The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Caleb

      Ah. Jetzt sollte Caleb sich neben dem Betteln auch Bedanken, hm? Wenn das so weiter ging, würde das ganze weniger zum Kink und mehr zum Benimmkurs werden. Er warf Richard einen kurzen kritischen Blick zu, bevor dieser in der Küche verschwand. Jetzt gerade wäre es ihm wirklich lieber gewesen, wenn er gestern Abend einfach die Klappe gehalten hätte. Das würde ihm sicher nicht nochmal passieren. Es war eine Kurzschlussreaktion gewesen. Bondage hatte ihn irgendwie schon immer gereizt und Richard schien praktisch keine Grenzen zu haben, also war es nur logisch gewesen, es anzusprechen. Er hatte dabei nur Richards abartiges Talent dafür vergessen, ihn mit allem aufzuziehen, was er sagte.
      "Oh glaub mir, die beiden sind garantiert nicht zusammen im Bett gelandet", kommentierte Caleb einen Moment später mit einem humorlosen Lachen, während er sein Passwort in das Tablet tippte. "Wenn, hätte April mir schon längst geschrieben. In der Hinsicht ist sie ekelhaft extrovertiert." Er tippte auf seinen Webbrowser, öffnete einen neuen Tab - der fünfundzwanzigste insgesamt, die meisten anderen waren entweder halbgeschaute YouTube Videos, nie nachgekochte Rezepte, Wikipediaartikel, oder Bücher, die er irgendwann auf seine Leseliste packen wollte - und verharrte, als er realisierte, dass er keine Ahnung hatte, was genau er machen sollte. Es war nicht so, als ob er eine Lieblings-Sextoy-Seite hätte. Im Gegenteil, er hatte sich schon seltsam gefühlt, als er sich den Vibrator bestellt hatte, auch, wenn das im Nachhinien wirklich keine schlechte Idee gewesen war.
      "Ich denke also nicht, dass du dir zu viele Gedanken um den Wunsch machen musst", fuhr er fort, während er das Tablet schlicht in Richards Richtung schob. Ein Schritt, von dem er sich sicher war, dass er ihn bereuen würde. "Du solltest dir eher schon mal Gedanken um das Gedicht machen, dass ich dich schreiben lassen werde, wenn ich gewinne." Er grinste leicht. Irgendwie war das wirklich der perfekte Wunsch. Es war langweilig und kreativ, beides Eigenschaften, die er Richard nicht wirklich zutraute und am Ende hätte er etwas, was er immer dann zitieren könnte, wenn er ihm ein bisschen auf die Nerven gehen wollte. Trotzdem war es zeitgleich nichts zu Schlimmes. Also wunderbar für eine so blöde kleine Wette.
    • Richard

      „Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie einfach nur überanstrengt sind und schlafen. Ich würde ja wetten, aber das hab ich schon“ Richard grinste und nahm das Tablet ohne zu zögern entgegen. Unbekümmert tippte er in die Suchleiste einfach einen Onlineshop ein. Nicht, weil er eine Präferenz hatte, sondern weil er Augen im Kopf hatte, Werbung sah, und sie irgendwo anfangen mussten.
      „Ich hatte noch keine Zeit, mich einzulesen. Hast du ne Vorliebe?“, fragte er nüchtern und klickte auf den BDSM-Reiter, nachdem sein Blick eine Sekunde lang auf dem Wort „Dessous“ hängen geblieben war. Wie nett, dass die Unterteilung schon da war. Was auf der Seite auftauchte, waren aber definitiv nicht nur Handschellen. Neben seltsamen geformten Stühlen und ganzen BDSM-Sets, las Richard Worte bei den Spielzeugen, die ihn kurz zum lachen brachten. Er bekam sich schnell wieder ein. Bevor er Caleb Angst einjagte.
      „Ugh, sorry“, sagte er und wischte sich über den Mund, um ein Grinsen zu verdecken. „Ähm-“ Und er stieß schon wieder belustigt Luft aus, als er eine Peitsche sah und darunter etwas, das einem Maulkorb ähnelte. „Hmmm“, machte er konzentriert, um nicht wieder loszulachen, während er durch die Seite scrollte und dann auch sehr schnell Dinge fand, die für sie nützlicher waren.
      „Handschellen, ja? Außer du bestehst darauf, dass ich lerne, wie man dieses Seil benutzt. Und, für dich würde ich es machen“ Er blinzelte unschuldig und lächelte. Außerdem war er sehr gereizt, zurück zu den Dessous zu gehen. Was es da wohl gab? Gab es überhaupt Dessous für Männer?
      Richard schob Caleb das Tablet wieder zu, um ihn zu zwingen, sich auch ein bisschen aktiv mit der Seite zu beschäftigen. „Muss doch schön sein, nicht zweimal überlegen zu müssen, sich sowas zu kaufen. Ich meine, wofür würdest du dein Geld sonst rausschmeißen? Das hat wenigstens einen Nutzen. Pack auch gleich Gleitgel in den Warenkorb und guck mal zu normalen Spielzeugen“, wies Richard an, während er ihm nah über die Schulter schaute.
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    • Caleb

      "Ich hab das noch nie ausprobiert, also..." Caleb zuckte kurz mit den Schultern, während er etwas überfordert auf die Toys und das Zubehör sah, durch das Richard sich so vollkommen selbstverständlich durchscrollte. Wahrscheinlich sollte das alles auch irgendwie ein selbstverständliches Thema sein, vor allem in einer Beziehung, aber irgendwie kam Caleb das alles immer noch wie etwas vollkommen Außerirdisches vor. Es half nicht, dass Richard zwischendurch anfing zu lachen, auch, wenn Caleb es irgendwie fast nachvollziehen konnte. Es war schwer, die ganzen Halsbänder und kreativen Fesseln für sämtliche Körperbereiche irgendwie komplett ernst anzusehen. Auch wenn seine eigene Reaktion eher ein kritischer Blick war. Ein paar von den Sachen konnten sich einfach nicht gut anfühlen.
      Richards Angebot mit dem Seil war weitaus nicht so süß, wie er es wahrscheinlich dachte, aber - furchtbarerweise - trotzdem irgendwie überraschend heiß. Vor allem, weil Richard immer noch ohne Shirt neben ihm saß. Caleb schüttelte trotzdem kurz mit dem Kopf, während er das Tablet entgegen nahm. Man musste ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Irgendwo mussten sie sich ja auch steigern können, oder? Vielleicht würden sie da irgendwann nochmal drauf zurück kommen, wenn es weniger Baustellen in Calebs Kopf gab.
      "Oh. Glaub mir, ich habe kein Problem damit Sachen zu finden, für die ich mein Geld ausgeben kann", kommentierte er flach, während er weiterhin etwas zögernd durch die Seiten scrollte. "Aber wenn du weiterhin planst, das alles zu erben, wirst du ja eh rausfinden, wie kreativ man werden kann, wenn man Geld hat." Nicht, dass Caleb es tatsächlich ausnutzen würde. Seine größten Ausgaben waren Tickets für Shows und Musicals. Status hatte ihn nie sonderlich interessiert.
      "Gibt es sonst noch irgendwas, was du ausprobieren willst?", fragte er, während er schon mal Gleitgel in den Warenkorb packte, bevor es in Vergessenheit geraten würde und anschließend auf die Toys tippte. Das fühlte sich zumindest ein bisschen sicherer an. Er scrollte an den Vibratoren vorbei, bis er an einem hängen blieb. Appgesteuert. Das schien irgendwie Richards Style zu sein, oder? Wenn ihn das Zusehen schon anturnte?
      "Ich hab das Gefühl, dass ich das bereuen werde", kommentierte er mit einem kleinen Seufzen, während er den Vibrator in den Einkaufskorb legte.
    • Richard

