The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • April

      May hatte nicht übertrieben als sie gesagt hatte, dass ihre Wohnung riesig war. April war ein bisschen überfordert, als sie die Türe hinter sich ins Schloss fallen ließ und sich im Eingangsbereich umsah. Das hier war wirklich eine ganz andere Nummer, als das Hotel, in dem sie war. Obwohl es ihr selbst wahrscheinlich für eine Person zu groß wäre. Außerdem würde es wahrscheinlich ewig dauern zu staubsaugen und die Böden zu wischen und Fenster zu putzen und...die Wohnung war toll, egal wie sehr sie versuchte, sie sich irgendwie schlecht zu reden.
      April schlüpfte widerwillig aus ihren High Heels und stellte sie neben Mays Schuhe. Ja, ihre Füße taten auch weh und endlich wieder flach auf dem Boden zu stehen fühlte sich an, wie ein Segen, aber...May hatte gesagt, dass ihr Outfit super aussah und die Schuhe hatten dazugehört! Niemand achtete vielleicht wirklich auf Schuhe, aber sie rundeten den Look trotzdem irgendwie ab, oder? Außerdem kam sie sich ohne Absatz und Plateau direkt wieder furchtbar klein vor. Aber es half nichts. Sie lief lieber in ihrer Nylonstrumpfhose durch die Gegend, bevor sie einen Kratzer in das - sicherlich teure - Parkett machte, oder so.
      Sie sah sich immer noch ein wenig verloren um, während sie May ins Wohnzimmer folgte und die Tüte mit dem Essen auf den Couchtisch vor dem Sofa stellte. April hatte sie May abgenommen als sie aus dem Taxi gestiegen waren in der Angst, dass May sie fallen lassen, oder durchschütteln könnte. Aber hey - May war sicher zuhause. Damit endete ihre Verantwortung über sie, oder? April ließ sich vorsichtig neben ihr auf das Sofa sinken, bevor sie die Tüte öffnete und das Essen verteilte.
      "Die Wohnung ist echt schön", merkte sie an, während sie ein paar Schlücke von dem Milchshake trank, den sie sich mitbestellt hatte und danach zum Burger überging. "Sollen wir irgendwas im Hintergrund laufen lassen? Einen Film, eine Serie, eine...Doku, oder so?", fragte sie, während sie zu May sah. "Oh! Schaust du dir manchmal Thriller an und bewertest, wie realistisch sie sind, oder so?" Sie selbst machte das irgendwie ständig, wenn sie irgendeinen Film über Diebstähle sah. Meistens waren sie furchtbar unrealistisch. "Oder schaust du die gerade deshalb nicht? Man versinkt übrigens wirklich irgendwie in deinem Sofa. Voll cool eigentlich."
    • May

      May setzte sich langsam auf, als April zu ihr kam, und merkte wieder, dass ihr immer ein wenig schwindelig wurde, wenn sie sich aufrichtete. Ein seltsames Gefühl, das ihr nicht wirklich gefiel, aber sie war sowieso zu konzentriert auf den Burger vor sich, den April gerade auspackte. Sie griff erneut nach ein paar Pommes und wartete ab, bis April alles ausgepackt und verteilt hatte, weil May sich ziemlich sicher war, dass sie es garnicht geschafft hätte das Soßenpäckchen zu öffnen.
      „Mhhmm, guten Appetit“, sagte sie grinsend und griff nach ihrem Burger, um einen großen Bissen zu machen. Göttlich. Wann hatte sie zuletzt Burger gegessen? Sie achtete normalerweise recht penetrant darauf, gesund zu essen, war aber schrecklich anfällig auf Cheat Days und Werbung für Fastfood oder bestimmte Gerüche, die ihr so Lust auf ein spezifisches Essen machen, dass sie an kaum etwas anderes denken konnte, bis sie es vor sich hatte. Das gleiche galt für Süßspeisen. Vielleicht passierte so etwas mit Erwachsenen, die als Kinder nie so etwas essen durften. Sie hatte zum ersten Mal Cola getrunken, als sie Sechzehn war, während andere ihre erste Erfahrung mit Alkohol gemacht hatten. Und das hatte sie jetzt davon — aber dafür war dieser Burger gerade das Beste, das sie in ihrem Leben je gegessen hatte.
      Sie sah auf, als April ihre Wohnung ansprach und sah sich kurz im Wohnzimmer an. „Hm“, machte sie. Sie hatte sich bemüht, es halbwegs gemütlich zu gestalten, aber bei knappen hundert Quadratmeter und einem Zimmer, das sowieso dauerhaft verschlossen war, war gemütlich trotzdem nicht das erste Wort das ihr für eine Beschreibung einfallen würde. Aber es war recht hell. Das war nett. Wenn sie überhaupt mal genug zuhause wäre, um das richtig mitzubekommen.
      „Willst du einziehen?“, fragte sie April scherzhalber und lächelte. „Ich wohne nicht gern alleine hier, ich meine, wer braucht schon so viel Platz? Total unnötig. Ich bin viel zu selten zuhause. Ich hab überlegt, das zweite Schlafzimmer zu vermieten, aber… ich weiß nicht, mit Fremden zusammenzuwohnen ist glaube ich auch nicht so meins“ Sie lachte und griff nach ihrem Milchshake, um den Burger runterzuspülen. Langsam hatte sie das Gefühl, etwas klarer denken zu können. Im Sinne von… ihre Gedanken lagerten sich nicht mehr so furchtbar übereinander. Trotzdem fühlte sie sich leicht wie eine Feder und sogar die riesige Mahlzeit konnte daran gerade nichts ändern.
      „Oh, ich glaube ich schaue meistens eher Comedy oder so. Irgendwas, das keine Konzentration braucht“, überlegte sie. Eigentlich sah sie allgemein kaum fern. Wenn sie am Wochenende Zeit hatte, lenkte sie sich meistens mit Hausarbeit ab. Zumindest, wenn sie nicht seltsam schlecht drauf war und sich keinen Millimeter mehr bewegen wollte.
      „Aber wir können einen Thriller gucken, klar!“ Sie griff nach der Fernbedienung auf dem Couchtisch und schaltete ihren überdimensionalen Fernseher an der Wand ein, bevor sie sie April reichte.
      „Ohh wir sollten alles rausholen und eine Pyjama Party machen“, murmelte sie plötzlich und starrte April ernst an. Das war die beste Idee, die sie jemals gehabt hatte. Wie oft kam man schon dazu? Sowas passierte doch eh nie, wenn man es plante! Das war ein richtiger Hollywood Moment. Und das beste war: sie musste nicht alleine sein! „Ich hab sogar Pyjama Hosen mit Motiven. Eine Weihnachtshose mit dem Grinch oder eine mit dem Krümelmonster, und eine mit Hello Kitty“, listete sie auf. „Ich liebe bequeme Kleidung und bequeme Decken und bequeme Sofas. Manchmal will ich mich einfach darin einkuscheln und sehen, wie lange ich es schaffe, liegen zu bleiben, ohne dass jemand was von mir will, weißt du? Mein Rekord sind circa fünfzehn Stunden, weil ich Abends auf der Couch eingeschlafen bin“ Sie stieß belustigt Luft aus. Ja, das waren die Tage, wo einfach garnichts mehr ging.
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    • April

