Clockwork Curse [Codren & Winterhauch]

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    • Ein leises Rascheln am Zelteingang kündigte einen unerwarteten Besucher an. Tessa musste nicht hinsehen um ganz genau zu wissen, wer sich mit bedächtigen Schritten näherte. Es gab nur eine einzige Person im ganzen Zirkus Magica, die sie an diesem Ort vermuten würde. Die Spitzen von Arbeitsstiefeln schoben sich in ihre gesenktes Blickfeld, doch weiter als bis zu den peinlich akkurat gebundenen Schnürsenkeln sah sie nicht hoch. Beharrlich verweigerte Chester die Möglichkeit ihr Gesicht genauer unter die Lupe zu nehmen. Einst war sie bei seinem Anblick mit einem freudestrahlenden, warmen Lächeln aufgesprungen und hatte ihn erwartungsvoll angesehen. Jetzt, da der Ärger verraucht war, hatte sie nicht einmal einen müden Blick für ihn übrig. Das änderte sich, als sich der vertraute Anblick eines kleinen, braunen Teddybären in ihrem Augenwinkel zeigte. Der Zylinder saß genauso ordentlich wie in ihrer Erinnerung, er war weder zerknittert noch geknickt. Das Fell, etwas dunkler durch die fehlenden Lichtquellen, war sauber und frei von Staub.
      Er sah aus wie am ersten Tag.
      Ein bisschen hob sie das Kinn an und wagte einen vorsichtigen Blick auf den pelzigen Schlüsselanhänger. Sie erinnerte sich haargenau daran, wie Chester die Zielscheiben ein winziges Stückchen korrigiert hatte, damit nichts sie um ihr Erfolgserlebnis betrog. Tessa hatte die liebenswerte Geste gerührt und es hatte ihr gefallen, dass er sich so darum bemühte sie glücklich und fröhlich zu sehen. Er hatte es nicht um ihretwillen getan. Es hatte alles zu der einzig für Tessa kreierten Privatshow gehört.
      "Den hast du bei mir vergessen."
      Obwohl Chester nicht länger wütend die Stimme erhob, zuckte Tessa unwillkürlich. Diese Ruhe war fast schlimmer als das Gebrüll.
      Es dauerte einen Moment bis Tessa zögerlich die Finger ausstreckte und das kleine Friedensangebot aus seiner Hand nahm. Vielleicht appellierte Chester mit der Geste an ihre Sentimentalität, um sich damit irgendeinen Vorteil zu erkaufen. Zumindest trübte dieser Gedanke das dünne Lächeln, das um ihre Mundwinkel zuckte. Locker lag der Teddy in ihrer Hand während Tessa sich weiterhin weigerte ihm ins Gesicht zu sehen.
      Das wartende Mädchen schwieg den Mann an, der sie hatte warten lassen. Und sie hatte gewartet. Gehofft.
      "Tut es weh? Der Schnitt?"
      Die Besorgnis in seiner Stimme glich einen Schlag ins Gesicht. Aus einem Reflex heraus berührte sie den feinen Schnitt über ihre Kehle und verzog leicht das Gesicht. Es schien ganz so, als wollte Tessa ihre Drohung wahr machen, denn sie presste die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen, als müsste sie sich selbst unbedingt von einer Antwort abhalten.
      Tick, tick, tick, tick...
      "Nein", hauchte sie fast. "Es brennt nur ein bisschen."
      "Das war eine dumme Idee mit den Messern. Selbst für Owl."
      "Es ist nicht seine Schuld", murmelte Tessa. "Ich hätte Nein sagen können."
      Endlich hob die sitzende Frau den Blick und sah in das schmerzlich vertraute Gesicht. Sie hatten so viele Stunden damit verbracht, Chesters Gesicht zu betrachten, dass es ihr so vertraut war wie ihr eigenes Spiegelbild. Trotzdem wusste nicht nicht, welchen Chester sie gerade unter seinen vielen, vielen Masken präsentiert bekam.
      "Warum hast du deine Meinung geändert?", fragte Tessa.
      "Du musst nicht..." Aufpassen.
      "Ich brauche keinen..." Babysitter.
      "Ich werde nichts..." Dummes mehr tun.
      Sie stieß einen langen, frustrierten Seufzer aus.
      "Ich laufe heute Abend ganz bestimmt nicht mehr vor irgendwelche Zielscheiben."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es dauerte einen Moment, bis Theresa ihn wieder ansah, und als sie es tat, blickte Chester zurück in das einst fröhliche, glückliche Paar Augen, das vor Freude nur so gefunkelt hatte. Damals. Denn jetzt war das Glitzern aus den Augen gewichen und hatte einer trüben Niedergeschlagenheit Platz gemacht.
      Genauso wie bei Toby, schoss es Chester bei dem Anblick durch den Kopf. Er war zwar nicht dem allgemeinen Aberglauben des Zirkus unterlegen, dass Tobys Heimweh ansteckend war, aber wenn er jemanden wie Theresa sah, da konnte er doch für einen Moment daran glauben. Nur, weil er bei beiden gesehen hatte, wie ihre Gesichter lachen konnten und wie sie irgendwann alle Freude verloren.
      Tut mir leid, Theresa.
      Diesen Gedanken schnappte er auf und ließ das dazu einhergehende Gefühl mit aufbrodeln. Er ließ seine Augen weich werden, als kleine Belohnung dafür, dass Theresa leise mit ihm sprach und nicht auf die Wut von vorhin zurückgriff. Diesen Gefallen wollte Chester ihr gern erwidern.
      "Warum hast du deine Meinung geändert? Du musst nicht... ich werde nichts..."
      Theresa seufzte und Chester erlaubte sich ein kleines, feines Lächeln. Das Mädchen war ganz durcheinander.
      "Ich laufe heute Abend ganz bestimmt nicht mehr vor irgendwelche Zielscheiben."
      "Das glaube ich dir. Deswegen bin ich auch nicht hier."
      Das kleine Lächeln blieb.
      "Du kannst gerne nie wieder mit mir reden, wenn du das möchtest, aber nie wieder ist eine ganz schön lange Zeit. Du solltest wenigstens wählen dürfen, ob du das wirklich machen willst, ohne es hinterher zu bereuen."
      Er lächelte sie einen Moment an, dann drehte er sich weg und ging zwei Schritte zu einer nebenan stehenden falschen Säule. Mit dem Zeigefinger wischte er über den Kunststoff und rieb sich dann den Staub von den Fingern. Das Lächeln schien auf seinem Gesicht für einen Moment wie unnatürlich eingefroren, dann wich es einer leicht ernsten Miene, als er sich damit wieder zu Theresa umdrehte.
      "Ich habe nicht gelogen, gerade, im Zelt. Ich weiß nicht, welche Antworten du haben möchtest. Abhängig von der Frage wird es keine Antwort geben, die dich befriedigen kann. Aber ich möchte zumindest so ehrlich sein, dass ich dir ein wenig mehr Eingewöhnungszeit zugeschrieben habe, bevor wir... geredet hätten. Aber als ich gehört habe, was in dem Zelt vor sich ging..."
      Sein Kiefer wurde wieder hart.
      "Ich werde nicht zulassen, dass jemand in meinem Zirkus frühzeitig sein Leben beendet. Durch Unachtsamkeit. Niemals."
    • Betrübt ließ Tessa den Blick zurück auf den Boden zwischen ihnen fallen. Sie hatte dieses Lächeln vermisst. Diese zurückhaltende, dezente Anheben seiner Mundwinkel, als wollte er nicht zu viel von sich hergeben. Tessa flüchtete vor dem verständnisvollen Ausdruck in den hellen Augen, in dem sie einfach stur auf ihre Fußspitzen sah.
      "Du kannst gerne nie wieder mit mir reden, wenn du das möchtest, aber nie wieder ist eine ganz schön lange Zeit. Du solltest wenigstens wählen dürfen, ob du das wirklich machen willst, ohne es hinterher zu bereuen."
      Chester wandte sich ab, entzog sich ihrem Blick als sie den Kopf erneut hob und verbarg sein Gesicht vor ihr. Es war unmöglich zusagen, welche Gedanken ihm gerade durch den Kopf gingen.
      "Ich habe nicht gelogen, gerade, im Zelt. Ich weiß nicht, welche Antworten du haben möchtest. Abhängig von der Frage wird es keine Antwort geben, die dich befriedigen kann. Aber ich möchte zumindest so ehrlich sein, dass ich dir ein wenig mehr Eingewöhnungszeit zugeschrieben habe, bevor wir... geredet hätten. Aber als ich gehört habe, was in dem Zelt vor sich ging..."
      Als er sich umdrehte kroch harte Entschlossenheit über sein Gesicht.
      "Ich werde nicht zulassen, dass jemand in meinem Zirkus frühzeitig sein Leben beendet. Durch Unachtsamkeit. Niemals."
      Kopfschüttelnd holte Tessa einmal tief Luft, hielt den Atem an und ließ die Luft wieder kontrolliert aus ihren Lungen. Sie schien ganz genau darüber nachzudenken, was sie darauf erwidern wollte.
      "Warum ist es wichtig, das ich eine Wahl habe? Damals hast du mir auch keine Wahl gelassen, Chester. Nein, lass mich ausreden. Ich hatte nie eine Wahl, nicht einen Moment lang. Du hast einem Mädchen von der Straße den Himmel versprochen und zugelassen, dass ich...dass ich so für dich empfinde. Ich fühlte mich sicher, verstanden. Ich war glücklich und dann hast mir Träume über eine Zukunft gebaut, die es niemals geben würde. Aber woher sollte ich das wissen? Ich hatte keine Chance."
      Es tat weh all diese Gedanken in hörbare Worte zu formen. Mit niemanden hatte sie so deutlich darüber gesprochen, wie es in ihr aussah. Jeder ahnte es, jede wusste es auf die eine oder andere Weise. Aber Tessa hatte die Worte nie laut ausgesprochen.
      "Damals hast du mir gesagt, dass du mich nie belügen würdest. Ich weiß, dass du mich nie angelogen hast, aber die Wahrheit gesagt, hast du mir auch nicht", fuhr sie fort und ein tonloses Lachen schüttelte ihre Schultern durch ehe sie leise murmelte: "Merkwürdig. Du erinnerst mich an die Seiltänzer auf dem Hochseil. Immer so aufmerksam und vorsichtig die Balance zu halten und nicht zu einer Seite zu kippen. Und wir alle sehen dir mit großen, staunenden Augen dabei zu. Ich weiß nicht, ob ich glauben soll, dass es dich wirklich kümmert oder diese Uhr dir diktiert uns am Leben zu halten."
      Der letzte Satz tat ihr augenblicklich leid, doch die Frage, die ihr am vordringlichsten auf der Zunge brannte, erschien ihr noch viel grausamer.
      "Ich will wissen, wie weit du für deine Unsterblichkeit gehen würdest.", presste Tessa hervor. "Ich will wissen, ob du etwas mit Rosies Tod zu tun hast."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Warum ist es wichtig, das ich eine Wahl habe? Damals hast du mir auch keine Wahl gelassen, Chester."
      Chester öffnete bereits den Mund, um ihr zu widersprechen.
      "Nein, lass mich ausreden. Ich hatte nie eine Wahl, nicht einen Moment lang."
      Da klappte er den Mund wieder zu. Denn was hätte er da schon berichtigen können? Er hatte Theresa gewählt und die einzige Sache, die sie vor ihrem Schicksal hätte bewahren können, hatte nicht existiert. Es hatte niemals in ihrer Entscheidung gestanden, ob sie sich dem Zirkus anschloss oder nicht. Es war Chesters Entscheidung gewesen.
      "Du hast einem Mädchen von der Straße den Himmel versprochen und zugelassen, dass ich...dass ich so für dich empfinde. Ich fühlte mich sicher, verstanden. Ich war glücklich und dann hast du mir Träume über eine Zukunft gebaut, die es niemals geben würde. Aber woher sollte ich das wissen? Ich hatte keine Chance."
      "Nein", gab er in ruhigem Tonfall zu. "Das hattest du wohl nicht. Dafür habe ich gesorgt."
      Er konnte es ihr ansehen, dass es ihr schwerfiel, diese Worte hinaus zu bekommen. Genau dafür hatte sie sich erst hierher zurück gezogen, in dieses dunkle, abgeschiedene Zelt, wo sie für den Augenblick sicher war, bevor sie diesen Schritt wagen konnte. Ganz das scheue Reh, das er kennengelernt hatte. Wie stolz er in diesem Moment doch auf ihren Mut war, auch wenn sie das niemals erfahren würde.
      "Damals hast du mir gesagt, dass du mich nie belügen würdest. Ich weiß, dass du mich nie angelogen hast, aber die Wahrheit gesagt, hast du mir auch nicht."
      "Das ist auch richtig."
      Sie lachte knapp und freudlos, als hätte dieses Geständnis eine mehrdeutige Offenbarung für sie gehabt. Oder als hätte sie ein wenig Erleichterung erlangt. Chester hätte beides verstehen können.
      "Merkwürdig. Du erinnerst mich an die Seiltänzer auf dem Hochseil. Immer so aufmerksam und vorsichtig die Balance zu halten und nicht zu einer Seite zu kippen. Und wir alle sehen dir mit großen, staunenden Augen dabei zu. Ich weiß nicht, ob ich glauben soll, dass es dich wirklich kümmert oder diese Uhr dir diktiert uns am Leben zu halten."
      Wie zutreffend.
      "Und was denkst du?"
      Er betrachtete sie mit aufrichtigem Interesse.
      "Wofür hältst du es? Dass die Uhr es mir diktiert oder ich mich kümmere?"
      Theresa betrachtete ihn ihrerseits mit einem intensiv werdenden Blick. Was auch immer gleich kommen würde, es verlangte ihr mehr ab als alles bisher.
      "Ich will wissen, wie weit du für deine Unsterblichkeit gehen würdest."
      Wenn du wüsstest.
      "Ich will wissen, ob du etwas mit Rosies Tod zu tun hast."
      Doch das kam nun unerwartet, selbst für Chester, der mit allem hätte rechnen können. Rosies Tod. Dachte Theresa etwa immernoch daran? Nach all den Monaten - nach all der Zeit? War sie noch immer nicht darüber hinweg?
      Und Chester hatte es nicht gemerkt? Hatte sie getröstet, die paar Tage danach, und sie dann mit der Uhr zu überfallen, nur um sie drei Monate auf sich allein gestellt zu überlassen? Ohne zu merken, wie sehr die junge Frau noch darunter litt?
      Du wirst nachlässig, schalt er sich selbst und der Gedanke brachte einen Stich Angst mit sich, Angst um seine Leute, Angst um seinen Zirkus.
      Angst vor sich selbst.
      Entsprechend war die Sorge auf seinem Gesicht sogar deutlicher.
      "Nichts, gar nichts, Theresa. Natürlich nicht. Wir haben uns getroffen, an dem einen Mittag, als wir in meinem Zelt gegessen haben, erinnerst du dich? Danach bist du gegangen, weil du diese Sache zu erledigen hattest. Ich habe dich für vier Tage nicht mehr gesehen und als du dann immernoch nicht da warst, habe ich Malia in die Stadt geschickt, um nach dir zu suchen. Sie kam mit der Nachricht nachhause, dass bei einem Überfall eine junge Frau erschossen worden sei. Ich dachte, du wärst es gewesen! Bis du in dieser Nacht an unseren Eingang gekommen bist, habe ich gedacht, dass du gestorben bist. Du kannst mir nicht glauben, wie erleichtert ich war, als Ella dich dort im Schnee gefunden hat."
      Der Hauch eines Lächelns huschte über sein Gesicht. Dann wurde er sich der Intimität dieses Ausdrucks bewusst und das Lächeln verblasste wieder.
      "Du warst so verschlossen darüber, was du in diesen zwei Tagen unternehmen wolltest, ich hätte gar nicht gewusst, wonach ich Ausschau halten sollte. Ich wusste nicht einmal etwas von Rosie, weder wie sie aussah, noch wo sie zu finden gewesen wäre. Auch nicht über Jacob."
      Außerdem war dann auch noch Toby gewesen, Toby der geschrien hatte und sich nicht beruhigen wollte. Dessen Augen jetzt trüb und abweisend waren.
