The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Wyatt


      Warum war er überhaupt mitgekommen, wenn Emma ihn doch nur vorführte? Wenigstens schien Kaia ihren Spaß zu haben. Super. Alles, was er über sie wusste war, dass sie offensichtlich ihren Bruder als ihr externes Portmonee nutzte und dass er sie nicht in Videospielen schlagen sollte. Zumindest nicht zu oft, was kein Problem werden würde, weil Wyatt sich nicht sicher war, ob er sie überhaupt nochmal sehen wollen würde. Sicher, wie war nett und würde super in ihre kleine Freundesgruppe passen, aber er würde sich wahrscheinlich nur die nächste Person angeln, die sich über ihn lustig machen würde und am Ende des Tages wusste er nicht, wie nervig moralisierend sie noch werden könnte. Irgendwie schien das was zu sein, was alle sich antrainierten, wenn sie zu lange im Jugendzentrum waren, hatte er das Gefühl. Wenigstens hatte sie einen einigermaßen akzeptablen Filmgeschmack.
      "Eins bis drei ist super, vier bis sechs hat zu viel Hate bekommen und sieben bis neun zu wenig, für die falschen Gründe. Aber die Memes über die neuen Filme sind gut. Ich hatte einen Freund, der voll in der Reihe aufgegangen ist. War mega interessant, aber das hat die Länge der Filme fast verdoppelt. Alles nerdige, was ich über den Film weiß, weiß ich gegen meinen Willen", erklärte er abschließend.
      "Ich dachte, wir haben uns geeinigt, dass es eher geekig ist?", fragte Lucas grinsend von der Seite. Wy warf ihm einen pikierten Seitenblick zu, bevor er das Stück Sushi, das Lucas gerade in seinen Stäben hielt, mit einen eigenen Stäbchen anstuppste und es damit zurück auf den Teller beförderte. Er hatte noch keinen Plan, wie er mit den Dingern essen sollte, aber zur Selbstverteidigung reichte es offenbar. Lucas sah kurz auf den Teller hinab, bevor er selbst ein wenig lachen musste.
      "Eine meiner Schwestern sammelt diese Monster High Puppen. Das ganze Zimmer ist voll damit. Das ist nerdig", erklärte Lucas, während er seelenruhig das Sushi wieder anhob. "Star Wars ist dagegen fast langweilig."
      "Können wir bitte über was anderes reden?", fragte Wyatt, während er auf das kleine Förderband vor ihnen deutete. "Könnt ihr was empfehlen?"
    • Andrew

      Es war erstaunlich. Andrew hatte das Gefühl, in einem einzigen Monat so viel Action reingeholt zu haben, dass das Universum beschlossen hatte, ihn für immer mit Ruhe und Frieden zu... belohnen. Ja, belohnen war das Wort, das er mittlerweile dafür nutzen würde. Seit Weihnachten schien für sie alles glatt zu laufen. Ezra und er führten ein unglaublich langweiliges Leben (so hätte er es vor einigen Wochen jedenfalls noch genannt), obwohl sie beide bei einer vermeintlichen Geheimorganisation arbeiteten, die, ganz nebenbei bemerkt, die entspanntesten Mitarbeiter auf dem Planeten zu haben schien. Vielleicht, weil sie alle längst zu Nihilisten geworden waren. Wenn man ständig Horrorszenarien ausgesetzt war, wurde es einem wohl irgendwann egal.
      Allerdings hielten die Horrorszenarien sich wirklich in Grenzen. Abgesehen von der unterschwelligen Panik dank der ständig bestehenden Hintergedanken zu Nadias erneuten Gefängnisausbruchs, lief alles erschreckend locker. Also, was, sie machten einige Nahtoderfahrungen, wurden gekidnappt, flogen um die halbe Welt und hatten das Leben damit durchgespielt? Mehr gab es nicht? Gut. Schön. Damit konnte Andrew, was ebenso schockierend war, sehr gut leben. Diese Erfahrungen hatten sein Gehirn völlig neu verkabelt, wie es aussah, denn die Adrenalinsucht, die er sein Leben lang verspürt hatte, ließ sich nun nicht mehr mit Verfolgungsjagden befriedigen, sondern mit einem guten Actionfilm. Einem guten Actionfilm. Ja, es gab qualitative Unterschiede. Die Erkenntnis hatte er Ezra zu verdanken. Wie auch die, dass er nun den Anspruch hatte, einen größeren Fernseher mit besserem Soundsystem zu kaufen. Und, das beste? Er konnte es sogar. Er konnte es sich leisten, weil MLO anscheinend auf einer verdammten Goldmine saß. Oder, naja, nationale Sicherheit war tatsächlich ein Bedürfnis, das großzügig finanziert wurde, egal, ob die Mitarbeiter auch was zu tun hatten oder nicht.
      Andrew konnte nicht lügen, er war absolut nicht für Büroarbeit geeignet, weshalb er sich eine ausgleichende Routine angeeignet hatte. Er machte wieder Sport. Um sich nach dem ganzen Sitzen etwas auszupowern. Das, oder er powerte sich an Ezra aus, das funktionierte ungefähr genau so gut.
      Und so ließ es sich eigentlich gut leben. Das dachte er sich jeden einzelnen Morgen. Vor allem an Wochenenden. Wenn er locker fünf Stunden vor Ezra wach wurde und die ersten paar Minuten damit verbrachte, wie ein Irrer aus einem dieser kranken Liebesromane (in die er ab und an hineinlas), durch seine Haare zu streichen und Ezra furchtbar zu nerven. Er wollte ihn nicht aufwecken, aber es half, ihn anzufassen, wenn Andrew sich morgens nicht ganz sicher war, ob er einer Fata Morgana gegenüber lag. Spoiler Alert, Ezra war unglaublich real. Was man beinahe als Wunder bezeichnen konnte, bei dem Kram, den er tagtäglich überlebte. Wie ein Cartoon Charakter, der sich auf die Erde geschlichen hatte.

      Andrew war in jedem Fall deutlich zu glücklich. Mehr, als er verdient hatte. Das wurde ihm sehr schnell klar, als man ihnen beiden mit den Worten 'Ihr seid dafür am besten geeignet' eine Mission zuteilte, die wenig mit Büroarbeit und Sitzen zu tun hatte. Eigentlich hatte er schon bei diesen vermeintlich nichtssagenden Worten seinen ersten Herzstillstand erlitten, aber er hielt an. Über das ganze Gespräch hinweg, dass Ezra und er so etwas wie Lockvögel für eine Massenmörderin spielen sollten. Eine Massenmörderin, die Andrew in seinen Träumen heimsuchte, weil sie es höchstwahrscheinlich zur ihrer Lebensaufgabe gemacht hatte, die Liebe seines Lebens umzubringen. Der Herzstillstand schien auch über die nächsten Tage und sämtliche Vorbereitungen hinweg anzuhalten. Der Druck auf seiner Brust hatte nichts mit ihm selbst zu tun. Er hatte nur ständig seinen geliebten Cartoon Charakter im Kopf, der nicht real sein konnte, und vielleicht bald nicht mehr real war, wenn sie Pech hatten. Und, oh, wenn sie etwas hatten, dann lebenslanges Pech.
      Andrew war nicht bereit dafür, in ein Flugzeug zu steigen. Er hatte genug von Moskau gesehen. Er hatte vor allem genug von kalten Kellern und brennenden Häusern, Autounfällen und schmerzerfüllten Waldspaziergängen. Und er wollte Nadia unter keinen Umständen wiedersehen. Es war absolut irre, dass sie sich ihr absichtlich in den Weg stellen sollten. Wer auch immer sich diesen Plan ausgedacht hatte, hätte lieber ein Science Fiction Autor werden sollen, und definitiv niemand, der reale Menschen in ihren sicheren Tod schicken durfte.
      Andrew war hin und hergerissen, ob er ein paar Entspannungsübungen machen und zum Optimisten konvertieren sollte, oder ob er die letzten Stunden, die sie auf der Welt noch hatten, einfach möglichst sinnvoll mit Ezra verbringen sollte. Aber was machte man denn, wenn man fünfzig Jahre in ein oder zwei Tage komprimieren musste?
      Die Beklemmung hielt sich jedenfalls. Er erwischte sich immer wieder dabei, wie er gedanklich den Plan durchging, ohne überhaupt zu wissen, womit sie wirklich rechnen konnten. Er wusste, dass Nadia gerade einen Feldzug quer durch Russland machte und irgendein Schlaumeier bei MLO wohl herausgefunden hatte, wo sie als nächstes zuschlagen würde. Sie hatten eine Chance. Das Kranke an der Sache war zudem, dass Zivilsten natürlich nicht vorgewarnt werden konnten, also... wenn Nadia sich von Ezra und Andrew nicht ablenken und sich fassen ließ, durften hunderte Menschen dran glauben. Wundervolle Aussichten, wie immer.
      Andrew vermied es, mit Ezra über diese Ängste zu sprechen, auch wenn sie vermutlich spürbar waren. Er hatte sich quasi in eine Statue aus Stein verwandelt und machte wirklich keinen guten Job mit seiner 'Ruhe ausstrahlen' Strategie, die vor allem Ezra entspannen sollte, aber auch ihn selbst. Andrew war nicht gut darin, sich selbst und andere zu manipulieren und er hatte es nie so sehr bedauert, wie jetzt.

