Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Tessa lauschte in dir frühe Nacht hinein. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal einfach nur dagesessen und die Welt um sich herum betrachtet hatte. Vor ihr erstreckte sich der Zirkus Magica mit einem zarten Lichtermeer. Der prächtige Vorplatz vor dem großen Zelt leuchtete heller als alle anderen Orte. Girlanden mit kleinen Glühbirnen in allen möglichen Farben säumten die Buden und Stände, die für heute ihre Türen schlossen, und schlängelten sich bis zum höchsten Punkt des Zirkuszeltes empor. Tessa folgte dem flackern einfach gehaltener Öllampen und Fackeln, die zwischen den Zelten und Wagen en wenig Licht in die Dunkelheit brachten. Es war nicht das erste Mal, dass ihr diese Unterschiede auffielen. Manche Ecken und Winkel des Zirkus Magica wirkten wie aus unterschiedlichen Jahrhunderten zusammengewürfelt und Vergangenheit traf auf Gegenwart.
      Sie führte die Hände vor ihr Gesicht und blies etwas warmen Atem, der in weißen Wölkchen ihren Lippen entkam, gegen die kühlen Finger. Sie fror nicht, zumindest nicht wirklich. Ein Kokon aus Mantel und Decken würde sie für eine Weile noch wunderbar warmhalten. Ganz langsam glitt ihr Blick zum Horizont, dort, wo die Lichter der Stadt zu später Stunde funkelten. Es war jedes Mal ein kleiner Abschied, wenn sie auf dem Dach ihres Wagens saß und dabei zusah, wie die Menschen nach und nach die Lichter in den Fenstern löschten, sobald es Zeit war, schlafen zu gehen. Für Tessa tickten die Uhren mittlerweile anders.
      Unerwartet ertönte ein Klopfen von unten. Wer konnte das nur sein? Es war spät und viele waren bereits zu Bett gegangen.
      Tessa drückte ihre kühlen Fingerspitzen gegen das Schmunzeln auf ihren Lippen.
      Ja, wer konnte das nur sein?
      „Hier oben“, antwortete sie und eine kurze Stille folgte.
      Das Grinsen auf ihrem Gesicht wurde noch breiter während sie sich den verwunderten Gesichtsausdruck ausmalte. Es rüttelte leicht an dem Wagen, als sich Chester in die Höhe zog. Bei ihm sah es ganz leicht aus. Sie wusste ja, dass Chester nicht immer nur als Zirkusdirektor in der Manege gestanden.
      "Was machst du denn hier oben? Wenn dir der Wagen zu klein ist, wird uns bestimmt was einfallen.“
      „Die Aussicht genießen“, gluckste Tessa und schüttelte ganz leicht den Kopf ehe sie den Blick wieder. „Ich komme gerne hierauf, wenn mir…ähm…alles ein bisschen zu eng wird. Es erinnert mich daran, dass unsere kleine Welt nicht am Tor endet. Früher haben wir das auch gemacht. Wir sind auf das höchste Dach geklettert und haben uns ausgemalt, wie die Welt da draußen wohl ist. Jake, Rosie und ich.“
      Das wenige Licht, das sie auf dem Dach erreichte, warf tanzende Schatten auf sein Gesicht, doch das Lächeln darauf war unverkennbar.
      Es wärmte Tessa von innen heraus.
      "Das war ein toller Auftritt. War gar nicht so schwierig, wenn man es einmal gemacht hat, oder? Wie hat es sich angefühlt?"
      „Als müsste ich Owl jeden Moment vor die Füße kotzen…“, lachte Tessa und schob dann ein genuscheltes T’schuldige für ihre Wortwahl hinterher. „Ehrlich gesagt, kann ich noch gar nicht richtig begreifen, was heute Abend eigentlich passiert ist.“
      Tessa lehnte sich zurück, erst auf die Ellbogen und legte sich dann gänzlich auf den Rücken. Mit den Füßen hatte sie auf dem leicht schrägen Dach genug Halt und winkelte dafür die Knie etwas an. Nachdenklich aber mit einem glücklichen Lächeln sah sie in den Sternenhimmel empor. Keine Wolke verdeckte das Funkeln abertausender von Sternen und deshalb war es heute auch noch einmal so kalt geworden. Das wusste Tessa noch von früher. Sternenklare Nächte waren immer ganz besonders kalt. Sie legte eine Hand über ihren Bauch.
      „Mein Bauch kribbelt immer noch“, murmelte Tessa und konnte dieses dämliche Grinsen einfach nicht abstellen. „Es war furchteinflößend, aufregend und…Mein Herz hat so laut und schnell geklopft. Tut es immer noch. Trotzdem fühle ich mich irgendwie…ähm…leichter. Es fühlt sich an als könnte ich die Arme ausbreiten und fliegen.“
      Und genau das tat Tessa. Sie breitete die Arme weit zu beiden Seiten aus und lachte.
      Als es wieder still wurde, drehte sie den Kopf zur Seite und sah zu Chester hoch.
      „Geht es Jamie gut? Er hätte das nicht machen müssen. Wenn er sich wirklich etwas getan hätte…“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es war schön herauszufinden, dass Chester nicht der einzige im jetzigen Zirkus war, der eine gute Aussicht genoss. Zwar konnte der Zirkus wohl kaum nicht damit mithalten, was auch immer Theresa dort draußen von ihren Dächern aus gesehen hatte, aber schön war es trotzdem. Die ganzen Lichter waren schön und wie man das Gefühl bekam, dass hier alles seine Richtung und Ordnung hatte.
      Nur wer waren Jake und Rosie?
      "Deine Freunde?", fragte er höflichkeitshalber nach. Was anderes konnten sie nicht gewesen sein, vermutlich von der Straße. Nicht, dass das hier drinnen eine große Rolle spielen würde, was sie draußen für Freunde gemacht hatte.
      Das Thema war aber auch gleich wieder vergessen, als Theresa herzlich lachte und sich dann für ihren Ausdruck entschuldigte. Chester grinste nicht weniger kräftig dabei.
      "Du würdest dich wundern, wie viele sich wirklich schon übergeben haben. Gut, dass du es nicht gemacht hast, diesen Ruf wäre Owl sonst niemals wieder losgeworden."
      Sie teilten sich einen Blick, mit dem sie sich beide an Owls ersten Auftritt erinnerten und kicherten dann, als hätten sie nie etwas anderes getan. Es machte Chesters Herz ganz leicht. So schnell konnte alles wieder in Ordnung sein.
      "Mein Herz hat so laut und schnell geklopft. Tut es immer noch. Trotzdem fühle ich mich irgendwie…ähm…leichter. Es fühlt sich an als könnte ich die Arme ausbreiten und fliegen.“
      Wie um ihre Worte zu unterstreichen, streckte sie die Arme zu beiden Seiten aus und lachte wieder. Es hörte sich ganz frei an, als würde sie selbst noch daran glauben, dass es wirklich geschehen könnte. Es war ein kindlicher Eifer, den Chester mehr als alles andere mochte, die unschuldige Überzeugung, dass alles so werden konnte, wie man es sich erträumte. Leute wie Brandon hatten diesen Eifer schon längst verloren, aber in Theresa war er noch stark und auch in anderen. Nur strahlte er bei Theresa noch so, als könnte er auch Chester damit anstecken.
      "Das ist toll, oder? Ein tolles Gefühl. So sollte es immer sein; das ist die Magie von unserem Zirkus Magica, nichts anderes. Sie läuft gerade genau durch dich hindurch."
      Er strahlte überschwänglich, als sie zu ihm aufsah. In ihrem Blick stand wieder der Schimmer, mit dem er wusste, dass er ihr alles hätte erzählen können und sie hätte es ihm sofort geglaubt, nur musste er ihr diesmal nichts erzählen. Theresa wusste es alles schon selbst.
      „Geht es Jamie gut? Er hätte das nicht machen müssen. Wenn er sich wirklich etwas getan hätte…“
      "... dann hätte er seine Lektion gelernt. Hoffe ich zumindest."
      Er zwinkerte ihr zu.
      "Aber so, wie ich ihn kenne, hätte er es gleich wieder getan, wenn es ihm besser geht. Jamie hat einen Willen, der stärker ist als jeder Körper. So leicht lässt er sich nicht von irgendwas abhalten."
      Er lächelte wieder, dann dachte er daran, was er Jamie versprochen hatte. Theresa würde glücklich von ihnen gehen, wenn es soweit war. Er hatte sein Wort gegeben.
      "Also, du bist nicht mehr böse auf mich?", fragte er sanfter und sah zu ihr hinab. In dem lockeren Tonfall, den sie angeschlagen hatten, war es der perfekte Zeitpunkt, um sich ein klares Bild davon zu machen.
      "Gar nicht mehr? Ich könnte es verstehen, wenn du es noch bist. Ich habe dein Leben an uns gebunden, ohne um Erlaubnis zu bitten."
    • Deine Freunde? Tessa musste sich verhört haben. Sicher, sie hatte Jake nur ein paar Mal erwähnt. Aber Rosie? Chester hatte sie in der Nacht, in der ihre beste Freundin starb, in den Armen gehalten. Er hatte sich um sie gekümmert, ihr über den Rücken und über den Kopf gestreichelt. Er war für sie da gewesen in diesem Moment, der ihr Leben aus der Bahn geworfen hatte. Das Licht musste wirklich schlecht sein oder das Gesagte zu unwichtig, dass er nicht bemerkte, wie sich ihre Augen ein winziges Stückchen vor Verwunderung weiteten. Tessa wusste nicht, ob sie mehr geschockt oder verletzt darüber sein sollte, dass er Rosie scheinbar vergessen hatte. Es musste der Schock sein denn...
      "Du würdest dich wundern, wie viele sich wirklich schon übergeben haben. Gut, dass du es nicht gemacht hast, diesen Ruf wäre Owl sonst niemals wieder losgeworden."
      ...gleich darauf zog Chester sie wieder ganz und gar in seinen Bann. Ein Blick reichte aus und sie verfielen in ein Kichern, als hätte Chester einen ganz neuen Witz erfunden. Es war so leicht sich in dem Moment zu verlieren, in dem er Tessa allein seine Aufmerksamkeit schenkte. Es fühlte sich gut an, richtig sogar. Trotzdem war ihr jetzt ganz flau Magen. Das aufgeregte Kribbeln war verschwunden.
      "Malia hätte dafür schon dafür gesorgt, dass es niemand vergisst", kicherte Tessa.
      Es war so, so leicht geworden sich auf das Gute und Schöne zu konzentrieren.
      "... dann hätte er seine Lektion gelernt. Hoffe ich zumindest."
      Chester zwinkerte und Tessa vergaß beinahe, war das ungute Gefühl in ihrem Bauch verursachte. Er wirkte aufrichtig glücklich und sie sah es so selten, dass sie ihm diese Leichtigkeit nicht nehmen wollte. Vielleicht hatte sie sich auch verhört...? Ihn falsch verstanden...?
      "Aber so, wie ich ihn kenne, hätte er es gleich wieder getan, wenn es ihm besser geht. Jamie hat einen Willen, der stärker ist als jeder Körper. So leicht lässt er sich nicht von irgendwas abhalten."
      Lachen und Gekicher verwandelte sich in etwas Sanfteres.
      Die Kälte machte ihr schon nichts mehr aus, als Chester mit diesem Lächeln zu ihr herunter sah.
      "Also, du bist nicht mehr böse auf mich?"
      Sie nickte, aber das schien ihm nicht zu reichen.
      "Gar nicht mehr? Ich könnte es verstehen, wenn du es noch bist. Ich habe dein Leben an uns gebunden, ohne um Erlaubnis zu bitten."
      Tessa zog die Arme zurück und faltete die Hände ganz entspannt über ihrem Bauch.
      Als sie den Kopf abwandte und wieder in den Sternenhimmel hinauf sah, tat sie es nicht, um seinem Blick zu entfliehen. Nein, Tessa zog die Nase kraus und dachte angestrengt darüber nach, wie sie das, was sie sagen wollte in die richtigen Worte packen konnte.
      "Das Leben da draußen, das...naja...war kein Leben", begann sie leise und sanft. "Irgendwann hätten sie uns alle geschnappt und in eine Zelle gesteckt. Niemand lässt gern Diebe frei in seiner Stadt herumlaufen. Keiner von uns wusste, was der nächste Monat brachte. Oder die nächste Woche. Verdammt, wir wussten oft genug nicht, wie wir den nächsten Tag überstehen sollten."
      Sie drehte das Gesicht zurück zu ihm.
      "Du hattest Recht, weißt du? Frei sein...Was nützt einem Freiheit, wenn man tot ist."
      Rosie hatte es ganz bestimmt nichts genützt.
      Trotz dem ernsten Sinn hinter ihren Worten, war dieses zarte, scheue Lächeln geblieben. Und das schenkte sie gerade nur Chester.
      Zurückhaltend berührte sie seinen Arm und ihre Finger drückten sanft seinen Arm. Durfte sie das? Aber er hatte sie nicht zurück geschoben, als sie ihn umarmt hatte. Oder seine Hand genommen hatte. Es war also okay?
      "Ich bin glücklich, denke ich. Fühlt sich das so an? Ich wünsche mir manchmal trotzdem du hättest mich...ähm, gefragt."
      Tessa kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe.
      "Chester?"
      Sie ließ sich Zeit, als überlegte sie es sich noch einmal anders.
      "Erinnerst du dich wirklich nicht mehr an Rosie? Meine beste Freundin? Ich weiß, dass du sie nie gesehen hast, aber nachdem sie...gestorben ist, war ich hier. Du hast mich getröstet. Du..." - hast mich in deinem Bett schlafen lassen und gehalten, nachdem ich halb erfroren vor eurem Tor gelegen habe.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester hörte schweigend Theresas Erzählung zu. Was sie von draußen erzählte, hörte sich ganz und gar nicht gut an, dabei wusste Chester, dass sie auf der Straße gelebt und es nicht einfach gehabt hatte. Aber alleine die Vorstellung davon, nicht zu wissen, was der nächste Monat bringen würde? Das war furchtbar für ihn. Grauenvoll sogar. Und das hatte sie die ganze Zeit erlebt? Sogar schlimmer als das?
      Trotzdem - es hatte schon viele gegeben, die ein derartiges Leben dem Zirkus vorgezogen hätten. "Lieber so, als eingesperrt zu sein" hatte Chester schon ähnlich oft gehört. Genau deswegen musste er auch nochmal nachfragen, musste es aus Theresas eigenem Mund hören.
      "Du hattest Recht, weißt du? Frei sein...Was nützt einem Freiheit, wenn man tot ist."
      Chester gab ein schwaches Lächeln von sich. Auch das war etwas, wo sich die Meinungen teilen würden. Der letzte Verfechter dessen war wohl Toby gewesen.
      "Lieber die Welt aus dem Zirkus beobachten, als sie ganz zu verlassen, oder?", sagte er mit dem selben leichten Lächeln, das Theresa gänzlich in sich aufsog. Dabei war er wohl der einzige, der diese Meinung immer vertreten würde, komme was wolle. Der Zirkus war seine Welt und Chester hatte nicht vor, sie allzu bald zu verlassen. Er liebte seine Welt, so klein, wie sie war.
      "Ich bin glücklich, denke ich. Fühlt sich das so an?"
      Chester kicherte ein wenig wegen der gänzlich unschuldigen Frage.
