Tessa war auf den Anblick des aufgebahrten Sarges nicht vorbereitet gewesen. Die Endgültigkeit, die mit diesem seelenlosen Gegenstand verbunden war, drohte ihr den Boden unter den Füßen wegzureißen. Darin lag alles, was von dem Menschen übrig war, der Toby einmal gewesen war. Ein Körper, der ebenso seelenlos war, wie das Holz, das ihn nun umgab. Neben ihr schluchzte Eleonore herzzerreißend und Tessa drückte ihren Arm mit einer tröstlichen Geste, die einen Eindruck von Stärke vermittelte, den die junge Frau eigentlich gerade nichts besaß. Sie dachte an Rosie, die in einem kalten Grab verrottete und ebenso wie Toby, nie wieder Lachen würde. Tessa bereute, dass sie nie die Chance bekommen würde, Toby besser kennenzulernen. Sie bereute, ihn nie in seinen guten Zeiten erlebt zu haben und vermisste einen Menschen, dem sie nie begegnet war und auf den sie in seltenen Augenblicken nur einen kurzen Blick erhascht hatte. Aber ihr fehlte auch der Toby, der seine schlechten Augenblicke nicht versteckt hatte. Den Toby, der sie mit seinem intelligenten und charmanten Witz trotz Allem zum Lachen gebracht hatte.
Schweigend reihte sie sich in die Menschen ein und suchte sich einen Platz auf den Stühlen zwischen Ella und Malia. Viele Plätze blieben verwaist. Zu viele. Flüchtig sah sie zu der Akrobatin herüber, deren Miene wie versteinert wirkte. Sie weinte nicht, aber es war die Art wie sich ihre Kiefer anspannten, an der Tessa merkte, dass es in der Frau unaufhörlich arbeitete. Als Chester das Wort erhob wurde es noch stille im Bestattungszelt und seine Gefasstheit erschreckte Tessa.
Andächtig lauschten alle Anwesenden seinen Worten bis Brandon völlig unerwartet die Stille durchbrach. Empört und zornig richtete er das Wort an Chester und Tessa zuckte auf ihrem Stuhl zusammen. Sie mochte den Mann nicht, aber sie empfand trotzdem Mitgefühl mit ihm. Brandon hatte seinen wohl besten Freund verloren und die Wut darüber konnte sie ihm nicht verübeln. Es waren seine Worte, die sie noch mehr erschreckten als alles andere. Vorwürfe wurden in Richtung von Chester geschleudert, der alles mit würdevoller Gefasstheit ertrug. Tessa verspürte einen Stich in ihrer Brust. Egal wie gefasst sich Chester gab, sie hatte mit eigenen Augen gesehen, dass ihm der Verlust von Toby nicht egal gewesen war. Außer ihr wusste das niemand, auch wenn Chester alles dafür tat, damit Tessa diesen erschütternden Moment vergaß.
"...Du hättest es aufhalten können! Scheiß auf dein "wir reden nicht von was wäre wenn", denn wir hätten echt nichts tun können - aber du hättest ihn von deiner scheiß Uhr erlösen können!"
Jetzt sah auch Tessa wie viele der unzähligen Augenpaare zu Chester auf. Sie dachte an die Geschichte der anderen Theresa zurück und fragte sich bestürzt, ob es wirklich in Chesters Macht lag, sie alle von dem Fluch zu entbinden. Hatte er die einzige Chance verspielt, das Leben von Toby zu retten? Warum? Aus dem selbstsüchtigen Wunsch keines seiner kostbaren Jahre der Ewigkeit zu opfern? Ihre Finger krümmten sich um das Bündel in ihrem Schoß bis die Knöchel weiß unter der Haut hervortraten. Warum hatte er nichts unternommen? Kamen ihm ihre flüchtigen, sterblichen Leben bereits so unbedeutend vor, dass er nichts unternahm? Was machte es schon im Angesicht der Unsterblichkeit wenn ein Menschenleben 10, 20 oder 30 Jahre zu früh endete?
Aber sie erinnerte sich an seine Tränen, an das beklagenswerte Schluchzen und wie seine Schultern gezittert hatten.
Nein, das passte nicht zusammen.
"Das geht nicht und das weißt du."
"Geht es nicht oder willst du nicht?! Wie viele müssen noch sterben, bis du den Fluch aufhebst?! Wie viele von uns wirst du noch als Kanonenfutter verwenden, um die nächsten Jahre zu überbrücken?! Toby wollte, dass du die scheiß Uhr zerstörst! Das war sein einziger Wunsch gewesen! Also tu es, Chester! Sei ein Mann und tu es endlich!"
