The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Niamh

      Russland hatte nie auf ihrer Urlaubsliste gestanden und so, wie es aktuell aussah, würde sich das wohl nie ändern. Man konnte hier offenbar keine Sekunde verbringen, ohne in irgendein übertriebenes Drama hineingezogen zu werden. Wenn Ezra nicht gerade das Sorgenkind war, sprang Cal wie selbstverständlich ein, um ihr Leben ein wenig stressiger zu machen. Niamh wäre ein so verdammt gutes Einzelkind geworden.
      Aber das Leben ging weiter und es half nichts, sich zu beschweren, also war sie in aller Frühe nach einer viel zu kurzen Nacht wieder auf den Beinen, um sich vor Calebs Nicht-Liebeskummer-Kummer wieder ins Krankenhaus zu flüchten. Ihr Bruder hatte ihr gestern Abend versucht, das ganze Durcheinander irgendwie zu erklären, aber zwischen seiner leichten Hysterie und dem stetigen Wachsen ihrer Rechnung an der Hotelbar hatte sie ein wenig das Gefühl gehabt, ein Buch von hinten nach vorne zu lesen. Sie war am Ende nicht deutlich schlauer gewesen, wusste aber, dass sie mit dieser Ignoranz wundervoll leben konnte. Am Ende des Tages war ihr sowieso relativ egal, was der Rest ihrer Familie veranstaltete, solange es sie nicht irgendwie beeinträchtigte. Hauptsache, sie hatten einen klaren Kopf, wenn es drauf ankam.
      Aber wenn sie schon mal hier war, konnte sie auch ein Auge auf Ezra haben, der es offenbar darauf anlegte, den ganzen Stress, den sie in den letzten Jahren ohne ihn verpasst hatte, direkt nachzuholen. Er war immer schon zu aufmerksam gewesen.
      Sie machte einen kleinen Zwischenstopp am Kaffeeautomaten des Krankenhauses und besorgte sich vorsorglich schon mal zwei Becher, bevor sie sich auf den Weg zu Ezras Zimmer machte. Andrew saß - wie erwartet - an seinem Bett, diesmal in Begleitung von den drei Kindern, die er in ihrem Telefonat bereits erwähnt und Niamh sofort wieder verdrängt hatte. Zwei Jungs und ein Baby, alle drei unfassbar niedlich. Niamh unterdrückte den kurzen, ungewohnten Anflug von Heimweg nach ihren eigenen Kindern und drückte Andrew mit einem "Morgen" einen der beiden Becher in die Hand, bemüht, das Baby in seinen Armen nicht zu stören. Die beiden Jungs saßen an dem kleinen Tisch, der am Rand des Zimmers stand. Der Ältere hatte einen Block vor sich liegen und einen Stift in der Hand, beides vollkommen vergessen, während er Niamh vorsichtig musterte.
      "Gibt es irgendwas Neues?", fragte sie, während sie sich zwang, ihren Blick von dem süßen kleinen Baby zu trennen und stattdessen zu ihrem weitaus weniger süßen Bruder zu schauen. Ezra sah im Vergleich zu gestern fast unverändert aus. Ein kleiner Streifen an seiner Schulter kam ihr etwas bläulicher vor, als gestern noch, aber sonst war er so übersäht mit Mullbinden und Pflastern, dass man sich gar nicht jede kleine Veränderung merken könnte. Er sah aus, als ob er schlafen würde.
      "Weißt du eigentlich mittlerweile, wie die drei heißen?", schob sie schließlich mit einem kleinen Nicken zu den Kindern hinterher. "Sie sind ja unfassbar süß."
    • Andrew

      Es war erschreckend anstrengend, im selben Zimmer wie drei kleine Kinder zu schlafen, wenn eines davon ein Baby war, das nach Mitternacht beschlossen hatte, konstant zu schreien. Andrew hätte sich ohne die Hilfe einiger Krankenschwestern nicht zurechtgefunden, was an der Müdigkeit nun aber auch nichts änderte. Die Kleine war offenbar einfach nachtaktiv, weil sie in der Sekunde, in der Andrew sich nach dem Frühstück mit ihr zu Ezra gesetzt hatte, plötzlich friedlich eingeschlafen war. Vielleicht hatte sie auch ein Problem mit dem Kinderbett, aber in jedem Fall war Andrew sich nicht sicher, ob er noch mehr Schlafmangel überleben würde. Daher stieg in ihm kurz eine innere Panik auf, als er Niamhs Stimme hörte, auch wenn der Kaffee sehr willkommen war.
      „Nichts neues“, sagte er leise. Er konnte garnicht anders, seinem Körper fehlte langsam die Kraft zum Sprechen. „Ezra liegt immernoch im Koma, ich bin jetzt irgendwie… Sorgeberechtigt für die nächsten zwei Wochen oder so, und ich wünschte, ich würde statt ihm an den ganzen Maschinen angeschlossen sein. Also alles… ganz normal“ Er hatte keine Ahnung, was er da so von sich gab. Aber mit jedem Schluck von dem Kaffee fühlte es sich an, als würde eine Gehirnzelle wiederbelebt werden. „Elena, Maximilian und Nikolai“, stellte er die Kinder vor und deutete mit dem Zeigefinger auf die Jungen, die im Vergleich erstaunlich pflegeleicht waren. Gut, der jüngere hatte es darauf abgesehen, Gespräch mit Andrew zu führen von denen er kein Wort verstand, und es war irgendwie ein bisschen traurig, und der ältere schien ihn ganz einfach zu hassen oder so, aber dafür schrien beide nicht konstant und wussten, wie man eine Toilette benutzte — so halb jedenfalls — was das Ganze etwas erleichterte.
      „Und bei dir?“, fragte er und vermied es, direkt zu fragen, wie es Caleb ging. Hätte er sich gestern nicht auf Richards Seite gestellt… oder ihn allgemein mitgebracht, dann könnte Andrew sicher mehr Sympathie aufbringen. Trotzdem interessierte es ihn, wie er die Sache verarbeitete, und wann er plante eine Therapie zu machen. Nicht wegen Ezra, sondern wegen Richard. Wer mit so jemandem ausging hatte ernsthafte Probleme.
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    • Niamh

      "Auch nichts Neues. Müde, ein bisschen Heimweh und der übliche Familienwahnsinn", fasste Niamh mit einem kleinen Schulterzucken zusammen in der Hoffnung, dass sie die gestrige Geschichte nicht nochmal durchkauen musste. Sie brauchte wirklich keine zweite Sichtweise für etwas, was sie kaum interessierte. Aber Andrew sah zum Diskutieren zum Glück nicht fit genug aus.
      Niamh warf ihm ein beinahe mitleidiges Lächeln zu. "Hey, ich glaube nicht, dass er wollen würde, dass du statt ihm im Koma liegst. Ezra würde sich doch nie die Chance entgehen lassen, ein paar Tage ungestört durchschlafen zu können." Sie zog sich den letzten leeren Stuhl im Zimmer heran und nippte an ihrem Kaffee. Sie war immer noch der festen Überzeugung, dass Ezra darum bitten würde, noch fünf Minuten liegen bleiben zu können, sobald er aus dem Koma aufwachte. Etwas anderes konnte sie sich gar nicht vorstellen.
      "Als er noch ein Teenager war hab ich ihn teilweise den halben Tag nicht gesehen, bevor er irgendwann im Pyjama aus seinem Zimmer geschlufft ist. Dafür hat er mir dann abends den Schlaf geraubt, wenn er lauthals irgendein Videospiel gespielt hat." Sie musste selbst ein wenig lächeln. Es war nicht alles schlecht gewesen. Sie hatte den Lärm und das Chaos vermisst, als er gegangen war.
      "Oh und die ewig langen Buchdiskussionen zwischen ihm und Cal, wenn wir irgendwo hingefahren sind! Da hab ich mir auch gewünscht, im Koma zu liegen." Sie verdrehte bei der bloßen Erinnerung daran, wie ihre Brüder sich darüber gestritten hatten, wer von ihnen das bessere Buch gefunden hatte, schon die Augen. Sie selbst hatte nie genug Ruhe zum Lesen gehabt. Sie hatte ihre Kindheit damit verbracht, ihren Eltern nachzueifern. Mit Erfolg, wie sich zeigte.
      "Ich glaube, er wird sich schneller erholen, als dir lieb ist und dann musst du ihm das mit der Vormundschaft irgendwie schonend beibringen." Oder weniger schonend? Niamh hatte keine Ahnung, wie Ezra zu Kindern stand. Sie hatte ihm nie welche zugetraut, allerdings war er auch gerade mal fünfzehn Jahre alt gewesen, als er gegangen war. In dem Alter traute man wohl niemandem Kinder zu.
      "Sag Bescheid, wenn du Hilfe bei den dreien brauchst", fügte sie nach kurzer Pause hinzu. "Ich weiß ja aus erster Hand, wie anstrengend Babys sein können." Obwohl das kleine Mäuschen in Andrews Armen in ihrem Schlaf vollkommen zufrieden aussah.
    • Andrew