      "Wenn es Glück für dich ist, dann fühlt es sich so an, ja. Das ist schön. Schön, dass du glücklich bist, wirklich."
      Und das meinte er auch so. Jeder, der in Chesters Zirkus glücklich wurde, war ein Geschenk für ihn, das er persönlich nahm. Es war so viel besser als eine Theresa, die ihn verteufelte.
      "Ich wünsche mir manchmal trotzdem du hättest mich...ähm, gefragt."
      "Ich weiß. Aber hättest du abgelehnt, hätte ich den nächsten nehmen müssen und vielleicht wäre er hier nicht glücklich geworden. Viele werden hier nicht glücklich, egal wie vorsichtig ich sie zu wählen versuche."
      Sein Lächeln wurde ein Stück breiter.
      "So gesehen hast du jemand anderem das Leben gerettet, nur indem du hier bist."
      Wie wahr das war, das wollte Chester unausgesprochen lassen. Es genügte, wenn einer von ihnen beiden wusste, was passierte, wenn die Uhr nicht gefüttert wurde.
      "Chester?"
      Theresa hatte angefangen, auf ihrer Unterlippe zu kauen. Mit einem unleserlichen Ausdruck in den Augen musterte sie ihn.
      Chester sah zurück, so offen, wie es ihm möglich war.
      "Erinnerst du dich wirklich nicht mehr an Rosie? Meine beste Freundin? Ich weiß, dass du sie nie gesehen hast, aber nachdem sie...gestorben ist, war ich hier. Du hast mich getröstet. Du..."
      Ihre beste Freundin, die gestorben war? Oh. Vielleicht hätte Chester sich das aufschreiben müssen. Ein Stich Panik durchfuhr ihn, als er sein Gehirn zum Arbeiten zwang, sich drängend an etwas zu erinnern versuchte, das - wie lange her sein konnte? Ein Jahr? Nein - zwei Jahre? Das stimmte nicht, weniger. Ein halbes Jahr? Eine Woche - zwei? Sicher nicht länger als drei Wochen, aber trotzdem hatte er Schwierigkeiten, sich daran zu erinnern, was vorgefallen war. Er hatte sie wohl getröstet. Wo getröstet? Wie getröstet? Weshalb überhaupt getröstet? Achja, die Freundin. Wie hieß sie nochmal? Und wo war das passiert? Tausend Erinnerungen prasselten auf ihn ein von Leuten, die er getröstet hatte, im Kantinenzelt getröstet, in der Manege getröstet, bei den Requisiten getröstet, in seinem Zelt getröstet, sitzend stehend liegend, mit Tränen und mit Worten, getröstet wegen... was auch immer, aber getröstet eben. Chester kniff die Augen zusammen - dann fiel es ihm mit einem Schlag wieder ein. Ein Moment vor, was, vielleicht acht Jahren, als er mit Theresa im Bett gelegen hatte, als er sie an sich gehielten hatte, ihren kalten Körper, der ihm so sehr Angst gemacht hatte, dass sie es nicht schaffen könnte. Er erinnerte sich sogar sehr gut daran. Und das war wegen ihrer Freundin gewesen?
      Seine Miene hellte sich auf und er nickte.
      "Rosie - ja stimmt. Tut mir leid, ich habe... ich erinnere mich manchmal nicht so gut, aber ich weiß es wieder. Ihr wart euch sehr nahe, oder?"
      Das konnte er jetzt nur raten. Er konnte sich zwar an die Nacht erinnern, aber nicht an alle Details die sie beredet hatten. 20 Jahre waren ja auch eine zu lange Zeit, um sich noch daran zu erinnern.
      "Wären sie glücklich für dich, wenn sie wüssten, wie es dir hier geht? Was meinst du?"
    • Irgendetwas hatte ihre Frage bewirkt. Für einen langen, stillen Moment sah Chester sie einfach nur an. Er sah sie direkt an und doch auch irgendwie durch sie hindurch. Chester wirkte entrückt, aber nicht auf die verzauberte Art und Weise, die sie bei den Besuchern seiner Vorstellungen bemerkt hatte. Ganz langsam setzte sich Tessa auf, platzierte ihre Füße fest auf dem abgeschrägten Dach damit sie nicht herunterrutschte. Sie musterte sein Gesicht, aus dem, wie üblich, nichts abzulesen war, was überhaupt in seinem Kopf vor sich ging. Gerade, als sie den Mund aufmachen wollte, um etwas zusagen, hellte sich seine Miene plötzlich auf und er nickte.
      "Rosie - ja stimmt. Tut mir leid, ich habe... ich erinnere mich manchmal nicht so gut, aber ich weiß es wieder. Ihr wart euch sehr nahe, oder?"
      Tessa zog die Stirn kraus.
      Natürlich waren sie sich nahe gewesen. Eigentlich müsste er das wissen. Sie hatte sich die Augen aus dem Kopf geheult und an dem Tag, an dem er ihre Seele gestohlen hatte, war sie am frühen Morgen zum Friedhof aufgebrochen. Chester hatte sie verabschiedet, hatte sie bis zum Tor begleitet, aus dem er nie einen Fuß setzte.
      "Ja, sie war...", begann Tessa. "Ich habe dir von ihr erzählt..."
      Wieder hielt sie inne.
      "Wären sie glücklich für dich, wenn sie wüssten, wie es dir hier geht? Was meinst du?"
      "Ja, natürlich. Ich meine, ich denke schon...- Chester, ist alles in Ordnung?"
      Tessa ein wenig näher an ihn heran, doch das wenige Licht machte es schwierig, den Ausdruck in seinen Augen richtig zu deuten. Sanft drückte sie erneut seinen Arm und ihr Blick sprang zwischen seinen Augen hin und her. Da stimmte etwas nicht. Sie kam nicht drauf, aber sie fühlte es. Rosie wäre sicherlich eher darauf gekommen. Sie hatte mehr Feingefühl besessen, als jeder andere Mensch, den Tessa bisher gekannt hatte. Bestimmt hätte sie gewusst, was zu tun war.
      "Es ist die Uhr, oder?"
      Sie begab sich auf dünnes Eis.
      Ganz behutsam, als fürchtete sie plötzlich, dass Chester aufstehen und gehen könnte, wenn sie nicht das Thema wechselte, sank ihre Hand seinen Arm herab bis sie seine kühlen Finger spüren konnte. Tessa drehte sich ihm noch ein Stückchen weiter zu und nahm seine Hand zwischen ihre beiden. Sie mochte es nicht, wie kalt seine Finger waren. Es erinnerte sie zu sehr an den Tag, an dem sie Chester hatte sterben sehen.
      Tessa hob seine Hand und wie zuvor bei ihren eigenen, blies sie ihren warmen Atem gegen seine kalten Fingerspitzen.
      "Erinnerst du dich daran, was mit Rosie passiert ist? Wie sie gestorben ist?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Theresa zog die Stirn kraus.
      Das war Chesters erster Hinweis darauf, dass er etwas falsches gesagt hatte. Seine innere Panik verschärfte sich, als er rückwärts ruderte und seine Erinnerungen nochmal überdachte. Okay, Theresa und Rosie waren sich ganz eindeutig doch nicht nahe gewesen. Was war es dann? Was hatte sie ihm von ihr erzählt? Er versuchte sich krampfhaft an ein Gespräch zu erinnern, das anderthalb Jahre her war.
      "Ja, sie war... Ich habe dir von ihr erzählt..."
      Hatte sie also... Hatte sie. Chester musste das akzeptieren und mit dem arbeiten, was er hatte. Er wusste nichts und doch merkte er, dass er sich hier auf sehr dünnes Eis begab, genau deswegen. Rosie war wichtig gewesen, das wusste er jetzt. Wieso hatte er sich das nicht aufgeschrieben! Hätte er nur vor drei Jahren daran gedacht.
      "Ja, natürlich. Ich meine, ich denke schon...- Chester, ist alles in Ordnung?"
      Oh - was? Chester war nicht aufgefallen, dass seine Maske verrutscht wäre. Hatte er eine getragen? Aber ganz anscheinend musste es so gewesen sein, denn plötzlich bedachte Theresa ihn mit einer Aufmerksamkeit, die sein Unwohlsein nur noch verstärkte. Er hatte Mist gebaut, indem er so etwas wichtiges vergessen hatte - okay. Jetzt musste er es eben wieder richten.
      Ein selbstverständliches Lächeln glitt über sein Gesicht.
      "Ja, natürlich. Warum fragst du?"
      Aber irgendwie wirkte es nicht. Theresa sah ihn noch immer mit einem Blick an, der sich anfühlte, als wolle sie durch ihn hindurchschauen und rutschte ein bisschen näher heran. Tatsächlich wurde Chester unsicher. Unsicher! Es war so lachhaft, aber er konnte das Gefühl nicht anders beschreiben, das sich langsam in ihm ausbreitete.
      "Es ist die Uhr, oder?"
      So plötzlich wie die Frage kam, so plötzlich fiel auch sein Lächeln ein. Egal, wie Theresa auf dieses Thema jetzt gekommen war - er würde es nicht gestatten. Nicht hier, nicht jetzt, eigentlich auch sonst nicht, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Das ständige Ticken war seine ungewollte Erinnerung daran und sämtliche Themen, die die Uhr betrafen, hatte er schon hundert Mal durchgearbeitet. Er würde nicht jetzt darüber reden. Er wusste nicht einmal, warum sie fragte.
      "Ich weiß nicht, was du meinst", sagte er mit festerer Stimme, nicht streng, aber bestimmend. Ein Hinweis für Theresa, den sie verstehen sollte. Chester wollte jetzt nicht über seine Uhr reden.
      Aber sie ließ nicht davon ab, hatte er das Gefühl, als sie ihre Hand von seinem Arm nahm und sie stattdessen um seine Hand legte. Sein Blick verließ ihre Augen nicht, selbst dann nicht, als er auch ihre zweite Hand spürte und sie sich beide um ihn schlossen. Ihre Haut war mindestens so kalt wie seine und trotzdem fühlte sie sich für ihn ganz warm an. Sie erinnerte ihn an den kalten Gang und an eine leise Stimme, die ihn begleitet hatte, selbst, als er nicht mehr gewesen war.
      Ganz langsam hob sie seine Hand und blies warmen Atem auf seine Haut. Eine Gänsehaut zog über seinen Arm hinauf.
      "Erinnerst du dich daran, was mit Rosie passiert ist? Wie sie gestorben ist?"
      Für einen Moment gesellte sich zu der Erinnerung das Gefühl des warmen Wagens, des Kamins, vor dem Chester geschlafen hatte, nur um im Bett aufzuwachen. Von Theresa. Und fast wäre er ehrlich geworden, hätte ihre Fragen beantwortet mit nichts als der Wahrheit. Es war schließlich Theresa, mit der ihr hier sprach. Theresa. Aber Jahrzehnte an Gewohnheit ließen sich nicht unterdrücken, als sich ein Ausdruck in seinen Augen ausbreitete, der die perfekte Mischung aus Betroffenheit und Trauer zeigte.
      "Natürlich, es ist furchtbar. Ein Schicksal, das ich niemandem wünsche - allen voran nicht dir, Theresa."
      Er drückte ihre Hand leicht, aber irgendwie war es nicht so einfach, sie von seinen Worten zu überzeugen. Er konnte es darin sehen, dass ihr Blick auf ihm haften blieb, unendlich aufmerksam und fast schon intensiv. Er musste eben noch einen drauflegen.
      "Es muss nicht leicht gewesen sein für euch beide. Es ist gut, dass du stattdessen zu uns gekommen bist. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich Rosie auch einen Platz bei uns angeboten. Wenn es nicht schon zu spät gewesen wäre."
      So viel Informationen konnte er den wenigen Fetzen immerhin erziehen und er lächelte Theresa traurig an. Zumindest wusste er, dass sie noch immer bei Theresas Heimatstadt waren, so etwas vergaß er auch nach fünf Jahren nicht.
      "Du kannst sie besuchen, wenn du möchtest. Solange wir noch hier sind und du die Chance dazu hast."
    • "Ich weiß nicht, was du meinst.“
      Da war sie, die Grenze. Sie baute sich vor Tessa auf wie eine undurchdringliche Mauer und erstickte das aufgebrachte, unliebsame Thema im Keim. Tessa, die versprochen hatte, diese Grenze zu akzeptieren, bohrte nicht weiter nach. Aber sie hatte ein Versprechen gegeben, dass seine Geheimnisse ihm allein gehörten, und Chester hatte ihr vertraut. Also fragte sie kein zweites Mal nach der Uhr, dafür lag ihr eine andere Frage auf der Zunge und als sie die Antwort bekam, wünschte sich Tessa, gar nicht erst gefragt zu haben.
      "Natürlich, es ist furchtbar. Ein Schicksal, das ich niemandem wünsche - allen voran nicht dir, Theresa."
      Chester log.
      Sie hatte es noch nie so deutlich wahrgenommen wie in diesem Moment. Es war, als hätte sich der Schleier, der Chester ständig umgab, ein wenig gelichtet. Tessa biss sich auf die Zunge und zwang sich regelrecht dazu, einfach dazu sitzen und zu schauen, wie Chester mit ihrer Stille umging. Das Lächeln war längst von seinem Gesicht verschwunden und Tessa bereute nun wirklich ihn danach gefragt zu haben. Sie einfach hier sitzen und lachen können, draußen in der Kälte mit den Sternen über ihnen.
      "Es muss nicht leicht gewesen sein für euch beide. Es ist gut, dass du stattdessen zu uns gekommen bist. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich Rosie auch einen Platz bei uns angeboten. Wenn es nicht schon zu spät gewesen wäre."
      Das Mitgefühl, das sich in seinem Gesicht spiegelte, war perfekt. Es war genau der Ausdruck, den jeder sehen wollte, der gerade einen schweren Verlust erlitten hatten. Trotzdem umschiffte Chester die eigentliche Frage mit einer Leichtigkeit, die Tessa einen Schauer über den Rücken jagte. Keinen der guten Sorte.
      „Du lügst“, murmelte sie ganz leise.
      Nein, das war nicht richtig. Nicht ganz.
      "Du kannst sie besuchen, wenn du möchtest. Solange wir noch hier sind und du die Chance dazu hast."
      Ja, bis zum Friedhof schaffte sie es, aber um dieses Detail ging es Tessa gar nicht.
      „Du lügst“, wiederholte sie nun deutlicher, überraschter. „Du lügst und ich kann es sogar sehen.“
      Welcher Ausdruck sich auch gerade auf sein Gesicht schlich, er alarmierte Tessa. Es war eine rutschige Angelegenheit auf die Knie zu kommen, so sehr beeilte sich die ehemalige Diebin dabei. Dass sie dabei seine Hand nicht loslassen wollte, machte es nicht leichter.
      „Nein, nein, nein…Warte, Chester.“
      In ihre Stimme hatte sich ein ängstlicher Ton gemischt und doch wirkte Tessa sehr entschlossen, den Mann nicht den Rückzug antreten zu lassen.
      „Sieh mich an“, forderte sie sanft. „Chester, komm schon, sieh mich an.“
      Auf den Knien und etwas wackeliger als ihr lieb war, ließ sie seine Hand los und umrahmte mit ihren kühlen Händen ganz behutsam sein Gesicht. Ihr Blick sprang zwischen seinen Augen hin und her, die ihr so vertraut waren. Unsicherheit breitete sich aus, ob sie nicht zu weit ging. Sie hatten sich gerade wiedergefunden – Konnte man das so nennen?
