Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • Der Winterschlaf, wie Chester es genannt hatte, endete schneller als Tessa sich vorgestellt hatte. Bald schon waren alle Spuren des kalten Winters beseitigt und der Zirkus erwachte zu neuem Leben. Mit den von Eis und Schnee befreiten Straßen kehrten die ersten neugierigen Schaulustigen zurück, die versuchten einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Kinder in dicker Winterkleidung und gestrickten Wollmützen auf ihren kleinen Köpfen tummelten sich vor dem verschlossenen Eisentor. Hin und wieder konnte Tessa beobachten, wie sich ein paar der Schausteller und Artisten dazu hinreißen ließen, den lachenden Kindern eine kleine Vorstellung zu liefern. Sie jonglierten mit bunten Bällen, vollführten kleinere Kunststückchen und steckten hier und da süße Leckereien durch die Gitterstäbe. Große, leuchtende Kinderaugen konnten gar nicht genug davon bekommen. Tuschelnd und kichernd trollten die kleinen Besucher davon und würden garantiert mit überschwänglicher Begeisterung davon zu Hause berichten. Eine bessere Werbung konnte es nicht geben.
      Tessa verfolgte die Verwandlung des Zirkus mit ähnlich großen Augen und die frühlingshaften Dekoration ließ die dunklen Stunden der letzten Monate fast in Vergessenheit geraten. Fast. Das mulmige Gefühl blieb wann immer sie das große Zelt betrat und einen verstohlenen Blick zum Zelthimmel warf. Anderen ging es ähnlich. Tessa konnte es in den zögerlichen Schritten sehen, hörte es daran wie Stimmen sich senkten. Erleichterung machte sich auf allen Gesichtern breit sobald Chester zu den Proben das Zelt betrat und die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden einforderte. Etwas, für das er nicht einmal große Anstrengung aufbringen musste. Sobald seine Stimme von den Zeltwänden widerhallte, gehörten alle Blicke nur ihm. Auch Tessa konnte sich dem nicht entziehen. Selbst von ihrem unscheinbaren Platz in den Zuschauerrängen folgten ihre Augen jeder seiner Bewegungen. Sie ertappte sich häufiger dabei, dass sie eigentlich gar nicht richtig zuhörte. Das änderte sich erst, als sie das erste Mal selbst einen Fuß ins Herz der Manege setzte.
      Zu ihrer Überraschung brachten alle sehr viel Geduld mit dem Neuling auf. Zum Teil lag das wohl an Owl, der mit Argusaugen und der Inbrunst eines Löwenvaters stets in greifbarer Nähe war. Das Privileg die zurückhaltende Tessa aufzuziehen, behielt er sich ganz allein vor. Und Roy. Und Malia. Unter den Artisten gab es noch immer genug missbilligende Blicke, die diejenigen verfolgten, die Chester augenscheinlich näher standen. Owl und Brandon würden in diesem Leben keine besten Freunde mehr werden.
      Heute war ein ganz besonderer Tag für Tessa.
      Sie durfte das erste Mal an einer vollständigen Generalprobe teilnehmen. Die Konzentration in den den Gesichtern aller Anwesenden machte ihr deutlich bewusst, dass es mit den Albernheiten für den Moment vorbei war. Alle begaben sich eilig auf ihre festgelegten Plätze. Tessa betrachtete von ihrer Warteposition aus wie alle Abläufe perfekt miteinander harmonierten. Sie verwandelten sich in ein Uhrwerk, dessen Zahnräder perfekt ineinander griffen. Kulissen, Musik und Artisten bewegten sich in einem einstudierten Takt, den allein Mann im Zelt vorgab. Chester. Und dieser verlangte nicht weniger als Perfektion von seinen Leuten. Auch Tessa fügte sich nun als kleines, emsiges Zahnrädchen in diese bunte und glitzernde Maschinerie ein. Die Proben waren hart und fordernd, trotzdem konnte Tessa sehen, das alle mit ganzem Herzen dabei waren. Da war es wieder...ein Gefühl von Familie.
      Mit einem Seitenblick nickte Owl seiner frischgebackenen Assistentin zu, denn gleich wurde es ernst. Tessa zupfte ein letztes Mal an ihrem neuen Kostüm. Sie schillerte und funkelte nicht wie ein Diamant, so wie es die Hochseilartisten und Trapezkünstler taten. Nein, Owl und Tessa waren in dunklere Töne gekleidet. Die schwarzen, ärmellosen Hemden schimmerten dezent im Licht der Scheinwerfer und langen eng an ihren Körpern. Owl hatte ihr geflochtene Lederbänder um die Oberarme gewickelt, wie er sie selbst auch trug. Auf Owls Zeichen hin hob Tessa ihr Kinn an.
      Nicht auf die Füße sehen, hatte der Messerwerfer gesagt. Halt den Kopf hoben. Vergiss das Lächeln nicht.
      Tessa spürte, wie ihre Haare sie im Nacken kitzelten. Die Kostümbildner hatten darauf bestanden ihr Haar, dass bereits ein kleines Stückchen nachgewachsen war, nach hinten zu binden. Damit sich das Mädchen nicht mehr dahinter verstecken konnte, hatten sie gesagt. Das figurbetonte Kostüm und die ungewohnte Frisur waren recht...gewöhnungsbedürftig.
      Dann war es soweit.
      Owl tippte in einem abgezählten Takt mit dem Zeigefinger gegen seinen Oberschenkel, dann straffte er die Schultern und schritt mit vollkommener Selbstsicherheit nach vorn und Tessa war bemüht es ihm gleich zu tun. Sie hielt die Luft an und blinzelte das erste Mal in die strahlenden Lichter der Manege. Die Musik, obwohl nicht auf voller Lautstärke, dröhnte förmlich in ihren Ohren. Sie hatte die Abläufe minutiös mit Owl einstudiert. Sie wiederholt, immer und immer wieder.
      Arme ausbreiten. Lächeln. Verbeugen. Mit großen, sicheren Schritten zu dem aufgebauten Tisch schreiten.
      Den Koffer öffnen und dem Publikum zu allen Seiten die Messer präsentieren. Zurück mit dem Koffer, zwei Messer heraus nehmen und im richtigen Winkel ins Licht halten, damit sich das Licht in den silbrigen Klingen brach. Owl die Messer geben und den nächsten Schritt vorbereiten, während Owl seine Nummer damit begann blitzschnell auf die von der Decke herunterfallenden Zielscheiben zu zielen.
      Es war ein Takt, mit dem sie langsam vertraut war.
      Messer herausnehmen, präsentieren und Owl reichen, der mit geschickten Würfen brennende Ringe aus der Luft holte und zum Höhepunkt sogar mit verbundenen Augen sein Ziel ohne Fehltritt traft.
      Zum Ende hin klopfte Tessas Herz ganz wild.
      Sie wusste, was als nächste kam, aber der Rest nicht.
      Owl zwinkerte ihr dezent zu, dann holte sie das das letzte Messer aus dem Koffer.
      Ein Atemzug verging ehe sie die Klinge durch ihre Finger gleiten ließ, das Messer auf der geöffneten Handfläche liegend um die eigene Achse rotieren ließ und es Owl zuwarf während es um die eigene Achse wirbelte. Der Messerwerfer klaubte das Wurfmesser geschickt aus der Luft und ließ es sich nicht nehmen seine Assistentin stolz anzulächeln ehe er seine Nummer wie gewohnt beendete.
      Mit einer dramatischen Geste klemmte er sich die Schneide zwischen die Zähne und die Musik fiel ab begleitet von einem dumpfen Rhythmus der Trommeln. Owl streckte den Arm über den Kopf und deutete auf die Kerze, die nun über ihren Köpfen schwebte. Der Faden, der sie hielt, war so dünn, dass es den Eindruck erweckte, die Kerze würde von Zauberhand schweben. Flink nahm er das Wurfmesser aus dem Mund lehnet sich zurück und schleuderte das Messer senkrecht in die Höhe, das Messer zischte an der Flamme vorbei und im selben Moment, in dem die Kerze erlosch, wurde auch das Zelt für ein paar Sekunden in Dunkelheit gehüllt.
      Als das Licht wieder anging und sich die Scheinwerfer ins Zentrum der Manege richteten, standen Tessa und Owl nebeneinander. Sie hielten sich an den Händen und verbeugten sich mit weiter ausgesteckten Armen. Das geworfene Messer war längst wieder an seinem Platz in Owls Hand. Tessa amtete schnell und aufgeregt.
      Es blieb kaum Zeit um einen Blick auf Chester zu erhaschen, da führte Owl sie bereits zurück hinter die Kulissen und drückte sie in einer halben Umarmung an seine Seite. Tessa bemerkte erst jetzt, dass sie am ganzen Leib zitterte, aber das breite Grinsen auf ihren Lippen sprach Bände.
      "Ich bin sehr stolz auf dich, Kitty."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Proben liefen nicht reibungslos, aber das taten sie tatsächlich nie - und Chester war der einzige, dem es auffiel. Von außen betrachtet lief die Nummer tadellos ab, aber Chester sah die Feinheiten. Nach tausenden Aufführungen dieser Art sah er jeden noch so kleinen Aussetzer, jeden noch so kleinen Verpatzer, jedes winzigste Zucken. Er sah alles.
      Und er konnte sich einfach nicht dazu bringen, es zu ignorieren.
      Das war mitunter Hauptgrund für seine alljährlich schlechte Laune und zerrte auch jetzt an seinen Nerven wie ein dunkler Sog, der an seiner Lebenskraft zehrte. Er sah jeden falschen Winkel, jede zu klein ausfallende Bewegung, jedes Lächeln, das an den Mundwinkeln leicht nach unten ging. Im entging gar nichts und er war so, so, so, so sehr dazu geneigt, seiner aufkeimenden Anspannung freien Lauf zu lassen. Immerhin unterrichtete er alle persönlich, immerhin überschaute er alles persönlich, immerhin sollten sie es mittlerweile endlich mal können.
      Aber dann war die Akrobatiknummer aus, die Lichter gingen aus - eine Viertelsekunde zu spät, nicht im Takt - und Chester nahm einen tiefen Atemzug. Ruhig sein. Du hast es schon so oft getan, du schaffst es auch ein weiteres Mal, alter Junge. Nur ein weiteres Mal. Was ist schon ein weiteres Jahr bei so vielen. Und damit zwang er seine anstauende Unruhe hinab, um sich Theresas erstem Auftritt zu widmen. Sie musste nicht beim ersten Mal einem seiner Wutanfälle ausgesetzt sein, er war besser als das. Ganz mit der Ruhe.
      Die Lichter gingen mit einem Schlag wieder an, genau im Takt, und der Vorhang teilte sich zu dem dunkel gekleideten Paar, das strahlend die Manege betrat. Die meiste Musik hatte ausgesetzt, zurückgeblieben waren hauptsächlich die Trommeln und ein paar Streicher, die den Auftritt mysteriös untermalen sollten. Chesters Herz klopfte im Takt und er beobachtete die beiden aufmerksam.
      Theresas Nervosität war ihren Augen abzulesen wie ein offenes Buch, aber Chester wusste, dass nur er es sehen konnte, denn ihr Blick wurde von einem strahlenden Lächeln überschattet. Owl führte seine Nummer durch, die er schon seit Jahren drauf hatte, und Chester war erleichtert darum, dass der Mann genau den Takt traf und wusste, welche Schritte er zu wählen hatte. Das hier war wesentlich angenehmer mit anzusehen als die Akrobatiknummer, was aber auch an der geringeren Komplexität lag. Er konnte sich dadurch wieder etwas beruhigen.
      Seine Aufmerksamkeit wanderte zu Theresa zurück, die er sorgfältig musterte. Sie hielt sich genau an die Vorgaben und war dabei sogar sehr ordentlich. Ihr mangelte es stark an der natürlichen Ausstrahlung unter so hellen Lichtern, aber das war bei ihrem ersten Mal auch mehr als verständlich. Ihre Bewegungen waren noch etwas zu steif und ihr Lächeln künstlich, aber es war okay. Es war alles okay. Es war ihr erstes Mal, natürlich tat sie sich noch schwer.
      Owl warf seine Messer mit Bravour, fehlerlos wie immer, und drehte sich Theresa wieder zu. Die beiden tauschten einen Blick aus und Chester hielt sich zurück, als Theresa das nächste Messer zog. Sie ließ es durch die Finger gleiten und dann sauste es unvermittelt durch die Luft. Chester kniff die Augen zusammen, als Owl sich gekonnt zur Seite bewegte und das Messer aus der Luft pflückte. Wie das eingespielte Team, das sie zu bilden schienen, wandte er sich mit derselben Bewegung den Kerzen zu und leitete seine Abschlussnummer ein. Chester ging wieder dazu über, ihn genau dabei zu beobachten.
      Aber er vollendete alles tadellos und verbeugte sich zum Schluss tief mit Theresa. Aus den Rängen erschallte vereinzelter Applaus von Mitarbeitern, die sich die Nummer angesehen hatten. Chester sagte nichts und ließ die Musik den Rhythmus ändern. Die Vorhänge teilten sich zu Hectors grauem Elefantenrüssel.
      Der Rest des insgesamt zwei Stunden langen Programms verlief auf ähnliche Weise. Viele Fehler, die an Chesters Geduld zerrten, viele Nummern, die tadellos abliefen. Manchmal konnte er sich doch nicht davon abhalten reinzurufen und sicherte sich damit die Nervosität der angesprochenen Darsteller, die mit seinem nächsten Wutausbruch rechneten. Aber Chester hielt alles zusammen und lächelte ihnen hinterher zu.
      Im Nachgang machte er seine Runden. Jede Abteilung bekam sein Feedback und in den meisten Fällen auch noch einzelne Personen. Er hielt sich nicht damit zurück, weil es die erste Vorführung der Saison war und damit wirklich alles sitzen musste. Sie mussten ihren Standard für das Jahr setzen und dabei würde er wenig Rücksicht auf Gefühle setzen.
      Als er beim Messer-Paar ankam, lächelte er beide an.
      "Das war ganz fabelhaft. Owl, dein Handgelenk ist nicht ganz locker, wenn es dir zu kalt ist, zieh Wärmer an. Außerdem neig das Messer bei der letzten Nummer mehr, ich will, dass das Kerzenlicht die Leute blendet. Theresa, gut gemacht, ganz fantastisch. Du bist auf einem guten Weg. Owl, kann ich dich mal sprechen?"
      Die beiden entfernten sich ein Stück von der jungen Frau und Chester senkte die Stimme.
      "Bist du absolut sicher, dass sie das Messer im letzten Akt werfen kann, Owl? Du musst dir wirklich sicher sein. Wenn in der Manege Blut läuft ist das schlimm, aber wenn es das beim ersten Mal tut, haben wir ein echtes Problem. Ich muss dir hier vertrauen können."
    • Mit geröteten Wangen, die von der ganzen Aufregung herrührten, sah Tessa den Männern hinterher. Sie hatte sich gut geschlagen, hatte Chester mit einem Lächeln verkündet und das war alles, was Tessa sich erhofft hatte. Also hatte sie ihn nicht enttäuscht und das machte die junge Frau unheimlich glücklich.
      Zum Entsetzten einer der eifrigen Maskenbildnerinnen begann Tessa die Haarnadeln aus ihrem Haarschopf zu pulen. Binnen weniger Sekunden hatte sie die sorgsame hergerichtete Frisur in ein Vogelnest verwandelt, aber die Nadeln drückten unangenehm in die Kopfhaut und waren alles andere als bequem. Genauso wie das figurbetonte Outfit, in dass sie gesteckt worden war. Obwohl Tessa in ihrem ganze Leben nie so wundervolle und vermutlich teure Kleidungsstücke getragen hatte, konnte sie es kaum erwarten wieder in ihre zu großen Pullover zu schlüpfen.
      "...bist du absolut sicher, dass sie das Messer im letzten Akt werfen kann?...ein echtes Problem...Ich muss dir...vertrauen können."
      Tessa kämpfte gerade mit einer besonders störrischen Haarnadel und amtete hörbar auf, als ihr endlich eine der anwesenden Frauen zur Hilfe kam, die mittlerweile sichtliches Mitleid mit dem Neuling hatte. Da vernahm sie Fetzen der gemurmelten Worte. Verstohlen schielte sie aus dem Augenwinkel zu den Männern herüber, die die Köpfe eng zusammensteckten und ganz offensichtlich über sie sprachen.
      "Sie kann euch hören", sagte sie gerade laut genug.
      Mit einem Hauch von Zufriedenheit sah Tessa, wie Owl, der ihr den Rücken zuwandte, leicht ertappt zusammenzuckte. Tessa wischte sich mit einem feuchten Tuch durch das Gesicht. Dabei war sie wohl etwas zu energisch, weil sie erneut einen vorwurfsvollen Blick der Maskenbildnerin erntete, die wirklich alles gegeben hatte um alle Vorzüge von Tessas Gesicht zur Geltung zu bringen. Mit einem wenig eleganten verwischten Schatten um die Augenwinkel ging sie zu Chester und Owl herüber. Noch einmal rieb sie sich über das Gesicht und machte es damit auch nicht besser. Owl hatte nun sichtlich Mühe, sich das Lachen zu verkneifen.
      Tessa straffte die Schultern und sah festentschlossen aus.
      Der Rausch des Rampenlichts flutete noch ihre Adern.
      "Ich schaff das Chester."
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      Nein, sie schaffte das nicht. Nie und nimmer.
      Tessa hatte schon ein schlechtes Gefühl gehabt, als sie das Kostüm für die Vorstellung angezogen hatte. Überdeutlich spürte sie alle Stellen am Körper, in die das Material etwas zu sehr drückte, einschnitt und ihre Bewegungsfreiheit einschränkte. Plötzlich war ihr der Kragen am Hals fiel zu eng und die Friseur bereitete ihr tierische Kopfschmerzen. Um sie herum herrschte professionelle Aufregung und hinter dem geschlossenen Vorhang erklang der begeisterte Jubel des Publikums. Owl hatte wenige Stunden zuvor noch betont, dass selbst Zuschauer aus anderen Städten extra mit der Dampflock angereist waren, um bei der Premiere dabei zu sein. Tessa umklammerte die Armlehnen ihres Stuhls, als auf dem sie stocksteif saß, während ihr die letzten Nadeln in die Haare gesteckt wurden. Sie hatte die Prozedur in den letzten mehrmals über sich ergehen lassen, bis Chester verkündet hatte, dass sie alle soweit waren...und nun hörten ihre Hände nicht auf zu zittern. So konnte sie nie und nimmer ein Messer richtig werfen! Tessa wollte sich nervös durch das Gesicht fahren, aber ein ermahnender Klaps der Maskenbildnerin hielt sie davon ab. Sie würde doch nicht ihr Makeup ruinieren wollen!
      Knirschend presste Tessa die Zähne aufeinander.
      Es war zu laut, zu voll, zu unruhig, zu heiß, zu eng...und das alles zugleich. Es war zu viel.
      "Entschuldigt mich kurz...", murmelte Tessa leichenblass.
      Sie sprang förmlich vom Stuhl herunter und erntete damit ein erschrockenes Japsen der Frau, die so schon gestresst genug wirkte, weil Tessa kaum stillhalten konnte. Die neugierigen Blicke ignorierend, stampfte Tessa durch den Artistenbereich, vorbei an Requisiten, geschmückten Tieren und anderen Menschen, die ein letztes Mal im Schnelldurchlauf ihre Nummer probten.
      "Tessa?", drang Owls Stimme durch die wohlorganisierte Chaos.
      Das Mädchen duckte sich reflexartig hinter ein der Holzkulissen, die später noch für eine der Aufführungen benötigt wurde. Mit angehaltenem Atem hockte sie dort und lauschte angestrengt, wie sich die Schritte des Messerwerfers wieder entfernten, als er nicht fündig wurde. Das schlechte Gewissen brachte sie halb um, wusste sie doch selbst nicht recht, was mit ihr los war. Bis vor ein paar Stunden war alles noch in Ordnung gewesen. Sie hatte mit Owl herumgealbert, Scherze mit den anderen Artisten gemacht bis Chester sie an den notwendigen Ernst erinnert hatte. Aber das war alles halb so wild gewesen. Tessa hatte sich wohl gefühlt. Kaum hatte sie auf dem Stuhl Platz genommen, war ihre Stimmung gekippt und es war schlimmer geworden je näher die Vorstellung rückte. Fest schlang sie die Arme um ihre angezogenen Beine und drückte das halbfertig geschminkte Gesicht an ihre Knie.
      Tessa war schlecht und sie hatte das Gefühl sich jeden Augenblick übergeben zu müssen.