      Richard schmunzelte und sagte erstmal nichts darauf, als Caleb meinte, er würde seine Entscheidung noch bereuen. Es war seltsam, sehr seltsam sogar, aber Richard war irgendwie stolz auf Caleb. Darauf, dass er machte, was er wollte. Auch, wenn er immer einen Kommentar dazu abgeben musste, um es unseriöser wirken zu lassen. Aber was brachte es beiden von ihnen, wenn sie ihre Chancen nicht nutzten? Es war schließlich nicht so, als würde Richard irgendetwas zustimmen, dass er absolut nicht wollte, und er würde Caleb auch zu nichts zwingen. Vielleicht mal sanft überreden. Aber nicht zwingen. Apropos...
      "Wenn du noch irgendetwas willst... Ich meine, ich bin ein bisschen anpassungsfähig, auch wenn es nicht so wirkt, und ich probiere gerne neue Dinge aus. Meinetwegen musst du nichtmal fragen, sondern kannst weiterhin wortlos Sachen in den Warenkorb legen, oder spontan sein, wie gestern Abend. Ich meine nur, dass ich finde, dass du es ruhig auch ausnutzen kannst, so wie ich, wenn du schon die Möglichkeit hast, mit etwas Spaß zu haben" Immerhin waren sie zusammen. Richard war kurz davor gewesen, gegen Ende etzwas zu sagen wie 'Immerhin bin ich dein Freund' und er war gerade sehr glücklich, dass er das noch nervös heruntergeschluckt hatte. Pervers, dass dieser Satz ihm Gänsehaut verpasste. So ernst war die ganze Sache nun auch nicht, nur weil sie ein Wort dafür hatten. Er war bereits in mehreren Beziehung gewesen, so kurzweilig sie auch gewesen sein mochten, und es war verstörend, dass er plötzlich neue... Gefühle... erlebte. Er wollte garnicht so genau wissen, was das war.
      "Und, ich hatte zwar nicht vor, heute viel zu machen, aber ich habs mir anders überlegt und werde wahrsacheinlich kochen. Bevor du frühzeitig an Nährstoffmangel stirbst, oder so" Er räusperte sich. "Kann sein, dass es ein Struggle Meal wird, je nachdem was du im Kühlschrank hast. Einkaufen gehe ich nämlich sicher nicht"
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    • Caleb

      "Naja, wir brauchen ja auch irgendwie noch Raum, um uns zu steigern, oder?", fragte Caleb mit einem kleinen Achselzucken, während er immer noch versuchte zu entscheiden, ob Richard gerade einen aufrichtig netten Tipp geben wollte, oder unterschwellig darauf hinweisen wollte, dass er mehr von ihm erwartete. Was im Grunde vollkommen albern war. Eine von Richards herausstechendsten Eigenschaften war immerhin, dass er ziemlich geradeheraus war, oder? Wenn er irgendwelche Erwartungen an ihn hätte, hätte er sie Caleb wahrscheinlich schon vor fünf Minuten ohne Vorwarnung an den Kopf geknallt. Cal drehte diesen Gedanken drei mal in seinem Kopf herum, bis er seltsam zufrieden feststellen musste, dass es tatsächlich kein Argument gegen diese Schlussfolgerung gab. Vielleicht war das am Ende der große Vorteil an dieser Beziehung - Richard hatte eh nicht genug Selbstkontrolle, um die Klappe zu halten, also musste Caleb keine Energie damit verschwenden, über jeden Satz zweimal nachzudenken.
      "Ich würde jetzt nicht behaupten, dass der Kühlschrank voll ist, aber ich dürfte genug übrig haben, um zwei Personen durch zu bekommen", antwortete Caleb ein wenig überrascht über Richards Angebot zu kochen. Irgendwie hatte er mehr damit gerechnet, dass sie sich irgendwas bestellen würden, damit sie den Tag mit Nichts-Tun verbringen könnten. "Ich glaube aber, dass ich nicht ganz so schnell an Nährstoffmangel sterben werde. Du musst nicht kochen, wenn du nicht willst", fuhr er mit einem kleinen Lächeln fort, bevor er die Nähe zwischen ihnen ausnutzte, um Richard einen Kuss auf die Wange zu drücken. Es war seltsam, irgendwie hatte er jetzt schon keine Lust darauf, in den nächsten Tagen wieder alleine wach zu werden.
      "Was würdest du jetzt um die Zeit eigentlich machen, wenn du nicht hier gelandet wärst?", fragte Caleb schließlich, während er das Tablet zur Seite legte. Falls Richard gleich kochen würde, würde er die Zeit nutzen, um sich nochmal durch alles durchzuklicken. "Lägst du noch im Bett? Würdest du...Nachrichten schauen, oder was lesen, oder...?"
    • Richard

      Richard zögerte und lächelte dann, als er sagte: „Klar, wieso nicht. Ich wollte es nur gesagt haben“ Die Aussicht darauf, dass Caleb vorhatte, sich zu steigern, war jedenfalls nett, aber Richard hatte das Gefühl, dass er das einfach nur so sagte. Eigentlich wusste er selbst auch garnicht, was er erwartet hatte, aber er wollte Caleb nicht das Gefühl geben, dass er keine eigenständigen Wünsche haben konnte oder es Richard recht machen musste. Er war sich nicht sicher, ob die Sorge überhaupt berechtigt war. Manchmal schien Caleb sich zu leicht überreden zu lassen und manchmal garnicht. Außerdem wusste Richard nicht, woher die Sorge überhaupt kam. Wenn Caleb etwas zu sagen hatte, musste er schon schlau genug sein, es auszusprechen. Richard war nicht dafür verantwortlich.
      Er war fast ein bisschen irritiert je länger er darüber nachdachte. Das ekelhafte Bedürfnis, sich irgendwie um Caleb zu kümmern, war ja schon öfter aufgekommen, spätestens seit ihrem kleinen Waldausflug. Seitdem rutschten Richard gewisse Dinge öfter heraus, als er beabsichtigte. Aber jetzt hatte er, teils deshalb, auch bekommen, was er wollte, nicht? Er hatte Caleb für sich. Für sich allein. Ezra spielte keine Rolle mehr, weil Caleb sich für Richard entschieden hatte, und sie waren exklusiv und Richard hatte jedes Recht, sich bei Caleb einzuquartieren, wenn er wollte, und ihn so oft zu sehen, wie er wollte, wann er wollte. Genau das hatte er mit seinem Gebettel ja auch irgendwie erreichen wollen, es war das ideale Ergebnis.
      Er setzte sich bloß ungerne damit auseinander, was überhaupt dazu führte, dass er das alles wollte. Klar waren sie jetzt wohl offiziell zusammen. Ein Paar. Ein abstrakter Begriff. Aber es war auch ein wenig unangenehm, sich der Tatsache bewusst zu werden, dass Richard wahrscheinlich frustriert wäre, wenn das alles nicht so geklappt hätte. Vielleicht sogar… deprimiert. Ehrlicherweise wüsste er nicht, was er in der Situation machen würde. Aufgeben? Vermutlich nicht. Was ja alles irgendwie unausweichlich bedeutete, dass er Caleb brauchte, auf gewisse Art und Weise. Brauchen im Sinne von… als Erheiterung? Beschäftigung? Gesellschaft? So oder so war es irgendwie unbehaglich, zu wissen, dass Caleb ein bisschen Macht über Richard hatte, die er nicht haben sollte. Außerdem hatte er freien Willen. Wenn er plötzlich unglücklich wurde und wieder beschloss, dass das zwischen ihnen eine schlechte Idee war, hatte Richard ein Problem. Also war es besser, wenn Caleb irgendwie glücklich und zufrieden war. Es war nur echt schwer herauszufinden, was das bewirken würde. Er sprang schließlich nicht auf Richards Versuche an, sich um ihn zu kümmern.
      „Doch, doch. Sag Bescheid, wenn du Hunger bekommst“, sagte Richard nebensächlich und winkte ab. Kochen war wenigstens etwas, das er gut konnte.
      Der Kuss auf seine Wange veranlasste Richard, seine Hand wieder über Calebs Taille streichen zu lassen. Er brummte nachdenklich auf und sagte: „Wahrscheinlich ins Fitness Center. Wäsche waschen. Einkaufen. Meal preppen. Ich lese nicht oft, ich wüsste garnicht was. Krimis? Vielleicht versuch ich es, wenn du mir was empfiehlst“
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    • Caleb

