Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • Nur für einen Moment...Tessa wehrte sich nicht dagegen, als sich ihre Augen ganz von allein schlossen. Für eine Ewigkeit, die dennoch viel zu früh endete, lauschte sie still seinen gleichmäßigen Atemzügen. Ein und wieder aus. Es hatte etwas Beruhigendes, obwohl Chester unter ihrer Wange stocksteif da saß, als wüsste er nichts mit der Situation anzufangen. Das Lächeln hatte Tessa dieses Mal nicht täuschen können, denn sie ahnte, dass er nicht anders konnte. Ein Reflex, dem er nachgab, weil es ihm nach Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten, in Fleisch und Blut übergegangen war. So kurz nach seinem Tod wirkte es aber zu deplatziert.
      "Es ist der Knöchel...", murmelte etwas verspätet sie an seiner Brust. "Ich bin gestolpert. Ist halb so wild."
      Die Erklärung schien ihm zu reichen, denn sie bekam darauf keine weitere Reaktion mehr. Es störte Tessa nicht. Ein umgeknickter Knöchel war kein Weltuntergang. Etwas Ruhe und er war so gut wie neu. Dann war es an Tessa ganz regungslos und starr zu werden, als sie spürte, wie Chester sie sanft aber bestimmt fortschob.
      Nur für einen Moment.
      Für Tessa klang es wie eine Bestätigung, dass der kurze Moment nun vorbei war. Sie fröstelte und das nicht nur wegen der Kälte, die sich wieder zwischen sie schob. Fragend zog sie die Augenbrauen zusammen und beobachtet unschlüssig, wie sich Chester aus seinen Decken schälte und ihr...den Arm hinhielt. Huh?
      Komm her.
      Tessa zögerte.
      Eine ganze Weile sah sie Chester an, als versuchte sie hinter dem Angebot eine tiefere Bedeutung zu finden. Das Lächeln, das sie zuvor mit Zuversicht erfüllt hatte, war nur noch befremdlich. Wie konnte er so lächeln? Sie hatte sich das oft gefragt in den letzten Tagen. Ihr Blick glitt über seinen ausgestreckten Arm, weiter über seine Brust, die sich hob und senkte. Ein und wieder aus. Tessas zweifelnde Miene entspannte sich schlagartig und sie folgte seiner Einladung um sich zurück an seine Seite zu drücken.
      Es war das erste Mal seit Monaten, seit dem verhängnisvollen Tag, dass sie Chester so nah war und die Umarmung fühlte sich eigenartig vertraut an. Tessa entspannte sich weiter, als sich das willkommene Gewicht seiner Arme um ihre Schultern und ihren Schoß legte. Auch Chester schien etwas in der zarten Nähe zu finden, denn sie fühlte, wie seine Muskeln kurz zuckten und dann ein wenig erweichten. Bald schon hatte sie nicht mehr das Gefühl, sich an eine kalte und harte Statue schmiegen.
      Mir ist auch kalt, weißt du?
      Tessa nickte ganze leicht, ließ den Kopf zurück an seine Brust sinken und krümmte sich dazu noch etwas mehr in seine Seite. Für einen kurzen Augenblick versteiften sich ihre Schultern, als die Wange gegen seine Brust schmiegte und dann ganz still hielt. Abwartend hielt sie die Luft an, damit das Geräusch ihrer eigenen Atmung das Erhoffte nicht übertönte. Dann hörte sie ihn. Kräftig, gleichmäßig und so lebendig.
      Chesters pochender Herzschlag erfüllte ihre Ohren.
      Es klang beinahe wie ein Seufzen, als sie den angehaltenen Atem hinausließ.
      Ganz vorsichtig suchten ihre Händen die Lücken in den eigenen Decken und bevor Tessa sich selbst stoppen konnte, lagen ihre Hände auf dem Unterarm, der über ihrem Bauch lag. Sie spürte einen Hauch von Wärme unter den Fingerspitzen. Wärme, wie sie nur ein lebender und atmender Menschen ausstrahlen konnte. Der Kontrast war überwältigend, nun, da Tessa wusste, wie sich seine eisigen und totenbleiche Haut anfühlen konnte.
      "Wolltest du wirklich hier bleiben und für Brandon das Feld räumen?", fragte sie zögerlich.
      Sie lauschte dem Ticken der Uhr, dass aus der Nähe viel deutlicher klang.
      "Ich bin wirklich nicht hier her gekommen, um dich für ihn zu holen. Wäre ich nicht gestürzt, hätte ich diesen Ort niemals gefunden. Es war ein Zufall...", rechtfertigte sich Tessa.
      Er sollte nicht noch einmal glauben, dass sie so kaltherzig war.
      Sie drückte ihr Ohr noch etwas fester gegen seine Brust.
      Der Gedanke tat weh.
      "Das ist kein Trick."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Theresa nahm auch jetzt wieder eine Position an, in der sie den Kopf an Chesters Brust legte. Ohne die vielen Decken konnte er jetzt spüren, wie sie den Atem anhielt, eine Sekunde, zwei, drei. Dann schließlich atmete sie wieder aus und seufzte leise.
      Chester beobachtete sie dabei. Er beobachtete die junge Frau, die sich an ihn schmiegte und sich von seiner Wärme einhüllen ließ. Dieselbe junge Frau, die nicht nur seinen Tod durchgestanden hatte, sondern noch immer hier, bei ihm blieb, anstatt zurück in ihren warmen Wagen zu gehen. Aus dem tiefsten Wunsch, ihn nicht alleine zu lassen.
      Chester spürte, wie sich kalte Finger um seinen Unterarm legte. Und er genoss es, eine so simple, so unschuldige Berührung.
      "Wolltest du wirklich hier bleiben und für Brandon das Feld räumen?"
      Chester nickte bevor ihm auffiel, dass sie ihn gar nicht ansah.
      "Ja. Geschichte wiederholt sich und manche Wiederholungen können ruhig übersprungen werden."
      Eine Pause.
      "Vielleicht hätte ich gewartet, bis er tot ist, bevor ich wiedergekommen wäre."
      Das musste sich Theresa einen Moment durch den Kopf gehen lassen, bevor sie hinzufügte:
      "Ich bin wirklich nicht hier her gekommen, um dich für ihn zu holen. Wäre ich nicht gestürzt, hätte ich diesen Ort niemals gefunden. Es war ein Zufall..."
      Und er glaubte ihr das. Nach den vielen Stunden, die sie hier schon mit ihm verbracht hatte, glaubte er ihr das bereits, ohne ihr ins Gesicht sehen zu müssen.
      Was so ein kleiner Tod doch großes bewirken konnte...
      "Das ist kein Trick."
      "Ich weiß."
      Theresa drückte sich ein bisschen fester gegen seine Brust. Im Gegenzug verstärkte Chester seine Umarmung um sie.
      Es war nicht so, dass Chester ihr misstraute. Ganz allgemein misstraute er sehr wenigen in seinem Zirkus, denn sonst hätte er sie wohl kaum aufgenommen. Doch Chester war einfach überzeugt von einer gewissen... Eigennützigkeit. Von einem Verlauf der Geschichte, der sich auch mit anderen Menschen wiederholte und mit anderen Verbindungen. Dass gewisse Teile einfach wieder und wieder abgespielt wurden, wenn man sie nicht gleich unterband.
      "Brandon ist nicht der erste. Es gab schon viele wie ihn und es ist niemals gut ausgegangen, nicht für mich und nicht für die anderen. Die Wahrheit ist, dass unsere Welt klein ist, Theresa. Sie hört schon ein paar hundert Meter in jede Richtung auf und was auch immer in ihr passiert, wird sich nicht einfach so verlaufen. Es wird immer mit uns hier drinnen sein, bis wir uns dazu entschließen, es auszumerzen."
      Seine Stimme verklang, bevor er weiterredete.
      "Vielleicht wolltest du mich nicht holen, aber getan wurde es trotzdem schonmal, wenn auch nicht für Brandon. Vielleicht hast du nicht ausgenutzt, dass ich gestorben bin, aber getan wurde es trotzdem schon. Und das hier, Brandons Aufstand..."
      Er zuckte leicht mit den Schultern.
      "Ich kenne alle Varianten, wie das ausgehen kann. Ich habe sie alle mitgemacht. Vielleicht möchte ich diese Wiederholung nicht miterleben. Vielleicht möchte ich nur meinen Frieden haben, wo er mir nicht gewährt ist."
    • Die Bedeutung der Ewigkeit konnte Tessa unmöglich begreifen. Es lag nicht daran, dass es ihr an der nötigen Bildung mangelte oder sich ihr Verstand dafür als zu einfältig herausstellte. Der Gedanke überstieg ihre Vorstellungskraft.
      Tessa würde nie verstehen, wie sich dieser endlose Kreislauf aus ständigen Wiederholungen für Chester anfühlte. Wie es war, den Menschen in allen neuen Generation dabei zuzusehen wie sie dieselben Fehler machten und nichts dagegen unternehmen zu können. Derselbe Verrat, derselbe Tod, derselbe Schmerz…immer wieder in einer nicht enden wollenden Spirale. Sie dachte an all das Gute, dass sich ebenfalls wiederholte, aber durch diesen Umstand alle Bedeutung verlor.
      Letztendlich waren die Menschen nicht für die Ewigkeit gemacht. Trotzdem saß Chester neben ihr und lächelte vermutlich, weil ihm nichts Anderes übrigblieb.
      Ja, es hatte einen anderen Mann wie Brandon und Toby gegeben.
      Und es hatte eine andere Theresa gegeben. Vor langer, langer Zeit.
      Der Gedanke, dass sie auch nur ein wenig Ähnlichkeit mit ihrer Namensvetterin hatte, spendete ihr seit dem Tagebucheintrag keinen Trost mehr. Wie hatte diese andere Theresa, diese fremde Frau aus vorangegangen Generationen, so grausam sein können? Und wenn die Wahrheit, die er dieser Theresa und ihren Leuten gegeben hatte, nicht der Schlüssel zu einer Lösung gewesen war, was blieb da noch?
      Langsam begriff Tessa, dass Chester bereits alles versucht hatte.
      Mit den Lügen und mit der Wahrheit, mit seiner Gleichgültigkeit und seiner Fürsorge. Mit emotionaler Distanz und mit Nähe, mit seiner Abwesenheit und der ständigen Präsenz seines lachenden Selbst.
      "Ich kenne alle Varianten, wie das ausgehen kann. Ich habe sie alle mitgemacht. Vielleicht möchte ich diese Wiederholung nicht miterleben. Vielleicht möchte ich nur meinen Frieden haben, wo er mir nicht gewährt ist.“, schloss Chester ab.
      Tessa schloss die Augen.
      Der beruhigende Takt seines Herzschlages vermischte sich mit dem unaufhörlichen Ticken der Taschenuhr und als sie endlich die richtigen Worte zusammengefügt hatte, war ihre Stimme frei von Vorwürfen. In den Worten versteckte sich kein Urteil. Sie verteufelte ihn nicht und sie forderte auch nicht mehr damit, als er bereits war ihr zu geben.
      Es war nur eine Frage.
      „Warum lässt du sie dann nicht einfach gehen?“
      “We all change, when you think about it.
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      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Warum lässt du sie dann nicht einfach gehen?“
      Die Frage war so einfach gestellt, so unverfänglich. Theresa fragte nicht um Brandons Willen oder gar um ihren eigenen, sie stellte lediglich eine Frage und eine einfache noch dazu. Aber genau darin lag das Problem: Nichts daran war einfach. Es war schlicht unmöglich, jemanden einfach gehen zu lassen.
      Chester antwortete trotzdem nicht gleich. Er überlegte und legte sich die einzige Antwort zurecht, die auf so eine Frage gültig war.
      Denk dir alle Gründe aus, die dir dazu einfallen, warum ich sie nicht gehen lasse, jeden einzelnen Grund. Dann such dir die aus, die dir am besten gefallen, und glaube daran. Das ist die Antwort. Sie ist auch nicht schlechter als alles, was ich dir darauf sagen könnte. Ich glaube sogar, es würde genau dasselbe sein.
      Darauf war Theresa erstmal still. Sie stellte keine weitere Frage, die schon zu manchen Katastrophen geführt hatte, sondern schmiegte sich nur weiter an Chesters Seite. Und damit blieb Chester nichts weiter übrig, als den beständigen Ticken seiner Uhr zu lauschen.
      Tick. Tick. Tick.

      Sie saßen noch weitere Stunden in der Kälte, die beständig an ihrem Wärmeschutz nagte und ihren Aufenthalt so unangenehm wie möglich gestaltete. Bald war es Zeit fürs Abendessen, aber Chester verließ seinen kleinen Rückzugsort nicht, um sich hinter das Kantinenzelt zu setzen und ein bisschen an der Wärme und der Gesellschaft teilzunehmen, die davon herausstrahlte. Theresa hatte schon genug von seinem Versteck gesehen und er wollte ihr nicht noch eine Tour darin geben. Es war so schon schlimm genug, dass er sich beim nächsten Mal ein anderes Versteck suchen müssen würde, denn der Zirkus war wahrlich nicht unendlich groß. Die doppelten Wände hatten ihn bisher zuverlässig verstecken können.
      Er ging auch nicht zur Küche, um sich in einer ruhigen Minute etwas von den Resten zu stehlen. Dafür knurrte sein Magen und Theresas schloss sich gleich damit an, die schließlich genauso lange mit ihm dort hinten gesessen hatte. Irgendwann hatte sich das Kantinenzelt auch wieder geschlossen und die Leute in der winterlichen Nacht waren schnell zu anderen Zelten oder zu ihren Wagen geflüchtet. Es war dunkel draußen und Chester erachtete es als einen idealen Moment, um sich nach draußen zu wagen.
      Er tat es nur wegen Theresa und ihrem Knöchel. Alleine hatte Chester keinerlei Bedürfnis, wieder nach draußen zu gehen. Er hielt an der Überzeugung fest, mit Brandon nichts am Hut haben zu wollen - nicht jetzt und auch nicht später. Er würde ihm einfach ausweichen.
      So half er ihr aufstehen. Sie beide zitterten höllisch, weil die vielen Decken nur für eine Person ausgelegt waren und sie für beide damit kaum reichte. Theresa beschwerte sich aber nicht, nicht mit einem Wort, und Chester sowieso nicht. Er hatte bei der Kälte schließlich nichts zu verlieren außer drei Stunden seiner sowieso unendlichen Lebenszeit.
      Er führte sie den Gang entlang, Theresa an seiner Seite, Chester voraus. An manchen Stellen wurde der Gang so eng, dass sie sich nach und nach eigenständig hindurch quetschen mussten und nicht selten mussten sie über die festen Stangen hinweg klettern. Chester wartete jedes Mal auf Theresa und leitete sie vorsichtig hindurch. Man konnte kaum etwas sehen in der Dunkelheit und nur Chester kannte die Gänge - und besonders ihre Ein- und Ausgänge - auswendig. Andernfalls hätten sie wohl kaum irgendwo hin gefunden.
      Auf diese Weise schlugen sie sich auf die andere Seite des Zirkusses hindurch, bis Chester seinen gewünschten Ausgang gefunden hatte. Er lugte vorsichtig unter der Plane hindurch, wartete darauf, ob jemand vorbeikommen würde, und zog dann ein lockeres Wandstück beiseite. Sie traten in eins der Lagerzelte hinaus.