      "Wenn du nicht zurückgekommen wärst, dann - verzeih mir den Ausdruck - wäre es jemand anderes geworden. Wenn du aus welchem Grund auch immer nicht zurückgekommen wärst, wäre es jemand anderes geworden. Wenn du mein Angebot abgelehnt hättest, damals im großen Zelt, wäre es jemand anderes geworden. Das meine ich ernst, auch wenn du es mir vielleicht nicht glauben magst. Ich hätte dich niemals zu irgendwas gezwungen. Und ich würde niemals ein Leben opfern, um zu bekommen, was ich haben will."
    • Tessa wollte ihm wirklich, wirklich glauben. Es gelang ihr nicht, die Erleichterung vollständig aus ihrem Gesicht zu verbannen. Dafür fehlte der ehemaligen Diebin das schauspielerische Talent, das Chester im Überfluss besaß. Keinen Augenblick lang ließ sie sein Gesicht aus den Augen und das flüchtige und zarte Lächeln, das über seine Lippen huschte, versetzte ihr einen Stich. Es war so schnell wieder fort, wie es gekommen war. Sie dachte an wieder an den Seiltänzer hoch über ihren Köpfen, der seinen Fuß wieder fest auf dem Seil platzierte.
      'Und was denkst du?'
      Sie wollte ihm wirklich glauben, dass er erleichtert darüber gewesen war, dass nicht sie ihr Leben in einer schmutzigen, verwaisten Gasse verloren hatte. Das Geständnis trübte nur die Frage, ob es ihm dabei um Tessa selbst gegangen war oder um die Seele, die sie zu geben hatte. Um die verpasste Chance, die ihr Tod Chester beschert hätte. Die Vermutung schien sich zu bestätigen, als Chester ihr mit ehrlichen Worten zu verstehen gab, dass sie eine austauschbare Figur in diesem Stück über Chancen, Entscheidungen und der Unsterblichkeit war.
      'Wofür hältst du es? Dass die Uhr es mir diktiert oder ich mich kümmere?'
      Schweigend hörte Tessa einfach nur zu, während er ihr die Tage in Erinnerung rief, die den schlimmsten Momenten in ihrem Leben vorangegangen waren. Ihre Finger schlossen sich ein wenig fester um den Teddy, als könnte sie damit die guten Stunden irgendwie festhalten. Leider ließ sich nichts davon einfach zurückbringen.
      'Und was denkst du?'
      "Danke, für deine Ehrlichkeit."
      Tessa verzog das Gesicht. Die Worte klangen viel zu hölzern für die junge Frau, die ihr Herz die meiste Zeit des Tages auf der Zunge trug.
      "Ich musste es von Dir hören. Nicht von all den anderen, die mich seit drei Monaten davon zu überzeugen versuchen, dass ich einfach nur Zeit brauche um das Trauma zu verarbeiten. Das hat...nicht wirklich gut funktioniert, aber viele haben sich so viel Mühe gegeben mich Willkommen zu heißen, dass ich ihre Bemühungen nicht kaputt machen wollte."
      Ganz langsam löste sich Tessa aus ihrer ganz und gar verschränkten Haltung. Sie zog die Beine unter sich hervor und ließ sie locker über die Tischkante baumeln. Grübelnd zog sie die Nase kraus und kam sich plötzlich furchtbar erwachsen vor. Drei Monate waren eine lange Zeit um nachzudenken.
      "Glücklich zu sein...Tagein, tagaus. Das reicht einfach nicht. Owl hat das verstanden. Toby auch."
      'Und was denkst du?'
      "Willst du wirklich wissen, was ich denke?"
      Sie wartete geduldig auf ein Nicken.
      "Nachdem Ella und Malia mir versichert haben, dass dein Gerede von Unsterblichkeit nicht die Wahnvorstellung eines Verrückten ist, habe ich angefangen darüber nachzudenken. Darüber, was das bedeutet. Und das ist nicht leicht, wenn man so wütend auf jemanden ist, dass man am liebsten sein Zelt in Brand stecken möchte."
      Tessa machte eine kurze Pause.
      "Ich möchte glauben, dass dir die Menschen an diesem Ort nicht egal sind, dass es nicht allein die Uhr ist, doch nach einer Ewigkeit müssen dir unsere Leben furchtbar kurz vorkommen. Wie viele hast du mit den Jahren kommen und gehen sehen, Chester?"
      Sie sah ihn einfach an.
      "Ich denke, du bist einsam. Hoch über uns allen auf deinem Seil und keiner von uns wird jemals verstehen, wie das ist."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Chester legte den Kopf schief, während er Theresa so betrachtete. Da stand er nun, nach drei Monaten des Wartens, und bekam zu hören, dass er derjenige hätte sein müssen, sie von ihrem Trauma zu befreien. Es hatte ihr gar nichts gebracht, die Abgeschiedenheit zu ihm, die Abweisung, während sie andere bei sich aufgenommen hatten. Ehrlichkeit hätte ihr geholfen, aber nicht das, was Chester ihr unterzogen hatte. Was er jedem unterzog, denn schließlich hatte sich das als effektivstes erwiesen.
      Wie merkwürdig. Chester hatte falsch gelegen mit seiner Annahme. Wie komisch das war.
      "Willst du wirklich wissen, was ich denke?"
      Das wollte er wirklich, jetzt sogar noch mehr als zuvor. Er hatte mit Theresa falsch gelegen und er brannte darauf, dass sie ihn berichtigte.
      Er nickte.
      "Nachdem Ella und Malia mir versichert haben, dass dein Gerede von Unsterblichkeit nicht die Wahnvorstellung eines Verrückten ist, habe ich angefangen darüber nachzudenken. Darüber, was das bedeutet. Und das ist nicht leicht, wenn man so wütend auf jemanden ist, dass man am liebsten sein Zelt in Brand stecken möchte."
      In der kurzen Pause, die folgte, gestattete er sich ein Schmunzeln. Wie stolz er doch auf Theresa und ihren Ausbruch an Gefühlen gewesen wäre, wenn sie sein Zelt in Brand gesteckt hätte.
      "Ich möchte glauben, dass dir die Menschen an diesem Ort nicht egal sind, dass es nicht allein die Uhr ist, doch nach einer Ewigkeit müssen dir unsere Leben furchtbar kurz vorkommen. Wie viele hast du mit den Jahren kommen und gehen sehen, Chester?"
      Das war eine gute Frage, die jeder Chester mindestens einmal stellte. Deswegen hatte er auch gleich eine Antwort parat, die keinesfalls abweisend sein sollte.
      "Das kann ich unmöglich bestimmen. Zu viele, um sie aufzuzählen. Mehr, als jetzt gerade hier arbeiten. Aber ist das eine Entschuldigung dafür, sich nicht für Menschen zu interessieren? Weil ihre Leben kurz sind?"
      Theresa sah ihn an, so offen und gleichzeitig so versteckt, dass er gewillt war für einen Moment etwas anderes zu empfinden. Hoffnung. Auf... was? Das wusste er noch nicht.
      "Ich denke, du bist einsam. Hoch über uns allen auf deinem Seil und keiner von uns wird jemals verstehen, wie das ist."
      Ohhh...
      Chester konnte es fühlen, wie sich die Maske über sein Gesicht schob, eine Maske über der Maske der Maske, wie etwas ganz intuitives. Es war wie zu atmen. Sein Mund verzog sich ganz alleine zu einem Lächeln. Was wäre wohl herausgekommen, wenn die Maske nicht gewesen wäre?
      "Das ist sehr weitsichtig für eine so junge Frau. Sehr scharfsinnig. Du musst dir wirklich Gedanken gemacht haben."
      Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Für einen Moment sah er so aus, als wäre er wieder derselbe Chester, der Theresa jeden Moment dazu anstiften könnte, mit ihm irgendeinen Unsinn anzustellen.
      "Aber einsam... Was bedeutet Einsamkeit? Kann ich wirklich einsam sein, wenn ich doch weiß, dass immer um mich herum Leute sind? Leute wie du? Bei denen ich mich wohl darauf verlassen kann, dass sie selbst in größtem Zorn mein Zelt nicht anzünden werden?"
      Es war sein unterschwelliger Versuch, die Stimmung mit etwas Humor aufzulockern.
      "Warum bist du wütend auf mich, Theresa? Warum bist du es wirklich?"
    • "Nein, das ist keine Entschuldigung", antwortete Tessa vollkommen ruhig. "Aber ich glaube du hast vergessen, was diese kurzen Leben für uns bedeuten. Wir haben wie viele? 60 Jahre? Vielleicht 70? Mehr, wenn wir Glück haben. Und das war's. Schluss. Aus. Ende."
      Ein eigenartiger Hauch schien in dem Augenblick die leblosen Antiquitäten und veralteten Möbel zu erfassen, als Tessa es wagte das Wort 'einsam' in den Mund zu nehmen. Obwohl sich seine Mimik zunächst kein bisschen veränderte, spürte Tessa am ganzen Leib, wie die Stimmung sich veränderte. Sie kippte. In welche Richtung, war ihr erst nicht ganz klar und weil sie zuvor nie darauf geachtet hatte, fiel es nun umso mehr ins Gewicht. Dann kam das Lächeln.
      Völlig ohne ihre Zutun richtete sich Tessa etwas weiter auf und rutschte ein wenig weiter vor an die Tischkante. Es war dieses Lächeln, dass ein Kribbeln in ihrem Bauch auslösen konnte und sie wärmte, wie die ersten Sonnenstrahlen im Frühling.
      "Das ist sehr weitsichtig für eine so junge Frau. Sehr scharfsinnig. Du musst dir wirklich Gedanken gemacht haben."
      Etwas zersprang so ohrenbetäubend in Tessas Gedanken, dass sie glaubte, der Spiegel hinter Chester sei plötzlich zu Bruch gegangen. Sie kannte diesen Ton, diese Stimmlage. Selbst die Worte, die Chester benutzt, waren ihr mehr als vertraut. Ihr Blick zuckte zu den Armen, die er hinter dem Rücken verschränkte. Eigentlich fehlte nur noch, dass er erwartungsvoll auf den Füßen vor uns zurück wippte und sie mit einem schiefen, spitzbübischen Grinsen zum nächsten Unfug verleitete.
      "Aber einsam... Was bedeutet Einsamkeit? Kann ich wirklich einsam sein, wenn ich doch weiß, dass immer um mich herum Leute sind? Leute wie du? Bei denen ich mich wohl darauf verlassen kann, dass sie selbst in größtem Zorn mein Zelt nicht anzünden werden?"
      Tessa umfasste die Tischkante so fest, dass ihre Knöchel weiß unter der Haut hervortraten.
      Machte er sich gerade über sie lustig oder versuchte er sie mit Witz zu ködern? Nein, Chester lenkte sie ab und versuchte es mit denselben Tricks noch einmal. Die Weichheit, alles Sanfte, verschwand schlagartig aus ihrem Gesicht.
      "Du tust es schon wieder...", murmelte sie kaum hörbar. "Ich fass' es nicht."
      "Warum bist du wütend auf mich, Theresa? Warum bist du es wirklich?"
      "WEIL DU DASSELBE TUST WIE MEINE MUTTER!", platzte es aus ihr heraus.
      Tessa war vom Tisch aufgesprungen und zwang Chester damit ein paar Schritte rückwärts zu gehen, wenn er nicht mit ihr zusammenprallen wollte. Die Wut kam zurück wie eine unkontrollierte Flut.
      "Du wirfst mit Lob und Nettigkeiten um dich, um mir das Gefühl zu geben, ich sei etwas Besonderes. Dabei ging es nie um mich, sondern um das, was ich für dich tun kann! Und sobald ihr es habt, sollen wir alle schon brav die Füße still halten und uns nicht beschweren. Es wäre doch auch zu unserem Besten. Oh mein Gott, ihr wärt perfekt füreinander. Ihr manipuliert, verbiegt die Wahrheit zu eurem Vorteil und nutzt andere Menschen aus, in dem ihr ihnen aufrichtige Gefühle vorgaukelt."
      Ihre Schultern bebten, als sie den Kopf senkte und das Gesicht in ihren Händen verbarg. Nicht, weil ihr die Tränen kamen. Sie konnte es einfach nicht fassen.
      "Und gerade hast du es wieder versucht. Meine Gefühle zu deinem Vorteil zu verbiegen..."
      Tessa kicherte haltlos, als wüsste ihr Körper nicht anders damit umzugehen.
      "Ich kann das nicht...", murmelte sie. "Geh, bitte."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Theresas laute Stimme schlug plötzlich durch das Zelt und ein unsichtbarer Teil von Chester zuckte auch zusammen, aber es überwand nicht die Kontrolle seines Körpers, um an die Oberfläche zu geraten. Weil er dasselbe tat wie ihre Mutter. Das kam mindestens genauso unerwartet wie der plötzliche Zorn, der Theresa aufspringen ließ. Jetzt war nichts mehr von dem scheuen Mädchen übrig geblieben, jetzt hatte Chester irgendetwas in ihr hervorgeholt, das sie vollständig ihre Umgebung vergessen ließ.
      Zum Glück waren sie bereits alleine.
      "Du wirfst mit Lob und Nettigkeiten um dich, um mir das Gefühl zu geben, ich sei etwas Besonderes. Dabei ging es nie um mich, sondern um das, was ich für dich tun kann!"
      Sie kam auf ihn zu und weil Chester nicht wollte, dass sie ihn berührte, dass sie diese unsichtbare Grenze zwischen ihnen überschritt, wich er vor ihr zurück. Wie merkwürdig das war.
      "Und sobald ihr es habt, sollen wir alle schon brav die Füße still halten und uns nicht beschweren. Es wäre doch auch zu unserem Besten. Oh mein Gott, ihr wärt perfekt füreinander. Ihr manipuliert, verbiegt die Wahrheit zu eurem Vorteil und nutzt andere Menschen aus, in dem ihr ihnen aufrichtige Gefühle vorgaukelt."
      Ja! Genau richtig. Oh, wie erleichternd das war. Für einen Augenblick hatte Chester doch wirklich geglaubt, dass Theresa sich nicht ablenken lassen würde, dass sie irgendwie auf die Uhr und ihr Schicksal beharren könnte, wovon Chester eigentlich ablenken wollte. Aber nun war sie wieder in der richtigen Schiene, konzentrierte sich wieder ganz auf ihn und darauf, was für ein schlechter Mensch er war. Sie sollte es nur herauslassen, sollte ihren ganzen Ärger in ihm kanalisieren, denn er war lebendig, er war angreifbar, er stand direkt vor ihr, während die Uhr ein abstraktes Etwas war. Chester konnte man angreifen, die Uhr nicht. An Chester konnte man seine Frustration ablassen, an der Uhr nicht. Chester konnte man alle seine Probleme in die Schuhe schieben, der Uhr nicht.
      Natürlich zeigte er ihr diese Erleichterung nicht, denn das wäre wohl höchst verwirrend gewesen für das arme Mädchen, das jetzt das Gesicht in den Händen verbarg. So schnell war ihr Energieschub schon wieder vorüber und jetzt war sie wieder ihr altes Ich, das sich lieber in diesem dunklen Zelt versteckte, um ihn zu konfrontieren.
      Chester wollte es ihr gewähren. Das hatte sie verdient.
      "Geh, bitte."
      Er wartete den kurzen Moment, der nötig war, um sich nachdenklich zu stellen, gar reuemütig, dann ließ er seine Arme zu den Seiten herabfallen.
      "Ich werde gehen. Wenn du reden möchtest, dann weißt du, wo du mich finden kannst. Ich werde mich nicht länger verstecken."
      Das war alles, was er ihr bieten konnte, in diesem Augenblick. Dabei war er so stolz auf sie, wie viel sie an diesem Abend aus sich herausgeholt hatte.
      Er ging mit andächtigen Schritten nach draußen und sorgte dafür, dass sie die Zeltplane hinter ihm zufallen hören konnte.
    • Als zum zweiten Mal an diesem Abend die Zeltplante mit einem leisen Rascheln zufiel, kam es Tessa war, als wäre eine Tür mit einem lauten Knallen ins Schloss gefallen. Sie zuckte sogar zusammen. Dieses eigentlich unscheinbare Geräusch hatte etwas Endgültiges. Sie traute sich erst wieder aufzusehen, als Chester das Zelt verlassen hatte. Mit einem Mal fühlte sie nichts als bleischwere Müdigkeit und dem Wunsch dieses Zelt nie wieder zu verlassen. Die Röte in ihrem Gesicht war eine Mischung aus Scham über ihren Gefühlsausbruch und Wut. Tessa blieb zurück zwischen allen den vergessenen, verstaubten und ungeliebten Dingen.