      Offenbar war Richard deutlich aktiver, als Caleb, was wahrscheinlich nicht sonderlich überraschend war. Nichts von dem, was er aufzählte, stand auf der Liste mit Dingen, die Caleb gerne - wenn überhaupt - tat. Er selbst würde ohne Richard jetzt wohl genau so hier sitzen, ein paar Seiten weiter im Buch, oder kurz vorm Einschlafen. Hoffentlich würde Richard nicht irgendwann Ansprüche entwickeln.
      "Oh. Ich fürchte, ich bin nicht sonderlich gut darin, Bücher zu empfehlen. Ich lese meistens das Zeug, das man in der Schule lesen musste und abgrundtief gehasst hat." Er zuckte kurz mit den Schultern. Sicher war ab und an auch etwas Modernes dabei, aber meistens blieben die Titel bei ihm nicht so gut hängen. Irgendwann waren sich die ganzen Geschichten eh so ähnlich, dass er sie kaum noch auseinanderhalten konnte. "Obwohl ich jetzt versucht bin, dir einen Krimi in die Hand zu drücken um zu sehen, wie lange du brauchst, um den Täter zu erraten." Caleb stieß ein kleines Lachen aus, während er sich an Richard lehnte, bemüht, sich nicht zu sehr von der Hand an seiner Taille ablenken zu lassen.
      Irgendwie war das hier fast schöner als ihre Dates. Abgesehen von dem konstanten, aber amüsanten, Gefühl, aufpassen zu müssen, was er sagte, um keine stichelnde Antwort von Richard zu bekommen, hatte Caleb gerade absolut keinen Druck, irgendwas machen zu müssen. Er fühlte sich beinahe irritierend ruhig. Es gab nichts, was noch geklärt werden musste, nichts, was zwischen ihnen stand. Sicher, die Reaktionen in seiner Familie würden furchtbar werden, aber das konnte Caleb gerade noch ein bisschen vor sich herschieben. Jetzt musste er sich nur noch langsam irgendwie daran gewöhnen, dass sie zusammen waren, was auch immer das konkret bedeuten würde.
      "Vielleicht drehe ich dir irgendwann mal eines von Agatha Christies Poirot Büchern an. Sie konnte ihn am Ende ihrer Laufbahn nicht mehr leiden, weil sie ihn zu unerträglich und egozentrisch fand. Passt doch irgendwie." Er grinste neckend und drückte Richard den nächsten Kuss auf die Wange, um den Kommentar ein wenig abzufedern.
    • Richard

      „Ah. So schlecht waren die nicht. Ich meine, freiwillig hätte ich die wahrscheinlich trotzdem nicht gelesen, aber…“, wand Richard ein. Hätte er Freunde gehabt, die tatsächlich irgendeins der Bücher gelesen hätten, hätte Richard sich wahrscheinlich auch einfach alles nacherzählen lassen. Leider hatte er sich bei allem immer reinhängen müssen. Obwohl ‚müssen‘ subjektiv war. Er hatte die andere Option halt vermeiden wollen, und die war, von seinen Eltern auch noch wegen seinen Noten genervt zu werden. Ugh, Schulzeiten.
      „Ich habe außerdem nicht erwartet, dass du viel liest“, meinte Richard. „Bist du echt geduldig genug dafür?“ Er grinste. Vielleicht lag es an Richard, aber wenn er in der Nähe war, war Caleb oft nicht im entspanntesten Zustand. Sein Grinsen verschwand in ein fast schon überspielt genervtes Seufzen, als Caleb ihn zurück triezte. Obwohl die Linie zwischen Scherz und Nicht-Scherz bei ihnen immer ziemlich verschwommen war.
      Richard wollte gerade etwas darauf antworten, das Caleb einfach nur nerven würde, wie, dass er Richard ja trotz allem von der ersten Sekunde an nicht widerstehen konnte- als sein Handy klingelte. Er wandte den Blick zum Tisch, lehnte sich vor und nahm sofort ab, weil er unbedingt wissen wollte, was jetzt kam.
      „Sorry, da muss ich ran“, sagte er schnell und stand auf, um den Raum zu wechseln. „May“, sagte er im Schlafzimmer angekommen und setzte sich aufs Bett. „Ich hoffe, du hast gute Nachrichten“ Caleb musste nicht unbedingt mitanhören, wie Richard ihre Wette manipulierte.
      Es war einen Moment still, bevor eine Stimme ins Telefon fauchte: „Ich hasse dich. Ich hasse, hasse, hasse dich, du Arschloch! Wieso schreibst du mir so einen Müll? Hast du keinen Sinn für- für- IRGENDETWAS? Privatsphäre? Menschlichkeit? Respekt? Was stimmt nicht mit dir? So gut kennen wir uns nicht! Woher kommt der Gedanke, dass du mich solche Dinge fragen kannst?!“
      Richard blinzelte eine Weile gegen die Wand und war kurz nicht sicher, was er darauf antworten sollte. Nur kurz. „Hey, es war eine simple Ja/Nein Frage“
      Es war einen Moment still, bevor Richard ein Klacken hörte, er auf sein Handy sah und etwas frustriert feststellen musste, dass May aufgelegt hatte.

