The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Ezra

      “Ich denke nicht, dass wir das irgendwie beschleunigen können. Es hängt davon ab, wie gut die genähten Wunden heilen. Was nicht heißt, dass du mich nicht trotzdem tragen kannst, wenn du unbedingt willst.” Ezra bemühte sich um sein unschuldigstes Lächeln, während er Andrew entgegen sah, der zum Glück rechtzeitig von Elli abgelenkt wurde, die wohl nicht ganz zufrieden mit der Krankenhausatmosphäre war. Dafür schien sie sich ausgesprochen wohl in Andrews Armen zu fühlen, was Ezra nur zu gut nachvollziehen konnte. Er merkte erst, wie verliebt er seinen Freund anstarrte, als Andrew sich zu ihm drehte, um das Baby neben ihn zu setzen.
      “Du kannst schon sitzen, kleine Maus?”, wandte er sich an das Mädchen, während er ihr sanft über den Kopf strich. “Das ist ja toll!” Er legte seinen Arm zur Stütze um sie und grinste kurz, als sie nach seinem Zeigefinger griff und ihn in dem typischen Todesgriff eines Babys ohne Feinmotorik festhielt. Keinen Schmuck zu tragen war wirklich die beste Entscheidung gewesen. Er zog seinen Finger wieder sanft aus ihrem Griff heraus, als Andrew ihm die kleinen Lernkarten entgegen hielt.
      “Habe ich dir schon mal gesagt, dass ich es liebe, wie durchorganisiert du bist?”, fragte er mit Bewunderung in der Stimme, während er den Stapel neben sich aufs Bett legte und die obersten Karten einmal umdrehte und schließlich seine Hand Elli zurück gab, die ihre kleinen Fingerchen wieder nach ihr ausstreckte. “Das ist eine wirklich wundervolle Idee, Darling.” Auch wenn es nicht daran änderte, dass ihm die Kinder unfassbar leid taten. Von ein auf den anderen Tag von Russland nach England umzusiedeln musste schwer sein, egal, wie jung und anpassungsfähig man auch war. Neues Umfeld, neue Personen. Vielleicht durften sie die Kinder ja ab und an besuchen, wenn Nadia keine Gefahr mehr darstellte, einfach um zu sehen, ob es ihnen noch gut ging.
      “Angeblich gibt es an den Automaten auch Tee. Wäre super, wenn du mir welchen mitbringen könntest”, antwortete er, als Andrew ihn fragte. Theoretisch sollte er bei Wasser bleiben, aber er brauchte irgendwas mit Geschmack. “Dann gehen wir die Karten einmal durch und dann machen wir deine Brüder im Uno fertig. Wie klingt das, Elli?” Er sah zu dem Mädchen hinab, das ihn mit großen Augen zurück anstarrte.
    • Thomas

      Thomas hatte sich schon mal mehr über den Start ins Wochenende gefreut. Heute hielt sich seine Stimmung etwas in Grenzen. Ihm fiel diese Woche ganz besonders auf, wie sehr er es vermisste, mit Andrew zu verarbeiten, auch wenn er quasi sein persönlicher Assistent gewesen war, auch wenn das eigentlich garnicht sein Job wäre. Seit Steve ihm erzählt hatte, dass sie alle zusammen bei einer geheimen Organisation arbeiteten, war er etwas neidisch. Nicht nur, weil Steve mit Andrew arbeiten durfte, sondern weil das alles verdammt cool klang. Gut, er war sicher nicht sonderlich geeignet für so einen Job, dafür war er nicht risikofreudig genug, aber Steve doch auch nicht. Was nicht hieß, dass er sich nicht für seinen Freund freute. Steve konnte zwar nicht mit seinem Job angeben, weil er ja geheim war, aber alleine selbst zu wissen, dass man quasi Spion war, war einfach… Ja, okay, Thomas war neidisch. Was er bisher krampfhaft unterdrückte. Er fühlte sich wie ein Kind, dessen Freunde alle Spion spielten und ihn ausließen. Armselig irgendwie.
      Er fuhr seinen Computer herunter und schulterte seine Laptop-Tasche, schaffte es aber nicht, sich vor Serena wegzustehlen.
      "Oh, endlich. Die Woche kam mir ewig vor. Sieh zu, dass du am Montag nicht mehr so trübselig aussiehst. Es zieht echt meine Stimmung runter, weil du mir genau gegenüber sitzt" Die Dunkelhaarige nahm einen Schluck von ihrem Kaffee, dann sah sie wieder ihren Bildschirm an und Thomas seufzte genervt.
      "Bis Montag", sagte er möglichst neutral und verließ das Büro. Weniger trübselig, was? Er versuchte es ja. Aber eigentlich würde er lieber länger als kürzer arbeiten. Gegen ein bisschen Wochenendarbeit, die ihn von zuhause fernhielt, hatte er nichts. Steve war nämlich wie eine tickende Zeitbombe, die plötzlich mit Informationen über Andrew und Ezra explodierte und Thomas zwang, lächelnd zu nicken und sich über die tollen Neuigkeiten zu freuen. Er freute sich ja auch. Ezra war wach, beide lebten, alles war toll, sie kamen bestimmt bald nachhause, blablabla. Nur wenn sie wieder hier waren, hieß das ja nicht, dass Thomas einen der beiden je wieder zu Gesicht bekommen würde. Im Moment wirkte es nicht so.
      War er zu kindisch? Ja, war er. Was für eine Frage. Einer seiner Freunde – so einseitig diese Freundschaft auch sein mochte – hatte vermutlich ein paar der schlimmsten Tage seines Lebens hinter sich und Thomas dachte nur an sich selbst. Es war doch klar, dass Andrew wichtigeres zu tun hatte, als sich bei einem Ex-Kollegen zu melden, der mit der Sache garnichts zu tun hatte. Aber… auch wenn er nichts damit zu tun hatte, hatte Thomas sich trotzdem Sorgen gemacht. Er sollte froh sein, überhaupt durch Steve eingeweiht zu werden. Sein Freund verdiente es absolut nicht, seine schlechte Laune abzubekommen und eigentlich durfte er garnicht schlecht gelaunt sein.
      Das war es auch, was ihn am Heimweg motivierte, beim Chinesen stehenzubleiben und Mittagessen mitzunehmen, sowie ein paar Glückskekse und ein Grinsen im Gesicht, das er im Spiegel üben musste, damit es nicht schrecklich unnatürlich aussah.
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    • Steve