      Am nächsten Morgen erschien Tessa nicht zum Dienst. Sie ließ sich weder zu ihren morgendlichen Pflichten bei Jamie blicken, noch zu den Mahlzeiten und das Training bei Owl an diesem Nachmittag wieder aufzunehmen, war völlig ausgeschlossen. Nach dem Verlust seiner Messer, für den sich Tessa mittlerweile persönlich verantwortlich fühlte, konnte sie dem Messerwerfer nicht mehr unter die Augen treten. Vollkommen erschöpft hatte sich Tessa noch mitten in der Nacht zurück zu ihrem Wagen geschleppt und beschloss felsenfest diese vier Wände nie wieder zu verlassen.
      Als Ella gegen Mittag an ihre Tür klopfte, um ihr das Mittagessen zu bringen, begrüßte die ältere Dame nur eisiges Schweigen. Es war noch schlimmer als zu Beginn, war das Einzige, woran Ella denken konnte und so ließ sie das Tablett einfach vor der Tür stehen in der Hoffnung, dass der Hunger größer war als der Kummer. Die Älteste in den Reihen des Zirkus Magica sah auch davon ab, Chester einen dringend notwendigen Besuch abzustatten, nachdem sie gehört hatte, was bei der gestrigen Feier vorgefallen war. Nicht, wenn gerade die große Silvesteraufführung vor der Tür stand.
      Stattdessen widmete sie sich der Aufgabe einen sehr bedröppelten Owl über den Verlust seiner Messer hinweg zu trösten. Der Mann machte sich schreckliche Vorwürfe, doch auch seine Anwesenheit wurde zum Abend hin verlangt.