      "Bitte flipp' jetzt nicht aus", fing Owl das Gespräch an, dass sich nicht weiter aufschieben ließ. Er hatte Chester auf seinem Posten am Eingang zur Manege gefunden, von wo aus ihr Direktor und Boss allen ganz genau im Auge behalten konnte. "...Tessa ist weg."
      Sofort hob Owl beschwichtigend sein Hände in die Luft.
      "Du weißt, dass ich die Nummer auch locker allein durchziehen kann", versicherte er Chester. "...aber ich mache mir Sorgen. Ich habe überall nach ihr gesucht und niemand scheint sie gesehen zu haben." Natürlich nicht, denn Tessa besaß das Talent aller, die auf der Straße aufgewachsen war: Verstecken. Wenn sie nicht gefunden werden wollte, würde sie auch niemand finden...
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Tribünen waren bis auf den letzten Platz belegt.
      Die Saison hatte wieder angefangen und die Karten waren innerhalb weniger Tage restlos ausverkauft worden. Die Flyer hatten sich als große Hilfe erwiesen und auch die Darsteller, die Chester in die Stadt geschickt hatte, um ein bisschen Stimmung zu machen. Jeder wollte zur Premiere kommen. Und sogar schon für die Abende darauf hatten die Leute sich um die Karten gerissen.
      Es war ein gutes Zeichen, ein guter Anfang für einen neuen Durchlauf, aber deswegen war es auch umso wichtiger, dass die Show saß. Jetzt durften wirklich keine Patzer mehr geschehen. Bei den Proben hatte Chester noch manche Dinge durchgehen lassen, aber jetzt nicht mehr. Wirklich nicht mehr. Wenn jetzt noch etwas schiefging, würde Chester an die Decke gehen.
      "Lerry!!! Ich habe gesagt die silbernen Kugeln nach links! Der Teufel soll dich holen! Jetzt sofort!!!"
      "Ja, Chester."
      Der Angesprochene floh regelrecht vor ihm, während Chester wie eine Welle durch den Gang hinter der Manege schwappte. Um ihn herum wuselten Helfer, Schneider und Darsteller, jeder arbeitete an irgendwas, niemand stand still. Ganz besonders nicht, wenn Chester in der Nähe war. Sie liefen umher und teilten sich dabei vor ihm, um bloß nicht durch ihre schiere Anwesenheit seinen Zorn auf sich zu ziehen.
      Chester war bereits seit einer Stunde in sein Kostüm gekleidet, also wesentlich früher als alle anderen. Er trug einen hautengen schillernden Anzug unter einem farbenfrohen Überwurf, der an den Schultern mit hübschen Federn ausgeschmückt war. Sein Haar war in eine Frisur gesteckt, bei der nicht eine Strähne falsch saß. Sollte sie auch nicht; wehe dem, der Chesters Frisur gemacht und dabei versagt hätte.
      "Malia, zum Donnerwetter, geh dich anziehen!!!"
      Die Angesprochene verschwand im Trubel und Chester ließ seine Adleraugen über das weitere Geschehen gleiten. Er überprüfte beim Vorbeigehen jeden einzelnen Handgriff, stellte sicher, dass alles so saß, wie es sein musste. Nach ein paar tausend Aufführungen wusste er mit einem Blinzeln, was richtig saß und was nicht. Entsprechend zornig war er auch, wenn es nicht rechtmäßig gemacht wurde. Wie schwer konnte das denn auch sein? Sie hatten es schon so oft getan!
      "Chester?"
      "Was?"
      Chester wirbelte herum. Vor ihm stand Owl und wenn seine Anwesenheit schon nicht genug war - er sollte eigentlich seine Requisiten nochmal nachprüfen - war es zumindest der schuldbewusste Ausdruck in seinen Augen. Chester spürte sein Blut bereits aufkochen. Wenn jetzt irgendetwas schief ging, würde er wahrlich noch an die Decke gehen.
      "Bitte flipp' jetzt nicht aus", begann der Mann, als hätte er bereits das Feuer in Chesters Augen gesehen und wollte es eindämpfen. Chester kniff misstrauisch die Augen zusammen.
      "...Tessa ist weg."
      "WAS?!"
      Owl hob sofort die Hände, als wollte er Chester davon abhalten, sich gleich mit Händen und Füßen auf ihn zu stürzen. Vielleicht hätte Chester das sogar gemacht. Sein ganzer Körper wurde vor Zorn heiß.
      "Du weißt, dass ich die Nummer auch locker allein durchziehen kann... aber ich mache mir Sorgen. Ich habe überall nach ihr gesucht und niemand scheint sie gesehen zu haben."
      Das beschwichtigte ihn nun wirklich einen Moment, sodass Chester einmal durchatmen konnte. Richtig, Owl konnte es auch alleine machen; es war zwar nicht, was sie geprobt hatten, und damit trotzdem mehr als fehleranfällig, aber Owl konnte das schon. Chester hatte ihn beim Proben zugesehen, er konnte das.
      Trotzdem - wie konnte Theresa einfach so verschwinden? Und warum? Sie wusste, dass heute Premiere war, sie wusste, dass sie eine nicht unwesentliche Rolle hatte! Owl hatte keine andere Assistentin und Chester würde es auch nicht selbst tun, damit er für alle schlimmeren Ausfälle bereit war. Theresa konnte sich nicht einfach so rar machen!
      Aber es brachte nichts, sich jetzt darüber aufzuregen. Chester würde ganz sicher niemanden dazu abstellen, die Frau jetzt zu finden. Jeder hatte hier seine Aufgaben, die er zu erfüllen hatte, und abgesehen davon wusste er nicht einmal, wo sie sein könnte. In ihrem Wagen? Wohl kaum, dort würde man doch zuerst nach ihr suchen. Und sonst?
      Der Gang kam ihm in den Sinn, in dem Theresa ihn selbst gefunden hatte. Vielleicht hatte sie sich dorthin zurückgezogen. Wenn es aber so war, würde Chester erst recht niemanden nach ihr schicken. Dieser Gang war sein und ihr Geheimnis.
      "Du machst die Nummer alleine. Ich verlass mich auf dich", murrte er wütend. Owl nickte, weil ihm nichts anderes übrig blieb.
      "Wenn Theresa wieder auftaucht, soll sie bei den Requisiten aushelfen. Wenn nicht, finden wir sie hinterher noch. So groß ist der Zirkus auch wieder nicht."
      Damit musste Owl sich zufrieden geben und zog ab, damit er Chesters Geduld nicht noch allzu sehr überstrapazierte. Chester warf dabei einen Blick auf seine Uhr und ging dann zum großen Vorhang, um auf die davor gestapelten Kisten zu springen. Theresa hin oder her, the show must go on.
      "Herhören, alle miteinander! Kommt ran jetzt, eine letzte Minute haben wir!"
      In ihrem alten Ritual ließen alle Arbeiter ihre Sachen stehen und liegen und kamen heran, um sich vor Chester zu versammeln, damit er seine kleine Rede halten konnte. Das tat er zu jeder Premiere, entweder die der Saison oder die einer neuen Stadt. Das durfte auch jetzt nicht fehlen.
      "Der Zirkus Magica ist aus dem Winterschlaf erwacht! Wir haben es noch immer in uns; ein paar Monate unter Schnee werden uns nicht begraben können! Ich will heute Perfektion von euch, alles, was ihr in den letzten Jahren gelernt und in den letzten Wochen aufgefrischt habt! Denkt daran, dass dieser heutige Auftritt, dieser heutige Tag, die Grundlage für unser Jahreseinkommen bietet! Wenn ihr noch immer Pudding in der Kantine haben wollt, dann strengt euch an! Wenn ihr noch immer zwei freie Tage und genügend Freizeit haben wollt, dann gebt euer bestes! Wir sitzen hier alle im selben Boot und wir werden dafür sorgen, dass dieses Boot weiter schwimmt als jemals zuvor!"
      Er sah auf seine Uhr und wirbelte dann herum. Chester hatte das allgegenwärtige Ticken in seinem Bewusstsein wie ein sehr bekanntes Lied.
      "Haltet euch bereit! Verzaubert die Zuschauer! Liefert ihnen eine Vorstellung, die niemand jemals vergessen wird! Und immer! Genug! Lächeln!"
      Damit sprang er von den Kisten, verwandelte seine Miene in eine strahlende, verzaubernde Maske und ergriff den Vorhang. Die Musik setzte ein und Chester explodierte mit allem Zauber und aller Kunst in die Manege.
    • Eine ganze Weile hockte Tessa schuldbewusst in ihrem Versteck hinter den Requisiten, die erst zu einem späteren Zeitpunkt während der Eröffnungsvorstellung benötigt wurden. Sie hielt sich so lange versteckt, bis sich der Trubel vom hinteren Bereich vollständig nach vorne zur Manege verlagerte. Die Musik schwoll langsam an und kündigte damit weit über die Grenzen des Zirkus hinweg den Beginn der Vorstellung an. Die Besucher klatschten vor schierer Begeisterung. Ein Klang, der selbst das Orchester für einige Minuten übertönte. Es war der Klang, der ebenfalls Tessa gegolten hätte, wenn sie sich nicht wie ein Feigling im Schatten verstecken würde. Frustriert zerrte sie an der Frisur, befreite Strähne um Strähne, bis sie alle Arbeit zunichte gemacht hatte. Dabei ignorierte sie den ziependen Schmerz, der ihr bei jedem unsanften Ruck durch die Kopfhaut fuhr. Als die Aufführung bereits in vollem Gange war, war Tessa längst nach draußen in den beginnenden Abend verschwunden. Zurück blieb von ihrer Anwesenheit nur eine Spur aus verstreuten Haarnadeln und Fußspuren im weichen Boden vor dem großen Zirkuszelt.

      Stundenlang streifte Tessa über das verwaiste Zirkusgelände. Dabei wich sie all den Angestellten und Bewohnern des Zirkus aus, die nicht unmittelbar an der diesjährigen Premiere beteiligt waren. Tierpflegern, Hilfskräften und Köchen, die hin und wieder in Richtung des großen Zeltes strömten um einen verstohlenen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Sie wurden erst im Anschluss wieder gebraucht um die Tiere zu versorgen, die Besucherränge aufzuräumen, Kulissen auszubessern und alles wieder an Ort und Stelle bis zur nächsten Vorstellung zu bringen. Tatsächlich schlüpfte Tessa schließlich in die Zwischenräume der Zelte und verbarg sich an dem einzigen Ort, an dem sie wirklich niemand finden konnte. Außer Chester.
      Der Winterfrost erreichte das verschlungene Labyrinth schon seit einigen Wochen nicht mehr. Anstatt eisigkalt und nass war es jetzt nur noch...nass. Die Witterung war mehr als ungemütlich, doch Tessa fühlte sich hier sicher. Sie dachte an Chester. Vielleicht konnte sie einfach das tun, was er eh vorgehabt hatte und sich hier verstecken, bis alle im Zirkus Magica sie vergessen hatten. Tessa würde sich in einer Ecke zusammenrollen und darauf warten, bis die Scham sie aufgefressen hatte.
      Hier, hinter den Wänden, harrte Tessa nun aus bis die Musik der Manege verstummte und die Schritte auf den Trampelpfaden wieder lauter wurden. Geflüster drang durch die Zeltwände in ihr Versteck. Natürlich sprachen die Leute auch über die verschwundene Tessa. Sie tuschelten darüber wie wütend Chester gewesen war und dass sie noch ihr blauen Wunder erleben würde, sollte sie bald wieder auftauchen. Zu dem schlechten Gewissen und der bodenlosen Scham gesellte sich nun auch Furcht. Tessa kauerte sich noch ein bisschen mehr zu einer kleinen Kugel zusammen.
      Es kostete sie alle Überwindung erst mitten in der Nacht wieder aus ihrem Versteck zu kriechen.

