Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • Tessa war auf den Anblick des aufgebahrten Sarges nicht vorbereitet gewesen. Die Endgültigkeit, die mit diesem seelenlosen Gegenstand verbunden war, drohte ihr den Boden unter den Füßen wegzureißen. Darin lag alles, was von dem Menschen übrig war, der Toby einmal gewesen war. Ein Körper, der ebenso seelenlos war, wie das Holz, das ihn nun umgab. Neben ihr schluchzte Eleonore herzzerreißend und Tessa drückte ihren Arm mit einer tröstlichen Geste, die einen Eindruck von Stärke vermittelte, den die junge Frau eigentlich gerade nichts besaß. Sie dachte an Rosie, die in einem kalten Grab verrottete und ebenso wie Toby, nie wieder Lachen würde. Tessa bereute, dass sie nie die Chance bekommen würde, Toby besser kennenzulernen. Sie bereute, ihn nie in seinen guten Zeiten erlebt zu haben und vermisste einen Menschen, dem sie nie begegnet war und auf den sie in seltenen Augenblicken nur einen kurzen Blick erhascht hatte. Aber ihr fehlte auch der Toby, der seine schlechten Augenblicke nicht versteckt hatte. Den Toby, der sie mit seinem intelligenten und charmanten Witz trotz Allem zum Lachen gebracht hatte.
      Schweigend reihte sie sich in die Menschen ein und suchte sich einen Platz auf den Stühlen zwischen Ella und Malia. Viele Plätze blieben verwaist. Zu viele. Flüchtig sah sie zu der Akrobatin herüber, deren Miene wie versteinert wirkte. Sie weinte nicht, aber es war die Art wie sich ihre Kiefer anspannten, an der Tessa merkte, dass es in der Frau unaufhörlich arbeitete. Als Chester das Wort erhob wurde es noch stille im Bestattungszelt und seine Gefasstheit erschreckte Tessa.
      Andächtig lauschten alle Anwesenden seinen Worten bis Brandon völlig unerwartet die Stille durchbrach. Empört und zornig richtete er das Wort an Chester und Tessa zuckte auf ihrem Stuhl zusammen. Sie mochte den Mann nicht, aber sie empfand trotzdem Mitgefühl mit ihm. Brandon hatte seinen wohl besten Freund verloren und die Wut darüber konnte sie ihm nicht verübeln. Es waren seine Worte, die sie noch mehr erschreckten als alles andere. Vorwürfe wurden in Richtung von Chester geschleudert, der alles mit würdevoller Gefasstheit ertrug. Tessa verspürte einen Stich in ihrer Brust. Egal wie gefasst sich Chester gab, sie hatte mit eigenen Augen gesehen, dass ihm der Verlust von Toby nicht egal gewesen war. Außer ihr wusste das niemand, auch wenn Chester alles dafür tat, damit Tessa diesen erschütternden Moment vergaß.
      "...Du hättest es aufhalten können! Scheiß auf dein "wir reden nicht von was wäre wenn", denn wir hätten echt nichts tun können - aber du hättest ihn von deiner scheiß Uhr erlösen können!"
      Jetzt sah auch Tessa wie viele der unzähligen Augenpaare zu Chester auf. Sie dachte an die Geschichte der anderen Theresa zurück und fragte sich bestürzt, ob es wirklich in Chesters Macht lag, sie alle von dem Fluch zu entbinden. Hatte er die einzige Chance verspielt, das Leben von Toby zu retten? Warum? Aus dem selbstsüchtigen Wunsch keines seiner kostbaren Jahre der Ewigkeit zu opfern? Ihre Finger krümmten sich um das Bündel in ihrem Schoß bis die Knöchel weiß unter der Haut hervortraten. Warum hatte er nichts unternommen? Kamen ihm ihre flüchtigen, sterblichen Leben bereits so unbedeutend vor, dass er nichts unternahm? Was machte es schon im Angesicht der Unsterblichkeit wenn ein Menschenleben 10, 20 oder 30 Jahre zu früh endete?
      Aber sie erinnerte sich an seine Tränen, an das beklagenswerte Schluchzen und wie seine Schultern gezittert hatten.
      Nein, das passte nicht zusammen.
      "Das geht nicht und das weißt du."
      "Geht es nicht oder willst du nicht?! Wie viele müssen noch sterben, bis du den Fluch aufhebst?! Wie viele von uns wirst du noch als Kanonenfutter verwenden, um die nächsten Jahre zu überbrücken?! Toby wollte, dass du die scheiß Uhr zerstörst! Das war sein einziger Wunsch gewesen! Also tu es, Chester! Sei ein Mann und tu es endlich!"
      Diese Frage hatte sich wohl jeder von ihnen schon einmal gestellt, egal welche Gründe sie in Chesters Arme und den Zirkus Magica getrieben hatten. Zwei Stühle weiter sah Owl wie die Meisten betreten zu Boden.
      "Geht es nicht oder willst du nicht?!"
      Und jetzt war genau diese Frage unwiderruflich mit dem tragischen Ende von Toby verknüpft.

      Das Feuer loderte hell in den Nachthimmel. Es brannte noch immer als der Platz um den Scheiterhaufen bereits menschenleer war.
      Fast leer.
      Tessa stand alleine am Feuer als alle anderen bereits gegangen waren und betrachtete hypnotisiert die Flammen, die nun nicht mehr ganz so hoch schlugen. Ein seichte und kühle Brise wirbelte die Asche, die sich am Rand des verbrannten Scheiterhaufens sammelte, durch die Luft wie graue Schneeflocken, die sich wie ein Schleier über die weiße Schneedecke legten. Holz und Fleisch waren bereits in der gleißenden Hitze verglüht und Tessa wohnte dem letzten Aufleuchten bei, dass Toby dieser Welt schenkte. Jetzt, da die Flammen niedriger brannten, war die Hitze erträglicher, als Tessa sich langsam dem Feuer näherte.
      Sie betrachtete das Bündel in ihren Händen und schlug bedächtig den dunklen Stoff zurück. Mit der zitternden Hand fuhr sie über den abgegriffen Einband des Buches. Die Fingerspitzen erfühlten die geprägten Buchstaben, die angeschlagene Ecke des Ledereinbandes in der rechten, oberen Ecke. Sie hob das Buch ein wenig höher und ließ die Seiten durch ihre Finger gleiten. Der Geruch von bedrucktem Papier erreichte sie selbst durch die Noten von Asche und verbanntem Holz in der Luft.
      Tessa ging in die Hocke.
      "Erinnerst du dich noch daran, was Alice die Grinsekatze gefragt hat? 'Bitte sag mir, wie ich von hier aus weitergehen soll?'", wisperte Tessa und ihre Worte vermischten sich mit dem Knistern der Glut. "Weißt du die Antwort noch? Die Katze sagte: 'Das hängst zum großen Teil davon ab, wohin du möchtest.' Ich glaube, ich weiß jetzt, wohin ich gehen muss."
      Sie betrachtete noch einmal den Einband von 'Alice im Wunderland' und lächelte traurig und gleichzeitig entschlossen.
      "Ich verspreche dir, dass ich einen Weg finde, um den Fluch zu brechen."
      Ein zittriger Atemzug rüttelte an ihren Schultern.
      "Auch, wenn es für dich zu spät war. Ich verspreche dir, dass das alles hier endet."
      Dann warf sie das Buch ins Feuer und sah zu, wie die Flammen Papier und Leder verschlangen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Das Feuer brannte die ganze Nacht über und als der Morgen kam mit seinem grauen Tageslicht, war bereits nichts mehr von dem Feuer übrig, nicht einmal die Asche. Chester war aufgestanden, noch bevor der Koch seine Küche anwarf, und hatte eine Stunde lang den ganzen Aschehaufen in einen Behälter geschaufelt, vermischt mit Schnee und Dreck, bis gar nichts mehr davon übrig gewesen war. Dann war er gegangen, hatte den Behälter in seinem Zelt abgestellt und Toby erst aus den Listen gestrichen, die Ausgaben entsprechend kalkuliert und hatte seinen Wagen entpersonalisiert. Jetzt war der Mann von der Welt verschwunden.
      Die nächsten Tage waren von der Trauer um ihn geprägt, aber nicht so sehr, dass es aufgefallen wäre. Der Betrieb lief weiter. Toby hatte sich in den letzten Wochen so sehr von den anderen entfremdet, dass sein Tod für kaum mehr als einen Tag Unterbrechung gesorgt hatte. Einen Tag Ausnahmezustand, dann war es schon wieder vorbei. Bei den meisten fiel der Name schon gar nicht.
      Chester widmete ihm auch keinen zweiten Gedanken mehr, zumindest bis zu einer Nacht an diesen Tagen, an der es besonders stark windete. Da stand er auf, nahm sich den Behälter mit der Asche und mit dem Dreck, verstaute ihn in einem Rucksack auf seinem Rücken und ging nach draußen.

      Das Aufführungszelt wogte sanft im Wind, der stark genug war, um an den kleineren Zelten bereits zu rütteln. Die Nacht im Zirkus war kaum jemals mit Ruhe gesegnet, besonders nicht in einer Nacht wie dieser. Von überall her ertönte das Lied des Windes, die Antwort der alten Wagen und viele Zelte, das Leben, das sich in Form von natürlichen Geräuschen offenbarte. Chester kannte in seinem langen Leben nur sehr wenige Naturgeräusche und das hier war eines davon.
      Er sah an dem großen Zelt empor, dessen Spitze in dem Schwarz der Nacht verschwand. Dann vergewisserte er sich, dass sein Rucksack richtig saß, um ihn nicht aus der Balance zu bringen, und legte beide Hände um eine der dicken Tragestangen. Von dort begann er, an dem Zelt empor zu klettern.
      Das erste Mal, dass Chester einen derartigen Stunt vollbracht hatte, war lange genug her, dass er sich nicht mehr erinnern konnte. Er war auch schon mehrmals runtergefallen und hatte sich davon hin und wieder das Genick gebrochen, aber nicht in der letzten Zeit. Auch nicht in dieser Nacht. Er kletterte mit einer Selbstverständlichkeit empor, als wäre die ganze Sache nur ein weiterer Aufführungstrick, das sich wiegende Zelt unter ihm ein vertrautes Gefühl, ein langjähriger Freund, der ihn auch jetzt unterstützte. Bald hatte er schon die erste Ebene erreicht, wo der Boden bereits einige Meter entfernt war, dann war er bei der Spitze angelangt. Von dort aus kletterte er weiter, die letzte Stange empor, wo die Fahne des Zirkusses wehte. Er erklomm auch diese Stange und richtete sich in einem Balanceakt auf, die Oberfläche der Stange gerade breit genug für einen Fuß. Es war nicht sehr anders, als auf einem Hochseil zu balancieren.
      Der Wind zerrte so weit oben an seiner Kleidung und seinen Haaren und Chester wankte einige Sekunden lang, bis er sein Gleichgewicht gefunden hatte. Der Wind kam stets aus einer Richtung, aber mal stärker, mal schwächer. Chester musste sich sekündlich ausgleichen.
      Dann zog er den Rucksack von seinem Rücken und holte den Behälter heraus. Er drehte sich in Windrichtung, öffnete das Gefäß, streckte den Arm weit über den Kopf und kippte es.
      Die Asche rieselte heraus, wurde vom Wind aufgegriffen und davongewirbelt. Nach und nach, eine halbe Ewigkeit, flossen die Überreste von Toby und dem Feuer in den Wind hinaus, wurden weggetragen, mitgenommen, fortgescheucht. Nach und nach rieselte es heraus, bis der Behälter vollkommen leer war.
      Chester sah ihm nach, sah in die Richtung, in die die Überreste verschwunden waren. Sie waren jetzt schon nicht mehr zu sehen, aber er wusste, von der Höhe des Zeltes alleine, dass der Wind sie weit genug tragen würde. Sie würden es bis über die Grenzen des Zirkusses schaffen und noch viel weiter darüber hinaus.
      Ruhe in Frieden, Toby. Irgendwann werde ich auch kommen und dann können wir einen letzten Tee trinken.
      Er blickte noch weiter hinaus in die schwarze Nacht, obwohl ihm schon kalt und seine Hände schon taub waren und er manchmal auf seinem Posten strauchelte. Er blieb lange genug, bis Toby ganz sicher weg war, aus Verstand und Geist, bis er ihn verschließen und loslassen konnte. Da packte er den Behälter wieder ein und machte sich an den mühseligen Abstieg.

      Für viele Tage lang war Brandon der einzige, der noch immer ganz hinten an Tobys Tisch saß, ob er dort nun alleine war, weil Toby nicht mehr hier war, oder nicht. Viele Tage zog sich das.
      Dann war er mit einem Mal nicht mehr alleine, sondern umgeben von drei anderen Leuten. Und einen Tag darauf waren es schon fünf. Einen Tag darauf sieben und dann 12. Nach einer Woche war Brandons hinterer Tisch vollbesetzt, so sehr, dass sie bereits auf umliegende Tische auswichen.
      Es war unüblich, der Anblick der sonst leeren Ecke, die sonst Toby besetzt hätte und nur wenige andere. Gefühlt über Nacht war dort ein Tisch entstanden, der die Leute anzuziehen schien. Obwohl er in der hintersten Ecke des Zeltes stand, am weitesten entfernt von Chesters Tisch.
      Nach einer weiteren Woche war im hinteren Zelt ein regelrechter Zusammenschluss entstanden. Und die Wandlung zeigte sich auch, zeigte sich in den langsam leeren Tischen in der Mitte und in den Lücken, die beim Zelteingang entstanden. Irgendetwas zog die Leute zu Brandon nach hinten.
      Dieses Etwas zeigte sich an einem Abend, an dem die Aufführung im vollen Gange war und aus einem kleinen Zelt hinter den Wagen laute Stimme ertönten. Hier hatten sich dieselben Angestellten eingefunden, die auch bei Brandon am Tisch saßen.
      Und Brandon stand vor ihnen und hielt eine bewegende, ergreifende Rede.
      “Wir müssen uns das nicht bieten lassen! Wir sind doch keine Sklaven, oder? Wir haben ein Leben und das kann er uns nicht nehmen! Wir haben dem allen niemals zugestimmt - er kann uns gar nicht hier halten!”
      Zustimmende Rufe wallten ihm entgegen. Brandon war jemand, der diese Aufmerksamkeit ganz eindeutig genoss.
      “Das hier ist nur ein Gefängnis mit hübschen Farben, aber wir sind keine Verbrecher! Wir gehören hier nicht hin! Toby hat das begriffen, auch wenn er nichts dagegen tun konnte. Aber wir können etwas tun! Wir können aufhören, tatenlos rumzusitzen und es einfach geschehen zu lassen! Wir werden hier nicht enden so wie Toby, wir können etwas tun! Wir können unsere Freiheit zurückholen!”
      Aufwühlende Rufe, herzliche Zustimmungen. Das war es, womit Brandon die Leute zu sich lockte: Mit einer Überzeugung, die er wohl schon sehr lange besessen hatte, die jetzt nur erst an die Oberfläche brach. Doch das mit Krawall, Aufruhr und Tumult.
    • Niemand hatte gesehen, wie eine flinke Schattengestalt die schwindelerregenden Höhen des Hauptzeltes empor gewagt hatte. Niemand außer Tessa, die in dieser schlaflosen Nacht durch die labyrinthartigen Pfade des Zirkus Magica wanderte. Das Herz wäre ihr beinahe aus der Brust gesprungen, während der Wind mit all seiner Kraft an Chester zerrte. Obwohl sie sein Gesicht aus der sicheren Entfernung nicht sehen konnte, beschlich sie das untrüglich Gefühl, dass sich sonst niemand in derartige Gefahr begeben würde. Wie angewurzelt verharrte Tessa in den Schatten eines Requisitenzeltes und hielt unwillkürlich den Atem an. Für einen aberwitzigen Moment befürchtete sie, dass der Mann hoch oben auf der Zeltspitze Tobys Beispiel folgen könnte. Es dauerte einen Moment bis Tessa verstand.
      Neblige Schlieren stoben mit dem unbarmherzigen Wind auf und trieben im fahlen, kühlen Mondlicht durch die Lüfte. Sie wirbelten und tanzten zum Willen des eisigen Ostwindes und verschwanden in der Dunkelheit. Tessa schlug die Hand vor den Mund um das leise Schluchzen zu dämpfen, das ihr der Anblick anlockte. Letzten Endes hatte Chester den Wunsch des Mannes nach Freiheit doch noch erfüllt.
      Toby verließ den Zirkus Magica auf den Schwingen des Windes und trieb in die weite Welt hinaus, nach der er sich so verzweifelt gesehnt hatte.
      Kein Fluch hielt ihn mehr. Keine Grenzen stellten sich ihm noch in den Weg.
      Toby war frei und die Welt lag ihm zu Füßen.

