Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • "Ich glaube dir." Tessa atmete sichtlich erleichtert auf. Sie hatte es nicht schlimmer gemacht, das beruhigte sie.
      Dieses Lächeln auf Chesters Gesicht war anders. Obwohl Tessa nicht wirklich den Finger darauf legen konnte, was genau es so anders machte. Es fühlte sich einfach anders an. Da nahm sie die Tasse wieder zu sich und nippte lächelnd an dem Tee, der nun nicht mehr heiß genug war, um ihr die Zunge zu verbrennen.
      "Es gibt keinen anderen, dem ich so etwas erzählt hätte. Du bist anders. Ich weiß nicht, ob ich es..."
      Tessa senkte die Tasse wieder ein kleines Stückchen während Chester sprach, nur um sie etwas zu eilig wieder an die Lippen zu setzen. Die Bewegung kaschierte eher schlecht als recht, dass ihr Mundwinkel sich mehr anhoben und auch nicht die Grübchen, die sich jetzt deutlich in ihre Wangen gruben. Die zarte Röte auf ihren Wangen konnte sie nicht mehr auf die Kälte schieben. Tessa spürte, dass sie rot wurde. Sie fühlte das vertraute Glühen auf den Wangen.
      Was Chester auch sagen wollte, verstummte als es zaghaft an der Tür klopfte.
      Sie hatte die Schritte gar nicht gehört.
      Dann seine Stimme.
      "Einen Moment, Liam!", rief Tessa durch die geschlossene Tür.
      Sie hatte keine Sekunde den Blick von Chester genommen, der wieder ganz mucksmäuschenstill da saß. In der aufkommenden Stille hörte Tessa vor allem das Knistern im Ofen und das allgegenwärtige Ticken von Chesters Taschenuhr, die der Mann zu keinem Zeitpunkt ablegte. Zumindest nicht in ihrer Gegenwart. Dieses kleine Ding, das alles so furchtbar kompliziert machte.
      Chester nickte und Tessa nickte als Antwort zurück.
      Vorsichtig stand sie auf und humpelte in Richtung der Tür, doch bevor sie überhaupt ihre Hand die Klinke berührte, sah sie über die Schulter noch einmal zu Chester. Sie wollte sich vergewissern, dass er es sich nicht anders überlegt hatte. Da sie jedoch keinen Rückzieher in seinem Blick erkennen konnte, öffnete sie die Tür und streckte lediglich den Kopf hinaus.
      "Guten Morgen, Liam..."
      Sie verrenkte sich fast den Nacken bei dem Versucht, die Tür so wenig wie möglich zu öffnen. Wachsam glitt ihr Blick über den verschneiten Platz mit den Wohnwagen. Außer Liam konnte sie niemanden entdecken. Es war nicht so, dass sie Liam etwas Böses zutraute, aber man konnte nie wissen, wer noch aus Versehen zuhörte.
      "Ähm, ja. Komm doch rein", sagte sie und rührte sich trotzdem keinen Zentimeter. "Äh...Entschuldige, dass ich gestern einfach vom Dienst verschwunden bin, ich habe...mir ist da...vergiss es. Komm rein und sieh selbst."
      Da trat sie etwas zurück, öffnete die Tür weiter, versperrte aber trotz ihrer zierlichen Statur ein Großteil seines Sichtfeldes.
      "Du musst mir versprechen, leise zu sein. Kein Lärm und keine Moralpredigten, okay?", flüsterte sie.
      Einerseits wollte sie keine ungewollte Aufmerksamkeit, andererseits reagierte Chester momentan zu empfindlich auf Geräusche und sie wollte nicht, dass Liam ihn mit einer unbedachten Handlung in die Flucht trieb.
      Jetzt ließ Tessa den morgendlichen Besucht endlich eintreten und schloss hinter Liam eilig die Tür.
      Sie hielt sich zurück während Liams Blick auf Chester fiel.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Liam schien erst gar nichts in Theresas Verhalten merkwürdig zu finden, aber als sie dann von ihm wollte, dass er leise war, zog er doch die Augenbrauen hoch. Die Frage, die er dann doch nicht stellte, war ihm quasi aus dem Gesicht zu lesen.
      "Okay, klar doch."
      Da öffnete Theresa erst die Tür mehr für ihn und er klopfte sich den Schnee von den dicken Stiefeln, bevor er eintrat.
      Und unmittelbar nach der Schwelle erstarrte, als er den seit Tagen vermissten Zirkusdirektor an dem kleinen Tisch sitzen saß, ein spärliches Frühstück vor ihm, eine Decke über den Schultern, die Haare ungekämmt und ungewaschen, das Gesicht müde. Liam war anzusehen, dass er mit der Situation überhaupt nicht zurecht kam. Er war gekommen, um seinen täglichen Pflichten nachzugehen, die sich heute wohl um die Tiere drehten, nur um durch reinen Zufall über den Mann zu stolpern, der wie vom Erdboden verschluckt gewesen war und ihn erst mit dem ganzen Chaos zurückgelassen hatte. Der ganze Zirkus wusste, wie sehr sich Liam mit ins Zeug gelegt hatte, Chester zu finden, da er immerhin mit all den Aufgaben alleine zurückgelassen worden war. Neben Brandon war wohl Liam derjenige gewesen, der Chester am ehesten wiederfinden wollte.
      Und dann traf er ihn ganz zufällig. In Theresas Wagen. Als wäre es dem Direktor irgendwie gelungen, sich all die Tage über schon hier zu verstecken, ohne aufzufliegen.
      Liam starrte ihn an, öffnete den Mund, blinzelte, schloss ihn wieder. Öffnete ihn wieder. Legte sich dann auf ein einziges Wort fest:
      "Chester."
      Und Chester tat das einzige, was ihm jemals übrig geblieben war: Chester wurde wieder ganz zu Chester.
      Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht aus, das nichts von der Trauer oder dem Trübsal innehatte, das ihn die letzten Tage heimgesucht hatte. Das ihn sogar noch vor wenigen Minuten ergriffen hatte. Seine Augen leuchteten genau in der richtigen Nuance, seine Lachfältchen warfen sich an genau den richtigen Stellen. Von jetzt auf gleich war nur noch Chesters Aussehen - die Augenringe, die unordentlichen Haare - die einzigen Beweise dafür, dass etwas vorgefallen war. Ansonsten wirkte er so wie immer. Fröhlich, sorglos, unberührt.
      "Guten Morgen, Liam. Es ist kalt draußen, oder? Es graut mir schon davor, einen Fuß nach draußen zu setzen."
      Liam starrte ihn weiter ungläubig an, dann drehte er sich zu Theresa um, um sie mit der gleichen Ungläubigkeit zu betrachten. "Träume ich? Oder sehe ich da wirklich Chester sitzen?" schien sein Gesicht sie zu fragen. Theresa hatte dafür vermutlich nur Antworten parat, die es nicht besser machen würden.
      Er wandte sich wieder Chester zu.
      "Ähm... wo warst du? Wir haben dich schon seit Tagen gesucht. Wir haben jeden Stein schon umgedreht auf der Suche nach dir."
      Das überraschte Chester gar nicht und er vermied es, Theresa anzusehen, während ihm seine Lügen leicht wie Federn über die Lippen fielen.
      "Ich habe den Zirkus für eine Weile verlassen. Es wurde mir etwas zu voll hier drin, da bin ich gegangen."
      Liam starrte ihn sichtlich überfordert an, während er das zu verarbeiten versuchte. Dann entschlüpfte ihm:
      "Verlassen? Aber ich dachte..."
      Er verstummte wieder. Rieb sich die Stirn. Völlig aus dem Konzept gebracht, stand er einfach nur da, bis Chester leicht den Kopf neigte.
      "Du bist doch wegen etwas gekommen, oder? Wegen den Tieren?"
      "Achso... ja. Aber... wie wäre es, wenn du..."
      Chester sah ihn offen an. Liam betrachtete ihn immernoch wie ein Gespenst. Dann gab er sich schließlich einen Ruck.
      "Brandon will unbedingt Antworten von dir haben und vielleicht wäre es gut, wenn du endlich mit ihm redest. Wenn du sie ihm auch gibst. Ich weiß, dass es alles ein bisschen... chaotisch geworden ist, aber es wird nicht besser, wenn du weiter weg bleibst. Ich habe ihn schon versucht zu beschwichtigen, aber er will die Wahrheit von dir hören und nur von dir. Jeden Tag schließen sich ihm mehr Leute an, Chester, weil sie alle glauben, dass du etwas zu verheimlichen hast, wenn du dich schon so offensichtlich vor ihm versteckst. Warum redest du nicht einfach mit ihm? ... Du hast doch nichts zu verheimlichen, oder?"
      Darauf war es nun Chester, der Liam anblinzelte. Die Erkenntnis störte ihn, dass selbst Liam dazu übergegangen war, etwas in Brandons Worten zu sehen, wenn sie ihn schon zum Zweifeln verleitet hatten. Aber auch das war wohl unausweichlich gewesen, oder? Chester musste zugeben, dass seine Strategie, einfach zu verschwinden, nicht die beste gewesen war.
      Nur war es das jetzt auch nicht. Die Wahrheit war niemals schön und Chester wollte alles andere, als sich einem wütenden Mob zu stellen. Es ängstigte ihn. Es verleitete sich dazu, sich in seinem eigenen Zirkus nicht mehr sicher zu fühlen.
      Daher war es auch die größte Lüge aller Zeiten, als er sagte:
      "Das ist vermutlich eine gute Idee. Es ist an der Zeit, dass ein paar Wahrheiten ans Licht kommen."
      Damit stand er auf, nicht mehr gebeugt und sich klein machend, sondern sicher und überzeugt und normal, so wie Chester nunmal eben war. Aber dabei sah er zu Theresa und das Flackern in seinen Augen konnte nur die junge Frau deuten, die in die Tiefen jenes Flackerns geblickt hatte, als es sich ausgebreitet hatte.
      "Wirst du mir dabei helfen?"
    • Nervös pickte sie an ihren Fingernägeln und lehnte sich ganz still gegen die geschlossene Tür. Für einen Moment beschlich sie das Gefühl, dass sie die Männer wohl besser allein lassen sollte. Mit einem schlechten Gewissen lag ihr Blick auf Liam, der ihr stocksteif den Rücken zugewandt hatte. Es war gut, dass er sie nicht ansah. Vermutlich konnte er Tessa augenblicklich an der Nasenspitze ansehen, dass hinter all dem mehr steckte, als Chester ihm weiß machen wollte. Ehrlich gesagt, glaubte Tessa auch nicht, dass er Chester die Lügen wirklichen abkaufte. Aber das war nicht, was die junge Frau beunruhigte. Es war die Art und Weise wie schnell und geübt Chester die Rollen wechselte. Nun, da sie es mit eigenen Augen sah, war die Veränderung im Tageslicht noch deutlicher zu sehen. Ein anderer Chester übernahm die Kontrolle und lächelte Liam an, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
      Dann drehte sich Liam doch zu ihr um und sah sie vollkommen ratlos und vor allem sprachlos an. Tessa konnte nicht anders, als den Blick niederzuschlagen und der Frage in seinem Gesicht auszuweichen. Sie fühlte sich unangenehm ertappt, obwohl sie eigentlich nichts getan hatte. Sehr eloquent zuckte sie einfach mit den Achseln.
      Die Männer setzte das eigenartige Gespräch fort, mit dem wohl keiner an diesem Morgen gerechnet hatte.
      "... Du hast doch nichts zu verheimlichen, oder?"
      Tessa verzog das Gesicht zu einer leichten Grimasse und wusste, dass es genau die Worte waren, die Chester am aller wenigstens gerade von Liam hören wollte. Einmal ausgesprochen, konnte sie jedoch niemand mehr zurücknehmen. Zögerlich sah Tessa auf und erwartete beinahe, dass Chester wieder in seinem Stuhl zusammenschrumpfte. Nichts dergleichen passierte.
      "Das ist vermutlich eine gute Idee. Es ist an der Zeit, dass ein paar Wahrheiten ans Licht kommen."
      Es war nie eindeutiger gewesen, dass Chester ein äußerst talentierter Lügner war.
      Stattdessen wurde sie Zeugin wie sich der Mann, der vor wenigen Minuten noch so zerrissen gewirkt hatte, aufstand und sich scheinbar gelassen zur seiner vollen Größe aufrichtete. Selbst Tessa hätte ihm dieses Schauspiel fast abgekauft, wäre das nicht etwas in seinem Blick gewesen. So flüchtig, dass sei es fast verpasst hätte. Ein sanftes, unsicheres Flackern, dass in ihrem Gesicht nach Bestätigung suchte. Dass sie ihm beistehen würde, an seiner Seite blieb, während er sich dem Unvermeidlichen stellte. So, wie sie ihm nicht von der Seite gewichen war, als der Tod ihn geholt hatte.
      "Wirst du mir dabei helfen?"
      Tessa versuchte den fragenden Blick von Liam zu ignorieren, der zwischen ihnen hin und her zuckte.
      Das Ticken der Uhr drang durch die kurze Distanz zu ihr herüber.
      "Ja...", sagte Tessa leise.
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      Gemeinsam mit Liam hatte sie die Neuigkeiten verbreitet, die im Zirkus Magica die Runde machten wie ein Lauffeuer. Chester war wieder da und bereit zu reden. Frühstück blieb unangetastet auf den Tischen liegen, Proben wurden sofort unterbrochen und Arbeiten niedergelegt. Der Weg führte sie alle an ein Ziel: Das große Zelt.
      Tessa hatte die Manege seit dem tragischen Morgen nicht mehr betreten, wie viele andere auch. Der Zirkusbetrieb war beinahe gänzlich zum erliegen gekommen bis auf die täglichen Arbeiten, die wirklich keinen Aufschub duldeten. Liam war nichts anderes übrig geblieben, als Vorstellungen zu streichen, was angesichts der Tragöde sicherlich das Anständigste gewesen war. Nun wanderte ihre Blick über die Besucherplätze, die hohen Stützpfeiler, die bis unter die Zeltdecke ragten und das Hochseil. Sie hatte es nicht gesehen und sie war dankbar dafür, dass ihr die Albträume darüber erspart geblieben waren. Aber sie träumte von einem einsamen Sarg und den Flammen, die in den Nachthimmel ragten. Sie roch verbranntes Holz, verkohlte Haut und Haare, wenn sie aufwachte.
      Im Zentrum der Manege hatten die wenigen Freunde von Toby zwei Tische zusammen geschoben, auf dem unzählige Kerzen flackerten, die - soweit Tessa wusste - Tag und Nacht in seinem Gedanken brannten. Dazwischen standen die wenigen Bilder, die es wohl von Toby gab und ein paar seiner liebsten Bücher. Tessa erkannte die Einbände. Brandon war nicht gewillt, Toby schnell in Vergessenheit geraten zu lassen und in diesem Punkt konnte sie sich nicht gegen ihn stellen. Toby hatte nicht verdient, dass das Kapitel seines Lebens, jetzt da es beendet war, zwischen all den verstaubten und vergessen Dingen in den Untiefen des Zirkus Magica verschwand.