      Als Tessa durch den Zirkus streifte, war es allerorts bereits friedlich und still bis auf das Kantinenzelt. Von dort schwappte die schnelle Melodie eines Tanzstückes herüber. Ein paar der Artisten, Bühnenbilder, Schneider und andere, die an der Show beteiligt gewesen waren, feierten noch die gelungene erste Vorstellung dieses Jahres. Nicht zu lange natürlich um für die morgigen Proben wieder frisch und wach zu sein. Dementsprechend war es einfach für Tessa mit dem Geschick einer Diebin durch die Dunkelheit bis zu ihrem Wagen zu huschen. Kurz ging sie in Deckung, als eine vertraute Gestalt um ihren Wohnwagen herumschlich.
      Owl späte durch die verdunkelten Fenster ins Innere und ließ bereits wenige Augenblicke später enttäuscht die Schultern hängen. Sie wollte nicht wissen, wie oft der Mann in den letzten Stunden nach der Aufführung hier gewesen war. Wenn sie genau hinsah, konnte sie die zahlreichen Fußspuren im Matsch erkennen. Erst als Owl sich nach dem erneuten Misserfolg verdrückte, schlich sie zurück ins Innere des Wagens. Ihr war wieder übel, als sie sich von ihrem Kostüm befreite, das sie völlig umsonst getragen hatte...und vermutlich nie wieder anziehen würde. Tessa bezweifelte, dass sie eine zweite Chance bekommen würde. Dieses Mal würde Owls Wort nicht genügen um Chester zu überzeugen. Chester...
      Der schwerste Gang stand Tessa in dieser Nacht noch bevor. Besser sie tat es jetzt, als sich den Rest der Nacht im Bett herumzuwälzen und das Donnerwetter bis zum Morgen hinauszuzögern. Ein kleines Bisschen hoffte sie dann doch, dass Chester vielleicht schon schlief und sie einfach wieder umdrehen konnte. Nur war das Glück heute nicht auf ihrer Seite. Tessa warf einen letzten Blick in den kleinen, verblichenen Spiegel neben der Tür. Sie war leichenblass, die Augen selbst und die Haut darum war vom vielen Reiben gerötet, die Haare standen ihr zu Berge und der Pullover hing ihr unförmig am Leib. Lieblos rückte sie den zu weiten Kragen zurecht, der ihr immer wieder über die Schulter rutschte. Plötzlich unentschlossen zog sie nur langsam ihre Jacke über, schlüpfte in die alten Stiefel. Es war eine weitere Stunde vergangen ehe Tessa wirklich einen Fuß vor die Tür setzte. Jetzt war es noch ein bisschen stiller geworden.
      Vor Chesters Zelt hielt sie inne.
      Erneut fühlte Tessa das verräterische Brennen in ihren Augen und schniefte einmal bemüht leise. Mit einem tiefen Atemzug schob sie die Vorhänge am Eingang beiseite und wagte sich in die sprichwörtliche Höhle des Löwen.
      Tessa wusste sofort wieder, warum sie Chesters privates Zelt gerne vermied. Die Lichter im Zelt waren herunter gedimmt, aber es reichte um den vertrauten Raum des Wohnzimmer zu erkennen. Erinnerungen hingen überall in diesem Zelt und es waren keine der guten Sorte. Selbst die, die eigentlich schön gewesen waren, wurden von der harten Realität überlagert. Auch erinnerte es sie daran, dass sie unerlaubt herumgeschnüffelt hatte, während Chester vor Frucht und bösen Vorahnung gelähmt und halb erfroren einem einsamen Schicksal entgegen gesehen hatte.
      "Chester", flüsterte sie mit dünner, heiserer Stimme. Sie räusperte sich und versuchte es etwas lauter noch einmal. "...Chester? Ich weiß es ist spät, aber...aber ich w-wollte mich entschuldigen und...es...es..." Sie hielt inne, murmelte dann leise hinter. "...v-vielleicht komme ich lieber morgen w-wieder..."
      Ja, das klang gut.
      Morgen sah die Welt schon wieder anders aus.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Premiere war ein voller Erfolg. Feuerwerke erhellten den Himmel und Lichter glitzerten im Zelt und regelmäßig war die Luft erfüllt von Ahhhs und Ohhhs und donnerndem Beifall, der die Tribünen erzittern ließ. Chester mochte durchaus behaupten, dass er sich dieses Jahr wieder selbst übertroffen hatte, wobei das mit ein paar Jahren zu viel auch bald seinen Wahrheitsgehalt verlor. Natürlich war er besser als letztes Jahr, denn sein Kader an Darstellern war noch immer derselbe und Chester wusste, dass es mit denselben Darstellern nur bergauf ging. Jeder kannte die Abläufe, jeder war sie schon gewohnt, niemand musste neu eingearbeitet werden. Alle wussten sie, was auf sie zukam, und alle behandelten es mit Bravour.
      Naja, bis auf die einzige, offensichtliche Ausnahme. Chester hatte nicht noch einmal nach Theresa gefragt, nachdem der Vorhang aufgegangen war, um seine Leute nicht von der wichtigen Sache abzulenken. Von der wichtigen Sache? Ja, die Premiere war wichtig und wenn Theresa sich einen Abend lang ihren Hintern in der Kälte abfrieren musste, dann war das noch immer nicht so wichtig wie der erste Auftritt der Saison. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte Chester das womöglich anders betrachtet, aber jetzt stand er unter Strom. Alles musste sitzen. Um Theresa konnte er sich immernoch nachher kümmern.
      Das Finale ließ buntes Konfetti durch das Zelt regnen und bunte Lichtblitze, die aus dem Nichts erschienen und wieder ins Nichts verschwanden, feiner, glitzernder Staub, der durch die Luft wirbelte und das zusätzliche Licht reflektierte, triumphierende Musik eines voll besetzten Orchesters und Clowns, so viele Clowns, so viele Tänzer, die mit funkelnden Kostümen durch die Manege tanzten, über denen Artisten Kunststücke vollführten, die regelrecht unmöglich schienen, und darunter auch noch Hector, der seinen langen Rüssel in die Luft streckte und periodisch zur Musik trötete. Das ganze Zelt wackelte in dem überwältigenden Finale und dann wurde zehn Minuten lang anstandslos geklatscht und gejubelt und sogar mit den Füßen gestampft. Ein voller Erfolg. Chester hätte nicht glücklicher sein können; und dabei wäre die perfekte Unterlage gewesen, dass alles schief gehen könnte. Aber bis auf Theresa hatte es keine Ausfälle gegeben und Owl hatte mit seiner alleinigen Nummer das Publikum verzaubert, als hätte er sein Leben lang nie etwas anderes getan. Chester war wirklich erleichtert darum.
      Während die Besucher noch aus dem Zelt strömten, leitete er die Aufräumarbeiten an, dicht gefolgt von Liam, der ein genaueres Auge auf alles werfen würde. Denn Chester blieb nicht lange; nur ein paar Minuten, dann flitzte er schon nach draußen und umrundete das Zelt, bis er zum Hauptweg kam. Sein buntes, schillerndes Kostüm erntete die kreischende Aufmerksamkeit von Kindern, die mit ihren Eltern heran rauschten, um den berühmten Großen Chester bestaunen zu können. Mit ausgebreiteten Armen und einem überwältigenden Lächeln trat er ihnen entgegen, dabei lag sein Ziel noch weiter als das. Er kämpfte sich langsam, aber zielstrebig durch die Menge hindurch, zwinkerte Kindern zu und grinste ihre Eltern an, bis er die kleine Ansammlung antraf, auf die er eigentlich zugehalten hatte. Vor ihnen verneigte er sich tief, aber kurz, um ganz seinem Namen gerecht zu werden, bevor er ihnen nacheinander die Hände schüttelte. Namen wurden ausgesprochen, die Chester sich niemals merken würde; wozu auch? Aber da war der Bürgermeister der Stadt, da war ein Vorstandsmitglied einer großen Bank - Chester wusste, dass Banken wichtig waren, aber nicht mehr, was der genaue Zweck einer Bank war - ein Politiker, ein Mann von der Eisenbahngesellschaft - was sollte denn überhaupt eine Dampflock sein? - der Herausgeber einer Zeitung und noch ein paar, deren Berufe Chester nicht einmal verstand. Er lächelte sie alle an, als wären sie alle etwas ganz besonderes, und wiederholte sich darin, wie geehrt der Zirkus sich fühlte, solch hohen Besuch empfangen zu dürfen, und ob ihnen das Programm gefallen hätte. Er organisierte ihnen allen etwas zu trinken und sie zogen sich zu einer Feuersäule zurück, um noch ein paar Momente Nettigkeiten auszutauschen. Chester beantwortete mit der großspurigen Leidenschaft, die man von ihm als Zirkusdirektor erwartete, alle Fragen und legte dabei ein tadelloses Grinsen an den Tag. Die Leute um ihn herum lachten und vergnügten sich, ein Abend, an dem sie nicht in der grauen Welt ihrer Berufe gefangen waren, sondern sich den bunten Farben des Zirkusses ergeben konnten. Chester kannte das schon. Es war reine Routine, dass er mit den wichtigen Personen persönlich sprach.
      "Wie heißen Sie eigentlich? Richtig, meine ich. Vielleicht will ich Sie einmal engagieren, wenn die Stadt wieder vor Langeweile einschläft."
      Die Frage des Bürgermeisters wurde von Gekicher untermalt, aber trotzdem richteten sich viele Augen erwartungsvoll auf Chester, der ihn nur unermüdlich anlächelte und dabei so tat, als wäre die Frage etwas persönlich.
      "Sie kennen meinen Namen nicht? Und dabei haben Sie noch hergefunden? Ich bin niemand anderes als The Great Chester of the Circus!"
      Dabei riss er die Arme zu den Seiten und erntete angetrunkenes Gelächter, weil seine Bewegung ausnahmsweise mal nicht mit viel Musik und Licht begleitet wurde. Auch der Bürgermeister war sichtlich unterhalten, schüttelte aber den Kopf.
      "Das weiß ich doch. Ich meine Ihren richtigen Namen."
      Chester zwinkerte ihn an, ein schelmisches Lachen im Gesicht.
      "Mein guter Mann, das ist ein Berufsgeheimnis. Was wäre die Magie, wenn man sie durchblicken könnte? Aber ich sage Ihnen was: Finden Sie heraus, wie ich heiße, und ich spendiere Ihnen ein ganzes Jahr lang den Zirkus Magica, nur in ihrer Stadt, und das ganz umsonst!"

      Die Versammlung hielt nicht allzu lange an, da niemand wichtig genug dabei gewesen war, dass Chester alle zum Essen eingeladen hätte. Bei der Kälte, die trotz weniger Schnees noch immer vorherrschte, eilten sie bald wieder nach draußen und verloren sich in der Nacht. Mittlerweile waren auch die letzten Besucher vom Zirkusgelände verschwunden und alles kehrte zurück in seine schläfrige Einsamkeit.
      Chester zog sich in sein Zelt zurück, nachdem Liam alles unter Kontrolle hatte. Er schälte sich aus seinem engen Kostüm, durchgefroren bis auf die Knochen, und ließ sich in eine Wanne heißen Wassers sinken. Das war jetzt das einzige, was er nach diesem Abend haben wollte. Die anderen waren noch im Kantinenzelt zugegen, um ihre gelungene Premiere zu feiern, aber Chester war dafür zu müde. Einfach zu müde. In seinem Alter konnte er das schon auch mal sein.
      Er ließ sich vom Wasser aufwärmen und wusch sich dann ordentlich die Haare. Morgen würden sie wieder gestylet werden und wenn er sie die Nacht lang so ließ, würde es nur strähnig aussehen. Sein Kostüm würde er auch noch auf Flecken überprüfen und dann ordentlich aufhängen, damit er es am morgigen Tag wieder tragen konnte. Insgesamt erwarteten sie jetzt noch vier Tage voller Vorstellungen, bevor sie alle einen Tag frei hatten. Es war eine harte Zeit, aber eine wichtige. Die erste Zeit einer Saison war immer sehr wichtig.
      Er schlüpfte aus der Wanne und kroch dann sofort ins Bett. Die Matratze war weich und die Decke flauschig und Chester vergrub sich sofort in sämtlichen Kissen. Er würde nicht schlafen können, bis nicht alles von seiner Körperwärme aufgeheizt war, aber er konnte ja zumindest schonmal liegen. Entspannt seufzte er.
      Dann riss er die Augen auf, als eine Stimme erklang. Viel zu nah, viel, viel zu nah.
      "...Chester? Ich weiß es ist spät, aber..."
      Er setzte sich kerzengerade in seinem Bett auf. Theresa hatte er nach der letzten Runde glatt vergessen.
      "...aber ich w-wollte mich entschuldigen und...es...es..."
      Er kletterte zum Bettrand. Die Stimme kam aus seinem Vorzimmer - wirklich? Theresa war einfach so reinmarschiert? Zorn quoll in ihm auf - und dann sofort auch wieder ab. Er hatte es ihr doch nicht gesagt. Bei der ganzen Aufregung... er hatte noch immer nicht gesagt, dass sie nur reinkommen durfte, wenn er auch das Okay gab.
      Er sprang auf. Er wurde wirklich nachlässig, das sollte ihn aber jetzt nicht davon abhalten, ein Paar Hosen zu finden. Ordentliche Hosen. Und ein Hemd vielleicht. Sein Blick fiel auf sein Kostüm und er zwängte sich dort hinein, bevor er etwas anderes gefunden hatte.
      "...v-vielleicht komme ich lieber morgen w-wieder..."
      "Wirst du nicht!"
      Grundgütiger, diese Frau. Chester hätte auch nichts dagegen gehabt, sie morgen aufzusuchen, aber jetzt hatte er sich schon wieder in sein Kostüm gezwängt. Der Aufwand würde nicht umsonst sein.
      Er kam mit großen Schritten heraus und blieb dann stehen. Theresa stand nahe dem Eingang, ihre Haare eine einzige Katastrophe, ihre Jacke offen, ihr Pulli schief. Ihre Augen rot. Sie stand da, verloren und alleine, wie das erste Mal, als Chester sie gesehen hatte, ganz das scheue Reh, das bei der ersten Bewegung zu fliehen versuchte. Nicht die Theresa, die unter seiner Aufsicht ein wenig aufgeblüht war. Irgendetwas hatte sie zurück in ihre alten Muster geschmissen.
      Natürlich trug da nicht unwesentlich dazu bei, dass sie einfach während den Vorbereitungen getürmt war. Chester hatte das nicht vergessen und so sehr er doch Mitleid mit der armen Frau haben wollte, er würde das nicht einfach so ignorieren. Es war ein Potenzial für eine ernsthafte Katastrophe gewesen und so etwas duldete er nicht. Nicht in seinem Zirkus.
      "Komm."
      Er wies mit dem Kopf zu seinem kleinen Arbeitsraum und ging hinüber. Theresa folgte, wesentlich langsamer und zögerlicher, aber sie folgte. Chester ließ sich hinter seinem Schreibtisch auf seinen Sessel fallen, Theresa nahm vorsichtig auf dem Stuhl davor platz. Sie hielt ihre Hände auf ihrem Schoß und sah Chester an, während sie zeitgleich versuchte, ihn nicht anzusehen.
      Chester schwieg für einen Moment. Er betrachtete sie nur, während er abschätzte, wie hier die richtige Vorgehensweise sein würde. Er schätzte Theresa ein, er schätzte ihren Zustand ein und neigte sich kurz darauf zur Seite, um eine Schublade zu öffnen und in den Blättern zu kramen. Er fand, was er suchte, und zog das Blatt heraus.