      Tessa hockte in einem Kokon aus allen Decken, die sie zusammenraffen konnte, auf ihrem Bett. Vor ihr stand das Tablett mit dem Mittagessen, unangetastet und mittlerweile eiskalt. Außer ihrem Kopf schaute nichts aus dem Deckenberg hervor, aber es halb nicht, den geschäftigen Lärm vom Hauptplatz auszuschließen. Durch einen Spalt zwischen den zugezogenen Vorhängen sah Tessa, dass die Sonne bereits am Horizont unterging. Der festlich geschmückte Vorplatz dürfte vor Besuchern schon überquellen und die bunten Verkaufsstände und Buden gut besucht sein. Stimmungsvolle Musik drang aus der Ferne durch den Türspalt. Ein schlechtes Gewissen hatte die junge Frau schon, da sie Jamie und die anderen Pfleger mit den Vorbereitungen der Tiere allein ließ, aber sie konnte ihre Beine nicht zur Kooperation zwingen.
      Es war ihr erstes Silvester im Zirkus Magica und während die Feierlichkeiten tobten, zog sich Tessa die Decke über den Kopf.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Das Jahr fand seinen spektakulären Abschluss in der Neujahrs-Aufführung, die nahtlos zu Mitternacht überging. Zirkus Magica präsentierte alle seine Wunder, seine Sensation und seine Kunst, um mit möglichst viel Gelächter, glitzernden Augen und farbigen Lichtern das alte Jahr zu verabschieden und mit Schwung ins neue Jahr hinüber zu rutschen. Die Wege waren am Abend so überfüllt, dass man kaum vorankommen konnte, und überall mühte sich das Personal dabei ab, die Besucher nach allen Regeln der Kunst zu unterhalten. Es war ein einziges Abenteuer. Natürlich war es, besonders für die Schausteller, ein großer Aufwand, aber belohnt wurde alles mit viel Gelächter, lauten Rufen und tosendem Applaus. Ganz zu schweigen von dem vielen Gewinn, den ein solcher Abend einbrachte.
      Chester navigierte alle Teilnehmer durch einen unvergesslichen Abend, bis um Mitternacht die Uhr runtergezählt wurde und dann der Himmel mit strahlenden Farben erleuchtet wurde. Die Menge klatschte und toste und freute sich. Die Angestellten des Zirkusses beglückwünschten sich gegenseitig und warfen sich in die Arme.
      Als das Gelände langsam geschlossen wurde, um die Arbeiter auch in ihren wohlverdienten Feierabend zu entlassen, übernahm Chester alle Pflichten, die er nur irgendwie aufsammeln konnte, und gewährte allen anderen ihre Freizeit. Aufräumen konnten sie auch noch am folgenden Tag.
      Die meisten waren schon völlig erledigt von der Aufführung, weshalb sich nur noch wenige zusammenfanden, um auf das neue Jahr anzustoßen. Hierfür hatte es schließlich extra die Feier am Tag zuvor gegeben, um den Ausfall nun zu kompensieren. Das schien auch keinen zu stören, denn die Stimmung war ausnahmslos ausgelassen.
      Von Toby war nicht die Spur zu sehen. Er war gegangen, nachdem Theresa am Vorabend aus dem Zelt gestürmt war, und dann nicht wieder gesehen worden.
      Das gleiche galt für Theresa.
      Der Zirkus schlummerte irgendwann ein. Die Leute schliefen lange. Es brauchte bis zu den ersten Sonnenstrahlen, bis den ersten trägen Morgenarbeiten nachgegangen wurde. Niemand hatte es wirklich eilig damit, die wenigen Aufgaben zu erledigen, die noch zu erledigen waren. Alle freuten sich auf den kurzen Urlaub, den sie genießen konnten.
      Doch dann wurde der halbe Zirkus mit einem Mal von einem spitzen Schrei geweckt. Er schien über das Gelände hinweg zu hallen, als wäre der Zirkus so ganz ohne Menschen mit einem Mal sehr viel hellhöriger geworden.
      “Oh mein Gott! Oh mein Gott!”
      Der Schrei alarmierte alle, die bereits wach waren oder nicht sehr tief geschlafen hatten. Als die ersten angelaufen kamen, die bereits in der Nähe gewesen waren, angelockt von dem schrillen, verängstigten Ton, kam Yasmin aus dem Aufführungszelt gestolpert. Sie war kreidebleich im Gesicht und hatte die Augen so weit aufgerissen, als hätte sie ein Gespenst gesehen. Jemand lief ihr gleich entgegen und griff besorgt nach ihren Händen.
      “Toby…! Er ist…! Oh mein Gott! Oh mein Gott!
      Yasmin konnte nicht mehr weiterreden. Sie klammerte sich an ihren Helfer und brach hysterisch in Tränen aus.
      Alarmiert liefen einige ins Zelt hinein, während andere sich davon machten, um Chester und Liam zu holen. Chester war aber schon wach, aufgeschreckt von dem verängstigten Schrei, und auf halbem Weg zum Zelt, als ihm die paar Leute entgegen gelaufen kamen. Sie wussten nicht, was vor sich ging, irgendwas mit Toby, und Yasmin war völlig aufgelöst. Chester sprintete über das Gelände hinweg zum Zelt.
      Er versicherte sich nur kurz, dass es allen draußen gut ging und sich jemand um Yasmin kümmerte, dann lief er hinein. Es war der Eingang für Angestellte, dem erst ein langer Gang mit Requisiten folgte, bevor man durch einen Vorhang zur Manege kam. Von drinnen drangen bereits aufgeregte Geräusche zu ihm heraus. Chester wusste nicht, was vor sich ging; er riss den Vorhang beiseite und stürmte hinein.
      Was ist -
      Und blieb mitten auf seinem Weg stehen.
      Von der Mitte des Zeltes, vom höchsten Punkt des Daches, das nach oben hin spitz zulief, hing ein langes Hochseil hinab. Es erreichte nicht den Boden, sondern endete im unteren Drittel des Zeltes, was immer noch eine beachtliche Höhe war. Das Seil hing ganz unbewegt und still.
      Und am Ende des Seils hing Toby.
      Unbewegt und still.
      Sein Kopf hing zur Seite und sein Körper war ganz schlaff. Seine Brust hob und senkte sich nicht mehr. Vermutlich schon seit ein paar Stunden nicht mehr.
      Chester starrte zu ihm auf, reglos, während sein Gehirn sich abzuschalten schien. Er starrte den Leichnam an, der dort in der morgendlichen Sonne in dem hellen Zelt hing. In demselben Zelt, in dem vor nichtmal einem halben Tag noch gelacht und gezaubert wurde. Wo eine Zuschauermenge bespaßt worden war und dann das neue Jahr gefeiert hatte. Wo gelebt worden war.
      Jetzt sah er den Leichnam und spürte...
      Vor ihm und hinter ihm drängten sich die Leute, weil mehr hinzukamen, weil andere sich nicht von dem Anblick losreißen konnten. Viele hatten die Hände vor die Münder geschlagen, andere weinten, wieder andere starrten einfach nur so wie Chester. Alle fielen sie in den Bann des Anblicks, der sich unweigerlich in ihre Erinnerungen einbrennen würde.
      Chester starrte weiter für einen Augenblick, dann rempelte ihn jemand an und ein innerer Schalter legte sich um. Er senkte den Blick und sah stattdessen auf die kleine Menge, die sich um ihn drängte.
      "Raus! Alle raus hier! RAUS, HABE ICH GESAGT! RAUS!"
      Er begann, die Leute zu packen und nach draußen zu schieben, wenn sie es nicht schon von selbst taten. Sehr träge setzte sich die Masse erst wieder in Bewegung und floss auf den Ausgang zu.
      "RAUS! NIEMAND BETRITT DIESES ZELT! HOLT MIR OWL HER!"
    • Schlaftrunken stolperte Owl kopfüber aus seinem Wagen. Das hektische Geschrei, das ganz unmissverständlich seinen Namen beinhaltete, hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. Die ohnehin viel zu kurze Nacht endete abrupt in purem Chaos. Fahrig schloss Owl den Gürtel um seine Hüften und vollführte ein paar wenig elegante Hüpfer um eilig seine Füße in die Stiefel zu stecken. In größter Eile warf er sich ein Hemd über und machte sich dabei nicht die Mühe es zu schließen ehe er zu einem abenteuerlichen Sprint ansetzte. Die schockierten Gesichter, die ihm entgegen kamen, beunruhigten ihn mit jedem Schritt mehr. Zu dem Schock mischten sich Tränen der Fassungslosigkeit je näher er dem großen Hauptzelt kam.
      "Was ist passiert?", sprach er Yasmin, die zusammengekauert und kreidebleich vor dem Eingang hockte. "Yasmin, was ist los?"
      Jemand fasste nach seinen Unterarm und zerrte ihn weiter.
      "Es ist Toby, Owl...Er...Er hat...Chester hat dich rufen lassen", stammelte die Küchenhilfe, die sonst in der Küche hinter einem Berg von Kartoffeln und Zwiebeln zu finden war.
      Auch ihm war alle Farbe aus dem Gesicht gefallen und Owl blieb kurz beharrlich stehen um das Bild des Jammers vor dem Zelt in Augenschein zu nehmen. Eine böse Vorahnung beschlich ihn, doch die schiere Möglichkeit erwies sich als dermaßen schrecklich, dass er sie kategorisch ausschloss.
      "Schon gut, schon gut...", murmelte Owl geistesabwesend und betrat das große Zelt.
      Der Anblick, der sich ihm nun bot, drückte ihm alle Luft aus den Lungen. Zuerst bemerkte er das Seil im Zentrum der Manege. Es begann hoch oben über ihren Köpfe und verlief kerzengerade bis nach unten. Träge folgte er dem Verlauf des Seils bis ein Haarschopf in sein Blickfeld rückte. Owl trat einen Schritt zurück. Ein Blick bohrte sich nachdrücklich in ihn und allein Chesters Anwesenheit hielt ihn davon ab, auf dem Absatz herumzuwirbeln und augenblicklich das Zelt zu verlassen.
      Leblos schwebte Toby mehrere Fuß über der Manege, deren leuchtende Farben plötzlich einen hässlichen Grauton annahmen. Owl starrte die geknüpfte Schlinge um den Hals an und erkannte auf den ersten Blick das gebrochene Genick. Doch er starrte einfach nur die Schlinge an, als traute er sich nicht in das leblose Gesicht des Mannes zu sehen. Seine Hände begannen unkontrolliert zu Zittern, als das schreckliche Bild ihm die Vergangenheit in Erinnerung rief.
      Es war Jahre her, dass vor seinem Gesicht eine ähnlich geknüpfte Schlinge gebaumelt hatte. Ein Schritt hatte gefehlt und er hätte den Kopf hindurchstrecken können.
      Obwohl Owl keine Luft bekam, trat er neben Chester und brachte zuerst keinen Ton heraus.
      Der Schock und das Gefühl der aufkeimenden Schuld saßen zu tief.
      Owl sah Chester nicht an, als er diesem seine Hand entgegenstreckte, die Handfläche offen nach oben gekehrt. Er würde nicht warten, bis der Nächste mit einer Leiter hineinstürmte um die nächsten Monate von Albträumen geplagt zu werden.
      "Wir müssen ihn darunter holen", murmelte er tonlos.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es dauerte nicht lange, bis Chester das Zelt geräumt hatte und den Vorhang nach dem letzten zugerissen hatte. Es dauerte auch nicht lange, bis Laufschritte vom Gang ertönten und dann Owl herein gesprintet kam.
      Aber für Chester waren es in diesem Augenblick Stunden, in denen er sich wieder zu dem Leichnam umdrehte und ihn ansah, als würden sie beide eine Unterhaltung führen, ohne dabei ihre Körper zu benutzen. Tobys Augen waren geöffnet und für alle Ewigkeit ins Nichts gerichtet. Sie sahen Chester nicht an und doch war es, als würden sie ihn regelrecht durchdringen.
      Als Owl hereingestürmt kam, blieb er ähnlich angewurzelt wie alle anderen stehen. Seine Augen wurden groß und starr und selbst sein Gesicht wurde ganz bleich. Chester wusste ganz genau wieso, aber wenn jemand ihm hier helfen konnte, dann war es Owl.
      "Wir müssen ihn darunter holen."
      "Ja. Hilf mir."
      Owl streckte ihm seine Hand wortlos entgegen und Chester ergriff sie. Er fühlte die warme, raue Handfläche und den leichten Schweißfilm, der sich darauf schon gebildet hatte. Er fühlte das Beben, das sie ergriffen hatte, und das für den meisterhaften Messerwerfer so untypisch war. Er wusste, was es bedeutete, und führte ihn trotzdem in die Mitte der Manege, bis sie fast unter Toby standen. Dort war es gänzlich still, als hätten selbst die Geister den Ort hinter sich gelassen. Chester fühlte Tobys Präsenz über ihnen schweben, als würde er sie genauestens beobachten.
      Er ließ Owl los und wandte sich ihm zu, weil sein Zittern noch immer nicht aufgehört hatte. Chester sah ihn ganz eindringlich an, diesen großen Mann, der durch diese Situation ganz fahrig wurde. Wenn er könnte, hätte er ihn wieder entlassen, aber Chester brauchte ihn jetzt. Er vertraute ihm.
      Er legte seine Hand auf seinen Nacken und brachte sein Gesicht ganz nahe zu dem Mann, bis sich fast ihre Stirn berührten. Eine vertraute Geste, für sie beide.
      "Owl. Wir holen ihn da raus, okay? Wir machen das Seil nicht zu, sondern auf. Er muss jetzt nicht mehr leiden."
      Er nickte, wie um seine eigenen Worte zu bestätigen.
      "Okay? Ganz tief atmen. Gleich ist es vorbei."
      Ihr Zoff zwei Nächte zuvor war schon völlig verpufft, die Vertrautheit zurückgekehrt. Chester nickte noch einmal, um sich zu bestätigen, dann ließ er Owl sich aufstellen. Der Mann hatte nicht allzu viel Erfahrung mit Akrobatik, aber er war kräftig und Chester hatte genug Erfahrung, um seine Nicht-Kenntnis auszugleichen. Er wies ihn an, wie er sein Gewicht verlagern sollte, wie er zu stehen hatte, und kletterte dann über seinen Rücken auf seine Schultern empor. Von dort richtete er sich nur langsam auf, das Gefühl des von Kraft zitternden Körpers unter ihm zwar nicht ungewohnt, aber um es Owl leichter zu machen. Er kam auf die Knie und von dort stellte er die Füße auf Owls Schultern, bis er aufrecht auf ihm stand.
      "Gut so. Ein bisschen nach links. Mach langsam, kein Grund zur Eile."
      Owl brachte ihn näher an Toby heran, näher an seinen steifen Körper, bis Chester seinen Hals erreichen konnte. Er gab sich größte Mühe den Körper nicht zu berühren, aber er tat es trotzdem. Der Leichnam war gänzlich steif und furchtbar kalt.
      Es war schwierig die Schlinge zu lösen, solange noch das Gewicht dran hing, aber noch schwieriger war der Teil, der noch kommen sollte. Sobald Chester fühlte, dass der Knoten sich zu lösen begann, schlang er einen Arm um Tobys Taille. Er fühlte sich schon gar nicht mehr wie ein Mensch an.
      "Vorsicht, Owl. Ich springe gleich ab, bleib nur einfach gut stehen. Nicht rühren."
      Er hätte Toby auch einfach fallen lassen können, aber das tat er nicht. So behandelte Chester die Toten nicht. Er ließ die Schlinge sich lösen, fing das leblose Gewicht mit seiner Schulter ab und sprang im gleichen Moment auf den Boden. Es war nicht anders als ein akrobatisches Kunststück und Chester vermied es mit jahrelanger Erfahrung, sich dabei einen Knöchel zu verstauchen. Er kam auf dem Boden auf und legte Toby gleich im Sand ab.
      Das Seil hatte eine deutliche Druckspur auf seinem Hals hinterlassen. Sein Körper war aschfahl und die Augen lagen ihm tief in den Höhlen. Er sah nicht mehr wie Toby aus, eher wie eine Puppe, die nach Tobys Abbild erschaffen worden war. Chester hatte diesen Anblick noch nie gemocht.
      Er richtete den Leichnam aus, bis er ausgestreckt auf dem Boden lag, dann richtete er sich auf.
      "Danke. Sei so gut und hol uns einen Sarg, dann können wir ihn gleich nach draußen bringen. Und lass niemanden reinkommen."
      Er musste nicht extra erwähnen, woher Owl einen Sarg bekommen würde, noch musste er erwähnen, wo Toby in dem Sarg hingebracht werden würde. Der Zirkus hatte eine Vielzahl an Zelten und ein spezielles davon war ausgestattet mit den nötigen Mitteln, um das Ende des Lebens im Zirkus abzuschließen. Chester lagerte dort immer ein paar Särge, nicht genug, um den Leuten Angst zu machen, aber genug, um einen solchen Vorfall behandeln zu können. Im selben Zelt würde Toby dann auch auf seine Beerdigung warten müssen. Vorher mussten sie erst das Chaos beseitigen.
      Mit Owls weiterer Hilfe hoben sie Toby in den Sarg hinein und trugen ihn dann nach draußen. Liam war mittlerweile auch aufgeschlagen und hatte vorausgedacht, ohne dass Chester es ihm hätte sagen müssen. Der kleine Platz beim Ausgang war menschenleer und wenngleich aus der Nähe aufgeregte und weinende Stimmen erklangen, begegneten sie keiner Menschenseele, als sie den Sarg in das kleine Zelt am Rande des Zirkus trugen. Chester bedankte sich noch einmal bei Owl, erkundigte sich, ob es ihm auch wirklich gut ging, und ging dann alleine in das Aufführungszelt zurück, um das Seil von der Decke zu holen.
      Während der ganzen Zeit fühlte er... nichts.
      Ohne weitere Umwege marschierte er danach wieder zu seinem Zelt zurück. Es war relativ früh für einen derartigen Tag und die Müdigkeit steckte ihm noch in den Knochen, aber ansonsten fühlte er sich hohl an. Ausgehöhlt. Als wäre in seinem Inneren ein Loch, das sich nicht schließen lassen würde. Als würde ein Stück von ihm fehlen.
      Er betrat sein totenstilles Zelt, klopfte sich den Schnee von den Stiefeln und wanderte zu seinem Schreibtisch. Er ließ sich auf den knarzenden Stuhl fallen, griff nach seinem roten Buch und schlug es auf. Er blätterte, blätterte, blätterte, fand die Seite und legte es aufgeschlagen vor sich auf den Tisch. Er nahm sich einen roten Stift.
      "Toby."
      "Toby - kurz für Tobias?"
      "Nein, nur Toby. Nichts weiter."
      "Es ist mir eine Freude, deine Bekanntschaft zu machen, Toby. Du kannst mich ruhig Chester nennen."
      "Chester - kurz für Chesterson?"
      Ein Grinsen breitete sich auf dem Gesicht des Mannes aus und Chester lachte. Laut.

