Offensichtlich war die Idee goldrichtig gewesen. Chester strahlte über das ganze Gesicht und vertrieb damit die düsteren Schatten aus ihre Gedanken. Vielleicht sollte sich Tessa dafür schämen, dass sie bei dem Anblick alle Sorgen über Bord warf.
Die Begeisterung sprang auf die ehemalige Diebin über, die Chester mit Vorfreude aus dem Zelt zog als könnte er kaum abwarten im Mondlicht zu tanzen. Tessa stolperte hinter ihm her und fand dabei ihr Lachen wieder, das sich ungezügelt mit der abendlichen Geräuschkulisse des Zirkus Magica vermischte."Bereit? Wir tanzen den Auftakt, nur bis zur Einführung. Auf mein Zeichen."
Entfernt von neugierigem Publikum wirbelte Chester zu ihr herum und zog Tessa lächelnd an sich. Mittlerweile war es das Natürlichste der Welt, die Hand auf seine Schulter zu legen und sich eng gegen seine Brust zu schmiegen, bis kein Blatt mehr zwischen ihre Körper passte. Wie sie es von ihm gelernt hatte, nahm Tessa die Tanzhaltung an. Es fühlte sich immer noch ein wenig zu steif an, aber das gab sich mit den ersten Tanzschritten.
Wie in einem Traum schwebten sie über den kleinen Platz, das silbrige Mondlicht mit den verstreichenden Sekunden kühl und doch vertraut auf ihren sich wiegenden Gestalten. Tessa ließ sich von dem Zauber verführen, den Chester aus Tanz und Mondlicht um sie wob. Die sanfte Melodie der Musik fehlte, doch Tessa hatte den Rhythmus und die lieblichen Klänge bereits so verinnerlicht, dass sie sich einbildete, die Noten trotzdem zu hören. Chester zog sie nah an sich heran.
"Der Mond." Sein Atem streift ihr Gesicht, streichelte über ihre Wangen und ihre Lippen. "Achte auf den Mond. Wir tanzen mit ihm."
Ein atemloses Nicken war alles, das sie zustande brachte.
Der Zirkus Magica, die kleine Welt, die nur ihnen gehörte, drehte sich in einem Strudel aus silbernem Licht und Chester, der sie sicher und fest an den Händen hielt. Ein Arm schlang sich um ihre Taille, als sie sich vertrauensvoll nach hinten fallen ließ. Nicht plump wie ein Mehlsack, sondern in einem eleganten Halbbogen, wie sie es geübt hatten - zumindest hoffte Tessa, dass es halbwegs grazil und leicht aussah. Als sie den Blick hob, war dort nicht Chester, sondern der Vollmond in all seiner Pracht und er blieb von da an ständig in ihrer Nähe. Chester schaffte es bei jeder Drehung, jeder Pirouette und jedem Richtungswechsel den Mond wie einen dritten Tanzpartner in ihrem Blickfeld zu halten. Er drehte, wirbelte und tanzte mit ihnen unter einem glitzernden Sternenhimmel.
"Spürst du es?"
Andächtig nickte Tessa und fand sich mit wild pochendem Herzen in seinem Arm wieder.
"Spürst du, wie er uns begleitet?"
"Ja...", hauchte sie. Hypnotisiert von seinen Augen, die ihn sanft ansahen, brach Tessa die Tanzfigur des Mondtanzes auf.
Es gehörte definitiv nicht zur Choreographie, dass sie die Hand in seine weichen, blonden Haare schob. Es gehörte nicht zum Tanz, dass sie einen Schritt aus der Reihe machte und damit den Rhythmus des Tanzes unterbrach, wenn auch das Ticken der Taschenuhr davon unbeeindruckt blieb. Der vertraute Takt mischte sich mit ihrem flatternden Puls, dem strauchelnden Herzen und haderte nicht in seinem unbarmherzigen Tick-Tack, als Tessa die Lücke zwischen ihren Gesichtern schloss und Chester auf die Lippen küsste. Der Kuss war kurz, aber nachdrücklich. All die aufgestauten Sorgen und der Schrecken, all das Gute und die Sehnsucht, floss in einer einzigen Berührung über ihre Lippen während der Mond ihr Zeuge war.
Tessa löste sich nur kurz um einen unsicheren Blick in Chesters Gesicht zu werfen. Sie suchte nach Abneigung, weil sie ihn frech überfiel. Sie suchte nach Ärger, weil sie das Training unterbrach. Nach irgendetwas, dass ihr ein schlechtes Gefühl gab. Sie suchte nach dem Chester, dem diese kalte und unheilvolle Stimme gehörte. Als sie nichts davon fand, schlang sie beide Arme um seinen Nacken und zog ihn zurück an ihre Lippen.
Sie nahm allen Mut zusammen und küsste Chester, wie er sie im Netz geküsst hatte. Mit heißem Atem, geöffnete Lippen, vielleicht ein wenig zu viel Zähne. Ein wenig ungeschickt, ohne Finesse aber mit Leidenschaft. Als ihre brennenden Lungen nach Luft verlangten, brachte es Tessa kaum übers Herz sich auch nur einen Zentimeter von Chester zu trennen. Sie klammerte sich an ihn, als drohte er jeden Augenblick zu verschwinden - und vielleicht war es genau das, wovor Tessa sich am meisten fürchtete.
"Ja...ich kann es fühlen...", flüsterte sie und sah Chester tief in die Augen.
“We all change, when you think about it.
We’re all different people all through our lives.
And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
so long as you remember all the people that you used to be.”
We’re all different people all through our lives.
And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
so long as you remember all the people that you used to be.”