      Andrew stieß belustigt Luft aus, erschöpft genug, dass er Elena glücklicherweise nicht durchrüttelte, was ihm sowieso zu spät aufgefallen wäre. „Es ist manchmal so schwer, ihn aus dem Bett zu bekommen, dass ich Taktiken entwickeln musste, damit wir nicht ständig überall zu spät kommen. Mit ein bisschen Glück könnte ich ihn wahrscheinlich sogar aus dem Koma reißen“, meinte er. Nur, dass er nicht riskieren wollte, dass Ezra wegen zu frühen Aufwachens einen Gehirnschaden bekam oder so. Was wusste er schon, Andrew war kein Mediziner.
      „Aber mir wär gerade deutlich lieber, er würde mich mit irgendeinem Videospiel wachhalten oder mich über ein Buch vollquatschen“, murmelte er anschließend. „Ich hab sowieso nicht viel Schlaf bekommen“ Mit Ezra an seiner Seite würde er sicher auch das besser aushalten. Sie waren zusammen entführt und in einem Keller gefesselt worden, und selbst das war ihm deutlich weniger dramatisch vorgekommen als Ezra beim Schlafen zuzusehen. Vielleicht war Andrew langsam abgestumpft.
      Er warf Niamh einen amüsierten, aber dann leicht irritierten Blick zu, als er merkte, dass sie das mit der Vormundschaft wohl ernst meinte. „Ich glaube, er würde eher Luftsprünge machen, wenn du mich fragst. Wahrscheinlich wird er sich denken, dass das das nächste ist, was ans Elternsein für ihn rankommen wird, weil man seinem Freund Waisenkinder aufdrängen muss, damit es mal soweit so kommt. Und wenn es nur zwei Wochen sind… Naja, im besten Fall ist er nachher todtraurig und ich muss mir irgendetwas überlegen“, erklärte Andrew leise. Er hatte darüber tatsächlich schon eine Weile nachgedacht. Was, wenn Ezra von den Neuigkeiten wirklich überhaupt nicht überfordert sein würde, sondern bloß realisierte, dass er doch keine Zeit mehr verlieren und sofort eigene Kinder haben wollte? Dann… was dann? Andrew hatte keine Kraft, sich das worst case Szenario auszumalen. Erst musste er hoffen, dass sein Freund jemals wieder aufwachte und im nächsten Moment könnte er Andrew trotzdem verlassen. Klar, sie hatten das Thema schon geklärt. Aber das war vor diesem Zwischenfall gewesen. Bevor Andrew sich plötzlich um drei Kinder kümmern musste. Ezra würde das bestimmt nicht allzu sehr missfallen. Und… Andrew war sich nicht sicher, was er davon hielt. Die Kinder waren süß, da hatte Niamh wohl recht. Und sie waren recht angenehm und unkompliziert, mehr als Andrew es sich gedacht hätte. Einem Baby konnte man nicht vorhalten, dass es seltsame Schlafgewohnheiten hatte. Und jetzt… war sie ja ganz still. Und friedlich. Andrew wollte sie aus vielen verschiedenen Gründen nicht mehr loslassen.
      Er wandte den Blick nach unten, dann stellte er seinen Kaffeebecher auf den Tisch neben sich und strich mit einem Finger über ihre winzige Hand. „Ich muss heute Mittag alles einpacken und zurück ins Hotel, dann kann ich erst wieder am Nachmittag zur nächsten Besuchszeit zu Ezra, ich glaube gegen vier… Ich hab mich heute Morgen schon um ein neues Hotel gekümmert mit einem größeren Zimmer und einer kleinen Küche, aber ich weiß nicht, wie ich es aushalten soll, den ganzen Tag dort drin zu sitzen und nichts zu tun. Aber weggehen ist keine Option, auch nicht mit zwanzig Bodyguards. Das haben sie mir… ziemlich ernst untersagt. Der Weg vom Krankenhaus ins Hotel ist schon Drama genug und ich hab noch nicht angekündigt, dass ich zu den Besuchszeiten hier sein will… Das werde ich wahrscheinlich auch garnicht. Keine Chance, dass das friedlich endet“ Er musste sich wahrscheinlich einfach rausschleichen, was mit drei Kindern im Schlepptau ein Problem werden könnte.
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    • Niamh

      "Oh. Ich hatte ihn nicht für einen Familienmenschen gehalten." Offensichtlich hatte sich ihr niedlicher, nervtötender kleiner Bruder tatsächlich irgendwie weiterentwickelt. Oder er war ein bisschen größenwahnsinnig geworden. In ihrer Familie konnte man das nie so richtig ausschließen. Dafür schien Andrew selbst nicht so überzeugt von Kindern zu sein, weshalb Niamh das Thema fallen ließ. Ihre Nase war zu teuer gewesen, um sie zu brechen. Aber zum Glück hatte Andrew bereits das nächste Problem parat.
      "Mhm. Weißt du, Andrew, ich glaube, das ist dein Problem. Du spielst zu sehr nach den Regeln. Wenn du dich schon zu den Besuchszeiten rausschleichen willst, warum dann nicht auch zwischendurch? Nutz die Zeit doch irgendwie, wenn du schon nichts zu tun hast. Bring dich irgendwie auf andere Gedanken. Geh...shoppen, oder arbeite, oder was auch immer dich glücklich macht." Sie zuckte mit den Schultern. Wahrscheinlich gab es hier auch ohne Ausgangssperre nicht sonderlich viel zu tun, aber Ablenkung war ihr lieber, als ein Schwager in Spe, der in seinem eigenen Selbstmitleid ertrank. Nicht, wenn Cal parallel fleißig daran arbeitete, genau das selbe zu tun. Niemand konnte zwei Jammerlappen gebrauchen, die sich nichtmal gegenseitig ihr Leid klagen konnten.
      "Was habt ihr überhaupt angestellt, das dir Ausganssperre eingebrockt hat? Soweit ich weiß sind einstürzende Gebäude ziemliche Einzelfälle, also dürfte es ja nicht daran liegen, dass man Angst hat, dass dir was ähnliches passiert." Im Grunde wusste Niamh nicht mal, was die beiden überhaupt nach Russland gebracht hatte. Ihr Verstand konnte sich immer noch nicht richtig daran gewöhnen, dass Ezra wieder unter den Lebenden wandelte, also hatte sie irgendwie kategorisch alles ausgeblendet, was mit ihm zusammen hing.
      Eigentlich...wusste sie nicht viel mehr, als dass er mit Andrew zusammen war und offenbar Kinder wollte und einen dieser beiden FunFacts hatte sie heute erst herausgefunden. Vielleicht sollte sie ihre Rolle als ältere Schwester wirklich etwas ernster nehmen. Andererseits hatten sie sich noch nie sonderlich nahe gestanden. Molly war Ezras unangefochtene Favoritin für alles gewesen, was Chaos verursacht und Spaß gemacht hatte. Caleb hatte für Bücher herhalten müssen. Ezra und Niamhs Interessen hatten sich nie wirklich überschnitten.
      "Mein Angebot steht trotzdem. Ich springe gerne als Babysitter ein. Oder Bodyguard. Je nachdem, was du gerade dringender benötigst", schloss sie, während sie ihren Kaffeebecher zwischen ihren Händen hin und her rollte.
    • Andrew

      Nach den Regeln zu spielen erschien Andrew nach dem Massaker heute nicht wie eine schlechte Idee. Er war sich nur nicht sicher, ob er das Risiko zu sterben in der momentanen Situation nicht einfach eingehen wollte, anstatt sich in irgendeinem Hotel einzusperren und wahnsinnig zu werden. Aber dann waren da noch die Kinder.
      „Oh… es ist keine richtige Ausgangssperre, eher eine dringende Empfehlung, damit nicht zufällig noch ein Gebäude direkt über uns einstürzt“, erklärte er vage. Er hatte nicht vor, Niamh in ihr kleines, witzloses Geheimnis einzuhüllen, aber das Gute war: das verheimlichen beruhte bei ihnen beiden auf Gegenseitigkeit, also musste er definitiv kein schlechtes Gewissen haben. Es war ihm deutlich lieber, wenn sie einander nicht alles darüber erzählten, womit sie ihr Geld verdienten.
      „Aber du kannst mir in den Besuchszeiten vielleicht wirklich als Babysitter einspringen… die Kinder müssen ja nicht dasselbe Risiko eingehen wie ich“ Nur dass Niamh in dem Fall wohl Babysitter und Bodyguard zugleich sein müsste, sowie Andrew auch eher zum Bodyguard auserkoren wurde als sonst etwas. Es sprach wohl nicht gerade für ihn, dass er an Tag Eins schon seine Pflicht an seine — hoffentlich — zukünftige Schwägerin abtreten wollte.
      „Oh und bitte sag Cal, dass er mich anrufen soll, wenn er von den Ärzten informiert wird, dass Ezra außerhalb der Besuchszeiten wach ist“, bat er leise. Er wollte sich zwar nicht darauf verlassen, dass Caleb ihm noch irgendwelche Informationen übermitteln würde, nachdem ee seinen Freund vor seinen Augen geschlagen hatte, aber man konnte ja hoffen. Und sonst würde Niamh die Info hoffentlich an ihn weiterleiten, wenn sich herausstellen sollte, dass sie ein Herz hatte. Obwohl man ihr ja zugute halten musste, dass sie überhaupt hier war. Einerseits, da sie Andrews verzweifelter Bitte nachgekommen war und andererseits, weil ihr vielleicht doch etwas an ihrem Bruder lag, so spärlich sie es auch zeigte.
      Wo sie nun aber hier war und irgendwie Andrews einzige Ansprechperson war… „Auf einer Skala von eins bis zehn… wie sehr empfiehlst du es, Kinder zu haben?“, fragte er. Andrew erwartete halb, dass Ezra sich gleich aufsetzte, um ihn empört anzusehen. Die Frage war auch völlig bescheuert, das wusste er. Niamh und er hatten gänzlich verschiedene Lebensrealitäten. Vielleicht wollte er nur von einer weiteren Person hören, was für ein Segen Kinder doch waren, damit er sich weniger Sorgen um seine Zukunft machen musste, wenigstens für ein paar Minuten.
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    • Niamh