      „Es ist in Ordnung, wenn du dich nicht erinnerst“, flüsterte sie.
      Eigentlich war nichts in Ordnung. Der einzige Mensch auf der Welt, mit dem sie ihre Trauer und ihren Verlust geteilt hatte, der sie durch die schwerste Nacht ihres Lebens begleitet hatte, erinnerte sich nicht daran. Es fühlte sich an, als hätte sie etwas Wichtiges verloren. Tausend Fragen schossen ihr durch den Kopf.
      „Ich hör‘ auf zu fragen, okay?“, versuchte sie es. „Du musst nichts sagen, nichts erklären. Deine Geheimnisse gehören dir. Das habe ich so gesagt und das meinte ich auch so.“
      Zurückhaltend bewegten sich ihre Daumen über seine kalten Wangen. Sie sollten nicht so lange in der Kälte sitzen. Das war nicht gut. Tessa versuchte zu lächeln um Chester zu beruhigen, doch der Ausdruck hatte etwas unverkennbar Flehendes an sich.
      „Wir müssen auch gar nicht reden. Nur…lüg nicht“, flüsterte sie und fügte noch leiser hinzu. „Ich mag es nicht, wenn du mich anlügst.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Du lügst."
      Die Antwort traf Chester so tief drinnen, dass ihm mit einem Schlag ganz kalt wurde. Er starrte Theresa an, erfroren in seinem Schauspiel, starrte sie an so wie sie ihn anstarrte. Seine Hände waren jetzt plötzlich eiskalt. Alles war eiskalt.
      „Du lügst und ich kann es sogar sehen.“
      Das konnte nicht sein.
      Das ging einfach nicht.
      Chester und lügen? Nein, sowas tat er nicht. Er sprach die Wahrheit, nur die Wahrheit. Warum glaubte sie das nicht? Warum war sie nicht überzeugt davon? Was war geschehen, was hatte Chester falsch gemacht? Wo hatte er versagt?
      Seine Gedanken überschlugen sich mit einem Mal. Er ging die letzten Sekunden noch einmal durch, von vorne bis hinten und dann wieder nach vorne, analysierte, wie Theresa ihn angesehen hatte, was er zu ihr gesagt hatte, wie er seine Wörter betont, wie er geschaut hatte, wie sie darauf reagiert hatte, was sie getan hatte, wie sich ihre Augen bewegt hatten. Er suchte nach dem unweigerlichen Fehler, der sich bei ihm eingeschlichen hatte und den er doch nicht finden konnte. Was war es gewesen? Was? Waren es seine Augen gewesen, sein Blick? War er nicht traurig genug gewesen? War es seine Stimme gewesen, hätte er sie angeschlagen klingen lassen sollen? Hätte er es anders formulieren sollen, hätte er lieber sagen sollen "Ich freue mich, dass du stattdessen zu uns gekommen bist"? Hätte er sie berühren sollen? Sie hatte ihn berührt, die ganze Zeit schon, er hatte es nur nicht erwidert - lag es daran? War es das? Was war es?
      Seine Gedanken gingen in Chaos auf und bevor irgendetwas davon hätte durchscheinen können, zog Chester seine Maske auf, die leichteste von ihnen allen, ein leicht verkniffener Gesichtsausdruck mit strengen Augen. Es schlug jeden in die Flucht, mit Chester dem Mann gerechnet zu haben und plötzlich Chester den Zirkusdirektor vor die Nase gesetzt zu bekommen.
      "Ich gehe jetzt."
      Plötzlich wurde Theresa hektisch. Sie strampelte sich auf die Beine, schneller noch, als Chester hätte aufstehen können. Wirklich schneller. Sie hatte ja wohl auch mehr Erfahrung damit, sich auf eisigen Dächern aufzurichten.
      „Nein, nein, nein…Warte, Chester.“
      "Es ist kalt. Du solltest auch nicht zu lange draußen bleiben", fuhr er erbarmungslos fort, ignorant gegenüber ihrer flehenden Stimme. Er würde sich diese Nacht keinen weiteren Riss mehr erlauben. Woran hatte es nur gelegen? Hätte er mehr darauf eingehen sollen, wie nahe die beiden sich standen? Oder wann diese Rosie gestorben war? Wann war sie denn genau gestorben?
      „Sieh mich an“, sagte sie, als er sich gerade dem Rand zuwandte, wo er hochgekommen war. Er hörte nicht auf sie, er wollte sie nicht ansehen. Warum glaubte sie nicht, dass es die Wahrheit gewesen war?!
      „Chester, komm schon, sieh mich an.“
      Kurz vor dem Rand blieb er stehen. Er sprang nicht, dabei wäre es das einfachste gewesen, einfach den nächsten Schritt zu machen und nach unten auf den Boden zu hüpfen. Dann wäre er Theresa los und ihren furchtbaren Blick, als sie erkannt hatte, dass er gelogen hatte. Was sie nicht hätte erkennen dürfen!
      Aber er blieb stehen. Er wusste nicht, was genau ihn dazu bewegte, er wusste nur, dass er jemand anderen einfach stehengelassen hätte, Liam oder Roy oder Owl. Aber nicht Theresa. Warum nicht Theresa?
      Du wirst nachlässig.
      Er drehte sich zu ihr um und da stand sie vor ihm, die Augen groß und ein wenig scheu, aber auch überzeugt. Sie hob beide Hände und Chesters Blick war ein wenig zu scharf, als er zu ihnen flackerte, bevor er wieder in ihre Augen sah. Ihre Hände legten sich kühl an seine Wangen, dabei waren sie wesentlich wärmer als die Kälte in seinem Inneren. Woran hatte es gelegen?!
      „Es ist in Ordnung, wenn du dich nicht erinnerst.“
      Es war furchtbar, aber Chester glaubte es ihr sofort. Er glaubte es ihr wirklich und es war schlimm, dass seine eigene Expertise nicht ausreichte, um Theresa zu überzeugen, während sie einen so einfachen Satz aussprach und ihn so schnell davon überzeugt hatte. Es war in Ordnung, wenn er sich nicht erinnerte. Vielleicht war es nicht global in Ordnung, denn für Chester war es das definitiv nicht, aber für Theresa war es in Ordnung. Er las aus ihren Worten, was sie ihm selbst nicht übermittelte und überzeugte sich dadurch nur noch mehr davon. Was geschah nur mit ihm?
      „Ich hör‘ auf zu fragen, okay?“, fragte sie weiter, als er nichts antwortete. Dabei war Chester nur nicht sicher, was er jetzt machen sollte. Wegzugehen schien genauso falsch wie zurückzugehen und sich dem Risiko ein zweites Mal auszusetzen.
      „Du musst nichts sagen, nichts erklären. Deine Geheimnisse gehören dir. Das habe ich so gesagt und das meinte ich auch so.“
      Das meinte sie so. Tat sie das wirklich? Aber wäre sie sonst noch hier, wenn sie seine Lüge entlarvt hatte? Hätte sie ihn sonst nicht schon längst vertrieben?
      Chester suchte in ihrem Gesicht nach einer Antwort. Dass er sie nicht fand, war irgendwie zu erwarten gewesen, aber er fand auch nichts anderes in ihrer Miene, das ihn vom Gehen überzeugt hätte. Theresa sprach die Wahrheit - oder war es jetzt schon so sehr um ihn geschehen, dass er solchen einfachen Mitteln verfiel?
      „Wir müssen auch gar nicht reden. Nur…lüg nicht", fügte sie in die anhaltende Stille hinzu. „Ich mag es nicht, wenn du mich anlügst.“
      Eine Wahrheit, definitiv eine Wahrheit. Dessen war Chester überzeugt und es war wohl letztlich der Grund dafür, dass er sich nicht doch wieder umdrehte und nach unten sprang. Stattdessen ließ er es zu, dass Theresa ihn zurückleitete, an den Fleck, wo sie bis eben noch gesessen hatten. Dann setzte er sich von ganz alleine, stellte die Beine auf und legte die Arme locker darauf ab. Theresa setzte sich vorsichtiger und blieb still, als würde sie ihre Treue zu ihren eigenen Worten beweisen müssen.
      Chester sagte auch nichts mehr. Er ließ den Blick über die dämmrigen Lichter des Zirkusses schweifen und nahm Theresa beim Wort, dass sie gar nichts mehr sagen mussten. Er tat es auch nicht, er dachte nach. Er dachte viel nach, wanderte durch Gedankengänge und Abzweigungen, die bei keinen zufrieden stellenden Ergebnissen landeten. Er dachte noch immer darüber nach, woran es gelegen hatte und er dachte auch darüber nach, wie er in Zukunft Theresa behandeln sollte. Wenn er noch einmal einen solchen Fehler beging, würde sie anfangen ihm zu misstrauen? Das war nur naheliegend. Was also tun, ihr ganz aus dem Weg gehen? Ihre Freundschaft verstoßen? Nicht mehr lügen?
      "Ich hab's nicht so mit Namen", sagte er schließlich leise in den Zirkus hinaus. Er überblickte die kleine Welt, in der er lebte, und versuchte sich vorzustellen, dass alles in Ordnung war, so wie immer.
      "Mit Namen und mit Zeiten. Das vergesse ich schnell oder bring es durcheinander."
      Er warf Theresa einen kurzen Seitenblick zu.
      "Das ist nichts persönliches. Irgendwann lässt das Gedächtnis nunmal nach. Aber es ist so."
    • Es passierte alles so schnell. Plötzlich standen sie am Rand des Daches und für einen kurzen Moment glaubte Tessa, dass er einfach herunterspringen und den Schatten zwischen des Zelten verschwinden würde. Die Vorstellung weckte eine Panik die sie seit...seit diesem einen Tag nicht mehr gefühlt hatte. An diesem Punkt hätte sie vermutlich alles getan, damit er nicht einfach verschwand.
      Unter ihren Händen bildete sein Gesicht ein strenge, versteinerte Maske. Die mochte sie auch nicht. Sie war zu perfekt, zu verschlossen und doch musste sie sich nun damit abfinden. Wenn sie doch einfach nur den Mund gehalten hätte.
      Als er sich nach einer gefühlten Ewigkeit immer noch nicht bewegte, trat sie einen Schritt zurück, die Hände um sein Gesicht und obwohl sie keinerlei Kraft in ihren sanften Halt legte, folgte Chester ihr langsam. Stückchen für Stücken zurück bis sie wieder genau dort waren, wo sie aufgesprungen waren. Chester setzte sich wieder und Tessa tat es ihm gleich. Sie faltete die Beine zu einem Schneidersitz, die Hände nun leer und seltsam kalt.
      Die stille war nicht minder seltsam und beklemmend dazu. Von der Leichtigkeit war nichts mehr zu spüren. Tessa folgte seinem Blick über die Zeltdächer des Zirkus Magica und presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. Vieles lag ihr auf der Zunge, aber allem voran eine Entschuldigung. Sie wusste nicht, wie lange sie dort saßen, bis Chester neben ihr zu sprechen begann.
      "Ich hab's nicht so mit Namen."
      Tessa senkte den Blick auf ihre Füße, fort von den Lichtern, die sie zuvor noch bewundert hatte. Die ihr ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hatten. Sie amtete langsam und lang aus. Wann hatte sie vergessen Luft zu holen? Sie fröstelte, doch die Decken waren in der Hektik vergessen und schließlich vom Dach gerutscht. Es musste so sein, sie konnte sie nicht mehr sehen.
      "Mit Namen und mit Zeiten. Das vergesse ich schnell oder bring es durcheinander."
      Das passierte doch jedem mal.
      Aber Tessa wusste, dass es nicht so einfach war. Nicht mit Chester.
      "Das ist nichts persönliches. Irgendwann lässt das Gedächtnis nun mal nach. Aber es ist so."
      Dieses Mal glaubte sie ihm.
      Tessa stützte die Ellbogen auf ihren Beinen ab und das Kinn in ihre Hände. Nachdenklich sah sie in die Ferne ohne wirklich hinzusehen. Sollte sie etwas sagen? Weiter schweigen? Aber Chester hatte angefangen, also durfte sie doch bestimmt...? Keine Fragen, ermahnte sie sich. Bohr' nicht nach, Tessa.
      "Das macht Sinn, denke ich", murmelte sie. "Du bist alt. Man sieht es dir nicht an, aber dein...ähm, dein Verstand ist es."
      Sie tippte sich leicht gegen die Stirn.
      "Du lebst seit...was? Jahrhunderten? Man kann keine Hunderte von Leben in seinem Kopf haben und auf dem Weg nicht etwas vergessen."
      Sie deutete eine kleine Distanz zwischen Zeigefinger und Daumen an.
      "Unsere...Köpfe sind zu klein dafür."
      Nur die schlechten Dinge, an die erinnerte er sich. An die Menschen, die ihn mies behandelt, gefoltert und durch sein eigenes Heim gejagt hatten. An die Tode. Einsam und allein. Von dutzenden Augenpaaren, die dabei zusahen.
      Tessa legte den Kopf zurück in ihre Hände, kippte den Kopf etwas zur Seite und sah ihn mit ihren großen Augen an. Die Verunsicherung war ihr anzusehen. Trotzdem bemühte sie sich für Chester um ein Lächeln. Es war wackelig, aber ernst gemeint und verständnisvoll, obwohl sie eigentlich nichts davon mit ihrem kurzen Leben wirklich begreifen konnte.
      "Ich kann mir nicht vorstellen, wie laut es in deinem Kopf sein muss. Alles was passiert ist. Die Namen, die Gesichter, die Jahre...und alles gleichzeitig."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Das macht Sinn, denke ich", gab Theresa zurück, jetzt leise, als wäre sie vorsichtig, nicht zu laut zu sprechen. "Du bist alt. Man sieht es dir nicht an, aber dein...ähm, dein Verstand ist es."
      "Mh."
      So konnte man es nennen, seinen, ähm, Verstand. Oder eher sein Geist? Machte das bei Chester denn einen Unterschied?
      "Du lebst seit...was? Jahrhunderten?"
      Chester warf ihr einen kurzen Blick zu, aber Theresa erwartete keine Antwort auf die Frage.
      "Man kann keine Hunderte von Leben in seinem Kopf haben und auf dem Weg nicht etwas vergessen. Unsere...Köpfe sind zu klein dafür."
      Theresa war erstaunlich verständnisvoll, dafür dass Chester eine ihrer Freunde vergessen hatte. Warum? Woher hatte sie eine solche Fantasie, sich an seine Stelle zu versetzen? Oder wusste sie nur, was er hören wollte, war das nur ein Mittel, ihn weiter von sich zu überzeugen?
      "Nein", sagte er langsam, "das kann man wohl nicht."
      Theresa sah ihn für einen Moment nur an, dann legte sie den Kopf in ihre Hände. Wäre ihre Miene auch nur halbwegs mitfühlend gewesen, wäre Chester vermutlich aufgestanden und direkt gegangen, ohne sich noch ein weiteres Wort von ihr anzuhören. Aber in ihrem Blick konnte er deutlich Unsicherheit erkennen, vielleicht genau deswegen, weil sie nicht wusste, ob er nicht doch noch ging. Oder war sie sich dessen bewusst? Schaute sie deswegen absichtlich so?