      "Weißt du, was das ist?"
      Theresa starrte auf das Flugblatt vom Zirkus Magica, bunt und voller Menschen und Tiere, das Logo des Zirkusses so groß, dass es fast die halbe Seite einnahm. Sie sah dabei gänzlich elend aus. Chester verbannte sämtliche Regung aus seiner Stimme als er es vor ihr auf den Tisch legte.
      "Das ist unser Flugblatt, nicht wahr? Und das hier?"
      Er kramte wieder und zeigte ihr ein neues Blatt. Es war auch ein Flugblatt, in rot gehalten, von einem Zirkus, der sich Zirkus Fantasia nannte, goldene Schrift und viele ausgefallene Kostüme an vielen ausgefallenen Menschen und Tieren. Chester legte es neben ihr eigenes Flugblatt und tippte darauf.
      "Das ist Zirkus Fantasia. Er hat heute auch seine Premiere und das nur eine Stunde von hier. Und das hier?"
      Er beförderte ein drittes zutage: Zirkus Royal. Auf seinem Bild waren große Clownsgesichter zu sehen und dahinter Funken und Sterne, die sie in Szene setzten. Es kam neben die anderen beiden vor Theresa.
      "Zirkus Royal, drei Stunden weg, habe ich mir sagen lassen. Ein fantastisches Programm. Sie haben spektakuläre Seiltänzer und ich habe gehört, dass sie ihren Löwen Saltos beibringen."
      Er sah Theresa an und verschränkte die Hände auf dem Tisch. Sie sah aus, als könnte sie gleich wieder weinen, aber was gesagt werden musste, musste eben gesagt werden.
      "Weißt du, wohin all die Leute gehen, die hier heute keinen Platz gefunden haben?"
      Er tippte auf eines der anderen Flugblätter.
      "Und all die Leute, für die dieses Blatt ansprechender ist?"
      Wieder tippte er darauf.
      "Und all die Leute, die heute hier waren, aber die nicht vollends begeistert von uns sind? Die nachhause gehen und ihren Freunden und Verwandten erzählen "es war schon okay, aber die Löwen, die sind nicht so gut wie im Zirkus Royal, und die Tänzer die sehen einfach nicht so schön aus wie im Zirkus Fantasia"?"
      Er sparte sich das Tippen und sah Theresa stattdessen eindringlich an.
      "Ein mal kommt man hierher in der Saison, Theresa. Ein mal, um das Programm zu sehen und sich verzaubern zu lassen. Danach kennt man es und weiß, dass der Zauber einen nie wieder so erwischen wird wie beim ersten Mal. Vielleicht kommen Kinder mehrmals und auf das Zirkusgelände kommt man sowieso regelmäßig, aber würde es die Aufführung nicht geben, dann würde es auch keine Besucher geben, dann würde es kein Zirkusgelände geben und dann wäre dort nichts. Eine einzige Chance haben wir, und zwar sämtlichen Leuten, die heute nicht gekommen sind, weis zu machen, dass sie unbedingt hierher", er tippte auf das Blatt ihres Zirkusses, "kommen müssen, um es mit eigenen Augen zu sehen. Dass keine Gerüchte helfen und dass kein anderer Zirkus es besser macht, sondern nur wir. Wenn sie Unterhaltung suchen, sollen sie in den Zirkus Magica kommen. Wenn sie sich den Abend vertreiben wollen, sollen sie in den Zirkus Magica kommen. Wenn sie nichts mit sich zu tun wissen, sollen sie in den Zirkus Magica kommen. Nicht hierhin", das andere Blatt, "oder hierhin, oder woanders hin, sondern zu uns. Nur zu uns. Und es ist unsere Aufgabe, ihnen das zu vermitteln, und zwar bevor jemand anderes sie schon von sich überzeugt hat. Verstehst du das?"
    • Mitten in der Nacht tauchte Chester aus dem angrenzenden Schlafbereich auf, als hätte er sich keine einzige Stunde hingelegt. Er trug noch immer das glamouröse Kostüm, das ihm persönlich auf den Leib geschneidert war. Alles in Allem erweckte Chester den Eindruck, als wäre er gerade erst vor ein paar Minuten in sein Zelt zurückgekehrt, wären da nicht die die kurzen, blonden Strähnen, die ihm ausnahmsweise platt in die Stirn fielen. Von der peniblen Frisur war nichts mehr zu sehen. Tessa fühlte wie sich ihr Herz bei dem seltenen Anblick zusammenzog. Das letzte Mal hatte sie ihn an diesem einen Morgen in ihrem Wohnwagen so gesehen. Der ernste Tonfall erstickte jegliche Sentimentalitäten im Keim. Richtig, sie hatte Mist gebaut. Ganz großen Mist, der zu ihrem Glück ohne Folgen geblieben war.
      Tessa zog das Kinn auf die Brust und trottete zögerlich, mit mehr Abstand als vielleicht nötig, hinter Chester her. Der Weg führte durch den gemütlichen Wohnraum des Zeltes in das kleine Büro. Etwas zögerte die junge Frau an der Schwelle, wo eigentlich keine richtige Türschwelle war, aber sie hielt dennoch inne. Das letzte Mal als sie hier gewesen war, hatte sich ihre bisheriges Leben um 360 Grad gedreht. Erst, als Chester bereits saß und auf den verwaisten Stuhl vor seinem Schreibtisch verwies, setzte sich Tessa wieder in Bewegung. Abwartend, welches Donnerwetter nun folgen sollte, legte sie die Hände in den Schoß. In alter Gewohnheit pickte sie an ihren Fingernägeln und wirkte alles andere als entspannt.
      "Weißt du, was das ist?"
      Sie nickte stumm.
      "Das ist unser Flugblatt, nicht wahr? Und das hier?"
      Noch ein Flugblatt.
      Tessa blieb still.
      "Das ist Zirkus Fantasia. Er hat heute auch seine Premiere und das nur eine Stunde von hier. Und das hier?"
      Flugblatt Nummer Drei gesellte sich zu den anderen und Tessa bekam langsam eine Idee davon, worauf Chester hinaus wollte. Sie presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen und blickte schuldbewusst auf die Flugblätter der Konkurrenz. Der Zirkus Magica mochte ein magischer Zirkus sein, aber Geld verdienen mussten sie trotzdem, damit alle etwas zu essen und ein Dacht über dem Kopf hatten.
      "Zirkus Royal, drei Stunden weg, habe ich mir sagen lassen. Ein fantastisches Programm. Sie haben spektakuläre Seiltänzer und ich habe gehört, dass sie ihren Löwen Saltos beibringen."
      Wenn es möglich gewesen wäre, wäre Tessa noch kleiner geworden. So klein, bis sie unter dem Stuhl hätte verschwinden können. Herzukommen und ihr Gewissen zu erleichtern, hatte leider nicht den gewünschten Effekt. Tessa fühlte sich noch schrecklicher als vorher. Chesters eindringliche Stimme erfüllte das Zelt und er hatten allen Grund unzufrieden mit ihr zu sein. Trotzdem tat es mehr weh als gedacht, dass er auf diese Weise mit ihr sprach. Ihre Augen brannten. Vielleicht war ihr zu Kopf gestiegen, dass sich der Mann mit den vielen Masken ein wenig in ihrer Gegenwart öffnete. Eine Sonderbehandlung hatte sie deswegen zwar nicht bekommen und sie hätte nie in ihrem Leben danach verlangt, doch gerade in diesem Moment tat es einfach nur weh. Vor allem ihre eigene Dummheit. Tessa verfolgte wie sein Zeigefinger von Flugblatt zu Flugblatt sprang um seinen Standpunkt zu verdeutlichen.
      "Und all die Leute, die heute hier waren, aber die nicht vollends begeistert von uns sind? Die nachhause gehen und ihren Freunden und Verwandten erzählen "es war schon okay, aber die Löwen, die sind nicht so gut wie im Zirkus Royal, und die Tänzer die sehen einfach nicht so schön aus wie im Zirkus Fantasia"?"
      "Chester, ich...", versuchte sie es leise.
      "Ein mal kommt man hierher in der Saison, Theresa. Ein mal...", fuhr Chester fort. Tessa hörte zu und fühlte dabei wie ihre Zunge gelähmt und nutzlos an ihrem Gaumen klebte. Mit jedem Wort verlieh Chester seinem Standpunkt noch einmal Nachdruck. "...Und es ist unsere Aufgabe, ihnen das zu vermitteln, und zwar bevor jemand anderes sie schon von sich überzeugt hat. Verstehst du das?"
      Tessa schluckte trocken und blinzelte gegen das Brennen in ihren Augen an.
      Es spielte keine Rolle, dass sie plötzlich kalte Füße bekommen hatte. Unsicherheit entschuldigte nicht, dass sie niemandem gesagt hatte, dass sie es mit der Angst zu tun bekommen hatte. Ihr Lampenfieber hätte allen große Probleme bereiten können. Sie senkte den Blick in ihren Schoß, wo sie peinlich berührt die Finger knetete.
      "Ja, Chester", antwortete sie bedröppelt. "Es tut mir leid, dass ich weggelaufen bin und niemandem etwas gesagt habe. Ich wollte niemandem Probleme machen, aber meine Hände haben so gezittert und..." Tessa stockte. Nein, dass war nicht das, was Chester gerade hören wollte. Keine Ausreden. "Es tut mir wirklich, wirklich leid und es kommt nicht wieder vor. Versprochen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Theresa blieb die ganze Zeit über still. Jedes Wort, das Chester an sie ausrichtete, ließ sie mit stillschweigender Starre über sich ergehen, die Lippen fest aufeinander gepresst, die Augen so groß, dass Chester hätte hineinfallen können. Die Schuld stand deutlich in ihnen geschrieben und wenn Chester nicht schon seine Predigt angefangen hätte, hätte er sie in dem Moment gestartet, in dem er es gesehen hatte. Theresa war sich ihrer Tat durchaus bewusst und jetzt musste er nur dafür sorgen, dass es auch dabei bleiben würde. Dass sie nicht das Gefühl bekam, sie könnte ständig abhauen, wenn es ihr danach beliebte. Damit sie nicht dachte, Chester würde es schon richten, denn Chester war nunmal Chester und Theresa nur eine weitere Angestellte unter vielen.
      Als Chester sein letztes Wort gesprochen hatte, war Theresa so tief auf ihrem Stuhl hinunter gesunken, als wolle sie versuchen, gleich zu verschwinden. Sein Blick alleine hielt sie davon ab und vielleicht auch die Angst davor, seinen Zorn endgültig zu wecken. Chester war nicht wütend, zumindest nicht ganz. Aber es würde nicht viel fehlen und er könnte sich vergessen.
      "Ja, Chester", antwortete sie ganz leise und sah ihn dabei nicht an. Sie musterte ihren Schoß um ihre Tränen zu verstecken, die sich schon selbst verraten hatten.
      "Es tut mir leid, dass ich weggelaufen bin und niemandem etwas gesagt habe. Ich wollte niemandem Probleme machen, aber meine Hände haben so gezittert und..."
      Eine einzelne Augenbraue hob sich leicht in Chesters Gesicht. Er wartete ab, um der Pause Gewicht zu verleihen, um das unangenehme Gefühl, das auf Theresa lasten musste, noch zu vergrößern. Er wartete ab, bis seine Geduld brachte, was seine Worte sonst getan hätten.
      "Es tut mir wirklich, wirklich leid und es kommt nicht wieder vor. Versprochen."
      Ah. Das war es, was er haben wollte. Nur war er hier nicht fertig, nur der erste Teil war geschafft. Theresa erkannte ihre Schuld ein, sie musste sich nur noch in Zukunft daran erinnern, was sie solche Aussetzer kosteten.
      "Ich glaube dir, dass es dir leid tut", gab er fast schon sachlich zurück, sammelte die Flugblätter ein und ordnete sie. Dann ließ er sie verschwinden, bevor er kalkuliert seine Hände zurück auf dem Tisch drapierte. "Und es wird auch nicht wieder vorkommen, deswegen wirst du dein Versprechen auch einhalten können. Theresa, ab morgen wirst du dich mit Owl im Zelt einfinden, du wirst dich mit ihm aufwärmen, du wirst dich umziehen und dann wirst du hinter dem Vorhang bleiben, während Owl seinen Auftritt hat. Du wirst nicht mehr bei den Auftritten teilnehmen, nicht morgen, nicht übermorgen, so lange nicht, bis du dein Versprechen eingehalten hast. Ich sehe, dass ich dich zu früh beurteilt habe und dafür erspare ich uns beiden die Blamage. Du bist noch nicht bereit, aber vielleicht ja nächste Saison. Oder nächstes Jahr."
      Chester sagte es in völliger Sachlichkeit, als wäre Theresa nichts anderes als ein Werkzeug, das er zur rechten Jahreszeit einsetzen musste. Vielleicht war es auch nicht schlimm, dass sie sich jetzt so fühlte, wo sie ihn doch selbst im Stich gelassen hatte. Den ganzen Zirkus, eigentlich.
      "Du wirst dich aber trotzdem umziehen, du wirst dich schminken lassen und wenn ich erfahre, dass du das Zelt während der Vorführung verlassen hast, dann werde ich wissen, dass du nicht zur Darstellerin geeignet bist. Nicht alle sind es und das ist auch keine Schande. Aber sorge das nächste Mal dafür, dass ich es weiß, bevor ich noch einen Fehler machen könnte, den wir alle bereuen könnten."
      Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen, das seine Augen nicht erreichte. Das hier war kein Spiel mehr für Chester. Wenn es um das Wohlergehen des Zirkusses ging, gab es für ihn nur eine eindeutige Antwort.
    • Mit der bloßen Entschuldigung gab Chester sich zu dieser späten Stunde nicht zufrieden. Tessa hatte sich der naiven Illusion hingegeben, dass er es vielleicht dabei belassen und sie für ihren Fehler mit einem blauen Auge davon kommen würde. Dieser Moment zeigte ihr ganz deutlich auf, dass sie keine Sonderstellung genoss und obwohl sie immer gewusst hatte, wie sehr Chester der Ruf des Zirkus Magica am Herzen lag, trafen seine Worte Tessa sehr.
      ...dafür erspare ich uns beiden die Blamage.
      Tessa zuckte wieder leicht zusammen.
      Offensichtlich war es mit der Bitte um Verzeihung wirklich nicht getan und eine passende Bestrafung hatte der Mann wohl bereits im Sinn. Die ganze Sache dadurch nicht besser, dass sich auf den ernsten Gesichtszügen kaum eine Regung abzeichnete. Selbst das abschließende Lächeln jagte ihr einen unangenehmen Schauer über den Rücken. Mit dem letzten Bisschen an Fassung hielt Tessa den Blick oben während Chester ihr ganz genau erklärte, was er in Zukunft von ihr erwartete.
      ...bevor ich noch einen Fehler machen könnte, den wir alle bereuen könnten.
      Dabei ließ sich ein Gedanke nicht ignorieren. Diesen Chester hatte sie schon einmal vor vielen, langen Monaten gesehen. Es war derselbe Mann, der ihr das erste Mal von dem Fluch berichtete, der auf diesem Zirkus lastete. Der Mann, der von geraubten Seelen und der Ewigkeit erzählt hatte. Der Mann, den sie zu fürchten gelernt hatte und der keinen Funken ehrlicher Gefühle, schon gar kein Mitleid, in seinen Augen trug. Sie mochte diese Version von Chester nicht. Es war beinahe ein Reflex, dass sie den Mund öffnete um diesem Mann zu widersprechen.
      Stattdessen klappte Tessa gehorsam den Mund wieder zu und nickte langsam.
      "Verstanden", nuschelte sie leise und als Chester sie eindringlich ansah, wiederholte sie noch einmal deutlicher: "Ich habe verstanden, Chester."