      May

      May hatte knapp nach dem dämmrigen Aufwachen ein angestrengtes Ächzen ausgestoßen, das tief aus der Seele gekommen war. Ihr Kopf schmerzte, ihr war schwindelig und sie hatte das Gefühl, sich hier und jetzt zu übergeben. Bis sie sich herumgedreht und April gesehen hatte und in eine Schockstarre verfallen war, die jegliche Übelkeit für eine halbe Minute verschwinden hatte lassen, bevor sie doppelt so schlimm zurückgekommen war.
      Sie hatte sich mit letzter Kraft auf direktem Weg ins Badezimmer geschleppt, um eine Weile schockiert in ihren Spiegel zu starren während sie sich alles durch den Kopf gehen ließ, das der Alkohol nicht aus ihrem Gedächtnis gelöscht hatte. Was… wirklich so ziemlich alles war. Sie wusste alles. Sie konnte sich erschreckend genau an jeden alptraumhaften Satz erinnern, der ihre Lippen verlassen hatte. Hatte sie April eingeladen, bei ihr zu wohnen?
      May hob die Hände an ihren Kopf und versuchte nicht in eine panische Schnappatmung zu verfallen. Was hatte sie da nur alles geäußert? So vieles zu… Kaninchen… Gott, waren sie beide betrunken gewesen. April sah das bestimmt genau wie May, nichts von ihren Gesprächen gestern Abend war ernst zu nehmen. Ebenso wie dieser… Kuss. May konnte sich absolut nicht erklären, wie das passiert war. Sie konnte sich ungefähr erinnern, was sie dazu getrieben hatte, aber nachvollziehen konnte sie es nicht mehr. Sie stand nicht auf Frauen. Egal wie nett April war, wie gut sie sich verstanden oder wieviel Spaß sie zusammen hatten, sie konnten unmöglich mehr sein als Freunde. Das war… ganz eindeutig. May hatte sich noch nie auf diese Art für Frauen interessiert. Sie hatte April nur geküsst, weil sie nach Aprils Geständnis zu oft daran gedacht hatte. Nur musste sie das der Brünetten jetzt irgendwie erklären, ohne, dass sie die ganze peinliche Situation von gestern Abend noch zehn Mal schlimmer machte. Obwohl April ihr ja irgendwie verziehen hatte, nicht? Auch, wenn das locker gelogen hätte sein können. May könnte es ihr nicht verdenken. Und sie wollte gerade nichts weniger, als alles noch schlimmer zu machen. Sie hing wirklich etwas an April, das war nicht gelogen gewesen. Es war dank des Alkohols nur auf eine… verwirrte Art und Weise hochgekommen.
      Vielleicht hätte sie Richard eben nicht so anschreien sollen. Anfauchen. Schreien konnte sie nicht, da April ja… hier war. Aber sie war möglicherweise gerade etwas empfindlich, was die Tatsache anging, dass April nach gestern Abend neben ihr im Bett gelegen hatte. Und wer schloss überhaupt so eine assoziale Wette ab?! Er hatte es ein wenig verdient.
      May seufzte und wusch sich das Gesicht, dann richtete sie ihre Nest-artigen Haare und schnappte sich letztlich in der Küche ein paar Tabletten, Orangensaft und Elektrolyt-Pulver. Sie musste erstmal wieder klar denken, bevor sie April ganz sanft darauf ansprach, ob sie wirklich ihre Mitbewohnerin sein wollte. Was… wahrscheinlich sogar irgendwie nett wäre, wenn man nicht absolut alles ausblendete, was es auszublenden gab.
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    • April

      April hatte keinerlei Gefühl für Zeit und Raum, als sie aufwachte und brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Sollte das alles nicht irgendwann einfacher werden, wenn man so oft in fremden Räumen aufwachte, wie sie? Wahrscheinlich lag es daran, dass sie gestern mit May getrunken hatte. Sie hätten sich den Wein wirklich sparen sollen.
      May. Die Rädchen in Aprils Kopf begannen, sich langsam zu drehen, während sich die Geschehnisse der letzten Nacht nach und nach zusammensetzten, wie ein Puzzle mit einem verwirrenden Motiv, oder einer dieser Spielshows, in denen man einen Star erkennen musste, währen das Bild langsam rauszoomte. Die Party war noch einigermaßen klar. Sie erinnerte sich das die kleine Deckenburg und den Wein, daran, dass May ihr einen Schlafanzug geliehen hatte und an den Kuss. Der Kuss war so klar, dass April kurz ihre eigenen Lippen berühren musste, weil sie das Gefühl hatte, Mays immer noch darauf zu spüren. Aber May lag nicht mal mehr neben ihr, als sie sich schlussendlich aufsetzte und gegen das Licht anblinzelte, das sich durch die Vorhänge drängte.
      Kopfschmerzen, leichte Übelkeit und keine 100% Erinnerung an gestern Abend - eigentlich keine so schlechte Bilanz. April hatte deutlich schlimmere Morgende erlebt. Sie fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, während sie ihre nächsten Schritte durchging. Waschen, sicher gehen, dass es May gut ging, zurück ins Hotel. Umziehen. Irgendwo zwischendrin müsste sie ihr Kleidchen wiederfinden und sich wieder umziehen. Auch, wenn sie sich gerade nicht mehr dran erinnern konnte, wo sie es gelassen hatte. Im Bad, oder im Wohnzimmer? Ach, sie würde es schon herausfinden.
      Im Bad lag es nicht. April versuchte, vor dem Spiegel zu retten, was zu retten war, während sie sich die Haare zusammenband, um sich das Styling zu sparen. Sie hatte Ringe unter den Augen und war für einen Moment wirklich froh, dass sie ihre Brille noch nicht aufgesetzt hatte. Dieses Desaster musste sie nicht in HD sehen. Trotzdem war die Brille das erste, was sie ansteuerte, als sie - immer noch im Schlafanzug - aus dem Bad heraus kam. Ihre Tasche lag neben ihrem Kleid im Wohnzimmer und die Brille saß nach kurzem Kramen wieder sicher auf ihrer Nase. Was sie durch das fehlende Styling wahrscheinlich wie ein Nerd aussehen ließ, der im Keller seiner Mutter wohnte, aber damit musste sie leben.
      April fand May in der Küche, visuell wahrscheinlich in einem ähnlichen Zustand, wie sie selbst. Trotzdem grüßte sie mit einem fröhlichen Lächeln und einem "Guten Morgen!", während sich ihr Kuss wieder zurück in ihr Bewusstsein schob. Es war...nichts, oder? May war nicht lesbisch. Sie hatte sich gestern einfach ausprobieren wollen, oder so. War nicht das erste mal, dass April sowas erlebte. Aber das musste nicht zwischen ihnen stehen, oder?
      "Hast du gut geschlafen?", fragte sie, während sie sich auf den Stuhl gegenüber von May fallen ließ. "Und hast du zufälligerweise was gegen Kopfschmerzen?"
    • May

      May saß eine Weile lang in der Küche und starrte durch ihr Sportgetränk hindurch, bevor April hereinkam und ihrem Herz einen Aussetzer verpasste. „O-oh, klar, hier“, stotterte sie und schob April die Packung mit den Kopfschmerztabletten zu, dann stand sie auf und füllte ihr ein Glas Wasser an. „Willst du… Kaffee? Oder sowas?“, deutete sie auf ihr eigenes Glas. Ob sie gut geschlafen hatte? Sie war völlig ausgeknockt gewesen, natürlich hatte sie gut geschlafen, aber das Aufwachen war weniger nett gewesen. Die Frage umging sie also.
      „Ich hoffe, du hast gut geschlafen“, sagte sie und setzte sich wieder, während die awkwarde Stimmung auf sie einrieselte, die offenbar nur von May ausging, denn April grinste wie eh und je. Bemerkenswert. Und vermutlich der Grund, warum May ihre Gefühle gestern Abend so furchtbar verwechselt hatte. April war wunderschön und strahlte ständig wie die Sonne. Nach ihrem Geständnis war es völlig natürlich, dass May verwirrt war, oder?
      Sie zwang sich, April nicht länger anzustarren während diese sich ihre Tablette einwarf und räusperte sich um sich in die Realität zurückzuholen. „Du… du siehst zumindest aus, als hättest du gut geschlafen. Dann ist… bei dir alles okay? I-ich meine, du bist nicht extrem verkatert, oder so? Wie sieht‘s mit deiner Erinnerung aus?“ War es sehr offensichtlich, was May da zusammenstotterte? Vermutlich nur, wenn April sich an irgendetwas von ihrem gemeinsamen Abend erinnern konnte. May war ja glücklicherweise alles davon vergönnt gewesen. Um ehrlich zu sein wusste sie aber gerade garnicht, ob sie wegen des Kusses, wegen der Frage nach dem Einzug oder wegen beidem fragte. Klar, der Kuss war… seltsam und hatte April definitiv verletzt. Und sie musste entweder verwirrt sein oder May innerlich zutiefst hassen. Aber May selbst hatte damit, wenn sie von all dem absah, weniger ein Problem. Es war eben… passiert, sie war verwirrt gewesen. Aber der Einzug? Wenn sie April jetzt ständig sah, nahm die Verwirrung vielleicht zu- Was immernoch vollkommen normal war, oder? May hatte garkeine Zeit, um den gestrigen Abend zu verarbeiten. Das wäre alles viel zu viel und am Ende besoff May sich wahrscheinlich wieder irgendwann und küsste April nochmal und das würde ihnen beiden nicht gut tun. Nope. Die Tatsache, dass es sich für sie nicht ganz und gar furchtbar angefühlt hatte, würde ihr Betrunkenes-Ich vermutlich verleiten, es nochmal zu tun. Aber Betrunkene-May war aus der Hölle gekrochen um anderen das Leben schwer zu machen und sie musste mit allen Mitteln in Schach gehalten werden.
      May schluckte. Sie konnte immernoch verstehen, warum sie gestern getan hatte, was sie getan hatte.
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    • April