      Vor den Tischen hatte jemand Blumenkränze abgelegt. Keine frischen Blumen, nicht zu dieser Jahreszeit, aber getrocknete Blätter und Blüten, die mit sorgfältig zu Kränzen geflochten und gesteckt worden waren. Tot aber doch für die Ewigkeit bewahrt.
      Tessa schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter, als sich die ersten Köpfe in ihre Richtung drehten. Geflüster erhob sich in den Reihen und sie wusste, dass die Blicke nicht ihr galten. Sie gingen durch Tessa hindurch, an ihr vorbei zu dem Mann, der wenige Meter hinter ihr folgte. Die Entfernung war großzügig genug, damit es als Zufall durchging, dass sie kurz aufeinander folgende das Zelt betraten. Tessa traute sich nicht einen Blick über die Schulter zu werfen und bog halblinks in die Menge ab. Sie schlängelte sich durch Freunde und Kollegen, bis sie in der ersten Reihe den großen, breitschultrigen Owl entdeckte. Neben ihm tauchte sie auch wenige Augenblicke später auf.
      "Du wirst mir nicht verraten, woher er plötzlich kommt oder?", flüsterte Owl so leise, dass nur Tessa ihn hörte.
      Sie biss sich auf die Zunge.
      "Ist auch egal. Hauptsache er ist wieder da."
      Tatsächlich lächelte Owl leicht, das erste Mal seit ein paar Tagen. Auch Ella neben ihnen wirkte sichtlich erleichtert, wenn auch etwas ausgezehrter als zuvor. Die alte Dame wurde nicht jünger und dieser Winter verlangte ihrer zierlichen Form alles ab.
      Murmelnd schloss sich die Menge hinter Chester, während dieser sich seinen Weg zum Zentrum der Manage bahnte. Mit erhobenem Kopf und einer unerschütterlichen Miene, die Tessa beinahe unheimlich war. Aber sie hatten einen Blick hinter die Maske geworfen. Der Gedanke holte die Wärme zurück, die unter den misstrauischen Blicken fast erloschen wäre.
      Jetzt war es an ihr, das Versprechen zu halten. Also hob Tessa den Kopf und sah zu Chester, auch wenn er ihren Blick in diesem heiklen Moment unmöglich erwidern konnte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es verging kaum eine Stunde, da hatte sich schon der ganze Zirkus in der Manege des großen Aufführungszeltes eingefunden. Es hatte nur die Erwähnung gebraucht, dass Chester zurück und bereit zu reden wäre, sodass gleich alles stehen und liegen gelassen wurde. Brandon hatte die Masse schon so sehr von seinen Überlegungen überzeugt, dass es jetzt nun die meisten nach Antworteten dürstete.
      Chester hatte die Zeit genutzt, um sein Haar schnell in Ordnung zu bringen und sich etwas zu waschen. Dass die Versammlung in der Manege stattfinden würde, war für ihn gleichermaßen Fluch und Segen.
      So trat er nämlich auf das große Zelt zu, gekleidet in saubere, neutrale Kleidung und bereitete sich mental darauf vor. Er benötigte nur eine Sekunde dafür, genau die Zeit, in der er beobachtete, wie Theresa vor ihm durch den Eingang schlüpfte. Jahre, Jahrhunderte der Erfahrung ließen ihn von jetzt auf gleich in seine Rolle schlüpfen.
      Showtime.
      Die ersten Blicke richteten sich auf ihn, als er ins Sichtfeld geriet. Er streckte die Hand nach der Zeltplane aus, um sie aufzuhalten.
      5... 6... 7... 8.
      Und trat ein.

      Man hatte eine kleine Gedenkstätte für Toby errichtet, die auch jetzt noch dort stand. Irgendjemand musste regelmäßig in die Stadt gehen, um neue Blumen und Kränze zu besorgen, und jemand anderes - vielleicht derselbe, vielleicht auch nicht - musste die Kerzen ständig wechseln. Chester betrachtete die kleine Stätte aber mit einer gewissen Abneigung. Wie oft es schon vorgekommen war, dass die Leute sich erst nach einem Tod wirklich mit demjenigen beschäftigen, könnte er gar nicht aufzählen. Und doch geschah es immer wieder.
      Das laute Geplapper der Menge wurde ruhiger und ruhiger, bis sich heimliches Geflüster und Getuschel an seiner statt erhob. Vor ihm überquerte Theresa die unsichtbare Grenze, die Bühne von Zuschauerrängen unterteilte, und verschwand hinter eben jener. Chester konnte ihr dorthin nicht folgen, er war auf eine Seite von beiden verbannt.
      Aber das machte nichts. Chester war Blicke gewöhnt und die volle Aufmerksamkeit eines ganzen Zeltes mit hunderten von Besuchern. Versammelt waren jetzt um die 100 und damit war es nichtmal annähernd so intensiv. Er musste nur die richtige Rolle spielen und schon hätte er seine Zuschauer verzaubert.
      Brandon saß mitunter in der ersten Reihe und sah Chester finster an, als er in der Mitte der Manege stehen blieb. Er hatte sich strategisch nahe zu der Gedenkstätte gesetzt, wie um allen zu zeigen, wie wichtig es ihm noch immer war. Oder um sein stärkstes Argument gleich zur Hand zu haben.
      Chester sah ihn an, ließ den Blick dann aber auch über die anderen Zuschauer wandern. Wo immer er auf Blickkontakt traf, verstarben die Gespräche und das Geflüster, als würde er ihnen einen unsichtbaren Zauber auferlegen. Als es still war, hob er erst die Stimme; selbstsicher, ohne Zweifel. Überzeugt. Stark. Das war Chester und das würde er über seinen vielen Masken auch immer sein.
      "Es ist gut, dass ihr alle hergekommen seid. Ihr seid mit vielen Dingen unglücklich, die in diesem Zirkus vor sich gehen, und ich will heute eine Runde Klarheit verschaffen. Ich verschweige euch keine Wahrheiten und wenn ihr sie wissen wollt, so müsst ihr einfach nur fragen."
      Er ließ den Blick strategisch über die Menge wandern. Er sah die Leute an, deren Augen am größten und Mienen am unsichersten waren und zwang sie dazu, ihm zurück in die Augen zu blicken. Chester wusste mit einem Publikum umzugehen. Auch mit einem solchen.
      "Fragen. Nicht das, was ihr getan habt. Nicht mit anderen reden und eine Wahrheit erfinden, die euch besser passt als das, was ich euch liefern könnte. Das ist es nicht, was ich möchte, und trotzdem sind wir jetzt hier."
      Er drehte den Kopf, wenn er den Kopf drehen musste. Er ließ seinen Blick hart werden, wenn er hart werden musste. Das Ticken seiner Uhr gab ihm den Takt vor und Chester ließ seinen Zauber entfalten.
      "Ihr verlangt nach Antworten und ich gebe sie euch. Jetzt ist die Gelegenheit dazu. Ich werde keine Märchen erzählen."
      "Woher sollen wir wissen, ob du nicht lügst?", rief Brandon rein. Chester sah ihn nicht an, denn der Mann war mit seiner Wut nicht ganz so empfänglich für Chesters Zauber.
      "Das werdet ihr selbst beurteilen müssen."
      “Was für ein Schwachsinn! Dann kannst du uns doch alles erzählen!”
      Ihr müsst mir auch nicht zuhören, wenn ihr nicht wollt”, gab Chester neutral zurück. In Wahrheit wollte er vor der lauten Stimme zucken und vor der Vision, wie diese Menge sich erheben und zur Meute werden würde. Wie sie sich auf ihn stürzen und ihn zerfleischen würde.
      Aber das war unter seinen vielen Masken, die er sich aufgesetzt hatte. Jetzt war Chester nur der Chester, den man kannte.
      Brandon schnaubte empört, aber ihm waren wohl die Argumente ausgegangen, denn er sprach gleich das offensichtlichste Thema an.
      “Dann erzähl uns mal, wieso du nicht Toby gehen gelassen hast. Wieso er sich umbringen musste, damit er frei wurde!”
      Weil ich das nicht kann.
      Chester ließ den Worten nur einen winzigen Moment um zu wirken.
      Die Uhr wirkt eine Magie, der ich nicht mächtig bin. Ich kann niemanden freilassen. Das Blut ist gefallen und das kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.
      “Das behauptest du!”
      Das behaupte ich mit langjähriger Erfahrung in diesen Dingen. Es geht nicht und ihr könnt mir glauben, wenn ich euch sage, dass ich wünschte, ich könnte es. Es ist unmöglich.
      Theresa sah er in diesem Moment nicht an, aber er war einer Methode mächtig, jemanden anzusehen, ohne ihn dabei direkt anzusehen. Aus den Augenwinkeln beobachtete er sie und versuchte sich vorzustellen, sie beide wären nur im Wagen statt hier in der Manege.
      “Das kannst du nur so leicht sagen, weil Toby schon tot ist”, grollte Brandon jetzt und vielleicht war es diesmal nicht ganz so geplant, dass Chesters Blick Blitze zu schießen schien, als er sagte:
      Wir alle waren dabei, als er im Oktober zusammengebrochen ist. Er hat den ganzen Zirkus zusammengeschrien. Aber hinterher habe ich niemanden gesehen, der sich um ihn gekümmert hätte. Niemand, der Toby an seinen Tisch eingeladen hätte, als er angefangen hat, sich zurückzuziehen. Niemand, der ihn gefragt hätte, ob es ihm gut ging. Ich habe abends vor seiner Tür gestanden und versucht, ihn zum Reden zu bringen - ich, der einzige, mit dem er wahrlich nicht sprechen wollte. Ich habe ihm alle Freiheiten gegeben, die er in diesem Zirkus nur bekommen konnte, ich habe ihn versucht zu trösten und ein Freund zu sein, wo er doch einen gebraucht hatte, aber von euch wurde er sicher genauso im Stich gelassen. Er hätte sich nicht umbringen müssen, wenn wir für ihn da gewesen wären. Was meint ihr, wie er sich über Blumen gefreut hätte?” Eine scharfe Geste zu dem Gedenktisch folgte. “Oder über ein Brief? Über Bücher? Über Aufmerksamkeit? Ihr scheint ihn den lieben langen Tag zu betrauern, aber keiner von euch hat auch nur halb so viele Mühe reingesteckt, als er noch gelebt hat!
      Natürlich gab es dabei Ausnahmen - Theresa zum Beispiel. Aber Theresa war offenkundig zu spät gekommen und Brandon mochte vieles sein, aber ein guter Freund war er vermutlich nicht.
      Also nein, ich konnte ihn nicht gehen lassen, wobei das noch am einfachsten gewesen wäre! Dann müsste ich mir nicht vorwerfen lassen, Schuld an seinem Tod zu haben, denn das haben wir wenn dann alle! Oder sieht das hier jemand anders?
      Darauf folgte Schweigen.
    • Die Erleichterung hielt nicht lange an, denn Chester bedachte sie alle mit einem mahnenden Blick. Beschämte Blicke richteten sich zu Boden und Brandon machte die ganze Angelegenheit nun wirklich nicht besser. Das Misstrauen, das er erneut zu schüren versuchte, traf angesichts der direkten Konfrontation überwiegend auf taube Ohren. Nur die Männer und Frauen, die sich direkte um den wütenden Mann scharrten, schienen sich keines Fehlers bewusst zu sein. Alle anderen...wussten, dass Chester in diesem Punkt wohl Recht hatte.
      Tessa hielt die ganze Zeit über dem durchdringenden Blick des Zirkusdirektors stand. Denn das war Chester jetzt wieder: Der Mann, der eine zunächst aufgebrachte Menge zu einem betretenden Schweigen verurteilte. Bedrückt stellte sie fest, dass in diesem Moment nichts von dem Mann übrig war, mit dem sie zusammen in ihrem Wagen gesessen und vorsichtige, sanfte Worte über ein einfaches Frühstück hinweg ausgetauscht hatte. Er wirkte so unnahbar, wie die Wochen zuvor. Nur, dass sie es dieses Mal besser wusste. Es war mit Nichten einfach hinter das Schauspiel zu blicken, aber Tessa wusste zumindest ein wenig, wonach sie Ausschau halten musste. Deshalb bemerkte sie auch, dass Chester ihr einen flüchtigen Blick zuwarf ohne sie dabei direkt anzusehen.
      Der Moment war so schnell vorbei, dass sie ihn auch geträumt haben konnte. Es gefiel ihm nicht, dass sie diese Wahrheiten auf diese Weise erfuhr. Das glaubte sie zumindest oder wollte es glauben. Gerade wurde der jungen Frau wieder bewusst, wie gefährlich dieser Wunsch danach war. Aber Tessa wollte wirklich daran glauben, dass er beim Frühstück ehrlich zu ihr gewesen war und nicht eine nur einen neuen Chester präsentiert hatte, für den Tessa noch keinen Argwohn entwickelt hatte.
      “Weil ich das nicht kann.”, hatte Chester vor ein paar Minuten gesagt und sie glaubte ihm. Warum hätte er sich sonst verstecken sollen, verängstigt und den Tod in Kauf nehmend, wenn er ihnen doch einfach hätte geben können, was sie wollten um den Spuk zu beenden?
      Also nein, ich konnte ihn nicht gehen lassen, wobei das noch am einfachsten gewesen wäre! Dann müsste ich mir nicht vorwerfen lassen, Schuld an seinem Tod zu haben, denn das haben wir wenn dann alle! Oder sieht das hier jemand anders?
      Die Schlussworte hallten durch das große Zelt. Sie schienen jeden Winkel regelrecht auszufüllen und wurden schon bald von dem schlechten Gewissen abgelöst, dass sich in bedrückten Schweigen äußerste. Tessa hörte nichts außer das Rauschen des kalten Windes vor dem Zelt und das dezente knarzen der Zeltkonstruktion.
      Tessa hielt die Luft an...
      Da regten sich leise Stimmen unter den Anwesenden. Zuerst verstand Tessa das Gemurmel nicht, doch nach und nach kristallisierten sich Worte heraus. Geflüsterte Entschuldigungen erreichten Chester, der alle mit einem strengen und unnachgiebigen Ausdruck geradezu in den Boden starrte. Viele hatten ihre Köpfe noch nicht wieder gehoben. Sie scharrten betreten mit den Füßen oder kneteten ihre Hände.
      "Warum...hörst du dann nicht...naja...einfach auf, Chester?"
      Die dünne und sanfte Stimme erklang aus den hinteren Reihen.
      Ganz langsam schlängelte sich eine Frau mit rötlichen Locken aus dem Publikum, die Tessa schmerzlich an Rosie erinnerte. Sie hatte eine Zahnlücke, die bei jeder Silbe hervorblitzte und ihr Gesicht war voller Sommersprossen. Bis auf ein beiläufiges 'Hallo' hatte sie bisher nicht viele Berührungspunkte mit der Frau gehabt, die vielleicht ein paar Jahre nur älter als Tessa war. Sie war schlank, aber nicht auf die Art wie Tessa zierlich war sondern mit drahtigen Muskeln, die sie für ihre Position im Zirkus auch benötigte.
      Isabella gehörte zu den Seiltänzern des Zirkus Magica.
      Sie war keine klassische Schönheit aber ihre Ausstrahlung war einer Hochseilartistin würdig. Angst, war ein Punkt, den sie nie in ihren Augen gesehen hatte, wenn Isabella grazil über das Hochseil tänzelte. Die Menschen machten ihr Platz, einem der Stars der Show.