      Ah. Also mussten sie irgendwas richtig Dummes angestellt haben. Irgendwie hätte sie sich das wahrscheinlich auch denken können. Sie seufzte kurz. "Ruf mich einfach kurz an, dann komme ich vorbei. Versuch nur bitte, irgendwie am Leben zu bleiben, bis Ezra wieder wach ist. Ich will mir keine Vorwürfe über deinen Tod anhören müssen." Vor allem nicht, wenn sie nichtmal selbst dafür verantwortlich war. Aber ihre Brüder konnten in der Hinsicht furchtbar dramatisch sein. Und wo sie gerade bei dem Thema waren-
      "Ich werde Cal Bescheid geben. Ich muss ihn eh noch fragen, wie er es geschafft hat, als Angehöriger gelistet zu sein, ich bin es nach Ezras kleinem Rebranding nämlich nicht mehr." Was irgendwie logisch gewesen war. Ezra hatte immerhin eine komplett neue Identität. Ihr jüngerer Bruder war offiziell seit Jahren tot. Das einzige, was sie wurmte war, dass sie nicht wusste, wie Caleb es geschafft hatte, trotzdem als Angehöriger durchs System zu rutschen. Aber das war wahrscheinlich ein Thema für einen anderen Tag, wenn er nicht gerade damit beschäftigt war in sein Kissen zu heulen. "Cal ist im Moment ein bisschen...instabil, aber er ist normalerweise nicht nachtragend. Was auch immer da gestern genau passiert ist wird ihn wahrscheinlich nicht davon abhalten, sich bei dir zu melden", erklärte sie, begleitet von einer kleinen Handgeste, die verdeutlichte, dass ihr das Thema auch vollkommen egal war.
      Sie sah wieder zu Ezra, als Andrews letzte Frage sie ein wenig zum Lächeln brachte. "Zwanzig", antwortete sie ohne zu zögern, während sie die Beine übereinander schlug und sich zurücklehnte. "Aber ich denke, das kann man nicht so einfach pauschalisieren. John und ich wollten immer schon Kinder und wir haben den Vorteil, dass wir uns die Arbeit wunderbar aufteilen können. Wenn wir reguläre Arbeitszeiten hätten, wäre es für mich deutlich schwieriger geworden, heute hier zu sein." Obwohl sie mit ihrem Mann auch einfach verdammt viel Glück gehabt hatte. Er war beide Schwangerschaften hindurch eine wirkliche Hilfe gewesen und liebte ihre beiden Jungs so sehr, wie sie.
      "Wenn du Adeline fragst, würde sie dir wahrscheinlich eine ganz andere Antwort geben." Was wohl nicht sonderlich hilfreich war. "Sobald sie Nachts durchschlafen wird es etwas einfacher. Zumindest bist sie begreifen, dass sie so etwas wie einen 'eigenen Willen' besitzen und plötzlich anfangen, mit dir zu diskutieren." Sie sah mit einem kleinen Lächeln zu den beiden Jungs, die immer noch über den Schreibblock geneigt waren und sich den Stift hin und her reichten. "Aber ab und an echon sie etwas, was sie von dir gehört haben und du hast dieses kleine 'ich habe jemandem etwas beigebracht' High und dafür lohnt es sich wirklich. Außerdem schaffen sie es immer so leicht, einen um den Finger zu wickeln. Du scheinst ja auch schon nachzugeben." Sie lächelte ihm amüsiert entgegen.
    • Andrew

      Das war nicht unbedingt eine hilfreiche Antwort, aber es war sowieso recht sinnlos zu erwarten, dass jemand anderer dieses Problem für Andrew lösen konnte. Er musste sich eben selbst sicher sein. Und genau darauf hatte er gewartet. Irgendein… Moment, ein Gefühl, das ihm sagte, dass er jetzt absolut dazu bereit war, Kinder zu haben. Nur Niamhs Kommentar, dass er selbst schon nachgegeben hätte, machte ihn etwas stutzig. Nachgegeben? Er hatte nie etwas gegen Kinder gehabt, aber er war auch nie besonders gut im Umgang mit ihnen gewesen, weil es ihm schwer fiel, sich in sie hineinzuversetzen. Was ironisch war, weil er selbst mal ein Kind gewesen war… Aber zu seiner Verteidigung war er nicht unbedingt ‚typisch‘ gewesen. Oder war er das? So richtig konnte er sich an die Jahre vor seinem zehnten Geburtstag auch nicht erinnern.
      Vielleicht, wenn er die Option früher in Betracht gezogen hätte, dann hätte er bereits lange genug Zeit gehabt um zu einem Schluss zu kommen. Er hätte sich die Frage wirklich früher stellen müssen. Das einzig positive war, dass sich, seitdem er sich die Frage das erste Mal dank Ezra gestellt hatte, sich in seinem Leben so gut wie alles verändert hatte. Er lebte in einem Haus, das auch nicht gerade familiengeeignet war aber dennoch deutlich mehr als seine alte Wohnung. Und er hatte einen Job, bei dessen Gehalt er erstmals nicht ständig panisch im Kopf ausrechnen musste, was ihm am Ende des Monats übrig blieb, weil seine Miete 90% davon auffraß.
      Außerdem hatte er Ezra. Wenn er sich mal beeilen und aufwachen würde, müsste Andrew sich vielleicht nicht so sehr den Kopf zerbrechen. Er würde die Kinder einmal ansehen und sofort entscheiden, sie für immer zu behalten, so schätzte Andrew das ein. Er hatte sogar sein Leben für sie riskiert.
      Andrew sah wieder zur kleinen Elena hinunter. Sie schlief immernoch, so ruhig, dass man sie kaum atmen sah und nur durch gelegentliche Murmelgeräusche ein Lebenszeichen kam. Sie war viel süßer, wenn sie nicht schrie, aber nachdem sie gerade einen Hausbrand überlebt hatte, sollte man sie vermutlich nicht dafür verurteilen. Trotzdem… sollte es sich so anfühlen, wenn man ein Baby hielt, für das man die Verantwortung hatte? Pure Angst?

      Andrew verbrachte die restliche Besuchszeit gemeinsam mit Niamh, die wirklich eine nette Ablenkung bat und ihm das Gefühl gab, ihr ein klitzekleines bisschen näher gekommen zu sein. Mal sehen, ob Ezra sich darüber freuen würde.
      Es fiel ihm unglaublich schwer, dem Blonden den Rücken zuzudrehen. Er zögerte die letzten Momente endlos lange heraus und gab ihm sicher fünfzig Abschiedsküsse aus die Stirn, bevor er es über sich brachte, mit dem gigantischen Kinderwagen und Maximilian an der Hand das Krankenhaus zu verlassen. Ohne die Hilfe von zwei MLO Kollegen hätte er es kaum geschafft, noch zusätzlich ihr Gepäck und das ganze Zeug für die Kinder irgendwie ins Hotel zu transportieren. Und sobald sie dort waren und die beiden sich vor dem Zimmer positionierten… war Andrew völlig überfordert. Oder eher… unterfordert vielleicht. Elena schlief schon wieder. Die beiden Jungs hatte Andrew einfach auf dem Bett abgesetzt und den Fernseher eingeschalten, was sicher nicht die beste Lösung war, aber ihm fiel gerade wenig anderes ein. Sich mit Kindern zu beschäftigen war einfacher, wenn man nicht in einer Krisensituation war. Und jetzt? Sollte er sich einfach dazusetzen und fernsehen bis er sich wieder ins Krankenhaus schleichen konnte?
      Er war sich nicht sicher. Offenbar konnte er sich selbst noch schlechter beschäftigen als ein paar Kinder, also fand er einen Mittelweg: Er begann zu googlen. Alles an Information, was er über Babys und Kleinkinder finden konnte. Wie oft und was genau sollten sie essen? Wann und wie lange sollten sie schlafen? Dass er hier drei Altersgruppen sitzen hatte, gab ihm zumindest genug zu tun.
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    • Caleb