      Nun hör aber auf.
      Wenn er noch anfing, sich selbst in jedem anderen zu sehen, dann würde Chester sehr schnell in einem regelrechten Albtraum leben. Vielleicht waren manche Leute so manipulativ wie er, aber nicht alle. Nicht Theresa, die schon längst alles hätte bekommen können, was sie hätte haben wollen, als sie in dem Gang gefunden hatte. Er durfte jetzt nicht mit sowas anfangen.
      "Ich kann mir nicht vorstellen, wie laut es in deinem Kopf sein muss. Alles was passiert ist. Die Namen, die Gesichter, die Jahre...und alles gleichzeitig."
      Leise seufzte er und sah wieder auf seinen Zirkus hinaus. Nicht jeder war so wie er, vielleicht musste er sich das manchmal deutlicher verinnerlichen.
      "Eigentlich ist es sehr ruhig", sagte er dann. "Ich erinnere mich an... Ich weiß, was ich wissen muss. Manchmal erinnere ich mich an Gerüche und an Gefühle, manchmal erinnere ich mich an ganze Akte, manchmal erinnere ich mich an Namen."
      Er warf Theresa dabei einen kurzen Blick zu. Theresa.
      "Aber viel ist es nicht mehr. Ich weiß nicht, welcher Tag gestern war und irgendwann, vielleicht in ein paar Wochen, vielleicht auch schon morgen, werde ich heute vergessen haben. Es ist nicht wichtig, also vergesse ich es. Alles, was nicht relevant ist, vergesse ich. Aber ihr seid mir dafür wichtig."
      Wieder ein kurzer Blick zu Theresa.
      "Euch werde ich nicht vergessen, nicht dich und nicht Malia, nicht Liam und nicht Owl, nicht Toby und nicht Brandon, keinen von euch. Vielleicht werde ich irgendwann nicht mehr wissen, wie genau ihr gewesen seid, wie ihr gelacht habt und worüber ihr geweint habt, vielleicht sogar nichtmal, wie ihr ausgesehen habt, aber ich werde wissen, dass ihr hier gewesen wart und dass wir zusammen hier den Zirkus am Laufen gehalten haben. Ich werde wissen, dass ich euch ausgewählt habe, aus Gründen, die ich dann schon längst vergessen haben werde, und dass ihr euer Leben hier zu Ende gelebt hattet. Ich werde euch alle nicht vergessen. Vielleicht hat euch die Welt in dem Moment vergessen, in dem ihr diesen Zirkus betreten habt, aber ich werde euch nicht vergessen. Für mich werdet ihr immer einen Platz in meinen Erinnerungen bekommen."
    • Chester seufzte, was Tessa zum Anlass nahm, wieder in Schweigen zu verfallen. Wie er richtete sie den Blick wieder in die Ferne, nein, auf die kleine Welt des Zirkus, der bis zum Ende ihrer Tage nun ihr Zuhause war. Es gab Schlimmeres. Oder nicht? Was Chester in diesem Moment beschäftigte, blieb ein Rätsel für Tessa. Bis er sich ganz überraschend dazu entschloss, sie doch daran teilhaben zu lassen.
      Obwohl Tessa den Blick nicht von den Zeltdächer abwandte, die sich leicht in der Brise wogen, lag ihre ungeteilte Aufmerksamkeit bei dem Mann neben ihr. Es war ganz deutlich zu sehen. Das Kinn zuckte ein wenig nach oben, ebenso wie ihre Schultern. Ganz leicht, es war ganz leicht zu übersehen, drehte sich ihr Oberkörper in seine Richtung. Nur ein kleines Stückchen. Diese Momente, in denen sich Chester ein wenig öffnete, waren besonders kostbar für Tessa.
      "...Ich weiß nicht, welcher Tag gestern war und irgendwann, vielleicht in ein paar Wochen, vielleicht auch schon morgen, werde ich heute vergessen haben. Es ist nicht wichtig, also vergesse ich es. Alles, was nicht relevant ist, vergesse ich..."
      "Woher weißt du, was..."
      "...Aber ihr seid mir dafür wichtig."
      Jetzt sah Tessa ihn doch wieder an und lächelte zurückhaltend. Es berührte sie, auch wenn Chester alle seine Schützlinge darin einschloss. Tessa war nun einer von diesen Menschen. Nichts Besonderes, aber ein Teil seiner Welt, die ihm am Herzen lag. Was konnte sie mehr verlangen, nach allem, was er Chester ihr anvertraute?
      "...Ich werde wissen, dass ich euch ausgewählt habe, aus Gründen, die ich dann schon längst vergessen haben werde, und dass ihr euer Leben hier zu Ende gelebt hattet."
      Wie traurig das in ihren Ohren klang.
      Das Einzige, an das sich Chester wirklich erinnern würde, war ihr Tod.
      Alles andere verschwand mit der Zeit im Nebel des Vergessens.
      Tessa ergriff dasselbe Gefühl, das sie bereits bei der unschönen Konfrontation im Requisitenzelt erfahren hatte. Derselbe Gedanke, der ihr in den eisigen Stunden gekommen war, in denen sie neben seinem regungslosen Körper ausgeharrt hatte.
      Ich denke, du bist einsam, hatte sie ihm im Streit an den Kopf geworfen.
      Sie hatte etwas an diesem Tag bewegt, denn danach war Chester unter seiner vielen Masken verschwunden.
      Wahrheit...dachte Tessa, tut weh.
      "Ich werde euch alle nicht vergessen. Vielleicht hat euch die Welt in dem Moment vergessen, in dem ihr diesen Zirkus betreten habt, aber ich werde euch nicht vergessen."
      Ja, wie einsam musste ein ewiglanges Leben sein, wenn man nichts anderes besaß als bruchstückhafte Erinnerungen an Menschen, von denen man wusste, dass sie wichtig gewesen waren, vielleicht sogar bedeutend oder auch nur ein kleines Licht in seiner bunten Welt gewesen waren. Wenn das alles war, was übrig blieb.
      Tessa wusste nicht, was sie tun sollte.
      Mitgefühl ertrug der Mann nur selten ohne im Anschluss den Gebrauch eine seiner Masken in Anspruch zu nehmen. Tessa sah auch jetzt in eine seiner Masken. Sie glaubte nicht, dass irgendjemand den richtigen Chester überhaupt seit Langem zu Gesicht bekommen hatte. Wie auch, wenn diese riesigen Lücken in seinem Kopf klafften. Wer war man ohne seine Erinnerungen?
      Sie wusste, dass ihn umarmen wollte.
      Aber sie hatte ihn nie gefragt, ob all diese Berührungen überhaupt in Ordnung waren. Owl, Roy und viele der anderen teilten ihre Zuneigung, ihre Freundschaft und ihr Mitgefühl mit Berührungen mit. Eine Hand auf der Schulter, ein umgelegter Arm...Sie hatte sich so daran gewöhnt, dass sie gar nicht weiter darüber nachgedacht hatte.
      "Für mich werdet ihr immer einen Platz in meinen Erinnerungen bekommen."
      "Das ist...", fing sie an und stockte.
      Tessa blinzelte.
      Oh, nein. Keine Tränen, nicht jetzt.
      Sie schluckte den Kloß herunter und schüttelte mit einem unsicheren, leisen Lachen den Kopf um den inneren Tumult zu überspielen.
      "Ich würde dich gerade wirklich gerne umarmen."
      Fahrig strich sie sich das Haar zurück.
      "Aber dann ist mir eingefallen, dass ich dich nie um Erlaubnis gefragt habe. Ob das für dich überhaupt okay ist."
      Sie seufzte.
      "Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber ich möchte etwas für dich tun. Das hier muss nicht leicht für dich sein, also...Ich würde dich gerade wirklich, wirklich gerne umarmen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Das ist", setzte Theresa an und stockte wieder. Dabei konnte Chester gar nicht anders, als eine gewisse Gereiztheit dabei zu verspüren, was sie als nächstes sagen würde. Wenn sie jetzt mit "Das ist furchtbar" oder "Das ist traurig" kommen würde, dann wäre dieses Thema für ihn endgültig vorüber, das wusste er ganz sicher. Er hatte es ihr nicht erzählt, um ihr Mitleid zu bekommen; Chester brauchte niemandes Mitleid. Er war unsterblich, er würde sie alle überdauern, er würde nach Theresa jemand anderen haben und danach auch wieder jemand anderen, er benötigte es nicht, dass ihn ein Sterblicher bemitleidete.
      Aber Theresa sagte auch nichts dergleichen. Sie schüttelte leicht den Kopf und lachte leise, als könnte sie ihre eigene Gefühlswelt nicht verstehen. Chester warf ihr einen Blick zu, um nur nicht die kleinen Fältchen zu verpassen, die sich beim Lachen um ihre Augen bildeten.
      "Ich würde dich gerade wirklich gerne umarmen."
      Oh. Nun, damit hatte Chester nun wirklich nicht gerechnet.
      Er zog eine einzelne Augenbraue nach oben und Theresa fuhr sich nervös über die Haare.
      "Aber dann ist mir eingefallen, dass ich dich nie um Erlaubnis gefragt habe. Ob das für dich überhaupt okay ist."
      Okay? Ob es für Chester okay ist? Das war ja mal... eine komische Aussage. Wieso sollte eine Umarmung für einen Mann, der nicht sterben konnte, nicht okay sein? Es war ja nicht so, als würde es ihn umbringen.
      "Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber ich möchte etwas für dich tun. Das hier muss nicht leicht für dich sein, also...Ich würde dich gerade wirklich, wirklich gerne umarmen."
      Aber sie meinte es wohl ernst und da blieb Chester wohl nichts anderes übrig, als seine Miene ein Stück erweichen zu lassen und direkt neben sich auf das Dach zu klopfen.
      "Dann komm her."
      In Theresas Augen blitzte es auf, dann rutschte sie heran, bis sie nahe genug war, dass Chester den Arm um sie legen konnte. Als hätten sie all die Jahre zuvor nie etwas anderes getan, schmiegte sie sich an seine Seite und legte ihrerseits den Arm um seine Hüfte. Chester zog sie so nahe heran, bis er zufrieden damit war.
      "Sowas musst du nicht fragen. Ich bin doch nicht zerbrechlich", schmunzelte er und neigte den Kopf, um sie knapp ansehen zu können. Dann sah er wieder auf den Zirkus hinaus, Theresas Wärme jetzt an seiner Seite. Es war schön, natürlich war es das. Auch wenn Chester unsterblich war, hieß das nicht, dass er sich nicht genauso nach der Nähe anderer sehnte wie ein Sterblicher auch. Ganz besonders, wenn es nicht dem Zweck seiner Rekrutierungen diente.
      "Es hört sich alles viel schlimmer an, als es ist. Ich vergesse viel, aber immerhin weiß ich dann auch nicht mehr, was ich vergessen habe."
      Verschmitzt zwinkerte er ihr zu.
      "Ich glaube, es ist auch besser so. Stell dir nur vor, an wie viele Tode ich mich sonst erinnern müsste. Wenn es ein Sterblicher schon nicht aushält, wie könnte ich es dann?"
    • Es fühlte sich gut an. Mehr als das sogar. Es fühlte sich richtig an, sich an seine Seite zu schmiegen und die Arme locker um seine Hüften zu schlingen. Die Nähe fühlte sich vertraut an und gleichzeitig immer wieder neu und aufregend. Sie hatte für Tessa diesen besonderen Zauber noch nicht verloren. Nach allem, was Chester ihr heute unter dem Sternenhimmel offenbart hatte, würde sie nicht eine Berührung, nicht eine Hand auf der Schulter oder eine Umarmung, als selbstverständlich hinnehmen. Wenn Chester diesen Moment wirklich vergaß, würde sie ihn umso mehr hüten.
      "Sowas musst du nicht fragen. Ich bin doch nicht zerbrechlich", meinte Chester.
      „Damit hat das doch gar nichts zu tun. Es gibt Menschen, die mögen es nicht, wenn sie ständig angefasst werden. Jakob war auch so“, protestierte Tessa halbherzig, weil die Wärme viel zu verlockend war. „…und jetzt habe ich ja meine Antwort.“
      "Es hört sich alles viel schlimmer an, als es ist. Ich vergesse viel, aber immerhin weiß ich dann auch nicht mehr, was ich vergessen habe."
      Ob es das wirklich besser machte, da war Tessa sich nicht sicher, aber sie widersprach Chester auch nicht. Mit dem leichtherzigen Zwinkern verdiente sich Chester ein ungläubiges Schnauben, doch statt sich zu lösen, verbarg Tessa das Gesicht ans einer Brust, schmiegte die kühle Wange dagegen.
      "Ich glaube, es ist auch besser so. Stell dir nur vor, an wie viele Tode ich mich sonst erinnern müsste. Wenn es ein Sterblicher schon nicht aushält, wie könnte ich es dann?"
      „Hm, ich glaube das möchte ich mir nicht vorstellen…“, gestand sie ehrlich. Der zarte Halt ihrer Arme wurde ein wenig fester, ehe sie den Blick zurück über den Zirkus schweifen ließ. Zusammen mit Chester. Ein Augenblick von vielen, den sie gut verwahren würden. Eine Erinnerung, die ihr nichts und niemand nehmen konnte.
      ________________________________________________________

      Tessa wühlte sich durch die nächste Kiste, die in Reichweite stand. Sie pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht, dass von der Anstrengung ganz gerötet war. Die Haare waren schon wieder ein bisschen gewachsen und neben den länger werdenden Tagen der größte Beweis für Tessa, wie die Zeit langsam aber stetig voranschritt. Die Temperaturen schon wesentlich milder geworden und der Alltag hatte sich wieder in das Zirkusleben eingeschlichen. Zwischen Proben, Auftritten und der wenigen Freizeit flog die Zeit sprichwörtlich davon. Tessa strich sich mit dem Unterarm über die Stirn, die von einem leichten Schweißfilm bedeckt war und richtete sich auf, um den gekrümmten Rücken etwas durchzudrücken. Warum sie gerade in alten, verstaubten Holzkisten herumwühlte? Nun, Ella hatte bald Geburtstag und alle wollten der guten Seele des Zirkus Magica eine ganz besondere Überraschung machen. Ella erzählte seit einiger Zeit mit glücklicher Miene von früher. Nicht, dass sie jetzt unglücklich war, aber sie schien ihr Leben noch einmal mit allen, die ihr lieb und teuer waren, teilen zu wollen. Tessa hatte mitbekommen, dass viele von Ellas alten Sachen über die Jahre in die Lager auf dem Zirkusgelände geräumt worden waren, da ein Wohnwagen nun mal zu klein war um ein ganzes Leben darin unterzubringen. Also hatten sich alle im Zirkus in ihrer Freizeit auf die Suche nach den geliebten Erinnerungsstücken gemacht. Tessa war bisher furchtbar stolz auf ihren neusten Fund: Eine Sammlung Kinderzeichnungen, die Ella gemalt haben musste, als sie gerade im Zirkus aufgenommen worden war. Sie hatte Tränen gelacht über eine Strichmännchen-Zeichnung von Chester mit übergroßem Hut gelacht. Alle Bilder hatte sie ganz sorgfältig in einer Mappe verstaut und bewahrte sie sicher in ihrem Wagen auf. Und deshalb saß sie auch an diesem freien Tag wieder im stickigen Lagerzelt und durchwühlte Kisten, Karton und Truhen.