      Tessa war erstaunt darüber keine Anklage in ihrer Stimme zu hören, nur ehrliches Interesse.
      "Toby kann unmöglich nicht der Erste gewesen sein. Während du deine langjährigen Erfahrungen gesammelt hast, muss es andere wie ihn gegeben haben. Also...warum hörst du nicht einfach auf?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester ließ die Stille für sich arbeiten, so wie er wusste, wann ein Applaus, eine Musik oder ein Trommelwirbel das Zelt auszufüllen hatte. Chester fühlte sich sicher in dieser Rolle auf der Bühne, weil er alles unter Kontrolle hatte. Alles lief genau nach seinen Vorstellungen und wie es laufen sollte. Das Zelt, die Manege, die Bühne; alles funktionierte nach seinem Willen. Die Zuschauer waren seine Marionetten und das trotz der Tatsache, dass er sich eigentlich - eigentlich - in den hintersten Winkel des Zirkusses hätte verkriechen wollen um den Ärger auszuharren. Doch das war unweigerlich die Macht seiner Masken und damit auch die Macht von Chester. So viel Angst er auch jemals haben mochte, er würde niemals machtlos sein.
      Und so erhob sich nach einer kurzen Weile leises Gemurmel, gefolgt von gesenkten Blicken und schüchternen Entschuldigungen. Es kam noch längst nicht von allen und ganz besonders nicht von Brandon und seiner Crew, aber es war da. Chesters Macht entfaltete sich und niemand in diesem Zirkus konnte sich je davor schützen.
      "Warum...hörst du dann nicht...naja...einfach auf, Chester?"
      Die Stimme kam aus den hinteren Reihen, dünn, aber dennoch laut genug, um von allen gehört zu werden. Ein knallroter Haarschopf erschien, als sich seine Besitzerin zu erkennen gab und sich als Isabella herausstellte. Die sanfte Frau schlug keinen Tonfall an, der Brandon würdig gewesen wäre, sondern sprach ganz ruhig und mit Fassung, als würden sie ein harmloses Gespräch führen. Chester konnte in ihren Augen nichts als aufrichtiges Interesse lesen.
      "Toby kann unmöglich nicht der Erste gewesen sein. Während du deine langjährigen Erfahrungen gesammelt hast, muss es andere wie ihn gegeben haben. Also...warum hörst du nicht einfach auf?"
      "Die Uhr ist nicht bloß eine Uhr, so wie ihr euch das vorstellen mögt", gab er lauter zurück, damit ihn auch jeder hören konnte. Sofort war es ganz still, um seinen Worten zu lauschen.
      "Es stimmt, dass ich derjenige bin, der das Blut zur Uhr bringt, aber es liegt keine Entscheidungsfreiheit dahinter. Man kann nicht einfach aufhören. Wäre die Uhr ein Tier, so wäre sie ein Löwe, der in seinem Käfig sitzt. Er würde niemals selbst jagen, aber würden wir uns entscheiden, ihn zu füttern, weil wir einen Löwen füttern möchten? Nein, wir füttern ihn mit Fleisch, weil er hungrig ist und weil er scharfe Krallen und lange Zähne hat, mit denen er jagen kann, wenn der Käfig sich nur öffnet. Wir entscheiden uns nicht, ihn zu füttern, sondern die Entscheidung wurde schon längst für uns getroffen, als wir diesen Löwen in seinem Käfig in unseren Zirkus geholt haben. Es ist keine Frage danach, ob wir ihn füttern, sondern nur, wann es passiert. Andernfalls wird er uns daran erinnern, warum es besser ist, wenn er nicht selbst auf die Jagd geht."
      Die kryptische Erklärung stieß auf offene Augen und verständnislose Gesichter, die vielleicht auch enttäuscht darüber schienen, die wichtige Frage nicht richtig beantwortet bekommen zu haben. Doch das hier war alles, was Chester sich an Wahrheit zutraute, trotz der Bühne, trotz seiner vielen Masken. Es war eine gute Frage gewesen. Die Wahrheit wäre zu gut gewesen.
      "Kann man sie dann nicht zerstören?", setzte jemand auf der anderen Seite nach. Chester ließ erst seinen Blick in Theresas Richtung gleiten, bevor er den Besitzer der Stimme ausfindig machte.
      Wie oft er diese Frage nun schon beantwortet hatte. Wie viele Antworten hierfür schon gegeben hatte. Wie oft er darüber diskutierte, geredet, gestritten hatte. Wie oft er sich den Kopf darüber zerbrochen und wie oft er darüber geträumt hatte. Wie oft er sich schier mit dem Thema auseinandergesetzt hatte.
      Irgendwann wurde Chester es leid. Dieses Irgendwann war schon vor geraumer Zeit eingetreten, aber trotzdem holte er jetzt seine Uhr hervor, zum tausendsten, hunderttausendsten, millionsten Mal, um sie einem Publikum zu zeigen. Das reine Gold glänzte selbst in dem dämmrigen Licht des Zeltes und das Ticken klang unüberhörbar durch die Reihen, Tick, Tick, Tick. 100 Augenpaare hefteten sich auf den kleinen Gegenstand.
      "Lasst es uns gemeinsam herausfinden."
      Und er ließ sie fallen und stampfte mit der Ferse darauf.
      Das Gehäuse knackte mit einem hörbaren Geräusch auf. Das Ticken verklang nicht, auch wenn die Uhr deutlich lädiert aussah, als Chester sie aufhob. Auf der Rückseite war die Abdeckung zerknickt und aufgesprungen. Eine gewöhnliche Uhr hätte hier schon längst den Geist aufgegeben, aber trotzdem: Tick, Tick, Tick.
      "Ich werde sie jetzt herumgeben und ich möchte jeden von euch darum bitten, sich etwas aus der Uhr herauszunehmen. Irgendwas, eine Schraube, ein Zahnrad, ein Zeiger. Jeder soll etwas in der Hand halten und wenn noch etwas übrig bleibt, möchte ich es wiederhaben."
      Er warf die Uhr zum äußersten Rand der Zuschauer und dann sah er zu, wie der nächstbeste sie aufhob, interessiert in den Fingern drehte und schließlich die Abdeckung auf der Rückseite abnahm. Er behielt das goldene Plättchen und reichte die Uhr an den nächsten weiter, der wiederum eine kleine Schraube heraus friemelte und sie weiterreichte. Das ganze zog sich in kürzester Zeit über ein Dutzend Leute, ehe bereits klar wurde, dass etwas nicht stimmen konnte. Jemand entfernte eins der größeren Zahnrädchen und noch immer tickte die Uhr, als würde nichts mit ihr geschehen. Tick, Tick, Tick. Schweigend wurden Reste weiter gegeben.
      Chester sah unbewegt zu. Das Ticken war ein Geräusch, das ihm ins Blut übergegangen war, so wie jeder normale Mensch seinen Atem nicht wahrnahm oder die eigene Nase im Sichtfeld ausblendete. Es war Bestandteil seines Lebens und seiner Realität und so konnte er sich auch nicht ernsthaft vorstellen, dass es eines Tages verklingen könnte. Solange morgens die Sonne auf und abends wieder unterging, würde er auch noch das Ticken vernehmen. Daran würde sich nichts ändern.
      "Bei wem ist das Ticken jetzt?"
      Der mit den meisten Überresten meldete sich. Sie wurden weitergereicht und irgendwann erhob sich Gemurmel, bevor jemand aufstand und sein kleines, unscheinbares Teilchen zeigte.
      "Jetzt ist es hier!"
      "Dann komm nach vorne und zeig es uns."
      Er kam und mit ihm folgte das Ticken, als würde er in seiner Hand eine ganze Uhr halten und nicht ein winziges Stückchen davon, das gerademal so dick war wie ein Fingernagel. Voller Faszination betrachtete er es, als könne er es selbst nicht glauben.
      "Mach es kaputt."
      Er sah auf und sah Chester an.
      "Zeig uns, wie du es mit eigenen Händen kaputt machst."
      Das war nicht sehr schwierig. Er hob das kleine Teilchen in die Luft und brach es inzwei.
      Und nochmal. Da verklang das Ticken aus seiner Hand und erklang, ohne eine Sekunde zu verpassen, aus einer anderen Richtung.
      Chester ignorierte die aufkommende Unruhe, die Wunder, die Faszination.
      "Jeder, der gerade ein Teil besitzt, soll es kaputt machen, so gut es geht. Der Rest soll immernoch weitergegeben werden."
      Aus allen Ecken knackte und knirschte es zu einer ganz merkwürdigen Symphonie und dann schnappte plötzlich jemand nach Luft.
      "Mein Teil ist weg."
      "Meins auch!"
      "Meins ist in meiner Hand verschwunden!"
      Mehrere Leute rührten sich und Chester wartete mit meisterlicher Geduld ab, bis es wieder ruhig genug geworden war, dass man das Ticken orten konnte.
      Das nicht mehr aus dem Publikum kam. Es kam wieder von ihm. Aus seiner Tasche.
      Und als wäre es alles nur ein großer, merkwürdiger Zaubertrick, griff Chester in seine Hosentasche und zog seine Uhr hervor, vollständig, heil und intakt, golden und funkelnd, tickend als hätte sie nie etwas anderes getan. Der Rest war verschwunden, keiner trug mehr auch nur einen Bestandteil von ihr bei sich.
      Chester hielt die Uhr trotz des aufkommenden Geplappers hoch. Er ließ den Blick schweifen und blieb gänzlich unberührt von den Reaktionen, die er in dieser Weise so häufig erlebt hatte, dass er es nicht zählen konnte und so, so überdrüssig davon war. Es war immer dasselbe, immer das gleiche. Es würde sich nie ändern.
      "Gibt es noch Fragen?"

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    • Erwartungsvoll spitzte auch Tessa die Ohren, aber die ungewöhnliche Erklärung, die Chester ihnen lieferte, warf mehr Fragen auf als das sie die begehrten Antworten lieferte. Verständnislosigkeit zeichnete sich dabei auf vielen der Gesichter ab. Tessa erkannte Verwirrung, Enttäuschung und sogar Wut in den unzähligen Augenpaaren, die alle einzig und allein auf Chester gerichtet waren. Dabei machte sich in Tessa noch ein ganz anderes Gefühl breit. Sie dachte an den Löwen in seinem Käfig, der hungrig auf seine nächste Mahlzeit lauerte. Gedanklich widersprach sie Chester für einen kurzen Augenblick. Natürlich konnte sie sich dafür entscheiden das Raubtier nicht zu füttern. Sie konnten seinen Käfig abschließen und den Schlüssel wegwerfen, den Jäger am langen Arm verhungern lassen und darauf hoffen, dass der Löwe niemals die nötige Kraft aufbrachte sich selbst aus seinem Gefängnis zu befreien. Sie wusste nicht, ob noch andere unter dem großen und weiten Himmel des Zirkuszeltes die unterschwellige bedrohliche Stimmung wahrnahmen. Das Gefühl, das Tessa verspürte, war der eisige Hauch der Angst vor den Konsequenzen sollte sie jemals wagen, sich gegen den Willen der Uhr zu stellen. Die Wahrheit, die Chester nicht preisgab, war viel furchteinflößender.
      "Lasst es uns gemeinsam herausfinden."
      Tessa zuckte in sich zusammen, als Chester die Uhr in den Sand der Manege fallen ließ und festentschlossen auf das glänzende Gehäuse stampfte. Sie hielt den Atem an und wartete beinahe darauf, dass die Hölle über ihnen Köpfen zusammenbrach. Nichts passierte. Es blieb unheimlich still. Bis auf das gleichmäßige Ticken der Taschenuhr, dass plötzlich sehr präsent das Zelt erfüllte. Ihre Augen weiteten sich und sie hatte kaum begriffen war gerade geschah, als sich die lädierte Uhr bereits in ihren Händen wiederfand. Was einst ein hübsches gar edles Goldgehäuse gewesen war, glich nun einem Schlachtfeld über das bereit die Leichenfledderer gezogen waren. Tessa starrte auf das verbeulte, zerkratzte und verbogene Gehäuse, auf gebrochene Zeiger und freiliegende Zahnräder. Rein gar nichts deutete darauf hin, dass die Uhr noch irgendeiner Funktion nachging, wäre nicht das Ticken gewesen.
      Mit deutlichem Widerwillen entnahm Tessa der Uhr ein winziges Zahnrädchen, das einst die Zeiger angetrieben haben musste. Ihr fehlte die Faszination der Anderen, obwohl sie die Uhr seit dem Tag des Paktes nie wieder aus der Nähe gesehen hatte. Von Weitem war ihr an der Nasenspitze anzusehen, dass sie sich unwohl dabei fühlte. Sie wurde das Gefühl nicht los den Löwen gerade mit einem Stock zu pieken.
      "Bei wem ist das Ticken jetzt?"
      Die wurde stetig weiter gereicht bis ein überraschter Aufschrei ertönte.
      "Jetzt ist es hier!"
      Ein Mann folgte der Aufforderung und präsentierte ein lächerlich kleines Stück der Taschenuhr, das tickte, obwohl nichts daran ticken durfte. Es sah aus wie ein winziges, abgeplatztes Teil der goldenen Ummantelung. Vor ihrer aller Augen brach er seinen Teil der Uhr noch einmal durch...und das Ticken sprang zum Nächsten über. Tessa drehte sich dieses Mal auch um.
      "Jeder, der gerade ein Teil besitzt, soll es kaputt machen, so gut es geht. Der Rest soll immer noch weitergegeben werden."
      Das ließ sich wohl niemand zweimal sagen.
      Es knackte und knirschte zu allen Seiten und jeder sah dabei mit einem anderen Ausdruck auf seinen Teil der Uhr. Tessa aber blickte ganz still in ihre geöffnete Handfläche und rührte das Zahnrädchen nicht an. Es war dünn geschliffen und besaß bereits einen Riss, vermutlich durch den harten Tritt, trotzdem ging sie Chesters Bitte nicht nach.
      "Mein Teil ist weg."
      "Meins auch!"
      "Meins ist in meiner Hand verschwunden!"
      Tessa blinzelte und das Zahnrad hatte sich in Luft aufgelöst.
      Gleichzeitig richteten sich alle Augenpaare wieder auf Chester und Tessa war ein wenig blass um die Nase geworden, als er die intakte Taschenuhr einfach aus seiner Hosentasche hervorholte. Die Uhr konnte nicht nur nicht durch rohe Kraft zerstört werden, sie kehrte auch ganz von allein zu Chester zurück. Zerstören, zerlegen, stehlen, vergraben, schmelzen...nichts davon würde irgendetwas bewirken. Was für alle Augen wie ein wunderlicher Zaubertrick aussah, ließ sie Chesters Worte, gesprochen in eisiger Kälte, ein weniger tiefer in ihr Bewusstsein sickern. Geschichte wiederholte sich und er hatte alles schon gehört, gesehen, demonstriert und probiert. Und wenn in den letzten Jahrhunderten niemand einen Weg gefunden hatte, wie sollte sie dann einen finden? Wie sollte sie ihr Versprechen halten?