      Langsam kehrte wieder ein wenig Ruhe ein, was Steve viel zu deutlich merkte. Die Mails wurden weniger und langweiliger, die wenigen Kollegen, die vorbeischauten, wandten sich nur mit den üblichen Problemen an ihn - Flüge mussten umgebucht, Missionen getauscht und Sachen abgelegt werden. Der Flurfunk war intern immer schon etwas kurzlebig gewesen. Wahrscheinlich war Ezras Unfall nur deshalb Thema gewesen, weil es selten vorkam, dass einer von ihnen ernsthaft verletzt worden war.
      Steve hoffte wirklich, dass es dabei bleiben würde. Sicher, die Woche war unfassbar schnell an ihm vorbeigezogen, aber darauf konnte er gerne verzichten, wenn er dafür wusste, dass es seinen Freunden und Kollegen gut ging und keiner von ihnen im Krankenhaus um sein Leben kämpfte. Zum Glück war es in Ezras Fall gut ausgegangen. Steve ließ ihn und Andrew zwar immer noch in Ruhe, hatte es aber geschafft, zwischendurch ein kurzes Telefonat mit Caleb in seinen Terminkalender zu quetschen. Irgendwie war es immer noch bizarr sich vor Augen zu halten, dass die beiden Brüder waren. Das Telefonat war kurz, präzise und relativ ruhig gewesen, das vollkommene Gegenteil von Ezras Art mit ihm über drei Themen zeitgleich zu reden und ihm dabei nebenbei noch Details über seine Beziehung aus der Nase zu ziehen. Steve wusste jetzt, dass Ezra und Andrew wohl nächste Woche zurück noch London kämen, dass es Caleb gut ging und wie das Wetter in Russland war - und mehr wollte er eigentlich auch gar nicht wissen.
      Also würde ich das Thema Ezra recht schnell komplett erledigen. Hätte es sowieso, immerhin saß Steve schon auf dem nächsten großen Thema, das wahrscheinlich weitaus größere Wellen schlagen würde, als ein Unfall. Er warf einen kleinen Blick auf die PDF, die Andrews neuen Arbeitsvertrag beinhaltete und wusste immer noch nicht so richtig, was er davon halten sollte. Er kannte Andrew nicht gut genug, um wirklich abschätzen zu können, wie sehr er sich als Leitung eignen würde, aber es war nicht von der Hand zu weisen, dass eine solche Beförderung nach rund einem halben Jahr vollkommen irre war. Er kannte einige Kollegen, die weitaus länger hier arbeiteten und es schon seit Ewigkeiten auf die Stelle abgesehen hatten. Wahrscheinlich würden die Neuigkeiten über die Beförderung einschlagen, wie eine Bombe. Er seufzte leise und fuhr seinen Pc runter. Von den beruflichen Ambitionen seiner Kollegen ganz abgesehen, hatte er keine Ahnung, was Andrews Beförderung für ihn selbst bedeuten würde. Würde er rausfinden, dass Steve Thomas alles erzählt hatte und ihn direkt rauswerfen? Würde er ihn endlich an eine Stelle versetzen, die besser zu ihm passte, als das unfreiwillige Sekretariat? Würde sich gar nichts ändern? Er hatte keine Ahnung, wie er die Lage einschätzen sollte und das stresste ihn deutlich mehr, als es sollte.
      Aber hey - eins nach dem anderen. Wenigstens konnte er Thomas jetzt damit beruhigen, dass Andrew und Ezra bald wieder in London sein würden. Thomas war die ganze Woche über schon furchtbar angespannt gewesen, was ihn ein wenig überrascht hatte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er Andrew so nahe stand. Er hatte gewusst, dass sie Freunde waren, sicher, aber so eine Anspannung hatte er das letzte mal bei Thomas erlebt, als sie um ihre Beziehung herumgetänzelt sind. Er mochte es nicht. Er mochte es deutlich lieber, wenn sein Freund über irgendeinen blöden Witz lachte, oder neben ihm auf dem Sofa saß und sich über eine blöde Szene in einem Film beschwerte. Steve konnte nur hoffen, dass ab nächster Woche alles wieder beim alten sein würde.

      Steve ließ einen letzten Blick durch das Büro schweifen, bevor er das Licht ausschaltete und sich auf den Heimweg machte. Die Straßen waren relativ leer, weshalb er es schaffte, zur Abwechslung mal vor Thomas an der Wohnung anzukommen. Er nutzte die Zeit, um die einzigen zwei Pflanzen zu gießen, die seine Wohnung überlebten und war gerade dabei, im Schlafzimmer Wäsche zu sortieren, als er die Tür hörte. Er rief ein kurzes "Hey!", damit Thomas einordnen konnte, wo er war, bevor er beschloss, dass der Haushalt warten konnte, weshalb er den Wäschekorb zurück schob und zu seinem Freund in den Flur ging. "Wie war dein Tag?"
    • Thomas

      "Hi", rief Thomas zurück und schob seine Schuhe schön an die Wand. Er begrüßte Steve mit einem routinemäßigen Kuss auf die Wange und hob dann signalisierend das chinesische Essen in der Plastiktüte hoch. "Oh, ganz okay. Es war echt langsam. Die Woche ist in unserem Zuständigkeitsbereich so wenig passiert, dass man sich fragen muss, ob überhaupt noch Kriminelle übrig sind, die gefasst werden müssen", antwortete er. Leider. Ein bisschen mehr Arbeit wäre genau, was er brauchte, um sich abzulenken. Er hatte ohnehin schon ein schlechtes Gewissen, weil er Steve ein wenig aus dem Weg gegangen war, um sich vor Neuigkeiten zu schützen, die nicht direkt von der Quelle kamen, wie es ihm lieber wäre. Er hatte noch nicht ganz aufgegeben, dass Andrew seine verpassten Anrufe beantwortete. Und die SMS. Und seine Mails. Und, dass er den Anrufbeantworter abhörte, aber naja.
      "Wie… willst du was essen?" Verdammt. Er wollte Steve nach seinem Tag fragen, das wollte er wirklich, aber er hatte ein kleines bisschen Angst vor der Antwort. Hoffentlich hatte Steve einen guten Tag gehabt. Und hoffentlich behielt er es für sich, bis Thomas sein armseliges, kindisches Denken ablegen konnte.
      "Ich hab Frühlingsrollen, gebratene Nudeln, Szechuan Ente und dieses… Acht Schätze Ding mit Tofu. Und die Suppe mit den Teigtaschen. Wir können den Rest ja am Abend essen" Er lächelte entschuldigend. Manchmal war seine Unfähigkeit sich zu entscheiden so schlimm, dass er einfach alles bestellen musste, das ihm in den Sinn kam. Vielleicht hätte er Steve einfach anrufen sollen und fragen, was er wollte.
      Er stellte das Essen in die Küche, drehte um und hing seine Jacke auf, dann schnappte er ein bisschen Besteck. "Sofa Essen?", fragte er über die Schulter. Wenn sie sich irgendeine Serie ansahen, kam Steve vielleicht nicht so sehr dazu, von seiner coolen Spionarbeit zu erzählen. Urgh. Wie lange konnte er das so weitermachen? Vielleicht sollte er echt mal in Therapie gehen und seine… Verlustängste bearbeiten, oder so. Aaron hatte das so genannt und ihm dann seine Therapeutin weiterempfohlen. Sie schrieben in letzter Zeit ab und zu Mal, und dann hatte Aaron sie alle in einen komischen Gruppenchat mit Leo und James geschmissen, der ausschließlich mit Memes und Babyfotos gefüllt wurde. Unterhaltsam, aber für Thomas war es wie eine Falle, in der andauernd Treffen in Bars und Klubs angeteasert wurden, für die er sich schon Wochen im Voraus panisch Ausreden überlegte.
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    • Steve