      Nach einer weiteren halben Stunde gönnte sich Tessa eine wohlverdiente Pause. Wie vor vielen Wochen hüpfte sie auf den Schreibtisch, der umgeben von anderen abgedeckten Möbeln hier herumstand, und zog den Teller mit den Sandwiches zu sich, die Roy zum Mittag gebracht hatte. Hungrig biss sie ab und ließ die Füße locker über der Tischkante baumeln.
      Die letzten Wochen waren anstrengend gewesen. Nach und nach verlor auch Tessa den Welpenschutz in der Manege. Chesters Kritik hatte die Zurückhaltung verloren, aber damit konnte sie erstaunlich gut umgehen…bis auf ein oder zwei Ausreißer, bei denen sie sich auf eine Diskussion eingelassen und haushoch verloren hatte. Am Ende hatte Chester das letzte Wort. Sie besuchte Jamie, wann immer es die Zeit zu ließ, verbrachte freie Tage mit ihm und stibitzte ihm Süßigkeiten aus der Küche. Manchmal saß sie lange mit Roy und Owl am Feuer. Gerade mit Roy hatte sie eine unheimliche Freude daran entwickeln, dabei zu zusehen, wie Owl immer wieder versuchte Malia ein Lächeln zu entlocken, nachdem er sie einmal hatte lachen hören.
      Tessa ließ den Blick durch das Zelt schweifen, bis er auf die Schubladen des Schreibtisches fiel. Die Front einer Schublade sah etwas mitgenommen aus, als hätte jemand versucht sie gewaltsam zu öffnen, und aus einem Spalt ragte etwas hervor. Es sah aus wie die Ecke eines Papierblattes. Tessa glitt vom Tisch und versuchte die Schublade aufzuziehen. Ohne Erfolg.
      „Hm…“, setzte Tessa und rüttelte etwas kräftiger an der Schublade. Sie ging in die Hocke und fand ein kleines Schlüsselloch unter dem Griff. Die Verlockung den Schlüssel zu benutzen war groß, aber sie fühlte sich danach immer so unwohl, dass sie zögerte.
      Stattdessen zog sie ein Taschenmesser aus ihrer Hosentasche und hebelte das angeschlagene Möbelstück mit etwas Kraft einfach auf. Es knackte leise und die Schublade sprang auf. Skeptisch lugte sie über den Rand der Schublade ins Innere. Sie war leer.
      „Was zum…“, murmelte Tessa, betrachtete die Schublade noch einmal von außen um festzustellen, dass das Papier immer noch aus dem Spalt ragte. Prüfend tastete sie den Boden der Schublade ab, der unter Druck leicht nachgab. Eine Augenbraue wanderte in die Höhe, als sie das Taschenmesser benutzt um den Boden der Schublade hochzuklappen.
      Von einer verblassten und vergilbten Fotografie lächelten ihr fröhliche Gesichter entgegen, die vor einem alten Wohnwagen standen, der mit bunten Fähnchen geschmückt war. Die Buntglasfenster und das Muster darin waren durch den schlechten Zustand des Fotos kaum noch zu erkennen. Das Foto musste alt sein. Sehr alt. Tessa kannte nicht eine der Personen bis auf eine.
      Mitten unter den fremden Gesichtern war Chester.
      Er sah noch genauso aus wie heute. Nicht eine Haarsträhne am falschen Platz, ein breites Lächeln auf den Lippen während er ein kleines Mädchen auf den Schultern balancierte, das strahlend in die Kamera winkte. Mit der großen Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen, den wilden Locken und den Sommersprossen sah das Mädchen aus wie ein echter Wildfang.
      Tessa zog nachdenklich die Stirn kraus und drehte das Bild um sich die Rückseite anzusehen. In einer eleganten, geschwungenen Handschrift hatte jemand Namen notiert. Zwei Namen stachen ihr ganz besonders ins Auge. Chester und Eleonore. Ihre Augen weiteten sich ein wenig, als sie verstand, dass das kleine Mädchen auf Chesters Schultern Ella war. Konzentriert überflog Tessa die Wörter und Buchstaben, setzte Silbe für Silbe langsam zusammen. Das Lesen fiel ihr bereits leichter, aber sie musste immer noch fleißig üben. Ihre Augen wurden noch größer, obwohl das kaum möglich sein konnte.
      Es gibt Tage, die es wert sind, sich an sie zu erinnern.
      Damit du nicht vergisst, wie glücklich wir alle waren.
      Theresa.

      Das Foto wäre ihr fast aus den Händen gefallen.
      Theresa.
      ________________________________________________________

      Vorsichtig klopfte Tessa mit den Knöcheln an die Tür zu Liams Wohnwagen. Sie wusste, dass Chesters rechte Hand um diese Uhrzeit über dem Papierkram brütete. Das Licht hinter den Fenstern ließ sie hoffen, dass er es nicht zufällig angelassen hatte.
      „Liam?“, fragte sie. „Bist du da? Kann ich reinkommen?“
      Die gedämpfte Antwort kam etwas verzögert, aber Tessa atmete erleichtert auf. Sie war etwas nervös, aber wenn jemand etwas über den Wagen auf dem Foto wissen konnte, dann Liam. Tessa öffnete die Tür, streifte ihre Stiefel artig an der Fußmatte ab und schloss wieder schnell die Tür hinter sich, um die frische Frühlingsluft nach draußen zu verbannen. Sie sah auf die unzähligen Blätter und Bücher, die vor Liam ausgebreitet waren. Wörter über Wörter, Zahlen über Zahlen.
      „Bekommt man davon nicht irgendwann Kopfschmerzen?“, gluckste sie.
      Tessa setzte sich auf den angebotenen Stuhl, den kleinen Karton, den sie mitgebracht hatte, auf dem Schoß. Sie hatten sich darauf geeinigt alle Fundstücke für Ellas Geburtstag vorerst bei Liam zwischen zu lagern. Wenn jemand den Überblick behielt, dann Liam. Er war das Organisationstalent.
      „Ich habe noch ein paar Dinge im Lager gefunden“, erklärte sie. Der Staub in ihren Haaren und die verirrte Spinnenwebe an ihrem Ärmel unterstrichen nur, dass Tessa wirklich gründlich gesucht hatte. „Schau mal, das müssen Bilder sein, die Ella als Kind gemalt hat. Erkennst du ihn?“ Wieder kicherte Tessa und zog das selbst gemalte Bild von Chester hervor. „Also ich finde, sie hat ihn super getroffen. Ach und das hier…“
      Sie zog einen abgegriffenen Stoffhasen mit viel zu langen Schlappohren hervor. Das Fell musste einmal beige gewesen sein, jetzt wirkte es eher gräulich. Vielleicht konnte das noch jemand vorsichtig in Ordnung bringen ohne, dass das Stofftier an seinen Nähten in Einzelteile zerfiel. Auf einem angenähten Stofffetzen war Ellas Name eingestickt.
      Während Liam die Zeichnungen betrachtete, schob Tessa eine Hand in die Innentasche ihrer Jacke und zog das alte Foto heraus. Sie setzte ein hoffentlich lockeres Lächeln auf und reichte Liam die Fotografie.
      „Das hier ist etwas ganz Besonderes“, versuchte sie es mit Zuversicht und hoffte, dass Liam vielleicht etwas auf dem Bild erkannte, das ihr half. „Schau mal, das kleine Mädchen. Das ist Ella. Ihr Name steht auf der Rückseite und den andren Frauen auf dem Bild sieht sie nicht ähnlich. Sie muss es sein. Das Foto muss fast so alt sein wie sie.“
      Sie drehte das Bild um und deutete auf die Namen, die dort sauber niedergeschrieben waren. Tessa ärgerte sich, dass sie ganz von allein den Blick niederschlug und das Gefühl bekam, etwas Verbotenes zu tun.
      „Sieh dir die Widmung an. Es sieht ganz so aus, als hätte ich eine Namensvetterin hier im Zirkus gehabt. Toby hat mal eine Theresa erwähnt, aber ich dachte, er will mich auf den Arm nehmen. Aber sie scheint nicht auf dem Bild sein. Ihr Name ist nicht aufgelistet. Schade, ich hätte ja zu gerne gewusst, ob sie mir ähnlich gesehen hat“, erklärte Tessa und versucht sich an einem kurzen Lachen, als hielte sie alles für einen lustigen Zufall.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • So wie es sich eigentlich für einen anständigen Zirkusdirektor gehörte, war Liam zum Ende des Tages hin damit beschäftigt, die Bücher durchzugehen, die den Zirkus finanziell am Laufen hielten. Er hatte nur wenig mit dem Ablauf des Zirkusses zu tun, außer es ging um Listen, die durchgearbeitet werden mussten, oder Termine, die eingehalten werden mussten, oder Rechnungen, die durchgeführt werden mussten. So bestand ein Teil von Liams Aufgabe zwar darin, diversen Leuten mit seinem Klemmbrett hinterher zu rennen, um den Ablaufplan einzuhalten, aber er bestand eben auch darin, mit den Zahlen um sich zu werfen, die dadurch entstanden. Und das tat er am liebsten, wenn sich der Trubel des Tages gelegt hatte.
      Für die zaghafte Stimme an seiner Tür, die ihn dabei unterbrach, machte er jedoch eine Ausnahme. Ella hatte demnächst Geburtstag - was streng betrachtet auch nur ein Punkt auf einer Liste war - und dafür war Liam wirklich froh um den übereifrigen Neuzugang, der ihm bei der Planung half.
      "Komm nur."
      Die Tür öffnete sich und Tessa schob sich in den Wagen. Ihre Haare waren ein wenig unordentlich und Liam könnte fast wetten, dass sich dort ein Staubfusel in ihre Strähnen verirrt hatte. Wo Tessa sich nun wieder rumgetrieben hatte, das konnte er sich gar nicht vorstellen.
      "Mach schnell die Tür zu."
      Sie gehorchte und ließ ihren Blick bedeutungsvoll über seine kleine Arbeitsfläche schweifen. Liam hatte seine Papiere fein säuberlich notiert, nicht so wie Chester, der sie ständig dorthin warf, wo gerade Platz war.
      „Bekommt man davon nicht irgendwann Kopfschmerzen?“, fragte Tessa vergnügt und setzte sich auf den zweiten Stuhl im kleinen Wagen. Liam sah auf die Zahlen und Einträge hinab und versuchte es aus den Augen eines Zirkusdarstellers zu betrachten. Tessa war zwar noch nicht sehr lange dabei, aber sie entwickelte sich schon prächtig, wenn man Chesters Bemerkungen über sie richtig deutete. Nur ein paar Monate noch und sie wäre vollständig in die Manege eingegliedert. Da hatte sie verständlicherweise wenig mit Listen und Büchern zu tun.
      "Man gewöhnt sich daran", antwortete Liam mit einem Lächeln. Dann ergänzte er mit einem viel größeren Grinsen: "An die Kopfschmerzen, meine ich."
      Das brachte Tessa zum Kichern und sie rutschte den mitgebrachten Karton auf ihren Beinen herum. Liam sah darauf hinab und legte in weiser Voraussicht seinen Stift beiseite.
      "Was hast du da mitgebracht?"
      "Ich habe noch ein paar Dinge im Lager gefunden", sagte Tessa und öffnete die Schachtel, um darin zu kramen.
      "Schau mal, das müssen Bilder sein, die Ella als Kind gemalt hat. Erkennst du ihn?"
      Sie zog ein Stück Papier heraus und präsentierte Liam eine wirklich grauenhafte Zeichnung von etwas, das nur Chester sein konnte. Liam nahm es entgegen und kicherte im Einklang mit Tessa, während er das Bild betrachtete. Es war eine Kinderzeichnung, aber durch ein unbeschreibbares Talent erkannte man doch Chester darin wieder.
      "Unglaublich."
      Er neigte das Bild ein bisschen.
      "Soll das da seine Nase sein?"
      Sie beide amüsierten sich köstlich über das Portrait, dann zog Tessa einen Plüschhasen hervor.
      "Ach und das hier…"
      Das Kuscheltier sah so aus, als wäre es mindestens so alt wie der Zirkus, aber zu Liams größter Befriedigung, hatte es einen kleinen Namensstecker am Ohr. Eleonore. Das war der Beweis dafür, dass Tessa genau die richtige für diese Aufgabe gewesen war.
      "Oh, super. Das wird ihr gefallen. Wir müssen vielleicht die Nähte ein bisschen richten, aber er sieht gut aus. Gut genug zum zurück-schenken."
      Zuletzt zog Tessa dann noch eine Fotografie hervor. Sie war mindestens genauso alt wie der Hase und in den Farben schon etwas verbleicht, aber man konnte noch gut die Gesichter sehen. Chester in der Mitte davon, im Hintergrund ein alter Wohnwagen. Wäre das Bild selbst nicht so alt, hätte man denken können, es wäre vorgestern geschossen worden.
      "Wo hast du das denn her?"
      Liam sah sich das Bild interessiert an. Die Gesichter waren ihm völlig fremd, aber Chester natürlich nicht. Chester nicht und auch nicht der Hintergrund des Zirkusses.
      "Das muss mindestens 100 Jahre alt sein."
      "Schau mal, das kleine Mädchen. Das ist Ella. Ihr Name steht auf der Rückseite und den andren Frauen auf dem Bild sieht sie nicht ähnlich. Sie muss es sein. Das Foto muss fast so alt sein wie sie."
      "Wirklich?"
      Tatsächlich. Er fand ihren Namen auf der Rückseite und war dadurch nur noch mehr überrascht. Dann war das Bild zwar keine 100 Jahre alt, aber sicher 70. Oder sogar 80. Mit ein bisschen Schätzen könnte er sogar herausfinden, wie alt es genau war.
      Fasziniert betrachtete er wieder die Leute darauf. Sie waren alle so gemischt wie die jetzige Truppe, gleichermaßen jung und alt, alle mit ähnlich glücklichen, fröhlichen Gesichtern. Es war eine Sache zu wissen, dass der Zirkus schon seit mehreren 100 Jahren bestand hatte, eine völlig andere war es, auch einen Beweis davon zu sehen. Und Chester stand dazwischen, als wäre er seitdem keinen Tag gealtert.
      War er natürlich auch nicht. Es jagte Liam trotzdem ein Kribbeln über den Rücken.
      "Sieh dir die Widmung an. Es sieht ganz so aus, als hätte ich eine Namensvetterin hier im Zirkus gehabt."
      Liam lenkte seine Aufmerksamkeit zurück auf die Rückseite, wo er die knappen Wörter las. Ganz unten stand wirklich Theresa und wäre das alte Bild nicht schon Beweis genug gewesen, dass es eine andere Theresa gewesen war, dann war es doch die Tatsache, dass diese Theresa sich Theresa nannte. Tessa hätte sicherlich mit Tessa unterschrieben.
      "Toby hat mal eine Theresa erwähnt, aber ich dachte, er will mich auf den Arm nehmen. Aber sie scheint nicht auf dem Bild sein. Ihr Name ist nicht aufgelistet. Schade, ich hätte ja zu gerne gewusst, ob sie mir ähnlich gesehen hat."
      Liam sah wieder auf und schenkte Tessa einen skeptischen Blick.