      Für eine Mission zu packen fühlte sich ein wenig so an, wie für einen Urlaub zu packen. Allerdings waren die einzigen Urlaube, die Andrew erlebt hatte, auch zu 90% in Kombination mit ihren selbstauferlegten Missionen gewesen. Er konnte das also nicht wirklich beurteilen. Urlaub sollte sich vermutlich auch nicht anfühlen, wie eine 50/50 Chance, lebendig oder in einer Urne zurückzukommen.
      "Hey, denkst du, es ist im März dort temperaturmäßig wie hier oder eher... kälter? Oh, und ich hab schon zwei Regenschirme eingepackt, kannst du also von deiner Liste streichen", fragte Andrew leicht in Gedanken über seinen Reisekoffer gebeugt. Er hielt inne. "Du hast keine Liste, oder?" Die Frage konnte er sich wohl selbst beantworten.
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    • Ezra

      Es war seltsam - Ezra hatte auf den Knall gewartet und war am Ende doch überrascht gewesen.
      Die letzten Monate waren mit Abstand die schönsten seines Lebens gewesen. Er hatte sein kriminelles Leben an den Nagel gehangen, hatte den wundervollsten Menschen an seiner Seite, den es gab und nichts stand ihnen im Weg. Es war umwerfend. Noch zwei Kinder und ein Hund und er wäre sich sicher, dass er in einer komischen Lebenssimulation gefangen war, in der jemand versuchte, ihm alles zu geben, was er je wollte, damit er bloß nicht realisierte, dass nichts davon echt war. Vielleicht hatte er Kinder und Hund nur noch nicht, weil die Simulation verstanden hatte, dass auch so schon absolut alles perfekt war, wenn er mittags Wasserkocher und Kaffeemaschine anschaltete, um Zeit mit Andrew auf der Couch zu verbringen.
      Selbst mit dem Job bei MLO hatte er sich abgefunden, nachdem die ersten Monate verdächtig ruhig verlaufen waren. Die erste Mission mit Richard hatte ihm eigentlich schon gereicht, um alle seine Lebensentscheidungen nochmal zu überdenken, aber seitdem hatten sie deutlich öfter hinter einem Schreibtisch gesessen, als tatsächlich irgendwas annähernd gefährliches zu machen, was seine größte Sorge gewesen war. Es war überraschend, dass Andrew sich noch nicht beschwert hatte. Er hatte mehr Drama um seinen bevorstehenden Geburtstag gemacht, als um die fehlende Action, die ihm sonst immer so wichtig gewesen war. Ezra war sich nicht ganz sicher, ob Andrew sich einfach nicht beschweren wollte, oder sich damit abgefunden hatte, in welche Richtung sich sein Leben entwickelte und er hatte sich selbst zu viele Sorgen um die Antwort gemacht, um nachzufragen.
      Also ja, mit Ausnahme von ein paar kleinen Zwischenfällen war es absolut perfekt, weshalb Ezra von Tag zu Tag darauf wartete, dass irgendwas passierte, was alles wieder kaputt machen würde.
      Nadia war natürlich von Anfang an ein Grund zur Sorge gewesen. Sie waren ihr jetzt schon zwei Mal in die Quere gekommen und Ezra schätzte sie nicht als jemanden ein, der das einfach so hinnahm. Eigentlich rechnete er jeden Tag damit, dass sie irgendwann nach Hause kommen und Nadia auf dem Sofa sitzen würde, gekommen, um sie endlich loszuwerden. Aber es passierte nichts. Sie bekamen keine Anrufe, keine Besuche, keine abgehackten Gliedmaßen in kleinen Pappkartons, oder was Psychos eben sonst so sendeten. Stille. Es herrschte einfach nur Stille. Was vielleicht das Schlimmste war, was sie ihnen antun konnte.
      MLO war sein zweites Sorgenkind gewesen. Ja, sie verbrachten bisher viel Zeit hinter dem Schreibtisch, allerdings hatte der Job am Anfang noch deutlich anders geklungen und Ezra konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sie immer so viel Glück hatten und praktisch nichts tun mussten. Und irgendwie…wünschte er sich auch ein wenig Action für Andrew. Bei Steve zu sitzen und ihn mit viel zu persönlichen Fragen von der Arbeit abzuhalten hatte seinen Charme, aber es ersetzte keine Mission, bei der man seinen Kopf anstrengen musste und er wusste, dass sie irgendwann richtige Missionen bekommen würden.
      Er war auf den großen Knall, der seine perfekte Welt beenden würde, also vorbereitet gewesen. Aber Ezra hatte nicht damit gerechnet, dass sich seine zwei größten Sorgen so einfach kombinieren ließen, indem sie einen Auftrag erhielten, bei dem sie gezielt in Nadias Nähe kommen würden.
      Er wusste nicht so richtig, was er darüber denken sollte und Andrews steifer Art nach zu richten, war er damit wohl nicht alleine. Das Schlimmste war, dass die Mission irgendwie logisch war. Niemand hatte sich so mit Nadia auseinandersetzen müssen, wie sie beide. Sie wussten ungefähr, über welche Steine sie verfügte und wie sie vorging. Sie waren die unfreiwilligen Experten und Ezra wusste einfach, dass er ein schlechtes Gewissen haben würde, wenn sie irgendjemand anderen schicken würden, der ohne dieses Wissen verletzt wurde. Also blieb ihnen nichts anderes über, als die Koffer zu packen.

      Eigentlich hatte er gehofft, den Koffer erst wieder für einen entspannten Urlaub rauskramen zu müssen, aber das war ihnen wohl nicht vergönnt gewesen.
      "Natürlich habe ich einen Plan", behauptete Ezra, während er sein Handy zückte, um das Wetter in Moskau nachzuschlagen. "Du bist mein Plan." Er warf Andrew ein Grinsen zu, das irgendwo zwischen Nervosität und Zuneigung lag, bevor er sich zu ihm herüber lehnte, um ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken. An einen Regenschirm hätte er tatsächlich nicht gedacht. Sein Koffer war sowieso ein für ihn vollkommen uncharakteristisches Chaos. Er war sich sicher, dass er zu viele Socken eingepackt hatte und eigentlich alles viel effektiver verstauen könnte, aber die immer größer werdende Panik über die Mission blockierte ihn zu sehr, als dass er sich um sowas kümmern könnte.
      "Es wird kalt und...eventuell schneit es sogar noch." Er tippte kurz auf sein Handy, bevor er es wieder zurück in seine Tasche steckte. "Wenn wir irgendwann mal über Urlaub nachdenken, brauche ich einen Szenenwechsel." Er ging zurück zu seinem Schrank, um sich noch einen zusätzlichen Pullover raus zu holen, den er ebenso unorganisiert in den Koffer pfefferte, wie den Rest. Das einzige, was er wirklich überlegt reingelegt hatte, war ein dunkler Pullover gewesen, der ihn wahrscheinlich zum schlimmsten Freund aller Zeiten machte. Andrew hatte ihn darum gebeten, seinen Geburtstag nicht zu feiern, aber Ezra hätte einfach nicht damit leben können, ihm gar nichts zu schenken. Er war schlussendlich zu der Erkenntnis gekommen, dass ein Pullover definitiv nichts großes war, was Andrew in eine Existenzkrise schicken würde. Sein Plan war gewesen, ihn einfach zwischen Andrews andere Pullover zu mogeln und ihn dann zu gaslighten, dass er ihm immer schon gehört hatte, auch, wenn das kleine "love you", das er auf das Etikett gestickt hatte, was anderes sagte. Sein neuer Plan war, ihn einfach irgendwann zwischendurch in Andrews Koffer zu legen. Gaslighting weiterhin inklusive.
      "Ich wäre für Italien. Venedig soll schön sein. Oder Rom." Er lehnte sich gegen Andrews Schulter, während er beschloss, das Packen aufzugeben. "Oder Spanien. Was warmes, ohne Schnee und Regen." Und ohne Psychopaten, sie sie umbringen wollten. "Hast du zwei Zahnbürsten eingepackt? Ich bin mir gerade nicht mehr sicher, ob ich meine bei hab und ich hab keine Lust, alles wieder auszupacken."
    • Andrew