      “Ist es nicht eigentlich gut, wenn wenig los ist?”, fragte Steve amüsiert, während er Thomas hinterher sah. “Ich finde es eigentlich ganz nett, wenn weniger Kriminelle unterwegs sind.” Er schlenderte schon mal ins Wohnzimmer, um den kleinen Sofatisch etwas leer zu räumen, damit Thomas’ All You Can Eat Buffet Platz hatte.
      “Ich würde sagen, dass wir einfach von allem etwas nehmen und die Reste dann gleich zurück in den Kühlschrank stellen”, schlug er vor, als er wieder zurück in die Küche ging, um Teller zu holen. Thomas schien sich schon um das Besteck gekümmert zu haben. “Das mit dem Essen war übrigens eine fantastische Idee.” Er lächelte und gab seinem Freund einen Kuss auf die Wange. Mental hatte Steve sich schon darauf vorbereitet, kochen zu müssen und bei dem Stress, den er die Woche über gehabt hatte, hatte er sich nicht sonderlich darauf gefreut. Aber das würde ja jetzt hoffentlich etwas abebben. Andrew und Ezra ging es gut und wenn er Pech hatte, wäre Steve sowieso bald seinen Job los und wüsste nichts mit sich anzufangen. Okay, darüber wollte er wirklich nicht nachdenken. Das Kind war eh in den Brunnen gefallen, also lieber auf das Positive konzentrieren. Schlimmer konnte es ja eh nicht mehr werden.
      “Offensichtlich kommen Ezra und Andrew nächste Woche wieder zurück nach London. Spätestens Mittwoch”, erzählte er, als sie beide mit ihren Tellern im Wohnzimmer saßen. Er wollte Thomas ja nicht länger unwissend halten, als nötig und sein Freund würde sich bestimmt über die guten Nachrichten freuen. Wenigstens könnten sie so entspannt ins Wochenende starten, nicht? Er lächelte ihm leicht entgegen. "Dann sind wir mit dem ganzen Stress auch endlich durch. Ich hatte wirklich befürchtet, dass die beiden die nächsten Wochen in Russland festhängen würden." Er konnte sich deutlich schönere Orte vorstellen, in denen man festhängen konnte, als ein russisches Krankenhaus. Krankenhäuser an sich waren ja nicht unbedingt die gemütlichsten Orte und Russland musste für ein Pärchen, das so aneinander klebte wie die beiden, der Horror sein.

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    • Thomas

      „Ich bin auch kein Fan von Kriminellen, aber ich hab gern was zu tun. Heute hab ich zehn verschiedene Pop Quizzes zu Persönlichkeitstypen gemacht, die Aaron mir geschickt hat. Das ist meine Realität“ Er setzte sich zu Steve aufs Sofa und begann das Essen auszupacken. Wenn er so darüber nachdachte, hatte er nur wirklich Lust auf Frühlingsrollen. Er legte sich zwei davon auf seinen Teller und lächelte Steve zufrieden an, als dieser sich über das Essen freute. „Ich hätte dir ja was gekocht, aber dafür mag ich dich zu sehr“, meinte er amüsiert. Übung machte den Meister und er kam absolut nicht dazu, zu üben. Vor allem, wenn Steve ein so hervorragender Koch war und im Umkreis alles zu ihnen vor die Tür lieferte.
      Er schnitt die knusprige Frühlingsrolle auf und tunkte sie in etwas Sojasauce. Kurzzeitig war er glücklich. Zufrieden. Der Duft vom Essen benebelte vermutlich seine Sinne. Aber nicht genug.
      Thomas Blick fror kurz ein, als er die Worte Ezra und Andrew aus Steves Mund hörte. Er hatte mit dem Ablenkungsmanöver versagt. „Ach, wirklich?“, meinte er und sah von seiner Frühlingsrolle hoch. „Das ist gut. Mittwoch also“ Er war sich nicht sicher, wie er sich gerade fühlte, und diese Schwankung war sicherlich an seinem Gesichtsausdruck erkennbar. Hatte Andrew Steve angerufen? Oder Ezra? Oder war das etwas, dass er durchs Krankenhaus erfuhr, nur weil sie bei der selben Organisation arbeiteten?
      Es war natürlich eine gute Nachricht, dass Ezra wieder auf die Beine kam. Dass sie dann hier waren… war auch für die beiden gut. Es gab sicher angenehmeres als in einem russischem Krankenhaus festzusitzen. Aber Thomas musste seinen eigenen Gedanken, dass er dann ja vielleicht endlich mal wieder mit den beiden persönlich sprechen konnte, gewaltsam unterdrücken. Wenn sie schon nicht telefonierten, wie kam er dann darauf, sie persönlich zu treffen? Andrew musste in der letzten Woche doch irgendwann mal auf sein Handy gesehen haben, nicht? Thomas war ihm nichtmal einen Daumenhoch Emoticon wert, da würde er sich wohl kaum mit ihm privat treffen. Scheinbar… war‘s das einfach mit ihrer Freundschaft. Vielleicht hatte Andrew an Silvester gemerkt, dass er ihn einfach nicht außerhalb seines Berufslebens kennen wollte. Und damit hatte es sich erledigt. Jetzt war Steve an der Reihe. Und er wurde sogar im Loop gehalten…
      Thomas schlechte Laune kehrte sofort wieder zurück. „Also… ich hab heute Werbung von einer neuen Serie gesehen, die ich gern anschauen würde…“, sagte er. Was als Ablenkungsmanöver gedacht gewesen war, war nun das einzige, wofür er überhaupt Energie hatte.
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    • Steve