      Von dort waren die Wohnwagen nicht mehr weit. Aber als sie zum Ausgang des Zeltes kamen, blieb Chester doch wieder stehen. Blickte über die Schulter zurück. Betrachtete den Ausstieg, den sie gerade von der doppelten Wand genommen hatten und sein dahinter liegendes Exil. Dachte daran, dass er nichts lieber tun würde, als sich zurück in seine Ecke zu verkriechen und wieder verschwunden zu sein. Dass er nicht nach draußen wollte, nicht sein eigenes Versagen betrachten wollte. Nicht wieder eine Wiederholung durchmachen wollte.
      Dann sah er wieder zu Theresa zurück, die ihn in der Dunkelheit erwartungsvoll ansah. Sie konnten sich kein Licht leisten, aber das Licht des Himmels war genug, um ihre Züge zu erhellen, ihre großen Augen, die in Chester zu lesen versuchten. Und er dachte an die Stimme.
      "Ich b-b-bringe dich z-zurück und d-dann g-g-gehe ich w-wieder", sagte er leise. Er konnte sehen, dass das nicht das war, was Theresa haben wollte, aber damit würde sie sich zufrieden geben müssen. Chester würde Brandons Konfrontation weiter ausweichen.
      "K-K-Komm."
      Er nahm sie wieder in die Arme, schlang einen Teil der Decken um sie. Dann sah er sich um, mehrmals, in alle Richtungen, und leitete sie auf direktem Weg zu ihrem Wagen, in konstanter Anspannung davor, dass aus der Dunkelheit doch jeden Moment Gestalten brechen und sich auf ihn stürzen könnten. Hätte er auch nur den Hauch einer Menschenseele draußen vernommen, er wäre auf der Stelle umgekehrt und in die Nacht verschwunden. Ohne zu zögern.
    • Die Antwort war vielleicht nicht die Antwort, die sie sich unter diesen Umständen gewünscht hätte, aber Tessa ließ das Thema damit widerstandslos fallen. Chester hatte wieder ein wenig mehr nach dem alten Chester geklungen, der hinter seinem Schreibtisch saß und sie mit diesem durchdringenden Blick bedachte, unter dem sie sich auf beängstigende Weise entbößt vorkam. Tessa spürte beinahe körperlich wie sich der Mann langsame, Stückchen für Stückchen, wieder verschloss. Es war in Ordnung und Tessa war zu müde, zu hungrig und fror zu sehr, um sich auf ein Duell mit Chester einzulassen, bei dem sie ohnehin den Kürzeren ziehen würde. Trotz der Tragik, die diese Erinnerung für immer begleiten sollte, fühlte sie einen zarten Funken von Glück. Sie hatte einen kurzen Blick hinter die Masken geworfen und Chester hatte sie nicht augenblicklich fortgestoßen. Nein, er akzeptierte ihre Nähe. Um Ihretwillen oder um Seinetweillen spiele keine Rolle. Er ließ sie bleiben und war für Tessa in diesem Moment mehr als genug.
      ____________________________________________

      Tessa war hungrig und hungrig. Die frostige Kälte ließ sich bereits nach kurzer Zeit nicht mehr in Schach halten und als selbst die Wärme, die sie von Chester bekam, das Zittern nicht mehr verhinderte, sehnte sich Tessa nach der Behaglichkeit ihres Wagens zurück. Trotzdem harrte die geduldig aus bis Chester sich bewegte und ihr das letzte Bisschen Wärme entriss. Tessa murrte unter Protest, ließ sich aber von dem Mann vorsichtig auf die Beine ziehen. Erschrocken drückte sie die zitternden Hände, die ihr aufhalfen. Mittlerweile waren seine Finger wieder eiskalt und er zitterte am ganzen Leib wie Espenlaub - wie Tessa.
      Es dauerte ein paar Schritte bis sie nicht mehr ihre volles Gewicht auf ihn stützen musste und ihre Beine endlich beschlossen wieder selbstständig zu gehen. Dennoch blieb sie so lange und so oft wie möglich nah bei Chester in der Hoffnung der Kälte vielleicht noch ein wenig zu entgehen. Es war fast grausamer bald schon wieder Wind und Wetter ausgeliefert zu sein, als auf dem vereisten Boden zu hocken. Der Weg endete in einem der verwaisten Lagerzelte, in dem sich um die Uhrzeit eh niemand herumtrieb. Ein prüfender Blick nach draußen verriet Tessa, dass es nicht mehr weit bis zu den Wohnwagen war. Das kleine Stück würde ihr Knöchel noch verkraften, der sich durch das lange Stillsitzen und der dann plötzlichen Belastung deutlich protestierte.
      Als sie sich wieder Chester zuwandte, verschwand der Anflug von Erleichterung sofort. Still und leise beoabchtete sie - sofern still und leise mit klappernden Zähnen möglich war - wie er einen Blick zurück zu dem versteckten Einstieg warf. Sie musste kein Experte für Gesichtsausdrücke sein, nein, sie musste nicht einmal sein Gesicht sehen um zu wissen, dass er am liebsten zurück in sein Versteck geflüchtet wäre. Chester drehte sich um und sah mit undurchsichtiger Miene zu ihr herab...
      "Ich b-b-bringe dich z-zurück und d-dann g-g-gehe ich w-wieder."
      ...und Tessa griff wieder nach seiner Hand.
      "O-okay...", bibberte sie, aber der sanfte Druck ihrer Finger sagte etwas anderes.
      Sie würde ihn ins Warme schleifen, wenn es sein musste.
      "K-K-Komm."
      Chester legte den Arm um sie und Tessa tat es ihm gleich, als sie einen Arm zitternd um seinen Rücken schob. Eng beeinander stapften Tessa und Chester durch den Schnee, über vereisten Boden und die harsche Nachtluft.
      Vor ihrem Wagen schlüpfte sie unter der Decke hervor und kämpfte sich mühevoll die wenigen Stufen hinauf. Sie begann ohne zusätzlichen Schutz vor der Kälte noch heftiger zu zitternd und ließ sogar einmal den Schlüssel zu ihrem Wohnwagen fallen bis sie es endlich fertigbrachte das Schloss zu öffnen.
      Das Kichern aus ihrem Mund klang fast hysterisch, als sie die Klinke herunter drückte...und erstarb, als sie sich umdrehte und Chester sich bereits ein paar Meter entfernt hatte. Er wollte sich heimlich davonstehlen, aber da hatte die Rechnung ohne Tessa gemacht. Eilig humpelte sie hinter dem Mann her und bekam schon bald seinen Ellbogen unter der Decke zu fassen.
      "D-du ka-kannst nicht z-z-zurückgehen. Du w-wirst..."
      Tessa schluckte den Satz herunter.
      "B-bitte, Chester. Eine N-n-nacht im W-warmen", stotterte sie. "Sch-schlaf. Iss w-was. Sp-sprich wenigstens m-mit Liam. W-wenn du d-d-dann morgen im-immernoch z-z-zurückwillst, verspreche ich, d-dass ich dich n-n-nicht aufhalte."
      Ein Gespräch mit Liam war vielleicht keine schlechte Idee und selbst wenn Chester es nur aus dem Aspekt in Erwägung zog, dass er seine langjährige, rechte Hand nicht völlig allein im Regen stehen ließ.
      Die drohenden Erfrierungen an Fingern und Zehen nagten wohl bereits an seiner Entschlossenheit, denn Chester ließ sich ein Stückchen zurück zum Wagen ziehen. Tessa glaubte nicht, dass es ihre großen und traurigen Augen waren, die ihn zu Wanken brachten. Und sie gab sich angesichts der Umstände, dass sie vermutlich Frostbeulen an den Füßen hatte, verdammt viel Mühe.
      "Nur eine N-n-nacht, bitte."
      Tessa kämpfte sich Zentimeter für Zentimeter den Weg zurück. Immer wieder blieb Chester kurz stehen und spannte sich unter ihren Händen an, als wollte er nichts lieber als umdrehen und verschwinden. Das es so wahr, wusste auch Tessa.
      "B-b-bitte."
      Chester stetzte einen Fuß auf die erste Stufe.
      "F-fast geschafft. K-k-komm..."
      Als Chester endlich in ihrem kleinen und unordentlichen Wagen stand, schloss Tessa die Tür und sperrte die Kälte aus. Sofort machte sich Tessa bibbernd daran alle Vorhänge vollständig zuschließen. Die kleine Laterne, die ihr nachts als Lichtquelle diente, mit Streichölzern zu entzünden, erforderte etwas mehr Zeit und Geduld. Ständig fielen ihr die kleinen Hölzer aus den zitternden Fingern. Sie sah zu Chester, der wie angewurzelt in der Mitte des Wagens stand. Also gab sie ihm etwas zu tun, damit seine Gedanken eine andere Beschäftigung bekamen.
      "Im O-ofen ist Holz...H-hier...", sie reichte ihm die Streichhölzer und humpelte herüber zu der Holztruhe, in der sie ihre Sachen und Decken aufbewahrte. Sie wühlte herum bis sie Kleidungstücke hervorzog, die viel zu groß für sie und eindeutig für einen Mann genscheidert waren. Der weiche Wollpulover und die ebenso weiche Stoffhose legte sie sauber gefaltet auf den Tisch. Obenauf legte sie ein paar lila, weiß und rosa geringelte Wollsocken, die Chester höchstwahrscheinlich zu klein waren aber Ellas Strickkunst war unbezahlbar.
      "Sie sind trocken, sauber und warm..."
      Tessa sah verlegen zu Boden und zuckte leicht mit den Schultern.
      "Tut mir leid, dass ich sie einfach behalten habe. Aber du wolltest sie nie zurück, also..."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
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    • Chester hätte Theresa niemals begleitet, wenn ihr ihr Knöchel nicht deutlich zugesetzt hätte. Er hätte sie aus seinen Gängen gescheucht und wenn sie nicht gegangen wäre, nun, dann hätte sie wohl seine Decken bekommen und er hätte sich irgendwohin zurückgezogen, wo er in Ruhe sterben konnte. Den Gang nach draußen unternahm er nur wegen ihr.
      Und er bereute es, sofort. Eigentlich war der Zirkus seine Heimat, sein Reich, sein Zuhause, das einzig beständige in seinem furchtbar langen Leben, das immer gleich blieb und er in sein Herz geschlossen hatte. Aber während er so mit Theresa zwischen die ersten Wagen schritt - langsam, damit sie in dem Schnee nicht auch noch ausrutschte - und die sanften Lichter durch die Fensterscheiben sein Gesicht erhellten, fürchtete er sich vor seiner eigenen Konstruktion. Wenn hier nun jemand aus seinem Fenster sehen würde... wenn dort drüben die Tür aufgehen würde... wenn Schritte ihren Weg kreuzen würden...
      Es fröstelte ihn und das nicht nur von der Kälte. Stärker als zuvor wollte er zurück in seinen Gang, wo er in Abgeschiedenheit hatte sitzen können. Wo er nicht daran denken musste, dass jeden Augenblick ihn jemand entdecken könnte und Schreie ihn in der dunklen Winternacht verfolgen würden.
      Angespannt blieb er an Theresas Seite, bis sie ihren Wagen erreicht hatten.
      Er vergewisserte sich gerade noch, dass die Stufen nicht vereist waren und Theresa mit einigermaßen sicheren Schritten hochsteigen konnte - selbst in seinem langen Leben hatte er noch nicht herausfinden können, wie man die Stufen umgehen konnte für Leute, die nicht richtig laufen konnten - und dann zog er sich auch schon zurück. Dunkelheit gab es hier wenig mit den Lichtern, die aus den vielen Wägen schienen, aber er konnte sich auch in deren Schatten halten. Die Decken schlang er sich wieder um die Schultern.
      Tschüss, Theresa. Hoffentlich war sie schlau genug, ihm nicht noch einmal zu folgen. Er würde sich vielleicht doch noch ein anderes Versteck suchen müssen.
      Hinter sich hörte er Gekicher, aber da war er bereits weit genug entfernt, um sich nicht noch einmal umzudrehen. Er überließ Theresa sich selbst und schlurfte einfach weiter.
      Da legte sich eine Hand um seinen Ellbogen und Chester erschrak sich so sehr, dass es fast schon schmerzte. Er wirbelte herum, nur um wieder in Theresas besorgtes, offenes Gesicht zu blicken. Sie war ihm nachgeeilt.
      "D-du ka-kannst nicht z-z-zurückgehen."
      "D-Doch."
      "Du w-wirst..."
      Sie brach ab, schluckte stattdessen. Chester wartete darauf, dass sie den Satz beenden würde, aber es kam nie. Er würde was?
      "B-bitte, Chester. Eine N-n-nacht im W-warmen. Sch-schlaf. Iss w-was. Sp-sprich wenigstens m-mit Liam. W-wenn du d-d-dann morgen im-immernoch z-z-zurückwillst, verspreche ich, d-dass ich dich n-n-nicht aufhalte."
      Eine Nacht im Warmen. Er sah über Theresa hinweg zu ihrem Wagen, wo jetzt die Tür offen stand. Er sah auch zu den anderen Wägen in der Nähe.
      Chester mochte vielleicht unsterblich sein, aber das hieß nicht, dass er nicht ein schönes, warmes Feuer zu schätzen wusste oder etwas zu Essen im Magen. Die Unsterblichkeit bewahrte ihn nicht vor seinem Selbsterhaltungstrieb und der war im Moment mit seinen tauben Fingern und Zehen ganz schön überwältigend. Nur eine Nacht.
      Aber eine Nacht, in der er deutlich der Gefahr lief, entdeckt zu werden.
      Er blinzelte als er merkte, dass Theresa ihn schon ein Stück zur Tür gezogen hatte. Als er widersprechen wollte, schien sie es zu merken und ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.
      "Nur eine N-n-nacht, bitte."
      Nur eine Nacht.
      Aber das Risiko. Er wollte Brandon nicht begegnen, nichtmal Liam. Er wollte sich gar nicht erst in die Gefahr begeben, entdeckt zu werden. Nicht jeder würde es für sich behalten so wie Theresa.
      Irgendwie hatte sie ihn schon zu ihren Stufen gelockt, als er wieder umkehren wollte.
      "B-b-bitte."
      Er sah sie an. Nur eine Nacht.
      Ein Schritt.
      Aber...
      "F-fast geschafft. K-k-komm..."
      Er hatte es wirklich fast geschafft. Und wenn er nun doch eine Nacht bleiben würde? Nur eine einzige?
      Da hatte er es doch irgendwie über die Schwelle geschafft und erschauderte, als Theresa hinter ihm die Tür schloss. Fast augenblicklich war es wärmer, dabei brannte noch gar kein Feuer. Und so viel wärmer als die Gänge war es dann sicherlich auch nicht. Und ganz bestimmt nicht sicherer.
      Chester sah ganz reglos dabei zu, wie Theresa die Vorhänge schloss - daran hatte er selbst gar nicht gedacht - und sich dann mit dem Licht abmühte. Er konnte die Tür deutlich in seinem Rücken spüren, die Kälte, die draußen auf ihn wartete, die Dunkelheit, die Abgeschiedenheit. Er konnte noch immer gehen, es würde ganz schnell gehen. Er würde einfach nur die Tür öffnen, hinaus schlüpfen, sich auf der linken Seite im Schatten halten und sich langsam einen Weg -
      "Im O-ofen ist Holz...H-hier..."