      ____________________________________________________________

      Blamage. Fehler. Nicht geeignet.
      Die Worte kreistes seit einigen Tagen durch Tessas Gedankenwelt. Besonders schlimm war es an den Abenden der vollbesuchten Vorstellungen, wenn sie völlig allein hinter dem Vorhang stand und alle anderen Darsteller und Artisten an ihr vorbeieilten. Wirklich alle wussten, warum das Mädchen, das eigentlich Owls neue Assistentin sein sollte, genau an diesem Fleck stand. Die Stelle war etwas ganz Besonderes. Durch die winzigen Lücken in den Vorhängen konnte Tessa einen guten Blick in die Manege werfen, auf die lächelnden Gesichter der Artisten und das jubelnde Publikum. Sie konnte all die Perfektion beobachten, auf die Chester bei allen Aufführungen ganz besonderen Wert legte - genauso wie auf seine Anweisung, dass sie in voller Montur dort stand und trotzdem keinen Fuß in die Mange setzen durfte.
      Die ersten Male hatte Tessa niemandem in die Augen sehen können, erst recht nicht Chester. Bei seinen Ansprachen für die Darsteller blieb sie zurück, immerhin war sie kein Teil der Aufführung obwohl sie fertig frisiert und geschminkt parat stand.
      Am ersten Tag ihrer Bestrafung hatte Tessa noch kleiner und eingeschüchterter ausgesehen, als an dem Tag, an dem Chester sie das erste Mal nach dem missglückten Diebstahl im Zirkus empfangen hatte. Mit jedem Tag war es aber auch erträglicher geworden an genau dieser Stelle zu stehen und mittlerweile hatte Tessa auch genug ihrer Stimme wieder gefunden, um den anderen Glück zu wünschen. Zwischendurch, wenn im Hintergrund ihre Hilfe gebraucht wurde, durfte sie ihren neuen Platz sogar verlassen und packte mit an. Danach ging sie sofort zurück, nahm Requisiten, Perücken und allerlei andere Dinge entgegen, die schnell weggeräumt werden mussten.
      Ein kleines, hässlichen Gefühl stellte sich dennoch rausch ein und ließ sich auch kaum vertreiben. Wann immer jemand Tessa mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete, ihr Lächeln mit einem Zungenschnalzen quittierte oder einfach nur den Kopf schüttelte, schnürte ihr der Knoten in ihrem Hals die Kehle zu.
      Vielleicht wollte Chester bezwecken, dass sie sich an den Trubel gewöhnte. So zumindest hatte Owl die Entscheidung nüchtern begründet, aber keine Sekunde lang angezweifelt und das hatte Tessa geärgert. Für alle war es ganz selbst verständlich. Für Tessa bekam die Anordnung immer mehr Ähnlichkeit mit einer sehr ausgeklügelten Demütigung.
      Mit Chester hatte sie seit diesem Abend kaum ein Wort gesprochen und die professionelle Distanz, die sie wirklich nicht mochte, stellte sich wieder ein. Sie vermisste es mit ihm sprechen zu können, wann immer ihr danach war.
      Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und riss Tessa aus ihrem Tagtraum.
      "Du hältst dich gut, Tess", raunte Owl kurz bevor er zu seinem Auftritt in die Manege stolzierte.
      Tessa hätte am liebsten vor Erleichterung geweint und lächelte stattdessen bis über beide Ohren. Es war nicht so, dass der Unmut sie offen von allen Seiten traf. Trotz allem waren die Menschen um sie herum weiterhin freundlich - gestresst durch die Aufführung aber trotzdem freundlich. Nur schien jeder Chesters Anweisung für absolut fair zu halten...oder niemand traute sich zu widersprechen. Da war Tessa sich nie ganz sicher.
      "Danke...", murmelte sie, da war Owl schon längst verschwunden und ihr wurde ein Berg von abgelegten Kostümen in die Hand gedrückt, mit denen sie zurück zu den Schneidern eilte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nach dieser Predigt verließ Theresa Chesters Zelt so klein wie noch nie zuvor. Es hatte ihm nicht gefallen, den Vortrag zu halten - natürlich nicht - aber es war notwendig gewesen. So menschenfreundlich Chester auch sein wollte, er hatte seine Grenzen, und die zog er dort, wo das Wohl des Zirkusses begann. Es war nunmal überlebenswichtig, dass sie bei ihrer Premiere eine gute Performance ablieferten und deswegen würde Chester keine Aussetzer gedulden, nicht einer Art. Theresa konnte sich noch glücklich schätzen, das ihr eine kleine Rolle zugetragen gewesen war, denn sonst hätte diese Ansprache ganz anders ausgesehen. Sonst würde auch die Strafe wesentlich anders aussehen.
      Das tat sie aber nunmal nicht und so war Chester zufrieden, dass er sie am nächsten Tag pünktlich in den Garderoben sah, wo Kostüme verteilt wurden und Accessoires angezogen wurden. Theresa sah ihn nicht an und das war für Chester in Ordnung. Sie nahm ihre Bestrafung ernst und das rechnete er ihr hoch an.
      Der zweite Abend verlief ohne Tadel und der dritte Abend, an dem die Truppe bereits zu schwächeln begann, konnte Chester auch keine größere Kritik abverlangen. Zwar fand er immer und überall Fehler, die man ausbessern konnte, aber Chester konnte die Aufführung auch aus dem Auge eines naiven Besuchers betrachten und befand es für ausreichend. Es war alles ausreichend. So sprach er sein Lob aus und äußerte seine Kritik nur dort, wo es in seinen Augen unerlässlich war. Kleine Dinge konnte man immer ändern, ob man nun dafür trainierte oder nicht. Man konnte immer etwas besser machen.
      Theresa blieb hinter dem Vorhang, so wie er es ihr angeordnet hatte. Zunächst schien sie dort selbst noch wie eine abgestellte Requisite, aber bald gewöhnten sich die Darsteller an, sie als eine zusätzliche Helferin zu nutzen. Es mochte vielleicht degradierend für jemanden wirken, der nicht über den eigenen Tellerrand hinaussehen konnte, aber für den Ablauf des Zirkusses war es unerlässlich, dass alle Hände mit anpackten, ob es nun das Management war oder ein Tierpfleger. So bemerkte Chester des öfteren, dass Theresa durch das Getümmel wuselte, ihre Arme unter einem Berg von Kostümen verborgen oder mit Requisiten ausgestattet, und das stimmte ihn letzten Endes zufrieden. Es war genau das, was er sich erhofft hatte. Sie langsam an die Manege heranzubringen, wäre von vornherein besser gewesen, als sie direkt ins Bühnenlicht zu werfen. Dabei wollte Chester am liebsten Owl die Schuld dafür geben, der in so hohen Tönen von Theresas Fortschritt gesprochen hatte, aber er wusste bereits, dass es nur seine Schuld gewesen war. Owl war schließlich nicht derjenige gewesen, der vorgeschlagen hatte, Theresa als Assistenz einzusetzen.
      So näherte sich nach einer harten, anstrengenden Woche der erste freie Tag für sämtliche Darsteller. Die Premieren waren immer ein Vollkörpereinsatz und verlangten dem Zirkus alles ab, was er nur aufgebaren konnte. Entsprechend sehnte sich jeder einzelne danach, auch nur für einen Tag die Füße baumeln zu lassen und sich von den Strapazen zu erholen, die sich in der Woche darauf wiederholen würden.
      Nach diesem letzten Aufführungsabend verschwand Chester einmal nicht sofort mit dem Applaus, um die wichtigen Gäste zu empfangen und zu unterhalten, sondern er marschierte durch die Gänge hinter der Manege, um die Menge wie Musiker zu dirigieren.
      "Nur noch ein einziges Mal aufräumen! Nur noch heute und dann feiern wir eine gelungene erste Woche! Die Kisten kommen nach vorne Dany, dann stehen sie übermorgen bereit! Eine Stunde noch Leute, dann sind wir fertig! Die Kostüme kommen aber schon ins Zelt zurück! Aufräumen und alles ordentlich herrichten, übermorgen geht es weiter! Wo ist denn hier der Sand? Brandon, wenn die letzten aus dem Zelt sind, kannst du schonmal streuen! Wenn alle fertig sind, wartet im Kantinenzelt eine Überraschung auf euch! Auf Kosten des Zirkusses, für euren großartigen Einsatz!"
      Als würde man jetzt erst Chester lauschen, erhob sich Jubel um sie herum und Chester grinste bei der offensichtlichen Freude, die ihm entgegen schlug. Sie wussten genau, was im Kantinenzelt auf sie wartete. Manchmal musste er seine Angestellten eben auch mal belohnen.
      Für ihn ging es trotzdem noch nach draußen, um den hohen Besuch abzupassen, vorstellig zu werden, Hände zu schütteln und sinnloses Geplauder über sich ergehen zu lassen, um zum richtigen Zeitpunkt kleine, subtile Hinweise hineinzuwerfen, dass der Zirkus immer Sponsoren benötigte, dass er sich über finanzielle Unterstützung freute und dass bekannte Persönlichkeiten vergünstigte Tickets bekämen. Es war ein Spiel, das Chester auch im Schlaf konnte und einfach nur herunter ratterte. Wenn auch er dort fertig war, konnte er immerhin ins Kantinenzelt gehen.
      Dort entdeckten in der Zwischenzeit die ersten Helfer die vielen Kisten Branntwein, hergerichtet mit einem zubereiteten Mitternachtssnack, der mit viel Jubel und guter Laune untereinander verteilt wurde. Nach und nach strömten die vielen Darsteller vom Aufführungszelt herein, durchgeschwitzt von ihren Nummern, aber erpicht darauf, noch einen Moment zusammenzusitzen und die erste Woche zu feiern. Wein wurde in großzügigen Mengen ausgeteilt und als Chester hereinplatzte, große Gesten, laute Stimme und breites Gegrinse, schenkte er sich sogar selbst mehr als genug ein. Dann sprang er auf den Tisch und rammte sein Glas in die Luft, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten.
      "Auf den einzigartigen Zauber, auf eine fantastische Woche, auf viele glückliche Kinder - und natürlich auf euch!! Auf den Zirkus Magica!"
      Und die Menge hob ihre Gläser und prosteten sich lautstark und unter viel Gelächter gegenseitig zu.
    • „Ich muss das noch wegräumen, Owl“, seufzte Tessa, als fast alle Darsteller das große Zelt bereits verlassen hatten um sich die angekündigte Überraschung schmecken zu lassen.
      Nicht aber Tessa, die die letzten Perücken auf ihren vorgesehenen Plätzen zurechtrückte, damit sie zu Beginn der neuen Woche gleich griffbereit waren und kein heilloses Chaos bei der Suche entstand. Emily, ein der Maskenbildnerin, hatte ihr ganz genau die Details eingetrichtert. Da es Tessa allerdings an Routine fehlte, benötigte sie länger als nötig. Nach den kunterbunten und mit Federn, die Tessa in der Nase kitzelten, geschmückten Perücken, wartete noch ein wirrer Haufen aus allen möglichen Kostümen auf sie. Jedes Kleidungsstück steckte sie sorgfältig auf einen Bügel, pinnte die dazugehörigen Accessoires wie Handschuhe, funkelnden Schmuck und hauchdünne Seidenschals daran. Es hatte eine Woche ausgereicht, um Tessa bewusst zu machen, wie wichtig die präzise Ordnung hinter den Kulissen war damit alles perfekt ineinandergriff wie Zahnräder und wie hart die Arbeit war, die kein Besucher des Zirkus Magica je zu Gesicht bekommen würde. In der Mange sah alles so leicht und perfekt aus, doch hinter dem Vorhang waren die Nerven zum Zerreißen gespannt. Das alles unter dem wachsamen Auge von Chester, der sich zu jeder Zeit auf seine Leute verlassen musste. Am Ende der Woche schämte sich Tessa noch ein kleines Bisschen mehr für ihren Rückzieher und das sie damit die Bemühungen und die harte Arbeit von Wochen hätte zerstören können.
      Tessa ging noch einmal an den aufgereihten Schminktischen entlang, kontrollierte ein letztes Mal, dass alles an Ort und Stelle war. Hinter den Kulissen war es nun fast vollkommen still.
      „Bist du sicher, dass du die Perücken nicht noch nach Norden ausrichten willst, Tess?“, scherzte Owl und erntete dafür einen funkelnden Blick, den er mit einem bellenden und volltönigen Lachen quittierte. „Hör auf dir dein hübsches Köpfchen zu zerbrechen. Du hast deine Lektion gelernt und wenn deine ernste Miene mit Chester zu tun hat…Der kriegt sich wieder ein. Tut er immer. Schon vergessen? Er redet noch mit mir, obwohl ich ein Messer nach dir geworfen und dich dabei verletzt habe…“
      „Das war keine Absicht“, versuchte sie es, doch Owl plapperte munter weiter.
      „…da wird er dir dein Lampenfieber schon verzeihen“, fuhr der Messerwerfer fort.
      Stückchen für Stückchen lotste Owl seinen Schützling zum Ausgang des Zeltes. Die Aussicht auf gutes Essen und eine Überraschung, die vermutlich süßen Wein beinhaltete, machte selbst den ruhigen Mann langsam ungeduldig. Er war nur noch hier um sicherzugehen, dass Tessa sich im Anschluss nicht wieder klammheimlich verkrümelte. Heute Abend sollte sie dabei sein.
      „Oh, ich sollte noch…“, sagte Tessa plötzlich und stieß förmlich die Absätze in den Boden.
      „Nichts da“, knurrte Owl belustigt und der Blick in dem markanten Gesicht gefiel Tessa gar nicht. Als der Mann schnurstracks auf die zueilte und vor ihr leicht die Knie beugte, schwante ihr Übles.
      „Nein, nein, nein…Owl, komm schon“, abwehrend hob sie die Hände hoch, doch da hatte Owl schon einen Arm um ihre Beine geschlungen und sich das zappelnde Mädchen geradewegs über die Schulter geworfen. Mit einem erschrockenen Quietschen und lautem Protest, trommelte sie halbherzig mit ihren kleinen Fäusten auf seinem Rücken.
      „Lass mich runter!“
      „Keine Chance.“
      „Das...das ist mein Ernst!“
      „Meiner auch.“
      „Das ist nicht lustig!“
      „Oh, doch.“
      Als Owl das Kantinenzelt betrat, hatte Chester seine Rede bereits beendet und Tessa aufgehört zu zappeln, war aber in der Zwischenzeit knallrot angelaufen wie eine überreife Tomate. Jetzt hing sie nur noch schlaff über Owls breiter Schulter und ergab sich ihrem Schicksal.
      „Das zahl ich dir heim“, murmelte sie verdrossen.
      „Kannst es gerne versuchen“, gluckste Owl.
      Bei den üblichen Verdächtigen - in diesem Fall Malia und Roy - bekam Tessa endlich wieder festen Boden unter den Füßen und von Owl gleich ein Glas mit Wein in die Hand gedrückt.
      "Ein Glas. Damit bin ich schon glücklich und nächste Woche kommst du jeden Abend kurz mit her. Ich schau mir nicht an, wie du dich wieder zurückziehst", brummte er lächelnd.
      "Aber..."
      "Ich kann dich auch jeden Abend hier her tragen, wenn du willst", meinte Owl mit einer unverschämten Unschuldsmiene, während er sie über den Rand seines Glases ansah. "Das macht mir überhaupt nichts aus. Ich meine, du wiegst ja kaum..."
      "Schon gut, schon gut..."
      Tessa nippte an ihrem Glas und sah Malia mit einem Seufzen an.
      "Wie haltet ihr das nur schon seit Jahren mit ihm aus?", fragte sie zwar neckend, aber das wackelige Lächeln verriet, dass sie sich nicht mehr ganz sicher war, wie der Rest der Truppe zu ihr stand.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Zusammenkunft wurde aufgeweckt von lautem Gejohle, als sich der Zelteingang noch einmal öffnete und Owl hereinkam - auf seiner Schulter eine gar wertvolle Fracht. Die umstehenden brachen in lautes Gelächter aus und machten Platz, um den großen Mann und seine Begleitung unbeschadet durchzulassen. Dabei wurde nach Owl und Theresa gleichermaßen gerufen, als wären sie auf dieser Party bitter vermisst. Chester sah sie selbst, grinste bei dem einzigartigen Anblick, den sie hier boten, und sprang hinter ihnen vom Tisch, um ihnen nachzuschlendern. Erst in der Sicherheit von Malia und Roy ließ Owl Theresa hinab, die sich mit hochrotem Kopf zu beiden umdrehte.
      "Was können wir dir anbieten, dass du nicht schon wieder türmst?", fragte Malia mit einem Hauch von Spott, aber hauptsächlich Vergnüglichkeit in der Stimme. Dabei war sie längst nicht so ausgelassen wie alle anderen, sondern trug die Augenbrauen wie immer etwas zusammengezogen. Nur war das eben ein für sie entspannter Ausdruck.
      "Ich weiß genau, was sie braucht. Dasselbe wie alle anderen auch", sagte Roy fröhlich und goss zwei Gläser sehr großzügig ein. Mittlerweile waren schon ein Dutzend Weinflaschen gleichzeitig im Umlauf.
      "Ein Glas. Damit bin ich schon glücklich und nächste Woche kommst du jeden Abend kurz mit her. Ich schau mir nicht an, wie du dich wieder zurückziehst", stimmte Owl zu und die beiden Männer grinsten sich in unausgesprochener Übereinkunft an. Dann prosteten sie sich zu.
      "Wie haltet ihr das nur schon seit Jahren mit ihm aus?", fragte Theresa und aus Höflichkeit ignorierten alle, dass ihr Blick dabei etwas unsicher umher huschte.
      "Gar nicht", sagte Malia trocken. "Deswegen halte ich mich auch weit entfernt von ihm. Die Akrobaten sind so ziemlich die letzten, die etwas mit Messerwerfern zu tun haben."
      "Das Geheimnis ist", sagte Roy verschwörerisch und mit einem leicht angeschwipsten Grinsen, "einfach genauso groß zu werden wie er. Dann überlegt er es sich zweimal, ob er sich mit dir anlegen will."
      Diese indirekte Herausforderung nahm Owl sich zu Herzen und als der große Messerwerfer einen Schritt nach vorne sprang, hüpfte der eher stämmige Feuerschlucker einen Schritt zurück. Dabei schwappten ihnen beiden Wein über die Hände.
      "Woah! Siehst du, Tessa? Das ist - huch", er wich noch einmal einem Ausfallschritt aus, aber nur sehr knapp. "Ganz einfach. Gar kein - herrje! - Problem."
      Die beiden Männer hüpften in einem Katze-Maus-Spiel zurück und zwischen die Kästen mit Wein. In der Nähe wurde lautstark angefeuert, als man das "Spiel" entdeckte.
      "Männer!"
      Da tauchte Chester mit ungeschlagener Eleganz auf und stibitzte sich Owls Glas, bevor er noch mehr Wein verschütten konnte.
      "Der schöne Wein! Wenn ihr ihn nicht wollt, dann nehm ich ihn."
      Er nahm einen großen Schluck aus Owls Glas, der dabei sofort zu ihm zurückkam. Grinsend gab Chester es ihm wieder, dann sah er mit dem gleichen Grinsen zu Theresa.
      "Das richtige Geheimnis, es mit ihm auszuhalten, ist es, ihn mit Messern und Wein zufrieden zu stellen. Dann macht er auch keinen Unfug. In der Regel."
      Die beiden Männer kamen zurück und bevor Owl sich hätte verteidigen können, schlang Chester einen Arm um den viel zu breiten Mann.
      "Wieso erzählst du uns nicht mal, wie dein allererster Auftritt ausgesehen hat? Hm?", fragte er ihn fröhlich, dann zwinkerte er Theresa an.
      "Ich wette, Malia hast du es auch noch nicht erzählt."
    • Owl sah Tessa an, dass sie nicht damit gerechnet hatte mit offenen Armen empfangen zu werden. Die herzliche Begrüßung zauberte seinem Schützling ein verdutztes aber erleichtertes Lächeln aufs Gesicht. Mit einem Schmunzeln lauschte er Malia und Roy. Obwohl er dabei sichtlich pikiert aussah und sich in theatralischer Manier an die Brust griff während er hörbar nach Luft schnappte, dachte daran zurück, wie es ihnen allen am Anfang ergangen war. Sie alle anderen ihre eigenen Startschwierigkeiten im Zirkus Magica gehabt und ich alle davon resultierten daraus, dass Chester ihnen etwas vorgespielt hatte. Viele von ihnen kämpften seit ihrer Ankunft im Zirkus, mochte sie noch so lange her sein, mit den Dämonen aus der Vergangheit. Den Gedanken schob Owl beiseite um sich Roy entgegen zu werfen und ihn zwischen den Weinkisten hindurch zu verfolgen. Der Feuersprucker war schon immer flinker als Owl gewesen, doch das hielt den Messerwerfer nicht davon ab, es immer wieder zu versuchen.
      Tessa kicherte im Hintergrund erheitert und das Geräusch hatte er eine ganze Weile nicht mehr vernommen. Deshalb spornte es ihn zu einem waghalsigen Sprung über eine der Kisten an. Roy, schnell wie er war, entwischte ihm nur ganz knapp. Owl stoppte erst, als ihm auf halbem Weg zu Roy das Weinglas abhanden kam.
      "Männer!"
      Der Weindieb zeigte sein Gesicht und entpuppte sich als Chester, der ein breites Grinsen auf den Lippen trug. Die erste Woche der Saison hatte ihn offenbar zufrieden gestellt und davon profitierten sie alle.
      "Der schöne Wein! Wenn ihr ihn nicht wollt, dann nehm ich ihn."
      Dennoch zog Owl einen Augenbraue fragend nach oben. Er konnte an den Fingern abzählen, wie oft er seinen Boss dabei gesehen hatte, dass er sich zum Vergnügen am Alkohol bediente. Als der freche Übeltäter sein Diebesgut ohne Protest aushändigte, gab sich Owl erstmal zufrieden. Es war eine gute Woche gewesen, trotz des holprigen Starts.
      "Das richtige Geheimnis, es mit ihm auszuhalten, ist es, ihn mit Messern und Wein zufrieden zu stellen. Dann macht er auch keinen Unfug. In der Regel."
      Er ließ es sich auch nicht nehmen, den muskulösen Arm um Chesters Schultern zu legen, als wären sie alte Kumpel und kostete die Narrenfreiheit aus, die er heute wohl besaß.
      "Wieso erzählst du uns nicht mal, wie dein allererster Auftritt ausgesehen hat? Hm? Ich wette, Malia hast du es auch noch nicht erzählt."
      "Wie aufmerksam von dir, mich daran zu erinnern", brummte Owl. Bei einem kurzen Blick zu Malia, breitete sich ein flüchtiger Ausdruck von Verlegenheit auf seinem Gesicht aus. Dann sah er wieder Chester an. "Das mag daran liegen, weil mir die ganze Geschichte furchtbar peinlich ist, Boss."
      Dass sowohl Tessa als auch Malia - jeder auf seine ganze eigene Art - ihn neugierig ansahen, half wirklich nicht.
      "Am Tag der Premiere habe ich nicht einen Fuß in die Manege gesetzt. Ging nicht. Ich war so nervös vor meinem ersten Auftritt, dass ich um mich zu beruhigen noch hinter den Kulissen trainiert habe..."
      "Du meinst, du hast mit deinen Trick angegeben...", vermutete Tessa und schien damit ins Schwarze zu treffen.
      "...ich habe geprobt und bin dabei wohl etwas übermütig geworden..."
      "Und?", bohrte Tessa nach, die das ganze plötzlich sehr zu genießen schien.
      Das war's dann wohl wert.
      "...und habe mich verkalkuliert."
      "Heißt?"
      "Könntest du das bitte sein lassen?"
      "Nö."
      Owl seufzte.
      "Das heißt, ich habe ein Messer fallen lassen und es ist in meinem Fuß stecken geblieben. Chester musste die Uraufführung meiner Nummer um ganze zwei Wochen verschieben..."
      Dass brachte Tessa nun wirklich herzhaft zum Lachen.
      Und sah er da etwas ein Schmunzeln auf Malias Gesicht?
      Ja, das war es wert gewesen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Malia und Theresa starrten Owl beide wie gebannt an, während er zu erzählen begann. Dabei grinste Chester, der die Pointe schon kannte, fröhlich in die Runde. Roy versteckte sein Lächeln ebenso hinter einem Schluck Wein.
      "Das heißt, ich habe ein Messer fallen lassen und es ist in meinem Fuß stecken geblieben. Chester musste die Uraufführung meiner Nummer um ganze zwei Wochen verschieben..."
      Chester und Theresa lachten beide gleichzeitig auf und auf Malias Gesicht glätteten sich ein paar eingebrannte Falten. Roy kicherte, immerhin war er an dem Tag auch dabei gewesen, wenngleich er es nicht gesehen hatte. Nur den Aufruhr, den hatte er ganz sicher mitbekommen.
      "Senkrecht ist es stecken geblieben!", setzte Chester noch einen obendrauf, nur auf Kosten des leicht rötlich anmutenden Messerwerfers. Dafür erheiterte es Theresa aber umso mehr und wirklich: Chester würde sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Er mochte ihr Lachen, das immer so frei von sämtlichen Sorgen war. Die Woche war auch für sie hart gewesen, für sie ganz besonders, sie verdiente sich diese Auszeit.
      "Die anderen Messer wollte er einfach nicht fallen lassen - Owl und Messer fallen lassen? Nie im Leben! Wisst ihr, wie er dann ausgesehen hat? Hier ein Messer und hier ein Messer und aus dem Fuß das andere und rumgehüpft ist er dann! Auf einem Bein wollte er sich retten - in voller Montur!"
      Theresa lachte noch mehr, als er sehr wahrheitsgetreu die Szene nachstellte, hemmungslos auf einem Bein hüpfte und dabei mit den Armen ruderte, als hätte ihn der Wahnsinn gepackt. Selbst Roy lachte jetzt und Malia versteckte ihren Mund hinter ihrem Glas. Diese kleine Blamage musste Owl schon über sich ergehen lassen.
      "Was ist denn mit dir verkehrt? Schon zu viel Wein getrunken, Chester?", kam es von hinten und Liam gesellte sich zu ihnen, ein volles Glas in der Hand. Chester drehte sich wankend zu ihm um, seine Haltung nicht aufgebend.
      "Rate, wer ich bin."
      Liam warf einen ratlosen Blick in die Runde und lächelte dann selbst, weil ihn das Gelächter so ansteckte. Dafür musste Owl ein bisschen mehr leiden.
      "Ähm... Ein Affe. Affen-Chester."
      Roy brüllte jetzt regelrecht vor Lachen und schlug Owl mit der Hand auf die Schulter. Chester lachte und machte wieder ein paar hampelnde Bewegungen.
      "Nicht ganz. Rate nochmal. Derjenige ist in diesem Moment in diesem Zelt."
      Liam sah sich einmal durch das gesamte Zelt um.
      "Keine Ahnung. Jemand ziemlich blödes?"
      Roy bekam sich nicht mehr ein vor Lachen und Malia drehte ihnen den Rücken zu, als müsste sie verstecken, ob sie lachte oder nicht. Chester gab es auf.
      "Auch nicht. Viel eher der beste Messerwerfer, den wir haben."
      Damit klopfte er Owl versöhnlich auf den dicken Oberarm und Liam ging jetzt auch das Licht auf. Er lächelte und prostete Owl zu.
      "Ach, das sollte das gewesen sein. Ja, das war nicht deine beste Leistung, das muss ich schon zugeben."
      "Als Strafe durfte er für zwei Wochen nichts schärferes benutzen als Buttermesser", meinte Chester grinsend in die Runde, wobei er hauptsächlich Theresa ansah. "Seitdem ist ihm das nie wieder passiert. Lektion gelernt, möchte ich mal meinen."
      Er wartete, bis sich alle wieder etwas beruhigt hatten, bevor er Theresa dann ganz offen und direkt ansprach.
      "Also, was meinst du? Sind zwei Wochen ausreichend? Wirst du es nächste Woche noch einmal probieren?"
    • Die Blamage ertrug Owl mit Fassung. Er würde bei allem was ihm heilig war abstreiten, aber er musste sich schon arg zusammenreißen, nicht selber bei Chesters urkomischer und, zugegeben, ziemlich akkurater Darbietung zu grinsen. In einem anderen Leben hätte er das Gelächter vermutlich als untragbare Demütigung empfunden. Nur war Owl dieser Mann nicht mehr und das war etwas Gutes. Die unkontrollierten Wutausbrüche und sein leicht überschäumendes Gemüt gehörten der Vergangenheit an. Es sei denn man hieß Brandon erwischte den Messerwerfer auf dem falschen…Fuß. Schmollend verschränkte Owl die Arme vor der breiten Brust und gab sich große Mühe möglichst beleidigt auszusehen, sehr zur Freude aller Umstehenden und das fröhliche Gelächter klang wie Musik in seinen Ohren. Die Anspannung der letzten Tage war mit einem Schlag vergessen. Auch dafür besaß Chester ein unbestreitbares Talent. Er wäre nicht ihr Zirkusdirektor, wenn er nicht ganz genau wüsste, wie er die Stimmung auflockern konnte. In der großen Manage fraß ihm das Publikum aus den Händen.
      Liam setzte dem ganzen letztendlich noch die Krone auf, während Tessa sich daraufhin den bereits schmerzenden Bauch hielt. Zumindest hatte sie beide Arme um ihren zierlichen Oberkörper geschlungen und krümmte sich vor Lachen auf der wackeligen Holzbank.
      "Auch nicht. Viel eher der beste Messerwerfer, den wir haben."
      „Ich bin nicht gehüpft…“, grummelte Owl. „…zumindest nicht so. Und nicht sehr weit.“
      "Ach, das sollte das gewesen sein. Ja, das war nicht deine beste Leistung, das muss ich schon zugeben“, erklang es gewohnt ernst von Liam, während Chester ihm versöhnlich auf den Arm klopfte und ihn aus seiner misslichen Lage befreite.
      „Danke, Liam“, antwortete Owl trocken.
      "Als Strafe durfte er für zwei Wochen nichts Schärferes benutzen als Buttermesser. Seitdem ist ihm das nie wieder passiert. Lektion gelernt, möchte ich mal meinen."
      Owl stöhnte auf, als das beinahe abgeklungene Lachen erneut anschwoll. Ein Seitenblick zu Chester verriet dem Messerwerfer, dass ihr Boss mit der kleinen Showeinlage nicht nur die Stimmung hatte auflockern wollen. Dahinter steckte noch ein völlig anderer Zweck, als Chester seine Aufmerksamkeit nun Tessa widmete, die sich gerade mit dem Zeigefinger die Lachtränen aus dem Augenwinkel strich. Vom Lachen und Luftschnappen hatte sie ganz rosige Wangen bekommen.
      "Also, was meinst du? Sind zwei Wochen ausreichend? Wirst du es nächste Woche noch einmal probieren?"