      "Toby hat viel erzählt, wenn der Tag jung war. Zumindest bevor er... du weißt schon. Aber du solltest nicht immer alles glauben, was man sich hier so erzählt. Es werden die wildesten Gerüchte über die entferntesten Zeiten gesponnen, weil sie sich als gute Geschichten machen, aber auch nicht mehr. Nichtmal Chester solltest du vertrauen, weil er das mindestens genauso gut durcheinander bringt. Aber mit so einem Bild..."
      Er sah wieder darauf hinab, studierte wieder die Gesichter und die Namen auf der Rückseite. Dann sah er auf und richtete seinen Blick auf das Regal, das er in seinem Wagen stehen hatte. Ganz oben war es mit Romanen vollgestellt, aber darunter zwängten sich Ordner und Mappen, die denen auf seinem Tisch ganz ähnlich sahen. Er stand auf und stellte sich nachdenklich davor.
      "So lang ist es ja gar nicht her, wenn Ella noch darauf ist. Wenn es natürlich unsere Ella ist, aber das werden wir gleich herausfinden. Was schätzt du, wie lange das Bild her ist? 70 Jahre?"
      Er ging mit dem Finger über die Ordnerrücken, dann zog er einen heraus und setzte sich zurück auf seinen Stuhl. Er öffnete ihn vorsichtig, nachdem der Ordner mindestens so alt war wie das Bild. Die verbliebenen Mappen in seinem Regal waren sogar noch älter als das.
      "Wenn es eine Theresa gegeben hat, dann wird sie auch auf der Gehaltsliste gestanden haben. Die wird noch mein Vorgänger gemacht haben, der alte Pierce. Den kennst du nicht mehr, der ist vor ein paar Jahren gestorben, aber er hat hier fast 50 Jahre lang den stellvertretenden Direktor gemacht. Pierce hat das ordentlich gemacht, nicht so wie Chester."
      Er blätterte den Ordner behutsam durch.
      "Chester kann dir in einer Stunde beibringen, wie du einen Salto machst, aber eine ordentliche Buchführung, das kann er dir auch in 30 Jahren nicht beibringen. Ich glaube er weiß nichtmal, was eine ordentliche Buchführung sein soll. Ah, hier sind die Listen. Und jetzt noch eine Theresa... eine Theresa..."
      Er fuhr mit dem Finger die lange Seite entlang nach unten. Namen unter Namen unter Namen füllten die Seite in zwei Spalten aus, jeder mit einem kleinen Eintrag daneben versehen. Und dann irgendwann, am Ende der Seite:
      "Oh, ja, tatsächlich. Toby hatte wohl recht, es gab mal eine Theresa. Hier, siehst du?"
      Er zeigte die Seite Tessa und deutete auf den Namen: Theresa. Eindeutig.
      "Ich wette hier sind auch... ja. Hier sind auch die anderen Namen auf der Liste. Der hier und der hier und die da - wir könnten hier die ganze damalige Besetzung rauslesen, wenn wir das wollten. Und wir haben zu den meisten jetzt auch noch Gesichter, ist das nicht interessant? Nur Ella ist da nicht, aber sie war wohl kaum mit 10 Jahren auf der Gehaltsliste des Zirkusses. Oder mit 8? Lass mich nochmal schauen."
      Er nahm sich das Bild und inspizierte es gründlich. Dann tippte er auf den Wagen im Hintergrund, oder besser seine Fenster.
      "Solche Fenster haben wir nicht mehr. Aber ich glaube... warte mal eben."
      Er legte den Ordner beiseite und nahm sich eine Mappe von seinem Tisch. Darin blätterte er kurz, bevor er sich die nächste nahm.
      "Ich bin letztens erst die Hauptbestände durchgegangen, weil wir eine Plane auswechseln mussten und ich wissen wollte, wie das verzeichnet wird. Das sind nämlich Anschaffungen, die man vielleicht einmal alle 30 Jahre macht, und dann aber auch richtig. Ich weiß zwar nicht, wie der Vorgänger es gemacht hat, aber Pierce war da wirklich sehr gründlich und er hat... ich wette er hat... hier, da wurden Fenster ausgetauscht. Vor 67 Jahren. Fenster und der Riemen und..."
      Liam verstummte und lehnte sich nachdenklich zurück, während er die Liste in seiner Hand betrachtete. Seine Stirn legte sich in Falten, während er konzentriert die Einträge durchlas.
      "Das hört sich fast so an, als ob sie das ganze Dach abgebaut haben. Wieso macht man denn sowas?"
      Er nahm sich wieder das Bild her und schwieg einige Sekunden lang, während er es studierte. Dann sagte er langsam:
      "Weißt du, ich glaube das sieht irgendwie so aus wie der eine Wagen auf unserem Stellplatz. Das Dach zumindest. Kennst du unseren alten Stellplatz, ganz hinten, direkt neben dem Zaun? Wo Chester ein paar alte Wagen stehen lässt, falls sie nochmal gebraucht werden? Da steht dieser... fahrbare Löwenkäfig, aber irgendwie kleiner. Nicht so hoch, verstehst du? Ich glaube, ein Löwe würde da nicht gut reinpassen, aber die Abdeckung erinnert mich irgendwie an das Dach von dem hier. Vielleicht ist es sogar dieselbe, wenn man den Listen vertrauen kann. Aber ich kann hier nicht rauslesen, ob es dasselbe ist, ich sehe hier nur die Ausgaben, die getätigt wurden, und für was. Ich würde aber fast wetten, wenn du Fenster und sogar Rahmen austauschen musst, dann hast du den ganzen Wagen auseinander gelegt. Das kann dir aber vermutlich Chester besser sagen."
    • Mit einem mumligen Gefühl überließ Tessa ihm das Bild. Eigentlich wusste sie gar nicht genau, warum der Moment ihr nicht behagte. Vielleicht, weil sie glaubte, dass Liam als Chesters rechte Hand ihm auch entsprechend nahe stand und mehr wusste, als er sich anmerken ließ. Sie wollte nicht, dass Liam den Eindruck bekam, sie würde in Chesters Privatangelegenheiten herumschnüffeln - obwohl sie genau das gerade tat und bereits getan hatte. Aber der bildliche Beweis für die Unsterblichkeit des Zirkusdirektor schien ihn mehr zu faszinieren als die eigentliche Frage, wo sie das Foto hergenommen hatte. Denn Tessa blieb ihm die Antwort schuldig. Natürlich hatte sie das Bild zwischen Ellas persönlichen Sachen gefunden!
      Bei der Erwähnung der anderen Theresa und ihrem schlecht versteckten Interesse an einer Frau, die bereits seit Jahren tot sein musste, erntete Tessa einen skeptischen Blick. Tessa blinzelte und versuchte möglichst unverdächtig auszusehen. Es tat ihr schon leid, dass sie mit Tobys Namen an einer kaum verheilten Wunde rüttelte. Der Alltag mochte eingekehrt sein, aber die schrecklichen Ereignisse um die Jahreswende waren deshalb nicht vergessen.
      "Toby hat viel erzählt, wenn der Tag jung war. Zumindest bevor er... du weißt schon. Aber du solltest nicht immer alles glauben, was man sich hier so erzählt. Es werden die wildesten Gerüchte über die entferntesten Zeiten gesponnen, weil sie sich als gute Geschichten machen, aber auch nicht mehr. Nichtmal Chester solltest du vertrauen, weil er das mindestens genauso gut durcheinander bringt. Aber mit so einem Bild..."
      "Ist mir schon aufgefallen...", murmelte sie leise und fügte dann hinzu. "Na ja, bei so viel Verantwortung für all die Menschen hier, ist das auch kein Wunde oder? Er hat viel zu tun, da...vergisst man sicherlich schon mal etwas."
      Liam sprach weiter während er in den Ordnern blätterte.
      "Chester kann dir in einer Stunde beibringen, wie du einen Salto machst, aber eine ordentliche Buchführung, das kann er dir auch in 30 Jahren nicht beibringen. Ich glaube er weiß nichtmal, was eine ordentliche Buchführung sein soll. Ah, hier sind die Listen. Und jetzt noch eine Theresa... eine Theresa...Oh, ja, tatsächlich. Toby hatte wohl recht, es gab mal eine Theresa. Hier, siehst du?"
      Tessa stand langsam auf und trat an seine Seite, um einen verstohlenen Blick in das Buch zu werfen. Tatsächlich. Dort stand sauber und in leserlicher Schrift der Name Theresa.
      "Steht da auch, was sie hier gemacht hat?", hakte Tessa unschuldig nach.
      Toby hatte sie zwar im Lesen unterrichtet und sie gab sich viel Mühe die Übungen weiterzuführen, aber ihr fehlten Jahre an erfahrung, um die Wörter zu entziffern, bevor Liam das Buch wieder schloss. Ihr Blick folgte dem Ordner und glitt dann hoch zum Regal. Sie prägte sich die Lücke zwischen den Büchern und Ordnern ganz genau ein. Es konnte zumindest nicht schaden...Währenddessen zog Liam das Foto noch einmal hervor und es schien ihm sichtlich Vergnügen zu bereiten, sein gesammeltes Wissen für diese kleine Schnitzeljagd benutzen zu können. Tessa hätte der Gedanke gefallen, wenn sie dabei nicht so ein schlechtes Gewissen gehabt hätte.
      "Solche Fenster haben wir nicht mehr. Aber ich glaube... warte mal eben."
      Der Wohnwagen im Hintergrund hatte bisher nicht Tessas Intresse wecken können, doch bei dem, was Liam dann erzählte, wäre sie beinahe aus allen Wolken gefallen.
      "Das hört sich fast so an, als ob sie das ganze Dach abgebaut haben. Wieso macht man denn sowas?"
      Das mulmige Gefühl kehrte hundertmal schlimmer zurück.
      "...Kennst du unseren alten Stellplatz, ganz hinten, direkt neben dem Zaun? Wo Chester ein paar alte Wagen stehen lässt, falls sie nochmal gebraucht werden? Da steht dieser... fahrbare Löwenkäfig, aber irgendwie kleiner. Nicht so hoch, verstehst du?"
      Löwenkäfig.
      L-ö-w-e-n-k-ä-f-i-g.
      "...Ich glaube, ein Löwe würde da nicht gut reinpassen,..."
      Ein Mensch auch nicht.
      Das hatte habe niemanden abgehalten.
      Tessa lief es eiskalt den Rücken herunter.
      "...aber die Abdeckung erinnert mich irgendwie an das Dach von dem hier. Vielleicht ist es sogar dieselbe, wenn man den Listen vertrauen kann."
      Warum zum Teufel hatte Chester diesen Wagen behalten?
      Warum hatte er ihn nicht zerstört, wo er sich doch offenbar an diese Ereignisse erinnerte?
      Nur waren sie nicht so lange her, wie Tessa vermutet hatte.
      Hatte Ella etwa alles davon mitbekommen?
      Wie alt war sie da gewesen, als...
      Plötzlich klang die Widmung auf der Rückseite wie ein böses Vorzeichen. Eine Drohung...
      "Das kann dir aber vermutlich Chester besser sagen."
      "Ach, der hat im Moment genug zu tun und wenn sie den Wagen komplett zerlegt haben, wir wohl nicht mehr übrig sein, dass wir für Ellas Geburtstag nehmen können. Außerdem hast du selbst gesagt, dass Chester ein schlechtes Gedächtnis hat."
      Tessa kicherte und fand sich selbst ganz überzeugend.
      "Machts dir was aus, wenn ich das Foto nochmal mitnehme? Ich will schauen, ob ich noch einen passenden Rahmen dafür finde."
      Ohne auf eine Antwort zu warten, verschwand die Fotografie wieder in ihrer Jackentasche.
      "Danke, Liam", sie stellte sich auf die Zehenspitzen und verpasste dem Mann einen Schmatzer auf die Wange. "Ich muss los zu den Proben. Wenn ich zu spät komme, hat Chester den ganzen Abend schlechte Laune."

      ______________________________________________________________________


      Es war bereits dunkel, als Tessa leise durch den Zirkus schlich.
      In Nächten wie dieser war es von Vorteil auf der Straße großgeworden zu sein. Tessa war flink und still unterwegs, umging gut beleuchtete Wege und fiel dabei trotzdem nicht auf die Nase. Sie schlüpfte durch das Tierzelt, vorbei an Hektor und den weißen Schimmeln, und am anderen Ende unter der Zeltplane wieder hinaus. Der Stellplatz war nicht schwer zu finden. Tessa blieb hinter ein paar verwaisten Kisten stehen und ging die Hocke. Es war ruhig hier. Sie glaubte nicht, dass sich oft einer der Angestellten oder gar Artisten hier hin verirrte. Der ganze Bereich wirkte schrecklich verlassen. Von Weitem verbreitete er die unheimliche Atmosphäre eines Friedhofs. Die Gerippe alter Wagen standen dort oder deren Einzelteilte. Relikte aus anderen Zeiten, einsam und vergessen am äußersten Rande des Zirkus Magica. Die alten Lagerzelte hatten beinahe den Charme einer Schatzsuche gehabt, aber das hier...wirkte irgendwie deprimierend und vor allem verboten. Vielleicht kam es Tessa auch nur so vor, weil sie genau wusste, was sie dort ansah, als sie den alten Löwenkäfig entdeckte.
      Tessa huschte durch die Dunkelheit und näherte sich dem Wagen.
      Die Zeit hatte ihm nicht gut mitgespielt, das erkannte sie selbst im schlechten Licht. Als ihre Finger das Holz berührte, das den tragenden Boden bildete, fühlte sie nasses und feuchtes Moos unter ihren Fingerspitzen. Sie wollte sich nicht unnötig Zeit lassen, um nicht doch noch entdeckt zu werden. Gerade Chester sollte sie nicht hier finden, nicht nach allem, was er ihr anvertraut hatte. Der Gedanke versetzte ihr einen Stich.
      Tessa fischte eine Kerze aus ihrer Tasche und zündete sie mit einem Streicholz an. Jetzt, im Licht, konnte sie die maroden Ecken und Kanten des Wagens erkennen, den Rost und die Spinnenweben. Die Stufen knirschten leise, als sie einen Fuß darauf setzte und an der kleinen Luke rüttelte, die den Zugang zum Käfig bot. Verschlossen. Tessa zögerte nicht, als sie die Kette mit dem Schlüssel über ihren Kopf zog und kurzerhand die Luke entriegelte. Sie musste sich an den Gitterstäben festhalten, als ihr davon ganz schwindelig wurde. Ein paar Mal atmete sie tief durch, schüttelte den Kopf, als wollte sie einen Gedanken loswerden und dann kroch sie in den Käfig.
      Chester hatte nicht gelogen.
      Es war zu niedrig und zu eng um überhaupt daran zu denken aufzustehen. Tessa war gerade erst hereingeklettert und fühlte schon den eiskalten Hauch der Beklemmung. Sie konnte sich gerade so hinhocken und den Kopf zurücklegen, um sie die Decke des Wagens anzusehen. Doch die Hocke wurde bald zu unbequem während sie angestrengt im flackernden Kerzenlicht versuchte, etwas zu erkennen. Dabei wusste sie nicht einmal wonach sie überhaupt suchte. Ächzend legte sich Tessa auf den Rücken, die Knie angezogen. Der modrige Geruch des Boden stieg in ihre Nase auf. Sie versuchte nicht daran zu denken, was alles möglicherweise mal an dem Holz gehaftet hatte. Tessa wusste nicht einmal genau, was sie sich überhaupt davon erhoffte, aber dieser Wagen und Theresa waren die einzigen Verbindungen zu Tobys Geschichte. Diese Theresa soll gewusst haben, wie der Fluch gebrochen werden konnte.