      Er war erbärmlich. Caleb war sich dessen vollkommen bewusst, während er auf dem Bett lag und auf den Fernseher starrte, ohne wirklich irgendeines der Bilder zu verarbeiten, die er sah. Die einzige Frage war, ob es irgendwie gut war, dass er selbst wusste, wie erbärmlich er war. Zählte das als selbstreflektiert? Gab es da irgendwie einen Weg raus, oder musste er einfach damit leben?
      Der gestrige Tag war eine absolute Katastrophe gewesen. Er hatte den kompletten Nachmittag damit verbracht, durch Wut, Selbsthass und Trauer zu zirkulieren, als ob es eine olympische Disziplin wäre. Er war wütend auf Richard, darauf, dass er es nicht geschafft hatte, die Klappe zu halten, darauf, dass es ihm offensichtlich egal gewesen war, wie viel Caleb dieser Moment bedeutet hatte. Er war wütend auf sich selbst, dass er es überhaupt soweit hatte kommen lassen und darauf, dass er sich eingeredet hatte, dass diese seltsame Beziehung zwischen ihnen irgendwie okay war, während er alles was davor gelaufen war so vollkommen ignoriert hatte. Und am schlimmsten war, dass Ezra durch das alles vollkommen in den Hintergrund gerückt worden war.
      Es hatte geholfen, sich gestern abend bei Niamh auszuheulen, auch, wenn er sich im Klaren darüber war, dass sie wahrscheinlich nur die Hälfte verstanden hatte. Caleb wusste ja selbst nicht ganz, wie das alles passieren konnte. Beziehungen an sich waren eigentlich überhaupt nicht seine Art und es wäre wahrscheinlich besser gewesen, wenn er es dabei belassen hätte.

      Er hatte damit gerechnet, dass dieser Selbsthass über die Tage hinweg nur noch schlimmer werden würde, aber seit er aufgewacht war, hatte er sich eigentlich nur taub gefühlt. Ja, die Stimme in seinem Hinterkopf, die ihm mit Freude einredete, dass er das Letzte war und keine Beziehung verdient hatte, war da, aber...irgendwie hatte er zu sehr mit ihr gerechnet, um laufend in Tränen auszubrechen, wie er es in solchen Momenten - unangenehmerweise - sonst tat. Ihm wurde alle paar Minuten erneut schmerzhaft bewusst, dass er viel mehr an Richard gehangen hatte, als er gedacht hatte, dass Richard dieses Gefühl nie geteilt hätte und dass er sich wahrscheinlich bei Andrew entschuldigen sollte, aber er schaffte es nicht, sich irgendwie aufzuraffen, um irgendetwas mit diesen Gedanken anzustellen.
      Was auch? Andrew würde gerade wahrscheinlich nichts von ihm hören wollen und alles andere konnte er eh nicht mehr ändern.
      Mit einem kleinen Seufzen griff er nach der Fernbedienung, die Niamh ihm zugeschmissen hatte, bevor sie mit irgendeinem Vorwand auf den Lippen verschwunden war, um seiner trübsinnigen Laune aus dem Weg zu gehen, und schaltete sich durch die Kanäle, bis er irgendetwas Buntes fand. Seine Finger wanderten fast automatisch wieder zu seinem Handy, verharrten kurz über Richards Namen, dann Andrews, bevor er es mit dem Display nach unten zurück auf die Matratze legte, ohne einen der beiden irgendwie kontaktiert zu haben. Er starrte wieder zum Fernseher, bevor er sich einen Ruck gab, sich aufsetzte, das Handy in die Hand nahm und doch Andrews Namen antippte, um ihren - nicht existenten - Chat zu öffnen, bevor er alles wieder schloss und stattdessen seine Notizapp antippte, um den Text vorzuschreiben, zu löschen, neu zu schreiben, zu löschen und es schließlich aufzugeben.
      Mit angezogenen Knien tippte er schlussendlich ein kleines 'Hey. Es tut mir leid wegen gestern. Du hattest vollkommen recht' und drückte auf Senden, bevor er es sich nochmal anders überlegen konnte. Er hatte keine Ahnung, ob Andrew überhaupt einen Blick auf sein Handy werfen würde. Hoffentlich nicht. Er legte das kleine Ding zurück auf den Nachttisch, bevor er seinen Kopf auf die Knie sinken ließ und sich langsam doch die ersten Tränen anbahnten.
    • Andrew

      Wickeln. Eine Angelegenheit, mit der Andrew sich noch nie befasst hatte und sich nie befassen wollte. Es war eine Herausforderung, in einem Hotelzimmer und an Tag eins mit einem 8 Monate alten Baby auf einmal alles zu lernen, was es zu lernen gab, und so langsam machte Andrew sich keine Sorgen mehr um Ablenkung von Ezra. Stattdessen suchte er eigentlich nur noch nach Lösungen für das Schreiproblem. Hunger war es nicht, Müdigkeit ebenfalls nicht, Langeweile auch nicht, dann blieb nur eins und Andrew fühlte sich wie ein Vollidiot als er sich mit einem Handtuch auf dem Bett breit machte und die Tasche durchsuchte, die man ihm in die Hand gedrückt hatte. Das Geschrei ihm Ohr half auch nicht, genauso wenig wie die zwei paar Augen die seitlich interessiert, oder vielleicht eher verurteilend, herüber sahen.
      Es war dann aber halb so schlimm. Andrew war seltsam stolz auf sich als wieder Stille einkehrte und nachdem er kurz durchgeatmet und die Windel im Badezimmer entsorgt hatte, schnappte er sich Elena und lehnte sich auf dem kleinen Sofa gegenüber der Betten zurück. Die Kinder starrten ihn allesamt an wie ein Alien. Er zog die Augenbrauen hoch.
      „Was denn? Schonmal ne Windel gewechselt? Nein? Dann macht mir keine Vorwürfe, man muss alles lernen“, sagte er. Nächstes Mal würde das sicher schneller gehen und weniger ein Spektakel darstellen.
      Nikolais fragender Blick wandelte sich zu einem Lächeln und er kam kurzerhand mit einem kleinen Bilderbuch auf ihn zu, hievte sich aufs Sofa und ließ sich eng an Andrew gelehnt nieder, um weiterzublättern. Er schüttelte lächelnd den Kopf. Anscheinend war die Sprachbarrieren für den Kleinen absolut kein Problem. Der andere wollte seine Skepsis aber nicht wirklich ablegen. Kein Wunder, er bekam von der ganzen Sache sicher deutlich mehr mit, ob er nun Englisch sprach oder nicht, es machte kaum einen Unterschied. Vermutlich war es nur noch unangenehmer und verwirrender, weil er mit Andrew nicht richtig kommunizieren konnte. Es wäre alles einfacher, wenn alle drei sich wenigstens mit Worten melden könnten, wenn sie Hunger oder sonst irgendein Problem hatten, aber Zeichensprache war bislang alles, was hier half.
      „Willst du ein anderes Programm anschauen?“, fragte Andrew, weil er einfach nicht ausschließlich mit seinen Händen und der Fernbedienung herumfuchteln wollte. Außerdem sollten die Kinder sicher irgendwann Englisch lernen, wenn sie gezwungenermaßen nach London mitkamen. So eine dämliche Idee. Hoffentlich wurde Nadia auf wundersame Weise gefasst und es gab für die Kinder keine Gefahr mehr hier. Es war schon schlimm genug das alles mitzumachen, aber dann auch noch in ein anderes Land gebracht zu werden?
      Andrew schaltete zwischen den Programmen hin und her, weil Maximilians uninteressierter Blick ihm Antwort genug gewesen war, und er sah nach jedem Klick zu ihm zurück. Irgendwann bekam er einen kleinen Daumenhoch, als er bei einer russischen Kindersendung ankam. Seltsamerweise spürte Andrew ein freudiges Kribbeln. Weil er eine nicht abwertende Reaktion bekommen hatte? Irgendwie traurig, was ein Daumenhoch jetzt bei ihm auslösen konnte.