      Sie reichte ihm die Streichhölzer. Chester starrte darauf, dann nahm er sie entgegen und sah die kleine Feuerstelle im Wagen an. Sie war nichts im Vergleich zu dem Kamin in seinem Schlafzimmer, aber der Wagen war ja auch viel kleiner als sein großes Zelt. Sehr viel mehr als ein Bett, eine Truhe, ein kleiner Tisch und kleine Regale passten hier sowieso nicht rein.
      Er dachte noch immer an seine Gänge, setzte sich jetzt aber doch in Bewegung und ging vor der Feuerstelle in die Hocke. Auch seine Hände zitterten unkontrolliert, aber er hielt die Streichhölzer fest im Griff und entzündete eins davon. Ein bisschen Schmerz von so einer kleinen Flamme machte ihm kaum etwas aus.
      Die Holzscheite fingen sofort an zu brennen. Er pustete ein bisschen in den Ofen, aber sehr viel mehr Hilfe brauchte das Feuer sowieso nicht. Dann schloss er die Tür und sah auf.
      Theresa hatte ein paar seiner eigenen Sachen auf ihrem Bett ausgebreitet. Er konnte sich natürlich sehr genau daran erinnern, sie darin eingekleidet zu haben, als sie dem Tod nahe vor dem Zirkus gestrandet war.
      Wie ironisch das nun wirkte. Zum zweiten Mal hatte sie die Kälte zusammengebracht.
      "Tut mir leid, dass ich sie einfach behalten habe. Aber du wolltest sie nie zurück, also..."
      "Du kannst sie auch jetzt noch behalten", versprach er ihr. Trotzdem stand er auf und nahm sich seinen eigenen Pullover zurück.
      Er wollte ja eh nur eine Nacht bleiben. Daher zog er ihn nur über seine bisherige Kleidung und zog sich die Decken gleich wieder zurecht.
      Bei einem der Nachbarwagen ging eine Tür auf. Das Geräusch war so gedämpft in der Nacht, dass es gut hätte untergehen können, aber Chester sprang darauf an, als hätte er einen Schrei gehört. Er erstarrte mitten in der Bewegung, riss den Kopf herum und lauschte. Lauschte auf die erwarteten Geräusche, dass man den Wagen umstellen würde.
      Er hörte die dumpfen Schritte auf den Stufen, dann knirschenden Schnee und eine fluchende Stimme, die er sofort erkannte. Trotzdem rührte er sich nicht. Die Schritte setzten sich in Bewegung, dann waren sie verschwunden und den Schritten folgte wieder Stille.
      Chester wartete trotzdem noch, bis er sich wieder ein bisschen entspannte. Es war ein Fehler, hierherzukommen. Vielleicht würde er leise verschwinden können, wenn Theresa eingeschlafen war.
      Er sah auf sie zurück.
      "Wie geht es deinem Knöchel? Du solltest dich ausruhen. Das viele Sitzen hat ihm bestimmt nicht gut getan."
    • Eigentlich wollte Tessa sich höflich abwenden, da zog Chester den Pullover kurzerhand über seinen Kopf und die Decken wieder eng um seine Schultern zog. Er sah aus, als würde er sich für den Aufbruch wappnen.
      Chester, der sich in ihrer Gegenwart in seiner schillernden Aufmachung des Zirkusdirektors und selbst in groben Arbeitsklamotten immer ordentlich gezeigt hatte, pfiff nun darauf, dass er das frische Kleidungsstück über seine verschwitzten Sachen anzog. Tessa sagte nichts, weil sie die Angewohnheit an die Ungewissheit erinnerte, die ein Leben auf der Straße mit sich brachte. Man wusste nie, wann die Zeit knapp wurde und man zusammenraffen musste, was noch da war.
      Plötzlich sprang Chester panisch auf.
      Panisch.
      Tessa blinzelte verwirrt.
      Zunächst verstand sie nicht, was diese heftige Reaktion auslöste bis sie die Schritte in der Nähe des Wagens hörte. Jemand hatte sich raus in die Kälte gewagt und fluchte leise vor sich hin. Chester erstarrte und sie konnte beinahe sehen wie er vor Anspannung vibrierte. Der Anblick war für Tessa kaum zu ertragen, weil sie etwas gänzlich Anderes im spärlichen Licht erkannte: Chester fürchtete sich.
      Behutsam näherte Tessa sich. Ganz langsam, damit sie ihn nicht durch eine ruckartige und unvorsichtige Bewegung erschreckte. Es war mehr als seltsam, ihn in dieser Verfassung zu sehen. Er horchte angespannt und seine Schultern sackten erst herunter, als die Schritte in der Ferne verklangen.
      Tessa berührte ihn federleicht am Ellenbogen um seine Aufmerksamkeit zu bekommen.
      "Es ist alles gut.", sprach sie ihm gut zu. "Niemand hat uns gesehen und ich hab' extra die Vorhänge zugezogen. Sieh mich an, Chester. Es ist nichts passiert."
      Sein Blick glitt von der Tür zurück zu ihrem Gesicht und Tessa atmete leise auf.
      "Komm. Setz dich hier hin."
      Als er zögerte, verharrte auch Tessa und drückte sanft seinen Ellenbogen.
      "Wie geht es deinem Knöchel? Du solltest dich ausruhen. Das viele Sitzen hat ihm bestimmt nicht gut getan."
      Merkwürdig, dass es jetzt Tessa war, die für Chester ein Lächeln aufsetzte. Etwas wackelig und zögerlich, aber es war eindeutig da.
      "Es ist nicht so schlimm", antwortete sie und verlagerte demonstrativ ihr Gewicht auf den verletzten Knöchel. Sie zuckte sofort zurück und sah Chester beinahe ertappt an. "Okay, tut doch noch mehr weh, als ich dachte."
      Da kam ihr eine Idee um ihn vielleicht etwas abzulenken, wie mit dem Ofen.
      "Warte, du kannst mir helfen."
      Mit sanften Nachdruck zog sie Chester von der Tür fort und bugsierte ihn zu dem einzigen Stuhl im Wagen. Er stand gegenüber des kleinen Ofens und neben dem Bett, dass sie ans Ende des Wagens geschoben hatte, damit sie nachts durch die geöffneten Vorhänge nach draußen sehen konnte, wenn ihr danach war. Die schmalen Hände legten sich auf seine Schultern und verschwanden erst, als er den stummen Bitte nachgab und sich setzte. Soweit, so gut.
      Tessa verzog das Gesicht, als sie den Knöchel entlastete und sich erschöpft auf die Bettkannte plumpsen ließ.
      Unter den wachsamen Augen von Chester streifte sie ächzend die Stiefel ab und beugte prüfend ihre eiskalten Zehen. Als sie auch noch die Socken abstreifte, waren alle Zehen glücklicherweise intakt. Kalt und rosig vor Kälte, aber ohne die gefürchteten Frostbeulen. Der Knöchel selbst war ein wenig geschwollen und die Haut darüber etwas dunkler verfärbt.
      Aus einer kleinen Kiste unter ihrem Bett zog sie einen blütenweißen, frischen Verband hervor. Die Arbeit mit in den Ställen war hart und ein umgeknickter Knöchel nicht ihre erste Blessur. Da war sie lieber vorbereitet.
      Sie reichte Chester den Verband.
      "Weißt du, wie man einen Knöchel verbindet?", fragte sie und wartete, dann schob sie die Erklärung hinterher, als das Schweigen andauerte. "Damit ich ihn nicht so viel bewege. Ein oder zwei Tage Ruhe und er ist so gut wie neu. Ich kann es dir auch zeigen, Rosie hat es mir beigebracht. Ist nicht mein erster verstauchter Knöchel."

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester war alles andere als entspannt, auch nachdem Theresa ihm vergewisserte, dass sie schon niemand gesehen hatte. Dieser Aussage stand eine einfache Frage entgegen: Und was, wenn doch? Dann gab es hier keine Gänge, durch die sich Chester verziehen konnte, dann gab es hier keine Ecken, durch die er entschlüpfen konnte. Der einzige Ausweg aus diesem Wagen war eine Tür und ein paar Fenster, die alle zum selben Resultat führen würden.
      Also nein, es war nicht alles gut. Aber Theresa schluckte zumindest seinen Köder und ließ sich auf den Themenwechsel ein, daher sagte er nichts.
      "Es ist nicht so schlimm."
      Sie zeigte es ihm und es war schlimm. Tadelnd zog er die Augenbrauen zusammen und betrachtete sie damit.
      "Okay, tut doch noch mehr weh, als ich dachte."
      "Tut es, also belaste ihn nicht und setz dich."
      Zum Glück schien sie jetzt von dem Thema gänzlich abgelenkt zu sein. Das würde es ihm später leichter machen, sich wieder nach draußen zu schleichen.
      "Warte, du kannst mir helfen."
      Chester begegnete dem Zug ihrer Hand erst widerwillig, weil er ihn von der Tür weglockte, von seinem angestrebten Ausweg. Er musste aber einsehen, dass Theresa ihn nicht gehen lassen würde, solange sie wach war, und daher ließ er sich schließlich doch führen. Vor dem Stuhl blieb er stehen, dann setzte er sich doch langsam und lüftete die Decken ein wenig.
      Noch hatte der Ofen kaum Wärme abzugeben, weil sie sich noch nicht durch die Tür hindurch gekämpft hatte, aber Chester konnte es doch fast fühlen, dieses leichte, ferne Gespür für das Feuer, das dort hinter der Scheibe gedämpft vor sich hin knisterte. Er zitterte noch immer, das taten sie beide, aber es würde erst richtig schlimm werden, wenn er sich aufzuwärmen begann. Hoffentlich würde Theresa eingeschlafen sein, bevor er sich noch auf die bald aufsteigende Wärme gewöhnte.
      Die junge Frau setzte sich auf ihr Bett und streifte dann ihren Stiefel ab. Chester ersparte sich den Tadel, dass sie sich nicht dickere Socken - oder gleich mehrere angezogen hatte - denn das hätte in der Kälte wohl auch nicht mehr viel geholfen. Und zum Glück hatte sie keine tragenden Schäden davongetragen, vorausgesetzt, dass ihr Knöchel nicht unbehandelt blieb. Der Knöchel selbst war etwas geschwollen und sah verstaucht aus. Diese Diagnose erlaubte sich Chester allerdings nicht durch Fachwissen, sondern ganz alleine durch Erfahrung.
      "Weißt du, wie man einen Knöchel verbindet?"
      Sie holte einen Verband hervor und reichte ihn ihm. Chester starrte ihn an, dann nahm er ihn entgegen.
      "Damit ich ihn nicht so viel bewege. Ein oder zwei Tage Ruhe und er ist so gut wie neu. Ich kann es dir auch zeigen, Rosie hat es mir beigebracht. Ist nicht mein erster verstauchter Knöchel."
      "Aber hoffentlich dein letzter. Ich kann das schon."
      Fast hätte er vorgeschlagen, dass Theresa sich ins Krankenzelt begab, aber dann würde er sie bringen müssen. Und das kam einfach nicht infrage.
      Daher glitt er wieder vom Stuhl und kniete sich stattdessen vor Theresa auf den Boden; so konnte sie ihren Fuß in seinem Schoß ablegen, ohne ihn so hoch halten zu müssen.
      Er hatte keinerlei Gefühl in seinen Fingern. Er musste mit höchster Konzentration dabei zusehen, wie seine eigenen, tauben Finger den Verband ein wenig entrollten und ihn dann sorgfältig gegen Theresas Knöchel drückten. Dabei konnte er nichtmal erahnen, ob es zu fest war oder nicht.
      "Du musst mir sagen, ob das zu eng ist."
      Er arbeitete still und sorgsam, umwickelte ihren Knöchel und dann auch noch ihren Fuß, um den Verband zu fixieren. Dabei war er gründlich und präzise; zwar hatte er sich nie zum Krankenpfleger ausbilden lassen - er hätte schließlich mal einen Krankenpfleger einstellen und von ihm lernen können - aber regelmäßige Wiederholung, und das über lange Zeit hinweg, hinterließ schließlich auch seine Spuren in seinem Muskelgedächtnis. Ein Arzt hätte es nicht besser machen können und doch sprach er genau das an.
      "Wenn es morgen nicht besser ist, dann wirst du zu unserer Ärztin gehen, versprich es mir. Das ist das Zelt mit dem roten Streifen."
      Er sah sie ernst an. Chester mochte sich die nächsten Jahrzehnte verkriechen wollen, aber das hieß nicht, dass er seinen Angestellten einen erfrühten Tod wünschte. Und ganz besonders nicht, wenn es so einfach zu umgehen war.
      "Gib mir die Socke da, bitte."
      Theresa gab ihm eine der Plüschsocken, die sie rausgelegt hatte. Chester stülpte sie sehr vorsichtig über ihren Fuß, dann machte er eine Handbewegung zu ihrem anderen Stiefel.
      "Auch der."
      Theresa musste sich leider gefallen lassen, von Chester auch noch den anderen Stiefel ausgezogen und dafür die warme Socke angezogen zu bekommen. Erst, als er auch damit fertig war und die beiden Stiefel etwas unter das Bett schob, wo sie nicht im Weg waren, richtete er sich auf.
      "Und jetzt unter die Decke mit dir, bevor du dich auch noch erkältest. Du solltest morgen viel Tee trinken. Und genug essen."
      Er selbst lauschte für einen Moment nach draußen, dann zog er unwillig zurück zu dem Stuhl, platzierte sich dort und schlang die Decken um sich. Natürlich war Theresa skeptisch und natürlich wollte sie sich nicht einfach so hinlegen, während Chester noch da war. Aber er versicherte ihr, dass er nicht müde war - wirklich nicht müde war - und dass er schon nicht gehen würde, während sie schlief.
      "Eine Nacht, richtig?"
      Sie bestätigte es ihm und Chester lächelte, während er ihr die größte Lüge darüber auftischte, hier im Wagen zu bleiben. Theresa glaubte sie ihm. Sie legte sich in ihr Bett, kuschelte sich in ihrer Decke ein, bis nur noch der Haarschopf oben heraus sah, und dann löschte sie das Licht. Zurück blieb nur noch das sanfte Licht des Ofens.
      Und dann bewegte sich auch Chester nicht mehr.
      Wenn es eine Sache gab, die ihn die Unendlichkeit wahrlich gelehrt hatte, dann war es, Geduld zu haben. Chester besaß kein Zeitgefühl, denn seine Zeit maß er in Menschenleben und von denen kam stetig neues nach. Er konnte stundenlang - und natürlich tagelang - an einer Stelle verbringen und sich nicht rühren, außer um seinen Körper zu versorgen. Theoretisch konnte er auch das einstellen, aber, nun, momentan war er wirklich nicht darauf aus, noch einmal zu sterben. Das eine Mal hatte ihm gereicht, denn sterben war auch so nicht gerade schön.
      Daher blieb er und verharrte. Wartete. Lauschte. Ignorierte das Ticken seiner Uhr, das Knistern des Feuers und das Klopfen seines Herzens und richtete seine Aufmerksamkeit nach draußen, auf den Wagen, auf die Umgebung. Lauschte auf Geräusche, wartete darauf, dass man ihn gefunden hatte oder Theresa sicher eingeschlafen war - was auch immer als erstes geschehen würde. Noch war er sich ziemlich sicher, dass sie wach in ihrem Bett lag und genauso ausharrte wie er. Vielleicht darauf wartete, ob er nicht doch gehen würde, um ihn aufzuhalten. Aber Chester würde auch nicht gehen, nicht, bevor sie wirklich schlief.