      "Oh. Okay." Steve versuchte zu lächeln, als er nach der Fernbedienung griff und sie Thomas entgegen hielt, konnte aber gegen das merkwürdig mulmige Gefühl in seinem Inneren nicht ganz ankämpfen. Er war davon ausgegangen, dass Thomas sich deutlich mehr freuen würde. Immerhin war er gut mit Andrew befreundet. Sonst hätte Steve ihm davon ja nichts erzählt. Aber Thomas wirkte weniger fröhlich und mehr kühl. Lag es an ihm? Hatte Steve irgendwas falsches gesagt oder getan? Eigentlich konnte er sich das nicht vorstellen, immerhin hatten sie heute kaum Zeit miteinander verbracht und er war sich ziemlich sicher, dass heute morgen nichts außergewöhnliches passiert war. Er war im Bad gewesen, hatte Thomas wach geküsst, Kaffee aufgesetzt und dann war er im Grunde schon auf dem Weg zur Arbeit gewesen. So wie jeden Morgen halt. War das vielleicht das Problem?
      "Hast du dir fürs Wochenende eigentlich schon irgendwas vorgenommen?", fragte er vorsichtig. "Ich hab mir gedacht, dass wir vielleicht nochmal aus gehen könnten. Kino, oder - oh, im Moment starten doch überall die Ostermärkte! Vielleicht könnten wir uns davon einen anschauen." Irgendwas, was sie aus dem Alltagstrott rausholen und hoffentlich für bessere Laune sorgen würde. "Oder hast du noch irgendwas, was du gerne machen würdest?" Vielleicht bildete er sich die seltsame Stimmung auch einfach ein und Thomas war einfach nur müde. Morgen würden sie ausschlafen und alles würde wieder beim alten sein. Er war einfach ein bisschen paranoid. Oder auch nicht. Immerhin hatte das letzte 'ich bilde mir die Stimmung nur ein' Gefühl in einer wirklich wundervollen Beziehung geendet, die mit viel zu viel unnötigem Drama begonnen hatte.
      "Wir könnten auch einfach etwas durch die Stadt bummeln und schauen, ob wir endlich irgendwo eine Brille für dich finden", schob er halb scherzend hinterher, während Thomas sich durch die Streamingdienste auf dem Fernseher navigierte. Okay, nein, er bildete sich das bestimmt nur ein. Thomas hatte ja schon gesagt, dass sein Job ihn nervte. Daran würde es liegen. Hoffte er zumindest.
    • Thomas

      „Mhmm. Okay“, murmelte er während er den Namen der Serie eingab. „Ich hab nichts vor. Das mit der Brille klingt sinnvoll“ Beim Augenarzt war er wenigstens bereits gewesen und es wurde wirklich Zeit. Trotzdem… Es war eigentlich nicht fair, dass er sich so verhielt. Nur fiel es ihm nach einer gewissen Zeitspanne sehr schwer, sich zu verstellen. Es war anstrengend, vor allem weil er sich bei der Arbeit schon zusammenriss, damit man ihn nicht irgendwann feuerte weil er konstant gleichzeitig genervt und gelangweilt aussah. Steve dann jeden Tag zu sehen und ihn irgendwie mit diesem unangenehmen Gefühl zu verbinden, weil er immer die Nachrichten über Ezra und Andrew überbrachte, machte es kaum besser. Er wollte seinem Freund nicht die Schuld für etwas geben, für das er nicht wirklich etwas konnte, aber er war eben… der Überbringer der Botschaft. Und außerdem hatte er nicht nichts damit zu tun.
      Sogar die Date Vorschlage hoben Thomas Laune nicht, stattdessen bekam er nur ein furchtbar schlechtes Gewissen. Er seufzte und stach die Gabel wieder in seine Frühlingsrolle. „Wir können danach auch ins Kino oder auf einen Markt, wenn du willst“, fügte er hinzu und lächelte kurz. Eigentlich wäre es wohl besser, wenn Thomas die nächste Zeit keine Ansprache hatte, damit er mit seiner schlechten Stimmung alleine war. Wenn er so weiter machte, versaute er noch seine Beziehung. Aber ein bisschen durch die Stadt zu laufen und dann stumm nebeneinander einen Film anzusehen würde schon nicht so schwer auszuhalten sein. Wenn er morgen ausgeschlafen hatte, hatte er sicher wieder bessere Laune oder wenigstens die Energie, sich zu bemühen.
      Dass die Sache überhaupt so großen Einfluss auf seine Gefühle hatte, war ohnehin etwas armselig. Er hatte Andrew über die Jahre zu sehr idolisiert und sich letztlich etwas auf ihre Beziehung eingebildet, das garnicht echt war. Und jetzt ließ er sich davon runterziehen, als wäre es nicht sowieso seine eigene Schuld gewesen.
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    • Steve

      Es war nur die Müdigkeit und der Job. Es war nur die Müdigkeit und der Job. Es war nur die Müdigkeit und der Job.
      Steve bemühte sich weiterhin um ein Lächeln, als Thomas ihrem Date wenig enthusiastisch zustimmte. Sie würden heute Abend früh ins Bett gehen und sich morgen einen schönen Tag machen und dann wäre schon alles wieder gut. Er klammerte sich verzweifelt an diese kleine Hoffnung, während er auf den Fernseher starrte und irgendwie versuchte, der Serie zu folgen, ohne sich zu sehr in seinen eigenen Gedanken zu verlieren. Am liebsten würde er einfach fragen, ob alles okay war, aber irgendwie hatte er Angst, dass das alles noch schlimmer machen würde. Thomas und er waren jetzt schon lange genug zusammen, dass ihm eigentlich selbst auffallen müsste, wenn er was falsch gemacht hatte.
      Vielleicht würde es helfen, Thomas an sich zu ziehen, sobald sie mit dem Essen fertig waren. Oder es würde alles schlimmer machen. Steve kannte ja selbst das Gefühl, einfach in Ruhe gelassen werden zu wollen. Ach, er machte sich bestimmt einfach zu viele Sorgen. Trotzdem nutzte er das Ende der ersten Folge, um Thomas zu sagen, dass er sitzen bleiben sollte, während er die Teller in die Küche brachte und die halbvollen Alu- und Styropor-Schachteln mit Essen in den Kühlschrank schob.
      Er nahm eine Flasche Cola und zwei Gläser mit zurück ins Wohnzimmer und stellte alles auf den Tisch, bevor er sich wieder neben Thomas aufs Sofa setzte und krampfhaft überlegte, worüber sie sprechen sollten. Normalerweise fiel ihm das leicht. Es gab immer irgendeine Serie, oder ein Spiel, oder irgendwas Neuen in ihren Familien, aber normalerweise war Thomas in seinen Antworten auch nicht so furchtbar einsilbig. "Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich das letzte mal auf einem Markt war", erzählte er stattdessen. Das war ein super neutrales Thema, oder?
    • Thomas