      Die Demonstration verfehlte ihre Wirkung nicht und es dauerte nicht lange bis die Ersten gingen. Und während sich das Zelt langsam leerte, nahm Tessa auf einem der Zuschauerplätze ganz hinten Platz und beobachtete wie mutlose und ratlose, beschämte und traurige Gesichter durch den Ausgang verschwanden. Eines wussten sie nun alle: Die Uhr würde sie niemals gehen lassen.
      Tessa sah zu Chester und wurde von dem beklemmenden Gefühl ergriffen, dass dieses teuflische Ding auch Chester niemals gehen lassen würde bis ihn die Ewigkeit irgendwann in den Wahnsinn trieb. In unmittelbarer Gegenwart des Gedenktisches überkam Tessa bei diesem Gedanken ein schlechtes Gewissen. Seufzend stützte sie das Gesicht in die Hände und lauschte den Schritten bis alles wieder vollkommen still war.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nach Chesters kleiner Zaubershow ging das Gerede erst wirklich los. Keine neue Frage kristallisierte sich heraus und auch sonst verteilte sich die Aufmerksamkeit, bis kaum einer mehr sich wirklich mit etwas anderem auseinandersetzte als die Verwunderung über seinen magischen Trick. Leute sprachen aufgeregt darüber, dass sie Teile der Uhr in der Hand gehalten hatten, dass sie vielleicht sogar das Ticken bei sich hatten, dass sie die Überreste der Uhr bestaunt und darauf geschlossen hatten, dass es unmöglich war, dass diese Uhr weiterlaufen konnte. Und trotzdem tickte sie weiter und hätte man die Augen genug zusammengekniffen, hätte man auch sehen können, dass sie die richtige Uhrzeit zeigte. Natürlich hätte auch das nur ein riesiger Trick sein können, aber der Abschluss schließlich, als all die Kleinteile unwiderruflich verschwunden waren, hatte die Leute erst richtig überzeugt. Anfangs versuchten einige noch, ihre Teile als heruntergefallen abzutun, aber niemand konnte den Beweis liefern, dass seines nicht verschwunden war. Sie hatten am eigenen Leib erfahren, dass die Uhr nicht manipuliert werden konnte.
      Und das war viel wirkungsvoller als alle Worte, die Chester dafür hätte aufbringen können. Er hatte auf der Skepsis der Leute aufbauen müssen und sie sie eigenhändig ausrotten lassen müssen, um die vielen Zweifel und die große Wut zu besänftigen. Und offenkundig hatte er es auch geschafft.
      Als langsam klar wurde, dass niemand mehr über etwas anderes reden wollte, begannen die Leute langsam, sich wieder zu verziehen. Entweder in Grüppchen oder zu zweit zogen sie nach draußen ab, noch immer aufgeregt tuschelnd, noch immer nicht ganz begreifend, was nun wirklich vorgefallen war. Manche sahen Chester trotzdem noch kritisch an, aber selbst Brandon hatte viel von seinem Selbstbewusstsein eingebüßt. Der Mann hatte auch ein Teil abbekommen und starrte lange seine Finger an, wo er es vor wenigen Sekunden noch berührt hatte.
      Ein paar gingen bei ihrem Abgang auch auf Chester zu oder an ihm vorbei. Roy klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und Liam war - ungeachtet des Vorfalls - mit seinem Klemmbrett zur Hand und erfragte vorsichtig Chesters Zeit. Sie würden sich einmal hinsetzen müssen um die Tage nachzuholen, die Chester gefehlt hatten. Eigentlich trug Liam schon die hauptsächliche Verantwortung über den Zirkus, aber einige Arbeiten konnte und wollte Chester einfach nicht vollständig ablegen. Er versprach dem Mann, dass er sich am Abend mit ihm treffen würde und nein, Chester würde nicht wieder einfach so verschwinden. Liam bekam auf seine genauso vorsichtige Nachfrage, wo Chester denn nun wirklich gesteckt hatte, keine richtige Antwort. Chester lächelte ihn nur an und meinte, dass der Zirkus größer sei, als man meinen konnte.
      Dann ging auch er nach draußen und schließlich hatte sich das Zelt geleert. Tageslicht drang in das jetzt einsame Zelt hinein und verlieh der Umgebung eine geisterhafte Atmosphäre. Nach dem ganzen Trubel war die eintretende Stille schon fast unangenehm.
      Chesters Blick hing auf einem Sitzplatz in den Ränken, der noch immer besetzt blieb. Theresa hatte sich dorthin zurückgezogen und klein gemacht, ein Anblick, der ihn fast schon an ihre erste Anwesenheit während seiner Aufführung erinnerte. Auch damals hatte sie die Schatten gesucht und ganz anscheinend waren ein paar Monate noch lange nicht Zeit genug, um solch alte Gewohnheiten zu durchbrechen. Vielleicht würde auch immer ein Teil von ihr die junge Frau bleiben, die aufmerksam ihrer Umgebung gegenüber war. Chester konnte er es ihr nicht verdenken.
      Er durchquerte die Manege und kam dann über die Stufen zwischen den Reihen zu ihr nach oben. Seine Schritte waren lautlos in dem jetzt totenstillen Zelt; er kannte jedes einzelne Holz und jede Schraube so genau, um seine Schritte entsprechend zu wählen. Als er bei ihr war, glitt er in den Sitz neben ihr und sah erst sie an, bevor er in die Manege hinunter blickte. Ganz feine Sandpartikel schwebten in der Luft, sichtbar durch das Tageslicht von oben.
      "Was denkst du?"
    • Der ganze Trubel hinterließ letztendlich einfach nur Stille, denn selbst das Geflüster verstummte irgendwann einmal. Es raschelte leise, als sich der Zelteingang hinter Liam schloss und damit die Manege von der Außenwelt abschnitt. Hier an diesem Ort hatte alles begonnen. Tessa ließ den Blick durch das Zirkuszelt wandern und konnte auch nach den vergangenen Monaten immer noch ganz genau sagen, wo sie am Abend ihrer ersten Vorstellung gestanden hatte. Dort, ganz weit unten zu Füßen eines der imposanten Stützpfeiler und gut versteckt im jubelnden Publikum. Dennoch hatte Chester gerade sie dort im Getümmel bemerkt und ausgewählt. Der augenscheinlich magische Moment, in dem Chester ihr die Lilie überreicht hatte, hatte sich zu früh und gleichzeitig viel zu spät als eine seiner vielen Illusion erwiesen. Der Gedanke war immer noch bitter, aber er hatte den nachhallenden Schmerz verloren. Ein Wunder würde dieser Augenblick jedoch nie wieder für Tessa sein.
      Das leere Zirkuszelt und die leere Manege besaß seine ganz eigene Atmosphäre. Trotz gründlicher Pflege und der absolut makellosen Erscheinung spürte Tessa in diesem Moment das Alter. Was diese Wände wohl zu erzählen hätten, wenn sie denn sprechen könnten. Staub- und Sandpartikel tanzten im sanften Licht durch die Luft, schienen nie zur Ruhe zu kommen. Sie drehten sich. Sie flimmerten.
      Chester hörte sie nicht. Erst als seine hochgewachsene Gestalt ein Teil des Sonnenlichtes abschirmte und sein Schatten vor ihren Füßen auftauchte, wurde sie sich seiner Anwesenheit bewusst. Sie hatte geglaubt, er wäre längst gegangen. Irgendwie war sie froh, dass er noch hier war, nach…nach eben allem.
      "Was denkst du?"
      Das war eine schwierige Frage, dachte Tessa und ließ die Hände fallen bis sie nutzlose zwischen ihren Knien baumelten. Sie hatte sie vorneüber gebeugt und die Unterarme auf ihre Beine abgestützte.
      „Es hätte schlimmer laufen können, nicht?“, fragte Tessa mit gesenkter Stimme um die eigenartige aber beruhigende Stimmung innerhalb des Zirkuszeltes nicht zu stören. „Eigentlich war es doch gar nicht so schlimm, oder? Daran werden alle eine Weile zu knabbern haben. Ich glaube ohnehin nicht, dass viele etwas mit ihrer Freiheit hätten anfangen können. Owl hat Recht, weißt du? Wir alle sind aus einem Grund hier und für viele von uns gibt es keinen Weg zurück. Es gibt nichts mehr, wohin wir zurückgehen könnten.“
      Aus dem Augenwinkel sah sie Chester kurz an und brauchte nicht lange, um wirklich zu verstehen, dass er das nicht gemeint hatte. Tessa seufzte leise.
      „Ich weiß es nicht.“, antwortete Tessa.
      Sie wusste es wirklich nicht.
      In ihrem Kopf herrschte ein heilloses Chaos.
      „Ich weiß nicht, was ich gerade fühle oder was ich denken soll. Es ist alles…ein einziges Durcheinander? Da ist etwas, das du uns nicht erzählen willst, vielleicht auch nicht kannst. Vielleicht ist es die Uhr, die uns nicht gehen lassen will. Vielleicht bist du es, der sich wünscht, dass wir nicht gehen. Vielleicht sitzt du hier genauso fest wie wir und willst es nicht alleine tun. Du hast deine Geheimnisse, Chester, und das ist in Ordnung. Für den Moment. Für mich.“
      Tessa drehte den Kopf ein wenig in seine Richtung und schenkte ihm dieses kleine, zurückhaltende Lächeln.
      Sie erinnerte sich. An die Panik in seinen Augen, als er versucht hatte, ihre Hände abzuschütteln. An das, was er gesagt hatte. An das, was sie verbotenerweise gelesen hatte.
      "Was ist mit dir? Bist du okay?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Es hätte schlimmer laufen können, nicht?“
      Theresas Stimme war leise in dem genauso stillen Zelt. Die menschenleere Atmosphäre schien das Geräusch aufzusaugen und zu verschlucken. Chester hatte das Gefühl, als wären sie dort oben in den Zuschauerrängen in einer eigenen Welt, in einer Blase, die sie von dem ganzen Rest abschirmte. Bis jemand die Blase zerplatzen würde.
      "Das hätte es", gab er genauso gesenkt zurück. Sie beide respektierten die Blase, ob ihnen das nun bewusst war oder nicht.
      „Eigentlich war es doch gar nicht so schlimm, oder?"
      "Eigentlich nicht."
      "Daran werden alle eine Weile zu knabbern haben. Ich glaube ohnehin nicht, dass viele etwas mit ihrer Freiheit hätten anfangen können."
      "Wahrscheinlich nicht."
      "Owl hat Recht, weißt du?"
      Da sah er sie erst wieder an. Sie hatte den Blick auf die Manege gerichtet, oder vielleicht auch auf die Gesamtheit des Zeltes. Sie schien sich wohlzufühlen in dieser Abgeschiedenheit und da ließ auch Chester etwas von seiner Steifheit fallen. Ihm war gar nicht bewusst gewesen, wie mechanisch seine Antworten kamen.
      "Wir alle sind aus einem Grund hier und für viele von uns gibt es keinen Weg zurück. Es gibt nichts mehr, wohin wir zurückgehen könnten.“
      Da sah er wieder nach unten. Ob Theresa es nun wollte oder nicht, aber sie sprach eine sehr prekäre Sache an. Nein, vermutlich war sie sich dessen nicht bewusst und Chester gab seine Antwort darauf in Schweigen. Für den heutigen Tag waren schon genug Wahrheiten ausgesprochen worden.
      Einen Moment schwiegen sie beide, dann fuhr Theresa fort.
      „Ich weiß nicht, was ich gerade fühle oder was ich denken soll. Es ist alles…ein einziges Durcheinander?”
      Chester konnte das sogar nachempfinden.
      “Da ist etwas, das du uns nicht erzählen willst, vielleicht auch nicht kannst. Vielleicht ist es die Uhr, die uns nicht gehen lassen will. Vielleicht bist du es, der sich wünscht, dass wir nicht gehen. Vielleicht sitzt du hier genauso fest wie wir und willst es nicht alleine tun.”
      Wenn sie eine Antwort darauf haben wollte, würde er sie enttäuschen müssen. Das waren alles berechtigte Gedanken, die auch vor großem Publikum hätte ausgesprochen werden können. Zwar war Chester ihr dankbar, genau das nicht getan zu haben, aber die Dankbarkeit war nicht groß genug, um sich für mehr Antworten zu verpflichten. Das dachte er zumindest.
      Leider hätte er nicht gewusst, was er davon abstreiten sollte.
      “Du hast deine Geheimnisse, Chester, und das ist in Ordnung. Für den Moment. Für mich.“
      Jetzt sah er sie doch wieder an. Das war ein schöner Satz, wie er fand. Chester hatte seine Geheimnisse und sie waren groß genug, um ehrliches Leid anzurichten, aber Theresa gab sich trotzdem für den Moment damit zufrieden. Dass das nicht anhalten würde, das wusste er selbst. Es genügte ihm, so etwas von ihr zu hören.
      Das ist schön.
      Er lächelte einen Moment lang für sich selbst.
      Dann hat es sich schon gelohnt.
      Jetzt sah sie ihm auch in die Augen und das verhaltene Lächeln auf ihren Lippen hätte beinahe das Spiegelbild seines eigenen sein können. Es wirkte fast schon wie zu Anfang ihrer Bekanntschaft und das war für Chester im Moment vermutlich mehr wert als sämtliche unausgesprochenen Worte. Es war schön; er hatte es so gemeint, als er es gesagt hatte.
      "Was ist mit dir? Bist du okay?"
      War er das? Dafür gab es eigentlich nur eine richtige Antwort.
      Muss ich ja.
      Er zuckte mit den Schultern und lächelte dann eins seines Chester-Lächelns.
      Wenn ich es schon nicht bin, dann wohl keiner.
      Dass Theresa sich damit nicht zufrieden gab, konnte er ihr ansehen. Ihre großen Augen musterten ihn.
      Er seufzte.
      Sie glauben es mir für den Moment und damit will ich zufrieden sein. Alles andere kommt danach.
      Er sah wieder nach unten.
      Brandon ist einer von jenen, die ich einstellen musste, weißt du? Alle zwei Jahre suche ich nach Leuten, die es hier im Zirkus besser haben könnten, aber ich bin nicht immer fündig. Immerhin schleichen sich nicht alle Leute rein, um sich eine Show anzusehen.
      Er zwinkerte Theresa zu.
      Manchmal gibt es einfach niemanden, aber wählen muss ich trotzdem. Brandon schien dem nahe genug zu sein. Er hatte einen Job, mit dem er nicht glücklich war, und ich konnte ihn mit dem Gehalt locken. Seitdem hat er sich hier und da immer mal wieder Freunde geholt, aber glücklich war er nie. Ich kann das nicht ändern. Leute wie ihn wird es immer geben, egal, was ich versuche. Versammlungen wie diese wird es immer geben. Und jedes mal werde ich etwas anderes versuchen.
      Er sah Theresa wieder an, lächelte.
      Deswegen geht es mir gut. Es wird mir wohl immer irgendwie gut gehen. Es geht gar nicht anders.
    • "Muss ich ja."
      "Nein, musst du nicht."
      Tessa wusste, dass der halbherzige Trotz nichts daran änderte.