      Also wartete er. Und bald erfüllte, nach und nach, eine ganz sanfte, leichte Wärme den Wagen.
      Es dauerte bestimmt eine Stunde, bis die Wärme ihn soweit erreicht hatte, dass sie seine Finger aufzutauen begann. Und dass auch das Zittern sich verstärkte. Sein Körper schlotterte regelrecht, während die Wärme sich nach und nach durch die Kälte fraß. Er hätte gerne eins von beidem gehabt, aber beides zusammen war unglaublich anstrengend. Dabei versuchte er, keinerlei Geräusche von sich zu geben, um Theresa nicht doch aus dem dämmernden Schlaf zu reißen.
      Und er wartete weiter. Seine Gedanken drifteten ab, an den Schnee dort draußen, welche Aufgaben Liam zu bewältigen hatte, ob er alles in seinem Zelt ordentlich hinterlassen hatte. Das Feuer knisterte ganz leise vor sich hin und bald blinzelte Chester träge. Ihm war nicht bewusst, dass er gerade am Einschlafen war, bis ihm die Augenlider zufielen und sein Kopf ein wenig auf seine Brust sank. Da hob er ihn wieder und riss die Augen auf.
      Wenn er hier einschlief, würde er gar nicht mehr herauskommen. Das durfte er sich nicht leisten. Er musste wach bleiben, nur noch ein kleines bisschen. Theresa war bestimmt kurz vor ihrer tiefen Schlafphase.
      Er lüftete die Decken ein wenig, um sich von der Kälte wieder aufzuwecken, aber da kam ihm ein noch besserer Gedanke. Er würde sich jetzt noch ein letztes Mal am Feuer wärmen, ein bisschen Wärme tanken für die restliche Nacht in den Gängen und dann würde er gehen. Das war viel besser, als in den klammen Decken zu bleiben. Er konnte alles gleichzeitig aufwärmen und später würde es ihm draußen für eine Zeit gut gehen.
      Er warf einen vorsichtigen Blick zu der schmächtigen Gestalt im Bett, dann rutschte er leise vom Stuhl und hockte sich auf den Boden direkt vor dem Kamin. Sein Körper zitterte protestierend, als er die Decken abstreifte und sie vorsichtig um sich herum drapierte, damit sie alle etwas von der Wärme abbekamen. Nur ein paar Minuten hier unten, bis es ihm gut genug ging. Nur kurz, um den Tod weiter herauszuzögern.
      Vorsichtig rieb er sich die Hände und hielt sie an die Ofentür heran. Er bewegte auch seine Finger, seine Zehen und rieb sich überall am Körper, damit es schnell besser wurde. Bald würde er nach draußen gehen.
      Die Wärme hüllte ihn jetzt viel deutlicher ein. Er konnte sie schon in seinen Knochen spüren und unter seiner Kleidung. Es war angenehm, gemütlich. Einlullend. Chester blinzelte und gähnte dann so stark, dass ihm davon der Kiefer schmerzte.
      Er könnte sich ja auch noch einen Augenblick hier hin legen. Er würde zehn Minuten schlafen, damit er fit genug für draußen war, und dann würde er aufstehen. Theresa würde davon nichts mitkriegen, sie war schon längst eingeschlafen. Nur ganz kurz würde er den Luxus von vier Wänden und einem warmen Feuer genießen.
      Also legte er sich auf den Boden und auf die Seite, damit sein Gesicht die Wärme abbekommen würde. Streckte sich, rollte sich etwas zusammen, streckte sich wieder. Schloss die Augen und döste für einen Moment, bevor ihn Nackenschmerzen überkamen. Rückenschmerzen. Im Halbschlaf setzte er sich wieder auf und begann, seine Decken einzusammeln.
      Er legte eine unter sich, eine benutzte er als Kissen und in einem Anflug von unglaublicher Gerissenheit - nicht dieselbe Gerissenheit, die ihm gesagt hätte, dass es Zeit zu gehen war - rollte er eine Decke als eine Art Wand zusammen, damit sie die Wärme etwas auffangen würde. Dann legte er sich erneut hin, schob einen Arm unter sein Kopfkissen und legte sich die letzte Decke über den Körper. Jetzt prickelte die Wärme schon angenehm in seinem Bauch und seinen Beinen.
      Da seufzte er gelöst, rollte sich zusammen und war in kaum zwei Minuten gänzlich eingeschlafen. Er wachte nicht noch einmal auf. Der mangelnde Schlaf der letzten Tage holte jetzt gänzlich zu ihm auf.
    • Mit großen Augen verfolgte Tessa wie er zu Boden glitt, auf den Knien vor ihr ruhte und den verletzen Fuß behutsam in seinem Schoß bettete. Die Fingerspitzen fühlten sich trotz der wenigen Minuten im Warmen eiskalt auf ihrer Haut an. Tessa zuckte mehr vor dem unbehaglichen Gefühl der Kälte zurück als dem prüfenden Druck. Ganz still und für sie ungewöhnlich geduldig beobachtete sie Chester, der mit eindeutig geübten Handgriffen ihren Knöcheln bandagierte.
      "Du musst mir sagen, ob das zu eng ist."
      "Hmhm, ist gut so", murmelte sie und fühlte bereits die erste zarte, verlockende Wärme des prasselnden Feuers. Es machte sie jetzt, da sie endlich zur Ruhe kam, furchtbar schnell schläfrig.
      Anscheinend hatte Chester die Unsterblichkeit auch genügend Zeit dafür gelassen, sich Grundkenntnisse in der medizineschen Versorgung anzueignen. Wirklich wundern, tat das Tessa nicht. Sie glaubte nicht, dass es viele Dinge gab, die er nicht irgendwann einmal gelernt hatte. Wenn nicht aus Interesse, dann vielleicht aus purer Langeweile. Es warf die Frage auf, wie oft er dieses Wissen für sich selbst hatte nutzen müssen? Wie oft hatte er sich ganz allein um Verletzungen und Dergleichen kümmern müssen?
      "Wenn es morgen nicht besser ist, dann wirst du zu unserer Ärztin gehen, versprich es mir. Das ist das Zelt mit dem roten Streifen."
      "Versprochen", gähnte Tessa völlig ungeniert.
      Chester ging zügig und angesichts seiner sicherlich tauben Finger sehr vorsichtig mit ihr um. Es tat kaum weh, als er den Verband fest genug zog und damit den schmerzhaften Druck des gereizten Muskels linderte. Tessa seufzte leise, als ihre kalten Zehen in eine kuschelige Socke schlüpften.
      "Auch der."
      "Hm?"
      Blinzelnd folgte sie der Bewegung seiner Hand, die ihren Blick geradewegs auf ihren anderen Stiefel lenkte.
      "Du musst nicht...", protestierte sie, da machte er sich bereits an den Schnürsenkeln zu schaffen.
      Tessa klappte den Mund wieder zu und ließ zu, dass er ihr mit der gleichen Behutsamkeit auch die zweite Socke überstreifte. Spielerisch krümmte sie die Zehen, die langsam auftauten, in den weichen Socken. Das Kribbeln war ein wenig unangenehm, aber nachdem sie so lange der beißenden Kälte ausgesetzt gewesen war, keine wirkliche Überraschung.
      "Und jetzt unter die Decke mit dir, bevor du dich auch noch erkältest. Du solltest morgen viel Tee trinken. Und genug essen."
      Das ließ sich Tessa nicht zwei Mal sagen, dennoch war sie noch wach genug um Chester etwas misstrauisch zu beäugen. Die Skepsis ließ erst nach, als er ihr noch einmal versicherte, dass er nicht einfach verschwinden würde, sobald sie die Augen schloss. Sie wollte ihm glauben, wirklich.
      "Eine Nacht, richtig?"
      Sie wusste, dass er log.
      "Eine Nacht."
      Aber sie konnte unmöglich die ganze Nacht wach bleiben, um ihn mit Argusaugen im Blick zu behalten. Tatsache war, wenn er wirklich, wirklich gehen wollte, konnte sie ihn unmöglich davon abhalten. Deshalb hoffte sie, dass das Feuer zu verlockend und die Vernunft größer war, als die allgegenwärtige Paranoia. Brav schlüpfte Tessa unter die kuschelige Daunendecke, die Eleonore ihre besorgt hatte. Für die ganz besonders kalten Nacht, hatte die gutmütige Frau gesagt. Und wenn eine Nacht ganz besonders kalt war, dann diese. Die Decke zog sie bis zum Kinn hinauf und sie rutschte eine ganze Weile unruhig auf dem Bett umher, bis sie jede noch so kleinste Lücke geschlossen hatte damit keinerlei Zugluft es darunter schaffte. Am Ende schaute nur noch ihr brauner Haarschopf, ihre Nase und die halbgeschlossenen, sehr müden Augen unter der Decke hervor. Tessa zog missmutig die Augenbrauen zusammen, denn sie hatte vergessen das Licht zu löschen. Mit einem beinahe liebenswerten Grummeln zwängte sie ihre Hand durch einen winzigen Spalt, öffnete die kleine Laterne und reckte ein letztes Mal den Kopf um das Flämmchen auszupusten.
      Es raschelte leise im gedimmten Licht des Ofen bis Tessa eine gemütliche Position gefunden hatte, dann wurde es ganz still bis auf das Knistern des Feuers. Die behagliche Wärme und die sanfte Geräuschkulisse lullten Tessa in den Schlaf. Selbst das gleichmäßige und monotone Ticken der Uhr trug nun seinen Teil dazu bei. Es dauerte nicht lange bis sie es nicht mehr schaffte, gegen die schwere ihrer Augenlider anzukämpfen.
      Das Letzte, das sie sah, war Chesters angespannte Silhouette und wie er mit ernster Miene ins Feuer starrte.

      _____________________________________________________________________

      Mitten in der Nacht schreckte Tessa aus dem Schlaf. Sie hatte die Decke so eng um ihren Leib geschlungen, dass es nur für ein Zucken reichte. Mit heftig klopfendem Herzen fuhr sie sich durchs Gesicht und wischte sich den dünnen Schweißfilm von der Stirn. Sie hatte geträumt. Ein Albtraum, dessen Bilder bereits in Vergessenheit verschwanden. Von leichenblasser Haut und leeren, glanzlosen Augen, die ins Nichts starrten.
      Der Ofen hatte mittlerweile den Wagen vollständig mit seiner Wärme gefüllt und den Frost aus ihren Knochen vertrieben. Sie lächelte schlaftrunken und dachte zufrieden daran, dass sie Chester dazu überreden konnte, nicht einfach wieder in der eisigen Nacht zu verschwinden. Chester...Chester!
      Einen Moment lang setzte ihr Herz aus. Tessa drehte sich zur Seite und hob ruckartig den Kopf um den Stuhl vollkommen leer aufzufinden. Sofort schnappte ihr Blick zur Tür und sie war kurz davor die Decke beherzte von ihren Beinen zu strampeln, um nach draußen zu stürzten, da fiel ihr am Rand ihres Blickfeldes etwas auf. Der Schatten eines Stiefelpaares flackerte im Schein des Feuers. Tessa hielt den Atem an, als sie möglichst leise bis an die Bettkannte robbte und darüber hinweg spähte.
      Erleichtert atmete sie aus, als sie Chester am Boden direkt vor dem knisternden Ofen entdeckte. Doch die Erleichterung schlug schnell in etwas viel Intensiveres um. Etwas, das so tief ging und ihr Herz ganz schwer machte.
      In einem Nest aus Decken, und so klein wie möglich zusammen gerollt, lag Chester. Die Beine und Arme so dicht an den Körper gezogen, um selbst den kleinen Funken an Wärme nicht zu verlieren. Unordentliche Strähnen fielen ihm in die Stirn und bewegten sich ganz sachte während er gleichmäßig und friedlich atmete. Er sah dabei unheimlich verletzlich und einsam aus, dass Tessa nur mit Mühe den Kloß in ihrem Hals herunter schluckte.
      Leise rutschte sie noch ein kleines Stückchen an den Rand heran und es raschelte ein wenig, als sie eine Hand aus der Decke befreite und über die Bettkante schob. Chester war nah genug, dass sie den Arm nur ein ganz kleines Bisschen strecken musste, um den wirren Haarschopf zu berühren. Trotz der Tortur und der Vernachlässigung fühlten sich die blonden Strähnen ganz weich unter ihren Fingerspitzen an. Etwas mutiger und in der Hoffnung, den verspannten Ausdruck der zusammengezogenen Augenbrauen zu lösen, strich sie ihm sanft über die Stirn. Chester fühlte sich warm an. Ganz anders als in den Erinnerung, die der verschwommene Traum ihr beschert hatte.
      Als Chester sich im Schlaf noch kleiner machte und das Gesicht nach Wärme suchend zum Feuer drehte, begann Tessa leise zu summen. Eine ganze Weile verharrte sie so. Bis ihr Arm allmählich müde wurde. Sie zog die Hand zurück und fühlte ein verräterisches Brennen in ihren Augen, als sein Kopf leicht zuckte und der Hand folgte.
      Das ging so nicht.
      Tessa schlug die Decke zurück, glitt vorsichtig neben Chester zu Boden und berührte ihn zaghaft an der Schulter. Er reagiere kaum. Ein halbherziges Zucken und ein leises, unverständliches Murmeln war alles, was sie bekam. Chester blinzelte ohne wirklich wach zu sein. Ganz, ganz behutsam lockte sie ihn mit sanften Geflüster in eine sitzende Position. Als hätte jemand die Fänden durchtrennt, die ihn aufrecht hielten, sackte er kraftlos gegen Tessa. Er murmelte leise und die Fältchen gruben sich tiefer zwischen seine Augen.
      "Schhh...alles gut", murmelte sie. "Ganz langsam. Nur einmal kurz aufstehen...okay?"
      Unaufhörlich flüsterte sie sanfte Nichtigkeit während sie Chester Stückchen für Stückchen vom Boden weglockte.
      Es war nicht leicht jemandem im Halbschlaf zur Kooperation zu bringen und als er endlich auf der Bettkante saß, atmete Tessa kurz durch. Die Müdigkeit hatte sie auch nicht vollständig abgeschüttelt und trotzdem beeilte sie sich, ihn wenigsten von seinen Stiefeln zu befreien, damit der aufgetaute Schneematsch nicht in ihrem Bett landete. Tessa erhob sich mit trägen und erschöpften Bewegungen und krabbelte hinter Chester, der bedrohlich von links nach rechts schwankte, auf das Bett zurück.
      "Okay. Schon geschafft, siehst du?", wisperte sie und drückte Chester behutsam an den Schultern nach hinten.
      Fürsorglich hob sie seine Beine auf die Matratze und legte die Decke zuerst über diese, um sie sorgfältig um seine Füße zustopfen, damit sie warm blieben. Sie hielt kurz inne und schien eingehend über etwas nachzudenken, dann schlüpfte sie unter die Decke und hüllte sie beide darin ein. Gerade verschwendete sie keinen Gedanken daran, was Chester von diesem neuen Schlafarrangement hielt. Für sie stand fest: Er konnte nicht die ganze Nacht dort auf dem harten Boden verbringen.