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      Mit einem unguten Gefühl ließ Owl den Blick durch das Kantinenzelt schweifen. Die Veränderung war nicht nur für aller Augen deutlich zu sehen, sondern auch spürbar. Die sorglose und ausgelassene Stimmung, die stets zu den Mahlzeiten innerhalb dieser Zeltwände geherrscht hatte, verlor sich in der bedrückenden Atmosphäre aus dem hinteren Bereich des Zeltes. Mit jedem Tag scharrten sich mehr Zirkusangestellte um Brandon und steckten die Köpfe mit ihm zusammen. Er hatte befürchtete, dass der Mann nach dem Tod seines Freundes nicht mehr zu bremsen sein würde. Beunruhigt gesellte er sich zu Malia und Roy. Selbst Ella ließ sich wieder des Öfteren im Zelt blicken, obwohl ihr der Weg durch Eis, Schnee und Matsch mit ihren alten Knochen sichtlich schwer fiel. Der Tod von Toby hatte eine Furch zwischen die Menschen gegraben, von denen die Meisten bereits seit Jahren Seite an Seite lebten. Die Spaltung ihrer eingeschworenen Gemeinschaft machte der alten Dame zu schaffen, die neben Chester wohl am längsten alle Gesichter im Zirkus kannte.
      Owl tätschelte ihre gebrechlichen und knorrigen Händen, die von der Kälte und Feuchtigkeit des Winters kühl und steif waren. Nicht nur der wachsende Unfrieden setzte ihr zu, sondern auch das kalte Wetter. Etwas leichter ums Herz wurde dem Messerwerfer erst, als Eleonore lachte, wenn auch etwas verhalten, als er ihr tröstlichen einen galanten Handkuss gab. Eine Geste, die sie aus den alten Filmen kannte, die Ella so liebte.
      Danach vergaß er Brandon für ein paar Stunden, denn das Leben ging weiter und er hatte einen Job zu erledigen. Die heißgeliebten Messer hatte Chester ihm bereits zurückgegeben, beziehungsweise waren diese einfach eines Morgens in seinem Zelt aufgetaucht. Offensichtlich hatte Chester beschlossen, dass er genug mit seinen Schuldgefühlen gestraft war. Owl hegte deswegen keinen Groll auf den Mann, dem er sein Leben und diese zweite Chance verdankte.
      Er war einer der wenigen Glücklichen, die ganz genau gewusst hatten, worauf sie sich einließen. Chester hatte ihn nicht um sein Leben betrogen, als er seinen Kopf wortwörtlich aus der Schlinge gezogen hatte. Nicht viele wusste, dass über Owls Kopf das Todesurteil vollstreckt worden war. Kaum einer ahnte, dass der lachende und immer charmante Messerwerfer beinahe für einen Mord am Galgen gebaumelt hatte und er beließ es dabei. Es war ein Geheimnis, das nur Chester mit ihm teilte.
      Und genau das war der Grund, warum ihm an diesem einen Abend der Kragen platzte.
      Owl wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, nachdem er seine nervenzerreißende Nummer während der Show beendet hatte. Er sehnte sich nach seinem gemütlichen Bett und vor allem einem langen, ausgiebigen Bad. Sand aus der Manege rieselte bei jedem langen Schritt aus seinen Hosenbeinen und seine wilde, schwarze Haarmähne roch nach Rauch und der entzündlichen Flüssigkeit, die Roy für sein spektakuläres Feuer benutzte.
      “Wir müssen uns das nicht bieten lassen! Wir sind doch keine Sklaven, oder? Wir haben ein Leben und das kann er uns nicht nehmen! Wir haben dem allen niemals zugestimmt - er kann uns gar nicht hier halten!”
      Ruckartig hielt Owl an und hatte augenblicklich seine Sehnsucht nach heißem Badewasser vergessen.
      “Das hier ist nur ein Gefängnis mit hübschen Farben, aber wir sind keine Verbrecher! Wir gehören hier nicht hin! Toby hat das begriffen, auch wenn er nichts dagegen tun konnte. Aber wir können etwas tun! Wir können aufhören, tatenlos rumzusitzen und es einfach geschehen zu lassen! Wir werden hier nicht enden so wie Toby, wir können etwas tun! Wir können unsere Freiheit zurückholen!”
      Ohne Zögern wirbelte Owl auf dem Absatz herum und stapfte auf den Ursprung der Stimmen zu. Schwungvoll riss er den Zelteingang auf und blickte in eine Reihe erschrockener Gesichter, die wohl nicht mit weiterer Gesellschaft gerechnet hatten.
      "Wie unhöflich von dir, Brandon, mit nicht zu deiner kleinen Party einzuladen", schnaubte Owl und hielt allein mit einem eisigen Seitenblick zwei Männer in Schach, die sich bereits von der Seite näherten.
      Den restlichen Anwesenden schien der Anblick der rasiermesserscharfen Klinge zu reichen, die Owl spielerisch durch seine geschickten Finger tanzen ließ. Er ließ seinen Blick über die Menschen schweifen und prägte sich jedes Gesicht gut ein. Sie kamen aus allen Bereiche. Pfleger, Akrobaten, Handwerker...Owl wandte sich an Brandon.
      "Lasst mich euch eine Frage stellen", fing er an und trat völlig unbeeindruckt in das Zelt. "Wo würdet ihr jetzt sein, wenn Chester nicht gewesen wäre? Viele von euch hatten keine Familie, kein Zuhause und die meisten von uns waren todunglücklich, dort wo sie waren. Jeder einzelne hat das Leben in einem Zirkus seinem alten Leben vorgezogen. Fluch hin oder her. Ihr alle habt den Vertrag aus freien Stücken unterschrieben und viele von uns wären ohne Chester nicht mehr am Leben. Das solltet ihr lieber nicht vergessen."
      Er holte tief Luft.
      "Schäm dich, Brandon", knurrte er. "Den Namen deines Freundes für deine Hetzreden zu missbrauchen. Schämt euch alle. Was wollt ihr tun? Den Zirkus in Brand stecken? Chester in seinem Zelt überfallen? Die Uhr an euch nehmen und zerstören? Und wenn Chester sie euch nicht gibt? Was werdet ihr dann tun? Hm? Denkt ihr wirklich, dass hat in all den Jahren seit dieser Zirkus existiert noch niemand versucht?"
      Owl ließ das Messer in seinen Gürtel gleiten.
      "Die unbequeme Wahrheit ist: Das Leben, dass ihr alle zurückwollt, gibt es nicht mehr. Für die Welt da draußen, spielt ihr schon längst keine Rolle mehr."
      Eindringlich sah er Brandon an.
      "Ich behalt dich im Auge. Merk dir das."
      Dann stapfte Owl in die Nacht hinaus.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Brandon war keine Ausnahme darin, seinen Schock offen auf seinem Gesicht zu tragen. Ganz anscheinend hatte hier keiner damit gerechnet, dass man sie so schnell finden würde, während die große Aufführung lief - und ganz besonders nicht Owl, gerade der große, breit gewachsene Mann, dessen herzliches Lachen sich auch in eine sehr herzliche Grimasse verwandeln konnte. Der zudem gerade noch von der Show kam, die Haare verrußt, seine Messer in der Hand. Owl war wohl die Ausgeburt ihrer schlimmsten Befürchtungen, die sich in diesem Augenblick bewahrheiteten.
      “Wie unhöflich von dir, Brandon, mich nicht zu deiner kleinen Party einzuladen”, schnaubte der Mann humorlos. Brandon sah dafür käseweiß drein.
      Owl nutzte das Zögern direkt aus, um weiterzureden.
      “Lasst mich euch eine Frage stellen: Wo würdet ihr jetzt sein, wenn Chester nicht gewesen wäre?”
      Es war so eine einfache und doch eine so offensichtliche Frage. Jeder von ihnen konnte sie beantworten, kaum einer musste über die Bedeutung nachdenken. Natürlich wussten sie ihre Antworten auf diese Frage.
      Daher sahen auch betrene Blicke weg oder musterten stattdessen Brandon, um auf eine Reaktion zu warten. Niemand wollte sich eingestehen, dass sie hier etwas ganz und gar unrechtes taten.
      “Viele von euch hatten keine Familie, kein Zuhause und die meisten von uns waren todunglücklich, dort wo sie waren. Jeder einzelne hat das Leben in einem Zirkus seinem alten Leben vorgezogen. Fluch hin oder her. Ihr alle habt den Vertrag aus freien Stücken unterschrieben und viele von uns wären ohne Chester nicht mehr am Leben. Das solltet ihr lieber nicht vergessen.”
      “Sollen wir dann auch vergessen, dass Chester uns übers Ohr gehauen hat?”, rief Brandon jetzt zurück, der soeben seine Sprache wiedergefunden hatte. Der beängstigende Auftritt des Messerwerfers hatte ihn beunruhigt, aber ganz anscheinend war ein Stichwort gefallen, auf das er sich wieder vollständig konzentrieren konnte.
      “Hat er dir etwa gesagt, was dich erwarten würde?! Nein, hat er nicht! Er hat uns alle angestellt - ja. Er hat uns allen gesagt, dass wir uns für den Zirkus verpflichten würden - ja. Aber hat er uns auch gesagt, dass wir nicht kündigen können?! Dass wir uns nicht einmal entscheiden können, hier rauszumarschieren?!”
      "Schäm dich, Brandon”, kam da die Retoure. “Den Namen deines Freundes für deine Hetzreden zu missbrauchen. Schämt euch alle. Was wollt ihr tun? Den Zirkus in Brand stecken? Chester in seinem Zelt überfallen? Die Uhr an euch nehmen und zerstören? Und wenn Chester sie euch nicht gibt? Was werdet ihr dann tun? Hm? Denkt ihr wirklich, das hat in all den Jahren seit dieser Zirkus existiert noch niemand versucht?”
      Darauf wusste jetzt nicht einmal Brandon eine Antwort. Oder eher wollte er sie nicht sagen.
      "Die unbequeme Wahrheit ist: Das Leben, dass ihr alle zurückwollt, gibt es nicht mehr. Für die Welt da draußen, spielt ihr schon längst keine Rolle mehr.”
      Das war für alle die bedrückende Wahrheit und für viele ging es sogar noch weiter als das: Sie hatten niemals für die Welt eine Rolle gespielt. Eben solche Leute sahen nun von Owl weg hin zu Brandon, um von ihm das Gegenteil zu hören, um sich zu vergewissern, dass sie noch immer im recht waren, hier zu sein. Aber der Tierpfleger mit der grimmigen Miene und dem Talent Ärger zu machen, hatte keine bessere Antwort parat. Nichts außer:
      “Irgendjemand muss es eines Tages beenden. Und wenn Chester es nicht tut, werden wir es eben tun.”
      Daraufhin erwiderte Owl gelassen, aber kühl:
      “Ich behalt dich im Auge. Merk dir das.”
      Und stapfte nach draußen, dutzende Augenpaare in seinem Rücken, die ihn verfolgten. Dann war er verschwunden und mit ihm die Leidenschaft, die die Leute vor wenigen Minuten noch fest gepackt hatte.

      Nach diesem Abend fiel Brandon und seine neuen Freunde nicht mehr auf, aber trotzdem verlagerte sich die Situation im Kantinenzelt. Bislang hatte die große Mehrheit des Zirkusses den vorderen Teil beherrscht, mittlerweile hatte sich das größte Gewicht eher in die Mitte verlagert. Dadurch wirkte jetzt zwar das ganze Zelt wieder voller, aber trotzdem war die verändernde Stimmung nur allzu präsent. Niemand hätte sich dem ungeschriebenen Gesetz des Zirkusses entziehen können.
      Nur einer schenkte dem keine Aufmerksamkeit, und das willentlich. Es war nicht so, dass Chester keine Augen im Kopf hätte oder sich nicht für seine Mitmenschen interessierte, aber er hatte einfach noch nie so viel Wert darauf gelegt, wer nun wo im Zelt sitzen mochte. Wenn die Leute gerne bei ihm saßen, dann war das schön, wenn sie gerne gingen, wenn er kam, dann war das auch schön. Chester würde niemandem vorschreiben, wie er zu leben hatte, und diese Umgangsweise setzte sich auch jetzt fort.
      Nachdem er Theresas Erholungszeit gewissermaßen abgeschlossen hatte - was bedeutete, dass er sich wieder in ihrer Gegenwart blicken lassen konnte - ging er auch wieder zu seinen gewohnten Uhrzeiten zum essen ins Zelt. Das war viel besser als alleine zu essen und Chester war wieder ganz der alte, sorgenlos und fröhlich, wenn er sich auf seinen Platz niederließ. Seine Fröhlichkeit ging in diesen Tagen nicht so sehr auf seine Sitznachbarn über.
      “Willst du nicht etwas dagegen tun?”, fragte ihn Malia eines Morgens, als sie gemeinsam am Tisch saßen - nur Chester, Malia und Liam, die drei einzigen, die sich an diesem Tisch richtig früh aus dem Bett quälten - und Brandon von seinem Tisch aus laut genug redete, um auch vorne gehört zu werden. Er redete von Toby, dass der wenigstens einen Weg nach draußen gefunden hatte und sie hier alle auf dieselbe Weise enden würden, wenn sich nicht bald etwas tun würde. Chester wusste, dass er ihn indirekt ansprach, natürlich wusste er es. Er entschied sich einfach dazu, es zu ignorieren.
      Was möchtest du, das ich tue?
      Malia schnitt eine Grimasse.
      “Ordnung reinbringen. Dafür sorgen, dass hier nicht alles in die Brüche geht.”
      Was geht denn gerade in die Brüche?
      Chester steckte sich mit Unschuldsmiene den Löffel in den Mund. Malia sah nicht begeistert drein.
      “Du weißt genau, wovon ich rede.”
      Das weiß ich nicht, denn jeder hat in diesem Zirkus Meinungsfreiheit. Wenn Brandon reden möchte, dann kann er reden. Es ist ja auch nicht so, dass er nicht mit mir darüber reden könnte, aber das macht er nicht. Also lasse ich ihn.
      Malia starrte ihn für einen Moment grimmig an, dann schüttelte sie den Kopf und rollte mit den Augen.
      “Ich würd’s unterbinden.”
      Vielleicht solltest du dann Zirkusdirektorin werden.

      So wie es schien, hatte Brandon doch Redebedarf - aber nicht alleine. Seit Tagen schon hatte man nichts mehr von ihm gehört und seine Bande auch nicht zusammen gesehen, nur wenn sie beim Essen saßen. Dann kam mit einem Schlag alles auf einmal.
      Es war ein Abend, an dem keine Aufführung stattfand und der Zirkus stattdessen eine Pause einlegen und sich um sich selbst kümmern konnte, als Tumult von dem kleinen Vorplatz von Chesters Zelt die Leute heranlockte. Brandon stand dort wieder, umringt von seinen Mitstreitern, und richtete das Wort laut und stark an den Mann, der dort hinter den Zeltplanen saß. Man musste es Brandon wohl zuschreiben, dass er sich noch immer an die Regeln hielt und Chesters Zelt nicht einfach so betrat.
      Trotzdem machte er unmissverständlich klar, dass er hier war, weil er eine Veränderung wünschte.
      “Du hast dich genug herausgeredet, Chester! Wir wollen Antworten und zwar jetzt! Du hast es bei Toby versaut, du wirst es nicht bei uns versauen! Ein Mann ist wegen deiner Uhr gestorben und es wird nicht mehr solche wie ihn geben! Hörst du? Komm raus und hab wenigstens den Mumm, uns deine Antworten zu geben! Das bist du uns schuldig!”
      Er hatte sich davor und auf dem ganzen Weg dorthin schon in Rage geredet und jetzt stand Brandon aufrecht, völlig selbstsicher und wütend vor dem großen Zelt, seine Mitstreiter dicht bei ihm. Er wartete darauf, dass Chester kommen würde.
      Was er nicht tat.
      “Komm raus und rede mit uns! Mit allen von uns! Außer du hast etwas zu verbergen? Außer du willst uns gar keine Antworten stehen? Dann sag es uns wenigstens! Sei ein Mann und sag es uns ins Gesicht!”
      Er wartete.
      Chester kam nicht.
      Da ging Brandon mit einem resoluten Schritt nach vorne.
      “Wir können auch zu dir reinkommen! Würde dir das lieber gefallen? Du wirst uns nicht entkommen Chester, du bist uns Antworten schuldig!”
      Und entgegen Liams Protest, der unlängst unter den Zuschauern stand, marschierte Brandon ins Zelt hinein.
      Nur um etwa eine halbe Minute später genauso wütend wieder heraus zu kommen.
      “Wo ist er? Liam! Wo ist er?!”
      Und Liam, der in seinem Leben schon viel gemacht hatte, aber sich nicht ins Schicksal eingegriffen hatte, konnte diesmal gänzlich wahrheitsgemäß antworten, ohne dabei sein Gewissen zu beeinflussen.
      “Keine Ahnung.”
      Brandon sah ihn kurz sauer an, dann wirbelte er herum, zu sehr in seinem Rausch gefangen, um ihn jetzt abflauen zu lassen.
      “Dann werden wir ihn finden. Chester! Wo bist du?! Komm raus und stell dich uns!”
      Damit zogen sie ab, durch die Zelte hindurch zum Aufführungszelt, dann zum Requisitenzelt, dann zum Kantinenzelt, dann zum Tierzelt, dann zum Kostümzelt, dann zum… eigentlich zog Brandon und seine Kolonne durch den ganzen Zirkus, bis sie irgendwann wieder bei Chesters Zelt auftauchten.
      Denn Chester war nicht da. Chester war einfach weg, wie vom Erdboden verschluckt. Und er hatte keine Spuren hinterlassen.
    • Für Tessa war es mehr als merkwürdig in den ersten Tagen, dass Chester sich wieder am normalen Leben des Zirkus beteiligte. So lange hatte sie jeden Morgen nach ihm Ausschau gehalten ohne ihn einmal zu Gesicht zu bekommen. Nun kam es immer häufiger vor, dass sie gemeinsam bei den täglichen Mahlzeiten zusammen an einem Tisch saßen. Tessa beteiligte sich an Gesprächen und wechselte hin und wieder auch ein Wort mit Chester. Sie hatte ihn wissen lassen, dass sie immer noch einen gewissen Groll gegen seine Entscheidung hegte, dass er über ihren Kopf hinweg entschieden hatte, was seiner Meinung nach das Beste für sie gewesen war. Sie war immerhin kein Kind mehr. Aber sie hatte den Mann im gleichen Atemzug mitgeteilt, dass es im Augenblick wichtigere Dinge gab, als ihre verletzten Gefühle. In diesem Punkt empfand sie sich selbst als furchtbar erwachsen. Tessa teilte Malias Einstellung zu der Unruhe, die Brandon jeden Tag verbreitete. Chester musste etwas unternehmen, doch er weigerte sich beharrlich.
      "Die Probleme regeln sich nicht von allein, nur weil du beschließt, sie zu ignorieren", hatte sie eines Morgens gemurmelt, aber damit war sie wie gewöhnlich auf taube Ohren gestoßen und hatte dafür nur ein mildes Lächeln bekommen.
      Es war nicht so, dass sie sich vollkommen auf Chesters Seite schlug, aber die Stimmung, die Brandon und seine Leute verbreiteten, beunruhigte Tessa. Unzufriedenheit und Wut köchelten viel zu nah an der Oberfläche und würden sich kaum für Ewigkeiten in Schach halten lassen. Owl hatte sich in ihrer Gegenwart über die Brandons Dreistigkeit und Undankbarkeit genügend aufgeregt. Seine Ansprache hatte nur wenige Tage überhaupt eine Wirkung gezeigt.
      Dann war alles von Vorne losgegangen. Brandon und seine Freunde ließen sich nicht beschwichtigen noch einschüchtern und langsam breitete sich das Unheil über den gesamten Zirkus aus. Die Leute, die Chester treu verteidigten prallten mit Brandons Anhägern zusammen. Aus lautstarken Argumenten wurden bald schon Handgreiflichkeiten, die glimpflich ausgingen aber eine eindeutige Botschaft sprachen. Alle, die sich nicht klar positionieren, gerieten zwangsläufig zwischen die Fronten. Auch Tessa blieb davon nicht verschont. Brandon nahm es ihr schon bald übel, dass sie sich seiner Sache nicht anschloss, obwohl sie Toby in seinen letzten Tagen recht nahe gestanden hatte.
      Der Zirkus Magica saß auf einem Pulverfass und Brandon war kurz davor die Zündschnur zu entfachen.