      Tessa horchte verdutzt auf, als Chester das Wort ganz unvermittelt direkt an sie richtete. Ungläubig blinzelt sah sie in das Gesicht, dessen Blick sie in der letzten Woche ganz beharrlich ausgewichen war. Sie war dankbar dafür, dass niemand aus der Frage ein großes Ding machte. Selbst Owl trat nun etwas in den Hintergrund, legte einen Arm um Owls Nacken und zog den Feuerspucker ein Stückchen mit sich, nicht ohne das Versprechen auf ein frisches, volles Weinglas.
      „Du möchtest wirklich, dass ich es noch einmal versuche?“, hakte Tessa nach und ihre Stimme zitterte noch von dem herzlichen Lachen, das sie ganz atemlos zurückgelassen hatte. Eine zweite Chance von Chester zu bekommen, hatte eine ähnliche Wirkung. „Du veralberst mich nicht, oder? Bist du dir sicher?“
      Owl hatte Recht behalten. Chester hatte ihr den Patzer verziehen, wirklich und richtig verziehen. Es war nicht einfach so daher gesagt, dafür war ihm seine Show viel zu wichtig. Er befand sie immer noch für talentiert genug und das machte Tessa irgendwie stolz. Als Chester dann auch noch bestätigend nickte, breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Tessa war so glücklich und erleichtert darüber, dass sie für einen Moment gar nicht nachdachte. Nicht an ihr Lampenfieber. Nicht an die anderen Menschen, die um sie herum standen.
      Chester hatte ihr verziehen. Er glaubte noch an sie. Er war nicht mehr böse. Sie hatte nicht alles ruiniert.
      Bevor ihr Kopf mit ihren Füßen mithalten konnte, war die junge Frau von der Bank aufgesprungen und Chester dankbar um den Hals gefallen. Überglücklich beinahe etwas ungestüm schlangen sich ihre Arme um seinen Nacken, wobei sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste. Sie waren sich nicht mehr so nah gewesen seit dem Morgen in ihrem Wagen.
      „Danke, danke, danke…!“, lachte sie an sein Ohr. „Ich werde in jeder freien Minute üben, wenn ich nicht im Zelt oder bei den Tieren gebraucht werden. Dieses Mal vermassle ich es nicht. Versprochen.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Theresa sah so verdutzt auf, dass Chester gar nicht anders konnte, als bei dem Anblick noch einmal zu lachen. Da waren sie wieder, diese großen, unschuldigen Rehaugen, die ihn jetzt ansahen, als hätte er ihr soeben die Welt eröffnet. Wie sehr er diesen Anblick doch genoss, auch wenn er ein bisschen Schuldgefühle dabei hatte, überhaupt daran verantwortlich zu sein.
      „Du möchtest wirklich, dass ich es noch einmal versuche?“
      "Aber natürlich", lachte er zurück. "Du hast noch dein ganzes Leben vor dir, liebe Theresa. Aus deinen Fehlern sollst du lernen und sie nicht bis in alle Ewigkeiten bereuen."
      „Du veralberst mich nicht, oder?"
      Chester kicherte ein bisschen.
      "Bist du dir sicher?"
      "So sicher, wie ich mir nur bei irgendwas sicher sein kann. Ich habe dich doch gesehen mit Owl, bei den Proben, und ich möchte, dass andere es auch sehen können. Vorausgesetzt, du lässt das überhaupt zu."
      Aber daran bestand gar keine Zweifel. In dem Moment, in dem Theresa nämlich begriffen hatte, dass Chester wahrhaftig die Wahrheit sagte, erstrahlte sie mit einer Energie, die das ganze Zelt zum Leuchten hätte bringen können. Ihre Augen waren ganz groß und ihre Lippen teilten sich in einem berauschenden Grinsen. Das hätte Chester sich auf gar keinen Fall entgehen lassen wollen und als sie sich dann auch noch auf ihn stürzte, Arme voraus und immernoch grinsend wie sonst was, brachte sie ihn sogar für einen ganz kleinen Augenblick aus dem Konzept. Seine Gesichtsmuskeln zuckten, wo ihm für den Moment die Kontrolle entglitt, als sie beherzt ihre Arme um ihn schlang. So etwas hatten sie schon lange nicht mehr getan und so leidenschaftlich erst recht nicht. Ihr warmer Körper hüllte ihn ein und als er kurz darauf seine Fassung wiedergewonnen hatte, schlang er ähnlich beherzt die Arme um ihren Oberkörper und lachte.
      „Danke, danke, danke…!“
      "Aber nichts zu danken!"
      „Ich werde in jeder freien Minute üben, wenn ich nicht im Zelt oder bei den Tieren gebraucht werden. Dieses Mal vermassle ich es nicht. Versprochen.“
      "Mach mir keine Versprechen, die du nicht halten kannst, meine Liebe", kicherte er zurück. Theresa war sowieso schon so aus dem Häuschen, nichts konnte ihre Freude mehr stoppen. Chester drückte sie noch einmal und Theresa drückte zurück, bevor sie sich wieder voneinander lösten. Und da war es, dieses schöne, kindliche Glitzern in den Augen, das ihm schon anfangs bei Theresa aufgefallen war und das er, wie er jetzt entdeckte, ehrlich vermisst hatte. Umso schöner war es da, es jetzt zu sehen und nicht mehr darum fürchten zu müssen, dass sie gleich wieder den Blick von ihm abwenden könnte.
      "Aber zuerst hast du noch eine Woche vor dir. Nutze sie gut, denn der Applaus von der Bühne wird bald nur für dich kommen."