      April nahm das Wasser und die Tabletten mit einem kleinen Lächeln entgegen. Man konnte May ansehen, dass sie nicht ganz auf der Höhe war, was in ihr irgendwie den Drang auslöste, noch entspannter und offener zu sein, als eh schon, gerade so, als ob das irgendwie auf May abfärben könnte. Diese angespannte Stimmung stand ihr einfach nicht. Sie nickte kurz, als May ihr einen Kaffee anbot und warf die Kopfschmerztablette ein, bevor sie schon mal Milch und Zucker an sich zog. Egal, wie groß ihr Hangover war, Kaffee würde sie nie schwarz runterbekommen.
      “Ich bin schon in deutlich schlimmeren Zuständen aufgewacht”, antwortete April betont fröhlich, als May sich nach ihrem Befinden erkundigte, ohne auf ihre Frage einzugehen. Wie lange war die Anwältin wohl schon wach? April hatte nicht mitbekommen, wann ihre Freundin aufgestanden war. Falls sie überhaupt noch Freundinnen waren. Vielleicht bereute May gerade auch jede einzelne Entscheidung, die sie je in ihrem Leben getroffen hatte und versuchte nur, sie irgendwie möglichst effektiv rauszuwerfen, ohne sich dabei schlecht zu fühlen. Aber so schätzte April sie merkwürdigerweise nicht ein.
      “Ich habe keine Ahnung mehr, wie wir vom Club nach hier gekommen sind, aber ich glaube sonst habe ich keine wirklichen Lücken”, antwortete sie, während sie genug Milch und Zucker in ihren Kaffee kippte, um einen laktoseintoleranten Diabetiker sofort zu töten. Zumindest ging sie irgendwie davon aus, dass sie keine Lücken hatte. Die Kissenburg war da, der Kuss und ein paar Fetzen ihrer Unterhaltung, aber alles, was man irgendwie betrunken sagte, war normalerweise eh nicht so wichtig, oder? Vielleicht war der Kuss deshalb auch kein so großes Ding für sie, auch wenn sie ihn nicht aus dem Kopf bekommen wollte. Wahrscheinlich wäre es wirklich besser, wenn sie den Morgen kurz halten würde.
      "Ich weiß zumindest noch, dass ich keinen Wein mehr von dir annehmen werde. Der hat mich umgehauen, fürchte ich." April rückte lächelnd ihre Brille zurecht, während sie zu May sah, unschlüssig, ob sie den Kuss ansprechen sollte, oder nicht. Mist, vielleicht hätte sie doch einfach so tun sollen, als ob sie sich an nichts mehr erinnern könnte. Warum kam ihr diese Idee erst so spät?
      "Hey", fing sie vorsichtig an, "Falls es dir um den Kuss geht - mach dir keinen Kopf. Das passiert." Feinfühlig war das nicht gerade, aber vielleicht war es gerade das, was May brauchte.
    • May

      May schmunzelte leicht, aber beruhigend war Aprils Antwort auch nicht unbedingt. Nur weil es schlimmere Zustände gab, hieß das schließlich nicht, dass es ihr jetzt gut ging. Und wahrscheinlich hatte May sowieso die… emotionale Ebene gemeint, wenn sie ehrlich war. Dass sie sich an alles zu erinnern meinte, entspannte May ebenfalls nicht. „Okay…“, antwortete sie, unsicher, was der nächste Schritt war. Sprach sie jetzt direkt an, was sie sich dachte? Oder sollte sie erstmal warten, was April aus dem Tag machte?
      „Keine Sorge, der Wein ist alle. Ich hatte sowieso nur eine Flasche und wahrscheinlich kaufe ich so schnell keinen nach“, antwortete sie und seufzte tief. Vielleicht kaufte sie auch einfach nie wieder Alkohol. Obwohl das wahrscheinlich ein Versprechen wäre, das sie keine zwei Wochen halten könnte. Was wurde dann aus ihren Bar-Abenden mit den Kollegen? Die alles andere als lustig und trotzdem irgendwie überlebensnotwendig waren.
      May fror plötzlich in ihrer Bewegung ein, als April den Kuss von sich aus ansprach. ‚Das passiert‘? Was? Wem? May hob den Blick und blinzete ihr Gegenüber einen Moment lang an. Sie hatte sich selbst eingeredet, dass sowas ‚passierte‘, um sich nicht schlechter zu fühlen, als sie es ohnehin tat, aber das von April zu hören, war ein wenig unerwartet.
      „Ah, okay“, antwortete sie. Sie war sich nicht sicher, was sie von der Aussage hielt. Klang irgendwie so, als wäre es für April völlig unbedeutend und alltäglich gewesen. Was irgendwie ja genau das war, was May hoffen würde. Aber es störte sie ein wenig. Sie konnte nur nicht festmachen, wieso.
      „Findest du?“, fragte May schließlich skeptisch. „Das passiert? Mir passiert das nicht sehr oft“ War sie genervt? Sie war sich nicht sicher, was sie gerade fühlte oder von April wollte oder mit ihrer Aussage erreichen wollte. Sie hatte das Gefühl, das ihr eigenes Gehirn ihr gerade einen Streich spielte.
      „Ich meine, ähm, ja, ich nehme an, sowas passiert. Tut mir leid, ich war ziemlich dicht und es war absolut ungünstig und gedankenlos“, korrigierte sie sich selbst nach einem Räuspern. So war es richtig. Außerdem war April immernoch ihre Klientin und sie konnte nicht herumlaufen und ihre Klienten küssen.
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    • April