      Thomas bedankte sich, als Steve das Essen wegräumte und griff nach seinem Handy, während er wartete, dass sie die Serie wieder starten würden. Aaron hatte ihm schon wieder geschrieben. Hatte er so wenig zu tun auf der Arbeit? Oder in der Uni? Irgendwie kam Thomas bei Aarons Zeitplan nicht mit, aber so lange hatten sie auch noch nicht wieder Kontakt und trotzdem nutzte seine Cousin wohl jede Chance, seinen Freundeskreis und die Plauderecke zu erweitern. Irgendwie befürchtete er langsam, dass er einem Bartreff bald nicht mehr aus dem Weg gehen konnte, den Aaron textete ihn jetzt schon über den neuen Typen zu, den er datete. Aber vielleicht wollte er sich auch einfach nur mit Thomas verbunden fühlen, weil sie die schwarzen Schafe der Familie waren.
      Bildete er es sich ein, oder war die ganze Welt heute besonders gesprächig? Thomas war etwas irritiert über das plötzliche Gespräch, weil er eigentlich schon nach der Fernbedienung hatte greifen wollen, als Steve sich wieder zu ihm setzte. Thomas hatte ja kein Problem damit über… Ostermärkte zu reden, wenn Steve gerade darüber nachdachte, aber er war sich auch bewusst, dass er definitiv nicht die Stimmung seines Freundes matchen konnte. Es war vielleicht besser, wenn es Steve noch nicht aufgefallen war, aber je mehr sie redeten, desto wahrscheinlicher wurde es. Am liebsten würde Thomas einfach nur still vor dem Fernseher sitzen.
      „Ah… ich mich auch nicht“, antwortete er. Oh Mann. So schwer zu reden fiel es ihm sonst nur mit seiner entfernten Familie. „Ich glaube auf einem Ostermarkt war ich als Kind das letzte Mal, dafür waren wir zu Ostern immer in der Kirche“, murmelte er. Mal sehen, ob man ihn da dieses Jahr mitnehmen wollte. Eigentlich wollte er gehen. Es war schließlich irgendwie eine Familientradition und er konnte sich nicht von allem so plötzlich verabschieden.
      Es war kurz still, dann meinte Thomas: „Aber waren wir nicht zuletzt zusammen auf dem Weihnachtsmarkt?“
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    • Steve

      "Sind Weihnachtsmärkte wirklich das selbe? Die sind kommerziell so ausgeschlachtet, dass die meiner Meinung nach in einer ganz eigenen Liga spielen." Steve zuckte kurz mit den Schultern. Wenigstens redeten sie noch einigermaßen normal miteinander, was irgendwie beruhigend war, auch wenn er sich immer noch einredete, dass Thomas einfach eine anstrengende Woche gehabt hatte. Obwohl nichts los gewesen war. Was auf eine kuriose Art und Weise auch anstrengend sein konnte, oder?
      "Mum feiert Feste ja sowieso nur aus ästhetischen Gründen, also war Kirche nie so wichtig." Dafür würde die Wohnung seiner Eltern jetzt wahrscheinlich aussehen, wie eine Häschen-Farm. Seine Mutter hatte ihm die ganze Woche über schon Bilder von diversen kitschigen Stehrümchen geschickt, die sie in irgendwelchen Läden aufgegriffen hatte. Zum Glück schienen Thomas und er einen ähnlichen Einrichtungsstil zu haben. Hoffte er zumindest. Er hatte versucht, von Anfang an klar zu machen, dass das hier jetzt auch Thomas' Wohnung war und er sich einrichten konnte, wie er wollte, aber wirklich viel hatte sich - abgesehen von dem zweiten Computer - nicht verändert. Ob das vielleicht der Grund für Thomas' schlechte Stimmung war? Zu wenig Osterdeko? Nein, jetzt wurde er albern.
      Steve lehnte sich wieder nach hinten und sah mit einem kleinen Nicken zum Fernseher um Thomas zu signalisieren, dass er die nächste Folge starten konnte. Er hatte zu viel gegrübelt, um die erste komplett mitzunehmen, aber das würde bestimmt nicht so schlimm sein und sich bei der zweiten Folge wohl eh nicht ändern. Die komplette Stimmung zwischen ihnen war einfach etwas seltsam. Sowas kam in den besten Beziehungen vor, oder? Er würde einfach etwas abwarten und sehen, wie Thomas morgen drauf war und vielleicht konnte er ihn dann fragen, warum er so seltsam angespannt gewesen ist. Wahrscheinlich war es irgendwas, worüber sie am Ende beide lachen konnten.
    • "Oh. Jetzt wo du's sagst. Manchmal haben die mit Weihnachten nichts mehr zu tun, sondern sind eher ein Kunstmarkt mit Essenständen", murmelte er zur Antwort. Selbst war er dort meistens auch nur wegen dem Essen. Eigentlich hatten alle christlichen Traditionen für ihn irgendwie mit Essen zu tun, was wohl abgesehen von dem familiären Beisammensein das einzige war, was für ihn zählte. Das ganze Beten hatte ihn nie sonderlich interessiert, aber mitgemacht hatte er halt trotzdem alles. Steves Eltern waren wohl genauso verrückt nach Feiertagen, aber Thomas hatte trotzdem irgendwie das Gefühl, dass sie damit lockerer umgingen. Oder seine eigene Mutter war einfach ein wenig… seltsam.
      Thomas war irgendwie froh, das Gespräch zu beenden, bevor er ihm die Worte ausgingen, auch wenn er die Vermutung hatte, dass das der Grund war, weshalb es endete. Steve fiel sicherlich auf, dass er schlecht drauf war, Thomas sollte sich mal nichts einbilden. Er startete die zweite Folge und beschloss dann nach der dritten, bereits zu duschen und sich etwas gemütlicheres anzuziehen, um sich besser entspannen zu können. Außerdem hatte er schon vor, früher ins Bett zu gehen. Er redete sich ein, dass Schlaf bestimmt helfen würde. Heute morgen war er auch besonders müde gewesen und da er meistes keinen Kaffee trank, hielt sich das dann auch den ganzen Tag und wurde exponentiell schlimmer.
      Dass sie den Nachmittag quasi mit Fernsehen verbrachte, lenkte Thomas auch ganz gut ab. Ab und an schweiften seine Gedanken nochmal zu Andrew und Ezra, aber es wurde etwas besser. Es wurde ihm ein bisschen egaler. Solange es den beiden gut ging… Dann sollten die drei eben beste Freunde werden, oder sowas, das konnte Thomas sich bei Andrew sowieso schwer vorstellen. Wie realistisch war es, dass Steve sich mit ihm anfreundete, wenn Thomas es nie richtig geschafft hatte, obwohl er sich jahrelang für ihn abgeschuftet hatte? Bestimmt benutzte er Steve jetzt auch nur als persönlichen Diener und hielt ihn deshalb am Laufen.
      Und… darüber sollte er sich wirklich nicht freuen. Verdammt. Steve war sein Freund! Was stimmte nicht mit ihm?
      Gegen neun Uhr war Thomas so müde, dass er zum Glück auch keine gehässigen Gedanken mehr aufbringen konnte. Er gähnte. "Ich schaff die Folge nicht mehr, ich geh ins Bett", murmelte er. "Guck ruhig weiter, ich wiederhole sie dann einfach mal, wenn ich alleine bin" Er schlug die Decke um, nahm sein Handy und das schon lange leere Cola-Glas, dessen Koffein absolut keine Wirkung gehabt hatte, und stand auf. "Gute Nacht", sagte er müde und brachte das Glas noch in die Küche, bevor er im Schlafzimmer verschwand. Er rollte sich in die Decke ein und scrollte nochmal durch Aarons neue Nachrichten, verschob das Antworten aber auf Morgen.
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    • Steve