      Andrew seufzte. Wahrscheinlich konnten sie Ezras Koffer einfach gleich wieder ausleeren und damit überschüssiges Gepäck loswerden, weil er selbst völlig neurotisch für jeden kleinsten Notfall gepackt hatte und ja, er hatte eine zweite Zahnbürste eingesteckt, ohne zu wissen, in welchem bizarren Fall sie die benötigen könnten. Hier war er, der bizarre Fall. Ezra war mit seinen Packkünsten am anderen Ende des Spektrums, als Andrew. Und Andrew würde es in jedem anderen Szenario lieben, das Packen einfach für sie beide zu übernehmen, einen gesamten Urlaub alleine zu planen und Ezra zu erlauben, sein Gehirn völlig auszuschalten und sich einfach mit dem Wind tragen zu lassen.
      „Zwei Zahnbürsten“, nickte Andrew, der in den letzten Tagen vergessen hatte, wie man lächelte, weil die Muskeln in seinem gesamten Körper sich in einen fight-Modus angespannt hatten. Flight war keine Option, wenn er Ezra und sich selbst sich magisch ans andere Ende der Welt teleportieren konnte. Irgendwie hoffte er immernoch, dass MLO ihm so einen Stein zustecken würde. Sie waren natürlich ganz gut ausgerüstet, aber bestimmt nicht so gut, wie Nadia.
      „Ich würde auch gerne nach Griechenland“, hing Andrew letztlich noch an, weil er es nicht übers Herz brachte, Ezras Kopfkino nicht zu supporten. Und, wie unrealistisch war es denn wirklich, dass sie nachher ganz entspannt am Meer sitzen würden? Sie hatten immerhin Back-Up in Russland. Das ihnen in Frankreich absolut nicht geholfen hatte… aber vielleicht waren sie Russland ja noch etwas besser aufgestellt. Sehr viele ‚maybe‘s. Aber eigentlich blieb ihnen nichts anderes übrig, als auf das Beste zu hoffen, weil Andrew sich ziemlich sicher war, dass das hier die Art von Situation war, die Menschen in den klinischen Wahnsinn trieb.
      „Willst du noch was essen, bevor wir zum Flughafen fahren?“, fragte er und sah Ezra an, bevor er einen Arm um ihn legte und ihn etwas an sich zog. „Wir haben dort sonst sicher auch noch Zeit, uns eine Kleinigkeit zu holen“
      Andrew war sich selbst nicht sicher, ob sein Appetit nicht schwinden würde, je realer ihm die Situation vorkam, und Ezra würde wohl wieder mit seiner Flugangst kämpfen. Und die ‚letztes Abendmahl‘ Stimmung würde ihn wahrscheinlich auch stören, aber sie sollten sich trotzdem halbwegs normal verhalten.
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    • Ezra

      "Griechenland ist bestimmt auch schon. Athen, oder Thessaloniki." Er seufzte, bevor er seinen Kopf in den Nacken legte, um Andrews Hals zu küssen. "Wir müssen uns wirklich mal Gedanken machen, wie es mit Urlaub aussieht. Du könntest mich entführen, wohin du willst." Wortwörtlich. Für Andrew würde er bis ans Ende der Welt gehen und sich dabei über keinen Schritt beschweren. Zum Glück reisten sie nur nicht ans Ende der Welt, also war Beschweren aktuell noch eine Option.
      "Oh. Ich weiß nicht. Ich muss den Flug noch irgendwie überleben und ich habe keine Ahnung, ob da ein voller, oder leerer Magen besser ist." Eigentlich würde er sich am liebsten einfach Betrinken, um sämtliche Nervosität zu vergessen, aber das stand vollkommen außer Frage. Obwohl das vielleicht auch ein netter Weg war, um sich aus der Mission heraus zu winden. Obwohl er seinen Job dann wahrscheinlich auch relativ schnell los sein würde. Was es wert wäre, wenn er nicht den üblen Verdacht hätte, dass Andrew sich auch ohne ihn in Gefahr stürzen würde.
      "Wir können es mit einem Snack versuchen, wenn dir das reicht?" Falls er sich seine Essensentscheidungen im Flugzeug vor Nervosität 'nochmal durch den Kopf gehen lassen' würde, wäre sein Magen so zumindest nicht vollkommen voll. Obwohl es bisher immer gutgegangen war. Vor allem, seit Andrew bei Flügen neben ihm saß und ihn ablenkte. Ezra spielte abwesend mit dem Ring, den sein Freund ihn zu Weihnachten geschenkt hatte und seit dem an seinem Finger saß, als ob er angewachsen wäre. "Oder wir lassen das Schicksal entscheiden. Wenn wir auf dem Weg zum Flughafen an drei Restaurants auf der linken Seite vorbeikommen, stoppen wir im vierten, oder so. Irgendwas albernes halt." Irgendwas, was nicht so tiefreichende Folgen haben würde und was einfach nur albern und witzig war und vielleicht wieder ein wenig Leichtigkeit zurückbringen würde.
      "Wir könnten dann schon mal unseren Urlaub weiter planen. Oder nach einem neuen Fernsehschrank schauen. Die Soundbar ist super, aber mich stört, dass sie aktuell breiter ist, als der Schrank selbst." Was wohl das kleinste Problem war, mit dem er sich aktuell überhaupt ablenken könnte.
      "Okay, nein, ich habe gerade beschlossen, dir die Entscheidung abzunehmen. Wir gehen was essen." Er löste sich mit einem letzten kleinen Kuss von Andrew, um seinen Koffer zuzuklappen, nur, um ihn sofort wieder zu öffnen, sein Buch von seinem Nachttisch zu nehmen, es auf den schmerzhaft chaotischen Haufen an Kleidung zu werfen und den Koffer wieder zu schließen. Alleine die Tatsache, dass der Koffer sich problemlos schließen ließ war schon Grund genug zur Annahme, dass er die Hälfte vergessen hatte, aber er hatte gerade wirklich keinen Kopf dafür, irgendwelche Listen zu entwickeln. Mit ein bisschen Pech würden sie die nächsten Tage eh nicht überleben, egal, wie viele Hosen er eingepackt hatte. Außerdem war es nicht so, als ob man sich alles, was man vergessen hatte, nicht einfach in Russland nachkaufen konnte.
      "Also, fährst du, oder soll ich?"
    • Andrew

      Er schmunzelte. „Ein voller Magen ist dir also doch lieber?“, fragte Andrew und sah Ezra dabei zu, wie er notorisch ein Buch in seinen Koffer schmiss, für das er vermutlich eh keine Zeit finden würde. „Und worauf hast du Lust?“ Er hatte selbst gerade keine Präferenzen. Essen schien nur wie ein lebensnotwendiger Mechanismus anstatt etwas, das er gerade wirklich tun wollte.
      Andrew bekam seinen eigenen Koffer nur mit etwas mehr Gewalt zu, was ihn zu dem Gedanken führte, für den nächsten Urlaub einen größeren Koffer zu kaufen. Spannend, dass man sich solche Gedankengänge aneignete, sobald man einmal ein bisschen Geld in der Tasche hatte. Mal sehen, ob er am Leben bleiben konnte, um mit dem bisschen Geld auch noch etwas anzufangen. Obwohl er ja deutlich wichtigeres auf seiner Liste hatte, als einen Koffer oder einen Fernseher, aber das wollte er Ezra nicht mitteilen. Allerhöchsten würde er das, wenn sie beide tatsächlich kurz vor ihrem Tod standen.
      Andrew hatte in den letzten Wochen begonnen, sich handfeste Pläne für seinen definitiv verfrühten Antrag zu überlegen. Verfrüht, weil sie wirklich noch nicht lange zusammen waren, aber verspätet, weil sie so unglaublich viel Zeit verloren hatten und Andrew hatte nicht vor, noch mehr Zeit als notwendig verstreichen zu lassen, bevor er Ezra auch mit einem legalen Dokument an sich band, als würde Liebe nicht reichen. Aber wenn man Opfer von ständig zerfallenden Beziehungen war, dann ja, war Heiraten ein Back-Up, das ihn ruhiger schlafen lassen würde. Wenn Ezra irgendwann draufkam, dass Andrew ihm doch nicht reichte, vielleicht weil das Thema mit den Kindern wieder aufkam, dann hatte Andrew zumindest den ganzen Prozess einer Scheidung lang Zeit, um Ezra irgendwie zurückzugewinnen. Mit allen Mitteln. Seine Liebe war definitiv nicht von der selbstlosen Sorte. Er war noch nie gut darin gewesen, aufzugeben.
      Abseits davon hatte er sich noch nicht einmal für ein Konzept entschieden, wie er den Antrag machen wollte. Seine Intuition sagte ihm, irgendetwas gemütlich romantisches zu machen, wie zuhause für Ezra zu kochen, oder so. Aber dann schritt sein Gehirn ein, mit all dem Wissen, das er mittlerweile über Ezra hatte, und er wusste, dass er größer denken musste. Wenn er, aus genau dem Grund, aber durch Ezras Bücher blätterte, verzweifelte er nur. Sollte er eine Yacht mieten? Einen Privatstrand? Und dann kam die größte Frage von allen: Reichte ein Urlaub nach Italien oder Spanien denn auch für die Flitterwochen oder sollte er eher mal Hawaii anpeilen?
      In jedem Fall hatte er noch unglaublich viel durchzudenken. Sein Budget hielt sich ja auch in Grenzen. In drei, vier Monaten sparte man nunmal kein Vermögen an.
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    • Ezra