      Die nächsten Stunden waren nicht sonderlich interessant. Andrew spielte mit dem Gedanken, irgendjemanden anzurufen, aber er war viel zu abgeneigt, seine momentane Situation erneut zu erklären, also akzeptierte er die Mischung aus russischem Kindergebrabbel und den Fernsehergeräuschen, die er ebenfalls nicht verstand. Die Jungs beschäftigten sich abwechselnd miteinander und dann wieder einzeln, Elena schlief und aß und erinnerte Andrew mit ihren Kundtuungen für Hunger sogar daran, dass er selbst ein menschliches Wesen mit Bedürfnissen war, also bestellte er Zimmerservice. Relativ viel sogar. Er wusste ja nicht, was diese Kinder essen wollten, er hatte nur eine kleine Auskunft über glücklicherweise nichtvorhandene Lebensmittelallergien bekommen, und musste nun raten, welche Vorlieben es gab. Er fragte seine russischen Kollegen vor der Tür, was sie empfehlen würden, und das half ein wenig. Russisches Essen war sogar beim zweiten Besuch noch nicht Andrews Spezialgebiet. Wenn einer von ihnen richtig lesen könnte wäre ihm wohl auch geholfen gewesen.
      Bis vier Uhr passierte so wenig, dass Andrew sich dachte, es machte kaum einen Unterschied, dass er mit drei Kindern zusammen war. Wenn er das vorher gewusst hätte, hätte er keine Panik geschoben. Jetzt war er eher froh über gelegentliche kleine Aufgaben und in der Zwischenzeit beschäftigten ihn diverse Baby-Wikis im Internet ausreichend. Und dann… war endlich wieder Zeit, Ezra beim schlafen zuzusehen.
      Andrew schaffte es irgendwie, seine Kollegen auf seine Seite zu ziehen, zumindest sobald Niamh angekommen war und er erklärte, dass sie selbst Kinder hatte. Eigentlich machte es ja auch keinen richtigen Unterschied, wer bei den Kindern war, wenn das Hotel sowieso umstellt wurde. Und er… naja, er hatte eben auf seine Selbstständigkeit appelliert. Wenn er Nadia so oft überlebt hatte, würde er einen kleinen Trip ins Krankenhaus auch schaffen.
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    • Niamh

      Es war erstaunlich, wie unterschiedlich Kinder sein konnten. Niamh hatte das ja schon bei ihren eigenen Jungs festgestellt - Sean war pure Energie, die irgendwie in einen viel zu kleinen menschlichen Körper gesteckt worden war, während Emmett manchmal so still war, dass sie doppelt nachsehen musste, ob sie ihn nicht vergessen hatten, wenn sie unterwegs waren. Nach Sean war sie sich sicher gewesen, es bei den zwei Kindern zu belassen, aber auch nur, weil sie kein Einzelkind haben wollte. Emmett hatte sie fast dazu verleitet, sich doch Gedanken um ein drittes Kind zu machen.
      Die drei Kinder, die Andrew in ihre Obhut übergab, waren ähnlich unterschiedlich gestrickt. Es dauerte nicht lange um zu verstehen, dass Maximilian eher der zurückhaltende, still richtende Typ war, während Nikolai etwas aufgeschlossener durch die Welt ging. Elena schien noch in der Phase zu sein, wo Babys zwischen Schlafen und Schreien hin und her wechselten. Anstrengend, aber wenigstens musste sie sich beim Babysitten - noch - keine Sorgen um Nachtschichten machen. Obwohl Andrew diese Aufgabe ganz gut zu meistern schien. Zumindest wirkte er über die nächsten Tage immer recht wach, wenn auch besorgt, wenn sie ihn ablöste.
      Es dauerte zwei Babysitter-Einheiten, bis sie es schaffte, Maximilian zum Mitspielen bei einem Kartenspiel zu bewegen. Uno. Jedes Kind kannte Uno. Sie half Nikolai mit seinen Karten, bemüht, beide Kinder gleich oft gewinnen zu lassen. Es dauerte ganze drei Runden, bis sie realisierte, dass Maximilian wohl ebenfalls bemüht war, seinen jüngeren Bruder gewinnen zu lassen, was sie irgendwie mehr zum lächeln brachte, als es sollte. Auch wenn die drei es offenbar nicht leicht gehabt hatten, schien die familiäre Bindung zwischen ihnen trotzdem ziemlich gut zu sein.
      Ihre eigenen Brüder bekam Niamh in den nächsten Tagen kaum zu Gesicht. Sie hatte einmal kurz bei Ezra vorbeigeschaut, aber sein Zustand war weitestgehend unverändert. Lediglich die blauen Flecken wurden ein wenig blasser. Aber er würde schon aufwachen. Eigentlich rechnete sie jeden Tag damit.
      Mit Caleb kommunizierte sie größtenteils über Textnachrichten. Mindestens einmal am Tag, um sicher zu gehen, dass er sich nicht doch aus irgendeinem Fenster geschmissen hatte. Bisher hatte sie Glück gehabt. Bisher hatte es einen Abend gegeben, an dem er es geschafft hatte, sich aufzuraffen und mit ihr zu Abend zu essen und hatte ziemlich furchtbar ausgesehen, aber das würde sich schon irgendwie bessern. Er brauchte wahrscheinlich nur Zeit und ein paar Sitzungen mit seinem Psychiater. Niamh fragte sich nur, warum er überhaupt noch hier war. Sie selbst wollte langsam eigentlich wirklich nach Hause. Der Trip hätte nie so lange werden sollen und sie vermisste ihre Familie. Aber irritierenderweiße brauchten ihre erwachsenen Brüder - und Andrew - sie gerade mehr, als ihre beiden Kleinkinder, also hatte sie keine andere Wahl, als zu bleiben. Sie konnte nur hoffen, dass Ezra sich ein wenig mit dem Aufwachen beeilte.
    • Andrew

      Es gab nichts, das Andrew weniger lag, als tagelang ohne richtige Beschäftigung herumzusitzen. Er besuchte Ezra bei jeder Gelegenheit, die er bekam, auch wenn er den Anblick langsam nicht mehr ertragen wollte und überlegte, wie man ihn vielleicht schneller wach bekam. Er vermisste es, mit Gerüchten zugequatscht zu werden und sich alles über die neueste Netflixserie anzuhören. Eigentlich wäre ihm alles recht, solange Ezra nur über irgendetwas redete.
      Dazwischen kümmerte er sich um die Kinder, die auch zunehmend rastlos wirkten, was kein Wunder war, wenn sie sich kaum frei bewegen konnten, geschweige denn aus dem Hotel raus durften. Sie waren alle zeitweise ziemlich frustriert, weshalb er Niamh ziemlich dankbar für die Ablösungen war, weil er sonst auch den ganzen Tag mit verschiedensten Spielen beschäftigt war und er langsam keine Energie mehr hatte, um ständig so zu tun, als wäre er motiviert, damit seine Laune nicht auf die Kinder überschwappte. Wenn er nicht geradezu krampfhaft versuchen würde, das beste aus der Situation zu machen, könnte das Ganze vielleicht sogar etwas Spaß machen. Aber dann fiel ihm wieder ein, worüber er letztens mit Niamh gesprochen hatte und er kippte wieder in die Gedankenspirale, wie furchtbar er als Vater wäre.
      Dadurch kam es, dass er nach den letzten Krankenhausbesuchen mehr oder weniger darum gebettelt hatte, seine MLO Kollegen zu ein paar Suchtrips zu begleiten. Suche… nach quasi allem, das irgendwie mit Nadia zu tun haben könnte. Glücklicherweise traf er dabei nicht zu oft auf Richard. Er gab die Information weiter, die er damals nicht ganz legal von Thomas erhalten hatte: Das Waisenhaus musste eines von denen gewesen sein, in dem Nadia aufgewachsen ist, falls es da überhaupt mehrere gab. Er besprach erneut das seltsame Ferienhaus im Wald, dessen Standort er nicht kannte. Alles, was sie dazu bringen könnte, ein paar Fakten zur verknüpfen und die Suche zu erleichtern.

      Er war rundum beschäftigt, nur um nicht länger in Stille zu sitzen, als notwendig, und wenn er in seinen Träumen nicht von verschiedensten Szenarien heimgesucht wurde, wie Menschen ihn in seinem Leben verlassen hatten, dann ging sein Plan halbwegs auf und er fühlte sich wenigstens produktiv. Das war das Ziel gewesen, nichts weiter, nur hatte er nicht bedacht, wie das von außen betrachtet wohl aussah.
      Nach den letzten Monaten gab es äußerst wenig, das ihn noch überraschen konnte – das dachte er zumindest, aber das Leben fand immer neue Wege, um ein paar dramatische Wendungen einzubauen. Die Einladung zu einem Zoom Call mit dem MLO Vorstand hatte ihn also erstmal schwitzen lassen. Er war sich sicher, dass er gefeuert werden würde. Den ganzen Tag hatte er darüber nachgedacht, spekuliert, und ihm war kein anderer Grund eingefallen. Es war offensichtlich. Ezra und er hatten sich entgegen des Plans entschlossen alleine loszuziehen und nun lag einer von ihnen im Koma und der andere brachte garnichts auf die Reihe.
      Dass sah Professor Dr. Harald Godwin anders. Der Videocall, den Andrew persönlich mit seinem Chef halten durfte, war… interessant. Eigenartig. Überraschend. Vor allem aber war Andrew sich sicher, Ezra gleich im Koma Gesellschaft zu leisten.
      Eine Beförderung. Er sollte zukünftig direkt unter Godwin assistieren und sich mit der Leitung der Organisation vertraut machen, weil er scheinbar der Auserwählte war. So hatte Godwin es jedenfalls voller Überzeugung genannt und bei Andrew einen derart schockierten Gesichtsausdruck heraufbeschworen, wie er ihn bisher noch nicht gesehen hatte. Allgemein hatte Godwin wie schon bei der seltsamen Aufnahme-Zeremonie etwas neben der Spur gewirkt und Andrew kannte ebenso die Gerüchte, dass er an Demenz litt und eigentlich in keiner Position mehr war, eine Firma zu leiten. Der Kampf um die Stelle, die Andrew nun gerade grundlos in den Schoß gefallen war, war in den letzten Monaten offensichtlich gewesen.
      Nur… ganz so grundlos war es in Godwins Augen nicht. Er hatte davon gesprochen, dass Andrew und sein Kollege eine hervorragende taktische Entscheidung getroffen hatten, indem sie Nadia ins Waisenhaus gefolgt hatten. Dann hatte er ein paar Mal das Wort 'heroisch' benutzt, weil Andrew Ezra aus dem Haus getragen hatte, inklusive der Kinder. Wie sich das genau herumgesprochen hatte, wusste er nicht. Was ihn aber besonders überzeugt hatte, war Andrews unermüdliches Engagement, sich weiterhin um die Suche nach Nadia zu kümmern, während er auf die Kinder aufpasste und sich in jeder freien Sekunden nach seinem gefallenen Kollegen erkundigte. Nur, dass der noch nicht gefallen war. Aber Andrew wollte ungern die Aufmerksamkeit des alten Herren auf seine Beziehung mit Ezra lenken, wenn ihm gerade eine unfassbare Gehaltserhöhung versprochen wurde.