      Die Stimmung hielt sich den kompletten Nachmittag lang und Steve musste zu seiner Schande gestehen, dass er fast ein wenig erleichtert war, als Thomas sich ins Bett verabschiedete. Die Serie schaute er trotzdem nicht alleine weiter. Zum einen müsste er die ersten paar Folgen nochmal wiederholen, um die wirklich genießen zu können, zum anderen käme ihm das irgendwie wie Verrat vor. Er schaltete stattdessen auf irgendeine Spielshow, die gerade lief und starrte einfach nur auf den Bildschirm. Er war noch viel zu wach, um ins Bett zu gehen und wenn er ehrlich war...wollte er irgendwie warten, bis Thomas schlief, um weitere angespannte Gespräche zu umgehen. Wahrscheinlich hätte er das alles einfach direkt ansprechen sollen, aber er wusste nicht richtig, wie und das alles vor sich her zu schieben kam ihm deutlich angenehmer vor.
      Er ließ sich von der Show berieseln, bis er selbst die Augen kaum noch aufhalten konnte und beschloss viel zu spät, dass es wirklich Zeit zum Schlafen war. Die Rest-Cola und sein Glas landeten wieder in der Küche, bevor er sich ins Bad schlich und alles dafür gab, besonders leise zu sein, um Thomas nicht aus dem Schlaf zu reißen. Nicht, um einer Konversation zu entgehen, sondern tatsächlich, weil er ihm einen guten Schlaf wünschte.
      Thomas rührte sich nicht, als Steve sich vorsichtig auf seine Seite des Bettes setzte und die Decke über sich zog. Schlafend sah sein Freund vollkommen zufrieden aus. Steve konnte nicht anders, als ihn für ein paar Sekunden anzustarren und sich zu wundern, wie sie hier gelandet waren. Als sie sich vor Jahren zufällig kennen gelernt hatten, hätte er nie gedacht, dass er mal mit Thomas zusammen sein würde. Als er das Bett gekauft hatte, war er nicht davon ausgegangen, irgendwann mal 'seine Seite' zu haben - zumindest nicht in seiner eigenen Wohnung. Irgendwie war er immer davon ausgegangen, dass er umziehen würde, wenn er in einer ernsthaften Beziehung enden würde, damit beide Seiten irgendwie neu starten konnten. Aber er würde nichts von dem hier wieder hergeben wollen. Er wusste gar nicht, was er machen sollte, wenn Thomas irgendwann nicht mehr neben ihm liegen würde.
      Steve legte vorsichtig einen Arm um seinen Freund und zog ihn ein wenig näher an sich. Ein schlechter Tag, eine schlechte Woche, waren noch lange nicht das Ende einer Beziehung. Morgen würde sich sicher schon irgendwie alles von selbst klären.
    • Thomas

      Guten Morgen, Welt. Für ungefähr drei Minuten war Thomas so entspannt und zufrieden, wie man es eben nur sein konnte, wenn man weckerfrei aufgewacht war. Er blinzelte, streckte sich ein wenig, drehte sich zu Steve herum, lächelte… und dann fiel ihm alles wieder ein. Sein Herz sank, nicht nur wegen der Erinnerung an die Geheimorganisation und das actionreiche Leben, das außer ihm jeder hatte, sondern vor allem weil er von sich selbst enttäuscht war. Es störte ihn immernoch? Nach einer Woche? Und so gutem Schlaf?
      Thomas setzte sich langsam auf und rieb sich über das Gesicht. Verdammt. Es störte ihn wirklich noch immer. Dieses unangenehme Gefühl, das sich in sein Herz grub wie Karies einen Zahn durchlöcherte, es war noch immer da und schien auch nicht besser zu werden. War das Problem etwa, dass er als erstes gleich Steve sah, wenn er aufwachte? Aber er liebte es Steve als erstes morgens zu sehen! Nur, weil er Thomas jahrelang belogen hatte… Aber dafür konnte er ja kaum etwas, schließlich war seine coole Geheimorganisation schuld daran. Und… jetzt arbeitete auch noch die Person dort, die Thomas Arbeitsalltag immer aufgehellt hatte. Mit seiner zugegeben recht trockenen, assozialen, aber doch heldenhaften und mutigen Art. Die würde Thomas nie wieder zu Gesicht bekommen. Stattdessen wurde ihm unter die Nase gerieben, dass er nie so cool sein würde. Steve hatte ihm nur aus Mitleid von der ganzen Sache erzählt. Urgh.
      Er rollte sich wortlos aus dem Bett und schlurfte ins Badezimmer, um zu duschen und erneut den Kopf kurzzeitig freizukriegen, bevor er den restlichen Tag mit seinem Lieblingslügner und den Geschichten über seine neuen besten Freunde überstehen musste. Langsam aber sicher machte das kindische Beleidigtsein Platz für einen allgemeinen Selbstekel. Dass er schlecht gelaunt war, wenn er den Tag mit jemandem verbringen konnte, den er liebte, sprach nicht gerade für einen starken Charakter.
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    • Steve

      Als Steve aufwachte, war der Platz neben ihm leer. Eigentlich war das nichts ungewöhnliches, Thomas und er hatten ungefähr den selben Schlafrythmus was bedeutete, das an den Wochenenden mal der eine, mal der andere zuerst wach war und ab und an schleppten sie sich dann auch direkt ins Bad. Er hatte nach der gestrigen angespannten Stimmung nur irgendwie darauf gehofft, dass Thomas noch was liegen bleiben würde, damit sie reden und kuscheln und vielleicht noch ein bisschen dösen konnten. Das konnte er jetzt wohl vergessen. Aber das musste ja zum Glück nicht heißen, dass die seltsame Stimmung direkt weitergehen würde. Wenn Thomas aus dem Bad kam, wäre er bestimmt wieder so fröhlich, wie sonst auch und würde nachfragen, wo sie mit der Brillensuche anfangen sollten. Steve klammerte sich an diesen Gedanken, während er die Dailies seiner wenigen App-Spiele durchging und darauf wartete, die Badezimmertüre zu hören.
      Er raffte sich auf, als Thomas fertig war, schnappte sich ein paar frische Klamotten und steuerte das Bad an. Im Vorbeigehen drückte er seinem Freund einen Kuss auf die Wange und murmelte ein verschlafenes "Morgen", mehr traute er sich irgendwie nicht. Noch nicht. Er würde erst richtig unter der Dusche aufwachen, bevor er sich vorsichtig an die heutige Stimmungslage herantasten würde. Und vielleicht würde er sich dabei ein bisschen mehr Zeit lassen, als unbedingt nötig. Was wahrscheinlich das Dümmste war, was er tun konnte, wenn er eine gesunde Beziehung haben wollte. Aber hey, es war bestimmt nichts. Er bildete sich das alles nur ein!