      "Klar", antwortete April mit einem kleinen Lachen, als May ihr den wahnwitzigen Vorschlag machte, dass sie einziehen könnte. Wenn sie bis an ihr Lebensende arbeiten würde, würde sie es vielleicht sogar schaffen, eine Monatsmiete zusammen zu bekommen. Zwei, wenn sie richtig gut war und Glück hatte. "Aber ich würde total umdekorieren. Die Wohnung braucht mehr Glitzer." Sie sah sich nochmal im Wohnzimmer um. "Und mehr Pink", beschloss sie schließlich. Obwohl Mays Stil nicht schlecht war. Wenigstens war es gemütlich und wärmer, als May befürchtet hatte. Oder ihr war einfach nur warm, weil sie den ganzen Abend auf den Beinen gewesen war und jetzt neben May auf Mays Sofa saß und sich alle paar Sekunden plötzlich schrecklich darüber bewusst wurde, dass sie neben May auf Mays Sofa saß. Sicher hatte sie kein Problem damit, nur befreundet zu sein, aber das änderte nichts daran, dass May echt hübsch war.
      "Oh, Comedy ist auch gut", antwortete April, während sie kurz nach der Fernbedienung suchte, sie schließlich fand und den Fernseher einschaltete. Vielleicht lief ja schon irgendwas blödes im Free-TV, was man nebenbei laufen lassen könnte. Jetzt gerade hätte sie auch nichts gegen eine Spielshow, oder so. Obwohl der Uhrzeit nach wahrscheinlich nur Wiederholungen laufen würden.
      "Die Kunst liegt darin zu erkennen, wen man ignorieren kann, wenn- Du hast eine Hello Kitty Hose?" April sah so schnell zu May, der sie gerade noch Tipps geben wollte, wie man die meiste Zeit für sich hatte, dass sie spürte, wie irgendwas in ihrem Nacken zog. Wahrscheinlich sollte sie wieder mit dem Sport anfangen. Oder May musste aufhören, sie zu überraschen. "Aww, das ist ja süß!" Sie grinste, während sie blind nach ihren Pommes tastete und dabei kurz in einen der Dips schlug. "Lass uns das machen! Eine Pyjamaparty klingt super! Du müsstest mir nur was ausleihen", nuschelte sie, während sie ihren Finger in den Mund schob und anschließend zurück zum Tisch sah, um die Pommes, statt dem Dip zu erwischen.
      Eigentlich war das eine wirklich blöde Idee. Sie hatte nicht vorgehabt, hier zu bleiben, aber ihre Motivation zu gehen wäre bestimmt noch unter Null, sobald sie eine bequeme Hose an hatte. Obwohl sie sich wahrscheinlich sowieso viel zu viele Gedanken darüber machte. Sie würde einfach auf Mays Sofa pennen und morgen früh könnten sie beide drüber lachen. Vielleicht hatte May ja sogar Kaffee, der besser schmeckte, als er im Hotel! Schwer war das zumindest nicht.
    • May

      „Das ist okay, du kannst so viel Glitzer und Pink haben wie du willst. Ich hab mich nie wirklich mit der Einrichtung auseinandergesetzt“, stimmte May dem Vorschlag zu und blieb einfach in der kleinen Fantasie. Eingerichtet hatte sie die Wohnung selbst, aber sie hatte keine Lust gehabt, viel Zeit in so etwas zu investieren, also waren die größten, wichtigen Möbel allesamt aus einem Ikea Katalog ausgesucht und einige kleinere Dinge hatten sich eben über die Jahre angesammelt, wie eine geerbte Vase oder ein kleines Regal, das eine Freundin loswerden musste. Alles passte jedenfalls hauptsächlich aus dem Grund zusammen, weil May die Farben hell und schlicht gehalten hatte. Außerdem besaß sie außer einer akzeptablen Menge an Deko nicht viele Kleinigkeiten, die herumstehen könnten, darum sah es quasi immer aufgeräumt aus, was ein netter Nebeneffekt war. Ganz unabhängig davon dass sie ja putzte, wenn sie sich von etwas ablenken musste, und es deshalb… ohnehin nie chaotisch sein könnte.
      May grinste April an, als sie auf die Hello Kitty Pyjamahose reagierte. „Yup“, sagte sie. „Das Gute ist, dass alle meine Klamotten dir passen werden oder etwas zu groß sind, also kannst du aaaalles haben, das du willst“ Sie lachte. Spätestens wenn April ihre Pyjamas trug, war May sich jedenfalls sicher, dass sie offiziell Freundinnen waren. Jetzt, wo der Fall so gut wie gewonnen war, machte May sich da auch garkeine Sorgen mehr. Wenn April in London war, konnten sie ihretwegen jedesmal eine Pyjamaparty schmeißen.
      Sie schob sich den letzten Bissen ihres Burgers in den Mund und sah April dabei zu, wie sie durch die Sender klickte und sie letztlich einfach bei der Wiederholung einer Spielshow landeten, die wohl noch einige Stunden Laufzeit vor sich hatte. Aber das war gut, schließlich sollte man bei Pyjamaparties nicht direkt schlafen gehen. May überlegte sogar schon, ob sie einen Wein in den Kühlschrank stellen sollte, bevor sie duschen ging, auch wenn sie immernoch ziemlich angetrunken war, aber… nach diesem Essen konnte sie sicher noch ein paar Schlückchen vertragen!
      „Ich geh schonmal vor und leg dir im Badezimmer ein paar Sachen zurecht, und du kannst gleich nach mir rein, ja?“, fragte sie und stand wackelig auf, nachdem sie nochmal einen Schluck von ihrem Milchshake getrunken hatte. Sie torkelte ein paar Schritte bis der Schwindel sich wieder beruhigte, und sie April nochmal zugrinsen konnte bevor sie ins Badezimmer lief. Die Mischung aus Gerüchen nach fettigem Essen, Rauch und Alkohol aus ihren Haaren zu waschen klang gerade wirklich nach einem Traum.
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    • April

      Aprils Augen begannen ein wenig zu leuchten, als May sie richtigerweise darauf hinwies, dass ihr all ihre Klamotten passen würden. Daran hatte sie noch gar nicht richtig gedacht - und das obwohl sie ihr heute schon den Blazer geklaut hatte! Aber das war vollkommen genial! Sie könnten sich wirklich einfach aufs Sofa chillen und bis in die frühen Morgenstunden Fernsehen und April wäre nicht in diesem kleinen Glitzerfummel gefangen!
      "Das klingt absolut super!", antwortete April enthusiastisch, als May erwähnte, dass sie ihr ein paar Klamotten ins Badezimmer legen würde. Irgendwie fühlte sie sich ein wenig an den Nachmittag im Hotel erinnert, als sie May eine ihrer Leggins geliehen hatte. Irgendwie tat es direkt wieder weh darüber nachzudenken, wie viel unterhaltsamer der Abend wäre, wenn May tatsächlich romantisches Interesse an ihr hätte - sie könnten kuscheln und flirten und vielleicht wäre sogar ein Kuss drin gewesen, oder so. Jetzt war der Burger das einzige, was in die Nähe von Aprils Lippen kam.
      Sie ließ sich Zeit mit den restlichen Pommes und sah abwesend die Spielshow, die irritierenderweise immer interessanter wurde, je länger sie zuguckte. Als die letzte Fritte verschwunden war, sammelte sie die leeren Pappschachteln ein und sah sich kurz nach einem Mülleimer um, welcher wahrscheinlich in der Küche war, was wohl ein ziemlich guter Grund war, sich ein wenig mehr in der Wohnung umzusehen, oder?
      Die Deko sagte irgendwie zeitgleich sehr viel und sehr wenig über May aus. Es waren zu wenige Stücke, um irgendeine schräge Obsession erkennen zu können, aber das musste bedeuten, dass die Stücke, die es in ihre Wohnung geschafft hatten, ihr irgendwie am Herzen lagen. Alles war hell und freundlich und als April die Küche fand und den Müll wegräumte, fand sie alles auch irgendwie überraschend aufgeräumt und sauber. Ob May eine Reinigungskraft hatte, oder hatte sie nach dem stressigen Job tatsächlich noch Elan, um den Haushalt zu schmeißen? April könnte sich das irgendwie nie vorstellen. Sie war so oder so chaotisch, aber immer wenn sie irgendwo einen Minijob gehabt hatte, war ihre Unterkunft gleich doppelt so unaufgeräumt gewesen.
      Sie widerstand dem Drang, einen Blick in Mays Schlafzimmer zu werfen, als sie zurück ins Wohnzimmer ging und sich wieder auf das Sofa fallen ließ, um abwesend ihre letzten Nachrichten auf ihrem Handy durchzuklicken. Vielleicht sollte sie doch noch ein paar Tage in London bleiben und May ein bisschen öfter zum feiern bringen.
    • May