      Schon gar nicht an diesem besondern Lächeln, hinter dem sich zu viele Geheimnisse versteckten. Beim Anblick dieses Lächelns verblasste ihr Eigenes von ganz allein. Es war nicht so, dass Tessa in diesem kurzen Moment verärgert darüber war. Dieses Lächeln musste Chester über so, so viele Jahre in Fleisch und Blut übergegangen sein, dass mittlerweile einfach zu ihm gehörte. Der Gedanke stimmte Tessa traurig, aber er hatte in diesem Zelt und in diesem Moment keinen Platz. Tessa wusste nur, dass sie dieses Lächeln nicht leiden konnte.
      Wenn ich es schon nicht bin, dann wohl keiner.
      Etwas in ihrem Blick ließ wohl nicht zu, dass Chester wieder in Schweigen verfiel. Er musste etwas in ihren Augen gesehen haben, dem er sich nicht verschließen konnte.
      Sie glauben es mir für den Moment und damit will ich zufrieden sein. Alles andere kommt danach.
      Und damit gab Tessa sich zufrieden, mit den kleinen Schritten. Deshalb blieb sie auch ganz still, als Chester weitersprach. Während sich sein Blick auf den Boden zwischen seinen Füßen richtete, sah Tessa ihn einfach an und lauschte. Vereinzelte, blonde Strähnen hatten sich in seine Stirn verirrt und lenkten ihren Blick auf die ernste, aber vollkommen glatten Miene. Sie brach erst wieder ein wenig auf, als er ihr zuzwinkerte und dieses Mal konnte sich Tessa der Wirkung nicht entziehen.
      "...Immerhin schleichen sich nicht alle Leute rein, um sich eine Show anzusehen.
      "Ein Mädchen muss zusehen wie es über die Runden kommt...", antwortete sie vorwitzig und verdrehte dabei Augen.
      Die kurze Leichtigkeit fühlte sich richtig und falsch zugleich an.
      Nach allem, was vorgefallen war, war es immer noch ein merkwürdiges Gefühl dieses Gespräche mit Chester zu führen. Es fühlte sich gegenüber Toby nicht richtig an. Nur hatte sie in der Zwischenzeit einen flüchtigen Blick hinter den Vorhang werfen können. Tessa hatte einen Chester gesehen, von dem sie nicht mehr geglaubt hatte, dass er überhaupt existierte. Einen Chester, der viel menschlicher war, als viele ihm nach den heutigen Offenbahrungen wohl noch zugestehen würden.
      "Manchmal gibt es einfach niemanden, aber wählen muss ich trotzdem. Brandon schien dem nahe genug zu sein. Er hatte einen Job, mit dem er nicht glücklich war, und ich konnte ihn mit dem Gehalt locken. Seitdem hat er sich hier und da immer mal wieder Freunde geholt, aber glücklich war er nie. Ich kann das nicht ändern. Leute wie ihn wird es immer geben, egal, was ich versuche. Versammlungen wie diese wird es immer geben. Und jedes mal werde ich etwas anderes versuchen."
      Er lächelte wieder.
      Aber dieses Mal war es anders.
      Deswegen geht es mir gut. Es wird mir wohl immer irgendwie gut gehen. Es geht gar nicht anders.
      Und Tessa lächelte zurück.
      Ein bisschen weniger strahlend, aber verständnisvoll.
      "Du wirst mir nicht verraten, was passiert, wenn du nicht wählst."
      In ihrer Stimme lag kein Vorwurf.
      Es war auch keine Frage sondern viel mehr, die Antwort auf die Frage, die sie gar nicht erst stellte.
      Tessa stand auf und hob die Arme über den Kopf, um sich zu strecken und richtete dabei den Blick in die Manege.
      "Owl hat mir erzählt, dass du ihm das Leben gerettet hast", fuhr Tessa nachdenklich fort. "Er sagte..."
      Und dabei breitete die ehemalige Diebin beinahe theatralisch die Arme zu beiden Seiten aus.
      "...'es war entweder das hier oder der Strick."
      Tessa lachte leise dabei und sah zu Chester herunter, während das Sonnelicht ihre Silhouete beleuchtete und die Staubpartikel um ihren wilden Haarschopf tanzten. Die Haare waren wieder ein wenig gewachsen, aber noch Monate von ihrer alten Länge entfernt.
      "Ich habe ihn nicht gefragt, was er getan hat und wenn ich ehrlich bin, will ich es auch garnicht wissen. Für mich ist er Owl. Ich werde nicht so tun, als würde ich alles verstehe, aber wenn du alle paar Jahre einen Brandon wählen musst um einen Menschen wie Owl eine zweite Chance zu geben, denke ich, ist es das wert. Die Brandons dieser Welt zu ertragen."
      Sie seufzte lächelnd.
      "Liam wartet auf dich, nicht wahr? Ich sollte kurz bei Jamie vorbeischauen, vielleicht kann ich irgendwie helfen."
      Grübelnd biss sie auf ihrer Unterlippe.
      'Und wenn du nicht bleiben kannst...kannst du trotzdem zurückkommen, richtig?'
      "Chester?"
      Beinahe hätte Tessa es sich anders überlegt.
      'Diese Tür wird für dich nie verschlossen sein, ob du nun hinein oder hinaus willst.'
      "Verschwinde nur nicht einfach wieder, okay?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 6 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • "Du wirst mir nicht verraten, was passiert, wenn du nicht wählst."
      "Nein", sagte Chester sanft. Es war gar keine richtige Frage gewesen, aber er antwortete trotzdem. Es war eine Bestätigung für die Feststellung, die Theresa sowieso schon selbst gemacht hatte.
      Theresa stand auf und streckte sich kurz. Chester lehnte sich zurück.
      "Owl hat mir erzählt, dass du ihm das Leben gerettet hast."
      Sie sah ihn dabei nicht an. Chester neigte dennoch den Kopf, den Blick auf ihren dunklen Haarschopf gerichtet. Ihr langes Haar hatte ihm besser gefallen, damals.
      "Er sagte... 'es war entweder das hier oder der Strick'."
      Die Arme zur Seite ausgebreitet lachte sie kurz, als könnte es ein Insider sein, den sie soeben Chester erzählt hatte. Er betrachtete sie neugierig dabei, ihre Leichtigkeit. Theresa war ein Mensch, dem das Leben auf der Straße beigebracht hatte, die schlechten Momente abzuschütteln, um weiter voranzukommen. Er glaubte, dass sie das auch jetzt tat, nach einer Versammlung, die ihr die Ausweglosigkeit ihrer Situation hätte vor Augen halten müssen. Und er wurde Zeuge davon.
      "Ich habe ihn nicht gefragt, was er getan hat und wenn ich ehrlich bin, will ich es auch garnicht wissen. Für mich ist er Owl."
      Da konnte Chester nicht anders als zu lächeln. Das war ein schöner Satz. Für mich ist er Owl.
      "Ich werde nicht so tun, als würde ich alles verstehe, aber wenn du alle paar Jahre einen Brandon wählen musst um einen Menschen wie Owl eine zweite Chance zu geben, denke ich, ist es das wert. Die Brandons dieser Welt zu ertragen."
      "Findest du?"
      Chesters Augen hellten sich ein wenig auf. Er glaubte, dass er so etwas noch nicht gehört hatte, so eine Rechtfertigung für seine Taten. Nicht von jemand anderem, nicht von sich selbst. Für eine zweite Chance für einen Owl war es wert, ein paar Brandons mit aufzunehmen. Das schien ihm eine Erklärung zu sein, die er besser gar nicht hätte formulieren können. Ja, es war in Ordnung, ein paar Brandons ihrem Schicksal zuzuführen. Es war in Ordnung.
      Theresa seufzte freundlich.
      "Liam wartet auf dich, nicht wahr?"
      Chester wusste, dass der Mann draußen nur darauf lauern würde, dass Chester herauskam. Er sah trotzdem hinunter zur Manege, als könnte er Liam dort stehen sehen.
      "Ja, das tut er vermutlich."
      "Ich sollte kurz bei Jamie vorbeischauen, vielleicht kann ich irgendwie helfen."
      "Das ist eine gute Idee", sagte er lächelnd, ehrlich und aufrichtig. Jamie brauchte die Hilfe und die Freundschaft. Er am meisten in diesem Zirkus.
      Theresa zögerte.
      "Chester?"
      "Ja?"
      "Verschwinde nur nicht einfach wieder, okay?"
      Er betrachtete sie vor dem Hintergrund des leeren Zeltes, vor dem Tageslicht, das dünne Strähnen ihres Haares zum Leuchten brachte. Die Uhr war für viele Sekunden das einzige Geräusch, das zwischen ihnen herrschte.
      Dann sagte Chester mit einem perfekten, melancholischen Ausdruck:
      "Ich werde nichts versprechen, was ich nicht auch einhalten kann."
      Theresa musste ihm nicht zeigen, dass ihr das nicht gefiel, da er es selbst schon wusste. Trotzdem blieb er dabei. Das einzige, was er wirklich tun konnte, war ehrlich zu sein - wenigstens zu Theresa, wenigstens zu der Person, der er zu vertrauen wagte. Das war das einzige mit Wert.

      Liam wartete draußen wirklich auf ihn und so gingen sie in Chesters unberührtes Zelt zurück, während der stellvertretende Direktor ihn über die letzten Tage informierte. Im einen Moment war Chester noch verschwunden, im nächsten stellte er sich der wütenden Menge und jetzt war er zurück bei seinem Tagesgeschäft. So ging das Leben. Eines Tages kam er immer zurück. Der Zirkus lief weiter, ob ohne oder mit ihm.
      Die Stimmung war die Tage noch immer angespannt, aber es schien nicht mehr so, als würde gleich alles in die Luft gehen. Im Kantinenzelt saßen noch immer alle Leute kreuz und quer und es wurde über die wildesten Dinge getuschelt, aber viele grüßten Chester auch wieder schüchtern, wenn er an ihnen vorbei kam. Brandon schwang keine hanebüchenen Reden mehr, auch wenn er noch immer mit ganzer Euphorie sein Umfeld anstachelte. Niemand traf sich mehr verdeckt, sondern unterhielt sich zumindest mit vorgehaltener Hand. Ein bisschen von der alten Normalität kehrte zurück und hielt an.
      An diesen noch verschneiten Tagen organisierte Chester wieder Proben, damit niemand rostig wurde und sie sich neue Spektakel für das kommende Aufführungsjahr ausdenken konnten. Als wäre nichts gewesen, kam er eines Tages wieder in die Manege marschiert und übte mit den Akrobaten ihre Figuren, studierte mit den Tänzern ihre Choreographien, dirigierte die Musiker durch ihre Stücke und war wieder ganz der Chester, der er immer war. Dabei ignorierte er schiefe Blicke, heimliches Getuschel und Bemerkungen über seine Uhr, die er gut sichtbar bei sich trug. Alles war in Ordnung, so in Ordnung, wie es sein konnte. Mehr konnte er im Augenblick nicht verlangen.

      An einem dieser Tage schlenderte er abends auf ein gut beleuchtetes Zelt zu. Chester war nicht blind, was die Geschehnisse in seinem Zirkus anbelangten, und so war ihm selbstverständlich nicht entgangen, dass eine gewisse Theresa eine gewisse Neigung dazu hatte, in der Dunkelheit ein gewisses Zelt zu besuchen. Auch jetzt fand er sie dort vor, Theresa davor, eingewickelt in warme Winterkleidung, Owl daneben und an seine Requisiten-Kisten gelehnt. Das letzte Mal, als er die beiden zusammen gesehen hatte, hatte Owl mit Messern auf die junge Frau geworfen. Das letzte Mal war er sehr, sehr wütend gewesen.
      Jetzt tauchte er ungesehen aus der Dunkelheit auf und hopste neben Owl auf die Kisten, um sich dort hinzusetzen und die Beine baumeln zu lassen. Auf seinem Gesicht stand ein fuchsgleiches Grinsen.
      "Guten Abend zusammen. Es stört euch doch nicht, wenn ich zusehe? Ich will auch mal sehen, was unser Neuzugang bisher gelernt hat."
      Damit grinste er Theresa an.
    • In den kommenden Tagen dachte Tessa oft über darüber nach, was Chester zu ihr gesagt hatte. In stillen Augenblicken kehrte sie zurück in die eisigen Geheimgänge zwischen den Zelten oder in die behagliche Wärme ihres Bettes und seiner Arme. Manchmal, wenn sie die Mange betrat und Malia, Yasmin und den anderen in ihren Pausen beim Proben zusah, hörte sie hinter sich das allgegenwärtige Ticken der Taschenuhr, dem niemand in diesem Zirkus entkommen konnte. Sie hörte es, obwohl Chester gar nicht in der Nähe war. Es war als hätte sich dieses gleichmäßige und stetige Ticken in ihr Hirn eingebrannt, seit Chester seine Leute an diesem einen Morgen darum gebeten hatte das verfluchte Ding in seiner Einzelteile zu zerlegen. Der Rhythmus des Zirkus schien Tessa von Zeit zu Zeit zu verfolgen, ganz gleich wohin sie ging. Was zunächst drohte sie nachts in den Wahnsinn zu treiben, bekam schon bald eine neue Bedeutung jedes Mal, wenn Chester ein wenig Zeit für sie erübrigen konnte. Egal, wie kurz der Augenblick auch sein mochte. Was einst bedrohlich wirkte, verwandelte sich in etwas Tröstliches.
      Solange die Uhr - angetrieben von gestohlener Lebenszeit - tickte, war auch Chester noch da. Etwas hatte sich verändert. Zwischen ihnen. Es war nicht wie vor ihrem Pakt mit der verfluchten Uhr, die sich von ihrer Seele nährte. Es war etwas Anderes, etwas Aufrichtigeres. Etwas Neues.
      Und manchmal...schämte sich Tessa dafür.

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      Caged birds, she supposed, learned to
      recognize the sound of each other’s songs.*



      Eingemummelt in eine flauschige Wolldecke und neuer Winterkleidung - Ella hatte darauf bestanden - hockte Tessa zusammen mit Owl an einem kleinen Feuer. Sie hätten auch in das warme und geräumige Zelt gehen können, das Owl bevorzugte und daher keinen eigenen Wagen für sich beanspruchte, doch es gab da etwas, dass sowohl Tessa als auch Owl einfach im Blut lag. Es gab nicht, das mehr Freiheit ausstrahlte, als den weiten Himmel über ihren Köpfen. Jetzt, nachdem sie ihre Übungen fürden Abend beendet hatten und es eigentlich zu dunkel für das Training wurde, sahen die beiden trotz der winterlichen Temperaturen in den klaren Sternenhimmel. Kein Wölkchen war am Himmel, deswegen war es auch so klirrend kalt.
      Owl lehnte sich entspannt zurück gegen eine der Reqisitenksiten und verschränkte die Arme im Nacken. Auch er war in dicke Winterkleidung eingepackt. Der Messerwerfer schien fürgewöhnlich regelrecht abgestumpft gegen kalte Temperaturen, dass er jetzt freiwillig eine gefütterten Wintermantel trug, hieß schon etwas.
      Das Knistern des Lagerfeuers übertönte das leise Geflüster der beiden, die abwechselt in den Sternenhimmel deuteten oder sich schüttelten, weil sie leise lachten. Weiße Wölkchen von gefrorenem Atem stiegen von ihren Mündern auf. Es war einer dieser Abende, an denen Tessa vergaß, dass sie hier festsaß und eigentlich nach einem Weg nach Draußen suchen sollte.
