Zweck für Chester und die Uhr. Wir, ähm, füttern sie. Die Taschenuhr. Andererseits er hat Ella buchstäblich großgezogen. Es ist mir immer schwer gefallen, mir das vorzustellen, weil Chester immer noch jung aussieht und Ella...weißt du, sie könnte mittlerweile seine Mutter oder seine Großmutter sein. Aber hier im Zirkus ist wohl alles ein wenig anders."
      Ein vorsichtiges Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Der Zirkus Magica machte wohl in allen Bereichen seinem Namen alle Ehre. Es war alles mit einem wenig Magie behaftet und nichts, manchmal vielleicht auf den ersten Blick, war wirklich normal. Die vielen Besucher mochten es nicht wissen, aber sie spürten es bestimmt. Das war es, was die Menschen herlockte. Es war der Hauch des Unmöglichen, ein kurzer Besuch in einer anderen Welt. Tessa verstand, warum Chester und viele der Bewohner des Zirkus diesen Ort liebten und als ihre Heimat betrachteten. Gleichzeitig hatte ihr Toby auch vor Augen geführt, dass selbst die hübscheste Illusion die Realität nicht ersetzen konnte. Der Mensch brauchte mehr als das und Toby war daran zerbrochen. Ella war trotzdem geblieben, obwohl sie nicht musste. Sie musste etwas an diesem Ort gesehen haben, für das es sich lohnte, hinter dem Schleier zu bleiben. Das gab Tessa Hoffnung.
      "Hm, Toby...hat dasselbe erzählt", murmelte Tessa.
      Ja, sie konnte sich noch gut an ihr erstes, richtiges Gespräch im Kantinenzelt erinnern. Es fühlte sich so unendlich weit weg an.
      Auf die Nachfrage, ob Jude wüsste, wie Theresa gestorben war, schüttelte die Wahrsagerin nur den Kopf. Die Frau blieb ein weiteres Mysterium des Zirkus, aber Tessa spürte, dass sie ihr näher kam.
      Da zog Jude triumphierend einen Bilderrahmen hervor, während Tessa noch versuchte die neuen Informationen zu verarbeiten. Es waren winzige Bröckchen, kleine Teile eines Puzzles und doch wollte nichts so recht zusammenpassen. Sie ließ sich einen Moment von dem erfolgreichen Fund ablenken und versuchte auch gleich, das Foto vorsichtig in den Rahmen zu schieben. Tatsächlich. Es passte alles wie angegossen.
      "Der ist perfekt. Danke, Jude. Ich kann es kaum erwarten Ella das Bild zu zeigen."
      Jetzt strahlte Tessa übers ganze Gesicht.
      Während Jude die angerichtete Unordnung noch etwas richtete, fiel Tessa noch eine Frage ein. Etwas wirklich Wichtiges und doch sah sie etwas verlegen aus, als sie die Wahrsagerin mit schief gelegtem Kopf ansah.
      "Jude? Was ist eine Bühnenaufseherin?"


      Die Tage vergingen wie im Flug.
      Endlich rückte Ellas Geburtstag näher und die Geheimniskrämerei schien die alte Dame sehr zu amüsieren. Obwohl sie immer wieder betonte, dass es niemand übertreiben sollte, weil es schließlich nicht ihr letzter Geburtstag sein würde, spielte sie kichernd mit. Wenn Ella lachte, sah Tessa nun das kleine Mädchen auf dem Bild. Einmal erwischte sie die Kartenverkäuferin dabei, wie sie mit viel zu viel Dramatik die Hände vor die Augen schlug, als Owl mit einer abgedeckten Kiste ganz schnell an ihr vorbeihuschte. Der Mann hatte so ertappt ausgesehen, dass Ella beinahe vor Lachen aus ihrem Schaukelstuhl gefallen wäre, den ein paar Artisten an einem schönen und milden Tag nach draußen gestellt hatte, damit Ella etwas von dem Trubel des Zirkus mitbekam. Der Winter hatte ihr zu schaffen gemacht, aber nun bestand sie darauf, dass frische Luft die beste Medizin war.
      Am Tag von Ellas Geburtstag hatte Chester allen freigegeben. Sie hatten die Tische und Bänke aus dem Kantinenzelt nach draußen zu Ellas Wagen geholt. Die Sonne schien und es war ein wenig wärmer geworden. Der Frühling war nun eindeutig auch im Zirkus Magica angekommen. Ein paar Bühnenbildnerinnen hatten alle mit Frühlingsblumen und in den pastelligen Farben geschmückt, die Ella so liebte. Von den Tischdecken bis hin zu den Girlanden, die zwischen den Zelten gespannt waren, erstrahlte alles in zarten Rosa-, Grün- und Gelbtönen. Irgendjemand hatte sich die wahnsinnige Mühe gemacht, kleine Blümchen in den Saum der Tischdecken zu sticken. In alle. Tessa hatte geholfen frische Schnittblumen in den Vasen auf den Tischen zu verteilen. Überall wurde gelacht und gescherzt. Es gab kaum jemanden, der sich der Stimmung entziehen konnte, selbst die mürrischsten Zeitgenossen unter ihnen packten mit an. Tessa begriff wie sehr alle im Zirkus die alten Kartenverkäuferin mochten.
      Alle Mahlzeiten an diesem Tag wurden rund um Ellas Wagen verspeist. Das Frühstück, das Mittagessen und am Nachmittag die süßesten Leckereien, die der Koch je gezaubert hatte.
      Mittlerweile dämmerte es. Die Tische waren nach dem Abendessen ein wenig beiseite geschoben worden um Platz für eine große Schale aus Gusseisen zu machen, die Owl und Roy mit vereinten Kräften und Hilfe auf den kleinen Vorplatz vor Ellas Wagen gerollt hatten. Der Feuerspucker ließ es sich nicht nehmen, aus dem Anzünden der Feuerschale eine kleine Show zu machen. Der Aufwand hatte sich definitiv gelohnt, denn Ella klatschte ganz begeistert in die Hände.
      Endlich war es auch Zeit für die Geschenke.
      Ella konnte sich kaum von der großen Kiste lösen, aus der sie eine Erinnerung nach der anderen zog und manchmal gab sie auch eine kleine Geschichte dazu preis. Da war zum Beispiel eine weiche, gestrickte Decke. Sie war gerade groß genug für ein Kind und als Ella sich die Decke über den Schoß legte, erzählte sie von Chester, der sich wie ein aufgescheuchtes Huhn benommen hatte, als sie das erste Mal krank geworden war. Es war ein Schnupfen gewesen, nicht mehr, doch er hatte sie in so viele Decken gepackt, dass sie von der Wärme und nicht von einem Fieber geschwitzt hatte. Niemand im Zirkus hatte Ahnung davon gehabt, wie man sich um ein krankes Kind kümmerte. Während sie davon erzählte, lag die ganze Zeit ein liebevolles Lächeln auf ihren Lippen.
      Beim Anblick des Fotos, das Tessa ihr überreichte, strich sie sich mit dem Zeigefinger schnell eine Träne aus dem Augenwinkel. Sie lachte, nahm das neuste Mitglied ihrer großen Familie in den Arm und schüttelte scherzhaft den Kopf.
      "Nie und nimmer!", gluckste sie. "Das Mädchen ist viel zu hübsch. Das bin doch nicht ich! Und sieh dir an, wie fröhlich alle aussehen! Aber das war auch bevor ich älter wurde. In meiner Jugend hatten sie mit mir alle Hände voll zu tun. Ihr glaubt mir nicht? Oh ich war ein richtiger Wildfang!"
      Ella zwinkerte allen zu.
      Ein paar hatten vielleicht das letzte Echo davon noch mitbekommen, aber die meisten hatten Ella als Erwachsene kennengelernt. Als hübsche, junge Frau, die beim Kartenverkauf auch manchem männlichen Gast wohl den Kopf verdreht hatte. Sehr zum Ärger der meisten Ehefrauen. Bei manchen Geschichten, während es um sie herum immer dunkler wurde, hatte Tessa das Gefühl ihre Ohren glühten.