      May stoppte auf ihrem Weg im Schlafzimmer und öffnete ihren Kleiderschrank, um die Pyjamahose und Shirts herauszusuchen, die sie April versprochen hatte, und lief beim Weg aus nochmal kurz zur Hälfe in ihre Zimmertüre hinein, bevor sie weiter ins Bad wackelte. Sie konnte sich garnicht erinnern, wann sie zuletzt so betrunken gewesen war. Was vielleicht auch daran lag, dass sie sich in dem Zustand womöglich auch nur an die Hälfte erinnern würde. Einen leichten Schwindel war sie gewohnt, aber spätestens, wenn sie nach der Bar Abends zuhause ankam, fühlte sie sich wieder fast nüchtern. Diese… Eistees hatten es anscheinend in sich und wollten garnicht mehr nachlassen. Zum Glück war April ja da und würde hören, falls May in der Dusche ausrutschte und ausblutete! Dann überlebte sie vielleicht. Besser, sie sperrte die Tür nicht zu. Es gab zwar schöneres, als nackt gefunden zu werden, wenn man im Sterben lag – und es würde Leute wundern, wie oft das passierte – aber sie hing sogar ein bisschen an ihrem Leben.
      May beeilte sich, um April nicht zu lange warten zu lassen und legte ihre Abendroutine im Eiltempo hin, aber immernoch vorsichtig, um sich nicht tatsächlich umzubringen, und dann schlüpfte sie in den Pyjama, den sie seit Wochen nicht mehr getragen hatte und putzte sich die Zähne, nur um zu realisieren, dass das vollkommen unnötig war. Schließlich wartete da noch ein Milchshake, der jetzt nach Zahnpasta schmecken würde. Lecker.
      Nach dem Zwischenfall im Café und dem anschließenden Besuch in Aprils Hotelzimmer hatte May das Gefühl, gerade sogar ein Upgrade zu machen. Sicher, ihre Haare waren nicht hübsch gewellt sondern hingen ihr in handtuchtrockenen Strähnen über den Rücken und im Gegensatz zu ihrem Party-Makeup sah sie jetzt ein bisschen Baby-faced aus, aber wenigstens hatte sie April von den Pyjamas begeistern können und sie fühlte sich allgemein… ziemlich wohl. Wie mit einer Freundin, die man schon ewig kannte. April musste es leicht fallen, Menschen kennenzulernen und Freunde zu finden, wenn sie sogar May als ihre Anwältin in Sekundenschnelle um den Finger gewickelt hatte. Sie wurde fast ein bisschen eifersüchtig, wenn sie sich vorstellte, dass April mit jeder anderen Person ebenso locker und fröhlich war, über alles redete und lachte und hilfsbereit und unfassbar süß und zuvorkommend war. Was ein vollkommen wahnsinniger Gedanke war. Es war gut, wenn Menschen mehrere Freunde hatten. Yup.
      May legte ein Handtuch und Aprils Kleidung sorgfältig gefaltet auf die Waschmaschine und rubbelte sich auf ihrem Weg ins Wohnzimmer nochmal durch die Haare. "Und, ist es spannend?", fragte sie und sah auf den Fernseher, stand kurz am Fleck und hing schließlich ihr Handtuch über einen der Stühle um den Esstisch herum, bevor sie sich wieder aufs Sofa setzte und nach dem Milchshake griff.
      "Hey, ich hab dir ne Ersatz-Zahnbürste hingelegt, aber mach nicht denselben Fehler wie ich, sonst schmeckt dein Milchshake auch dezent minzig", warnte sie April vor und ließ sich zurück ins Sofa sinken. Sie musterte die Dunkelhaarige kurz, da der Kontrast zwischen ihnen beiden jetzt so gigantisch war. "Aw, ich werde das Kleid vermissen. Du solltest das auf jeden Fall viel öfter tragen", dachte sie laut. Sie sollten sich vor allem auch viel öfter treffen. "Du siehst aus wie ein Engel – Slash – Diskokugel – Slash – Prom Queen. Auch, wenn dir Hello Kitty wahrscheinlich genauso steht" Das hatten hübsche Menschen so an sich. April konnte tragen, was sie wollte und würde vermutlich immernoch von jedem im Raum einen Drink spendiert bekommen. Da war sich May sicher. Wenn sie ein Mann wäre und April irgendwo herumlaufen sehen würde, würde sie jedenfalls fünf Mal den Kopf nach ihr umdrehen.
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    • April

      "Oh, hör auf damit!" Aprils Grinsen musste von einem Ohr zum anderen reichen, während sie eine kleine abweisende Geste mit der Hand machte. "Ich werde ja schon ganz rot." Sie legte sich beide Hände auf die Wangen, die sich tatsächlich ein bisschen warm anfühlten. "Ich bin trotzdem froh, wenn ich das Disko-Engel-Prom-Queen-Kleid gleich los bin." Sie lachte kurz, während sie aufstand, das Kleid unnötigerweise nochmal zurecht rückte und kurz auf den Fernseher deutete.
      "Die beiden sind gerade in einer Schnellrate-Runde. Ich bin für die Frau. Sag mir gleich, wer gewonnen hat", ordnete sie immer noch lächelnd an, bevor sie May kurz im Vorbeigehen mit einem kleinen "Boop" auf die Stirn stupste und sich anschließend fragte, warum genau sie das getan hatte. Vielleicht hätte sie selbst weniger trinken sollen. Oder mehr. Mehr gefiel ihr besser. Wenn sie mehr getrunken hätte, würde ihr Herz wahrscheinlich nicht immer gleich in Überschallgeschwindigkeit springen, wenn May ihr ein Kompliment machte.
      Das Bad war ähnlich nett eingerichtet, wie der Rest von Mays Wohnung. April war das Couch-Surfing mittlerweile zum Glück so geöhnt, dass es ihr gar nicht mehr komisch vorkam, sich in Mays Bad auszuziehen. Das einzige, was sie zur Eile antrieb war die späte Uhrzeit und der Fakt, dass sie zurück zu May wollte, bevor ihre Freundin auf dem Sofa einschlafen konnte, oder so. Sie hielt die Dusche kurz, auch wenn das warme Wasser wirklich entspannend war und das Gefühl, den Schweiß und Geruch nach Alkohol und Zigarettenrauch endlich abwaschen zu können, viel zu schön war.
      Anschließend schlüpfte sie in die Klamotten, die May ihr rausgelegt hatte und sah in den Spiegel, um das MakeUp, das die Dusche überlebt hatte, abzuschminken. Was sich als etwas schwieriger gestaltete, weil ihre Aufmerksamkeit immer wieder zurück zu ihrem Outfit gezogen wurde. Mays Sachen waren super bequem, aber deutlich zu groß. Sie erinnerte sich irgendwie ein wenig an ihre Schulzeit, als Oversize-Shirts und Leggings zum Schlafen cool und lässig und in gewesen waren. Nur, dass die Übernachtungsparties damals darauf bestanden hatten, Schminke auszuprobieren und nicht, sie abzuschminken.
      April warf einen letzten Blick in den Spiegel, bevor sie zur Zahnbürste griff, sich im letzten Moment an Mays Warnung erinnerte und sie wieder zurücklegte. Sie konnte auf Minze bei Milchshakes verzichten. Sie kemmte ihre nassen Haare mit ihren Fingern durch, während sie zurück zu May ging und sich wieder neben ihr aufs Sofa fallen ließ. "Und? Was machen wir als nächstes?"
    • May