      Den restlichen Abend feierten sie allesamt eine gelungene erste Woche bei Wein und viel Gelächter. Chester trank sogar selbst ein ganzes Glas, ließ es dabei dann aber auch bleiben. Er hatte nichts von Alkohol, außer dass es ihn müde und träge machte und ihm seinen Zeitplan zerstörte. Aber den anderen ließ er es, denn sie hatten es sich verdient und außerdem waren sie alle sterblich. Sie sollten die Zeit ruhig nutzen, die ihnen noch zur Verfügung stand.
      Die Woche darauf ging damit mit etwas mehr Entspannung einher. Die erste Hürde war überwunden und jetzt kamen auch alle langsam wieder in den Trott der Vorführungen, der sich mit jeder Saison einstellte. Zwar waren die Ränke noch immer vollständig ausverkauft - und sollten es laut Ella noch für die nächsten drei Wochen sein - aber langsam gab es wieder einen Tagesablauf. Aufstehen, aufräumen, aufbauen, warm machen, aufführen. Es war alles wie gewohnt, so wie man sich auch langsam an die Gestalt gewöhnte, die hinter dem Vorhang der Manege verweilte, um kleine Aufgaben entgegen zu nehmen. Nur Chester hatte sie keineswegs vergessen, als er zu Beginn der dritten Aufführungswoche nach seinem Eröffnungsakt durch den Vorhang sprang und sogleich zur Seite tänzelte, um dem ihm folgenden Hector aus dem Weg zu gehen. Er trug sein blaues Kostüm, das in allen Farben des Regenbogens glitzerte, mit einer Federpracht auf den Schultern, die ihn als Direktor auswiesen. Sein Haar war zu einer so sauberen Frisur gestriegelt, dass nicht eine Strähne falsch saß, auch nicht von Nahem.
      "Theresa!"
      Er grinste, als er sie dort stehen sah, ein bekannter Anblick für die letzten zwei Wochen. Bereits im vollen Kostüm, die Haare gerichtet, geschminkt wie auch sonst. Nur diesmal wurde es ernst für sie und sie war trotzdem nicht abgehauen, darüber freute er sich ungemein.
      "Nervös? Aufgeregt? Was macht dein Puls, hebt er schon ab?"
      Um sie herum hetzten Darsteller vorbei um sich umzuziehen und die nächsten Requisiten zu holen. Durch den Trubel konnte man aber auch eine zweite Stimme hören, die sich plötzlich erhob.
      "Theresa!"
      Sie drehten sich beide um zu dem völlig eigenartigen Anblick von Jamie, der sich durch die Masse von Darstellern und Helfern schob. Er ging mit einem Gehstock und bewegte sich sehr steif, aber die Masse teilte sich um ihn herum rücksichtsvoll und so kam er auf die beiden zugehumpelt. Chester schnappte bei seinem Anblick erst fassungslos nach Luft, dann stemmte er drohend die Hände in die Hüften.
      "Der Teufel soll dich holen, James! Wie bist du denn hereingekommen?"
      Er drehte sich zu Theresa um.
      "Am ersten Tag wollte er hier auch reinkommen, um bei deiner Premiere dabei zu sein. Ich habe ihn wieder heim geschickt."
      Jamie grinste wie ein Schelm, auch wenn er ziemlich außer Atem und bleich war. Er ging nicht besonders schnell, aber die kalten Tage machten ihm immer zu schaffen.
      "Diesmal habe ich extra gewartet, bis du schon drinnen bist", meinte er an Chester gewandt und sah dann Theresa mit funkelnden Augen an. "Ich will mir doch dein erstes Mal nicht entgehen lassen. Vor allem, wenn du nicht mehr bei den Tieren arbeiten wirst."
      "Unfassbar! Das nächste Mal lasse ich Hector auf dich aufpassen, damit du nicht abhaust. Gibt's hier hinten Stühle?! Jemand soll einen Stuhl bringen! Ach, ich mach das schon, setz du dich hin du Bengel!"
      Jamie grinste nur noch breiter, ließ sich dann aber auf einer Kiste nieder. Sein Gesicht verzog sich kurz, aber er bemühte sich, es sich nicht anmerken zu lassen, so wie immer. Dann strahlte er Theresa an.
      "Also, bist du aufgeregt? Das erste Mal?"
    • Nervös tänzelte Tessa auf der Stelle. Wirklich still zu stehen, war kurz vor dem großen Auftritt ein Ding der Unmöglichkeit. Der geschäftige Trubel hinter den Kulissen trug nicht unbedingt dazu bei, dass sich der Neuzugang für die große Bühne der Manege entspannte. Unter die Nervosität mischte sich allerdings auch ungebändigte Vorfreude.
      Sie hatte die Woche genutzt, wie Chester es gesagt hatte. Tessa hatte hart trainiert, unermüdlich ihre Bewegungen und die Abläufe geübt, bis Owl sie mit einem Augenrollen aus dem Zirkuszelt geschoben hatte, als alle anderen schon lange die Proben beendet hatten. Sobald Ruhe einkehrte, ganz kurz bevor die abendlichen Vorstellungen begannen, dachte Tessa zurück an die Umarmung. Warm hatten Chesters Arme um ihren Rücken gelegen, als er sie kurz ohne falsche Zurückhaltung an sich drückte. Danach hatte sie sich verlegen an der Nase gekratzt, doch das Grinsen hatte nicht aus ihrem Gesicht verschwinden wollen. Es hatte sich schön angefühlt. Tessa hatte das vermisst, sehr sogar.
      "Theresa!"
      Chester riss sie aus ihren Gedanken.
      "Nervös? Aufgeregt? Was macht dein Puls, hebt er schon ab?"
      Tessa antwortete nicht sofort. Sie war noch ganz damit beschäftigt seine Erscheinung zu betrachten. Das schillernde, blaue Kostüm, da ihm maßgeschneidert am Leib saß und die bunten Federn an seinen Schultern. Vermutlich hätte eine andere Person im gleichen Outfit viel zu schrill und bunt ausgesehen, doch Chester stand die Aufmachung perfekt. Sie verstand, warum die Menschen im Publikum den Blick nicht von ihm abwenden konnten. Seine schillernde Persönlichkeit war einnehmend und hypnotisierend. Tessa erinnerte sich daran, warum sie damals einfach nicht wegsehen konnte, als sie sich heimlich in das Zelt geschlichen hatte.
      "Ähm...", räusperte sich Tessa und ihre kleine Welt, die sich für einen Augenblick allein um Chester drehte, öffnete sich wieder für den Trubel einer laufenden Zirkusvorstellung. Nur, dass ihr Herzklopfen nicht allein von der Aussicht mit Owl in die Manege zu treten etwas zu schnell schlug.
      "Theresa!"
      Bei ihrem Namen wirbelte Tessa herum und erblickte Jamie, der sich gestützte auf seinen Gehstock auf sie zu bewegte. Sie war genauso überrascht wie Chester sich anhörte.
      "Der Teufel soll dich holen, James! Wie bist du denn hereingekommen? Am ersten Tag wollte er hier auch reinkommen, um bei deiner Premiere dabei zu sein. Ich habe ihn wieder heim geschickt."
      Während Jamie und Chester ein paar Worte wechselten, sich neckten und dabei grinsten, ließ Tessa den Blick über den Tierpfleger wandern. Er sah erschöpft aus. Die Bewegungen waren steif und mühselig, trotzdem hatte er den ganzen Weg durch das noch kühle Wetter auf sich genommen, um ihr Glück zu wünschen. Tessa wurde dabei ganz warm ums Herz.
      "Ich will mir doch dein erstes Mal nicht entgehen lassen. Vor allem, wenn du nicht mehr bei den Tieren arbeiten wirst."
      "Aber ich komm euch doch besuchen! Du hörst dich an, als würde ich nie wieder aus diesem Zelt rauskommen, wenn ich einmal drin bin", schmunzelte Tessa.
      Obwohl Jamie sichtlich Mühe damit hatte sich zu bewegen und selbst das hinsetzen ihm Schwierigkeiten bereitete, hielt Tessa sich zurück. Sie wusste, dass er es nicht mochte, wenn man ihn bemutterte. Deshalb schenkte sie ihm ihr breitestes, wenn auch furchtbar aufgeregtes Lächeln.
      "Also, bist du aufgeregt? Das erste Mal?"
      "Ganz ehrlich?", antwortete Tessa und kicherte nervös. "Ich glaube ich bin kurz davor mich in einen der Futtereimer zu übergeben."
      Sie achtete darauf ihr Kostüm nicht zu zerknittern, als sie sich neben Jamie gegen die Kiste lehnte.
      Sanft legte sie ihm eine Hand auf den Ellbogen und lächelte ihn an.
      "Es ist lieb von dir, dass du gekommen bist. Das bedeutet mir sehr viel. Diese Warterei macht mich ganz verrückt", sagte Tessa und zögerte kurz. Trotz der Hektik brannte ihr die Frage auf dem Herzen. "Du kommst zurecht, oder?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Aber ich komm euch doch besuchen! Du hörst dich an, als würde ich nie wieder aus diesem Zelt rauskommen, wenn ich einmal drin bin."
      Jamie lächelte vergebend.
      "Klar, aber es wird dann nicht mehr dasselbe sein. Pass nur auf, irgendwann wirst du so mit proben beschäftigt sein, dass du ganz vergessen wirst, wie es im Tierzelt gewesen ist. Und das wünsche ich dir auch. Hier riecht es nicht so streng."
      Der Tierpfleger lächelte noch immer und setzte sich ein wenig zurecht. Dabei musste er sich immernoch auf seinen Gehstock stützen und saß trotzdem noch krumm.
      "Also, bist du aufgeregt? Das erste Mal?"
      "Ganz ehrlich? Ich glaube ich bin kurz davor mich in einen der Futtereimer zu übergeben."
      Sie kicherten beide für einen Moment, bevor Theresa sich gegen die Kiste lehnte, um ihre Nervosität zu überspielen. Jamie würde diese Nervosität wohl nie verstehen, weil er niemals in der Manege landen würde, aber er hatte sie doch bei anderen schon beobachtet.
      "Das ist normal, glaube ich. Irgendwann geht das auch wieder vorbei. Ich habe gehört, man soll sich vorstellen, dass alle Zuschauer in Unterhosen dasitzen. Vielleicht hilft das ja?"
      Sie kicherten beide wieder, bevor Theresa wieder etwas ernster wurde.
      "Es ist lieb von dir, dass du gekommen bist. Das bedeutet mir sehr viel. Diese Warterei macht mich ganz verrückt."
      Jamies Gesicht leuchtete ein wenig auf bei dem Kompliment.
      "Mir auch. Die Leute kommen und gehen bei uns, nur wenige bleiben wirklich lange bei den Tieren. Ich freu mich für dich, dass du deinen Platz gefunden hast, so wie ich meinen gefunden habe. Dir wird es hier sicher gut gehen."
      Er musterte kurz ihr Kostüm, das in den bunten Trubel aller Darsteller hier hinten so gut herein passte. Dabei stand in seinem Gesicht nichts als Ehrlichkeit; er war wirklich glücklich, dass Theresa jetzt in der Manege stand.
      "Du kommst zurecht, oder?"
      Die leise Sorge in Theresas Worten ließ ihn nur breiter lächeln.
      "Aber klar, das tue ich immer. Ich habe ja noch Brandon und wenn es zu kalt wird, frage ich Chester um Hilfe. Dann gibt er mir eine Aushilfe oder er macht es selbst. In jedem Fall schaffe ich es schon."
      Er stupste sie leicht mit dem Ellbogen an.
      "Und du schaffst das auch, das weiß ich. Wer von Owl unterrichtet wird, der hat es ganz sicher drauf."
      Seine Augen erstrahlten wieder.
      "Ich freue mich auf die Show. Ich liebe den Zirkus, wusstest du das? Ich sollte viel öfter hierherkommen. Ah -"
      Sein Blick glitt an Theresa vorbei und sie sahen beide Chester heran marschieren, einen Stuhl vor sich, die Menge sich um ihn teilend. Jamie kicherte wieder und lehnte sich ein Stück zu Theresa.
      "Wünsche mir lieber Glück, dass er mich nicht vor deiner Nummer rauswirft."
      "Ein Thron nur für Euch, mein Prinz!", verkündete Chester dramatisch, wenn auch nicht ohne einen gewissen Vorwurf in der Stimme. Direkt vor Jamie stellte er ihn ab und deutete anklagend darauf. "Und jetzt setzen!"
      Jamie lächelte nur und streckte den Arm aus. Mit einem Mal war die Müdigkeit seines Marsches deutlich sichtbar und Chester schlüpfte darunter, wie schon tausendmal vorher getan, um ihm auf den Stuhl zu helfen. Als Jamie saß, stieß er ein erleichtertes Seufzen aus und Chester schüttelte verdrießlich den Kopf.
      "Hector soll dich später nachhause bringen. Nein, besser nicht Hector, ich frage Roy. Ach, ich mach das selbst, bevor Roy sich auch noch was bricht. Du bist unmöglich!"
      "Ja, Chef", grinste Jamie nur und zwinkerte Theresa zu. "Kann ich mir bis dahin die Show ansehen?"
      Chester stöhnte gequält, zum Teil, weil er wirklich wichtigeres zu tun hatte, zum Teil auch, weil er wusste, dass Jamie es mochte, auch mal etwas zu sagen zu haben. Und wirklich, konnte er es ihm verwehren, mal selbst den Zirkusdirektor rumzuscheuchen?
      "Aber nur, weil dich jetzt keiner heimbringen kann. Und wenn du wieder die Show sehen willst, dann kommst du, wenn es wärmer ist und die Wege nicht mehr vereist sind. Sonst schließe ich deine Tür zu!"
      "Klar."
      Jamie grinste noch immer breit und sah Theresa triumphierend an, während Chester ein paar Helfer aufhielt, um festzustellen, ob einer der Nebengänge für die Clowns noch frei genug war, um dort Jamie hinter einem Vorhang unterzubringen. Ein paar Leute liefen herum, dann übergab Chester den Mann in die Obhut zweier Darsteller, die ihn mit gleich großer Vorsicht stützten und ihn mit seinem Stuhl wegbrachten.
      Chester gab ein herzliches Aufatmen von sich und drehte sich wieder zu Theresa um.
      "Unfassbar der Junge. Ich habe ihm so oft gesagt, dass die Winter-Premiere für ihn Tabu ist. Meistens hört er auch darauf. Meistens."
      Neben ihnen ging eine Gruppe kostümierter Darsteller zum Vorhang und riss ihn mit einer dramatischen Geste auf. Sie liefen nach draußen, strahlende Gesichter und funkelnde Kostüme und wurden von schallendem Applaus empfangen. Die Musik setzte wieder ein und wurde etwas gedämpft, als der Vorhang wieder zufiel.
      Requisiten wurden herangebracht und wieder weggeräumt. Chester beobachtete, wie Theresa ein Stück weißer im Gesicht wurde, als ihr Auftritt noch ein Stück näher rückte. In diesem Moment konnte er sich sogar bildlich vorstellen, wie sie vor zwei Wochen getürmt war, nachgegeben unter dem Druck der Manege. Ehrlich, konnte er ihr das verübeln? Wohl kaum. Theresa war kein Rampenlicht gewöhnt, noch weniger als alle anderen hier.
      Chester widerstand dem Drang, weiter nach dem rechten zu sehen und lehnte sich stattdessen neben sie gegen die Kiste. Die Betreuung seiner Leute war ebenso seine Pflicht wie den richtigen Ablauf zu kontrollieren und für den Moment konnte er ruhig Liam und den anderen vertrauen, dass sie alles unter Kontrolle hatten. Theresa brauchte ihn jetzt und er würde für sie da sein.
      "Das ist beängstigend, oder?", fragte er ruhiger und lächelte mitfühlend, als könnte er es selbst verstehen. Dabei hatte Chester tatsächlich keine Ahnung, wie Theresa sich wirklich fühlen mochte. Er wusste es nur durch die Erzählungen vorangegangener Darsteller, die für ihn gearbeitet hatten.
      "Dass du gleich dort raus musst und dich vor so vielen Leuten beweisen musst? Dass dich alle anstarren? Und du weißt nicht, ob du es wirklich schaffen wirst?"
      Die Art und Weise, wie sich Theresas Angst zu vergrößern schien, zeigte ihm, dass er richtig lag. Das war der einzige Anhaltspunkt, den Chester dafür hatte, auf dem richtigen Weg zu sein.
      Da lächelte er und tippte ihr gegen den kostümierten Arm.
      "Es kommt alles nur vom Selbstvertrauen, weißt du das? Du weißt nicht, ob du es schaffst und du denkst, dass dich alle auslachen werden. Oder dass du die Show ruinieren wirst. Aber du bist dabei immer noch du, Theresa. Du warst niemals jemand anderes und du wirst auch immer du sein. Und was bringt dir das jetzt? Weißt du es selbst?"
      Er sah sie kurz an, ernst aber immer noch freundlich. Ihr Blick sprang zwischen seinen Augen hin und her, während sie Halt suchte, den ihr nichts und niemand bieten konnte. Außer ihr selbst.
      "Ich habe dich gesehen bei deinen Proben und das warst auch du. Niemand anderes. Du hast die Nummer mit Owl abgezogen und du hast es sogar schon so oft gemacht. Du bist immernoch dieselbe Person, die es kann, Theresa. Du hast jetzt vielleicht Angst vor den vielen Leuten da draußen, aber wenn du dort rausgehst, wirst du immer noch du sein. Und du hast es doch geschafft, oder? Du hast schon so oft geschafft, was du gleich tun wirst. Hör auf dich, Theresa. Hier drin."
      Er tippte ihr auf die Brust oberhalb ihres Herzens.
      "Es sagt dir ganz genau, dass du es schaffen wirst, denn du bist immernoch dieselbe, die es schon oft geschafft hat. Glaub an dich, Theresa. Ich tue das und Jamie tut es auch, ganz sicher, und Owl natürlich auch. Nur du musst es noch tun. Du kannst das schaffen."
      Er lächelte bekräftigend.
      "Und wenn dir die Leute zu viel werden, dann denk nur an Jamie, der hinter dem 2-Uhr-Eingang sitzt. Zeig ihm, was du gelernt hast, während du hinter Hector aufgewischt hast. Zeig es ihm alleine und ich bin mir sicher, dass Jamie so laut klatschen wird, dass es sich anhören wird wie ein ganzes Zelt voller Leute."
    • Die Anspannung fiel ein wenig von ihren Schultern ab. Jamie hatte diese beruhigende Wirkung auf Tiere und offensichtlich auch auf Menschen. Zumindest hatte Tessa nicht länger die Befürchtung sich direkt vor seine Füße zu übergeben. Sie sah Jamie unentwegt an während er sprach und dabei lächelte als wäre sein Leben nicht durch Krankheit und Schmerzen belastet. Tessa bewunderte den Mann für diese Stärke aus allem, was das Leben für ihn bereithielt, das Beste zu machen. Vielleicht musste sich Tessa keine Sorgen machen. Immerhin war Jamie auch vor ihrem kurzen Gastspiel bei den Tierpflegern mit allem zurechtgekommen, aber wie Toby, hatte sie den Mann liebgewonnen und ins Herz geschlossen.
      "Aber klar, das tue ich immer. Ich habe ja noch Brandon und wenn es zu kalt wird, frage ich Chester um Hilfe. Dann gibt er mir eine Aushilfe oder er macht es selbst. In jedem Fall schaffe ich es schon“, antwortete Jamie mit einem breiten Lächeln und sie spürte einen kleinen Stupser an ihrer Seite.
      "Und du schaffst das auch, das weiß ich. Wer von Owl unterrichtet wird, der hat es ganz sicher drauf."
      Tessa konnte nicht anders als erneut das Lächeln zu erwidern und die Antwort vertrieb die stetig präsente Angst erneut einen lieben Menschen zu verlieren. Jamie, der allen Widrigkeiten zum Trotz unbedingt leben wollte und alle Ärzte damit eines Besseren belehrte. Ja, Jamie war nicht Toby. Die Zirkus Magica hatte ihm sein Leben nicht genommen, er hatte ihm ein neues Leben geschenkt. Kichernd und lachend steckten sie die Köpfe zusammen, als hätten sie ein wichtiges Geheimnis zu teilen. Tessa folgte seinem Blick zu Chester, der mit einem Stuhl auf sie zukam. Er sah immer noch nicht sonderlich begeistert über Jamies kleinen Spaziergang aus, aber dahinter entdeckte Tessa nichts als Wärme für den kranken, jungen Mann.
      Es mochte vielleicht keine Selbstlosigkeit gewesen sein, die Chester angetrieben hatte, aber er hatte etwas unsagbar Gutes vollbracht, als er Jamie ausgewählte. Der Mann, der nun von Chester behutsam auf den Stuhl bugsiert wurde, hatte es verdient ein glückliches Leben zu führen.
      Das zauberte ein sanftes Lächeln auf ihr Gesicht, das allein für Chester bestimmt war. Es machte für Tessa keinen Unterschied, was der Mann am Ende aus diesem Lächeln zog, aber der Moment machte sie auf seltsame Art glücklich. Sie hätte dem halbherzigen Gezanke den ganzen Tag zuhören können.
      Es fühlte sich nach Familie an. Nach Zuhause.

      "Das ist beängstigend, oder?"
      „Hmhm…“, nuschelte Tessa.
      "Dass du gleich dort raus musst und dich vor so vielen Leuten beweisen musst? Dass dich alle anstarren? Und du weißt nicht, ob du es wirklich schaffen wirst?"
      „Danke, dass du mich daran erinnerst“, murmelte sie.
      Eingeschüchtert zog Tessa die Schultern bis über die Ohren und wurde gleich noch ein wenig blasser um die Nase. Wenn das sein Versuch sein sollte, sie zu beruhigen, machte er einen wirklich lausigen Job. Das Musikstück, dass gerade vom hauseigenen Orchester angespielt wurde, kannte die Nachwuchsdarstellerin in- und auswendig. Danach gab es nur noch zwei weitere Nummern, dann musste Owl sein Können unter Beweis stellen – dieses Mal mit Tessa an seiner Seite.
      Eigentlich hatte sie Chester nicht ansehen wollen, aber die sanfte Berührung an ihrem Arm lockte sie zurück aus ihrem kleinen Schneckenhaus. Er lächelte immer noch und Tessa konnt rein gar nichts dagegen machen, als sich ihre Mundwinkel ganz von allein zu einem zögerlichen, sanften Lächeln anhoben.
      Kurz bevor es Zeit war ins Rampenlicht zu treten und Chesters aufmunternde Worte sich langsam dem Ende näherten, tippte er ihr sachte mit den Fingerspitzen gegen die Brust. Aus Reflex zuckte ihr Blick verwirrt nach unten, ehe Chester zur einer Erklärung ansetzte.
      "Es sagt dir ganz genau, dass du es schaffen wirst, denn du bist immernoch dieselbe, die es schon oft geschafft hat. Glaub an dich, Theresa. Ich tue das und Jamie tut es auch, ganz sicher, und Owl natürlich auch. Nur du musst es noch tun. Du kannst das schaffen."
      Unter der Berührung stolperte der Herzschlag. Er hüpfte, als wollte er sich den Fingerspitzen entgegen drücken.
      "Und wenn dir die Leute zu viel werden, dann denk nur an Jamie, der hinter dem 2-Uhr-Eingang sitzt. Zeig ihm, was du gelernt hast, während du hinter Hector aufgewischt hast. Zeig es ihm alleine und ich bin mir sicher, dass Jamie so laut klatschen wird, dass es sich anhören wird wie ein ganzes Zelt voller Leute."
      Bevor Chester sich ganz zurückziehen konnte, hob sie die Hand und umschloss zaghaft seiner Hand.
      "Danke", flüsterte sie, doch laut genug gegen den Lärm hinter den Kulissen.
      Das Herz schlug ihr bis zum Hals.
      "Es tut gut das zu hören", sprach sie leise weiter. "Ich...Chester? Ich bin nicht mehr böse auf dich. Ich glaube, ich bin es schon seit einer ganzen Weile nicht mehr."
      "Tessa! Wir müssen uns fertig machen!"
      Owl tauchte in der Menge auf und Tessa ließ Chester los bevor der Messerwerfer zu ihnen aufgeschlossen hatte.
      "Bereit?"
      "Nein. - Das war ein Witz, Owl. Guck mich nicht so entgeistert an!"
      Der Messerwerfer legte einen Arm um Tessas Schulter und zog mit.
      "Sorry, Boss. Wir müssen. Aber das wirst du ja am besten wissen...", lachte er.
      "Wünsch mir Glück!", rief Tessa noch über die Schulter, da war das Gespann schon im Trubel verschwunden.