Diese Frage hatte sich wohl jeder von ihnen schon einmal gestellt, egal welche Gründe sie in Chesters Arme und den Zirkus Magica getrieben hatten. Zwei Stühle weiter sah Owl wie die Meisten betreten zu Boden.
"Geht es nicht oder willst du nicht?!"
Und jetzt war genau diese Frage unwiderruflich mit dem tragischen Ende von Toby verknüpft.
Das Feuer loderte hell in den Nachthimmel. Es brannte noch immer als der Platz um den Scheiterhaufen bereits menschenleer war.
Fast leer.
Tessa stand alleine am Feuer als alle anderen bereits gegangen waren und betrachtete hypnotisiert die Flammen, die nun nicht mehr ganz so hoch schlugen. Ein seichte und kühle Brise wirbelte die Asche, die sich am Rand des verbrannten Scheiterhaufens sammelte, durch die Luft wie graue Schneeflocken, die sich wie ein Schleier über die weiße Schneedecke legten. Holz und Fleisch waren bereits in der gleißenden Hitze verglüht und Tessa wohnte dem letzten Aufleuchten bei, dass Toby dieser Welt schenkte. Jetzt, da die Flammen niedriger brannten, war die Hitze erträglicher, als Tessa sich langsam dem Feuer näherte.
Sie betrachtete das Bündel in ihren Händen und schlug bedächtig den dunklen Stoff zurück. Mit der zitternden Hand fuhr sie über den abgegriffen Einband des Buches. Die Fingerspitzen erfühlten die geprägten Buchstaben, die angeschlagene Ecke des Ledereinbandes in der rechten, oberen Ecke. Sie hob das Buch ein wenig höher und ließ die Seiten durch ihre Finger gleiten. Der Geruch von bedrucktem Papier erreichte sie selbst durch die Noten von Asche und verbanntem Holz in der Luft.
Tessa ging in die Hocke.
"Erinnerst du dich noch daran, was Alice die Grinsekatze gefragt hat? 'Bitte sag mir, wie ich von hier aus weitergehen soll?'", wisperte Tessa und ihre Worte vermischten sich mit dem Knistern der Glut. "Weißt du die Antwort noch? Die Katze sagte: 'Das hängst zum großen Teil davon ab, wohin du möchtest.' Ich glaube, ich weiß jetzt, wohin ich gehen muss."
Sie betrachtete noch einmal den Einband von 'Alice im Wunderland' und lächelte traurig und gleichzeitig entschlossen.
"Ich verspreche dir, dass ich einen Weg finde, um den Fluch zu brechen."
Ein zittriger Atemzug rüttelte an ihren Schultern.
"Auch, wenn es für dich zu spät war. Ich verspreche dir, dass das alles hier endet."
Dann warf sie das Buch ins Feuer und sah zu, wie die Flammen Papier und Leder verschlangen.
Schweigend reihte sie sich in die Menschen ein und suchte sich einen Platz auf den Stühlen zwischen Ella und Malia. Viele Plätze blieben verwaist. Zu viele. Flüchtig sah sie zu der Akrobatin herüber, deren Miene wie versteinert wirkte. Sie weinte nicht, aber es war die Art wie sich ihre Kiefer anspannten, an der Tessa merkte, dass es in der Frau unaufhörlich arbeitete. Als Chester das Wort erhob wurde es noch stille im Bestattungszelt und seine Gefasstheit erschreckte Tessa.
Andächtig lauschten alle Anwesenden seinen Worten bis Brandon völlig unerwartet die Stille durchbrach. Empört und zornig richtete er das Wort an Chester und Tessa zuckte auf ihrem Stuhl zusammen. Sie mochte den Mann nicht, aber sie empfand trotzdem Mitgefühl mit ihm. Brandon hatte seinen wohl besten Freund verloren und die Wut darüber konnte sie ihm nicht verübeln. Es waren seine Worte, die sie noch mehr erschreckten als alles andere. Vorwürfe wurden in Richtung von Chester geschleudert, der alles mit würdevoller Gefasstheit ertrug. Tessa verspürte einen Stich in ihrer Brust. Egal wie gefasst sich Chester gab, sie hatte mit eigenen Augen gesehen, dass ihm der Verlust von Toby nicht egal gewesen war. Außer ihr wusste das niemand, auch wenn Chester alles dafür tat, damit Tessa diesen erschütternden Moment vergaß.
"...Du hättest es aufhalten können! Scheiß auf dein "wir reden nicht von was wäre wenn", denn wir hätten echt nichts tun können - aber du hättest ihn von deiner scheiß Uhr erlösen können!"