      Mays Urteilsvermögen hatte sich mittlerweile vermutlich verabschiedet. Der ganze Abend kam ihr völlig normal vor. Sie konnte sich nicht mehr ganz erinnern, wer auf die Idee für die Burger gekommen war und wieso, und ob das letztlich der Grund war, wieso April und sie nun beide in ihrer Wohnung waren, aber sie akzeptierte alles vollkommen und freute sich einfach über die gegenwärtige Situation. Sie konnte sich sehr wohl erinnern, mit April heute darüber gesprochen zu haben, dass sie ihr keine Hoffnungen machen wollte, und dass es ihr ein bisschen das Herz gebrochen hatte, April enttäuscht zu sehen, deshalb war sie umso glücklicher darüber, dass April wieder gut gelaunt war und nicht auf Abstand ging. Eine Pyjama Party war wahrscheinlich genau was sie brauchten. Bestimmt. May wollte einfach mehr Nähe, mehr Spaß und, dass April währenddessen glücklich war und nicht enttäuscht. Sie schienen ja auf dem richtigen Weg dahin zu sein.
      May grinste jedenfalls gedankenlos in den Fernseher nachdem April sich an ihr vorbeigeschoben und ins Badezimmer begeben hatte. Das Programm war auch garnicht so übel, es zog sie derartig in seinen Bann, dass sie garnicht merkte, wie die Zeit verging. Nur Aprils nasse Haare und Mays leerer Milchshake waren letztlich der Beweis dafür, dass die Zeit nicht stehen geblieben war. Sie folgte April mit den Augen, als diese sich in der Hello Kitty Pyjamahose neben May ins Sofa sinken ließ und hob den Kopf. Sie nahm gedankenverloren die Hand von ihrem leeren Becher und streckte den Arm zu April aus, um eine Haarsträhne, die auf ihrer Schulter lag, zwischen ihren Finger hindurch gleiten zu lassen. „Mhhm… soll ich deine Haare… flechten?“, fragte sie. „Oder, nein, nein, das ist eine blöde Idee, ich kann das nichtmal nüchtern richtig“, korrigierte sie sich schmunzelnd. Und sie waren keine Grundschüler. Sie mussten sich auf einer Pyjamaparty nicht gegenseitig die Haare flechten wie in einem schlechten Kinderfilm. Dann… was sollten sie als nächstes machen? May war kein Profi was das alles anging. Sie hatte im Pyjamaparty-typischen Alter nicht viele Freunde gehabt um zum Profi zu werden.
      „Was willst du machen?“, fragte sie schließlich und ließ von Aprils feuchten Haaren ab. „Was macht man so auf Pyjamaparties? Betrunken bin ich schon. Eine… Kissenburg bauen?“ May ließ ihren Kopf wieder gegen die Sofalehne fallen. Wieso fiel ihr nichts besseres ein als Alkohol und Kinderspiele? „Ich mach alles mit, das du willst“, schmunzelte sie.
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    • April

      Je länger sie hier war, desto unfairer wurde es, dass May hetero war. April lächelte leicht, als May nach ihren Haaren griff und damit die kleinen Schmetterlinge in ihrem Bauch unschönerweise wieder in Aufruhr versetzte, bevor ihr Blick leicht schockiert wurde, als die Brünette anmerkte, dass sie nicht wusste, wie man sich die Haare flechtete. Obwohl sie das vielleicht nicht so überraschen sollte. Beim letzten mal hatte sie May ja auch die Haare gemacht - hatte sie ihre unkreative Art da nicht auch schon erwähnt? April war sich nicht mehr ganz sicher. Vielleicht verwechselte sie sie in ihrem leicht angetrunkenen Zustand auch mit jemand anderen.
      "Das mit dem Flechten müssen wir nachholen, wenn du morgen wieder nüchtern bist", merkte sie ernst an. "Kann ja nicht sein, dass du mit all den schönen Haaren gar nichts anfangen kannst." Sie deutete kurz auf Mays Haare, bevor sie sich gegen die Rückenlehne des Sofas fallen ließ. Es war seltsam, aber irgendwie hatte die Dusche sie ein wenig wach gemacht. Eben noch hätte sie sich sofort hinlegen können und jetzt gerade wollte sie unbedingt hier bleiben und weiter mit May reden, die so wunderbare Vorschläge für den Rest des Abends machte.
      "Kissenburg!", stimmte April mit großen, begeisterten Augen zu. "Das habe ich früher immer mit einem Freund gemacht! Wir können Stühle als Pfeiler nehmen! Aber wir brauchen jede Decke, die du hast! Und Licht, damit man darin was sieht!" Sie grinste fröhlich, während sie aufstand, als ob sie selbst direkt loslaufen und alles zusammentragen wollen würde, obwohl sie sich in Mays Wohnung kaum auskannte. "Oh. Und Kissen natürlich. Dann können wir uns...Horrorgeschichten erzählen, oder über Mode reden, oder was auch immer du willst!" April stemmte ihre Hände in ihre Hüften, während sie May ansah. "Das wird super! Wir haben früher immer über unsere Crushes geredet, aber ich glaube aus dem Alter sind wir raus." Ganz zu schweigen davon, dass April May schlecht über sich selbst erzählen konnte und sie sonst gerade keinen wirklichen Crush hatte.
    • May