      Steve kam ein wenig später als sonst, dafür aber komplett wach in die Küche und steuerte sofort die Kaffeemaschine an. Er hatte noch mehr als genug Zeit für Frühstück und das würde er ausnutzen.
      "Und? Gut geschlafen?" Er lächelte Thomas entgegen, während er sich umdrehte und an die Küchenzeile lehnte. "Ich habe mir gedacht, dass wir gleich einfach in der Innenstadt anfangen und uns die Geschäfte ansehen, bis wir was nettes im Schaufenster finden. Oder hast du einen favoritisierten Optiker?"
    • Thomas

      Er musste mit Steve darüber reden. Oder? Er konnte unmöglich so weiter machen und einen Streit provozieren. Während er im Badezimmer war überlegte er krampfhaft, wie er die Sache angehen sollte. Und dann… kam er zu dem Schluss, es vielleicht besser bleiben zu lassen. Steve zu erklären, dass er irgendwie eifersüchtig auf seinen Job und seine Kollegen war, war nicht sonderlich zielführend. Keiner von ihnen konnte etwas daran ändern, aber das Geständnis, dass er furchtbar kindisch war, würde für immer bleiben. Es war wohl besser, sich einfach etwas Zeit zu geben. Er würde darüber schon hinwegkommen. Eigentlich war er sehr gut darin, unterschwellige negative Gefühle noch mehr zu vergraben, bis er sie kaum mehr spürte. Anders hätte er nicht so lange bei seinen Eltern wohnen können. Oder seine Beziehung mit Leona ausgehalten. Steve wollte er wirklich nicht damit auf ein Level bringen, aber er sagte es sic immer wieder selbst: Steve konnte garnichts dafür. Er war einfach blöderweise derjenige, der mit Andrew und Ezra bei einer Geheimorganisation arbeitete und statt Thomas nun mit ihnen befreundet war. Es tat ein bisschen weh, aber es ließ sich nicht ändern. Und Steve bedeutete Thomas zu viel, als dass er deshalb seine Beziehung ruinieren wollte. Er würde einfach sein bestes geben, darüber hinwegzukommen.
      Als er aus dem Bad kam und Steve ihn mit einem Kuss grüßte, wurde er optimistischer. Steve machte das ja auch nicht absichtlich. Er wollte Thomas nur am laufenden halten. Ihm nichts unter die Nase reiben oder so.
      Er zog sich an, machte sich in der Küche zwei Scheiben Toast und wartete auf Steve, der sich einige Minuten später an die Kaffeemaschine stellte. Thomas schaltete wie selbstverständlich erneut den Toaster ein.
      „Mhm“, machte er kauend. Er schluckte. „Ich war todmüde gestern, aber jetzt geht es“, sagte er ehrlich. „Du wirkst auch ziemlich wach, oder freust du dich einfach nur so mich mit Brille zu sehen?“, schmunzelte er. „Ich hab keine Ahnung, was oder wohin ich will. Gucken wir einfach mal“ Er war immernoch nicht sonderlich erfreut darüber, dass seine Augen den Geist aufgaben, aber vermeiden ließ es sich eh nicht. Sein Augenarzt hatte ihm außerdem eindringlich erklärt, dass er ohne Brille auf Dauer Kopfschmerzen und andere unangenehme Symptome bekommen würde, also… war eine Brille wirklich das kleinere Übel. Die ganze Bildschirmzeit bei der Arbeit machte ihn mittlerweile zugebenerweise auch deutlich müder, als zur Beginn noch. Und Kopfschmerzen waren bei ihm keine Seltenheit, nur hatte er sich dann nicht wirklich getraut, das dem Arzt noch zu sagen. Vermutlich lag es wirklich an der Sehschwäche.
      „Willst du gleich los?“, fragte er und biss erneut von seinem Marmeladetoast ab.
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    • Steve

      "Ich freue mich einfach darauf, wenn du bei Shootern nicht mehr nutzlos bist." Steve grinste. Das war doch ein vollkommen normales Gespräch. Die Stimmung gestern schien wirklich einfach an der Müdigkeit gelegen zu haben. Irgendwie wollte nur keine Erleichterung einsetzen. Aber das würde sich sicherlich im Laufe des Tages noch geben.
      "Obwohl Brillen dir wahrscheinlich auch einfach gut stehen werden. Wir finden bestimmt ganz schnell eine, die zu dir passt und wissen dann gar nicht, was wir mit der restlichen Zeit anfangen sollen." Zumindest hoffte er das. Thomas schien nicht sonderlich begeistert darüber zu sein, dass er überhaupt auf eine Brille angewiesen war, da würde es nicht helfen, wenn sie stundenlang Brille nach Brille probieren würden und keine passende fanden. Schöner wäre es, wenn sie am Ende so viele passende Brillen hätten, dass sie sich gar nicht entscheiden konnten. "Ich würde trotzdem direkt nach dem Frühstück losgehen", schloss er. Immerhin waren sie ausgeschlafen, die Sonne drückte sich langsam durch die Wolken und ein bisschen Puffer war immer gut.

      Das Frühstück lief relativ ereignislos ab. Jede kleine, einsilbige Antwort schob Steve einfach auf nachhallende Müdigkeit, bis sie schließlich alles zusammenpackten und sich anzogen. Steve ging noch einmal durch, ob er alles eingepackt hatte - Schlüssel, Portmonee, Papiere - bevor er Thomas seinen Motorradhelm in die Arme drückte. "Wenn du endlich eine Brille hast, können wir ja vielleicht nochmal über ein Auto nachdenken", scherzte er, während er sich nach vorne lehnte und Thomas einen Kuss auf die Lippen drückte.
    • Thomas

      "Wenn wir das tun, dann verheimlichen wir es bitte meinen Eltern, sonst hört das 'ich habs dir ja gesagt' nie wieder auf", meinte er und setzte den Helm auf. Dann schlang er seine Arme um Steve. Er war kein allzu großer Fan von dem Motorrad, weil er dazu viel zu oft den Hintergedanken hatten, wie schnell man in einem Unfall sterben konnte und wie schnell Unfälle allgemein passierten. Mit weniger Schutz war man auf der Straße immer im Nachteil, aber das Motorrad war zusätzlich noch unheimlich schnell unterwegs. Der einzige Grund, weshalb Thomas sich nicht beschwerte und damit klarkam, war, weil er Steve vertraute. Er würde nicht zu schnell oder riskant fahren und sie hatten beide genug Kleidung an, um bei einem leichten Unfall nicht zu sehr verletzt zu werden. Dieses Vertrauen war es, was sie überhaupt zusammen gebracht und ihre Beziehung am Laufen gehalten hatte. Und es war auch der Grund, weshalb Thomas wusste, dass seine eigenen negativen Gefühle bald nachlassen würden. Nur, weil Steve ihm nichts über seinen Job erzählt hatte, weil er es schließlich nicht durfte, hatte Thomas definitiv nicht plötzlich kein Vertrauen mehr in ihn. Das hier war nur ein kleines Problem, das sich bald in Luft auflösen würde und dann war es so, als wäre nie etwas passiert.
      Und manchmal mochte er das Motorrad sogar ein wenig. Immerhin war es eine tolle Ausrede, sich an Steve zu klammern und gleichzeitig mehr von der Welt zu sehen, als ihre Couch.