      Er fuhr mit dem Stift über einen Teilbereich der Seite. Er hinterließ einen dicken, deutlichen Strich.

      Toby saß auf einer Bank, die Beine ausgestreckt und an den Knöcheln überkreuzt. Er grinste wild, weil Chester sich zum Affen machte und Malia daneben stand und nur genervt den Kopf schüttelte. Im Hintergrund dröhnte Musik aus dem Zelt.
      "Du hast sie nicht mehr alle. Wann hast du deine Gehirnzellen verloren, Chesterson? Hat da die Erde überhaupt schon existiert?"
      "Für ihn bestimmt", gab Malia missmutig hinzu.
      "Probier das mal - ich mein's ernst, es ist schwieriger, als es aussieht. Mach! Fang damit an und ich werde noch einen ganzen Akrobaten aus dir machen."
      Toby schüttelte den Kopf.
      "Nein, lieber nicht. Das ist zu viel Bewegung für mich. Ich lieg dir lieber weiter auf den Taschen."
      "Dann lieg. Lieg und schmachte über eine vergeudete Offenbarung!"
      Toby schüttelte nochmal den Kopf und lachte, weil Malia Chester zum Stürzen brachte. Jetzt schmunzelte auch Malia ein bisschen.

      Er setzte an einer anderen Stelle auf der Seite an und begann zu schreiben. S

      Toby lag auf dem Boden, besudelt mit Schlamm, die Augen gerötet und weit aufgerissen, die Finger in die Erde gekrallt. Er schrie und weinte und trat um sich, trat den Mann, der ihn niederzuhalten versuchte.
      "Ich will nachhause! Ich will nachhause!!"
      Sein Gesicht war von Schmerz verzerrt, der nicht physischer Natur war. Schmerz, den ihm niemand würde nehmen können. Der ihm später das Leben kosten würde.

      Chester musste blinzeln, als die Seite plötzlich vor seinen Augen verschwamm. Er konnte die Buchstaben nicht wirklich lesen.
      U I

      Toby der ins Nichts starrte, der nie wieder lachte, der nie wieder den Blick von Chester abwenden würde, der nie wieder ein Wort sagen würde, der nie wieder einen Atemzug nehmen würde, der nie wieder die Tür zu seinem Wagen öffnen würde. Toby, der für alle Welt verschwunden war. Toby, der in ein paar Jahren vergessen sein würde, verweht vom Wind. Vergessen, verloren und niemals existent. Verschwunden.

      Du wirst nachlässig.

      Chesters Hand zitterte. Der Buchstabe wurde ein wenig krakelig.

      Toby, der ihn anstarrte, ohne ihn anzusehen. Über dem sich der Sarg schloss.
      Weg. Vergessen.

      Z

      Es brach mit einem Mal aus Chester heraus, ohne dass er es hätte aufhalten können. Eine einzelne Träne fiel und sofort ging der ganze Damm in Brüche, der Chester aufrecht erhalten hatte. Der einen Träne folgten hunderte weitere und Chester schluchzte gewaltsam auf und verzog das Gesicht.
      Wenn Chester weinte, dann war es nichts künstliches, gespieltes oder leichtfertiges wie sein Lächeln, sein Lachen oder auch sein Zorn. Wenn Chester weinte, dann war es etwas rohes, gewalttätiges, das aus seinem tiefsten Inneren hervorzubrechen schien und ihn von innen heraus zerriss. Sein Schluchzen hallte durch das verlassene Zelt und sein Atem presste sich an einem Stück aus seiner Lunge. Er krümmte sich, packte fahrig das Buch und presste es sich an die Brust, als wären es keine paar Seiten sondern Toby, den er da hielt, und sackte auf seinem Stuhl zusammen. Seine Tränen waren glühend heiß auf seiner Wange und er wurde von der Wucht seines Krampfs regelrecht geschüttelt. Alle paar Sekunden schnappte er nach Luft, die seine Lunge niemals erreichte. Seine Arme verkrampften sich um das Buch und er hielt den Kopf wenigstens nach vorne, damit die Tränen nicht auf das Buch fallen würden.
      Er weinte um Toby und das Leben, das verloren war. Er weinte mit allem, was ihm noch übrig blieb.
    • Die traurigen Neuigkeiten trafen Tessa unvorbereitet und rissen den Boden unter ihren Füßen fort. Ein großes, schwarzes Loch tat sich auf und verschluckte das Mädchen binnen eines Wimpernschlages, während sie sich keinen Zentimeter von der Stelle rührte. Sie sah Ella, die eine schluchzende Yasmin tröstete und sich dabei zwischendurch immer wieder selbst über die feuchten Wangen strich. Owl saß kreidebleich wie eine Kalksteinwand etwas abseits, die Hände in den Schoß gelegt und einen dampfenden Becher umklammernd. Seine zitternden Hände waren ein ungewohnter Anblick. Roy, Malia und die üblichen Verdächtigen, die sich sonst um die ersten Tische im Kantinenzelt tummelten, saßen mit gesenkten Köpfen zusammen. Als Owl endlich den Kopf hob und Tessa am Eingang des Zeltes erblickte, wurden seine Augen ganz weit und groß. Geräuschvoll stellte er den Becher ab und beeilte sich aufzustehen. Einige Blicke hoben sich und sahen mit bleichen Gesichtern zu, wie der Messerwerfer sich durch die trauernde Menge schob und letztendlich die erstarrte Tessa bei den Schultern packte.
      "Tessa? Hey, Kitty?", flüsterte Owl und seine Stimme klang dabei befremdlich sanft und vorsichtig. Wenn Tessa etwas aufmerksamer gewesen wäre, hätte sie bemerkt, dass die Silben von einem heiseren Kratzen begleitet wurden, als hätte der Mann zur lange und zu laut geschrien.
      "Tessa? Komm, Mädchen, sprich mit mir", versuchte er es noch einmal.
      Die erbarmungslose Wahrheit überrollte Tessa und es gab kein Entkommen vor der Trauer, der Hilflosigkeit und der furchtbaren Leere, die der verwaiste Platz am hintersten Tisch des Zeltes hinterließ. Es stimmte. Es stimmte und es gab nichts mehr, was irgendjemand dagegen tun konnte. Toby war weg. Für Immer.
      'Schluss. Aus. Ende.'
      Tessa bemerkte erst, dass sie weinte, als Owl sie gegen seine Brust drückte und die Arme um ihre bebenden Schultern legte, die unter Shock kräftig zu zittern begannen. Sie viel noch ein Stück tiefer in das schwarze Loch, das sie zurückbrachte in eine dunkle, verregnete Gasse in der es nach Schießpulver und Blut roch. Die Erinnerung mischte sich mit der Horrorvorstellung eines langen Seils, das wie ein Pendel unaufhörlich über der Gasse hin und her schwang und dabei den Schatten eines leblosen Körpers an die bröckeligen Wände warf.
      Ein leidvolles Schluchzen verstummte beinahe an Owls breiter Brust, als Tessa das Gesicht in sein Hemd drückte.
      Toby, der noch so viele Jahre vor sich hatte, hatte sein Leben lieber beendet, als sich mit seinem Schicksal abzufinden.
      '...aber ich glaube du hast vergessen, was diese kurzen Leben für uns bedeuten. Wir haben wie viele? 60 Jahre? Vielleicht 70? Mehr, wenn wir Glück haben. Und das war's.'
      So viele Jahre waren verloren und ungelebt.
      'Schluss. Aus. Ende.'
      Jemand legte eine zierliche, knorrige Hand auf ihre Schulter und strich mit der anderen über Owls Rücken, an den sich Tessa verzweifelt klammerte. Ella murmelte beruhigende, tröstende Worte und streichelte ihr über den braunen Haarschopf. Die gute, fürsorgliche Ella, die ihr ganzes Leben im Zirkus Magica gelebt hatte.
      'Wie viele hast du mit den Jahren kommen und gehen sehen...?'
      Owls Hemd fühlte sich feucht unter ihrer Wange an und sich schmeckte das Salz der Tränen auf ihrer bebenden Unterlippe.
      '...unsere Leben müssen dir furchtbar kurz vorkommen...'
      Tessa verspürte ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit, dass sie in diesem Moment nicht allein war und begriff, wie Owl, Ella, Yasmin und all die anderen es über die Jahre geschafft hatten, sich das Glück und die Lebensfreude zu bewahren. Sie hatten einander. Tessa verstand zum ersten Mal, dass diese scheinbar willkürlich zusammengewürfelte Truppe wirklich eine Familie war.
      '...Glücklich zu sein...Tagein, tagaus. Das reicht einfach nicht.'
      Nicht für Toby.
      Vielleicht, wenn sie mit ihm gegangen wäre an diesem Abend...
      '...hoch über uns allen auf deinem Seil und keiner von uns wird jemals verstehen, wie das ist.'
      'Wie viele hast du mit den Jahren kommen und gehen sehen...?'
      '... keiner von uns wird jemals verstehen...'
      '...ich denke, du bist einsam.'
      Tessa löste sich etwas von Owl und ließ den Blick durch das Zelt schweifen.
      Über all die traurigen Menschen, die sich in den Armen lagen.
      '...ich denke, du bis einsam.'
      E i n s a m.