      May hatte garkein Verlangen, ihre eigenen Haare zu flechten. Sie war sowieso unbegeistert von Haargummis, die ihre Haare zum Abbrechen bringen könnten, oder von Hitzestyling. Vielleicht hatte sie diese Angst, ihre Haare kaputt zu machen, noch von ihrer Mutter aus ihrer Kindheit mitgenommen, aber sie hielt sich fest verankert. Viel eher wollte sie in der Lage sein, Aprils Haare zu flechten, wenn diese das wollte. Vielleicht auch nur garnicht, um sie zusammenzubinden und so zu lassen, sondern nur für den Akt des Flechtens. Zusammen zu sitzen, zu plaudern, vielleicht mit einem Tee auszunüchtern und ihre Haare meditativ um sich selbst drehen. Das wäre schön.
      May grinste, als April sich über ihren Vorschlag freute und fand ihn selbst plötzlich auch viel besser. „Decken hab ich genug“, stimmte sie zu und setzte sich auf, um diesmal langsam aufzustehen und dem Schwindel entgegenzuwirken. Sie klappte einem Teil des Sofas auf, um darin ihre Sammlung an kuscheligen Decken zu enthüllen. Eine Notwendigkeit, um das Erlebnis auf der weichen Couch zu vervollständigen. Kissen lagen ohnehin schon dutzende herum.
      Mit April gemeinsam holte sie die weißen Holzstühle, die um ihren Esstisch herum standen, und positionierte sie vor der Couch, nachdem sie den Tisch weggeschoben hatten. Und dann ging es darum, alles irgendwie zu befestigen. Das war fast zu viel logisches Denken für Mays derzeitigen Zustand, darum war sie ganz froh, dass April durch dir Erfahrung einigermaßen einen Plan hatte. Mays liebster Teil des ganzen, war sowieso, die Kissen durch den Eingang zwischen den Stühlen zu stopfen. Ein bisschen seltsam fühlte es sich ja schon an, nach all den Jahren plötzlich wieder am Boden zu kriechen und sich in eine Kissenburg zu setzen, aber es machte Spaß. Als würde sie kurz die unbeschwerte Kindheit nachholen, die sich nicht wirklich gehabt hate. Ihre Mutter hätte sie umgebracht, wenn sie damals die Kissen auf den Boden geschmissen hätte.
      May richtete sich nochmal schnell auf, zu schnell, fiel beinahe um und machte sich dann lachend daran ihre Leselampe aus dem Schlafzimmer zu holen und steckte sie im Wohnzimmer am Strom an. Sie nahm noch eine Decke und die Weinflasche, die sie aus dem Kühlschrank geschnappt hatte, dann kroch sie wieder in die Burg und lehnte sich an der Couch an. Der Teppich, die Decken und Kissen machten es weich genug, dass man kaum mitbekam, dass man auf hartem Parkettboden saß. Sobald April in der Burg war, zog May noch als Überraschungseffekt etwas aus der Tasche ihres Pyjamahemds.
      „Ich hab die Lichterkette in meinem Nachttisch gefunden“, sagte sie leise und legte den winzigen Schalter um, der die Lichter dank der Batterie, die glücklicherweise noch funktionierte, aufleuchten ließ. May schmunzelte und fädelte die Kette durch eine der Sessellehnen. „Perfekt, oder?“, fragte sie, stolz auf ihr Werk. Warum hatte sie vorher noch nie sowas gemacht? Vielleicht sollte sie die Burg garnicht mehr abbauen. Einfach von nun an lieber hier drin liegen, als auf der Couch. Es war warm, gemütlich und hatte die Atmosphäre, die man aus Kinderfilmen kannte, wenn die Truppe gleich ihren Plan machte um die Welt zu retten.
      Gut, dass sie die Welt nicht retten mussten, das überstieg Mays Gehirnkapazität gerade. Aber April hatte ja schon gute Vorschläge gemacht, abgesehen von der Sache mit den Crushes, weil es May irgendwie doof vorkam, darauf nochmal herumzureiten, wenn sie stattdessen einfach glücklich sein und zusammen Spaß haben konnten! Sie mussten sich wirklich von solchen Mood Killern distanzieren. May hätte von Anfang an einfach nichts sagen sollen. So, wie jetzt, war alles viel besser.
      „Mit wem hast du früher Kissenburgen gebaut?“, fragte May. „Mein Bruder wollte so etwas nie machen. Es hätte schon irgendwie einen Schwertkampf beinhalten müssen, damit er einverstanden gewesen wäre“ Sie lachte leicht.
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    • April

      April stieß spontan ein kleines, begeistertes Quietschen aus, als May das Sofa öffnete und die Decken präsentierte. Was...irgendwie so ein Obere-Mittelklasse Ding sein musste. Die wenigsten ihrer Freunde hatten Sofas, die man aufklappen konnte, oder gleich so viele Decken. Ab und an hatten die Decken, die April bekommen hatte, wenn sie auf einem der Sofas ihrer Freunde übernachtete, Löcher. Die meisten waren schon etwas verwaschen gewesen. Aber diese Decken waren nicht zum Schlafen, sondern zum bauen!
      Das alles fühlte sich fast wie eine Erinnerung an. Das letzte mal, als sie eine Kissenburg gebaut hatte, war sie deutlich kleiner gewesen und statt May hatte sie einen Freund dabei gehabt, aber das schien gerade irgendwie nebensächlich zu sein, während sie die Decken so an den Stühlen befestigte, dass sie nicht runterrutschen konnten. Sie hatte es ganz ihrer Muscle-Memory zu verdanken, dass sie das auch im angetrunkenen Zustand hinbekam, wirklich nachdenken tat April zumindest nicht. Aber am Ende stand die kleine Burg kerzengerade, einladend und beleuchtet. April gab sich kurz einen Moment, um ihr Werk selbstzufrieden zu betrachten, bevor sie sich dazu hinreißen ließ, ein Bild zu machen, ihr Handy wieder in der Tasche ihrer Pyjamahose verschwinden ließ und hinein krabbelte.
      Innen war die Burg aus Decken und Kissen genau so gemütlich, wie sie von außen ausgesehen hatte. April ließ sich mit einem zufriedenen Lachen gegen das Sofa kippen, während May eine kleine Lichterkette aus ihrer Tasche zog und das Bild damit absolut perfekt abrundete. Warum hörte man eigentlich irgendwann auf, sowas zu machen? April fand das alles gerade genau so schön, wie es damals als Kind gewesen war. Man sollte deutlich öfter Kind sein, auch, wenn man schon erwachsen war.
      "Ich hatte damals einen Jungen in der Nachbarschaft, mit dem ich mich angefreundet hatte", erklärte sie, als May fragte, wer sonst ihr Co-Ingenieur gewesen war. "Wir haben das damals ab und an gemacht. Jedes mal ein bisschen anders, oder mit einem bestimmten Thema, oder so. Gegen Ende dann etwas seltener." Was schade gewesen war. Aber irgendwie war April damals auch davon ausgegangen, dass die Freundschaft länger halten würde und sie noch alle Zeit der Welt hatten, so viele Burgen zu bauen, wie sie wollten. "Dann kam irgendwann das Übliche - er hatte ne Beziehung und keine Zeit für Freunde mehr." Sie zuckte kurz lächelnd mit den Schultern. Irgendwie konnte sie es ihm ja auch nicht verübeln. Wünschte sich nicht jeder eine Beziehung, die so perfekt war, dass man niemand anderen mehr im Leben brauchte? Außerdem war sie selbst wahrscheinlich auch ein wenig Schuld, dass die Freundschaft zerbrochen war. Irgendwann war sie zu sehr durch die Gegend gezogen, um regelmäßig Kontakt zu halten. So war das manchmal einfach, oder?
      "Ich hab ein paar Halbgeschwister und meine Mom hatte zwischendurch andere Beziehungen mit Kindern, als ich noch bei ihr gewohnt hatte, aber die waren irgendwie alle nicht so begeistert davon. Frech, eigentlich, dabei macht das so viel Spaß!" Sie grinste wieder fröhlich. "Vielleicht sollten wir gleich hier drinnen schlafen. Dann ist das wie früher, wenn man sich fünf mal 'Gute Nacht' sagt und dann doch noch ein Thema findet, über das man unbedingt reden will. Was ist dein Lieblingsthema? Hat man überhaupt Lieblingsthemen?" April zog kurz nachdenklich die Augenbrauen zusammen. Einsetzende Müdigkeit und Alkohol vertrug sich nicht gut. "Ich glaube, ich rede gerne über Geister."
    • May