      Es war bereits dunkel, als das Orchester des Zirkus, den Abend mit Musik begleitete.
      Tessa saß auf einer Bank und nippte an einer Tasse heißen Kakao. Wenn es dunkel wurde, war es doch recht kühl und die süße Flüssigkeit wärmte von innen. Im Augenwinkel sah sie, wie Owl und Roy sich heimlich etwas in ihre Tassen kippten. Der Flachmann verschwand ganz flink wieder in Owls Brusttasche. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie einen Hauch von Rum riechen würde, wenn sie ihre Nase über die dampfenden Tassen hielt. Malia schenkte beiden einen tadelnden Blick und ging mit erhobenen Kinn an ihnen vorbei. Tessa verzog leicht das Gesicht. Sie hatte Owl wohl noch nicht verziehen.
      Jubel und Pfeifen zog ihr Aufmerksamkeit zurück zum Feuer, wo sich ein paar der Artisten die Chance auf ein Tänzchen nicht nehmen ließen. Sie wirbelten um das Lagerfeuer herum, lachten und stimmten mit Gesang in die Melodie der Musikanten mit ein. Tessa sah zu Ella herüber, die zufrieden an einem kleinen Likörgläschen nippte und den Teddybär, frisch gewaschen und sauber mit einem neuen Knopfauge, in ihren Schoß gesetzt hatte. Die alte Dame wippte zum Takt mit dem Fuß.
      Sie sah glücklich aus inmitten der größten Familie, die ein Mensch wohl je besessen hatte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Zu Ellas Geburtstag kam der halbe Zirkus zusammen.
      Es war wärmer als die vergangenen Tage und die Sonne bestrahlte die freigeräumte Fläche großzügig, wo sie Bänke und Tische herausgebracht hatten, um sich ein Festmahl nach dem anderen schmecken zu lassen. Chester hatte keine Kosten und Mühen gescheut, Ella einen derart fantastischen Geburtstag zu organisieren, dass er all die vorangegangenen Geburtstage auch noch überschattete. Sie hatte sich das alles reglich verdient! Und wenn er dafür ein paar Tage lang winzige Blumen und Tischdecken sah, wenn er die Augen schloss, war ihm das ein Opfer, das er nur allzu bereitwillig einging. Ella hatte Geburtstag und sollte in keinster Weise zu kurz kommen!
      Über den Tag verteilt herrschte ein reger Trubel um Ellas Wagen herum von all den Leuten, die vorbeikamen um ihr zu gratulieren und dann vielleicht auch noch eine Stunde sitzen blieben. Es war ein freier Tag - das sollte es auch sein beim zweitältesten Mitglied des Zirkusses - und so herrschte überall ausgelassene Stimmung. Ella konnte sich kaum retten vor Geschenken und Glückwünschen.
      Gegen Abend hin wurden die Tische dann beiseite geräumt, um Platz für Feierlichkeiten zu lassen. Roy lieferte ihnen eine herausragende Feuershow, über die auch all jene staunen mussten, die ihn schon hundertmal in der Manege gesehen hatten. Und während Ella die Geschenke auspackte, musste Chester sich davon demütigen lassen, die junge, kleine Ella vor Sorge völlig überfordert zu haben. Als ob! Sie hatte ausgesehen, als würde sie sterben, was sonst hätte er tun können!! Aber alle fanden es lustig und besonders Ella kicherte immernoch darüber, da musste auch Chester lachen. Ein Kind im Zirkus zu haben war wirklich eine Seltenheit, die er so nicht oft erlebt hatte.
      Das Foto von Tessa war ein wahrer Erfolg. Ella lachte und nahm die junge Frau in die Arme, während sie abzustreiten versuchte, dass das strahlende Mädchen wirklich sie selbst war.
      "Und was für ein Wildfang sie war", sagte Chester und grinste dabei über beide Ohren. "Die Männer haben nur auf sie geschaut, wenn sie in der Manege war. Nur auf sie! Das Zelt hätte in Flammen aufgehen können und es wäre ihnen egal gewesen!"
      Alle lachten und keiner konnte sich das vorstellen. Man sah Ella nun als Kind und als alte Frau, aber dazwischen, das entzog sich trotzdem der Vorstellungskraft. Bis auf die von Chester, der sich prächtig darüber informierte.
      Mit dem letzten Sonnenlicht trat das Orchester auf dem Plan und spielte eine lebendige, fröhliche Musik, zu der sich die Versammelten zusammenrotteten, um dazu zu tanzen. Mehr als einmal musste Ella ein Happy Birthday über sich ergehen lassen, das alle laut genug sangen, um sogar die Musik zu übertönen. Dabei ließ sie sich aber wohl mehr die Show gefallen als alles andere.
      Chester war selbst unter den Tanzenden - wo denn auch sonst! Er tanzte sich lachend von Gruppe zu Gruppe, schnappte sich einen aus dem Takt fallenden Neil und danach eine vor Begeisterung kreischende Yasmin, die den Kopf zurückwarf, um ihr Haar fliegen zu lassen. Um ihn herum bewegten sich die Gruppen zusammen und wieder auseinander und Chester tanzte in Richtung Ella, wobei er eine beträchtliche Weile für einen solch kurzen Weg brauchte, ehe er es zu ihr geschafft hatte und ihre Hände ergriff.
      "Komm du kleiner Racker und tanz! Einen Geburtstag hat man nicht jedes Jahr! - Ups, doch, aber nur ein Mal."
      Er grinste, machte aber keine großen Anstalten sie von ihrem Stuhl zu ziehen. Dafür sah sie dort viel zu gemütlich und zufrieden aus. Stattdessen bewegte er ihre Arme ein bisschen im Takt mit.
      "Damals warst du so eine gute Tänzerin! Weißt du noch? Wir mussten die Männer mit Händen und Füßen fernhalten, damit sie dich nicht überrennen!"
      Er lachte noch einmal, dann verweilte er kurz, um Ella einen dicken Kuss erst auf die Hand, dann auf die Wange zu setzen.
      "Du wunderschöne Frau! Genieß deinen Geburtstag, es soll der beste sein, den du jemals hattest! Der beste, hörst du?"
      Breit grinsend hob er Ellas Hand genug an, damit er sich elegant darunter hindurch drehen konnte und direkt wieder die tanzende Menge anstrebte - bis ihm sein nächstes Opfer auffiel.
      "Aha!"
      Auf die altmodische Art, in der Chester nunmal tanzte, bewegte er sich zu den Tischen und Bänken hinüber, wo Liam sich gerade bei Owl und Roy niederlassen wollte und einen Schluck von einem der Getränke nahm. Er ließ den Becher fast fallen und rief: "Da ist ja -" bevor beide Männer ihm zeitgleich die Hände auf den Mund schlugen und ihn zu Boden rangen.
      Chester lachte nur und kam mit einem ausfallenden Schritt vor Tessa stehen, bevor er seine tiefe Bühnenverbeugung vor ihr vollzog.
      "Meine Dame - ein Tanz! Das ist keine Bitte, sondern eine Feststellung! Hoch mit dir!"
      Tessa versuchte lachend zu protestieren, dass sie ja noch ihren Kakao hatte, dass sie gerade gar nicht tanzen wollte, aber Chester ließ ihr keine Wahl. In einer flinken Bewegungen hatte er sie um den Kakao erleichtert und zog sie schon an ihrem Handgelenk auf die Füße, um sie tanzend in Richtung Menge zu ziehen.
      "Du kannst nicht im Zirkus sein und dann nicht tanzen - nein! Das geht nicht!", rief er ihr über die Musik und den Lärm ausgelassen zu und wirbelte in einer geschmeidigen Bewegung zu ihr herum.
      "Tanz, junge Frau! So einen Geburtstag gibt es nicht alle Tage!"