      Mit den verstreichenden Minuten wuchs Tessas Frust.
      Da war nichts.
      Sie hatte tatsächlich geglaubt irgendwelche ominösen Botschaften zu finden, die in das Holz eingeritzt worden waren. Viel zu einfach, dachte sie nun. Es wurde kälter, der Boden gefühlt immer härter und mit den Minuten wuchs das Risiko noch entdeckt zu werden.
      Trotzdem war all das nicht so schlimm, wie die im flackernden Licht schwankenden Gitterstäbe und das Dach, dass in der Dunkelheit immer näher zu kommen schien. Sie wusste, dass ihre Augen ihr einen Streich spielten, aber es wirkte beinahe zu real.
      Ungelenk rollte sich Tessa herum, stützte sich auf Hände und Knien auf um rückwärts wieder aus der Luke zu klettern. Da gab eine der modrigen Dielen knackend unter ihrer Hand nach. Das Holz war bereits dermaßen angegriffen, dass es einfach unter dem leichten Druck nachgab.
      "Mist...", zischte Tessa und spührte schon, wie sich Splitter in ihre Haut bohrten, doch der brennende Schmerz verklang schnell im Hintergrund. Der Schock brachte ihr Herz zum Rasen, doch als das Rauschen in ihren Ohren verebbte, spürte sie etwas Glattes und Kaltes unter ihren Fingerspitzen.
      Es war eine kleine Falsche, deren Öffnung mit Wachs versiegelt war und darin war ein Blatt Papier. Tessas Herzschlag nahm wieder an Fahrt auf. Es hatte wirklich jemand etwas in dem Wagen versteckt, an einem Ort, den Chester zweifellos meiden würde. Jemand hatte versucht etwas vor dem Zirkusdirektor zu verstecken.
      Tessa rutschte aus dem Wagen, dankbar darüber sich endlich wieder vernünftig aufrichten zu können. Sie warf dem Wagen mit geschmälterten Augen einen verächtlichen Blick zu. Wenn sie es kaum Minuten in der Enge aushielt, wie musste es dann für Chester gewesen ein. Faszination und Abscheu für diese fremde, andere Theresa gaben sich in diesem Moment die Hand.
      Hinter einem der Wagenräder ging Tessa in Deckung und knibbelte mit dem Messer das Wachs von der Öffnung. Das Papier aus der Flasche zu bekommen, wurde zur Geduldsprobe. Am liebsten hätte Tessa gejubelt, als der Papierfetzen endlich durch den Flaschenhals rutschte. Sorgfältig und vorsichtig, weil sie noch Kerze und Papier zwischen ihren Fingern balancierte, strich sie das entrollte Papier auf ihrem Oberschenkel glatt.
      "Eine Seite...", murmelte sie nachdenklich und strich mit dem Finger über die ausgefransten Ränder. Die Versiegelung hatte das Papier perfekt vor der Witterung geschützt."...eine herausgerissene Seite..."
      Im Kerzenschein begann Tessa zu lesen...
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Seite selbst sah etwas mitgenommen aus, aber nur in dem Maß, wie Seiten mitgenommen waren, die man ständig und ständig umblätterte. Die Schrift darauf war sorgfältig, aber nicht sehr hübsch. Der untere Rand war flaumig von einem unbekannten rötlichen Stoff.
      "habe ich verschiedene Kombinationen ausprobiert, um eine Änderung in ihrem Verhalten zu provozieren und am Interessantesten fand ich bislang die Kugel. Zuerst dachte ich, sie würde nicht funktionieren, weil ich sie mit den Handschuhen angefasst habe, aber dann habe ich eine ganz merkwürdige Vision gesehen, die ich nicht einordnen kann. Es war allerdings alles undeutlich und verwaschen und ich werde das Gefühl nicht los, dass es nicht so sein soll. Mein Bauch sagt mir, dass ich ein klares Bild bekommen sollte, aber es funktioniert nicht. Warum nicht? Die Aufzeichnungen sagen nichts über die Kugel, jedenfalls nichts, was mir neu gewesen wäre, und niemand erwähnt in seinen Theorien, dass etwas mit der Kugel sein soll. Aber ich bin mir sicher. Die Kugel zeigt die Zukunft für jeden Menschen, aber sie zeigt auch irgendetwas mit einem Artefakt. Ich habe es probiert, mit den Handschuhen, mit der Brille, mit dem Hut. Es war immer alles nicht richtig. Was mache ich falsch? Es geht nicht anders, ich muss Chester fragen. Ich muss."

      Ferne Schritte ließen Tessa aufschrecken, aber es war Owls Stimme, der ihre Panik, von Chester entdeckt zu werden, dämpfte. Er plauderte mit jemandem und als die beiden Gestalten hinter einem Wagen-Wrack hervorkamen, war es niemand anderes als Malia, die an seiner Seite ging.
      Sie unterhielten sich, leise genug für sie zwei - oder eher, Owl redete, während Malia zuhörte. Sie gingen ein paar Schritte, dann blieben sie stehen, gerade noch im letzten Schein des Wegelichts. Der große Mann drehte sich zu ihr um und Malia verschränkte die Arme vor der Brust. Sie sah mit einer von der Dunkelheit verborgenen Miene zu ihm auf, aber Owl ließ sich sichtlich nicht von ihrer abwehrenden Haltung beirren. Der Mann hatte sich wohl schon daran gewöhnt.
      Dann trat er einen Schritt vor und seine Hand hob sich in einer unleserlichen Geste. Sie näherte sich Malias Arm, doch als er sie berührte, zuckte Malia zusammen, als hätte sie einen Stromschlag bekommen. Sie riss den Kopf zur Seite und starrte genau in Tessas Richtung.
      "Ich kann nicht."
      Sie klang so mürrisch wie sonst, aber diesmal schwang auch etwas anderes in ihrer Stimme mit. Sie studierte die Dunkelheit, während sie nach Worten suchte. Dabei sah sie Owl nicht noch einmal an, ganz so, als würde sie seinem Blick ausweichen.
      "Ich kann... das... nicht. Zumindest noch nicht. Es geht nicht, Owl, obwohl ich... gerne..."
      Sie kniff die Augen zusammen, verlor ihren unausgesprochenen Satz. Dann wirbelte sie plötzlich ganz zu Tessa herum.
      "Hey! Ist da jemand?!"
      Ganz die alte aufbrausende Malia marschierte sie zielgerichtet auf Tessa zu, entschlossen dazu, der vermutlichen Bewegung in der Dunkelheit auf den Grund zu sehen, bis sie eine Antwort hatte. Als sie Tessa erkannte, schien sie das aber nur unfassbar zornig zu machen. Sie wirbelte zu Owl herum, als wäre er persönlich für Tessa verantwortlich.
      "Du hast gesagt hier ist nie jemand! Hast du sie eingeladen?! Hast du?! Unfassbar!"
      Sie wartete keine Antwort ab, von beiden nicht; sie stürmte davon, ganz so, als würde sie einem zornigen Abgang ergehen, aber irgendwie wirkte es viel eher wie eine Flucht. Malia flüchtete und suchte den Schutz der Dunkelheit, die sie schnell verschluckte.
    • Tessa brauchte länger als nötig um die geschriebenen Worte zu entziffern. Mit den verstreichenden Sekunden wuchs ihre Befürchtung, doch noch entdeckt zu werden. Aus welchen Gründen auch immer sich jemand an diesem verlassenen Ort herumtreiben sollte. Vor ein paar Monaten noch war sie der festen Überzeugung gewesen, dass Chester auf magische Weise alle Winkel des Zirkus im Auge behielt, aber seit sie von den Geheimgängen erfahren hatte, kannte Tessa den Trick. Der Text ergab wenig Sinn bis auf den Punkt mit der Glaskugel. Es musste die Glaskugel sein. Tessa hatte es selbst erlebt, diesen kleinen Ausblick in die Zukunft, der sie mehr als alles andere verstört hatte. Manchmal träumte sie von den gesichtslosen Gestalten, die sie einkreisten, wenn die Erinnerung an Toby, Rosie oder Chesters leblosen Körper sie nicht heimsuchte. Bei Letzterem zog sie den Chesters Pullover unter ihrem Bett hervor und legte ihn unter ihre Wange. Der Geruch des Mannes war beinahe vollständig verflogen, aber an dem letzten Bisschen hielt sie fest.
      Sie runzelte die Stirn. Welche Handschuhe? Welche Brille? War mit dem Hut vielleicht Chesters Zylinder gemeint? Gehörten die anderen Gegenstände auch ihm? Warum hatte Theresa, jedenfalls war das ihre Vermutung, ausgerechnet diese Notiz versteckt? Hatte sie das? Aber wie war sie sonst hier hergekommen?
      Wenn Theresa im Besitz von Chesters Eigentum gewesen war, hatte er während der Entstehung dieser Seite bereits in diesem diesem Käfig gesessen? Es lief ihr eiskalt den Rücken herunter, als sie einen Blick nach oben zu den massiven Gitterstäben warf.
      Tessa erstarrte als sich Schritte näherten.
      Das wars. Jemand würde sie entdecken und wenn diese Person die Seite bei ihr fand...
      Sie machte sich so klein wie möglich, kauerte sich hinter dem Wagenrad zusammen und bemühte sich im Schatten zu bleiben.
      Verdammt, sie saß fest.
      Vorsichtig spähte sie zwischen den Speichen des Rads hindurch und unterdrückte ein überraschtes Geräusch, als sie Owl in Begleitung von Malia entdeckte. Sie wirkte vertraut, sehr vertraut, obwohl sie sich keinen Moment lang berührten. Owl gestikulierte begeistert zu einer Geschichte, die er wohl gerade erzählte. Erst als der Messerwerfer seine Hand ausstreckte, änderte sich die Stimmung.
      "Ich kann nicht."
      Tessa hatte das Bedürfnis sich die Ohren zuzuhalten. Was immer zwischen den Beiden war, war definitiv nicht für ihre Ohren bestimmt.
      "Ich kann... das... nicht. Zumindest noch nicht. Es geht nicht, Owl, obwohl ich... gerne..."
      Sie erstarrte, denn Malia sah direkt in ihre Richtung. Doch die Frau schien das Mädchen in der Dunkelheit nicht zu sehen.
      Ganz langsam entspannte sich Tessa und beschloss...
      "Hey! Ist da jemand?!"
      Mist.
      Mist. Mist. Mist.
      Mit großen Augen starrte sie wenige Sekunden später in Malias aufgebrachtes Gesicht.
      Ihr Blick huschte zu Owl. Der bedröppelte Gesichtsausdruck hätte unter anderen Umständen an diesem Bär von einem Mann lustig aussehen können, aber jetzt tat er Tessa einfach nur leid...und sie war daran schuld.
      "Malia. So ist das nicht", versuchte er die Frau zu besänftigen. "Warte, bitte. Malia!"
      Doch die Frau stürmte bereits davon.
      Owl seufzte.
      "Tut mir leid", murmelte Tessa. "Ich...ich..."
      "Sie beruhigt sich wieder. Du kennst doch Malia, sie...", begann Owl und stutzte dann, als würde er erst in diesem Moment begreifen, dass Tessa eigentlich gar nicht hier sein sollte. Es war mitten in der Nacht. Warum war sie nicht in ihrem Bett?
      "Moment. Was machst du überhaupt hier?", hakte er skeptisch nach.
      "Nachtwanderung?", antwortete Tessa mit einem wackeligen Grinsen.
      "Klar", sagte Owl trocken. "Was hast du da?"
      "Owl, warte..."
      Doch der Mann zog ihr die Notiz, die sie versucht hatte in ihrer Jackentasche verschwinden zu lassen, direkt aus ihren zitternden Finger. Owl überflog die Zeilen und langsam wanderten seine Augenbrauen in die Höhe.
      "Du spionierst wieder Chester hinterher? Ist das dein Ernst? Ich dachte, den Punkt hätten wir abhakt?"
      "Gib mir das wieder her!"
      Tessa war aufgesprungen und riss dem Mann die Seite aus der Hand.
      "Oh, Kitty. Du hättest doch zu mir kommen sollen, wenn du etwas auf dem Herzen hast. Oder zu Ella. Zu irgendjemandem. Was mit Toby passiert ist, hat uns alle hart getroffen, aber wenn du..."
      "Es geht nicht um Toby!", fuhr Tessa plötzlich hoch. "Nicht nur. Ich...Ihr versteht das alle nicht!"
      Owl fasste sanft nach ihrem Arm, aber sie riss sich los.
      "Lass mich! Ich geh jetzt. Los. Mach schon. Geh bei Chester petzen, aber mir wird kalt. Ich bin in meinem Wagen."
      Sie rannte lost.
      Mit rasendem Herzen.
      Sie war sich selbst nicht sicher, ob es die Angst vor den Konsequenzen war oder die Aufregung über ihren Fund.
      "Tessa!"

      Im Wohnwagen angekommen, warf sich Tessa geradewegs auf Bett.
      Sie drückte das Gesicht ins Kissen und stieß einen frustrierten und lauten Fluch aus, den sie mit Kissen dämpfte. Tessa drehte sich auf den Rücken und zog die Notiz hervor um sie wieder und wieder zu lesen. Was sollte sie damit anfangen?
      "Was willst du uns sagen, Theresa?", murmelte sie.
      Was hatte sie mit den Gegenständen und der Kugel gemacht? Tessa seufzte und wurde plötzlich ganz still. Sie wartete eine ganze Weile darauf, dass Chester oder jemand anderes ihren Wagen stürmte. Chester. Mit den Handballen rieb sich Tessa über die Augen und das schlechte Gewissen drohte sie zu erdrücken. Sie dachte an die Nacht auf dem Dach ihres Wagens, an den Morgen, an dem sie Chester unter Tränen aufgehalten hatte wieder zu verschwinden. Sie hatte das alles ernst gemeint und trotzdem lag sie hier, mit einer Notiz, die hinter Chesters Rücken verfasst worden war und von einer Frau stammte, die ihm großes Leid zugefügt hatte. Die bittere Vermutung schlich sich langsam ein, dass er sich sowieso nicht erinnerte oder es durcheinander warf.
      Aber es kam niemand.
      Irgendwann am frühen Morgen, die Sonne ging gerade auf, schreckte Tessa aus ihrem Schlummer hoch. Wirklich geschlafen, hatte sie nicht. Dafür hatte sie zu oft zur Tür gesehen, an der es die ganze Nacht nicht geklopft hatte. Sie schmiegte ihre Wange gegen den Pullover, den sie über ihr Kissen gelegt hatte. Tessa fühlte sich richtig armselig dabei. Sie mochte Chester, sehr sogar. Selbst nach allem, was vorgefallen war. Selbst, wenn sie nie richtig wusste, welcher Chester ihr begegnete. Das machte alles nur noch viel schlimmer.
      Als die ersten Sonnenstrahlen durch die Vorhänge fielen, setzte sich Tessa ruckartig auf und nahm den Pullover in die Hände.
      Ihr Blick glitt zu der Seite, die neben ihr auf dem Bett lag.
      Wenn Theresa Eigentum von Chester benutzt hatte um eine Reaktion von der Glaskugel zu bekommen.