      „Ah…“, murmelte May und spielte mit dem Verschluss der Weinflasche, bevor sie sie zur Seite stellte. „Sowas passiert oft, hm?“, überlegte sie und erinnerte sich unangenehmerweise an Freundschaften in ihrer Vergangenheit, die auch langsam ausgeglüht waren, nachdem diesen Freunden ihre Beziehungen immer wichtiger gewesen waren. May war sich nicht sicher, ob das normal sein sollte. Sie hatte keinen Vergleich. Ihre Beziehungen hatten nie lange genug gehalten, um ihre Freundschaften auf die Probe zu stellen, aber sie hatte mittlerweile ohnehin kaum Kontakte, die sie oft sah. Arbeit nahm sie ziemlich ein, teils beabsichtigte May das wohl auch. Es war schon deprimierend, wenn rundherum alle zu heiraten und Kinder zu bekommen schienen und man sich langsam fragen musste, ob man denn selbst das Problem war. Vielleicht hatte sie irgendeinen… unerklärlichen inneren Selbsthass, der dazu führte, dass sie nur Beziehungen mit Menschen einging, die eigentlich garkeine führen wollten. Vielleicht wollte sie selbst garkeine Beziehung und hatte es zu der Zeit nie gemerkt. Fragen über Fragen. Mittlerweile ging sie dem Thema gedanklich meistens aus dem Weg, um sich nicht wieder ständig zu fragen, woran es eigentlich lag, dass sie so alleine war. Das Alleinsein war jedenfalls vor dem Arbeitsexzess gekommen.
      „Ich baue so viele Deckenburgen mit dir, wie du willst“, meinte May und lächelte. Wenn niemand das mit April machen wollte, gab es vielleicht eine Lücke, die May füllen konnte. „Willst du einen Schluck?“, fragte sie während die Folie von dem Flaschenverschluss riss. „Mit ein bisschen Glück schaffen wirs dann sowieso nicht mehr ins Bett“, grinste sie. Oder auf die Couch. Oder beides. May wäre es tatsächlich eh lieber, gemeinsam hier in der Höhle zu schlafen. April strahlte eine Wärme aus, die ihr in ihrer eigenen Wohnung sonst fehlte.
      „Hmm, meinst du irgendwann wird mich noch ein Geist heimsuchen, wenn ich einen Fall nicht gewinne und ihn räche?“ Sie schmunzelte. Wenn sie an Geister glauben würde, hätte sie wahrscheinlich längst einen Schamanen kontaktiert. Schön wär‘s, wenn man seine Probleme auf etwas Übernatürliches schieben könnte.
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    • April

      Irgendwie war es ein seltsam schöner Gedanke, in May eine Langzeit-Deckenburg-Bau-Partnerin gefunden zu haben und jetzt gerade kam das April irgendwie nicht mal so abwegig vor. Logisch betrachtet würde ihre Beziehung sich wahrscheinlich genau so auseinanderentwickeln, wie ihre alten Freundschaften es getan hatten. Ihr Lebensstil war nicht unbedingt ähnlich - eigentlich war May sogar irgendwie das genaue Gegenteil von ihr - aber irgendwas ließ April gerade vollkommen optimistisch davon ausgehen, dass die Freundschaft ewig halten würde. Wahrscheinlich lag es am Alkohol, oder daran, wie seltsam vertraut es sich anfühlte, so nah mit ihr in ihrem kleinen Schloss aus Decken und Kissen zu liegen.
      "Ja!", antwortete April enthusiastisch, während sie nach den Weingläsern griff, damit May sich nicht auf das Einschenken konzentrieren musste. Schließlich stieß sie ein kleines "Oh" aus, als May ihren Gedanken mit den Geistern aufgriff.
      "Das kann auf jeden Fall sein", beschloss sie, während sie das erste gefüllte Glas zur Seite stellte und das zweite festhielt, um nicht alleine trinken zu müssen. "Ich würde dich heimsuchen, wenn mein Fall schlecht ausgehen würde. Zum einen könnte ich dann noch mehr Zeit mit dir verbringen und zum anderen könnte ich...", sie zog kurz nachdenklich die Augenbrauen zusammen, während sie überlegte, wie sie sich an May rächen könnte, "...all deine Topfdeckel verschwinden lassen. Oder Socken, oder so." Das war eine angemessene Rache, oder? Immerhin konnte sie sich nicht vorstellen, May ernsthaften Schaden zuzufügen.
      "Und ich würde all deine Glühbirnen so weit rausdrehen, dass sie flackern. Dann müsstest du immer an mich denken, wenn du das Licht anmachst." Sie reichte das Glas an May weiter, während sie vorsichtig wieder nach ihrem eigenen Glas griff. "Dafür würde ich aber die ganzen anderen Geister von dir fernhalten. Mit den krassen Karate-Skills, die ich nicht habe, oder so." Sie fuchtelte kurz mit ihrer freien Hand in der Luft herum, bevor sie May lachend ihr Glas zum Anstoßen entgegen hielt. "Was würdest du als Geist machen?"
    • May

      May lehnte sich zurück und überließ April die Weinflasche. Sie lächelte. „Führ mich nicht in Versuchung, beim Fall zu versagen, damit du mir nach deinem Tod auch noch Gesellschaft leistest“, sagte sie. „Obwohl ich da schon was echt Dummes tun müsste. Ich meine, du hast es so gut wie hinter dir“ Irgendwie schade. Aber April sah es wohl nicht als schade an, bald nicht mehr in den Gerichtssaal zu müssen. Natürlich war es gut, dass sie es fast geschafft hatte, aber würde sie dann sofort London verlassen? Vielleicht zurück nach Irland, oder einfach weiterreisen?
      May nahm ein Glas entgegen und nippte vorsichtig am Wein, während sie überlegte. „Ich würde… versuchen, mir Geisterfreunde zu suchen, sonst ist das wahrscheinlich richtig einsam“, murmelte sie. „Die ganzen lebenden Menschen sehen dich nicht und du kannst auch nicht weg. Warum sind Geister überhaupt Geister? Weil sie noch irgendwas tun müssen, um ins Jenseits zu kommen? Wenn alle toten Leute Geister wären, dann wäre es wahrscheinlich ziemlich überlaufen hier. Aber einsam wäre es wahrscheinlich trotzdem, wenn man niemanden hat, mit dem man ewig lange herumschwirren will. Hm. Vielleicht sollte ich dann jemanden mit mir in den Tod ziehen, den ich mag. Wir könnten einfach gleichzeitig versuchen zu sterben, nicht? In… fünfzig Jahren“ Manchmal dachte sie sich in diese Dinge deutlich zu sehr hinein. Es gab keine Geister. Aber ein einsamer Geist zu sein war trotzdem ein furchtbarer Gedanke. „Oh, aber vielleicht würde ich ja meine Großeltern irgendwo finden, oder die Mäuse, die mein Bruder und ich früher hatten“ Sie lächelte. Nicht dass ihre Großeltern besonders liebevolle Menschen gewesen waren, aber ihre Gesellschaft war immernoch besser als garkeine.
      May setzte sich etwas auf und räusperte sich. „Du wolltest sicher was weniger deprimierendes hören“, stellte sie weit im Nachhinein fest. „Aber, ähm, ich bin wirklich nicht gerne alleine — aber wer ist das schon — also falls es Geister gibt, such mich heim, wenn du kannst, okay?“ Wie betrunken war sie eigentlich? Vielleicht sollte sie das Glas doch eher mal zur Seite stellen.
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    • April