      Oh. Irgendwie hatte das nicht den gewünschten Effekt gehabt. Also schon irgendwie - May wirkte zumindest nicht mehr nervös, aber April hatte nicht gewollt, dass sie so bissig wurde. Obwohl May am Ende wahrscheinlich nur überfordert war. Sie war halt immer noch Anwältin und keine Partymaus, die öfter mal in fremden Wohnungen wach wurde. Wahrscheinlich war das alles einfach etwas zu viel für sie.
      "Ich meine es ernst, May. Du musst dich nicht entschuldigen. Es ist nicht schlimm." April lächelte ein wenig, bevor sie an ihrem Koffer nippte und überlegte, was sie gleich alles zusammenpacken musste. Sie musste immer noch ihr Handy finden. Wahrscheinlich lag es irgendwo im Wohnzimmer. Mit etwas Glück, würde sie sogar noch etwas Akku über haben. Dann würde sie die Rückfahrt zum Hotel wenigstens etwas haben, was sie ablenkte.
      "Ich fürchte, ich habe einfach diesen Effekt auf Leute", versuchte sie es erneut mit etwas Humor. "Und ich hatte gestern Abend schon die Hallo Kitty Hose an. Wer kann schon jemandem widerstehen, der eine Hallo Kitty Hose trägt?" Sie seufzte dramatisch und grinste May zu in der Hoffnung, dass sich diesmal die Stimmung heben würde. Doppelt hält besser und so. Obwohl es wahrscheinlich am besten wäre, einfach komplett das Thema zu wechseln, oder? Ugh, April kam viel zu selten in so seltsame Situationen. Sie hatte keinerlei Routine darin, was sie tun oder sagen sollte.
      "Wir hatten gestern irgendwo Burger mitgenommen, oder?", fragte sie, während sich die Erinnerung schwach zurück in ihr Hirn schob. Rein logistisch betrachtet mussten sie das irgendwo auf dem Heimweg getan haben, aber sie hatte immer noch keinerlei Erinnerungen an ein Auto, oder eine Bahn, oder so. "Wir hätten Pizza mitnehmen sollen. Bei Hangover gibt es nichts besseres, als so eine kalte, matschige Pizza von Vortag." Sie seufzte erneut, diesmal tatsächlich etwas weniger dramatisch, dafür gefühlvoller, und schwenkte ihren Kaffee in ihren Händen. Falls May jemals wieder mit ihr feiern gehen würde, würde sie sich dazu eine Notiz machen. Pizza statt Burger. Und weniger Wein. Damit ihr nicht wieder ein Kuss durch den Kopf schwirren würde.
      Wenn es wenigstens einer dieser betrunkenen, unkoordinierten Küsse gewesen wäre, die nasser waren, als sie sein sollten! Es wäre ein bisschen peinlich, aber nichts mehr. Aber der blöde Kuss war absolut perfekt gewesen! Wie sollte sie das je wieder aus ihrem Gedächtnis verdrängen?
    • May

      Sie meinte es also ernst. Dann war es wirklich keine große Sache? Sofern April es May nicht einfach recht machen wollte – und irgendwie war May immernoch davon überzeugt – dann wären sie ja wohl doch irgendwie auf einer Wellenlänge. Schließlich machte May sich wegen des Kusses nur einen Kopf, weil sie April nicht verletzen wollte. Sie hatte keine… Existenzkrise wegen so einer Kleinigkeit. Das ganze Gerede von Beziehungen zwischen Frauen (hatten sie darüber überhaupt geredet? Vielleicht waren es auch nur Gedanken gewesen), hatten May eben verwirrt und manipuliert. Soweit sie sich erinnern konnte, hatten sich alle Mädchen zu ihrer Schulzeit auch ständig geküsst. Um zu üben oder warum auch immer. Der Grund war völlig egal. Rein kulturell betrachtet, waren Küsse ja auch nur eine Art, um Zuneigung zu zeigen. Und wer konnte schon festmachen, welche Form der Zuneigung das genau war? Gut, vielleicht würde May ihre Oma nicht… auf dieselbe Art küssen, aber… Ugh, was auch immer.
      May hatte bisher gedacht, dass es seltsam wäre, ihre Freundinnen auf diese Art zu küssen, betrunken oder nicht, und sie hatte ja offensichtlich recht gehabt. Auch, wenn es währenddessen nicht seltsam gewesen war, so wie vermutet, sondern erst jetzt.
      In May setzte sich jetzt ein unangenehmes Gefühl fest. Vor allem, als April die Hello Kitty Hose ansprach. Widerstehen? May sollte keine Probleme damit haben, so etwas zu widerstehen, schließlich war sie kein Kerl, der sich wegen jeder Kleinigkeit an eine Frau ranwarf. Sie zwang sich trotzdem zu lächeln, weil sie gerade unfähig war, mit zu scherzen. Irgendetwas kam ihr seltsam vor. Verwirrung hin oder her. Sie mochte die Vorstellung nicht, dass April ständig von Leuten geküsst wurde, besonders wenn diese sie nur verarschen oder verletzen wollten. Nicht, dass May selbst irgendetwas davon absichtlich getan hätte, aber das war auch keine Ausrede für so ein egoistisches Verhalten.
      May hörte kurz zu, als April das Thema zu Essen wechselte, war aber noch nicht bereit, loszulassen. "Wir sind mit dem Taxi durch ein Drive Through gefahren. Wenn du willst, mache ich eine Tiefkühlpizza", nickte May. Und dann konnten sie nochmal über das WG-Thema sprechen.
      "April", sagte May, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. "Ich weiß nicht, ob dir das wirklich öfter passiert, aber es ist nicht okay, wenn andere mit deinen Gefühlen spielen und außerdem ist es strafbar, sich anderen aufzudrängen. Betrunken oder nicht. Eine Entschuldigung ist das Minimum, also nimm sie bitte an" Sie schluckte. "Ich würde mich nie so verhalten, wenn ich nüchtern bin, also hoffe ich, dass… du mir trotzdem vertrauen kannst"
      May hatte dunkel in Erinnerung, dass April ihr gesagt hatte, sie solle jetzt ins Bett gehen und konnte sie morgen nochmal küssen, wenn ihr dann immernoch danach war. Sie hatte trotzdem das Gefühl, eine Grenze überschritten zu haben. Wenn sie April vorher gefragt hätte 'Hey, kann ich dich mal küssen?', dann hätte sie mit ziemlicher Sicherheit nicht geantwortet 'Klar doch, wieso nicht!'. April schien zwar jemand zu sein, der sich leicht überreden und ausnutzen ließ, ihrer Reaktion nach zu urteilen, aber das verschlimmerte Mays schlechtes Gewissen nur noch mehr. Eine Backpfeife hätte sie verdient gehabt und kein sanftes 'Hey, denk nochmal drüber nach'. Auch, wenn sie April dafür sehr dankbar war. Sie hätte ja auch nie damit gerechnet, April von sich aus zu küssen, also war sie sich nicht sicher, was sie sonst noch gemacht hätte.
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    • April