      Tessa drehte sich auf die Seite und behielt gerade genügend Abstand, damit sie es dennoch bequem und warm genug hatten.
      Und als sie endlich wieder zur Ruhe kam, streckte sie die Hand aus und ließ ganz sanft ihre Fingerknöchel über seine Wange streicheln, hinauf über seiner Schläfen bis sich ihre Finger erneut in seinem Haar wieder fanden. Eine Geste, die ihnen beiden mehr als einmal an diesem Tag Trost gespendet hatte.
      Bis der Schlaf sie erneut in seine wartenden Arme holte, erfüllte die vertraue Melodie des Schlafliedes den Wagen.
      Der Albtraum kehrte in dieser Nacht nicht zurück.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester träumte. Nicht die ganze Zeit, aber irgendwann stellten sich die Träume ein.
      Er lag auf jemandes Schoß, den Kopf auf weiche Beine gebettet, den Arm um eine Hüfte geschlungen. Er wusste, wer es war, und gleichzeitig wusste er es auch nicht, es war irgendjemand und gleichzeitig auch niemand. Die Gestalt strahlte eine Wärme aus, die ihn nicht gänzlich zu erreichen schien, egal, wie sehr er den Kopf weiter in den Schoß presste.
      Und dann strichen ihm sanfte Finger über die Stirn und er hörte die Stimme. Die Stimme. Sie stellte sich als leises Summen ein, bei dem er sich sofort gänzlich entspannte. Zufrieden schmiegte er sich noch näher an die Gestalt und atmete aus.
      "Ruh dich aus. Es wird alles gut", sagte die Gestalt zu ihm. Er war dazu geneigt, ihr Glauben zu schenken.
      "Wirst du noch da sein, wenn ich aufwache?"
      Er konnte seine Stimme nicht hören, vielleicht hatte er die Worte auch gar nicht ausgesprochen, vielleicht hatte sich sein Mund nicht bewegt. Die Gestalt antwortete ihm trotzdem.
      "Immer."
      Immer war ein langes Wort, ein unendliches Wort. Aber Chester war das egal. Er nahm die Lüge als Wahrheit an und kuschelte sich in den Schoß.
      Da verließen ihn die Finger und die Szenerie änderte sich. Jetzt konnte er ein Licht sehen, sanft und warm, und außerdem eine andere Gestalt, die jetzt neben ihm saß. Vielleicht war es dieselbe Gestalt, vielleicht auch eine andere. Chester fragte sich jetzt nur, warum er nicht mehr auf ihrem Schoß lag.
      Die Gestalt redete mit ihm und dann war da wieder die Stimme, der Chester Gehorsam leistete, ohne weiter darüber nachzudenken. Sein Blick klärte sich ein wenig und für einen Moment glaubte er, etwas ganz wichtiges vergessen zu haben. Etwas wirklich sehr wichtiges. Da zog er die Augenbrauen zusammen.
      "Schhh...alles gut."
      "Mhh."
      Wenn die Stimme sagte, es ist alles gut, dann war doch wohl auch alles gut, oder?
      Ruh dich aus, es wird alles gut.
      Nagut.
      "Ganz langsam. Nur einmal kurz aufstehen...okay?"
      Der Traum war ein bisschen anstrengend, ein Wagen und Theresa und ein Feuer und das Bedürfnis, sich wieder genau dort hinzulegen, wo Chester gerade aufgestanden war. Ihm war aus einem unerfindlichen Grund kalt. Aber er traute sich nicht, etwas zu sagen, aus der Angst, die Stimme zu verschrecken, und so fügte er sich den Merkwürdigkeiten, bis die Traum-Theresa ihm eine Decke überlegte.
      "Okay. Schon geschafft, siehst du?"
      "Mhh."
      Er sah gar nichts, aber das passte schon. Jetzt war da nämlich wieder schöne, wohlige Wärme, die ihn umhüllte und in die er sich zufrieden einmummelte. Dann war auch wieder die Stimme da, leise und beharrlich, und Chester lächelte glückselig.
      Die Stimme würde ihn nicht alleine lassen.
      Die Szenerie verschwand wieder und Chester träumte von nichts mehr.

      Als er das zweite Mal aufwachte - wirklich aufwachte - dachte er erst, er wäre in seinem Bett und es wäre ein schöner Sommertag. Die Geräusche des geschäftigen Zirkusses von draußen drangen zu ihm herein und ließen Sorgen und Gedanken verschwinden. Ihm war wohlig warm, das Bett war schön weich und er hatte ein gemütliches Kissen in den Armen. Tage wie diese liebte er, für solche Tage lohnte sich die Unendlichkeit. Er streckte sich, seufzte vergnügt und drückte das Kissen fester an seine Brust. Dann vergrub er die Nase in seine Haare und entspannte sich wieder.
      Erstaunlicherweise dachte er sich gar nichts dabei, dass sein Kissen einen Herzschlag hatte, dass es atmete und der Atem dabei seinen Hals streifte. Ihm fiel aber nach einem Moment durchaus auf, dass ein Kissen keine Haare haben sollte. Und typischerweise auch nicht nach einem warmen Feuer roch.
      Da schlug er doch noch die Augen auf und blickte nach unten.
      Theresa lag neben ihm in seinem Bett - nein, in Theresas Bett; Chester war derjenige, der in ihrem Bett lag - und hatte sich zu einer gemütlichen Kugel zusammengerollt. Als hätten sie es abgestimmt, passte sie damit exakt in seine Arme hinein, mit denen er sie an seine Brust hielt. Ihr Kopf steckte unter seinem Kinn und so wie es aussah, schlief sie tief und wohlig. Ihre Beine hatten sich in der Nacht gemeinsam verheddert, sodass sich unmöglich sagen ließ, wer wo aufhörte und wer wo anfing. Das ganze Bett war von einer wohligen Wärme erfüllt, die ihm tief in den Knochen saß.
      Er betrachtete Theresa verblüfft, denn von der zornigen Miene, die sie ihm an einem Abend vor Silvester noch gezeigt hatte, war nicht mehr die Spur zu sehen. Stattdessen war sie ganz entspannt und schmiegte sich geradezu zutraulich an seine Brust. Das war nicht die Theresa, zu der Chester sie in den letzten Monaten gemacht hatte.
      Dann erst holte die letzte Nacht zu ihm auf und Chester versteifte sich, als sein Blick zu den verhangenen Fenster ruckte. Der Wagen war unlängst nicht mehr ganz dunkel; das Feuer im Ofen war zwar ausgegangen, aber jetzt drückte sich bereits Tageslicht durch die Vorhänge hindurch. Die typischen Geräusche eines Zirkusses kamen von draußen, dazu knirschender Schnee und gelegentlich dumpfe Beschwerden über das Wetter. Nichts von wegen Sommer, nichts von wegen Chesters Zelt. Er erinnerte sich wieder an alles.
      Auch daran, dass er eigentlich die letzte Nacht hatte in den Gängen verbringen wollen. Und jetzt saß er hier fest, weil draußen zu viel Trubel war und es vor allem viel zu hell war. Man würde ihn entdecken. Vielleicht hatte man ihn schon längst in der Nacht entdeckt.
      Kalter Schweiß brach auf seiner Stirn aus. Er zog die Decke vorsichtig von sich - wann hatte er denn seine Stiefel ausgezogen? - und begann dann, sich genauso vorsichtig von Theresa zu lösen. Vielleicht konnte er es schaffen, wenn er schnell genug war? Wenn er sich an die Wagen hielt? Vielleicht war unmittelbar auf dem Weg zum Zelt nichts los?
      Aber er hatte kaum ein Bein von Theresa entfernt, da rührte sie sich. Verschlafene, runde Augen blinzelten, als sie zu ihm hochsahen.
      Chester lächelte auf die warmherzigste Art, die er kannte, um über seinen Fluchtversuch hinweg zu täuschen.
      "Hey. Gut geschlafen?"
    • Die frühen Morgenstunden lockten Tessa nicht aus ihrem friedlichen Schlaf. Die ersten, zarten Strahlen der morgendlichen Wintersonne kämpften sich durch den kleinsten Spalt in den Vorhängen und kitzelten sie an der Nasenspitze. Tessa murmelte leise im Schlaf und vergrub das Gesicht noch ein wenig fester der Brust, die sich gleichmäßig und entspannt unter ihrer Wange bewegte. Es war zu verlockend einfach dem Rhythmus seiner Atemzüge zu lauschen und sich von dem sanften Auf und Ab wieder ins Land der Träume wiegen zu lassen. Schläfrig und träge zuckten ihre Finger an seinen Seiten, wo sie sich in den an dem weichen Pullove festhielten.
      Einen Moment lang wollte sie dem nahenden Tagesanbruch noch entfliehen. Nur einen Moment bis Chester endgültig erwachte und sie in Erklärungsnot kam, wie er vom Boden in ihr Bett gekommen war. Sie wollte nicht daran denken, dass er ihr vor Moanten bereits klipp und klar gemacht hatte, dass er keine Gefühle für sie hegte. Oder wie sie ihm wütend an den Kopf geworfen hatte, dass sie nie wieder ein Wort mit ihm wechselte wollte. Oder wie Chester es immer wieder fertig brachte ihre Zuneigung und ihre Gutmütigkeit zu seinem Vorteil zu manipulieren und zurechtzubiegen.
      Für diesen flüchtigen Augenblick zwischen Traum und Erwachsen war sie nicht diese Tessa und er war nicht dieser Chester.
      Es war leicht sich vorzustellen, dass sie nicht in ihrem kleinen Wohnwagen im Zirkus Magica lagen sondern weit, weit weg an irgendeinem anderen Ort. Tessa war egal wo. Es war ein unbekannter Ort, an dem sie einfach genießen konnte, wie er sie fester gegen seine Brust zog und die Wange an ihrem zerzausten Haarschopf schmiegte. Seine Nasenspitze strich über ihren Scheitel und bescherte Tessa einen wohligen Schauer, dessen Wärme sich in ihrem Bauch zu einem kleinen Ball zusammenknäulte. Das Gefühl breitete sich aus, als sie sich immer mehr bewusst wurde, dass sie sich der gesamten Länge nach an ihn drückte. Obwohl es nicht das erste Mal war, dass sie in einem Bett neben ihm aufwachte, fühlte es sich anders an. Bedeutsamer.
      Es war so leicht sich vorzustellen, jemand anderes zu sein. In einem anderen Kontext, unter anderen Umständen...und einfach glücklich. Wenn Sie sich ganz doll anstrengte, hörte sie das Meer vor ihrer Tür rauschen. Sie musste sie nur die Tür öffnen und die Füße in den warmen, weichen Sand stecken. Doch das Meeresrauschen stellte sich als kühle Morgenbrise heraus, die zwischen den Wohnwagen hindurch wehte, und Weiß vor ihren Fenster war kein unberührter Strand sondern frisch gefallener Schnee, der alle Spuren der letzten Nacht verwischt hatte.
      Tessa spürte augenblicklich, als Chester sich seiner Umgebung bewusst wurde, denn seiner ganzer Körper stand auf einmal wieder unter Spannung. Der gleichmäßige Rhythmus seiner Atemzüge geriet ins Stocken und der Herzschlag unter ihrem Ohr beschleunigte sich. Er bewegte sich vorsichtig. Wahrscheinlich wurde ihm die Nähe nun noch zu viel. Es grenzte beinahe an Grausamkeit, als die etwas, wenn auch nur ganz wenig, kühlere Luft unter die Decke drang. Murrend rieb sich Tessa über die müden und noch geschlossenen Augen, dann über die vom Schlaf und der Wärme geröteten Wangen.
      Widerwillig zwang sie sich dazu endlich die Augen zu öffnen und wurde von einem warmherzigen Lächeln begrüßt.
      Merkwürdig...Eigentlich passte das Lächeln nicht zu der Art und Weise, wie sich seine Muskeln unter ihren Händen verkrampft hatten.
      "Hey."
      "Hey."
      Ihre Mundwinkel zuckten um ihn anzulächeln.
      Es war so leicht sich vorzustellen...
      "Gut geschlafen?"
      "Hmhm...",murmelte sie undeutlich.
      Tessa blinzelte träge und erst da nahm sie Chester wirklich in Augenschein.
      Sie stutzte, als ihr Blick über die zurückgeschlagene Decke und seine Beine glitt, die wie mitten in der Bewegung erstarrt wirkten. Anspannung verwandelte seine Schultern zu einer harten Linie und breitete sich wohl bis in den Rücken aus, als wäre er bereit zum Sprung. Zur Flucht.
      Ihre Augen wurden ganz schmal und vielleicht hätte sie es wohl als Sieg verbucht, ihn vielleicht sogar geneckt, dass sein perfektes Lächeln dabei leicht wackelte, doch es fühlte sich nicht gut an. Stattdessen drehte sich Tessa auf den Rücken bis ihre Beine noch die letzte körperliche Verbindung darstellen. Sie war noch nicht bereit diese kleine Illusion ganz aufzugeben. Seufzend warf sie sich den Unterarm über die Augen.
      "Du wolltest gerade abhauen? Richtig?", schnaubte sie und schielte unter dem Arm hervor.
      Dann schüttelte sie leicht den Kopf und nuschelte ein Leises: "T'schuldige..."




      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Theresas Blick glitt von Chesters Gesicht abwärts und nach unten. Er war nicht schnell genug gewesen, sie noch weiter abzulenken, da nahm sie schon die zurückgeschlagene Decke in Augenschein. Sein halbes Bein, das sich heraus zu kämpfen versucht hatte. Wie er sich aufgesetzt hatte.
      Ihre Augen wurden schmal. Chesters Lächeln tat ihm weh. Da löste sie sich mit einem Mal von ihm, drehte sich auf den Rücken und warf sich einen Unterarm über die Augen.
      "Du wolltest gerade abhauen? Richtig?"
      Und so schnell hatte sich die Wärme des Bettes in ein klammes Gefühl verwandelt. Chesters Lächeln erstarb auf seinem Gesicht und diesmal war es Theresa, die nicht schnell genug war, eine Entschuldigung hinterherzuschieben. Chester wandte sich bereits von ihr ab.
      "Ich wollte gehen. Abhauen hört sich an, als würde es falsch sein, dass ich gehe."
      Er trennte auch die letzte Verbindung mit Theresa, mit dem Bett, mit der Wärme. Wenigstens war es hier im Wagen noch warm, aber mit der geradezu unschuldigen Aussage hatte Theresa unbedacht einen ganz anderen Gedanken ins Rollen gebracht. Chester würde sich nicht noch einmal in einem Wagen einsperren lassen, da konnte er noch so warm und gemütlich sein. Wenn er schon sterben musste, dann würde er selbst entscheiden, wann und wo er das tat.
      "Ich kann doch gehen, oder?"
      Er warf ihr keinen Blick zu, stattdessen stand er auf und schlüpfte in seine Stiefel. Dann blickte er auf die Decken hinab, die er auf dem Boden hinterlassen hatte.
      Er hatte keinerlei Erinnerung daran, wie er ins Bett gekommen war. Er wusste, dass er hatte gehen wollen und dass er sich von dem Ofen nur kurz hatte aufwärmen wollen, bis er müde geworden war. Dann hatte er sich vorgenommen, kurz zu schlafen, um dann gestärkt wieder rauszugehen. Irgendwie hatte er dann doch die ganze Nacht geschlafen und das nichtmal auf dem Boden, sondern im Bett.