      Andrew fühlte sich entsprechend taub, als der Anruf endete. Das war vermutlich das Resultat, wenn man zu vieles auf einmal fühlte. Er hatte sich natürlich nicht gegen die Beförderung ausgesprochen, da er auch das mit der möglichen Kündigung bis zum letzten Augenblick für sich behalten würde, aber noch nie hatte er es dringender gebraucht, sich mit Ezra auszutauschen, als jetzt. Er hatte genug von diesen verrückten Missionen und davon, seinen Freund im Sterben liegen zu sehen, aber… das eröffnete neue Möglichkeiten, oder nicht? Wenn er den Laden irgendwann selbst schmiss, konnte er schließlich entscheiden, wer wo wann welcher Gefahr ausgesetzt werden würde. Und Ezra würde er so sehr bevorzugen, dass jeder seiner Angestellten ihn hassen würde und es war Andrew völlig egal.
      Außerdem… hatte er immer eine leitende Position haben wollen. Nicht gerade bei MLO, aber wenn man es ihm schon anbot… Es wäre doch dumm, das abzulehnen, oder nicht? Auch, wenn sich traumatisierte Teil von Andrews Gehirn vehement dagegen sträubte.
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    • Caleb

      Es war mitten in der Nacht, als der Anruf kam. Caleb konnte sich beim Aufwachen schon nicht mehr daran erinnern, was genau er geträumt hatte, aber sein Herz schlug einen Ticken zu schnell, als dass es irgendetwas nettes gewesen war. Das klingelnde Handy machte es irgendwie nicht besser - das letzte mal, als er aus dem Schlaf geklingelt worden war, hatte Steve ihm immerhin erklärt, dass Ezra im Koma lag. Vielleicht wurde ihm deshalb ein bisschen übel, als er den Anruf annahm und sich das Handy ans Ohr hielt, um sich mit einem knappen "Bailey" zu melden.
      "Hallo Mr. Bailey", meldete sich eine Dame, die für die Uhrzeit viel zu wach klang. "Komarova vom Central Hospital hier. Bitte entschuldigen sie die späte Störung. Ihr Bruder ist soeben aus dem Koma aufgewacht. Sie wollten informiert werden."
      "Geht es ihm gut?", fragte Caleb, während er sich so schnell aufrecht hinsetzte, dass ihm kurz schwarz vor Augen wurde.
      "Den Umständen entsprechend. Er ist noch nicht ganz ansprechbar. Ich nehme an, dass Sie vorbeikommen wollen?"
      Caleb schlug die Bettdecke zur Seite und stellte den Lautsprecher des Handys an, um keine Sekunde zu vergeuden und sich nebenbei etwas anziehen zu können. "Ja", antwortet er hastig, während er den nächstbesten Pullover aus seinem Koffer zog. "Oh, ich werde Mr. Andrew Morgan ebenfalls Bescheid geben", fuhr er fort. Zum einen war das wahrscheinlich das Mindeste, was er für Andrew tun konnte, zum anderen war er sich ziemlich sicher, dass Andrew ihn umbringen würde, wenn er ihm verschwieg, dass Ezra endlich wach war. Anders herum hätte er es wahrscheinlich ebenso gehandhabt.
      "Ähm, ich bin mir ziemlich sicher, dass Mr. Morgan bis zur Besuchszeit morgen warten kann", antwortete Frau Komarova, hörbar irritiert.
      "Nein, er ist-" Caleb stockte kurz, während er nach seiner Jeans griff. Sie waren immer noch in Russland. Er war sich ziemlich sicher, dass das ein paar der Ärzte und Pfleger im Krankenhaus sich ihren Teil gedacht haben müssen, wenn Andrew jeden Tag an Ezras Bett saß, aber offen zuzugeben, dass beide zusammen waren, wäre wahrscheinlich trotzdem ein riesiger Fehler. Aber wie sollte er sonst rechtfertigen, dass Andrew außerhalb der Besuchszeiten reingelassen wurde? Langsam bereute er es, sich in den letzten Tagen die doppelte Dosis Antidepressiva eingeworfen zu haben. Er hatte es zwar ziemlich effektiv geschafft, das Gedankenkarussel zu stoppen, dafür machte die damit einhergehende Müdigkeit auch ganz normales Denken furchtbar schwer. "Hören Sie", setzte er an, während er Shorts gegen Jeans tauschte, "Andrew ist der einzige Grund, warum mein Bruder überhaupt noch lebt. Die beiden arbeiten seit Jahren zusammen. Er kennt meinen Bruder besser, als ich es tue. Ich bin mir sicher, dass Ezra auf ihn deutlich besser reagieren wird, als auf mich." Er sparte es sich, irgendwas anderes mit seinen Haaren anzustellen, als nur einmal kurz mit seinen Fingern durch zu gehen, schnappte sich wieder das Handy, schaltete den Lautsprecher wieder aus und hielt es sich ans Ohr, während er kurz nach seiner Zimmerkarte suchte.
      "Ich weiß nicht, ob-"
      "Es ist nur eine Person und ein Extremfall", fiel Caleb ihr ins Wort. "Bitte machen Sie nur dieses eine mal eine Ausnahme." Er blieb mit der Hand auf der Türklinke stehen, während seine Gesprächspartnerin kurz schwieg.
      "Okay. Aber nur dieses eine mal."
      Caleb atmete erleichtert aus. "Danke. Bis gleich." Er legte auf, drückte die Tür auf und beeilte sich nach draußen zu kommen. Es war nicht sonderlich weit bis zum Krankenhaus, aber er würde trotzdem ein Taxi nehmen, um schneller zu sein. Zumal er sich besseres vorstellen konnte, als um drei Uhr morgens durch Moskau zu laufen. Er wartete, bis er im Taxi saß, bevor er Andrews Nummer wählte, ein wenig unsicher, ob Andrew überhaupt abheben würde. Sie hatten nicht mehr miteinander gesprochen, seit sie im Krankenhaus im Streit auseinandergegangen waren und auf seine kurze Nachricht hatte Andrew auch nicht reagiert. Caleb biss sich auf die Unterlippe, während es klingelte und war ein wenig erleichtert, als Andrew tatsächlich abhob.
      "Hey. Ezra ist gerade aufgewacht. Ich hab dem Krankenhaus Bescheid gegeben, dass sie dich reinlassen sollen", erklärte er, ohne Andrew die Chance zu geben, irgendwas anderes zu sagen. Irgendwie kam die Tatsache, dass Ezra wach war erst jetzt so richtig bei ihm an. Das war ein gutes Zeichen. Er hatte überlebt, er war wach. Jetzt mussten sie nur noch darauf warten, dass die ganzen anderen Wunden heilten und dann war alles wieder so wie vorher. "Ich bin auch gerade auf dem Weg", fuhr er fort, "Bis gleich."