      Ihre Finger krallten sich in die weiche Wolle.
      Aber wie sollte sie das anstellen, ohne dass jemand misstrauisch wurde?
      Sie konnte ja schlecht in den Wagen stolzieren und fragen, ob sie sich die Kugel für eine Stunde ausleihen konnte...
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • An diesem Morgen hoben Chester und Liam synchron die Köpfe, als Theresa zum Frühstückstisch kam. Chester begann zu grinsen, genau dann als Liam sagte:
      "Wenn man vom Teufel spricht."
      Roy schnaubte neben ihnen und löffelte sich einen Haufen Haferbrei hinein. Es war zwar noch recht früh am morgen, aber um diese Uhrzeit herrschte bereits Hochbetrieb im Kantinenzelt. Immerhin begann für den Großteil der Angestellten um 8 Uhr schon die Arbeit.
      "Du stellst noch den ganzen Zirkus auf den Kopf mit deiner Schatzsuche", grinste Chester und zerteilte das Ei auf seinem Teller. "Vielleicht sollte ich dich lieber nicht so frei rumlaufen lassen. Wer weiß, was du dann sonst noch alles ausgräbst."
      Vergnügt zwinkerte er ihr zu, wobei Theresa in diesem Moment irgendwie etwas weißer im Gesicht zu werden schien. Hoffentlich war das Essen nicht schlecht.
      "Wir haben gerade darüber geredet, was du gestern gefunden hast", erklärte Liam. "Du weißt schon."
      "Ich hatte gedacht, alle davon wären verbrannt. Da gab es mal ein Feuer vor... irgendwann mal, da sind eine Menge Bücher draufgegangen. Und Unterlagen auch und Notizen und Zettel und alles. Furchtbar war das."
      Bedrückt schüttelte Chester den Kopf.
      "Aber umso besser, wenn du doch noch was gefunden hast. Kann ich mal -"
      Er brach ab, als er Malia an ihnen vorbeigehen sah, den Rücken steif, den Kopf hoch erhoben und ohne dem Tisch auch nur einen Blick zuzuwerfen. Sie rauschte an ihnen vorbei, dann zwängte sie sich zu den Artisten an den Tisch. Chester blinzelte ihren Rücken an.
      "... Ist was mit ihr?"
      Liam und Roy zuckten gleichzeitig mit den Schultern, Owl gab keinen sonderlichen Kommentar von sich. Theresa auch nicht und so ließ Chester das Thema lieber wieder fallen. Nicht, dass er selbst noch daran schuld war, weil er irgendwas getan oder nicht getan hatte. Was auch immer das gewesen sein sollte.
      "Kann ich jedenfalls mal sehen?"
      Er lächelte Theresa wieder an, die ihn wiederum mit einem geradezu erschrockenen Gesichtsausdruck ansah. Irgendwie war auch Theresa komisch; erst Malia, jetzt auch noch Theresa. Vielleicht lag etwas in der Luft.
      "... Das Bild? Für Ella?", half er ihr auf die Sprünge.
    • „Wenn man vom Teufel spricht.“
      Tessa hoffte inständig, das niemand der Anwesenden am Tisch bemerkte, dass ihr fast das Tablett samt Frühstück aus der Hand gefallen wäre. Niemand außer Owl. Der Messerwerfer schielte über den Rand seiner Kaffeetasse zu seiner Assistentin herüber. Zur Tessas Erleichterung hatte Owl beschlossen den Mund zu halten und war weder in der Nacht noch am frühen Morgen bei Chester aufgelaufen. Die Lage hatte sich gerade beruhigt und vielleicht hatte er beschlossenen nicht unnötig Öl ins Feuer zu gießen. Außerdem, so schien es, war sein Kopf eh ganz woanders. Die ganze Zeit über huschte sein Blick durch das Zelt als suchte er etwas oder jemanden.
      Deshalb ließ auf Tessa das Thema unter den Tisch fallen und setzte sich auf ihren üblichen Platz an dem großen Tisch. Obwohl sich ihr vor Nervosität beinahe der Magen umdrehte, lächelte sie still in sich hinein. Ihr Platz.
      "Du stellst noch den ganzen Zirkus auf den Kopf mit deiner Schatzsuche. Vielleicht sollte ich dich lieber nicht so frei rumlaufen lassen. Wer weiß, was du dann sonst noch alles ausgräbst."
      Sie nahm schnell einen großzügigen Schluck von ihrem Tee um das wenig überzeugende Grinsen zu verstecken und verbannte sich dabei glatt die Zunge. Tessa verzog das Gesicht, aber das war es wert gewesen.
      „Jaaa, du weißt doch, ehemalige Diebin. Ich bin gut darin versteckte Dinge zu finden. Wie ein, ähm, Trüffelschwein. Nur ohne das ganze Herumwühlen im Dreck“, lachte sie und ignorierte wie Owl schräg von ihr eine Augenbraue hochzog.
      Wunderbar, Tessa, ganz wunderbar.
      "Wir haben gerade darüber geredet, was du gestern gefunden hast", erklärte Liam. "Du weißt schon."
      „Oh, okay...?“
      Der Toast mit Marmelade schein plötzlich furchtbar interessant zu sein, weil sie ihn anstarrte als wartete sie darauf, dass er von ganz allein in ihren Mund sprang. Irgendwie musste man doch das verdammte Thema wechseln können oder…hatte Chester die Lunte schon gerochen? War er nur so nett und gut gelaunt, weil sie alle zusammen am Tisch saßen? Würde er sie nach dem Frühstück abfangen und…Ja, was würde dann passieren? Wenn er sie nicht freiwillig gehen lassen konnte, konnte er sie auch nicht rauswerfen. Sie warf einen unauffälligen Blick zu Chester, der gerade von etwas hinter Tessa abgelenkt wurde. Konnte der Mann, der gerade verwundert und ehrlich besorgt Malia hinterher sah, ihr ernsthaft etwas antun?
      "Kann ich jedenfalls mal sehen?"
      „Bitte?“, zwang sich Tessa zu sagen, als hätte sie die letzten Minuten nicht zu gehört. Hatte sie auch nicht.
      Und wieso klang ihre Stimme plötzlich so schrecklich hoch?
      "... Das Bild? Für Ella?"
      Das Bild! Chester sprach von dem Bild! Sie sah im Augenwinkel wie Owl ein breites Grinsen hinter seiner Hand versteckte. Er sah sie mit einem Blick an, der sagte: Du hast es verdient, Liebes. Das bisschen an Belustigung hielt nicht lange, als er den Kopf drehte und Malia hinterher sah, die ihn keines Blickes würdigte.
      Was zwischen Malia und Owl vorgefallen war, schob sie zu all den Dingen, die sich zu einem beeindruckenden Stapel auftürmten und für ihr schlechtes Gewissen ganz und gar nicht hilfreich waren.
      „Ähm, ja klar“, antwortete Tessa hastig und zog das Bild aus ihrer Jackentasche.
      Es war Zufall, dass sie das Bild noch immer in der Tasche hatte. Die Buchseite hatte sie sofort in ihrem Wagen versteckt. Als Chester ihr die Fotografie aus der Hand nahm, erinnerte sich Tessa daran, dass nicht nur das Alter dieses Bild zu etwas ganz Besonderem machte. Ihr Magen zog sich zusammen, als sie einen flüchtigen Blick auf die schnörkelige Handschrift auf der Rückseite warf. Tessa rieb sich nervös über den Nasenrücken.
      „Liam und ich haben schon darüber geschmunzelt, dass ich eine Namensvetterin habe…ähm…hatte“, plapperte Tessa und versuchte dabei möglichst heiter zu wirken.
      Alles nur ein lustiger Zufall. Sie wusste nichts von einer Theresa, die Chester die Führung entrissen und ihn in einen Käfig gesteckt hatte, um ihm beim Sterben zusehen damit sie ihm Antworten von ihm bekam. Sie wusste auch nichts von einer Theresa, deren Namen Chester im Schlaf gemurmelt hatte und sie dumm genug gewesen war zu glauben, er meinte sie, Tessa. Und sie hatte ganz bestimmt keine Ahnung, dass es mal eine Theresa gegeben hatte, die angeblich wusste, wie der Fluch der Uhr zu brechen war! So ein Blödsinn.
      Sie legte die Arme auf dem Tisch ab und beugte sich leicht vor um mit dem Zeigefinger auf Ella zu deuten. Die kleine Ella mit der großen Zahnlücke und den Zöpfchen.
      „Kaum zu glauben, dass sie mal so klein war“, murmelte Tessa. „Und so jung. Sie sieht so glücklich aus."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Wie ein Trüffelschwein! Das war ein Vergleich, über den Chester sicher noch lange lachen würde, so wie er es eben getan hatte. Nicht, dass er Theresa jemals als Trüffelschwein bezeichnen würde - natürlich nicht. Aber das Bild war einfach zu komisch, um es ignorieren zu können. Ein Trüffelschwein im Zirkus!
      Dem quietischigen Bitte? nach zu schließen, das Theresa im Anschluss herauswürgte, ging es ihr wirklich nicht gut. Chester überlegte, ob er ihr vielleicht einen zusätzlich freien Tag geben sollte, da kramte sie ein Bild hervor und überreichte es ihm. Chester nahm es mit Faszination entgegen.
      "Wow."
      Er hatte schon fast vergessen, wie realistisch solche Bilder sein konnten. Es war schon fast, als würde er dort ein Fenster in die Vergangenheit in der Hand halten, ein Moment in der Zeit eingefroren, den man nie wieder erleben würde; verewigt auf diesem Stück Papier. Kein Strich verunstaltete das Bild, kein Kleks, der einen aus der Illusion hätte reißen können. Das Bild war für Chester gestochen scharf.
      Bewundernd ließ er den Blick darüber schweifen.
      "Das sieht so echt aus. Ich glaube, ich erinnere mich an den Tag; da kam so ein Kerl mit einem riesigen, schwarzen... Kasten. Der hat uns alle zusammengescheucht, uns gesagt, dass wir stillhalten sollen, hat dann da irgendwas gemacht und dann hat dieses Ding... geblitzt. Ich habe den Blitz selbst nicht gesehen, nur das Licht, aber es hat sicher geblitzt. Es hätte nur das Donnern noch gefehlt. Eine Gewittermaschine."
      "Eine Kamera", korrigierte Liam und lehnte sich über Chesters Schulter, um es auch nochmal anzusehen. "So nennt man das."
      "Als ob ich mir sowas merken würde. Aber sieh mal, der Mann hat dieses Bild perfekt gezeichnet. Wirklich perfekt und es hat nur ein paar Sekunden gedauert."
      "So ist das bei Kameras, das geht ganz schnell. Schau, da ist Ella."
      „Kaum zu glauben, dass sie mal so klein war“, murmelte Tessa. „Und so jung. Sie sieht so glücklich aus."
      "Ja stimmt", sagte Chester und grinste, als er das kindliche, lachende Gesicht erkannte. Unglaublich, dass das dieselbe Ella war, die es jetzt nicht mehr zum Frühstückszelt schaffte, wenn es so kalt draußen war. Unglaublich, wie schnell die Zeit vergehen konnte.
      "Da ist sie wirklich. Oh, und das da ist Pierce, Liam."
      "Was, echt? Wo?"
      Der Mann lehnte sich noch weiter rüber und Chester deutete auf einen Mann mit einem leichten Bartflaum. Er sah ziemlich ernst in die Kamera.
      "Und hier drüben ist dein Vorgänger, Roy. Das ist Mike."
      Er hob das Bild an und deutete für Roy auf den nächsten Mann. Jetzt war auch Roy gänzlich interessiert und lehnte sich nach vorne, um besser sehen zu können.
      "Das ist Mike? Das glaub ich nicht. Der sah doch ganz anders aus, als er gestorben ist."
      "Er hat auch alle seine Haare verloren, als er alt geworden ist", sagte Chester lachend und drehte das Bild wieder zu sich. Anerkennend stieß er einen Pfiff aus.
      "Das war eine gute Truppe damals. Die Frau da, Gene, hat die größten Saltos im ganzen Zirkus gemacht. Und der da, das ist Eddy. Der."
      Er zeigte das Bild wieder Roy, der interessiert "Wirklich?" sagte.
      "Oh ja, das ist Eddy. Und da ist Francis, das da ist Heaven, Sylvia, Rachel, Joe..."
      Er zählte noch ein paar Namen mehr auf, bis er alle genannt hatte. Liam nickte an seiner Schulter langsam.
      "Dass du das noch weißt."
      Chester warf ihm einen Blick zu, dann grinste er auch Theresa an.
      "Sicher. Ich vergesse vielleicht viel, aber euch werde ich nie vergessen."
      Liam deutete auf den Wagen.
      "Der kam mir bekannt vor, weißt du davon noch was?"
      Chester betrachtete den Wagen im Hintergrund, mit seinen bunten Fenstern und dem langen Dach. Nachdenklich runzelte er die Stirn und neigte den Kopf ein wenig in die eine, dann in die andere Richtung.
      "Das sieht mir aus wie der alte Wahrsage-Wagen."
      "Ach, echt?"
      "Ja. Jedenfalls glaube ich das. Diese Fenster machen ein irres Licht und lassen alles mysteriös erscheinen, die habe ich gerne für die Wahrsage-Wagen hergenommen. Wieso gibt's die eigentlich nicht mehr?"
      Liam nahm einen Bissen von seinem Toast und zuckte mit den Schultern.
      "Ich glaube, der Wagen wurde auseinandergenommen. Das habe ich jedenfalls aus den Büchern entnommen. Und solche Fenster sind heutzutage richtig teuer."
      "Wirklich? Wie schade. Das sieht hübsch aus."
      Chester bewunderte den Wagen noch einen weiteren Moment, ahnungslos über den Zusammenhang, dann drehte er das Bild. Auf der Rückseite stand ein kurzer Text geschrieben: Es gibt Tage, die es wert sind, sich an sie zu erinnern. Damit du nicht vergisst, wie glücklich wir alle waren. Theresa.
      Seine erste Reaktion war es, Theresa anzustrahlen.
      "Hey, hast du das schon gesehen? Das kommt von deiner Namensvetterin."
      Seine zweite Reaktion war es, die Worte noch einmal zu betrachten. Es gibt Tage, die es wert sind, sich an sie zu erinnern. Chester drehte das Bild wieder, um in die glücklichen Gesichter lachender Menschen zu blicken - in sein eigenes, strahlendes Gesicht. Damit du nicht vergisst, wie glücklich wir alle waren. Sein Lächeln strauchelte, als ihn eine Welle aus Trauer ergriff.
      So viele Menschen, die sich den Zirkus angeschlossen hatten. So viel Gelächter und so viele Tränen, so viele Gräber, derer er irgendwann überdrüssig geworden war. So viele leuchtende Augen, die er einmal genossen hatte und nie wieder sehen würde. So viele Leben, die sich hier entfaltet und beendet hatten. So viel Leid, das hier geschehen war.
      So viel Leid, das er selbst verursacht hatte.
      "... Chester?"
      Chester hob den Kopf, dann legte er das Bild vorsichtig, ganz vorsichtig auf den Tisch vor Theresa. Sein Lächeln war zurück, bevor es irgendjemandem hätte auffallen können, einstudiert und perfekt mit lebenslanger Übung.
      "Das ist ein tolles Bild, das wird Ella sicher sehr gefallen, Theresa."