      "Der Zirkus ist jetzt schon eine ganze Weile an diesem Ort", überlegte Tessa an diesem bisher ruhigen Abend und sah Owl über die lodernden Flammen der rostigen Feuertonne an, die vor seinem Zelt stand.
      "Wir bleiben hier bis der Winter vorüber ist. Die Straßen sind zu gefährlich für eine Weiterreise. Du weißt schon...Schnee und Eis. Im Frühling ziehen wir weiter", murmelte Owl und schien dabei mit den Gedanken ganz woanders zu sein.
      "Ich verstehe nicht, warum Chester nichts unternimmt", brachte sie das Thema erneut zur Sprache und erntete dafür von Owl ein deutliches Augenrollen.
      "Er regelt die Dinge auf seine Weise, Tess...", antwortete er.
      "Das heißt er tut nichts", seufzte Tessa.
      "Fürs Erste..." Owl zuckte mit den Schultern. "Chester weiß, was er...Moment. Hörst du das? Was ist das für ein Lärm?"
      "Das kommt aus der Richtung von Chesters Zelt..."
      "Scheiße...", zischte der Mann und sprang auf. "Das ist Brandon. Ich hab diesen Mistkerl gewarnt. Warte hier..."
      "Der Teufel werde ich tun", protestierte Tessa und heftete sich gleich an Owls Fersen.
      Ein regelrechter Tumult herrschte vor Chesters Zelt.
      Brandon unter seinen Anhängern fehlten nur noch Fackeln und Mistgabeln um das Bild zu komplettieren. Es glich einer Hetzjagd, die gerade erst volle Fahrt aufnahm. Wieso unternahm Chesters nicht endlich etwas, gerade jetzt, da sich der Ärger direkt vor seiner Haustür zusammenbraute?
      Die ganze Situation gipfelte in einem zornigen Ausruf Chester aus seinem Versteck zu treiben wie lästiges Ungeziefer und bei all den Dingen, die vorgefallen waren, wurde Tessa bei diesem Anblick speiübel. Die erboste Menge verteilte sich und durchkämmte die Pfade zwischen den Zelten und Wohnwagen. Sie erkundeten alle Schlupflöcher und drehten sprichwörtlich jeden Stein auf ihrem Weg um. Auch Tessa löste sich von Owl und verschwand mit dem flinken Geschick einer Diebin zwischen den aufgebrachten Menschen. Nur suchte sie Chester nicht, um ihn an den Pranger zu stellen.
      Tessa dachte an die Unschuldigen, die eingeschüchtert in Zelten und Wohnwagen ausharrten. An all die, die den Zirkus als Heim und Familie betrachteten. Sie dachte an Jaime, an Yasmin, an Ella und viele andere, die allem mit Grauen zusahen. Um ihretwillen musste Brandon endlich einhalte geboten werden. Tessa suchte die Orte ab, an die Brandon und seine Leute nicht dachten. Orte, die eine persönliche Bedeutung für sie hatten. Das einsame Zelt mit alten und ausrangierten Möbeln und Requisiten, die hohen Plattformen im Hauptzelt...Wobei ihr letzteres Unbehagen bereitete. Zu viele unterschiedliche Emotionen waren mit diesem Ort verknüpft. Herzklopfen und Grauen lagen viel zu nah beieinander.
      Nichts. Chester war wie vom Erdboden verschluckt.
      Während sich alle Aufmerksamkeit auf Brandon uns seine Suche verlagerte, huschte Tessa letztendlich in Chesters Zelt.
      "Wo bist du...?", murmelte sie und dann etwas lauter. "Das kann nicht so weitergehen. Ich bin immer noch wütend und enttäuscht von dir, aber das hier ist nicht richtig."
      Tessa stoppte in der Mitte des Wohnbereiches und sah sich um.
      Das Zelt war menschenleer und wirkte eigenartig kalt.
      Er hatte sie alle, seinen Zirkus, doch nicht zurückgelassen?
      Konnte er das überhaupt?
      Sie wollte verstehen.
      Ein heißer Puls um ihren Hals riss sie aus ihren hektischen Gedanken. Unwillkürlich fasste sich Tessa an den Hals, fuhr mit den Fingerspitzen das Lederband entlang, an dessen Ende der kleine, rostige Schlüssel hing. Als sie das erwärmte Metall berührte, pulsierte der Schlüssel unter ihren Fingern. Das Gefühl war wie der Zug eines Magnete, das langsam ihre Füße in Bewegung setzte. Sie war alleine. Ganz allein in Chesters Zelt. Ihr Blick glitt über die unzähligen Bücher und Raritäten in der Vitrine, doch erst als ihr Blick über den Eingang zu seinem Schlafzimmer fiel, spürte sie erneut diesen vertrauten Puls an ihrer Brust. Tessa setzte sich in Bewegung bevor sie wirklich darüber nachdachte. Etwas zog sie weiter, immer weiter.
      Das Zimmer war genauso, wie sie es in Erinnerung hatte und das versetzte ihr einen schmerzhaften Stich. Sie musterte das unberührte Bett, doch ließ den Blick weiter schweifen bis sie eine massive Truhe in einer Ecke des Raumes entdeckte. Fragend legte sie den Kopf schief und der Puls um ihren Hals wurde stärker und schneller. Die Truhe zog sie magisch an. Vorsichtig sah sie über ihre Schulter zurück, doch sie war immer noch allein.
      Mit rasendem Herzen näherte sie sich der Truhe und ging in die Hocke. Bedächtig glitten ihre Fingerspitzen über das schwere Eisenschloss. Was immer Chester dort versteckte, musste von ungeheurem Wert sein und in seinem Fall, rechnete Tessa nicht mit Gold oder anderen Wertgegenständen. Tessa zog den Schlüssel von ihrem Hals. Es war wie ein untrüglicher Instinkt, der sie den Schlüssel vor das Schloss halten ließ. Wie von Zauberhand änderte der kleine Schlüssel erneut seine Form. Es war wie in Owls Zelt.
      Sie wollte verstehen.
      Das schlechte Gewissen begleitete Tessa, als sie den mit einem leisen Klicken die Truhe entriegelte. Sie zuckte zusammen, als das Schloss aufsprang. Da war wieder dieses Pochen in ihrem Hinterkopf und dann für ein paar Sekunden völlige Leere in ihrem Kopf. Der Raum verschwand vor ihrem Auge und kehrte mit einem Schlag zurück, doch das Pochen blieb für eine ganze Weile. Ihr war schwindelig und es zwickte, als hätte jemand etwas zu heftig ihren Kopf geschüttelt.
      Als sie die Truhe öffnete, kamen Bücher zum Vorschein. Dreizehn Bücher säuberlich und ordentlich verwahrt. Wieder sah sie sich um und fühlte ich nervös und furchtbar dabei, als sie eines davon herauszog und aufschlug.
      Die Zeilen darin waren mit einer sauberen und geschwungenen Handschrift notiert. Zum Teil waren die Buchstaben elegant geschwungen und auf anderen Seiten beinahe krakelig wie in Eile niedergeschrieben.
      Tessa hielt den Atem an, als sie zu lesen begann.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Bücher der Truhe schienen allesamt unberührt, waren aber nicht staubig. Das oberste Buch war ein dicker Wälzer mit blauem Einband, der an den Rändern schon vergriffen war und sich an der einen Seite etwas abblätterte. Es gab keinen Titel, keinen Autor, keine Inschrift. Auf der ersten Seite ging die meist sehr ordentliche, manchmal aber auch etwas schiefe Handschrift los und zog sich über Seiten um Seiten hinweg durch bis etwa zur Hälfte des Buches. Es gab keine Überschriften oder etwa Daten, es war einfach nur Fließtext.
      Es waren die Einträge eines Tagebuchs. Und der letzte Eintrag begann mit den Worten: Es gab einen Aufstand.


      Es gab einen Aufstand. Sie haben verlangt, dass ich ihre [...] freigebe. Sie wissen es nicht besser.
      Es hat ganz [...] angefangen, ich hätte es zuerst übersehen können. Sie wollten Antworten haben, über die Uhr, über den Fluch, über alles. Ich habe sie ihnen gegeben, weil sie vor meinem Zelt [...] sind. Wie hätte ich ihnen das denn [...] können? Aber sie waren nicht zufrieden mit meinen Antworten, haben mich einen [...] genannt, dass ich die Wahrheit vor ihnen zu [...] versuche. Deswegen erzähle ich sie sonst nie, denn der Mensch kann kaum mit einer solch großen [...] umgehen.
      Sie haben verlangt, dass ich etwas ändere. Ich habe meinen [...] abgetreten. Sie haben ein [...] für mich gebaut, in dem ich sitzen sollte, bis ich gewillt war, ihnen zu sagen, wie sie sich von der Uhr befreien können. Ich habe es [...], weil ich gemerkt habe, dass es so nicht weitergehen konnte. Vielleicht ist es ja meine Schuld. Ich hatte immer mehr das Gefühl, dass ich mich von mir selbst [...].
      Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken in meinem [...]. Ich bin auch viele Male [...], denn sie haben mir nichts zu trinken oder zu essen gebracht. Es war nicht gerade angenehm, aber zum ersten Mal stand meine Zeit wirklich still.
      Ich kann so nicht weitermachen, ständig dieses Auf und Ab, dieses Hin und Her. SIE wird nicht mehr kommen und damit muss ich mich abfinden. Das ist jetzt meine [...], dieser Zirkus, ich und die Menschen, die ich dafür einstellen muss. Ich kann mein Leben nicht retten, dafür ist es schon zu spät. Was soll ich damit auch anfangen? Mein Leben ist der Zirkus, mehr gibt es dabei nicht.
      Aber all die anderen Leben, all die Menschen, mit ihren eigenen [...], mit ihren kleinen Ängsten und Träumen, sie kann ich vielleicht noch retten, auch wenn es nicht viel bedeutet. Gleiche ich so nicht den Preis der Uhr aus, weil ich ein Leben davor bewahre, in den [...] zu stürzen, indem ich es an mich binde? Könnte es so funktionieren?
      Die neue Direktorin hat mir gezeigt, wie es ist, durch einen [...] zu sterben. Es fühlte sich lebendig an, auch wenn es nur so kurz war. Ich denke, ich könnte noch einen [...] Gefühle in mir haben und vielleicht kann ich sie aus mir [...]. Vielleicht finde ich Frieden in diesem Zirkus, der mein Leben ist.
      Vielleicht finde ich Freunde, auch wenn ich nicht weiß, was das Wort bedeutet. Ich habe eine Definition dafür und die anderen scheinen eine andere zu haben. [...]. Was ist [...]? Sind Freunde Familie? Sind Familie Freunde? Wie weiß ich, wann ich mit jemandem [...] bin?
      Ich möchte wieder anfangen zu fühlen. Ich möchte so tun, als wäre ich ein Mensch. Wenn ich es schon nicht bin, dann möchte ich mich wenigstens für einen ausgeben.



      Draußen mussten sich jetzt auch Brandon und seine Konsorten damit abfinden, dass Chester in dieser Nacht nicht zu finden sein würde. Das war ein durchaus wunderlicher Zustand, denn der Zirkusdirektor konnte gerne mal aus dem Nichts erscheinen, wenn man nur Anstalten machte, über ihn nachzudenken, aber selbst durch eine derart offene Provokation nicht aufzutauchen, das schien unüblich. Chester war alles andere als ein menschenscheuer Kontakt. Dabei ließ er sich auch nicht von Uhrzeiten aufhalten.
      Aber zugegeben, einen derartigen Aufstand im Zirkus zu haben, das war ein mindestens genauso wunderlicher Zustand. Deshalb könnte man es Brandon wohl verzeihen, dass er nicht weiter darüber nachdachte und laut von einem nicht anwesenden Chester forderte, dass er ihnen noch Antworten schuldig war und sich nicht ewig verstecken könnte. Danach zog die Gruppe nach und nach ab, denn es war trotz allem eine kalte Januar-Nacht und selbst der größte Menschenwille hatte in den kalten Temperaturen nicht die Überlebenskraft, um dagegen zu halten. Da war es einfacher, sich zurück an ein warmes Feuer zu setzen und die Probleme auf einen Moment zu schieben, wenn alles andere etwas erträglicher schien.
      Chester machte es ja auch nicht anders an dem Ort, von dem er Brandons Rufen lauschte, ohne sie jemals zu beantworten.

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    • Eilig überflog Tessa die Zeilen und hatte dabei das Gefühl etwas unheimlich Verbotenes zu tun. Sie schämte sich dafür in den privaten Aufzeichnungen von Chester herumzuschnüffeln, aber da sie aus dem Mann keine klaren Antworten herausbekam und er wieder Mal wie vom Erdboden verschluckt war, ergab sich hier eine einmalige Gelegenheit. Wenn Chester wirklich verschwunden war, würde er ohnehin nie davon erfahren. Trotzdem fühlte sich Tessa nicht wohl dabei den brüchigen Frieden zu gefährden, der im Augenblick zwischen ihnen herrschte, aber sie hatte Toby ein Versprechen gegeben. Tessa hielt den Atem an.
      Ein Aufstand? Sie löste sich von dem Tagebucheintrag und drehte das abgegriffene, offensichtlich alte Buch in ihren Händen. Es konnte sich dabei unmöglich um die Hetzjagd handeln, die Brandon gerade veranstaltete. Dafür sah der blaue Einband zu alt aus, aber auf keiner Seite gab es ein Datum, keine Schlagwörter, keine Überschriften...Sie blätterte zurück zum letzten Eintrag, der sich merkwürdigerweise in der Mitte des Buches befand. Danach waren die Seiten leer.
      Mit jedem geschriebenen Wort setzte sich eine ganz furchtbare Vorstellung in ihrem Kopf zusammen. Obwohl sie nicht alle Wörter entziffern konnte, dazu fehlte ihr die Erfahrung, füllten sich die Lücken mit schrecklichen Bildern.
      Chester hatte seinen Posten ausgegeben und ihnen die Wahrheit gesagt. Doch was immer diese gewesen war, hatte den Menschen aus diesem Eintrag nicht ausgereicht. War sie so ganz und gar unfassbar und grausam gewesen, dass sie nicht damit leben konnten? Dass sie so verzweifelt nach einer anderen Antworten suchten und Chester dafür...einsperrten?
      "Ge...Gefäng...Gefängnis...", murmelte Tessa und folgte den handschriftlichen Zeilen mit dem Zeigefinger. "Ich bin auch viele Male..., denn sie haben mir nichts zu trinken oder zu essen gebracht. Es war nicht gerade angenehm, aber zum ersten Mal stand meine Zeit wirklich still..."
      Tessa schlug die freie Hand vor den Mund. Ich bin auch viele Male gestorben.
      Es war egal, welche Lügenmärchen Chester ihr aufgetischt hatte, aber dieses Schicksal hatte niemand verdient. Auch er nicht.
      "SIE wird nicht mehr kommen und damit muss ich mich abfinden...Won wem sprichst du...?", flüsterte Tessa. "Das ist jetzt meine Fa...Familie? Ja, das muss Familie heißen..."
      Sie las eilig weiter.
      "...kann ich vielleicht noch retten, auch wenn es nicht viel bedeutet", Tessa seufzte traurig. "Die neue Direktorin...Das muss diese Theresa sein, von der Toby erzählt hat...hat mir gezeigt, wie es ist, durch einen...durch einen Was?... zu sterben. Es fühlte sich lebendig an, auch wenn es nur so kurz war. Ich denke, ich könnte noch einen Funk...Funken?... Gefühle in mir haben und vielleicht kann ich sie aus mir... Vielleicht finde ich Frieden in diesem Zirkus, der mein Leben ist."
      Hastig und rigoros wischte sie sich mit dem Handrücken über die Augen.
      "Vielleicht finde ich Freunde, auch wenn ich nicht weiß, was das Wort bedeutet...Sind Freunde Familie? Sind Familie Freunde? Wie weiß ich, wann ich mit jemandem be...befreu...befreundet?... bin? Ich möchte wieder anfangen zu fühlen. Ich möchte so tun, als wäre ich ein Mensch. Wenn ich es schon nicht bin, dann möchte ich mich wenigstens für einen ausgeben. Oh, Chester..."
      Diese Zeilen zu lesen hatte etwas Niederschmetterndes.
      Der Chester, der diese Zeilen vor langer, langer Zeit verfasst hatte, war einsam gewesen, ob es ihm gewusst gewesen war oder nicht. Er hatte vergessen, wie es sich anfühlte anderen verbunden zu sein. Freunde, Familie...und er versuchte irgendwie an einer Verbindung festzuhalten, von der er gar nicht mehr wusste, wie sie überhaupt aussah.
      Es schmerzte Tessa, wie nüchtern er über seine eigenen Tode schrieb. Tode! Mehrmals! Wie grausam konnten Menschen sein, dass sie ihn wiederholt immer und immer wieder verhungern und verdursten ließen!? Die heimliche Bewunderung und Faszination für diese Theresa, bekam einen bitteren und beinahe unerträglichen Beigeschmack. Wieso hatte sie das zugelassen? Wie war sie gewesen? Grausam? Verzweifelt? Ein schlechter Mensch?
      Schritte erklangen im Dunkeln.
      Tessa zuckte zusammen und legte schnell das Buch zurück, ganz oben auf den Stapel wo sie es hergenommen hatte. Leise aber zügig brachte sie alles zurück an seinen alten Platze, schloss die Truhe ab und schlich ungesehen zurück in Nacht hinaus.
      Gerade rechtzeitig, als Liam mit ratloser Miene das Zelt betrat.
      Mit klopfendem Herzen kauerte sich Tessa hinter ein paar Kisten zusammen und wartete, bis sich die Unruhen legten.
      Sie schloss die Augen.
      "Wie kannst du noch Lächeln...?", murmelte sie. "Wo bist du nur?"