      Owl stieß einen erschrocken etwas zu hohen Laut für seine Stimmebänder aus, den er später vehement abstreiten würde, als Chester völlig überraschend neben ihm auf die Kiste hüpfte.
      "Ich weiß, dass du nicht sterben kannst, aber ich kann es!", schnaubte Owl und griff sich in eindeutiger, dramatischer Geste an die Brust. "Und du hör auf zu lachen!"
      Knapp einen Meter von den Männern entfernt hielt sich Tessa vor Lachen den Bauch.
      "Oh Gott, herrlich...Das muss ich Malia erzählen...", kicherte die Diebin.
      Der Messerwerfer stöhnte entsetzt auf.
      Dann räusperte sich Owl und legte den Kopf in den Nacken, damit er zu Chester aufsehen konnte.
      "Eigentlich sind wir gerade fertig. Es wird zu dunkel...", merkte Owl vorsichtig an. Zu gefährlich, hatte er sagen wollen.
      Seit dem Desaster vor Silvester hielt er sich in der Gegenwart des anderen Mannes zurück, daran hatte auch das gemeinsame Leid, Tobi von seinem Strick zu befreien, nichts geändert. Auch Tessa sah Chester mit schief gelegtem Kopf an, als dieser jedoch nickte, entspannte sich auch Owl sichtlich. Diebin und Artist grinsten sich gegenseitig an und setzte sich dann beinahe übereilt in Bewegung, um ein kleines Gerüst aus Holz aufzubauen, an dessen dünnen Querbalken fünf Holzringe an dünnen Fäden baumelten. Es war relativ windstill, was es einfacher für Tessa machte. Dann holte Owl eine Kiste hervor und reichte sie dem Mädchen. Die Messer darin, feinste Schmiedekunst, filigran und leicht für schnelle, flinke Würfe, schimmerten im Schein des Feuers. Sie waren schlicht gehalten und mit einem einfachen Heft aus dunklem Holz, geölt und geschliffen, versehen, der genau in Tessas Handflächeln passte. Die Klingen hatte Owl in der Stadt besorgt. Die Griffe stammten aus eigener Arbeit.
      Tessa durfte mit ihnen üben, aber verdient hatte sie sich das Geschenk noch nicht.
      Die Wolldecke reichte sie Chester im Vorbeigehen und suchte im Schnee nach der Linie, die den richtigen Abstand zum Ziel markierte. Owl hatte Recht. Es war ein wenig zu dunkel, weshalb Tessa beim ersten Wurf den äußerten Ring auf der linken Seite nur leicht in streifte und damit in Schwingungen versetzte. Mit einem dumpfen Geräusch blieb das Messer in der Holzpalisade stecken, die Owl aus Sicherheitsgründen aufgestellt hatte.
      "Hmpf...", Tessa presste die kalten Lippen zusammen und zog im Anschluss die dünnen Handschuhe aus.
      Sie holte erneut Schwung und die Kraft aus ihrer Schulter, nicht aus dem Unterarm, so wie es Owl ihr gezeigt hatte. Tessa hatte das Wurfmesser kaum losgelassen, da spürte sie bereits die erwartungsvolle Hitze in ihrem Bauch, wenn sie wusste, dass sie einen guten Wurf gelandet hatte. Die Klinge zwischte durch die Luft, erfasste den Ring und riss ihn samt Schnur vom Querbalken. Klirrend und klingelnd blieb das Messer neben seinem Zwilling im Holz stecken, wärend der Holzring noch ein, zwei Runden um die Klinge eierte.
      Auch die nächsten Würfe saßen, mal mehr, mal weniger gut, aber alle Ringe fanden sich am Ende der Übung an der Wand wieder.
      Owl stieß einen anerkennenden Pfiff aus und stampfte anschließend auf Tessa zu, legte den Arm um die zierlichen Schultern und zog das Mädchen gegen seine breite Brust. Er raufte ihr neckend den braunen Haarschopf, was Tessa unter quietschendem Protest zu verhindern versuchte.
      "Ach, sie werden so schnell groß, nicht wahr, Chester?", seufzte Owl und wischte sich etwas zu melodramatisch mit dem Zeigefinger unter den vor Schalk blitztenden Augen entlang.
      Während Owl noch bellend lachte, lugte Tessa unter seinem Arm hervor.
      Ihre Haare waren zerzaust und fielen ihr als heilloses Chaos in die Augen. Ihre Wangen waren gerötet vom Lachen und vermutlich vom Luftmangel, weil Owl sie etwas zu energisch festhielt. Aber ihre Augen blitzten durch das Gewirr an braunen Strähnen hervor und das Grinsen auf ihren Lippen zeigte mehr Zähne als je zuvor. Sie versetzte Owl einen kleinen Knuff in die Rippen, was der kräftige Mann kaum wahrnahm.
      Tessa pustete sich die verirrten Strähnen aus dem Gesicht und sah miteinem breiten Lächeln zu Chester herüber.
      In einem Moment wie diesem war sie einfach nur Tessa.
      Das hier, war für sie einfach nur ein Zirkus.
      Und Chester...war einfach nur Chester.

      *[Lies we sing to the sea - Sarah Underwood]
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester nahm mit leuchtenden Augen und einem dicken Grinsen Teil an der allgemeinen Heiterkeit. Es war gut, dass Owl in seiner Gegenwart nicht mehr so sehr einschrumpfte und noch viel besser, dass Theresas Lachen sich so echt anhörte, so losgelöst. Er war schon mit guter Stimmung hergekommen, aber das alleine hätte schon gereicht, um ihn zu beflügeln.
      "Eigentlich sind wir gerade fertig. Es wird zu dunkel...", sagte Owl zögernd. Chester winkte ab.
      "Solange du die Hand vor Augen noch sehen kannst, ist es auch nicht zu dunkel. Außerdem möchte ich jetzt eine Show haben und nicht erst morgen Nachmittag. Da bin ich dann wieder beschäftigt."
      Er lächelte Theresa zu und wippte mit den Beinen.
      "Also? Oder ist die Wurfhand schon müde?"
      Natürlich war sie das nicht und so durchbrach seine Aufforderung endlich die allgemeine Starrheit. Rasch hatte Owl ein kleines Gestell aufgebaut und Theresa sich ein paar Messer bedient. Chester stellte neugierig fest, dass er die Klingen nicht kannte, was bedeutete, dass sie aus eigenem Besitz stammten. Dafür konnte er sehr wohl die Schnitzkunst des Messerwerfers wiedererkennnen, die er bei jeder Gelegenheit weiter ausarbeitete. Das war interessant. Bisher hatte er noch nicht mitbekommen, dass Owl sich so viel Mühe dabei gab, jemand anderen mit Messern auszustatten. Es zeigte nur, dass Theresa bei dem ehemaligen Verurteilten wunderbar aufgehoben war.
      Mit ihren Waffen in der Hand ging sie zur eingezeichneten Linie und stellte sich auf. Obwohl Chester sie zum ersten Mal nach vielen Wochen des Trainings werfen sah, war ihm ihre Haltung doch gänzlich vertraut. Ein fester Stand, ein hochaufragender Körper, bewegliche Gelenke, Hüfte, Hände. Immerhin waren es Chesters Lehren, die die Zeit überdauerten und an jede weitere Generation übergeben wurden. Ihre ganze Haltung kam von niemand anderem als Chester persönlich, beigebracht durch Owl.
      Entsprechend konnte er gleich die vielen kleinen Fehler erkennen, die Theresa als Anfängerin unmittelbar einbaute, aber alles in allem war es eine sehr gute Form. Mit aufrichtigem Interesse beobachtete er ihren ersten Schwung.
      Das Messer traf die holzige Rückwand, aber der Holzring selbst pendelte nur ein bisschen hin und her. Gemessen an dem dünnen Farben und der Dunkelheit war es zwar dennoch ein beeindruckender Wurf, aber natürlich nicht genug. Und während Chester beim ersten Mal ihrer Bekanntschaft noch völlige Begeisterung gezeigt hatte, lächelte er jetzt herausfordernd.
      "Tsk. Das kannst du doch besser, oder?"
      "Hmpf..."
      Sichtlich unzufrieden zog Theresa ihre Handschuhe aus und nahm sich gleich das nächste Messer. Neben Chester war Owl so angespannt, als wäre er selbst derjenige, der die Messer werfen würde. Chesters Anwesenheit war dann wohl genug, um selbst den Lehrer in Spannung zu versetzen.
      Der nächste Wurf saß. Der Holzring wurde mit Schwung an die Wand gerissen und rollte dort noch einen Moment um die Klinge. Chester applaudierte ohne Zurückhaltung.
      "Bravo! Sowas will ich nochmal sehen!"
      Und Theresa gab sich die größte Mühe dafür. Mal besser, mal schlechter warf sie ihre Messer, bis zum Schluss sämtliche Ringe an der Wand hingen. Für eine Anfängerin ein beeindruckender Erfolg, der nicht einmal Owl kalt ließ. Mit großen Schritten war er bei ihr und nahm seinen protestierenden Lehrling in die Arme.
      "Ach, sie werden so schnell groß, nicht wahr, Chester?"
      "Wenn sie einmal laufen gelernt haben, geht es ganz schnell", gab er kichernd zurück und sprang von den Kisten hinab. "Das war ganz ausgezeichnet. An deiner Haltung wirst du noch ein bisschen üben müssen, aber dafür hast du einen guten Lehrer. Außerdem finde ich, dass du deine Bewegungen noch viel mehr übertreiben solltest. Viel mehr als das."
      Er breitete seine Arme aus, um es ihnen zu verbildlichen.
      "Immerhin soll man doch auch in den hintersten Reihen sehen, was du dort unten im Sand anstellst, oder?"
      Vor den beiden blieb er stehen. Dabei grinste er beide abwechselnd an, denen nur langsam zu dämmern schien, was Chester mit seiner Bemerkung eigentlich ausdrücken wollte. Allzu lange spannte er sie dafür sowieso nicht auf die Folter, immerhin war er selbst viel zu aufgeregt dafür.
      "Was meint ihr? Braucht Owl der Unfehlbare nicht eine Assistentin für seine Bühnenauftritte?"
    • Mitten in dem beinahe geschwisterlichen Gerangel hielt Owl plötzlich inne. Während Tessa sich noch halbherzig gegen den bärenartigen Klammergriff wehrte und dabei leise kicherte, breitete sich auf dem Gesicht des Messerwerfers ein breites Grinsen aus. Mit ein paar Sekunden der Verzögerung begriff auch Tessa bald, dass gerade etwas sehr wichtiges gesagt worden war. Die eigenartige Starre von Owl lenkte ihre Aufmerksamkeit erst zu seinen Gesicht ehe sie seinem Blick in Richtung von Chester folgte. Auch der Mann grinste schelmisch über bis über beine Ohren, als hätte er gerade die beste Idee aller Zeiten verkündet. Moment...Wie sie sich im Sand anstellte? Owl sollte eine Assistentin bekommen? Die Zahnräder rasten und kamen dann zu einem abrupten Halt. In den Sand, hatte Chester gesagt. Dass er die Manege meinte, war ihr vollkommen klar, obwohl es sicher eher anfühlte, als wollte er sie in eine Gladiatorenarena schicken. Zumindest die Löwen hatten Manege und Arena gemeinsam. Tessa rutschte das Herz in die Hose.
      "Du willst mich für die Show...?"
      Ungläubig starrte sie Chester an und hätte sich in diesem Moment am liebsten in Luft aufgelöst. Es schmeichelte ihr, dass er offenbar ihr Potential erkannte und es dieses Mal nicht nur hervorhob um sie geschickt um den Finger zu wickeln. Tessa wusste, dass sie gut war. Das Training mit Owl hatte ihr mehr Selbstsicherheit verpasst, aber diese kleinen Spielereien vor großem Publikum aufzuführen...Sie versuchte den Stein herunterzuschlucken, der plötzlich in ihrer Kehle feststeckte. Owl schien von der Idee jedenfalls sehr angetan. Er ließ Tessa los und klatschte begeistert in die Hände.
      "Das ist die beste Idee, die ich seit Jahren gehört habe!", lachte er und sah mit funkelnden Augen zwischen Tessa und Chester hin und her, ehe er seine großen Pranken auf die zierlichen Schultern seiner Schülerin legte. "Das wird großartig, Tessa! Das Publikum wird dich lieben! Ein Straßenmädchen wird zum Showstar! So fleißig, wie du trainierst, wird das Kinderspiel für dich. Ich kümmere mich um deine Technik und Chester übernimmt sicherlich mit Vergnügen den Feinschliff. Nicht wahr? Schluss mit dem kleinen Kätzchen, in der Manege wirst du eine Löwin sein!"
      Während Owl sprach, wurde Tessa immer bleicher um die Nase und die Hände auf ihren Schultern wurden unsagbar schwer, als stützte sich Hektor mit seinem vollen Gewicht auf ihr ab.
      Der große Mann wandte sich halb zu Chester und überschlug sich fast beim Sprechen.
      "Keine Übungen an der Zielscheibe oder am Rad bis sie soweit ist, aber die Besucher lieben den Nervenkitzel. Den nötigen Mumm dafür hat sie. Wir müssen mit Roy reden. Feuer! Wir brauchen Feuer für die richtige Atmosphäre."
      Tessas beharrliches Schweigen schien irgendwann auch den Männern aufzufallen. Das zuvor noch stolz erhobene Kinn war zurück auf ihre Brust gefallen und die Schultern hingen schlaff in Owls Griff herab.
      "Das ist...", murmelte sie, als die beklemmende Stille zu lang und die Blicke zu erdrückend wurden. "...also, ich fühle mich...geschmeichelt, aber ich weiß nicht..."
      Owl ließ die Hände sinken.
      "Tessa?", hakte Owl nach.
      "...ich...ich...entschuldigt. Es war ein langer Tag. Ich bin müde...", stammelte sie. "I-ich...denk darüber nach, ja?"
      Flink wie die Diebin, die sie einmal gewesen war, schlüpfte Tessa an Owl vorbei.
      Sie hatte es so eilig der Situation zu entfliehen und in die kleinen, überschaubaren und sicheren Wände ihres Wohnwagens zu kommen, das sie sogar ihre Messer zurückließ.
      Owl sah ihr perplex nach.
      Nicht minder ratlos sah er Chester an.
      "Hab ich was Falsches gesagt?"
      Der Blick seines Freundes und Bosses war wohl genug.
      Mit einem langgezogenen Seufzen schlug sich Owl gegen die Stirn.
      "Gott, ich bin riesengroßer Idiot..."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Theresas Augen wurden so groß, dass sie jeden Moment zu platzen schienen. Neben ihr fing Owl an zu strahlen wie der hellste Sonnenschein. Die Kombination dieses seltsamen Anblicks brachte Chester zum lachen.
      "Natürlich will ich dich für die Show. Deine ganze Mühe mit Owl soll doch nicht umsonst sein, oder?"
      Owl klatschte darauf hin begeistert. So glücklich hatte Chester ihn vermutlich noch nie gesehen und das brachte ihn nur noch mehr zum Grinsen.
      "Das ist die beste Idee, die ich seit Jahren gehört habe!"
      "Ja, oder?"
      "Das wird großartig, Tessa! Das Publikum wird dich lieben! Schluss mit dem kleinen Kätzchen, in der Manege wirst du eine Löwin sein!"