      Das war tatsächlich irgendwie deprimierender, als April gedacht hatte. Bisher hatten die Geisterdiskussionen immer für Lacher gesorgt, oder freundschaftliche Drohungen. Niemand, mit dem sie darüber geredet hatte, hatte so tief und gründlich darüber nachgedacht, wie einsam das alles wäre, wie May. Irgendwie war das fast schon ein bisschen beunruhigend. April nickte trotzdem und lachte ein wenig, als May sie darum bat, sie heimzusuchen, wenn sie irgendwann sterben sollte. Als ob sie das nicht sowieso machen würde. Wenn April ein Geist wäre, würde sie nichts anderes tun, als routinemäßig durch die Leben all der Leute zu schweben, die sie im Leben kannte. Sie wollte doch wissen, was mit ihnen passiert!
      "Ich sterbe gerne zusammen mit dir. In 50 Jahren. Oder 60. Obwohl...irgendwann baut man ja auch ab und ich weiß nicht, ob ich mir das antun will. Denkst du, man kann sich sein Alter als Geist aussuchen? Wäre ja irgendwie super seltsam, wenn man als Omi durch die gegend schwebt und anderen das Leben schwer macht. Da wäre ich doch lieber wieder 20, oder so." Geister von älteren Menschen hatten irgendwie seltsamerweise einen größeren Horror-Vibe, als jüngere Geister, oder? Obwohl Kinder auch oft in Horrorfilmen durch die gegend spukten. Die goldene Mitte war wahrscheinlich wirklich die beste Wahl. Auch, wenn die Diskussion gerade irgendwie in eine seltsame Richtung abdriftete.
      April trank von ihrem Wein, während sie an ihrem Schlafanzug zupfte, bemüht, irgendein netteres Thema zu finden. Vorzugsweise vielleicht doch irgendwas ohne Tod. Zumindest keinem direkten. "Ihr hattet Mäuse?", fragte sie schließlich. "Das ist irgendwie süß. Ich hätte dich nicht für ein Maus-Mädchen gehalten. Eher...ein Pferd, oder so ein super teures exotisches Aquarium, oder so." Sie zuckte kurz mit den Schultern, während sie die Augen etwas zusammenkniff und May musterte. "Obwohl...irgendwie passt es schon. Du bist ja auch niedlich, wie eine Maus." Sie grinste amüsiert, während sie eine Hand hob, um May auf die Nase zu stupsen, welche sie ein wenig verfiel und stattdessen ihre Wange traf. Der Wein war vielleicht doch keine so gute Idee gewesen. Aber jetzt waren sie sicher zuhause, also konnte sowieso nicht mehr viel passieren, wenn sie betrunken waren, oder?
    • May

      „Darum sind Geister in Horrorfilmen aber wahrscheinlich so… alt“, meinte May und hatte sich knapp noch zurückgehalten, bevor ihr das Wort ‚hässlich‘ herausgerutscht wäre. Aber selbst wenn, dann waren sie eben alt, das konnte man eh nicht verhindern. Und April würde vermutlich richtig knuffig aussehen mit ein paar Lachfalten, und graue Haare sahen bestimmt auch elegant aus, und… alte Leute schrumpften, also würde von ihr kaum etwas übrig bleiben, und selbst das war irgendwie charmant.
      May hatte das Gefühl, April eben viel zu lange angestarrt zu haben, und bevor sie ihre Gedanken aussprach, wandte sie leicht errötet den Blick ab und nippte an dem Wein, den sie wirklich nicht mehr trinken sollte, bevor ihre Gedanken immer unkontrollierter wurden. Sie war dankbar über den Themenwechsel.
      „O-oh, ja. Meine Mutter wollte keine… Tiere im Haus. Und am Ende musste es dann etwas sein, von dem sie kaum etwas mitbekommen würde, und wir mussten uns selbst kümmern. Im Nachhinein betrachtet waren wir echt keine guten… Haustierbesitzer“, murmelte May als Erklärung. Wenn sie daran dachte, wie ihr Bruder mit 12 Jahren diese arme Maus durch sein Zimmer gescheucht hatte, nachdem er Parkours gebaut hatte… Eigentlich war es grausam. May hatte aber nie sehr viel zu sagen gehabt. Sie hatte ihr immer leid getan aber ihr Bruder war nie wirklich feinfühlig gewesen, und ihr war immernoch völlig unklar, wieso er Arzt geworden war.
      May blinzelte kurz etwas verwirrt, als Aprils Finger ihre Wange berührte, aber sie war selbst zu betrunken und langsam, um irgendwie zu reagieren. Außerdem konnte sie die Geste nicht einordnen, also ging sie automatisch im Gespräch weiter, bevor sie wieder vor sich hinstarren und überlegen würde.
      „Pferde machen mir irgendwie Angst“, gab sie zu. Sie mochte Tiere, aber sie war sich nie sicher, ob sie mit einem Haustier tatsächlich umgehen könnte, weil sie schließlich nie richtige Verantwortung für ein Lebewesen übernommen hatte. Und wenn sie die Körpersprache nicht lesen konnte? Was, wenn sie alles falsch machte? Es wäre bestimmt nett, zu einer Katze nachhause zu kommen, oder so, aber May wusste rein garnichts darüber, wie man sich um Haustiere kümmerte.
      „Hast du… Haustiere gehabt? Als Kind?“, fragte sie. Vielleicht konnte April… ihr ja die ein oder andere Sache erklären und May etwas mutiger machen, was das anging.
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    • April

      "Oh mein Gott - Danke!" April setzte sich mit einem Ruck aufrecht, während sie May unfassbar ernst ansah. "Pferde sind abartig gruselig! Alle behaupten immer, dass das voll die schönen Tiere sind, aber die haben mehr Kraft, als nötig, unglaublich große Zähne und ihren eigenen Willen. Ich wollte auch nie reiten, oder so und das hat in der Schule nie jemand geschnallt. Die waren alle immer so verliebt in ihre Pferdebücher und Pferdefilme und Pferdeleggings." Sie schüttelte kurz ungläubig den Kopf. Wenigstens war damit zum Glück geklärt, dass May kein Pferdemädchen war. Einer lebenslangen Freundschaft stand damit also absolut nichts mehr im Weg, oder?
      "Ich hatte nie Haustiere. Meine Mom hat ziemlich wild durch die Gegend gedatet und ihre Freunde oder deren Kinder hatten ab und an mal Katzen, Hunde oder Hamster bei, aber mit denen hatte ich nie viel zu tun. Das einzige 'Haustier', das ich hatte, waren diese kleinen Urzeitkrebse, die man in diesen Heftchen bekommt und in einer Salatschüssel großziehen kann und die waren nicht sonderlich spannend. Also, spannend schon, weil man sehen konnte, wie sie schlüpfen und wachsen, aber man kann sie halt nicht drücken, oder streicheln, oder so." April blinzelte kurz, als ihr selbst auffiel, dass sie zwischen ihren Sätzen vielleicht ab und an Luft holen sollte. Jetzt, wo sie sich wirklich um nichts mehr kümmern musste, schien der Alkohol ihr viel schneller zu Kopf zu steigen, als vorhin im Club. Oder das war die verspätete Wirkung der Drinks, die sie schon intus hatte. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.
      "Hast du drüber nachgedacht, dir wieder ein Haustier zuzulegen? Die Wohnung ist groß genug, für eine Katze, oder einen Hamster. Oh! Oder ein Kaninchen! Du musst dir ein Kaninchen holen! Das wäre so süß! Dann würde es jetzt mit uns hier sitzen!" April streckte kurz beide Hände aus, während sie ihr imaginäres Kaninchen streichelte. "Du könntest den Stall sicher noch in irgendeiner Ecke unterbringen." Was wahrscheinlich nicht alles war, was ein Kaninchen benötigte. Irgendwann mussten die armen Dinger ja auch mal raus auf Gras und so, oder? April hatte keinen Schimmer, aber gerade kam ihr das auch gar nicht so wichtig vor. Platz war da und May, die ihr Kaninchen in den Armen hielt und es streichelte, wie der Godfather seine Katze war ein zu schönes mentales Bild, um zu hart über das alles nachzudenken.
    • May