      Bei Theresa. Mit Theresa. Und sie sah er jetzt auch wieder an, als ihn eine kalte Vorahnung packte. Nicht schon wieder wie beim letzten Mal. Nicht schon wieder.
      "Hast du mich etwa absichtlich hierher gelockt? Damit ich nicht mehr weg kann?"
    • Ruckartig setzte Tessa sich im Bett auf und die Decke rutschte dabei von den schmalen Schultern, doch dass Bisschen an Wärme, das sie dabei verlor, war nicht so schlimm. Viel schlimmer war der Ausdruck auf seinem Gesicht. Das Lächeln verblasste und Chester wandte sich schneller ab, als Tessa überhaupt darüber nachdenken konnte ihn davon abzuhalten. Dennoch versuchte sie es und verhedderte sich beinahe in der Decke, als sie eilig auf den Knien zum Bettrand robbte. Tessa streckte die Hand nach ihm aus...und fror sofort in der Bewegeung ein.
      "Ich wollte gehen. Abhauen hört sich an, als würde es falsch sein, dass ich gehe."
      "Nein, Chester...So war das nicht...", setzte Tessa zur Verteidigungan.
      Das Herz schlug ihr bis zum Hals und das nicht auf die angenehme Art, während sich die wohlbehütete Wärme in ihrem Bauch langsam in einen eisigen, harten Klumpen verwandelte. Bevor ihre Fingerspitzen den Pullover in seinem Rücken zu fassen bekamen, stand er auf und schnappte sich seine Stiefel.
      "Ich kann doch gehen, oder?"
      Tessa lief es eiskalt den Rücken herunter, denn er schenkte ihr keinerlei Beachtung mehr. Keinen Blick, kein neues Lächeln, das ihr versicherte, dass alles nur ein riesengroßes Missverständnis war. Ratlos und ein wenig mehr panisch, als sie sich eingestehen wollte, ließ sie die Hände in den Schoß fallen und schrumpfte unter seinem eindringlichen Blick förmlich zusammen.
      Er glaubte doch nicht...?
      "Hast du mich etwa absichtlich hierher gelockt? Damit ich nicht mehr weg kann?"
      Doch. Er glaubte es. Felsenfest sogar.
      Jetzt stolperte Tessa doch - und ihr Knöchel protestierte schmerzhaft dabei - aus dem Bett und dieses Mal waren ihre Berührungen nicht zurückhaltend wenn auch mit ihrer ganz Tessa-typischen Sanftheit. Als wäre Chester ein verwundetes Tier, dass sich zurück in die Wildnes schleppen wollte. Sie umschiffte seine Arme, die er verteidigend anhob, um ihren Händen zu entkommen. Stattdessen tauchte sie unter den entstehenden Lücken hindurch, mit den flinken Fingern einer Diebin, und vergrub die Hände an seinen Seiten in dem weichen, warmen Pullover.
      "Nein, nein, nein...", murmelte sie hektisch und beinahe...ängstlich. "Das ist keine Falle, Chester. Ich will dich nicht einsperren. Das war niemals meine Absicht, aber...Du hast mir gesagt, du würdest einfach verschwinden bis er fort ist. Das ist wie lange, Chester? 20, 30, 40 Jahre?"
      Tessa schluckte schwer.
      "Ich habe dich sterben sehen."
      Ihre Finger gruben sich fester in seine Seiten und sie trat einen winzigen Schritt näher.
      "Ich muss ständig lauschen, ob du noch atmest, ob dein Herz noch schlägt. Und ich kann nicht anders als immer wieder nachzusehen, ob sich deine Brustkorb noch bewegt. Du warst so kalt, so still. Es hast mir Angst gemacht und kann nicht weitermachen, als wäre das nie passiert. Ich mache mir Sorgen um dich. "
      Mit einem letzten Schritt überbrückte Tessa die lächerlich winzige Distanz und presste ihr Ohr gegen seine Brust.
      Tessa zählte die Herzschläge, die kräftig und lebendig an ihr Ohr schlugen.
      Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf.
      Am liebsten hätte sie die Arme fest um seine Seiten geschlungen, um ihre Worte zu unterstreichen, aber sie wollte nicht, dass Chester sich noch mehr gefangen fühlte.
      "Du kannst gehen. Natürlich, kannst du gehen, aber es wäre mir lieber, wenn du bleibst."
      Jetzt war sich Tessa auch nicht mehr zu schade dafür, zu betteln.
      "Bitte, Chester. Bitte geh nicht weg."
      “We all change, when you think about it.
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    • Theresa kam jetzt schnell aus dem Bett gesprungen, ruckartig, und Chesters quellendes Unbehagen verwandelte sich augenblicklich in aufkeimendes Entsetzen. Sie würde ihn also hier halten. Er war also doch wieder in einem Gefängnis gelandet, wenngleich es nicht so offensichtlich war wie beim letzten Mal. Dabei hatte er genau das verhindern wollen! Dabei wollte er seine Existenz nicht noch einmal fristen mit sterben und sterben und sterben, bis ihm nach Wochen einmal jemand die Tür aufsperrte. Wenn er sterben musste, dann für sich und alleine, aber nie wieder so! Genau das wollte er doch nicht!
      Theresa kam jetzt aber auf ihn zu und wenn Chester nur für einen Moment einen klaren Verstand besessen hätte, dann hätte er die Furcht in ihren Augen gesehen und die Sorge, mit der sie ihn auch schon am vorherigen Tag bedacht hatte. Aber Chester hatte keinen klaren Verstand. Seine Gedanken überschlugen sich, als er sie auf sich zukommen sah. Es war wie vor all den Jahrzehnten. Vielleicht schlimmer, weil er doch wirklich versucht gewesen war, ihr zu vertrauen.
      Du wirst nachlässig.
      Chester wich zurück. Theresa stolperte. Er hatte schon beinahe die Tür erreicht und machte sich schon auf das unweigerliche Gefühl einer Klinke mit Widerstand gefasst, da bekam sie seinen Pullover zu fassen. Im Gegenzug packte er sie an den Handgelenken und versuchte ihren Griff zu lösen. Panik erfasste ihn. Sein Herz raste in seiner Brust, schnell genug, dass ihm davon schwindelig wurde.
      "Nein, nein, nein..."
      "Lass mich los."
      "Das ist keine Falle, Chester."
      "Lass mich los!"
      "Ich will dich nicht einsperren. Das war niemals meine Absicht, aber...Du hast mir gesagt, du würdest einfach verschwinden bis er fort ist. Das ist wie lange, Chester? 20, 30, 40 Jahre?"
      Er blinzelte, hielt inne. Was hatte das denn nun auf einmal damit zu tun?
      "Ich habe dich sterben sehen."
      Ihre Stimme war belegt. Sie schluckte und Chester froren die Beine ein. Die Tür hinter ihm - aber Theresa. Sie war den ganzen Tag bei ihm geblieben, dabei hätte sie ihn auch in den Stunden holen können, als er tot gewesen war.
      Sie musste sein Zögern spüren, denn ihr Griff verstärkte sich und sie trat einen Schritt näher. Unweigerlich versteifte er sich wieder. Vielleicht war es doch ein Trick, ein riesengroßer Trick. Aber-
      "Ich muss ständig lauschen, ob du noch atmest, ob dein Herz noch schlägt. Und ich kann nicht anders als immer wieder nachzusehen, ob sich deine Brustkorb noch bewegt. Du warst so kalt, so still. Es hat mir Angst gemacht und ich kann nicht weitermachen, als wäre das nie passiert. Ich mache mir Sorgen um dich. "
      Sie machte sich Sorgen um ihn? Um ihn? Der einzige Mensch im Zirkus, um den man sich wahrlich nicht zu kümmern brauchte, weil ihm sowieso nichts geschehen konnte? Und sie machte sich Sorgen?
      Erneut zögerte Chester und wieder schien Theresa das auszunutzen. Aber als sie diesmal näher heran rückte, legte sie direkt den Kopf auf seine Brust. Ihre Hände blieben an Ort und Stelle, dort, wo Chester sie festhielt.
      Und sie verharrte. Sie lauschte. Sein rasendes Herz antwortete.
      "Du kannst gehen. Natürlich, kannst du gehen, aber es wäre mir lieber, wenn du bleibst."
      Einen kleinen, winzigen Hoffnungsschimmer erlaubte er sich. Er hatte zwar noch nicht die Klinke getestet, hatte nicht gesehen, ob er wirklich nicht eingesperrt war, aber Hoffnung konnte er sich erlauben. Nur eine kleine.
      Und dann fügte Theresa hinzu:
      "Bitte, Chester. Bitte geh nicht weg."
      Reglos starrte er auf den braunen Haarschopf hinab. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Eine Seite von ihm dachte noch immer daran, dass es alles eine Falle sein könnte - aber so, wie Theresa ihn darum bat, wie verletzlich sie dabei klang, wie sie sich an ihm festhielt...
      Er wollte ihr glauben, er wollte es wirklich. Er wollte glauben, hoffen, dass ihr mehr an ihm lag als der Zirkusdirektor und der Mann, der nicht sterben konnte. Dass sie ihn... als einen Menschen betrachtete. Dass sie sich Sorgen um ihn machte, auch wenn er niemand war, um den man sich Sorgen machen musste.
      Dass sie sich um seinetwegen Sorgen machte.
      Er wusste zwar im selben Moment, als er den Griff um ihre Handgelenke etwas lockerte, dass es ein Fehler war, dass es ihn erneut in den Abgrund treiben könnte, ihr zu vertrauen, aber er tat es trotzdem. Er wollte es. Für die Frau, die ihn in den Tod und darüber hinaus begleitet hatte.
      "Ich kann gehen wann ich will. Oder?", wiederholte er leise. Theresa bestätigte es ihm, auch wenn sie es widerwillig tat. Aber das nur, weil sie ihn nicht gehen lassen wollte.
      Chester rührte sich für einen Moment nicht, dann entließ er vorsichtig eines ihrer Handgelenke. Genauso langsam, damit seine plötzlichen Bewegungen sie nicht umstimmen würden, streckte er den Arm nach hinten aus und ertastete die Tür, dann die Klinke. Er wandte den Kopf, versuchte seinen rasenden Puls zu beruhigen, hielt die Luft an. Drückte die Klinke nach unten. Zog.
      Die Tür war nicht verschlossen. Die Klinke war nicht versperrt und die Tür wurde auch von nichts aufgehalten. Tageslicht wollte den dämmrigen Wagen fluten, als er sie nur ein Spalt breit aufzog. Chester starrte einen Moment darauf, dann zog er sie wieder zu. Wandte sich wieder zu Theresa. Ließ auch ihre andere Hand los. Und legte schließlich behutsam die Arme um sie.
      Theresa kam noch ein bisschen näher und dann standen sie in einer einseitigen, aber schönen Umarmung. Chester legte die Wange auf ihren Scheitel und drückte sie dann ein bisschen fester an seine Brust. Dann legte er auch die Arme fester um sie.
      "Ich will nicht wieder eingesperrt sein", gestand er da leise. "Es war... nicht schön."
    • Chester hielt ihre Handgelenke fest umklammert. Eine verzweifelte Panik zeichnete sich in seinem Gesicht ab, die Tessa ehrlich erschütterte. Es war nicht das erste Mal in den vergangenen Stunden, dass sie diesen Ausdruck in seinen Augen sah. Zum wiederholten Male beschlich sie der schreckliche Gedanke, dass Chester durch seine Augen nicht nur die Gegenwart mit Furcht beäugte. Erinnerungen vermischten sich mit den Geschehnissen dieser Tage und schleuderte den Mann in eine Zeit zurück, die tiefe und schmerzliche Spuren hinterlassen hatten. Obwohl sie ihn keine Sekunde lang freigab, zwang sich Tessa dazu ganz weich in seinem Klammergriff zu werden. Er hätte sie mühelos abschütteln können und war letztendlich doch nicht dazu gewillt sie endgültig freizugeben. Es war eine Zerreißprobe, die Tessa alles abverlangte.
      Etwas, dass sie sagte, schien Chester dazu zu bringen, still zu halten. Sie spürte noch immer den festen, unnachgiebigen Griff um ihre Handgelenke, aber er zerrte nicht länger daran. Tessa hielt den Atem an. Ihre Finger zuckten ihn dem weichen Stoff seines Pullovers. Das Warten zerrte an den Nerven. An ihrem Verstand. An ihrem Herzen.
      Ohne einen Blick in sein Gesicht, konnte sie nicht wissen, was in seinem Kopf vor sich ging. Wie sich seine Gedanken überschlugen, sich im Kreis drehten um wieder in seiner Sackgasse zu landen. Sie konnte nur seiner mühevollen und viel zu schnellen Atmung lauschen, dem galoppierenden Herzen, dass sich gegen ihre Ohr drückte. Tessa musste sich auf die Zunge beißen, um ganz still zu bleiben. Nicht noch einmal wollte sie ihn mit einem unbedachten Wort die schlimmen Befürchtungen befeuern. Sie blieb ganz weich, ganz und gar reglos, bis auf ihren eigenen, aufgeregten Atem, der kaum durch die Schichten der vielen Kleidungsstücke drang, die Chester trug wie eine Rüstung.
      Tessa machte sich kleine an seiner Brust, zog die Schultern nach vorn, krümmte und verborg sich in dem wenigen Raum, den ihre eigenartige Umklammerung ihr bot, um noch weniger bedrohlich zu wirken. Noch ein Bisschen kleiner, noch ein Bisschen harmloser.
      Der Druck um ihre Handgelenke ließ ein kleines Bisschen nach.
      "Ich kann gehen wann ich will. Oder?"
      Widerwillig nickte Tessa.
      "Ja, ja...Natürlich", flüsterte sie sanft.
      Sie bewegte sich nicht, als er eines ihrer Handgelenke freigab, um das zerbrechliche Vertrauen, zu dem er sich durchringen konnte, nicht zu enttäuschen. Regungslos ließ sie zu, dass er ihre Worte prüfte und versuchte den Stich in ihrer Brust nicht zuzulassen. Sie hatte kein Recht durch sein Misstrauen verletzt zu sein. Nicht nach dem, was sie gelesen hatte. Wenn er die Gewissheit brauchte, sollte er sie haben.
      Chester spannte sich an, die hektische Ausdehnung seines Brustkorbes erstarb, als er die Luft anhielt. Ein kaum hörbares Klicken ertönte in der eingefrorenen Stille. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt breit. Tessa sah es nicht, aber sie spürte den kühlen Luftzug, der in die behagliche Wärme ihres Wagens eindrang.
      Er da ließ Chester auch ihre andere Hand los und Tessa wollte sich bereits zurückziehen, um ihm mehr Raum zum Atmen zu geben.
      Unerwartet und so behutsam, dass Tessa beinahe die Tränen in die Augen traten, schlossen sich Arme um ihre Schultern. Sie wagte sich noch ein Stückchen näher bis von der Hüfte bis zu ihrer Wange an seiner Brust kein Blatt mehr zwischen die gepasst hätte. Ein sanftes Gewicht ruhte auf ihrem Scheitel als Chester die Wange gegen ihren Haarschopf schmiegte.