      ____________________________________________________________-

      Tessa saß auf einem leeren Fass hinter dem Kantinenzelt. Es war einer der wenigen Schlupfwinkel, in die sich kaum jemand verirrte. Es roch nicht gerade einladend und hin und wieder huschte eine Maus zwischen Kisten und Fässern hindurch. Jedenfalls hatte sie gemerkt, dass sie hier Brandon und seinen Leuten erfolgreich aus dem Weg gehen konnte. Chester war jetzt seit mehreren Tagen verschwunden, doch das hatte die Probleme nur weiter angestachelt. Niemand fühlte sich mehr sicher, obwohl der Zirkus ihnen genau das geben sollte: Sicherheit.
      Notwendige Arbeiten blieben liegen und da Brandon mehr damit zu tun hatte, sich als inoffizieller und neuer Anführer aufzuspielen, schlug sich auch auf Jaime und Tessa nieder, die nun alle Hände voll zu tun hatten. Die körperliche Mehrarbeit war vor allem für den gebrechlichen Zustand von Jaime kaum tragbar. An allen Ecken machte sich schleichend das völlig Chaos breit. Ins Kantinenzelt traute sich zu Stoßzeiten nur ein harter Kern, der keine Hemmungen hatte, sich mit Brandon auseinander zu setzen.
      "Na, schau mal, wen wir da haben...?", flötete es zu ihrer Linken.
      Zwei von Brandons neuen Freunden stolzierten direkt auf Tessa zu, die langsam von dem Fass herunter glitt und sich bereits nach einem geeigneten Fluchtweg umsah.
      "Habt ihr nichts Besseres zu tun? Zum Beispiel Brandon die Füße zu küssen?", zischte Tessa.
      "Ich verstehe nicht, warum du dich so anstellst? Solltest nicht gerade du als Neue noch am besten verstehen können, dass Brandon Recht hat", brummte der Größere. "Vor allem, da du mit Toby befreundet warst! War dir wohl doch nicht so wichtig."
      "Genau! Du hast ihn verraten!", äffte der Zweite.
      Tessa war froh kein Messer am Leib zu tragen, denn das wäre nicht gut ausgegangen. Es machte sie unheimlich wütend, wie die Männer sprachen. Das hätte Toby nicht gewollt. Nicht das hier.
      Als die Männer einen Schritt auf sie zukamen und sich dabei dümmlich angrinsten, als hätte sie die beste Idee aller Zeiten, ergriff Tessa die Flucht. Flink wie eine Katze sprang sie nach vorn, tauchte unter den ausgestreckten Händen hindurch und verschwand um die nächste Ecke. Das Fluchen im Hintergrund wurde immer leiser.