      "Fish 'n' Chips? Was wirklich britisches, bevor es nach Moskau geht?", schlug Ezra vor, während er seinen Koffer aufstellte und leicht zur Seite rollte. Am liebsten hätte er ihn wieder hingelegt, alles wieder ausgepackt und Andrew mit sich auf die Couch gezerrt, wo sie die restlichen Tage, Wochen, Monate sitzen würden, weit weg von Nadia und potentiell gefährlichen Missionen. Nur sie beide in ihrer kleinen, perfekten Beziehung, so lange, bis Nadias Amokläufe es wieder in die Nachrichten schaffen würden und sie ein schlechtes Gewissen bekamen, weil sie alles hätten stoppen können. Sie sollten wirklich aufbrechen, bevor Ezra sich die Sache nochmal überlegen würde.
      Ihre Abreise verzögerte sich nur kurz, als Ada sie im Hausflur abfing, um ihnen viel Glück zu wünschen. "Passt auf einander auf", wies sie an, während sie zuerst Ezra und dann nach einem kurzen Zögern Andrew umarmte. "Und landet nicht wieder in irgendwelchen Kellern", fügte sie beinahe genervt hinzu, während Liz ihrer Mutter nacheiferte und zuerst Andrew und dann - ein bisschen länger - Ezra umarmte. Nicht, dass er sich darauf etwas einbilden würde.
      "Wird schon schief gehen", antwortete er mit einem kleinen, hoffentlich aufmunterndem, Grinsen, während er Liz durch die roten Locken wuschelte. "Wir sind wieder hier, bevor du überhaupt merkst dass wir weg waren."
      "Nein. Das merkt man immer. Keiner von euch beiden hat je gelernt, eine Türe leise zu schließen." Ada seufzte theatralisch, konnte ein kleines Lächeln jedoch nicht vollkommen unterdrücken. Sie verabschiedeten sich mit einem letzten kleinen Winken, bevor Ezra und Andrew das Haus verließen und auf die Straße hinaus traten. Irgendwie fühlte es sich seltsam final an, so, als würde er nie wieder hierher zurück kommen. Ezra versuchte, dieses Gefühl bestmöglich zu unterdrücken , während er seinen Koffer zum Auto zog. Er sollte sich lieber auf die schönen Dinge konzentrieren. Zum Beispiel darauf, dass Ada sich über die letzten Monate an Andrew gewöhnt zu haben schien und sich deutlich weniger über ihn aufregte. Oder dass man langsam merkte, dass der Frühling anbrach. Oder dass sie in Russland dieses mal nicht alleine sein würden. Positiv denken und alles würde gut werden.
    • Andrew

      Nicht in irgendwelchen Kellern zu landen hörte sich zwar leicht an, aber an ihrer Situation war absolut garnichts leicht. Der Gedanke daran, wieder gefesselt und stundenlang irgendwo festgehalten zu werden, ohne zu wissen, was man mit ihnen vorhatte, lag Andrew inmernoch Magen. Ähnlich wie die Fish n‘ Chips. Fettiges Essen war im Nachhinein betrachtet vielleicht nicht die beste Idee gewesen, wenn Andrew so schon vor Nervosität schlecht werden konnte. Es war interessant. So war er nie gewesen. Nervosität war nicht wirklich in seiner Gefühlspalette vorhanden gewesen und schon garnicht würde er sich wegen einem Job psychisch so fertig machen, dass sein Körper auch darunter leidete. Wenn er immer so ein Wrack gewesen wäre, hätte er nie im Leben ein Held sein können.
      Ezra schien also nicht ausschließlich positive Auswirkungen auf ihn zu haben. Wobei es ja nicht gerade seine Schuld war, dass Andrew so abhängig war. Der Gedanke, dass Ezra etwas passierte, ließ eine schwache Übelkeit in Andrew aufsteigen, die er im Flugzeug nicht gebrauchen konnte. Sein Händchenhalten-Ritual mit Ezra war heute für sie beide gut.

      Es war eiskalt, als sie den Flughafen am anderen Ende der Welt nach einigen Stunden wieder verließen. Andrew war todmüde, weil er sich den ganzen Flug lang selbst gestresst hatte und jetzt, wo sie hier waren, wollte sein Körper wohl endgültig eine Pause von allen. Im Prinzip hatten sie heute noch nicht großartig etwas zu tun, außer sich versteckt zu halten, um die Mission nicht zu gefährden, bevor sie richtig begonnen hatte. Aber Andrew bezweifelte irgendwie, dass er im Land der Traumata noch ein Auge zu bekommen würde.
      Er checkte diesmal ganz genau, ob sie auch wirklich in ein Taxi stiegen. Er sprach eine Weile, höchst offensichtlich misstrauisch, mit dem Fahrer, bevor er sicher sein konnte, dass der einfach nur irritiert war und nicht wusste, was Andrew von ihm wollte. Dann stieg er mit Ezra ein.
      „Willst du irgendwo was zu essen mitnehmen? Wir sollten bis morgen wahrscheinlich einfach im Hotel bleiben“, meinte er leise, auch wenn sein eigener Magen sich anfühlte, als hätte er eine Achterbahnfahrt hinter sich, statt einem Flug. Andrew griff wieder nach Ezras Hand. Eins wusste er schon — er würde Ezra nicht außer Sichtweite lassen, solange sie hier waren.
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    • Ezra

      Das einzig schöne an der Situation war, dass Ezra dermaßen nervös wegen der Mission war, dass ihn das Fliegen irgendwie kaum störte. Zwar klammerte er sich immer noch bei jeder kleinen Turbulenz an Andrews Hand, allerdings hatte sich die Angst vorm Abstürzen fast in einen Wunsch gewandelt. Wenigstens müssten sie sich nicht Nadia stellen, wenn sie irgendwo tot mitten im Meer treiben würden. Aber der Flug ging ziemlich unproblematisch an ihnen vorbei und ehe sie sich versahen, standen sie schon im kalten Moskau.
      Ezra zog seinen Schal etwas höher und schob seine Hände in seine Jackentaschen, während Andrew den Taxifahrer - diesmal ein echter - Interviewte, bis sie wahrscheinlich kurz davor waren, einfach direkt in eine geschlossene Anstalt gefahren zu werden. Er selbst kramte in seiner Jackentasche nach seinem Handy und tippte kurzerhand die Adresse des Hotels ein, um parallel sicher gehen zu können, dass sie beim Fahren nicht vom Weg ab kamen. Wenigstens hatten sie diesmal ein tatsächliches, relativ teures Hotel mit guter Überwachung und Verstärkung in Reichweite. Er hatte Steve beim Buchen selbst über die Schulter geschaut, in der Hoffnung, dass ihm das etwas Nervosität nehmen würde. Es hatte nicht wirklich viel geholfen. Dafür hatte er jetzt ein wenig Mitleid mit Steve, der den kompletten Buchungsvorgang über leicht genervt gewirkt hatte. Was vielleicht auch ein wenig an Ezra selbst gelegen hatte, wenn er ganz ehrlich war.
      "Ich glaube, ich schaffe es nicht, noch was zu essen. Eigentlich möchte ich nur flach auf dem Bett legen und damit klarkommen, dass ich den Flug überlebt habe", scherzte Ezra, während er kurz Andrews Hand drückte. Es war irgendwie vollkommen irre daran zu denken, wie verbissen und planlos sie gewesen waren, als sie zum ersten mal nach Moskau gekommen waren. Ezra hätte damals wahrscheinlich nie vermutet, dass ihn eine Mission so nervös machen könnte. Wenigstens schien es ihnen beiden so zu gehen.
      "Wie denkst du sind unsere Kollegen so drauf?", fragte er, einfach, um die Stimmung ein wenig zu heben. Sie selbst sollten im Grunde nur die 'Lockvögel' für Nadia spielen. Unterstützt wurden sie von ein paar russischen Kollegen. Sobald Nadia gefasst war, mussten sie nur noch zusammenarbeiten, um irgendwie an Jelena zu kommen und dann wäre dieser Albtraum vorbei. Viel mehr hatten sie an Informationen allerdings nicht wirklich erhalten.
      "Denkst du, sie sind so richtig stereotyp drauf und wir müssen uns morgen Abend zur Feier des Tages betrinken?", Ezra mied den Blick aus dem Fenster. Nach dem Flugzeug in ein Auto auf einer Straße mit Rechtsverkehr zu steigen war die Hölle für seinen Kopf. "Wenn ja, müssen wir unseren Aufenthalt noch was verlängern. Ich bin zu irisch, um nicht mitzutrinken und habe keine Lust, mit einem Hangover zu fliegen. Obwohl...könnte vielleicht helfen."
    • Andrew