    • Tessa genoss die ausgelassene Stimmung. Das Spektakel war eine Ausnahme. Es war ein kleiner Ausreißer aus dem Alltag, dem sie alle innerhalb des Zirkus Magica unterworfen waren. Für einen runden Geburtstag und Ellas stolzes Alter war Chester allerdings über seinen professionellen Schatten gesprungen. Immerhin ging es um Ella. Hin und wieder warf sie einen Blick zum Geburtstagskind herüber. Obwohl Ella sich kaum rührte, war alles um sie herum ständig in Bewegung. Immer wieder kam jemand herüber. Sie scherzten und alberten herum oder unterhielten sich angeregt über Dinge, die Tessa über die Musik hinweg nicht verstand. Ella tätschelte Hände und Schultern, verteilte mit einem warmen Lächeln großzügig Umarmungen. Es schien kaum eine Person im Zirkus zugeben, der nicht seine eigene Geschichte mit der alten Dame hatte. Als Chester munter um Ella herumtanzte, verbarg Tessa ein Lächeln hinter ihrer Hand. Für Abend wollte sie glauben, dass seine losgelöste Stimmung keine Maske war. Sie beobachtete wie er sich galant unter Ellas ausgestrecktem Arm hindurch drehte, die verzückt darüber kicherte und ihn schließlich mit wedelnden Händen davon scheuchte nachdem Chester ihr einen Kuss auf die Wange drückte. Tessa schob das Bild des eifrigen und strengen Zirkusdirektors beiseite und sah einfach nur...Chester.
      Als er wieder in der Traube aus tanzenden Menschen verschwand, senkte sie den Blick zurück auf ihren Kakao. Heute Abend spielte es keine Rolle. Kein Artefakt, kein Verrat und keine Suche nach der Antwort. Tessa verbannte die Schwere aus ihrem Herzen und ließ sich erneut von der Stimmung einfangen.
      Zumindest hatte Tessa geglaubt, dass er wieder zwischen den Tanzenden verschwunden war. Mit hochgezogenen Augenbrauen beäugte sie den Tumult beziehungsweise das Knäuel aus Roy, Owl und Liam. Vielleicht sollte Owl nicht ganz so großzügig mit dem Whisky sein...
      "Meine Dame - ein Tanz! Das ist keine Bitte, sondern eine Feststellung! Hoch mit dir!"
      Tessa zuckte ertappt zusammen, als hätte sie selbst Whisky in ihrer Tasse - was nicht der Fall war.
      "Huh?"
      Sie lachte, halb verlegen und halb belustigt durch die ausladende Verbeugung.
      Da hatte Chester ihr schon die Tasse aus der Hand genommen und sie auf die Füße gezogen.
      "Ich? Tanzen?", antwortete sie verdattert. "Tanzen? Chester, warte! Einen Moment. Stopp!"
      Man konnte sagen, die Diebin wehrte sich mit Händen und Füßen. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und sie hätte ihre Hacken in den Boden geschlagen. Dass Chester sie trotzdem bis zum Feuer gezogen hätte, stand völlig außer Frage. Tessa zierte sich, doch am Ende war sie umringt von Musik und tanzenden Geburtstagsgästen.
      "Du kannst nicht im Zirkus sein und dann nicht tanzen - nein! Das geht nicht!"
      "Ooooh doch, das geht!"
      "Tanz, junge Frau! So einen Geburtstag gibt es nicht alle Tage!"
      Chester ließ ihr den Protest nicht durchgehen.
      "Ich...", sagte sie viel zu leise.
      Zumindest schien Chester sie nicht zu hören, er tanzte bereits zur Musik. Er bewegte sich völlig anders, als alle anderen um sie herum. Die Schritte, die Bewegungen seiner Arme...sie kam nicht umhin sich zu fragen, aus welcher Zeit diese Art zu Tanzen stammte. Wie lange war es her, dass Menschen so getanzt hatten. Und Tessa? Die wusste nicht wohin mit ihren Füßen, ihren Händen, mit ihren Armen... Tessa streckte die Hand aus und zupfte an seinem Ärmel, um seine Aufmerksamkeit zurückzubekommen. Nicht, dass er sie aus den Augen gelassen hätte, aber sie hatte etwas zu sagen.
      "Chester."
      Sie stand noch immer stocksteif da.
      "Ich kann nicht tanzen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester lachte nur. Er lachte Tessa nicht aus, oh nein, das würde er nie wagen, aber er lachte über ihre Naivität.
      "Natürlich kannst du tanzen! Jeder kann tanzen!", rief er ihr zu und ergriff die Hand mit der sie ihm noch am Ärmel gezupft hatte. Im Rhythmus der Musik bewegte er sie auf und ab, was natürlich ein bisschen fragwürdig aussah.
      "Siehst du? Schon tanzt du!"
      Tessa war aber resistent gegenüber etwaiger Tanznachhilfen. Noch einmal versuchte sie aus der Menge zu entkommen und Chester blieb keine andere Wahl, als ihre andere Hand auch noch einzufangen. Er lachte wieder und schwenkte ihre Arme ein bisschen herum, wie er es bei Ella auch getan hatte.
      "Fühl die Musik und dann beweg dich! Etwas anderes ist es nicht - es gibt kein richtig oder falsch! Mach ein bisschen so -"
      Er zog ihre Arme in die eine Richtung.
      "Und dann ein bisschen so -"
      Er zog sie in die andere Richtung.
      "Und schon tanzt du! Auf mit dir!"
      Aber Tessa wehrte sich noch immer.
      Da blieb Chester endlich stehen. Er keuchte und ihm war heiß von der Hitze des Feuers, von den Menschen und seinem vielen Getanze. Schweiß perlte auf seiner Brust, wo er das Hemd ein bisschen geöffnet hatte, um Luft zu bekommen. Und doch hätte er noch stundenlang so weitertanzen können.
      "Okay - ich tanze mit dir. Ich zeige dir, wie die Musik sich anfühlt."
      Er nahm einen tiefen Atemzug und grinste dann ganz breit.
      "Komm her zu mir. Stell dich hier auf meine Schuhe. Ja, auf meine Schuhe! Das macht mir nichts, du bist ein Fliegengewicht. Weißt du, dass es in der Manege eine Nummer gibt, bei der ein einzelner Mensch einen Elefanten in die Höhe stemmt? Ja, die gibt es wirklich und jetzt rauf auf meine Schuhe! So schwer wie ein Elefant bist du nun wirklich nicht!"
      Tessa musste sich sichtlich dazu überreden lassen, aber schließlich hatte Chester sie soweit, dass sie ihm auf die Schuhe trat. Er lenkte ihre Arme, bis sie ihre Hände hinter seinem Rücken verschränkte.
      "Und jetzt gut festhalten! Nicht loslassen!"
      Ein paar probeweise Schritte machte er mit ihr, mit Tessa, die sich an ihn klammerte, dann legte Chester selbst die Arme um sie und tanzte los, mitten in die Menge hinein. Es war eigentlich gar nicht schwer. Er wirbelte sie beide herum, floss von Bewegung zu Bewegung mit dem zusätzlichen Gewicht in seinen Armen, bewegte sich mit Schwung und Eleganz und das im Takt der Musik und ohne Tessa loszulassen. Sie rauschten durch die Menge hindurch, ein wirbelndes Paar, das kaum genug Zeit hatte, den Kopf in die nächste Richtung zu wenden, bevor sie sich wieder bewegten und bewegten, angetrieben von der Musik, die über den ganzen Platz schallte. Chester zog Tessa fest an sich und tanzte mit ihr, tanzte bis sie endlich lockerer wurde und bis er ihr volles, wunderschönes Lachen hörte. Da ergriff er ihre Arme, zog sie sich vom Rücken und leitete sie gleichzeitig in die nächste Umdrehung, bis Tessa sich völlig alleine drehte, ohne ihn je loszulassen. Chester wirbelte sie herum, wirbelte mit ihr herum und lachte dabei selbst, so selten war dieses Vergnügen des freien, unbeschwerten Tanzes.
      "Jetzt tanzt du! Siehst du Tessa, du tanzt!"