      Zögerlich betrat Tessa die bedrückende Stille des Zeltes.
      Drei geschlagene Monate hatte sie nicht einmal einen Fuß in die Nähe setzen können und nun tauchte das Zelt einfach auf ihrem Weg auf, als wäre es nie fort gewesen. Natürlich hatte es sich nicht bewegt, aber die verschlungenen Pfade des Zirkus Magica hatten Tessa stets erfolgreich im Kreis geführt. Es war fast wie eine Einladung und es war nicht das erste Mal, dass Tessa sich fragte, ob der Zirkus Magica unbemerkt ein gewisses Eigenleben führte. Mit geröteten und brennenden Augen sah sie sich um. Die Einrichtung hatte sich in den letzten Monaten kein Bisschen verändert. Alles sah noch genauso aus, wie sie es in Erinnerung hatte. Selbst die Teppichfransen zeigten unberührt und perfekt ausgerichtet in eine Richtung, als würde sich nie jemand durch die Räume bewegen. Alles fühlte sich erstarrt an. Wie in der Zeit eingefroren.
      Tessa bemühte sich sehr still zu sein, weil sie das Gefühl bekam einen sehr verbotenen Ort zu betreten.
      Erst blieb es mucksmäuschenstill, aber dann hörte sie etwas aus einem der angrenzenden, vom Hauptraum abgetrennten Zimmer. Das Geräusch war so fremd innerhalb dieser Zeltwände, dass Tessa zunächst nicht begriff was sie da eigentlich hörte. Ganz von allein setzten sich ihre Füße in Bewegung und hinterließen vom Schnee feuchte Abdrücke im Teppich.
      Jemand weinte, bitterlich.
      Das herzzerreißende Schluchzen bohrte sich mitten in ihr Herz und vergrößerte das klaffende Loch, das sich seit Monaten nicht schließen wollte. Vorsichtig spähte Tessa durch die Öffnung in den Stoffbahnen, die die Wände darstellten, und entdeckte Chester zusammengesunken hinter seinem Schreibtisch. Chester, der Mann mit den unendlich vielen Masken, von denen Tessa auch in zwanzig oder dreißig Jahren noch nicht alle gesehen haben würde, kauerte in seinem Arbeitszimmer und umklammerte geschüttelt von Tränen und Schluchzern fest ein Buch. Der Anblick hatte etwas unglaublich Intimes und Tessa verspürte den untrüglich Instinkt, dass sie sich zurückziehen sollte. Chesters Tränen waren nicht für ihre Augen bestimmt.
      '...ich denke, du bis einsam...'
      Trotzdem schien ihr Körper bereits einen Entschluss gefasst zu haben.
      Das hier war wichtiger als die Wut. Es war wichtiger als ihre maßlose Enttäuschung und die Frustration. Es war größer als all die verlorenen Tage, die sie in ihrer Vorstellung damit verbracht hatte aus Chester ein gefühlsarmes und kaltes Monster zu machen, damit es weniger weh tat.
      Beinahe lautlos und auf den geschickten Zehenspitzen einer Diebin betrat Tessa das Arbeitszimmer und fühlte, wie jedes weitere hemmungslose Schluchzen und Schniefen ein Stück aus ihrer Brust herausbrach. Ganz, ganz behutsam näherte sich Tessa und wenn Chester von ihr Notiz nahm, ließ er sich nichts anmerken und das beunruhigte Tessa noch viel mehr. Stumm umrundete das Mädchen den Schreibtisch und auch den Stuhl, bis sie schräg hinter Chester wie angewurzelte stehen blieb. Der Mut schien sie fast zu verlassen, doch dann streckten sich zögerliche Fingerspitzen nach seiner Schulter aus. Sie spürte wie das Zittern augenblicklich stoppte und sich die Muskeln unter ihrer Hand sich anspannten. Unter ihren Fingern erstarrte Chester zu einer Statue, als sie diese feine Linie, diese eine Grenze, einfach über Bord warf.
      Tessa beugte sich schweigend vor und schlang von hinten die Arme um seinen Hals. Tessa lehnte die Wange gegen seinen Hinterkopf und ließ zu, dass ein paar neue Tränen in seinen blonden Haarschopf tropften. Merkwürdig eingeklemmt zwischen der hohen Stuhllehne und dem Mann selbst, drückte sich das Mädchen gegen seinen Rücken und hielt ihn fest.
      Alles andere spielte in diesem Moment keine Rolle.
      Es war gerade nicht wichtig.
      Nichts war gerade wichtig.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Chester weinte mit einer Gewalt, die ihm körperlich schon fast wehtat -
      und dann spürte er eine Berührung an seiner Schulter.
      Sie war so hauchdünn, so knapp, dass er sie sich auch gut hätte einbilden können, und doch fror Chester am ganzen Körper ein. Sein Schluchzen blieb ihm im Hals stecken, seine Kehle schloss sich, bevor der nächste Atemzug hätte hindurchkommen können, und seine Augen öffneten sich weit und rasch. Mit einem Schlag war sein Körper wie in einem Bann gefangen, der ihm sämtliche Regungen zunichte machte.
      Er bildete sich die Berührung nicht ein. Da war jemand hinter ihm und das war eine Unmöglichkeit, denn niemand betrat Chesters Zelt einfach so, ohne sich vorher anzumelden. Da er keine Tür zum Verschließen hatte, um die Leute rauszuhalten, gab es die strikte Regel, dass jeder auf Chesters Erlaubnis warten musste, bis er eintreten konnte. Jeder im Zirkus wusste das, jeder hielt sich daran.
      Jeder bis auf eine, wie ihm auffiel. Eine, bei der er verpasst hatte, die Regel klarzustellen. Es war im Moment untergegangen.
      Du wirst nachlässig.
      Wie versteinert starrte Chester den Tisch vor sich an, als sich die Realisierung in ihm breit machte, dass Theresa ihn wirklich beim Weinen erwischt hatte. Beim richtigen Weinen. Es war keine Seite an ihm, die er irgendjemandem zeigen wollte. Es war etwas, für das er sich extra in die Sicherheit seines eigenen Zeltes zurückzog.
      Die Hand auf seiner Schulter schlüpfte nach vorne und vorsichtig schlossen sich zwei Arme von hinten um ihn. Er rührte sich keinen Millimeter, als er Theresas Wange an seinem Hinterkopf spürte.
      Sein Zusammenbruch war noch zu präsent, alsdass er sich hätte zusammenreißen können. Er war auseinandergebrochen, hatte die Scherben, die sein Wesen darstellten, auf dem Boden verteilt, und musste sie erst wieder zu dem Bild zusammensetzen, das er haben wollte. Das ging nicht einfach so. Das schaffte er nicht einfach so mit Theresa hinter ihm, die sich an ihn schmiegte.
      Doch er brachte keinen Ton heraus, mit dem er sie hätte fortweisen können. Und was noch viel schlimmer war, dieses entsetzliche Gefühl lag noch so offen in ihm, dass er, wenn er nicht aufpasste, doch wieder auseinanderbrechen könnte. Das durfte er nicht. Nicht vor Theresa. Nicht jetzt.
      Er nahm einen Atemzug, der viel zu laut und unordentlich war und der ihn am ganzen Körper erzittern ließ. Für einen Moment war der Grat zum Zusammenbruch so schmal, dass ein kleiner Lufthauch schon gereicht hätte, um ihn erneut stürzen zu lassen, aber er hielt sich mit allen Mitteln an seinem Buch fest. Seine Muskeln waren zum Reißen angespannt und doch schaffte er es, noch einmal Luft zu holen. Und noch einmal. Sein Atem war laut und mühsam, aber je mehr er sich mit dieser grundlegenden Form des Lebens abmühte, desto mehr konnte er sich festigen. Desto mehr konnte er seine Scherben aufsammeln und sie Stück für Stück wieder dorthin setzen, wo er sie ursprünglich platziert hatte. Langsam, so langsam, brachte er sich wieder unter Kontrolle.
      Es liefen keine neuen Tränen mehr nach. Die alten trockneten auf seinen Wangen und hinterließen keine Spuren. Als er das Buch zurück auf den Tisch legte, geradezu andächtig, zitterten seine Arme nicht mehr. Die Muskeln in seinem Gesicht entspannten sich und als er sich zu Theresa umzudrehen begann, langsam, damit er sie nicht noch verschrecken würde, zeugte gar nichts mehr an seinem Körper von seinem eben erlebten Zusammenbruch. In seinem Blick stand die Sorge geschrieben und in seiner Miene stand das Mitgefühl, aber es war dort einzig und allein für Theresa. Seine Maske saß wieder dort, wo sie sein sollte.
      "Hey..."
      Als er ihr verweintes Gesicht sah, zog sich unwillkürlich etwas in ihm zusammen. Er hob die Hand an ihr Gesicht und strich vorsichtig mit dem Daumen eine Träne weg. Die Irritation darüber, dass sie ihn bei etwas erwischt hatte, das sonst niemand zu Gesicht bekam, wich seiner gewohnten Sorge um die junge Frau und darüber, was die ganze Situation mit ihr anstellen würde. Er wusste, dass Theresa und Toby sich nahe gestanden hatten. Er konnte sich vorstellen, wie grausam es für sie war.
      "Es tut mir so leid."
      Sein Mund verzog sich in purem Mitgefühl.
      "Wie geht es dir?"
    • Eine Ewigkeit verging, zumindest fühlte es sich für Tessa wie die längsten Minuten ihres Lebens an. In ihrem lockeren Halt veränderte sich Chester ganz langsam. Sein Körper bebte noch einmal heftig und instinktiv verfestigte sich der Halt ihrer Arme. Sie lauschte den gequälten Atemzügen, wie er gegen die Trauer ankämpfte und mit jeder Minute brachte er sich ein wenig mehr unter Kontrolle. Tessa wurde Zeugin wie Chester die Scherben sorgfältig einsammelte und die Fassade neu aufbaute, die er wie einen Schutzpanzer trug. Es schmerzte beinahe genauso sehr, wie den Mann zusammengekauert und in tiefer Trauer zu sehen.
      Ganz langsam und in eigenartiger Synchronität mit Chester löste sie die Umarmung, die ihm Trost spenden sollte, auf.
      "Hey", flüsterte sie zurück.
      Die einsame Silbe klang seltsam kratzig und heiser vom vielen Weinen. Tessa hatte sich noch nicht ganz aufgerichtet, da berührte Chester sanft ihre Wange und wische eine vereinzelte Träne fort. Die Berührung hätte fast ausgereicht, um den Tränenfluss erneut heraufzubeschwören. Eigentlich hatte sie geglaubt schon längst keine Tränen mehr übrig zusammen, aber der heutige Morgen hatte sie eines Besseren belehrt. Sie blinzelte und musterte Chesters Gesicht, das vollkommen normal aussah. Nicht einmal Tränenspuren blieben als stille Zeugen zurück, dass der Mann geweint hatte. Als wären sie einfach spurlos in seiner Haut versickert. Ganz sachte neigte Tessa das Kinn und stahl einen flüchtigen Moment, in dem sie sich gegen seine Fingerspitzen schmiegte und zeigte ihm damit, dass sie nicht hier war um den Streit wieder aufzunehmen.
      "Es tut mir so leid."
      "Es ist nicht deine Schuld, Chester."
      Und das meinte sie auch genau so. Niemand war daran Schuld.
      Nicht Owl. Nicht Chester. Nicht sie selbst oder irgendjemand anders in diesem Zirkus.
      Seine Mundwinkel zuckten zu einem mitfühlenden Ausdruck und es schien vollkommen vergessen, dass sie hergekommen war, weil Tessa sich um ihn gesorgt hatte. Nicht umgekehrt.
      "Wie geht es dir?"
      "Ich habe das Gefühl, dass das meine Frage sein sollte...", murmelte sie und das schwache Lächeln auf ihren Lippen kam ihr fehl am Platz vor. Sie richtete sich auf und entzog sich so der Hand auf ihrer Wange.
      In der Bewegung lag keine Abneigung oder etwas Ähnliches, nur ein dezenter Rückzug um ihnen beide ein wenig Raum zu lassen. Ja, Tessa fühlte sich wieder furchtbar erwachsen.
      "Traurig. Wie gelähmt", antwortete sie zögernd, als traute sie ihrer eigenen Stimme nicht. "Ich stehe unter Schock wie alle, denke ich. Ich muss die ganze Zeit an dieses letzte Gespräch denken. Toby hatte Recht. Schwimmen zu können, bewahrt dich nicht vor dem Ertrinken."
      Tessas Unterlippe zitterte bedrohlich. Sie atmete tief durch.
      "Aber was ist mir dir?", fragte sie, obwohl sie wusste, dass sie vermutlich keine richtige Antwort darauf bekommen würde.
      Aber es war ihr wichtig, dass er wusste, dass es ihr ganz und gar nicht egal war.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Es ist nicht deine Schuld, Chester."
      In Theresas großen, vertrauensvollen Augen konnte Chester lesen, dass sie ihre Worte auch glaubte, dass sie sie mit vollster Überzeugung aussprach. Das war irgendwie tröstend, dass zumindest einer von ihnen daran glauben konnte, auch wenn es nicht die Wahrheit war.
      Seiner Frage wich sie für einen Moment noch aus, aber als Chester das kleine, schwache Lächeln erwiderte, das sie ihm zeigte, wusste er bereits, dass er trotzdem seine Wirkung nicht verfehlt hatte. Es war nicht richtig, dass er Theresa schon wieder um den Finger wickelte, dass er sie wieder in die Richtung lenkte, in der er sie haben wollte, und sie davon ablenkte, wo er sie nicht haben wollte, aber es musste nunmal so sein. Unter all den Mauern und Masken, die Chester umgaben, war er geschockt darüber, dass die Frau ihn in einem solchen Zustand erwischt hatte. Das wollte er nie wieder riskieren.
      "Traurig. Wie gelähmt."
      Chester nickte verständnis- und sorgenvoll.
      "Ich stehe unter Schock wie alle, denke ich. Ich muss die ganze Zeit an dieses letzte Gespräch denken. Toby hatte Recht. Schwimmen zu können, bewahrt dich nicht vor dem Ertrinken."
      Wie wahr.
      "Nein, das tut es wohl nicht."
      Chester lächelte mit einer Trauer, die nichtmal ansatzweise an das herankam, was ihm soeben noch aus der Brust gebrochen war. Das hier war viel, viel abgeschwächter.
      "Toby war ein sehr weitsichtiger Mann. Sehr klug und sehr belesen."
      Theresa atmete einmal durch. Ihre Lippe bebte und kündigte an, dass die junge Frau noch sehr, sehr viele Tränen loswerden müssen würde. Es würde ihr helfen, irgendwann nicht so zu zerbrechen, wie Chester es tat.
      "Aber was ist mir dir?"
      Da kam sie doch noch die Frage. Trotz ihrer eigenen Trauer legte Theresa noch immer wert darauf, sich auch nach ihm zu erkundigen. Doch Chester würde ihr niemals die ganze Wahrheit sagen. Er würde niemals darauf verzichten, seine Rolle zu spielen, so wie er jetzt auch den Blick ein wenig senkte.
      "Ich bin traurig. Toby ist zu früh von uns gegangen. Ich wünschte, er hätte sich erholt, bevor er diesen Ausweg gewählt hat."
      Da hob er wieder den Blick, alles so kalkuliert, wie auch sonst. Er sah Theresa mit Hoffnung an.
      "Du hast ihm sehr geholfen, Theresa, das weiß ich. Er hat seine letzte Zeit mit dir mehr genossen, als alleine zu sein. Du hast ihm so gut getan."
      Er ergriff ihre Hand und als wären keine drei Monate vergangen, in denen sie sich kein einziges Mal gesehen hatten, drückte er sie fest.
      "Er hat sich sicher schon lange dafür entschieden, dass er das tun wollte. Du hättest es nicht aufhalten können. Mach dir deswegen keine Vorwürfe, okay? Du hättest nichts für ihn tun können."
      Ganz gleichmäßig strich er über ihren Handrücken.
      "Denk lieber an die Zeit, die du mit ihm verbringen durftest, als der Zeit nachzutrauern, die ihr nicht mehr zusammen erleben könnt."
    • Hoffnungsvoll sah Chester zu ihr herauf und seine Worte spendeten dem aufgewühlten Mädchen Trost. Angesichts der tragischen und schmerzvollen Ereignisse an diesem Morgen hätte Tessa wohl nichts sehnlicher getan, als sich von den sanften, tröstenden Worten einhüllen zu lassen. Sie linderten den Kummer und die Schuldgefühle mit genau der richtigen Menge an Verständnis und Mitgefühl.
      Chester war einfühlsam und ach so vorsichtig in der Art wie er ihre Hand berührte während er ihr die perfekten Worte zuflüsterte, die sich jedes trauernde Mädchen wünschte, die gerade einen Freund verloren hatte. Es hätte sein können wie vor drei Monaten nach Rosie. Tessa hätte sich erneut von ihm auffangen lassen und sich mit ihrer ganzen Bekümmerung auf seine Schultern stützen können. Ganz von allein entfuhr ihre ein leises Seufzen als er ihren Handrücken mitfühlend streichelte und Tessas gesamte Haltung wurde ganz weich, nahezu schutzlos wie ein freigelegter Nerv.
      Es wäre so, so einfach gewesen sich diesem Gefühl hinzugeben und genau da lag das Problem.
      Der Mann, der sie mit diesem beinahe zärtlichen Blick bedachte wusste ganz genau wie sehr sich Tessa nach seiner Aufmerksamkeit sehnte. Wie sehr die drei Monate der absoluten Stille ihr zugesetzt hatten und nun bekam sie alles, was sie vermisst hatte in der perfekten Dosis. Nicht zu viel, nicht zu wenig, aber genug um den letzten winzigen Funken der Hoffnung nicht völlig zu ersticken ohne ihr ein Versprechen zu machen, das er eh nie zu halten gedachte.
      Tessa ließ seine Hand nicht los als sie einen Schritt nach vorn machte bis sie den Druck der Armlehne an ihrem Oberschenkel spürte. Mit der freien Hand näherte sich Tessa seinem Gesicht und ließ die vertraute, schüchterne Berührung zu seiner Wange zu. Federleicht glitten ihre Fingerspitzen über die glatte Haut, dem ebenmäßigen Schwung seines Wangenknochens. Das Lächeln erreichte ihre großen, noch von Trauer getrübten Augen nicht.
      "Danke...", flüsterte Tessa und die Worte klangen eigenartig hohl. "Du weißt wirklich, was du sagen musst, damit ich mich besser fühle."
      Sie ließ die Hand sinken.
      Es war nicht so, dass sie seine Besorgnis nicht glaubte. Vor wenigen Augenblicken hatte sie auf eindrucksvolle und schmerzliche Weise genau gesehen, dass Chester irgendwo in seiner Brust doch noch ein Herz besaß. Aber wieder einmal schaffte er es, Tessa wie eine Marionette nach seinem Willen tanzen zu lassen und sie war unfähig sich diesen Fäden zu entziehen. Sie hatte ein diesem Morgen keine Kraft dafür und akzeptierte den bitteren Beigeschmack den seine Worte und Berührungen begleiteten.
      "Gibt es etwas, das ich tun kann?", fragte sie mit aufrichtigem Interesse und drückte seine Finger. "Ich kann helfen, Chester. Wo immer du mich brauchst. Schließ mich nicht wieder aus, nur weil du glaubst, es ist das Beste für mich."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Ganz zutraulich, ganz vorsichtig, ganz wie Theresa, die sie auch sonst immer gewesen war, hob sie die Hand an Chesters Wange. Ihre Berührung war ganz leicht, ganz zaghaft, aber sie war da. Und der Berührung folgte auch ein Lächeln.
      Aber irgendetwas stimmte dabei nicht. Irgendwas war bei dem Lächeln nicht ganz... richtig, auch wenn Chester nicht benennen konnte, was es sein mochte. Es war kein Lächeln, das die Theresa, die er kannte, von sich geben würde. Es war... anders.
      Aber dann flüsterte sie ihr Danke und irgendwie... Auch das hörte sich falsch an, aber irgendwie...
      "Du weißt wirklich, was du sagen musst, damit ich mich besser fühle."
      Chester betrachtete sie aufmerksam, ihren traurigen Blick, ihre herabhängenden Schultern. Wie ihr Kinn sich leicht anspannte, wie sie blinzelte. Da war etwas, auf das er einfach nicht den Finger legen konnte.
      Und es auch gar nicht wollte, wie er bemerkte. Er hatte erreicht, was er wollte - er hatte Theresa aufgemuntert und ganz besonders von dem abgelenkt, was sie gerade zu Gesicht bekommen hatte - also wieso sich noch weiter beschäftigen? Seine Rolle war erfüllt.
      Also lächelte er.
      "Aber immer gerne doch. Du bist nicht alleine mit deiner Trauer, vergiss das nicht."
      Da ließ er ihre Hand los und diese letzte, kleine Verbindung, die sie aufrecht erhalten hatten, schien auch damit zu verfliegen.
      "Gibt es etwas, das ich tun kann? Ich kann helfen, Chester. Wo immer du mich brauchst. Schließ mich nicht wieder aus, nur weil du glaubst, es ist das Beste für mich."
      Auch da lächelte Chester wieder. Ja, du kannst mir helfen - du kannst vergessen, was du gerade gesehen hast. Aber diese einzige, winzige Sache, die er wirklich von ihr bräuchte, konnte er nicht von ihr verlangen. Gerade deshalb, weil sie sie für Theresa real machen würde. So hatte er eine kleine, aber reelle Chance, dass sie an diesen Tag zurückdenken würde und sich fragen würde, ob sie wirklich das gehört und gesehen hatte, wovon sie dachte, dass sie es gehört und gesehen hatte. Daran musste er sich klammern, mit allem, was ihm zur Verfügung stand.
      "Es gibt nichts, was du tun könntest. Wobei... Du könntest mir helfen, seinen Wagen auszuräumen. Ich lagere solche Sachen immer erst im Bestattungszelt und sortiere dann aus. Wenn jemand etwas haben will, soll er sich etwas davon nehmen."
      Mit dem gleichen Lächeln stand er auf, ließ das Buch in eine Schublade gleiten und sperrte sie ab.
      "Aber lass uns erst zu den anderen gehen. An einem Tag wie diesem sollte man nicht alleine sein."