      "Ach", setzte April gerade an May zu erklären, dass sie keine extra Pizza brauchte, weil sie eh nicht mehr lange bleiben würde, als die junge Frau ihr das Wort abschnitt, um doch nochmal auf den Kuss zurück zu kommen. Irgendwie wäre es April lieber, das Thema einfach zu vergessen. Vielleicht hätte sie es nicht von sich aus ansprechen, oder einfach nur nicken sollen. Trotzdem kam ihr das alles irgendwie nicht richtig vor. Die Art, wie May den Vorfall darstellte, war irgendwie seltsam...verschoben.
      "Hey", merkte April also sanft an, während sie sich automatisch etwas aufrechter hinsetzte. Offenbar war das ein ernstes Erwachsenengespräch™ und so gerne sie dem auch aus dem Weg gehen wollte - April hatte sich nie sonderlich ernst, oder erwachsen gefühlt - war es wohl wichtig, das ganze irgendwie zu klären. "Ich nehme deine Entschuldigung gerne an, wenn dich das besser schlafen lässt, aber ich bleibe dabei: Du musst dich für nichts entschuldigen. Wir waren beide betrunken und es ist nicht so, als ob ich dich nicht küssen wollte." Das war es, was sie störte. May stellte die ganze Situation irgendwie übergriffiger dar, als sie tatsächlich gewesen war. Wenn May ihr nicht aufrichtig wichtig wäre, hätte April den Kuss wahrscheinlich nicht mal abgebrochen, sondern einfach geschaut, wie weit sie noch gehen würde. May war einfach wundervoll. Dass May sie geküsst hatte war eigentlich auch viel weniger das Problem. Dumm war, dass April sie viel zu gerne zurückgeküsst hatte.
      "Ich weiß, wir kennen uns noch nicht so lange, oder auf einer super tiefen Ebene, aber ich vertraue dir, unabhängig von der Entschuldigung. Ich weiß, dass das nicht deine Art ist und dass du dich zusätzlich noch entschuldigen willst ist wirklich süß." Reichte das? Mehr erwachsene Ernsthaftigkeit bekam sie bei dem Hangover wirklich nicht zusammengekratzt. So ein Gespräch hatte sie noch nie gehabt. Normalerweise sagte man sich am Morgen danach kurz hallo, fragte nach, wie es der jeweils anderen ging und...erkundigte sich eventuell nochmal nach dem Namen, wenn die Party wirklich wild gewesen war. Das höchste aller Gefühle war eine Frau gewesen, die mit ihr über die aktuelle Politik diskutieren wollte, während April ihr Frühstück wieder hochgewürgt hatte. Rückwirkend vielleicht auch eine Panikreaktion. Also das Reden über Politik, nicht das Kotzen. Das war dem Abend davor zu verdanken gewesen.
      "Haben wir gestern eigentlich irgendwie über Hasen geredet, oder hab ich das geträumt?", wechselte April erneut das Thema, während sie ihre Augenbrauen nachdänklich zusammenzog. "Ich habe keine Ahnung, in welchem Kontext das war, aber das wäre so ein seltsam spezifischer Traum."
    • May

      Jetzt war sie beruhigter. April nickte ihre Worte nicht lächelnd ab oder beharrte darauf, dass es nichts gab, das eine Entschuldigung benötigte. May wollte nur, dass April verstand, dass es ihr ernst war. Sowas passierte nicht einfach und sollte dann völlig übergegangen werden, zumindest wäre es besser so. Wie sollte man eine Freundschaft auf einer derartigen Basis aufbauen? Wo Dinge 'passierten', man sie ignorierte und nie über etwas redete? So unangenehm es auch war, wusste May jedenfalls, was richtig und was falsch war, und was sie getan hatte, war falsch, weil sie April damit verletzt haben konnte. Punkt. Die Frage, warum sie es gemacht hatte, war ein völlig anderes Thema. Das war ihre eigene Angelegenheit und in ihren Augen war der Grund auch nicht sehr tiefgründig also konnte sie darüber leichter hinwegsehen.
      May nickte zufrieden. Dann hatten sie das ja geklärt. Und jetzt… "Ah… wir… haben darüber gesprochen, Kaninchen als Haustiere zu halten, wenn du bei mir einziehst", erklärte May erstmal vage und musterte Aprils Gesichtsausdruck, um ihre Reaktion darauf abschätzen zu können. "Ich weiß noch, dass dir ganz gute Namen eingefallen sind, aber an die kann ich mich nicht erinnern", überlegte sie schmunzelnd. "Wie stehst du nüchtern zu Kaninchen? Gestern waren wir beide absolut überzeugt davon" Sie lachte leicht.
      Eigentlich war es die dämlichste Idee, die man haben konnte, Kaninchen völlig ohne Gartenzugang in einer Wohnung zu halten, egal wie groß sie war, wenn man zusätzlich über 40 Stunden pro Woche arbeitete. Und wahrscheinlich ein guter Grund, um bei Tierschützern gemeldet zu werden. Der Einzug war eine andere Sache. Es war nicht so, dass May April rauswerfen würde oder sie ein großes Problem damit hätte, Mitbewohner zu haben. Im Gegenteil, wahrscheinlich wäre es eine schlaue Entscheidung und ihr wäre weniger langweilig, aber da gab es eben noch einige Dinge, über die man nachdenken musste. Sie hatte gestern Abend nur darüber nachgedacht, wie es wäre, April 24 Stunden am Tag um sich zu haben und war von der Idee seltsam überzeugt gewesen, aber das war nicht nur unrealistisch sondern würde sie wahrscheinlich auch in den Wahnsinn treiben. Sie war sonst schließlich immer alleine gewesen. Sie hatte noch nochmal mit Beziehungspartnern zusammen gewohnt. Aber es war sicher anders, wenn sie beide in separaten Zimmer schliefen und ihre eigenen Leben hatten, nicht?
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    • April

      Einziehen? April blinzelte irritiert, während sie versuchte, das alles irgendwie in einen logischen Kontext zu bringen. Offenbar war ihr Filmriss doch größer, als gedacht. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass sie je darüber geredet hatten, zusammenzuziehen. Aber offenbar schien May das wirklich ernst zu nehmen, immerhin fragte sie April lediglich nach ihrer Meinung zu den Kaninchen und nicht danach, ob sie immer noch einziehen wollte, was wahrscheinlich die deutlich logischere Frage gewesen wäre.
      “Äh”, antwortete April eloquent wie eh und je, während sie versuchte, überhaupt irgendwas zu denken. Ihr Kopf fühlte sich seltsam leer an, jetzt, wo die Kopfschmerzen langsam weniger wurden. Nicht, dass sie normalerweise gut darin war, nachzudenken. Sie hatte sich eigentlich immer schon irgendwie auf ihre Instinkte verlassen und im ersten Moment kam ihr die Idee, mit May zusammen zu ziehen, wirklich gut vor. Die Wohnung war der Hammer und May war die netteste Person, die sie kannte. Außerdem hatte sie im Moment sonst nicht viele Optionen und alles war besser, als das Hotel. Sie müsste sich nur Sorgen um die Miete machen, aber hey, entweder fand sie irgendeinen Minijob, oder ging Caleb so lange auf die Nerven, bis er sich seine Ruhe erkaufte, oder ihr etwas zu tun gab. Es würde eh nur übergangsweise sein, oder? Das letzte mal, dass sie einen festen Wohnsitz gehabt hatte, war sowieso viel zu lange her.
      “Kaninchen sind schon wirklich süß.” April lächelte leicht, während sie die Idee mit dem Zusammenziehen in ihrem Kopf hin- und herschob. “Ich glaube, ich habe eines Karotta genannt.” Viel mehr wollte ihr gerade aber auch nicht dazu einfallen. Stattdessen räusperte sie sich kurz, bevor sie wieder zu May sah. "Wie ernst war dir die Sache mit dem Einziehen? Auf einer Skala von 1 bis 10, 1 ist 'It was a prank, bro', 10 ist 'das Umzugsunternehmen ist schon bestellt'." Vielleicht war das der Punkt, den sie zuerst klären sollten.
    • May