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    • Andrew

      Elena, die Andrew in den letzten Tagen liebevoll Elli getauft hatte, weil der volle Name deutlich zu ernst für so ein niedliches Gesicht klang, machte es absolut unmöglich, eine Nacht durchzuschlafen. Sie mochte süß aussehen, was Andrew ohnehin etwas überforderte, weil er Kinder nie besonders süß gefunden hatte, aber sie hatte starke Lungen und hasste das gottverdammte Kinderbett. Andrew bekam schon kaum ein Auge zu, aus Angst sich auf diesen winzigen Körper zu rollen, was Elli weniger gut wegstecken würde als Ezra, aber dann klingelte auch noch sein Telefon und riss ihn aus dem Dösen. Die Genervtheit wurde jedoch in Sekundenschnelle von Panik abgelöst, als er Calebs Namen auf dem Display erkannte.
      Er hebte sofort ab, ohne Rücksicht auf die schlafenden Kinder, was er sofort bereute, als Elli im Hintergrund zu meckern anfing. Schon wieder wach. Juhu. "Caleb, was-" Was gibt es, hatte er locker fragen wollen, um seine Angst zu überdecken, aber der Blonde ließ ihm keine Sekunde bevor er die Neuigkeiten herunter ratterte. Eigentlich hätte ihm das Wort 'aufgewacht' schon gereicht, um sich sofort in andere Klamotten zu werfen und wohl zum ersten Mal in seinem Leben ohne sich die Zähne zu putzen oder die Haare zu stylen, aus dem Haus ging. Er überließ seiner wundervollen Nachtwache vor der Tür die Verantwortung für die Kinder, von denen zwei glücklicherweise auf magische Art noch schliefen. Aber Andrew hatte ja nicht viel gesprochen, er war mehr oder weniger einfach losgerannt. Er ging schnurstracks auf das erste Taxi zu, das er sah, ließ sich beim Krankenhaus nach fünf Minuten absetzen und hatte absolut keine Ahnung, wie er bei Ezras Zimmer angekommen war. Die Anreise war ein schwarzer Fleck in seiner Erinnerung. Alles, woran er denken konnte, war Ezra zu sehen, wach und redend und blinzelnd.
      Caleb war bereits im Zimmer, als Andrew hereinplatzte und überfordert in Richtung Bett ging.
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    • Caleb

      “Cal! Du siehst furchtbar aus!”
      Ja, Ezra war definitiv wach. Er versuchte, sich aufzusetzen, als Caleb ins Zimmer kam und wurde von einer Krankenschwester wieder zurück ins Bett gedrückt. Der Arzt, der auch schon beim letzten mal dabeigewesen war, Steponov, wenn Caleb sich richtig erinnerte, stand auf der anderen Seite des Bettes und sah auf ein Klemmbrett in seinen Händen.
      “Du solltest dich mal sehen”, antwortete Caleb trocken, während er den Zeigefinger zur Seite schob, den Ezra ihm entgegenstreckte. Er war sich nicht ganz sicher, was genau sein Bruder versuchte, ob er auf die dunklen Ringe unter seinen Augen deuten, oder ihn gegen die Stirn tippen wollte. Wahrscheinlich wusste Ezra es selbst nicht. Er sah ein wenig so aus, als hätte er die Nacht in einem Pub verbracht und sich ordentlich betrunken. Noch nicht ganz bei sich. Müde, obwohl er die letzten Tage mit Schlafen verbracht hatte. Trotzdem hellte sich sein Gesicht begeistert auf, als sich die Tür zum Zimmer öffnete und Andrew herein kam.
      “Andrew!” Ezra versuchte erneut, sich aufzusetzen und wurde wieder zurück auf das Kissen gedrückt. Er streckte den Arm, der nicht eingegipst war, in Andrews ungefähre Richtung, während ein kleines Lächeln auf seinen Lippen erschien.
      “Ah.” Der Arzt sah von seinem Klemmbrett hoch. “Dann sind ja jetzt alle da. Wie Sie sehen ist Mr. Fitzsimmons wach und ansprechbar, aber noch nicht ganz bei sich. Das liegt an den Schmerzmitteln und wird sich in den nächsten Tagen geben.”
      “Ich bin nie ganz bei mir”, schaltete sich Ezra mit einer Ernsthaftigkeit ein, die selbst dem Arzt ein kurzes, amüsiertes Lächeln auf die Lippen zauberte.
      “Die Werte sehen soweit gut aus. Ich möchte Sie trotzdem bitten, ihn nicht zu sehr zu überfordern.” Er braucht immer noch Ruhe.” Dr. Steponov ließ das Klemmbrett sinken, offenbar seine Art zu zeigen, dass er fertig mit seiner Diagnose war. “Ich gebe Ihnen ein paar Minuten. Denken Sie nur daran, dass Sie alle drei genug Schlaf brauchen. Wir können alles Weitere morgen besprechen.”
      “Danke.” Caleb lächelte knapp, während der Arzt der Krankenschwester zunickte und beide das Zimmer verließen, dann trat er selbst einen Schritt zurück, um Andrew und Ezra etwas mehr Platz zu lassen. Ihm selbst reichte es zu sehen, dass Ezra sich bewegte, redete und offenbar keine allzugroßen Schmerzen hatte, auch wenn er so aussah, als ob er jeden Moment wieder einschlafen könnte.
    • Andrew

      Andrew lächelte und wischte sich ein paar Tränen aus dem Gesicht. Sobald der Arzt gegangen war, kam er näher ans Bett und griff nach Ezras Hand, die er eben ausgestreckt hatte. Er beugte sich herunter und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn, bevor er sich auf den Stuhl setzte.
      „Wie geht‘s dir? Dir tut nichts weh?“, fragte er und musterte die grünlichen Flecken, die langsam am verschwinden waren. Er strich mit dem Daumen sanft über Ezras Hand und schluckte ständig seine Tränen herunter. Dass er stundenlang spekulieren musste, ob Ezra überhaupt noch lebte, nachdem sie eingeliefert worden waren, hing in Form eines unangenehmen, erdrückenden Gefühls noch immer in ihm fest und schien sich erst ganz langsam aufzulösen, mit jedem Wort das Ezra von sich gab.
      Andrew drehte sich ganz kurz zu Caleb herum. „Danke für den Anruf“, sagte er. Ja, ein wenig hatte er wirklich gezweifelt, ob Cal ihn nochmal freiwillig ansprechen würde, egal worum es ging. Auch, wenn Andrew noch der Meinung war, dass er völlig durchgeknallt war, weil er mit Richard ausging. Die Information würde er Ezra erstmal ersparen, und… so wie er aussah, wohl auch alles andere. Zumindest bis morgen. Er war aufgewacht, alles andere war gerade nebensächlich.
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    • Ezra

      Ezra hatte keine Ahnung, wo er war und warum er hier war. Das letzte, an was er sich erinnerte, war, dass sie die Mission gehabt hatten, Nadia zu stellen und dass das Waisenhaus gebrannt hatte, aber beide dieser Momente fühlten sich eher wie Fakten an, die man irgendwann mal in einem Buch gelesen hatte, als wie etwas, was ihm selbst passiert war. Er hatte keinerlei Erinnerung daran, wie das Haus ausgesehen hatte, oder wo wer wann gewesen war. Insgesamt hatte er das Gefühl, dass jemand sein Hirn genommen, es in einen Mixer geworfen und dann in seinen Kopf zurückgekippt hatte. Sein Arm juckte unter dem Gips, seine Rippen fühlten sich ein wenig so an, als ob jemand auf ihm sitzen würde und er hatte Schwierigkeiten, wach zu bleiben, aber Andrew war hier, also würde schon alles gut werden.
      “Alles okay”, versicherte er, während er Andrews Hand hielt und das Gefühl hatte, dass es ihm wirklich direkt schon viel besser ging. Am liebsten hätte er ihn direkt mit sich ins Bett gezogen, um ihn an sich zu drücken, aber jede Bewegung zog und sein Arm fühlte sich so an, als könnte er gerade noch so ein Blatt Papier heben. Er bekam am Rande mit, dass Caleb sich mit einem kleinen "Gleich wieder da" entschuldigte und das Zimmer verließ, aber das interessierte ihn weniger. Das bisschen Aufmerksamkeit, das er mühsam zusammenkratzen konnte, lag bei Andrew.
      “Ich will wirklich gerne nach Hause. Und irgendwas fettiges essen. Ich glaube, ich hab von dir geträumt, aber wir waren Kieselsteine. Das war furchtbar verwirrend. Wo sind wir hier überhaupt?” Er blinzelte kurz, bemüht, seine Augen offen zu halten. Eigentlich wusste er selbst nicht mehr so richtig, was er sagte. Er wollte nur nicht wieder einschlafen und aufwachen, wenn Andrew weg war, auch, wenn sich seine Lider schwer wie Blei anfühlten.