      Thomas Laune blieb recht stabil. Nicht zuletzt, weil er gleich beim ersten Optiker eine Brille für sich gefunden hatte. Gut, er hatte sicher dreißig anprobieren müssen, aber das war sogar irgendwann ganz lustig geworden. Zumindest nach dem ersten Schock, als er sich mit Brille im Spiegel gesehen hatte.
      Der Rahmen war aus Schaumstoff, sehr dünn und schwarz, die Gläser eher quadratisch, aber unauffällig. Es war eigentlich perfekt. Er sah aus wie der Nerd, der er im Inneren immer gewesen war. Das Bild schien jetzt vollkommen zu sein. Und die Stimmung hob sich, als er realisierte, dass er jetzt sicherlich ein paar Jahre nicht mehr darüber nachdenken musste, und er wieder normal lesen konnte. Das Ganze war zwar unheimlich teuer, vor allem weil er eine Versicherung dazu abschloss, aber… erledigt ist erledigt. Abholen konnte er die Brille dann in einer Woche, wenn die richtigen Gläser eingesetzt waren.
      "Und jetzt? Wo ist der nächste Markt?", fragte er Steve. Sie hatten den Einkauf schneller hinter sich gebracht, als Thomas erwartet hätte.
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    • Steve

      Es war seltsam, wie unterhaltsam ein kleiner Brillen-Shopping-Tripp sein konnte, wenn man mit den richtigen Menschen unterwegs war. Es war am Ende zwar doch etwas schwieriger, eine passende Brille zu finden, als Steve gehofft hatte, aber wenigstens konnte er guten Gewissens behaupten, dass Thomas mit der Brille wirklich verdammt gut aussah. Auch wenn er es ein bisschen vermissen würde, Thomas dabei zu beobachten, wie er versuchte, eine kleine Schrift zu lesen. Er hatte angestrengt ausgesehen, aber irgendwie auch ein bisschen niedlich.
      "Oh, der nächste ist-" Steve stieß ein kleines Summen aus, während er sein Handy aus seiner Tasche zog und kurz nachgoogelte. "Ein Stück die Straße runter und dann links." Theoretisch könnten sie die Ubahn nehmen, aber irgendwie hatte er mehr Lust darauf, den Weg zu laufen. Das Wetter war schön, man konnte sich so weit aus besser unterhalten, als in der Bahn und man musste sich nicht mit unzähligen Menschen zusammenquetschen, die ebenfalls das schöne Wetter für Ausflüge nutzten. Außerdem tat es ihnen nach den ganzen Gaming-Nachmittagen wahrscheinlich echt gut, sich etwas zu bewegen. Steve merkte jetzt schon, dass sein Gewicht auf der Waage eher nach oben, als nach unten kletterte. Seit er mit Thomas zusammengezogen war, hatte es halt kaum noch einen Grund gegeben, das Haus zu verlassen.
      "Hast du dir schon überlegt, welchen Film du dir zuerst anschauen willst, wenn du die Brille hast? Immerhin siehst du dann wieder in HD. Irgendwas, was du nachholen musst?", fragte er, schob das Handy zurück in die Tasche und setzte sich in Bewegung. "Oder willst du direkt in einen neuen Film starten?" Er lächelte Thomas entgegen, während er ihm seine Hand entgegen streckte. Eigentlich hatte Steve für körperliche Nähe nie sonderlich viel übrig gehabt, aber je mehr Zeit er mit Thomas verbrachte, desto eher wollte er ihn an sich ziehen und nicht mehr los lassen. Vor allem nach der Stimmung gestern abend.
    • Thomas

      „Ich hab noch garnicht über Filme nachgedacht, aber dann sollte es irgendetwas mit Untertiteln sein. Das war in den letzten zwei Jahren quasi unmöglich anzuschauen“, überlegte er und sah auf Steves Hand, die er gleich bereitwillig schnappte. Er hatte bisher zum Glück kaum bis nie das Problem gehabt, sich Sorgen zu machen, was andere Menschen darüber dachten, dass sie zusammen waren. Die Sache mit seiner eigenen Familie und das Coming-Out auf der Hochzeit hatten ihn wohl abgehärtet. Schritt für Schritt wurden seine ganzen Ängste wohl besser, wenn er sich mit seinem Leben allgemein etwas wohler fühlte. Vielleicht hatte ihn die Neuigkeiten mit Steves Job und all das, was er plötzlich über Ezra und Andrew zu wissen schien, deshalb so geschockt. Er hatte sich schon an alles gewöhnt, wie es gewesen war. Und dann veränderte sich plötzlich etwas und er hatte scheinbar keinerlei Kontrolle darüber. Das war unangenehm.
      „Vielleicht irgendwelche Anime am Fernseher statt auf dem Laptop, wo ichs noch erkennen konnte“, schlug er vor. „Sollen wir später auch gleich noch einkaufen gehen? Wenn wir schonmal hier sein. Snacks gehen uns auch aus“

      Der Markt war süß, Thomas hatte so etwas bisher noch nicht gesehen, weil seine Eltern wohl gewusst hatten, dass seine Geschwister und er nicht viel für sowas übrig gehabt hatten. Jetzt, wo er ausgezogen war, schätzte er das irgendwie mehr. Dutzende Stände mit Osterdekoration, von Stoffpüppchen über Holzfiguren bis zu Keramikschüsseln. Alles hatte irgendetwas mit Hasen, Küken und Eiern zu tun, und wenn nicht das, dann war es ein christliches Symbol. Zumindest wusste er jetzt, wo seine Mutter den ganzen Kram immer herbekam.
      „Ich hätte eigentlich nichts gegen ein paar Küken“, meinte er grinsend und nahm zwei gehäkelte, leuchtend gelbe Küken in die Hände. Er hielt sie links und rechts neben sein Gesicht hoch. „Eins für dich, eins für mich?“, säuselte er.
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