      „Okay, ich hab auch keinen Hunger“, stimmte Andrew Ezra zu und schloss das Gespräch über Essen damit zum Glück. Gerade vermisste er ein wenig die kompakten, nährstoffreichen, wenn auch etwas faden Müsliriegel, die jahrelang auf seinem Ernährungsplan gestanden hatten. Damit folterte man seinen Magen zumindest nicht und sie gaben einem genug Energie, um nicht mitten in einer Mission umzukippen. Wenn sie zurück zuhause waren sollte Andrew vielleicht mal das Lieferservice-Privileg ablegen und auf Porridge, Riegel und Reis zurückgreifen, um für zukünftige nervenaufreibende Situationen besser vorbereitet zu sein.
      Andrew ging dankbar auf den Themenwechsel an. „Hoffentlich können sie Englisch, weil mein Russisch nicht wirklich besser geworden ist“, sagte er und ihm kam das Lächeln auf halbem Weg abhanden, weil er sich erinnerte, dass er eigentlich nie wieder irgendetwas mit diesem Land zu tun haben wollte. Sogar Polnisch würde er deutlich lieber lernen.
      „Und, ganz ehrlich, ich werde zu ein paar Drinks auch nicht Nein sagen. Vielleicht hilft das, gleich die gesamte Erinnerung an diesen Ausflug zu löschen. Und wenn uns beiden kotzübel ist, dann haben wir im Flugzeug auch andere Sorgen, also… Win Win“
      In jedem Fall wollte Andrew keinen Tag länger hier bleiben, als er musste, egal ob er Ezra am Ende zum Flughafen tragen musste. Er hatte sich schon bei der Zuteilung der Mission überlegt, wie er es schaffen konnte, dass Ezra wenigstens nicht mitkam, aber MLO brauchte eher ihn als Lockvogel, als Andrew, wenn sie ehrlich waren. Das wär allerdings eine kurzzeitige Trennung gewesen, mit der er ausnahmsweise leben könnte, weil er ganz genau wusste, wo Nadia war. Nicht bei Ezra, sondern bei ihm.
      Er hatte die Bitte an Ezra, zurückzubleiben, jedenfalls nie ausgesprochen, weil es völlig sinnlos wäre. Er würde nicht freiwillig zuhause bleiben. Und eigentlich war Andrew froh, Ezra bei sich zu haben, weil er nunmal auch Fähigkeiten hatte, die seine eigenen ergänzten. Auch wenn Ezra dann seine beinahe-Selbstmorde dazwischen kamen und irgendwie hatte Andrew immer Angst, dass er es eines Tages wirklich schaffte, sich das Genick zu brechen oder von einem Zug erwischt zu werden. Das konnte ihm in London aber genauso passieren und hier konnte Andrew ihn wenigstens auffangen, bevor er die Treppen herunterfiel.

      Als sie im Hotel ankamen, erwartete sie etwas deutlich netteres, als was Andrew sonst so für sie gebucht hatte. Kein Wunder. Dennoch schien das Hotel nicht völlig zentral und eher klein zu sein, um es nicht zu auffällig zu machen, wo sie unterkamen. Eigentlich konnten sie ja bloß beten, dass MLO alles diskret genug gehandhabt hatte, damit Jelena und Nadia nicht wussten, dass sie hier waren. Noch nicht, jedenfalls. Aber wie sie wussten, war es gut möglich, dass die Verrückte nachts auf einmal in ihrem Zimmer stand.
      Was Andrew zu einer Frage führte. „Die haben uns doch nicht zwei Zimmer gebucht, oder? Das wäre Geldverschwendung“, murmelte er, als sie beim Check-In auf Personal warteten. „Ich würde keine Sekunde schlafen können. Wahrscheinlich muss ich uns in der Nacht auch noch aneinander ketten, kleine Vorwarnung. Falls es jemand witzig findet, dich zu entführen, oder so“
      Es hatte keinen Sinn mehr, nicht durchscheinen zu lassen, dass Andrews einzige Panik hier war, dass Ezra etwas passierte. Das war immer seine größte Angst. Die letzten beiden Male, in denen er kurz gedacht hatte, dass er Ezra verloren hätte, war sein Herz stehen geblieben. Zum jetzigen Zeitpunkt waren sie außerdem sicher beide gestresst genug, dass es keinen Unterschied machte, ob Andrew seine schlechten Schauspielkünste auspackte oder nicht.
      „Gott, ich hasse es, dass du hier sein musst, als wäre dein Lebenssinn plötzlich nur noch, Nadia anzulocken“, flüsterte er erdrückt und versuchte, seine Wut darüber herunterzuschlucken. MLO machte nur seinen Job, indem sie sinnvolle Entscheidungen trafen, aber was war mit Ezra? Und was war mit Andrew? Ihr Schicksal hing schließlich irgendwie zusammen und er konnte sich deutlich bessere Dinge vorstellen, die sie mit ihrer Zeit anfangen könnten. Seit ein paar Tagen hinterfragte Andrew erstmals, ob es vielleicht ein Fehler gewesen war, diese Jobs anzunehmen.
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    • Ezra

      "Es ist Russland, Darling. Natürlich musste Steve zwei Zimmer buchen. Hab ich zumindest so gehört." Ezra lächelte knapp, zog seinen Koffer hinter sich her und fragte sich, warum er nicht - wie sonst immer - einfach auf eine Reisetasche umgestiegen war. Die wäre viel einfach zu transportieren gewesen und hätte keine viel zu lauten Räder. Tja, der Gedanke kam eindeutig zu spät. "Wir waren der Ansicht, dass es am Ende eh niemanden auffallen wird, in welchem Zimmer wir schlafen. Und mit 'wir' meine ich Steve, weil ich natürlich absolut nichts mit dem Buchungsprozess zu tun hatte und Steve komplett in Ruhe gelassen habe. Wenn ich es mir recht überlege, hab ich ihn die ganze letzte Woche gar nicht gesehen. Arbeitet er überhaupt noch bei uns?" Er verbrachte viel zu viel Zeit damit, mit seinen Kollegen zu reden, aber hey, wenn Steve erst mal aufgetaut war, wusste er wirklich mehr über den Firmen Klatsch und Tratsch, als man ihm zumuten würde.
      "Ich bin wirklich lieber hier, als alleine zuhause zu sitzen und darauf zu warten, dass du wieder heim kommst. Wir haben alles im Griff. Morgen abend ist schon alles vorbei und wir können die nächsten Jahre entspannen. Oh, hallo!" Ezra blieb an der kleinen Rezeption stehen und wechselte seine Konversation übergangslos von Andrew zu der jungen Frau hinter dem Tresen, die ihnen ein freundlich-neutrales Lächeln zuwarf.
      "Guten Tag", grüßte sie mit einem deutlichen russischen Akzent, ansonsten allerdings anstandslosem Englisch. Ezra hielt die Konversation trotzdem kurz. Er wollte nur noch auf ihr Zimmer - welches auch immer sie nehmen würden - und sich zumindest ein kleines bisschen sicherer fühlen als hier, vollkommen offen sichtbar. Eine kurze Erklärung zu den Frühstückszeiten und zwei Zimmerschlüssel später, deutete die junge Frau zu den Aufzügen schräg hinter der Rezeption.
      "Sollen wir uns beide Zimmer anschauen und dann entscheiden, welches schöner ist, oder lassen wir das Schicksal entscheiden?", fragte Ezra, während sich die Aufzugtüren hinter ihnen schließen. Sie waren auf der selben Etage, allerdings an zwei verschiedenen Enden des Flurs. Irgendwie beruhigte Ezra die Zimmersituation ein wenig. Sollte Nadia nochmal versuchen, sie im Schlaf zu ermorden, hatten sie zumindest eine 50/50 Chance, dass sie das falsche Zimmer erwischte und sie vielleicht irgendwie vorgewarnt wurden. "War das mit dem Aneinanderketten eigentlich ein ernstgemeintes Angebot?", fragte Ezra, während er Andrew das unschuldigste Lächeln zuwarf, das er aktuell zustande bekam und etwas näher an ihn heran trat, um ihm direkt ins Ohr flüstern zu können. "Ich hatte mir eigentlich immer vorgestellt, dass nur einer von uns angekettet ist, aber...ich nehme, was ich kriegen kann." Er seufzte kurz dramatisch, während der Aufzug zum stehen kam und sich die Türen öffneten. "Na komm", verkündete Ezra fröhlich, während er von Andrew zurück, hinaus in den Flur trat. "Also, welches Zimmer zuerst?"
    • Andrew