    • Tessa fühlte sich wie eine Marionette. Eine sehr steife, sehr ungeschickte Marionette. Obwohl sich Chester alle Mühe gab sie mit seiner Begeisterung anzustecken, konnte Tessa nur daran denken, dass alle sie anstarrten. Hitze kroch ihren Nacken herauf, als sie gegen das erste tanzende Paar stieß und sich hastig entschuldigte. Beinahe flehend sah sie Chester aus ihren großen Augen an. Schlaff und ohne eigenen Antrieb hingen ihre Arme in seinem Griff. Als ein Ellbogen ihren Rücken streifte, zog Tessa doch wieder an dem Griff um ihre Handgelenke. Sie stand im Weg, das musste Chester doch sehen. Da blieb er auch schon stehen und sein Blick heftete sich auf ihr Gesicht. Zu ihrer Verwunderung sah er weder enttäuscht noch genervt aus.
      "Okay - ich tanze mit dir. Ich zeige dir, wie die Musik sich anfühlt."
      Was?
      "Was? Aber...", protestierte Tessa.
      "Komm her zu mir. Stell dich hier auf meine Schuhe."
      "Auf deine Schuhe?"
      "Ja, auf meine Schuhe! Das macht mir nichts, du bist ein Fliegengewicht."
      Chester grinste breit und Tessa wollte auf der Stelle im Boden versinken.
      "Weißt du, dass es in der Manege eine Nummer gibt, bei der ein einzelner Mensch einen Elefanten in die Höhe stemmt? Ja, die gibt es wirklich und jetzt rauf auf meine Schuhe! So schwer wie ein Elefant bist du nun wirklich nicht!"
      "Na vielen Dank...", grummelte sie und stieß ein gequietschtes Chester! aus, als er sie mit einem Ruck nach vorne zog und ihr nichts anderes übrig blieb als vorsichtig auf sein Schuhe zu treten. Sie hatte kaum geblinzelt, da lagen ihre Arme bereits um Chester und reflexartig gruben sich ihre Finger sofort in sein Hemd. Es war ein bisschen klamm vom Schweiß und warm durch das Feuer in seinem Rücken. Tessa war so nah, dass sie den Duft von Holzkohle, den herbsüßen Geruch von gebrannten Mandeln und frischem Schweiß wahrnehmen konnte. Sie war so nah, dass sie die Schweißperlen zählen konnte, die in seinem aufgeknöpften Kragen verschwanden.
      Tessa erlebte ein Déjà Vu.
      Der weiche Stoff seines Hemdes unter ihren Fingern, der Geruch von Feuer und die Musik...Warmer Atem, der ihr Gesicht streifte, sobald sie den Kopf etwas nach hinten kippte.
      "Und jetzt gut festhalten! Nicht loslassen!"
      "O-okay...", stotterte Tessa.
      Als Chester probeweise die ersten Schritte mit ihr machte, verstärkte sich der Griff in seinem Rücken. Tessa hatte das Gefühl sehr, sehr wackelig auf seinen Füßen zu stehen und glaubte jeden Augenblick zu fallen. Oder zu stolpern. Oder sich sonst irgendwie lächerlich zu machen. Aber Chester hielt sie fest, wirbelte sie schwerelos durch die Menge und zum Rhythmus der Musik. Mit jedem Schritt fühlte sich Tessa sicherer in seinem Arm. Sie vergaß wie nah sie ihm war, wie sich buchstäblich von Kopf bis Fuß an ihn schmiegte, um nicht von seinen Füßen zu rutschen, aber mit jedem Takt fühlte es sich leichter an. Befreiend. Mit Chester tanzte sie durch die Menge bis das Feuer, die Musik und die Menschen um sie herum zu einem kunterbunten Wirbel aus Licht und Farben verschwammen.
      Die letzte Anspannung fiel ab und entlockte Tessa zum ersten Mal seit sie sich auf Chesters Füße gestellt hatte ein Lachen. Tessa sah mit funkelnden Augen auf und erkannte an seinem Blick, der ihr Funkeln erwiderte, dass es das Lachen war, das er so gerne von ihr hörte. Er löste sich aus ihrem Klammergriff und wirbelte sie so schnell um die eigenen Achse, dass ihr beinahe schwindelig wurde. Atemlos, kichernd und lachend hielt sie an ihren verschlungen Händen fest. Ihr war warm und ein paar rebellische Haarsträhnen hatten sich in ihr Gesicht verirrt, klebten an ihrem feuchten Nacken.
      Die Musik wurde nur von seinem Lachen übertönt, bei dem Tessa ganz warm ums Herz wurde.
      Seine Gesichtszüge sahen so losgelöst aus, so jung.
      "Jetzt tanzt du! Siehst du Tessa, du tanzt!"
      Freudestrahlend sah sie Chester an und nickte eifrig.
      Jetzt verstand sie, wie sich Musik anfühlte.
      Es war wundervoll.
      Ihr Herz schlug ganz schnell und obwohl sie gierig nach Luft schnappte, fühlte sich Tessa frei.
      Kichernd ließ sie sich von Chester noch einmal herumwirbeln, doch ihre Fuße verloren den Halt und sie prallte gegen Chesters Brust. Sein Duft umgab sie wie eine Wolke, vernebelte für einen Moment ihre Sinne. Tessa war trunken von der Musik, der Stimmung und Chesters Lachen. Mit einer Hand klammerte sie sich an seine Hand, mit der anderen an seine Schulter. Als sie den Kopf in den Nacken legte, blinzelte sie gegen die Haarsträhnen an, die ihr in die Augen fielen und an der Nase kitzelten.
      "T'schuldige", murmelte und kicherte Tessa gleichermaßen. "Hab' das Gleichgewicht verloren, aber ist auch ein bisschen unfair. Du machst das schon viel, viiiel länger als ich!"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa wirbelte und Chester führte und schließlich fiel sie zurück gegen ihn, wie ein frisch geborenes Rehkitz, das gerade erst das Gehen gelernt hatte. Oder eher das Tanzen, in diesem Fall. Tessa fiel und Chester fing sie mühelos auf, griff sie sich geradezu aus ihrem Fall und schwenkte sie beide herum, um ihren unabsichtlichen Schwung zu nutzen. Als er sie sicher wieder auf den Füßen abstellte, sah sie mit einem strahlenden Blick zu ihm auf, der alle Wolken am Himmel hätte vertreiben können.
      "T'schuldige. Hab' das Gleichgewicht verloren, aber ist auch ein bisschen unfair. Du machst das schon viel, viiiel länger als ich!"
      "Ach Quatsch", lachte Chester und nahm Tessas Hand von seiner Schulter. "Vielleicht nur zwei oder drei Stunden."
      Er grinste und zwinkerte ihr zu. Dann legte er ihr die Hände an die Hüften.
      "Und jetzt aufgepasst. Bereit für die nächste Nummer? Achtung - fertig - los!"
      Er packte sie kräftig an den Seiten und dann stemmte er sie mit einem Mal in die Höhe. Tessa kreischte - vermutlich eher aus Überraschung als Vergnügen - und ruderte wie wild mit Armen und Beinen. Ihre Körperspannung fehlte und damit verlor Chester das Gleichgewicht und brach das Manöver lachend wieder ab, indem er sie beide herumwirbelte und Tessa dann in seinen Armen auffing. Breit grinste er auf sie hinab.
      "Ups! Das üben wir aber lieber nochmal. Jetzt lasse ich dich aber auf den Füßen stehen, versprochen."
      Sie lachten beide, als Chester sie wieder absetzte, und dann tanzten sie noch ein bisschen mehr, tanzten miteinander und auch mit den vielen anderen, die auf dem kleinen Platz herumsprangen, über das Fest lachten und sich prächtig amüsierten. Zweimal wurde wieder ein furchtbares Happy Birthday gegrölt, ganz schief und aus dem Takt, worüber Ella sich aber nicht störte. Irgendwann musste Chester dann eine Pause einlegen; Unsterblichkeit hieß leider nicht, dass er bis in die Morgenstunden tanzen konnte. Schwer atmend nahm er Tessa bei der Hand, bahnte sich einen Weg aus der Menge und ging zurück zu der Bank, wo er sie aufgegabelt hatte. Diesmal ließ er sich aber auch darauf fallen und streckte gleich seine langen Beine aus, während er sich zurücklehnte und tief Luft holte. Er war ganz verschwitzt, aber das machte ihm nichts; nicht, wenn es so Spaß machte.