      ____________________________________________________________
      Ein glücklicher Zufall und ein gutes Auge für das Verborgene eröffnete Tessa ein wohl gut gehütetes Geheimnis des Zirkus Magica.
      Mit großer Anstrengung wuchtete Tessa die frischen Heuballen von der Schubkarre in das Futterzelt, dass direkt an das große Stallzelt für die größten, tierischen Mitbewohner angrenzte. Das Schnauben der Pferde und Elefanten war durch die dünnen Zeltwände deutlich zu hören. Im Winter blieben die Tiere die meiste Zeit in ihren gemütlichen Unterständen, so auch heute, da es wieder einmal zu Schneien begonnen hatte. Bis zum Frühjahr würden sie hier vor der Stadt, Tessas alter Heimat kampieren, also versuchten alle das Beste daraus zu machen. Wäre da nicht das große Problem, dass Chester das Chaos sich selbst überließ.
      Mit der Schubkarre, deren Rad in regelmäßigen Abständen fürchterlich quietschte, ging sie nach draußen und kam im matschigen Schnee und Eis kaum voran. Jamie war heute nicht zur Arbeit erschienen, wie so oft in den letzten Tagen. Tessa hatte es sich auf die Fahnen geschrieben, wenigstens einmal am Tag nach ihm zusehen und ihm etwas zu Essen vorbeizubringen. Sie machte sich Sorgen, nicht nur um Jamie, auch um Ella. Die alte Frau verließ kaum noch ihren Wohnwagen, weil sie nicht ertrug, was langsam aus ihrem geliebten Zuhause wurde.
      Da verlor Tessa den Halt auf dem rutschigen Untergrund und stürzte zusammen mit der Schubkarre zu Boden.
      "Au...", jammerte sie und betastete ihren umgeknickten Knöchel vorsichtig...und trat frustriert mit dem anderen Fuß gegen das eiernde, quietschende Rad. Sie ließ den Blick über das Stallzelt und seinem Futterzelt schweifen. Da fiel es ihr zum ersten Mal auf. Mit gerunzelter Stirn kam Tessa wackelig auf die Beine und humpelte auf den Eingang des Stallzeltes zu. Prüfend sah sie hinein, vorbei an Hektor und direkt an der Außenwand entlang. Dann steckte sie den Kopf wieder aus dem Zelt und besah sich auch hier die Plane.
      "Hm..."
      Mit konzentrierter Miene ging sie mit großen Schritt die Zeltwand erst Innen und dann Außen ab.
      "Eins...zwei...drei...vier...fünf...sechs...Moment...", murmelte sie und huschte wieder nach draußen und ging die Wand von außen ab, bis sie an die Begrenzung zum Futterwelt stieß. "Eins...zwei...drei...vier...fünf...sechs....sieben...acht...? Acht? Das kann nicht passen."
      Tessa wiederholte den Vorgang noch ganze dreimal bis sie nicht mehr abstreiten konnte, dass die Länge der Außenwand unterschiedlich war. Sie war Innen viel kürzer als von Außen.
      Humpelnd ging sie zurück in das Stallzelt und schob sich bedächtig an Hektor vorbei, dem sie beiläufig eine der begehrten Karotten fütterte, damit der Elefant nicht auf irgendeinen Blödsinn kam. Es dauerte einen Moment bis sie die Unregelmäßigkeit in der Zwischenwand entdeckte. In etwas auf der Mitte der Wand zwischen Stall- und Futterzelt viel ihr die Überlappung der Stoffbahnen ins Auge. Sie war so gut durch das Muster darauf kaschiert, dass sie bei den schlechten Lichtverhältnissen kaum auffiel. Tessa hielt den Atem an und schlüpfte hindurch...Statt im Futterzelt herauszukommen, fand sie sich in einem leeren Gang wieder.
      Einem versteckten Korridor hinter den Zeltwänden.
      Tessa hätte am liebsten laut aufgelacht, aber sie wollte ihre Entdeckung nicht mit dem gesamten Zirkus teilen.
      "So hast du das also gemacht...", murmelte sie und ihr wurde fast schwindelig.
      Und weil in diesen Tagen eh niemand wirklich davon Notiz nahm, ob die Arbeiten erledigt wurden oder nicht, beschloss Tessa der eigenartigen Sache auf den Grund zu gehen. Obwohl ihr Knöchel unangenehm pochte und das Auftreten mit einem ordentlichen Ziepen verbunden war, schlich sie durch die versteckten Gänge. Es dauerte nicht lange, bis sie bemerkte, dass die verborgenen Wege alle wichtigen Zelt miteinander verband. Es gab eine Verbindung zum großen Showzelt, dem Kantinenzelt, den Kostüm- und Requisitenräumen, dem Krankenzelt und natürlich zu Chesters eigenem Zelt. In kürzester Zeit gelangte man durch die Schlupflöcher zu allen wichtigen Zelten und Räumlichkeiten. Deshalb konnte Chester immer so irrsinnig schnell an einem Ort wie aus dem Nichts auftauchen. Belauschte und beobachtete er seine Leute auch aus diesen Verstecken heraus` Wusste er deshalb immer so gut Bescheid?
      Tessa hatte den berühmten doppelten Boden in seinen Zaubertricks gefunden.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester hatte sich ein kleines Nest gebaut in seinem Exil. Es bestand aus einer Unterlage, einigen Decken und einem einzelnen Buch. Mehr brauchte er nicht, um die Ewigkeit abzusitzen.
      Er war nicht oft hier hinten, im hintersten Teil der Zelte, in der versteckten Nische seines Zirkusses, die er eigens für solche Zwecke konstruiert hatte. Nein, moment, so ganz war das nicht richtig: Chester war oft hier, aber nicht für solche Zwecke. Nicht, um sich zu verstecken.
      Denn die engen Zeltgänge waren alles andere als ein angenehmer Aufenthaltsort. Die Zelte selbst waren stets gut gewärmt und die Wärme wurde von den Wänden zurückgegeben und dafür die Kälte abgehalten, aber hier zwischen zwei Außenwänden wurde keine Wärme erzeugt und nur alle Kälte abgegeben. Es war nicht so kalt wie draußen, aber kalt genug. Unangenehm kalt.
      Auch jetzt reichten die Decken nicht aus, die er sich einen Tag nach seiner Flucht besorgt hatte. Natürlich nicht. So fest Chester sie auch um sich schlingen mochte, sie konnten nicht aufhalten, dass die Kälte in seinen Körper kroch und sich in seinen Knochen absetzte. Er zitterte jetzt schon wieder, dabei war er in der Nacht bereits eingeschlafen. Eingeschlafen. Er hatte sämtliche Lagen um seinen schwitzenden Körper geschlungen und dann die Augen geschlossen. Als er aufgewacht war, hatte er sich ausgeruht und angenehm warm gefühlt. Was natürlich beides nicht gehalten hatte.
      Aber er würde diesen Posten nicht aufgeben. Das war jetzt Chesters Zuhause und er würde sich nur daran gewöhnen müssen. Ein paar Wochen noch, dann wäre der Winter auch schon wieder vorüber. Ein paar Tode und dann wäre das schlimmste vorbei.
      Chester zog die Decken noch enger um sich.
      Er bekam alles vom Zirkus mit, natürlich. Den ganzen Morgen lang saß er hinter dem Kantinenzelt und lauschte dem Stimmengewirr, das von dort herauskam. Sobald der Koch seine Pause machte, schlich er sich in die Küche und stahl etwas von den Resten, bevor er weiterzog. Hinter seinem eigenen Zelt lauschte er den Gesprächen vorbeiziehender Leute und hinter dem Aufführungszelt lauschte er all jenen, die sich dort zurückzogen oder etwa sogar probten. Auf diese Leute war er besonders stolz. Er konnte selbst sehen, wie sehr der Zirkus auseinanderfiel und sie waren einige der wenigen, die ihn zusammenhalten wollten. Sie waren Leute, auf die er sich immer verlassen konnte.
      Liam war heillos überfordert mit der ganzen Situation. Das waren die meisten, wie Chester bemerkte, und doch fingen sie nicht an, die Sache selbst zu regeln. Noch immer betrat man sein Zelt nicht und holte sich seine Unterlagen, als warteten sie alle auf seine Rückkehr. Dass er einfach wieder auftauchen würde.
      Sie würden es lernen. Irgendwann würden sie die Hoffnung aufgeben. Die Zeit war, so wie in den seltesten Fällen, mal auf seiner Seite. Er musste nur lange genug warten.
      So blieb Chester in seiner kleinen Nische und beobachtete den Zirkus aus den Schatten, als er mit einem mal Schritte vernahm, leise Schritte. Schritte, die nicht gehört werden wollten und die er trotzdem vernahm, weil er sich über die Tage schon daran gewöhnt hatte, dass alle Geräusche von den Zeltwänden gedämpft wurden. Diese Schritte wurden es nicht und sie kamen direkt auf ihn zu.
      Er überlegte, ob er in die andere Richtung ausweichen sollte. Er könnte aufstehen, seine Sachen packen und sich aus dem Staub machen. Diese Schritte waren ganz eindeutig vorsichtig und würden nicht mit seiner ausgeprägten Kenntnis von den Gängen mithalten können. Er würde ihnen entfliehen können.
      Aber wenn er die Schritte hörte, würden sie auch ihn hören können und dann hätte es vermutlich keinen Zweck mehr zu laufen. Seine tickende Uhr verriet ihn. Er konnte nicht nach draußen, weil es dort hell war und er konnte nicht immerzu im Kreis laufen. Sie würden sein Versteck unlängst enttarnen und es offenbaren. Er würde sich nicht mehr verstecken können.
      Das war den Aufwand dann auch nicht wert. Chester konnte einfach warten, bis die Schritte ihn erreichen. Er war schon immer ein geduldiger Mensch gewesen.
      Die Schritte kamen näher, zögerten, schoben sich vorwärts und einen Augenblick später kam eine schlanke, schmale Gestalt zum Vorschein. Sie musste ein wenig mit der Ecke kämpfen und mit den Stangen, die hier im Wirrwarr standen, aber dann hatte sie es geschafft, richtete sich auf und erblickte Chester.
      Und Chester erblickte Theresa.
      Es war hier düster in dem schmalen Gang, aber es war genug Licht, dass Chester die Überraschung auf ihrem Gesicht sehen konnte. Zumindest solange, bis sie sich gefasst hatte.
      Er stieß ein tiefes, langes Seufzen aus. Dass es gerade Theresa sein musste, schien gleichzeitig wie Segen und Fluch, nachdem sie ihn bereits im Zelt erwischt hatte. Vielleicht hatte sie der Vorfall irgendwie zu seinem Henker gemacht.
      Er senkte den Blick, wollte ihr nicht in die Augen sehen. Gerade mit Theresa hatte er letztens noch den größten Spaß gehabt und das wollte er sich nicht überschreiben lassen von was auch immer kommen würde. Wenn es wie beim letzten Mal würde, wollte er ein paar schöne Gedanken mitnehmen.
      Gefunden.”
      Er erschauderte unter seinen Decken. Vielleicht dürfte er ja dieses Mal sein Buch mitnehmen: Alice im Wunderland. Er kannte schon jede einzelne Seite auswendig, aber manchmal war es schön, etwas bekanntes bei sich zu haben. Etwas vertraues. Etwas unvergängliches.
      Trotzdem, er hatte gehofft, dass es gerade nicht Theresa werden würde. Er hatte darauf gehofft, dass sie sich von Brandon nicht anstecken lassen würde. Gerade Theresa.
      Das stimmte ihn irgendwie traurig.
      Wohin soll ich gehen?
    • Das Labyrinth aus schmalen Korridoren schien kein Ende nehmen zu wollen. Zwischendurch hielt Tessa ganz still und lauschte den leisen Stimmen hinter den Zeltwänden. Vorsichtig spähte sie durch die kleinen Schlitze in den Wänden, die sich hinter Requisiten, Möbeln und Kisten verbargen. Hinter dem Kantinenzelt hielt sich der verlockende Duft der Küche. Es roch süß nach Honig, warmen Gebäck und frisch aufgebrühtem Tee. Eine kleine Freude, die die Stimmung zumindest für einen kurzen Augenblick etwas heben konnte. Eine kleine Geste und doch unheimlich wertvoll in diesen ungewissen Tagen und trotzdem war es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.
      Tessa setzte ihren Weg fort obwohl ihr Fuß langsam Probleme machte und die Korridore immer schmaler wurden je tiefer sie in den Irrgarten eintauchte. Es war zugig und kühl zwischen den Zelten. Ständig versperrten Seile und Stangen ihren Weg die sie nur mit Mühe überwand. Mal geduckt, mal kletternd, mal so nah an der Zeltwand entlang, dass sie fürchtete heraus zu purzeln, bahnte sich Tessa ihren beschwerlichen Weg. Die Kälte und Feuchtigkeit des harschen Winters kroch durch den kleinsten Spalt in die Zwischenräume und es dauerte nicht lange bis Tessa die Arme um sich schlang um wenigstens ein wenig Wärme am Leib zu halten. Der Wind heulte um die Ecke und übertönte kurzzeitig die geschäftige Geräuschkulisse des Zirkus. Es wurde so ungemütlich, dass sie in dem Wirrwarr aus Gängen bereits nach dem nächsten Ausstieg suchte. Das hier war kein Ort, der zu einem längeren Aufenthalt einlud und gesund war es sicherlich auch nicht. Tessa schniefte ganz leise, da ihr von der eisigen Kälte bereits die Nase lief.
      Plötzlich musste sie stoppen, weil sich vor ihr mehrere Stangen samt Befestigungsseilen kreuzte. Dort hindurch zu kommen stellte sich als schwierig heraus. Tessa unterdrückte ein leises Fluchen damit niemand ihr neu entdecktes Versteck bemerkte und quetsche sich zwischen zwei Eisenstangen hindurch. Durch den schmerzen Knöcheln behindert, fehlte es an der nötigen Geschmeidigkeit, als sie unter einem Seil hindurch kroch und dabei fast auf dem Hosenboden gelandet wäre. Das ganze ähnelte einer improvisierten Barrikade um ein Vorrankommen möglichst beschwerlich zu gestalten. Endlich hindurch ging Tessa in die Hocke und griff sich ganz automatisch an den ziependen und pulsierenden Knöchel. Irgendwann musste doch der nächste Ausgang kommen. Behutsam streckte sie die Hand aus und betastete die Zeltwand zu ihrer Rechten, immer darauf bedacht es so federleicht zu tun, damit niemand die Berührung auf der anderen Seite sehen konnte. Ihr Blick glitt zu Boden und da waren...frische Fußspuren.
      Mit gerunzelter Stirn folgte sie den Abdrücken bis ein Knäuel aus Decken in ihrem Blickfeld auftauchte.
      "Hm?", stutzte sie.
      Ruckartig schnappte ihr Blick nach oben und fand...Chester. Chester!?
      Tessas Augen wurden ganz groß, als sie ihn verblüfft und geschockt anstarrte.
      Er sah keine Sekunde lang in ihrer Richtung, doch das Seufzen teilte unmissverständlich mit, dass er sie bereits bemerkt hatte.
      Gefunden.”
      "Was...?", murmelte sie verdattert.
      Nachdem der erste Schock überwunden war, nahm sie den Mann näher in Augenschein, der sich auf einem provisorischen Lager zusammenkauerte. Es erinnerte Tessa an die notdürftigen Schlaflager, die sie ganz am Anfang in den Zwischenräumen der Häuser und zugigen Seitengassen eingerichtet hatten. Chester zitterte, das erkannte sie selbst durch die unzähligen Lagen an Decken. Nur sein Kopf lugte aus dem Kokon hervor, mit dem er wohl versuchte die Kälte abzuhalten, aber Tessa wusste aus eigener Erfahrung, dass es nur wenig bis gar nicht half. Feuchtigkeit und Kälte fanden ihren Weg durch die kleinste Lücke. Sein Gesicht war besorgniserregend blass und der Schweiß glitzerte auf seiner Stirn obwohl er offensichtlich fror.
      Wohin soll ich gehen?
      Der resignierte Tonfall beunruhigte Tessa. Er versuchte nicht einmal, ihr eine überschwängliche Erklärung zu liefern. Das hier war vielleicht noch schlimmer, als Zeugin seines Gefühlsausbruchs und der Tränen gewesen zu sein. Chester wirkte, als hätte er...aufgegeben. Er sah traurig aus.
      "Was...Was soll das heißen, wohin sollst du gehen...?", wisperte sie.
      Es klickte eine Sekunde später.
      Dachte Chester, dass sie hier war, weil sie Brandon bei der Suche unterstützte? Glaubte er, dass sie hier war, um ihn auszuliefern?
      "Du kannst manchmal so ein unglaublicher Idiot sein, Chester...", fluchte Tessa. "Was machst du hier?"
      Eilig aber stets mucksmäuschenstill huschte Tessa voran und humpelte die letzten Meter zu Chester. Vorsichtig kniete sie vor dem zitternden Mann, dessen Verfassung sie immer noch schockierte. Die einzigartige Aura, die der Mann zu allen Zeiten ausstrahlte, war beinahe erloschen. Tessa zögerte nicht, als sie etwas zu ruppig nach den Decken griff und sich durch den Stoff wühlte, bis sie seine Hände zu fassen bekam. Sie waren eiskalt. Unter den Decken war es warm, aber längst nicht warm genug, und vor allem klamm vom Schweiß.
      "Scheiße, du holst dir hier den Tod! Bitte sag mir nicht, dass du die ganze Zeit hier warst?", murmelte sie. "Liam ist kurz vorm Durchdrehen und ich glaube es dauert nicht mehr lange, bis Owl ernsthaft darüber nachdenkt, Brandon an den Kragen zu gehen...wenn Malia ihm dabei nicht zuvorkommt. Ella traut sich gar nicht mehr aus ihrem Wagen..."
      Tessa schüttelte den Kopf.
      Das war nicht der richtige Augenblick um ihm Vorwürfe zu machen.
      Nicht, wenn er offenbar nicht einmal dazu in der Lage war ihr ins Gesicht zu sehen.
      Wie lange hatte er vor gehabt, sich hier zu verstecken? Bei dem Wetter? Er wäre erfroren...vielleicht war das schon einmal in den vergangen Tagen, denn nachts war es bitterkalt. Sie dachte an den Tagebucheintrag und schauderte.
      Sorgfältig schloss sie den nutzlosen Kokon aus Wolldecken und rückte etwas zu Chester, den Kopf leicht schief gelegt und geneigt in dem Versucht einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen. Ganz, ganz sanft nahm sie sein Gesicht in ihre Hände. Die Haut war klamm unter ihren Fingern aber ihre eigenen Hände zu kalt um ein Fieber feststellen zu können, obwohl sein Gesicht förmlich glühte. Prüfend legte Tessa ihm trotzdem die Hand auf die Stirn.
      Sie spürte einen leichten, kraftlosen Widerstand als sie versuchte seinen Kopf etwas zu drehen.
      "Chester, sieh mich an, bitte?", versuchte sie es. "Es geht dir überhaupt nicht gut. Was machst du hier?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Was...Was soll das heißen, wohin sollst du gehen...?”
      Das war nicht ganz die Antwort, die Chester erwartet hatte - nicht ganz in dieser unsicheren Stimme, nicht mit diesen Zweifeln. Müsste sie ihn nicht längst nach draußen scheuchen? Müsste sie ihm nicht längst vorwerfen, dass er versagt hatte? Theresa war aber so…
      Theresa. Und für einen Augenblick hatte Chester das Gefühl, dass er hier die falsche Theresa vor sich sah, dass er von einer anderen Theresa ausgegangen war. Von anderen Umständen, von einer anderen Zeit.
      Chester blinzelte, dann war das Gefühl wieder verschwunden. Er wusste, wo er sich befand, in welcher Generation von Zirkus er steckte. Natürlich.
      Ich dachte, ich muss nicht mehr zurück. Ins Gefängnis. Wo muss ich dann hin?
      Er sah Theresa nicht an, sah nicht ihren Gesichtsausdruck. Aber er konnte hören, wie es in ihr arbeitete, und dann:
      "Du kannst manchmal so ein unglaublicher Idiot sein, Chester… Was machst du hier?”
      Er dachte, es wäre eindeutig gewesen. Offensichtlich. Was sollte er hier auch machen?
      Ich warte.
      Theresa kam jetzt näher, was ihn kaum interessierte. Sie konnte ihn ja rauszuzerren versuchen, er würde sich nicht wehren. Er würde ihr aber auch nicht behilflich sein. Nur der plötzlich veränderte Rhythmus in ihren Schritten, die leichte Verzögerung zwischendrin, das leichte schlurfen, das weckte etwas in ihm, etwas tief vergrabenes. Verstecktes. Er hatte es selbst so tief vergraben, damit er sich weiter verstecken konnte.
      Da zog sie grob an seinen Decken und entriss sie seinen klammen Fingern. Stattdessen legte sich eine Hand über seine eigene, warm und sanft. Chester war sich gar nicht bewusst gewesen, wie eiskalt er war, aber jetzt dachte er unmittelbar daran, dass er sie mit seiner Kälte anstecken könnte. Das wäre nicht fair. Sie hatte doch nichts verbrochen, um sich diese Kälte zu verdienen.
      "Scheiße, du holst dir hier den Tod! Bitte sag mir nicht, dass du die ganze Zeit hier warst?”
      Doch.
      Seine Stimme klang seltsam hohl neben ihrer, das fiel ihm jetzt auch auf. Theresas Stimme wirkte so lebendig und Chesters so… abgegriffen. Vergilbt wie die Seiten eines besonders alten Buches.
      "Liam ist kurz vorm Durchdrehen und ich glaube es dauert nicht mehr lange, bis Owl ernsthaft darüber nachdenkt, Brandon an den Kragen zu gehen...wenn Malia ihm dabei nicht zuvorkommt. Ella traut sich gar nicht mehr aus ihrem Wagen…”
      Liam, Owl, Ella. Chester hatte ein Gesicht zu jedem Namen, so fern und doch vertraut. Aber so, wie sie ihn einst vielleicht getröstet hatten, berührten sie ihn jetzt nicht. Namen waren kurzlebig, sie blieben so lange an Ort und Stelle wie eine Feder im Wind.
      Ihm war jetzt langsam wieder warm, sehr warm sogar. Als Theresa kurz darauf die Lücke in den Decken wieder schloss und den kühlen Luftzug aussperrte, war ihm fast heiß. Er sollte die Decken vermutlich ablegen, damit er sie nicht vollschwitzte. So wie es aussah würde er noch eine ganze Weile hier hinten bleiben, da sollten seine Sachen genauso lange halten.
      Da legten sich warme Hände an sein Gesicht. Er widerstand dem Zug, der seinen Blick zu Theresa führen sollte. Er wollte seine Erinnerung behalten, das einzig wahre langlebige an ihm. Er wollte sie nicht von der Realität überschreiben.
      “Chester, sieh mich an, bitte?”
      Nein.
      Nein.
      Wenn er sich konzentriere, sah er eine glücklich lächelnde Theresa vor sich. War das die richtige Theresa? Das machte ja auch eigentlich keinen Unterschied.
      Sein Blick fiel dafür auf ihren Schoß hinab. Er starrte auf das Bein, das neben seinem Kokon lag und folgte seinem Verlauf bis zum Knöchel. Es regte sich wieder etwas in ihm, aber das schaltete er lieber wieder ab.
      "Es geht dir überhaupt nicht gut. Was machst du hier?”
      Schon wieder diese Frage und nur eine richtige Antwort darauf.
      Ich warte. Irgendwann wird die Uhr wieder laut, dann komme ich raus. Dann stelle ich jemanden ein und gehe wieder. Das mache ich jetzt.
      Er zog seinen Kopf ein Stück zurück, bis die Hände ihn verließen. Sie waren zu warm für seine sowieso schon warme Haut. Der Tod lauerte bereits hinter der Ecke und Chester scheute schon lange nicht mehr vor ihm zurück.
      Ich habe versagt”, sagte er dann leise. Zu niemandem spezifisch eigentlich, die Worte mussten nur mal ausgesprochen werden.
      Ich dachte, ich mach's jetzt richtig, aber das tue ich nicht. Es ist so wie immer. Ich gebe auf.
      Er sah wieder den Knöchel an, der vor ihm lag. Der ihn so irritierte.
      Ich habe keine Ideen mehr.
    • Nein.
      "Chester, bitte", flehte Tessa beinahe.
      Sorge begleitete die geflüsterten Silben, doch sein Widerstand blieb ungebrochen. Die Zerbrechlichkeit erschreckte Tessa so sehr, dass sie selbst über seinen Trotz keine Miene verzog. Sie brachte es einfach nicht übers Herz ihn dazu zu zwingen.
      Ich warte. Irgendwann wird die Uhr wieder laut, dann komme ich raus. Dann stelle ich jemanden ein und gehe wieder. Das mache ich jetzt", murmelte er beharrlich.
      "Das ist doch völliger Schwachsinn. Du kannst hier nicht leben", antwortete Tessa und trotz der eigentlich harschen Worte, war ihre Stimme ganz sanft. Hilflos ließ sie die Händen sinken und sah unfähig etwas zu tun dabei zu, wie Chester vor ihren Augen sekündlich ein wenig mehr zerbrach.
      Ich habe versagt”, sagte er.
      "Nein, nein...Chester", wisperte Tessa.
      Die Distanz in seiner Stimme ließ sie daran zweifeln, ob er nicht unlängst den Punkt erreicht hatte, dass Chester sie gar nicht mehr richtig wahrnahm. Er murmelte im Delirium.
      Ich dachte, ich mach's jetzt richtig, aber das tue ich nicht. Es ist so wie immer. Ich gebe auf”, fuhr er unbeirrt vor.
      "Das kannst du nicht", versuchte sie es sanft. "Es gibt Menschen, die dich brauchen. Hörst du?"
      Chester fixierte einen Punkt neben ihr, doch Tessa wandte keine Sekunde lang den Blick von ihm ab. Sie meinte es Ernst. Bei all den Lügen und aberwitzigen Märchen, die er Anderen auftischte. Es gab genügend Menschen im Zirkus Magica, die auf seiner Seite waren. Sah er das denn nicht?
      Ich habe keine Ideen mehr.
      Tessa war nie gut in großen Worten gewesen. Sie war nicht wie Chester, der eigentlich immer genau wusste, was er sagen musste. Gerade jetzt schnürte ihr die pure Mutlosigkeit und die Leere in seiner Stimme die Kehle zu. Das war nicht richtig. Also tat Tessa das Einzige, dass ihr absolut richtig erschien. Bedächtig richtete sich die Diebin etwas auf ihren Knien auf und atmete lautlos auf, als sie ihren Knöchel dabei etwas entlastete. Sie verlagerte ihr Gewicht vorsichtig auf ihre Knie und beugte sich zu Chester vor.