      Für diesen Moment bestand ihre Welt nur aus Chester. Aus dem vertrauten Geruch eines glühenden Feuers, einem dezenten Hauch von Schweiß und darunter die herben Süße, die sie stets mit ihm verband. Aus seinem Atem, der sanft über ihren Scheitel streifte und der dem Gefühl seiner Wange, die sich an ihren Haarschopf schmiegte. Aus den Armen, die sie hielten und an seine Brust drückten. Um ihretwillen, um seinetwillen. Was spielte das für eine Rolle?
      Tessa vergrub die Nase in dem Pullover.
      "Ich will nicht wieder eingesperrt sein. Es war... nicht schön."
      Nicht schön? Tessa schauderte.
      "Du wirst hier nie eingesperrt sein", nuschelte sie. "Und wenn du nicht bleiben kannst...kannst du trotzdem zurückkommen, richtig? Diese Tür wird für dich nie verschlossen sein, ob du nun hinein oder hinaus willst."
      _________________________________________________________

      Am Ende wusste Tessa nicht mehr, wie lange sie so verharrten. Chester, der mit dem Rücken zur Tür lehnte, und Tessa, die sich an seine Brust schmiegte. Die verkrampften Finger hatten sich längst aus dem Pullover gelöst und lagen entspannt an seinen Seiten auf.
      Schließlich waren es die knurrenden Mägen und das stechende Pochen ihres Knöchels, die Tessa daran erinnerten, dass bereits ein Tag verstrichen war, seit sie das letzte Mal etwas gegessen hatte, und sie sich eigentlich schonen sollte. Wie lange Chester nichts Vernünftiges mehr gegessen hatte, daran wagte sie kaum zu denken. Um ihnen eine kurze Pause von dem emotionales Chaos zu gönnen, wechselte Tessa das Thema. Zaghaft aber hoffentlich tröstlich drückten sich ihre Finger kurz in seine Seiten, ehe sie einen Schritt zurücktrat und Chester mit beinahe schuldbewusster Miene dazu nötigte die Umarmung etwas zu lockern.
      "Wie müssen etwas essen...", teilte sie ihm überflüssigerweise mit, da ihr Magen beschlossen hatte, wieder auf sich aufmerksam zu machen.
      Mit derselben Behutsamkeit, mit der Chester sie gehalten hatte, nahm sie seine Hände und führte ihn langsam von der Tür weg. Einen Schritt nach dem anderen, bis er wieder auf dem Stuhl am Ofen saß. Schweigend legte sie ein paar Holzscheite nach und entzündete das Feuer neu, damit der Wagen in den frühen Morgenstunden nicht auskühlte.
      Tessa schlüpfte in ihre Stiefel und wappnete sich mit Handschuhen, Mütze und Schal gegen die frostigen Morgentemperaturen.
      "Warte hier, okay? Ich bin gleich wieder da", versprach sie und legte ihm fürsorglich eine der Decken um die Schultern, bevor sie zur Tür hinaus verschwand.
      Den Schlüssel zu ihrem Wagen ließ sie gut sichtbar am Schlüsselbrett neben der Tür hängen.
      _________________________________________________________

      Der verletzte Knöchel erwies sich als richtiger Glücksfall, als Tessa zur Frühstückszeit im Kantinenzelt erschien. Der gutmütige Koch des Zirkus Magica hatte augenblicklich Mitleid mit der jungen Frau, die freimütig darüber berichtete, wie furchtbar anstrengend es war mit diesem Knöchel den ganzen Weg bis hier her zu laufen. Damit sie den beschwerlichen Weg in ihrem angeschlagenen Zustand nicht noch einmal heute auf sich nehmen musste, packte der Koch ihr tatsächlich einen kleinen Korb zusammen. Tessa bekam beinahe ein schlechtes Gewissen, als belegte Brote, Tee, getrocknetes Obst, Einmachgläser mit Suppe und eine kleine Metallbüchse mit frischen Nussplätzchen in dem Korb verschwanden.
      "Das kannst du dir später selbst warm machen. Damit du zügig wieder auf den Beinen bist, Mädchen", brummte er.
      Tessa schenkte dem Mann ihr dankbarstes Lächeln - und das war tatsächlich nicht gespielt - und verabschiedete sich nach einem kurzen Wortwechsel mit Owl, Malia und den anderen wieder aus dem Zelt. Zu ihrem großen Glück war die Verletzung für die meisten Erklärung genug. Obwohl sie sich bei Malia und Liam nicht ganz sicher war, die beiden hatten sie mit einem seltsamen Blick gemustert. Erst draußen vor dem Zelt, als sie an sich herunter sah, wusste sie warum.
      In der Spiegelung eines Fensterglases bemerkte sie den Schmutz auf ihren Wangen. Als sie an sich heruntersah trug sie immer noch dieselbe dreckige Hose und Jacke mit der sie durch die Gänge gekrochen und geklettert war. Sie seufzte. Mist.
      Wie versprochen nutzte Tessa die Gelegenheit um auch gleich beim Doc vorbeizuschauen, damit er sich ihren Knöchel ansah.
      "Ein wenig Ruhe und in ein paar Tagen ist er wieder so gut wie neu. Es ist nichts gebrochen. Du musst bei dem Wetter gut darauf aufpassen, wo du hintrittst, Theresa", mahnte der Doc.
      Der Arzt des Zirkus Magica, war vermutlich nicht wirklich ein Arzt, aber er musste an einem Punkt in seinem Leben zumindest eine medizinische Ausbildung genossen haben. Für ein vollendetes Studium sah er zu jung aus, trotz dicker Hornbrille und einem abgetragenen, weißen Kittel, der aussah als stammte er aus dem letzten Jahrhundert.
      "Verstanden", nickte sie eifrig.
      In dem Korb verschwand ein Gläschen mit Salbe gegen die Schmerzen und saubere Verbände für neue Bandagen.
      Und so setzte Tessa hinkend ihren Weg durch den Zirkus fort. Brandon schien langsam die Puste auszugehen und wenn sie ganz genau hinsah, stellte sich allmählich der gewohnte Betrieb wieder ein. Es war erstaunlich friedlich und normal, fast...entspannt.
      Tessa stoppte an einer Gabelung und beschloss einen kleinen Umweg zu nehmen.
      Ihr nächstes Ziel war Chesters Zelt und obwohl ihr nicht ganz wohl dabei war, suchte sie in seinen Kleiderschränken nach geeigneten Kleidungsstücken für die Kälte: Dicke Socken, Mütze, Schal, noch ein Pullover und Kleinkram. Sie überflog sein Zelt nach allem, was er gerade benötigen konnte. Sie schnürte alles mit Hilfe eines Kissenbezuges zu einem improvisierten Päckchen zusammen und huschte genauso flink nach draußen, wie sie hinein gehuscht war. Etwas weniger grazil durch den verstauchten Knöchel, aber immerhin unbemerkt.
      Vor ihrem Wagen stoppte sie kurz und zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen.
      Dann trat sie vorsichtig die Stufen hinauf und öffnete ganz langsam die Tür, nur einen winzigen Spalt breit. Genug, dass Chester sie hören konnte. Falls er noch da war. Tessa schluckte das ungute Gefühl herunter.
      "Nicht erschrecken. Ich bin's...".
      Erst nach der kleinen Vorwarnung schlüpfte sie wieder in den Wagen...und sah Chester dort sitzen, wo sie ihn gelassen hatte.
      Es sah aus, als hätte er sich keinen Zentimeter bewegt.
      Jetzt roch Tessa es auch: Den schweren, muffigen Geruch von Schweiß und der verbrauchten Luft.
      Tessa stellte den Korb neben Chester auf dem Tisch und das Bündel aus seinem Zelt auf ihrem Bett ab.
      "Der Doc hat gesagt, in ein paar Tagen bin ich wieder ganz auf den Beinen", erzählte sie.
      Chester sollte wissen, dass sie ihr Versprechen gehalten und seine Sorge ernst genommen hatte. Sie schüttelte ihre Jacke von den Schultern, die Stiefel von den Füßen und stellte eine Kanne mit Wasser auf die Platte des Ofens. Über die Schulter hinweg schenkte sie Chester ein sanftes Lächeln.
      Es tat gut, etwas zu tun zu haben.
      "Okay. Was zuerst? Frische Kleidung? Ich befürchte wir - und ich sag es nur ungerne - wir stinken. Ich war in deinem Zelt, entschuldige. Aber ich dachte...du gerne etwas von deinen eigenen Sachen. Oder Frühstück? Wir haben Tee, Brote, etwas Obst...oder lieber was Warmes?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Zum Schluss hatte es Theresa irgendwie geschafft, dass Chester doch nicht mehr nach draußen ging. Ganz behutsam hatte sie ihn von der Tür, von seiner Freiheit weggelockt und zurück zum Stuhl gebracht, wo er sich niedergelassen und dann zugesehen hatte, wie sie das Feuer im Ofen neu entfachte. Es war bereits warm in der Hütte, wie Chester fand, aber das zusätzliche Feuer störte ihn nicht. Es lenkte ihn davon ab, allzu offensichtlich zur Tür zu sehen.
      Sie hatte ihm eine seiner Decken um die Schultern gelegt in einer gar fürsorglichen Geste, bei der sein Herz verräterisch gezuckt hatte, und dann hatte sie ihm gesagt, dass sie gleich wiederkommen würde.
      Also saß er jetzt dort und tat etwas, worin er sehr gut war: Er wartete. Unbewegt. Regungslos. Dem Feuer zugewandt und dem Knistern der Holzscheite lauschend. Darauf wartend, ob Theresa wirklich wiederkommen würde.
      Oder ob sie jemanden mitbringen würde. Ob sie die Tür öffnen und ihn preisgeben würde. Ob sie ihn herausjagen und doch noch Brandon zum Fraß vorwerfen würde. Ob sie ihn verraten würde.
      Es fröstelte ihn und mit einem Mal war er in dem leeren Wagen doch froh um das Feuer, das sie ihm hinterlassen hatte. Trotzdem sah er immer mal wieder zur Tür und dem Schlüssel, der gut sichtbar daneben hing.
      Als er dann Schritte auf den Stufen hörte und die Tür sich einen Spalt breit öffnete, versteifte er sich trotzdem. Sein Blick schoss zu dem Tageslicht, das hineinflutete und einen Schatten mit sich brachte, der größer und größer wurde. Oder zwei Schatten? Gar mehrere? Chester starrte mit klopfendem Herzen.
      "Nicht erschrecken. Ich bin's..."
      Theresas Stimme erklang und einen Augenblick später schlüpfte sie auch schon hinein. Chester sah den Spalt hinter ihr an, aber da schloss sie auch schon die Tür und sperrte jede weitere Gefahr nach draußen. Erst da konnte er sich wieder ein wenig entspannen.
      Sie hatte einen Korb dabei, den sie auf dem Boden abstellte, und einen Sack, den sie auf ihrem Bett ablegte. Dabei erwähnte sie ganz beiläufig, dass sie beim Arzt gewesen war.
      Chester nickte bekräftigend. Es hätte ihn vielleicht beunruhigen können, dass sie mit den Menschen dort draußen in Kontakt gewesen war, aber er hatte ihr schließlich selbst aufgetragen, ihren Knöchel untersuchen zu lassen. Und solange es wirklich nur um ihren Knöchel gegangen war, war es ja gut.
      "Liam soll dich freistellen. Deinen Wochenlohn bekommst du trotzdem, mach dir keine Sorgen."
      Dafür schenkte sie ihm ein kleines Lächeln. Chester betrachtete dieses sanfte, nichtige Geschenk und gab es ihr in einem ebenso kleinen Lächeln zurück.
      "Okay. Was zuerst? Frische Kleidung? Ich befürchte wir - und ich sag es nur ungerne - wir stinken."
      Chester blinzelte und sah an sich hinab. Er trug schon seit Tagen dieselbe Kleidung, die aber nicht viel mehr durchgestanden hatte als die Kälte draußen. Außerdem hatte er seine Decke, die auf dem Boden und überall gelegen waren. Seine Haare waren strähnig und er war immerhin zweimal gestorben. Ja, er war wohl nicht unbedingt der gute Geruch in Person. Und Theresa hatte auch noch schmutzige Schliere in ihrem Gesicht. ... Chester auch? Er hatte keinen Spiegel parat.
      "Ich war in deinem Zelt, entschuldige. Aber ich dachte...du gerne etwas von deinen eigenen Sachen."
      Da sah er auf den Beutel auf ihrem Bett. Eigentlich machte es ihm nichts, dass sie in seinem Zelt gewesen war. Es gab schließlich nichts bedenkliches, was für die Öffentlichkeit erreichbar gewesen wäre.
      Er öffnete den Mund, um zu antworten, aber sie kam ihm zuvor.
      "Oder Frühstück? Wir haben Tee, Brote, etwas Obst...oder lieber was Warmes?"
      Frühstück. Frühstück. Sein Blick sprang zu dem Korb hinab und sein Magen meldete sich auf Kommando. Im Gegenzug meldete sich Theresas Magen als Antwort.
      Damit war es doch entschieden.
      "Frühstück klingt gut. Danach... mal sehen."
      Theresa könnte natürlich für ein Bad ins Gemeinschaftszelt gehen, aber Chester nicht. Und wenn sie ihm einen Zuber brachte, würde er ein schlechtes Gewissen wegen ihrem Knöchel haben. Und wenn andere den Zuber brachten -
      Darüber dachte er lieber gar nicht erst weiter. Er streifte sich ein wenig die Decke von den Schultern und begann, vom Korb auf den Tisch auszupacken. Theresa hatte viel mehr ergattern können, was er jede Nacht aus der Küche gestohlen hatte, worüber er sich nicht beschweren wollte. So wie es aussah, hatte sie nichtmal aus der Küche geklaut. Auch besser als sein Vorgehen.
      Das Wasser kochte sie bereits auf und ein paar Minuten später hatten sie zwei dampfende Tassen Tee in der Hand, an der sie sich die Hände wärmen konnte. Chester teilte die Beute unter ihnen auf; er selbst blieb auf dem Stuhl sitzen und Theresa setzte sich auf den Rand ihres Bettes. Sie rückten den Tisch ein wenig zurecht, damit sie beide darauf zugreifen können.
      Chester mampfte schon bald zufriedener an den Nussplätzchen. Jetzt war es schon fast gemütlich im Wagen.
      "Wie... wie sieht es draußen aus?"
    • Um den Lohn machte sich Tessa nun wirklich keine Gedanken. Wenn sie ehrlich war, hatte sie bisher auch nicht wirklich Gelegenheit dazu gehabt, überhaupt etwas von dem Geld auszugeben. Bis in die Stadt kam sie noch nicht und innerhalb des kleinen Kosmos des Zirkus Magica, brauchte sie es auch nicht. Davon zeugte auch die Leere in den Regalen und Schränken des Wohnwagens. Da sie immer mit dem absoluten Minimum ausgekommen war, wusste sie auch gar nicht so recht etwas mit einem vollen Geldbeutel anzufangen. Sie lächelte trotzdem, weil der Punkt Chester wohl irgendwie wichtig war.
      "Frühstück klingt gut. Danach... mal sehen."
      Die leeren Bäuche und das ungeduldige Knurren fällten die Entscheidung und das war Tessa ganz recht.
      "Gut. Ich bin am verhungern...", antwortete sie und verzog augenblicklich das Gesicht. Murmelnd schob sie eine Entschuldigung hinterher.