      "Ahh... Geburtstage sind doch was feines... wo gibt's hier was zu trinken?"
      Er sah zu Tessa neben sich, dann sah er auf die andere Seite, wo Roy und Owl Liam zwischen sich eingeklemmt hatten, der sich den Kopf rieb. Chester beugte sich kurzerhand herüber, schnappte sich Roys Becher und hätte fast getrunken, wäre dort nicht ein brüllendes "NEIN!!!" gekommen, dicht gefolgt von besagtem Feuerspucker, der ihm den Becher entriss und ihn in einem Zug leerte. Er knallte ihn mit einem Schlag wieder auf den Tisch zurück, wobei ihn die anderen beiden Männer mit offenen Mündern anstarrten. Schließlich stand er auf.
      "Ich bring dir was."
      Er brachte Chester was, und das mit einem etwas seltsamen Gang. Chester war aber froh genug, etwas zu trinken zu bekommen, er kippte es sich einfach rein. Irgendein Saft. Schade, Alkohol hätte jetzt sicher auch gut getan.
      Er sah mit einem Lächeln zurück zu Tessa.
      "Siehst du? Gar nicht so schlimm, oder?"
    • "Klar", schnaubte Tessa atemlos. "Zwei oder drei Stunden. Warte. Welche Nummeeeer...! Aaaah!"
      Der Rest des Satzes ging in einem erschrockenen Kreischen unter, als Chester ihr buchstäblich den Boden unter den Füßen wegriss. Für einen Augenblick schwebte Tessa in der Luft, strampelte mit den Füßen und wusste nicht mehr wohin mit ihren Händen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und als sie den Blick senkte, war der Boden plötzlich viel zu nah. Sie würde fallen. Definitiv. Tessa kniff die Augen zusammen, doch die Hände an ihren Hüften verschwanden nicht. Nein, sie brannten sich durch die Wolle ihres Pullovers, der viel zu warm für ein flottes Tänzchen war, und auf einmal war ihr noch viel wärmer als vorher. Auf dem Weg abwärts bekam sie wieder Chesters starke Schultern zufassen und klammerte sich an ihm fest als hinge ihr Leben davon ab.
      "Ups! Das üben wir aber lieber nochmal. Jetzt lasse ich dich aber auf den Füßen stehen, versprochen."
      "Lieber nicht", keuchte Tessa und während das Blut laut in ihren Ohren rauschte. Auf einen zweiten Höhenflug konnte sie gut und gerne verzichten. "Die Akrobatik überlasse ich lieber den Profis."
      Scherzhaft schlug sie Chester gegen die Schulter, aber weil sie mehr zitterte als alles andre war es wohl eher ein federleichtes Klopfen.
      "Warn mich das nächste mal vor!", rief sie gegen die Musik an.
      Ihre Worte gingen im Lachen und im Gesang unter. Noch ein paar Runden wirbelten sie um das Feuer herum, wechselten die Tanzpartner nur um sich irgendwo in der Mitte wiederzufinden. Es war ganz leicht, als würde Chester sie magisch anziehen und als sie endlich seine Hände wiederfand, war ihr Kopf ganz rot und warm und ihre Augen glitzerten. Chester hatte Recht. Tanzen war wunderbar. Trotzdem war sie dankbar ein wenig frische Luft zu bekommen und die Wärme des Feuers mit etwas Abstand zu genießen. Mit dem Ärmel wischte sich Tessa ganz unzeremoniell über die verschwitzte Stirn ehe sie die Ärmel bis zu den Ellbogen hochschob und sich neben Chester auf die Bank plumpsen ließ. Grinsend legte sie den Kopf in den Nacken und genoss den leichten Wind, der ihr um die Nase wehte.
      "Ahh... Geburtstage sind doch was feines... wo gibt's hier was zu trinken?"
      Tessa legte den Kopf, den sie immer noch zurückgelegt hatte, leicht schief um Chester aus halbgeschlossenen Augen anzusehen.
      Schweiß glitzerte auf seiner Stirn und den Schläfen, ein paar der ordentlich frisierten Strähnen lagen längst nicht mehr an Ort und stellte und vielen ihm ungewohnt rebellisch in die Stirn.
      Trinken. Gute Idee.
      Ihre Kehle war irgendwie ganz trocken.
      "Ähm, ich glaube..."
      "NEEIN!!!"
      Vor Schreck wäre sie fast von der Bank gerutscht.
      Wenige Augenblicke später kam Roy mit einem Becher zurück und wankte zurück zu Owl, der wohl der einzige Grund war, warum Liam nicht schon unter der Bank lag. Tessa verzog das Gewicht. Irgendwie beschlich sie die Vorahnung, dass Liams Kopf in morgen sehr eindringlich daran erinnern würde, sich nie wieder zwischen Owl und Roy zu setzen. Dafür brauchte sie nicht einmal Jude und ihre Wunderkugel.
      "Siehst du? Gar nicht so schlimm, oder?"
      "Mhmh...", murmelte Tessa und schüttelte den Kopf.
      Sie sah Chester an der irgendwie enttäuscht in seinen Becher sah.
      Vielleicht lag es am Sauerstoffmangel oder dass ihr Herz vom Tanzen immer noch raste, aber Tessa hatte unheimliche Lust etwas Verbotenes zu tun. Naja, verboten war es generell nicht, aber wenn sie Chesters Blick richtig deutete...was schon einem Glücksspiel ähnelte. Ein schelmisches Funkeln schlich sich in ihre Augen. Kein Zirkusdirektor. Keine Hintergedanken. Kein Fluch. Keine merkwürdigen Vorhersagen. Nur zwei Menschen auf einer Geburtstagsfeier.
      "Ich glaube, du solltest Liam morgen ausschlafen lassen", flüsterte sie, nachdem sie sich zu Chester gelehnt hatte.
      Tessa gab ihre Version von Chesters typischem Zwinkern zum Besten.
      "Eventuell...also möglicherweise habe ich vielleicht etwas von Owls Privatvorrat versteckt."
      Bei Chesters Blick zuckte sie mit den Schulten und deutete mit einem Daumen auf sich selbst.
      "Diebin. Schon vergessen?", kicherte sie scherzhaft.
      Sie hatte den Whisky natürlich nicht gestohlen. Owl hatte ihr die Flasche nach seinem letzten Trinkgelage mit Roy und dem monströsen Kater danach quasi aufgedrängt. Seine Lektion gelernt hatte er wohl nicht.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tessa beugte sich zu ihm hinüber und Chester wurde neugierig, als er das Funkeln in ihren Augen entdeckte. Das war etwas anderes, so etwas hatte er bei ihr noch nie gesehen. Nein, das war nicht ganz richtig, aber es war noch nie so sehr an die Oberfläche gedrungen. Unerklärlicherweise regte das seinen Drang an, irgendwas Unanständiges zu tun. Er grinste noch bevor sie sprach.
      "Ich glaube, du solltest Liam morgen ausschlafen lassen."
      Sie zwinkerte ihm zu - zwinkerte ihm zu! - und Chester kicherte verhalten. Dann sah er erst wieder zu den Männern hinüber und sah es jetzt erst: Die geröteten Wangen, der leicht wankende Blick, aber vor allem die große Beschäftigung, damit keiner in seine Richtung schauen musste. Da war doch Alkohol im Spiel! An Ellas Geburtstag! Das war ja unfassbar - morgen sollte wieder Normalbetrieb sein! Vielleicht würde Chester ein paar Strafmaßnahmen vollziehen müssen.
      "Hmmmm. Wir werden ja sehen."