      Ganz behutsam legte sie die Arme um seinen Schultern und als der Mann sich nicht rührte, sich standhaft weigerte der tröstlichen Berührung entgegen zu kommen, rückte Tessa näher an seine zusammengekauerte Gestalt heran. Chester wäre wohl erstarrt, wäre das heftige Zittern nicht gewesen. Es war ihr egal, dass seine vom kalten Schweiß klammen Haare sich gegen ihre Schläfen drückten.
      Tessa ließ sich nicht fortschieben, selbst wenn er es versuchen sollte.
      Vermutlich hoffte sich vergeblich etwas von der knochentiefen Kälte zu vertreiben, von der bodenlosen Verzweiflung, die an Chester nagte und ihn langsam auffraß. Tessa streichelte durch den verschwitzten, blonden Haarschopf wie sie es bei den kleinsten der Straßenkinder getan hatte, wenn das Heimweh zu groß geworden war.
      "Das ist okay, Chester", flüsterte sie. "Es ist in Ordnung, wenn du nicht die Lösung für alle Probleme hast. Es ist okay traurig zu sein. Es ist okay nicht weiter zu wissen. Menschen machen Fehler...und gerne denselben viel zu oft, aber das ist okay. Vergiss Brandon. Was er sagt, ist nicht wahr. Es ist nicht deine Schuld, was mit Toby passiert ist. Es ist die Schuld von allen, weil alle weggesehen haben. Keiner hat es kommen sehen und es ist nicht fair, dass sie ihre eigenen Schuldgefühle dir in die Schuhe schieben, weil es bequemer ist dich zum Sündenbock zu machen."
      Sie lehnte sich behutsam an ihn.
      "Toby wollte an den Ort zurück, den er Zuhause genannt hat. Er wusste, was für eine Bedeutung ein Zuhause hat. Willst du wirklich zulassen, dass Brandon diesen Ort zerstört, diesen Zirkus, der für viele genau das ist: Ein Zuhause. Eine Familie. Es gibt dort draußen Menschen, die dich brauchen. Die sich auf dich verlassen. Menschen, die Fehler verzeihen, aber das können sie nicht, wenn du dich hier verkriechst."
      Ein tiefer Atemzug rüttelte an ihren Schultern, ehe sie das Kinn auf seiner Schulter abstützte.
      "Ich verzeihe Dir, Chester. Ich bin immer noch wütend über die Lügen, die du mir aufgetischt hast - und werde es vermutlich eine ganze Weile lang sein -, aber ich habe dir verziehen und andere werden das auch."
      Tessa seufzte und presste die Lippen zusammen.
      Vielleicht war sie doch gar nicht so mehr so schlecht mit Worten, dieses schüchterne und unsichere Mädchen von der Straße.
      Sie konnte Chester nicht hier lassen.
      Hier, in einem Exil zwischen den Welten innerhalb und außerhalb des Zirkus.
      Da und doch kein Teil mehr davon. Sterben, immer und immer wieder.
      Allein.
      "Bitte, tu dir das hier nicht an. Komm mit mir, okay?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Neben Chester rührte sich Theresa. Er sah sie noch immer nicht an, wollte es nicht, durfte es nicht. In seinem Inneren hatte sich die Kälte des Winters festgefressen und wenn er sich Mühe gab, ganz viel Mühe gab, dann würde ihn die Erinnerung an andere Zeiten, bessere Zeiten, noch eine letzte Wärme schenken, bevor er wieder ins Nichts abtauchte. Und bevor er dann auch wieder erwachte, nur um herauszufinden, dass sich gar nichts geändert hatte.
      Daher hielt Chester vehement den Blick gesenkt, selbst als Theresa den Arm um ihn legte. Die Geste kam aus dem Nichts, denn sie war so völlig… überflüssig. Fehl am Platz. Was wollte Theresa erreichen, mit einem Arm um seine gepolsterten Schultern? Welchen Zweck hatte es, wenn er doch sowieso bald weg sein und gar nichts mehr spüren würde?
      Aber Theresa blieb, auch als er sich nicht rührte, und kam sogar ein Stück näher gerutscht. Eine Hand schob sich in seine Haare, die Berührung so fern und doch so nah, ungewohnt an diesem Ort, der eigentlich dazu gedacht war, solche reellen, existierenden Sachen auszublenden. Chester spürte, wie sich jeder einzelne Finger über seine Kopfhaut schob, durch ungekämmte, starre Strähnen hindurch. Er wusste nicht, was das sollte. War Theresa nicht hier, um ihn abzuholen? Um ihn rauszubringen?
      “Das ist okay, Chester. Es ist in Ordnung, wenn du nicht die Lösung für alle Probleme hast. Es ist okay traurig zu sein. Es ist okay nicht weiter zu wissen. Menschen machen Fehler...und gerne denselben viel zu oft, aber das ist okay.”
      Ihre Stimme war so leise, so sanft, so unpassend für diesen Ort. Vielleicht lag es gerade daran, dass Chester ihre Worte merkwürdig klar und deutlich vernehmen konnte.
      Es ist okay, nicht weiterzuwissen. Es ist okay, traurig zu sein.
      Es ist okay.
      Es ist okay…
      Er blinzelte.
      “Vergiss Brandon. Was er sagt, ist nicht wahr. Es ist nicht deine Schuld, was mit Toby passiert ist. Es ist die Schuld von allen, weil alle weggesehen haben. Keiner hat es kommen sehen und es ist nicht fair, dass sie ihre eigenen Schuldgefühle dir in die Schuhe schieben, weil es bequemer ist dich zum Sündenbock zu machen.”
      Aber… es war ja nicht nur Toby. Toby, der schon längst zum Geist geworden war. Es waren doch so viel mehr, so, so viele mehr.
      Und es war ja auch nicht nur Brandon. Brandon war nur ein Vertreter seiner Art, die in dieser Generation des Zirkusses existierte.
      Chester wollte es einfach nicht nochmal erleben. Und nochmal.
      Und nochmal.
      Und nochmal.
      Theresa lehnte sich an ihn und das war nun etwas, was er deutlicher spüren konnte. Das Gewicht drückte gegen seinen Kokon aus Decken und verschloss einige der Lücken dazwischen. Für einen Moment glaubte er, dass er dieses Mal vielleicht dem Tod noch von der Schippe springen könnte, allein durch Theresas Anwesenheit.
      “Willst du wirklich zulassen, dass Brandon diesen Ort zerstört, diesen Zirkus, der für viele genau das ist: Ein Zuhause. Eine Familie. Es gibt dort draußen Menschen, die dich brauchen. Die sich auf dich verlassen. Menschen, die Fehler verzeihen, aber das können sie nicht, wenn du dich hier verkriechst.”
      Das war ein schöner Gedanke: Jemand, der ihn brauchte, der sich auf ihn verließ. Vielleicht war es das ja, was Chester gesucht hatte? Was er hätte finden können?
      Aber wenn sich so viele Leute Brandon angeschlossen hatten, war dann nicht das Gegenteil der Fall? Wollten sie ihn dann nicht auch alle verantwortlich dafür machen, was mit Toby geschehen war?
      Chester merkte langsam, wie ihn die Kraft verließ, aber es war die Kraft, Theresa weiter entgegen zu halten. Ihre Anwesenheit war verführerisch, ihr Körper so nahe und noch immer hatte sie ihn nicht nach draußen geschleift. Vielleicht stimmte es ja, was sie ihm sagte. Nicht objektiv natürlich, aber… wenn Theresa es glaubte, dann war ihm das genug. Vielleicht war es ihm genug.
      Ich verzeihe Dir, Chester. Ich bin immer noch wütend über die Lügen, die du mir aufgetischt hast - und werde es vermutlich eine ganze Weile lang sein -, aber ich habe dir verziehen und andere werden das auch.”
      Da sackte er ein wenig ein. Seine Schultern fielen wie von einer unsichtbaren Spannung hochgehoben herab und er lehnte sich im Gegenzug etwas gegen Theresa, denn… es war so einfach. So einfach, loszulassen und sich fallen zu lassen. Und Chester wusste das, genauso wie er wusste, dass der Aufprall noch härter sein würde, je weiter er sich fallen ließ. Aber… nur für den Moment lehnte er sich im Gegenzug an sie. Er neigte den Kopf und dann war es noch viel einfacher, ihn auf Theresas Schulter sinken zu lassen, als sie den ihren anhob. Und ihn einfach dort liegen zu lassen.
      Ihr Körper war ganz warm an seiner Stirn, so tröstlich und beruhigend. Ein so direkter Kontrast zu der Kälte, die überall um ihn herum war.
      Sie verzieh ihm - aber für alles? Nein, natürlich nicht. Sie kannte ja nicht alles, sie kannte nichtmal einen Bruchteil von alles.
      Aber die Vorstellung war ihm gut genug, dass er die Augen schließen und seine Fantasie spielen lassen konnte. Ob ihm alle verzeihen würden? Ganz sicher nicht. Aber es war für den Augenblick gut genug für ihn. Für den Moment.
      Er nahm einen tiefen Atemzug und ließ ihn dann ganz langsam wieder raus.
      "Bitte, tu dir das hier nicht an. Komm mit mir, okay?”
      Jetzt kam es ja doch noch, ihre Forderung. Aber irgendwie hatte sie es geschafft, dass Chester ihr zu folgen gewillt war. Und auch nur um… und auch nur, um sich der Vorstellung ein bisschen länger hinzugeben. Nur ein kleines bisschen länger, bis alles doch noch in die Brüche gehen würde, auf die eine oder andere Weise.
      Er gab ein kleines Nicken von sich, nur sehr leicht, rührte sich aber trotzdem nicht. Es zu wollen war eine Sache, es auch zu tun…
      Ich will nicht nach draußen.
      Er erzitterte, heftig. Sein Körper war bereits in einem Stadium angelangt, in dem ihm die Kraft zum Zittern ausging, deswegen versuchte er mit seinen letzten Kräften noch, alles daraus herauszuholen. Irgendwann würden ihm auch die ausgehen und dann wäre er für ein paar Stunden ganz weg. Aber das machte Chester nichts, einzufrieren war ein friedlicher Tod.
      Können wir nicht… wirst du mich nicht ausliefern?
    • Völlig entkräftet sackte sein Kopf auf ihre Schulter. Es war ein vertrautes Gewicht, dass ihr nun tonnenschwer erschien. Keine Sekunde lang stoppte sie damit, ihm zärtlich durch das Haar zu streicheln. Chester nickte und Tessa entließ den angehaltenen Atem aus ihren Lungen. Sie würde ihn hier heraus schaffen. Irgendwohin, wo es warm und sicher war. Egal wohin, nur raus aus dieser bitteren Kälte und der erdrückenden Einsamkeit, die er sich selbst auferlegte. Aber Chester bewegte sich nicht.
      Ich will nicht nach draußen.
      "Ich weiß...". flüsterte sie.
      Unwillkürlich schlossen sich ihre Arme fester um ihn, als sein heftiges Zittern seinen ganzen Körper durchschüttelte. Egal was sie auch unternahm, sie würde keinerlei Wärme halten können. Chesters verweilte schon viel zu lange in seinem zugigen und bitterkalten Versteck.
      Können wir nicht… wirst du mich nicht ausliefern?
      "Nein. Oh Gott, nein...", antwortete sie. "Brandon hat mich nicht geschickt."
      Tessa kämpfte mit der erschütternden Gewissheit, dass Chester tatsächlich felsenfest daran glaubte, dass sie hergekommen war um ihn den Wölfen zum Fraß vorzuwerfen. Am liebsten hätte sie seinen Kopf angehoben, damit er die Wahrheit in ihrem Gesicht ablesen konnte, aber sie wollte ihm nicht das Bisschen Wärme verweigern, das sie ihm geben konnte. Behutsam drückte sie ihre warme Hand in seinen Nacken und dort nahm sie die tröstlichen, streichelnden Bewegungen wieder auf. Ganz sachte schüttelte sie den Kopf.
      "Ich werde dich nicht ausliefern...", bekräftigte sie. "...aber wir können nicht hier bleiben."
      Nun musste Tessa sich doch endgültig von Chester lösen und rückte ein wenig von ihm ab, um unter den Decken erneut nach seinen klammern, kalten Händen zu suchen.
      "Kannst du für mich aufstehen, Chester? Versuch es, bitte. Ich kann dich nicht tragen, weißt du?", versuchte sie ihn zu ermutigen und lächelte dabei schwach, aber der Mann rührte sich nicht vom Fleck. Er konnte nicht.
      Chesters Körper hatte den Kampf gegen die harsche Winterkälte bereits verloren und gehorchte ihm einfach nicht mehr. Willenskraft allein versetzte hier keine Berge mehr. Tessa hatte genügend arme Menschen in den letzten Wintern erlebt, die sich dem eiskalten Schlaf nicht länger entziehen konnten. Frost und Eis forderten zwangsläufig ihren Tribut.
      "Chester, bitte. Bitte...", flehte sie wieder
      Tessa drückte sich langsam auf wackelige Beine hoch, die sich nach dem langen Knien und der frostigen Temperatur des Bodens ganz taub anfühlten. Vorsichtig aber nachdrücklich zog sie an seinen Armen, er rührte sich nicht. Als Nächstes legte sie sich einen Arm um die Schultern und stemmte sich mit aller Kraft nach oben, doch Chester war zu schwer für Tessa.
      Vollkommen hilflos sah sich Tessa um, blickte nach links und rechts in die scheinbar endlos langen Wege.
      Die Gedanken in ihrem Kopf rasten. Sie konnte zurücklaufen und Hilfe holen. Sicherlich verschmerzte es Chester, wenn Liam als seine rechte Hand wusste, dass es diese Geheimgänge gab. Aber was dann? Sie musste einen anderen Weg hinausfinden, da sie den fröstelnden und geschwächten Chester niemals durch das Wirrwarr aus Stangen und gespannten Seilen bekamen, nicht ohne seine Unterstützung. Selbst wenn Liam und sie es mit vereinten Kräften schafften, wohin sollten sie gehen? Vielleicht konnten sie ihn fürs Erste in seinem Zelt verstecken und sich bis zum Anbruch der Nacht etwas Neues überlegen. Und was war, wenn er in dieser Zeit, in der sie Weg war, einfach...?
      "Okay..." gab sie schließlich nach und gleichzeitig auf.
      Verzweifelt verbarg sie das Gesicht in ihren Händen und schüttelte einfach nur den Kopf. Das hier würde das Schwerste sein, was sie je in ihrem Leben getan hatte. Anstatt durch den Irrgarten zu verschwinden, ließ sich Tessa neben Chester auf dem behelfsmäßigen und völlig unzureichenden Schlafplatz nieder. Die Kälte kroch sofort durch ihre Hose und ließ sie frösteln.
      "Komm her...", murmelte sie leise. "Ruh dich aus. Es wird alles gut."
      Chester leistete keinerlei Widerstand als sie ihn herum bugsierte und schließlich seinen Kopf in ihrem Schoß bettete, während sich der Rest seines unterkühlten Körpers sich ganz instinktiv so kleine wie möglich machte um wenigstens den kläglichen Rest an Wärme zu behalten.
      "Wir bleiben bis es dunkel wird, dann wird uns niemand sehen, sobald wir uns rausschleichen", begann sie zu reden, obwohl sie längst nicht mehr auf eine Antwort hoffte. Chester hatte aufgehört zu zittern. "Wir verstecken dich in meinem Wagen. Da ist es warm und niemand wird dich dort suchen."
      Liebevoll strich sie ihm wieder über das Haar und schob die verschwitzten Strähnen fort, die an seinen Schläfen und in seiner Stirn klebten. Eine Hand schlich sich unter die Decken und drückte sich gegen seine Brust, um die mühevollen Atemzüge unter ihren Fingern spüren zu können.
      Tessa würde ihn, der viel zu oft alleine und im Stillen gestorben war, dieses Mal nicht sich selbst überlassen. Natürlich wusste sie, dass er wieder zurückkam, aber das rüttelte nicht an ihrem Entschluss. Sie würde neben ihm ausharren bis ihre Finger bereits taub und blau geworden waren.
      "Hab ich dir eigentlich die Geschichte erzählte, wie Jacob und ich eine ganze Nacht in einem stinkenden Müllcontainer festsaßen...?", begann sie irgendwann um der Stille in den Zwischenwänden zu trotzen und beobachtete dabei, wie sich ihre Atem vor ihren Lippen zu weißen Wölkchen formte.
      Also erzählte sie.
      Von er legendären Nacht im Müllcontainer und wie Rosie sie mit Eimern voll eiskaltem Regenwasser durch die Bruchbude gejagt hatte, die sie bewohnt hatte, weil sie zehn Kilometer gegen den Wind stanken. Sie erzählte von den Streichen, die sie sich gegenseitig gespielt hatten. Von dem einem Mal, als Jake ohne Hose zurück ins Versteck gekommen war, weil er an einem Zaun hängen geblieben war und anders nichts losgekommen wäre, und wie Rosie am Boden gesessen und Tränen dabei gelacht hatte. Ihr Kopf war dabei so puterrot geworden, dass Tessa für einen Augenblick wirklich die Sorge hatte, dass sie erstickte.
      Die ganze Zeit über streichelte sie ihm durchs Haar und als ihr die Geschichten ausgingen, begann Tessa zu summen. Die liebliche und sanfte Melodie eines Schlafliedes, das sie den Kindern vorgesungen hatte, wenn ein Albtraum sie aus dem Schlaf gerissen hatte.
      "Es tut mir leid", unterbrach sie ihr Summen und schluckte die Tränen herunter. "Es tut mir so furchtbar leid."
      Der Brustkorb unter ihrer Hand hob sich in einem gequälten, stockenden Atemzug.
      Beruhigend zog ihr Daumen kleine Kreise und Tessa begann zum unzähligsten Mal die zarte Melodie.
      Bald war ihr Summen als einziges Geräusch übrig, wo ansonsten Totenstille herrschte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Brandon hat mich nicht geschickt.”
      Chester blinzelte langsam. Er verstand Theresas Worte, aber der Sinn dahinter erschloss sich ihm nicht. Wenn Brandon sie nicht geschickt hatte, wieso war sie dann hier? Wieso legte sie den Arm so um ihn, wenn sie gar nicht hier sein musste? Wenn sie ihn anders gefunden hatte?
      Aber nein, sie kam nicht von Brandon und sie würde ihn auch nicht ausliefern. Die warme, schöne Hand in seinem schweißnassen Nacken bekräftigte sie in dieser Aussage und doch konnte sie nur wenig an der Last rütteln, die auf seinen Schultern lag. Früher oder später würde er ja doch ausgeliefert werden. Theresa hatte ihn gefunden und so war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis er dieses Versteck verlassen musste.
      “... aber wir können nicht hier bleiben.”
      Ja, da war es doch. Er wusste es doch, wusste es immer. Chester kannte die Menschen.
      Aber… wir?
      Da rückte Theresa ein Stück von ihm ab und welcher Gedanke auch immer sich auf dieses wir gebildet hatte, verlor sich wieder. Schlagartig war Chesters gesamter Kopf wieder kalt und er nahm einen leisen Atemzug. Es sehnte ihn zurück nach der wenigen Wärme, die er soeben verspürt hatte, auch wenn er wusste, dass das nichts bringen würde. Und dass sowas an ihn verschwendet war.
      "Kannst du für mich aufstehen, Chester? Versuch es, bitte. Ich kann dich nicht tragen, weißt du?”
      Hm.”
      Er sah an sich herab, an seinem von den vielen Decken verhüllten Körper. Das war eine Frage, die er verstand, aber… wie stand er auf? Musste er nicht das erst entschlüsseln, bevor er die Frage beantworten konnte?
      Er war schon in einem Stadium, in dem der Schmerz seiner Beine verklungen war, der von dem vielen Sitzen herrührte. Seine Füße spürte er schon seit geraumer Weile nicht mehr und daher wusste er auch gar nicht, wo sie gerade waren. Sicher irgendwo unter den vielen Decken verborgen, aber damit nicht von Nutzen für ihn. Wie sollte er aufstehen, wenn er nicht einmal den Boden unter sich spüren konnte? Wie sollte er aufstehen, wenn er nicht einmal die Muskeln spüren konnte, die er dafür bedienen musste?
      Er konnte nicht, so einfach war es. Die Antwort auf ihre Frage lautete
      Nein.
      “Chester, bitte. Bitte…”
      Theresas Stimme war jetzt von einer Note durchsetzt, die völlig fehl am Platz war. Wieso hörte er dort Angst heraus? Verzweiflung? Wieso war da… Sorge?
      Chester runzelte die Stirn. Da rührte Theresa sich neben ihm und hob sich auf wackelnde Beine. Mit einer Willenskraft, die Chesters vollkommen in den Schatten stellte, griff sie unter seinen Arm und zog daran. Die Decken raschelten ein wenig und Chesters Gewicht verschob sich leicht nach vorne, aber seine Beine lösten sich nicht vom Boden. Er war wie festgewachsen dort, wo er saß, und er würde sich auch nicht lösen können. Und trotzdem versuchte Theresa es, versuchte es so lange, bis sie mit einem Keuchen von ihm abließ. Da sackte Chester zurück und seufzte leise.
      Er war jetzt müde. Die Müdigkeit setzte sich auf seinen Knochen fest und machte ihm die Augenlider schwer. Es wurde immer verlockender, sich einfach hinzulegen und für einen Moment die Augen zu schließen, weil er genau wusste, dass es besser werden würde, dass es nur besser werden konnte. Nichts war besser als das hier. Nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu fühlen, nichts zu sein. Das war es, wonach Chester sich jetzt am meisten sehnte.
      Aber er war nicht alleine. Jemand war bei ihm und deswegen wollte er sich nicht einfach so in die Arme seines längsten Freundes begeben. Er blinzelte also und zwang seinen müden Verstand, eine Runde mehr zu drehen.
      “Okay…”
      Stille. Dann kam Theresa zurück und setzte sich neben ihn. Chester spürte für einen Augenblick seine Gedanken im Kreis fahren, fragte sich, woher sie gekommen war, ob sie hier war, um ihn zu holen, wann die anderen kommen würden, ob sie ihn jetzt raus und zurück in sein Gefängnis bringen würden. Seine Gedanken waberten umher und dann durchbrach Theresas Stimme sie noch einmal.
      “Komm her… Ruh dich aus. Es wird alles gut.”
      Ruh dich aus, es wird alles gut. Ruh dich aus… es wird alles gut…
      So einfache Wörter. So belanglose Wörter. Und doch…
      Ruh dich aus… es wird alles gut…
      Hm.
      Seine Gedanken drifteten in ein abstraktes Wirrwarr ab, aber über all dessen legte sich eine tiefe, erlösende Erleichterung. Ruh dich aus, es wird alles gut. Ja. Okay. Das war gut, das wollte er auch.
      Hände legten sich an seine Arme, dann folgte ein leichter Zug. Chester spürte es kaum, der Moment schien an ihm vorbeizufliegen, dann war dort wieder die Wärme an seinem Kopf, verlockend und tröstlich. Sie reichte kaum aus, um überhaupt bis unter seinen Hals zu kommen, aber das machte im Moment auch nichts. Er konnte seinen Körper unlängst nicht mehr spüren.
      "Wir bleiben bis es dunkel wird, dann wird uns niemand sehen, sobald wir uns rausschleichen. Wir verstecken dich in meinem Wagen. Da ist es warm und niemand wird dich dort suchen.”
      So viele Wörter. So, so viele Wörter…
      Chester blinzelte. Seine Gedanken waberten umher, unfähig sich zu verfestigen. Er gab nicht noch einmal ein Geräusch von sich, seine Stimmbänder verloren in einem tiefen, kalten Nichts, das ihn von unten herauf aufzufressen schien. Seine Welt verengte sich, wurde kleiner und kleiner, reduzierte sich auf seinen warmen Kopf und dann seine angestrengte, gefühllose Brust, die noch immer den Atem durch seine Lunge presste. Er blinzelte wieder. Was seine Augen wahrnahmen, machte für ihn keinen Sinn mehr.
      Er registrierte eine Berührung, oben. Er konnte sie ganz deutlich spüren. Dann eine Stimme, vertraut und warm und… so tröstlich. Sie kam aus dem Nirgendwo und gleichzeitig war sie ihm so nahe.
      “Hab ich dir eigentlich die Geschichte erzählt, wie Jacob und ich eine ganze Nacht in einem stinkenden Müllcontainer festsaßen...?”
      Chester schloss die Augen, öffnete sie wieder. Er wusste, dass er gerade starb, irgendwas in seinem tiefsten Inneren sagte ihm das. Aber gleichzeitig begehrte er doch noch auf, versuchte seinen Verstand zu zwingen, noch einen Moment wach zu bleiben, um der Stimme zu lauschen. Nur für einen Moment. Nur kurz… so kurz…
      Und sie begann zu erzählen. Weiter und immer weiter weg schwebte die Stimme von ihm fort, erst aus seiner Griffweite, dann aus seiner Reichweite, und doch konnte er sie immer noch hören, noch immer und noch immer, als die Kälte ins Nichts überging, als sein Blickfeld schwarz wurde, als seine Welt auf ihn selbst zusammenschrumpfte und nichts mehr übrig ließ außer Chester, nur noch Chester. Aber auch die Stimme. Einsamkeit umhüllte ihn und zog ihn mit sich herab, aber auch die Stimme. Und noch während Chester versuchte, mit seinem sterbenden Geist dagegen anzukämpfen, gegen die Einsamkeit, hatte er nur einen Gedanken, nur einen einzigen, der sich in ihm ausbreitete.
      Hör nicht auf.
      Oh bitte, hör nicht auf.
      Und er sank, tiefer und immer tiefer, sank fort und streckte sich derweil nach der Stimme aus, versuchte sie mit den Händen zu fassen und sie vielleicht mit seiner Stimme aufzugreifen. Aber sein Körper war schon längst vergangen. Da schloss sich das Nichts um ihn herum und Chester entließ einen letzten, langen Atemzug. Seine Brust hob sich nicht noch einmal.
      Die Stimme war weg.
      Chester war gestorben.