Jetzt sah auch Tessa wie viele der unzähligen Augenpaare zu Chester auf. Sie dachte an die Geschichte der anderen Theresa zurück und fragte sich bestürzt, ob es wirklich in Chesters Macht lag, sie alle von dem Fluch zu entbinden. Hatte er die einzige Chance verspielt, das Leben von Toby zu retten? Warum? Aus dem selbstsüchtigen Wunsch keines seiner kostbaren Jahre der Ewigkeit zu opfern? Ihre Finger krümmten sich um das Bündel in ihrem Schoß bis die Knöchel weiß unter der Haut hervortraten. Warum hatte er nichts unternommen? Kamen ihm ihre flüchtigen, sterblichen Leben bereits so unbedeutend vor, dass er nichts unternahm? Was machte es schon im Angesicht der Unsterblichkeit wenn ein Menschenleben 10, 20 oder 30 Jahre zu früh endete?
Aber sie erinnerte sich an seine Tränen, an das beklagenswerte Schluchzen und wie seine Schultern gezittert hatten.
Nein, das passte nicht zusammen.
"Das geht nicht und das weißt du."
"Geht es nicht oder willst du nicht?! Wie viele müssen noch sterben, bis du den Fluch aufhebst?! Wie viele von uns wirst du noch als Kanonenfutter verwenden, um die nächsten Jahre zu überbrücken?! Toby wollte, dass du die scheiß Uhr zerstörst! Das war sein einziger Wunsch gewesen! Also tu es, Chester! Sei ein Mann und tu es endlich!"
Diese Frage hatte sich wohl jeder von ihnen schon einmal gestellt, egal welche Gründe sie in Chesters Arme und den Zirkus Magica getrieben hatten. Zwei Stühle weiter sah Owl wie die Meisten betreten zu Boden.
"Geht es nicht oder willst du nicht?!"
Und jetzt war genau diese Frage unwiderruflich mit dem tragischen Ende von Toby verknüpft.
Das Feuer loderte hell in den Nachthimmel. Es brannte noch immer als der Platz um den Scheiterhaufen bereits menschenleer war.
Fast leer.
Tessa stand alleine am Feuer als alle anderen bereits gegangen waren und betrachtete hypnotisiert die Flammen, die nun nicht mehr ganz so hoch schlugen. Ein seichte und kühle Brise wirbelte die Asche, die sich am Rand des verbrannten Scheiterhaufens sammelte, durch die Luft wie graue Schneeflocken, die sich wie ein Schleier über die weiße Schneedecke legten. Holz und Fleisch waren bereits in der gleißenden Hitze verglüht und Tessa wohnte dem letzten Aufleuchten bei, dass Toby dieser Welt schenkte. Jetzt, da die Flammen niedriger brannten, war die Hitze erträglicher, als Tessa sich langsam dem Feuer näherte.
Sie betrachtete das Bündel in ihren Händen und schlug bedächtig den dunklen Stoff zurück. Mit der zitternden Hand fuhr sie über den abgegriffen Einband des Buches. Die Fingerspitzen erfühlten die geprägten Buchstaben, die angeschlagene Ecke des Ledereinbandes in der rechten, oberen Ecke. Sie hob das Buch ein wenig höher und ließ die Seiten durch ihre Finger gleiten. Der Geruch von bedrucktem Papier erreichte sie selbst durch die Noten von Asche und verbanntem Holz in der Luft.
Tessa ging in die Hocke.
"Erinnerst du dich noch daran, was Alice die Grinsekatze gefragt hat? 'Bitte sag mir, wie ich von hier aus weitergehen soll?'", wisperte Tessa und ihre Worte vermischten sich mit dem Knistern der Glut. "Weißt du die Antwort noch? Die Katze sagte: 'Das hängst zum großen Teil davon ab, wohin du möchtest.' Ich glaube, ich weiß jetzt, wohin ich gehen muss."
Sie betrachtete noch einmal den Einband von 'Alice im Wunderland' und lächelte traurig und gleichzeitig entschlossen.
"Ich verspreche dir, dass ich einen Weg finde, um den Fluch zu brechen."
Ein zittriger Atemzug rüttelte an ihren Schultern.
"Auch, wenn es für dich zu spät war. Ich verspreche dir, dass das alles hier endet."
Dann warf sie das Buch ins Feuer und sah zu, wie die Flammen Papier und Leder verschlangen.
“We all change, when you think about it.
We’re all different people all through our lives.
And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
so long as you remember all the people that you used to be.”
We’re all different people all through our lives.
And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
so long as you remember all the people that you used to be.”