      Aber seine Aufmerksamkeit wanderte schon wieder zu Tessa zurück und zu dem wirklich verführenden Funkeln in ihren Augen. Er konnte sich kaum davon losreißen, grinste, als wäre er Opfer seiner eigenen Magie geworden.
      "Eventuell..."
      Tessa legte eine dramatische Pause ein und Chester lauschte mit ansteigender Neugier.
      "Also möglicherweise habe ich vielleicht etwas von Owls Privatvorrat versteckt."
      Jetzt lachte Chester auf und sein Lachen ließ die anderen drei Männer wie scheue Hühner aufschrecken. Also darauf ging es hinaus. Unglaublich, was dieses kleine Rehkitz für ein verschlagenes Wiesel sein konnte.
      "Achja?", sagte er noch immer grinsend. "Hast du das?"
      "Diebin. Schon vergessen?", kicherte sie zurück und es war zu süß, zu niedlich, um nicht wieder davon zu lachen. Chester richtete sich auf und strich sich mit einer schnellen Bewegung die Haare wieder in Ordnung. Dann beugte er sich in genauso verschwörerischer Manier zu ihr.
      "Wenn das so ist, dann sollte ich als Zirkusdirektor sicherstellen, dass dieses Zeug nicht in Umlauf gerät. Richtig?", fragte er und zwinkerte zurück, genauso wie Tessa es getan hatte. In ihren Augen blitzte es auf und die vielen Lachfältchen in ihrem Gesicht vertieften sich noch. Chester liebte diesen Anblick. Er rutschte ein Stück.
      "Dann bist du nun offiziell die Beauftragte, mir bei der Beseitigung dieses Vorrats zu helfen. Nach dir - aber ohne, dass es jemand sieht. Sonst könnte es die Leute noch in Panik und Unruhe versetzen!"
    • Wie magisch davon angezogen verfolgte Tessa seine Hand, die versuchte unordentliche, verschwitzte Strähnen zu bändigen. Als ihr Blick zurück zu Chesters Gesicht zuckte, war er plötzlich viel näher als zuvor. Die Hitze auf ihren Wangen musste von den letzten Nachwehen des Feuers kommen. Tessa kicherte bei seinem sehr wirklich sehr vernünftigen Einwurf und ignorierte, dass Owl sie von der Seite anstarrte.
      "Sehr verantwortungsvoll, Herr Zirkusdirektor", flüsterte sie.
      Das Grinsen auf ihrem Gesicht wurde unmöglich breiter und etwas daran sorgte dafür, dass Chester noch näher rutschte. Tessas Knie stieß gegen sein Bein und von der Stelle aus breite sich eine Wärme aus, die nichts mit der Wärme des Feuers gemein hatte.
      "Dann bist du nun offiziell die Beauftragte, mir bei der Beseitigung dieses Vorrats zu helfen. Nach dir - aber ohne, dass es jemand sieht. Sonst könnte es die Leute noch in Panik und Unruhe versetzen!"
      Tessa tippte sich mit Zeige- und Mittelfinger seitlich an die Stirn und imitierte die lockere Geste eines Saluts. Dabei versuchte sie eine ernste Miene aufzulegen, was ihr allerdings überhaupt nicht gelang.
      "Verstanden."
      Bevor sie aufstand, fügte sich noch flüsternd etwas hinzu.
      "Ich gehe mich noch kurz von Ella verabschieden. Triff mich bei den Wagen", murmelte sie und lehnte sich zurück.
      Sie fröstelte, als sie Chesters Nähe verließ und erhob sich ein bisschen widerwillig von der Bank. Wieder beäugte Owl sie, sagte aber nichts, sondern schlang in dem Moment blitzschnell einen Arm um Liams Oberkörper bevor der Mann wirklich noch von der Bank kippte. Der Moment reichte aus damit sich Tessa ohne Erklärungsnot davonstehlen konnte. Bei Ella angekommen, beugte sie sich zu der alten Frau herunter und ließ sich umarmen. Sie wünschte ihr noch viel Spaß und wollte sich schon lösten, das flüsterte Ella ihr leise etwas ins Ohr.
      "Komm mich morgen besuchen, ja? Ich habe da noch etwas für dich."
      Die Frau mit dem grauen Lockenschopf sah sie lächeln an und als Tessa den Mund öffnete, um nachzuhaken, schüttelte Ella den Kopf.
      "Das kann bis morgen warten und jetzt geh dich amüsieren. Du bist noch jung. Na los."
      Manchmal, dachte Tessa, waren ihre alten Augen doch noch besser, als Ella zugab.
      Tessa warf einen flüchtigen Blick über die Schulter und wusste, dass sie sich verraten hatte, als Ella galant eine Augenbraue hochzog. Sie hatte genug Erbarmen die peinlich berührte Tessa nicht weiter damit aufzuziehen.

      Als Tessa bei den Wagen ankam, wartete Chester bereits. Vielleicht hatte er die Geheimgänge benutzt um so schnell am Treffpunkt zu sein. So lange hatte sie doch gar nicht mit Ella gesprochen. Ein wenig atemlos kam sie schlitternd vor Chester zu stehen. Sie schämte sich nicht dafür, dass sie sich extra beeilt hatte um den Weg quer über das Zirkusgelände zurückzulegen. Mutig streckte sie Chester die Hand entgegen und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, als er danach griff. Den Weg, den sie nun einschlug, war nicht unbekannt. Er führte direkt zu ihrem kleinen Wohnwagen.
      "Warte kurz."
      Anstatt die Stufen zu nehmen, ließ sich Tessa zu Boden sinken. Ganz genau genommen, legte sie sich auf den Bauch und krabbelte unter den Wohnwagen. Es raschelte unter dem Wagen ehe die Geräusche von reißendem Klebeband unterbrochen wurden. Ein triumphierendes Ha! ertönte und anstatt Tessas braunem Haarschopf tauchte als erste eine Hand unter dem Wagen auf. Darin befand sich eine bauchige Flasche, in der eine bernsteinfarbene Flüssigkeit schwappte. Erst danach folgte Tessas Gesicht, auf dessen linker Wange nun ein wenig Dreck klebte, und danach der Rest ihres Körpers. Behände kam sie zurück auf die Füße und klopfte sich mit der freien Hand etwas Erde von der Hose.
      "Alte Gewohnheit", erklärte sie und lachte. "Diebesgut will gut versteckt sein."
      Sie sah sich zu allen Seiten um.
      "Aufs Dach oder reingehen? Nein, warte. Das Dach ist keine gute Idee. Wir können nicht abstellen..."
      Und sie wollte wirklich nicht die Erfahrung machen, wie es sich anfühlte, angetrunken von einem Wagendach zu klettern oder - was wahrscheinlicher war - zufallen.

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester brach auf mit einem Lächeln auf den Lippen, während er in der Menge untertauchte und auf der anderen Seite zwischen den Zelten verschwand. So eine Dummheit, gerade an dem heutigen Geburtstag sich davonzustehlen und sich zu betrinken - aber es war genau die Art von kindliche Dummheit, die Chester so mochte. Genau die Art, bei der er sich fröhlich und befreit fühlte und den Weg fast schon mit einem kleinen Hopsen hinter sich legte. Was sollte er schon machen? Chester war nunmal ein Kindskopf, jemand der gerne Kekse aus der Kantine klaute, dumme Späße machte und Leute kitzelte. Das hier war ganz genau nach seinem Geschmack - wie schon die anderen Dummheiten, die er mit Tessa angestellt hatte, bevor er sie eingestellt hatte. Daran zurückzudenken und jetzt zu der Erkenntnis zu kommen, dass sie wieder dahin zurückkehren könnten, war wirklich befreiend. Er freute sich jetzt schon drauf, dabei hatten sie noch gar nichts getan.
      Als Tessa bei ihm ankam musste sie lauthals nach Luft schnappen und Chester kicherte.
      "Du siehst aus als hättest du zu viel getanzt."