      Es dauerte eine lange Zeit, in der Chesters Leichnam auch nur das war: Ein Leichnam. Das Blut war gänzlich aus seinem Gesicht gewichen, seine Hände waren weißgrau, seine geschlossenen Augen dunkel und in ihren Höhlen eingefallen. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen und mit ihm hatte Chester auch keinen Puls mehr. Chester war tot.
      Es verging eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, eine Dreiviertelstunde, dann zeigten sich die ersten Veränderungen. Ein Hauch von Farbe kehrte nach und nach in sein Gesicht zurück, ein Hauch von Rot, das seine Wangen einfärbte. Seine weißen Finger entkrampften sich und erweichten, während auch in ihnen langsam die Farbe zurückkehrte. Die Haut um seine Augen herum hellte sich auf und seine leicht eingefallenen Wangen hoben sich ein wenig ab. Nach anderthalb Stunden sah er noch immer schlecht aus, aber nicht mehr tot. Und dann: Ein Puls. Schwach nur, sehr langsam, aber es war ein Puls, Blut, das durch seine Adern floss und ihm mehr und mehr Lebensfarbe zurückgab. Zwei Stunden und Chester sah schon wieder so aus, als würde er nur schlafen. Sein Körper erwärmte sich von ganz alleine zu einem normalen, wenn auch etwas kühlen Maß.
      Zweieinhalb Stunden und seine Brust begann sich zu bewegen, als hätte er niemals aufgehört zu atmen. Drei Stunden und Chester schlug die Augen auf.
      In der ersten Zeit nach einem Tod fühlte Chester sich nie wirklich nach… Chester. Sein Körper funktionierte immer als erstes wieder, aber sein Geist brauchte länger, um aufzuholen. Einige Sekunden lang, in denen er starrte, ohne überhaupt richtig zu sehen, und in denen er fühlte, ohne richtig zu spüren. Sekunden, in denen er nach und nach aus dem Nichts wieder auftauchte, das ihn umschlungen hatte.
      Sekunden, bis seine Erinnerungen aufgeholt hatten. Es konnte Fluch und gleichzeitig Segen sein, dass sein Tod niemals sein Gedächtnis löschte. Nicht eine Sache davon.
      So wusste er nach der kurzen Zeit genau, wo er sich befand und warum er sich dort befand. Er konnte seinen Körper wieder fühlen, alle Teile davon, und er spürte auch den harten Untergrund unter sich und die schweren Decken über sich. Er konnte die weiße Zeltwand sehen und er konnte eins und eins zusammenzählen. Er seufzte.
      Und dann… eine Stimme. Direkt über ihm. Zu seinen wesentlichen Erinnerungen gesellte sich jetzt ein Kernpunkt dazu: Theresa.
      Theresa, die noch immer hier war. Theresa, die hinter ihm auf dem Boden saß und seinen Kopf in ihrem Schoß gebettet hatte. Die leicht mit den Fingern durch seine Haare fuhr und ganz leise summte.
      Theresa.
      Chester rührte sich und als er das tat, verstummte sie sofort. Ihre Finger lösten sich aus seinem Haar und er begann, sich langsam und angestrengt aufzusetzen. Die erste Zeit nach einem Tod war die schlimmste, denn Chester fühlte sich stets, als würde ihn die Last der ganzen Welt auf einmal niederdrücken. Er fühlte sich schlaff, ausgemergelt und kraftlos und dabei hatte er noch einen leichten Tod erlitten. Das hier war nichts im Vergleich zu den schlimmeren Toden, die er bereits durchgemacht hatte, und trotzdem musste er so stark dagegen ankämpfen.
      Er setzte sich auf, rieb sich das Gesicht und schüttelte dabei die Decken von seinen Schultern. Dann drehte er sich zu Theresa um.
      Die junge Frau saß auf seiner Liegestätte. Sie sah selbst nicht gut aus; sie zitterte, obwohl sie das zu unterdrücken versuchte, und war ganz blass im Gesicht. Hatte sie etwa… hatte sie die ganze Zeit hier gesessen? Hier, bei ihm, während er gestorben war? Während er tot gewesen war?
      Jetzt erst fiel ihm auch die Stimme wieder ein, auch wenn er nicht mehr wusste, was für Worte sie gesprochen hatte. Die Stimme, die ihn ins Nichts begleitet hatte, weiter und weiter, bis er sich selbst von ihr gelöst hatte. Die bei ihm geblieben war, selbst als er seinen letzten Atemzug getätigt hatte. Und die jetzt immer noch hier war.
      Weil sie Theresa gehört hatte. Weil Theresa geblieben war, die ganze Zeit über.
      Wa -
      Seine Stimme brach weg und er räusperte sich.
      Warum sind wir hier?
      Das war die falsche Frage, aber die erste, mit der Chesters geschundener Geist hatte auffahren können. Warum war er noch hier, in der Sicherheit seiner Zeltwände? Warum hatte sie ihn noch nicht längst nach draußen gebracht, zu Brandon oder zum Gefängnis?
    • Die Leblosigkeit, die langsam auf den totenstillen Körper übergriff, hinterließ deutliche Spuren. Chester war schrecklich bleich geworden bis seine Haut ein merkwürdiger, gräulicher Schleier überzog. Sein Körper erstarrte und dieses Mal nicht vor Kälte.
      Mit den verstreichenden Minuten wurde immer deutlicher, dass jegliches Leben ihn verlassen hatte. Die eingefallenen Wangen und Augenhöhlen ließen seine Knochen unnatürlich prominent hervorstehen und die dunklen, violettschimmernden Augenlider erweckten stetig mehr den Eindruck, dass sie in das leere Gesicht eines Totenschädels blickte. Dem körperlichen Verfall zuzusehen, war eine Erfahrung, auf die sie gerne verzichtet hätte und der sie ganz bestimmt eine Weile in ihren Träumen heimsuchen sollte. Dieser tote Körper - dieser Leichnahm so regungslos und steif - war nicht mehr Chester, nur eine leere Hülle.
      Aber Tessa harrte in der Kälte aus und wartete auf den Augenblick, in dem sich sein Brustkorb mit dem ersten Atemzug ausdehnte und gegen ihre Hand drückte. Sie wartete auf das erste Flattern seiner Augenlider, das erste Zucken seiner erschlafften Hände, kurz bevor sein Bewusstsein zurückkehren würde.
      Sie wartete.
      Lange.