      Achja. Andrew schien manchmal zu vergessen, dass Nadia für ihre Feldzüge sogar einen Grund hatte, der garnicht so verrückt war. Andrew verkniff sich, der Massenmörderin ein kleines Lob auszusprechen und folgte Ezra zu den Aufzügen. Es wäre schön, wenn Jelena und Nadia ihre Energie auf sinnvollere Art nutzen könnten, dann würden sie sogar auf derselben Seite stehen. Aber dann widerrum musste Andrew wohl die Menschen verfluchen, die überhaupt diesen gigantischen Hass in diesen Frauen gezüchtet hatten. Wenn sie nicht so viele Zivilisten mitreinziehen würden, könnte Andrew ja einfach wegsehen und sie machen lassen. Aber Harald Godwin hatte da vermutlich trotzdem noch etwas zu sagen.
      „Nehmen wir das, das weiter hinten im Flur ist“, meinte Andrew, der damit beabsichtigte, ihnen ungefähr zehn Sekunden mehr Lebenszeit zu verschaffen, falls Nadia sie hier fand, weil sie in etwa so lange brauchen würde, um vom Aufzug zu ihrem Zimmer zu gelangen. Wenn man anfing, solche Dinge zu bedenken, dann waren die Aussichten wirklich grottig.
      Andrew stockte, als Ezra ihm ins Ohr flüsterte und anschließend mit unschuldigem Blick aus dem Aufzug spazierte, als hätte er nicht gerade gesagt, was er gesagt hatte. „Du hast sie nicht mehr alle“, stellte Andrew fest, spürte aber ein kleines Schmunzeln aufkommen. In jedem anderen Szenario hätte er kurz gelacht und dann überlegt, wie sich Ezras Fantasien spontan umsetzen ließen, aber gerade war es eigentlich nur bewundernswert, dass Ezra noch solche Sprüche reißen konnte.
      „Heben wir uns das für zuhause auf“, setzte er etwas ernster nach und folgte Ezra zu einem der Zimmer, weil er gedanklich schon bei dem Paar Handschellen war, dass er nach seiner Kündigung mitgehen hatte lassen. Auch wenn ihn das nur für etwa eine Minute ablenkte, war das schon Beweis genug, weshalb er Ezra brauchte. Wenn ihn jemand kurzzeitig von ihrem baldigen Tod ablenken konnte, dann er.
      „Oh, wie sehr vertrauen wir dem Support eigentlich? Probieren wir‘s wieder mit abwechselndem Schlafen oder bringt das genauso viel, wie sich einfach freiwillig im Schlaf erstechen zu lassen?“, fragte Andrew und schloss die Zimmertüre hinter sich wieder. Er sperrte sofort ab.
      „Ich weiß sowieso nicht, ob ich schlafen kann, ehrlich gesagt“ Er drehte sich wieder zu Ezra herum. „Wenn ich neben deiner Leiche aufwache, wird das unser Romeo und Julia Moment“ Was ein grausamer Gedanke war, der auch von Andrews Witz nicht aufgelocktert wurde, weil… es nunmal kein Witz war. Man müsste sie schon beide im Sarg abtransportieren.
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    • Ezra

      Ezra beantwortete den kleinen Vorwurf mit einem Lachen, während er das hintere Zimmer ansteuerte. Es war irgendwie seltsam - je nervöser Andrew wurde, desto ruhiger wurde Ezra. Es war keine schöne Situation, aber sie würden schon irgendwie durchkommen. Bis jetzt war immer alles gut gegangen, warum sollte es dieses mal anders sein?
      Er stellte seinen Koffer neben dem Bett ab und drehte sich zu Andrew, während dieser die Tür abschloss. Als ob sie da irgendwie retten würde. Aber das zu erwähnen wäre wahrscheinlich keine gute Idee. Stattdessen seufzte er kurz, ging auf Andrew zu, legte seine Hände an seine Wangen und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen.
      “Hey. Du machst dir viel zu viele Sorgen.” Er ließ ihn los und legte seine Arme stattdessen um Andrews Hals. “Wir sind nicht alleine hier, alles ist perfekt durchgeplant und Nadia scheint gerade sowieso größere Probleme zu haben, als uns.” Diesmal hatten sie nichts, was die beiden interessieren würde. Keine großen Steine, keine ähnlichen Pläne. Ezra hatte seinen Wind-Ring am Finger und Calebs Schutzschild-Stein um den Hals. Alles würde vollkommen glatt laufen. Wahrscheinlich hatte Nadia sie sowieso schon wieder vergessen.
      “Und wenn du neben meiner Leiche aufwachen solltest, möchte ich, dass du dir die Augen ausheulst und dann mit deinem Leben weitermachst. Auch wenn wir dann wahrscheinlich schon in unseren 90ern sein werden und dein Leben nur noch aus fernsehen und schlafen besteht.” Ezra war sich absolut sicher, dass es genau so und nicht anders kommen würde. Es konnte gar nichts mehr schief gehen. Sie kannten ihren Feind. Sie waren nicht alleine. Sie waren gut auf Nadia vorbereitet. Je länger er sich das selbst einredete, desto plausibler klang es irgendwie.
      “Also, ich wäre dafür, dass wir uns beide hinlegen, damit wir morgen nicht vollkommen übermüdet sind. Erstens sind wir dann morgen fit und machen keine Flüchtigkeitsfehler und zweitens können wir dann morgen abend länger feiern. Dass wir Nadia geschnappt haben, meine ich. Nichts anderes.” Auch wenn es ganz nett wäre, Andrews Geburtstag so vielleicht ein kleines bisschen zu zelebrieren. Ezra stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte Andrew einen Kuss auf die Schläfe, um ihn ein wenig zu beruhigen. “Es wird schon alles gut gehen”, versicherte er erneut, bevor er sich umdrehte und über seinen eigenen Koffer stolperte.
    • Andrew

      Wenn er sich zu viele Sorgen machte, dann machte Ezra sich definitiv zu wenige. Wie konnte er so entspannt sein? Eigentlich hatte Andrew es sich zur Aufgabe gemacht, ruhig zu bleiben und Ezras Fels in der Brandung zu sein, aber darin versagte er offensichtlich auf ganzer Linie. Er hatte von Anfang an nichts als Panik verspürt.
      "Ich weiß", antwortete er leise. Seine Sorgen waren vermutlich wirklich etwas irrational. Ezra hatte mit alldem recht, und trotzdem trieb es Andrew in den Wahnsinn, dass überhaupt die kleinste Chance bestand, dass etwas schief laufen würde. Er hatte mit Gefahrensituationen nie ein Problem gehabt, und jetzt war es sein größter Alptraum. Und er ließ Ezra auch noch spüren, dass er sich Sorgen machte, als wäre alles nicht schon schlimm genug, selbst wenn sie beide super optimistisch wären. Dabei hatte Andrew damit rechnen können, dass sie dank MLO früher oder später wieder mit Nadia zu tun hatten, indirekt oder direkt. Im Prinzip waren sie nichtmal hier, um mit ihr zu kämpfen und sie zu überwältigen, sondern um sie nur so lange abzulenken, dass ihre Unterstützung sich auf sie stürzen und den Überraschungseffekt nutzen konnte.
      So nervenaufreibend das alles auch war, Ezra zwang Andrew schon wieder ein leichtes Grinsen ins Gesicht. "Optimistisch, dass du denkst, wir schaffen es beide älter als 70 zu werden bei unserem Lifestyle. Wenn wir wieder zuhause sind, werde ich endlich anfangen, kochen zu lernen" Und Ezra mit in den Park zwingen und ihn in seine Lauf-Routine einbauen, aber er musste sich noch überlegen, wie er ihm das verkaufen konnte, weil 'Ich will, dass dein Blutdruck in zwanzig Jahren nicht völlig im Arsch ist' war vielleicht für Andrew ein gutes Argument, aber manche Menschen lebten mehr im Jetzt.
      Er drückte Ezra kurz an sich und überging, dass er indirekt seinen Geburtstag erwähnt hatte, weil er bisher unglaublich gut darin gewesen war, das Thema zu ignorieren, und Andrew wusste, wie schwer ihm das fallen musste. Das war vielleicht auch das einzig positive an dieser Mission. Keiner von ihnen hatte wohl die mentale Kapazität überhaupt an seinen Geburtstag zu denken.
      Andrew war ein wenig entspannter, nachdem Ezra ihn zurück in die Realität geholt hatte. Sie waren nicht alleine hier und hatten im Gegensatz zum letzten Mal sogar einen Plan. Alles würde gut werden und die nächste Mission würde dann sein, sie tatsächlich beide körperlich und mental fit genug zu halten, um 90 Jahre alt zu werden.
      Die Entspannung schwand nur kurz, als Ezra sich herumdrehte, über seinen eigenen Reisekoffer fiel und Andrew einen halben Herzinfarkt verschaffte, während er ihn am Oberarm packte und ihn davor bewahrte, seinen Kopf in zwei Hälften aufzubrechen. Andrew taumelte etwas nach vorne, als Ezra auf die Knie ging, und half ihm dann wieder hoch. "Du machst mich fertig. Ich hab langsam weniger Angst vor Nadia, als vor deiner grauenvollen räumlichen Wahrnehmung", stieß er aus, bevor er beide Koffer mit den Beinen an den Rand des Zimmers schob.
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    • Ezra