      Sie tauschten ein Grinsen aus, das ganz und gar vertraut war, dann überreichte Tessa in einer ehrwürdigen Geste ihre Hand und Chester nahm sie mit viel Drama und Theatralik entgegen. An der Hand leitete er das strahlende, glückliche Mädchen zu ihrem Wagen zurück.
      "Warte kurz."
      Neugierig sah Chester dabei zu, wie Tessa nicht hinein ging, sondern sich auf die Knie sinken ließ und dann unter den Wohnwagen krabbelte. Er sah nach, bis ihre Füße verschwunden war, dann stieß er einen anerkennenden Pfiff aus und ging in die Hocke, um in der Dunkelheit darunter etwas zu erkennen.
      "Das ist dein Versteck? Pass nur auf, in diesem Zirkus gibt es gerne mal Ratten. Ratten mit menschengroßen Händen und die Schlüssel für Schlösser haben."
      Er grinste breit während er Tessas erfolgreichen Suche lauschte, ehe sie wieder auftauchte. In ihrer Hand hielt sie triumphierend eine Flasche empor, deren Inhalt Chester nicht gut erkennen konnte. Vielleicht Whiskey - wer wusste schon, wie solche Getränke heutzutage aussahen.
      "Alte Gewohnheit", sagte sie lachend und stand auf. "Diebesgut will gut versteckt sein."
      Ihre Kleidung war jetzt schmutzig und auf ihrer Wange klebte jetzt ein ordentlicher Schmutzstreifen, aber Chester grinste nur.
      "Du bist mir vielleicht eine. Ich will gar nicht wissen, was du alles versteckt hast, was ich nicht gefunden habe."
      Darauf musste auch Tessa wieder kichern. Es sah besonders niedlich aus mit der farbigen Wange, die sie jetzt hatte.
      "Aufs Dach oder reingehen? Nein, warte. Das Dach ist keine gute Idee. Wir können nicht abstellen..."
      "Das soll mal unsere geringste Sorge sein. Wenn du dich traust, nehme ich dich mal aufs Aufführungszelt mit. Ja, auf, also obendrauf. Nein? Dann musst du aussuchen. Wir haben sicher ganz andere Vorstellungen von trinkbaren Orten."
      Chester grinste ihr zu, dann wählte Tessa einfach ihren Wagen. Es war immerhin groß genug für zwei, ganz besonders, wenn sie nur trinken wollten. Tessa ging voraus und Chester ging ihr nach.
      Sie nahmen sich zwei Krüge, feuerten den Ofen an und schenkten ein. Mit einem strahlenden Lächeln hob Chester seinen Krug.
      "Auf Ella! Auf die nächsten... sagen wir... 150 Jahre mit ihr!"
      Sie stießen an und kippten gleich die ersten paar Schlucke herunter. Der Alkohol brannte durch Chesters Kehle und der Geschmack ließ ihn erschaudern. Er kniff die Augen zusammen und schüttelte sich.
      "Puh... ah... bäh... grauenvoll. Gleich nochmal, den Geschmack runterspülen."
      Er trank noch einmal von seinem Krug und brachte damit Tessa zum Lachen. Grinsend sah er sie an und tippte sich dann selbst an die Wange.
      "Du hast da noch ein bisschen Schmutz. Weißt du, eigentlich betrinkt man sich zuerst, bevor man unter irgendwelche Wagen klettert. Was soll ich nur davon halten, dass du es genau andersrum tust?"
    • Aufs Aufführungszelt?! Tessa warf einen verstohlenen Blick zur erleuchteten Zeltspitze. Von ganz Unten sah es beinahe danach aus, als schraubte sich der höchste Punkt geradewegs in die Wolkendecke. Eigentlich war Höhe nicht das Problem, im Klettern war die Diebin schon trittsicher, aber bei diesem Aufstieg mangelte es doch ein wenig sehr an festem Untergrund. Selbst von hier konnte Tessa erkennen, wie sich das gespannte Zeltdach im leichten Wind bewegte und teilweise seichte Wellen schlug.
      "Ähm, für heute tut es auch mein Wagen", antwortete Tessa und klopfte mit der flachen Hand gegen das Holz. Definitiv genug festes Material, das ihnen auch beim Vernichten von Owls Geheimvorrat nicht zum Verhängnis wurde. "Über Ratten müssen wir uns ihr auch keine Gedanken machen und mit großen Ratten kenn' ich mich aus. Ganz besonders mit der Sorte, die ihre Langfinger nicht bei sich behalten kann."
      Mit den kleinwüchsigeren Variante hatte Tessa auch so ihre weniger erfreulichen Erfahrungen. Nichts riss einen mitten in der Nacht schneller aus dem Schlaf, als ein pelziges Nagetier, dass versuchte unter die eigene Decke zu krabbeln. Bei dem Gedanken schüttelte es Tessa am ganzen Körper. Umso schneller nahm sie die Stufen in ihren Wagen, übersprang die mittlere sogar, und schloss mit einem letzten Blick nach draußen ihre Tür.
      Obwohl die Nächte bereits milder wurden, protestierte wohl niemand gegen ein wärmendes Feuer im Ofen. Als sich die Wärme langsam breit machte, zog sich Tessa den dicken Pullover über den Kopf. Sie atmete erleichtert aus, als die gestaute Hitze darunter sich verflüchtigte. Das dünnere, langärmlige Shirt darunter reichte für den Wagen völlig aus. Schnell hatte sie zwei Krüge aus ihrem Sammelsurium an Geschirr gefischt und auf dem Tisch platziert.
      "Auf Ella!", prostete Tessa und verzog augenblicklich das Gesicht, als der Alkohol über ihre Zunge floss. Er brannte fürchterlich in der Kehle. Die Wärme, die sich daraufhin in ihrem Bauch ausbreitete, war dagegen gar nicht so schlimm. Etwas angewidert presste sie sich eine Hand vor den Mund und blinzelte gegen die Tränen, die ihr in die Augen schossen.
      "Bah..." Tessa streckte schaudert ihre Zungenspitze heraus. "Wie können Owl und Roy sich dieses Zeug nur reinschütten. Jetzt verstehe ich auch, warum sie es nur irgendwo hineinkippen."
      Sie drehte die Flasche. Whisky. Furchtbares Gesöff.
      Als Chester gleich einen Schluck hinter wagte, stieß Tessa einen anerkennenden Pfiff aus und lachte über ihrem Krug.
      Tessa selbst nahm einen vorsichtigeren Schluck. Besser schmeckte der Alkohol deswegen nicht, aber die wohlige Wärme breitete sich von ihrem Bauch langsam in alle Gliedmaßen aus.
      "Du hast da noch ein bisschen Schmutz."
      "Oh!"
      Mit dem Ärmel wischte sich Tessa über die Wange, bekam aber längst nicht alles vom Schmutz zufassen. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie es mit der fahrigen Bemühung nur noch schlimmer machte.
      "Besser?", fragte Tessa und rümpfte leicht die Nase.
      "Weißt du, eigentlich betrinkt man sich zuerst, bevor man unter irgendwelche Wagen klettert. Was soll ich nur davon halten, dass du es genau andersrum tust?"
      "Und wer hat eigentlich bestimmt, was die richtige Reihenfolge ist? Ich bin schon nüchtern unter und in ganz andere Sachen geklettert...Moment, wer ist hier denn schon einmal betrunken unter einen Wagen geklettert?"
      Tessa kniff verstohlen die Augen zusammen.
      "Oh, sag mir bitte nicht Du bist mal betrunken unter einen Wagen gekrochen? Warte. Ganz dumme Frage. Kannst du dich betrinken? Ich meine. Ich habe dich schon einmal trinken sehen, aber während alle anderen in den Seilen lagen, warst du quicklebendig."
      Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
      "Das wäre ziemlich unfair", schmollte Tessa.
      Das schiefe Grinsen auf ihrem Gesicht nahm dem Schmollen aber allen Wind aus den Segeln. Sie hatte die Scheu abgelegt, Chester die merkwürdigsten Dinge zu fragen. Entweder er antwortete oder nicht.