      Caleb


      Caleb winkte Andrews Dankesbekundung kurz ab, bevor er den Raum verließ. Zum Glück hatte er Zigaretten und Feuerzeug immer in der Jackentasche, also steuerte er den Eingang des Krankenhauses an, um Ezra und Andrew ein wenig Zeit zu geben und...sich selbst vor der viel zu harmonischen Beziehungspräsentation zu retten. Natürlich hatte er Andrew Bescheid gegeben. Es gab sonst niemanden, der Ezra so schnell zum Lächeln brachte.
      Trotz der späten Uhrzeit war er nicht alleine draußen. Zwei Pfleger standen unweit von ihm ebenfalls rauchend und miteinander scherzend zusammen. Krankenhäuser waren irgendwie nie so wirklich still. Caleb ließ sich Zeit, bevor er den Zigarettenstummel in den nächsten Aschenbecher schnippte und wieder rein ging. Die Nächte waren immer noch furchtbar kühl, aber die Luft im Krankenhaus kam ihm im Vergleich furchtbar stickig vor. Er stoppte an einer der Kaffeeautomaten zwischen, um sich selbst noch mehr Zeit zu geben, bevor er wieder Ezras Zimmer ansteuerte.
      Als er die Tür wieder öffnete, hatte Ezra die Augen zu. Es war seltsam beruhigend zu wissen, dass er sie diesmal wieder öffnen würde, wenn man ihn nur hart genug durchschütteln würde. Kleinigkeiten, die man sonst als viel zu selbstverständlich betrachtete, offensichtlich. Caleb stellte den zweiten Kaffee in Andrews Reichweite auf Ezras Nachttisch, bevor er zurück zu seiner Position an der Fensterbank ging.
      "Habe ich was verpasst?", fragte er, bevor die Stille irgendwie unangenehm werden konnte. Er hatte keine Ahnung, worüber er sonst mit Andrew reden sollte, ohne direkt irgendeine Art von Konfrontation auszulösen.
    • Andrew

      Verdammt. Er hatte sich noch nie so sehr darüber gefreut, dass ihn jemand im Traum mit einem Kieselstein verband. Es war wahrscheinlich, dass die Medikamente aus Ezra sprachen, aber ehrlicherweise würde er Andrew von dem Traum wohl auch im nüchternen Zustand begeistert erzählen, und auch der Traum an sich wäre keine Seltenheit.
      „Was fettiges?“, fragte Andrew belustigt und wischte sich wieder übers Gesicht, weil ihm grundlos unaufhörlich einzelne Tränen über die Wangen liefen. Was war das? Hatte diese ganze Sache seine Tränendrüsen so sehr gereizt, dass er für immer zum Wasserfall mutiert war?
      „Komisch, dass du keine Lust auf mehr Infusionen hast. Aber wir können morgen sicher eine Portion Pommes arrangieren“, sagte er lächelnd. Ezra tat sich sichtlich schwer, die Augen offen zu behalten. „Wir sind im Krankenhaus und wir fliegen bald nachhause, keine Sorge“
      So bald wie möglich, aber Ezra musste sich bestimmt noch durch ein paar Check-ups quälen, bevor die Ärzte grünes Licht für einen Flug gaben. Aber Andrew konnte es ebenfalls kaum erwarten. Zuhause sollte er Ezra vielleicht zwingen, schnell irgendein Formular für eine eingetragene Partnerschaft zu unterschreiben, oder so, sofern man Standesbeamte ins Krankenhaus einladen konnte, denn so schnell konnte Ezra sicher nicht ganz nachhause.
      „Ich bring dir morgen Snacks mit, wenn Besuchszeit ist“, meinte er und redete nun eigentlich nur noch vor sich hin, um Ezra die Anstrengung zu ersparen und damit er zumindest wusste, dass Andrew hier war. „Chips, irgendein Sandwich vielleicht… das Krankenhaus-Essen ist hier nicht gerade ideal, kleine Vorwarnung. Aber vielleicht geben sie sich bei dir mehr Mühe, wenn ich ihnen ein bisschen drohe. Wenn es dir morgen früh besser geht, kannst du ja mal schauen, ob dein Handy irgendwelche Schäden davongetragen hat. Es liegt neben dir im Regal. Dann musst du mich anrufen, und mir sagen, welche Chips du willst, und ich schau mal, welche Sorten ich an den Bildern erkennen kann“ Andrew war sich ziemlich sicher, dass Ezra schon wieder weggedöst war. Vielleicht redete er auch nur, um sich selbst vorzugaukeln, wieder ein Gespräch mit ihm führen zu können. „Erzähl mir morgen, was du geträumt hast“, murmelte er. Dann kam Caleb zurück ins Zimmer.
      Andrew drehte sich herum. „Nichts“, antwortete er ihm knapp. Er war sich selbst nicht sicher, ob er sauer auf Caleb war und in welchem Ausmaß. Vermutlich konnte ihm das alles irgendwie egal sein, aber Ezra hatte ihn wohl damit angesteckt, sich in alles einmischen zu wollen. Und ganz im ernst, Richard? Richard hasste Ezra, wie konnte Caleb das ignorieren? Es war unmöglich, dass er es nicht wusste. Oder war das so leicht, weil sie sich über zehn Jahre nicht gesehen hatten? War dann plötzlich alles egal? Das war nicht fair. Andrew wusste, dass es Ezra nämlich nicht egal war. Er sorgte sich immernoch irgendwie um seine Geschwister, sonst hätte er sich kaum um den Kontakt gekümmert. Es war einfach nicht fair, wenn Caleb ihm auf so eigenartige Weise in den Rücken fiel.
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    • Caleb

      Wundervoll. Das lief wirklich einfach wundervoll. Wenn die Stille zwischen ihnen vorher schon nicht seltsam gewesen wäre, wäre sie es spätestens jetzt. Caleb klammerte sich mit beiden Händen an seinen Kaffeebecher, während er an Andrew vorbei zu Ezra sah, darauf hoffend, dass dieser in den nächsten paar Sekunden wieder wach werden würde, um ihn irgendwie zu erlösen. Aber Ezra schlief und ließ sie mit der unangenehmen Stimmung alleine.
      "Es tut mir leid", setzte Caleb leise an, während er wieder von Ezra zu Andrew herüber sah. "Die ganze Sache mit Richard", spezifizierte er überflüssigerweise. "Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Es war unfassbar dämlich. Es- es tut mir leid." Und das schlimmste an der Sache war, dass ein kleiner Teil von ihm immer noch versuchte ihm einzureden, dass es gar nicht so blöd gewesen war. Die Aufmerksamkeit war nett gewesen, egal, ob gespielt oder echt. Gott, was für ein erbärmlicher Gedankengang.
      "Ich hab nicht mehr mit ihm gesprochen, seit-" Er deutete kurz vage auf den Raum um sie herum, bevor er wieder den Kaffeebecher umklammerte. "Falls es das irgendwie besser macht. Tut es nicht. Sorry, das war ein blöder Gedanke, ich-" Er schloss die Augen und zwang sich durchzuatmen und kurz wenigstens eine Sekunde nachzudenken. In seinem Kopf fühlte sich jeder Gedanke wie Kaugummi an.
      "Kannst du mir den Gefallen tun und Ezra nichts sagen? Ich will es ihm selbst beichten, wenn er wieder fit ist", schloss er mit einer absoluten Lüge. Eigentlich wäre es Caleb definitiv lieber, wenn Andrew es Ezra erzählen würde. Dann müsste er sich nicht mit dem ersten Schock auseinandersetzen und nur irgendwie mit dem Nachspiel klarkommen, aber das alles kam ihm zu feige vor, um es laut auszusprechen. Ezra würde ihn hassen und dann wäre er wieder dort, wo er angefangen hätte - alleine mit Niamh und seiner angeknacksten Psyche - aber wenigstens konnte es dann nicht mehr schlimmer werden, oder?
    • Andrew

      Das war irgendwie überraschend. Andrew hatte keine sofortige Reue erwartet, auch wenn es irgendwie Sinn machte. Wer würde es nicht innerhalb kürzester Zeit bereuen, Richard zu daten. Oder… gedated zu haben, wie es schien. Urgh, Gott sei Dank.
      Andrew schwieg einen Moment, um das kurz zu verarbeiten. „Du musst dich nicht dafür entschuldigen, dass du mit Richard… was auch immer hattest. Ich finde nur, dass man es nichtmal mit Satan persönlich schlechter treffen könnte und Ezra hasst ihn vermutlich noch mehr als ich, also… Es war ein wenig… seltsam“ Eigentlich war er bloß so wütend gewesen, weil Richard ihn schon wieder ohne guten Grund angegangen war. Und dann, weil Cal ihn verteidigt hatte. Die Beziehung war nur noch irgendwie dazu gekommen und hatte es nicht besser gemacht, aber weder Ezra noch er konnten kaum jemandem vorschreiben, mit wem er sich abgab.
      „Oh, keine Sorge, das überlasse ich dir. Ich hab… genug andere Dinge, die ich ihm irgendwie beibringen muss“, meinte Andrew sofort und bekam schon Panik, wenn er nur daran dachte. Wenn die ihm Sache mit Richard und Caleb abgenommen wurde, war er durchaus dankbar.
      Andrew stand auf. Es hatte wenig Sinn, Ezra jetzt beim Schlafen zuzusehen, und Andrew wollte seinen Kollegen nicht ewig in seinem Hotelzimmer bei den Kindern sitzen lassen. Was… eigenartig war. Schließlich war er auch nur ein x-beliebiger MLO-Mitarbeiter, der auf die Kinder aufpassen musste. Wo war da schon der Unterschied? Aber er war deutlich zu müde und gedanklich ganz woanders, um sich jetzt mit solchem Kleinkram wie Intuitionen herumzuschlagen.
      „Ich nehm mir ein Taxi zurück ins Hotel, willst du teilen? Meins ist nicht so weit weg von deinem“, bot er Caleb an. Das war zwar ein seltsames Friedensangebot, aber die Taxis waren hier echt teuer und langsam spürte Andrew wie seine Geldtasche immer leichter wurde.
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