      Chester konnte da nur zustimmen. Theresa hatte durchaus das Zeug zum Star; klein und schlank, aber hübsch anzusehen und sicher mit dem richtigen Temperament ausgestattet, sollten sie es nur schaffen, das auch ordentlich hervor zu holen. Und dann würde sie auch noch mit Messern hantieren...
      Chester konnte die Begeisterung des Publikums geradezu fühlen.
      Owl redete gleich weiter. Die Idee hatte ihn gänzlich in Schwung gebracht.
      "Keine Übungen an der Zielscheibe oder am Rad bis sie soweit ist, aber die Besucher lieben den Nervenkitzel."
      "Ich vertraue ganz deiner Expertise, Owl."
      "Den nötigen Mumm dafür hat sie."
      "Oh da bin ich mir ganz sicher."
      "Wir müssen mit Roy reden. Feuer! Wir brauchen Feuer für die richtige Atmosphäre."
      "Jetzt aber mal langsam", lachte Chester. "Dich lasse ich mit Roy auf eine Bühne, aber Theresa muss nicht auf Messer und Feuer gleichzeitig aufpassen. Außerdem wollen wir doch nicht, dass sie sich gleich beim ersten Mal die Haare versengt. Oder, willst du das etwa?"
      Chesters Blick fiel zurück auf Theresa und da stutzte er. Denn was er sah, war nicht ganz, was er erwartet hatte.
      "Theresa?"
      Sie war blass geworden, selbst für die kalte Nacht, selbst für die dämmrigen Lichtverhältnisse. Der Glanz war aus ihren Augen verschwunden und was Chester gerade eben noch für pure Begeisterung gehalten hatte, stellte sich jetzt als reine Nervosität heraus. Oder sogar mehr als das? Ihr Schweigen bereitete ihm sehr schnell Sorgen.
      "Das ist... also, ich fühle mich...geschmeichelt, aber ich weiß nicht..."
      Chester sah kurz zu Owl und wieder zurück. Er wusste nicht, warum Theresa plötzlich so abgeschreckt wirkte, und dem größeren Mann schien es ganz ähnlich zu gehen. Er hakte noch einmal vorsichtig nach.
      "...ich...ich...entschuldigt. Es war ein langer Tag. Ich bin müde...I-ich...denk darüber nach, ja?"
      "Klar, natürlich. Lass dir nur -"
      Weiter kam er gar nicht, da hatte Theresa schon auf dem Absatz kehrt gemacht und flitzte in die dunkle Nacht davon. Von jetzt auf gleich war sie mit intuitiver Eleganz mit der Dunkelheit verschmolzen.
      Chester sah ratlos zurück zu Owl. So ein Verhalten kannte er gar nicht von der jungen Frau, aber auf der anderen Seite hatte er sie auch viele Wochen alleine gelassen. Wenn ihm jemand eine Antwort dazu geben konnte, dann ja wohl derjenige, mit dem Theresa die meiste Zeit verbrachte.
      Aber auch Owl war kein Stück schlauer als er.
      "Hab ich was Falsches gesagt?"
      "Wenn ich raten dürfte, würde ich wohl sagen, dass sie etwas überfordert war. Theresa kommt von der Straße, vergiss das nicht. Im Rampenlicht einer großen Menschenmenge zu stehen, liegt ihr nicht unbedingt im Blut."
      Owl schlug sich mit einem hörbaren Geräusch gegen die Stirn.
      "Gott, ich bin riesengroßer Idiot..."
      Im Gegenzug kicherte Chester.
      "Eine Glanzleistung war das wohl nicht. Aber ich rede mal mit ihr und dann können wir es alles langsam angehen lassen. Kein Feuer und keine Räder. Wir reden hier von Assistenz, Owl, nicht mehr als das. Wenn du wieder einen Partner haben möchtest, wirst du dich gedulden müssen, bis sie soweit ist."
      Er tätschelte ihm tröstend den Oberarm.
      "Oder dich mit mir begnügen."
      Er zwinkerte ihm zu.
      "Aber Theresa wird keine großen Spektakel veranstalten. Du wirst im Licht stehen und dabei wird es vorerst bleiben. Wenn sie soweit ist, wird sie das selbst entscheiden und nicht wir."
      Owl konnte gar nicht anders, als ihm zuzustimmen. So drückte Chester ihm die Decke in die Hand, die Theresa zuvor noch ihm überlassen hatte, und ging davon zu ihrem Wagen.

      Er ließ sich Zeit mit seinem Weg und Zeit damit, auch wirklich anzuklopfen. Er wollte ihr einen Moment geben, sich eigene Gedanken zu machen, wollte aber auch nicht, dass sie durch ihre eigenen Gedanken auf die falschen Schlüsse kam. Sein Verdacht lag auf der Nervosität der Frau, das erste Mal die Aufmerksamkeit vieler Menschen zu haben und damit wollte er ihr helfen. Sie sollte nicht das Gefühl bekommen, vorgeführt zu werden.
      Sanft klopfte er an.
      "Ich bin's."
      Es dauerte einen kurzen Augenblick, dann durfte Chester eintreten. Hinein in den neuerdings vertrauten Wagen, der ihm ein eigenartiges Gefühl vermittelte. Sein Blick fiel auf den Kamin, vor dem er unfreiwillig geschlafen hatte, und dann auf das Bett, wo er dann doch irgendwie gelandet war. Das ganze Ereignis fühlte sich an, als wäre es erst gestern passiert.
      Theresa wirkte so, als wolle sie sich am liebsten ganz vor ihm verkriechen. Chester lächelte sie sanft an.
      "Das war wohl zu viel des Guten, was?"
      Er war so frei zu dem kleinen Tisch zu gehen und sich zu setzen. Selbst das Gefühl, auf dem Stuhl zu sitzen, war ihm noch deutlich in Erinnerung.
      Er wandte sich Theresa zu.
      "Ich wollte dich auf keinen Fall mit meinem Vorschlag verschrecken. Es ist nur das: Ein Vorschlag. Ich habe gesehen, was für große Fortschritte du bei Owl gemacht hast und die sind wirklich einzigartig. Du bist ein Naturtalent mit deinen Messern und ich kann einfach nicht anders, als dieses Talent in die Manege bringen zu wollen."
      Er lächelte freudig.
      "Aber das passiert nur, wenn du es auch möchtest. Willst du es denn? Kannst du es dir zumindest vorstellen?"
    • Tessa saß im Schneidersitz auf dem Bett und hielt das zerknautschte Kissen in ihrem Schoß fest mit beiden Armen umschlungen, als es leise an der Tür klopfte. Unschlüssig huschte ihr Blick zur Tür und sie seufzte erleichtert auf. Owl hatte es sicherlich nur gut gemeint, aber gerade konnte sie seinen Enthusiasmus nicht gebrauchen. Tessa fühlte sich zurückversetzt in die ersten und von Unsicherheit geprägten Tage im Zirkus Magica. Mit dem bedeutsamen Unterschied, dass Chester dieses Mal für sie nicht wie vom Erdboden verschluckt war. Dieses Mal überließ er sie nicht ganz allein ihren Gedanken. Was hatte das Mädchen in verteufelt und verflucht...gleichzeitig hatte sie sich nichts mehr gewünscht, als dass Chester allen aufklären möge. Viele Dinge hatten sich geklärt, wenn auch nicht auf die Weise, die Tessa erwartet hatte und trotzdem schwirrten noch unzählige Fragen unbeantwortet im Raum herum.
      "Komm rein", antwortete sie gerade laut genug.
      Sie musste nicht aufstehen. Die Tür war nicht abgeschlossen. Wie versprochen. Tessa schenkte Chester ein wackeliges Lächeln, dass leidglich wenige Sekunden hielt. Obwohl sich Tess eindeutig nicht ganz wohl in ihrer Haut fühlte, machte sie nicht den Eindruck, als würde sie augenblicklich zum zweiten Mal an diesem Abend die Flucht antreten. Tatsächlich lockerte sie der eiserne Klammergriff um das arme Kopfkissen ein wenig. Ganz gewillt ihre zusammen gefaltete Haltung aufzugeben, war sie dann aber doch nicht. Tessa schnaubte leise.
      "Hmhm...das...kam ziemlich unerwartet...", gab sie zu.
      Aufmerksam musterte sie Chester, der in dem schlichten, kleinen Wohnwagen auf seinem Stuhl irgendwie fehl am Platz wirkte und gleichzeitig, als wäre er genau dort wo er hingehörte. Der Gedanke gefiel Tessa mehr, als sie sich eingestehen wollte. Seit diesem Tag, an dem sich die Ereignisse förmlich überschlagen hatten, hatte sie viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Ihr Kopfkissen hatten noch Tage später nach einem gemütlichen Feuer und Chester gerochen. Manchmal in den frühen Morgenstunden erinnerte sich Tessa daran, wie es sich angefühlt hatte, in seinen Armen aufzuwachen. Warm und behütet, beschützt vor der Außenwelt vor ihrer Tür. Und sie wollte daran glauben, dass Chester etwas Ähnliches gespürt hatte bevor die harte Realität und Tessa den Moment ruiniert hatten.
      Nach allem, was in den vergangenen Monaten seit ihrer Ankunft geschehen war, nach all dem Zorn und der Verzweiflung, war Tessa etwas klar geworden. Sie sprach es nicht laut aus. Sie wagte nicht einmal daran zu denken. Einmal ausgesprochen, konnte sie es unmöglich wieder zurücknehmen. Tessa mochte, wie es augenblicklich war. Es war mehr, als sie sich vor Monaten noch hätte vorstellen können. Das zarte Vertrauen und die vorsichtige Freundschaft, die zwischen ihnen herrschten, war etwas, von dem sie nicht gewusst hatte, dass sie es brauchte.
      Wäre nur das schlechte Gewissen nicht, wenn sie an die Truhe mit den Tagebüchern dachte.
      Der Schlüssel um ihren Hals schien in diesem Moment eine Tonne zu wiegen.
      "Ist schon gut. Ich hätte nicht einfach abhauen dürfen, aber die Vorstellung vor Publikum...irgendwas zu machen, ist irgendwie beängstigend", murmelte sie. "Die letzten Jahre bestand mein Leben daraus möglichst unauffällig zu sein. Alte Gewohnheiten lassen sich nur schwer ablegen."
      Ein Naturtalent, hm? Tessa konnte sich nicht gegen das Lächeln wehren, das das Lob auf ihr Gesicht zauberte.
      Ja, alte Gewohnheiten waren wirklich hartnäckig und mit der Gewissheit, dass Chester dieses Lob aussprach weil er es auch so meinte und nicht um sie auf irgendeine Weise zu bezirzen, machte es für Tessa noch bedeutsamer. Schließlich nickte sie leicht.
      "Es ist beängstigend aber auch...aufregend", gestand sie. "Ich würde es gerne versuchen, aber ich möchte auch niemanden enttäuschen. Alle arbeiten so hart an dieser Show. Ich will das nicht durch einen Fehler ruinieren. Ich bin nicht wie Owl, Roy oder Malia...Ich bin nicht wie du. Was ist, wenn die Leute mich gar nicht mögen? Oder mich ungeschickt anstelle? Was ist, wenn ich Owls Messer fallen lassen und es in meinem Fuß landet? Oder schlimmer...in Owls? Es ist unmöglich, dass ich jemandem im Publikum verletzen könnte, oder?"
      Tessa fuhr mit weiteren möglichen Szenarien auf. Eines war schlimmer als das Andere.
      Bis sie mit einem frustrierten Aufstöhnen den Kopf in das Kissen drückte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Theresa saß auf ihrem Bett, zurückgezogen hinter den Schutz ihres Kopfkissens, das sie mit den Armen umschlungen vor ihren Körper hielt. Der Anblick erinnerte mehr an die scheue, junge Frau, die sie vor wenigen Monaten noch gewesen war, und das tat Chester fast ein bisschen leid. Sicher, er hatte damit gerechnet, dass der Vorschlag sie nervös machen würde, aber doch nicht so. Nicht so sehr, dass es ihr Lachen aus dem Gesicht wischen würde. Das tat ihm vermutlich am allermeisten leid.
      Umso mehr war er aber bemüht darum, das Problem aus der Welt zu schaffen. Theresa sollte in der Manege auftreten, ja, aber alles in seinen Grenzen. Niemand sprang an seinem ersten Tag auf die Bühne und vollführte Wunderwerke. Jeder hatte immer irgendwann mal angefangen.
      "Ist schon gut", gab sie nach seiner sanften Annäherung zurück. "Ich hätte nicht einfach abhauen dürfen, aber die Vorstellung vor Publikum...irgendwas zu machen, ist irgendwie beängstigend."
      Chester erlaubte sich ein leises Kichern.
      "Das kann es wirklich sein."
      "Die letzten Jahre bestand mein Leben daraus möglichst unauffällig zu sein. Alte Gewohnheiten lassen sich nur schwer ablegen."
      "Das möchte ich auch gar nicht von dir. Ich biete dir nur die Möglichkeit etwas... neues auszuprobieren. Einen anderen Blickwinkel zu versuchen. Vielleicht findest du auch Spaß daran, wer weiß?"
      Chesters Augen glitzerten. Dabei war er in seiner Meinung vermutlich etwas voreingenommen; immerhin tat er sein ganzes langes Leben lang nichts anderes als durch die Manege zu springen und Zuschauer zu beglücken. Aber genau deswegen war er vermutlich der beste Kandidat, um ihr den Vorschlag so wohlschmeckend wie nur möglich zu gestalten.
      "Ich würde es gerne versuchen, aber ich möchte auch niemanden enttäuschen. Was ist, wenn die Leute mich gar nicht mögen? Oder mich ungeschickt anstelle? Was ist, wenn ich Owls Messer fallen lassen und es in meinem Fuß landet? Oder schlimmer...in Owls? Es ist unmöglich, dass ich jemandem im Publikum verletzen könnte, oder?"
      Mit einem frustrierten Aufstöhnen warf sie ihren Kopf zurück aufs Kissen und Chester grinste ganz ungesehen. Dabei war seine Stimme ganz ernst, als er wieder sprach.
      "Das sind alles durchaus berechtigte Sorgen, die jeder schonmal gehabt hat. Denkst du, Owl ist an seinem ersten Tag hier direkt auf die Bühne gegangen? Ganz bestimmt nicht. Vor seinem ersten Auftritt hatte er Lampenfieber wie sonst was und so geht es den meisten Darstellern - sogar den erfahreneren immernoch. Frag doch mal Malia, ob sie Lampenfieber hat, sie wird dir sicher eine ganz interessante Antwort geben."
      Er zwinkerte ihr zu.
      "Aber ich verstehe deine Sorgen und ich möchte sie auch nicht herunterspielen. Du sollst dich bereit dafür fühlen und dich nicht dazu zwingen. Bevor es überhaupt soweit ist, musst du sowieso ein Programm mit Owl einstudieren, also einen ganzen Akt. Owl hat ungefähr 15 - 20 Minuten zu füllen, was genug Zeit ist, um alle seine Tricks auszupacken, aber dem Publikum nicht zu langweilig wird. Das heißt du bist maximal 20 Minuten lang im Rampenlicht. Und nicht einmal alleine."