      "Okay. Was war das Verrückteste, an das du dich erinnerst, das du betrunken getan hast?"
      Sie lehnte sich neugierig etwas über den Tisch und funkelte Chester eindeutig amüsiert an. Natürlich hatte sie nicht vergessen, dass er Erinnerungslücken hatte und Dinge gerne durcheinander warf. Aber sie liebte seine chaotischen Geschichten und eigentlich war es ihr auch egal, ob die Geschichte dieses Mal stimmte oder nicht, solange Chester weiter auf diese befreite Art lachte und er hatte offensichtlich Gefallen daran, sie zum lachen zu bringen. Das klang für Tessa nach einer Win-Win-Situation.
      Bis ihnen von Owls Whisky schlecht wurde, wollte Tessa nicht an versteckte Tagebücher, Namenvetterinnen und Flüche denken.
      Sie wollte nur, dass Chester weiter so fröhlich aussah und wollte fest daran glauben, dass es für den Moment auch wirklich war.
      Selbst ein Zirkusdirektor mit einer verfluchten Uhr verdiente auch mal für eine Nacht eine Pause.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Und wer hat eigentlich bestimmt, was die richtige Reihenfolge ist? Ich bin schon nüchtern unter und in ganz andere Sachen geklettert...Moment, wer ist hier denn schon einmal betrunken unter einen Wagen geklettert?"
      "Oh wir hatten schon ganz viele Sachen", sagte Chester mit einem Kichern und hob die Hand, um an seinen Fingern abzuzählen. "Wir hatten schon unter den Wagen klettern - frag mich nicht wer das war, aber es war definitiv ein Mann, sowas ist immer eine Männersache. Dann hatten wir schon auf einen Wagen klettern, natürlich, und auch in einen Wagen klettern, aber nicht durch die Tür natürlich. Und über einen Wagen klettern, oh, ja!" Er lachte. "Das war vielleicht komisch. Aber er hat es geschafft, er hat es wirklich geschafft. Und dann... war da nicht noch was fünftes...? Ach, auch egal, irgendwas wird immer gewesen sein. Wie du siehst kann man hier sehr ausgiebig herum kraxeln, wenn man den nötigen Intus hat."
      Sie lachten gemeinsam, was irgendwie ein schönes Gefühl war. Chester fühlte sich langsam, als würde die Zeit stehenbleiben und deswegen strahlte er nur noch mehr.
      "Warte. Ganz dumme Frage. Kannst du dich betrinken?"
      "Ob ich es kann?", fragte er lachend.
      "Ich meine. Ich habe dich schon einmal trinken sehen, aber während alle anderen in den Seilen lagen, warst du quicklebendig."
      "Ah - das meinst du", sagte Chester und grinste. Er nahm noch einen Schluck von dem wirklich furchtbaren Zeug und schüttelte sich dabei.
      "Das wäre ziemlich unfair", sagte Tessa und verschränkte dabei demonstrativ die Arme vor der Brust. Chester kicherte.
      "Das wird dir jetzt nicht gefallen, aber es ist ziemlich unfair. Ich kann trinken und ich werde auch betrunken, aber es hält nie lange. Meistens reicht es aus zu schlafen und ich fühle mich wieder wie sonst, wenn ich morgens aufstehe. Ich habe noch nie einen "Kater" erlebt, wie ihr jungen Leute das heutzutage nennt. Das bleibt nicht. Ich bin betrunken, gehe schlafen und bin es dann nicht mehr. Keine bösen Nebeneffekte."
      So ausgesprochen war das wirklich unfair, aber den Spaß wollte Chester sich auch mal erlauben. Es war ja nicht so, als könnte er in die Stadt und in die nächste Schenke gehen, da durfte er ruhig mal auch einen Vorteil gegenüber den anderen haben.
      "Okay. Was war das Verrückteste, an das du dich erinnerst, das du betrunken getan hast?", fragte Tessa unvermittelt. Chester musste wieder kichern; mittlerweile war Tessa ganz schön mutig geworden. Er konnte sich noch an eine Zeit erinnern, als sie davon Rot angelaufen war, nur seine Hand zu nehmen.
      "Das Verrückteste an das ich mich erinnern kann, was? Hmmm... Das wird schwierig werden. Ich bin mir sicher, ich habe schon so einiges Verrücktes angestellt, an das ich mich nicht erinnern kann."
      Er lehnte sich mit seinem Stuhl zurück, bis nur noch zwei Beine auf dem Boden standen, und kippelte dann ein bisschen während er nachdachte. Das Verrückteste, was er betrunken getan hatte? Betrunken? Chester konnte ja schon froh sein, wenn er sich überhaupt daran erinnerte, das letzte Mal getrunken zu haben. Vermutlich an Tobys Beerdigung, ja, das kam wahrscheinlich hin, aber er konnte sich viel weniger daran erinnern, alsdass es ihm einfach nur logisch schien. Was war dann also das Verrückteste, was er je getan hatte?
      "Hmm... Ich glaube... Ah - da fällt mir etwas ein."
      Grinsend ließ er den Stuhl wieder zurückfallen.
      "Ja das ist gut, daran erinnere ich mich noch. Wir hatten in unserer Show mal eine langsame Nummer, das Mondpaar. Das war eine Spezialnummer, die nur an Vollmond durchzuführen war und das auch nur, wenn der Mond wirklich exakt über dem Zelt steht, damit das Licht reinkommt. Da gehen dann nämlich alle anderen Lichter aus und zwei Tänzer haben die ganze Manege für sich, mit Mondrequisiten und ausfallenden Kostümen und allem. Eine schöne Nummer, unglaublich kitschig und unglaublich schwierig - es müssen Emotionen hervorgerufen werden, die es bei keiner anderen Nummer im ganzen Zirkus gibt. Sehr anspruchsvoll, es war irgendwann die Mühe auch nicht mehr wert. Als die Nummer aber noch gelaufen ist, weiß ich noch ganz genau, dass ich betrunken war und mir gedacht habe: Ich zeig's ihnen jetzt! Denn ich hatte zwei Tänzer und sie haben das Stück auch schon getanzt, aber sie haben es einfach nicht richtig... wie soll ich sagen... der Funke ist nicht übergesprungen, verstehst du? Es war alles noch ein bisschen zu zaghaft und da bin ich ins Kostümzelt marschiert, habe mir ihre Kostüme genommen - beide, ja sicher, es wird noch besser - und habe sie mir angezogen. Ein bisschen... naja, das hat einfach nicht funktioniert. Das Kleid hatte zu große Halter für Brüste, die ich ja gar nicht habe, und ich habe mir in meinem Rausch gedacht, ich will ihnen beide Seiten zeigen, also muss ich natürlich auch beides anziehen - das Kleid oben und unten die funkelnde Hose und auf jeder Seite einen jeweiligen Schuh. Und dann bin ich in die Manege hinaus - natürlich nicht vor Leuten! Zumindest nicht vor Besuchern. Aber ich habe es ihnen gezeigt; und wie ich es ihnen gezeigt habe! Du lachst jetzt vielleicht, aber ich habe sie alle sprachlos gemacht. Sprachlos! Den männlichen und den weiblichen Part habe ich getanzt, zeitgleich! Und das ist gar nicht so einfach, wie sich das anhört, denn an einer Stelle muss der Mann die Frau in die Luft heben. Aber das habe ich gemacht!! Denkst du ich lüge? Nein, das habe ich wirklich gemacht!"
      Jetzt lachte er mit Tessa und sie amüsierten sich beide köstlich darüber, was er ihr für ein Bild vermittelt hatte. Wobei er sich am meisten fragen musste, wie er es geschafft hatte, nicht über die Kostüme zu stolpern. Es war wirklich schwierig gewesen.
      "Das hast du doch nur gefragt, um dich über mich lustig zu machen!", lachte er und deutete mit einem anklagenden Finger auf Tessa, die sich kaum mehr einzukriegen schien. "Siehst du? Siehst du? Du lachst mich ja aus! Als ob du noch keinen Unsinn angestellt hast, wenn du betrunken warst!"