      May lächelte etwas während sie ihr Getränk schlürfte und nickte kurz, den Blick durchgehend auf April fixiert. Sie brauchte von ihr ganz dringend eine eindeutige Reaktion auf das Einzugs-Thema. Aber April schien, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, auch noch nicht genau zu wissen, was sie dachte.
      May blinzelte und stellte ihr Getränk ab, als ihr der Ball zugespielt wurde. „Das könnte ich dich auch fragen“, sagte sie schließlich. „Ich weiß nicht mehr, von wem die Idee kam, aber…“ Vermutlich von May. Definitiv von May. „Ich meine, es ist sicher angenehmer, als in einem Hotel zu bleiben, bis der Gerichtsprozess durch ist“, murmelte sie ihren Satz zuende. Wollte sie das wirklich? Sie war sich nicht ganz sicher, aber sie wollte keinen unhöflichen Rückzieher machen.
      „Ich würde vielleicht keine Kaninchen adoptieren, aber ich hab ein leeres Zimmer, und wenn wir uns ein paar ähm… Regeln überlegen, dann denke ich, dass das gut gehen könnte. Es kann ja nur übergangsmäßig sein, bis du weg musst…“ Sie würden vermutlich nicht, wie May sich dad gestern Abend vorgestellt hatte, sofort Möbel kaufen gehen und April hier für immer und ewig ein Heim einrichten. Das wäre etwas verrückt, nicht? Ja. Also, keine neuen Möbel, es gab ja sowieso Bett und Schrank, eine Kommode, ein kleiner Schreibtisch. Dinge, die May aus ihrem alten Kinderzimmer mitgenommen hatte, damit irgendetwas in dem leeren Zimmer stand, das seit ihrem Einzug frei war.
      „Aber ich verstehe auch, wenn das zu seltsam ist. Ist es ja irgendwie. Ich meine, wir arbeiten noch zusammen. Aber gleichzeitig ist schon genug seltsames passiert, also macht es wirklich noch einen Unterschied?“ May sprach mit sich selbst. „Und wir sehen und vermutlich auch so gut wie nie, weil ich arbeiten muss. Oh, und Miete wäre kein Thema, weil mir die Wohnung sowieso gehört. Vielleicht könntest du beim Essen beisteuern, aber das war‘s“ Hm… vielleicht war das alles eh nicht so kompliziert, wie May heute Morgen noch gedacht hatte. Der Schock hatte sie wohl überfordert.
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    • April

      "Ich kann mich an die Idee ehrlichgesagt gar nicht erinnern", merkte April mit einem kleinen Lachen an. "Aber ich finde die Idee nicht schlecht." Und May schien sie auch nicht schlecht zu finden, wenn sie das richtig interpretierte. Wenn sie die Idee doch bereute, hätte sie wahrscheinlich eher nachgeschoben, dass...der Aufwand ziemlich groß wäre, oder so, statt anzumerken, dass es besser war, als ein Hotel und auch das kleine Selbstgespräch danach klang eher pro-Einzug, oder? Zumindest hatte April auf Anhieb nicht das Gefühl, dass sie sich aufdrängte, oder so. Irgendwie war der Vorschlag fast zu spannend, um ihn abzulehnen. May hielt die Dauer der WG ja schon von selbst offen. Es konnte praktisch nichts schief gehen, oder?
      "Es ist ein bisschen seltsam", stimmte sie zu, während sie ihre mittlerweile leere Tasse von sich weg schob, "aber seltsam ist gut! Seltsam ist nicht langweilig!" Eigentlich gefiel ihr das alles sogar immer besser, je länger sie darüber nachdachte. Hier war es deutlich ruhiger, als im Hotel und sie würde für ein paar Wochen nicht aus dem Koffer leben müssen. Sie müsste sich keinen Kopf darüber machen, den nächsten Waschsalon zu finden und könnte zur Abwechslung mal selbst kochen. Nur dass May den Großteil der Zeit arbeiten wäre, war schade. April wäre lieber gewesen, wenn sie die ganze Zeit zusammen auf dem Sofa sitzen könnten, oder shoppen gehen.
      Was für ein bizarrer Morgen. Zuerst war May überzeugt davon gewesen, gestern übergriffig gewesen zu sein und jetzt planten sie gerade, zu Mitbewohnerinnen zu werden. Auf eine seltsame Art und Weise entwickelte sich das gerade irgendwie zum besten Morgen in Aprils Leben. Sie konnte zumindest irgendwie Euphorie in sich aufsteigen fühlen, während sie ihre Brille geraderückte.
      "Ich würde eigentlich ganz gerne nochmal zurück ins Hotel, mich umziehen und so, aber wenn du willst und heute sonst nichts vor hast, können wir uns ja danach direkt zusammensetzen und die Regeln und so durchgehen." Dass May direkt anmerkte, dass sie wohl keine Miete zahlen musste, klang zumindest schon mal nach einem erleichterndem Anfang, auch, wenn April sich bewusst war, dass es wahrscheinlich ein wenig ins Ausnutzen gehen würde. Immerhin hatte May sicher mehr laufende Kosten, als nur Essen. Strom, Wasser Internet...vielleicht könnte sie ja doch noch ein wenig Geld zusammenkratzen, um das alles zumindest ein bisschen auszugleichen. Nur würde sie die Diskussion wirklich lieber in Jeans führen, als in Hello Kitty Schlafanzügen.
    • May

      May war einen Moment unaufmerksam was das Monitoring ihrer Gefühle anging und leuchtete förmlich auf, als April die Idee für eine gute erklärte. Sie merkte schnell, dass ihre Lippen sich leicht geöffnet und zu einem Lächeln geformt hatten, ihre Augen aufleuchteten und sie beinahe sagen wollte ‚Yay!‘, was absolut nicht ihrem Charakter entsprach. Sie nahm schnell wieder ihr Glas in die Hand und versteckte ihren Gesichtsausdruck ein wenig durch ein paar Schlücke von ihrem Getränk.
      „Ah, stimmt, das Hotel“, murmelte May dann nachdenklich, als April anmerkte, sich dort umziehen zu wollen. „Ich fahre dich“, erklärte sie kurzerhand. Was definitiv nichts alltägliches für sie war. Das Auto war ihr, genau wie die Wohnung, von ihrer Mutter irgendwie als Startkapital geschenkt worden. Es war ihr peinlich, beides, aber vor allem brauchte sie ihr Auto nicht wirklich. Darum stand es in der Garage des Hauses und May müsste erstmal überprüfen, ob überhaupt noch alles in Ordnung damit war. Was nicht heißen sollte, dass sie eine schlechte Fahrerin war, sie fuhr nur eben wenn es hoch kam so etwa zwei Mal im Jahr, wenn sie ihre Eltern besuchte, zum Beispiel.
      „Dann kannst du alles einpacken und musst nichts tragen. Das ist okay, oder? Willst du die Buchung heute gleich beenden?“, fragte sie. May kam das alles nicht zu schnell vor, sondern einfach nur logisch. Bestimmt wollte April nicht länger für das Hotel zahlen als notwendig. Obwohl… May auf einmal irgendetwas schwach in Erinnerung kam… Zahlte April überhaupt selbst für das Hotel? Ah, egal. So oder so wäre es sinnvoll, das alles schnell über den Tisch zu bringen.
      „Ich leihe dir was, falls du nicht in deinem Minikleid zum Hotel fahren willst, aber nachdem wir nur im Auto sitzen… Ich könnte auch für dich packen, aber das willst du vermutlich nicht. Also, dann leihe ich dir besser was, oder?“ May war bereits drauf und dran das Ganze wieder alleine in ihrem Kopf durchzuplanen, und April am Ende nur kurz zu informieren, was nun der Plan war. Die Fragen, die sie stellte, implizierten ohnehin schon, welche Antwort sie sich darauf erwartete. Aber sie war gerade so übereifrig, dass ihr garnichts davon auffiel.
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