      Das Teewasser war über dem Ofen schnell erhitzt und es dauerte nicht lange, da roch es ganz heimelig und angenehm nach frischen Kräutern und einem Hauch von Zitrusfrucht in der Luft. Bis alles zurecht gerückt war, hatte Chester auch schon ihre Ausbeute auf dem Tisch ausgebreitet. Tessa schob die mitgebrachte Kleidung ein wenig zur Seite und seufzte leise, als sie endlich wieder saß und kein Gewicht mehr auf ihrem Knöchel lastete. Sie stibitzte sich die Hälfte eines Sandwiches und biss herzhaft hinein. Wieder seufzte sie, dieses Mal hörbar glücklich über das Frühstück, und verschlang das Brot in wenigen Bissen. Die Angewohnheit, ihr essen geradezu herunter zu schlingen, hatte sie sich noch nicht abgewöhnen können. Der Gedanke, das sie nie wissen konnte, wann sie die nächste Mahlzeit bekam und ob ihr nicht doch ein anderer Dieb ihre Beute streitig machen würde, war noch zu sehr verankert.
      Erst als Chester ihr einen fragenden Blick zu warf, legte sie die zweite Hälfte zurück und trank einen Schluck von dem dampfenden Tee.
      Der erste Hunger war gestillt und in den nächsten Minuten bemühte sie sich langsamer zu essen um das Frühstück wirklich zu genießen. Sie schmunzelte dabei. Es lag an Chester, der zufrieden auf den Nussplätzchen kaute. Die Normalität, die mit dieser simplen Handlung verbunden war, linderte auch die Unruhe in Tessa. Es war dasselbe Gefühl, dass sie direkt nach dem Aufwachen überkommen hatte. Es war so einfach sich eine andere Welt da draußen vorzustellen.
      "Wie... wie sieht es draußen aus?"
      Tessa blinzelte und nestelte mit den Fingerspitzen am Henkel der Tasse herum.
      "Es ist ruhig geworden", fing sie an zu erzählen. "Fast alle waren beim Frühstück und es war alles sehr...normal? Ich glaube Brandon und seinen Leuten ist die Luft ausgegangen. Ich habe ein paar von ihnen auf dem Weg sogar ganz normal zu ihrer Arbeit gehen sehen."
      Sie sah Chester mit schief gelegtem Kopf an.
      "Eigentlich ist es gar nicht mehr so schlimm wie du denkst. Ich weiß nicht, was du dir vorstellst, aber da draußen wartet kein wütender Mob mit Mistgabeln und Fackeln auf dich."
      Einen Bissen von ihrem Sandwich später musterte sie ihn mit zurückhaltender Neugierde, aber vor allem mit dem zarten Wunsch ihn zu verstehen. Sie wusste aus seinem Tagebuch, dass sie Chester weggeschlossen hatten. Sie hatten ihn sich selbst überlassen für eine lange, lange Zeit. Aber, was sie gelesen hatte, spiegelte nur einen Bruchteil wieder. Es war eine verblichene Momentaufnahme.
      Tessa dachte daran, was er, zitternd vor Kälte und immer noch zu blass im Gesicht, in seinem Versteck zu ihr gesagt hatte.
      "Was ist damals passiert?", fragte sie vorsichtig. In einem unverbindlichen, sanften Tonfall, damit er wusste, dass er auch Nein sagen konnte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester ließ sich Theresas Erzählung sehr genau durch den Kopf gehen, jede Einzelheit davon. Es war also ruhig draußen und alles andere als ins völlige Chaos gestürzt; fast war es sogar nur, als wäre lediglich Chester für ein paar Tage verhindert und nicht etwa das Ziel einer Hetzjagd. Anscheinend hatte Theresa nicht so weit gedacht, denn sie berichtete mit fast sorgloser Stimme, dass keine ganze Gruppe mit Fackeln und Mistgabeln zwischen den Wagen umher zog, um nach ihm zu suchen. Ganz anscheinend bemerkte sie aber ihren Fehler an dem intensiven Starren, das ihrer Aussage folgte und unter dem sie ein wenig einzugehen schien. Danach bestätigte sie Chester ernsthafter, dass wirklich kein Mob draußen herumlief. Erst dann nahm er sein Kauen wieder langsam auf. Für einen Moment hatte er doch wirklich Angst gehabt, dass dieses Zeitalter wieder angebrochen wäre.
      “Was ist damals passiert?”, schob sie genauso vorsichtig hinterher und Chester musste blinzeln.
      Welches damals?
      Das brachte nun wiederum Theresa ein bisschen aus dem Konzept, die vielleicht gedacht hatte, in diesem Zirkus hätte es nur einmal einen Aufstand gegeben. Dass ein Mob mit Fackeln und eingesperrt zu sein zwei verschiedene Ereignisse waren, das dämmerte ihr wohl jetzt erst.
      Chester legte sein angebissenes Plätzchen langsam auf einen Pappteller zurück. Es gab durchaus ein paar Geheimnisse, die er gut behütete, aber Aufstände waren keine davon. Er würde sein Versagen zwar nicht im ganzen Zirkus herumposaunen, aber wenn Theresa ihn so vorsichtig danach fragte, würde er ihr auch eine vorsichtige Antwort geben.
      Meistens geht es eigentlich gleich zu: Erst finden sich die Leute zusammen, die unzufrieden sind, und dann laufen sie vor meinem Zelt auf. Das ist schon mit Fackeln passiert und mit Mistgabeln und sogar mit beidem. Sie überlegen sich dann was und entweder, sie wollen erstmal nur reden, oder sie wollen gleich Gerechtigkeit. Ich wurde schon von Steinen aufgeweckt oder von einem Feuer in meinem Zelt oder einfach nur von jemandem, der mich nach draußen holen wollte. Meistens bin ich nach draußen gegangen, manchmal habe ich mich lieber verzogen. Ich bin unsterblich, aber nicht unendlich kräftig. Es braucht genauso viele Leute, um mich festzuhalten, wie es sie auch für einen normalen Mann braucht. Oder eine Frau.
      Chesters Stimme war nicht gleichgültig, aber resigniert. Geschichte war für ihn nicht nur Geschichte, sondern Fehler, aus denen er lernen musste. Und er hatte aus ihnen gelernt, aber manchmal zeigte sich eben, dass sie sich doch wiederholten. Daran konnte auch er nichts ändern.
      Er musterte das angebissene Plätzchen vor sich.
      Ich wurde auch manchmal eingesperrt, meistens in Wägen wie diesen, weil man sie abschließen kann. Einmal hat man mich ins Löwengehege gesperrt, aber das ist eine andere Geschichte. Und einmal…
      Er wurde ein bisschen nervös, knetete unter dem Tisch seine Hände. Es lag vermutlich daran, dass die Erinnerung noch so frisch war, dass sie nicht vergraut und verblasst und in den meisten Fällen sogar ganz verschwunden war wie der ganze Rest. Dass er sich noch an all die Farben, Formen und Gerüche erinnern konnte, an die Menschen. An seine Tode.
      ... Sie haben einen der fahrbaren Käfige für die Löwen umgebaut, damit er nur halb so hoch war. Ich konnte mich reinsetzen und mich hinlegen, aber nicht stehen. Da sollte ich mir überlegen, was ich ihnen sagen sollte. Sie waren mit… meinen Aussagen unzufrieden gewesen. Dabei habe ich mich nur an der Wahrheit versucht.”
      Sein Blick glitt zur Seite weg, in die Ferne. In die Vergangenheit.
      Morgens und abends haben sie mich zum Kantinenzelt geschoben, wo ich gestanden bin, bis sie mit essen fertig waren. Mir haben sie nie was abgegeben, ich muss immerhin nicht essen. Ein paar Mal hat es geregnet, aber verdurstet bin ich trotzdem, glaube ich. Vielleicht sogar zweimal.
      Mittags stand ich neben dem Komposthaufen und geschlafen habe ich beim Zirkuseingang. Sie hätten mich auch weiter rausschieben können, aber wenn ich zu weit draußen bin, dann… äh…
      Er blinzelte. Schüttelte den Kopf. Sah Theresa kurz an und dann doch wieder weg.
      Ich mag es einfach nicht, eingesperrt zu sein. Aber ich mag es noch viel weniger, vor anderen Leuten zu sterben.
      Seine Stimme wurde ganz leise, wie ein Geständnis. Bis er fast nur noch flüsterte.
      Ich weiß dann nie, wo ich bin, wenn ich aufwache. Oder was mit mir gemacht wurde, während ich weg war.

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    • Vorsichtig stellte Tessa die halb geleerte Teetasse ab damit ihr das Porzellan nicht aus den bebenden Fingern glitt. Damit Chester gar nicht erst bemerkte wie stark ihre Finger zitterten. Es wurde mit jedem Wort schlimmer und es waren viele Wörter, die in der behaglichen Wärme ihres kleinen Wagens gesprochen wurden. Wörter, die Tessa das Fürchten lehrten und vor Augen führten, zu welchen Grausamkeiten verzweifelte Menschen fähig waren:
      Sie hatten Feuer gelegt während Chester schlief. Ihn mit Steinen beworfen und verschleppt, ihn verhungern und verdursten lassen. Sie hatten ihn vorgeführt und gedemütigt, eingesperrt in einem Gefängnis, dass selbst für Tiere eine Qual gewesen wäre. Und das hatten sie aus Chester gemacht.
      Eine Zirkusattraktion, auf die jeder mit dem Finger zeigen konnte.
      Der Mann, der niemals starb.
      Tessa sah, wie Chester kaum wagte ihr in die Augen zusehen.
      Sie hatten ihn gefoltert.
      Unter dem Tisch hakte Tessa ihren unverletzten Fuß um seinen Knöchel um zu verdeutlichen, dass sie für Chester da war. Vielleicht war es auch ihre Art seine Aufmerksamkeit in die Gegenwart zurückzuholen, als sein Blick ganz fürchterlich leer wurde und sich an eine Zeit erinnerte, in der Tessa noch nicht einmal geboren war. Sie blinzelte hektisch und kämpfte gegen das Brennen in ihren Augen.
      „Ich verstehe nicht, wie Menschen so sein können…“ murmelte Tessa.
      Mit gesenktem Blick schniefte Tessa dann doch und rieb sich mit dem Rücken ihres Zeigefingers über die Nasenspitze.
      „…Sie hätten mich auch weiter rausschieben können, aber, wenn ich zu weit draußen bin, dann… äh…
      Sie spürte seinen Blick, doch als sie wieder aufsah, hatte Chester seinen Kopf zur Seite gewandt.
      Der Mann wirkte ertappt, als hätte fast ein wichtiges Geheimnis verraten.
      War Chester am Ende genauso an diesen Ort gebunden wie sie alle? Verließ er den Zirkus deshalb nie?
      Tessa hatte angenommen, dass er der Einzige war, dem keine Grenze gesetzt war.
      Immerhin war der Zirkus Magica sein Zirkus. Oder?
      Ich mag es einfach nicht, eingesperrt zu sein. Aber ich mag es noch viel weniger, vor anderen Leuten zu sterben.
      Tessa schluckte.
      Ich weiß dann nie, wo ich bin, wenn ich aufwache. Oder was mit mir gemacht wurde, während ich weg war.
      „Chester“, sagte sie mit ganz wackeligen Silben. „Ich möchte, dass du weißt, dass ich niemals – wirklich niemals – so etwas tun würde.
      Egal wie wütend, enttäuscht oder traurig ich bin. Ich würde so etwas niemals einem anderen Menschen antun oder dabei helfen und es tut mir so, so leid, dass du all das durchmachen musstest. Das ist keine Art ein Problem zu lösen.“
      Erschrocken schnappte sie nach Luft und hob zu ihrer Verteidigung die Hände.
      „Nein, warte. Ich meinte es n-nicht so, w-wie es sich anhörte“, stotterte sie. „Du bist kein Problem…argh. Ich bin wirklich nicht gut in sowas, oder? Reden, meine ich. Was ich eigentlich sagen wollte ist: Ich bin nicht wie die.“
      Sie versuchte sich an einem unsicheren Lächeln.
      „Für was es auch gut sein mag, wie viel die meine Worte auch wert sind, - nach allem, was du erzählt hast, kann ich verstehen, dass du niemandem traust - aber du bist hier sicher. Mit mir.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Theresa brachte Chester dazu aufzusehen. Er sah die junge Frau an, die ihn ihrerseits mit so großen Augen betrachtete, dass er sich schon fast selbst darin hätte spiegeln sehen können. Sie waren gläsern und wässrig und als Theresa sprach, war ihre Stimme ganz belegt. Von ehrlicher, unbeschreibbarer Trauer.
      "Ich würde so etwas niemals einem anderen Menschen antun oder dabei helfen und es tut mir so, so leid, dass du all das durchmachen musstest. Das ist keine Art ein Problem zu lösen."
      Und er wollte ihr glauben, das wollte er wirklich, entgegen aller Vernunft, entgegen aller Erfahrungen, die er bisher gemacht hatte. Wie einfach und verlockend es wirkte, ihr sein uneingeschränktes Vertrauen zu schenken. Wie schön.
      Sie dachte aber doch wohl nicht etwa, dass er ein Problem war. Oder?
      "Nein, warte. Ich meinte es n-nicht so, w-wie es sich anhörte. Du bist kein Problem…argh."
      Er zog eine Augenbraue hoch.
      "Ich bin wirklich nicht gut in sowas, oder? Reden, meine ich."
      Und da lächelte er, klein aber fein. Nicht um sie abzulenken oder um sich dahinter zu verstecken, sondern einfach, weil er den Augenblick plötzlich genoss. So, wie sie in diesem kleinen Wagen saßen und ihr Frühstück aßen, wie Chester erzählte, dass in einem unsterblichen Zirkus mehr Dinge geschahen als nur Zauberei und wie Theresa sich so große Mühe dabei gab, ihn zu trösten. Ihn. Chester brauchte keinen Trost - aber er wollte ihn.
      "Was ich eigentlich sagen wollte ist: Ich bin nicht wie die. Für was es auch gut sein mag, wie viel dir meine Worte auch wert sind, - nach allem, was du erzählt hast, kann ich verstehen, dass du niemandem traust - aber du bist hier sicher. Mit mir."
      Da kam ein leichtes, unsicheres Lächeln zu ihm zurück.
      "Ich glaube dir."
      Chester überraschte sich vielleicht auch ein bisschen selbst damit, wie sicher es ihm über die Lippen kam. Aber er musste nur an die Stimme denken, daran, dass sie ihn ins Nichts begleitet hatte, um sich selbst davon zu überzeugen. Wenn es jemanden in diesem Zirkus gab, bei dem er sicher war, dann Theresa. Gerade eine Theresa.
      "Es gibt keinen anderen, dem ich so etwas erzählt hätte. Du bist anders. Ich weiß nicht, ob ich es..."
      Er verstummte langsam und neigte den Kopf. Etwa eine Sekunde verging, dann...
      Ein Geräusch. Knirschen im Schnee. Knarzen einer Stufe.
      Klopfen an der Tür. Chester erstarrte ein wenig.
      "Theresa?"
      Liam. Die Erkenntnis machte es für Chester ein wenig leichter.
      "Bist du da? Ich wollte mit dir über die Tiere reden. Weil, Brandon, äh, verweigert ja ein bisschen und Jamie kommt mit dem Schnee nicht gut zurecht. Kann ich reinkommen?"
      Und Chester nickte Theresa ganz vorsichtig zu.