      "Ich kann nichts dafür. Ich bin mir sicher, dass der Koffer eben noch weiter links stand." Ezra ließ sich von Andrew wieder auf die Beine ziehen. Vor den ganzen Missionen und Erzfeinden hatte er tatsächlich irgendwie immer damit gerechnet, versehentlich zu sterben, weil er die Treppen runter stürzte, oder so. Er wusste selbst nicht, woher das kam. Irgendwie hatte er immer zu viel im Kopf, um sich auf das zu konzentrieren, was um ihn herum geschah. Vielleicht hatte er deshalb angefangen, immer so akribisch aufzuräumen. Man konnte nicht stolpern, wenn nichts auf dem Boden stand.
      "Ich möchte dich nur daran erinnern, dass du dich willentlich und im vollen Wissen meines Unglücks für diese Beziehung entschieden hast. Bevor du mir das irgendwann innerhalb der nächsten 70 Jahre vorhalten möchtest. Du hast keine Ausrede." Er zwinkerte Andrew kurz zu und setzte sich aufs Bett, teils, um nicht direkt über was anderes zu stolpern, teils, weil sein Herz nach dem kurzen Schreck immer noch wie wild gegen seine Brust schlug und ein wenig Ruhe vielleicht gar nicht so verkehrt war.
      "Also? Was ist der Plan für den restlichen Abend?", fragte er betont entspannt, um darüber hinweg zu täuschen, dass er morgen wahrscheinlich ein blaues Schienbein haben würde. Vielleicht hatte Andrew doch irgendwie Recht damit, dass sie Glück hatten, wenn sie die 70er erreichen würden. "Hast du irgendeinen Film, den du noch schauen wolltest, oder warten wir ab, ob wir doch wieder was essen können und bestellen den Zimmerservice? Beides? Vielleicht können wir ja schon mal eine Kochsendung einschalten und mit deinem Plan für ein gesünderes Leben anfangen." Er biss sich auf die Zunge, um nicht nochmal die Sache mit dem Anketten zu erwähnen und Andrew damit absolut sicher einen Herzinfarkt zu verpassen. Wenn er ehrlich war, könnte er sich aktuell auch einfach hinlegen und an die Decke starren, bis er irgendwann einschlafen würde. Falls das überhaupt funktionierte und er sich nicht doch selbst wieder verrückt machen würde, sobald Andrew nichts mehr sagte.
    • Andrew

      „Ich weiß. Ich überlege jeden Tag, ob es nicht sinnvoll wäre, dir zuhause eine Gummizelle anzufertigen, in der du dich nicht unabsichtlich selbst umbringen kannst“, erklärte Andrew ernst, bevor er sich neben Ezra aufs Bett setzte. „Dich am Leben zu halten ist einfach zu viel für einen Ein-Mann-Job“ Er seufzte. Dann legte er Ezra eine Hand unter sein Knie und drückte sanft darauf. „Auf der anderen Seite können wir wahrscheinlich nachhause, wenn du dir beide Beine brichst“, murmelte er und schmunzelte. Er wollte aber generell nicht, dass Ezra ständig irgendwelche Schmerzen hatte, auch wenn es nur eines von zahlreichen Hämatomen war, das der Sammlung hinzugefügt wurde. Es gab einen Grund, weshalb Andrew einen kleinen Verbandskasten im Koffer verstaut hatte.
      Er nahm seine Hand wieder zurück und stützte sich hinten auf der Matratze ab. Er seufzte wieder, alleine heute vermutlich zum siebzigsten Mal, weil die Spannung in seinem Körper nicht wirklich nachlassen wollte.
      „Du kannst dir gerne was bestellen, ich warte wahrscheinlich einfach aufs Frühstück“, sagte er. Was auch immer er jetzt aß, würde ihm sicher wieder nur im Magen liegen und Hunger hatte er wirklich nicht. „Aber eine Kochsendung klingt nicht schlecht, irgendwo muss man ja mal anfangen“ Er zuckte mit den Schultern und griff tatsächlich nach der Fernbedienung für den kleinen Fernseher. Dann stand er aber wieder auf.
      „Okay, ich geh zuerst duschen“, teilte er Ezra mit einem kleinen Lächeln mit und nahm aus seinem Koffer ein paar Kleidungsstücke und das Täschchen, in dem er, gut vorbereitet, in kleinen Flaschen Pflegeprodukte abgefüllt hatte, wie immer. Dann machte er den Schritt ins Badezimmer, starrte kurz, überlegte, und kam wieder heraus.
      „Also… es gibt eine Badewanne“, fing er an. „Mach daraus jetzt nicht irgendeine Fantasie, aber hättest du Lust, dich mit mir zusammen da reinzuzwängen?“ Er lächelte. „Ich meine-“ Er warf einen Blick über die Schulter. „Sie sieht ziemlich groß aus“
      Sie hatten einige Male zusammen geduscht und Andrew hatte immer wieder festgestellt, dass er zwar ein Fan von dem Körperkontakt war, es aber nichts unromantischeres gab, als immer abwechselnd zu frieren. Und naja, die Chance musste er zumindest ansprechen. Auch wenn es vielleicht eine ungünstige Allgemeinsituation war, um jetzt einen super romantischen Abend miteinander zu verbringen, aber Andrew brauchte auch nicht wirklich eine perfekte Stimmung, um seine Zeit mit Ezra auszukosten. Dass sie sonst keine Badewanne hatten, war eigentlich ein ausreichendes Argument, oder?
      „Die haben sicher etwas für ein Schaumbad da drin stehen“, fügte er hinzu, darauf bedacht, möglichst gleichgültig zu klingen.
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    • Ezra

      Die Hand auf seinem Knie war süß, bis Andrew anmerkte, dass sie aus seiner tollpatschigen Art ein paar Krankheitstage rausschlagen könnten und Ezra sich für den Bruchteil einer Sekunde nicht ganz sicher war, wie gerne Andrew diese Mission los sein würde. Immerhin war sein Freund an ein paar der Narben auf seinem Körper nicht ganz unbeteiligt. Also…wenn man gelten ließ, dass Ezra nur irgendwo runter gefallen war, weil Andrew ihn verfolgt hatte, was seiner Meinung nach auf jeden Fall zählte. Er war unsagbar froh, dass diese Zeit vorbei war. Sie hatte ihre Vorzüge gehabt, aber ihre aktuelle Beziehung war eindeutig schöner. Wenigstens konnte er Andrew jetzt jederzeit küssen und musste nicht mehr auf Mittwochs warten, um ihn einseitig anzuflirten und darauf zu hoffen, dass es irgendwann bei ihm klickte. Gott, er musste Andrew wirklich heiraten. Nochmal würde er so eine Pre-Dating Phase nicht durchstehen. Vor allem, wenn ihre Beziehung mit so vielen Vorteilen einher kam.
      Ezra grinste leicht, als Andrew die Badewanne erwähnte. Mhm. Aber eben noch über die Ketten aufregen. Doppelstandard. “Aww, ich dachte immer, dass meine blühende Fantasie einer meiner Vorteile wäre”, schmollte er gekünzelt, während er sich aufrappelte, um frische Kleidung und Duschzeug aus seinem Koffer zu kramen, bevor Andrew es sich doch noch anders überlegte. Abgesehen davon, dass es zu Ezras liebsten Hobbys gehörte, seinen Freund auszuziehen, war es nach der Kälte draußen keine schlechte Idee, erst mal in einem heißen Bad zu liegen. Vielleicht würde das auch die Nerven ein bisschen beruhigen.
      “Sind Einsätze bei euch im Dezernat auch immer so abgelaufen?”, fragte er amüsiert, während er sich an Andrew vorbei in ein überraschend großes Badezimmer schob, um schon mal die Badewanne volllaufen zu lassen. Das würde wohl noch eine Weile dauern. “Bevor man sich in die Gefahr stürzt, kuschelt man nochmal mit seinem Partner?” Er hielt kurz eine Hand unter den Wasserstrahl, um die Temperatur zu prüfen, bevor er wieder zu Andrew sah. “Last Minute Liebesbekundungen und so? Ich stelle mir das irgendwie süß vor. Je nach Partner, zumindest. Es gibt da eindeutige Ausnahmen.”
    • Andrew