      _________________________________________________________

      Rückblickend konnte Tessa nicht mehr sagen, wie lange sie dort still und bewegungslos in der Winterkälte gesessen hatte.
      Irgendwann war die gesummte Melodie verstummt, weil sie die Zähne fest aufeinander pressen musste, damit sie nicht ständig klappernd aufeinander schlugen. Die Finger in dem stumpfen und strähnigen Haarschopf waren bereits ganz taub geworden. Trotzdem hörte Tessa nicht auf, Chester immer wieder über den Kopf zu streicheln. Die monotone Bewegung hatte etwas Beruhigendes und Tröstliches für die junge Frau, die langsam Panik in sich aufsteigen fühlte.
      Vielleicht waren auch der Unsterblichkeit zwangsläufig irgendwann Grenzen gesetzt?
      Was passierte, sollte Chester doch nicht wieder aufwachen?
      Als ihr bereits die heißen Tränen in die Augen stiegen, passierte das Unmögliche. Dabei hatte Tessa bereits gelernt, dass in diesem besonderen Zirkus nicht viele Dinge gab, die völlig unmöglich erschienen. Hoffnungsvoll neigte sie den Kopf, krümmte sich leicht über Chester und ächzte dabei, weil ihr steifer Rücken nach der langen Bewegungslosigkeit schmerte. Ganz sachte berühte sie die kühlen Wangen, die etwas weniger eingefallen aussahen und tatsächlich etwas Farbe zurückbekamen. Es war eine morbide Faszination gepaart mit der endlosen Hoffnung, dass die eigenen Augen ihr keinen Streich spielten.
      Tessa schluchzte unterdrückte, als sie die Fingerspitzen gegen seinen Hals drückte und nach gefühlten Ewigkeiten, in denen sie den Atem anhielt, einen Puls spürte. Von diesem Zeitpunkt an konnte sie mit den verstreichenden Minuten - oder waren es Stunden? - immer neue Zeichen dafür erkennen, dass das Leben und die Wärme in Chesters Körper zurückkehrte.
      Bald sah sein Gesicht so friedlich und entspannt aus wie das eines Schlafenden. Die Erleichterung ließ sie das erste Mal richtig zu, als sich der regungslose Brustkorb mit dem ersten Atemzug kräftig ausdehnte und die normale Atmung wieder einsetzte.
      Die sanfte Meldodie des Liedes erfüllte wieder leise das Versteck, als der Mann in ihrem Schoß endlich die Augen aufschlug. Obwohl seine Augen in ein entferntes Nichts starrten, fühlte Tessa wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Taube und eiskalte Finger nahmen zitternd ihre Tätigkeit wieder auf und streichelten Chester durch das Haar. Federleicht und beinahe zärtlich fuhren sie über seine Schläfen hinweg.
      Kein Wort verließ ihre Lippen, weil der Kloß in ihrem Hals einfach viel zu groß war.
      Und als Chester sich endlich rührte, zog Tessa sich ganz behutsam zurück. Langsam richtete sie sich etwas auf, ignorierte die verkrampften Muskeln in ihrem Rücken, den Armen und Beinen. Sie gab ihm Raum und strich sich mit gefühllosen Fingerspitzen fröstelnd über die Unterarme. Dennoch konnte sie den Blick nicht abwenden, als er blinzelte und sich langsam immer weiter aufsetzte.
      Chester war gestorben.
      Gestorben.
      Tessas gerötete Augen verfolgten wie gebannt die Bewegung seiner Hände. Die Decken rutschten von seinen Schultern und darunter kam die zerknitterte Kleidung und ein ganz und gar lebendiger Chester zum Vorschein. Tessa seufzte erleichtert, obwohl Chester sie nun ansah, als hätte er einen Geist gesehen. Mühevoll behielt sie das Zittern im Griff und widerstand dem Drang, die eigenen Arme um sich zu schlingen. Ihre Haut war bleich ebenso wie ihre sonst rosigen Lippen und nur ihre Wangen und die Nasenspitze leuchteten Rot von der Kälte. Alles fühlte sich kalt und taub an, aber es war nichts, das ein warmes Bett nicht richten konnte.
      Wa- Warum sind wir hier?
      Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter.
      "Weil es noch hell draußen ist", murmelte sie und begann zu stottern und zu stocken, um die richtigen Worte finden.
      Es war so lange still gewesen, dass es sich merkwürdig anfühlte wieder zu sprechen..
      "Ich wollte Hilfe holen, wirklich. Wie hätte ich dich allein...ich kann dich doch nicht tragen! Liam hätte bestimmt...aber...aber wenn uns jemand gefolgt wäre, dann hätten sie dich gefunden und wenn du in der Zwischenzeit...während ich weg gewesen wäre...wenn du...wenn du..."
      Wenn du in der Zwischenzeit gestorben wärst.
      Ganz allein.
      Sie erschauderte.
      "...a...also bin ich geblieben."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Weil es noch hell draußen ist. Weil es noch hell draußen ist? Das war nicht annähernd die Antwort, die Chester erwartet hatte. Es klang in seinen Ohren so… trivial.
      Theresa sah ihn derweil mit großen, gereizten Augen an. Sie war blass im Gesicht, ihre Lippen ganz blau von der Kälte und ihre Wangen und ihre Nase rot. Sie sah aus wie Chester vor einigen Tagen und wie jeder normale Mensch in der Kälte auch. Sie trug noch ihre Arbeitskleidung, extra für den Winter ausgestattet, immerhin.
      Sie saß noch genau dort, wo sie ihn auf ihren Schoß gezogen hatte. Sie hatte sich kein Stück gerührt.
      Die ganze Zeit nicht. Von dem Moment an, als er seine Augen geschlossen hatte.
      Weil… warum? Warum saß sie noch hier? Warum war sie nicht gegangen?
      Da begann Theresa zu stottern.
      “Ich wollte Hilfe holen, wirklich. Wie hätte ich dich allein...ich kann dich doch nicht tragen! Liam hätte bestimmt...aber...aber wenn uns jemand gefolgt wäre, dann hätten sie dich gefunden und wenn du in der Zwischenzeit...während ich weg gewesen wäre...wenn du...wenn du…”
      Chester starrte sie nur an, verständnislos. Er kam gar nicht richtig mit - Hilfe? Ihn tragen? Liam holen? War er etwa auch schon auf Brandons Seite? Aber was wäre denn in der Zwischenzeit passiert, wenn Theresa gegangen wäre? Was meinte sie denn?
      "...a...also bin ich geblieben.”
      Ihr Blick drückte Angst aus, Furcht und Sorge. Er stach jetzt nach all den Stunden noch prominenter hervor, verstärkt durch ihre geröteten Augen. Hatte sie etwa geweint? Warum?
      Chester starrte sie noch immer reglos an. Er versuchte, die Informationen zu erhalten, die er eigentlich haben wollte und die Theresa ihm nicht zu geben gewillt war. Er versuchte, es aus ihrer Gestalt heraus zu lesen.
      Sie redete etwas davon, Hilfe zu holen. Zeit genug hatte sie dafür gehabt. Hieß das, es würde jemand kommen? Sie hatte bereits jemanden darüber verständigt, wo Chesters Versteck sich befand?
      Er wandte den Blick von Theresa ab und sah in die andere Richtung, den schmalen, dunklen Gang entlang. Keine Gestalten lauerten dort und keine Rufe drangen zu ihm durch. Ein leichter Wind ließ die äußere Wand rascheln, aber sonst war das einzige Geräusch das Ticken seiner Uhr. Keine Schritte, keine Stimmen, keine Schreie. Theresa und Chester saßen in völliger Abgeschiedenheit.
      Da blickte er wieder zu ihr zurück.
      Es war nicht so, dass Chesters Menschenkenntnis ihn in den paar Tagen seiner Abgeschiedenheit verlassen hätte. Im Gegenteil, er konnte die Angst, die Sorge, die Trauer deutlich aus Theresa herauslesen und genau das war es, was ihn so irritierte. Es passte einfach nicht damit zusammen, was sie hätte empfinden müssen, wie sie sich hätte verhalten sollen. Es machte keinen Sinn. Sie hätte Brandon holen müssen, sie hätte Chester rausschleifen müssen und sie hatte… nichts davon getan? Sie war geblieben?
      Warum?
      Seine Stimme kratzte ihm ein bisschen im Hals. Der Tod steckte ihm noch in den Knochen; die Kälte hatte ihn nicht vollständig verlassen, sie hatte sich nur so weit zurückgezogen, um ihn zurückzuholen. Jetzt lauerte sie in seinem Inneren und nährte von seinem erweckten Körper.
      Wieder räusperte er sich.
      Warum bist du geblieben? Ich verstehe das nicht.”
    • Nichts zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Es war dieses Nichts, dass ihr Stottern verstummen ließ und ihr Herz ins Straucheln brachte. Chester starrte sie einfach nur an und mit jeder verstreichenden Sekunde sackte Tessa ein wenig mehr in sich zusammen, als drückte sein versteinerter Blick sie nach unten. Jetzt schloss sie doch die Arme um ihren zitternden Leib, krallte die tauben Finger in die gefütterten Ärmel ihrer Winterjacke, die schon längst die Kälte nicht mehr abhielt. Es war bitterkalt und kämpfte mit der Erinnerung wie Chester unter ihren Händen einfach verschwunden war.
      Warum?
      Da war der Moment, vor dem sie sich fürchtete. Er war bestimmt verärgert, dass sie sein Versteck gefunden hatte und ganz bestimmt war er enttäuscht darüber, dass sie nicht einmal versucht hatte Hilfe zu holen, um ihm diesen eisigen Tod zu ersparen. Dabei hatte Tessa ihn doch einfach nicht alleine lassen wollen. Der Gedanke war derart simpel und vollkommen unschuldig, dass sie nicht verstand, warum Chester sie jetzt mit diesem skeptischen Blick strafte. Skepsis. Genau, das musste dieses Starren bedeuten. Er wollte sie nicht hier haben.
      Tessa senkte den Blick zurück auf den Boden, weil sie diesem Nichts keinen Augenblick länger standhielt.
      Warum bist du geblieben? Ich verstehe das nicht.”
      Vermutlich war es der verunsicherte Tonfall, der etwas in Tessa auslöste. Ganz vielleicht war es die Tatsache, dass ‚Ich verstehe das nicht‘ ein Wortlaut war, den sie gerade von Chester nicht erwartet hatte. Plötzlich ergab seine andauernde Reglosigkeit einen Sinn. Sie begriff, wieso seine Augen eine unsichtbare Bedrohung in den Gängen suchten. Er verstand wirklich nicht, warum sie sich diesen lebensfeindlichen Umständen aussetzte. Der Mann, der bereits viele Jahrhunderte unter Menschen verbrachte, sie las wie offene Bücher, wurde nicht schlau aus dem ehemaligen Straßenmädchen, die ihn nun vollkommen offen ansah.
      Tessa rührte sich und versuchte ihre Beine zu bewegen. Ganz langsam zwang sie ihre steifen und eingeschlafenen Beine sich zu strecken. Die Muskeln, die so lange in einer Position verharrt hatten, protestierten gegen die Bewegung und es schmerzte fast, als das Blut wieder frei fließen konnte. Es prickelte und kribbelte unangenehm unter ihrer Haut. Der Versuch aufzustehen missglückte, dank des plötzlichen Ziepens in ihrem Knöcheln und der anhaltenden Taubheit in ihren Beinen. Tessa warf einen flüchtigen Blick zu ihrem umgeknickten Fuß, der noch in den schweren Winterstiefeln steckte.
      Nur, war das jetzt nicht wichtig.
      „Weil ich dich nicht alleine lassen wollte“, antwortete sie aufrichtig aber mit klappernden Zähnen. „Ich hatte solche Angst, dass du…stirbst während ich weg bin. Dann bist du gestorben und ich bekam noch mehr Angst, dass du vielleicht doch nicht zurückkommst…und als du endlich wieder geatmet hast, wollte ich nicht, dass du ganz alleine aufwachst. Es tut mir leid. Ich hätte jemanden holen müssen, der dir hilft.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Theresa zitterte. Aber es war Chester, der unter ihrem offenen Blick erschauderte, als sie ihm antwortete.
      “Weil ich dich nicht alleine lassen wollte.”
      Es war so eine dumme Antwort, eine belanglose. Chester brauchte niemanden, wenn er starb - er wollte auch niemanden. In den Stunden, die sein Körper brauchte, um sich wieder zu erholen, war er gänzlich schutzlos ausgeliefert. Er wollte alleine sein, wenn das passierte.
      Aber - die Stimme. Theresas Stimme. Die vielen Wörter, die er nicht verstanden hatte und die sie trotzdem weiterfließen gelassen hatte. Die Melodie. Der Moment, in dem bereits alles weg gewesen war und nur Chester und die Stimme übrig geblieben waren, die das erste gewesen war, was er vernommen hatte, als er wieder zu sich gekommen war, ganz so, als hätte sie ihn niemals verlassen. So, als wäre er ins Nichts abgetaucht und selbst dorthin hatte die Stimme ihn begleitet.
      Als wäre er niemals damit alleine gewesen.
      Chester blinzelte.
      “Ich hatte solche Angst, dass du…stirbst während ich weg bin. Dann bist du gestorben und ich bekam noch mehr Angst, dass du vielleicht doch nicht zurückkommst…und als du endlich wieder geatmet hast, wollte ich nicht, dass du ganz alleine aufwachst. Es tut mir leid. Ich hätte jemanden holen müssen, der dir hilft.”
      Chester blinzelte noch einmal. Und noch einmal und noch einmal, schneller. Denn plötzlich verschwamm sein Blickfeld, wurde undeutlich unter dem Schleier, der sich über seine Augen legte.
      Theresa meinte es ernst, was sie sagte. Deswegen hatte Chester sie nicht verstanden, weil er die Lüge in ihren Worten gesucht hatte. Weil er nicht fündig geworden war.
      Sie war geblieben, weil er starb. Sie hatte ihn nicht alleine lassen wollen.
      Ihn. Der nicht sterben konnte. Der es oft genug getan hatte, um es zur Routine werden zu lassen.
      Ihn hatte sie nicht alleine lassen wollen.
      Und Chester hatte niemals begriffen, dass er nicht alleine sein wollte.
      Seine Brust schmerzte mit einem Mal. Höllisch. Er konnte spüren, was sich dort an die Oberfläche zu kämpfen versuchte, so sicher, wie es jede Träne begleitete, die sich in seinen Augen bildete. Aber das konnte er nicht zulassen, nicht ein zweites Mal in so wenigen Tagen. Nicht vor Theresa.
      Also wandte er sich wieder ab, kämpfte. Blinzelte. Versuchte an alles, aber nicht an das zu denken.
      Und da fiel es ihm erst auf: Theresa, die zitternd auf dem kalten Boden saß, die ihre Beine ausgestreckt und sie bewegt hatte, nur um sich dann doch nicht zu rühren. Wie sie vor ein paar Stunden auf ihn zugekommen war, gebückt unter den Stangen hindurch, aber auch schief. Humpelnd. Die Schritte ungleichmäßig.
      Da sah er wieder zu ihr zurück.
      Chester war sich noch nicht vollständig darüber im Klaren gewesen, was er mit den verbliebenen Leuten in seinem Zirkus anfangen sollte, wenn er ihnen irgendwann mal begegnen würde. Er wollte nicht tun, was… nun, einige Generationen seines Zirkusses wollte er nicht wiederholen. Sich selbst wollte er nicht wiederholen. Aber den Direktor, für den er sich vor sehr wenigen Generationen entschieden hatte, der er auch für Theresa war, der konnte er auch nicht sein. Das hatte immerhin auch nicht funktioniert.
      Aber doch war es so unfassbar leicht, genau diesen Direktor wieder herauszuholen und die Decken aufzugreifen, die er wie eine zweite Haut abgeschüttelt hatte. Sowas konnte er und es war… effektiv? Nein, das war nicht ganz das richtige Wort. War es richtig? Gut? Das wusste er nicht. Aber leicht war es, definitiv, als er die untersten Schichten voneinander entwirrte und damit näher an Theresa heranrutschte, um sie ihr über die Schultern zu legen, nach und nach, Decke um Decke. Er gab ihr nicht alle, denn er wollte nicht noch einmal sterben in der kurzen Zeit, aber er gab ihr all jene, die noch etwas von seiner Wärme in sich hatten. Den Rest schlang er sich selbst wieder um die Schultern.
      Es war so einfach, sich um jemand anderen zu kümmern. Noch einfacher wäre es, das nicht zu tun, Theresa einfach hier in der Kälte sitzen zu lassen und der Natur ihren Lauf zu lassen, aber damit hatte Chester schon vor vielen Jahren abgeschlossen. Jetzt war es einfacher, sich um ihre kleinen Probleme zu kümmern und ihr Leben noch ein bisschen zu verlängern. Also genau das zu tun, was ihm bei Toby letzten Endes völlig missglückt war.
      Dabei musste er nicht mehr an irgendwas unangenehmes denken. Er wickelte Theresa ein, dann kroch er zur äußeren Wand und hob die Plane ein wenig an - nur ein kleines bisschen, bis das Tageslicht unter ihr hinein fiel. Also war es noch nicht dunkel. Ein paar Stunden würden sie hier noch aushalten können, bis er Theresa rausschaffen und sich um sie kümmern konnte.
      So einfach war das alles.
      Er rückte wieder zu ihr heran. Langsam verlor sich die künstliche Wärme in seinem Inneren wieder und ihm wurde wieder fröstelnd kalt. Aber eine Nacht würde er schon noch aushalten können.
      Du hast alles… richtig gemacht. Wie geht es dir? Sitzt du etwa die ganze Zeit schon hier?
    • Egal, was Chester in ihrem Blick suchte, als er endlich fündig wurde, war es nicht das, womit er gerechnet hatte. Die winzigen Veränderungen in seinem Gesicht hätte sie beinahe verpasst. Von dem hektischen Blinzeln bishin zu der milden Verblüffung, die für seine Verhältnisse bereits Bände sprach. Chester hatte nie verwundbarer auf Tessa gewirkt, nicht einmal im Angesicht des bevorstehenden Todes. Genau in diesem Augenblick funktionierte sein Verstand wieder und welche Erkenntnis er auch durch den bloßen Anblick ihres Gesichtes hatte, er ließ Tessa keine Chance daran teilzuhaben.
      Chester wandte sich ab um sein eigenes Gesicht zu wahren. Sie wusste das und Tessa...ließ ihn.
      Vor nicht einmal fünf Minuten war er aus einem totengleichen Schlaf erwacht und nach allem, was sich in den vergangenen Stunden und Tagen ereignet hatte, verdiente Chester dieses Bisschen an Sicherheit, die seine unzähligen Masken ihm verliehen. Tessa hatte den Mann in seinen verwundbarsten Momenten beigestanden und konnte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, was das in Chester auslöste. Als er wieder herüber sah, konnte sie den Unterschied bereits erkennen, denn seine Mimik wirkte ruhiger auf sie, irgendwie glatter und gefasster.
      Tessa unterdrückte das Seufzen nicht, als er die Decken um ihre Schultern legte und sie fürsorglich darin einwickelte. Der Rest seiner Körperwärme spendete ihr für einen Moment etwas Wärme bis ihr zitternder Leib das letzte Bisschen davon aufgesaugt hatte. Sie vergrub die eiskalte Nase in dem angewärmten Stoff, der unter der verblichenen Note von Schweiß ganz eindeutig nach Chester roch. Tessa fror und war eindeutig zu müde um sich dafürzu schämen, dass sie Trost daraus zog.
      Du hast alles… richtig gemacht. Wie geht es dir? Sitzt du etwa die ganze Zeit schon hier?
      Widerwillig hob sie den Kopf an und sofort streifte ein kalter Windhauch ihre Wange, die sie zuvor an die weiche Decke geschmiegt hatte.
      Hatte Chester immer noch nicht verstanden, dass sie die ganze Zeit neben seinem Leichnahm gewartet hatte? Oder wollte er es einfach noch einmal hören?
      "Hmhm", murmelte sie und nickte. "Bin nie weggewesen."
      Pürfend wackelte sie mit verstauchten Fuß und zu ihrer Erleichterung kehrte das Gefühl in ihre Zehen zurück, aber es tat auch weh. Sie beugte sich samt Deckenberg vor und betastete den Knöchel durch den Stiefel hindurch, was ihr nicht viel nützte. In ein paar Stunden konnte sie sich das Mallheur genauer ansehen. Es war absurd, dass sie genau in diesem Moment leise lachte, aber offensichtlich empfand ihr Verstand die Reaktion als ein geeignetes Ventil.
      "Du bist vor wenigen Stunden gestorben und fragst mich, ob es mir gut geht? Das ist verrückt."
      Apropos.
      Tessa überbrückte etwas ungelenk durch ihre noch steifen Gliedmaßen den kleinen Abstand zwischen ihnen. Wie selbstverständlich lehnte sich Tessa an seine Seite und ihren Kopf auf seine Schulter. Den Blick hielt sie gesenkt, vielleicht wollte sie einfach die Reaktion in seinem Gesicht nicht sehen. Wenige Augenblicke verharrte Tessa so bis ihr Kopf von seiner Schulter rutschte. Zitternd schmiegte sie ihre Wange nun gegen seine Brust...genau dort, wo sie unter alle den Schichten aus Decken das Herz vermutete. Zwar konnte sie den Herzschlag so nicht hören, aber sie spürte, wie sich sein Brustkorb im Rhythmus seiner Atmung leicht anhob und wieder sank. Eine dezente Wärme, die noch den winterlichen Temperaturen trotzte, sickerte zu ihrer Wange durch.
      "Nur einen Moment...", flüsterte sie.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • “Hmhm. Bin nie weggewesen”, kam Theresas Antwort.
      Das bedeutete, dass sie schon seit geraumer Weile - oder eher drei Stunden - auf dem kalten Boden saß, wobei zuvor schon etwas mit ihrem Bein gewesen war. Das konnte nicht gesund sein. Hätte Chester sich doch nur einen anderen Zeitpunkt ausgesucht, um zu sterben; wäre er doch stark genug gewesen, wieder aufzustehen und durch die Gänge zu wandern, er hätte ihr ausweichen können, er hätte vor ihr verschwinden können und Theresa wäre niemals auf ihn gestoßen, sondern hätte irgendwann seine Gänge einfach wieder verlassen. Vielleicht hätte sie dann zwar jemand anderen verständigt und Chester wäre doch noch herausgeholt worden, aber dann hätte sie hier nicht festsitzen müssen. Dann würde ihr die Kälte nicht so schaden.
      Ja, sowas waren gute Gedanken, es waren einfache Gedanken. Sie waren so viel besser, als sich darauf zu konzentrieren, dass sie ihm im Tod beigestanden hatte.
      Hast du Schmerzen? Bist du verletzt?
      Sie tastete nach ihrem Bein und lehnte sich dabei vor. Die Decken fielen über ihre Hand, aber Chester konnte trotzdem erahnen, wo sich das Übel ungefähr befinden musste. Zum Glück war sie keine Schaustellerin, die jetzt darum fürchten musste, ihre restliche Karriere im Tierzelt zu verbringen.
      Da lachte sie mit einem Mal. Chester hob irritiert die Augenbrauen.
      "Du bist vor wenigen Stunden gestorben und fragst mich, ob es mir gut geht? Das ist verrückt.”
      Er lächelte zurück. Er konnte nicht anders, denn lächeln war so einfach für ihn.
      Natürlich. Ich habe das schlimmste doch schon hinter mir, du aber nicht.
      Theresa sah ihn dabei ganz aufmerksam an. Und weil Chester das Gefühl hatte, sie könnte hinter sein Lächeln blicken - ein geradezu ungutes, gruseliges Gefühl - setzte er noch eine Spur obendrauf.
      Da lehnte sie sich mit einem mal zu ihm und an seine Seite. Chester erstarrte unter seinen Decken, als sie wie schon vorhin - vor seinem Tod - den Kopf auf seiner Schulter ablegte. Ungesehen von sämtlichen Augen der Welt, schwand das Lächeln von seinem Gesicht und wurde von gar nichts ersetzt. Er saß ganz reglos, als Theresa sich gegen ihn lehnte.
      Einen Augenblick lang passierte gar nichts. Chester war sich nicht ganz sicher, was Theresa durch den Kopf ging und was er als nächsten Schritt tun sollte. So wartete er einfach nur ab, unbewegt, als sie den Kopf tiefer sinken ließ und schließlich an seiner Brust ausharrte.
      “Nur für einen Moment…”
      Für einen Moment. Chester sah auf den dunklen Haarschopf hinab und auf die zierliche Gestalt unter dem großen Deckenhügel.
      Nur für einen Moment.
      Er wartete, noch immer reg- und ratlos, dann begann er sie sanft zur Seite zu schieben.
      Nur für einen Moment.
      Sie folgte seinem Zug und richtete sich wieder auf. Da lüftete Chester seine eigenen Decken und hielt ihr einen ausgestreckten Arm hin.
      Komm her.
      Sie sah ihn zweifelnd an. Unsicher. Dann folgte sie seiner Aufforderung, rutschte wieder näher und ließ sich in seine halbseitige Umarmung nehmen.
      Chester schloss den einen Arm um ihre Schultern, den anderen um ihren Schoß. Ihre Decken waren kalt, wo sie ihn berührten, aber das machte nichts. Chester hätte seine Kälte sowieso bald wieder verloren.
      Mir ist auch kalt, weißt du?”, bemerkte er lächelnd. Wieso auch sonst wäre Theresa schon zu ihm gerutscht?
      Dann machte er es sich wieder etwas gemütlich. Mit Theresa in den Armen entspannte er sich wieder etwas und hielt an der wenigen Wärme an, die ihm noch zustand.
      Sie mussten sowieso nur bis zum Abend ausharren. Chester würde nicht zulassen, dass Theresa mit ihm zwischen diesen Wänden bleiben würde.