      Ha. April hatte auch keine Haustiere gehabt. Und sie fand Pferde seltsam und sie mochte Kaninchen. Und sie redete wie ein Wasserfall und strahlte wie die Sonne und May war sehr geneigt sich ein Kaninchen zu kaufen, nur damit April es streicheln konnte und-
      „Zieh bei mir ein“, murmelte sie auf einmal. Sie hatte den Gedanken nicht einmal im Kopf zuende gedacht. Er war einfach plötzlich auf ihrer Zunge gelandet und jetzt stand er im Raum und May war mittlerweile irgendwie auch zu zugedröhnt, um nochmal richtig zu überlegen, was sie da von sich gab. Aber es wäre doch perfekt, nicht? May würde sich ein Kaninchen holen, das jeden Abend mit ihnen hier in ihrer Kissenburg sitzen konnte und April konnte es streicheln und lachen und musste nie wieder das Land verlassen, oder besser, Mays Wohnung.
      May sah sich kurz um, bevor sie realisierte, dass sie nur ihre Decken sehen würde und nicht den Rest ihres Wohnzimmers. Aber irgendwo hatte sie definitiv Platz für einen… Kaninchenstall, selbst wenn er mitten im Raum stehen musste. Wie groß war sowas denn? Brauchten Kaninchen viel Platz? War Parkett Kaninchenfreundlich? April würde das schon herausfinden. May konnte ja immernoch umziehen und sich ein Haus mit Garten besorgen, auch wenn das Geld ihrer Eltern dafür herreichen müsste, was sie normalerweise nie tun würde, aber für ein Kaninchen würde sie eben absolut alles tun.
      „Kaninchen essen… Karotten, oder?“, fragte sie etwas langsam und ihr war beinahe peinlich, dass sie absolut nichts über dieses unglaublich wichtige Thema wusste, das ab sofort ihre gesamte Aufmerksamkeit verdiente. „Und… Salat?“ Wenigstens konnte April ihr zur Seite stehen, wenn sie sich um das Kaninchen kümmerten. Weil sie ja schließlich immer zusammen sein würden. Hier, oder sonst wo. „Wieviele Kaninchen willst du?“, fragte May vollkommen ernst, um in Gedanken noch einen Schritt weiter zu gehen.
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    • April

      Oh. Das war überraschend. Und irgendwie zu viel dafür, dass April deutlich zu angetrunken war. Sie hatte natürlich schon unmengen an Freunden gehabt, die ihr ihre Couch, oder - ganz ganz selten - Gästezimmer zur Verfügung gestellt hatten und es hatte welche gegeben, die sie gefragt hatten, ob sie eine WG gründen wollen, weil bei ihnen gerade das Geld knapp geworden war, aber...das waren normalerweise immer Personen gewesen, die sie schon länger kannte. Keine hübschen Anwältinnen, mit denen sie eben noch erfolglos geflirtet hatte.
      April blinzelte ein wenig überfordert. Warum eigentlich nicht? Es musste ja nicht für immer sein und Mays Wohnung war deutlich besser, als ein Hotelzimmer und eigentlich war das doch wahrscheinlich sowieso vollkommen logisch, oder? Warum waren sie bisher noch nicht auf die Idee gekommen? April nickte kurz energisch.
      "Ich habe keine Idee, was Kaninchen fressen. Gras, oder so? Ich müsste das nachgucken, aber ich habe keinen Plan, wo mein Handy ist." Wahrscheinlich in der Tasche ihrer Pyjamahose, aber sie saß zu gemütlich, um sich aufzusetzen und es rauszuziehen.
      "Zwei Kaninchen. Und wir nennen sie Möhritz und Karotta. Außer sie essen keine Karotten, dann muss ich mir irgendeinen anderen genialen Namen ausdenken. Aber mir fällt dann bestimmt was ein. Salatsar und..." April presste die Lippen zusammen, während sie überlegte, welchen Namen man noch aus dem Wort 'Salat' basteln könnte und kläglich dabei versagte. "Ist ja auch egal!", verkündete sie einen Moment später nicht minder gut gelaunt. Irgendwie wurde der Abend gerade doch besser, als gedacht.
      "Dann müssen wir aber auch jeden Abend eine Deckenburg bauen! Sonst lohnen sich die Kaninchen ja gar nicht." Obwohl das wahrscheinlich sowieso etwas wäre, was sie viel öfter machen würden. Es machte Spaß, hier zu sitzen und sich mit May zu unterhalten und es war doch sicher vollkommen normal, dass Anwälte sowas mit ihren Klienten machten und wenn es nicht normal war, sollte es dringend normal werden. Das war viel schöner, als ein langweiliges Büro.
      "Ich hab sogar nur eine einzige Tasche dabei, die ist super schnell gepackt und Cal ist wahrscheinlich auch super happy, wenn er mich los ist." Obwohl die Hotelrechnung wahrscheinlich nicht mal einen Kratzer in seinem Bankkonto hinterlassen würde.
    • May

      Mays Augen leuchteten begeistert auf. „Salatsar ist klasse. Wenn sie Karotten fressen, holen wir uns eben drei“, unterschrieb sie. Wenn das überhaupt in Ordnung war und Kaninchen zu dritt gehalten werden durften, sie mussten sich wirklich mal einlesen, bevor sie sich festlegten. Aber bei einer Sache hatte May sich bereits festgelegt.
      „Ich hab hier sogar ein Gästezimmer, das immer abgeschlossen ist. Das hat ein Bett und einen kleinen Schrank aber für den Rest können wir einkaufen gehen, wenn du möchtest“, sagte May schnell und griff intuitiv nach Aprils Hand, weil sie selbst zu begeistert von der Idee war. Wieder ganz unabhängig von der Tatsache, dass sie selbst nur ein ziemlich durchschnittliches Gehalt und kaum Ersparnisse hatte, aber wieso sollte ihre Mutter sich weigern, Geld für Mays zukünftige Mitbewohnerin herauszurücken?
      „Wir können uns jeden Tag eine Burg bauen und… Filmabende auf meinem Laptop machen, wenn du willst, und Essen kochen und den Kaninchen die Gemüse-Reste geben, wenn sie die essen dürfen“ May konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so viel Vorfreude empfunden hatte. Es war einfach perfekt. April würde hier bleiben und sie konnten sich so oft sehen, wie sie wollten. Sie konnte ihr eigenes Zimmer haben und May wäre es sogar egal, wenn April einfach für immer arbeitslos wäre und nichts beisteuerte, weil sie schließlich eh nur Betriebskosten, Strom, Warmwasser, Internet… Naja, ein paar Dinge eben zahlte, aber insgesamt trieb es sie wirklich nicht in den Bankrott und Aprils Gesellschaft war eh Bezahlung genug.
      „Wir sollten morgen sofort zu irgendeinem Tierheim fahren und in ein Möbelgeschäft und ich fange sofort wieder an, das Gästezimmer zu beheizen“, stellte May für sich selbst fest. Der Tag nahm eine möglicherweise etwas verrückte, unvorhersehbare Wendung, aber Mays Meinung nach war die Entscheidung vollkommen logisch und sie profitierten davon beide unheimlich. Dass es ihr jetzt erst einfiel, war das eigentliche Rätsel an der Sache.
      „Oh“ Plötzlich fiel ihr etwas ein, als April Calebs Namen aussprach. „Caleb und Richard. Denkst du, die fragen sich, wo wir sind?“, fragte sie und musste schließlich leicht schmunzeln. Sie hatten sich getrennt und dann einfach aus dem Staub gemacht.
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