      Es waren noch alle da, als die beiden zurück ins Kantinenzelt kamen. Yasmin hatte wieder angefangen zu weinen und damit war sie nicht die einzige; mehr Leute waren hinzugekommen, wenn schon nicht aus der Trauer um Toby, dann doch wenigstens, um sich gegenseitig Mut zuzusprechen. Viele, wenn nicht gar alle, warfen Chester einen Blick zu, als er durch den Eingang trat.
      Und Chester tat das, was er immer tat: Er verließ Theresas Seite und begann damit, den Leuten zuzusprechen, sie zu trösten, mit ihnen zu reden, sie in den Arm zu nehmen. Mit Owl sprach er flüsternd in der Abgeschiedenheit seines einzelnen Platzes, Yasmin ließ er an seiner Schulter ausweinen, während er jemand anderem über den Rücken streichelte, Ella nahm er in die Arme und hielt sie für einige Sekunden lang schweigend fest. Das ganze zog sich fort, aber nicht für ewig. Chester würde noch mehr Mitleidsbekundungen bei der Beerdigung aussprechen.
      "Ihr seit alle von den Aufräumarbeiten befreit", verkündete er bekümmert. Toby hätte sich sicher über einen solchen freien Tag gefreut.
      "Morgen Abend findet seine Beerdigung statt."
      Chester würde bis dahin die Manege alleine aufräumen, denn er wollte niemandem das Laster aufzwingen, diesen Ort noch einmal aufzusuchen, so kurz nach dem Geschehnis. Viel zu viele hatten Toby dort drinnen bereits gesehen und er wollte den Schaden so minimal wie möglich halten.
      Das war es, was er immer tat: Den Schaden minimal halten. So konnte der Zirkus weiter existieren, weiter fortlaufen. So konnte er ihn vor dem Zusammenbruch bewahren.
    • Mit bedrückter Miene begutachtete Tessa das bleiche Gesicht, das sie aus dem Spiegel heraus ansah. Sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen und auch über den Tag keinerlei Ruhe gefunden. Überall im Zirkus Magica war der Kummer allgegenwärtig. Schock und Trauer griffen um sich wie ein Lauffeuer und selbst die routinierten Arbeiten am Tag nach dem großen Unglück schaffte keine Abhilfe. Der Verlust war zur frisch und zu schmerzhaft. Keine fröhlicher Plauderei im Kantinenzelt, keine Späße unter Kollegen, kein Lachen beim Mittagessen...Nichts.
      Tessa fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und mit dem Daumen unter den dunklen Augenringen entlang. Sie brauchte keine Uhr um zu wissen, dass es bald soweit war. Die Zeit im Zirkus schien manchmal ihren eigenen Gesetzen zu folgen und Tessa spürte, dass der Zeitpunkt des Abschiedes gekommen war. Ein letztes Mal würden sie alle Abschied von Toby nehmen. Der vergangene Tag erschien Tessa vollkommen unwirklich. Sie dachte an den Chester, der zusammengekrümmt an seinem Tisch gesessen hatte, und dass sie diesen Chester vor für lange Zeit nicht wiedersehen würde. Wenn überhaupt. Vermutlich war es das Ehrlichste gewesen, dass sie je von dem Mann zusehen bekommen hatte. Es war surreal gewesen Chester dabei zu beobachten, wie er sich um Yasmin und die anderen gekümmert hatte. Fürsorglich war er durch das Zelt geschwirrt und hatte sich für jeden eine Minute genommen. Ein umgelegter Arm hier, ein paar tröstende Worte dort...
      "Aber lass uns erst zu den anderen gehen. An einem Tag wie diesem sollte man nicht alleine sein.", hatte er gesagt.
      In einem Zirkus voller Menschen bis du der einsamste Mensch, der mir je begegnet ist. Weil niemand hier weiß, wer du wirklich bist. Weil du niemandem zeigen willst oder kannst, wie sehr es dich mitnimmt. Ich habe es gesehen und trotzdem tust du so, als wäre nichts passiert. Du bleibst allein mit deinem Kummer, ging es ihr durch den Kopf.
      Zögerlich nahm sie das kleine Bündel vom Tisch in ihrem Wohnwagen und strich mit den Fingerspitzen den schwarzen Stoff glatt. Das Bündel war rechteckig und schwer. Viel schwerer, nun da Tobys Miene sich nie wieder aufhellen würde, wenn sie ein paar holprige Sätze daraus vorlas. Eine Träne tropfte auf den schwarzen Stoff und versickerte darin. Hektisch wischte sich Tessa über die Wangen und drückte das Bündel an ihre Brust. Sie hatte Toby lieb gewonnen. Mit all seinen Ecken und Kanten, der grimmigen Miene und doch dem dezenten Schalk in seinen Augen hatte er Tessa ein wenig an Jake erinnert. Sie hatte schon wieder einen Freund verloren und hatte nichts dagegen tun können.
      Ein wenig später verließ Tessa ihren Wohnwagen und traf auf einem der Hauptwege zwischen den Zelten auf die Anderen. Elle winkte sie heran und schon bald trottete sie zwischen der alten Dame, einem von Schuld geplagten Owl, Malia und Roy in Richtung des Bestattungszeltes. Sie sah sich um und blickte in traurige und von Tränen gerötete Gesichter.
      Tessa fasste nach Owls großer Hand. Der Messerwerfer war seit gestern Morgen ungewöhnlich in sich gekehrt und sie vermisste sein kehliges, bellendes Lachen. Im Gehen lehnte sie ihren Kopf an Ellas Schulter, die dabei geräuschvoll in ein Taschentuch schniefte. Die ehemalige Diebin verspürte den Drang auf dem Absatz kehrt zu machen und sich zurück in ihren Wohnwagen zu verkriechen.
      Sie alle bewegten sich auf ein Ziel zu: Das Bestattungszelt.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es kamen viele zu Tobys Beerdigung. Gemessen daran, wie viele Leute im Zirkus waren, waren es keineswegs viele, aber gemessen daran, wie viele Leute sich vor Tobys Tod mit ihm beschäftigt hatten, waren es schon viele. Sehr viele sogar. Chester beobachtete, wie sie alle nacheinander eintrafen und auf einem der aufgestellten Stühle Platz nahmen.
      Chester hatte der Tod schon immer etwas ausgemacht, schon immer darin gestört, wie er sich auf andere Leute ausübte. Wie schnell der Tod doch Mitgefühl wecken konnte, Sympathie, Empathie, sogar Freundschaft. Wie viele Leute plötzlich weinen konnten, wo sie mit Toby doch in den vergangenen Wochen kein Wort gesprochen hatten. Worüber weinten sie? Dass sie ihn nun nicht mehr ignorieren konnten?
      Natürlich gab es auch einige, bei denen es gerechtfertigt war. Tobys Ex-Freundin, die in der zweiten Reihe saß, sich verlegen die Augen tupfte und dabei versuchte, eine neutrale Miene zu behalten. Malia, die mit Toby geredet hatte, vor seinem Zusammenbruch und danach, die versucht hatte zu retten, was zu retten gewesen wäre, und offenkundig daran gescheitert war. Malia weinte allerdings gar nicht, das war nicht ihre Art. Sie drückte ihre Trauer mit Zorn aus.
      Brandon war der einzige, der es verdient hatte zu weinen und der auch entsprechend danach aussah. Brandon war der einzige gewesen, der mit Toby auch nach seinem Zusammenbruch befreundet gewesen war und sich danach sogar noch mehr mit ihm angefreundet hatte. Brandon war derjenige gewesen, der mit Toby an seinem Tisch gesessen und mit ihm geredet hatte, wenn alle anderen Toby angestarrt hatten, als hätte er eine ansteckende Krankheit. Brandon war derjenige gewesen, der Toby normal behandelt hatte.
      Und natürlich Theresa. Theresa, die durch den Zelteingang trat und beim Anblick des geschlossenen Sarges mit den Tränen zu kämpfen hatte. Theresa hatte es verdient.
      Aber der Rest nicht. Der Rest vergoss Tränen, die Chester anwiderten. Wie gerne er ihnen allen gesagt hätte, dass sie ihre Tränen für dann aufheben konnten, wenn sie es wirklich ernst meinten.
      Chester selbst fühlte sich normal. Sein eigener Zusammenbruch vor zwei Tagen hatte sich nicht noch einmal wiederholt, nachdem er vorsichtig geworden war. Vorsichtig gegenüber Theresa, gegenüber der einzigen Person überhaupt, die ihn je bei so etwas beobachtet hatte. Er hatte sie nicht gemieden, aber... nun, er war einfach vorsichtig. Er wollte nicht noch einmal riskieren, dass sie ihn in einem solchen Moment erwischte.
      Den ganzen gestrigen Tag hatte er damit verbracht, die Manege wieder auf Vordermann zu bringen, was ihn im Alleingang sechs Stunden benötigt hatte. Der Muskelkater davon saß noch heute in seinen Knochen, aber das war eine willkommene Abwechslung. Den heutigen Tag hatte er damit verbracht, die Beerdigung vorzubereiten und ein paar Verwaltungsaufgaben zu erledigen.
      Also alles wieder normal, alles wieder beim Üblichen. Nur ein weiterer Tod. Seine Angestellten kamen und gingen, so war das eben in seiner Branche. In seinem magischen, besonderen Zirkus.
      Als keine weiteren mehr durch das Zelt kamen, um sich der Beerdigung anzuschließen, trat er vor. Lächelte traurig. Legte eine Hand auf den Sarg, in dem Toby jetzt nur noch eine Hülle seiner selbst sein würde. Toby gab es schon nicht mehr, der Name und die Person aus der Welt gelöscht. 50 Jahre und er wäre auch aus allen Gedanken gelöscht, unwiderruflich verschwunden. Nicht einmal ein Geist, sondern einfach nicht-existent.
      In 50 Jahren würde Chester der einzige sein, der sich an diesen speziellen Toby erinnerte.
      "Es bedrückt mich sehr, dass wir heute hier sein müssen", richtete er das Wort laut genug an die wenigen Teilnehmer. Es hätten alle da sein können. Nichtmal die Hälfte waren es.
      "Es gibt kein was wäre wenn oder hätten wir doch oder warum haben wir nicht. Toby hat sich dazu entschieden, diesen Zirkus zu verlassen und wir werden alle seine Entscheidung würdigen."
      Sein Blick glitt über die Versammelten, dann begann er mit seiner eigentlichen Rede. Sie war nicht einstudiert oder gar vorbereitet, sie entsprang aus vielen Jahren der Erfahrung. Aus Gewohnheit.
      "Ich habe Toby vor 12 Jahren im Zirkus getroffen. Er ist mir aufgefallen, weil er einen Clown zum Lachen gebracht hat und nicht andersrum. Er war voller Humor und voller Witz gewesen und hat sich hier bereits beliebt gemacht, noch ehe ich überhaupt die Entscheidung getroffen habe, ihn einzustellen. Ich werde nicht sagen, was der Grund gewesen war - oder eher der Grund, weshalb ich ihn nicht wieder gehen gelassen habe - aber Toby hat hereingepasst. Er wollte hier sein. Er hat den Zirkus als eine Möglichkeit gesehen -"
      "Unsinn!"
      Chester verstummte, als Brandon mittenrein rief. Alle Leute drehten sich zu dem Mann um, dessen trauriger, gequälter Gesichtsausdruck in den letzten Sekunden in Zorn übergegangen war. Neben ihm legte sein Kumpel ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm.
      "Er hat hier nicht hereingepasst und das weißt du ganz genau!"
      Er wollte noch etwas sagen, aber der andere flüsterte ihm beschwichtigend zu und da sank Brandon wieder auf seinem Stuhl ein. Er traktierte Chester mit garstigen Blicken.
      Chester starrte für einen Augenblick zurück. Er hatte noch nie mitbekommen, wie Brandon so leidenschaftlich einem anderen nachweinte. Das war... ungewöhnlich.
      "Toby hat hier hereingepasst. Ich habe ihn kennengelernt, ich habe sein Potenzial gesehen. Er hat immer schon -"
      "Einen scheiß hast du!", rief Brandon jetzt und sprang auf. Sein Stuhl kippte nach hinten weg und ein paar Leute zuckten von dem lauten Geräusch. "Wenn du ihn so gut kennengelernt hast, wieso hast du ihn nicht gehen gelassen, als er nicht mehr konnte?! Wieso hast du deine tolle Menschenkenntnis nicht dafür eingesetzt zu erkennen, dass sowas passieren würde?"
      Betretenes Schweigen folgte. Chester ließ sich von dem Ausbruch kaum beirren. So war der Tod nunmal für noch lebende Menschen.
      "Toby hat seinen eigenen Ausweg gewählt. Ich würde mich niemals in den Weg seiner Entscheidungen stellen."
      "Du meinst du hast zugelassen, dass er sich umgebracht hat, wenn du derjenige warst, der es hätte verhindern können?!"
      Brandon deutete mit einem anklagenden Finger auf ihn.
      "Du hättest ihn einfach gehen lassen können! Er hat deutlich genug gemacht, dass er rauswollte! Was hätte er noch tun sollen, hätte er sich auf den Boden werfen müssen, hätte er herausschreien müssen, dass er hier fort wollte?! Hätte er es dir ins Gesicht schreien müssen?!"
      Noch mehr betretenes Schweigen. Ein paar Blicke gingen zwischen beiden hin und her. Jemand fing wieder an zu weinen.
      "Hab wenigstens die Muße zu gestehen, dass du ihn nicht gelassen hast! Er hat gelitten, Chester, und das schon seit Wochen! Du hättest es aufhalten können! Scheiß auf dein "wir reden nicht von was wäre wenn", denn wir hätten echt nichts tun können - aber du hättest ihn von deiner scheiß Uhr erlösen können!"
      Schweigen. Einige Leute sahen jetzt nur Chester an.
      Denn Brandon hatte recht. Wenn einer etwas hätte verändern können, dann war es Chester. Wenn es einer nicht getan hatte, dann Chester.
      "Das geht nicht und das weißt du."
      "Geht es nicht oder willst du nicht?! Wie viele müssen noch sterben, bis du den Fluch aufhebst?! Wie viele von uns wirst du noch als Kanonenfutter verwenden, um die nächsten Jahre zu überbrücken?!"
      Sein Kumpel zog ihn jetzt am Arm. Ihm waren die Blicke ganz eindeutig unangenehm und er bemühte sich, Brandon aus dem Zelt zu kriegen.
      "Toby wollte, dass du die scheiß Uhr zerstörst! Das war sein einziger Wunsch gewesen! Also tu es, Chester! Sei ein Mann und tu es endlich!"
      Sein Kumpel schleifte ihn nach draußen. Brandon rief noch immer, auch als der Zelteingang sich hinter ihm geschlossen hatte.
      Die verbliebenen Anwesenden sahen betreten drein. Chester verspürte den Wunsch, sie alle von dem Ausbruch zu trösten. Er nahm es nicht persönlich, dass Brandon ihn derart attackiert hatte.
      "Jeder geht mit seinem Schmerz anders um. Wir sollten Brandon nichts vorwerfen für das, was er verspürt."
      Dann machte er mit seiner kleinen Erinnerungsrede weiter, bis alles gesagt war, was gesagt werden musste. Keiner erhob mehr das Wort und keiner schrie auch wieder. Sie wohnten alle der Beerdigung bei, auch wenn niemand wohl vergessen wollte, was Brandon gesagt hatte.