      Als Tessa die Manege unter tosendem Applaus betrat, fühlte sie sich in die Vergangenheit zurückgeworfen, als sie dieses Zelt das erste mal betreten hatte. Jubel und Musik dröhnten in ihren Ohren und das Licht blendete. Das Lächeln war auf ihrem Gesicht geradezu einbetoniert, damit niemand sah, wie die Neue vor Nervosität am liebsten im Boden versunken wäre. Trotzdem machte Tessa mutig einen Schritt nach dem anderen. Owl zur ihrer Rechten gab der jungen Frau die nötige Kraft, ganz zu schweigen von dem heimlichen Zuschauer hinter einem Vorhänge. Für Jamie wollte sie definitiv ihr Bestes geben, damit er den mühseligen Weg nicht umsonst auf sich genommen hatte.
      Tessa bekam eine Gänsehaut, als Owls Name begleitet von ihrem eigenen durch die Manege donnerte und damit ganz offiziell den Neuzugang in die Show einführte. Wie geübt verbeugte sich Tessa tief und mit ausladender Geste um danach strahelend in die Menge zu blicken. Jedenfalls so strahlend, wie es möglich war, wenn man gerade gefühlt an einem Herzinfarkt starb. Es musste so sein, denn das Herz in ihrer Brust schlug unglaublich schnell. Wenn Owl das Zittern ihrer Hände auffiel, ließ er sich nichts anmerken. Ganz professionell absolvierte er seine Nummer und traf dabei immer zielsicher ins Schwarze - Es sei denn, die Nummer sah es anders vor. Er spielte mit der Spannung, die sich bei jedem Wurf mit den rasiermesserscharfen Messern aufbaute, entlockte ihnen erschockene Ahs, staunende Ohs und erleichtertes Aufatmen, das sich wie eine Welle durch die Ränge zog. Den Mann bei seiner Arbeit zu sehen, ließ auch Tessa stetig aufs Neue die Luft anhalten. Allerdings verzichtete das frischgebackene Duo auf Tessas eigenen kleinen Wurf. Sie hatte Owl dazu überredet, es nicht gleich beim ersten Auftritt zu machen und zu warten, bis ihr der Lärm und das Licht nicht mehr so viel ausmachte. Natürlich hatten sie Chester darüber informiert.
      Als Owl seinen finalen Wurf ausübte und mit dem Verlöschen der Kerze über ihren Köpfen kurzzeitig das ganze Zelt in Dunkelheit getaucht wurde, fühlte Tessa sich ganz leicht und schwindelig. Ja, sie war etwas zu steif gewesen. Ja, sie hatte ein einem Punkt fast das falsche Messer aus der Reihenfolge gepickt. Ja, sie hatte sich immer wieder daran erinnern müssen zu lächeln. Aber der Jubel galt trotzdem ihnen beiden, als das Licht die Manege wieder erhellte und sie sich unter begeisterten Rufen verbeugten. Auf der Ziel gerade stieß Owl unauffällig mit dem Ellbogen gegen ihren Arm, als sie beinahe drauf und dran gewesen wäre vor Aufregung und Erleichterung den Koffer mit den Wurfmessern einzusammeln. Winkend verließen Owl und Tessa die Manege.

      Kaum war der Vorhang hinter ihn zugefallen, packte Owl das Mädchen und drückte sie in einer überschwänglichen Umarmung an sich. Tessa verlor sogar kurzzeitig den Boden unter den Füßen. Sein kehliges, bellendes Lachen vibrierte in ihren Ohren.
      "Komm schon, Owl! Lass mich runter!", lachte sie und zappelte halbherzig. "Du zerquetscht mich!"
      Entgegen ihrer Worte schlang sie die Arme um seinen Hals und drückte zurück. Um sie herum war eine kleine Menschentraube entstanden, die die beiden beglückwünschten, ihnen auf die Schultern und den Rücken klopften. Falls Chester in der Menge stand, konnte sie ihn unter den vielen Gesichtern nicht sofort ausmachen obwohl sie alle Richtungen nach ihm absuchte. Alles verschwamm in einem Wirbel aus Farben. Das musste das Adrenalin sein, dass langsam abflaute oder gerade erst sein Hoch erreichte. Wer wusste das schon? Tessa zumindest nicht.
      "Lass mich mal kurz...Nur ganz kurz. Ich muss kurz..."
      Wie ein zappeliger Wurm wandt sich Tessa aus den Armen des Messerwerfers und schob sich durch die Menge. Flink auf den Füßen war sie dabei auch noch sehr zügig. Es dauerte deshalb nicht lange, bis sie Jamie auf seinem Stuhl entdeckte und mit einem breiten Grinsen auf ihn zukam. Die Überschwänglichkeit bei Owl verwandelte sich bei dem gebrechlichen Tierpfleger in etwas Vorsichtiges. Sie wollte ihm nicht das Gefühl geben, dass sie ihn für zerbrechlich hielt aber weh tun, wollte sie ihm auch nicht. Gerade deshalb beugte sie sich zu dem sitzenden Jamie herunter und umarmte ihn mit einem Lachen.
      "Du hattest Recht", murmelte sie. "Ich habs geschafft."

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Theresas Augen sahen mit einer größer werdenden Intensität zu Chester auf, die ihm zeigte, dass er sie mit seinen Worten gänzlich in seinen Bann zog. Und das war auch gut so, denn selbst wenn er seine Menschenkenntnis meistens dazu nutzte, seinen Zirkus so zu lenken, wie er es haben wollte, hatte es jetzt doch auch etwas gutes für Theresa. Zum ersten Mal, seit er sie an diesem Abend beobachtet hatte, sprang ihr Blick nicht ständig durch den Gang und sie drehte sich nicht alle paar Sekunden zu dem Vorhang um. Sie wurde ganz ruhig und lauschte ihm, ließ sich von ihm das füttern, was sie selbst vermisste. Chester tat es nur zu gerne. Eine lachende Theresa war um einiges besser als eine Theresa, die ihre Stirn in Falten zog.
      Er endete seinen kleinen Vortrag mit einem Vorschlag, der den meisten Leuten bei ihrem ersten Auftritt half, da ergriff Theresa seine Hand. Es war eine recht zaghafte Berührung, aber Chester verharrte trotzdem, wurde ganz bewegungslos, damit er das scheue, neugierig gewordene Reh nicht verjagte.
      "Danke. Es tut gut das zu hören", flüsterte sie, noch immer laut genug für seine Ohren. Er erwiderte das Lächeln voller Zuversicht.
      "Immer doch. Dafür bin ich schließlich da."
      "Ich...Chester? Ich bin nicht mehr böse auf dich."
      Chester stutzte. Mit sowas hätte er nun ehrlich nicht gerechnet und es erwischte ihn ein bisschen unvorbereitet. Er blinzelte, was Theresa nicht davon abhielt, gleich hinzuzufügen:
      "Ich glaube, ich bin es schon seit einer ganzen Weile nicht mehr."
      Seit einer ganzen Weile nicht mehr? Erleichterung machte sich in Chester breit, als er begriff, dass es die Wahrheit war. Theresa war nicht mehr böse auf ihn. Nüchtern betrachtet bedeutete das, dass sie der zufriedeneren Hälfte des Zirkusses angehörte, aber emotional betrachtet hieß es, dass Chester sie wieder lachen sehen würde und dass sie ihm nicht mehr aus dem Weg gehen oder gar wegsehen würde. Für den Moment konnte Chester sich nicht entscheiden, welches davon ihm eine solche Erleichterung bereitete. Sie hatte ihn damit schlicht unvorbereitet getroffen.
      "Das ist -"
      "Tessa! Wir müssen uns fertig machen!"
      Sie beide sahen auf um dem Messerwerfer entgegen zu sehen, der auf sie zu marschiert kam. Owl trug bereits sein Lederkostüm und hatte sich sogar schon die Haare richten lassen. Der Mann hatte keinerlei Gespür dafür, worüber sie gerade geredet hatten.
      "Bereit?"
      "Nein. - Das war ein Witz, Owl. Guck mich nicht so entgeistert an!"
      "Sorry, Boss. Wir müssen. Aber das wirst du ja am besten wissen..."
      "Wünsch mir Glück!"
      Chester produzierte ein strahlendes Lächeln, das er den beiden zukommen ließ, während sie auf den Vorhang zugingen. Er selbst blieb bei den Kisten zurück, wo ihn für einen Moment der Trubel des Zeltes nicht traf.
      "... wirklich großartig", beendete er, was er unausgesprochen gelassen hatte. Das ist wirklich großartig. Mit einem leichteren Gefühl, als hätte er einen besonders schwierigen Trick endlich hinter sich gebracht, stieß er sich von seinem Platz ab und schlenderte zurück in das Herz des Zeltes hinein.

      Die ganze Aufführung der beiden sah Chester sich nicht an, dafür gab es zu viel vorzubereiten. Allerdings lugte er immer mal wieder aus verschiedenen Winkeln in die Manege hinaus und sicherte sich über Owl ab, bevor er Theresa einen Augenblick studierte. Alles in allem war es eine formidable Leistung - für das erste Mal und dafür, dass sie beim letzten Mal vor Angst abgehauen war. Meist bewegte sie sich zu nachlässig und ihr Lächeln ließ Falten aus, was nur Chester auffallen konnte, und außerdem waren ihre Schritte zu kurz und die Arme nicht weit genug und manchmal waren ihre Augen ein bisschen nervös und ihre Hände hatte sie manchmal zu offen an ihrer Seite, aber - aber. Es war ihr erstes Mal und es war nicht einmal die erste Aufführungswoche, sondern die dritte. Chester gab sich zufrieden damit, dass niemand sich ein Messer in den Fuß warf und alle Waffen innerhalb des Manegen-Rings blieben. Das sollte fürs Erste mehr als genügen, alles andere konnten sie nachher ausbessern. Stattdessen freute er sich über den errungenen Erfolg und zog wieder ab, um sich das nächste Mal zu vergewissern, dass noch alles beim rechten war. Der tosende Applaus bezeugte ihm zum Schluss schließlich, dass alles rund gelaufen war. Befriedigt grinste er und widmete sich dem neu anlaufenden Strom der Gehilfen.
      Theresas Auftritt hatte derweil unlängst die Runde gemacht und so wurde sie von einer Traube empfangen, als sie in die Geborgenheit des Vorhangs zurückkehrte. An einem anderen Tag hätte Chester die dutzend Leute zurechtgewiesen, dass die Show noch nicht vorbei war und sie sich Glückwünsche für hinterher aufheben konnten, aber heute ließ er es geschehen. Er war nunmal selbst so gut drauf. Lange hielt es sowieso nicht an, da strömten die Menschen wieder zu ihren Posten und kehrten zu üblicher Geschäftigkeit zurück. Chester war selbst schon einen Gang weiter, um Hectors Auftritt in die Wege zu leiten.
      Der ganze Abend endete in einer spektakulären Hochseil-Nummer und das Publikum stand vor seinen Plätzen, als sämtliche Darsteller noch einmal in die Manege kamen und sich von diesem letzten Beifall überhäufen ließen, Chester in der Mitte von ihnen, Chester mit den breitesten Armen und dem strahlendsten Lächeln von ihnen allen. Er ließ seinen Blick über die Menschenmasse wandern und winkte, wo er winken musste, zwinkerte, wo er zwinkern musste und verteilte Luftküsse, wo er sie verteilen musste. Von dort unten sah er alles und jeden und er gab jedem das Gefühl, dass er auch von ihm gesehen wurde. Die Menschen kreischten und jubelten und Chester freute sich schon auf sein warmes Bad später.
      Nach dem schnellen Abbau gingen die Darsteller ins Kantinenzelt hinüber, um den Abend noch ausklingen zu lassen. Es war längst nicht so voll wie beim ersten Abend, da die meisten in der dritten Woche schon so erschöpft waren, dass sie lieber gleich ins Bett gingen - so wie eigentlich auch Chester, wäre da nicht ein Rebell in seinen Reihen, um den er sich noch kümmern musste. Mit in die Hüften gestemmten Hände stand Chester vor ihm, während er die Muße hatte, ihn auch noch unschuldig von unten herauf anzulächeln.
      "Aufsteigen James, aber flott!"
      "Ich schaff den Weg auch noch zu Fuß, mir geht's gut."
      "Aber die Wege sind teilweise noch vereist, das machen wir nicht. Ich oder Roy, du entscheidest!"
      "Dann du."
      Jamie gab keine weiteren Widerworte und wirkte alles in allem auch ziemlich zufrieden, als Chester ihm den Rücken zuwandte und sich vor ihm auf ein Bein kniete. Jamie rutschte auf seinem Stuhl nach vorne, schlang die Arme um Chesters Hals und die Beine um seine Hüfte. Chester rutschte erst herum, bis Jamie wirklich sicher saß, dann hielt er dessen Beine fest und stand ächzend auf. Jamie legte seinen Kopf auf Chesters Schulter ab, während sie durch den mittlerweile beinahe geleerten Gang gingen. Theresa war auch schon längst weg.
      "Tessa hat sich toll gemacht, oder?", sagte er mit einem hörbaren Lächeln im Gesicht. Chester konnte es aus dem Augenwinkel sehen.
      "Sehr. Ich hätte nicht gedacht, dass sie es gleich so hinkriegt, aber die Proben haben wohl geholfen."
      "Die Proben und ihr Talent."
      "Ja, natürlich", sagte Chester kichernd. "Ein sehr großes Talent hat sie."
      "Wirst du sie weitermachen lassen?"
      "Klar. Wenn sie das möchte."
      "Sie sollte. Bei den Tierpflegern wird sie nicht glücklich. Sie ist doch noch jung, sie muss raus und sich bewegen und nicht den ganzen Tag Scheiße putzen."
      "So jung ist sie auch nicht mehr", sagte Chester, obwohl er genau wusste, was Jamie meinte. In Jahren-bis-zum-Tod gesehen, war Theresa verdammt jung, während Jamie verdammt alt war.
      "Aber jung genug."
      Jamie rollte den Kopf ein bisschen zur Seite und verstärkte seine Arme um Chester, als sie hinaus in die kalte Nachtluft gingen. Chester beschleunigte seinen Schritt, wobei er darauf achtete, nicht doch noch jemandem durch einen Fall die Knochen zu brechen.
      "Es ist schon schade, dass sie hier sein muss", sagte Jamie plötzlich. Auch hier wusste Chester, was er meinte, es war nur unüblich für den Mann, so melancholisch zu werden.
      "Das hier ist ein Neuanfang für sie wie für uns alle. Wäre sie nicht hier, dann würde sie sich sogar noch weniger bewegen als bei dir im Tierzelt, das verspreche ich dir."
      Jamie schnaubte kurz, sagte aber nichts mehr. Er zitterte schon, dabei waren sie noch nicht lange draußen. Chester spürte einen Stich Irritation von dem Gedanken, dass er den ganzen Weg alleine auf sich genommen hatte. Aus dem Alter sollte Jamie eigentlich heraus sein.
      Er machte sich mit schnellen Schritten zu seinem Wagen und setzte Jamie drinnen auf seinem Bett ab. Dann schürte er noch den kleinen Kamin, während Jamie sich bereits die Decke um die Schultern zog.
      "Chester?"
      "Ja?"
      "... Passt du auf Tessa auf, wenn ich nicht mehr da bin?"
      Chester stutzte, dann richtete er sich auf und sah den anderen Mann an. Er hatte einen ernsten Ausdruck im Gesicht, was für Jamie mindestens genauso untypisch war wie seine Melancholie. Damit starrte er Chester an, als würde er ihn nicht gehen lassen, bis er eine Antwort bekommen hätte.
      Chester mochte den Gedanken an den Tod nicht, egal, wie oft er damit konfrontiert wurde. Es war eine andere Sache wie der Beifall des Publikums, an das er sich gewöhnen konnte. An den Tod konnte er sich nicht gewöhnen. Es war jedes Mal schlimmer als das letzte Mal und er hatte es schon so, so, so, so, so viele Male erlebt.
      Aber er lächelte und es war ein Lächeln, das Jamie beruhigen würde. Und als er antwortete, sprach er nur die Wahrheit.
      "Ich werde auf sie aufpassen, das verspreche ich dir. Wenn es Zeit für sie ist, wird sie glücklich von uns gehen."

      Nach diesem kurzen Gespräch mit Jamie konnte Chester doch nicht in sein Zelt zurück gehen für sein warmes Bad. Stattdessen schlenderte er beim Kantinenzelt vorbei und als er da nicht fand, was er gesucht hatte, klopfte er an einen der Wagen. Die Antwort kam, aber sie kam überraschenderweise nicht von innen.
      "Hier oben."
      Chester sah verdutzt zu dem kleinen, dunklen Dach hinauf, streckte sich nach oben, ergriff den Rand und zog sich mit einem Ruck empor. In der Dunkelheit der Nacht fand er Theresa dort sitzen, eingewickelt in Decken und hoffentlich ihren Mantel. Chester trug selbst seinen Mantel, ihm war aber trotzdem kalt. Auf der anderen Seite war es ja nicht so, als würde es ihn umbringen.
      "Was machst du denn hier oben? Wenn dir der Wagen zu klein ist, wird uns bestimmt was einfallen", lächelte er und setzte sich neben sie. Theresa hatte sich so ausgerichtet, dass sie einen Großteil des Zirkus überblicken konnte, was auch Chesters liebste Aussicht war. Allerdings ging er dafür in der Regel zu höheren Punkten.
      Von der Seite her sah er sie an, immernoch lächelnd. In dem wenigen Licht würde sie hoffentlich trotzdem seinen Stolz erkennen können.
      "Das war ein toller Auftritt. War gar nicht so schwierig, wenn man es einmal gemacht hat, oder? Wie hat es sich angefühlt?"

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