      „Ich hatte selten Einsätze im Ausland“, erwiderte Andrew. Nie, um genau zu sein. „Und wenn, dann hätte ich mich eher umgebracht, als mit irgendeinem meiner Kollegen ein Zimmer zu teilen. Eiegntlich wäre es schon schlimm genug gewesen, im selben Haus zu schlafen“ Er verzog das Gesicht. Er hatte seine Kollegen immer schön auf Abstand gehalten, abgesehen von Thomas, den er Tag und Nacht telefonisch versklavt hatte. Aber Thomas‘ Job war nunmal einer, der nicht wirklich eine Zeitbeschränkung kennen durfte. Und, ja, Andrew hatte mehr als nur einmal im Dezernat übernachtet, aber da war ja auch nur er gewesen, und sonst niemand.
      „Falls du auf Richard anspielst, lass es gleich wieder sein, sonst kannst du alleine Baden. Ich brauch diesen Namen nichtmal im Unterbewusstsein“, meinte Andrew leicht angewidert, während er das Regal über dem Spiegel nach irgendetwas durchsuchte, das sich für ein Schaumbad nutzen ließ, und er hatte Erfolg. Er leerte einen Teil der kleinen Flasche in die viertelvolle Wanne.
      „Außerdem willst du nicht wirklich, dass ich diese Situation mit irgendeinem meiner Ex-kollegen erlebt habe, oder? Ich kann dir versprechen, dass wir absolut einzigartige Dinge zusammen erleben. Ich hab mich auch noch nie mit jemandem außer dir aneinandergekettet in einem Keller wiedergefunden“ Er lächelte und ließ sein dünnes Sweat-Sakko — den Namen hatte er sich nicht ausgedacht — über seine Schultern und auf den Boden gleiten. Er machte Fortschritte, was bequeme Kleidung anging. Ein T-Shirt und ein Alltags-Sakko waren zugegebenermaßen angenehmer zum Fliegen, als ein fünfteiliger Anzug. Dann stoppte er seinen Monolog und ging einen Schritt auf Ezra zu, um ihn an der Hüfte etwas zu sich zu ziehen. „Du bist der einzige, der mich so unerträglich anhänglich gemacht hat“, murmelte er. Er küsste Ezra. Und bevor er sich versah, zog er ihn zu sich in eine Umarmung, die Andrew wahrscheinlich selbst am meisten gebraucht hatte.
      „Ich hoffe du weißt auch, dass du das ausbaden musst. Ich werde über die Jahre hinweg wahrscheinlich nur schlimmer“, murmelte er ihm über die Schulter zu, wie ein trotziges Kind. Oder eben wie der trotzige, anhängliche Erwachsene, zu dem er mutiert war.
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    • Ezra

      Der kleine erneute Seitenhieb auf ihr gemeinsames Kidnapping entlockte Ezra ein kleines, ungewolltes Lachen. "Du weißt immer genau, was ich hören will", antwortete er mit einem Grinsen, auch, wenn es strenggenommen nicht ganz stimmte - er wäre nicht sonderlich neidisch gewesen, wenn Andrew vor ihm andere Beziehungen gehabt hätte. Nachdem er zwei ältere Geschwister und Richards Manipulationsversuch überstanden hatte, hatte er sämtlichen Neid irgendwie verloren. Andrew war jetzt hier bei ihm und würde wohl auch bei ihm bleiben. Alles, was davor war, war vollkommen egal. Ehrlich gesagt war sich Ezra nicht mal sicher, ob er wirklich existiert hatte, bevor Andrew ihn umarmt hatte. Sein Leben vor Andrew kam ihm manchmal seltsam fake vor. Er hatte keine Ahnung, was er mit all der Zeit angestellt hatte, die er jetzt mit Konversationen mit Andrew füllte.
      "Das bade ich gerne aus. Ich habe sowieso nicht vor, dich irgendwann wieder gehen zu lassen." Er drückte sich an Andrew, als ob sein eigenes Leben davon abhängen würde. "Nicht, dass du noch von jemandem angeflirtet wirst, der keine private Gummizelle braucht und du realisierst, wie viel günstiger das wäre." Er musste selbst ein wenig lachen, während er Andrews Hals küsste und sich dann vorsichtig von ihm löste, um seinen eigenen Pullover auszuziehen und zur Seite zu werfen. Langsam wurde es wirklich zu warm hier drin. Das Badewasser füllte das Bad mit Dampf und einem leichten Geruch nach Kokosnuss? Er war sich nicht ganz sicher, aber es roch nicht schlecht. "Ich habe auch noch nie mit jemand anderem angekettet in einem Keller gesessen, falls dich das glücklich macht", erklärte er, während er seine Arme wieder um Andrew legte.
      "Ich hatte auch noch nie einen Freund, der sich so viele Sorgen um mich gemacht hat." Er lächelte leicht, während er Andrew einen verliebten Blick schenkte. Es war ein wenig anstrengend, ihn immer wieder davon überzeugen zu müssen, dass ein Stolpern ihn nicht umbringen würde, aber Ezra wusste, dass diese Sorge einfach nur Zuneigung war. Er selbst war nicht sonderlich entspannter, wenn es um Andrews Sicherheit ging.
      "Eigentlich müssten wir Nadia für den Keller dankbar sein. Ohne das Trauma würde diese ganze Beziehung wahrscheinlich immer noch nur in meinem Kopf existieren, während du es irgendwie schaffst, sämtliche meiner Flirts zu ignorieren. Das war wirklich frustrierend." Er ließ seine Hände von Andrews Schultern über seine Brust bis hinab zum Saum seines Shirts wandern, spielte kurz mit dem Stoff und zog es Andrew schließlich über den Kopf, um es zu dem Rest des sich langsam formenden Klamottenhaufens zu werfen. "Dann wärest du jetzt alleine hier und würdest...arbeiten, oder wie auch immer du deine Abende verbracht hast."
    • Andrew

      "Vor ein paar Monaten hätte ich mich vielleicht noch nach einer kostengünstigeren, weniger lebensgefährdeten Version von dir umgeschaut, aber zum Glück gibt es MLO und mein Kontostand schreit nicht mehr nach einer leeren Scheibe Brot zum Abendessen", lächelte er. Sein größtes Hobby war es derzeit, sein altes Leben in Armut zu belächeln. Gut, er hatte nur so wenig Geld gehabt, weil er sich seine kleine Wohnung in Fußnähe zum Büro eingebildet hatte, aber in vielen Aspekten war er jetzt deutlich reicher.
      "Und das macht mich tatsächlich glücklich. Vielleicht gibt es noch Hoffnung für uns und das war echt eine einmalige Sache, die kein Mensch ein zweites Mal erleben würde" Ihr ganzes schlechtes Karma hatten sie damit hoffentlich schon wieder hinter sich gelassen. Dann konnte es ja nurnoch bergauf gehen.
      Andrew ließ sich sein Shirt über den Kopf ziehen und befreite sich anschließend auch von seiner Hose, dann setzte er sich an den Rand der Badewanne. "Ich hab deine Flirts übrigens nur ignoriert, weil ich nicht dachte, dass du sie ernst meinst. Zu meiner Verteidigung, du hast immer wieder einige echt fragwürdige Sachen von dir gegeben. Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich die Hälfte ernst nehme und die andere Hälfte nicht", lachte er und zog sich die Socken aus. "Ich hab dir das so oft erklärt und du kannst es trotzdem nicht lassen, mich dafür zu mobben. Schließen wir das damit, dass wir beide Schuld sind, ja? Aber ich werde Nadia definitiv nicht dafür danken, uns zu entführen und zu fesseln. Außerdem hat sie deine Hand mit einem Messer malträtiert, dafür verdient sie deinen lebenslangen Hass. Und meinen auch. Deine Hände haben besseres zu tun, als in Verbände gewickelt und unbenutzbar zu sein"
      Er beendete seine Tirade, indem er seine Shorts durch den Raum warf und sich in die Badewanne setzte. "Und jetzt beeil dich, bevor ich ungeduldig werde, meinen Laptop hole und arbeite", sagte er abschließend und verkniff sich ein Schmunzeln.
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