      Es gab keinen Friedhof im Zirkus - natürlich nicht. Es hätte keine Erinnerungsstätte geben können, die groß genug war, um all die armen Seelen zu beherbergen, die schon vorher im Zirkus verstorben waren. Das wäre schlichtweg unmöglich gewesen.
      Stattdessen gab es einen großen Scheiterhaufen, auf den Chester mit Hilfe von ein paar anderen den Sarg verfrachtete. Wie in einem mittelalterlich anmutenden Ritual sammelten sie sich alle um den Scheiterhaufen herum, wobei Chester ein paar abschließende Worte sagte.
      "Ich werde ihn in Erinnerung behalten, solange ich lebe."
      Dann hob er eine brennende Fackel und hielt ihn an den Scheiterhaufen.
      Die Flammen leckten schnell an dem getrockneten Holz und breiteten sich nach oben und immer weiter nach oben aus. Der Himmel war schon dunkel und so war Tobys Feuer das hellste Licht, das die Gegend und den ganzen Zirkus erleuchtete. Die Flammen schlugen so hoch, dass sie beinahe die Spitze des Aufführungsszeltes erreicht hätten, und züngelten dann dort, lange genug, dass jeder einzelne noch einmal Abschied nehmen konnte.
      Dann war es vorbei. Toby war endgültig fort vom Zirkus. Alles, was er übrig lassen würde, war Asche und ein Feuer, das die ganze Nacht über noch brennen würde.