      Er lächelte.
      "Ich weiß, dass der Gedanke aufregend ist - auf die gute und schlechte Weise. Aber du wirst vorbereitet sein und du wirst nicht mehr tun, als Owls Assistenz zu übernehmen. Das heißt, dass ihr euch beide ein schickes Kostüm anzieht, dann bekommt ihr eine kleine Kulisse in der Manege und dann wirst du nicht mehr übernehmen, als Owl seine Messer zu überreichen, ein paar Sachen rumzuschieben und dabei total begeistert auszusehen. Du wirst keine Messer werfen und du wirst damit auch niemanden verletzen. Das erste Mal im Rampenlicht ist eine Lernerfahrung und dabei geht es noch lange nicht um deine Künste, sondern darum, vor so vielen Leuten zu stehen. Wenn du dich daran erstmal gewöhnt hast, dann kann man sich an mehr wagen, aber bis dahin soll deine Hauptaufgabe sein, erstmal vor einem Publikum zu stehen. Okay?"
      Er blinzelte ihr freundschaftlich zu.
      "Hast du denn schonmal einen von Owls Auftritten gesehen? Hast du überhaupt schonmal eine ganze Aufführung gesehen? Dann komm doch ins Zelt bei der nächsten Probe und sieh dir an, wie das alles funktioniert. Zur Generalprobe wärst du dann auch dabei und wenn du es doch nicht machen willst, dann machst du es eben nicht. Es soll sich hier niemand gezwungen fühlen."
      Ein kleines Schmunzeln.
      "Außer vielleicht Owl, weil er ein super Messerwerfer ist. Und Roy. Ja, die müssen sich schon ein bisschen gezwungen fühlen, aber du, du bist noch ganz frei von allen Sorgen."
    • Argwöhnisch sah Tessa ihn mit zusammengekniffen Augen an.
      Owl und Lampenfieber? Das waren zwei Begriffe, die sie nicht so recht unter einen Hut stecken konnte.
      „Du willst mir wirklich weiß machen, dass ein Mensch wie Owl - unser Owl - weiß, was das Wort Lampenfieber bedeutet? Und Malia? Niemals. Ich glaube die meisten hier haben eher Angst vor ihr“, hakte Tessa nach, schnaubte und erntete dafür ein amüsiertes Kichern.„Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass Owl überhaupt vor irgendetwas Angst haben könnte.“
      Nun, das war nicht ganz richtig und ihr Blick zuckte zwischen Chesters Augen hin und her, die sie aufmerksam beobachten. Owl hatte Angst vor Chester gehabt. Er hatte sogar gezuckt. Für den Messerwerfer schienen dieser Punkt und der waghalsige, unverantwortliche Stunt bereits Schnee von gestern zu sein. Weshalb sie ihre eigenen Worte ausnahmsweise nicht auf die Goldwaage warf und stattdessen das Kissen in ihrem Schoß etwas senkte. Sie suchte in Chesters Blick nach einem Anzeichen dafür, dass die Worte ihn irgendwie unangenehm berührten. Falls es der Fall war, zeigte er es nicht und Tessa hatte sicherlich nicht vor, schlafende Hunde zu wecken. Nicht jetzt, wo sie friedlich ihrem Wagen saßen. Sie hatte versprochen, dass er innerhalb dieser vier Wände sicher war und das schloss sinnlose Vorwürfe über Vergangenes, an dem sich eh nicht rütteln ließ, mit ein. Außerdem, waren Owl und Tessa an dem Schlamassel ganz allein schuld gewesen.
      Tessa lauschte und mit jedem Wort, ließ sie ihr kleines Schutzschild aus Baumwolle und Federn ein wenig mehr sinken. Bis sie es ganz aus ihrem Schoß verbannte und stattdessen sehr interessiert an ihren Fingernägeln knibbelte.
      „Nur als seine Assistentin, richtig?“, wiederholte Tessa, als wäre sie sich immer noch nicht sicher, dass sie Chester richtig verstand.
      Als er weitersprach, senkte Tessa peinlich berührt den Kopf und rieb sich unschuldig den Nasenrücken. Es dauerte zwei oder auch drei Herzschläge bis sie sachte den Kopf schüttelte. Sie hob den Daumen an ihre Lippen, malträtierte und zupfte mit den Zähnen an der eh schon von der Kälte und der Arbeit spröden Haut.
      „Nein…“, murmelte sie. „Hat sich irgendwie nie ergeben. Zuerst war ich zu ängstlich, dann zu wütend und dann hatte ich plötzlich viel zu viel zu tun. Die Arbeit, das Training mit Owl und nach Silvester…nach…“
      Tessa atmete tief durch.
      „…Bis vor ein paar Wochen bei deiner Ansprache habe ich mich nicht mehr getraut auch nur einen Fuß in dieses Zelt zu setzen.“
      Etwas steif, weil sie ein wenig zu lange in der Position gesessen hatte, entwirrte Tessa ungelenk ihre Beine und stellte die kribbelnden Füße auf dem Boden ab. Tessa neigte sich ganz subtil und für sie selbst vermutlich unbewusst in Chesters Richtung. Die Wärme des Ofens neben dem Bett streichelte dabei über die rechte Seite ihres Gesichts. Das Lächeln auf ihren Lippen, war klein, beinahe zart aber vor allem ehrlich.
      Zur Chester Nein zu sagen, war fast völlig unmögich.
      Was Tessa schließlich auch die ganze Geschichte erst eingebrockt hatte.
      „Ich komme gerne zur nächsten Genrealprobe, Chester“, versicherte sie und aus dem Lächeln entwickelte sich ein zurückhaltendes aber neckendes Grinsen. „Wie soll ich sonst etwas dazulernen, wenn ich bei den Großen mitspielen möchte? Also ja, ich werde es versuchen und du hilfst mir mich nicht komplett zu blamieren, versprochen?“
      Tessa breitete die Arme weit zu beiden Seiten aus, mimte damit Chesters Haltung auf dem Übungsplatz des Messerwerfers und wedelte etwas unbeholfen mit den Händen. Groß sollte sie sich machen...Tessa sah von der linken zur rechten Hand, als wüsste sie nicht, was sie eigentlich mit ihren Armen und Händen anstellen sollte. Das Lachen kam von ganz allein.
      „Weil ich absolut keine Ahnung habe, was ich da überhaupt mache.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Chester kicherte noch einmal, ob wegen Theresas argwöhnischem Blick oder dieser mehr als surrealen Tatsache.
      "Ein Mensch wie Owl - unser Owl - kann Lampenfieber vielleicht sogar buchstabieren. Und Malia erst recht. Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber so ein Publikum gespannter Zuschauer hat schon dem stärksten Mann die Knie weich gemacht. Denk dir also nichts dabei, wenn es bei dir genauso ist. Jeder hat mal dort angefangen, wo du stehen wirst."
      Das lockte Theresa letztendlich doch aus der Reserve. Ihre geweiteten Augen huschten zwischen Chesters hin und her, während sie sich etwas von ihrem vorgeschobenen Kissen löste. Dass Owl dazu in der Lage war, weiche Knie zu bekommen und vor versammelten Menschen nervös zu werden, schien ihr etwas Zuversicht zu geben. Vielleicht auch die Vorstellung, dass es Malia, die sonst immer alles daran setzte, ihre harte Schale zu zeigen, ganz ähnlich erging. Es schien ihr zu helfen, sich nicht ganz so allein damit zu fühlen.
      Natürlich gab es sowohl für Owl, als auch für Malia auch andere Dinge, vor denen sie sich vielleicht sogar noch mehr fürchteten als ein Rampenlicht und gespannte Zuschauer. Aber Chester hatte nicht vor, die Stimmung mit düsteren Gedanken zu vermiesen. So, wie Theresa ihn jetzt ansah, schien sie auf mehr Worte zu warten und das wären ganz sicher keine Gruselgeschichten.
      „Nur als seine Assistentin, richtig?“, fragte sie schließlich noch einmal, nachdem er sie nur weiter anlächelte.
      "Nur als Assistentin."
      Das war schon irgendwie niedlich. Die meisten Neuankömmlinge waren von diesem Angebot entweder völlig überwältigt oder lehnten gleich vehement ab, aber nur wenige unterlagen einem Anfall von... Schüchternheit. Ob Theresa noch immer so unsicher wäre, wenn sie in drei Jahren nach der Winterpause in die Manege schritt? Oder würde sie sich wirklich zu einem Star entwickeln, so wie Chester es bereits vor Augen hatte? Sich mit dieser Frage zu beschäftigen unterhielt ihn ungemein, während er der Bewegung ihrer Braunen Augen folgte.
      „…Bis vor ein paar Wochen bei deiner Ansprache habe ich mich nicht mehr getraut auch nur einen Fuß in dieses Zelt zu setzen.“
      "Oh das macht nichts."
      Geflissentlich überging Chester den unangenehmen Beigeschmack ihrer Aussage.
      "Es wird noch genügend Proben geben, die du dir ansehen kannst. Wir starten mit den Frühlingsfesten in etwa 7 Wochen, wenn der Schnee hoffentlich wieder zurückgegangen ist. Um den Zeitraum herum laufen dann auch die Generalproben an."
      Jetzt hatte er sie vollends aus ihrer Unsicherheit gelockt. Sie zeigte es ihm unterbewusst, indem sie sich weiter ausbreitete und das Kissen nur noch in ihrem Schoß hielt. Chester hatte kein schlechtes Gewissen damit, sie mit den richtigen Worten etwas in die richtige Richtung zu leiten, immerhin war es nur zu ihrem besten. Wenn es ihr gefiel, konnte sie gerne dort weitermachen, und wenn nicht, dann hatte sie es zumindest mal probiert.
      „Ich komme gerne zur nächsten Genrealprobe, Chester“, versprach sie endlich. Chester grinste.
      "Großartig."
      Sie erwiderte sein Grinsen.
      „Wie soll ich sonst etwas dazulernen, wenn ich bei den Großen mitspielen möchte? Also ja, ich werde es versuchen und du hilfst mir mich nicht komplett zu blamieren, versprochen? Weil ich absolut keine Ahnung habe, was ich da überhaupt mache.“
      Sie unterstrich ihre Worte mit einer ausladenden Geste, die Chester zum Lachen brachte. Es war wirklich niedlich. Mit Theresa zu arbeiten würde sicherlich ein Spaß sein.
      "Abgemacht! So lob ich mir das. Ein bisschen Courage hat noch niemandem geschadet! Sag das mal Malia vor ihrem nächsten Akt - aber nimm dir lieber einen Schild mit, damit sie dir nicht die Augen auskratzt."
      Grinsend sprang er auf. Dieser heutige Abend war ein voller Erfolg gewesen.
      "Dann üb schön fleißig weiter mit Owl. Sobald der Schnee schmilzt, werden wir den Zirkus aus seinem Winterschlaf holen. Und dann, dann geht es mit viel Karacho in den Frühling!"

      Die Frühlingsfeste waren wirklich dazu gedacht, den Zirkus aus dem Winterschlaf zu holen, aber das auf mehr als nur die poetische Weise. Tatsächlich hatte der Zirkus über die Winterwochen und den ausfallenden Besuchern einen roten Abschnitt in den Finanzbüchern hinterlassen, der jetzt durch das doppelte Spektakel wieder gutgemacht werden sollte. Entsprechend mussten die Frühlingsfeste ordentlich sitzen; das hier war kein simpler Umzug an einen neuen Ort, das war der Beginn einer ganz neuen Saison. Der Ruf, den sich der Zirkus Magica in den nächsten Wochen erarbeitete, würde sich über den Sommer hinweg halten. Sie hatten hier eine wunderbare Gelegenheit, sich auch dieses Jahr als weltberühmter, berüchtigter Zirkus zu etablieren.
      Entsprechend wurden die Vorbereitungen früh und vehement genug gestartet. Keine Pausen mehr, keine Ausflüchte, keine geschenkten Urlaubstage oder verkürzten Arbeitszeiten. Der Schnee schmolz und damit ging die Arbeit wieder los.
      Der Zirkuseingang wurde mit großem Prunk ausgestattet und verziert, die Wege wurden mit Blumengirlanden geschmückt, die Zelte mit farbenfrohen Bannern ausgestattet. Sämtliche Schneereste wurden unter großem Aufwand vom Zirkusgelände geschafft, um den Eindruck von Wärme und Sonne zu vermitteln. Flugblätter mit herausstechenden farbigen Parolen wurden in Schichten in die Stadt gebracht und ausgeteilt. Alles setzte daran, dass der Zirkus das einzige war, an das die Menschen in den nächsten Wochen denken konnten. Immerhin hingen davon auch ihre Finanzen ab.
      Chester war dabei an vorderster Stelle, den Zirkus auf Vordermann zu bringen. Dabei war er zwar noch gut gelaunt, was nicht jedes Jahr um diese Jahreszeit so selbstverständlich war, aber er war doch pingelig. Sehr pingelig sogar. Eine schiefe Girlande? Sofort richten. Ein Werkzeug, das hinter dem Zelt liegen geblieben war? Aufräumen, und zwar plötzlich. Der Gestank der Tiere drang bis zu den Wegen hinaus? Eine Schaufel nehmen und aufräumen, aber sehr schnell. Auch Chester war aus seinem Winterschlaf erwacht und duldete jetzt keine Nachlässigkeit mehr. Dieser Zirkus musste glänzten, sowohl in seiner Optik, als auch in seinem Programm!
      Entsprechend unnachgiebig war er auch in seinen Proben. Sämtliche Darsteller waren nun wieder von anderen Pflichten befreit, um sich voll und ganz auf ihre Proben zu konzentrieren. Schlafen war jetzt nicht mehr gestattet. Jetzt wurde es ernst!
      "Nochmal zurück auf die Plätze, hop hop! Von Anfang, ich will jetzt keine Stolper mehr sehen - wenn ihr einen Fehler macht, dann macht ihn aus vollster Überzeugung! Jasmin, deine Haare! Die Strähnen sieht man im Licht! Cleo, zieh dein Kostüm gerade - Lächeln, Malia! Ich klebe dir die Mundwinkel nach oben fest, ich schwöre es dir!"
      Vor Chester huschten die Akrobaten durch die Manege, hinter Chester verschoben die Helfer die Bühnenkulissen, neben Chester blätterten die Musiker in ihren Notenblättern, über Chester wurde noch einmal am Licht justiert. Hinter der Manege trötete Hector, als warte er auf seinen Auftritt. Chester streckte den Arm in die Luft.
      "RUHE DAHINTEN, HECTOR! NOCH EINMAL UND DU KRIEGST KEINE NÜSSE MEHR! RUHE JETZT! Die Rampe soll sich bereithalten! Wir machen den Übergang mit - Owl, auf deinen Platz! Sobald hinterher die Lichter aus sind, gehst du! KEINER REDET JETZT MEHR! Die Musiker spielen zwei Takte voraus, alle fertig machen! 1... 2... 3... 4 und!"
      Er begleitete seine Ansage mit großen Armbewegungen und die Musiker stiegen in ihr Stück ein. Sie waren nur zur Hälfte besetzt, damit man Chesters Stimme noch hören konnte.
      "1... 2... 3-und-jeder-passt-jetzt-auf-und!"
      Die Nummer startete mit viel Getöse.